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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Einzige auf der weiten Welt - Ein Menschenleben - -Author: Karl Bienenstein - -Release Date: November 4, 2020 [EBook #63630] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - unterstrichen: #Rautenzeichen# - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: ~Tilden~ - Antiqua: _Unterstriche_ - - #################################################################### - - - - - Karl Bienenstein - - Der Einzige auf der weiten Welt - - [Illustration] - - - - - Der Einzige auf - der weiten Welt - - Ein Menschenleben - - von - - Karl Bienenstein - - Dritte bis fünfte Auflage - - [Illustration] - - Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart - - 1922 - - - - - Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart. - - - - -Emil Sulzbach, - -dem feinsinnigen Komponisten, dem tiefen Menschen und edlen Freunde - - zugeeignet. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Kapitel I. 7 - „ II. 23 - „ III. 36 - „ IV. 54 - „ V. 71 - „ VI. 86 - „ VII. 109 - „ VIII. 126 - „ IX. 157 - „ X. 171 - „ XI. 192 - „ XII. 205 - „ XIII. 233 - „ XIV. 250 - „ XV. 272 - „ XVI. 285 - - - - -I. - - -Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe -hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends -ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines -Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder -als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der -weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach -einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so -großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort -ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen -mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den -verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über -dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung -hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der -weiten Welt! - -Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und -selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose -und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da -draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und -Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, -sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn -sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und -es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort -drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über -die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich -nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, -daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien -Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin -liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, -was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, -die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber -dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum -weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes! - -O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, -an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. -Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, -bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich -habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem -Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten -und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder -doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer -und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der -geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt. - -Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im -roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die -Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne -Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes -Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter -vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint -ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch -alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen -ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin. - - * * * * * - -Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine -Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube -trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, -verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer -dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer -einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem -Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, -Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den -das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da -waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da -war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche -mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der -ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen -Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende -Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und -dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen -Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und -fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die -sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag -wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende -Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende -Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war -es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte -doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die -Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen -war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben -seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, -daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still. - -Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag -mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war -sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen; -im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren -geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es -verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder. - -Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein -Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand -in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und -rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze -flehend: „Franzl, mach die Augen auf! -- Ich bitt dich, Franzl, mach -die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! -- hörst nit! -- -Franzl!“ - -Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich, wie ich in meinem -ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit -den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von -der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit -gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine -so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach -nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg -hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser -hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes -auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht -stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam -ich in der Mühle an. - -Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube -ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der -Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag -verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und -als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine -vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen: -„Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“ - -Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen, -ich schluchzte nur, aber ohne eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein -Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie -ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die -Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte -geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und -im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube. - -Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah! -Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die -Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür -sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in -ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins --- zwei; eins -- zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das -Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da -und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles -kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte -und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von -den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester -und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein -glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch -eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flüstern, dann ein Raunen -wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein -Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein -Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei -meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir -war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger -Angst. - -Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die -ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu -viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das -nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals -als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen -wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten -mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du -jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe -quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit -unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen. - -Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind -für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück -schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben -der Mühle, in die mich Marie führte. - -Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm -um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und -schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden -Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit. -Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul -gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben -Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt -nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“ - -Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater -haben s’ erschossen.“ - -Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben -erwacht. - -Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich -wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und -stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal -nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für -ihn beten, Heinerle!“ - -Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben -sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen. -Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes, -erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und -so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur -Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es -kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der -Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die -Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des -Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn -hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen. - -Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß -auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter -standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das -Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat, -er wird’s auch wieder recht machen.“ - -Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an -sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein -und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“ - -Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem -Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu -schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte. - -Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es -und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie, -„wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz machen; weißt, er schaut -jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“ - -Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen -Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn, -rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und -Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon -ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf -die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden -geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu, -während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das -wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu -und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im -Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden -könnte, darin Friede und Ruhe wohnt. - -Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich -sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein -violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich -der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der -Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde -Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein und -nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf. -Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen -Vater das Totenglöcklein. - -Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten -Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze -Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige -Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden, -Amen.“ - -Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von -tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst -schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so, -daß ich aufs neue zu weinen anhub. - -Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der -Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich -immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den -Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den -Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun. - -„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater -erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom -Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“ - -So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es -nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich -auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf -mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und -hielt uns auseinander. - -Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst, -Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von -dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich, -das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“ - -Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch -wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber -empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete -über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die -unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet. - -Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte, -denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah, -sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das -kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst -jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit -Ruhe lassen.“ - -Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder -allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte. - -Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah -ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich -von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue -die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach -Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten -Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der -üblichen Totenwacht eingefunden hatten. - -Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im -Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie -das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und -gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und -sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes, -Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges, -das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und -dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten, -die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten, -nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie -die der Kirche, wo der liebe Gott in dem goldenen Tabernakel wohnt. -Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern -so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die -Knie beugten. - -In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten -Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen -in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten -Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt. - -Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des -Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von -unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten -Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien, -kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der -Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein -Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war. - -Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine -Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese -aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch -nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter -plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber -sanft abwehrte. - -Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der -Heinerle, gelt?“ - -„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen -kämpfend. - -„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß -du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns -kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die -Hand!“ - -„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“ - -Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen -Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand -flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle -waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter -Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt -wurde. - -„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist -ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu, -„aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen. -Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns -haben!“ - -Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie -neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken -Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich -Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen. - - - - -II. - - -Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und -doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre -Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die -Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit -ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein -sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu -können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den -ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr -selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß -sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu -ihnen führt. - -Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan. -Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der -Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es -mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes. - -Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut in Nähe und Ferne. In -schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre -Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren -Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste -Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein, -weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und -majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen -wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in -den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht -und schön, göttlich schön. - -Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen -wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend -um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den -Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die -Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort -zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche -und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf -mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine -Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der -der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt. - -Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen -Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im -Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur -Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie -totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser -Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich -heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei -Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich -erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben. - -Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem -alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles -fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht -dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie -sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein. - -Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner -Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des -Vaters zu räumen hätte. - -Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich -wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur -Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich, -hören Sie mich doch zu Ende. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß -Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die -Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die -seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt. -Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins -Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen -Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche -brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles -erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s -angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“ - -Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie -war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension -abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine -Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem -Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie -uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben. - -„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber -ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr -Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon -bei der Leiche so gut zu mir!“ - -„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß -meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri, -die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich -zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab -ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau -Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“ - -Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine -Mutter gespannt aufhorchen. - -„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr -Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn -getroffen.“ - -Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den -Oberforstverwalter an. - -Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den -Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden -haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich -ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer -gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und -ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus -gekommen.“ - -Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater. - -„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er -bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach -Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu -finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut -kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er -sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde -gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer -Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den -Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam -und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare -Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar -diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“ - -Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer -wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht -begreifen. Von dieser Stunde -- sie hat mir’s oft gesagt -- ist in ihr -etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise -Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit. - -Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der -Oberforstverwalter draußen war, auf mich zustürzte, mich umschlang und -mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die -geringste Schuld! O Gott!“ - -Man hatte ihr Trost und Glauben genommen. - -Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur -Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren -so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald -wohl fühlten. - -Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus; -doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden -beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen -Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten -Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte. - -Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt -nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl -wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends -fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu -gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit -dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem -Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere -Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in -die Brust zurückdämmen. Nur die Hand reichten wir uns und so schritten -wir dahin in stiller Seligkeit. - -Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so -lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre -Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich -kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich -ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen, -ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war -wie in einem Bann. - -Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus; -wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen -und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte -nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen -Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten -treuen Hand fühlte! - -Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon -so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte: -„Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“ - -„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul -heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen -und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich muß der Heri folgen, -weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan. -Aber“ -- jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein --- „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh -garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit -ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als -ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“ - -Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf -und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte -mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel -lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich -jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“ - -Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein -Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar -hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs -deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen -in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der -Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser -Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der -herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns -unter fröhlichem Lachen darin zu überbieten, die dem Geschmack der -Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden. - -Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und -im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des -Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die -Zügel in den Händen. - -Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber -sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt -auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß. - -„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“ - -„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer -weiß, will er?“ - -Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und -rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie -mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz -aufschwoll und mit gesenktem Haupt -- sie anzublicken wagte ich nicht, -denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen -- sagte ich: „Ich geh -mit dem Marieli!“ - -Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die -Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme -und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich. - -„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in -dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein -Machtwort sprechen. - -Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle -doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule -und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche -lassen will.“ - -„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke -heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren -schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes -Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein -Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein -Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht -fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich -zum Wagen führen. - -Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der -dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender. -Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob -- -ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei, -meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein -unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel jubelndes Glück drinnen, -daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis. - -Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein -Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann -allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme -um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem -gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in -der Stimme: „Heini!“ - -Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da -umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf -den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz: -„Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“ - -Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte -etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den -abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und -wundersam verschönend. - -Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst -ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit -den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und -die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in -schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich -in krampfhaftes Schluchzen aus. - -„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein -Bett. - -Aber ich konnte nicht antworten, ich wußte ja eigentlich selbst -nicht, warum ich weinte. Mitleid mit Marieli war wohl dabei, aber die -Hauptsache war doch etwas ganz anderes, etwas, für das mir der Name -fehlte und das mich gerade deswegen, weil es so dunkel und unfaßbar in -meinem Leben stand, ängstigte. - -Die Mutter aber stand neben mir und streichelte in einemfort mein Haar -und fragte und fragte, und ich zerquälte mir den heißen Kopf nach einer -Antwort. - -„Hast du vielleicht an den Vater gedacht?“ kam es ihr dann auf einmal -in den Sinn. - -Das war ein Ausweg für mich und ich nickte. Da zog mich die Mutter fest -an sich, ich spürte ihren zuckenden Mund auf meinem Scheitel und dann -fielen auf meine Stirne schwere, heiße Tropfen nieder. - -Lange saß die Mutter auf meinem Bette und hielt mich weinend im Arme. -Der Uhrenschlag ging durchs Zimmer, einsam und schwer, durch das offene -Fenster glänzten die Sterne aus dem dunkelsamtblauen Himmel herein -und die Nacht raunte draußen im Garten und in den Wäldern hinter dem -Schloß einmal lauter, dann wieder leiser, und leise, ganz leise klang -dazwischen das Klappern der Mühle und das Plaudern des Baches. - - - - -III. - - -Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene -mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien -mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es -allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene -Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und -dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden -Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum -Leben, Lieben und Leiden erwacht. - -Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die -Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So -bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die -leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird. - -Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein -Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft -die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die -Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag -lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln -ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten -aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond -leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie -geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen -und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne -brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als -gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in -der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine -Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und -da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel. -Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme -bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht. - -Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie -auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt -und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem -alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie. - -Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen -und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos -mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch -Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was da ist, diese Wege geht, -mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze -Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen. - -Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich -mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn -ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren, -die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr -stilles reines Kinderherz entgegentrug, -- ich mußte wieder zu Heri -zurück. - -Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli -von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und -an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über -das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten -sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten -Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in -Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene -Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles -lernen konnte, was es da noch zu lernen gab! - -„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit -einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing -ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war ich mit -dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet -hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in -der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere -Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des -Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien -meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer -sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle. - -„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du -auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich -studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu -verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich -macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch -zeitlebens“ -- sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne, -friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte -- „ein zufriedener, -glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig -dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist, -genug sein.“ - -Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der -Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster -zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der -Höhe, auf der z. B. Heris Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr -im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt, -deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der -ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis -zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen -Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben -verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie -schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen, -einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern -und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben -dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der -Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde -pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme -Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die -nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich -nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte -teilnehmen lassen sollen. - -Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan -auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag -stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben, -wie es mein Vater geführt hatte, hatte seinen Reiz und sein Glück, -aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri. - -Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht -studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns -öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre -Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle -lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im -voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein, -das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen, -studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben. - -Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und -allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war -niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht, -wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte -Bitte wollte ich nicht tun. - -Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne -Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden -Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch, -der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache -und Wirkung tritt. - -Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite -Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen, -in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie -endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“ - -Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte: -„Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre -nicht mehr beisammen sein sollen?“ - -Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen -Augenblick stillstehen. - -„Du -- du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor. - -„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren -Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“ - -„Und du freust dich darauf?“ - -„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das -andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten -da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den -Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren -gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir, -lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“ - -Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr -nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als -sie endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den -Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und -ich gehe auch mit in die Stadt!“ - -Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz -mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du -denn dort?“ - -„Studieren!“ - -„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel -zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“ - -Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht, -aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät, -wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch -Geld genug!“ - -Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich -mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will -den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort -einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und -wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“ - -Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für -sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte: -„Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern haben -mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und -da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag -beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus -auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber -ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich, -wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht -nachlassen. Ich setz’ es durch!“ - -Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters -erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung -in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach -der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere -Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten. - -Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle -hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden. - -Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen -hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen -Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur -Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt -wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter, -sondern auch mir die Hand. Letzteres hatte sie noch nie getan und -ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als -Erwachsener. - -Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes -tun, nämlich Tee kochen. - -„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie, -„such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“ - -So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg -gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den -Garten hinaus. - -Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von -den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme. -An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot -der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben -die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden, -und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel -wehen. - -Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor -mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich -auf die Laube zu. - -Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den -Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar -nicht gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf -darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog. - -Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden -oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich -eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich -daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht -verantworten konnte. - -So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie -hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und -er klang zu leise und heiser. - -Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du, -Marieli!“ - -Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und -Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen. - -Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte -es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“ - -Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen -könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise: -„Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“ - -Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der -ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so -dasaß mit ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte -ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir -sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich -auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch -ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte -ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine -überströmte. - -So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut. - -„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen. - -„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“ - -„Du und deine Mutter?“ - -„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da -nehmen sie mich auch gleich mit.“ - -Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand -wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen -immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein -Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was -in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein -liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal -keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da -nahm ich sie in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren -Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’ -dich, nicht weinen!“ - -Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die -im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über -mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie. - -Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller -Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr -stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl -augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt. -Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es -mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus -meinem Leben zu schaffen sei. - -Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges -Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein -ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken. - -„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile. - -„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ -- -ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu -- „wenn’s -mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann -werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“ - -In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes -Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu -lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch -oder wenigstens einen Teil desselben belauscht. - -Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein -bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf -ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen. - -Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei, -und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für -Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“ - -Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“ - -Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er: -„Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller -wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“ - -Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden. - -Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das -liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt. - -„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die -Augen senkte. - -Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und -dann sah sie mich an, so eigen, so fremd und doch so vertraut, wie -mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder -und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir -ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch -eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle -Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein -Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht -kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe. - -Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine -Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich -voneinander verabschiedeten. - -Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren -auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke -Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie -habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten. - -Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen -Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe. - -Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang, -der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen -Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen Morgenstunden die Rehe -und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken, -als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten -unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen -zwischen zwei Reisen. - -Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete -Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe -wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte -in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen -hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer -heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam. - -Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen -wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus -Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand. - -„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch -einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“ - -Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das -Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch -mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges -Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all -der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt -hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen. - -Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini, -sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz -geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch -eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das -sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher -nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst -es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst. -Gelt, du versprichst es uns?“ - -Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen. - -Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“ - -Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“ - -Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s -versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er -herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“ - -Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja, -Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“ - -„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen -Vaterunser.“ - -Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann -schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam. - -In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel -mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß -von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die -Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte -sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie: -„Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn -nit unglücklich werden!“ - -Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte -hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die -weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters -trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort -das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich -leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter. - -Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete -jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren, -Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den -Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie -ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum -störte diesen Schlaf. - - - - -IV. - - -Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen -Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben, -das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll -heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu -rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein -Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr -geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu. - -Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze -von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße -einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu -tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig -gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit -den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu -tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die -wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das -mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal -niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu -erzählen, daß der Frühling gekommen sei. - -Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und -Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so -klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche -Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die -Tauwasser gehen. - -Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst -habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar -zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald -gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand -ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große, -schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges, -der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der -weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des -Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie -duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch -der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf -leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt -die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt. - -Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem -weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen, -liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem -heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird. - -Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem -alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich -habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen -errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und -doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch -meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern -schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die -Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange -dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt. - -Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht. - -Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr -anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen -Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon -von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken, -hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben. -Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere -der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte, -strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog. -Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein -leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und -wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört -und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen -der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz -erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten -in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal -einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er -es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen -lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft -mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den -Altersgenossen sei. - -Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis -vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt -genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und -Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam -und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte -Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die -großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der -Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll -aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer -fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die -den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten -Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es, -als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen -und raunten leise ihre Gebete. - -Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah -mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten -Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da -auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und -darunter „Gedichte“ stehen würde. - -An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines -höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern -ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich -verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das -Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß -wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie -eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst -recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden -begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter -entschlug. - -Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf -des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte -mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich -durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten -Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende -Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den -kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser -mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen, -als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines -gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief -und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als -bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der -Au entlang zur Stadt führte. - -Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen -Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des -Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen -schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen -Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in -kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle -Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so -weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll. - -Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch -Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter -zusammen kam. - -So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich -fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am -liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun -alle ihre Schönheit willig zeigten. - -Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die -Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe -Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel, -den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel -und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen, -ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte -weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich -empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den -weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen. - -Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen -emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von -Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war -ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner -körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in -blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke -zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der -Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand -doch ein unendliches Lustgefühl. - -So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer -breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien. - -Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte -mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können. -Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der -Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät. -Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich -nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher, -und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war, -zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit. - -Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden -zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler -türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und -Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder -einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können. - -Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand -keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich -nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick -zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende -Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine -Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen. - -So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell -schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am -Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung -kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir -sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um -meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so -aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde -das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen -Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich -sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der -Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst -nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich -nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft -besessen, etwas Angefangenes durchzuführen. - -Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich -kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins -Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die -Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und -nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich -fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung -und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt -überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich -immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte. - -In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren -Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit -glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten -Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf -mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das -Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug -seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees, -und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land -mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen, -dem Strom. - -Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine -Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und -dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen -jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in -überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in -die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus: - - Der Himmel so blau und die Welt so weit! - So weit und so schön mein Heimatland! - Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit! - - Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal, - Ihr grünen Wälder in rauschender Rund, - Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl! - -Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich -sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch -meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und -ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg. - -Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich, -denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so -lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage -erzählte, wo ich gewesen -- den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich -allerdings -- und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen -Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens -erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann -senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub, -Heini!