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-Project Gutenberg's Der Einzige auf der weiten Welt, by Karl Bienenstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Der Einzige auf der weiten Welt
- Ein Menschenleben
-
-Author: Karl Bienenstein
-
-Release Date: November 4, 2020 [EBook #63630]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
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- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
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- Antiqua: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Karl Bienenstein
-
- Der Einzige auf der weiten Welt
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Der Einzige auf
- der weiten Welt
-
- Ein Menschenleben
-
- von
-
- Karl Bienenstein
-
- Dritte bis fünfte Auflage
-
- [Illustration]
-
- Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart
-
- 1922
-
-
-
-
- Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
-
-
-
-
-Emil Sulzbach,
-
-dem feinsinnigen Komponisten, dem tiefen Menschen und edlen Freunde
-
- zugeeignet.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Kapitel I. 7
- „ II. 23
- „ III. 36
- „ IV. 54
- „ V. 71
- „ VI. 86
- „ VII. 109
- „ VIII. 126
- „ IX. 157
- „ X. 171
- „ XI. 192
- „ XII. 205
- „ XIII. 233
- „ XIV. 250
- „ XV. 272
- „ XVI. 285
-
-
-
-
-I.
-
-
-Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe
-hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends
-ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines
-Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder
-als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der
-weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach
-einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so
-großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort
-ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen
-mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den
-verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über
-dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung
-hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der
-weiten Welt!
-
-Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und
-selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose
-und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da
-draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und
-Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht,
-sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn
-sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und
-es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort
-drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über
-die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich
-nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß,
-daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien
-Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin
-liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem,
-was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude,
-die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber
-dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum
-weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!
-
-O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich,
-an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig.
-Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt,
-bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich
-habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem
-Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten
-und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder
-doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer
-und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der
-geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.
-
-Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im
-roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die
-Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne
-Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes
-Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter
-vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint
-ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch
-alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen
-ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.
-
- * * * * *
-
-Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine
-Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube
-trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten,
-verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer
-dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer
-einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem
-Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling,
-Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den
-das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da
-waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da
-war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche
-mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der
-ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen
-Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende
-Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und
-dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen
-Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und
-fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die
-sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag
-wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende
-Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende
-Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war
-es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte
-doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die
-Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen
-war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben
-seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt,
-daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.
-
-Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag
-mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war
-sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen;
-im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren
-geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es
-verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.
-
-Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein
-Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand
-in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und
-rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze
-flehend: „Franzl, mach die Augen auf! -- Ich bitt dich, Franzl, mach
-die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! -- hörst nit! --
-Franzl!“
-
-Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich, wie ich in meinem
-ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit
-den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von
-der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit
-gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine
-so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach
-nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg
-hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser
-hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes
-auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht
-stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam
-ich in der Mühle an.
-
-Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube
-ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der
-Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag
-verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und
-als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine
-vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen:
-„Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“
-
-Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen,
-ich schluchzte nur, aber ohne eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein
-Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie
-ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die
-Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte
-geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und
-im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.
-
-Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah!
-Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die
-Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür
-sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in
-ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins
--- zwei; eins -- zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das
-Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da
-und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles
-kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte
-und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von
-den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester
-und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein
-glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch
-eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flüstern, dann ein Raunen
-wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein
-Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein
-Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei
-meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir
-war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger
-Angst.
-
-Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die
-ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu
-viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das
-nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals
-als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen
-wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten
-mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du
-jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe
-quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit
-unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.
-
-Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind
-für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück
-schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben
-der Mühle, in die mich Marie führte.
-
-Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm
-um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und
-schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden
-Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit.
-Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul
-gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben
-Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt
-nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“
-
-Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater
-haben s’ erschossen.“
-
-Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben
-erwacht.
-
-Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich
-wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und
-stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal
-nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für
-ihn beten, Heinerle!“
-
-Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben
-sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen.
-Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes,
-erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und
-so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur
-Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es
-kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der
-Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die
-Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des
-Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn
-hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.
-
-Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß
-auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter
-standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das
-Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat,
-er wird’s auch wieder recht machen.“
-
-Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an
-sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein
-und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“
-
-Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem
-Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu
-schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.
-
-Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es
-und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie,
-„wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz machen; weißt, er schaut
-jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“
-
-Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen
-Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn,
-rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und
-Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon
-ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf
-die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden
-geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu,
-während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das
-wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu
-und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im
-Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden
-könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.
-
-Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich
-sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein
-violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich
-der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der
-Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde
-Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein und
-nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf.
-Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen
-Vater das Totenglöcklein.
-
-Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten
-Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze
-Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige
-Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden,
-Amen.“
-
-Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von
-tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst
-schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so,
-daß ich aufs neue zu weinen anhub.
-
-Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der
-Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich
-immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den
-Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den
-Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.
-
-„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater
-erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom
-Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“
-
-So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es
-nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich
-auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf
-mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und
-hielt uns auseinander.
-
-Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst,
-Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von
-dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich,
-das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“
-
-Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch
-wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber
-empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete
-über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die
-unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.
-
-Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte,
-denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah,
-sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das
-kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst
-jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit
-Ruhe lassen.“
-
-Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder
-allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.
-
-Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah
-ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich
-von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue
-die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach
-Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten
-Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der
-üblichen Totenwacht eingefunden hatten.
-
-Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im
-Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie
-das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und
-gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und
-sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes,
-Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges,
-das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und
-dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten,
-die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten,
-nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie
-die der Kirche, wo der liebe Gott in dem goldenen Tabernakel wohnt.
-Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern
-so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die
-Knie beugten.
-
-In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten
-Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen
-in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten
-Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.
-
-Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des
-Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von
-unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten
-Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien,
-kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der
-Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein
-Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.
-
-Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine
-Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese
-aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch
-nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter
-plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber
-sanft abwehrte.
-
-Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der
-Heinerle, gelt?“
-
-„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen
-kämpfend.
-
-„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß
-du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns
-kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die
-Hand!“
-
-„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“
-
-Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen
-Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand
-flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle
-waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter
-Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt
-wurde.
-
-„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist
-ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu,
-„aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen.
-Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns
-haben!“
-
-Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie
-neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken
-Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich
-Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und
-doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre
-Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die
-Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit
-ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein
-sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu
-können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den
-ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr
-selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß
-sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu
-ihnen führt.
-
-Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan.
-Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der
-Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es
-mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.
-
-Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut in Nähe und Ferne. In
-schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre
-Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren
-Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste
-Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein,
-weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und
-majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen
-wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in
-den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht
-und schön, göttlich schön.
-
-Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen
-wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend
-um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den
-Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die
-Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort
-zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche
-und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf
-mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine
-Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der
-der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.
-
-Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen
-Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im
-Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur
-Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie
-totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser
-Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich
-heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei
-Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich
-erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.
-
-Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem
-alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles
-fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht
-dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie
-sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.
-
-Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner
-Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des
-Vaters zu räumen hätte.
-
-Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich
-wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur
-Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich,
-hören Sie mich doch zu Ende. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß
-Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die
-Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die
-seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt.
-Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins
-Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen
-Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche
-brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles
-erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s
-angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“
-
-Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie
-war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension
-abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine
-Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem
-Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie
-uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.
-
-„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber
-ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr
-Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon
-bei der Leiche so gut zu mir!“
-
-„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß
-meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri,
-die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich
-zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab
-ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau
-Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“
-
-Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine
-Mutter gespannt aufhorchen.
-
-„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr
-Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn
-getroffen.“
-
-Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den
-Oberforstverwalter an.
-
-Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den
-Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden
-haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich
-ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer
-gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und
-ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus
-gekommen.“
-
-Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.
-
-„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er
-bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach
-Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu
-finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut
-kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er
-sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde
-gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer
-Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den
-Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam
-und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare
-Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar
-diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“
-
-Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer
-wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht
-begreifen. Von dieser Stunde -- sie hat mir’s oft gesagt -- ist in ihr
-etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise
-Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.
-
-Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der
-Oberforstverwalter draußen war, auf mich zustürzte, mich umschlang und
-mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die
-geringste Schuld! O Gott!“
-
-Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.
-
-Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur
-Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren
-so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald
-wohl fühlten.
-
-Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus;
-doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden
-beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen
-Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten
-Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.
-
-Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt
-nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl
-wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends
-fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu
-gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit
-dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem
-Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere
-Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in
-die Brust zurückdämmen. Nur die Hand reichten wir uns und so schritten
-wir dahin in stiller Seligkeit.
-
-Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so
-lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre
-Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich
-kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich
-ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen,
-ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war
-wie in einem Bann.
-
-Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus;
-wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen
-und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte
-nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen
-Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten
-treuen Hand fühlte!
-
-Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon
-so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte:
-„Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“
-
-„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul
-heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen
-und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich muß der Heri folgen,
-weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan.
-Aber“ -- jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein
--- „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh
-garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit
-ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als
-ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“
-
-Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf
-und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte
-mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel
-lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich
-jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“
-
-Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein
-Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar
-hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs
-deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen
-in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der
-Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser
-Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der
-herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns
-unter fröhlichem Lachen darin zu überbieten, die dem Geschmack der
-Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden.
-
-Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und
-im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des
-Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die
-Zügel in den Händen.
-
-Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber
-sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt
-auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß.
-
-„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“
-
-„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer
-weiß, will er?“
-
-Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und
-rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie
-mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz
-aufschwoll und mit gesenktem Haupt -- sie anzublicken wagte ich nicht,
-denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen -- sagte ich: „Ich geh
-mit dem Marieli!“
-
-Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die
-Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme
-und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.
-
-„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in
-dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein
-Machtwort sprechen.
-
-Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle
-doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule
-und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche
-lassen will.“
-
-„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke
-heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren
-schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes
-Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein
-Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein
-Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht
-fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich
-zum Wagen führen.
-
-Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der
-dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender.
-Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob --
-ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei,
-meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein
-unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel jubelndes Glück drinnen,
-daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.
-
-Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein
-Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann
-allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme
-um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem
-gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in
-der Stimme: „Heini!“
-
-Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da
-umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf
-den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz:
-„Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“
-
-Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte
-etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den
-abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und
-wundersam verschönend.
-
-Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst
-ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit
-den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und
-die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in
-schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich
-in krampfhaftes Schluchzen aus.
-
-„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein
-Bett.
-
-Aber ich konnte nicht antworten, ich wußte ja eigentlich selbst
-nicht, warum ich weinte. Mitleid mit Marieli war wohl dabei, aber die
-Hauptsache war doch etwas ganz anderes, etwas, für das mir der Name
-fehlte und das mich gerade deswegen, weil es so dunkel und unfaßbar in
-meinem Leben stand, ängstigte.
-
-Die Mutter aber stand neben mir und streichelte in einemfort mein Haar
-und fragte und fragte, und ich zerquälte mir den heißen Kopf nach einer
-Antwort.
-
-„Hast du vielleicht an den Vater gedacht?“ kam es ihr dann auf einmal
-in den Sinn.
-
-Das war ein Ausweg für mich und ich nickte. Da zog mich die Mutter fest
-an sich, ich spürte ihren zuckenden Mund auf meinem Scheitel und dann
-fielen auf meine Stirne schwere, heiße Tropfen nieder.
-
-Lange saß die Mutter auf meinem Bette und hielt mich weinend im Arme.
-Der Uhrenschlag ging durchs Zimmer, einsam und schwer, durch das offene
-Fenster glänzten die Sterne aus dem dunkelsamtblauen Himmel herein
-und die Nacht raunte draußen im Garten und in den Wäldern hinter dem
-Schloß einmal lauter, dann wieder leiser, und leise, ganz leise klang
-dazwischen das Klappern der Mühle und das Plaudern des Baches.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene
-mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien
-mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es
-allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene
-Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und
-dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden
-Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum
-Leben, Lieben und Leiden erwacht.
-
-Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die
-Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So
-bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die
-leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.
-
-Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein
-Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft
-die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die
-Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag
-lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln
-ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten
-aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond
-leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie
-geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen
-und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne
-brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als
-gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in
-der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine
-Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und
-da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel.
-Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme
-bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.
-
-Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie
-auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt
-und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem
-alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.
-
-Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen
-und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos
-mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch
-Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was da ist, diese Wege geht,
-mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze
-Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.
-
-Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich
-mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn
-ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren,
-die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr
-stilles reines Kinderherz entgegentrug, -- ich mußte wieder zu Heri
-zurück.
-
-Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli
-von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und
-an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über
-das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten
-sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten
-Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in
-Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene
-Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles
-lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!
-
-„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit
-einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing
-ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war ich mit
-dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet
-hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in
-der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere
-Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des
-Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien
-meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer
-sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.
-
-„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du
-auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich
-studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu
-verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich
-macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch
-zeitlebens“ -- sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne,
-friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte -- „ein zufriedener,
-glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig
-dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist,
-genug sein.“
-
-Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der
-Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster
-zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der
-Höhe, auf der z. B. Heris Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr
-im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt,
-deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der
-ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis
-zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen
-Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben
-verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie
-schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen,
-einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern
-und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben
-dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der
-Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde
-pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme
-Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die
-nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich
-nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte
-teilnehmen lassen sollen.
-
-Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan
-auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag
-stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben,
-wie es mein Vater geführt hatte, hatte seinen Reiz und sein Glück,
-aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.
-
-Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht
-studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns
-öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre
-Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle
-lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im
-voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein,
-das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen,
-studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.
-
-Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und
-allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war
-niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht,
-wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte
-Bitte wollte ich nicht tun.
-
-Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne
-Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden
-Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch,
-der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache
-und Wirkung tritt.
-
-Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite
-Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen,
-in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie
-endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“
-
-Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte:
-„Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre
-nicht mehr beisammen sein sollen?“
-
-Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen
-Augenblick stillstehen.
-
-„Du -- du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.
-
-„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren
-Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“
-
-„Und du freust dich darauf?“
-
-„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das
-andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten
-da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den
-Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren
-gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir,
-lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“
-
-Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr
-nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als
-sie endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den
-Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und
-ich gehe auch mit in die Stadt!“
-
-Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz
-mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du
-denn dort?“
-
-„Studieren!“
-
-„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel
-zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“
-
-Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht,
-aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät,
-wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch
-Geld genug!“
-
-Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich
-mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will
-den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort
-einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und
-wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“
-
-Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für
-sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte:
-„Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern haben
-mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und
-da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag
-beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus
-auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber
-ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich,
-wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht
-nachlassen. Ich setz’ es durch!“
-
-Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters
-erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung
-in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach
-der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere
-Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.
-
-Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle
-hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.
-
-Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen
-hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen
-Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur
-Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt
-wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter,
-sondern auch mir die Hand. Letzteres hatte sie noch nie getan und
-ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als
-Erwachsener.
-
-Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes
-tun, nämlich Tee kochen.
-
-„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie,
-„such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“
-
-So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg
-gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den
-Garten hinaus.
-
-Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von
-den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme.
-An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot
-der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben
-die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden,
-und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel
-wehen.
-
-Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor
-mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich
-auf die Laube zu.
-
-Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den
-Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar
-nicht gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf
-darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.
-
-Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden
-oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich
-eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich
-daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht
-verantworten konnte.
-
-So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie
-hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und
-er klang zu leise und heiser.
-
-Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du,
-Marieli!“
-
-Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und
-Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.
-
-Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte
-es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“
-
-Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen
-könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise:
-„Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“
-
-Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der
-ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so
-dasaß mit ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte
-ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir
-sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich
-auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch
-ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte
-ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine
-überströmte.
-
-So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.
-
-„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.
-
-„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“
-
-„Du und deine Mutter?“
-
-„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da
-nehmen sie mich auch gleich mit.“
-
-Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand
-wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen
-immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein
-Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was
-in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein
-liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal
-keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da
-nahm ich sie in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren
-Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’
-dich, nicht weinen!“
-
-Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die
-im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über
-mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.
-
-Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller
-Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr
-stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl
-augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt.
-Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es
-mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus
-meinem Leben zu schaffen sei.
-
-Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges
-Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein
-ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.
-
-„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.
-
-„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ --
-ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu -- „wenn’s
-mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann
-werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“
-
-In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes
-Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu
-lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch
-oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.
-
-Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein
-bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf
-ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.
-
-Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei,
-und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für
-Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“
-
-Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“
-
-Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er:
-„Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller
-wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“
-
-Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.
-
-Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das
-liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.
-
-„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die
-Augen senkte.
-
-Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und
-dann sah sie mich an, so eigen, so fremd und doch so vertraut, wie
-mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder
-und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir
-ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch
-eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle
-Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein
-Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht
-kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.
-
-Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine
-Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich
-voneinander verabschiedeten.
-
-Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren
-auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke
-Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie
-habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.
-
-Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen
-Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.
-
-Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang,
-der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen
-Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen Morgenstunden die Rehe
-und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken,
-als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten
-unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen
-zwischen zwei Reisen.
-
-Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete
-Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe
-wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte
-in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen
-hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer
-heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.
-
-Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen
-wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus
-Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.
-
-„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch
-einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“
-
-Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das
-Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch
-mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges
-Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all
-der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt
-hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.
-
-Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini,
-sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz
-geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch
-eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das
-sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher
-nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst
-es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst.
-Gelt, du versprichst es uns?“
-
-Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.
-
-Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“
-
-Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“
-
-Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s
-versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er
-herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“
-
-Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja,
-Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“
-
-„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen
-Vaterunser.“
-
-Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann
-schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam.
-
-In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel
-mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß
-von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die
-Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte
-sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie:
-„Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn
-nit unglücklich werden!“
-
-Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte
-hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die
-weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters
-trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort
-das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich
-leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter.
-
-Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete
-jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren,
-Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den
-Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie
-ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum
-störte diesen Schlaf.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen
-Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben,
-das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll
-heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu
-rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein
-Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr
-geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.
-
-Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze
-von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße
-einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu
-tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig
-gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit
-den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu
-tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die
-wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das
-mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal
-niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu
-erzählen, daß der Frühling gekommen sei.
-
-Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und
-Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so
-klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche
-Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die
-Tauwasser gehen.
-
-Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst
-habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar
-zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald
-gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand
-ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große,
-schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges,
-der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der
-weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des
-Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie
-duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch
-der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf
-leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt
-die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.
-
-Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem
-weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen,
-liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem
-heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.
-
-Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem
-alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich
-habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen
-errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und
-doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch
-meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern
-schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die
-Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange
-dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.
-
-Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.
-
-Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr
-anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen
-Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon
-von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken,
-hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben.
-Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere
-der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte,
-strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog.
-Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein
-leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und
-wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört
-und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen
-der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz
-erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten
-in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal
-einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er
-es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen
-lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft
-mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den
-Altersgenossen sei.
-
-Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis
-vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt
-genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und
-Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam
-und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte
-Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die
-großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der
-Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll
-aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer
-fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die
-den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten
-Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es,
-als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen
-und raunten leise ihre Gebete.
-
-Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah
-mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten
-Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da
-auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und
-darunter „Gedichte“ stehen würde.
-
-An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines
-höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern
-ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich
-verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das
-Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß
-wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie
-eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst
-recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden
-begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter
-entschlug.
-
-Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf
-des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte
-mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich
-durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten
-Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende
-Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den
-kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser
-mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen,
-als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines
-gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief
-und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als
-bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der
-Au entlang zur Stadt führte.
-
-Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen
-Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des
-Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen
-schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen
-Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in
-kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle
-Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so
-weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.
-
-Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch
-Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter
-zusammen kam.
-
-So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich
-fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am
-liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun
-alle ihre Schönheit willig zeigten.
-
-Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die
-Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe
-Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel,
-den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel
-und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen,
-ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte
-weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich
-empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den
-weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.
-
-Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen
-emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von
-Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war
-ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner
-körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in
-blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke
-zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der
-Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand
-doch ein unendliches Lustgefühl.
-
-So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer
-breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.
-
-Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte
-mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können.
-Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der
-Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät.
-Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich
-nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher,
-und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war,
-zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.
-
-Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden
-zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler
-türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und
-Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder
-einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.
-
-Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand
-keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich
-nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick
-zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende
-Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine
-Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.
-
-So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell
-schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am
-Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung
-kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir
-sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um
-meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so
-aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde
-das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen
-Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich
-sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der
-Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst
-nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich
-nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft
-besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.
-
-Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich
-kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins
-Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die
-Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und
-nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich
-fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung
-und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt
-überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich
-immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.
-
-In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren
-Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit
-glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten
-Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf
-mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das
-Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug
-seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees,
-und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land
-mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen,
-dem Strom.
-
-Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine
-Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und
-dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen
-jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in
-überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in
-die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:
-
- Der Himmel so blau und die Welt so weit!
- So weit und so schön mein Heimatland!
- Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!
-
- Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,
- Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,
- Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!
-
-Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich
-sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch
-meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und
-ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.
-
-Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich,
-denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so
-lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage
-erzählte, wo ich gewesen -- den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich
-allerdings -- und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen
-Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens
-erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann
-senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub,
-Heini!“
-
-Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid
-der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen
-sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.
-
-„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die
-ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten
-Vormittag im Garten trafen.
-
-„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so
-ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte
-und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre.
-Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren
-Bergen!“
-
-Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir
-vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch:
-„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“
-
-Sie sah mich fragend an.
-
-Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer
-leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit
-dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“
-
-„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem
-Staunen.
-
-Ich nickte stolz bejahend.
-
-„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“
-
-Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor
-Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich
-eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann
-nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen
-gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der
-grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.
-
-„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die
-meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben
-hingst?“
-
-Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich,
-dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von
-meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre
-Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.
-
-Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung
-meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.
-
-Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust
-hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.
-
-Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt
-habe, das Heri so tief erregen konnte.
-
-So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten
-summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte
-ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe
-jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.
-
-Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da
-konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise
-Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“
-
-Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise:
-„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“
-
-„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“
-
-„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem
-Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von
-goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte:
-„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht
-verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast
-die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“
-
-Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann
-schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend,
-ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor
-einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des
-Lebenssturmes gefahren war.
-
-Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer
-Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und
-als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht
-im hellen Rosenlicht der Freude.
-
-„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn
-die ganzen Tage?“
-
-„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der
-steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und
-viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da
-droben ist’s schön!“
-
-Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die
-mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das
-sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.
-
-Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen
-Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann
-fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen
-Kraxlerei, gelt?“
-
-„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.
-
-„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das
-Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit
-haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen
-muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein
-können.“
-
-„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“
-
-Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon
-sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen
-Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“
-
-„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“
-
-„Über alle!“
-
-„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn
-nun das Marieli zurecht.
-
-Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So
-und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“
-
-Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.
-
-„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du
-dabei sein können?“
-
-Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:
-
-„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert
-und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“
-
-Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber
-trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit
-anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem,
-was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in
-Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts
-mehr sagen?“
-
-Da mußte ich denn beichten.
-
-„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich
-als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den
-Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über
-die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn
-man klettern kann und schwindelfrei ~ist~, ist wirklich nichts
-dran.“
-
-„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“
-
-„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“
-
-„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du
-nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“
-
-„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja
-sowieso sterben!“
-
-„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du
-denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“
-
-„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere
-Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“
-
-Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes
-meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit
-wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich
-mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die
-beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine
-Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre
-beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden
-hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.
-
-Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen,
-sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden,
-Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich
-sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust
-der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden
-bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb
-ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken
-sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen
-und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen. Wie
-viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch
-die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern
-sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun
-haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher
-so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend
-schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es
-mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient
-zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele
-zu.
-
-Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er
-nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat
-es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend,
-hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über
-die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen
-erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und
-daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten,
-demütig und geduldig sein.
-
-Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach
-jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der
-bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten
-schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir Unbehagen. Wer auf Höhen
-will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten
-Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein,
-der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte
-ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug,
-und meine Sonne hieß: Heri.
-
-In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst
-zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man
-forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle
-jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln,
-so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte
-oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein
-Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon
-wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.
-
-Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht
-einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet
-hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir
-hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung,
-aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben.
-Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen
-Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber
-verschmähte jeden Kompromiß und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln
-seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.
-
-Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein
-Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr
-und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt
-aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er
-wollte.
-
-Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß
-gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit
-ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein,
-gut, so sollte er es gründlich sein!
-
-Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt.
-Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach
-zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe,
-erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß
-er schließlich ganz verzagt wurde.
-
-Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen
-Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem
-menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag
-mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“
-
-Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag
-verpflichtet, mit ihm nichts zu reden. Deshalb zuckte ich mit den
-Achseln und wollte weitergehen.
-
-Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst
-unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf
-mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ -- Und nach einer kleinen
-Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser
-gehalten als die anderen!“
-
-Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn
-verhängt worden sei.
-
-Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb
-spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist,
-darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn
-eine Freude an diesen Kindereien?“
-
-„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der
-Fall wäre?“
-
-„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du
-ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’
-ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das
-läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß
-du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das
-Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß
-ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch,
-da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es
-ist, weiß ich nicht und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja,
-ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die
-Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch
-Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte
-am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute
-in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und
-hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer
-Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser
-dein!‘“
-
-Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung
-gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von
-dieser Welt war.
-
-Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch
-mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war
-mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große,
-leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das
-mich damals zum Dichter machte.
-
-Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst
-lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts
-machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den
-andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da
--- da --“ sein Gesicht nahm den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an
--- „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß
-du mich verstehst.“
-
-Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu
-in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja,
-Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde
-sein!“
-
-Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen
-Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura
-ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es,
-den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm
-vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit
-betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die
-nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus.
-
-Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf
-sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe
-hinan und trat rauchend ins Studierzimmer.
-
-Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang
-auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los:
-„Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“
-
-Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den Spucknapf und sagte
-gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“
-
-Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie
-jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“
-
-Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als
-der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden
-Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo
-zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens
-seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“
-
-Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand
-lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag
-zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich
-ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.
-
-Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein
-Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten
-Tagen gemacht hatte.
-
-In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich
-so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du
-der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem
-ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben
-würde und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“
-
-Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen
-Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die
-Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden
-flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum
-stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen
-Ast flatterte noch grünes Laub.
-
-„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen
-können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön
-macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat,
-die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der
-Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß
-das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? --
-Was ist eigentlich dein Ziel?“
-
-Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf
-geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und
-wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter
-fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte
-Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte:
-„Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar
-und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt nur eines vor: die Menschen,
-die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner
-von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“
-
-Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht.
-Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig,
-und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ -- sein Auge
-leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden
-mußte -- „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott
-nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das
-wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben
-sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“
-Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und
-rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum
-Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken -- eher sterben!“
-
-Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so
-furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.
-
-Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit
-seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte
-mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.
-
-Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich: „Kennst du Eichendorff?“
-Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne
-Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber
-noch fremd.
-
-„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du,
-Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler
-braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es
-keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen
-Platz findet.“
-
-Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der
-Gedichte Eichendorffs.
-
-Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen
-Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und
-über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte,
-ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und
-Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und
-meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen
-Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht
-wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.
-
-Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere
-eigenen Wege.
-
-„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die
-Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“
-
-Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn
-ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht
-hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn
-auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach
-ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten
-an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein
-Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise
-entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen
-tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun
-oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen
-mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte
-summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand
-der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie
-ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort
-her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in
-silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.
-
-Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in
-der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal
-ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief.
-Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und obwohl ich sicher
-sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch
-nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in
-meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand
-ich mir: ich liebe Heri!
-
-Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine
-ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein
-süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war
-ja zum wirklichen Glück geworden.
-
-Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein
-außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel
-schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden
-hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen
-in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel
-hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen
-Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige
-Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf
-den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die
-Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt.
-Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine
-Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag
-ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr besorgt gemacht. Als
-ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor
-mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des
-Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt,
-und als ich am Nachmittag des Ostersonntags -- ich war mittags im
-Schlosse zu Tische geladen gewesen -- mit Heri durch den Park schritt,
-sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin
-ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer
-traurig werden und nun sind sie so schön!“
-
-Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der
-schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen
-Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem
-kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von
-goldenem Flimmer wob.
-
-„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile.
-
-„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich
-und fühlte dabei, wie ich errötete.
-
-„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine
-flammende Röte.
-
-Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen,
-brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an
-unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr.
-
-Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem
-Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das
-Haar stecken, aber auch da hielt es nicht.
-
-„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit
-glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt
-das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich
-strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an.
-
-Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte
-stotternd: „Heri, hast mich lieb?“
-
-Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf,
-glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch.
-
-Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir
-aufdürsteten.
-
-Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich
-leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“
-
-„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.
-
-In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen
-Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die
-Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch
-die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen
-überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher
-Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste
-Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich
-durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald
-und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen
-und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter
-ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb,
-Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen
-den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen,
-die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken.
-Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und
-der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann
-steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf
-in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt
-aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem
-Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und
-schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust
-zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male
-seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen
-aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt
-und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie
-es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche
-mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen
-Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist
-der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und
-dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche
-begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch
-auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in
-den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre
-nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling
-nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder
-glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des
-Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und
-der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur,
-unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede,
-ich, der Einzige auf der weiten Welt!
-
-Doch ich muß erzählen.
-
-Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem
-Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar
-aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium,
-als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei
-Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch
-mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein,
-denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir
-heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel
-beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals
-fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich
-wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf
-leuchtendem Throne saß.
-
-Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause,
-um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich
-sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden
-lassen und Heri überreichen wollte.
-
-Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.
-
-„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.
-
-Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend
-an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind
-wir nicht Freunde, Freunde“ -- er betonte das stark und eindringlich
--- „Heini?“
-
-Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst,
-daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf
-verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen
-zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“
-
-Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst
-du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich
-hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“
-
-„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen
-und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns
-selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“
-
-Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen
-beobachtete, las er langsam Seite um Seite.
-
-Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner
-Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese
-Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner
-Phantasie?“
-
-„Sie lebt.“
-
-„Hier?“
-
-„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du
-mich wohl in Begleitung einer älteren Dame, ihrer Tante, einige Male
-spazieren gehen gesehen hast.“
-
-„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen,
-das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“
-
-„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“
-
-„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen
-liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein
-Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“
-
-„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“
-
-„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir
-aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber
-erzähl mir von ihr!“
-
-Und ich erzählte und schwärmte.
-
-Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich
-schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen,
-von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben
-und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt
-bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind
-nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum
-Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“
-
-Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte ich auch auf diese Rede
-nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu
-einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein
-Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In
-solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und
-wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein
-Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.
-
-„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“
-
-Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen
-Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich
-ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen
-Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri
-heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage:
-„Warum schreibst du so traurige Lieder?“
-
-„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du
-gehörtest einem anderen und das -- Heri -- das stimmt mich so, daß ich
-am liebsten sterben möchte.“
-
-„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte
-nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans
-Sterben?“
-
-Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß
-und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle
-Todesgedanken vergaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in
-einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.
-
-Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in
-der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte,
-war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu
-fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit
-seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu
-zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit
-zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die
-Lungenschwindsucht.
-
-Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich
-am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das
-erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden
-war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen
-zum Leben vergönnt sein konnten.
-
-Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem
-ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein
-Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht
-aufschluchzend über ihn zu werfen.
-
-Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und
-schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da
-hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel
-hier, die Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im
-Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber
-gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen
-können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht
-ein und -- er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne
-aufzuhören -- jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen
-Husterei.
-
-Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und
-dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären
-die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für
-tot halten können.
-
-Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen
-Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien
-mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und
-ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei
-Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als
-ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er
-sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste
-Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und
-Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.
-
-Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu
-ihm kam, hatte er auch schon etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden
-Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe,
-das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur
-Vorlage gewählt.
-
-„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.
-
-Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und
-nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde
-entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben.
-Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust
-niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer
-Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der
-Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren
-geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der
-Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem
-Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im
-Ausdruck dieses Gesichtes.
-
-Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort
-zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine
-Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.
-
-„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.
-
-Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich ganz kühl kritisch und
-erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten
-erlaubt.“
-
-„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort
-geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so
-still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer
-ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt
-haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich
-in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten
-Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch
-wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz
-sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst
-aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir
-ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der
-Seele.“
-
-Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte
-es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir
-einschlummerte.
-
-Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie
-rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte,
-sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte.
-Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon
-sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne
-wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“
-
-„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.
-
-Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt
-er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in
-vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen
-wir das erstere.“
-
-Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater
-verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten
-Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt
-der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen
-Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde,
-die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte
-ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für
-mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es
-das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte,
-es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir,
-seinem einzigen Freunde!
-
-Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in
-Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht,
-meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?
-
-Ich lief wie irrsinnig nach Hause.
-
-Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm,
-auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen
-Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen
-aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen
-die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren
-Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri
-schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.
-
-Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:
-
- Mein lieber Heini!
-
- Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere
- Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in
- die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an
- einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen
- kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe
- das in aller Eile, verzeih also die Kürze.
-
- Deine
-
- Heri.
-
-In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und
-mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde
-mit ihr dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen,
-sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus,
-ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen
-Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.
-
-Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie
-war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also,
-sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei
-ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar.
-Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten
-jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit
-Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann
-daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die
-anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!
-
-Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der!
-Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben
-herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen
-Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf
-aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht.
-Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf
-mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ meinen Jammer in sinn- und
-fassungslosen Tränenströmen ausfließen.
-
-Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich
-sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der
-Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann
-hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die
-Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich
-auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese
-auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis
-entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen
-Umständen geschehen.
-
-Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die
-vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im
-geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die
-Tante nicht.
-
-Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den
-Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen,
-auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die
-Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten
-die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf
-dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.
-
-Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn ich vom Bahndamm aus
-den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle
-diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher
-Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes,
-Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz
-wie mit eisernen Händen zusammen.
-
-Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen
-Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der
-Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.
-
-Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station
-herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.
-
-Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri,
-meine schöne Heri erscheinen.
-
-Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des
-Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri.
-Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß
-sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen,
-und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der
-alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie
-eine wirkliche Dame und ich -- mein Blick glitt unwillkürlich an
-meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab -- ich war ein armes
-Studentlein, sonst nichts.
-
-Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein
-Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß
-der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein
-leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als
-er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen
-hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen
-waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.
-
-Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber
-nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz
-gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich
-jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe
-überkommen hatte.
-
-Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich
-entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich
-kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut
-genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.
-
-Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere,
-die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.
-
-„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“
-fragte der eine.
-
-„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte das die Nichte
-sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die
-Gesellschaft einführen wolle.“
-
-„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden
-über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie
-auch reich?“
-
-„Interessiert dich das?“
-
-„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens:
-geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal
-verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen
-Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg
-werfe ich mich nicht!“
-
-Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich
-offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich
-einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten,
-überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken,
-genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im
-offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst
-einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein
-gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er
-mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm
-überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wozu solche Menschen wie
-ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den
-Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!
-
-Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte
-vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch
-glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet
-waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum
-kommst du nicht, Heini?
-
-Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme,
-unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke
-Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich
-will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach
-mir ausgestreckt.
-
-Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital
-zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war,
-dann wollte ich ihm nachfolgen.
-
-Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem
-Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.
-
-„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist
-entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle
-paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er,
-ich müsse Sie holen lassen, wenn Sie nicht bald kämen. Er ist ganz
-verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht
-vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich
-fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren,
-wie es um ihn steht.“
-
-Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.
-
-Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer
-von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf
-mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett
-zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.
-
-Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne
-die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als
-ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie
-es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor
-fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den
-Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“
-
-„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich
-selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.
-
-Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand
-und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es
-gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“
-
-„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß geträumt. Bedenke,
-selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht
-sagen.“
-
-Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es
-nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt
-und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen
-hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das
-Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da
-hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den
-Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“
-
-„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus
-seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon
-ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung
-da -- na, es ist eben ein Spital! -- ist auch nicht danach angetan,
-heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz
-und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch
-selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“
-
-Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der
-festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.
-
-Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich
-wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.
-
-„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es gibt keine Hilfe mehr!
-Da drinnen“ -- er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen --
-„ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür
-sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll,
-verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“
-
-Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn
-plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte,
-der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend
-und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half,
-umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam
-es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf
-mir -- Heini -- ich mag nicht sterben -- hilf mir -- ich -- ich --“
-
-Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein
-Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und
-da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen
-Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich
-zusammen.
-
-Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen
-unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die
-Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht
-aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.
-
-In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den
-Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen
-hob.
-
-„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.
-
-„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die
-Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader
-fühlten.
-
-Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das
-apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am
-ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars
-liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich
-bläuliche Schatten breiteten.
-
-Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet
-schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte
-ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen
-streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“
-
-In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle
-einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen
-konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen
-begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da
-brach ich neben dem Bette zusammen.
-
-Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die
-Anstalt.
-
-Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.
-
-Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun
-trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen
-Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es
-und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen
-Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen
-Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des
-Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der
-Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein
-Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des
-Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich
-durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf
-den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.
-
-Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer
-ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie
-eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die
-schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner
-schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.
-
- „Es ist bestimmt in Gottes Rat,
- Daß man vom Liebsten, was man hat,
- Muß scheiden!“
-
-Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher
-in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen,
-nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie
-eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen
-rinnenden Tränen.
-
-„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in
-diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit
-verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich
-nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes
-vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.
-
-Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie
-Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien
-Sie ein Mann!“
-
-Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen
-wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie
-wieder auferstehen: die Freundschaft.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie
-ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses,
-ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz des
-Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte,
-die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen
-gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf
-deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die
-dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre
-Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und
-sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im
-Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender
-Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein
-ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht
-Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem
-Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich
-allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach
-Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein
-spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore
-geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten
-Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen
-fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu
-ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine
-Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe
-und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und Erdenleid. Jede
-Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen.
-Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand
-in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander.
-Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn
-und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist
-allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe,
-die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat
-der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone
-erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder
-uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und
-Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs
-Haupt.
-
-Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die
-Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten
-ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt
-leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben
-habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute
-nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst
-versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem
-Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht
-trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und
-weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen
-ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein
-Menschengeist sein Wesen faßt.
-
-Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus
-dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht
-ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der
-Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und
-erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst.
-Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“
-auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen
-Sinn ein Lächeln abnötigt.
-
-Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den
-Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt,
-sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an
-ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.
-
-Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder
-dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte
-erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist
-der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu
-Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft
-und mild und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und
-Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß
-schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und
-Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden
-und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen
-durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von
-seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.
-
-Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein
-Liebesfrühling von mir ging.
-
-Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es,
-schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich
-getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden
-stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.
-
-Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun
-erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes
-und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den
-Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer
-drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte
-ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel
-war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in
-mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich
-leisten und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir
-nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn
-die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte,
-dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor
-ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich
-geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir
-sind ja dein!“
-
-Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten
-meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das
-Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der
-geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu.
-Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf
-winkte sie mir.
-
-Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf
-einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand
-die Tante und winkte mir freundlich zu.
-
-Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns
-gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte
-sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“
-
-Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir
-sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ -- und
-sie blinzelte mir ermunternd zu -- „deine Mutter hat gesagt, sie werde
-es dir schreiben.“
-
-Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris
-schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen
-wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es
-würde nach Ostern sein!“
-
-So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal
-das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein
-Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame
-Gestalt schlingen.
-
-Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd
-gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten
-Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein
-Herzleiden eingestellt habe.
-
-„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich
-erschrocken.
-
-„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen
-wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine
-Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung
-beilegen dürfe.
-
-Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich
-Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen.
-Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und hatte
-keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte.
-
-Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter
-sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor.
-Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose
-Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein
-gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn
-ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert
-werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie
-schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein
-sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein
-feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen.
-
-„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der
-schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl,
-interessiert sich sehr für sie.“
-
-„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur
-gehüllt hatte.
-
-„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch
-nicht zu erröten!“
-
-Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir
-ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir
-durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“
-
-„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr
-Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein
-lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh
-sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir
-gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich
-wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“
-
-Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das
-Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl.
-
-Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes
-männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie
-er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir
-herüberschielte.
-
-Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder,
-Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri -- Herr Oberleutnant
-von Steindl.“
-
-Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man
-wohl fragen, in welcher Klasse?“
-
-„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene
-trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein
-Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und
-noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in angesehener Stellung,
-dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.
-
-Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um
-mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten!
-Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er
-hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr!
-Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und
-dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie
-sich mich als Gelehrten vorstellen?“
-
-Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht.
-Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“
-
-„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der
-Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort
-danach fragte.“
-
-„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“
-
-„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen.
-Ich kapiere immer schon früher.“
-
-Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen,
-sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit
-unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß,
-daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen
-Mannesnatur war.
-
-Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend
-bekommen sei.
-
-Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß
-sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der
-Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des
-Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden
-hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir
-Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu
-ärgern und zu grämen.
-
-Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald
-genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte
-mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.
-
-Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O,
-hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und
-er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über
-all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst
-angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn
-und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden
-Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant,
-auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an,
-und wenn sich der Sturm an seinem eigenen Wüten verzehrt hatte, dann
-schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das
-ganze Leben gleichgültig machte.
-
-Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort,
-bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so
-könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der
-Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam
-der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri
-ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste
-bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der
-Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über
-die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber
-glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei
-wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er
-dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der
-Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt
-hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.
-
-So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne
-angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder
-scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen
-Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese
-Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach direkt als unbequem und
-störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete
-vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich
-mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin
-zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief
-überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn
-sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere
-Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann
-oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.
-
-So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief.
-Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir
-versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir
-bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu
-verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne
-ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen
-und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank!
-nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge
-ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei
-herrsche.
-
-Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll
-großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine
-Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden,
-dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen nicht vergleichen konnte,
-an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir
-an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines
-ganzen Daseins, dann war ich verloren.
-
-Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die
-Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer
-verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.
-
-Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr
-regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen
-und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen
-Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich
-brächte dort mehr vor mich als zu Hause.
-
-Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln
-durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es
-nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich
-ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.
-
-Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr
-Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen,
-der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der
-Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten
-strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.
-
-Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde
-mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen,
-noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen
-hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie
-der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens
-immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon
-wieder, nicht?“
-
-Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich
-gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den
-Umständen ab.“
-
-Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen
-Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es
-nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre
-hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen
-Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.
-
-Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof
-aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe
-der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der
-Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem
-Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben,
-in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte,
-in mein eigenes blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn
-mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und
-dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene
-Bedeutungslosigkeit zurück.
-
-Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort
-und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die
-langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder
-und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und
-es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da
-sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von
-der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag
-schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold
-der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch
-des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs
-Land der Lebenden ging.
-
-Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich
-aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und
-darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes,
-den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und
-Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der
-aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.
-
-In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische
-Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor
-diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem
-Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik,
-mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein
-so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die
-Knie sank und bitterlich zu weinen begann.
-
-Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend
-mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot
-gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte
-etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“
-
-Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner
-Seele lesen?
-
-„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.
-
-„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken
-Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn
-Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da
-unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“
-
-Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte
-seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener
-Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er sich
-damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der
-Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht
-Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ
-mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine
-Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel,
-wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war.
-Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler
-aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch
-wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu
-Kohle zu Asche geworden.
-
-Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei
-unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese
-alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen.
-In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals
-empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger
-Zeit, mein pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.
-
-Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben
-wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten
-strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken
-und meine Seele wird gesund und still.
-
-Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende
-Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und
-Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der
-brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer,
-der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und
-langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit
-schön, schön zum Jauchzen.
-
-Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt
-und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der
-mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub
-entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung
-durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel
-ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen
-verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht,
-zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.
-
-Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen. Es ist nur
-merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im
-Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis,
-so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen
-solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit
-unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine
-Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall,
-es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten
-Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere
-Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes
-Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben
-Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.
-
-Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so
-merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später
-nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in
-seine Gewalt bekommen.
-
-„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort
-ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht,
-ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte
-es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich
-aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden
-ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen
-sprachen.
-
-Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt.
-Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben
-und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht
-nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal
-befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine
-Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie,
-ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich
-zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies
-stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in
-der Karwoche in die Stadt kommen würde.
-
-Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie
-vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte,
-plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause
-bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag
-zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal
-einzukaufen.
-
-Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die
-Promenadewege durch die Au.
-
-Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge
-ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß,
-getröstet hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz
-gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.
-
-Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden
-Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein
-wenig nieder. Ich bin so müde.“
-
-Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein.
-Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und
-über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde
-gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume.
-In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade
-über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und
-die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und
-gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.
-
-„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu
-sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“
-
-Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme.
-Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“
-
-„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise
-heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir
-jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das ewige
-Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine
-Mutter nicht mehr gar zu lang.“
-
-Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert;
-mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter
-Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen
-Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die
-blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.
-
-Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen
-und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.
-
-„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn
-dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“
-
-„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“
-
-Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar
-Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte
-zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter.
-Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine
-Mutter bin ich und du, du --“ ihre Stimme zitterte -- „du bist ja mein
-einziges Kind!“
-
-Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem
-beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im
-Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille innige
-Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen.
-Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der
-Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns
-nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner
-Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns
-und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.
-
-Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben
-der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und
-Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte
-ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar
-Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es
-heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“
-
-Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem
-Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor,
-küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig,
-Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir
-dann leichter.“
-
-Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich
-unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der
-mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein
-gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.
-
-„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den
-Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und
-wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd
-ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause
-geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden.
-Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir
-liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und
-allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben -- Mutter, laß
-mich wenigstens du nicht allein!“
-
-Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte
-sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein
-armer Bub!“
-
-Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten.
-Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr
-doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun
-aber fand sich keine Gelegenheit mehr.
-
-Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende
-Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals
-die Hand, -- einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten
-wagte sie nicht und auch mich hielt die alte Scheu davor zurück,
-obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.
-
-„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß
-unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd
-schon fleißig für dich beten.“
-
-Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann
-mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie
-das Tüchlein an die Augen drückte.
-
-Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich
-mit!“ -- aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen
-Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.
-
-Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von
-Marieli. Sie schrieb:
-
- Lieber Heini!
-
- Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt,
- daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini,
- denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch
- glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja
- alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend
- für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick
- Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil in meinem Gebetbuch
- gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr
- selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und
- denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil
- an Dich. Gelt?
-
- Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.
-
- Deine
-
- Marie.
-
-Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die
-trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner
-ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog
-in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der
-Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.
-
-Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den
-der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten,
-rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg,
-der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner
-Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust
-gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte,
-dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom
-wahnsinniger Sehnsucht.
-
-So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste
-Parkkonzert stattfand.
-
-An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis,
-bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das
-Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.
-
-Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all
-den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten
-in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.
-
-Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen
-auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf
-den Hüten, Frühling in den Augen.
-
-Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid
-umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in
-breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des
-Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in
-freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten
-und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön
-war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie
-einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der
-holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden
-schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit einer etwa gleichaltrigen
-Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.
-
-Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug
-zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in
-wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen
-und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten
-Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem
-Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich
-eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo
-ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher
-leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich
-meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.
-
-Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht
-fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber
-weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß
-kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein
-Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur
-eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.
-
-Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher,
-mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie
-aufmerksam machen, daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht
-steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte
--- und diese sind nicht unbedeutend -- dem Studium zuwenden, so erleben
-Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten;
-in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn
-in Sie gefahren? Reden Sie doch!“
-
-Ich schwieg.
-
-„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt,
-dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist
-als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie
-wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich
-aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist
-und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein
-Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange
-Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie
-ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können
-Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“
-
-Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.
-
-Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr
-weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war
-nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es
-zwischen uns stehe.
-
-Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, -- ich hatte inzwischen
-Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante
-spazierengehen gesehen -- stand mein Entschluß fest.
-
-Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde,
-mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können,
-schrieb ich ihr ein paar Zeilen:
-
- Meine liebste Heri!
-
- Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt
- davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus
- Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort
- wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen.
- Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein,
- daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß
- Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat.
- Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten
- können. Gib mir ehestens Bescheid.
-
- Dein
-
- Heini.
-
-Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen
-hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute
-mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri
-wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand
-sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie
-aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß
-feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.
-
-Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken.
-Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer
-Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief
-gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn
-es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich
-befürchtet hatte.
-
-Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur
-wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte
-es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein
-Brieflein in die Hand drücken konnte.
-
-Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:
-
- Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn
- es Dir aber möglich wäre, einmal abends fortzukommen, so komme
- übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem
- Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.
-
- Heri.
-
-Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt
-fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man
-konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner
-Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen.
-Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.
-
-Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns
-war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt
-und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal.
-Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den
-anderen benützt worden.
-
-Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine
-Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im
-Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er
-aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut
-und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten
-Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab, öffnete dort
-leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten
-hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während
-der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief
-ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite
-desselben kletterte ich über den Zaun.
-
-Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der
-Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und
-in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit
-hochklopfendem Herzen vor Heri.
-
-Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das
-sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten
-Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die
-ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.
-
-Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort
-hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres
-erbebte in namenlosem Glück.
-
-Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da
-ist eine Bank.“
-
-Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie
-endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“
-
-Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann ich zu reden: „Ja,
-Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen.
-Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse.
-Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“
-
-Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise:
-„Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“
-
-„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast,
-Heri, damals zu Hause im Park.“
-
-Sie schwieg.
-
-Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich,
-ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich:
-so wie damals?“
-
-Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch
-Kinder!“
-
-Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel
-zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur
-stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, -- ich
--- ich gehe.“
-
-Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten
-Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich
-nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme
-und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.
-
-„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte
-sich mir zu entwinden.
-
-Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen
-Küssen: „Heri, dies eine Mal, -- dies eine Mal -- will ich noch
-glücklich sein, Heri -- ich hab dich so lieb -- so lieb, Heri -- so
-lieb -- --“
-
-Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust
-und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.
-
-Das brachte mich zur Besinnung.
-
-„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen
-wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“
-
-Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit
-tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“
-
-„Ja, ich gehe!“
-
-Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte
-ich hinaus in die nächtliche Straße.
-
-Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn
-je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen
-wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines
-vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner
-Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über
-meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken Leib in meinen Armen,
-ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen
-Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter
-Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst
-diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“
-
-Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah
-und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im
-Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die
-Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein
-Frühgewitter zu murren begann.
-
-Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über
-mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender
-Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das
-Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt.
-Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen
-wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin
-und darauf ein langgezogenes Rollen.
-
-Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß
-werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und
-auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es
-einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er
-dann das zumachte, durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht
-mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber
-konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus
-der Anstalt.
-
-Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger
-Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich
-noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden
-Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei
-Dank! das Fenster stand noch offen.
-
-Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich
-auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.
-
-In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der
-volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur
-zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da
-haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche
-ist zu allem fähig.“
-
-Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und
-da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen!
-Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen
-Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er
-auch der meinige.
-
-„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.
-
-Ich gab keine Antwort.
-
-„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“
-
-Ich gab abermals keine Antwort.
-
-Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube
-heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt
-abgewehrt hätte.
-
-Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für
-heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so
-erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“
-
-Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor
-immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da
-mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen
-nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“
-
-„Gewiß, Herr Direktor!“
-
-„Gute Nacht!“
-
-„Gute Nacht, Herr Direktor!“
-
-Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll
-und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht
-erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und
-Wäsche.“
-
-Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden
-solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu
-dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen
-die Blitze ihre blendenden Brände warfen, ich horchte dem Schmettern
-der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit
-machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und
-während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und
-ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst
-geweckt werden mußte.
-
-Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn
-Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die
-Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das
-überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.
-
-Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite
-stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie
-verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite
-stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich
-war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß
-ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet
-werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich
-wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen.
-Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte
-von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als
-Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder
-nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß, denn die mußte doch
-wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber
-bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war
-diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf
-davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte
-ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.
-
-Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich
-geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male
-jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das
-alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar
-nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.
-
-Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen
-entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können.
-Mochte kommen, was da wolle.
-
-Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor
-des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem
-Klassenvorstand.
-
-Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es
-ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen
-Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum
-handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die übrigen Schüler vor
-Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können.
-Sie aber“ -- damit wandte er sich an mich -- „fordere ich auf, die
-Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch
-Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern
-Abend?“
-
-Ich schwieg.
-
-„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“
-
-Keine Antwort.
-
-„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.
-
-Ich schwieg.
-
-„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch
-des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein
-junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt
-hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb
-ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine
-Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse
-bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken
-sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine
-Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten
-aufsuchen zu können!“
-
-Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte:
-„Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen
-Mannes!“
-
-Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und
-rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So
-kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“
-
-Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz
-und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der
-Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“
-
-„Wo waren Sie dann?“
-
-Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren
-brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?
-
-Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich
-möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne
-allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die
-volle Wahrheit bekennen wird!“
-
-„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.
-
-Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der
-Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden
-zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu
-bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde
-zurück.“
-
-Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen
-Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der
-Präfekt.
-
-Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund,
-wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die
-Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei
-Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in
-Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für
-einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie
-versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch
-nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“
-
-Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.
-
-Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend,
-und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“
-
-Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem
-ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer
-Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß
-alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen
-Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst
-draußen, bis Sie gerufen werden.“
-
-Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der
-Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich
-stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in den
-Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen
-Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in
-einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen
-Lichtflut sendend.
-
-Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid
-bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was
-ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum
-moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie
-sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes
-zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.
-
-In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber
-bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die
-Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder
-in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich
-noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine
-Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.
-
-Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es
-hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen,
-holte mich der Präfekt neuerdings ab.
-
-„Kommen Sie,“ sagte er kurz.
-
-Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn:
-„Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“
-
-„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der
-kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange
-Ahnung stieg in mir auf.
-
-Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer
-feierlichen, finsteren Ernst.
-
-Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die
-Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“
-
-Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen.
-Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“
-
-„Nun“ -- der Direktor zog eine höhnische Miene -- „ich habe die Frau
-Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt
-und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei.
-Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft
-bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie
-sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand
-sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den
-Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten
-von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen
-hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen
-Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den
-geringsten Zweifel zu setzen und“ -- er erhob seine Stimme -- „stehen
-vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau,
-wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten
-dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene
-Schande zu bemänteln.“
-
-Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den
-Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf
-etwas zu erwidern?“
-
-Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt
-zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es
-außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich
-hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als
-rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich
-um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen
-Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen,
-um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend
-ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den
-Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht
-ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen
-hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt,
-ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte,
-und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.
-
-Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich
-stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da
-vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als
-heilig und unverbrüchlich gegolten hatte.
-
-Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine
-Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle
-sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben
-Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine
-Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei.
-Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt,
-in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die
-Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos.
-
-Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn
-gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“
-
-Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der
-alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte
-Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“
-
-Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den
-Karzer zurück.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf
-den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als
-ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn
-die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die
-bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei,
-und zogen dann grollend ab.
-
-Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil
-sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen.
-Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes
-in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den
-balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des
-Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe
-sich spiegeln.
-
-Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen
-wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und
-ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere
-Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine
-sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben
-nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit macht Könige, die
-Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne.
-
-Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und
-dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer
-Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge
-Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem
-Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden
-Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden
-senkrecht zu ihr empor.
-
-Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an
-meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und
-da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist
-es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber
-nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren,
-um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig
-über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.
-
-Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen
-Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.
-
-Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von
-vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder
-und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hochwaldes
-hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und
-wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige,
-da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter
-Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken.
-Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den
-Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und
-Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!
-
-Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie
-sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch
-damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr
-Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich
-emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen,
-verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.
-
-Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen
-gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für
-die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die
-den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern
-nur ewiges Leben gibt.
-
-Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den
-ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger
-als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine Flamme
-auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen
-braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.
-
-Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite
-und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu
-können.
-
-Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich
-noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah,
-unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die
-Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich
-geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern
-mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem
-Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von
-Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in
-das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie
-das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich
-plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.
-
-Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust
-und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit
-entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und
-näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen
-des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann
-wurde es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal
-war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für
-einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte
-schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los,
-bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.
-
-Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über
-mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen
-Schwestern umrahmt war.
-
-Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die
-Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“
-
-„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen.
-
-„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie
-bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht
-auf.“
-
-Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen
-Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern.
-
-Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn
-genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und
-irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der
-am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein,
-daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital.
-
-Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu
-verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht.
-
-So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo
-ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe
-gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine
-Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben
-gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten
-und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst
-eingesetzt, und nun war ich gerettet.
-
-Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe,
-fragte ich.
-
-Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten
-gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu
-werden.“
-
-Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie
-wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch
-allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde.
-
-Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer
-selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da
-ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß
-es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein,
-die warm und wohlig durch den ganzen Körper strömte und ihn täglich
-kräftiger und kräftiger machte.
-
-Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach
-Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“
-
-„Meine Mutter?“
-
-„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage
-ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn
---“
-
-Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten
-machen?“
-
-„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der
-Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne
-haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es
-ist. Das meine ich.“
-
-Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich
-auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun
-vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles,
-was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr
-weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein
-glücklicher und froher Mensch zu werden.
-
-Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben
-meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital
-gebracht hatte. Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden,
-seien schon in der Heimat.
-
-Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand,
-sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber
-nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“
-
-Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die
-mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so
-eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen
-für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir,
-als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie:
-„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“
-
-Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges
-verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das
-Besuchszimmer ein.
-
-Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die
-Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen
-und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini.
-Also du bist halt doch wieder gesund worden.“
-
-Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine
-Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe.
-Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem
-Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte.
-
-„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf,
-warum denn die zwei Frauen allein hier seien.
-
-„Ist sie krank?“
-
-„Nein, Heini.“
-
-Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort
-Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte,
-sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist
-sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt,
-daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das
-beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“
-
-Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die
-Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden
-Frauen das Spital.
-
-Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht,
-und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den
-Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar
-nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren.
-
-Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein
-Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen.
-
-Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich
-stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend
-an die Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine
-Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie
-Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah.
-
-Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg
-durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor
-Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen.
-
-„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die
-Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“
-
-Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen
-hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden
-Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man
-jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne.
-
-„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so
-krank geworden bin?“
-
-„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der
-Direktor an sie geschrieben hat.“
-
-„Was hat er denn geschrieben?“
-
-Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu
-willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so
-nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die
-Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten,
-Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“
-
-In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar
-bei meiner Mutter verleumdet!“
-
-„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“
-
-„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich.
-
-„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, -- sonst
-hat sie nichts gesagt.“
-
-„Gar nichts sonst?“
-
-„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei
-rollten ihr große Tränen aus den Augen.
-
-Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam
-an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit
-an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende
-Antwort erwartend: „Die Mutter ist -- --“
-
-Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht
-erbitten, nicht die, die ich befürchtete.
-
-Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die
-Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist
-heimgegangen zu deinem Vater.“
-
-Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun
-auch das Letzte, was mir noch auf Erden verblieben war, versunken und
-ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir
-fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um
-mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich
-starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin:
-„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“
-
-Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten
-haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden
-davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum
-Ausbruch. Meine arme Mutter!
-
-„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm
-mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als
-wenn du dich vergrübelst.“
-
-Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte
-sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s
-nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht,
-davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat.
-Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich
-halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil
-so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen
-kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts
-genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst
-zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als
-geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr
-zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da
-hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich
-und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl
-nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s:
-wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich
-mir’s. -- Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern
-versprochen. -- Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da
-ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich
-ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie
-aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini
-ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe
-sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat
-eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich
-ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die
-Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat
-sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt
-liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder
-beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit
-auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“
-
-Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt.
-Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden
-quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz
-lösend und lindernd, kam es über mich.
-
-Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte:
-„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich
-deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und
-ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und
-auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir
-haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“
-
-Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und
-küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von
-denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen
-meiner Mutter.
-
-„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir
-die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“
-
-„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da
-ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher
-Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch
-noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“
-
-Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der
-seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls
-die Hand reichte.
-
-Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die
-Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug
-uns der ratternde Zug der Heimat zu.
-
-Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen,
-die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen
-Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter
-seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der
-Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein
-verstürmtes Herz ein.
-
-
-
-
-X.
-
-
-Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als
-es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in
-früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat
-sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter
-abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie
-wohl alles geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen
-und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute
-wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch
-wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der
-ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei
-Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben
-geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen
-getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen,
-nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich
-wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen
-Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln
-entlocken.
-
-Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt,
-den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren
-herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde
-als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien
-kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von
-den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und
-versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches
-Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes
-Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden
-andrücke, und daß es mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich
-durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das
-ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender
-Umarmung.
-
-Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid
-auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden
-zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten
-ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der
-große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man
-sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer
-zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das
-Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist
-überwundenes, ohnmächtiges Leid.
-
-Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte.
-Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein
-geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.
-
-Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe,
-unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel
-Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl
-aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des
-Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des
-Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem Gefühle und der
-Hochwald macht die passende Musik dazu.
-
-Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen
-und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In
-einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und
-doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum
-Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“
-
-Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt
-durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze,
-mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke
-erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen
-Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum
-müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch
-die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum
-Frieden zu gelangen.
-
-Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt
-sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.
-
-Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.
-
-Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage
-eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen,
-war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand gereicht: „Grüß dich
-Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus,
-hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt
-nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“
-
-Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum
-stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen,
-aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit
-aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir
-wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“
-
-„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“
-
-Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene
-kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand.
-Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige
-Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in
-dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden
-Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.
-
-Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe
-meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch
-frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen
-geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.
-
-„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.
-
-„Ja, ich tu’s aber gern.“
-
-Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich
-aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle,
-das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt
-ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch
-wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.
-
-Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das
-stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz
-eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der
-Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten
-schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.
-
-Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu
-sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini,
-reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu
-früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut
-schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach.
-Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“
-
-Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl
-als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder
-fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz staubig.
-Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“
-
-So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem
-eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein
-planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt
-meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer
-Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel
-auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.
-
-Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute
-nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können.
-Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden
-Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein
-Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos
-auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich
-sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein.
-Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum
-Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede
-Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm
-wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger
-Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich
-unsäglich glücklich machte. Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich
-mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine
-Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm.
-Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich
-jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten,
-wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht
-aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte
-umzusetzen ist.
-
-Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich
-dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen,
-mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe
-Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so
-sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer
-Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und
-selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre
-Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in
-einem süßen, weichen Liede.
-
-Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar
-Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos
-an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri
-mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter
-demnächst als Güterdirektor des Grafen auf dessen große Besitzung in
-Böhmen versetzt werden solle.
-
-Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine
-Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus
-ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine
-Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine
-wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.
-
-So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen
-holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.
-
-Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen
-schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und
-Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge
-zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man
-glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern
-des Gewändes ihre Heimat hatten.
-
-Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin,
-einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten
-wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“
-
-Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer
-Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.
-
-Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium
-hinausgeworfen worden und damit hatte ich auch die Unterstützung des
-Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner
-Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin
-gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem
-anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin
-aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war
-kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen.
-Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das
-Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan
-endgültig von uns verworfen.
-
-Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte
-als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär
-konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir
-offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster
-bringen konnte.
-
-Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin
-zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer
-Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte,
-der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen
-Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen
-blieb ohne Antwort.
-
-Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber
-jedesmal ablehnende Antworten, und ich sah bald ein, daß es meine
-Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob.
-Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen
-Menschen nimmt man nicht auf.
-
-Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich
-über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich
-in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen
-Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter
-rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein
-eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel
-des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer
-zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der
-Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt
-umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen
-mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.
-
-Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war
-mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in
-der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und
-ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen
-hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft
-und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen
-Entschluß.
-
-Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich
-als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe
-glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und
-so willigte sie ein.
-
-Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein.
-War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen
-und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit
-sichtlichem Widerwillen.
-
-Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.
-
-Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn
-schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und
-besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft
-hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter
-umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was
-sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben
-wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto
-leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der
-Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu
-Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren.
-Einzelne Bauern, mit deren Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die
-bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller
-aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch
-ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem
-sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter
-gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er
-seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine
-gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst
-die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am
-Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle
-übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn
-ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben
-konnte.
-
-Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich
-mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und
-ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.
-
-Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne
-nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere,
-wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.
-
-Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat
-jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf
-besessen hatte, wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins
-Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls
-eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt
-nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn
-die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der
-staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein
-wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein
-sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend,
-verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er
-da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu
-werden.
-
-Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen
-des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke
-schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte
-sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll
-herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas
-ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes
-sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir
-geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das
-eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.
-
-Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein
-Gedanke aufschnellte, als müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei
-einen Grund haben.
-
-So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben
-erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf
-vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen
-doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die
-Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in
-dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden,
-er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei
-der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung
-daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten
-seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen
-sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige
-arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten,
-sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo
-ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu
-werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte
-es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen
-vernichtenden Schlage bewahrt hatte.
-
-Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem
-Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein
-glänzendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der
-den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten
-Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den
-Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit,
-Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man
-ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit
-ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen
-Offizierskorps sei.
-
-Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen,
-so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener
-Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle
-der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit
-bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz
-nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.
-
-Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes,
-etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu
-aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den
-Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne
-Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft
-zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen
-Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter
-dem weichen Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe
-zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und
-streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde
-Licht eines neuen Liebesfrühlings.
-
-Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen
-unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage
-von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit
-seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und
-in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles
-legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.
-
-Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine
-mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar
-Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe
-an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre
-frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht
-wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft
-und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern
-machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem
-unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.
-
-Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten
-fehlte der überzeugende Ton des Überzeugten; es war mehr wie das
-eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren
-Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt
-selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.
-
-Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann
-am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden,
-die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.
-
-Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden
-Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast
-wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel
-von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem
-großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der
-Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch
-den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre
-Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz
-für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht
-mehr verrichten konnte.
-
-Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der
-Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche
-flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder
-sie streiften wohl auch die zarte Beugung des Nackens, die anmutig
-schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der
-Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr
-Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.
-
-Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer
-von gleichgültigen Dingen zu reden an.
-
-So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter,
-der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit
-lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die
-Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem
-Tag lichter und wärmer.
-
-Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir
-gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall
-schritt sichtlich vor.
-
-Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die
-Vorladung zur Assentierung.
-
-Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein
-von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut,
-denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der
-mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum
-dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und
-der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen
-blanken Tausender geschenkt.
-
-Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem
-Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich
-fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich
-bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers
-erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle
-und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in
-den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und
-als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und
-kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein.
-
-Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre
-Augen füllten sich mit Tränen.
-
-Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und
-blauer Krokus blühte.
-
-„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von
-da.“
-
-Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und
-auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre
-Gewinde vom Vorjahre schlang.
-
-Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und
-blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.
-
-Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine
-Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott,
-eigentlich liegt gar nichts dran. Die drei Jahre werden auf ja und
-nein wieder vorbei sein!“
-
-Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht,
-ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen,
-daß ihr ganzer Körper bebte.
-
-„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten,
-und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu
-streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.
-
-„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle
-zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. -- -- Marieli!“
-
-Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen
-gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit
-einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.
-
-Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm
-um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender
-Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“
-
-Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte
-ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu
-schluchzen.
-
-In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus
-tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf
-Maries Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in
-abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich
-wahr! Du hast mich gern?“
-
-Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat
-und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich
-muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“
-
-Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem
-verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück
-und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so
-glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen
-und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“
-
-„Und kannst du mir auch verzeihen --“ flüsterte ich, „du kannst mir das
---“
-
-„Sei still, Heini!“
-
-Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen
-herum, bis Lippe auf Lippe lag.
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder
-Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben
-niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand
-nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt
-und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine
-Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann.
-Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß
-mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht
-ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen.
-Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich
-es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich
-habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt
-nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen.
-Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die
-letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor
-mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder
-ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines
-Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in
-dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!
-
-Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines
-Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!
-
-Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder
-zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe.
-Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich
-setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine
-Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte
-sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch
-kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und
-abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie
-einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.
-
-Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden
-Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in
-den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so
-leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der
-honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den
-Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und
-Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu
-fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in
-die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine
-Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet
-bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du
-wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist
-an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!
-
-O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben
-dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine
-Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen,
-der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir
-erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der
-Friede!
-
-Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt
-mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als
-möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die
-Pforte ins Unendliche sein.
-
-Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch
-weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast
-stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die
-Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz
-gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen
-müssen.
-
-Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte,
-ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es
-nicht zu.
-
-„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei
-und soll für immer vorbei sein. Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich
-ja nichts vom Leben.“
-
-Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie
-war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen
-Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen
-würden.
-
-So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller
-Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch
-unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer
-strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.
-
-Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube,
-da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß,
-hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum,
-der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als
-wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß
-die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre
-stillen Gebete hinein.
-
-Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit
-ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich
-Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.
-
-Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war
-überhaupt seit meiner Assentierung so heiter, wie ich ihn nie gesehen
-hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du,
-ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem
-Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus
-der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“
-
-Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und
-vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die
-Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.
-
-Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und
-meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor
-dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden.
-Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen
-kann.“
-
-So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir
-einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange
-geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter
-hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß
-ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel
-glücklich.“
-
-„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.
-
-„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf
-unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner
-sein.“
-
-Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da
-gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche
-Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die
-Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen
-und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz
-Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.
-
-In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und
-wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises,
-schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen
-huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in
-meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.
-
-Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel
-Leid über Marie und mich brachte.
-
-Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter
-die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den
-Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen
-wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich
-schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten.
-Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still.
-Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit
-die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar
-Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in
-der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch
-schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele
-verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so
-scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken
-Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze
-Wolken seines herbwürzigen Atems.
-
-Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt
-an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir
-brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu
-fühlen, genügte uns vollkommen.
-
-Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt
-von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“
-
-„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.
-
-„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder
-ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr
-haben soll. Und mir ist auch --“
-
-Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen
-drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.
-
-„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag
-mir’s, du hast was sagen wollen!“
-
-Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte
-sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein,
-Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat
-fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“
-
-Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich
-tatsächlich in tiefster Seele trafen.
-
-„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie
-schwer du mir damit das Fortgehen machst?“
-
-Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine
-Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und
-da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich
-nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar
-nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar
-nichts, Marieli, gar nichts.“
-
-Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr.
-Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll
-und die Nacht war still, heiß und schwer.
-
-Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.
-
-Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht
-noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger
-Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle
-ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.
-
-Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand
-ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche
-durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich
-Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich
-in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.
-
-Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder
-Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde
-ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen
-geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür,
-ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“
-
-Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was
-geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren
-Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem
-auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine
-Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil
-ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt
-habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und
-dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.
-
-Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten
-die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier
-auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold
-hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei
-der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot
-der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die
-Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.
-
-Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von
-Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher,
-und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der
-Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem
-Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher
-über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht
-durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.
-
-Und endlich war der Tag da.
-
-In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche,
-ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können:
-Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare
-Kassette war drinnen, die einige Banknoten barg. Es waren diejenigen,
-die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.
-
-Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der
-Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange,
-lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort
-kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können.
-Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie
-in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust
-zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch
-lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt.
-Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du
-kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“
-
-Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr
-felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar
-nicht aufkommen.
-
-Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch
-einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“
-
-Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.
-
-Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch
-Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein,
-nein, Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’
-da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“
-
-Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ
-sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf
-Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und
-wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen
-sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“
-
-Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und
-er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist
-eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen
-beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück
-gescheh’n.“
-
-Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte
-er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“
-
-Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal
-kurzen, heißen Abschied nehmen.
-
-Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem
-trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund
-habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag
-geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte,
-da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über
-die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten
-Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen.
-In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige
-Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der
-Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte
-ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick
-gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber
-selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein
-Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.
-
-Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen
-in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal
-höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord
-aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das
-langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden
-Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von
-der Natur sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch,
-der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst
-in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen
-Verwesung, auch den Körper zu zerstören.
-
-Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in
-teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken,
-das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch
-schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven
-schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis
-sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge
-noch in stummer Frage emporrichtend: warum?
-
-Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend
-in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner
-Betrachtung aufschreckten.
-
-Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich
-weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den
-ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit.
-Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und
-wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich
-auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf
-und sah in den Himmel hinein.
-
-Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler
-nach.
-
-Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er
-eine Nacht bei mir bleiben könne.
-
-Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich
-nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die
-Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle.
-
-„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber
-ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts
-anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden
-das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu,
-„denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das
-Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr
-es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah!
-Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“
-
-„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“
-entgegnete ich lächelnd.
-
-Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und
-Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen
-Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja
-kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“
-
-Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, der mir zur Wohnung diente,
-noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte.
-
-Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald
-erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte
-er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner
-groben Decken.
-
-Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen
-tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich
-unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat.
-
-Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind
-auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“
-
-„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich.
-
-„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören.
-Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s
-gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“
-
-Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel
-miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann
-aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute,
-was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen
-haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß
-ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde.
-Ich freue mich, einen Menschen gefunden zu haben, dem der Friede ward,
-und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste
-Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so
-halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“
-
-Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die
-Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im
-Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit
-dem Hute zurück.
-
-Also auch einer, der auf den Wegen der Einsamkeit geht trotz Weib und
-Kind. Er gibt Liebe, empfängt Liebe und ist doch einsam. Merkwürdig,
-sehr merkwürdig das!
-
-Doch ich will zu meiner Geschichte zurückkehren.
-
-Ich war also jetzt Soldat. Daß mir der Kasernenton behagt hätte, kann
-ich wohl nicht sagen, aber ich war es ja von der Anstalt her gewohnt,
-mich einem größeren Haufen einzufügen und die da üblichen Späße nicht
-gerade feiner Art wenigstens insoweit mitzumachen und mir gefallen zu
-lassen, um nicht allein zur Zielscheibe derselben zu werden.
-
-Bei der Abrichtung war ich bald der erste und schon nach einem
-Vierteljahr wurde ich zum Kanzleidienst kommandiert. Da man mich hier
-sehr gut brauchen konnte und auch meine Vorstudien bekannt wurden,
-war ich nach einem halben Jahre schon Korporal und genoß eine Art
-Ausnahmestellung.
-
-Niemand war froher als ich, als mir meine Übersetzung zum Kanzleidienst
-bekannt gegeben wurde. Hier unterstand ich in erster Linie dem
-Hauptmann und hatte mit den übrigen Offizieren, den Leutnants und
-Oberleutnants, nichts zu tun.
-
-Unter Letzteren befand sich auch Oberleutnant von Steindl. Der war
-nach der Aussage aller älteren Unteroffiziere früher ein sehr lustiger
-und gutmütiger Mann gewesen; aber bald nach seiner Verheiratung
-hätte sich sein Charakter gänzlich geändert und nun sei er einer der
-ärgsten Soldatenschinder, dem eine Kleinigkeit genüge, um einen Mann
-schließlich sogar auf die „Latten“ zu bringen.
-
-Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ
-zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir
-jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten
-tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber
-an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich
-belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er
-mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge
-anschickt.
-
-Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge
-gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser
-Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen
-solle. Warum, das wußte mir niemand zu sagen, daß es aber so sei, das
-schien stadtbekannt zu sein.
-
-Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst
-so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe,
-aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie,
-so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in
-Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt
-ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit
-unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen
-Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie
-vorübergegangen sei.
-
-Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham
-und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig
-in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen
-Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen
-sein.
-
-Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich
-gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden
-hatte.
-
-Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und
-der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der
-Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl.
-
-Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem
-großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten
-hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die
-Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch
-konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine
-wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen
-Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir
-Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit.
-
-Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren
-Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein
-Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein
-wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch
-unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich
-sehnsüchtigen Gedanken hin.
-
-Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben
-wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie
-da?“
-
-Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen.
-
-Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu
-Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“
-
-„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keine Privatbriefe!“
-donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“
-
-In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete
-nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“
-
-„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich
-in meiner Faust zusammenknitterte.
-
-Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu
-haben Sie kein Recht!“
-
-Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm
-den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und
-als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen
-versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht
-mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen
-und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies.
-Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt,
-nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller
-als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese
-Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem
-Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut
-empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant
-geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikulierten
-Schrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick
-aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen
-und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und
-verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen.
-
-Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles
-plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil
-unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler
-erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz
-seines Säbels umgebracht.
-
-Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach
-einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein
-tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine
-höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung
-gezogen worden.
-
-Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen
-die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen
-nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht
-arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder
-Muskel nach Betätigung schreit.
-
-Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben.
-In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt
-war. Wie die Tränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den
-Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor
-den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und
-Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich
-nicht getraute.
-
-So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie
-sich an Marie das Schicksal erfüllte.
-
-Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie
-mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir,
-daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder
-unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur
-Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und
-verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und
-beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein
-paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie
-neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen.
-Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß
-ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe.
-
-Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen
-und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum
-Gefängnisrapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte
-vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den
-ganzen Sachverhalt zu erzählen.
-
-Und der Mann dachte menschlich.
-
-„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge
-Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen,
-vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“
-
-Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich
-erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an
-Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft
-Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male.
-
-Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich
-fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines
-Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die
-Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete:
-
- Lieber Heini!
-
- Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben
- mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er,
- sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini,
- schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß
- Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten.
- Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.
-
- Deine Marie.
-
-Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein
-paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis
-verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne
-er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr
-ein paar Wochen.
-
-Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von
-dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die
-vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete,
-bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien
-es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück
-beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der
-Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es
-mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern
-einrennen müssen.
-
-Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein.
-
-„Weißt das neueste?“ rief er mir zu.
-
-Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen
-können!
-
-„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“
-
-Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von
-den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei
-und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber
-bald wurde ich eines besseren belehrt.
-
-Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage
-zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus
-dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt.
-Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu
-meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden.
-
-Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken
-Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das
-steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen
-Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch
-überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in
-dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des
-Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen
-nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinen
-spiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug
-über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und
-rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts
-durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur
-entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie
-herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns
-rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken,
-weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der
-stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen
-Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein
-romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save
-entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze.
-
-Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag
-also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken
-lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach
-bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden,
-da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur
-allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten.
-
-Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir
-hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten
-es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft
-gefangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen
-von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren
-herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber
-das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen
-orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem
-primitiven Dache gedeckter Rauchfang.
-
-Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen
-tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft,
-die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden.
-Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder
-in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den
-Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und
-plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren
-sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur
-mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der
-kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd
-den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen.
-
-Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf
-kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten
-riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwas
-lichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich
-ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in
-wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend
-über mächtige Felsklötze stürzend.
-
-Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen.
-Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir
-bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und
-Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden.
-
-Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern;
-ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen
-Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen.
-
-Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen
-Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um
-die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts
-dirigiert, um jener die Flanken zu decken.
-
-Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein
-Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch
-Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an
-Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken.
-
-Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahnsinnig und auch unsinnig
-dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase
-bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still,
-stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das
-Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der
-aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten
-Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und
-hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand.
-
-Ein Kamerad und ich erhielten den Vorpostendienst und hatten die
-einsame Kuppe zu beziehen.
-
-Über den fernen Karstgipfeln ging die Sonne zur Ruhe. In dem Goldstrom,
-der von ihr floß, färbten sich die kahlen Felshöhen erst mit flammendem
-Gelb, dann aber ging dieses in glühenden Purpur über, und der rann in
-breiten Strömen hinab in die waldigen Schluchten und Täler und hing
-in die dunklen Kronen der riesigen Fichten und Tannen ganze Lasten
-von Rosen, die aber immer blässer und blässer wurden. Wie zu Hause in
-meinen Bergen war das, und jetzt war mir, als müsse der leise Klang der
-Abendglocke ertönen. Und ein geliebtes Antlitz tauchte vor mir auf,
-ein schmales, süßes Gesicht mit blauen Augen. Ich sah die Augen mit
-stummer, aber inbrünstiger Bitte gegen Himmel gerichtet: gewiß, jetzt
-betete Marie für mich, denn nun war’s ja auch zu Hause Avezeit.
-
-Ich hatte Marie vor unserem Abmarsch schnell noch ein paar Zeilen
-schreiben können und wähnte sie getröstet, soweit ein Frauenherz
-getröstet sein kann, das den Geliebten in fernem, feindlichem Lande
-weiß.
-
-Und auf einmal durchrieselte mich ein eigenartiger Schauer: mir fiel
-ein, daß nun Marie nicht mehr allein sei; dort im Norden, wo die Nacht
-ihre dunklen Schleier an den Himmel hängte, dort lag mein Kind, und die
-Heimatwälder rauschten ihm ein Schlummerlied, weil der Mutter selbst
-die Lippen von Weh und Sorge verschlossen waren.
-
-Aus meinen Träumen riß mich die Stimme meines Kameraden, der meinte:
-„Saudumm, daß wir da heroben stehn müssen. Ist eh weit und breit nit
-einmal eine Katz, viel weniger ein Bosniak. Da schau, wie sich’s die da
-drunten gut g’schehn lassen.“
-
-Und er wies mit dem Finger auf die Halde hinab, auf der die Lagerfeuer
-flammten und von wo ab und zu dumpfes Stimmengewirr zu uns empordrang.
-
-„Na tröst’ dich,“ erwiderte ich „morgen trifft’s dafür andere, dann
-können wir’s uns gemütlich machen.“
-
-Arm in Arm gelegt, das Gewehr bei Fuß sahen wir hinab.
-
-Plötzlich ein Knall, ein klirrender Ton in unmittelbarer Nähe, und
-mein Kamerad riß seinen Arm aus dem meinen. Ein Schuß hatte die
-Menageschale auf seinem Tornister getroffen und wie wir uns nun
-umdrehten, pfiff eine zweite Kugel hart an meinem Ohre vorbei.
-
-Hinter einem großen Felsblock wurden zwei Gestalten flüchtig, eine
-höhere, dunklere, augenscheinlich ein Mann, und eine kleinere in
-lichter Kleidung, eine Frau.
-
-Wir rissen unsere Flinten an die Wangen und fast gleichzeitig krachten
-unsere Schüsse den wie Katzen gebückt Davonspringenden nach. Und wir
-hatten getroffen. Die kleinere Gestalt warf die Arme empor und sank zu
-Boden. Der Mann wollte sie fortziehen, aber schon hatten wir wieder
-geladen und wieder krachten unsere Schüsse über die steinige Hochfläche
-hin. Zugleich schmetterten vom Lager herauf die Alarmsignale und
-Kommandorufe ertönten.
-
-Da eilte der Mann fort und wir stürmten ihm nach. Bald waren wir bei
-der Getroffenen. Es war eine junge, bildschöne Frau. Rabenschwarzes
-Haar quoll unter einer kleinen roten Mütze hervor, in krampfhaften
-Stößen hob sich die jugendstrotzende Brust unter dem weißen Hemd, über
-das sich noch ein rotes, goldgesticktes Leibchen spannte, und als die
-Sterbende nochmal das Auge aufschlug, das schöne, tiefdunkle Auge, da
-war mir’s mit einem Male, als wäre es Heri, die da vor mir läge.
-
-„Wie eine Wildkatz,“ meinte mein Kamerad.
-
-Aber wir hatten nicht Zeit uns Betrachtungen hinzugeben, denn eben
-pfiff wieder eine Kugel an unserem Ohre vorbei: im nächsten Augenblick
-lagen wir hinter einem Felsblock in Deckung und begannen das Feuer zu
-erwidern, das uns hinter einem von Gestrüpp umwucherten Felswall hervor
-entgegenschlug.
-
-Schon kam aber auch unsere Hilfe. Jede Deckung verschmähend, sprangen
-die Kameraden, unser Oberleutnant voran, durch die Felsblöcke daher und
-rollende Salven schlugen in das Gebüsch, die das dortige Feuer rasch
-verstummen machten.
-
-Als wir dann das Gebüsch absuchten, fanden wir zwar Blutspuren, aber
-weder Tote noch Verwundete. Die hatten die Insurgenten mitgenommen,
-wie sie das auch immer taten, wenn ihnen nur halbwegs die Möglichkeit
-geboten war.
-
-Das war unser erster Zusammenstoß mit dem Feinde.
-
-Nachdem die ganze Umgegend abgesucht worden war und die Posten
-verstärkt waren, kehrte die Truppe ins Lager zurück. Mein Kamerad und
-ich blieben auf unserem alten Posten.
-
-Schimmernd im Lichte unzähliger Sterne war die Nacht gekommen.
-Weithin wundersame Stille, nur ein ganz, ganz leises Rauschen der
-Wälder zu unseren Füßen und ein geisterhaftes Flüstern in dem dürren
-Gras zwischen den Felsblöcken. Und dort drüben lag ein junges,
-schönes, totes Weib. Noch vor ein paar Stunden hatte sie nichts von
-uns, wir nichts von ihr gewußt, und nun lag sie von unseren Kugeln
-dahingestreckt, und ihre gebrochenen dunklen Augen fragten die
-friedlich ziehenden Sterne dort droben: warum?
-
-Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des
-bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all
-dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das
-Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an
-dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus
-seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling
-treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen,
-immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem
-ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also?
-
-Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen
-wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden
-und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß
-bewahrt.
-
-Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel
-und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen
-sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und
-es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über die verstümmelten
-Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig
-anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren.
-
-Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht
-Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin
-aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten,
-führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus.
-
-Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons,
-und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er
-hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte
-er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen.
-
-Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend
-die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen
-Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so
-beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren.
-Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen,
-die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte.
-
-Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte
-Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann
-tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz für
-eine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand.
-
-Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte
-emporklettern, um Ausschau zu halten.
-
-Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig
-wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im
-nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.
-
-„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht
-hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns
-wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern,
-das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren,
-entgegensprühte.
-
-Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber
-nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der
-ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren
-ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den
-Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst
-unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir
-den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die
-hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und
-mancher der hageren, braunen Gesellen mußte an die Treffsicherheit
-österreichischer Alpensöhne glauben.
-
-Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen
-Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer
-Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen
-Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar
-an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber
-vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem
-Tode bezahlt werden.
-
-Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns
-gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber
-immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück.
-
-Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum,
-ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend.
-
-Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den
-Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend,
-suchte er sich das Ziel für seine Schüsse.
-
-Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“
-
-Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem
-der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.
-
-Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden Stücklein seitens
-unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen
-Feldzuges so außerordentlich reich ist.
-
-Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete
-er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit
-dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank
-auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.
-
-In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der
-Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein
-persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und
-ich mußte mich seiner annehmen.
-
-Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf
-dem Bauche zum Oberleutnant.
-
-„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“
-
-Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt
-und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“
-
-Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte
-den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in
-seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine
-Züge.
-
-„Sie, Binder?“ sagte er leise.
-
-„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.
-
-Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad! -- Ich bin fertig!
-Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat
-gestorben.“
-
-Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in
-den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der
-ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.
-
-Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an
-den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir
-dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr
-Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“
-
-Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine
-Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll
-meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren
-Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb -- lieber als mich.“
-
-Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen
-sie noch an mein Ohr.
-
-Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher
-Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.
-
-Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ -- vergeblich, er
-war heimgegangen.
-
-In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des
-Sterbenden brachten mich außer mir. Gedankenabwesend sprang ich auf
-und begann wieder zu feuern.
-
-Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem
-Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.
-
-Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur
-so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes
-„Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern
-aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz
-eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine
-Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.
-
-Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.
-
-„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s
-erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man
-schon noch zusammen.“
-
-Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der
-nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht,
-und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die
-schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett
-und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal
-und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen
-haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt
-und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im
-Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen
-saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das
-Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen
-und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das
-noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen,
-ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen
-sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.
-
-Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag
-keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den
-Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine
-Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so
-süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas
-Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen
-möchte.
-
-Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald ein Gewitter. Schon
-um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den
-Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend
-grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der
-nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken
-zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert
-dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und
-abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten
-Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und
-zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß
-und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.
-
-So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen
-alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann
-zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des
-Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten
-Tiefen hinab.
-
-Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut
-unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel
-gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die
-stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm
-seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die
-aus seinen eigenen Gründen emporwallen.
-
-Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst
-quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille
-Heiterkeit des Wesens trüben.
-
-Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue
-Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie
-er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst.
-Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen
-leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende
-Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht:
-„Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der
-in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da
-ist, ist mein!“
-
-Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in
-die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem
-Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf
-denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter
-Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie
-Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in
-sich trägt, ist zum Messias berufen!“
-
-Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es
-sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in
-die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen Menschentums
-wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen
-lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.
-
-Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit
-tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine
-Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will,
-der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir
-nach!
-
-Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und
-es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer
-Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht
-auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen;
-aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf
-der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb
-mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln
-kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen
-Himmelsostern des Friedens.
-
-Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese
-Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich
-selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der
-weiten Welt!
-
-Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon damals angefangen hat,
-als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen,
-die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte
-mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien
-und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit,
-daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken
-zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen
-Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen
-konnte ich nicht ins Auge sehen.
-
-Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren
-naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.
-
-Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken.
-Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein
-Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht
-verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk
-ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und
-es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal
-würde gebrauchen können.
-
-Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber
-nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache
-früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war,
-wollte ich Marie heiraten. War Bartel damit einverstanden, dann wollte
-ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam
-führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten
-wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein
-kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß
-wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das
-hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich
-fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal
-durch wackere Arbeit zu meistern.
-
-Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun
-stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns
-werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der
-Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch,
-wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.
-
-Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz
-erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich
-hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte
-nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben
-sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem
-stillen Gebirgsgraben nichts.
-
-Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen
-dahin. Der Arzt konnte mir zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß
-mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch
-nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als
-der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich
-besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk,
-wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr
-gewachsen.
-
-Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden
-konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren
-Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der
-Heimat zu.
-
-Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.
-
-Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei
-unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und
-ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß
-der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und
-als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über
-vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich
-leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich
-die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees
-hernieder.
-
-Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises Regenrieseln, und als ich
-mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr,
-wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.
-
-Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden
-Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort
-eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der
-Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und
-Bier und Braten und Zigarren dankte.
-
-Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner
-Marie, zu meinem Kinde.
-
-Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die
-Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie
-Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch
-wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem.
-Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde
-mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen
-entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige
-Pflichten.
-
-Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von
-meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und
-wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung
-hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus
-meinem Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem
-Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur
-Heimat zu stärken.
-
-Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich
-nun gleich zu mir.
-
-Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen,
-und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele
-brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer
-weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit
-erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend
-nach Hause kommen.
-
-„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in
-seiner Neugierde gesättigt.
-
-„Wohin soll ich denn gehen?“
-
-„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint,
-weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner
-geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du
-dir am End um was anderes umschauen tätst.“
-
-Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße
-versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust
-drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr
-hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen
-und ich hatte nicht gezittert, war nicht erbleicht. Nun aber ging ein
-Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig
-in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.
-
-„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer
-erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“
-
-„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.
-
-„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder,
-„du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben
-können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den
-Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das
-Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“
-
-Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben
-das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen
-sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den
-Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die
-Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und,
-wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen
-Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der
-Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur
-mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter
-gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft von Grund auf
-umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.
-
-Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen
-nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht,
-wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere
-und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser
-Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich
-wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!
-
-Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr.
-Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war
-nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube
-war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache
-redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und
-ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in
-später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube
-verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht
-von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die
-alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die
-Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die
-Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der
-Heinrich Binder sei.
-
-Was nun anfangen? In immer schmerzlicher mein Herz zerwühlenden
-Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute
-Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den
-Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich
-seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit
-Marie gesessen war.
-
-Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen
-war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben
-an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und
-verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten
-Welt.
-
-Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein
-Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.
-
-Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck
--- und alles ist nicht mehr.
-
-Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem
-Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch
-zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s
-einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?
-
-Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen,
-was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich
-damals, über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht,
-wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all
-meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen
-Besitz nahm.
-
-Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im
-Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.
-
-Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde
-ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.
-
-Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn
-Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben
-nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.
-
-Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer
-Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser
-Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme
-so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht
-gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar
-Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht
-doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je
-mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es
-für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der
-Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen letzten Akt in der Tragödie
-meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger
-Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen
-lassen.
-
-Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu
-enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in
-Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da
-sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite
-Verworfener liegen.
-
-Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab
-gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im
-Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe
-sich die Kehle durchschnitten hatte.
-
-Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.
-
-Noch eine Weile saß ich so, -- ließ mein Leben an mir vorüberziehen und
-stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid
-hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert
-war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!
-
-Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah
-ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die
-Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“
-
-Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus
-Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein
-Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.
-
-Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen:
-„Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“
-
-„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber
-sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“
-
-Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch
-erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’
-euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten
-bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“
-
-Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches
-Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst
-schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine
-Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst
-bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das
-ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“
-
-„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal
-geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“
-
-„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und schüttelte ungläubig den
-Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“
-
-„Das ist nit möglich!“
-
-„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst
-von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner
-um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix
-draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich
-auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel
-zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr
-Kind gleich einen Vater gehabt.“
-
-„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend.
-
-„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein
-bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden.
-Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der
-Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im
-Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du
-jetzt?“
-
-„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür,
-jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es
-soweit mit mir gekommen war.
-
-Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles
-erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war.
-
-Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann
-sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an
-und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht
-einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein
-großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen
-verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst
-du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch
-noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und
-Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres
-gefunden hast, könntest es ja probieren!“
-
-Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat
-zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern
-mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den
-dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder
-den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe,
-liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte,
-ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller
-Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras
-strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu
-hören und zu fühlen: du bist daheim.
-
-Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf
-verließ, da er noch Geschäftsgänge hatte, und mich auf den Bahnhof
-bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte
-hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe,
-wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott
-emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich
-auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das
-Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich
-das Leben gemacht.
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden.
-Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum
-Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis
-ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem
-engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr
-zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der
-Weltfreude das Auge aufschlägt.
-
-Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.
-
-Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was
-irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem
-Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus
-und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen
-trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.
-
-Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele
-in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen
-dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an
-dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst
-verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an
-und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu
-schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst
-verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an
-die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert
-dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse
-dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein,
-so lange du mich liebst.“
-
-Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam
-zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue
-Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen
-entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache
-pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel
-und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das
-Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus,
-daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.
-
-Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich
-wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen,
-das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da
-in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich
-zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten
-stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.
-
-Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen
-Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie
-ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit
-überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre
-gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die
-Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit
-seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark
-bleiben können und müssen.
-
-Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der
-Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der
-Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig
-und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.
-
-Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die
-segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den
-Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die
-Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich
-ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber
-glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja
-überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.
-
-Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll
-hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur
-eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab
-und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu
-rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen
-Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft
-für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen
-wollte.
-
-Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war
-meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser
-ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht
-und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter
-Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und
-er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn
-abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht
-einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem
-ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.
-
-Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft
-sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und
-wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde,
-sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen
-Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen
-zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und
-hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen
-Arbeiten selbst besorgen konnte.
-
-Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr
-bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte
-Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit
-wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten
-können.
-
-Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete,
-die in der Mühle aus und ein gingen.
-
-Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man
-in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter,
-einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien
-ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium
-die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager
-Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend.
-Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder
-allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und
-strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt
-aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders
-werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines
-Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.
-
-Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln,
-die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal
-siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade
-in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war
-unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir,
-wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr
-brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde?
-Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab
-ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah
-und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein
-lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen
-Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch
-diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in
-Demut aufzunehmen hat.
-
-Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten
-einen gewaltigen Stoß erfahren.
-
-Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.
-
-In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich
-schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor
-mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz
-behaftet.
-
-Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir
-ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was
-an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der
-Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß
-Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz
-bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun
-näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir
-die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr
-doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte
-und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.
-
-Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt,
-fühlte aber, daß mich Marie ansah.
-
-Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit
-einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte,
-und da mußte ich ihr doch danken.
-
-„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du
-noch an meine arme Mutter denkst.“
-
-„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.
-
-Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte
-mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war
-Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir,
-daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der
-Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite
-hörte.
-
-Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau,
-es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s
-gekommen ist.“
-
-Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über
-die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich
-dauert’s nimmer zu lang.“
-
-„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“
-
-Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren
-Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das
---“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine
-Mutter wohl nie kennen lernen.“
-
-Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für
-möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’
-mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür,
-daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich
-kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das
-nit.“
-
-Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini,
-laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen,
-denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine
-will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“
-
-An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle
-hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu
-beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende,
-wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in
-der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die
-Dahingegangenen einen Rosenkranz.
-
-Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im
-Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben
-war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein
-Glück geben könne.
-
-„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich
-nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler
-gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“
-
-Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz
-einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig
-zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern
-würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war
-ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und
-Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat
-möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese
-Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das
-wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.
-
-Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens
-vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem
-Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an
-der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und
-Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren
-Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort
-kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu
-beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender
-wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke
-schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser,
-ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie,
-i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott
-nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in
-einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ -- der
-Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte,
-wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und
-sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte --
-„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber,
-viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen,
-hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer
-und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der
-kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß,
-Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i
-will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei
-mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“
-
-In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte
-mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl
-gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.
-
-„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war
-mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben
-Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch
-sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser
-ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis
-heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“
-
-Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten
-Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du
-alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich
-verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur
-eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“
-
-In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht
-ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes
-Weib, gebrochen an Leib und Seele.
-
-„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind
-halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da
-bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich
-habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und
-schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“
-
-Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige,
-was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“
-
-Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem
-Armensünderwinkel.
-
-„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für
-dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s
-sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat
-das Leben nit weniger hergenommen.“
-
-Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue
-flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen
-Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da
-brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht,
-beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch
-immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich
-und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich
-wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat,
-das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere
-Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da.
-Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken,
-daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick
-ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf
-wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles
-ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird
-schon wissen, was er mit uns will.“
-
-Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete
-ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald
-empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein
-Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein
-und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen
-war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so
-weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen
-Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den
-trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es
-ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle
-zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen
-könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein,
-noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar
-genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es
-wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte,
-woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.
-
-Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben
-ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine
-Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen
-Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und
-ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.
-
-Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte
-Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner
-hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie
-sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken
-lassen.
-
-Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß
-ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer
-Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten
-und Händel ab.
-
-So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein,
-daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach
-geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen,
-wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur
-Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus
-dem Eise herauszuhauen.
-
-Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom
-Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war
-am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom
-Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends
-fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die
-Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen
-sei.
-
-Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze
-Mühlenpersonal -- Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte
-Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers -- wurden aufgeboten.
-Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum
-Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf
-die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom
-Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über
-eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee
-hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine
-Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu
-entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen.
-Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.
-
-Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die
-einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im
-Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens
-nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu
-heucheln brauchte.
-
-Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz
-empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich
-Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin.
-Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß
-mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat
-zurückgeführt habe.
-
-An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich
-wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht.
-Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er
-hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.
-
-Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so
-furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit
-gedacht hatte.
-
-Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung
-stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in
-die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel
-vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr
-auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine
-Forderungen präsentierte.
-
-Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit
-dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries
-Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich
-gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie
-gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male
-klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.
-
-Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer
-Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse
-gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal
-hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der
-Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?
-
-Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.
-
-Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die
-noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.
-
-Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine
-umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine
-Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter
-wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte
-mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.
-
-Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie
-eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und
-meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen
-laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf,
-schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich
-seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen,
-der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn
-deine Schwester Wirtschafterin ist, statt eine fremde Person. Bartel,
-überleg dir’s!“
-
-„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar
-Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige
-Mägen haben.“
-
-„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie.
-„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf
-den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die
-Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet,
-bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“
-
-„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf.
-Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“
-
-Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich,
-Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in
-meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur
-dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers
-Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich,
-Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“
-
-Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da
-klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich
-hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du
-weiterkommst mit deinem Bankert.“
-
-Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die
-Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du,
-einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als
-du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft
-du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau
-mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal
-sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und
-darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein
-miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen
-ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“
-
-Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen
-dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.
-
-In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es
-zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.
-
-Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag
-zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast
-gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.
-
-Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf
-und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor
-Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der Tischkante lag das
-Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.
-
-Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!
-
-Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste
-mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war,
-auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.
-
-So bin ich zum Mörder geworden.
-
-Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat
-stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was
-immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe
-wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.
-
-Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich
-mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu
-bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am
-Tischfuße lag.
-
-In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also
-bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen
-Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.
-
-In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben
-die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken
-nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten
-erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich
-vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich
-getan.
-
-Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten
-sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der
-Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten
-Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen,
-fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde
-aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt.
-Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor
-allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen
-anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um
-ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer
-ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine
-militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher
-darausgekommen.
-
-Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine
-gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst
-keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie
-die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also,
-ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor
-fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.
-
-
-
-
-XV.
-
-
-Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist
-vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und
-färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich
-hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie
-keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den
-Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und
-ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen
-kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge
-und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu
-sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt
-hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in
-weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter
-will nicht kommen.
-
-Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises
-Piepsen laut, die Rehe und Hirsche ziehen langsam zum See und scheinen
-wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn
-wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend
-die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen
-langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den
-Hochwald zurück.
-
-Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen,
-ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht
-ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh
-ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s,
-als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß
-durchbebt.
-
-Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in
-geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese
-Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur
-entfremdet hat.
-
-Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern
-auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine
-göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte
-sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und
-als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön
-gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte unverstandene
-Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten
-durch die traumstille Seele huscht.
-
-Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens
-geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf
-meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.
-
-Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit
-anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde
-stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken
-aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre
-Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf
-meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in
-einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte,
-unerbittliche Notwendigkeit.
-
-Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam
-meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte
-die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“
-
-Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“
-
-Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele
-hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer
-liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die
-schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark
-und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s
-verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen
-möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist
-Kraft.“
-
-Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir
-gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir
-vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses
-graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr
-mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.