“ - -Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid -der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen -sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann. - -„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die -ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten -Vormittag im Garten trafen. - -„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so -ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte -und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre. -Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren -Bergen!“ - -Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir -vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch: -„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“ - -Sie sah mich fragend an. - -Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer -leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit -dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“ - -„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem -Staunen. - -Ich nickte stolz bejahend. - -„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“ - -Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor -Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich -eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann -nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen -gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der -grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte. - -„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die -meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben -hingst?“ - -Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich, -dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von -meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre -Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte. - -Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung -meine Worte auf Heri ausgeübt hatten. - -Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust -hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte. - -Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt -habe, das Heri so tief erregen konnte. - -So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten -summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte -ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe -jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied. - -Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da -konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise -Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“ - -Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise: -„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“ - -„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“ - -„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem -Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von -goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte: -„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht -verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast -die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“ - -Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann -schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend, -ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor -einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des -Lebenssturmes gefahren war. - -Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer -Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und -als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht -im hellen Rosenlicht der Freude. - -„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn -die ganzen Tage?“ - -„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der -steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und -viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da -droben ist’s schön!“ - -Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die -mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das -sollte mein und Heris Geheimnis bleiben. - -Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen -Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann -fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen -Kraxlerei, gelt?“ - -„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus. - -„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das -Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit -haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen -muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein -können.“ - -„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“ - -Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon -sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen -Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“ - -„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“ - -„Über alle!“ - -„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn -nun das Marieli zurecht. - -Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So -und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“ - -Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen. - -„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du -dabei sein können?“ - -Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin: - -„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert -und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“ - -Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber -trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit -anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem, -was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in -Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts -mehr sagen?“ - -Da mußte ich denn beichten. - -„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich -als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den -Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über -die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn -man klettern kann und schwindelfrei ~ist~, ist wirklich nichts -dran.“ - -„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“ - -„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“ - -„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du -nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“ - -„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja -sowieso sterben!“ - -„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du -denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“ - -„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere -Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“ - -Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes -meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit -wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich -mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die -beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine -Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre -beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden -hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr. - -Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen, -sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden, -Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf. - - - - -V. - - -Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich -sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust -der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden -bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb -ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken -sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen -und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen. Wie -viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch -die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern -sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun -haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher -so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend -schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es -mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient -zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele -zu. - -Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er -nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat -es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend, -hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über -die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen -erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und -daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten, -demütig und geduldig sein. - -Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach -jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der -bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten -schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir Unbehagen. Wer auf Höhen -will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten -Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein, -der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte -ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug, -und meine Sonne hieß: Heri. - -In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst -zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man -forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle -jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln, -so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte -oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein -Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon -wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar. - -Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht -einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet -hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir -hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung, -aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben. -Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen -Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber -verschmähte jeden Kompromiß und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln -seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach. - -Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein -Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr -und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt -aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er -wollte. - -Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß -gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit -ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein, -gut, so sollte er es gründlich sein! - -Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt. -Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach -zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe, -erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß -er schließlich ganz verzagt wurde. - -Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen -Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem -menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag -mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“ - -Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag -verpflichtet, mit ihm nichts zu reden. Deshalb zuckte ich mit den -Achseln und wollte weitergehen. - -Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst -unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf -mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ -- Und nach einer kleinen -Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser -gehalten als die anderen!“ - -Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn -verhängt worden sei. - -Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb -spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist, -darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn -eine Freude an diesen Kindereien?“ - -„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der -Fall wäre?“ - -„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du -ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’ -ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das -läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß -du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das -Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß -ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch, -da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es -ist, weiß ich nicht und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja, -ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die -Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch -Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte -am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute -in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und -hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer -Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser -dein!‘“ - -Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung -gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von -dieser Welt war. - -Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch -mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war -mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große, -leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das -mich damals zum Dichter machte. - -Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst -lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts -machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den -andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da --- da --“ sein Gesicht nahm den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an --- „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß -du mich verstehst.“ - -Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu -in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja, -Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde -sein!“ - -Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen -Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura -ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es, -den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm -vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit -betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die -nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus. - -Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf -sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe -hinan und trat rauchend ins Studierzimmer. - -Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang -auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los: -„Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“ - -Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den Spucknapf und sagte -gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“ - -Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie -jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“ - -Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als -der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden -Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo -zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens -seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“ - -Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand -lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag -zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich -ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse. - -Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein -Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten -Tagen gemacht hatte. - -In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich -so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du -der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem -ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben -würde und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“ - -Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen -Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die -Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden -flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum -stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen -Ast flatterte noch grünes Laub. - -„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen -können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön -macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat, -die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der -Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß -das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? -- -Was ist eigentlich dein Ziel?“ - -Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf -geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und -wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter -fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte -Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte: -„Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar -und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt nur eines vor: die Menschen, -die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner -von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“ - -Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht. -Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig, -und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ -- sein Auge -leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden -mußte -- „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott -nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das -wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben -sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“ -Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und -rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum -Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken -- eher sterben!“ - -Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so -furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung. - -Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit -seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte -mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen. - -Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich: „Kennst du Eichendorff?“ -Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne -Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber -noch fremd. - -„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du, -Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler -braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es -keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen -Platz findet.“ - -Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der -Gedichte Eichendorffs. - -Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen -Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und -über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte, -ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und -Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und -meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen -Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht -wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde. - -Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere -eigenen Wege. - -„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die -Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“ - -Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn -ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht -hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn -auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach -ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten -an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein -Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise -entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen -tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun -oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen -mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte -summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand -der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie -ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort -her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in -silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen. - -Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in -der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal -ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief. -Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und obwohl ich sicher -sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch -nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in -meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand -ich mir: ich liebe Heri! - -Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine -ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein -süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war -ja zum wirklichen Glück geworden. - -Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein -außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel -schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden -hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen -in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel -hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen -Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige -Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf -den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die -Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt. -Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine -Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag -ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr besorgt gemacht. Als -ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor -mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des -Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt, -und als ich am Nachmittag des Ostersonntags -- ich war mittags im -Schlosse zu Tische geladen gewesen -- mit Heri durch den Park schritt, -sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin -ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer -traurig werden und nun sind sie so schön!“ - -Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der -schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen -Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem -kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von -goldenem Flimmer wob. - -„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile. - -„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich -und fühlte dabei, wie ich errötete. - -„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine -flammende Röte. - -Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen, -brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an -unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr. - -Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem -Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das -Haar stecken, aber auch da hielt es nicht. - -„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit -glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt -das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich -strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an. - -Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte -stotternd: „Heri, hast mich lieb?“ - -Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf, -glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch. - -Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir -aufdürsteten. - -Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich -leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“ - -„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise. - -In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen -Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die -Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor. - - - - -VI. - - -Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch -die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen -überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher -Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste -Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich -durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald -und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen -und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter -ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb, -Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen -den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen, -die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken. -Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und -der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann -steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf -in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt -aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem -Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und -schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust -zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male -seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen -aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt -und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie -es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche -mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen -Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist -der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und -dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche -begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch -auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in -den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre -nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling -nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder -glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des -Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und -der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur, -unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede, -ich, der Einzige auf der weiten Welt! - -Doch ich muß erzählen. - -Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem -Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar -aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium, -als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei -Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch -mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein, -denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir -heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel -beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals -fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich -wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf -leuchtendem Throne saß. - -Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause, -um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich -sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden -lassen und Heri überreichen wollte. - -Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar. - -„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft. - -Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend -an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind -wir nicht Freunde, Freunde“ -- er betonte das stark und eindringlich --- „Heini?“ - -Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst, -daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf -verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen -zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“ - -Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst -du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich -hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“ - -„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen -und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns -selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“ - -Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen -beobachtete, las er langsam Seite um Seite. - -Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner -Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese -Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner -Phantasie?“ - -„Sie lebt.“ - -„Hier?“ - -„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du -mich wohl in Begleitung einer älteren Dame, ihrer Tante, einige Male -spazieren gehen gesehen hast.“ - -„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen, -das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“ - -„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“ - -„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen -liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein -Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“ - -„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“ - -„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir -aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber -erzähl mir von ihr!“ - -Und ich erzählte und schwärmte. - -Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich -schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen, -von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben -und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt -bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind -nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum -Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“ - -Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte ich auch auf diese Rede -nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu -einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein -Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In -solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und -wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein -Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte. - -„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“ - -Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen -Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich -ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen -Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri -heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage: -„Warum schreibst du so traurige Lieder?“ - -„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du -gehörtest einem anderen und das -- Heri -- das stimmt mich so, daß ich -am liebsten sterben möchte.“ - -„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte -nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans -Sterben?“ - -Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß -und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle -Todesgedanken vergaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in -einem langen, langen Kuß ausströmen ließ. - -Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in -der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte, -war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu -fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit -seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu -zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit -zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die -Lungenschwindsucht. - -Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich -am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das -erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden -war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen -zum Leben vergönnt sein konnten. - -Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem -ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein -Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht -aufschluchzend über ihn zu werfen. - -Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und -schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da -hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel -hier, die Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im -Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber -gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen -können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht -ein und -- er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne -aufzuhören -- jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen -Husterei. - -Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und -dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären -die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für -tot halten können. - -Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen -Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien -mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und -ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei -Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als -ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er -sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste -Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und -Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen. - -Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu -ihm kam, hatte er auch schon etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden -Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe, -das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur -Vorlage gewählt. - -„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er. - -Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und -nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde -entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben. -Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust -niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer -Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der -Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren -geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der -Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem -Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im -Ausdruck dieses Gesichtes. - -Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort -zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine -Hand, sondern sein Herz den Stift geführt. - -„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme. - -Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich ganz kühl kritisch und -erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten -erlaubt.“ - -„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort -geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so -still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer -ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt -haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich -in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten -Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch -wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz -sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst -aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir -ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der -Seele.“ - -Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte -es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir -einschlummerte. - -Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie -rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte, -sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte. -Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon -sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne -wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“ - -„Was sagt der Doktor?“ fragte ich. - -Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt -er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in -vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen -wir das erstere.“ - -Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater -verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten -Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt -der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen -Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde, -die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte -ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für -mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es -das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte, -es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir, -seinem einzigen Freunde! - -Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in -Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht, -meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun? - -Ich lief wie irrsinnig nach Hause. - -Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm, -auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen -Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen -aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen -die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren -Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri -schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein. - -Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten: - - Mein lieber Heini! - - Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere - Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in - die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an - einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen - kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe - das in aller Eile, verzeih also die Kürze. - - Deine - - Heri. - -In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und -mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde -mit ihr dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen, -sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus, -ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen -Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können. - -Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie -war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also, -sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei -ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar. -Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten -jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit -Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann -daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die -anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit! - -Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der! -Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben -herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen -Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf -aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht. -Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf -mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ meinen Jammer in sinn- und -fassungslosen Tränenströmen ausfließen. - -Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich -sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der -Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann -hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die -Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich -auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese -auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis -entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen -Umständen geschehen. - -Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die -vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im -geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die -Tante nicht. - -Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den -Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen, -auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die -Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten -die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf -dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen. - -Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn ich vom Bahndamm aus -den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle -diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher -Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes, -Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz -wie mit eisernen Händen zusammen. - -Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen -Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der -Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals. - -Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station -herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen. - -Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri, -meine schöne Heri erscheinen. - -Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des -Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri. -Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß -sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen, -und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der -alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie -eine wirkliche Dame und ich -- mein Blick glitt unwillkürlich an -meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab -- ich war ein armes -Studentlein, sonst nichts. - -Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein -Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß -der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein -leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als -er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen -hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen -waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen. - -Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber -nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz -gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich -jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe -überkommen hatte. - -Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich -entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich -kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut -genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat. - -Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere, -die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten. - -„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“ -fragte der eine. - -„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte das die Nichte -sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die -Gesellschaft einführen wolle.“ - -„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden -über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie -auch reich?“ - -„Interessiert dich das?“ - -„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens: -geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal -verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen -Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg -werfe ich mich nicht!“ - -Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich -offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich -einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten, -überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken, -genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im -offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst -einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein -gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er -mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm -überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wozu solche Menschen wie -ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den -Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut! - -Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte -vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch -glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet -waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum -kommst du nicht, Heini? - -Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme, -unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke -Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich -will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach -mir ausgestreckt. - -Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital -zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war, -dann wollte ich ihm nachfolgen. - -Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem -Oskar lag, traf ich die Krankenschwester. - -„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist -entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle -paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er, -ich müsse Sie holen lassen, wenn Sie nicht bald kämen. Er ist ganz -verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht -vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich -fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren, -wie es um ihn steht.“ - -Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein. - -Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer -von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf -mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett -zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ. - -Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne -die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als -ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie -es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor -fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den -Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“ - -„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich -selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang. - -Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand -und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es -gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“ - -„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß geträumt. Bedenke, -selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht -sagen.“ - -Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es -nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt -und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen -hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das -Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da -hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den -Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“ - -„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus -seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon -ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung -da -- na, es ist eben ein Spital! -- ist auch nicht danach angetan, -heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz -und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch -selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“ - -Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der -festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen. - -Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich -wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte. - -„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es gibt keine Hilfe mehr! -Da drinnen“ -- er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen -- -„ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür -sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll, -verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“ - -Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn -plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte, -der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend -und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half, -umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam -es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf -mir -- Heini -- ich mag nicht sterben -- hilf mir -- ich -- ich --“ - -Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein -Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und -da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen -Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich -zusammen. - -Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen -unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die -Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht -aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel. - -In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den -Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen -hob. - -„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester. - -„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die -Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader -fühlten. - -Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das -apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am -ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars -liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich -bläuliche Schatten breiteten. - -Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet -schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte -ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen -streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“ - -In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle -einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen -konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen -begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da -brach ich neben dem Bette zusammen. - -Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die -Anstalt. - -Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt. - -Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun -trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen -Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es -und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen -Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen -Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des -Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der -Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein -Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des -Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich -durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf -den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand. - -Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer -ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie -eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die -schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner -schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt. - - „Es ist bestimmt in Gottes Rat, - Daß man vom Liebsten, was man hat, - Muß scheiden!“ - -Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher -in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen, -nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie -eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen -rinnenden Tränen. - -„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in -diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit -verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich -nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes -vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie. - -Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie -Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien -Sie ein Mann!“ - -Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen -wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie -wieder auferstehen: die Freundschaft. - - - - -VII. - - -Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie -ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses, -ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz des -Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte, -die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen -gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf -deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die -dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre -Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und -sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im -Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender -Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein -ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht -Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem -Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich -allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach -Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein -spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore -geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten -Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen -fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu -ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine -Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe -und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und Erdenleid. Jede -Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen. -Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand -in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander. -Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn -und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist -allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe, -die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat -der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone -erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder -uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und -Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs -Haupt. - -Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die -Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten -ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt -leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben -habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute -nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst -versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem -Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht -trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und -weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen -ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein -Menschengeist sein Wesen faßt. - -Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus -dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht -ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der -Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und -erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst. -Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“ -auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen -Sinn ein Lächeln abnötigt. - -Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den -Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt, -sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an -ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln. - -Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder -dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte -erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist -der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu -Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft -und mild und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und -Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß -schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und -Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden -und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen -durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von -seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach. - -Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein -Liebesfrühling von mir ging. - -Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es, -schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich -getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden -stören könnten. Nein, ich habe keine Angst. - -Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun -erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes -und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den -Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer -drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte -ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel -war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in -mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich -leisten und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir -nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn -die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte, -dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor -ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich -geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir -sind ja dein!“ - -Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten -meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das -Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der -geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu. -Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf -winkte sie mir. - -Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf -einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand -die Tante und winkte mir freundlich zu. - -Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns -gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte -sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“ - -Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir -sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ -- und -sie blinzelte mir ermunternd zu -- „deine Mutter hat gesagt, sie werde -es dir schreiben.“ - -Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris -schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen -wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es -würde nach Ostern sein!“ - -So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal -das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein -Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame -Gestalt schlingen. - -Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd -gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten -Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein -Herzleiden eingestellt habe. - -„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich -erschrocken. - -„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen -wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine -Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung -beilegen dürfe. - -Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich -Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen. -Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und hatte -keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte. - -Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter -sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor. -Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose -Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein -gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn -ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert -werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie -schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein -sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein -feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen. - -„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der -schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl, -interessiert sich sehr für sie.“ - -„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur -gehüllt hatte. - -„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch -nicht zu erröten!“ - -Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir -ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir -durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“ - -„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr -Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein -lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh -sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir -gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich -wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“ - -Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das -Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl. - -Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes -männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie -er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir -herüberschielte. - -Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder, -Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri -- Herr Oberleutnant -von Steindl.“ - -Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man -wohl fragen, in welcher Klasse?“ - -„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene -trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein -Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und -noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in angesehener Stellung, -dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend. - -Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um -mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten! -Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er -hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr! -Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und -dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie -sich mich als Gelehrten vorstellen?“ - -Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht. -Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“ - -„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der -Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort -danach fragte.“ - -„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“ - -„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen. -Ich kapiere immer schon früher.“ - -Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen, -sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit -unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß, -daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen -Mannesnatur war. - -Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend -bekommen sei. - -Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß -sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der -Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des -Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden -hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir -Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu -ärgern und zu grämen. - -Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald -genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte -mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige. - -Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O, -hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und -er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über -all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst -angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn -und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden -Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant, -auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an, -und wenn sich der Sturm an seinem eigenen Wüten verzehrt hatte, dann -schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das -ganze Leben gleichgültig machte. - -Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort, -bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so -könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der -Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam -der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri -ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste -bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der -Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über -die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber -glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei -wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er -dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der -Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt -hatte, den Reichtum derselben zu zeigen. - -So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne -angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder -scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen -Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese -Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach direkt als unbequem und -störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete -vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich -mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin -zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief -überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn -sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere -Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann -oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte. - -So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief. -Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir -versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir -bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu -verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne -ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen -und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank! -nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge -ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei -herrsche. - -Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll -großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine -Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden, -dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen nicht vergleichen konnte, -an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir -an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines -ganzen Daseins, dann war ich verloren. - -Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die -Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer -verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war. - -Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr -regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen -und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen -Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich -brächte dort mehr vor mich als zu Hause. - -Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln -durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es -nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich -ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht. - -Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr -Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen, -der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der -Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten -strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen. - -Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde -mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen, -noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen -hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie -der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens -immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon -wieder, nicht?“ - -Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich -gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den -Umständen ab.“ - -Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen -Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es -nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre -hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen -Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen. - -Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof -aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe -der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der -Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem -Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben, -in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte, -in mein eigenes blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn -mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und -dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene -Bedeutungslosigkeit zurück. - -Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort -und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die -langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder -und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und -es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da -sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von -der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag -schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold -der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch -des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs -Land der Lebenden ging. - -Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich -aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und -darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes, -den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und -Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der -aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen. - -In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische -Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor -diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem -Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik, -mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein -so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die -Knie sank und bitterlich zu weinen begann. - -Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend -mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot -gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte -etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“ - -Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner -Seele lesen? - -„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich. - -„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken -Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn -Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da -unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“ - -Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte -seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener -Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er sich -damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der -Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht -Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte. - - - - -VIII. - - -Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ -mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine -Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel, -wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war. -Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler -aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch -wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu -Kohle zu Asche geworden. - -Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei -unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese -alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen. -In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals -empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger -Zeit, mein pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen. - -Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben -wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten -strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken -und meine Seele wird gesund und still. - -Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende -Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und -Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der -brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer, -der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und -langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit -schön, schön zum Jauchzen. - -Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt -und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der -mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub -entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung -durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel -ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen -verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht, -zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß. - -Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen. Es ist nur -merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im -Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis, -so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen -solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit -unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine -Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall, -es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten -Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere -Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes -Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben -Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen. - -Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so -merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später -nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in -seine Gewalt bekommen. - -„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort -ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht, -ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte -es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich -aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden -ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen -sprachen. - -Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt. -Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben -und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht -nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal -befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine -Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie, -ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich -zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies -stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in -der Karwoche in die Stadt kommen würde. - -Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie -vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte, -plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause -bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag -zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal -einzukaufen. - -Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die -Promenadewege durch die Au. - -Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge -ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, -getröstet hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz -gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her. - -Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden -Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein -wenig nieder. Ich bin so müde.“ - -Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein. -Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und -über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde -gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume. -In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade -über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und -die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und -gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt. - -„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu -sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“ - -Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme. -Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“ - -„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise -heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir -jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das ewige -Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine -Mutter nicht mehr gar zu lang.“ - -Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert; -mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter -Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen -Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die -blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu. - -Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen -und sie kamen mir aus tiefstem Herzen. - -„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn -dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“ - -„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“ - -Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar -Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte -zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter. -Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine -Mutter bin ich und du, du --“ ihre Stimme zitterte -- „du bist ja mein -einziges Kind!“ - -Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem -beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im -Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille innige -Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen. -Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der -Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns -nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner -Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns -und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte. - -Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben -der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und -Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte -ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar -Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es -heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“ - -Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem -Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor, -küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig, -Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir -dann leichter.“ - -Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich -unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der -mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein -gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden. - -„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den -Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und -wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd -ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause -geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden. -Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir -liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und -allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben -- Mutter, laß -mich wenigstens du nicht allein!“ - -Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte -sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein -armer Bub!“ - -Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten. -Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr -doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun -aber fand sich keine Gelegenheit mehr. - -Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende -Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals -die Hand, -- einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten -wagte sie nicht und auch mich hielt die alte Scheu davor zurück, -obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen. - -„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß -unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd -schon fleißig für dich beten.“ - -Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann -mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie -das Tüchlein an die Augen drückte. - -Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich -mit!“ -- aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen -Weh im Herzen trat ich den Heimweg an. - -Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von -Marieli. Sie schrieb: - - Lieber Heini! - - Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, - daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, - denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch - glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja - alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend - für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick - Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil in meinem Gebetbuch - gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr - selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und - denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil - an Dich. Gelt? - - Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter. - - Deine - - Marie. - -Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die -trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner -ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog -in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der -Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin. - -Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den -der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten, -rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg, -der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner -Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust -gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte, -dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom -wahnsinniger Sehnsucht. - -So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste -Parkkonzert stattfand. - -An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis, -bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das -Konzert anhören, das um fünf Uhr begann. - -Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all -den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten -in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft. - -Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen -auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf -den Hüten, Frühling in den Augen. - -Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid -umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in -breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des -Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in -freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten -und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön -war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie -einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der -holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden -schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit einer etwa gleichaltrigen -Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants. - -Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug -zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in -wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen -und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten -Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem -Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich -eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo -ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher -leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich -meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein. - -Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht -fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber -weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß -kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein -Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur -eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten. - -Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher, -mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie -aufmerksam machen, daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht -steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte --- und diese sind nicht unbedeutend -- dem Studium zuwenden, so erleben -Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten; -in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn -in Sie gefahren? Reden Sie doch!“ - -Ich schwieg. - -„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt, -dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist -als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie -wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich -aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist -und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein -Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange -Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie -ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können -Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“ - -Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen. - -Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr -weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war -nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es -zwischen uns stehe. - -Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, -- ich hatte inzwischen -Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante -spazierengehen gesehen -- stand mein Entschluß fest. - -Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde, -mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können, -schrieb ich ihr ein paar Zeilen: - - Meine liebste Heri! - - Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt - davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus - Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort - wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen. - Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein, - daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß - Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat. - Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten - können. Gib mir ehestens Bescheid. - - Dein - - Heini. - -Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen -hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute -mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri -wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand -sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie -aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß -feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war. - -Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken. -Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer -Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief -gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn -es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich -befürchtet hatte. - -Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur -wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte -es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein -Brieflein in die Hand drücken konnte. - -Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur: - - Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn - es Dir aber möglich wäre, einmal abends fortzukommen, so komme - übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem - Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim. - - Heri. - -Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt -fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man -konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner -Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen. -Einmal konnte ich’s doch auch versuchen. - -Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns -war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt -und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal. -Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den -anderen benützt worden. - -Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine -Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im -Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er -aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut -und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten -Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab, öffnete dort -leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten -hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während -der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief -ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite -desselben kletterte ich über den Zaun. - -Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der -Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und -in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit -hochklopfendem Herzen vor Heri. - -Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das -sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten -Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die -ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht. - -Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort -hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres -erbebte in namenlosem Glück. - -Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da -ist eine Bank.“ - -Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie -endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“ - -Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann ich zu reden: „Ja, -Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen. -Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse. -Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“ - -Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise: -„Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“ - -„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast, -Heri, damals zu Hause im Park.“ - -Sie schwieg. - -Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich, -ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich: -so wie damals?“ - -Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch -Kinder!“ - -Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel -zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur -stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, -- ich --- ich gehe.“ - -Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten -Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich -nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme -und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund. - -„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte -sich mir zu entwinden. - -Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen -Küssen: „Heri, dies eine Mal, -- dies eine Mal -- will ich noch -glücklich sein, Heri -- ich hab dich so lieb -- so lieb, Heri -- so -lieb -- --“ - -Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust -und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange. - -Das brachte mich zur Besinnung. - -„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen -wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“ - -Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit -tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“ - -„Ja, ich gehe!“ - -Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte -ich hinaus in die nächtliche Straße. - -Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn -je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen -wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines -vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner -Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über -meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken Leib in meinen Armen, -ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen -Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter -Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst -diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“ - -Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah -und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im -Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die -Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein -Frühgewitter zu murren begann. - -Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über -mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender -Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das -Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt. -Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen -wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin -und darauf ein langgezogenes Rollen. - -Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß -werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und -auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es -einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er -dann das zumachte, durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht -mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber -konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus -der Anstalt. - -Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger -Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich -noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden -Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei -Dank! das Fenster stand noch offen. - -Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich -auf die Fliesen des Korridors niedergleiten. - -In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der -volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur -zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da -haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche -ist zu allem fähig.“ - -Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und -da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen! -Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen -Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er -auch der meinige. - -„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an. - -Ich gab keine Antwort. - -„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“ - -Ich gab abermals keine Antwort. - -Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube -heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt -abgewehrt hätte. - -Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für -heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so -erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“ - -Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor -immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da -mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen -nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“ - -„Gewiß, Herr Direktor!“ - -„Gute Nacht!“ - -„Gute Nacht, Herr Direktor!“ - -Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll -und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht -erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und -Wäsche.“ - -Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden -solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu -dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen -die Blitze ihre blendenden Brände warfen, ich horchte dem Schmettern -der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit -machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und -während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und -ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst -geweckt werden mußte. - -Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn -Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die -Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das -überhaupt möglich sei, noch etwas helfen. - -Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite -stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie -verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite -stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich -war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß -ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet -werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich -wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen. -Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte -von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als -Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder -nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß, denn die mußte doch -wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber -bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war -diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf -davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte -ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen. - -Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich -geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male -jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das -alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar -nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln. - -Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen -entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können. -Mochte kommen, was da wolle. - -Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor -des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem -Klassenvorstand. - -Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es -ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen -Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum -handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die übrigen Schüler vor -Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können. -Sie aber“ -- damit wandte er sich an mich -- „fordere ich auf, die -Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch -Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern -Abend?“ - -Ich schwieg. - -„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“ - -Keine Antwort. - -„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor. - -Ich schwieg. - -„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch -des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein -junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt -hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb -ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine -Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse -bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken -sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine -Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten -aufsuchen zu können!“ - -Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte: -„Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen -Mannes!“ - -Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und -rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So -kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“ - -Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz -und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der -Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“ - -„Wo waren Sie dann?“ - -Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren -brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen? - -Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich -möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne -allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die -volle Wahrheit bekennen wird!“ - -„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt. - -Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der -Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden -zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu -bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde -zurück.“ - -Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen -Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der -Präfekt. - -Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund, -wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die -Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei -Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in -Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für -einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie -versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch -nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“ - -Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war. - -Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend, -und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“ - -Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem -ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer -Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß -alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen -Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst -draußen, bis Sie gerufen werden.“ - -Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der -Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich -stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in den -Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen -Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in -einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen -Lichtflut sendend. - -Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid -bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was -ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum -moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie -sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes -zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein. - -In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber -bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die -Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder -in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich -noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine -Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde. - -Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es -hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen, -holte mich der Präfekt neuerdings ab. - -„Kommen Sie,“ sagte er kurz. - -Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn: -„Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“ - -„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der -kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange -Ahnung stieg in mir auf. - -Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer -feierlichen, finsteren Ernst. - -Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die -Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“ - -Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. -Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“ - -„Nun“ -- der Direktor zog eine höhnische Miene -- „ich habe die Frau -Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt -und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei. -Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft -bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie -sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand -sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den -Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten -von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen -hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen -Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den -geringsten Zweifel zu setzen und“ -- er erhob seine Stimme -- „stehen -vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau, -wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten -dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene -Schande zu bemänteln.“ - -Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den -Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf -etwas zu erwidern?“ - -Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt -zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es -außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich -hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als -rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich -um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen -Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen, -um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend -ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den -Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht -ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen -hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt, -ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte, -und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz. - -Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich -stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da -vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als -heilig und unverbrüchlich gegolten hatte. - -Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine -Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle -sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben -Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine -Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei. -Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt, -in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die -Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos. - -Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn -gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“ - -Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der -alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte -Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“ - -Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den -Karzer zurück. - - - - -IX. - - -Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf -den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als -ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn -die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die -bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei, -und zogen dann grollend ab. - -Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil -sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen. -Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes -in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den -balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des -Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe -sich spiegeln. - -Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen -wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und -ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere -Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine -sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben -nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit macht Könige, die -Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne. - -Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und -dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer -Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge -Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem -Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden -Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden -senkrecht zu ihr empor. - -Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an -meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und -da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist -es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber -nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren, -um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig -über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen. - -Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen -Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg. - -Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von -vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder -und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hochwaldes -hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und -wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige, -da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter -Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken. -Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den -Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und -Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall! - -Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie -sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch -damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr -Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich -emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen, -verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände. - -Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen -gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für -die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die -den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern -nur ewiges Leben gibt. - -Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den -ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger -als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine Flamme -auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen -braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt. - -Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite -und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu -können. - -Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich -noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah, -unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die -Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich -geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern -mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem -Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von -Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in -das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie -das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich -plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz. - -Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust -und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit -entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und -näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen -des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann -wurde es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal -war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für -einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte -schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los, -bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub. - -Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über -mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen -Schwestern umrahmt war. - -Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die -Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“ - -„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen. - -„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie -bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht -auf.“ - -Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen -Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern. - -Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn -genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und -irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der -am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein, -daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital. - -Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu -verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht. - -So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo -ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe -gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine -Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben -gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten -und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst -eingesetzt, und nun war ich gerettet. - -Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe, -fragte ich. - -Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten -gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu -werden.“ - -Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie -wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch -allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde. - -Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer -selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da -ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß -es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein, -die warm und wohlig durch den ganzen Körper strömte und ihn täglich -kräftiger und kräftiger machte. - -Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach -Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“ - -„Meine Mutter?“ - -„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage -ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn ---“ - -Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten -machen?“ - -„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der -Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne -haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es -ist. Das meine ich.“ - -Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich -auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun -vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles, -was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr -weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein -glücklicher und froher Mensch zu werden. - -Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben -meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital -gebracht hatte. Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden, -seien schon in der Heimat. - -Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand, -sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber -nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“ - -Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die -mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so -eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen -für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir, -als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie: -„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“ - -Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges -verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das -Besuchszimmer ein. - -Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die -Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen -und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini. -Also du bist halt doch wieder gesund worden.“ - -Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine -Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe. -Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem -Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte. - -„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf, -warum denn die zwei Frauen allein hier seien. - -„Ist sie krank?“ - -„Nein, Heini.“ - -Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort -Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte, -sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist -sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt, -daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das -beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“ - -Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die -Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden -Frauen das Spital. - -Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht, -und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den -Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar -nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren. - -Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein -Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen. - -Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich -stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend -an die Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine -Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie -Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah. - -Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg -durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor -Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen. - -„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die -Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“ - -Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen -hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden -Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man -jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne. - -„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so -krank geworden bin?“ - -„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der -Direktor an sie geschrieben hat.“ - -„Was hat er denn geschrieben?“ - -Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu -willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so -nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die -Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten, -Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“ - -In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar -bei meiner Mutter verleumdet!“ - -„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“ - -„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich. - -„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, -- sonst -hat sie nichts gesagt.“ - -„Gar nichts sonst?“ - -„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei -rollten ihr große Tränen aus den Augen. - -Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam -an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit -an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende -Antwort erwartend: „Die Mutter ist -- --“ - -Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht -erbitten, nicht die, die ich befürchtete. - -Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die -Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist -heimgegangen zu deinem Vater.“ - -Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun -auch das Letzte, was mir noch auf Erden verblieben war, versunken und -ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir -fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um -mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich -starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin: -„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“ - -Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten -haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden -davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum -Ausbruch. Meine arme Mutter! - -„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm -mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als -wenn du dich vergrübelst.“ - -Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte -sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s -nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht, -davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat. -Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich -halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil -so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen -kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts -genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst -zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als -geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr -zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da -hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich -und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl -nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s: -wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich -mir’s. -- Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern -versprochen. -- Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da -ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich -ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie -aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini -ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe -sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat -eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich -ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die -Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat -sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt -liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder -beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit -auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“ - -Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt. -Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden -quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz -lösend und lindernd, kam es über mich. - -Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte: -„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich -deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und -ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und -auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir -haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“ - -Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und -küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von -denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen -meiner Mutter. - -„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir -die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“ - -„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da -ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher -Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch -noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“ - -Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der -seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls -die Hand reichte. - -Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die -Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug -uns der ratternde Zug der Heimat zu. - -Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen, -die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen -Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter -seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der -Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein -verstürmtes Herz ein. - - - - -X. - - -Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als -es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in -früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat -sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter -abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie -wohl alles geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen -und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute -wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch -wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der -ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei -Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben -geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen -getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen, -nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich -wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen -Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln -entlocken. - -Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt, -den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren -herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde -als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien -kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von -den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und -versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches -Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes -Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden -andrücke, und daß es mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich -durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das -ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender -Umarmung. - -Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid -auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden -zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten -ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der -große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man -sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer -zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das -Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist -überwundenes, ohnmächtiges Leid. - -Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte. -Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein -geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen. - -Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe, -unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel -Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl -aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des -Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des -Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem Gefühle und der -Hochwald macht die passende Musik dazu. - -Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen -und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In -einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und -doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum -Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“ - -Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt -durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze, -mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke -erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen -Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum -müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch -die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum -Frieden zu gelangen. - -Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt -sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede. - -Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu. - -Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage -eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen, -war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand gereicht: „Grüß dich -Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus, -hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt -nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“ - -Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum -stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen, -aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit -aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir -wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“ - -„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“ - -Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene -kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand. -Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige -Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in -dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden -Felszinnen hereinsahen, recht behaglich. - -Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe -meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch -frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen -geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief. - -„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich. - -„Ja, ich tu’s aber gern.“ - -Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich -aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle, -das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt -ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch -wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde. - -Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das -stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz -eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der -Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten -schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde. - -Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu -sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini, -reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu -früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut -schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach. -Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“ - -Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl -als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder -fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz staubig. -Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“ - -So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem -eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein -planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt -meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer -Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel -auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann. - -Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute -nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können. -Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden -Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein -Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos -auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich -sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein. -Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum -Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede -Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm -wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger -Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich -unsäglich glücklich machte. Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich -mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine -Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm. -Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich -jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten, -wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht -aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte -umzusetzen ist. - -Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich -dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen, -mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe -Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so -sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer -Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und -selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre -Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in -einem süßen, weichen Liede. - -Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar -Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos -an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri -mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter -demnächst als Güterdirektor des Grafen auf dessen große Besitzung in -Böhmen versetzt werden solle. - -Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine -Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus -ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine -Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine -wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte. - -So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen -holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß. - -Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen -schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und -Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge -zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man -glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern -des Gewändes ihre Heimat hatten. - -Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin, -einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten -wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“ - -Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer -Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun. - -Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium -hinausgeworfen worden und damit hatte ich auch die Unterstützung des -Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner -Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin -gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem -anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin -aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war -kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen. -Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das -Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan -endgültig von uns verworfen. - -Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte -als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär -konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir -offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster -bringen konnte. - -Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin -zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer -Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte, -der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen -Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen -blieb ohne Antwort. - -Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber -jedesmal ablehnende Antworten, und ich sah bald ein, daß es meine -Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob. -Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen -Menschen nimmt man nicht auf. - -Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich -über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich -in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen -Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter -rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein -eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel -des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer -zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der -Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt -umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen -mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen. - -Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war -mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in -der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und -ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen -hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft -und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen -Entschluß. - -Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich -als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe -glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und -so willigte sie ein. - -Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein. -War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen -und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit -sichtlichem Widerwillen. - -Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen. - -Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn -schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und -besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft -hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter -umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was -sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben -wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto -leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der -Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu -Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren. -Einzelne Bauern, mit deren Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die -bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller -aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch -ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem -sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter -gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er -seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine -gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst -die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am -Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle -übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn -ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben -konnte. - -Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich -mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und -ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe. - -Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne -nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere, -wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne. - -Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat -jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf -besessen hatte, wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins -Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls -eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt -nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn -die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der -staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein -wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein -sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend, -verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er -da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu -werden. - -Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen -des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke -schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte -sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll -herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas -ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes -sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir -geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das -eben ein Ausdruck seines Schamgefühls. - -Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein -Gedanke aufschnellte, als müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei -einen Grund haben. - -So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben -erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf -vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen -doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die -Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in -dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden, -er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei -der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung -daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten -seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen -sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige -arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten, -sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo -ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu -werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte -es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen -vernichtenden Schlage bewahrt hatte. - -Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem -Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein -glänzendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der -den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten -Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den -Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit, -Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man -ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit -ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen -Offizierskorps sei. - -Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen, -so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener -Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle -der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit -bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz -nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt. - -Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes, -etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu -aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den -Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne -Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft -zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen -Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter -dem weichen Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe -zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und -streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde -Licht eines neuen Liebesfrühlings. - -Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen -unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage -von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit -seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und -in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles -legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht. - -Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine -mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar -Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe -an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre -frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht -wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft -und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern -machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem -unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert. - -Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten -fehlte der überzeugende Ton des Überzeugten; es war mehr wie das -eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren -Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt -selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt. - -Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann -am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden, -die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen. - -Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden -Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast -wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel -von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem -großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der -Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch -den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre -Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz -für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht -mehr verrichten konnte. - -Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der -Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche -flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder -sie streiften wohl auch die zarte Beugung des Nackens, die anmutig -schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der -Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr -Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde. - -Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer -von gleichgültigen Dingen zu reden an. - -So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter, -der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit -lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die -Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem -Tag lichter und wärmer. - -Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir -gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall -schritt sichtlich vor. - -Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die -Vorladung zur Assentierung. - -Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein -von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut, -denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der -mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum -dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und -der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen -blanken Tausender geschenkt. - -Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem -Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich -fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich -bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers -erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle -und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in -den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und -als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und -kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein. - -Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre -Augen füllten sich mit Tränen. - -Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und -blauer Krokus blühte. - -„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von -da.“ - -Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und -auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre -Gewinde vom Vorjahre schlang. - -Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und -blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin. - -Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine -Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott, -eigentlich liegt gar nichts dran. Die drei Jahre werden auf ja und -nein wieder vorbei sein!“ - -Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht, -ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen, -daß ihr ganzer Körper bebte. - -„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten, -und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu -streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger. - -„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle -zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. -- -- Marieli!“ - -Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen -gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit -einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen. - -Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm -um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender -Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“ - -Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte -ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu -schluchzen. - -In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus -tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf -Maries Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in -abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich -wahr! Du hast mich gern?“ - -Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat -und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich -muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“ - -Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem -verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück -und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so -glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen -und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“ - -„Und kannst du mir auch verzeihen --“ flüsterte ich, „du kannst mir das ---“ - -„Sei still, Heini!“ - -Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen -herum, bis Lippe auf Lippe lag. - - - - -XI. - - -Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder -Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben -niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand -nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt -und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine -Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann. -Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß -mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht -ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen. -Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich -es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich -habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt -nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen. -Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die -letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor -mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder -ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines -Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in -dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du! - -Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines -Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch! - -Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder -zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe. -Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich -setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine -Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte -sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch -kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und -abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie -einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt. - -Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden -Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in -den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so -leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der -honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den -Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und -Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu -fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in -die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine -Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet -bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du -wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist -an ihr Herz, in dem der Friede wohnt! - -O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben -dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine -Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen, -der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir -erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der -Friede! - -Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt -mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als -möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die -Pforte ins Unendliche sein. - -Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch -weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast -stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die -Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz -gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen -müssen. - -Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte, -ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es -nicht zu. - -„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei -und soll für immer vorbei sein. Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich -ja nichts vom Leben.“ - -Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie -war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen -Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen -würden. - -So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller -Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch -unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer -strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern. - -Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube, -da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß, -hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum, -der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als -wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß -die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre -stillen Gebete hinein. - -Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit -ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich -Zeit hatte, war ich bei ihr draußen. - -Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war -überhaupt seit meiner Assentierung so heiter, wie ich ihn nie gesehen -hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du, -ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem -Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus -der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“ - -Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und -vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die -Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte. - -Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und -meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor -dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden. -Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen -kann.“ - -So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir -einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange -geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter -hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß -ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel -glücklich.“ - -„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich. - -„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf -unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner -sein.“ - -Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da -gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche -Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die -Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen -und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz -Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war. - -In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und -wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises, -schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen -huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in -meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe. - -Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel -Leid über Marie und mich brachte. - -Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter -die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den -Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen -wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich -schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten. -Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still. -Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit -die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar -Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in -der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch -schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele -verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so -scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken -Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze -Wolken seines herbwürzigen Atems. - -Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt -an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir -brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu -fühlen, genügte uns vollkommen. - -Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt -von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“ - -„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich. - -„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder -ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr -haben soll. Und mir ist auch --“ - -Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen -drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß. - -„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag -mir’s, du hast was sagen wollen!“ - -Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte -sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein, -Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat -fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“ - -Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich -tatsächlich in tiefster Seele trafen. - -„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie -schwer du mir damit das Fortgehen machst?“ - -Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine -Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und -da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich -nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar -nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar -nichts, Marieli, gar nichts.“ - -Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr. -Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll -und die Nacht war still, heiß und schwer. - -Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde. - -Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht -noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger -Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle -ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen. - -Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand -ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche -durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich -Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich -in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken. - -Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder -Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde -ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen -geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür, -ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“ - -Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was -geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren -Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem -auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine -Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil -ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt -habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und -dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige. - -Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten -die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier -auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold -hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei -der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot -der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die -Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor. - -Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von -Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher, -und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der -Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem -Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher -über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht -durchdringen, die sich vor meine Seele spannten. - -Und endlich war der Tag da. - -In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche, -ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können: -Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare -Kassette war drinnen, die einige Banknoten barg. Es waren diejenigen, -die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren. - -Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der -Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange, -lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort -kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können. -Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie -in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust -zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch -lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt. -Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du -kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“ - -Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr -felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar -nicht aufkommen. - -Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch -einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“ - -Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon. - -Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch -Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein, -nein, Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’ -da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“ - -Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ -sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf -Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und -wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen -sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“ - -Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und -er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist -eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen -beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück -gescheh’n.“ - -Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte -er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“ - -Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal -kurzen, heißen Abschied nehmen. - -Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem -trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund -habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen. - - - - -XII. - - -Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag -geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte, -da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über -die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten -Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen. -In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige -Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der -Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte -ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick -gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber -selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein -Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon. - -Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen -in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal -höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord -aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das -langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden -Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von -der Natur sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch, -der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst -in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen -Verwesung, auch den Körper zu zerstören. - -Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in -teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken, -das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch -schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven -schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis -sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge -noch in stummer Frage emporrichtend: warum? - -Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend -in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner -Betrachtung aufschreckten. - -Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich -weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den -ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit. -Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und -wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich -auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf -und sah in den Himmel hinein. - -Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler -nach. - -Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er -eine Nacht bei mir bleiben könne. - -Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich -nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die -Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle. - -„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber -ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts -anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden -das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu, -„denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das -Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr -es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah! -Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“ - -„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“ -entgegnete ich lächelnd. - -Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und -Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen -Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja -kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“ - -Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, der mir zur Wohnung diente, -noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte. - -Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald -erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte -er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner -groben Decken. - -Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen -tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich -unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat. - -Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind -auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“ - -„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich. - -„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören. -Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s -gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“ - -Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel -miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann -aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute, -was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen -haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß -ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde. -Ich freue mich, einen Menschen gefunden zu haben, dem der Friede ward, -und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste -Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so -halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“ - -Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die -Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im -Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit -dem Hute zurück. - -Also auch einer, der auf den Wegen der Einsamkeit geht trotz Weib und -Kind. Er gibt Liebe, empfängt Liebe und ist doch einsam. Merkwürdig, -sehr merkwürdig das! - -Doch ich will zu meiner Geschichte zurückkehren. - -Ich war also jetzt Soldat. Daß mir der Kasernenton behagt hätte, kann -ich wohl nicht sagen, aber ich war es ja von der Anstalt her gewohnt, -mich einem größeren Haufen einzufügen und die da üblichen Späße nicht -gerade feiner Art wenigstens insoweit mitzumachen und mir gefallen zu -lassen, um nicht allein zur Zielscheibe derselben zu werden. - -Bei der Abrichtung war ich bald der erste und schon nach einem -Vierteljahr wurde ich zum Kanzleidienst kommandiert. Da man mich hier -sehr gut brauchen konnte und auch meine Vorstudien bekannt wurden, -war ich nach einem halben Jahre schon Korporal und genoß eine Art -Ausnahmestellung. - -Niemand war froher als ich, als mir meine Übersetzung zum Kanzleidienst -bekannt gegeben wurde. Hier unterstand ich in erster Linie dem -Hauptmann und hatte mit den übrigen Offizieren, den Leutnants und -Oberleutnants, nichts zu tun. - -Unter Letzteren befand sich auch Oberleutnant von Steindl. Der war -nach der Aussage aller älteren Unteroffiziere früher ein sehr lustiger -und gutmütiger Mann gewesen; aber bald nach seiner Verheiratung -hätte sich sein Charakter gänzlich geändert und nun sei er einer der -ärgsten Soldatenschinder, dem eine Kleinigkeit genüge, um einen Mann -schließlich sogar auf die „Latten“ zu bringen. - -Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ -zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir -jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten -tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber -an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich -belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er -mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge -anschickt. - -Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge -gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser -Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen -solle. Warum, das wußte mir niemand zu sagen, daß es aber so sei, das -schien stadtbekannt zu sein. - -Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst -so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe, -aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie, -so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in -Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt -ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit -unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen -Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie -vorübergegangen sei. - -Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham -und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig -in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen -Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen -sein. - -Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich -gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden -hatte. - -Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und -der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der -Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl. - -Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem -großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten -hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die -Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch -konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine -wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen -Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir -Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit. - -Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren -Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein -Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein -wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch -unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich -sehnsüchtigen Gedanken hin. - -Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben -wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie -da?“ - -Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen. - -Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu -Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“ - -„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keine Privatbriefe!“ -donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“ - -In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete -nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“ - -„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich -in meiner Faust zusammenknitterte. - -Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu -haben Sie kein Recht!“ - -Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm -den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und -als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen -versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht -mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen -und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies. -Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt, -nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller -als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese -Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem -Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut -empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant -geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikulierten -Schrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick -aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen -und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und -verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen. - -Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles -plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil -unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler -erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz -seines Säbels umgebracht. - -Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach -einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein -tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine -höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung -gezogen worden. - -Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen -die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen -nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht -arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder -Muskel nach Betätigung schreit. - -Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben. -In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt -war. Wie die Tränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den -Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor -den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und -Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich -nicht getraute. - -So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie -sich an Marie das Schicksal erfüllte. - -Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie -mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir, -daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder -unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur -Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und -verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und -beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein -paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie -neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen. -Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß -ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe. - -Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen -und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum -Gefängnisrapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte -vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den -ganzen Sachverhalt zu erzählen. - -Und der Mann dachte menschlich. - -„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge -Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen, -vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“ - -Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich -erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an -Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft -Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male. - -Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich -fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines -Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die -Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete: - - Lieber Heini! - - Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben - mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er, - sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini, - schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß - Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten. - Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht. - - Deine Marie. - -Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein -paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis -verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne -er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr -ein paar Wochen. - -Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von -dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die -vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete, -bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien -es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück -beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der -Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es -mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern -einrennen müssen. - -Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein. - -„Weißt das neueste?“ rief er mir zu. - -Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen -können! - -„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“ - -Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von -den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei -und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber -bald wurde ich eines besseren belehrt. - -Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage -zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus -dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt. -Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu -meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden. - -Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken -Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das -steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen -Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch -überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in -dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des -Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen -nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinen -spiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug -über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und -rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts -durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur -entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie -herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns -rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken, -weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der -stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen -Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein -romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save -entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze. - -Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag -also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken -lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach -bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden, -da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur -allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten. - -Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir -hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten -es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft -gefangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen -von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren -herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber -das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen -orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem -primitiven Dache gedeckter Rauchfang. - -Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen -tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft, -die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden. -Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder -in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den -Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und -plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren -sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur -mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der -kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd -den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen. - -Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf -kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten -riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwas -lichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich -ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in -wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend -über mächtige Felsklötze stürzend. - -Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen. -Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir -bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und -Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden. - -Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern; -ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen -Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen. - -Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen -Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um -die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts -dirigiert, um jener die Flanken zu decken. - -Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein -Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch -Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an -Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken. - -Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahnsinnig und auch unsinnig -dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase -bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still, -stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das -Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der -aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten -Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und -hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand. - -Ein Kamerad und ich erhielten den Vorpostendienst und hatten die -einsame Kuppe zu beziehen. - -Über den fernen Karstgipfeln ging die Sonne zur Ruhe. In dem Goldstrom, -der von ihr floß, färbten sich die kahlen Felshöhen erst mit flammendem -Gelb, dann aber ging dieses in glühenden Purpur über, und der rann in -breiten Strömen hinab in die waldigen Schluchten und Täler und hing -in die dunklen Kronen der riesigen Fichten und Tannen ganze Lasten -von Rosen, die aber immer blässer und blässer wurden. Wie zu Hause in -meinen Bergen war das, und jetzt war mir, als müsse der leise Klang der -Abendglocke ertönen. Und ein geliebtes Antlitz tauchte vor mir auf, -ein schmales, süßes Gesicht mit blauen Augen. Ich sah die Augen mit -stummer, aber inbrünstiger Bitte gegen Himmel gerichtet: gewiß, jetzt -betete Marie für mich, denn nun war’s ja auch zu Hause Avezeit. - -Ich hatte Marie vor unserem Abmarsch schnell noch ein paar Zeilen -schreiben können und wähnte sie getröstet, soweit ein Frauenherz -getröstet sein kann, das den Geliebten in fernem, feindlichem Lande -weiß. - -Und auf einmal durchrieselte mich ein eigenartiger Schauer: mir fiel -ein, daß nun Marie nicht mehr allein sei; dort im Norden, wo die Nacht -ihre dunklen Schleier an den Himmel hängte, dort lag mein Kind, und die -Heimatwälder rauschten ihm ein Schlummerlied, weil der Mutter selbst -die Lippen von Weh und Sorge verschlossen waren. - -Aus meinen Träumen riß mich die Stimme meines Kameraden, der meinte: -„Saudumm, daß wir da heroben stehn müssen. Ist eh weit und breit nit -einmal eine Katz, viel weniger ein Bosniak. Da schau, wie sich’s die da -drunten gut g’schehn lassen.“ - -Und er wies mit dem Finger auf die Halde hinab, auf der die Lagerfeuer -flammten und von wo ab und zu dumpfes Stimmengewirr zu uns empordrang. - -„Na tröst’ dich,“ erwiderte ich „morgen trifft’s dafür andere, dann -können wir’s uns gemütlich machen.“ - -Arm in Arm gelegt, das Gewehr bei Fuß sahen wir hinab. - -Plötzlich ein Knall, ein klirrender Ton in unmittelbarer Nähe, und -mein Kamerad riß seinen Arm aus dem meinen. Ein Schuß hatte die -Menageschale auf seinem Tornister getroffen und wie wir uns nun -umdrehten, pfiff eine zweite Kugel hart an meinem Ohre vorbei. - -Hinter einem großen Felsblock wurden zwei Gestalten flüchtig, eine -höhere, dunklere, augenscheinlich ein Mann, und eine kleinere in -lichter Kleidung, eine Frau. - -Wir rissen unsere Flinten an die Wangen und fast gleichzeitig krachten -unsere Schüsse den wie Katzen gebückt Davonspringenden nach. Und wir -hatten getroffen. Die kleinere Gestalt warf die Arme empor und sank zu -Boden. Der Mann wollte sie fortziehen, aber schon hatten wir wieder -geladen und wieder krachten unsere Schüsse über die steinige Hochfläche -hin. Zugleich schmetterten vom Lager herauf die Alarmsignale und -Kommandorufe ertönten. - -Da eilte der Mann fort und wir stürmten ihm nach. Bald waren wir bei -der Getroffenen. Es war eine junge, bildschöne Frau. Rabenschwarzes -Haar quoll unter einer kleinen roten Mütze hervor, in krampfhaften -Stößen hob sich die jugendstrotzende Brust unter dem weißen Hemd, über -das sich noch ein rotes, goldgesticktes Leibchen spannte, und als die -Sterbende nochmal das Auge aufschlug, das schöne, tiefdunkle Auge, da -war mir’s mit einem Male, als wäre es Heri, die da vor mir läge. - -„Wie eine Wildkatz,“ meinte mein Kamerad. - -Aber wir hatten nicht Zeit uns Betrachtungen hinzugeben, denn eben -pfiff wieder eine Kugel an unserem Ohre vorbei: im nächsten Augenblick -lagen wir hinter einem Felsblock in Deckung und begannen das Feuer zu -erwidern, das uns hinter einem von Gestrüpp umwucherten Felswall hervor -entgegenschlug. - -Schon kam aber auch unsere Hilfe. Jede Deckung verschmähend, sprangen -die Kameraden, unser Oberleutnant voran, durch die Felsblöcke daher und -rollende Salven schlugen in das Gebüsch, die das dortige Feuer rasch -verstummen machten. - -Als wir dann das Gebüsch absuchten, fanden wir zwar Blutspuren, aber -weder Tote noch Verwundete. Die hatten die Insurgenten mitgenommen, -wie sie das auch immer taten, wenn ihnen nur halbwegs die Möglichkeit -geboten war. - -Das war unser erster Zusammenstoß mit dem Feinde. - -Nachdem die ganze Umgegend abgesucht worden war und die Posten -verstärkt waren, kehrte die Truppe ins Lager zurück. Mein Kamerad und -ich blieben auf unserem alten Posten. - -Schimmernd im Lichte unzähliger Sterne war die Nacht gekommen. -Weithin wundersame Stille, nur ein ganz, ganz leises Rauschen der -Wälder zu unseren Füßen und ein geisterhaftes Flüstern in dem dürren -Gras zwischen den Felsblöcken. Und dort drüben lag ein junges, -schönes, totes Weib. Noch vor ein paar Stunden hatte sie nichts von -uns, wir nichts von ihr gewußt, und nun lag sie von unseren Kugeln -dahingestreckt, und ihre gebrochenen dunklen Augen fragten die -friedlich ziehenden Sterne dort droben: warum? - -Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des -bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all -dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das -Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an -dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus -seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling -treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen, -immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem -ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also? - -Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen -wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden -und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß -bewahrt. - -Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel -und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen -sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und -es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über die verstümmelten -Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig -anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren. - -Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht -Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin -aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten, -führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus. - -Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons, -und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er -hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte -er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen. - -Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend -die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen -Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so -beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren. -Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen, -die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte. - -Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte -Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann -tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz für -eine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand. - -Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte -emporklettern, um Ausschau zu halten. - -Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig -wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im -nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden. - -„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht -hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns -wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern, -das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren, -entgegensprühte. - -Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber -nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der -ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren -ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den -Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst -unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir -den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die -hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und -mancher der hageren, braunen Gesellen mußte an die Treffsicherheit -österreichischer Alpensöhne glauben. - -Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen -Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer -Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen -Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar -an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber -vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem -Tode bezahlt werden. - -Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns -gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber -immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück. - -Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum, -ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend. - -Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den -Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend, -suchte er sich das Ziel für seine Schüsse. - -Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“ - -Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem -der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen. - -Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden Stücklein seitens -unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen -Feldzuges so außerordentlich reich ist. - -Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete -er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit -dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank -auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden. - -In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der -Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein -persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und -ich mußte mich seiner annehmen. - -Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf -dem Bauche zum Oberleutnant. - -„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“ - -Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt -und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“ - -Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte -den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in -seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine -Züge. - -„Sie, Binder?“ sagte er leise. - -„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich. - -Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad! -- Ich bin fertig! -Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat -gestorben.“ - -Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in -den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der -ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte. - -Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an -den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir -dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr -Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“ - -Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine -Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll -meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren -Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb -- lieber als mich.“ - -Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen -sie noch an mein Ohr. - -Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher -Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot. - -Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ -- vergeblich, er -war heimgegangen. - -In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des -Sterbenden brachten mich außer mir. Gedankenabwesend sprang ich auf -und begann wieder zu feuern. - -Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem -Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne. - -Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur -so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes -„Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern -aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz -eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine -Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet. - -Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir. - -„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s -erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man -schon noch zusammen.“ - -Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der -nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht, -und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die -schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett -und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben. - - - - -XIII. - - -Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal -und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen -haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt -und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im -Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen -saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das -Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen -und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das -noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen, -ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen -sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt. - -Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag -keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den -Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine -Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so -süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas -Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen -möchte. - -Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald ein Gewitter. Schon -um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den -Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend -grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der -nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken -zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert -dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und -abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten -Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und -zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß -und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären. - -So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen -alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann -zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des -Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten -Tiefen hinab. - -Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut -unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel -gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die -stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm -seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die -aus seinen eigenen Gründen emporwallen. - -Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst -quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille -Heiterkeit des Wesens trüben. - -Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue -Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie -er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst. -Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen -leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende -Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht: -„Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der -in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da -ist, ist mein!