-
-Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was
-noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann
-war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.
-
-Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg
-vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen
-zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst,
-so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen
-Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das
-Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.
-
-Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen
-abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines
-stand fest in mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein
-Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun
-haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein
-Leitstern sein.
-
-Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß,
-die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für
-mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher
-Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war,
-Aufseher über den Holzplatz werden.
-
-Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner
-Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.
-
-Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.
-
-Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie
-hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war
-gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.
-
-Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide
-Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“
-
-Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe,
-Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner
-Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.
-
-Es herrschte eine Weile Stille.
-
-Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat
-bist du frei?“
-
-Ich nickte und sah sie fragend an.
-
-Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini,
-ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“
-
-Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht
-mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht
-nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem
-Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal
-allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz
-oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte,
-ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst
-und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden
-die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders,
-bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“
-
-Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte:
-„Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist
-für mich das Wichtigste.“
-
-„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat
-schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch
-einmal aufgeweckt würde.“
-
-Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns
-hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu
-fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher
-zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht
-über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht
-besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei
-einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und
-wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir
-wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für
-mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in
-Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“
-
-Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.
-
-In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er
-verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich:
-„Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als
-ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich
-gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts
-schuldig.“
-
-Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das
-glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir
-nichts mehr dran, und du willst dich selbst auch schlecht machen.
-Heini, das darfst du nimmer sagen!“
-
-Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst,
-als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist
-mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso
-gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt
-nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir
-nichts mehr.“
-
-Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“
-
-„Auch du nicht.“
-
-Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.
-
-In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher
-Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe
-die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht
-nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch
-verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so
-verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend
-etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im
-Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein
-kann.“
-
-Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein
-zarter Sonnenstrahl leuchtete es in denselben auf, als sie sprach:
-„Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s
-einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur
-mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also
-gib mir die Hand darauf.“
-
-Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit
-der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.
-
-Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche
-für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.
-
-Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und
-vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel
-brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein
-Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich
-auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die
-Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.
-
-Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter
-geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen
-lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem
-Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen
-der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen Sänger. Und da
-wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die
-Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.
-Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu
-sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor
-der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße
-Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender
-Sommertage.
-
-Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes
-Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast
-an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden
-mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem
-lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages.
-Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen
-sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all
-die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit.
-Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh
-begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends
-sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und
-kann tot sein, was neues Leben schafft?
-
-Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und
-eine starke Faust hätte ihn nun plötzlich weggerissen. Eine Segensflut
-heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend
-ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben.
-Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
-Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt
-hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze,
-so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser
-riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne
-zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und
-einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden
-sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die
-Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.
-
-So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir
-Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.
-
-Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß
-einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu
-kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen.
-Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer
-für sich selbst.
-
-Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch
-ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem
-Menschen mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören.
-Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!
-
-Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher
-aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem
-zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die
-Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein
-dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der
-Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe
-zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der
-Notwendigkeit zu entziehen.
-
-Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen!
-Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück
-liegt doch so nahe!
-
-Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der
-Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und
-Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.
-
-Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in
-meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die
-jemals in mein Leben getreten sind!
-
-Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die
-Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.
-
-Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen Fäden, und wenn ich
-Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über
-ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf
-seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind
-und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.
-
-Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir
-gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater
-nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens
-an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte
-Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.
-
-Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens
-aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde
-gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da
-sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen
-und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.
-
-Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen
-wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht
-aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus
-großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von
-dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter
-und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdischen
-Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen
-kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme
-und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der
-tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und
-im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der
-Ewigkeit ins Land des Friedens.
-
-So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde
-kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele
-durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der
-ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet.
-
-
-
-
-XVI.
-
-
-Eben war ich gestern daran, unter diese Blätter der Erinnerung das
-Schlußwort zu setzen, da wurde ich unterbrochen: Heri ist zu mir
-gekommen und Marie hat sie zu mir geführt.
-
-Ins Schreiben vertieft, sah ich nicht, wie sie beide herankamen; erst
-als sie schon unter der Türe standen, machte mich der Schatten aufsehen.
-
-„Heinrich,“ sagte Marie, „ich habe da jemand gebracht, der mit dir
-reden will! Kennst du diese Frau?“
-
-Und ob ich sie erkannte! Sie sah wohl älter aus, als sie war und
-jedenfalls viel älter als Marie, ihr Haar war grau und Kummer hatte mit
-scharfem Meißel in ihrem Gesicht seine Spuren eingegraben, aber das
-Auge, das dunkle, das hatte sein wundersames Leuchten nicht verloren,
-wenn auch jetzt eine bange Frage darinnen lag.
-
-Ich verstand diese Frage und ruhig beantwortete ich sie damit, daß ich
-Heri die Hand bot und sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau. Es freut mich,
-Sie wieder einmal zu sehen.“
-
-„Ich hatte gehört, daß Sie hier sind,“ sagte sie noch immer scheu und
-unsicher, „und da ich im Schloß drunten eine Sommerwohnung bezogen
-habe, konnte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, Sie einmal
-zu sprechen. Ich habe ja noch etwas abzubitten!“
-
-Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz
-gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es
-auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen
-haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach
-Ruhe.“
-
-Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in
-ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten.
-Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen?
-
-„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe Ihnen nichts zu
-verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das
-Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten
-sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals
-draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich
-nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird,
-aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was
-geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“
-
-Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß
-Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag
-vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und
-von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles
-zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“
-
-Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung.
-Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und
-ahnte.
-
-Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei,
-die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um
-die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um
-den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes
-Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und
-sie war es auch gewesen, die dann auf die Heirat mit dem Oberleutnant
-von Steindl gedrängt hatte.
-
-„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich
-für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach
-kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr
-Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die
-Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die
-häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen,
-Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle
-Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über
-ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht
-zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann
-nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo
-ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es
-ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein
-Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er
-einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“
-
-„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein.
-
-„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß
-er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem
-Vater sagen zu können.
-
-Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen, und als er als
-schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz
-auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das
-Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich
-mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als
-er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum
-Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine
-Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf
-fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache
-hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in
-diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar
-gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat
-an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen.
-Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem
-Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet,
-als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale
-erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie
-mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“
-
-Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß
-ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus
-aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie
-nicht und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst,
-längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch
-geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine
-Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich
-zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen
-Menschen verantwortlich machen.“
-
-Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann
-nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir
-aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren
-konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt.
-
-Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es
-mir: „Aber Heri!“
-
-Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler
-und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“
-
-Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen
-Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus
-unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir
-wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen
-hat.“
-
-Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir
-drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne
-über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und wir wollen sie genießen,
-solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine
-Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir
-noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden
-sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“
-
-Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du
-nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast.
-In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe
-geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan?
-Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu
-stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer,
-sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von
-irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist
-demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse
-dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke
-dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum
-ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen!
-
- * * * * *
-
-Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame
-Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat.
-Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die
-seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte.
-
-Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den
-Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt.
-
-Zwei Tage nach ihrer Begegnung mit dem Jugendgeliebten stieg sie wieder
-mit Marie und ihren beiden Enkeln zur einsamen Köhlerhütte empor.
-
-Es war der letzte Augusttag, glutzitternd, wie die vorausgegangenen.
-
-Während die Frauen mit dem Freunde im Schatten der Hütte saßen und von
-vergangenen Tagen sprachen, trieben sich die Kinder im Hochwald umher.
-
-In ihr Geplauder vertieft, hatten es die drei Menschen nicht acht, daß
-über dem Gamsstein ein tellergroßes Wölklein aufgezogen war, das rasch
-anwuchs, die Sonne erst in dunstige Schleier hüllte und dann immer
-dunkler sich färbend, sich mehr und mehr über die Berggipfel senkte.
-Erst als der erste bange Windstoß durch den Wald fuhr, da schreckten
-die ganz in ihre Erinnerungen vertieften Menschen auf.
-
-Ein Blick zeigte dem des Wetters kundigen Manne, daß in der nächsten
-Viertelstunde schon das Gewitter losbrechen mußte.
-
-Da eilten alle drei, nach den Kindern rufend, in den Wald. Endlich ward
-ihren angstvollen Rufen Antwort. In dem Wildgraben, der vom See zum
-Gamsstein emporzieht, waren die beiden über Felsblöcke und Trümmerwerk
-emporgeklettert und nun schwenkten sie hoch herab ihre weißen Strohhüte
-und jubelten ihr stolzes: „Hurra!“
-
-Da erhob Frau von Steindl ihre Stimme: „Kommt augenblicklich herab,
-in der nächsten Minute ist das Gewitter da!“ Und als wollte die Natur
-selbst ihre Warnung bestätigen, brach aus dem dunklen Wolkentuch ein
-fahler Blitz und langhin durch die Felsen rollte der erste Donner.
-
-Nun begannen die Knaben abwärts zu klettern. Aber das ging noch
-langsamer als das Aufwärtssteigen, und als sie etwa ein Viertel ihres
-Weges zurückgelegt hatten, da flammte plötzlich ringsum blendender
-Schein, als schlage der ganze Wald in einer einzigen Lohe empor, der
-Boden bebte unter betäubendem Krachen und im nächsten Augenblick
-barsten die Wolken und mit dem mächtigen Rauschen eines Stromes
-schütteten sie ihr Wasser auf die ausgedorrte Erde.
-
-Und nun war ein Brausen und Rollen und Schmettern und Flammen und
-Lodern ringsum, als sei der Tag der allgemeinen Vernichtung gekommen.
-
-In den dichten Regenschleiern verschwanden die Knaben für einen
-Augenblick und die beiden Frauen schrien auf. Aber da erschienen sie
-auch schon wieder. Die Angst gab ihnen Kraft und Gewandtheit, daß sie
-schier wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen.
-
-Heinrich Binder aber war bis an den Rand des Wildbachbettes
-vorgesprungen und warf einen Blick in dieses hinab. Richtig, was er
-befürchtet, war eingetroffen, schon wälzte sich ein brauner Bach durch
-das Bett, das mit jedem Augenblick stieg und immer mehr und mehr
-Schlammassen herabwälzte. Keine fünf Minuten mehr und er war so stark,
-daß er die Knaben mit sich reißen mußte, hinunter in die grausige Tiefe
-des Sees.
-
-Auch die Knaben hatten die Gefahr erkannt und begannen zu schreien.
-
-„Habt keine Angst,“ rief ihnen der Kohlenbrenner zu, „springt da herab!
-Schaut, daß ihr auf den Stein dort kommt!“
-
-Damit wies er auf einen Felsblock in der Mitte des Wildbettes, um den
-die braunen Schlammwasser zischten und schäumten.
-
-Glücklich erreichte ihn der größere der Knaben und da sprang auch schon
-der Kohlenbrenner in die unheimlich rasch steigende Flut, watete die
-paar Schritte hinüber, faßte ihn und trug ihn ans rettende Ufer.
-
-Der Kleinere aber, der nicht so rasch hatte folgen können, hatte sich
-ein kleines Stück weiter oben an einen Felsen angeklammert und schrie
-in seiner Todesangst wie ein Wahnsinniger.
-
-Aber schon stand Heinrich Binder wieder im Wasser und obwohl er den
-Grund unter sich fortrieseln fühlte und Steine dahergesaust kamen, er
-arbeitete sich keuchend bis zu dem Knaben empor, der sich ihm an den
-Hals warf und diesen umklammerte, daß der Retter kaum atmen konnte.
-
-Aber nun zurück. Binder hielt sich an der felsigen Uferseite, denn in
-der Mitte des Bettes war kein fester Grund mehr zu fassen. In jede
-Ritze der Felsen krallte er seine Finger, jede Zacke umklammerte er,
-mit dem Fuß zugleich immer nach dem nächsten sicheren Tritt tastend.
-Schon war er in nächster Nähe der Stelle, wo die zurückweichenden
-Felsen einen Sprung ans Ufer gestatteten, da schoß ein mächtiger
-Wasserschwall daher, er verlor den Grund, taumelte und wäre unfehlbar
-samt dem Knaben in die Tiefe gerissen worden, wenn nicht Frau von
-Steindl, ohne sich zu besinnen und das eigene Leben in die Schanze
-schlagend, in die quirlende Flut gesprungen wäre und mit der Kraft, die
-die Verzweiflung gibt, nach dem Köhler gefaßt hätte, während sie mit
-der Linken zugleich einen Fichtenschößling umkrallte, der am Ufer stand.
-
-Und wirklich gelang es, daß sich der Köhler mit ihrer Hilfe wieder
-auf die Beine brachte. Während seine Hand ebenfalls nach dem
-Fichtenschößling griff, keuchte er ihr zu: „Schau, daß du hinauskommst
-und nimm das Kind, ich komm schon nach!“
-
-Aber fast im selben Augenblick schoß, von den Fluten dahergesprengt,
-ein kopfgroßer Stein gegen seine Brust und mit ächzendem Aufschrei
-wollte Binder eben den Fichtenschößling loslassen, als auch Marie
-herbeisprang, den neuerdings Taumelnden erfaßte und mit Aufwendung
-aller Kraft ans Ufer zog.
-
-Heinrich Binder war gerettet und ebenso die beiden Knaben. Während aber
-die Kinder mit dem bloßen Schrecken und vollständiger Durchnässung
-davongekommen waren, sah es mit jenem schlecht aus.
-
-Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und aus seinem Munde
-sickerte Blut. Heinrich Binder war ohnmächtig und er kam auch nicht zum
-Bewußtsein, während ihn die beiden Frauen durch den Wettersturm in die
-Hütte schleppten.
-
-„Da muß ein Doktor her!“ keuchte Marie. „Bleib du bei ihm, ich laufe in
-die Mühle hinab.“
-
-Und durch den Regenguß und das Brüllen und Flammen um sie, eilte sie in
-die Mühle, und während ihr Sohn mit seinem leichten Wägelchen nach dem
-Doktor jagte, stieg sie mit stürmendem Herzen wieder empor zum Seeforst.
-
-Heriberta von Steindl hatte einstweilen die beiden Knaben des
-triefenden Gewandes entkleidet und in Decken gewickelt auf der weichen
-trockenen Streu des Nebenraumes gebettet. Dabei ließ sie aber den
-Bewußtlosen nicht außer acht, aus dessen blutleeren, halbgeöffneten
-Lippen fortwährend ein Röcheln kam, das mitunter zu einem leisen
-Stöhnen anschwoll.
-
-Frau Heriberta war ratlos. Sie hatte dem leblosen Manne die Kleider
-über der Brust geöffnet, aber es zeigte sich keinerlei äußere
-Verwundung und sie wußte nicht, was sie tun sollte.
-
-So saß sie an dem Bettrande und starrte in einemfort in das bleiche
-Gesicht und ihre ganze selige Jugend zog an ihrem Auge vorüber. Wie
-sehr hatte sie dieser Mann da geliebt, wie schweres Leid hatte sie
-ihm zugefügt, und nun hatte er noch in aufopfernder Liebe das Letzte
-gerettet, was ihrem verlorenen Leben geblieben war: ihre Enkel.
-
-Und da konnte Frau Heriberta nicht anders, sie mußte sich niederbeugen
-und die schlaff auf der Bettdecke liegende Hand küssen, die das
-Rettungswerk vollbracht hatte.
-
-Und als hätte er die zarte Berührung der bebenden Lippen und die heiße
-Träne, die auf die Hand fiel, gespürt, schlug der Kranke die Augen auf
-und sah starr in die angstvoll fragenden Augen Frau Heribertas. Er
-mußte sich erst besinnen, was geschehen war.
-
-„Wie geht’s dir, Heini?“ fragte Frau Heriberta und strich ihm eine
-feuchte Haarsträhne aus der Stirne.
-
-Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“
-
-„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich
-sein. Heini, die Sonne muß kommen!“
-
-Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn.
-
-Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furchtbar das Gewitter
-dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht.
-
-Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder
-blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in
-blendendes Gold.
-
-Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das
-kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben
-streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln
-glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er
-so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner
-Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes
-Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz
-der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster
-Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs
-Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem
-Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen.
-
-Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten,
-begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen
-hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln
-an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen
-Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete
-ihren sterngestickten Königsmantel über den Einzigen auf der weiten
-Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die
-Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt.
-
-In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige
-ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Im Romanverlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig
-
-ist von =Karl Bienenstein= erschienen:
-
-
-Die Worte der Erlösung
-
-Ein Roman der Sehnsucht
-
-In geschmackvollem Geschenkeinband
-
-Dieses neueste Werk des bekannten österreichischen Dichters ist
-ein Künstlerroman, der durch Liebe und Haß den Lebensweg zweier
-entgegengesetzten Charaktere zu erschütternder Katastrophe und zu
-befreiender Höhe führt; eine Dichtung von reichstem Lebensgehalt, ein
-packendes Werk hochstrebender, tiefinnerlicher, überwindender Kunst.
-
-
-Im Verlag von Ad. Bonz & Comp. in Stuttgart:
-
-Deutsches Sehnen und Kämpfen
-
-Ein Wachauroman
-
-#Urteile der Presse#:
-
-=Staatsanzeiger für Württemberg=: Aus dem Buche spricht soviel
-Gesundheit, Warmherzigkeit und Natürlichkeit des Empfindens, daß man es
-mit höchstem Genuß liest.
-
-=Saale-Zeitung=: Der großen Erzählerkunst Bienensteins haben wir
-ein Buch zu danken, das hauptsächlich durch die Sicherheit der
-Linienführung imponiert.
-
-=Deutsche Arbeit=: Ein schönes, ergreifendes Buch, das im ganzen
-Rhythmus seines Stils und der innig gedanklich vertieften Darstellung
-die belebende Kraft des Dichters zeigt.
-
-=Münchener Neueste Nachrichten=: Mit dankbarer Freude legt man
-dieses Buch aus der Hand, dessen Titel ein Kampfprogramm und damit
-einen Tendenzroman vermuten läßt. Aber alles, nur nicht dies, kann
-Bienensteins vortrefflicher Roman genannt werden, denn die Tendenz
-ist so eingewirkt in den Efeu deutscher Poesie und echten Empfindens,
-daß sie nie störend erscheint, sondern als wertvolles, überzeugendes
-Dokument durch die Entwicklung der Geschehnisse sich herausschält.
-
-=Österreichische Landzeitung=: Welch außerordentlich feine Beobachtung
-der Wirklichkeit, und welch reinste Poesie des reifen, sprachlich und
-künstlerisch geschulten Genius! Schon die Einleitung ist ein Hymnus von
-klassischer Schönheit! (Prof. P. Wichner.)
-
-=Die Südmark=: Fürwahr ein seltsames Buch voll glühender Farbenpracht
-und künstlerischen Geistes!
-
-=Deutsche Wacht=: Das Buch ist eine völkische Tat!
-
-=Berliner Lokal-Anzeiger=: Die politische Intrige des Romans ist mit
-meisterhafter Sicherheit durchgeführt; ihre Darstellung zeichnet sich
-durch künstlerische Ruhe und Sachlichkeit aus.
-
-=Kunstwart=: Bienenstein hat die seltene Gabe, alles ohne romanhafte
-Absicht und Ziererei zu sagen. Diese Ruhe des Erzählers ist in
-Deutschland überhaupt kaum mehr zu finden.
-
-
-
-
-Adolf Bonz & Comp., Stuttgart
-
-
-Fritz Stüber-Gunther
-
-Der Schönheitspreis
-
-Roman
-
-Geheftet M. 5.25, gebunden M. 9.--
-
-Fritz Stüber Gunther, der Wiener Schriftsteller, veröffentlicht mit
-diesem Roman sein schönstes und zugleich reichstes Werk. Es ist einer
-der besten und prächtigsten Wiener Romane, die in der letzten Zeit auf
-den Büchermarkt gekommen sind. Meisterhaft sind die einzelnen Typen
-herausgearbeitet, die Sprache ist von edlem Wohllaut, manche Szenen
-sind geradezu von einer mitreißenden Kraft und Schönheit. Da der Verlag
-dem Werke eine schöne Ausstattung zuteil werden ließ, eignet es sich
-ganz besonders für den Weihnachtstisch.
-
- Mödlinger Zeitung.
-
-
-_C. i._
-
-Roman
-
-Geheftet M. 4.80, gebunden M. 7.50
-
-Peter Rosegger schrieb an den Verfasser:
-
-In der Sommerfrische habe ich nun Ihren Roman „_C. i._“ gelesen. Ich
-danke Ihnen und freue mich von Herzen des großen Talents, das Ihnen
-eine schöne Zukunft bringen wird.
-
-Ich bin müde und habe das Bücherbesprechen aufgegeben. Doch über Ihren
-Roman, in dem sich Realismus und Idealismus (um mich abgebrauchter aber
-bezeichnender Ausdrücke zu bedienen) in klassischer Weise vereint, will
-ich gelegentlich doch ein paar Worte sagen. Ich fühle mich gehoben und
-sehr erfreut von Ihrem Buch.
-
- Mit herzlichem Gruß
-
- =Peter Rosegger.=
-
-
-
-
-Adolf Bonz & Comp., Stuttgart
-
-
-Schwiegersöhne
-
-Roman
-
-Geheftet M. 6.--, gebunden M. 9.--
-
-Eine wirkliche Daseinsfreude offenbart sich hier, die herzlichste
-innere Teilnahme an den Geschöpfen der eigenen Phantasie, die sich
-erwärmend auch dem Leser mitteilt, Gesundheit und Frische, die auf dem
-Urgrunde volksmäßigen bodenbeständigen Empfindens gedeihen. Das nun so
-viel bespöttelte Wort „Heimatkunst“ charakterisiert doch am besten das
-Werk, das eine Fülle von Typen aus dem Wiener Leben in Ernst und Humor
-zu einem prächtigen Lebensausschnitte vereint. Wenn ein früheres Buch
-dieses Erzählers bei Peter Rosegger jubelnde Freude erweckte, so wird
-auch dieser Roman bei jedem ähnliche Empfindungen auslösen.
-
- Rhein. Kurier.
-
-
-Gottsmann der Egoist
-
-Roman
-
-Geheftet M. 5.25, gebunden M. 10.50
-
-In vielen Beziehungen geistesverwandt mit dem Altmeister Eduard Pötzl,
-ist er es auch in dem einen Punkte, die Liebe zum Österreichertum,
-zum Deutschtum in Österreich besonders, letzten Endes aber die
-Liebe zu Wien, zu jenem alten Wien, das nicht mehr ist, zum Wien
-Guschelbauers und des guten alten Wiener Liedes. Was Stüber-Gunther da
-über das österreichische Staatsbeamtentum sagt, wie er den Offizier
-sieht, die Gedanken, die er über die Lebensauffassung der in Wien
-ansäßigen Tschechen im Gegensatz zu den Deutschen andeutet, geben
-einem aufmerksamen Leser sehr zu denken. Die Gestalten des Romans
-sind glänzend und wahr gezeichnet. Es gibt Episoden darin, die zu den
-schönsten gehören, was man zu lesen bekommt. Der Gesamteindruck: Ein
-selten schönes Buch, das zu jenen Büchern gehört, die man sich aufhebt,
-und das sind alljährlich wohl sehr wenige.
-
- A. Wohlfahrt in Fricks Rundschau.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Einzige auf der weiten Welt, by
-Karl Bienenstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT ***
-
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- Der Einzige auf der weiten Welt, by Karl Bienenstein&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<body>
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-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Der Einzige auf der weiten Welt, by Karl Bienenstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Einzige auf der weiten Welt
- Ein Menschenleben
-
-Author: Karl Bienenstein
-
-Release Date: November 4, 2020 [EBook #63630]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a>
-wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter erstellt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe39_66" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Original-Bucheinband</div>
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s4 center break-before">Karl Bienenstein</p>
-
-<p class="s3 center">Der Einzige auf der weiten Welt</p>
-
-<div class="figcenter illowe4" id="stdeko">
- <img class="w100 mbot3" src="images/st_deko.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<h1>Der Einzige auf<br />
-der weiten Welt</h1>
-
-<p class="s2 center">Ein Menschenleben</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Karl Bienenstein</b></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="center mbot3">Dritte bis fünfte Auflage</p>
-
-<div class="figcenter illowe4_5" id="signet">
- <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s4 center"><span class="bb">Verlag von Adolf Bonz &amp; Comp.
-in Stuttgart</span></p>
-
-<p class="s4 center">1922</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.</p>
-
-<p class="s3 center break-before padtop5">Emil Sulzbach,</p>
-
-<p class="center mleft1">dem feinsinnigen Komponisten, dem<br />
-tiefen Menschen und edlen Freunde</p>
-
-<p class="center mleft15">zugeeignet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td>
- <div class="center">Kapitel</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft4"><a href="#I">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft4"><a href="#III">36</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">V.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="center">„</div>
- </td>
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- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">IX.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
- <div class="right">X.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XI.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XII.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XIII.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XIV.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XV.</div>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">XVI.</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft4"><a href="#XVI">285</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe
-hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends
-ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines
-Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder
-als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der
-weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach
-einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so
-großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort
-ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen
-mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den
-verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über
-dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung
-hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der
-weiten Welt!</p>
-
-<p>Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und
-selig, denn was sie<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose
-und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da
-draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und
-Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht,
-sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn
-sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und
-es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort
-drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über
-die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich
-nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß,
-daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien
-Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin
-liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem,
-was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude,
-die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber
-dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum
-weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!</p>
-
-<p>O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich,
-an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig.
-Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt,
-bin ich gegangen und ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> geweint wie ihr, ich habe getobt, ich
-habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem
-Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten
-und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder
-doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer
-und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der
-geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.</p>
-
-<p>Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im
-roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die
-Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne
-Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes
-Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter
-vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint
-ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch
-alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen
-ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="mtop2">Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine
-Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube
-trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten,
-verschwommenen Eindruck, etwa<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> so, wie von einem Bild, das in einer
-dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer
-einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem
-Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling,
-Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den
-das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da
-waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da
-war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche
-mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der
-ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen
-Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende
-Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und
-dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen
-Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und
-fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die
-sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag
-wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende
-Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende
-Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war
-es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt ge<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span>worden und lebte
-doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die
-Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen
-war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben
-seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt,
-daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.</p>
-
-<p>Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag
-mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war
-sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen;
-im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren
-geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es
-verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.</p>
-
-<p>Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein
-Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand
-in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und
-rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze
-flehend: „Franzl, mach die Augen auf! &ndash; Ich bitt dich, Franzl, mach
-die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! &ndash; hörst nit! &ndash;
-Franzl!“</p>
-
-<p>Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span> wie ich in meinem
-ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit
-den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von
-der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit
-gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine
-so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach
-nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg
-hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser
-hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes
-auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht
-stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam
-ich in der Mühle an.</p>
-
-<p>Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube
-ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der
-Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag
-verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und
-als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine
-vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen:
-„Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“</p>
-
-<p>Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen,
-ich schluchzte nur, aber ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein
-Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie
-ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die
-Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte
-geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und
-im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.</p>
-
-<p>Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah!
-Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die
-Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür
-sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in
-ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins
-&ndash; zwei; eins &ndash; zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das
-Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da
-und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles
-kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte
-und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von
-den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester
-und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein
-glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch
-eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flü<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span>stern, dann ein Raunen
-wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein
-Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein
-Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei
-meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir
-war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger
-Angst.</p>
-
-<p>Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die
-ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu
-viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das
-nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals
-als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen
-wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten
-mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du
-jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe
-quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit
-unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.</p>
-
-<p>Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind
-für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück
-schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben
-der Mühle, in die mich Marie führte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p>
-
-<p>Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm
-um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und
-schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden
-Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit.
-Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul
-gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben
-Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt
-nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“</p>
-
-<p>Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater
-haben s’ erschossen.“</p>
-
-<p>Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben
-erwacht.</p>
-
-<p>Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich
-wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und
-stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal
-nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für
-ihn beten, Heinerle!“</p>
-
-<p>Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben
-sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen.
-Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes,
-erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und
-so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span>
-Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es
-kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der
-Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die
-Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des
-Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn
-hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.</p>
-
-<p>Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß
-auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter
-standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das
-Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat,
-er wird’s auch wieder recht machen.“</p>
-
-<p>Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an
-sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein
-und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“</p>
-
-<p>Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem
-Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu
-schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.</p>
-
-<p>Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es
-und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie,
-„wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> machen; weißt, er schaut
-jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“</p>
-
-<p>Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen
-Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn,
-rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und
-Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon
-ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf
-die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden
-geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu,
-während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das
-wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu
-und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im
-Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden
-könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.</p>
-
-<p>Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich
-sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein
-violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich
-der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der
-Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde
-Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> und
-nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf.
-Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen
-Vater das Totenglöcklein.</p>
-
-<p>Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten
-Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze
-Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige
-Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden,
-Amen.“</p>
-
-<p>Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von
-tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst
-schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so,
-daß ich aufs neue zu weinen anhub.</p>
-
-<p>Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der
-Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich
-immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den
-Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den
-Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.</p>
-
-<p>„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater
-erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom
-Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span></p>
-
-<p>So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es
-nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich
-auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf
-mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und
-hielt uns auseinander.</p>
-
-<p>Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst,
-Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von
-dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich,
-das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“</p>
-
-<p>Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch
-wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber
-empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete
-über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die
-unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.</p>
-
-<p>Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte,
-denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah,
-sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das
-kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst
-jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit
-Ruhe lassen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p>
-
-<p>Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder
-allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.</p>
-
-<p>Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah
-ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich
-von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue
-die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach
-Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten
-Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der
-üblichen Totenwacht eingefunden hatten.</p>
-
-<p>Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im
-Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie
-das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und
-gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und
-sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes,
-Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges,
-das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und
-dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten,
-die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten,
-nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie
-die der Kirche, wo der liebe Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> in dem goldenen Tabernakel wohnt.
-Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern
-so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die
-Knie beugten.</p>
-
-<p>In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten
-Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen
-in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten
-Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.</p>
-
-<p>Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des
-Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von
-unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten
-Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien,
-kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der
-Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein
-Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.</p>
-
-<p>Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine
-Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese
-aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch
-nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter
-plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber
-sanft abwehrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span></p>
-
-<p>Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der
-Heinerle, gelt?“</p>
-
-<p>„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen
-kämpfend.</p>
-
-<p>„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß
-du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns
-kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die
-Hand!“</p>
-
-<p>„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“</p>
-
-<p>Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen
-Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand
-flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle
-waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter
-Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt
-wurde.</p>
-
-<p>„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist
-ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu,
-„aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen.
-Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns
-haben!“</p>
-
-<p>Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie
-neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span>
-Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich
-Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und
-doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre
-Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die
-Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit
-ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein
-sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu
-können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den
-ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr
-selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß
-sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu
-ihnen führt.</p>
-
-<p>Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan.
-Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der
-Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es
-mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.</p>
-
-<p>Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> in Nähe und Ferne. In
-schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre
-Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren
-Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste
-Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein,
-weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und
-majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen
-wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in
-den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht
-und schön, göttlich schön.</p>
-
-<p>Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen
-wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend
-um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den
-Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die
-Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort
-zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche
-und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf
-mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine
-Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der
-der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span></p>
-
-<p>Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen
-Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im
-Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur
-Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie
-totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser
-Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich
-heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei
-Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich
-erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.</p>
-
-<p>Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem
-alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles
-fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht
-dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie
-sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.</p>
-
-<p>Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner
-Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des
-Vaters zu räumen hätte.</p>
-
-<p>Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich
-wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur
-Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich,
-hören Sie mich doch zu Ende.<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Es ist ja ganz selbstverständlich, daß
-Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die
-Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die
-seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt.
-Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins
-Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen
-Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche
-brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles
-erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s
-angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“</p>
-
-<p>Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie
-war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension
-abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine
-Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem
-Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie
-uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.</p>
-
-<p>„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber
-ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr
-Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon
-bei der Leiche so gut zu mir!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span></p>
-
-<p>„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß
-meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri,
-die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich
-zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab
-ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau
-Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“</p>
-
-<p>Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine
-Mutter gespannt aufhorchen.</p>
-
-<p>„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr
-Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn
-getroffen.“</p>
-
-<p>Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den
-Oberforstverwalter an.</p>
-
-<p>Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den
-Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden
-haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich
-ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer
-gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und
-ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus
-gekommen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p>
-
-<p>Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.</p>
-
-<p>„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er
-bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach
-Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu
-finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut
-kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er
-sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde
-gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer
-Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den
-Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam
-und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare
-Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar
-diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“</p>
-
-<p>Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer
-wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht
-begreifen. Von dieser Stunde &ndash; sie hat mir’s oft gesagt &ndash; ist in ihr
-etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise
-Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.</p>
-
-<p>Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der
-Oberforstverwalter draußen war,<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> auf mich zustürzte, mich umschlang und
-mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die
-geringste Schuld! O Gott!“</p>
-
-<p>Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.</p>
-
-<p>Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur
-Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren
-so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald
-wohl fühlten.</p>
-
-<p>Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus;
-doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden
-beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen
-Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten
-Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.</p>
-
-<p>Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt
-nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl
-wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends
-fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu
-gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit
-dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem
-Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere
-Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in
-die Brust zurückdämmen. Nur<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> die Hand reichten wir uns und so schritten
-wir dahin in stiller Seligkeit.</p>
-
-<p>Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so
-lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre
-Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich
-kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich
-ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen,
-ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war
-wie in einem Bann.</p>
-
-<p>Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus;
-wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen
-und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte
-nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen
-Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten
-treuen Hand fühlte!</p>
-
-<p>Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon
-so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte:
-„Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“</p>
-
-<p>„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul
-heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen
-und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> muß der Heri folgen,
-weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan.