“ - -Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in -die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem -Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf -denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter -Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie -Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in -sich trägt, ist zum Messias berufen!“ - -Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es -sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in -die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen Menschentums -wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen -lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen. - -Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit -tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine -Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will, -der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir -nach! - -Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und -es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer -Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht -auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen; -aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf -der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb -mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln -kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen -Himmelsostern des Friedens. - -Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese -Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich -selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der -weiten Welt! - -Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon damals angefangen hat, -als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen, -die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte -mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien -und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit, -daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken -zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen -Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen -konnte ich nicht ins Auge sehen. - -Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren -naturgesetzmäßigen Fortgang nahm. - -Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken. -Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein -Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht -verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk -ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und -es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal -würde gebrauchen können. - -Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber -nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache -früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war, -wollte ich Marie heiraten. War Bartel damit einverstanden, dann wollte -ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam -führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten -wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein -kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß -wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das -hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich -fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal -durch wackere Arbeit zu meistern. - -Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun -stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns -werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der -Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch, -wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen. - -Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz -erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich -hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte -nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben -sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem -stillen Gebirgsgraben nichts. - -Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen -dahin. Der Arzt konnte mir zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß -mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch -nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als -der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich -besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk, -wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr -gewachsen. - -Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden -konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren -Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der -Heimat zu. - -Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin. - -Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei -unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und -ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß -der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und -als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über -vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich -leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich -die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees -hernieder. - -Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises Regenrieseln, und als ich -mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr, -wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe. - -Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden -Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort -eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der -Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und -Bier und Braten und Zigarren dankte. - -Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner -Marie, zu meinem Kinde. - -Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die -Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie -Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch -wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem. -Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde -mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen -entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige -Pflichten. - -Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von -meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und -wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung -hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus -meinem Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem -Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur -Heimat zu stärken. - -Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich -nun gleich zu mir. - -Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen, -und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele -brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer -weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit -erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend -nach Hause kommen. - -„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in -seiner Neugierde gesättigt. - -„Wohin soll ich denn gehen?“ - -„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint, -weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner -geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du -dir am End um was anderes umschauen tätst.“ - -Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße -versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust -drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr -hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen -und ich hatte nicht gezittert, war nicht erbleicht. Nun aber ging ein -Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig -in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete. - -„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer -erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“ - -„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor. - -„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder, -„du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben -können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den -Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das -Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“ - -Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben -das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen -sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den -Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die -Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und, -wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen -Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der -Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur -mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter -gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft von Grund auf -umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet. - -Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen -nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht, -wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere -und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser -Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich -wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen! - -Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr. -Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war -nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube -war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache -redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und -ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in -später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube -verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht -von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die -alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die -Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die -Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der -Heinrich Binder sei. - -Was nun anfangen? In immer schmerzlicher mein Herz zerwühlenden -Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute -Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den -Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich -seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit -Marie gesessen war. - -Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen -war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben -an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und -verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten -Welt. - -Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein -Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen. - -Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck --- und alles ist nicht mehr. - -Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem -Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch -zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s -einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung? - -Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen, -was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich -damals, über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht, -wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all -meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen -Besitz nahm. - -Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im -Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle. - -Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde -ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können. - -Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn -Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben -nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter. - -Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer -Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser -Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme -so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht -gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar -Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht -doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je -mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es -für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der -Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen letzten Akt in der Tragödie -meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger -Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen -lassen. - -Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu -enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in -Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da -sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite -Verworfener liegen. - -Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab -gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im -Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe -sich die Kehle durchschnitten hatte. - -Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher. - -Noch eine Weile saß ich so, -- ließ mein Leben an mir vorüberziehen und -stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid -hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert -war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß! - -Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah -ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die -Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“ - -Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus -Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein -Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe. - -Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen: -„Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“ - -„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber -sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“ - -Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch -erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’ -euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten -bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“ - -Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches -Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst -schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine -Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst -bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das -ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“ - -„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal -geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“ - -„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und schüttelte ungläubig den -Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“ - -„Das ist nit möglich!“ - -„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst -von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner -um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix -draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich -auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel -zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr -Kind gleich einen Vater gehabt.“ - -„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend. - -„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein -bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden. -Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der -Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im -Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du -jetzt?“ - -„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür, -jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es -soweit mit mir gekommen war. - -Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles -erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war. - -Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann -sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an -und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht -einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein -großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen -verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst -du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch -noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und -Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres -gefunden hast, könntest es ja probieren!“ - -Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat -zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern -mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den -dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder -den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe, -liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte, -ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller -Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras -strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu -hören und zu fühlen: du bist daheim. - -Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf -verließ, da er noch Geschäftsgänge hatte, und mich auf den Bahnhof -bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte -hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe, -wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott -emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich -auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das -Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich -das Leben gemacht. - - - - -XIV. - - -Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden. -Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum -Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis -ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem -engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr -zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der -Weltfreude das Auge aufschlägt. - -Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat. - -Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was -irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem -Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus -und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen -trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird. - -Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele -in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen -dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an -dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst -verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an -und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu -schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst -verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an -die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert -dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse -dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein, -so lange du mich liebst.“ - -Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam -zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue -Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen -entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache -pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel -und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das -Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus, -daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist. - -Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich -wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen, -das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da -in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich -zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten -stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte. - -Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen -Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie -ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit -überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre -gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die -Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit -seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark -bleiben können und müssen. - -Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der -Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der -Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig -und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen. - -Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die -segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den -Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die -Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich -ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber -glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja -überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so. - -Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll -hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur -eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab -und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu -rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen -Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft -für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen -wollte. - -Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war -meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser -ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht -und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter -Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und -er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn -abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht -einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem -ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel. - -Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft -sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und -wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde, -sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen -Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen -zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und -hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen -Arbeiten selbst besorgen konnte. - -Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr -bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte -Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit -wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten -können. - -Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete, -die in der Mühle aus und ein gingen. - -Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man -in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter, -einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien -ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium -die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager -Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend. -Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder -allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und -strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt -aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders -werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines -Schwagers ganz einverstanden zu sein schien. - -Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln, -die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal -siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade -in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war -unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir, -wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr -brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde? -Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab -ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah -und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein -lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen -Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch -diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in -Demut aufzunehmen hat. - -Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten -einen gewaltigen Stoß erfahren. - -Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof. - -In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich -schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor -mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz -behaftet. - -Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir -ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was -an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der -Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß -Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz -bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun -näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir -die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr -doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte -und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß. - -Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt, -fühlte aber, daß mich Marie ansah. - -Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit -einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte, -und da mußte ich ihr doch danken. - -„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du -noch an meine arme Mutter denkst.“ - -„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort. - -Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte -mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war -Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir, -daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der -Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite -hörte. - -Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau, -es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s -gekommen ist.“ - -Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über -die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich -dauert’s nimmer zu lang.“ - -„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“ - -Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren -Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das ---“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine -Mutter wohl nie kennen lernen.“ - -Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für -möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’ -mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür, -daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich -kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das -nit.“ - -Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini, -laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen, -denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine -will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“ - -An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle -hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu -beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende, -wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in -der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die -Dahingegangenen einen Rosenkranz. - -Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im -Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben -war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein -Glück geben könne. - -„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich -nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler -gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“ - -Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz -einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig -zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern -würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war -ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und -Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat -möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese -Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das -wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf. - -Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens -vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem -Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an -der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und -Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren -Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort -kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu -beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender -wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke -schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser, -ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie, -i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott -nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in -einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ -- der -Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte, -wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und -sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte -- -„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber, -viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen, -hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer -und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der -kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß, -Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i -will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei -mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“ - -In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte -mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl -gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein. - -„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war -mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben -Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch -sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser -ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis -heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“ - -Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten -Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du -alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich -verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur -eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“ - -In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht -ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes -Weib, gebrochen an Leib und Seele. - -„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind -halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da -bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich -habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und -schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“ - -Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige, -was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“ - -Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem -Armensünderwinkel. - -„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für -dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s -sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat -das Leben nit weniger hergenommen.“ - -Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue -flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen -Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da -brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht, -beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch -immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich -und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich -wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat, -das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere -Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da. -Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken, -daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick -ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf -wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles -ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird -schon wissen, was er mit uns will.“ - -Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete -ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald -empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein -Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein -und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen -war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so -weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen -Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den -trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es -ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle -zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen -könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein, -noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar -genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es -wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte, -woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte. - -Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben -ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine -Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen -Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und -ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort. - -Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte -Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner -hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie -sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken -lassen. - -Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß -ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer -Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten -und Händel ab. - -So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein, -daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach -geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen, -wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur -Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus -dem Eise herauszuhauen. - -Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom -Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war -am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom -Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends -fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die -Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen -sei. - -Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze -Mühlenpersonal -- Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte -Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers -- wurden aufgeboten. -Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum -Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf -die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom -Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über -eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee -hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine -Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu -entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen. -Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden. - -Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die -einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im -Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens -nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu -heucheln brauchte. - -Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz -empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich -Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin. -Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß -mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat -zurückgeführt habe. - -An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich -wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht. -Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er -hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen. - -Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so -furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit -gedacht hatte. - -Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung -stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in -die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel -vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr -auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine -Forderungen präsentierte. - -Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit -dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries -Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich -gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie -gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male -klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich. - -Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer -Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse -gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal -hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der -Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen? - -Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt. - -Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die -noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen. - -Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine -umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine -Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter -wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte -mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte. - -Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie -eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und -meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen -laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf, -schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich -seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen, -der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn -deine Schwester Wirtschafterin ist, statt eine fremde Person. Bartel, -überleg dir’s!“ - -„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar -Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige -Mägen haben.“ - -„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie. -„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf -den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die -Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet, -bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“ - -„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf. -Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“ - -Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich, -Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in -meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur -dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers -Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich, -Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“ - -Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da -klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich -hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du -weiterkommst mit deinem Bankert.“ - -Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die -Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du, -einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als -du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft -du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau -mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal -sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und -darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein -miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen -ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“ - -Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen -dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an. - -In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es -zustande brachte, weiß ich heute noch nicht. - -Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag -zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast -gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes. - -Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf -und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor -Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der Tischkante lag das -Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut. - -Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen! - -Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste -mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war, -auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd. - -So bin ich zum Mörder geworden. - -Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat -stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was -immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe -wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ. - -Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich -mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu -bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am -Tischfuße lag. - -In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also -bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen -Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube. - -In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben -die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken -nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten -erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich -vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich -getan. - -Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten -sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der -Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten -Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen, -fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde -aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt. -Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor -allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen -anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um -ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer -ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine -militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher -darausgekommen. - -Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine -gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst -keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie -die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also, -ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor -fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet. - - - - -XV. - - -Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist -vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und -färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich -hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie -keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den -Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und -ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen -kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge -und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu -sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt -hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in -weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter -will nicht kommen. - -Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises -Piepsen laut, die Rehe und Hirsche ziehen langsam zum See und scheinen -wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn -wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend -die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen -langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den -Hochwald zurück. - -Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen, -ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht -ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh -ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s, -als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß -durchbebt. - -Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in -geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese -Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur -entfremdet hat. - -Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern -auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine -göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte -sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und -als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön -gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte unverstandene -Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten -durch die traumstille Seele huscht. - -Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens -geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf -meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen. - -Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit -anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde -stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken -aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre -Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf -meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in -einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte, -unerbittliche Notwendigkeit. - -Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam -meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte -die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“ - -Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“ - -Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele -hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer -liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die -schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark -und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s -verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen -möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist -Kraft.“ - -Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir -gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir -vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses -graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr -mußte ich mein Herz lösen und ich tat es. - -Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was -noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann -war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute. - -Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg -vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen -zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst, -so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen -Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das -Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein. - -Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen -abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines -stand fest in mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein -Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun -haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein -Leitstern sein. - -Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß, -die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für -mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher -Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war, -Aufseher über den Holzplatz werden. - -Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner -Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg. - -Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen. - -Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie -hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war -gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten. - -Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide -Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“ - -Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe, -Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner -Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab. - -Es herrschte eine Weile Stille. - -Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat -bist du frei?“ - -Ich nickte und sah sie fragend an. - -Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini, -ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“ - -Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht -mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht -nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem -Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal -allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz -oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte, -ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst -und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden -die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders, -bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“ - -Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte: -„Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist -für mich das Wichtigste.“ - -„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat -schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch -einmal aufgeweckt würde.“ - -Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns -hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu -fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher -zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht -über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht -besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei -einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und -wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir -wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für -mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in -Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“ - -Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. - -In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er -verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich: -„Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als -ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich -gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts -schuldig.“ - -Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das -glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir -nichts mehr dran, und du willst dich selbst auch schlecht machen. -Heini, das darfst du nimmer sagen!“ - -Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst, -als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist -mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso -gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt -nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir -nichts mehr.“ - -Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“ - -„Auch du nicht.“ - -Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper. - -In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher -Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe -die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht -nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch -verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so -verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend -etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im -Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein -kann.“ - -Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein -zarter Sonnenstrahl leuchtete es in denselben auf, als sie sprach: -„Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s -einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur -mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also -gib mir die Hand darauf.“ - -Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit -der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst. - -Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche -für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel. - -Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und -vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel -brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein -Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich -auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die -Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich. - -Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter -geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen -lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem -Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen -der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen Sänger. Und da -wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die -Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. -Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu -sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor -der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße -Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender -Sommertage. - -Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes -Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast -an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden -mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem -lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages. -Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen -sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all -die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit. -Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh -begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends -sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und -kann tot sein, was neues Leben schafft? - -Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und -eine starke Faust hätte ihn nun plötzlich weggerissen. Eine Segensflut -heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend -ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben. -Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. -Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt -hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze, -so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser -riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne -zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und -einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden -sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die -Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht. - -So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir -Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden. - -Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß -einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu -kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen. -Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer -für sich selbst. - -Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch -ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem -Menschen mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören. -Ich bin der Einzige auf der weiten Welt! - -Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher -aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem -zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die -Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein -dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der -Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe -zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der -Notwendigkeit zu entziehen. - -Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen! -Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück -liegt doch so nahe! - -Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der -Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und -Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum. - -Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in -meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die -jemals in mein Leben getreten sind! - -Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die -Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden. - -Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen Fäden, und wenn ich -Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über -ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf -seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind -und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen. - -Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir -gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater -nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens -an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte -Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen. - -Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens -aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde -gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da -sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen -und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone. - -Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen -wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht -aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus -großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von -dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter -und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdischen -Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen -kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme -und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der -tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und -im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der -Ewigkeit ins Land des Friedens. - -So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde -kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele -durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der -ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet. - - - - -XVI. - - -Eben war ich gestern daran, unter diese Blätter der Erinnerung das -Schlußwort zu setzen, da wurde ich unterbrochen: Heri ist zu mir -gekommen und Marie hat sie zu mir geführt. - -Ins Schreiben vertieft, sah ich nicht, wie sie beide herankamen; erst -als sie schon unter der Türe standen, machte mich der Schatten aufsehen. - -„Heinrich,“ sagte Marie, „ich habe da jemand gebracht, der mit dir -reden will! Kennst du diese Frau?“ - -Und ob ich sie erkannte! Sie sah wohl älter aus, als sie war und -jedenfalls viel älter als Marie, ihr Haar war grau und Kummer hatte mit -scharfem Meißel in ihrem Gesicht seine Spuren eingegraben, aber das -Auge, das dunkle, das hatte sein wundersames Leuchten nicht verloren, -wenn auch jetzt eine bange Frage darinnen lag. - -Ich verstand diese Frage und ruhig beantwortete ich sie damit, daß ich -Heri die Hand bot und sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau. Es freut mich, -Sie wieder einmal zu sehen.“ - -„Ich hatte gehört, daß Sie hier sind,“ sagte sie noch immer scheu und -unsicher, „und da ich im Schloß drunten eine Sommerwohnung bezogen -habe, konnte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, Sie einmal -zu sprechen. Ich habe ja noch etwas abzubitten!“ - -Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz -gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es -auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen -haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach -Ruhe.“ - -Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in -ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten. -Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen? - -„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe Ihnen nichts zu -verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das -Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten -sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals -draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich -nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird, -aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was -geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“ - -Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß -Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag -vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und -von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles -zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“ - -Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung. -Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und -ahnte. - -Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei, -die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um -die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um -den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes -Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und -sie war es auch gewesen, die dann auf die Heirat mit dem Oberleutnant -von Steindl gedrängt hatte. - -„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich -für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach -kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr -Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die -Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die -häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen, -Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle -Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über -ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht -zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann -nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo -ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es -ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein -Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er -einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“ - -„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein. - -„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß -er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem -Vater sagen zu können. - -Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen, und als er als -schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz -auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das -Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich -mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als -er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum -Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine -Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf -fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache -hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in -diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar -gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat -an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen. -Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem -Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet, -als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale -erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie -mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“ - -Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß -ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus -aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie -nicht und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst, -längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch -geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine -Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich -zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen -Menschen verantwortlich machen.“ - -Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann -nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir -aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren -konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt. - -Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es -mir: „Aber Heri!“ - -Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler -und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“ - -Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen -Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus -unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir -wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen -hat.“ - -Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir -drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne -über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und wir wollen sie genießen, -solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine -Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir -noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden -sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“ - -Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du -nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast. -In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe -geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan? -Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu -stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer, -sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von -irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist -demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse -dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke -dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum -ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen! - - * * * * * - -Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame -Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat. -Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die -seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte. - -Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den -Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt. - -Zwei Tage nach ihrer Begegnung mit dem Jugendgeliebten stieg sie wieder -mit Marie und ihren beiden Enkeln zur einsamen Köhlerhütte empor. - -Es war der letzte Augusttag, glutzitternd, wie die vorausgegangenen. - -Während die Frauen mit dem Freunde im Schatten der Hütte saßen und von -vergangenen Tagen sprachen, trieben sich die Kinder im Hochwald umher. - -In ihr Geplauder vertieft, hatten es die drei Menschen nicht acht, daß -über dem Gamsstein ein tellergroßes Wölklein aufgezogen war, das rasch -anwuchs, die Sonne erst in dunstige Schleier hüllte und dann immer -dunkler sich färbend, sich mehr und mehr über die Berggipfel senkte. -Erst als der erste bange Windstoß durch den Wald fuhr, da schreckten -die ganz in ihre Erinnerungen vertieften Menschen auf. - -Ein Blick zeigte dem des Wetters kundigen Manne, daß in der nächsten -Viertelstunde schon das Gewitter losbrechen mußte. - -Da eilten alle drei, nach den Kindern rufend, in den Wald. Endlich ward -ihren angstvollen Rufen Antwort. In dem Wildgraben, der vom See zum -Gamsstein emporzieht, waren die beiden über Felsblöcke und Trümmerwerk -emporgeklettert und nun schwenkten sie hoch herab ihre weißen Strohhüte -und jubelten ihr stolzes: „Hurra!“ - -Da erhob Frau von Steindl ihre Stimme: „Kommt augenblicklich herab, -in der nächsten Minute ist das Gewitter da!“ Und als wollte die Natur -selbst ihre Warnung bestätigen, brach aus dem dunklen Wolkentuch ein -fahler Blitz und langhin durch die Felsen rollte der erste Donner. - -Nun begannen die Knaben abwärts zu klettern. Aber das ging noch -langsamer als das Aufwärtssteigen, und als sie etwa ein Viertel ihres -Weges zurückgelegt hatten, da flammte plötzlich ringsum blendender -Schein, als schlage der ganze Wald in einer einzigen Lohe empor, der -Boden bebte unter betäubendem Krachen und im nächsten Augenblick -barsten die Wolken und mit dem mächtigen Rauschen eines Stromes -schütteten sie ihr Wasser auf die ausgedorrte Erde. - -Und nun war ein Brausen und Rollen und Schmettern und Flammen und -Lodern ringsum, als sei der Tag der allgemeinen Vernichtung gekommen. - -In den dichten Regenschleiern verschwanden die Knaben für einen -Augenblick und die beiden Frauen schrien auf. Aber da erschienen sie -auch schon wieder. Die Angst gab ihnen Kraft und Gewandtheit, daß sie -schier wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen. - -Heinrich Binder aber war bis an den Rand des Wildbachbettes -vorgesprungen und warf einen Blick in dieses hinab. Richtig, was er -befürchtet, war eingetroffen, schon wälzte sich ein brauner Bach durch -das Bett, das mit jedem Augenblick stieg und immer mehr und mehr -Schlammassen herabwälzte. Keine fünf Minuten mehr und er war so stark, -daß er die Knaben mit sich reißen mußte, hinunter in die grausige Tiefe -des Sees. - -Auch die Knaben hatten die Gefahr erkannt und begannen zu schreien. - -„Habt keine Angst,“ rief ihnen der Kohlenbrenner zu, „springt da herab! -Schaut, daß ihr auf den Stein dort kommt!“ - -Damit wies er auf einen Felsblock in der Mitte des Wildbettes, um den -die braunen Schlammwasser zischten und schäumten. - -Glücklich erreichte ihn der größere der Knaben und da sprang auch schon -der Kohlenbrenner in die unheimlich rasch steigende Flut, watete die -paar Schritte hinüber, faßte ihn und trug ihn ans rettende Ufer. - -Der Kleinere aber, der nicht so rasch hatte folgen können, hatte sich -ein kleines Stück weiter oben an einen Felsen angeklammert und schrie -in seiner Todesangst wie ein Wahnsinniger. - -Aber schon stand Heinrich Binder wieder im Wasser und obwohl er den -Grund unter sich fortrieseln fühlte und Steine dahergesaust kamen, er -arbeitete sich keuchend bis zu dem Knaben empor, der sich ihm an den -Hals warf und diesen umklammerte, daß der Retter kaum atmen konnte. - -Aber nun zurück. Binder hielt sich an der felsigen Uferseite, denn in -der Mitte des Bettes war kein fester Grund mehr zu fassen. In jede -Ritze der Felsen krallte er seine Finger, jede Zacke umklammerte er, -mit dem Fuß zugleich immer nach dem nächsten sicheren Tritt tastend. -Schon war er in nächster Nähe der Stelle, wo die zurückweichenden -Felsen einen Sprung ans Ufer gestatteten, da schoß ein mächtiger -Wasserschwall daher, er verlor den Grund, taumelte und wäre unfehlbar -samt dem Knaben in die Tiefe gerissen worden, wenn nicht Frau von -Steindl, ohne sich zu besinnen und das eigene Leben in die Schanze -schlagend, in die quirlende Flut gesprungen wäre und mit der Kraft, die -die Verzweiflung gibt, nach dem Köhler gefaßt hätte, während sie mit -der Linken zugleich einen Fichtenschößling umkrallte, der am Ufer stand. - -Und wirklich gelang es, daß sich der Köhler mit ihrer Hilfe wieder -auf die Beine brachte. Während seine Hand ebenfalls nach dem -Fichtenschößling griff, keuchte er ihr zu: „Schau, daß du hinauskommst -und nimm das Kind, ich komm schon nach!“ - -Aber fast im selben Augenblick schoß, von den Fluten dahergesprengt, -ein kopfgroßer Stein gegen seine Brust und mit ächzendem Aufschrei -wollte Binder eben den Fichtenschößling loslassen, als auch Marie -herbeisprang, den neuerdings Taumelnden erfaßte und mit Aufwendung -aller Kraft ans Ufer zog. - -Heinrich Binder war gerettet und ebenso die beiden Knaben. Während aber -die Kinder mit dem bloßen Schrecken und vollständiger Durchnässung -davongekommen waren, sah es mit jenem schlecht aus. - -Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und aus seinem Munde -sickerte Blut. Heinrich Binder war ohnmächtig und er kam auch nicht zum -Bewußtsein, während ihn die beiden Frauen durch den Wettersturm in die -Hütte schleppten. - -„Da muß ein Doktor her!“ keuchte Marie. „Bleib du bei ihm, ich laufe in -die Mühle hinab.“ - -Und durch den Regenguß und das Brüllen und Flammen um sie, eilte sie in -die Mühle, und während ihr Sohn mit seinem leichten Wägelchen nach dem -Doktor jagte, stieg sie mit stürmendem Herzen wieder empor zum Seeforst. - -Heriberta von Steindl hatte einstweilen die beiden Knaben des -triefenden Gewandes entkleidet und in Decken gewickelt auf der weichen -trockenen Streu des Nebenraumes gebettet. Dabei ließ sie aber den -Bewußtlosen nicht außer acht, aus dessen blutleeren, halbgeöffneten -Lippen fortwährend ein Röcheln kam, das mitunter zu einem leisen -Stöhnen anschwoll. - -Frau Heriberta war ratlos. Sie hatte dem leblosen Manne die Kleider -über der Brust geöffnet, aber es zeigte sich keinerlei äußere -Verwundung und sie wußte nicht, was sie tun sollte. - -So saß sie an dem Bettrande und starrte in einemfort in das bleiche -Gesicht und ihre ganze selige Jugend zog an ihrem Auge vorüber. Wie -sehr hatte sie dieser Mann da geliebt, wie schweres Leid hatte sie -ihm zugefügt, und nun hatte er noch in aufopfernder Liebe das Letzte -gerettet, was ihrem verlorenen Leben geblieben war: ihre Enkel. - -Und da konnte Frau Heriberta nicht anders, sie mußte sich niederbeugen -und die schlaff auf der Bettdecke liegende Hand küssen, die das -Rettungswerk vollbracht hatte. - -Und als hätte er die zarte Berührung der bebenden Lippen und die heiße -Träne, die auf die Hand fiel, gespürt, schlug der Kranke die Augen auf -und sah starr in die angstvoll fragenden Augen Frau Heribertas. Er -mußte sich erst besinnen, was geschehen war. - -„Wie geht’s dir, Heini?“ fragte Frau Heriberta und strich ihm eine -feuchte Haarsträhne aus der Stirne. - -Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“ - -„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich -sein. Heini, die Sonne muß kommen!“ - -Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn. - -Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furchtbar das Gewitter -dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht. - -Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder -blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in -blendendes Gold. - -Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das -kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben -streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln -glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er -so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner -Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes -Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz -der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster -Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs -Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem -Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen. - -Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten, -begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen -hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln -an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen -Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete -ihren sterngestickten Königsmantel über den Einzigen auf der weiten -Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die -Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt. - -In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige -ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe! - -[Illustration] - - - - -Im Romanverlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig - -ist von =Karl Bienenstein= erschienen: - - -Die Worte der Erlösung - -Ein Roman der Sehnsucht - -In geschmackvollem Geschenkeinband - -Dieses neueste Werk des bekannten österreichischen Dichters ist -ein Künstlerroman, der durch Liebe und Haß den Lebensweg zweier -entgegengesetzten Charaktere zu erschütternder Katastrophe und zu -befreiender Höhe führt; eine Dichtung von reichstem Lebensgehalt, ein -packendes Werk hochstrebender, tiefinnerlicher, überwindender Kunst. - - -Im Verlag von Ad. Bonz & Comp. in Stuttgart: - -Deutsches Sehnen und Kämpfen - -Ein Wachauroman - -#Urteile der Presse#: - -=Staatsanzeiger für Württemberg=: Aus dem Buche spricht soviel -Gesundheit, Warmherzigkeit und Natürlichkeit des Empfindens, daß man es -mit höchstem Genuß liest. - -=Saale-Zeitung=: Der großen Erzählerkunst Bienensteins haben wir -ein Buch zu danken, das hauptsächlich durch die Sicherheit der -Linienführung imponiert. - -=Deutsche Arbeit=: Ein schönes, ergreifendes Buch, das im ganzen -Rhythmus seines Stils und der innig gedanklich vertieften Darstellung -die belebende Kraft des Dichters zeigt. - -=Münchener Neueste Nachrichten=: Mit dankbarer Freude legt man -dieses Buch aus der Hand, dessen Titel ein Kampfprogramm und damit -einen Tendenzroman vermuten läßt. Aber alles, nur nicht dies, kann -Bienensteins vortrefflicher Roman genannt werden, denn die Tendenz -ist so eingewirkt in den Efeu deutscher Poesie und echten Empfindens, -daß sie nie störend erscheint, sondern als wertvolles, überzeugendes -Dokument durch die Entwicklung der Geschehnisse sich herausschält. - -=Österreichische Landzeitung=: Welch außerordentlich feine Beobachtung -der Wirklichkeit, und welch reinste Poesie des reifen, sprachlich und -künstlerisch geschulten Genius! Schon die Einleitung ist ein Hymnus von -klassischer Schönheit! (Prof. P. Wichner.) - -=Die Südmark=: Fürwahr ein seltsames Buch voll glühender Farbenpracht -und künstlerischen Geistes! - -=Deutsche Wacht=: Das Buch ist eine völkische Tat! - -=Berliner Lokal-Anzeiger=: Die politische Intrige des Romans ist mit -meisterhafter Sicherheit durchgeführt; ihre Darstellung zeichnet sich -durch künstlerische Ruhe und Sachlichkeit aus. - -=Kunstwart=: Bienenstein hat die seltene Gabe, alles ohne romanhafte -Absicht und Ziererei zu sagen. Diese Ruhe des Erzählers ist in -Deutschland überhaupt kaum mehr zu finden. - - - - -Adolf Bonz & Comp., Stuttgart - - -Fritz Stüber-Gunther - -Der Schönheitspreis - -Roman - -Geheftet M. 5.25, gebunden M. 9.-- - -Fritz Stüber Gunther, der Wiener Schriftsteller, veröffentlicht mit -diesem Roman sein schönstes und zugleich reichstes Werk. Es ist einer -der besten und prächtigsten Wiener Romane, die in der letzten Zeit auf -den Büchermarkt gekommen sind. Meisterhaft sind die einzelnen Typen -herausgearbeitet, die Sprache ist von edlem Wohllaut, manche Szenen -sind geradezu von einer mitreißenden Kraft und Schönheit. Da der Verlag -dem Werke eine schöne Ausstattung zuteil werden ließ, eignet es sich -ganz besonders für den Weihnachtstisch. - - Mödlinger Zeitung. - - -_C. i._ - -Roman - -Geheftet M. 4.80, gebunden M. 7.50 - -Peter Rosegger schrieb an den Verfasser: - -In der Sommerfrische habe ich nun Ihren Roman „_C. i._“ gelesen. Ich -danke Ihnen und freue mich von Herzen des großen Talents, das Ihnen -eine schöne Zukunft bringen wird. - -Ich bin müde und habe das Bücherbesprechen aufgegeben. Doch über Ihren -Roman, in dem sich Realismus und Idealismus (um mich abgebrauchter aber -bezeichnender Ausdrücke zu bedienen) in klassischer Weise vereint, will -ich gelegentlich doch ein paar Worte sagen. Ich fühle mich gehoben und -sehr erfreut von Ihrem Buch. - - Mit herzlichem Gruß - - =Peter Rosegger.= - - - - -Adolf Bonz & Comp., Stuttgart - - -Schwiegersöhne - -Roman - -Geheftet M. 6.--, gebunden M. 9.-- - -Eine wirkliche Daseinsfreude offenbart sich hier, die herzlichste -innere Teilnahme an den Geschöpfen der eigenen Phantasie, die sich -erwärmend auch dem Leser mitteilt, Gesundheit und Frische, die auf dem -Urgrunde volksmäßigen bodenbeständigen Empfindens gedeihen. Das nun so -viel bespöttelte Wort „Heimatkunst“ charakterisiert doch am besten das -Werk, das eine Fülle von Typen aus dem Wiener Leben in Ernst und Humor -zu einem prächtigen Lebensausschnitte vereint. Wenn ein früheres Buch -dieses Erzählers bei Peter Rosegger jubelnde Freude erweckte, so wird -auch dieser Roman bei jedem ähnliche Empfindungen auslösen. - - Rhein. Kurier. - - -Gottsmann der Egoist - -Roman - -Geheftet M. 5.25, gebunden M. 10.50 - -In vielen Beziehungen geistesverwandt mit dem Altmeister Eduard Pötzl, -ist er es auch in dem einen Punkte, die Liebe zum Österreichertum, -zum Deutschtum in Österreich besonders, letzten Endes aber die -Liebe zu Wien, zu jenem alten Wien, das nicht mehr ist, zum Wien -Guschelbauers und des guten alten Wiener Liedes. Was Stüber-Gunther da -über das österreichische Staatsbeamtentum sagt, wie er den Offizier -sieht, die Gedanken, die er über die Lebensauffassung der in Wien -ansäßigen Tschechen im Gegensatz zu den Deutschen andeutet, geben -einem aufmerksamen Leser sehr zu denken. Die Gestalten des Romans -sind glänzend und wahr gezeichnet. Es gibt Episoden darin, die zu den -schönsten gehören, was man zu lesen bekommt. Der Gesamteindruck: Ein -selten schönes Buch, das zu jenen Büchern gehört, die man sich aufhebt, -und das sind alljährlich wohl sehr wenige. - - A. Wohlfahrt in Fricks Rundschau. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Einzige auf der weiten Welt, by -Karl Bienenstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT *** - -***** This file should be named 63630-0.txt or 63630-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/6/3/63630/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/63630-0.zip b/old/63630-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 87f72b5..0000000 --- a/old/63630-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63630-h.zip b/old/63630-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index dbfe887..0000000 --- a/old/63630-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63630-h/63630-h.htm b/old/63630-h/63630-h.htm deleted file mode 100644 index 03eca97..0000000 --- a/old/63630-h/63630-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8544 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Der Einzige auf der weiten Welt, by Karl Bienenstein—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Einzige auf der weiten Welt - Ein Menschenleben - -Author: Karl Bienenstein - -Release Date: November 4, 2020 [EBook #63630] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a> -wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter erstellt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="figcenter illowe39_66" id="cover"> - <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Original-Bucheinband</div> -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s4 center break-before">Karl Bienenstein</p> - -<p class="s3 center">Der Einzige auf der weiten Welt</p> - -<div class="figcenter illowe4" id="stdeko"> - <img class="w100 mbot3" src="images/st_deko.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<h1>Der Einzige auf<br /> -der weiten Welt</h1> - -<p class="s2 center">Ein Menschenleben</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s2 center"><b>Karl Bienenstein</b></p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="center mbot3">Dritte bis fünfte Auflage</p> - -<div class="figcenter illowe4_5" id="signet"> - <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="s4 center"><span class="bb">Verlag von Adolf Bonz & Comp. -in Stuttgart</span></p> - -<p class="s4 center">1922</p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.</p> - -<p class="s3 center break-before padtop5">Emil Sulzbach,</p> - -<p class="center mleft1">dem feinsinnigen Komponisten, dem<br /> -tiefen Menschen und edlen Freunde</p> - -<p class="center mleft15">zugeeignet.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td> - <div class="center">Kapitel</div> - </td> - <td> - <div class="right">I.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#I">7</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">II.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#II">23</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">III.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#III">36</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">IV.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#IV">54</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">V.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#V">71</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">VI.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#VI">86</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">VII.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#VII">109</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">VIII.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#VIII">126</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">IX.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#IX">157</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">X.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#X">171</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XI.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XI">192</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XII.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XII">205</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XIII.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XIII">233</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XIV.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XIV">250</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XV.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XV">272</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">XVI.</div> - </td> - <td> - <div class="right mleft4"><a href="#XVI">285</a></div> - </td> - </tr> -</table> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2> - -</div> - -<p>Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe -hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends -ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines -Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder -als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der -weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach -einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so -großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort -ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen -mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den -verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über -dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung -hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der -weiten Welt!</p> - -<p>Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und -selig, denn was sie<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose -und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da -draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und -Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, -sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn -sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und -es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort -drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über -die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich -nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, -daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien -Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin -liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, -was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, -die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber -dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum -weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!</p> - -<p>O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, -an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. -Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, -bin ich gegangen und ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> geweint wie ihr, ich habe getobt, ich -habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem -Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten -und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder -doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer -und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der -geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.</p> - -<p>Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im -roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die -Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne -Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes -Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter -vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint -ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch -alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen -ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="mtop2">Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine -Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube -trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, -verschwommenen Eindruck, etwa<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> so, wie von einem Bild, das in einer -dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer -einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem -Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, -Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den -das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da -waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da -war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche -mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der -ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen -Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende -Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und -dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen -Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und -fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die -sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag -wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende -Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende -Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war -es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt ge<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span>worden und lebte -doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die -Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen -war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben -seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, -daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.</p> - -<p>Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag -mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war -sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen; -im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren -geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es -verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.</p> - -<p>Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein -Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand -in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und -rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze -flehend: „Franzl, mach die Augen auf! – Ich bitt dich, Franzl, mach -die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! – hörst nit! – -Franzl!“</p> - -<p>Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span> wie ich in meinem -ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit -den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von -der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit -gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine -so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach -nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg -hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser -hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes -auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht -stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam -ich in der Mühle an.</p> - -<p>Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube -ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der -Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag -verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und -als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine -vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen: -„Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“</p> - -<p>Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen, -ich schluchzte nur, aber ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein -Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie -ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die -Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte -geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und -im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.</p> - -<p>Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah! -Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die -Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür -sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in -ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins -– zwei; eins – zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das -Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da -und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles -kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte -und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von -den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester -und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein -glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch -eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flü<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span>stern, dann ein Raunen -wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein -Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein -Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei -meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir -war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger -Angst.</p> - -<p>Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die -ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu -viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das -nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals -als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen -wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten -mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du -jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe -quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit -unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.</p> - -<p>Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind -für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück -schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben -der Mühle, in die mich Marie führte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p> - -<p>Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm -um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und -schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden -Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit. -Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul -gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben -Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt -nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“</p> - -<p>Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater -haben s’ erschossen.“</p> - -<p>Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben -erwacht.</p> - -<p>Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich -wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und -stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal -nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für -ihn beten, Heinerle!“</p> - -<p>Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben -sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen. -Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes, -erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und -so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> -Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es -kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der -Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die -Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des -Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn -hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.</p> - -<p>Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß -auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter -standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das -Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat, -er wird’s auch wieder recht machen.“</p> - -<p>Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an -sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein -und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“</p> - -<p>Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem -Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu -schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.</p> - -<p>Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es -und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie, -„wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> machen; weißt, er schaut -jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“</p> - -<p>Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen -Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn, -rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und -Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon -ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf -die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden -geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu, -während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das -wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu -und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im -Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden -könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.</p> - -<p>Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich -sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein -violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich -der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der -Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde -Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> und -nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf. -Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen -Vater das Totenglöcklein.</p> - -<p>Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten -Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze -Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige -Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden, -Amen.“</p> - -<p>Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von -tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst -schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so, -daß ich aufs neue zu weinen anhub.</p> - -<p>Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der -Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich -immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den -Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den -Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.</p> - -<p>„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater -erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom -Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span></p> - -<p>So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es -nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich -auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf -mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und -hielt uns auseinander.</p> - -<p>Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst, -Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von -dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich, -das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“</p> - -<p>Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch -wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber -empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete -über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die -unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.</p> - -<p>Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte, -denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah, -sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das -kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst -jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit -Ruhe lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p> - -<p>Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder -allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.</p> - -<p>Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah -ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich -von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue -die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach -Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten -Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der -üblichen Totenwacht eingefunden hatten.</p> - -<p>Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im -Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie -das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und -gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und -sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes, -Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges, -das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und -dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten, -die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten, -nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie -die der Kirche, wo der liebe Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> in dem goldenen Tabernakel wohnt. -Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern -so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die -Knie beugten.</p> - -<p>In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten -Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen -in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten -Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.</p> - -<p>Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des -Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von -unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten -Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien, -kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der -Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein -Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.</p> - -<p>Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine -Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese -aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch -nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter -plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber -sanft abwehrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span></p> - -<p>Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der -Heinerle, gelt?“</p> - -<p>„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen -kämpfend.</p> - -<p>„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß -du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns -kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die -Hand!“</p> - -<p>„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“</p> - -<p>Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen -Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand -flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle -waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter -Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt -wurde.</p> - -<p>„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist -ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu, -„aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen. -Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns -haben!“</p> - -<p>Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie -neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> -Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich -Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2> - -</div> - -<p>Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und -doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre -Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die -Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit -ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein -sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu -können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den -ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr -selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß -sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu -ihnen führt.</p> - -<p>Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan. -Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der -Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es -mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.</p> - -<p>Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> in Nähe und Ferne. In -schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre -Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren -Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste -Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein, -weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und -majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen -wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in -den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht -und schön, göttlich schön.</p> - -<p>Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen -wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend -um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den -Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die -Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort -zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche -und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf -mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine -Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der -der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span></p> - -<p>Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen -Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im -Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur -Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie -totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser -Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich -heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei -Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich -erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.</p> - -<p>Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem -alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles -fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht -dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie -sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.</p> - -<p>Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner -Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des -Vaters zu räumen hätte.</p> - -<p>Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich -wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur -Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich, -hören Sie mich doch zu Ende.<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Es ist ja ganz selbstverständlich, daß -Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die -Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die -seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt. -Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins -Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen -Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche -brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles -erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s -angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“</p> - -<p>Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie -war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension -abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine -Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem -Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie -uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.</p> - -<p>„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber -ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr -Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon -bei der Leiche so gut zu mir!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span></p> - -<p>„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß -meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri, -die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich -zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab -ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau -Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“</p> - -<p>Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine -Mutter gespannt aufhorchen.</p> - -<p>„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr -Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn -getroffen.“</p> - -<p>Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den -Oberforstverwalter an.</p> - -<p>Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den -Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden -haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich -ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer -gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und -ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus -gekommen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p> - -<p>Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.</p> - -<p>„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er -bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach -Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu -finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut -kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er -sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde -gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer -Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den -Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam -und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare -Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar -diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“</p> - -<p>Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer -wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht -begreifen. Von dieser Stunde – sie hat mir’s oft gesagt – ist in ihr -etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise -Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.</p> - -<p>Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der -Oberforstverwalter draußen war,<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> auf mich zustürzte, mich umschlang und -mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die -geringste Schuld! O Gott!“</p> - -<p>Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.</p> - -<p>Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur -Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren -so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald -wohl fühlten.</p> - -<p>Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus; -doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden -beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen -Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten -Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.</p> - -<p>Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt -nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl -wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends -fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu -gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit -dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem -Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere -Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in -die Brust zurückdämmen. Nur<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> die Hand reichten wir uns und so schritten -wir dahin in stiller Seligkeit.</p> - -<p>Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so -lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre -Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich -kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich -ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen, -ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war -wie in einem Bann.</p> - -<p>Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus; -wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen -und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte -nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen -Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten -treuen Hand fühlte!</p> - -<p>Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon -so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte: -„Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“</p> - -<p>„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul -heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen -und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> muß der Heri folgen, -weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan. -Aber“ – jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein -– „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh -garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit -ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als -ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“</p> - -<p>Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf -und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte -mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel -lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich -jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“</p> - -<p>Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein -Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar -hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs -deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen -in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der -Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser -Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der -herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns -unter fröhlichem Lachen<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> darin zu überbieten, die dem Geschmack der -Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden.</p> - -<p>Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und -im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des -Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die -Zügel in den Händen.</p> - -<p>Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber -sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt -auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß.</p> - -<p>„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“</p> - -<p>„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer -weiß, will er?“</p> - -<p>Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und -rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie -mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz -aufschwoll und mit gesenktem Haupt – sie anzublicken wagte ich nicht, -denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen – sagte ich: „Ich geh -mit dem Marieli!“</p> - -<p>Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die -Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme -und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p> - -<p>„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in -dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein -Machtwort sprechen.</p> - -<p>Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle -doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule -und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche -lassen will.“</p> - -<p>„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke -heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren -schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes -Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein -Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein -Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht -fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich -zum Wagen führen.</p> - -<p>Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der -dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender. -Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob – -ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei, -meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein -unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> jubelndes Glück drinnen, -daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.</p> - -<p>Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein -Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann -allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme -um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem -gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in -der Stimme: „Heini!“</p> - -<p>Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da -umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf -den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz: -„Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“</p> - -<p>Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte -etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den -abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und -wundersam verschönend.</p> - -<p>Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst -ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit -den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und -die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in -schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich -in krampfhaftes Schluchzen aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span></p> - -<p>„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein -Bett.</p> - -<p>Aber ich konnte nicht antworten, ich wußte ja eigentlich selbst -nicht, warum ich weinte. Mitleid mit Marieli war wohl dabei, aber die -Hauptsache war doch etwas ganz anderes, etwas, für das mir der Name -fehlte und das mich gerade deswegen, weil es so dunkel und unfaßbar in -meinem Leben stand, ängstigte.</p> - -<p>Die Mutter aber stand neben mir und streichelte in einemfort mein Haar -und fragte und fragte, und ich zerquälte mir den heißen Kopf nach einer -Antwort.</p> - -<p>„Hast du vielleicht an den Vater gedacht?“ kam es ihr dann auf einmal -in den Sinn.</p> - -<p>Das war ein Ausweg für mich und ich nickte. Da zog mich die Mutter fest -an sich, ich spürte ihren zuckenden Mund auf meinem Scheitel und dann -fielen auf meine Stirne schwere, heiße Tropfen nieder.</p> - -<p>Lange saß die Mutter auf meinem Bette und hielt mich weinend im Arme. -Der Uhrenschlag ging durchs Zimmer, einsam und schwer, durch das offene -Fenster glänzten die Sterne aus dem dunkelsamtblauen Himmel herein -und die Nacht raunte draußen im Garten und in den Wäldern hinter dem -Schloß einmal lauter, dann wieder leiser, und leise, ganz leise klang -dazwischen das Klappern der Mühle und das Plaudern des Baches.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2> - -</div> - -<p>Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene -mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien -mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es -allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene -Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und -dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden -Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum -Leben, Lieben und Leiden erwacht.</p> - -<p>Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die -Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So -bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die -leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.</p> - -<p>Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein -Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft -die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die -Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag -lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> -ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten -aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond -leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie -geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen -und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne -brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als -gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in -der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine -Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und -da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel. -Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme -bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.</p> - -<p>Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie -auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt -und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem -alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.</p> - -<p>Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen -und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos -mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch -Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> da ist, diese Wege geht, -mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze -Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.</p> - -<p>Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich -mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn -ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren, -die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr -stilles reines Kinderherz entgegentrug, – ich mußte wieder zu Heri -zurück.</p> - -<p>Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli -von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und -an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über -das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten -sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten -Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in -Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene -Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles -lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!</p> - -<p>„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit -einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing -ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> ich mit -dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet -hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in -der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere -Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des -Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien -meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer -sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.</p> - -<p>„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du -auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich -studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu -verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich -macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch -zeitlebens“ – sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne, -friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte – „ein zufriedener, -glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig -dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist, -genug sein.“</p> - -<p>Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der -Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster -zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der -Höhe, auf der z. B. Heris<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr -im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt, -deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der -ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis -zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen -Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben -verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie -schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen, -einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern -und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben -dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der -Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde -pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme -Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die -nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich -nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte -teilnehmen lassen sollen.</p> - -<p>Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan -auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag -stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben, -wie es mein Vater geführt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> hatte seinen Reiz und sein Glück, -aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.</p> - -<p>Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht -studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns -öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre -Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle -lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im -voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein, -das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen, -studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.</p> - -<p>Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und -allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war -niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht, -wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte -Bitte wollte ich nicht tun.</p> - -<p>Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne -Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden -Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch, -der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache -und Wirkung tritt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p> - -<p>Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite -Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen, -in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie -endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“</p> - -<p>Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte: -„Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre -nicht mehr beisammen sein sollen?“</p> - -<p>Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen -Augenblick stillstehen.</p> - -<p>„Du – du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.</p> - -<p>„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren -Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“</p> - -<p>„Und du freust dich darauf?“</p> - -<p>„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das -andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten -da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den -Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren -gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir, -lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“</p> - -<p>Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr -nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als -sie<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den -Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und -ich gehe auch mit in die Stadt!“</p> - -<p>Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz -mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du -denn dort?“</p> - -<p>„Studieren!“</p> - -<p>„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel -zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“</p> - -<p>Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht, -aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät, -wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch -Geld genug!“</p> - -<p>Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich -mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will -den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort -einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und -wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“</p> - -<p>Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für -sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte: -„Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> haben -mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und -da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag -beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus -auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber -ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich, -wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht -nachlassen. Ich setz’ es durch!“</p> - -<p>Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters -erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung -in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach -der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere -Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.</p> - -<p>Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle -hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.</p> - -<p>Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen -hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen -Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur -Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt -wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter, -sondern auch mir die Hand. Letz<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span>teres hatte sie noch nie getan und -ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als -Erwachsener.</p> - -<p>Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes -tun, nämlich Tee kochen.</p> - -<p>„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie, -„such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“</p> - -<p>So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg -gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den -Garten hinaus.</p> - -<p>Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von -den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme. -An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot -der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben -die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden, -und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel -wehen.</p> - -<p>Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor -mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich -auf die Laube zu.