-Aber“ &ndash; jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein
-&ndash; „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh
-garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit
-ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als
-ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“</p>
-
-<p>Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf
-und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte
-mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel
-lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich
-jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“</p>
-
-<p>Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein
-Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar
-hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs
-deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen
-in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der
-Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser
-Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der
-herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns
-unter fröhlichem Lachen<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> darin zu überbieten, die dem Geschmack der
-Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden.</p>
-
-<p>Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und
-im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des
-Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die
-Zügel in den Händen.</p>
-
-<p>Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber
-sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt
-auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß.</p>
-
-<p>„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“</p>
-
-<p>„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer
-weiß, will er?“</p>
-
-<p>Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und
-rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie
-mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz
-aufschwoll und mit gesenktem Haupt &ndash; sie anzublicken wagte ich nicht,
-denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen &ndash; sagte ich: „Ich geh
-mit dem Marieli!“</p>
-
-<p>Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die
-Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme
-und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p>
-
-<p>„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in
-dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein
-Machtwort sprechen.</p>
-
-<p>Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle
-doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule
-und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche
-lassen will.“</p>
-
-<p>„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke
-heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren
-schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes
-Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein
-Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein
-Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht
-fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich
-zum Wagen führen.</p>
-
-<p>Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der
-dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender.
-Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob &ndash;
-ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei,
-meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein
-unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> jubelndes Glück drinnen,
-daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.</p>
-
-<p>Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein
-Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann
-allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme
-um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem
-gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in
-der Stimme: „Heini!“</p>
-
-<p>Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da
-umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf
-den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz:
-„Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“</p>
-
-<p>Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte
-etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den
-abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und
-wundersam verschönend.</p>
-
-<p>Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst
-ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit
-den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und
-die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in
-schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich
-in krampfhaftes Schluchzen aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span></p>
-
-<p>„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein
-Bett.</p>
-
-<p>Aber ich konnte nicht antworten, ich wußte ja eigentlich selbst
-nicht, warum ich weinte. Mitleid mit Marieli war wohl dabei, aber die
-Hauptsache war doch etwas ganz anderes, etwas, für das mir der Name
-fehlte und das mich gerade deswegen, weil es so dunkel und unfaßbar in
-meinem Leben stand, ängstigte.</p>
-
-<p>Die Mutter aber stand neben mir und streichelte in einemfort mein Haar
-und fragte und fragte, und ich zerquälte mir den heißen Kopf nach einer
-Antwort.</p>
-
-<p>„Hast du vielleicht an den Vater gedacht?“ kam es ihr dann auf einmal
-in den Sinn.</p>
-
-<p>Das war ein Ausweg für mich und ich nickte. Da zog mich die Mutter fest
-an sich, ich spürte ihren zuckenden Mund auf meinem Scheitel und dann
-fielen auf meine Stirne schwere, heiße Tropfen nieder.</p>
-
-<p>Lange saß die Mutter auf meinem Bette und hielt mich weinend im Arme.
-Der Uhrenschlag ging durchs Zimmer, einsam und schwer, durch das offene
-Fenster glänzten die Sterne aus dem dunkelsamtblauen Himmel herein
-und die Nacht raunte draußen im Garten und in den Wäldern hinter dem
-Schloß einmal lauter, dann wieder leiser, und leise, ganz leise klang
-dazwischen das Klappern der Mühle und das Plaudern des Baches.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene
-mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien
-mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es
-allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene
-Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und
-dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden
-Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum
-Leben, Lieben und Leiden erwacht.</p>
-
-<p>Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die
-Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So
-bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die
-leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.</p>
-
-<p>Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein
-Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft
-die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die
-Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag
-lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span>
-ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten
-aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond
-leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie
-geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen
-und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne
-brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als
-gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in
-der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine
-Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und
-da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel.
-Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme
-bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.</p>
-
-<p>Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie
-auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt
-und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem
-alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.</p>
-
-<p>Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen
-und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos
-mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch
-Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> da ist, diese Wege geht,
-mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze
-Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.</p>
-
-<p>Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich
-mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn
-ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren,
-die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr
-stilles reines Kinderherz entgegentrug, &ndash; ich mußte wieder zu Heri
-zurück.</p>
-
-<p>Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli
-von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und
-an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über
-das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten
-sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten
-Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in
-Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene
-Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles
-lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!</p>
-
-<p>„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit
-einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing
-ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> ich mit
-dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet
-hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in
-der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere
-Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des
-Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien
-meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer
-sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.</p>
-
-<p>„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du
-auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich
-studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu
-verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich
-macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch
-zeitlebens“ &ndash; sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne,
-friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte &ndash; „ein zufriedener,
-glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig
-dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist,
-genug sein.“</p>
-
-<p>Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der
-Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster
-zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der
-Höhe, auf der z. B. Heris<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr
-im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt,
-deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der
-ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis
-zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen
-Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben
-verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie
-schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen,
-einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern
-und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben
-dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der
-Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde
-pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme
-Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die
-nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich
-nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte
-teilnehmen lassen sollen.</p>
-
-<p>Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan
-auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag
-stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben,
-wie es mein Vater geführt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> hatte seinen Reiz und sein Glück,
-aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.</p>
-
-<p>Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht
-studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns
-öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre
-Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle
-lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im
-voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein,
-das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen,
-studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.</p>
-
-<p>Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und
-allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war
-niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht,
-wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte
-Bitte wollte ich nicht tun.</p>
-
-<p>Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne
-Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden
-Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch,
-der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache
-und Wirkung tritt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p>
-
-<p>Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite
-Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen,
-in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie
-endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“</p>
-
-<p>Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte:
-„Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre
-nicht mehr beisammen sein sollen?“</p>
-
-<p>Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen
-Augenblick stillstehen.</p>
-
-<p>„Du &ndash; du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.</p>
-
-<p>„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren
-Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“</p>
-
-<p>„Und du freust dich darauf?“</p>
-
-<p>„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das
-andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten
-da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den
-Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren
-gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir,
-lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“</p>
-
-<p>Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr
-nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als
-sie<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den
-Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und
-ich gehe auch mit in die Stadt!“</p>
-
-<p>Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz
-mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du
-denn dort?“</p>
-
-<p>„Studieren!“</p>
-
-<p>„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel
-zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“</p>
-
-<p>Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht,
-aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät,
-wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch
-Geld genug!“</p>
-
-<p>Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich
-mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will
-den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort
-einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und
-wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“</p>
-
-<p>Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für
-sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte:
-„Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> haben
-mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und
-da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag
-beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus
-auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber
-ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich,
-wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht
-nachlassen. Ich setz’ es durch!“</p>
-
-<p>Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters
-erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung
-in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach
-der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere
-Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.</p>
-
-<p>Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle
-hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.</p>
-
-<p>Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen
-hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen
-Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur
-Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt
-wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter,
-sondern auch mir die Hand. Letz<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span>teres hatte sie noch nie getan und
-ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als
-Erwachsener.</p>
-
-<p>Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes
-tun, nämlich Tee kochen.</p>
-
-<p>„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie,
-„such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“</p>
-
-<p>So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg
-gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den
-Garten hinaus.</p>
-
-<p>Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von
-den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme.
-An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot
-der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben
-die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden,
-und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel
-wehen.</p>
-
-<p>Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor
-mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich
-auf die Laube zu.</p>
-
-<p>Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den
-Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar
-nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf
-darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.</p>
-
-<p>Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden
-oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich
-eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich
-daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht
-verantworten konnte.</p>
-
-<p>So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie
-hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und
-er klang zu leise und heiser.</p>
-
-<p>Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du,
-Marieli!“</p>
-
-<p>Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und
-Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.</p>
-
-<p>Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte
-es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“</p>
-
-<p>Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen
-könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise:
-„Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“</p>
-
-<p>Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der
-ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so
-dasaß mit<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte
-ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir
-sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich
-auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch
-ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte
-ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine
-überströmte.</p>
-
-<p>So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.</p>
-
-<p>„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.</p>
-
-<p>„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“</p>
-
-<p>„Du und deine Mutter?“</p>
-
-<p>„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da
-nehmen sie mich auch gleich mit.“</p>
-
-<p>Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand
-wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen
-immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein
-Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was
-in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein
-liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal
-keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da
-nahm ich sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren
-Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’
-dich, nicht weinen!“</p>
-
-<p>Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die
-im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über
-mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.</p>
-
-<p>Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller
-Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr
-stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl
-augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt.
-Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es
-mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus
-meinem Leben zu schaffen sei.</p>
-
-<p>Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges
-Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein
-ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.</p>
-
-<p>„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.</p>
-
-<p>„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ &ndash;
-ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu &ndash; „wenn’s
-mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann
-werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p>
-
-<p>In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes
-Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu
-lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch
-oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.</p>
-
-<p>Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein
-bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf
-ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.</p>
-
-<p>Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei,
-und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für
-Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“</p>
-
-<p>Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“</p>
-
-<p>Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er:
-„Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller
-wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“</p>
-
-<p>Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.</p>
-
-<p>Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das
-liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.</p>
-
-<p>„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die
-Augen senkte.</p>
-
-<p>Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und
-dann sah sie mich an, so eigen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> fremd und doch so vertraut, wie
-mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder
-und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir
-ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch
-eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle
-Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein
-Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht
-kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.</p>
-
-<p>Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine
-Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich
-voneinander verabschiedeten.</p>
-
-<p>Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren
-auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke
-Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie
-habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.</p>
-
-<p>Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen
-Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.</p>
-
-<p>Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang,
-der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen
-Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Morgenstunden die Rehe
-und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken,
-als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten
-unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen
-zwischen zwei Reisen.</p>
-
-<p>Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete
-Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe
-wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte
-in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen
-hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer
-heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.</p>
-
-<p>Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen
-wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus
-Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.</p>
-
-<p>„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch
-einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das
-Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch
-mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges
-Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all
-der bange Ab<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span>schiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt
-hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.</p>
-
-<p>Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini,
-sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz
-geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch
-eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das
-sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher
-nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst
-es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst.
-Gelt, du versprichst es uns?“</p>
-
-<p>Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.</p>
-
-<p>Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“</p>
-
-<p>Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“</p>
-
-<p>Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s
-versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er
-herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“</p>
-
-<p>Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja,
-Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“</p>
-
-<p>„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen
-Vaterunser.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span></p>
-
-<p>Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann
-schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam.</p>
-
-<p>In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel
-mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß
-von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die
-Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte
-sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie:
-„Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn
-nit unglücklich werden!“</p>
-
-<p>Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte
-hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die
-weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters
-trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort
-das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich
-leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter.</p>
-
-<p>Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete
-jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren,
-Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den
-Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie
-ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum
-störte diesen Schlaf.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen
-Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben,
-das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll
-heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu
-rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein
-Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr
-geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.</p>
-
-<p>Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze
-von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße
-einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu
-tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig
-gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit
-den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu
-tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die
-wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das
-mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal
-niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu
-erzählen, daß der Frühling gekommen sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span></p>
-
-<p>Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und
-Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so
-klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche
-Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die
-Tauwasser gehen.</p>
-
-<p>Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst
-habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar
-zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald
-gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand
-ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große,
-schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges,
-der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der
-weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des
-Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie
-duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch
-der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf
-leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt
-die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.</p>
-
-<p>Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem
-weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen,
-liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier,<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> in dem
-heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.</p>
-
-<p>Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem
-alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich
-habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen
-errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und
-doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch
-meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern
-schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die
-Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange
-dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.</p>
-
-<p>Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.</p>
-
-<p>Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr
-anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen
-Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon
-von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken,
-hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben.
-Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere
-der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte,
-strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog.<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span>
-Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein
-leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und
-wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört
-und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen
-der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz
-erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten
-in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal
-einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er
-es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen
-lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft
-mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den
-Altersgenossen sei.</p>
-
-<p>Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis
-vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt
-genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und
-Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam
-und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte
-Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die
-großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der
-Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll
-aus dem Halbschatten der Kreuz<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>gänge, daß ich mir oft wie in einer
-fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die
-den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten
-Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es,
-als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen
-und raunten leise ihre Gebete.</p>
-
-<p>Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah
-mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten
-Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da
-auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und
-darunter „Gedichte“ stehen würde.</p>
-
-<p>An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines
-höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern
-ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich
-verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das
-Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß
-wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie
-eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst
-recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden
-begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter
-entschlug.</p>
-
-<p>Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> herum, die den Lauf
-des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte
-mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich
-durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten
-Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende
-Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den
-kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser
-mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen,
-als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines
-gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief
-und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als
-bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der
-Au entlang zur Stadt führte.</p>
-
-<p>Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen
-Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des
-Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen
-schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen
-Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in
-kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle
-Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so
-weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.</p>
-
-<p>Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> meiner Kameraden, auch
-Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter
-zusammen kam.</p>
-
-<p>So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich
-fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am
-liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun
-alle ihre Schönheit willig zeigten.</p>
-
-<p>Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die
-Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe
-Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel,
-den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel
-und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen,
-ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte
-weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich
-empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den
-weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.</p>
-
-<p>Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen
-emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von
-Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war
-ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner
-körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> es in
-blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke
-zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der
-Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand
-doch ein unendliches Lustgefühl.</p>
-
-<p>So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer
-breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.</p>
-
-<p>Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte
-mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können.
-Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der
-Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät.
-Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich
-nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher,
-und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war,
-zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.</p>
-
-<p>Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden
-zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler
-türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und
-Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder
-einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.</p>
-
-<p>Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand
-keinen Weg, keinen Tritt mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> vorwärts und auch zurück konnte ich
-nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick
-zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende
-Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine
-Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.</p>
-
-<p>So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell
-schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am
-Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung
-kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir
-sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um
-meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so
-aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde
-das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen
-Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich
-sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der
-Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst
-nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich
-nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft
-besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.</p>
-
-<p>Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich
-kaltblütige Entschlossenheit.<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Ich faßte die Felsspitze scharf ins
-Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die
-Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und
-nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich
-fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung
-und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt
-überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich
-immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.</p>
-
-<p>In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren
-Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit
-glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten
-Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf
-mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das
-Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug
-seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees,
-und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land
-mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen,
-dem Strom.</p>
-
-<p>Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine
-Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und
-dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> auf den Schwingen
-jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in
-überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in
-die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der Himmel so blau und die Welt so weit!</div>
- <div class="verse indent0">So weit und so schön mein Heimatland!</div>
- <div class="verse indent0">Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,</div>
- <div class="verse indent0">Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,</div>
- <div class="verse indent0">Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich
-sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch
-meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und
-ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.</p>
-
-<p>Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich,
-denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so
-lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage
-erzählte, wo ich gewesen &ndash; den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich
-allerdings &ndash; und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen
-Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens
-erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann
-senkte sie den Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub,
-Heini!“</p>
-
-<p>Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid
-der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen
-sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.</p>
-
-<p>„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die
-ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten
-Vormittag im Garten trafen.</p>
-
-<p>„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so
-ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte
-und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre.
-Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren
-Bergen!“</p>
-
-<p>Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir
-vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch:
-„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“</p>
-
-<p>Sie sah mich fragend an.</p>
-
-<p>Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer
-leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit
-dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“</p>
-
-<p>„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem
-Staunen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span></p>
-
-<p>Ich nickte stolz bejahend.</p>
-
-<p>„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“</p>
-
-<p>Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor
-Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich
-eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann
-nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen
-gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der
-grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.</p>
-
-<p>„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die
-meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben
-hingst?“</p>
-
-<p>Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich,
-dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von
-meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre
-Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.</p>
-
-<p>Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung
-meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.</p>
-
-<p>Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust
-hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.</p>
-
-<p>Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt
-habe, das Heri so tief erregen konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p>
-
-<p>So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten
-summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte
-ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe
-jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.</p>
-
-<p>Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da
-konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise
-Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“</p>
-
-<p>Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise:
-„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“</p>
-
-<p>„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“</p>
-
-<p>„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem
-Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von
-goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte:
-„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht
-verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast
-die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“</p>
-
-<p>Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann
-schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend,
-ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> noch vor
-einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des
-Lebenssturmes gefahren war.</p>
-
-<p>Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer
-Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und
-als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht
-im hellen Rosenlicht der Freude.</p>
-
-<p>„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn
-die ganzen Tage?“</p>
-
-<p>„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der
-steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und
-viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da
-droben ist’s schön!“</p>
-
-<p>Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die
-mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das
-sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.</p>
-
-<p>Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen
-Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann
-fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen
-Kraxlerei, gelt?“</p>
-
-<p>„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.</p>
-
-<p>„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das
-Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit
-haben, die kommen auf aller<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>hand Sachen, die einem, der sich plagen
-muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein
-können.“</p>
-
-<p>„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“</p>
-
-<p>Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon
-sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen
-Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“</p>
-
-<p>„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“</p>
-
-<p>„Über alle!“</p>
-
-<p>„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn
-nun das Marieli zurecht.</p>
-
-<p>Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So
-und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.</p>
-
-<p>„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du
-dabei sein können?“</p>
-
-<p>Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:</p>
-
-<p>„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert
-und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“</p>
-
-<p>Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber
-trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit
-anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> was dran an dem,
-was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in
-Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts
-mehr sagen?“</p>
-
-<p>Da mußte ich denn beichten.</p>
-
-<p>„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich
-als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den
-Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über
-die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn
-man klettern kann und schwindelfrei <em class="gesperrt">ist</em>, ist wirklich nichts
-dran.“</p>
-
-<p>„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“</p>
-
-<p>„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“</p>
-
-<p>„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du
-nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“</p>
-
-<p>„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja
-sowieso sterben!“</p>
-
-<p>„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du
-denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“</p>
-
-<p>„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere
-Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“</p>
-
-<p>Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes
-meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit
-wehmütig<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich
-mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die
-beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine
-Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre
-beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden
-hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.</p>
-
-<p>Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen,
-sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden,
-Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2>
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-<p>Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich
-sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust
-der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden
-bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb
-ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken
-sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen
-und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen.<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Wie
-viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch
-die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern
-sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun
-haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher
-so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend
-schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es
-mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient
-zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele
-zu.</p>
-
-<p>Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er
-nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat
-es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend,
-hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über
-die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen
-erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und
-daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten,
-demütig und geduldig sein.</p>
-
-<p>Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach
-jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der
-bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten
-schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> Unbehagen. Wer auf Höhen
-will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten
-Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein,
-der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte
-ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug,
-und meine Sonne hieß: Heri.</p>
-
-<p>In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst
-zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man
-forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle
-jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln,
-so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte
-oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein
-Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon
-wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.</p>
-
-<p>Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht
-einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet
-hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir
-hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung,
-aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben.
-Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen
-Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber
-verschmähte jeden Kompromiß<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln
-seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.</p>
-
-<p>Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein
-Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr
-und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt
-aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er
-wollte.</p>
-
-<p>Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß
-gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit
-ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein,
-gut, so sollte er es gründlich sein!</p>
-
-<p>Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt.
-Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach
-zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe,
-erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß
-er schließlich ganz verzagt wurde.</p>
-
-<p>Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen
-Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem
-menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag
-mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“</p>
-
-<p>Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag
-verpflichtet, mit ihm nichts zu reden.<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Deshalb zuckte ich mit den
-Achseln und wollte weitergehen.</p>
-
-<p>Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst
-unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf
-mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ &ndash; Und nach einer kleinen
-Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser
-gehalten als die anderen!“</p>
-
-<p>Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn
-verhängt worden sei.</p>
-
-<p>Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb
-spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist,
-darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn
-eine Freude an diesen Kindereien?“</p>
-
-<p>„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der
-Fall wäre?“</p>
-
-<p>„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du
-ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’
-ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das
-läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß
-du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das
-Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß
-ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch,
-da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es
-ist, weiß ich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja,
-ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die
-Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch
-Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte
-am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute
-in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und
-hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer
-Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser
-dein!‘“</p>
-
-<p>Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung
-gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von
-dieser Welt war.</p>
-
-<p>Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch
-mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war
-mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große,
-leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das
-mich damals zum Dichter machte.</p>
-
-<p>Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst
-lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts
-machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den
-andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da
-&ndash; da &ndash;“ sein Gesicht nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an
-&ndash; „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß
-du mich verstehst.“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu
-in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja,
-Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde
-sein!“</p>
-
-<p>Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen
-Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura
-ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es,
-den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm
-vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit
-betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die
-nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus.</p>
-
-<p>Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf
-sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe
-hinan und trat rauchend ins Studierzimmer.</p>
-
-<p>Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang
-auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los:
-„Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“</p>
-
-<p>Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> Spucknapf und sagte
-gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“</p>
-
-<p>Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie
-jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“</p>
-
-<p>Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als
-der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden
-Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo
-zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens
-seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“</p>
-
-<p>Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand
-lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag
-zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich
-ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.</p>
-
-<p>Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein
-Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten
-Tagen gemacht hatte.</p>
-
-<p>In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich
-so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du
-der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem
-ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben
-würde<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“</p>
-
-<p>Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen
-Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die
-Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden
-flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum
-stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen
-Ast flatterte noch grünes Laub.</p>
-
-<p>„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen
-können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön
-macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat,
-die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der
-Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß
-das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? &ndash;
-Was ist eigentlich dein Ziel?“</p>
-
-<p>Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf
-geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und
-wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter
-fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte
-Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte:
-„Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar
-und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> nur eines vor: die Menschen,
-die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner
-von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“</p>
-
-<p>Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht.
-Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig,
-und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ &ndash; sein Auge
-leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden
-mußte &ndash; „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott
-nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das
-wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben
-sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“
-Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und
-rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum
-Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken &ndash; eher sterben!“</p>
-
-<p>Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so
-furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.</p>
-
-<p>Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit
-seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte
-mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.</p>
-
-<p>Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich:<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> „Kennst du Eichendorff?“
-Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne
-Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber
-noch fremd.</p>
-
-<p>„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du,
-Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler
-braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es
-keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen
-Platz findet.“</p>
-
-<p>Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der
-Gedichte Eichendorffs.</p>
-
-<p>Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen
-Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und
-über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte,
-ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und
-Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und
-meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen
-Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht
-wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.</p>
-
-<p>Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere
-eigenen Wege.</p>
-
-<p>„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die
-Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span></p>
-
-<p>Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn
-ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht
-hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn
-auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach
-ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten
-an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein
-Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise
-entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen
-tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun
-oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen
-mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte
-summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand
-der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie
-ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort
-her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in
-silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.</p>
-
-<p>Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in
-der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal
-ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief.
-Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> obwohl ich sicher
-sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch
-nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in
-meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand
-ich mir: ich liebe Heri!</p>
-
-<p>Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine
-ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein
-süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war
-ja zum wirklichen Glück geworden.</p>
-
-<p>Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein
-außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel
-schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden
-hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen
-in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel
-hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen
-Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige
-Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf
-den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die
-Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt.
-Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine
-Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag
-ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr be<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span>sorgt gemacht. Als
-ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor
-mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des
-Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt,
-und als ich am Nachmittag des Ostersonntags &ndash; ich war mittags im
-Schlosse zu Tische geladen gewesen &ndash; mit Heri durch den Park schritt,
-sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin
-ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer
-traurig werden und nun sind sie so schön!“</p>
-
-<p>Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der
-schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen
-Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem
-kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von
-goldenem Flimmer wob.</p>
-
-<p>„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile.</p>
-
-<p>„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich
-und fühlte dabei, wie ich errötete.</p>
-
-<p>„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine
-flammende Röte.</p>
-
-<p>Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen,
-brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an
-unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p>
-
-<p>Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem
-Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das
-Haar stecken, aber auch da hielt es nicht.</p>
-
-<p>„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit
-glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt
-das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich
-strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an.</p>
-
-<p>Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte
-stotternd: „Heri, hast mich lieb?“</p>
-
-<p>Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf,
-glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch.</p>
-
-<p>Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir
-aufdürsteten.</p>
-
-<p>Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich
-leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“</p>
-
-<p>„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen
-Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die
-Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch
-die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen
-überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher
-Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste
-Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich
-durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald
-und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen
-und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter
-ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb,
-Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen
-den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen,
-die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken.
-Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und
-der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann
-steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf
-in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt
-aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem
-Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span>
-schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust
-zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male
-seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen
-aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt
-und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie
-es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche
-mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen
-Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist
-der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und
-dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche
-begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch
-auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in
-den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre
-nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling
-nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder
-glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des
-Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und
-der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur,
-unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede,
-ich, der Einzige auf der weiten Welt!</p>
-
-<p>Doch ich muß erzählen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span></p>
-
-<p>Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem
-Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar
-aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium,
-als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei
-Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch
-mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein,
-denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir
-heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel
-beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals
-fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich
-wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf
-leuchtendem Throne saß.</p>
-
-<p>Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause,
-um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich
-sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden
-lassen und Heri überreichen wollte.</p>
-
-<p>Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.</p>
-
-<p>„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.</p>
-
-<p>Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend
-an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind
-wir nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Freunde, Freunde“ &ndash; er betonte das stark und eindringlich
-&ndash; „Heini?“</p>
-
-<p>Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst,
-daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf
-verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen
-zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“</p>
-
-<p>Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst
-du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich
-hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“</p>
-
-<p>„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen
-und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns
-selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“</p>
-
-<p>Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen
-beobachtete, las er langsam Seite um Seite.</p>
-
-<p>Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner
-Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese
-Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner
-Phantasie?“</p>
-
-<p>„Sie lebt.“</p>
-
-<p>„Hier?“</p>
-
-<p>„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du
-mich wohl in Begleitung einer<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> älteren Dame, ihrer Tante, einige Male
-spazieren gehen gesehen hast.“</p>
-
-<p>„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen,
-das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“</p>
-
-<p>„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“</p>
-
-<p>„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen
-liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein
-Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“</p>
-
-<p>„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“</p>
-
-<p>„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir
-aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber
-erzähl mir von ihr!“</p>
-
-<p>Und ich erzählte und schwärmte.</p>
-
-<p>Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich
-schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen,
-von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben
-und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt
-bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind
-nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum
-Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“</p>
-
-<p>Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> ich auch auf diese Rede
-nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu
-einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein
-Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In
-solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und
-wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein
-Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.</p>
-
-<p>„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“</p>
-
-<p>Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen
-Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich
-ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen
-Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri
-heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage:
-„Warum schreibst du so traurige Lieder?“</p>
-
-<p>„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du
-gehörtest einem anderen und das &ndash; Heri &ndash; das stimmt mich so, daß ich
-am liebsten sterben möchte.“</p>
-
-<p>„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte
-nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans
-Sterben?“</p>
-
-<p>Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß
-und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle
-Todesgedanken ver<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>gaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in
-einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.</p>
-
-<p>Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in
-der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte,
-war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu
-fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit
-seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu
-zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit
-zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die
-Lungenschwindsucht.</p>
-
-<p>Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich
-am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das
-erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden
-war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen
-zum Leben vergönnt sein konnten.</p>
-
-<p>Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem
-ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein
-Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht
-aufschluchzend über ihn zu werfen.</p>
-
-<p>Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und
-schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da
-hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel
-hier, die<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im
-Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber
-gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen
-können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht
-ein und &ndash; er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne
-aufzuhören &ndash; jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen
-Husterei.</p>
-
-<p>Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und
-dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären
-die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für
-tot halten können.</p>
-
-<p>Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen
-Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien
-mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und
-ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei
-Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als
-ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er
-sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste
-Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und
-Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.</p>
-
-<p>Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu
-ihm kam, hatte er auch schon<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden
-Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe,
-das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur
-Vorlage gewählt.</p>
-
-<p>„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.</p>
-
-<p>Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und
-nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde
-entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben.
-Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust
-niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer
-Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der
-Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren
-geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der
-Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem
-Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im
-Ausdruck dieses Gesichtes.</p>
-
-<p>Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort
-zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine
-Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.</p>
-
-<p>„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.</p>
-
-<p>Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> ganz kühl kritisch und
-erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten
-erlaubt.“</p>
-
-<p>„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort
-geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so
-still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer
-ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt
-haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich
-in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten
-Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch
-wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz
-sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst
-aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir
-ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der
-Seele.“</p>
-
-<p>Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte
-es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir
-einschlummerte.</p>
-
-<p>Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie
-rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte,
-sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte.
-Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon
-sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span>
-wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“</p>
-
-<p>„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.</p>
-
-<p>Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt
-er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in
-vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen
-wir das erstere.“</p>
-
-<p>Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater
-verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten
-Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt
-der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen
-Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde,
-die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte
-ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für
-mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es
-das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte,
-es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir,
-seinem einzigen Freunde!</p>
-
-<p>Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in
-Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht,
-meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?</p>
-
-<p>Ich lief wie irrsinnig nach Hause.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p>
-
-<p>Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm,
-auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen
-Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen
-aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen
-die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren
-Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri
-schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.</p>
-
-<p>Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="mleft3">Mein lieber Heini!</p>
-
-<p>Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere
-Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in
-die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an
-einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen
-kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe
-das in aller Eile, verzeih also die Kürze.</p>
-
-<p class="right mright1"><span class="mright3">Deine</span><br />
-Heri.</p>
-
-</div>
-
-<p>In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und
-mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde
-mit ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen,
-sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus,
-ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen
-Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.</p>
-
-<p>Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie
-war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also,
-sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei
-ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar.
-Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten
-jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit
-Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann
-daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die
-anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!</p>
-
-<p>Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der!
-Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben
-herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen
-Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf
-aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht.
-Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf
-mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> meinen Jammer in sinn- und
-fassungslosen Tränenströmen ausfließen.</p>
-
-<p>Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich
-sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der
-Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann
-hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die
-Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich
-auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese
-auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis
-entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen
-Umständen geschehen.</p>
-
-<p>Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die
-vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im
-geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die
-Tante nicht.</p>
-
-<p>Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den
-Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen,
-auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die
-Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten
-die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf
-dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.</p>
-
-<p>Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> ich vom Bahndamm aus
-den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle
-diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher
-Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes,
-Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz
-wie mit eisernen Händen zusammen.</p>
-
-<p>Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen
-Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der
-Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.</p>
-
-<p>Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station
-herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.</p>
-
-<p>Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri,
-meine schöne Heri erscheinen.</p>
-
-<p>Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des
-Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri.
-Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß
-sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen,
-und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der
-alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie
-eine wirkliche Dame und ich &ndash; mein Blick glitt unwillkürlich an
-meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab &ndash; ich war ein armes
-Studentlein, sonst nichts.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span></p>
-
-<p>Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein
-Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß
-der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein
-leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als
-er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen
-hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen
-waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.</p>
-
-<p>Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber
-nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz
-gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich
-jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe
-überkommen hatte.</p>
-
-<p>Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich
-entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich
-kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut
-genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.</p>
-
-<p>Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere,
-die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.</p>
-
-<p>„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“
-fragte der eine.</p>
-
-<p>„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> das die Nichte
-sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die
-Gesellschaft einführen wolle.“</p>
-
-<p>„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden
-über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie
-auch reich?“</p>
-
-<p>„Interessiert dich das?“</p>
-
-<p>„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens:
-geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal
-verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen
-Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg
-werfe ich mich nicht!“</p>
-
-<p>Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich
-offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich
-einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten,
-überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken,
-genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im
-offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst
-einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein
-gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er
-mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm
-überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wo<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span>zu solche Menschen wie
-ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den
-Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!</p>
-
-<p>Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte
-vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch
-glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet
-waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum
-kommst du nicht, Heini?</p>
-
-<p>Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme,
-unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke
-Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich
-will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach
-mir ausgestreckt.</p>
-
-<p>Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital
-zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war,
-dann wollte ich ihm nachfolgen.</p>
-
-<p>Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem
-Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.</p>
-
-<p>„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist
-entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle
-paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er,
-ich müsse Sie holen lassen, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> Sie nicht bald kämen. Er ist ganz
-verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht
-vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich
-fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren,
-wie es um ihn steht.“</p>
-
-<p>Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.</p>
-
-<p>Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer
-von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf
-mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett
-zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.</p>
-
-<p>Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne
-die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als
-ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie
-es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor
-fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den
-Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“</p>
-
-<p>„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich
-selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.</p>
-
-<p>Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand
-und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es
-gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“</p>
-
-<p>„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span> geträumt. Bedenke,
-selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht
-sagen.“</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es
-nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt
-und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen
-hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das
-Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da
-hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den
-Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“</p>
-
-<p>„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus
-seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon
-ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung
-da &ndash; na, es ist eben ein Spital! &ndash; ist auch nicht danach angetan,
-heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz
-und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch
-selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“</p>
-
-<p>Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der
-festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.</p>
-
-<p>Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich
-wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.</p>
-
-<p>„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span> gibt keine Hilfe mehr!
-Da drinnen“ &ndash; er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen &ndash;
-„ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür
-sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll,
-verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“</p>
-
-<p>Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn
-plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte,
-der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend
-und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half,
-umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam
-es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf
-mir &ndash; Heini &ndash; ich mag nicht sterben &ndash; hilf mir &ndash; ich &ndash; ich &ndash;“</p>
-
-<p>Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein
-Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und
-da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen
-Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich
-zusammen.</p>
-
-<p>Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen
-unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die
-Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht
-aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p>
-
-<p>In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den
-Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen
-hob.</p>
-
-<p>„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.</p>
-
-<p>„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die
-Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader
-fühlten.</p>
-
-<p>Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das
-apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am
-ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars
-liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich
-bläuliche Schatten breiteten.</p>
-
-<p>Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet
-schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte
-ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen
-streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“</p>
-
-<p>In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle
-einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen
-konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen
-begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da
-brach ich neben dem Bette zusammen.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die
-Anstalt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span></p>
-
-<p>Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.</p>
-
-<p>Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun
-trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen
-Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es
-und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen
-Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen
-Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des
-Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der
-Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein
-Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des
-Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich
-durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf
-den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.</p>
-
-<p>Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer
-ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie
-eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die
-schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner
-schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Es ist bestimmt in Gottes Rat,</div>
- <div class="verse indent0">Daß man vom Liebsten, was man hat,</div>
- <div class="verse indent0">Muß scheiden!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p>
-<p>Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher
-in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen,
-nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie
-eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen
-rinnenden Tränen.</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in
-diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit
-verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich
-nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes
-vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.</p>
-
-<p>Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie
-Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien
-Sie ein Mann!“</p>
-
-<p>Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen
-wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie
-wieder auferstehen: die Freundschaft.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="VII">VII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie
-ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses,
-ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span> des
-Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte,
-die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen
-gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf
-deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die
-dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre
-Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und
-sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im
-Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender
-Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein
-ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht
-Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem
-Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich
-allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach
-Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein
-spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore
-geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten
-Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen
-fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu
-ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine
-Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe
-und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span> Erdenleid. Jede
-Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen.
-Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand
-in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander.
-Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn
-und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist
-allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe,
-die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat
-der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone
-erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder
-uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und
-Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs
-Haupt.</p>
-
-<p>Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die
-Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten
-ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt
-leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben
-habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute
-nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst
-versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem
-Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht
-trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span>
-weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen
-ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein
-Menschengeist sein Wesen faßt.</p>
-
-<p>Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus
-dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht
-ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der
-Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und
-erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst.
-Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“
-auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen
-Sinn ein Lächeln abnötigt.</p>
-
-<p>Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den
-Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt,
-sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an
-ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.</p>
-
-<p>Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder
-dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte
-erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist
-der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu
-Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft
-und mild<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und
-Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß
-schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und
-Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden
-und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen
-durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von
-seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.</p>
-
-<p>Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein
-Liebesfrühling von mir ging.</p>
-
-<p>Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es,
-schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich
-getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden
-stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.</p>
-
-<p>Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun
-erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes
-und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den
-Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer
-drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte
-ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel
-war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in
-mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich
-leisten<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir
-nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn
-die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte,
-dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor
-ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich
-geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir
-sind ja dein!“</p>
-
-<p>Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten
-meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das
-Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der
-geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu.
-Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf
-winkte sie mir.</p>
-
-<p>Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf
-einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand
-die Tante und winkte mir freundlich zu.</p>
-
-<p>Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns
-gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte
-sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“</p>
-
-<p>Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir
-sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ &ndash; und
-sie<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> blinzelte mir ermunternd zu &ndash; „deine Mutter hat gesagt, sie werde
-es dir schreiben.“</p>
-
-<p>Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris
-schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen
-wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es
-würde nach Ostern sein!“</p>
-
-<p>So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal
-das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein
-Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame
-Gestalt schlingen.</p>
-
-<p>Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd
-gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten
-Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein
-Herzleiden eingestellt habe.</p>
-
-<p>„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich
-erschrocken.</p>
-
-<p>„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen
-wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine
-Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung
-beilegen dürfe.</p>
-
-<p>Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich
-Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen.
-Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> hatte
-keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte.</p>
-
-<p>Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter
-sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor.
-Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose
-Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein
-gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn
-ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert
-werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie
-schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein
-sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein
-feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen.</p>
-
-<p>„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der
-schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl,
-interessiert sich sehr für sie.“</p>
-
-<p>„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur
-gehüllt hatte.</p>
-
-<p>„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch
-nicht zu erröten!“</p>
-
-<p>Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir
-ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir
-durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span></p>
-
-<p>„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr
-Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein
-lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh
-sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir
-gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich
-wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“</p>
-
-<p>Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das
-Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl.</p>
-
-<p>Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes
-männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie
-er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir
-herüberschielte.</p>
-
-<p>Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder,
-Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri &ndash; Herr Oberleutnant
-von Steindl.“</p>
-
-<p>Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man
-wohl fragen, in welcher Klasse?“</p>
-
-<p>„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene
-trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein
-Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und
-noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in ange<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span>sehener Stellung,
-dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.</p>
-
-<p>Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um
-mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten!
-Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er
-hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr!
-Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und
-dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie
-sich mich als Gelehrten vorstellen?“</p>
-
-<p>Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht.
-Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“</p>
-
-<p>„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der
-Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort
-danach fragte.“</p>
-
-<p>„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“</p>
-
-<p>„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen.
-Ich kapiere immer schon früher.“</p>
-
-<p>Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen,
-sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit
-unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß,
-daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen
-Mannesnatur war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span></p>
-
-<p>Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend
-bekommen sei.</p>
-
-<p>Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß
-sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der
-Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des
-Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden
-hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir
-Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu
-ärgern und zu grämen.</p>
-
-<p>Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald
-genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte
-mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.</p>
-
-<p>Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O,
-hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und
-er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über
-all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst
-angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn
-und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden
-Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant,
-auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an,
-und wenn sich der Sturm an seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> eigenen Wüten verzehrt hatte, dann
-schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das
-ganze Leben gleichgültig machte.</p>
-
-<p>Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort,
-bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so
-könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der
-Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam
-der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri
-ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste
-bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der
-Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über
-die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber
-glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei
-wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er
-dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der
-Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt
-hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.</p>
-
-<p>So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne
-angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder
-scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen
-Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese
-Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span> direkt als unbequem und
-störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete
-vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich
-mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin
-zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief
-überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn
-sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere
-Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann
-oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.</p>
-
-<p>So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief.
-Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir
-versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir
-bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu
-verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne
-ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen
-und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank!
-nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge
-ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei
-herrsche.</p>
-
-<p>Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll
-großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine
-Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden,
-dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> nicht vergleichen konnte,
-an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir
-an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines
-ganzen Daseins, dann war ich verloren.</p>
-
-<p>Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die
-Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer
-verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.</p>
-
-<p>Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr
-regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen
-und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen
-Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich
-brächte dort mehr vor mich als zu Hause.</p>
-
-<p>Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln
-durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es
-nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich
-ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.</p>
-
-<p>Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr
-Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen,
-der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der
-Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten
-strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span></p>
-
-<p>Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde
-mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen,
-noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen
-hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie
-der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens
-immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon
-wieder, nicht?“</p>
-
-<p>Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich
-gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den
-Umständen ab.“</p>
-
-<p>Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen
-Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es
-nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre
-hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen
-Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.</p>
-
-<p>Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof
-aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe
-der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der
-Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem
-Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben,
-in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte,
-in mein eigenes<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span> blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn
-mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und
-dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene
-Bedeutungslosigkeit zurück.</p>
-
-<p>Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort
-und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die
-langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder
-und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und
-es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da
-sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von
-der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag
-schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold
-der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch
-des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs
-Land der Lebenden ging.</p>
-
-<p>Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich
-aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und
-darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes,
-den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und
-Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der
-aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span></p>
-
-<p>In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische
-Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor
-diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem
-Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik,
-mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein
-so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die
-Knie sank und bitterlich zu weinen begann.</p>
-
-<p>Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend
-mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot
-gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte
-etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“</p>
-
-<p>Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner
-Seele lesen?</p>
-
-<p>„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.</p>
-
-<p>„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken
-Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn
-Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da
-unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“</p>
-
-<p>Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte
-seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener
-Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span> sich
-damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der
-Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht
-Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ
-mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine
-Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel,
-wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war.
-Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler
-aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch
-wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu
-Kohle zu Asche geworden.</p>
-
-<p>Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei
-unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese
-alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen.
-In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals
-empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger
-Zeit, mein<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.</p>
-
-<p>Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben
-wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten
-strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken
-und meine Seele wird gesund und still.</p>
-
-<p>Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende
-Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und
-Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der
-brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer,
-der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und
-langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit
-schön, schön zum Jauchzen.</p>
-
-<p>Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt
-und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der
-mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub
-entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung
-durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel
-ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen
-verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht,
-zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.</p>
-
-<p>Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> kommen. Es ist nur
-merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im
-Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis,
-so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen
-solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit
-unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine
-Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall,
-es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten
-Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere
-Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes
-Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben
-Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.</p>
-
-<p>Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so
-merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später
-nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in
-seine Gewalt bekommen.</p>
-
-<p>„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort
-ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht,
-ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte
-es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich
-aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden
-ähn<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span>liches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen
-sprachen.</p>
-
-<p>Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt.
-Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben
-und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht
-nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal
-befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine
-Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie,
-ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich
-zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies
-stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in
-der Karwoche in die Stadt kommen würde.</p>
-
-<p>Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie
-vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte,
-plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause
-bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag
-zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal
-einzukaufen.</p>
-
-<p>Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die
-Promenadewege durch die Au.</p>
-
-<p>Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge
-ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß,
-getröstet<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz
-gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.</p>
-
-<p>Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden
-Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein
-wenig nieder. Ich bin so müde.“</p>
-
-<p>Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein.
-Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und
-über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde
-gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume.
-In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade
-über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und
-die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und
-gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu
-sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“</p>
-
-<p>Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme.
-Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“</p>
-
-<p>„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise
-heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir
-jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> ewige
-Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine
-Mutter nicht mehr gar zu lang.“</p>
-
-<p>Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert;
-mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter
-Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen
-Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die
-blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.</p>
-
-<p>Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen
-und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.</p>
-
-<p>„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn
-dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“</p>
-
-<p>„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“</p>
-
-<p>Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar
-Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte
-zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter.
-Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine
-Mutter bin ich und du, du &ndash;“ ihre Stimme zitterte &ndash; „du bist ja mein
-einziges Kind!“</p>
-
-<p>Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem
-beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im
-Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> innige
-Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen.
-Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der
-Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns
-nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner
-Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns
-und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.</p>
-
-<p>Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben
-der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und
-Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte
-ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar
-Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es
-heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“</p>
-
-<p>Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem
-Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor,
-küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig,
-Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir
-dann leichter.“</p>
-
-<p>Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich
-unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der
-mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein
-gewöhn<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span>licher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.</p>
-
-<p>„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den
-Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und
-wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd
-ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause
-geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden.
-Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir
-liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und
-allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben &ndash; Mutter, laß
-mich wenigstens du nicht allein!“</p>
-
-<p>Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte
-sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein
-armer Bub!“</p>
-
-<p>Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten.
-Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr
-doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun
-aber fand sich keine Gelegenheit mehr.</p>
-
-<p>Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende
-Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals
-die Hand, &ndash; einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten
-wagte sie nicht und auch mich hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span> die alte Scheu davor zurück,
-obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.</p>
-
-<p>„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß
-unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd
-schon fleißig für dich beten.“</p>
-
-<p>Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann
-mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie
-das Tüchlein an die Augen drückte.</p>
-
-<p>Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich
-mit!“ &ndash; aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen
-Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.</p>
-
-<p>Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von
-Marieli. Sie schrieb:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="mleft3">Lieber Heini!</p>
-
-<p>Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt,
-daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini,
-denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch
-glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja
-alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend
-für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick
-Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> in meinem Gebetbuch
-gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr
-selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und
-denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil
-an Dich. Gelt?</p>
-
-<p>Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.</p>
-
-<p class="right mright1"><span class="mright3">Deine</span><br />
-Marie.</p>
-
-</div>
-
-<p>Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die
-trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner
-ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog
-in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der
-Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.</p>
-
-<p>Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den
-der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten,
-rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg,
-der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner
-Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust
-gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte,
-dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom
-wahnsinniger Sehnsucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span></p>
-
-<p>So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste
-Parkkonzert stattfand.</p>
-
-<p>An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis,
-bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das
-Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.</p>
-
-<p>Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all
-den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten
-in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.</p>
-
-<p>Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen
-auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf
-den Hüten, Frühling in den Augen.</p>
-
-<p>Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid
-umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in
-breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des
-Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in
-freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten
-und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön
-war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie
-einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der
-holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden
-schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span> einer etwa gleichaltrigen
-Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.</p>
-
-<p>Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug
-zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in
-wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen
-und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten
-Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem
-Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich
-eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo
-ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher
-leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich
-meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.</p>
-
-<p>Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht
-fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber
-weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß
-kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein
-Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur
-eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.</p>
-
-<p>Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher,
-mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie
-aufmerksam machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span> daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht
-steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte
-&ndash; und diese sind nicht unbedeutend &ndash; dem Studium zuwenden, so erleben
-Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten;
-in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn
-in Sie gefahren? Reden Sie doch!“</p>
-
-<p>Ich schwieg.</p>
-
-<p>„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt,
-dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist
-als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie
-wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich
-aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist
-und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein
-Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange
-Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie
-ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können
-Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“</p>
-
-<p>Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.</p>
-
-<p>Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr
-weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span>
-nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es
-zwischen uns stehe.</p>
-
-<p>Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, &ndash; ich hatte inzwischen
-Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante
-spazierengehen gesehen &ndash; stand mein Entschluß fest.</p>
-
-<p>Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde,
-mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können,
-schrieb ich ihr ein paar Zeilen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="mleft3">Meine liebste Heri!</p>
-
-<p>Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt
-davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus
-Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort
-wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen.
-Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein,
-daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß
-Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat.
-Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten
-können. Gib mir ehestens Bescheid.</p>
-
-<p class="right mright1"><span class="mright3">Dein</span><br />
-Heini.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p>
-
-<p>Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen
-hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute
-mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri
-wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand
-sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie
-aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß
-feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.</p>
-
-<p>Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken.
-Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer
-Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief
-gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn
-es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich
-befürchtet hatte.</p>
-
-<p>Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur
-wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte
-es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein
-Brieflein in die Hand drücken konnte.</p>
-
-<p>Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn
-es Dir aber möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span> wäre, einmal abends fortzukommen, so komme
-übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem
-Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.</p>
-
-<p class="right mright1">Heri.</p>
-
-</div>
-
-<p>Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt
-fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man
-konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner
-Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen.
-Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.</p>
-
-<p>Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns
-war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt
-und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal.
-Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den
-anderen benützt worden.</p>
-
-<p>Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine
-Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im
-Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er
-aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut
-und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten
-Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab,<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> öffnete dort
-leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten
-hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während
-der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief
-ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite
-desselben kletterte ich über den Zaun.</p>
-
-<p>Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der
-Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und
-in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit
-hochklopfendem Herzen vor Heri.</p>
-
-<p>Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das
-sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten
-Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die
-ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.</p>
-
-<p>Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort
-hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres
-erbebte in namenlosem Glück.</p>
-
-<p>Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da
-ist eine Bank.“</p>
-
-<p>Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie
-endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“</p>
-
-<p>Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> ich zu reden: „Ja,
-Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen.
-Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse.
-Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“</p>
-
-<p>Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise:
-„Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“</p>
-
-<p>„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast,
-Heri, damals zu Hause im Park.“</p>
-
-<p>Sie schwieg.</p>
-
-<p>Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich,
-ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich:
-so wie damals?“</p>
-
-<p>Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch
-Kinder!“</p>
-
-<p>Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel
-zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur
-stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, &ndash; ich
-&ndash; ich gehe.“</p>
-
-<p>Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten
-Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich
-nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme
-und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span></p>
-
-<p>„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte
-sich mir zu entwinden.</p>
-
-<p>Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen
-Küssen: „Heri, dies eine Mal, &ndash; dies eine Mal &ndash; will ich noch
-glücklich sein, Heri &ndash; ich hab dich so lieb &ndash; so lieb, Heri &ndash; so
-lieb&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;“</p>
-
-<p>Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust
-und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.</p>
-
-<p>Das brachte mich zur Besinnung.</p>
-
-<p>„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen
-wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“</p>
-
-<p>Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit
-tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“</p>
-
-<p>„Ja, ich gehe!“</p>
-
-<p>Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte
-ich hinaus in die nächtliche Straße.</p>
-
-<p>Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn
-je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen
-wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines
-vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner
-Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über
-meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span> Leib in meinen Armen,
-ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen
-Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter
-Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst
-diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“</p>
-
-<p>Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah
-und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im
-Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die
-Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein
-Frühgewitter zu murren begann.</p>
-
-<p>Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über
-mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender
-Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das
-Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt.
-Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen
-wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin
-und darauf ein langgezogenes Rollen.</p>
-
-<p>Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß
-werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und
-auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es
-einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er
-dann das zumachte,<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span> durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht
-mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber
-konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus
-der Anstalt.</p>
-
-<p>Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger
-Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich
-noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden
-Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei
-Dank! das Fenster stand noch offen.</p>
-
-<p>Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich
-auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der
-volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur
-zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da
-haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche
-ist zu allem fähig.“</p>
-
-<p>Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und
-da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen!
-Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen
-Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er
-auch der meinige.</p>
-
-<p>„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.</p>
-
-<p>Ich gab keine Antwort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p>
-
-<p>„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“</p>
-
-<p>Ich gab abermals keine Antwort.</p>
-
-<p>Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube
-heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt
-abgewehrt hätte.</p>
-
-<p>Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für
-heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so
-erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“</p>
-
-<p>Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor
-immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da
-mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen
-nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“</p>
-
-<p>„Gewiß, Herr Direktor!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Herr Direktor!“</p>
-
-<p>Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll
-und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht
-erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und
-Wäsche.“</p>
-
-<p>Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden
-solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu
-dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen
-die Blitze ihre blendenden Brände<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span> warfen, ich horchte dem Schmettern
-der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit
-machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und
-während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und
-ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst
-geweckt werden mußte.</p>
-
-<p>Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn
-Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die
-Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das
-überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.</p>
-
-<p>Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite
-stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie
-verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite
-stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich
-war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß
-ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet
-werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich
-wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen.
-Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte
-von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als
-Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder
-nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß,<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> denn die mußte doch
-wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber
-bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war
-diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf
-davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte
-ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.</p>
-
-<p>Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich
-geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male
-jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das
-alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar
-nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.</p>
-
-<p>Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen
-entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können.
-Mochte kommen, was da wolle.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor
-des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem
-Klassenvorstand.</p>
-
-<p>Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es
-ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen
-Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum
-handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> übrigen Schüler vor
-Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können.
-Sie aber“ &ndash; damit wandte er sich an mich &ndash; „fordere ich auf, die
-Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch
-Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern
-Abend?“</p>
-
-<p>Ich schwieg.</p>
-
-<p>„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.</p>
-
-<p>Ich schwieg.</p>
-
-<p>„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch
-des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein
-junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt
-hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb
-ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine
-Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse
-bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken
-sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine
-Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten
-aufsuchen zu können!“</p>
-
-<p>Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte:
-„Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen
-Mannes!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p>
-
-<p>Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und
-rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So
-kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“</p>
-
-<p>Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz
-und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der
-Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“</p>
-
-<p>„Wo waren Sie dann?“</p>
-
-<p>Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren
-brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?</p>
-
-<p>Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich
-möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne
-allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die
-volle Wahrheit bekennen wird!“</p>
-
-<p>„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.</p>
-
-<p>Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der
-Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden
-zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu
-bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde
-zurück.“</p>
-
-<p>Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen
-Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der
-Präfekt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span></p>
-
-<p>Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund,
-wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die
-Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei
-Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in
-Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für
-einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie
-versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch
-nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“</p>
-
-<p>Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.</p>
-
-<p>Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend,
-und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“</p>
-
-<p>Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem
-ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer
-Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß
-alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen
-Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst
-draußen, bis Sie gerufen werden.“</p>
-
-<p>Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der
-Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich
-stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> den
-Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen
-Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in
-einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen
-Lichtflut sendend.</p>
-
-<p>Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid
-bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was
-ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum
-moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie
-sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes
-zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.</p>
-
-<p>In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber
-bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die
-Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder
-in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich
-noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine
-Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.</p>
-
-<p>Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es
-hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen,
-holte mich der Präfekt neuerdings ab.</p>
-
-<p>„Kommen Sie,“ sagte er kurz.</p>
-
-<p>Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn:
-„Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span></p>
-
-<p>„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der
-kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange
-Ahnung stieg in mir auf.</p>
-
-<p>Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer
-feierlichen, finsteren Ernst.</p>
-
-<p>Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die
-Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“</p>
-
-<p>Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen.
-Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“</p>
-
-<p>„Nun“ &ndash; der Direktor zog eine höhnische Miene &ndash; „ich habe die Frau
-Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt
-und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei.
-Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft
-bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie
-sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand
-sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den
-Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten
-von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen
-hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen
-Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den
-geringsten Zweifel zu setzen und“ &ndash; er erhob seine Stimme &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span> „stehen
-vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau,
-wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten
-dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene
-Schande zu bemänteln.“</p>
-
-<p>Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den
-Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf
-etwas zu erwidern?“</p>
-
-<p>Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt
-zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es
-außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich
-hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als
-rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich
-um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen
-Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen,
-um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend
-ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den
-Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht
-ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen
-hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt,
-ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte,
-und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span></p>
-
-<p>Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich
-stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da
-vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als
-heilig und unverbrüchlich gegolten hatte.</p>
-
-<p>Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine
-Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle
-sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben
-Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine
-Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei.
-Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt,
-in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die
-Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos.</p>
-
-<p>Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn
-gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“</p>
-
-<p>Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der
-alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte
-Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“</p>
-
-<p>Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den
-Karzer zurück.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IX">IX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf
-den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als
-ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn
-die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die
-bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei,
-und zogen dann grollend ab.</p>
-
-<p>Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil
-sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen.
-Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes
-in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den
-balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des
-Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe
-sich spiegeln.</p>
-
-<p>Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen
-wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und
-ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere
-Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine
-sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben
-nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> macht Könige, die
-Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne.</p>
-
-<p>Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und
-dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer
-Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge
-Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem
-Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden
-Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden
-senkrecht zu ihr empor.</p>
-
-<p>Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an
-meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und
-da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist
-es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber
-nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren,
-um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig
-über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.</p>
-
-<p>Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen
-Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.</p>
-
-<p>Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von
-vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder
-und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span>waldes
-hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und
-wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige,
-da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter
-Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken.
-Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den
-Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und
-Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!</p>
-
-<p>Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie
-sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch
-damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr
-Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich
-emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen,
-verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.</p>
-
-<p>Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen
-gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für
-die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die
-den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern
-nur ewiges Leben gibt.</p>
-
-<p>Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den
-ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger
-als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> Flamme
-auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen
-braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.</p>
-
-<p>Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite
-und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu
-können.</p>
-
-<p>Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich
-noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah,
-unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die
-Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich
-geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern
-mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem
-Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von
-Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in
-das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie
-das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich
-plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.</p>
-
-<p>Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust
-und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit
-entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und
-näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen
-des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann
-wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal
-war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für
-einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte
-schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los,
-bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.</p>
-
-<p>Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über
-mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen
-Schwestern umrahmt war.</p>
-
-<p>Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die
-Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“</p>
-
-<p>„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen.</p>
-
-<p>„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie
-bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht
-auf.“</p>
-
-<p>Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen
-Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern.</p>
-
-<p>Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn
-genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und
-irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der
-am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein,
-daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span></p>
-
-<p>Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu
-verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht.</p>
-
-<p>So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo
-ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe
-gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine
-Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben
-gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten
-und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst
-eingesetzt, und nun war ich gerettet.</p>
-
-<p>Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe,
-fragte ich.</p>
-
-<p>Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten
-gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu
-werden.“</p>
-
-<p>Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie
-wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch
-allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde.</p>
-
-<p>Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer
-selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da
-ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß
-es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein,
-die warm und wohlig durch den<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span> ganzen Körper strömte und ihn täglich
-kräftiger und kräftiger machte.</p>
-
-<p>Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach
-Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“</p>
-
-<p>„Meine Mutter?“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage
-ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn&nbsp;&ndash;“</p>
-
-<p>Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten
-machen?“</p>
-
-<p>„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der
-Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne
-haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es
-ist. Das meine ich.“</p>
-
-<p>Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich
-auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun
-vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles,
-was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr
-weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein
-glücklicher und froher Mensch zu werden.</p>
-
-<p>Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben
-meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital
-gebracht hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden,
-seien schon in der Heimat.</p>
-
-<p>Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand,
-sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber
-nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“</p>
-
-<p>Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die
-mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so
-eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen
-für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir,
-als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie:
-„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“</p>
-
-<p>Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges
-verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das
-Besuchszimmer ein.</p>
-
-<p>Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die
-Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen
-und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini.
-Also du bist halt doch wieder gesund worden.“</p>
-
-<p>Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine
-Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe.
-Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem
-Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span></p>
-
-<p>„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf,
-warum denn die zwei Frauen allein hier seien.</p>
-
-<p>„Ist sie krank?“</p>
-
-<p>„Nein, Heini.“</p>
-
-<p>Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort
-Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte,
-sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist
-sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt,
-daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das
-beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“</p>
-
-<p>Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die
-Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden
-Frauen das Spital.</p>
-
-<p>Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht,
-und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den
-Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar
-nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren.</p>
-
-<p>Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein
-Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen.</p>
-
-<p>Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich
-stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend
-an die<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine
-Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie
-Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah.</p>
-
-<p>Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg
-durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor
-Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen.</p>
-
-<p>„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die
-Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“</p>
-
-<p>Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen
-hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden
-Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man
-jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne.</p>
-
-<p>„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so
-krank geworden bin?“</p>
-
-<p>„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der
-Direktor an sie geschrieben hat.“</p>
-
-<p>„Was hat er denn geschrieben?“</p>
-
-<p>Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu
-willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so
-nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span>
-Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten,
-Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“</p>
-
-<p>In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar
-bei meiner Mutter verleumdet!“</p>
-
-<p>„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“</p>
-
-<p>„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich.</p>
-
-<p>„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, &ndash; sonst
-hat sie nichts gesagt.“</p>
-
-<p>„Gar nichts sonst?“</p>
-
-<p>„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei
-rollten ihr große Tränen aus den Augen.</p>
-
-<p>Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam
-an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit
-an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende
-Antwort erwartend: „Die Mutter ist&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;“</p>
-
-<p>Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht
-erbitten, nicht die, die ich befürchtete.</p>
-
-<p>Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die
-Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist
-heimgegangen zu deinem Vater.“</p>
-
-<p>Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun
-auch das Letzte, was mir noch auf<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> Erden verblieben war, versunken und
-ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir
-fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um
-mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich
-starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin:
-„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“</p>
-
-<p>Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten
-haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden
-davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum
-Ausbruch. Meine arme Mutter!</p>
-
-<p>„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm
-mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als
-wenn du dich vergrübelst.“</p>
-
-<p>Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte
-sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s
-nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht,
-davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat.
-Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich
-halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil
-so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen
-kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts
-genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span>
-zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als
-geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr
-zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da
-hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich
-und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl
-nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s:
-wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich
-mir’s. &ndash; Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern
-versprochen. &ndash; Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da
-ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich
-ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie
-aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini
-ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe
-sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat
-eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich
-ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die
-Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat
-sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt
-liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder
-beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit
-auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span></p>
-
-<p>Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt.
-Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden
-quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz
-lösend und lindernd, kam es über mich.</p>
-
-<p>Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte:
-„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich
-deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und
-ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und
-auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir
-haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“</p>
-
-<p>Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und
-küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von
-denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen
-meiner Mutter.</p>
-
-<p>„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir
-die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“</p>
-
-<p>„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da
-ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher
-Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch
-noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p>
-
-<p>Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der
-seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls
-die Hand reichte.</p>
-
-<p>Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die
-Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug
-uns der ratternde Zug der Heimat zu.</p>
-
-<p>Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen,
-die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen
-Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter
-seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der
-Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein
-verstürmtes Herz ein.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="X">X.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als
-es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in
-früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat
-sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter
-abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie
-wohl alles<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span> geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen
-und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute
-wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch
-wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der
-ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei
-Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben
-geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen
-getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen,
-nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich
-wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen
-Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln
-entlocken.</p>
-
-<p>Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt,
-den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren
-herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde
-als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien
-kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von
-den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und
-versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches
-Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes
-Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden
-andrücke, und daß es<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich
-durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das
-ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender
-Umarmung.</p>
-
-<p>Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid
-auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden
-zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten
-ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der
-große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man
-sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer
-zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das
-Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist
-überwundenes, ohnmächtiges Leid.</p>
-
-<p>Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte.
-Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein
-geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.</p>
-
-<p>Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe,
-unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel
-Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl
-aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des
-Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des
-Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span> Gefühle und der
-Hochwald macht die passende Musik dazu.</p>
-
-<p>Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen
-und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In
-einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und
-doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum
-Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“</p>
-
-<p>Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt
-durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze,
-mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke
-erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen
-Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum
-müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch
-die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum
-Frieden zu gelangen.</p>
-
-<p>Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt
-sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.</p>
-
-<p>Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.</p>
-
-<p>Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage
-eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen,
-war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand ge<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span>reicht: „Grüß dich
-Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus,
-hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt
-nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“</p>
-
-<p>Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum
-stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen,
-aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit
-aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir
-wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“</p>
-
-<p>Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene
-kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand.
-Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige
-Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in
-dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden
-Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe
-meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch
-frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen
-geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span></p>
-
-<p>„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.</p>
-
-<p>„Ja, ich tu’s aber gern.“</p>
-
-<p>Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich
-aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle,
-das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt
-ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch
-wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.</p>
-
-<p>Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das
-stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz
-eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der
-Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten
-schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.</p>
-
-<p>Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu
-sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini,
-reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu
-früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut
-schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach.
-Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“</p>
-
-<p>Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl
-als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder
-fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> staubig.
-Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“</p>
-
-<p>So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem
-eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein
-planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt
-meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer
-Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel
-auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.</p>
-
-<p>Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute
-nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können.
-Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden
-Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein
-Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos
-auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich
-sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein.
-Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum
-Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede
-Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm
-wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger
-Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich
-unsäglich glücklich machte.<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich
-mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine
-Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm.
-Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich
-jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten,
-wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht
-aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte
-umzusetzen ist.</p>
-
-<p>Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich
-dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen,
-mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe
-Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so
-sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer
-Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und
-selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre
-Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in
-einem süßen, weichen Liede.</p>
-
-<p>Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar
-Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos
-an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri
-mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter
-demnächst als Güterdirektor<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> des Grafen auf dessen große Besitzung in
-Böhmen versetzt werden solle.</p>
-
-<p>Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine
-Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus
-ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine
-Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine
-wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.</p>
-
-<p>So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen
-holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.</p>
-
-<p>Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen
-schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und
-Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge
-zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man
-glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern
-des Gewändes ihre Heimat hatten.</p>
-
-<p>Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin,
-einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten
-wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“</p>
-
-<p>Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer
-Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.</p>
-
-<p>Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium
-hinausgeworfen worden und<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> damit hatte ich auch die Unterstützung des
-Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner
-Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin
-gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem
-anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin
-aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war
-kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen.
-Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das
-Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan
-endgültig von uns verworfen.</p>
-
-<p>Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte
-als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär
-konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir
-offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster
-bringen konnte.</p>
-
-<p>Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin
-zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer
-Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte,
-der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen
-Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen
-blieb ohne Antwort.</p>
-
-<p>Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber
-jedesmal ablehnende Ant<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span>worten, und ich sah bald ein, daß es meine
-Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob.
-Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen
-Menschen nimmt man nicht auf.</p>
-
-<p>Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich
-über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich
-in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen
-Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter
-rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein
-eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel
-des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer
-zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der
-Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt
-umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen
-mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.</p>
-
-<p>Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war
-mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in
-der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und
-ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen
-hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span>
-und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen
-Entschluß.</p>
-
-<p>Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich
-als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe
-glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und
-so willigte sie ein.</p>
-
-<p>Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein.
-War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen
-und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit
-sichtlichem Widerwillen.</p>
-
-<p>Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.</p>
-
-<p>Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn
-schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und
-besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft
-hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter
-umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was
-sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben
-wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto
-leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der
-Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu
-Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren.
-Einzelne Bauern, mit deren<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span> Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die
-bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller
-aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch
-ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem
-sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter
-gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er
-seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine
-gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst
-die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am
-Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle
-übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn
-ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben
-konnte.</p>
-
-<p>Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich
-mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und
-ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.</p>
-
-<p>Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne
-nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere,
-wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.</p>
-
-<p>Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat
-jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf
-besessen hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins
-Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls
-eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt
-nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn
-die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der
-staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein
-wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein
-sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend,
-verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er
-da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu
-werden.</p>
-
-<p>Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen
-des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke
-schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte
-sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll
-herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas
-ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes
-sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir
-geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das
-eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.</p>
-
-<p>Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein
-Gedanke aufschnellte, als<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei
-einen Grund haben.</p>
-
-<p>So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben
-erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf
-vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen
-doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die
-Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in
-dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden,
-er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei
-der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung
-daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten
-seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen
-sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige
-arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten,
-sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo
-ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu
-werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte
-es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen
-vernichtenden Schlage bewahrt hatte.</p>
-
-<p>Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem
-Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein
-glän<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span>zendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der
-den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten
-Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den
-Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit,
-Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man
-ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit
-ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen
-Offizierskorps sei.</p>
-
-<p>Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen,
-so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener
-Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle
-der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit
-bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz
-nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.</p>
-
-<p>Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes,
-etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu
-aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den
-Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne
-Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft
-zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen
-Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter
-dem weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe
-zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und
-streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde
-Licht eines neuen Liebesfrühlings.</p>
-
-<p>Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen
-unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage
-von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit
-seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und
-in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles
-legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.</p>
-
-<p>Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine
-mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar
-Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe
-an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre
-frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht
-wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft
-und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern
-machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem
-unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.</p>
-
-<p>Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten
-fehlte der überzeugende<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> Ton des Überzeugten; es war mehr wie das
-eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren
-Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt
-selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.</p>
-
-<p>Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann
-am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden,
-die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.</p>
-
-<p>Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden
-Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast
-wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel
-von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem
-großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der
-Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch
-den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre
-Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz
-für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht
-mehr verrichten konnte.</p>
-
-<p>Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der
-Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche
-flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder
-sie streiften wohl auch die zarte Beugung des<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> Nackens, die anmutig
-schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der
-Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr
-Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.</p>
-
-<p>Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer
-von gleichgültigen Dingen zu reden an.</p>
-
-<p>So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter,
-der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit
-lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die
-Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem
-Tag lichter und wärmer.</p>
-
-<p>Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir
-gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall
-schritt sichtlich vor.</p>
-
-<p>Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die
-Vorladung zur Assentierung.</p>
-
-<p>Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein
-von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut,
-denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der
-mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum
-dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und
-der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen
-blanken Tausender geschenkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span></p>
-
-<p>Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem
-Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich
-fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich
-bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers
-erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle
-und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in
-den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und
-als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und
-kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein.</p>
-
-<p>Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre
-Augen füllten sich mit Tränen.</p>
-
-<p>Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und
-blauer Krokus blühte.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von
-da.“</p>
-
-<p>Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und
-auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre
-Gewinde vom Vorjahre schlang.</p>
-
-<p>Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und
-blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.</p>
-
-<p>Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine
-Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott,
-eigentlich liegt gar nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span> dran. Die drei Jahre werden auf ja und
-nein wieder vorbei sein!“</p>
-
-<p>Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht,
-ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen,
-daß ihr ganzer Körper bebte.</p>
-
-<p>„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten,
-und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu
-streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.</p>
-
-<p>„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle
-zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. &ndash; &ndash; Marieli!“</p>
-
-<p>Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen
-gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit
-einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.</p>
-
-<p>Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm
-um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender
-Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“</p>
-
-<p>Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte
-ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu
-schluchzen.</p>
-
-<p>In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus
-tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf
-Maries<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in
-abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich
-wahr! Du hast mich gern?“</p>
-
-<p>Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat
-und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich
-muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“</p>
-
-<p>Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem
-verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück
-und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so
-glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen
-und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“</p>
-
-<p>„Und kannst du mir auch verzeihen &ndash;“ flüsterte ich, „du kannst mir das&nbsp;&ndash;“</p>
-
-<p>„Sei still, Heini!“</p>
-
-<p>Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen
-herum, bis Lippe auf Lippe lag.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XI">XI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder
-Hast zu diesen Blättern. Langsam<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> und gemütlich wollte ich mein Leben
-niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand
-nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt
-und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine
-Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann.
-Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß
-mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht
-ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen.
-Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich
-es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich
-habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt
-nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen.
-Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die
-letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor
-mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder
-ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines
-Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in
-dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!</p>
-
-<p>Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines
-Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!</p>
-
-<p>Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> noch besorgt, wieder
-zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe.
-Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich
-setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine
-Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte
-sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch
-kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und
-abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie
-einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.</p>
-
-<p>Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden
-Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in
-den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so
-leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der
-honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den
-Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und
-Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu
-fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in
-die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine
-Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet
-bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du
-wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> ruft und dir den Weg weist
-an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!</p>
-
-<p>O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben
-dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine
-Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen,
-der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir
-erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der
-Friede!</p>
-
-<p>Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt
-mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als
-möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die
-Pforte ins Unendliche sein.</p>
-
-<p>Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch
-weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast
-stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die
-Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz
-gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen
-müssen.</p>
-
-<p>Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte,
-ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es
-nicht zu.</p>
-
-<p>„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei
-und soll für immer vorbei sein.<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich
-ja nichts vom Leben.“</p>
-
-<p>Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie
-war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen
-Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen
-würden.</p>
-
-<p>So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller
-Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch
-unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer
-strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.</p>
-
-<p>Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube,
-da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß,
-hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum,
-der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als
-wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß
-die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre
-stillen Gebete hinein.</p>
-
-<p>Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit
-ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich
-Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.</p>
-
-<p>Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war
-überhaupt seit meiner Assentierung so<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span> heiter, wie ich ihn nie gesehen
-hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du,
-ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem
-Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus
-der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“</p>
-
-<p>Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und
-vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die
-Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.</p>
-
-<p>Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und
-meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor
-dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden.
-Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen
-kann.“</p>
-
-<p>So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir
-einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange
-geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter
-hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß
-ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel
-glücklich.“</p>
-
-<p>„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.</p>
-
-<p>„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf
-unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner
-sein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p>
-
-<p>Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da
-gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche
-Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die
-Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen
-und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz
-Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.</p>
-
-<p>In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und
-wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises,
-schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen
-huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in
-meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.</p>
-
-<p>Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel
-Leid über Marie und mich brachte.</p>
-
-<p>Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter
-die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den
-Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen
-wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich
-schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten.
-Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still.
-Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Trockenheit
-die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar
-Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in
-der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch
-schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele
-verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so
-scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken
-Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze
-Wolken seines herbwürzigen Atems.</p>
-
-<p>Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt
-an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir
-brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu
-fühlen, genügte uns vollkommen.</p>
-
-<p>Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt
-von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“</p>
-
-<p>„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.</p>
-
-<p>„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder
-ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr
-haben soll. Und mir ist auch&nbsp;&ndash;“</p>
-
-<p>Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen
-drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p>
-
-<p>„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag
-mir’s, du hast was sagen wollen!“</p>
-
-<p>Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte
-sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein,
-Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat
-fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“</p>
-
-<p>Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich
-tatsächlich in tiefster Seele trafen.</p>
-
-<p>„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie
-schwer du mir damit das Fortgehen machst?“</p>
-
-<p>Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine
-Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und
-da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich
-nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar
-nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar
-nichts, Marieli, gar nichts.“</p>
-
-<p>Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr.
-Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll
-und die Nacht war still, heiß und schwer.</p>
-
-<p>Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.</p>
-
-<p>Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> dahin. In jener Nacht
-noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger
-Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle
-ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.</p>
-
-<p>Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand
-ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche
-durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich
-Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich
-in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.</p>
-
-<p>Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder
-Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde
-ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen
-geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür,
-ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“</p>
-
-<p>Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was
-geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren
-Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem
-auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine
-Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil
-ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt
-habe. Damals habe ich erkennen ge<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span>lernt, daß eine Frau alles geben, und
-dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.</p>
-
-<p>Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten
-die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier
-auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold
-hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei
-der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot
-der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die
-Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.</p>
-
-<p>Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von
-Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher,
-und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der
-Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem
-Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher
-über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht
-durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.</p>
-
-<p>Und endlich war der Tag da.</p>
-
-<p>In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche,
-ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können:
-Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare
-Kassette war drinnen, die einige Banknoten<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> barg. Es waren diejenigen,
-die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.</p>
-
-<p>Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der
-Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange,
-lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort
-kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können.
-Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie
-in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust
-zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch
-lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt.
-Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du
-kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“</p>
-
-<p>Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr
-felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar
-nicht aufkommen.</p>
-
-<p>Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch
-einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“</p>
-
-<p>Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.</p>
-
-<p>Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch
-Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein,
-nein,<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’
-da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“</p>
-
-<p>Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ
-sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf
-Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und
-wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen
-sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“</p>
-
-<p>Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und
-er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist
-eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen
-beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück
-gescheh’n.“</p>
-
-<p>Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte
-er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“</p>
-
-<p>Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal
-kurzen, heißen Abschied nehmen.</p>
-
-<p>Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem
-trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund
-habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XII">XII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag
-geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte,
-da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über
-die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten
-Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen.
-In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige
-Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der
-Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte
-ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick
-gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber
-selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein
-Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.</p>
-
-<p>Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen
-in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal
-höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord
-aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das
-langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden
-Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von
-der Natur<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span> sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch,
-der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst
-in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen
-Verwesung, auch den Körper zu zerstören.</p>
-
-<p>Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in
-teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken,
-das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch
-schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven
-schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis
-sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge
-noch in stummer Frage emporrichtend: warum?</p>
-
-<p>Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend
-in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner
-Betrachtung aufschreckten.</p>
-
-<p>Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich
-weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den
-ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit.
-Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und
-wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich
-auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf
-und sah in den Himmel hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span></p>
-
-<p>Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler
-nach.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er
-eine Nacht bei mir bleiben könne.</p>
-
-<p>Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich
-nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die
-Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle.</p>
-
-<p>„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber
-ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts
-anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden
-das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu,
-„denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das
-Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr
-es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah!
-Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“</p>
-
-<p>„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“
-entgegnete ich lächelnd.</p>
-
-<p>Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und
-Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen
-Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja
-kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“</p>
-
-<p>Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, der<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span> mir zur Wohnung diente,
-noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte.</p>
-
-<p>Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald
-erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte
-er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner
-groben Decken.</p>
-
-<p>Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen
-tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich
-unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat.</p>
-
-<p>Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind
-auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“</p>
-
-<p>„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich.</p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören.
-Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s
-gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“</p>
-
-<p>Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel
-miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann
-aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute,
-was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen
-haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß
-ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde.
-Ich freue mich, einen Menschen ge<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span>funden zu haben, dem der Friede ward,
-und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste
-Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so
-halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“</p>
-
-<p>Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die
-Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im
-Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit
-dem Hute zurück.</p>
-
-<p>Also auch einer, der auf den Wegen der Einsamkeit geht trotz Weib und
-Kind. Er gibt Liebe, empfängt Liebe und ist doch einsam. Merkwürdig,
-sehr merkwürdig das!</p>
-
-<p>Doch ich will zu meiner Geschichte zurückkehren.</p>
-
-<p>Ich war also jetzt Soldat. Daß mir der Kasernenton behagt hätte, kann
-ich wohl nicht sagen, aber ich war es ja von der Anstalt her gewohnt,
-mich einem größeren Haufen einzufügen und die da üblichen Späße nicht
-gerade feiner Art wenigstens insoweit mitzumachen und mir gefallen zu
-lassen, um nicht allein zur Zielscheibe derselben zu werden.</p>
-
-<p>Bei der Abrichtung war ich bald der erste und schon nach einem
-Vierteljahr wurde ich zum Kanzleidienst kommandiert. Da man mich hier
-sehr gut brauchen konnte und auch meine Vorstudien bekannt wurden,
-war ich nach einem halben Jahre schon Korporal und genoß eine Art
-Ausnahmestellung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p>
-
-<p>Niemand war froher als ich, als mir meine Übersetzung zum Kanzleidienst
-bekannt gegeben wurde. Hier unterstand ich in erster Linie dem
-Hauptmann und hatte mit den übrigen Offizieren, den Leutnants und
-Oberleutnants, nichts zu tun.</p>
-
-<p>Unter Letzteren befand sich auch Oberleutnant von Steindl. Der war
-nach der Aussage aller älteren Unteroffiziere früher ein sehr lustiger
-und gutmütiger Mann gewesen; aber bald nach seiner Verheiratung
-hätte sich sein Charakter gänzlich geändert und nun sei er einer der
-ärgsten Soldatenschinder, dem eine Kleinigkeit genüge, um einen Mann
-schließlich sogar auf die „Latten“ zu bringen.</p>
-
-<p>Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ
-zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir
-jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten
-tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber
-an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich
-belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er
-mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge
-anschickt.</p>
-
-<p>Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge
-gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser
-Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen
-solle. Warum, das wußte mir niemand<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span> zu sagen, daß es aber so sei, das
-schien stadtbekannt zu sein.</p>
-
-<p>Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst
-so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe,
-aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie,
-so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in
-Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt
-ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit
-unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen
-Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie
-vorübergegangen sei.</p>
-
-<p>Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham
-und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig
-in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen
-Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen
-sein.</p>
-
-<p>Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich
-gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden
-hatte.</p>
-
-<p>Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und
-der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der
-Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span></p>
-
-<p>Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem
-großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten
-hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die
-Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch
-konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine
-wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen
-Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir
-Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit.</p>
-
-<p>Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren
-Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein
-Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein
-wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch
-unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich
-sehnsüchtigen Gedanken hin.</p>
-
-<p>Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben
-wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie
-da?“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen.</p>
-
-<p>Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu
-Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“</p>
-
-<p>„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keine<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> Privatbriefe!“
-donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“</p>
-
-<p>In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete
-nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“</p>
-
-<p>„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich
-in meiner Faust zusammenknitterte.</p>
-
-<p>Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu
-haben Sie kein Recht!“</p>
-
-<p>Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm
-den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und
-als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen
-versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht
-mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen
-und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies.
-Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt,
-nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller
-als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese
-Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem
-Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut
-empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant
-geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikulierten<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span>
-Schrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick
-aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen
-und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und
-verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen.</p>
-
-<p>Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles
-plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil
-unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler
-erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz
-seines Säbels umgebracht.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach
-einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein
-tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine
-höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung
-gezogen worden.</p>
-
-<p>Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen
-die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen
-nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht
-arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder
-Muskel nach Betätigung schreit.</p>
-
-<p>Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben.
-In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt
-war. Wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> Tränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den
-Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor
-den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und
-Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich
-nicht getraute.</p>
-
-<p>So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie
-sich an Marie das Schicksal erfüllte.</p>
-
-<p>Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie
-mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir,
-daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder
-unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur
-Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und
-verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und
-beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein
-paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie
-neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen.
-Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß
-ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe.</p>
-
-<p>Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen
-und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum
-Gefängnis<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span>rapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte
-vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den
-ganzen Sachverhalt zu erzählen.</p>
-
-<p>Und der Mann dachte menschlich.</p>
-
-<p>„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge
-Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen,
-vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“</p>
-
-<p>Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich
-erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an
-Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft
-Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male.</p>
-
-<p>Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich
-fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines
-Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die
-Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="mleft3">Lieber Heini!</p>
-
-<p>Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben
-mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er,
-sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini,<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span>
-schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß
-Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten.
-Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.</p>
-
-<p class="right mright1">Deine Marie.</p>
-
-</div>
-
-<p>Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein
-paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis
-verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne
-er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr
-ein paar Wochen.</p>
-
-<p>Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von
-dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die
-vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete,
-bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien
-es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück
-beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der
-Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es
-mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern
-einrennen müssen.</p>
-
-<p>Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span></p>
-
-<p>„Weißt das neueste?“ rief er mir zu.</p>
-
-<p>Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen
-können!</p>
-
-<p>„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“</p>
-
-<p>Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von
-den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei
-und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber
-bald wurde ich eines besseren belehrt.</p>
-
-<p>Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage
-zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus
-dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt.
-Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu
-meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden.</p>
-
-<p>Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken
-Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das
-steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen
-Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch
-überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in
-dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des
-Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen
-nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span>
-spiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug
-über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und
-rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts
-durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur
-entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie
-herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns
-rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken,
-weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der
-stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen
-Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein
-romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save
-entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze.</p>
-
-<p>Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag
-also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken
-lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach
-bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden,
-da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur
-allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten.</p>
-
-<p>Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir
-hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten
-es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft
-ge<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span>fangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen
-von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren
-herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber
-das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen
-orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem
-primitiven Dache gedeckter Rauchfang.</p>
-
-<p>Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen
-tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft,
-die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden.
-Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder
-in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den
-Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und
-plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren
-sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur
-mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der
-kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd
-den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen.</p>
-
-<p>Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf
-kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten
-riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span>
-lichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich
-ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in
-wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend
-über mächtige Felsklötze stürzend.</p>
-
-<p>Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen.
-Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir
-bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und
-Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden.</p>
-
-<p>Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern;
-ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen
-Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen.</p>
-
-<p>Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen
-Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um
-die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts
-dirigiert, um jener die Flanken zu decken.</p>
-
-<p>Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein
-Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch
-Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an
-Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken.</p>
-
-<p>Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahn<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span>sinnig und auch unsinnig
-dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase
-bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still,
-stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das
-Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der
-aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten
-Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und
-hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand.</p>
-
-<p>Ein Kamerad und ich erhielten den Vorpostendienst und hatten die
-einsame Kuppe zu beziehen.</p>
-
-<p>Über den fernen Karstgipfeln ging die Sonne zur Ruhe. In dem Goldstrom,
-der von ihr floß, färbten sich die kahlen Felshöhen erst mit flammendem
-Gelb, dann aber ging dieses in glühenden Purpur über, und der rann in
-breiten Strömen hinab in die waldigen Schluchten und Täler und hing
-in die dunklen Kronen der riesigen Fichten und Tannen ganze Lasten
-von Rosen, die aber immer blässer und blässer wurden. Wie zu Hause in
-meinen Bergen war das, und jetzt war mir, als müsse der leise Klang der
-Abendglocke ertönen. Und ein geliebtes Antlitz tauchte vor mir auf,
-ein schmales, süßes Gesicht mit blauen Augen. Ich sah die Augen mit
-stummer, aber inbrünstiger Bitte gegen Himmel gerichtet: gewiß, jetzt
-betete Marie für mich, denn nun war’s ja auch zu Hause Avezeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span></p>
-
-<p>Ich hatte Marie vor unserem Abmarsch schnell noch ein paar Zeilen
-schreiben können und wähnte sie getröstet, soweit ein Frauenherz
-getröstet sein kann, das den Geliebten in fernem, feindlichem Lande
-weiß.</p>
-
-<p>Und auf einmal durchrieselte mich ein eigenartiger Schauer: mir fiel
-ein, daß nun Marie nicht mehr allein sei; dort im Norden, wo die Nacht
-ihre dunklen Schleier an den Himmel hängte, dort lag mein Kind, und die
-Heimatwälder rauschten ihm ein Schlummerlied, weil der Mutter selbst
-die Lippen von Weh und Sorge verschlossen waren.</p>
-
-<p>Aus meinen Träumen riß mich die Stimme meines Kameraden, der meinte:
-„Saudumm, daß wir da heroben stehn müssen. Ist eh weit und breit nit
-einmal eine Katz, viel weniger ein Bosniak. Da schau, wie sich’s die da
-drunten gut g’schehn lassen.“</p>
-
-<p>Und er wies mit dem Finger auf die Halde hinab, auf der die Lagerfeuer
-flammten und von wo ab und zu dumpfes Stimmengewirr zu uns empordrang.</p>
-
-<p>„Na tröst’ dich,“ erwiderte ich „morgen trifft’s dafür andere, dann
-können wir’s uns gemütlich machen.“</p>
-
-<p>Arm in Arm gelegt, das Gewehr bei Fuß sahen wir hinab.</p>
-
-<p>Plötzlich ein Knall, ein klirrender Ton in unmittelbarer Nähe, und
-mein Kamerad riß seinen Arm aus dem meinen. Ein Schuß hatte die
-Menageschale<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> auf seinem Tornister getroffen und wie wir uns nun
-umdrehten, pfiff eine zweite Kugel hart an meinem Ohre vorbei.</p>
-
-<p>Hinter einem großen Felsblock wurden zwei Gestalten flüchtig, eine
-höhere, dunklere, augenscheinlich ein Mann, und eine kleinere in
-lichter Kleidung, eine Frau.</p>
-
-<p>Wir rissen unsere Flinten an die Wangen und fast gleichzeitig krachten
-unsere Schüsse den wie Katzen gebückt Davonspringenden nach. Und wir
-hatten getroffen. Die kleinere Gestalt warf die Arme empor und sank zu
-Boden. Der Mann wollte sie fortziehen, aber schon hatten wir wieder
-geladen und wieder krachten unsere Schüsse über die steinige Hochfläche
-hin. Zugleich schmetterten vom Lager herauf die Alarmsignale und
-Kommandorufe ertönten.</p>
-
-<p>Da eilte der Mann fort und wir stürmten ihm nach. Bald waren wir bei
-der Getroffenen. Es war eine junge, bildschöne Frau. Rabenschwarzes
-Haar quoll unter einer kleinen roten Mütze hervor, in krampfhaften
-Stößen hob sich die jugendstrotzende Brust unter dem weißen Hemd, über
-das sich noch ein rotes, goldgesticktes Leibchen spannte, und als die
-Sterbende nochmal das Auge aufschlug, das schöne, tiefdunkle Auge, da
-war mir’s mit einem Male, als wäre es Heri, die da vor mir läge.</p>
-
-<p>„Wie eine Wildkatz,“ meinte mein Kamerad.</p>
-
-<p>Aber wir hatten nicht Zeit uns Betrachtungen<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> hinzugeben, denn eben
-pfiff wieder eine Kugel an unserem Ohre vorbei: im nächsten Augenblick
-lagen wir hinter einem Felsblock in Deckung und begannen das Feuer zu
-erwidern, das uns hinter einem von Gestrüpp umwucherten Felswall hervor
-entgegenschlug.</p>
-
-<p>Schon kam aber auch unsere Hilfe. Jede Deckung verschmähend, sprangen
-die Kameraden, unser Oberleutnant voran, durch die Felsblöcke daher und
-rollende Salven schlugen in das Gebüsch, die das dortige Feuer rasch
-verstummen machten.</p>
-
-<p>Als wir dann das Gebüsch absuchten, fanden wir zwar Blutspuren, aber
-weder Tote noch Verwundete. Die hatten die Insurgenten mitgenommen,
-wie sie das auch immer taten, wenn ihnen nur halbwegs die Möglichkeit
-geboten war.</p>
-
-<p>Das war unser erster Zusammenstoß mit dem Feinde.</p>
-
-<p>Nachdem die ganze Umgegend abgesucht worden war und die Posten
-verstärkt waren, kehrte die Truppe ins Lager zurück. Mein Kamerad und
-ich blieben auf unserem alten Posten.</p>
-
-<p>Schimmernd im Lichte unzähliger Sterne war die Nacht gekommen.
-Weithin wundersame Stille, nur ein ganz, ganz leises Rauschen der
-Wälder zu unseren Füßen und ein geisterhaftes Flüstern in dem dürren
-Gras zwischen den Felsblöcken. Und dort drüben lag ein junges,
-schönes, totes Weib. Noch<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> vor ein paar Stunden hatte sie nichts von
-uns, wir nichts von ihr gewußt, und nun lag sie von unseren Kugeln
-dahingestreckt, und ihre gebrochenen dunklen Augen fragten die
-friedlich ziehenden Sterne dort droben: warum?</p>
-
-<p>Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des
-bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all
-dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das
-Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an
-dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus
-seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling
-treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen,
-immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem
-ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also?</p>
-
-<p>Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen
-wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden
-und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß
-bewahrt.</p>
-
-<p>Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel
-und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen
-sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und
-es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über die<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> verstümmelten
-Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig
-anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht
-Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin
-aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten,
-führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus.</p>
-
-<p>Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons,
-und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er
-hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte
-er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen.</p>
-
-<p>Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend
-die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen
-Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so
-beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren.
-Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen,
-die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte.</p>
-
-<p>Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte
-Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann
-tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz für<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span>
-eine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand.</p>
-
-<p>Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte
-emporklettern, um Ausschau zu halten.</p>
-
-<p>Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig
-wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im
-nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.</p>
-
-<p>„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht
-hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns
-wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern,
-das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren,
-entgegensprühte.</p>
-
-<p>Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber
-nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der
-ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren
-ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den
-Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst
-unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir
-den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die
-hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und
-mancher der hageren, braunen Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span>sellen mußte an die Treffsicherheit
-österreichischer Alpensöhne glauben.</p>
-
-<p>Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen
-Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer
-Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen
-Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar
-an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber
-vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem
-Tode bezahlt werden.</p>
-
-<p>Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns
-gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber
-immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück.</p>
-
-<p>Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum,
-ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend.</p>
-
-<p>Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den
-Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend,
-suchte er sich das Ziel für seine Schüsse.</p>
-
-<p>Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“</p>
-
-<p>Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem
-der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.</p>
-
-<p>Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span> Stücklein seitens
-unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen
-Feldzuges so außerordentlich reich ist.</p>
-
-<p>Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete
-er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit
-dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank
-auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der
-Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein
-persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und
-ich mußte mich seiner annehmen.</p>
-
-<p>Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf
-dem Bauche zum Oberleutnant.</p>
-
-<p>„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“</p>
-
-<p>Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt
-und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“</p>
-
-<p>Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte
-den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in
-seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine
-Züge.</p>
-
-<p>„Sie, Binder?“ sagte er leise.</p>
-
-<p>„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.</p>
-
-<p>Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad!<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span> &ndash; Ich bin fertig!
-Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat
-gestorben.“</p>
-
-<p>Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in
-den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der
-ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.</p>
-
-<p>Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an
-den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir
-dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr
-Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“</p>
-
-<p>Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine
-Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll
-meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren
-Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb &ndash; lieber als mich.“</p>
-
-<p>Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen
-sie noch an mein Ohr.</p>
-
-<p>Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher
-Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.</p>
-
-<p>Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ &ndash; vergeblich, er
-war heimgegangen.</p>
-
-<p>In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des
-Sterbenden brachten mich außer<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span> mir. Gedankenabwesend sprang ich auf
-und begann wieder zu feuern.</p>
-
-<p>Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem
-Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.</p>
-
-<p>Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur
-so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes
-„Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern
-aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz
-eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine
-Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.</p>
-
-<p>Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.</p>
-
-<p>„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s
-erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man
-schon noch zusammen.“</p>
-
-<p>Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der
-nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht,
-und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die
-schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett
-und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIII">XIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal
-und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen
-haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt
-und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im
-Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen
-saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das
-Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen
-und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das
-noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen,
-ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen
-sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.</p>
-
-<p>Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag
-keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den
-Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine
-Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so
-süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas
-Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen
-möchte.</p>
-
-<p>Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> ein Gewitter. Schon
-um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den
-Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend
-grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der
-nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken
-zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert
-dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und
-abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten
-Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und
-zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß
-und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.</p>
-
-<p>So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen
-alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann
-zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des
-Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten
-Tiefen hinab.</p>
-
-<p>Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut
-unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel
-gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die
-stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm
-seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die
-aus seinen eigenen Gründen emporwallen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span></p>
-
-<p>Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst
-quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille
-Heiterkeit des Wesens trüben.</p>
-
-<p>Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue
-Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie
-er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst.
-Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen
-leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende
-Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht:
-„Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der
-in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da
-ist, ist mein!“</p>
-
-<p>Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in
-die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem
-Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf
-denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter
-Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie
-Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in
-sich trägt, ist zum Messias berufen!“</p>
-
-<p>Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es
-sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in
-die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> Menschentums
-wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen
-lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.</p>
-
-<p>Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit
-tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine
-Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will,
-der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir
-nach!</p>
-
-<p>Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und
-es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer
-Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht
-auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen;
-aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf
-der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb
-mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln
-kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen
-Himmelsostern des Friedens.</p>
-
-<p>Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese
-Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich
-selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der
-weiten Welt!</p>
-
-<p>Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> damals angefangen hat,
-als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen,
-die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte
-mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien
-und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit,
-daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken
-zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen
-Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen
-konnte ich nicht ins Auge sehen.</p>
-
-<p>Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren
-naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.</p>
-
-<p>Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken.
-Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein
-Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht
-verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk
-ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und
-es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal
-würde gebrauchen können.</p>
-
-<p>Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber
-nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache
-früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war,
-wollte ich Marie heiraten. War Bartel<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> damit einverstanden, dann wollte
-ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam
-führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten
-wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein
-kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß
-wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das
-hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich
-fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal
-durch wackere Arbeit zu meistern.</p>
-
-<p>Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun
-stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns
-werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der
-Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch,
-wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.</p>
-
-<p>Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz
-erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich
-hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte
-nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben
-sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem
-stillen Gebirgsgraben nichts.</p>
-
-<p>Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen
-dahin. Der Arzt konnte mir<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß
-mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch
-nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als
-der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich
-besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk,
-wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr
-gewachsen.</p>
-
-<p>Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden
-konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren
-Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der
-Heimat zu.</p>
-
-<p>Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.</p>
-
-<p>Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei
-unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und
-ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß
-der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und
-als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über
-vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich
-leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich
-die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees
-hernieder.</p>
-
-<p>Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> Regenrieseln, und als ich
-mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr,
-wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.</p>
-
-<p>Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden
-Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort
-eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der
-Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und
-Bier und Braten und Zigarren dankte.</p>
-
-<p>Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner
-Marie, zu meinem Kinde.</p>
-
-<p>Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die
-Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie
-Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch
-wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem.
-Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde
-mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen
-entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige
-Pflichten.</p>
-
-<p>Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von
-meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und
-wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung
-hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus
-meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem
-Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur
-Heimat zu stärken.</p>
-
-<p>Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich
-nun gleich zu mir.</p>
-
-<p>Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen,
-und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele
-brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer
-weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit
-erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend
-nach Hause kommen.</p>
-
-<p>„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in
-seiner Neugierde gesättigt.</p>
-
-<p>„Wohin soll ich denn gehen?“</p>
-
-<p>„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint,
-weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner
-geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du
-dir am End um was anderes umschauen tätst.“</p>
-
-<p>Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße
-versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust
-drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr
-hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen
-und ich hatte nicht gezittert,<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span> war nicht erbleicht. Nun aber ging ein
-Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig
-in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.</p>
-
-<p>„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer
-erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“</p>
-
-<p>„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.</p>
-
-<p>„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder,
-„du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben
-können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den
-Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das
-Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“</p>
-
-<p>Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben
-das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen
-sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den
-Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die
-Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und,
-wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen
-Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der
-Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur
-mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter
-gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span> von Grund auf
-umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen
-nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht,
-wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere
-und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser
-Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich
-wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!</p>
-
-<p>Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr.
-Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war
-nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube
-war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache
-redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und
-ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in
-später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube
-verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht
-von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die
-alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die
-Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die
-Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der
-Heinrich Binder sei.</p>
-
-<p>Was nun anfangen? In immer schmerzlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> mein Herz zerwühlenden
-Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute
-Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den
-Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich
-seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit
-Marie gesessen war.</p>
-
-<p>Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen
-war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben
-an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und
-verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten
-Welt.</p>
-
-<p>Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein
-Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.</p>
-
-<p>Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck
-&ndash; und alles ist nicht mehr.</p>
-
-<p>Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem
-Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch
-zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s
-einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?</p>
-
-<p>Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen,
-was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich
-damals,<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht,
-wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all
-meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen
-Besitz nahm.</p>
-
-<p>Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im
-Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.</p>
-
-<p>Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde
-ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.</p>
-
-<p>Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn
-Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben
-nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.</p>
-
-<p>Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer
-Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser
-Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme
-so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht
-gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar
-Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht
-doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je
-mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es
-für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der
-Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span> letzten Akt in der Tragödie
-meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger
-Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen
-lassen.</p>
-
-<p>Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu
-enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in
-Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da
-sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite
-Verworfener liegen.</p>
-
-<p>Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab
-gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im
-Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe
-sich die Kehle durchschnitten hatte.</p>
-
-<p>Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.</p>
-
-<p>Noch eine Weile saß ich so, &ndash; ließ mein Leben an mir vorüberziehen und
-stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid
-hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert
-war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!</p>
-
-<p>Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah
-ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die
-Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span></p>
-
-<p>Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus
-Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein
-Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.</p>
-
-<p>Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen:
-„Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“</p>
-
-<p>„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber
-sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“</p>
-
-<p>Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch
-erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’
-euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten
-bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“</p>
-
-<p>Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches
-Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst
-schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine
-Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst
-bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das
-ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“</p>
-
-<p>„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal
-geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“</p>
-
-<p>„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> schüttelte ungläubig den
-Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“</p>
-
-<p>„Das ist nit möglich!“</p>
-
-<p>„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst
-von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner
-um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix
-draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich
-auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel
-zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr
-Kind gleich einen Vater gehabt.“</p>
-
-<p>„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend.</p>
-
-<p>„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein
-bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden.
-Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der
-Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im
-Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du
-jetzt?“</p>
-
-<p>„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür,
-jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es
-soweit mit mir gekommen war.</p>
-
-<p>Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles
-erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span></p>
-
-<p>Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann
-sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an
-und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht
-einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein
-großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen
-verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst
-du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch
-noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und
-Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres
-gefunden hast, könntest es ja probieren!“</p>
-
-<p>Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat
-zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern
-mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den
-dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder
-den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe,
-liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte,
-ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller
-Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras
-strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu
-hören und zu fühlen: du bist daheim.</p>
-
-<p>Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf
-verließ, da er noch Geschäftsgänge<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> hatte, und mich auf den Bahnhof
-bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte
-hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe,
-wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott
-emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich
-auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das
-Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich
-das Leben gemacht.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XIV">XIV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden.
-Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum
-Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis
-ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem
-engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr
-zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der
-Weltfreude das Auge aufschlägt.</p>
-
-<p>Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.</p>
-
-<p>Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was
-irdische Seligkeit ist! Nur die ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> Großen, die Menschen mit dem
-Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus
-und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen
-trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.</p>
-
-<p>Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele
-in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen
-dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an
-dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst
-verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an
-und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu
-schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst
-verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an
-die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert
-dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse
-dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein,
-so lange du mich liebst.“</p>
-
-<p>Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam
-zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue
-Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen
-entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache
-pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> Wandel
-und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das
-Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus,
-daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.</p>
-
-<p>Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich
-wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen,
-das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da
-in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich
-zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten
-stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.</p>
-
-<p>Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen
-Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie
-ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit
-überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre
-gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die
-Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit
-seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark
-bleiben können und müssen.</p>
-
-<p>Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der
-Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der
-Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span> ruhig
-und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.</p>
-
-<p>Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die
-segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den
-Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die
-Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich
-ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber
-glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja
-überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.</p>
-
-<p>Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll
-hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur
-eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab
-und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu
-rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen
-Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft
-für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen
-wollte.</p>
-
-<p>Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war
-meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser
-ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht
-und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter
-Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und
-er<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn
-abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht
-einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem
-ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.</p>
-
-<p>Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft
-sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und
-wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde,
-sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen
-Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen
-zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und
-hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen
-Arbeiten selbst besorgen konnte.</p>
-
-<p>Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr
-bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte
-Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit
-wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten
-können.</p>
-
-<p>Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete,
-die in der Mühle aus und ein gingen.</p>
-
-<p>Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man
-in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter,
-einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span> Familien
-ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium
-die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager
-Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend.
-Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder
-allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und
-strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt
-aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders
-werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines
-Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.</p>
-
-<p>Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln,
-die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal
-siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade
-in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war
-unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir,
-wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr
-brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde?
-Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab
-ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah
-und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein
-lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen
-Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span> einen, der auch
-diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in
-Demut aufzunehmen hat.</p>
-
-<p>Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten
-einen gewaltigen Stoß erfahren.</p>
-
-<p>Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.</p>
-
-<p>In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich
-schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor
-mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz
-behaftet.</p>
-
-<p>Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir
-ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was
-an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der
-Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß
-Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz
-bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun
-näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir
-die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr
-doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte
-und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.</p>
-
-<p>Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt,
-fühlte aber, daß mich Marie ansah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span></p>
-
-<p>Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit
-einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte,
-und da mußte ich ihr doch danken.</p>
-
-<p>„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du
-noch an meine arme Mutter denkst.“</p>
-
-<p>„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.</p>
-
-<p>Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte
-mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war
-Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir,
-daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der
-Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite
-hörte.</p>
-
-<p>Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau,
-es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s
-gekommen ist.“</p>
-
-<p>Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über
-die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich
-dauert’s nimmer zu lang.“</p>
-
-<p>„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“</p>
-
-<p>Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren
-Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das
-&ndash;“ ihr Blick glitt<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span> an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine
-Mutter wohl nie kennen lernen.“</p>
-
-<p>Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für
-möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’
-mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür,
-daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich
-kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das
-nit.“</p>
-
-<p>Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini,
-laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen,
-denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine
-will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“</p>
-
-<p>An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle
-hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu
-beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende,
-wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in
-der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die
-Dahingegangenen einen Rosenkranz.</p>
-
-<p>Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im
-Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben
-war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein
-Glück geben könne.</p>
-
-<p>„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme,<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> „ich kann mich
-nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler
-gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“</p>
-
-<p>Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz
-einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig
-zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern
-würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war
-ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und
-Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat
-möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese
-Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das
-wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.</p>
-
-<p>Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens
-vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem
-Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an
-der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und
-Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren
-Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort
-kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu
-beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender
-wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage,<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span> als die Kranke
-schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser,
-ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie,
-i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott
-nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in
-einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ &ndash; der
-Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte,
-wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und
-sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte &ndash;
-„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber,
-viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen,
-hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer
-und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der
-kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß,
-Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i
-will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei
-mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte
-mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl
-gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.</p>
-
-<p>„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war
-mir, als habe unser Herrgott<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span> selbst gesprochen und am Abende desselben
-Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch
-sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser
-ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis
-heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“</p>
-
-<p>Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten
-Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du
-alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich
-verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur
-eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“</p>
-
-<p>In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht
-ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes
-Weib, gebrochen an Leib und Seele.</p>
-
-<p>„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind
-halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da
-bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich
-habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und
-schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“</p>
-
-<p>Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige,
-was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“</p>
-
-<p>Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem
-Armensünderwinkel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span></p>
-
-<p>„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für
-dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s
-sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat
-das Leben nit weniger hergenommen.“</p>
-
-<p>Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue
-flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen
-Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da
-brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht,
-beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch
-immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich
-und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich
-wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat,
-das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere
-Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da.
-Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken,
-daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick
-ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf
-wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles
-ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird
-schon wissen, was er mit uns will.“</p>
-
-<p>Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span> dort verabschiedete
-ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald
-empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein
-Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein
-und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen
-war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so
-weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen
-Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den
-trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es
-ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle
-zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen
-könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein,
-noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar
-genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es
-wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte,
-woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.</p>
-
-<p>Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben
-ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine
-Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen
-Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und
-ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span></p>
-
-<p>Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte
-Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner
-hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie
-sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken
-lassen.</p>
-
-<p>Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß
-ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer
-Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten
-und Händel ab.</p>
-
-<p>So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein,
-daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach
-geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen,
-wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur
-Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus
-dem Eise herauszuhauen.</p>
-
-<p>Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom
-Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war
-am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom
-Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends
-fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die
-Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen
-sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p>
-
-<p>Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze
-Mühlenpersonal &ndash; Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte
-Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers &ndash; wurden aufgeboten.
-Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum
-Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf
-die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom
-Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über
-eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee
-hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine
-Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu
-entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen.
-Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.</p>
-
-<p>Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die
-einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im
-Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens
-nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu
-heucheln brauchte.</p>
-
-<p>Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz
-empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich
-Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin.
-Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß
-mich das Schicksal<span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span> zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat
-zurückgeführt habe.</p>
-
-<p>An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich
-wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht.
-Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er
-hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.</p>
-
-<p>Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so
-furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit
-gedacht hatte.</p>
-
-<p>Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung
-stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in
-die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel
-vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr
-auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine
-Forderungen präsentierte.</p>
-
-<p>Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit
-dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries
-Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich
-gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie
-gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male
-klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span></p>
-
-<p>Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer
-Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse
-gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal
-hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der
-Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?</p>
-
-<p>Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.</p>
-
-<p>Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die
-noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.</p>
-
-<p>Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine
-umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine
-Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter
-wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte
-mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.</p>
-
-<p>Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie
-eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und
-meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen
-laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf,
-schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich
-seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen,
-der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn
-deine Schwester Wirtschaf<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span>terin ist, statt eine fremde Person. Bartel,
-überleg dir’s!“</p>
-
-<p>„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar
-Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige
-Mägen haben.“</p>
-
-<p>„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie.
-„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf
-den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die
-Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet,
-bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“</p>
-
-<p>„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf.
-Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“</p>
-
-<p>Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich,
-Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in
-meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur
-dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers
-Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich,
-Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“</p>
-
-<p>Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da
-klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich
-hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du
-weiterkommst mit deinem Bankert.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span></p>
-
-<p>Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die
-Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du,
-einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als
-du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft
-du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau
-mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal
-sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und
-darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein
-miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen
-ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“</p>
-
-<p>Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen
-dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.</p>
-
-<p>In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es
-zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.</p>
-
-<p>Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag
-zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast
-gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.</p>
-
-<p>Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf
-und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor
-Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span> Tischkante lag das
-Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.</p>
-
-<p>Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!</p>
-
-<p>Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste
-mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war,
-auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.</p>
-
-<p>So bin ich zum Mörder geworden.</p>
-
-<p>Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat
-stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was
-immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe
-wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.</p>
-
-<p>Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich
-mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu
-bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am
-Tischfuße lag.</p>
-
-<p>In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also
-bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen
-Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.</p>
-
-<p>In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben
-die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken
-nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten
-erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich
-vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich
-getan.</p>
-
-<p>Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten
-sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der
-Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten
-Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen,
-fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde
-aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt.
-Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor
-allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen
-anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um
-ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer
-ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine
-militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher
-darausgekommen.</p>
-
-<p>Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine
-gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst
-keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie
-die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also,
-ohne dies zu<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor
-fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XV">XV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist
-vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und
-färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich
-hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie
-keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den
-Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und
-ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen
-kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge
-und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu
-sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt
-hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in
-weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter
-will nicht kommen.</p>
-
-<p>Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises
-Piepsen laut, die Rehe und Hirsche<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> ziehen langsam zum See und scheinen
-wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn
-wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend
-die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen
-langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den
-Hochwald zurück.</p>
-
-<p>Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen,
-ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht
-ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh
-ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s,
-als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß
-durchbebt.</p>
-
-<p>Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in
-geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese
-Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur
-entfremdet hat.</p>
-
-<p>Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern
-auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine
-göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte
-sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und
-als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön
-gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span> unverstandene
-Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten
-durch die traumstille Seele huscht.</p>
-
-<p>Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens
-geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf
-meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.</p>
-
-<p>Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit
-anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde
-stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken
-aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre
-Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf
-meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in
-einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte,
-unerbittliche Notwendigkeit.</p>
-
-<p>Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam
-meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte
-die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“</p>
-
-<p>Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“</p>
-
-<p>Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele
-hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer
-liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span>
-schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark
-und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s
-verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen
-möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist
-Kraft.“</p>
-
-<p>Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir
-gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir
-vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses
-graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr
-mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.</p>
-
-<p>Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was
-noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann
-war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.</p>
-
-<p>Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg
-vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen
-zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst,
-so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen
-Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das
-Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.</p>
-
-<p>Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen
-abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines
-stand fest in<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein
-Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun
-haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein
-Leitstern sein.</p>
-
-<p>Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß,
-die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für
-mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher
-Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war,
-Aufseher über den Holzplatz werden.</p>
-
-<p>Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner
-Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.</p>
-
-<p>Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.</p>
-
-<p>Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie
-hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war
-gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.</p>
-
-<p>Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide
-Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“</p>
-
-<p>Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe,
-Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner
-Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.</p>
-
-<p>Es herrschte eine Weile Stille.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p>
-
-<p>Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat
-bist du frei?“</p>
-
-<p>Ich nickte und sah sie fragend an.</p>
-
-<p>Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini,
-ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“</p>
-
-<p>Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht
-mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht
-nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem
-Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal
-allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz
-oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte,
-ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst
-und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden
-die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders,
-bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“</p>
-
-<p>Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte:
-„Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist
-für mich das Wichtigste.“</p>
-
-<p>„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat
-schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch
-einmal aufgeweckt würde.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p>
-
-<p>Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns
-hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu
-fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher
-zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht
-über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht
-besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei
-einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und
-wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir
-wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für
-mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in
-Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“</p>
-
-<p>Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.</p>
-
-<p>In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er
-verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich:
-„Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als
-ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich
-gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts
-schuldig.“</p>
-
-<p>Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das
-glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir
-nichts mehr dran,<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> und du willst dich selbst auch schlecht machen.
-Heini, das darfst du nimmer sagen!“</p>
-
-<p>Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst,
-als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist
-mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso
-gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt
-nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir
-nichts mehr.“</p>
-
-<p>Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“</p>
-
-<p>„Auch du nicht.“</p>
-
-<p>Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.</p>
-
-<p>In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher
-Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe
-die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht
-nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch
-verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so
-verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend
-etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im
-Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein
-kann.“</p>
-
-<p>Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein
-zarter Sonnenstrahl leuchtete<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span> es in denselben auf, als sie sprach:
-„Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s
-einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur
-mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also
-gib mir die Hand darauf.“</p>
-
-<p>Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit
-der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.</p>
-
-<p>Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche
-für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.</p>
-
-<p>Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und
-vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel
-brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein
-Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich
-auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die
-Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.</p>
-
-<p>Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter
-geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen
-lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem
-Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen
-der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span> Sänger. Und da
-wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die
-Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.
-Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu
-sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor
-der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße
-Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender
-Sommertage.</p>
-
-<p>Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes
-Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast
-an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden
-mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem
-lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages.
-Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen
-sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all
-die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit.
-Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh
-begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends
-sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und
-kann tot sein, was neues Leben schafft?</p>
-
-<p>Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und
-eine starke Faust hätte ihn nun<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span> plötzlich weggerissen. Eine Segensflut
-heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend
-ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben.
-Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
-Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt
-hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze,
-so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser
-riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne
-zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und
-einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden
-sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die
-Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.</p>
-
-<p>So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir
-Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.</p>
-
-<p>Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß
-einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu
-kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen.
-Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer
-für sich selbst.</p>
-
-<p>Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch
-ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem
-Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören.
-Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!</p>
-
-<p>Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher
-aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem
-zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die
-Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein
-dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der
-Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe
-zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der
-Notwendigkeit zu entziehen.</p>
-
-<p>Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen!
-Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück
-liegt doch so nahe!</p>
-
-<p>Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der
-Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und
-Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.</p>
-
-<p>Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in
-meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die
-jemals in mein Leben getreten sind!</p>
-
-<p>Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die
-Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.</p>
-
-<p>Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> Fäden, und wenn ich
-Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über
-ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf
-seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind
-und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.</p>
-
-<p>Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir
-gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater
-nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens
-an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte
-Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.</p>
-
-<p>Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens
-aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde
-gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da
-sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen
-und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.</p>
-
-<p>Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen
-wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht
-aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus
-großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von
-dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter
-und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdi<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span>schen
-Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen
-kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme
-und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der
-tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und
-im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der
-Ewigkeit ins Land des Friedens.</p>
-
-<p>So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde
-kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele
-durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der
-ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XVI">XVI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eben war ich gestern daran, unter diese Blätter der Erinnerung das
-Schlußwort zu setzen, da wurde ich unterbrochen: Heri ist zu mir
-gekommen und Marie hat sie zu mir geführt.</p>
-
-<p>Ins Schreiben vertieft, sah ich nicht, wie sie beide herankamen; erst
-als sie schon unter der Türe standen, machte mich der Schatten aufsehen.</p>
-
-<p>„Heinrich,“ sagte Marie, „ich habe da jemand gebracht, der mit dir
-reden will! Kennst du diese Frau?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span></p>
-
-<p>Und ob ich sie erkannte! Sie sah wohl älter aus, als sie war und
-jedenfalls viel älter als Marie, ihr Haar war grau und Kummer hatte mit
-scharfem Meißel in ihrem Gesicht seine Spuren eingegraben, aber das
-Auge, das dunkle, das hatte sein wundersames Leuchten nicht verloren,
-wenn auch jetzt eine bange Frage darinnen lag.</p>
-
-<p>Ich verstand diese Frage und ruhig beantwortete ich sie damit, daß ich
-Heri die Hand bot und sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau. Es freut mich,
-Sie wieder einmal zu sehen.“</p>
-
-<p>„Ich hatte gehört, daß Sie hier sind,“ sagte sie noch immer scheu und
-unsicher, „und da ich im Schloß drunten eine Sommerwohnung bezogen
-habe, konnte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, Sie einmal
-zu sprechen. Ich habe ja noch etwas abzubitten!“</p>
-
-<p>Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz
-gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es
-auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen
-haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach
-Ruhe.“</p>
-
-<p>Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in
-ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten.
-Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen?</p>
-
-<p>„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span> Ihnen nichts zu
-verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das
-Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten
-sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals
-draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich
-nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird,
-aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was
-geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“</p>
-
-<p>Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß
-Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag
-vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und
-von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles
-zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“</p>
-
-<p>Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung.
-Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und
-ahnte.</p>
-
-<p>Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei,
-die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um
-die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um
-den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes
-Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und
-sie war es auch gewesen, die dann auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span> Heirat mit dem Oberleutnant
-von Steindl gedrängt hatte.</p>
-
-<p>„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich
-für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach
-kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr
-Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die
-Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die
-häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen,
-Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle
-Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über
-ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht
-zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann
-nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo
-ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es
-ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein
-Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er
-einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“</p>
-
-<p>„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein.</p>
-
-<p>„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß
-er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem
-Vater sagen zu können.</p>
-
-<p>Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span> und als er als
-schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz
-auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das
-Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich
-mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als
-er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum
-Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine
-Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf
-fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache
-hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in
-diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar
-gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat
-an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen.
-Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem
-Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet,
-als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale
-erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie
-mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“</p>
-
-<p>Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß
-ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus
-aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie
-nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span> und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst,
-längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch
-geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine
-Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich
-zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen
-Menschen verantwortlich machen.“</p>
-
-<p>Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann
-nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir
-aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren
-konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt.</p>
-
-<p>Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es
-mir: „Aber Heri!“</p>
-
-<p>Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler
-und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“</p>
-
-<p>Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen
-Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus
-unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir
-wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen
-hat.“</p>
-
-<p>Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir
-drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne
-über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span> wir wollen sie genießen,
-solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine
-Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir
-noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden
-sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“</p>
-
-<p>Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du
-nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast.
-In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe
-geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan?
-Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu
-stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer,
-sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von
-irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist
-demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse
-dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke
-dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum
-ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="mtop2">Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame
-Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat.
-Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span>
-seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte.</p>
-
-<p>Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den
-Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt.</p>
-
-<p>Zwei Tage nach ihrer Begegnung mit dem Jugendgeliebten stieg sie wieder
-mit Marie und ihren beiden Enkeln zur einsamen Köhlerhütte empor.</p>
-
-<p>Es war der letzte Augusttag, glutzitternd, wie die vorausgegangenen.</p>
-
-<p>Während die Frauen mit dem Freunde im Schatten der Hütte saßen und von
-vergangenen Tagen sprachen, trieben sich die Kinder im Hochwald umher.</p>
-
-<p>In ihr Geplauder vertieft, hatten es die drei Menschen nicht acht, daß
-über dem Gamsstein ein tellergroßes Wölklein aufgezogen war, das rasch
-anwuchs, die Sonne erst in dunstige Schleier hüllte und dann immer
-dunkler sich färbend, sich mehr und mehr über die Berggipfel senkte.
-Erst als der erste bange Windstoß durch den Wald fuhr, da schreckten
-die ganz in ihre Erinnerungen vertieften Menschen auf.</p>
-
-<p>Ein Blick zeigte dem des Wetters kundigen Manne, daß in der nächsten
-Viertelstunde schon das Gewitter losbrechen mußte.</p>
-
-<p>Da eilten alle drei, nach den Kindern rufend, in den Wald. Endlich ward
-ihren angstvollen Rufen Antwort. In dem Wildgraben, der vom See zum<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span>
-Gamsstein emporzieht, waren die beiden über Felsblöcke und Trümmerwerk
-emporgeklettert und nun schwenkten sie hoch herab ihre weißen Strohhüte
-und jubelten ihr stolzes: „Hurra!“</p>
-
-<p>Da erhob Frau von Steindl ihre Stimme: „Kommt augenblicklich herab,
-in der nächsten Minute ist das Gewitter da!“ Und als wollte die Natur
-selbst ihre Warnung bestätigen, brach aus dem dunklen Wolkentuch ein
-fahler Blitz und langhin durch die Felsen rollte der erste Donner.</p>
-
-<p>Nun begannen die Knaben abwärts zu klettern. Aber das ging noch
-langsamer als das Aufwärtssteigen, und als sie etwa ein Viertel ihres
-Weges zurückgelegt hatten, da flammte plötzlich ringsum blendender
-Schein, als schlage der ganze Wald in einer einzigen Lohe empor, der
-Boden bebte unter betäubendem Krachen und im nächsten Augenblick
-barsten die Wolken und mit dem mächtigen Rauschen eines Stromes
-schütteten sie ihr Wasser auf die ausgedorrte Erde.</p>
-
-<p>Und nun war ein Brausen und Rollen und Schmettern und Flammen und
-Lodern ringsum, als sei der Tag der allgemeinen Vernichtung gekommen.</p>
-
-<p>In den dichten Regenschleiern verschwanden die Knaben für einen
-Augenblick und die beiden Frauen schrien auf. Aber da erschienen sie
-auch schon wieder. Die Angst gab ihnen Kraft und Gewandtheit, daß sie
-schier wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen.</p>
-
-<p>Heinrich Binder aber war bis an den Rand des<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span> Wildbachbettes
-vorgesprungen und warf einen Blick in dieses hinab. Richtig, was er
-befürchtet, war eingetroffen, schon wälzte sich ein brauner Bach durch
-das Bett, das mit jedem Augenblick stieg und immer mehr und mehr
-Schlammassen herabwälzte. Keine fünf Minuten mehr und er war so stark,
-daß er die Knaben mit sich reißen mußte, hinunter in die grausige Tiefe
-des Sees.</p>
-
-<p>Auch die Knaben hatten die Gefahr erkannt und begannen zu schreien.</p>
-
-<p>„Habt keine Angst,“ rief ihnen der Kohlenbrenner zu, „springt da herab!
-Schaut, daß ihr auf den Stein dort kommt!“</p>
-
-<p>Damit wies er auf einen Felsblock in der Mitte des Wildbettes, um den
-die braunen Schlammwasser zischten und schäumten.</p>
-
-<p>Glücklich erreichte ihn der größere der Knaben und da sprang auch schon
-der Kohlenbrenner in die unheimlich rasch steigende Flut, watete die
-paar Schritte hinüber, faßte ihn und trug ihn ans rettende Ufer.</p>
-
-<p>Der Kleinere aber, der nicht so rasch hatte folgen können, hatte sich
-ein kleines Stück weiter oben an einen Felsen angeklammert und schrie
-in seiner Todesangst wie ein Wahnsinniger.</p>
-
-<p>Aber schon stand Heinrich Binder wieder im Wasser und obwohl er den
-Grund unter sich fortrieseln fühlte und Steine dahergesaust kamen, er
-arbeitete sich keuchend bis zu dem Knaben empor, der sich ihm an<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span> den
-Hals warf und diesen umklammerte, daß der Retter kaum atmen konnte.</p>
-
-<p>Aber nun zurück. Binder hielt sich an der felsigen Uferseite, denn in
-der Mitte des Bettes war kein fester Grund mehr zu fassen. In jede
-Ritze der Felsen krallte er seine Finger, jede Zacke umklammerte er,
-mit dem Fuß zugleich immer nach dem nächsten sicheren Tritt tastend.
-Schon war er in nächster Nähe der Stelle, wo die zurückweichenden
-Felsen einen Sprung ans Ufer gestatteten, da schoß ein mächtiger
-Wasserschwall daher, er verlor den Grund, taumelte und wäre unfehlbar
-samt dem Knaben in die Tiefe gerissen worden, wenn nicht Frau von
-Steindl, ohne sich zu besinnen und das eigene Leben in die Schanze
-schlagend, in die quirlende Flut gesprungen wäre und mit der Kraft, die
-die Verzweiflung gibt, nach dem Köhler gefaßt hätte, während sie mit
-der Linken zugleich einen Fichtenschößling umkrallte, der am Ufer stand.</p>
-
-<p>Und wirklich gelang es, daß sich der Köhler mit ihrer Hilfe wieder
-auf die Beine brachte. Während seine Hand ebenfalls nach dem
-Fichtenschößling griff, keuchte er ihr zu: „Schau, daß du hinauskommst
-und nimm das Kind, ich komm schon nach!“</p>
-
-<p>Aber fast im selben Augenblick schoß, von den Fluten dahergesprengt,
-ein kopfgroßer Stein gegen seine Brust und mit ächzendem Aufschrei
-wollte Binder eben den Fichtenschößling loslassen, als auch Marie<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span>
-herbeisprang, den neuerdings Taumelnden erfaßte und mit Aufwendung
-aller Kraft ans Ufer zog.</p>
-
-<p>Heinrich Binder war gerettet und ebenso die beiden Knaben. Während aber
-die Kinder mit dem bloßen Schrecken und vollständiger Durchnässung
-davongekommen waren, sah es mit jenem schlecht aus.</p>
-
-<p>Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und aus seinem Munde
-sickerte Blut. Heinrich Binder war ohnmächtig und er kam auch nicht zum
-Bewußtsein, während ihn die beiden Frauen durch den Wettersturm in die
-Hütte schleppten.</p>
-
-<p>„Da muß ein Doktor her!“ keuchte Marie. „Bleib du bei ihm, ich laufe in
-die Mühle hinab.“</p>
-
-<p>Und durch den Regenguß und das Brüllen und Flammen um sie, eilte sie in
-die Mühle, und während ihr Sohn mit seinem leichten Wägelchen nach dem
-Doktor jagte, stieg sie mit stürmendem Herzen wieder empor zum Seeforst.</p>
-
-<p>Heriberta von Steindl hatte einstweilen die beiden Knaben des
-triefenden Gewandes entkleidet und in Decken gewickelt auf der weichen
-trockenen Streu des Nebenraumes gebettet. Dabei ließ sie aber den
-Bewußtlosen nicht außer acht, aus dessen blutleeren, halbgeöffneten
-Lippen fortwährend ein Röcheln kam, das mitunter zu einem leisen
-Stöhnen anschwoll.</p>
-
-<p>Frau Heriberta war ratlos. Sie hatte dem leblosen Manne die Kleider
-über der Brust geöffnet,<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span> aber es zeigte sich keinerlei äußere
-Verwundung und sie wußte nicht, was sie tun sollte.</p>
-
-<p>So saß sie an dem Bettrande und starrte in einemfort in das bleiche
-Gesicht und ihre ganze selige Jugend zog an ihrem Auge vorüber. Wie
-sehr hatte sie dieser Mann da geliebt, wie schweres Leid hatte sie
-ihm zugefügt, und nun hatte er noch in aufopfernder Liebe das Letzte
-gerettet, was ihrem verlorenen Leben geblieben war: ihre Enkel.</p>
-
-<p>Und da konnte Frau Heriberta nicht anders, sie mußte sich niederbeugen
-und die schlaff auf der Bettdecke liegende Hand küssen, die das
-Rettungswerk vollbracht hatte.</p>
-
-<p>Und als hätte er die zarte Berührung der bebenden Lippen und die heiße
-Träne, die auf die Hand fiel, gespürt, schlug der Kranke die Augen auf
-und sah starr in die angstvoll fragenden Augen Frau Heribertas. Er
-mußte sich erst besinnen, was geschehen war.</p>
-
-<p>„Wie geht’s dir, Heini?“ fragte Frau Heriberta und strich ihm eine
-feuchte Haarsträhne aus der Stirne.</p>
-
-<p>Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“</p>
-
-<p>„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich
-sein. Heini, die Sonne muß kommen!“</p>
-
-<p>Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn.</p>
-
-<p>Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furcht<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span>bar das Gewitter
-dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht.</p>
-
-<p>Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder
-blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in
-blendendes Gold.</p>
-
-<p>Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das
-kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben
-streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln
-glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er
-so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner
-Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes
-Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz
-der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster
-Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs
-Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem
-Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen.</p>
-
-<p>Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten,
-begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen
-hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln
-an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen
-Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete
-ihren sterngestickten Königsmantel über den<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span> Einzigen auf der weiten
-Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die
-Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt.</p>
-
-<p>In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige
-ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe!</p>
-
-<div class="figcenter illowe3" id="textende">
- <img class="w100 padtop1" src="images/text_ende.jpg" alt="Ende" />
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3">Im Romanverlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center">ist von <b>Karl Bienenstein</b> erschienen:</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Die Worte der Erlösung</b></p>
-
-<p class="s3 center">Ein Roman der Sehnsucht</p>
-
-<p class="s4 center">In geschmackvollem Geschenkeinband</p>
-
-<p>Dieses neueste Werk des bekannten österreichischen Dichters ist
-ein Künstlerroman, der durch Liebe und Haß den Lebensweg zweier
-entgegengesetzten Charaktere zu erschütternder Katastrophe und zu
-befreiender Höhe führt; eine Dichtung von reichstem Lebensgehalt, ein
-packendes Werk hochstrebender, tiefinnerlicher, überwindender Kunst.</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="s3 center mtop2">Im Verlag von Ad. Bonz &amp; Comp. in Stuttgart:</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Deutsches Sehnen und Kämpfen</b></p>
-
-<p class="s3 center">Ein Wachauroman</p>
-
-<p class="s4 center u mtop2">Urteile der Presse:</p>
-
-<p><b>Staatsanzeiger für Württemberg</b>: Aus dem Buche spricht soviel
-Gesundheit, Warmherzigkeit und Natürlichkeit des Empfindens, daß man es
-mit höchstem Genuß liest.</p>
-
-<p><b>Saale-Zeitung</b>: Der großen Erzählerkunst Bienensteins haben
-wir ein Buch zu danken, das hauptsächlich durch die Sicherheit der
-Linienführung imponiert.</p>
-
-<p><b>Deutsche Arbeit</b>: Ein schönes, ergreifendes Buch, das im ganzen
-Rhythmus seines Stils und der innig gedanklich vertieften Darstellung
-die belebende Kraft des Dichters zeigt.</p>
-
-<p><b>Münchener Neueste Nachrichten</b>: Mit dankbarer Freude legt man
-dieses Buch aus der Hand, dessen Titel ein Kampfprogramm und damit
-einen Tendenzroman vermuten läßt. Aber alles, nur nicht dies, kann
-Bienensteins vortrefflicher Roman genannt werden, denn die Tendenz
-ist so eingewirkt in den Efeu deutscher Poesie und echten Empfindens,
-daß sie nie störend erscheint, sondern als wertvolles, überzeugendes
-Dokument durch die Entwicklung der Geschehnisse sich herausschält.</p>
-
-<p><b>Österreichische Landzeitung</b>: Welch außerordentlich feine
-Beobachtung der Wirklichkeit, und welch reinste Poesie des reifen,
-sprachlich und künstlerisch geschulten Genius! Schon die Einleitung ist
-ein Hymnus von klassischer Schönheit! (Prof. P. Wichner.)</p>
-
-<p><b>Die Südmark</b>: Fürwahr ein seltsames Buch voll glühender
-Farbenpracht und künstlerischen Geistes!</p>
-
-<p><b>Deutsche Wacht</b>: Das Buch ist eine völkische Tat!</p>
-
-<p><b>Berliner Lokal-Anzeiger</b>: Die politische Intrige des Romans ist
-mit meisterhafter Sicherheit durchgeführt; ihre Darstellung zeichnet
-sich durch künstlerische Ruhe und Sachlichkeit aus.</p>
-
-<p><b>Kunstwart</b>: Bienenstein hat die seltene Gabe, alles ohne
-romanhafte Absicht und Ziererei zu sagen. Diese Ruhe des Erzählers ist
-in Deutschland überhaupt kaum mehr zu finden.</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3"><span class="bb">Adolf Bonz &amp; Comp., Stuttgart</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b>Fritz Stüber-Gunther</b></p>
-
-<p class="s2 center"><b>Der Schönheitspreis</b></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Roman</p>
-
-<p class="s5 center">Geheftet M. 5.25, gebunden M. 9.&mdash;</p>
-
-<p>Fritz Stüber Gunther, der Wiener Schriftsteller, veröffentlicht mit
-diesem Roman sein schönstes und zugleich reichstes Werk. Es ist einer
-der besten und prächtigsten Wiener Romane, die in der letzten Zeit auf
-den Büchermarkt gekommen sind. Meisterhaft sind die einzelnen Typen
-herausgearbeitet, die Sprache ist von edlem Wohllaut, manche Szenen
-sind geradezu von einer mitreißenden Kraft und Schönheit. Da der Verlag
-dem Werke eine schöne Ausstattung zuteil werden ließ, eignet es sich
-ganz besonders für den Weihnachtstisch.</p>
-
-<p class="s5 right mright2"><b>Mödlinger Zeitung.</b></p>
-
-<p class="s2 center mtop2"><b><span class="antiqua">C. i.</span></b></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Roman</p>
-
-<p class="s5 center">Geheftet M. 4.80, gebunden M. 7.50</p>
-
-<p>Peter Rosegger schrieb an den Verfasser:</p>
-
-<p>In der Sommerfrische habe ich nun Ihren Roman „<span class="antiqua">C. i.</span>“ gelesen.
-Ich danke Ihnen und freue mich von Herzen des großen Talents, das Ihnen
-eine schöne Zukunft bringen wird.</p>
-
-<p>Ich bin müde und habe das Bücherbesprechen aufgegeben. Doch über Ihren
-Roman, in dem sich Realismus und Idealismus (um mich abgebrauchter aber
-bezeichnender Ausdrücke zu bedienen) in klassischer Weise vereint, will
-ich gelegentlich doch ein paar Worte sagen. Ich fühle mich gehoben und
-sehr erfreut von Ihrem Buch.</p>
-
-<p>Mit herzlichem Gruß</p>
-
-<p class="s5 right mright2"><b>Peter Rosegger.</b></p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3"><span class="bb">Adolf Bonz &amp; Comp., Stuttgart</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center"><b>Schwiegersöhne</b></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Roman</p>
-
-<p class="s5 center">Geheftet M. 6.&mdash;, gebunden M. 9.&mdash;</p>
-
-<p>Eine wirkliche Daseinsfreude offenbart sich hier, die herzlichste
-innere Teilnahme an den Geschöpfen der eigenen Phantasie, die sich
-erwärmend auch dem Leser mitteilt, Gesundheit und Frische, die auf dem
-Urgrunde volksmäßigen bodenbeständigen Empfindens gedeihen. Das nun so
-viel bespöttelte Wort „Heimatkunst“ charakterisiert doch am besten das
-Werk, das eine Fülle von Typen aus dem Wiener Leben in Ernst und Humor
-zu einem prächtigen Lebensausschnitte vereint. Wenn ein früheres Buch
-dieses Erzählers bei Peter Rosegger jubelnde Freude erweckte, so wird
-auch dieser Roman bei jedem ähnliche Empfindungen auslösen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2"><b>Rhein. Kurier.</b></p>
-
-<p class="s2 center mtop3"><b>Gottsmann der Egoist</b></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Roman</p>
-
-<p class="s5 center">Geheftet M. 5.25, gebunden M. 10.50</p>
-
-<p>In vielen Beziehungen geistesverwandt mit dem Altmeister Eduard Pötzl,
-ist er es auch in dem einen Punkte, die Liebe zum Österreichertum,
-zum Deutschtum in Österreich besonders, letzten Endes aber die
-Liebe zu Wien, zu jenem alten Wien, das nicht mehr ist, zum Wien
-Guschelbauers und des guten alten Wiener Liedes. Was Stüber-Gunther da
-über das österreichische Staatsbeamtentum sagt, wie er den Offizier
-sieht, die Gedanken, die er über die Lebensauffassung der in Wien
-ansäßigen Tschechen im Gegensatz zu den Deutschen andeutet, geben
-einem aufmerksamen Leser sehr zu denken. Die Gestalten des Romans
-sind glänzend und wahr gezeichnet. Es gibt Episoden darin, die zu den
-schönsten gehören, was man zu lesen bekommt. Der Gesamteindruck: Ein
-selten schönes Buch, das zu jenen Büchern gehört, die man sich aufhebt,
-und das sind alljährlich wohl sehr wenige.</p>
-
-<p class="s5 right mright2"><b>A. Wohlfahrt in Fricks Rundschau.</b></p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Einzige auf der weiten Welt, by
-Karl Bienenstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT ***
-
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