</p> - -<p>Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den -Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar -nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf -darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.</p> - -<p>Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden -oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich -eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich -daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht -verantworten konnte.</p> - -<p>So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie -hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und -er klang zu leise und heiser.</p> - -<p>Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du, -Marieli!“</p> - -<p>Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und -Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.</p> - -<p>Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte -es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“</p> - -<p>Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen -könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise: -„Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“</p> - -<p>Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der -ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so -dasaß mit<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte -ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir -sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich -auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch -ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte -ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine -überströmte.</p> - -<p>So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.</p> - -<p>„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.</p> - -<p>„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“</p> - -<p>„Du und deine Mutter?“</p> - -<p>„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da -nehmen sie mich auch gleich mit.“</p> - -<p>Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand -wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen -immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein -Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was -in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein -liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal -keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da -nahm ich sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren -Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’ -dich, nicht weinen!“</p> - -<p>Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die -im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über -mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.</p> - -<p>Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller -Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr -stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl -augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt. -Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es -mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus -meinem Leben zu schaffen sei.</p> - -<p>Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges -Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein -ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.</p> - -<p>„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.</p> - -<p>„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ – -ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu – „wenn’s -mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann -werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p> - -<p>In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes -Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu -lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch -oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.</p> - -<p>Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein -bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf -ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.</p> - -<p>Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei, -und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für -Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“</p> - -<p>Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“</p> - -<p>Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er: -„Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller -wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“</p> - -<p>Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.</p> - -<p>Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das -liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.</p> - -<p>„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die -Augen senkte.</p> - -<p>Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und -dann sah sie mich an, so eigen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> fremd und doch so vertraut, wie -mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder -und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir -ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch -eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle -Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein -Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht -kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.</p> - -<p>Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine -Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich -voneinander verabschiedeten.</p> - -<p>Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren -auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke -Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie -habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.</p> - -<p>Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen -Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.</p> - -<p>Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang, -der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen -Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Morgenstunden die Rehe -und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken, -als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten -unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen -zwischen zwei Reisen.</p> - -<p>Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete -Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe -wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte -in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen -hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer -heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.</p> - -<p>Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen -wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus -Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.</p> - -<p>„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch -einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“</p> - -<p>Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das -Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch -mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges -Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all -der bange Ab<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span>schiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt -hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.</p> - -<p>Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini, -sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz -geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch -eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das -sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher -nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst -es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst. -Gelt, du versprichst es uns?“</p> - -<p>Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.</p> - -<p>Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“</p> - -<p>Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“</p> - -<p>Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s -versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er -herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“</p> - -<p>Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja, -Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“</p> - -<p>„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen -Vaterunser.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span></p> - -<p>Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann -schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam.</p> - -<p>In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel -mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß -von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die -Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte -sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie: -„Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn -nit unglücklich werden!“</p> - -<p>Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte -hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die -weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters -trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort -das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich -leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter.</p> - -<p>Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete -jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren, -Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den -Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie -ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum -störte diesen Schlaf.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2> - -</div> - -<p>Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen -Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben, -das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll -heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu -rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein -Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr -geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.</p> - -<p>Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze -von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße -einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu -tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig -gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit -den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu -tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die -wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das -mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal -niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu -erzählen, daß der Frühling gekommen sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span></p> - -<p>Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und -Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so -klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche -Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die -Tauwasser gehen.</p> - -<p>Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst -habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar -zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald -gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand -ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große, -schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges, -der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der -weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des -Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie -duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch -der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf -leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt -die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.</p> - -<p>Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem -weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen, -liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier,<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> in dem -heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.</p> - -<p>Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem -alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich -habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen -errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und -doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch -meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern -schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die -Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange -dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.</p> - -<p>Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.</p> - -<p>Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr -anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen -Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon -von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken, -hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben. -Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere -der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte, -strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog.<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> -Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein -leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und -wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört -und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen -der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz -erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten -in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal -einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er -es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen -lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft -mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den -Altersgenossen sei.</p> - -<p>Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis -vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt -genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und -Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam -und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte -Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die -großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der -Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll -aus dem Halbschatten der Kreuz<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>gänge, daß ich mir oft wie in einer -fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die -den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten -Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es, -als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen -und raunten leise ihre Gebete.</p> - -<p>Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah -mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten -Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da -auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und -darunter „Gedichte“ stehen würde.</p> - -<p>An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines -höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern -ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich -verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das -Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß -wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie -eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst -recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden -begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter -entschlug.</p> - -<p>Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> herum, die den Lauf -des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte -mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich -durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten -Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende -Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den -kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser -mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen, -als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines -gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief -und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als -bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der -Au entlang zur Stadt führte.</p> - -<p>Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen -Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des -Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen -schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen -Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in -kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle -Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so -weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.</p> - -<p>Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> meiner Kameraden, auch -Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter -zusammen kam.</p> - -<p>So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich -fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am -liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun -alle ihre Schönheit willig zeigten.</p> - -<p>Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die -Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe -Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel, -den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel -und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen, -ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte -weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich -empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den -weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.</p> - -<p>Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen -emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von -Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war -ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner -körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> es in -blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke -zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der -Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand -doch ein unendliches Lustgefühl.</p> - -<p>So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer -breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.</p> - -<p>Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte -mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können. -Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der -Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät. -Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich -nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher, -und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war, -zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.</p> - -<p>Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden -zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler -türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und -Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder -einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.</p> - -<p>Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand -keinen Weg, keinen Tritt mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> vorwärts und auch zurück konnte ich -nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick -zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende -Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine -Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.</p> - -<p>So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell -schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am -Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung -kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir -sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um -meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so -aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde -das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen -Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich -sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der -Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst -nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich -nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft -besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.</p> - -<p>Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich -kaltblütige Entschlossenheit.<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Ich faßte die Felsspitze scharf ins -Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die -Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und -nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich -fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung -und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt -überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich -immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.</p> - -<p>In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren -Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit -glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten -Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf -mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das -Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug -seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees, -und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land -mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen, -dem Strom.</p> - -<p>Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine -Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und -dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> auf den Schwingen -jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in -überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in -die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Der Himmel so blau und die Welt so weit!</div> - <div class="verse indent0">So weit und so schön mein Heimatland!</div> - <div class="verse indent0">Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,</div> - <div class="verse indent0">Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,</div> - <div class="verse indent0">Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich -sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch -meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und -ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.</p> - -<p>Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich, -denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so -lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage -erzählte, wo ich gewesen – den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich -allerdings – und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen -Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens -erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann -senkte sie den Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub, -Heini!“</p> - -<p>Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid -der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen -sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.</p> - -<p>„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die -ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten -Vormittag im Garten trafen.</p> - -<p>„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so -ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte -und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre. -Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren -Bergen!“</p> - -<p>Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir -vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch: -„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“</p> - -<p>Sie sah mich fragend an.</p> - -<p>Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer -leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit -dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“</p> - -<p>„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem -Staunen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span></p> - -<p>Ich nickte stolz bejahend.</p> - -<p>„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“</p> - -<p>Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor -Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich -eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann -nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen -gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der -grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.</p> - -<p>„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die -meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben -hingst?“</p> - -<p>Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich, -dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von -meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre -Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.</p> - -<p>Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung -meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.</p> - -<p>Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust -hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.</p> - -<p>Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt -habe, das Heri so tief erregen konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p> - -<p>So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten -summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte -ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe -jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.</p> - -<p>Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da -konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise -Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“</p> - -<p>Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise: -„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“</p> - -<p>„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“</p> - -<p>„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem -Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von -goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte: -„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht -verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast -die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“</p> - -<p>Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann -schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend, -ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> noch vor -einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des -Lebenssturmes gefahren war.</p> - -<p>Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer -Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und -als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht -im hellen Rosenlicht der Freude.</p> - -<p>„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn -die ganzen Tage?“</p> - -<p>„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der -steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und -viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da -droben ist’s schön!“</p> - -<p>Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die -mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das -sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.</p> - -<p>Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen -Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann -fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen -Kraxlerei, gelt?“</p> - -<p>„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.</p> - -<p>„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das -Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit -haben, die kommen auf aller<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>hand Sachen, die einem, der sich plagen -muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein -können.“</p> - -<p>„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“</p> - -<p>Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon -sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen -Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“</p> - -<p>„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“</p> - -<p>„Über alle!“</p> - -<p>„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn -nun das Marieli zurecht.</p> - -<p>Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So -und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“</p> - -<p>Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.</p> - -<p>„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du -dabei sein können?“</p> - -<p>Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:</p> - -<p>„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert -und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“</p> - -<p>Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber -trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit -anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> was dran an dem, -was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in -Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts -mehr sagen?“</p> - -<p>Da mußte ich denn beichten.</p> - -<p>„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich -als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den -Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über -die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn -man klettern kann und schwindelfrei <em class="gesperrt">ist</em>, ist wirklich nichts -dran.“</p> - -<p>„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“</p> - -<p>„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“</p> - -<p>„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du -nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“</p> - -<p>„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja -sowieso sterben!“</p> - -<p>„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du -denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“</p> - -<p>„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere -Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“</p> - -<p>Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes -meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit -wehmütig<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich -mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die -beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine -Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre -beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden -hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.</p> - -<p>Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen, -sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden, -Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2> - -</div> - -<p>Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich -sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust -der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden -bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb -ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken -sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen -und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen.<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Wie -viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch -die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern -sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun -haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher -so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend -schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es -mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient -zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele -zu.</p> - -<p>Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er -nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat -es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend, -hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über -die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen -erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und -daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten, -demütig und geduldig sein.</p> - -<p>Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach -jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der -bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten -schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> Unbehagen. Wer auf Höhen -will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten -Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein, -der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte -ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug, -und meine Sonne hieß: Heri.</p> - -<p>In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst -zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man -forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle -jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln, -so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte -oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein -Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon -wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.</p> - -<p>Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht -einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet -hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir -hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung, -aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben. -Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen -Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber -verschmähte jeden Kompromiß<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln -seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.</p> - -<p>Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein -Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr -und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt -aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er -wollte.</p> - -<p>Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß -gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit -ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein, -gut, so sollte er es gründlich sein!</p> - -<p>Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt. -Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach -zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe, -erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß -er schließlich ganz verzagt wurde.</p> - -<p>Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen -Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem -menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag -mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“</p> - -<p>Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag -verpflichtet, mit ihm nichts zu reden.<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Deshalb zuckte ich mit den -Achseln und wollte weitergehen.</p> - -<p>Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst -unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf -mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ – Und nach einer kleinen -Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser -gehalten als die anderen!“</p> - -<p>Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn -verhängt worden sei.</p> - -<p>Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb -spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist, -darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn -eine Freude an diesen Kindereien?“</p> - -<p>„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der -Fall wäre?“</p> - -<p>„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du -ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’ -ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das -läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß -du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das -Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß -ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch, -da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es -ist, weiß ich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja, -ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die -Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch -Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte -am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute -in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und -hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer -Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser -dein!‘“</p> - -<p>Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung -gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von -dieser Welt war.</p> - -<p>Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch -mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war -mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große, -leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das -mich damals zum Dichter machte.</p> - -<p>Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst -lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts -machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den -andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da -– da –“ sein Gesicht nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an -– „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß -du mich verstehst.“</p> - -<p>Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu -in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja, -Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde -sein!“</p> - -<p>Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen -Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura -ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es, -den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm -vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit -betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die -nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus.</p> - -<p>Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf -sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe -hinan und trat rauchend ins Studierzimmer.</p> - -<p>Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang -auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los: -„Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“</p> - -<p>Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> Spucknapf und sagte -gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“</p> - -<p>Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie -jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“</p> - -<p>Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als -der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden -Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo -zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens -seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“</p> - -<p>Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand -lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag -zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich -ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.</p> - -<p>Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein -Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten -Tagen gemacht hatte.</p> - -<p>In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich -so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du -der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem -ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben -würde<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“</p> - -<p>Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen -Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die -Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden -flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum -stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen -Ast flatterte noch grünes Laub.</p> - -<p>„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen -können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön -macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat, -die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der -Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß -das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? – -Was ist eigentlich dein Ziel?“</p> - -<p>Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf -geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und -wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter -fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte -Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte: -„Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar -und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> nur eines vor: die Menschen, -die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner -von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“</p> - -<p>Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht. -Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig, -und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ – sein Auge -leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden -mußte – „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott -nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das -wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben -sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“ -Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und -rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum -Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken – eher sterben!“</p> - -<p>Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so -furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.</p> - -<p>Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit -seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte -mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.</p> - -<p>Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich:<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> „Kennst du Eichendorff?“ -Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne -Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber -noch fremd.</p> - -<p>„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du, -Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler -braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es -keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen -Platz findet.“</p> - -<p>Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der -Gedichte Eichendorffs.</p> - -<p>Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen -Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und -über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte, -ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und -Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und -meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen -Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht -wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.</p> - -<p>Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere -eigenen Wege.</p> - -<p>„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die -Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span></p> - -<p>Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn -ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht -hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn -auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach -ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten -an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein -Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise -entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen -tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun -oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen -mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte -summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand -der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie -ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort -her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in -silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.</p> - -<p>Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in -der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal -ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief. -Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> obwohl ich sicher -sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch -nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in -meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand -ich mir: ich liebe Heri!</p> - -<p>Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine -ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein -süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war -ja zum wirklichen Glück geworden.</p> - -<p>Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein -außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel -schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden -hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen -in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel -hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen -Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige -Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf -den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die -Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt. -Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine -Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag -ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr be<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span>sorgt gemacht. Als -ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor -mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des -Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt, -und als ich am Nachmittag des Ostersonntags – ich war mittags im -Schlosse zu Tische geladen gewesen – mit Heri durch den Park schritt, -sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin -ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer -traurig werden und nun sind sie so schön!“</p> - -<p>Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der -schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen -Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem -kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von -goldenem Flimmer wob.</p> - -<p>„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile.</p> - -<p>„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich -und fühlte dabei, wie ich errötete.</p> - -<p>„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine -flammende Röte.</p> - -<p>Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen, -brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an -unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p> - -<p>Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem -Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das -Haar stecken, aber auch da hielt es nicht.</p> - -<p>„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit -glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt -das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich -strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an.</p> - -<p>Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte -stotternd: „Heri, hast mich lieb?“</p> - -<p>Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf, -glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch.</p> - -<p>Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir -aufdürsteten.</p> - -<p>Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich -leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“</p> - -<p>„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.</p> - -<p>In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen -Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die -Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2> - -</div> - -<p>Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch -die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen -überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher -Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste -Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich -durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald -und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen -und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter -ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb, -Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen -den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen, -die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken. -Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und -der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann -steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf -in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt -aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem -Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> -schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust -zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male -seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen -aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt -und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie -es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche -mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen -Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist -der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und -dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche -begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch -auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in -den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre -nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling -nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder -glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des -Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und -der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur, -unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede, -ich, der Einzige auf der weiten Welt!</p> - -<p>Doch ich muß erzählen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span></p> - -<p>Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem -Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar -aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium, -als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei -Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch -mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein, -denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir -heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel -beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals -fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich -wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf -leuchtendem Throne saß.</p> - -<p>Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause, -um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich -sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden -lassen und Heri überreichen wollte.</p> - -<p>Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.</p> - -<p>„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.</p> - -<p>Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend -an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind -wir nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Freunde, Freunde“ – er betonte das stark und eindringlich -– „Heini?“</p> - -<p>Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst, -daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf -verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen -zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“</p> - -<p>Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst -du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich -hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“</p> - -<p>„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen -und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns -selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“</p> - -<p>Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen -beobachtete, las er langsam Seite um Seite.</p> - -<p>Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner -Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese -Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner -Phantasie?“</p> - -<p>„Sie lebt.“</p> - -<p>„Hier?“</p> - -<p>„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du -mich wohl in Begleitung einer<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> älteren Dame, ihrer Tante, einige Male -spazieren gehen gesehen hast.“</p> - -<p>„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen, -das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“</p> - -<p>„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“</p> - -<p>„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen -liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein -Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“</p> - -<p>„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“</p> - -<p>„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir -aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber -erzähl mir von ihr!“</p> - -<p>Und ich erzählte und schwärmte.</p> - -<p>Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich -schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen, -von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben -und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt -bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind -nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum -Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“</p> - -<p>Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> ich auch auf diese Rede -nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu -einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein -Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In -solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und -wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein -Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.</p> - -<p>„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“</p> - -<p>Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen -Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich -ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen -Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri -heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage: -„Warum schreibst du so traurige Lieder?“</p> - -<p>„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du -gehörtest einem anderen und das – Heri – das stimmt mich so, daß ich -am liebsten sterben möchte.“</p> - -<p>„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte -nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans -Sterben?“</p> - -<p>Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß -und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle -Todesgedanken ver<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>gaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in -einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.</p> - -<p>Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in -der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte, -war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu -fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit -seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu -zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit -zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die -Lungenschwindsucht.</p> - -<p>Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich -am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das -erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden -war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen -zum Leben vergönnt sein konnten.</p> - -<p>Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem -ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein -Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht -aufschluchzend über ihn zu werfen.</p> - -<p>Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und -schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da -hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel -hier, die<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im -Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber -gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen -können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht -ein und – er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne -aufzuhören – jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen -Husterei.</p> - -<p>Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und -dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären -die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für -tot halten können.</p> - -<p>Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen -Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien -mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und -ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei -Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als -ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er -sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste -Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und -Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.</p> - -<p>Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu -ihm kam, hatte er auch schon<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden -Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe, -das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur -Vorlage gewählt.</p> - -<p>„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.</p> - -<p>Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und -nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde -entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben. -Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust -niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer -Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der -Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren -geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der -Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem -Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im -Ausdruck dieses Gesichtes.</p> - -<p>Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort -zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine -Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.</p> - -<p>„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.</p> - -<p>Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> ganz kühl kritisch und -erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten -erlaubt.“</p> - -<p>„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort -geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so -still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer -ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt -haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich -in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten -Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch -wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz -sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst -aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir -ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der -Seele.“</p> - -<p>Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte -es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir -einschlummerte.</p> - -<p>Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie -rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte, -sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte. -Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon -sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> -wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“</p> - -<p>„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.</p> - -<p>Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt -er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in -vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen -wir das erstere.“</p> - -<p>Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater -verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten -Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt -der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen -Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde, -die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte -ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für -mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es -das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte, -es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir, -seinem einzigen Freunde!</p> - -<p>Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in -Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht, -meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?</p> - -<p>Ich lief wie irrsinnig nach Hause.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p> - -<p>Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm, -auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen -Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen -aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen -die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren -Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri -schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.</p> - -<p>Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft3">Mein lieber Heini!</p> - -<p>Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere -Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in -die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an -einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen -kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe -das in aller Eile, verzeih also die Kürze.</p> - -<p class="right mright1"><span class="mright3">Deine</span><br /> -Heri.</p> - -</div> - -<p>In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und -mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde -mit ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen, -sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus, -ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen -Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.</p> - -<p>Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie -war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also, -sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei -ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar. -Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten -jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit -Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann -daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die -anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!</p> - -<p>Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der! -Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben -herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen -Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf -aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht. -Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf -mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> meinen Jammer in sinn- und -fassungslosen Tränenströmen ausfließen.</p> - -<p>Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich -sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der -Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann -hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die -Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich -auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese -auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis -entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen -Umständen geschehen.</p> - -<p>Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die -vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im -geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die -Tante nicht.</p> - -<p>Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den -Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen, -auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die -Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten -die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf -dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.</p> - -<p>Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> ich vom Bahndamm aus -den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle -diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher -Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes, -Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz -wie mit eisernen Händen zusammen.</p> - -<p>Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen -Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der -Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.</p> - -<p>Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station -herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.</p> - -<p>Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri, -meine schöne Heri erscheinen.</p> - -<p>Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des -Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri. -Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß -sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen, -und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der -alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie -eine wirkliche Dame und ich – mein Blick glitt unwillkürlich an -meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab – ich war ein armes -Studentlein, sonst nichts.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span></p> - -<p>Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein -Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß -der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein -leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als -er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen -hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen -waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.</p> - -<p>Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber -nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz -gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich -jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe -überkommen hatte.</p> - -<p>Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich -entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich -kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut -genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.</p> - -<p>Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere, -die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.</p> - -<p>„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“ -fragte der eine.</p> - -<p>„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> das die Nichte -sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die -Gesellschaft einführen wolle.“</p> - -<p>„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden -über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie -auch reich?“</p> - -<p>„Interessiert dich das?“</p> - -<p>„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens: -geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal -verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen -Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg -werfe ich mich nicht!“</p> - -<p>Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich -offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich -einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten, -überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken, -genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im -offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst -einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein -gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er -mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm -überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wo<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span>zu solche Menschen wie -ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den -Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!</p> - -<p>Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte -vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch -glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet -waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum -kommst du nicht, Heini?</p> - -<p>Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme, -unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke -Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich -will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach -mir ausgestreckt.</p> - -<p>Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital -zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war, -dann wollte ich ihm nachfolgen.</p> - -<p>Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem -Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.</p> - -<p>„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist -entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle -paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er, -ich müsse Sie holen lassen, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> Sie nicht bald kämen. Er ist ganz -verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht -vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich -fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren, -wie es um ihn steht.“</p> - -<p>Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.</p> - -<p>Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer -von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf -mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett -zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.</p> - -<p>Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne -die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als -ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie -es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor -fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den -Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“</p> - -<p>„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich -selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.</p> - -<p>Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand -und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es -gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“</p> - -<p>„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span> geträumt. Bedenke, -selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht -sagen.“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es -nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt -und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen -hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das -Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da -hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den -Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“</p> - -<p>„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus -seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon -ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung -da – na, es ist eben ein Spital! – ist auch nicht danach angetan, -heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz -und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch -selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“</p> - -<p>Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der -festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.</p> - -<p>Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich -wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.</p> - -<p>„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span> gibt keine Hilfe mehr! -Da drinnen“ – er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen – -„ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür -sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll, -verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“</p> - -<p>Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn -plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte, -der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend -und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half, -umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam -es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf -mir – Heini – ich mag nicht sterben – hilf mir – ich – ich –“</p> - -<p>Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein -Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und -da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen -Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich -zusammen.</p> - -<p>Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen -unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die -Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht -aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p> - -<p>In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den -Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen -hob.</p> - -<p>„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.</p> - -<p>„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die -Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader -fühlten.</p> - -<p>Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das -apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am -ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars -liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich -bläuliche Schatten breiteten.</p> - -<p>Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet -schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte -ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen -streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“</p> - -<p>In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle -einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen -konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen -begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da -brach ich neben dem Bette zusammen.</p> - -<p>Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die -Anstalt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span></p> - -<p>Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.</p> - -<p>Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun -trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen -Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es -und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen -Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen -Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des -Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der -Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein -Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des -Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich -durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf -den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.</p> - -<p>Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer -ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie -eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die -schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner -schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Es ist bestimmt in Gottes Rat,</div> - <div class="verse indent0">Daß man vom Liebsten, was man hat,</div> - <div class="verse indent0">Muß scheiden!“</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p> -<p>Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher -in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen, -nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie -eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen -rinnenden Tränen.</p> - -<p>„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in -diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit -verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich -nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes -vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.</p> - -<p>Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie -Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien -Sie ein Mann!“</p> - -<p>Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen -wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie -wieder auferstehen: die Freundschaft.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="VII">VII.</h2> - -</div> - -<p>Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie -ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses, -ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span> des -Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte, -die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen -gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf -deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die -dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre -Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und -sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im -Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender -Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein -ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht -Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem -Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich -allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach -Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein -spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore -geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten -Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen -fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu -ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine -Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe -und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span> Erdenleid. Jede -Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen. -Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand -in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander. -Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn -und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist -allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe, -die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat -der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone -erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder -uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und -Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs -Haupt.</p> - -<p>Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die -Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten -ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt -leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben -habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute -nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst -versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem -Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht -trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> -weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen -ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein -Menschengeist sein Wesen faßt.</p> - -<p>Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus -dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht -ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der -Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und -erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst. -Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“ -auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen -Sinn ein Lächeln abnötigt.</p> - -<p>Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den -Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt, -sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an -ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.</p> - -<p>Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder -dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte -erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist -der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu -Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft -und mild<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und -Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß -schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und -Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden -und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen -durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von -seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.</p> - -<p>Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein -Liebesfrühling von mir ging.</p> - -<p>Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es, -schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich -getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden -stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.</p> - -<p>Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun -erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes -und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den -Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer -drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte -ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel -war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in -mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich -leisten<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir -nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn -die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte, -dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor -ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich -geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir -sind ja dein!“</p> - -<p>Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten -meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das -Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der -geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu. -Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf -winkte sie mir.</p> - -<p>Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf -einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand -die Tante und winkte mir freundlich zu.</p> - -<p>Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns -gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte -sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“</p> - -<p>Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir -sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ – und -sie<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> blinzelte mir ermunternd zu – „deine Mutter hat gesagt, sie werde -es dir schreiben.“</p> - -<p>Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris -schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen -wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es -würde nach Ostern sein!“</p> - -<p>So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal -das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein -Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame -Gestalt schlingen.</p> - -<p>Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd -gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten -Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein -Herzleiden eingestellt habe.</p> - -<p>„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich -erschrocken.</p> - -<p>„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen -wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine -Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung -beilegen dürfe.</p> - -<p>Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich -Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen. -Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> hatte -keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte.</p> - -<p>Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter -sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor. -Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose -Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein -gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn -ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert -werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie -schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein -sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein -feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen.</p> - -<p>„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der -schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl, -interessiert sich sehr für sie.“</p> - -<p>„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur -gehüllt hatte.</p> - -<p>„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch -nicht zu erröten!“</p> - -<p>Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir -ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir -durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span></p> - -<p>„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr -Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein -lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh -sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir -gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich -wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“</p> - -<p>Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das -Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl.</p> - -<p>Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes -männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie -er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir -herüberschielte.</p> - -<p>Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder, -Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri – Herr Oberleutnant -von Steindl.“</p> - -<p>Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man -wohl fragen, in welcher Klasse?“</p> - -<p>„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene -trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein -Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und -noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in ange<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span>sehener Stellung, -dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.</p> - -<p>Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um -mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten! -Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er -hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr! -Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und -dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie -sich mich als Gelehrten vorstellen?“</p> - -<p>Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht. -Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“</p> - -<p>„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der -Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort -danach fragte.“</p> - -<p>„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“</p> - -<p>„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen. -Ich kapiere immer schon früher.“</p> - -<p>Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen, -sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit -unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß, -daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen -Mannesnatur war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span></p> - -<p>Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend -bekommen sei.</p> - -<p>Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß -sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der -Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des -Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden -hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir -Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu -ärgern und zu grämen.</p> - -<p>Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald -genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte -mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.</p> - -<p>Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O, -hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und -er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über -all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst -angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn -und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden -Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant, -auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an, -und wenn sich der Sturm an seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> eigenen Wüten verzehrt hatte, dann -schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das -ganze Leben gleichgültig machte.</p> - -<p>Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort, -bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so -könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der -Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam -der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri -ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste -bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der -Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über -die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber -glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei -wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er -dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der -Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt -hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.</p> - -<p>So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne -angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder -scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen -Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese -Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span> direkt als unbequem und -störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete -vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich -mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin -zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief -überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn -sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere -Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann -oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.</p> - -<p>So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief. -Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir -versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir -bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu -verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne -ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen -und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank! -nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge -ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei -herrsche.</p> - -<p>Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll -großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine -Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden, -dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> nicht vergleichen konnte, -an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir -an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines -ganzen Daseins, dann war ich verloren.</p> - -<p>Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die -Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer -verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.</p> - -<p>Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr -regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen -und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen -Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich -brächte dort mehr vor mich als zu Hause.</p> - -<p>Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln -durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es -nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich -ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.</p> - -<p>Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr -Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen, -der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der -Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten -strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span></p> - -<p>Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde -mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen, -noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen -hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie -der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens -immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon -wieder, nicht?“</p> - -<p>Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich -gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den -Umständen ab.“</p> - -<p>Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen -Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es -nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre -hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen -Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.</p> - -<p>Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof -aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe -der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der -Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem -Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben, -in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte, -in mein eigenes<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span> blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn -mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und -dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene -Bedeutungslosigkeit zurück.</p> - -<p>Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort -und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die -langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder -und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und -es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da -sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von -der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag -schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold -der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch -des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs -Land der Lebenden ging.</p> - -<p>Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich -aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und -darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes, -den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und -Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der -aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span></p> - -<p>In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische -Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor -diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem -Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik, -mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein -so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die -Knie sank und bitterlich zu weinen begann.</p> - -<p>Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend -mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot -gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte -etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“</p> - -<p>Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner -Seele lesen?</p> - -<p>„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.</p> - -<p>„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken -Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn -Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da -unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“</p> - -<p>Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte -seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener -Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span> sich -damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der -Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht -Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII.</h2> - -</div> - -<p>Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ -mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine -Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel, -wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war. -Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler -aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch -wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu -Kohle zu Asche geworden.</p> - -<p>Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei -unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese -alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen. -In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals -empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger -Zeit, mein<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.</p> - -<p>Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben -wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten -strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken -und meine Seele wird gesund und still.</p> - -<p>Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende -Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und -Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der -brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer, -der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und -langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit -schön, schön zum Jauchzen.</p> - -<p>Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt -und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der -mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub -entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung -durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel -ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen -verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht, -zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.</p> - -<p>Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> kommen. Es ist nur -merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im -Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis, -so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen -solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit -unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine -Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall, -es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten -Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere -Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes -Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben -Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.</p> - -<p>Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so -merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später -nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in -seine Gewalt bekommen.</p> - -<p>„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort -ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht, -ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte -es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich -aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden -ähn<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span>liches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen -sprachen.</p> - -<p>Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt. -Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben -und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht -nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal -befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine -Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie, -ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich -zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies -stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in -der Karwoche in die Stadt kommen würde.</p> - -<p>Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie -vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte, -plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause -bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag -zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal -einzukaufen.</p> - -<p>Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die -Promenadewege durch die Au.</p> - -<p>Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge -ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, -getröstet<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz -gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.</p> - -<p>Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden -Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein -wenig nieder. Ich bin so müde.“</p> - -<p>Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein. -Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und -über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde -gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume. -In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade -über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und -die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und -gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu -sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“</p> - -<p>Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme. -Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“</p> - -<p>„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise -heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir -jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> ewige -Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine -Mutter nicht mehr gar zu lang.“</p> - -<p>Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert; -mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter -Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen -Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die -blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.</p> - -<p>Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen -und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.</p> - -<p>„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn -dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“</p> - -<p>„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“</p> - -<p>Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar -Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte -zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter. -Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine -Mutter bin ich und du, du –“ ihre Stimme zitterte – „du bist ja mein -einziges Kind!“</p> - -<p>Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem -beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im -Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> innige -Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen. -Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der -Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns -nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner -Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns -und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.</p> - -<p>Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben -der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und -Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte -ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar -Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es -heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“</p> - -<p>Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem -Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor, -küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig, -Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir -dann leichter.“</p> - -<p>Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich -unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der -mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein -gewöhn<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span>licher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.</p> - -<p>„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den -Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und -wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd -ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause -geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden. -Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir -liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und -allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben – Mutter, laß -mich wenigstens du nicht allein!“</p> - -<p>Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte -sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein -armer Bub!“</p> - -<p>Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten. -Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr -doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun -aber fand sich keine Gelegenheit mehr.</p> - -<p>Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende -Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals -die Hand, – einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten -wagte sie nicht und auch mich hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span> die alte Scheu davor zurück, -obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.</p> - -<p>„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß -unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd -schon fleißig für dich beten.“</p> - -<p>Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann -mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie -das Tüchlein an die Augen drückte.</p> - -<p>Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich -mit!“ – aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen -Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.</p> - -<p>Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von -Marieli. Sie schrieb:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft3">Lieber Heini!</p> - -<p>Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, -daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, -denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch -glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja -alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend -für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick -Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> in meinem Gebetbuch -gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr -selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und -denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil -an Dich. Gelt?</p> - -<p>Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.</p> - -<p class="right mright1"><span class="mright3">Deine</span><br /> -Marie.</p> - -</div> - -<p>Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die -trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner -ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog -in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der -Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.</p> - -<p>Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den -der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten, -rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg, -der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner -Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust -gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte, -dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom -wahnsinniger Sehnsucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span></p> - -<p>So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste -Parkkonzert stattfand.</p> - -<p>An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis, -bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das -Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.</p> - -<p>Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all -den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten -in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.</p> - -<p>Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen -auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf -den Hüten, Frühling in den Augen.</p> - -<p>Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid -umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in -breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des -Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in -freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten -und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön -war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie -einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der -holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden -schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span> einer etwa gleichaltrigen -Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.</p> - -<p>Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug -zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in -wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen -und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten -Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem -Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich -eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo -ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher -leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich -meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.</p> - -<p>Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht -fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber -weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß -kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein -Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur -eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.</p> - -<p>Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher, -mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie -aufmerksam machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span> daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht -steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte -– und diese sind nicht unbedeutend – dem Studium zuwenden, so erleben -Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten; -in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn -in Sie gefahren? Reden Sie doch!“</p> - -<p>Ich schwieg.</p> - -<p>„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt, -dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist -als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie -wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich -aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist -und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein -Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange -Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie -ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können -Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“</p> - -<p>Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.</p> - -<p>Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr -weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> -nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es -zwischen uns stehe.</p> - -<p>Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, – ich hatte inzwischen -Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante -spazierengehen gesehen – stand mein Entschluß fest.</p> - -<p>Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde, -mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können, -schrieb ich ihr ein paar Zeilen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft3">Meine liebste Heri!</p> - -<p>Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt -davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus -Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort -wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen. -Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein, -daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß -Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat. -Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten -können. Gib mir ehestens Bescheid.</p> - -<p class="right mright1"><span class="mright3">Dein</span><br /> -Heini.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p> - -<p>Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen -hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute -mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri -wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand -sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie -aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß -feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.</p> - -<p>Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken. -Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer -Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief -gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn -es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich -befürchtet hatte.</p> - -<p>Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur -wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte -es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein -Brieflein in die Hand drücken konnte.</p> - -<p>Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn -es Dir aber möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span> wäre, einmal abends fortzukommen, so komme -übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem -Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.</p> - -<p class="right mright1">Heri.</p> - -</div> - -<p>Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt -fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man -konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner -Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen. -Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.</p> - -<p>Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns -war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt -und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal. -Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den -anderen benützt worden.</p> - -<p>Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine -Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im -Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er -aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut -und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten -Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab,<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> öffnete dort -leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten -hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während -der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief -ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite -desselben kletterte ich über den Zaun.</p> - -<p>Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der -Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und -in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit -hochklopfendem Herzen vor Heri.</p> - -<p>Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das -sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten -Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die -ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.</p> - -<p>Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort -hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres -erbebte in namenlosem Glück.</p> - -<p>Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da -ist eine Bank.“</p> - -<p>Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie -endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“</p> - -<p>Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> ich zu reden: „Ja, -Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen. -Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse. -Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“</p> - -<p>Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise: -„Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“</p> - -<p>„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast, -Heri, damals zu Hause im Park.“</p> - -<p>Sie schwieg.</p> - -<p>Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich, -ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich: -so wie damals?“</p> - -<p>Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch -Kinder!“</p> - -<p>Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel -zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur -stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, – ich -– ich gehe.“</p> - -<p>Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten -Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich -nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme -und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span></p> - -<p>„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte -sich mir zu entwinden.</p> - -<p>Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen -Küssen: „Heri, dies eine Mal, – dies eine Mal – will ich noch -glücklich sein, Heri – ich hab dich so lieb – so lieb, Heri – so -lieb – –“</p> - -<p>Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust -und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.</p> - -<p>Das brachte mich zur Besinnung.</p> - -<p>„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen -wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“</p> - -<p>Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit -tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“</p> - -<p>„Ja, ich gehe!“</p> - -<p>Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte -ich hinaus in die nächtliche Straße.</p> - -<p>Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn -je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen -wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines -vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner -Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über -meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span> Leib in meinen Armen, -ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen -Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter -Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst -diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“</p> - -<p>Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah -und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im -Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die -Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein -Frühgewitter zu murren begann.</p> - -<p>Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über -mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender -Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das -Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt. -Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen -wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin -und darauf ein langgezogenes Rollen.</p> - -<p>Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß -werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und -auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es -einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er -dann das zumachte,<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span> durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht -mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber -konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus -der Anstalt.</p> - -<p>Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger -Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich -noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden -Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei -Dank! das Fenster stand noch offen.</p> - -<p>Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich -auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.</p> - -<p>In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der -volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur -zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da -haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche -ist zu allem fähig.“</p> - -<p>Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und -da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen! -Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen -Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er -auch der meinige.</p> - -<p>„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.</p> - -<p>Ich gab keine Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p> - -<p>„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“</p> - -<p>Ich gab abermals keine Antwort.</p> - -<p>Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube -heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt -abgewehrt hätte.</p> - -<p>Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für -heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so -erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“</p> - -<p>Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor -immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da -mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen -nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“</p> - -<p>„Gewiß, Herr Direktor!“</p> - -<p>„Gute Nacht!“</p> - -<p>„Gute Nacht, Herr Direktor!“</p> - -<p>Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll -und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht -erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und -Wäsche.“</p> - -<p>Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden -solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu -dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen -die Blitze ihre blendenden Brände<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span> warfen, ich horchte dem Schmettern -der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit -machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und -während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und -ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst -geweckt werden mußte.</p> - -<p>Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn -Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die -Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das -überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.</p> - -<p>Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite -stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie -verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite -stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich -war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß -ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet -werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich -wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen. -Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte -von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als -Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder -nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß,<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> denn die mußte doch -wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber -bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war -diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf -davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte -ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.</p> - -<p>Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich -geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male -jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das -alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar -nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.</p> - -<p>Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen -entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können. -Mochte kommen, was da wolle.</p> - -<p>Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor -des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem -Klassenvorstand.</p> - -<p>Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es -ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen -Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum -handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> übrigen Schüler vor -Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können. -Sie aber“ – damit wandte er sich an mich – „fordere ich auf, die -Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch -Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern -Abend?“</p> - -<p>Ich schwieg.</p> - -<p>„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.</p> - -<p>Ich schwieg.</p> - -<p>„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch -des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein -junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt -hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb -ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine -Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse -bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken -sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine -Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten -aufsuchen zu können!“</p> - -<p>Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte: -„Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen -Mannes!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p> - -<p>Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und -rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So -kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“</p> - -<p>Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz -und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der -Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“</p> - -<p>„Wo waren Sie dann?“</p> - -<p>Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren -brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?</p> - -<p>Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich -möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne -allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die -volle Wahrheit bekennen wird!“</p> - -<p>„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.</p> - -<p>Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der -Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden -zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu -bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde -zurück.“</p> - -<p>Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen -Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der -Präfekt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span></p> - -<p>Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund, -wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die -Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei -Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in -Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für -einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie -versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch -nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“</p> - -<p>Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.</p> - -<p>Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend, -und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“</p> - -<p>Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem -ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer -Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß -alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen -Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst -draußen, bis Sie gerufen werden.“</p> - -<p>Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der -Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich -stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> den -Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen -Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in -einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen -Lichtflut sendend.</p> - -<p>Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid -bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was -ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum -moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie -sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes -zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.</p> - -<p>In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber -bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die -Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder -in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich -noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine -Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.</p> - -<p>Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es -hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen, -holte mich der Präfekt neuerdings ab.</p> - -<p>„Kommen Sie,“ sagte er kurz.</p> - -<p>Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn: -„Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span></p> - -<p>„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der -kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange -Ahnung stieg in mir auf.</p> - -<p>Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer -feierlichen, finsteren Ernst.</p> - -<p>Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die -Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“</p> - -<p>Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. -Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“</p> - -<p>„Nun“ – der Direktor zog eine höhnische Miene – „ich habe die Frau -Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt -und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei. -Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft -bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie -sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand -sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den -Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten -von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen -hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen -Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den -geringsten Zweifel zu setzen und“ – er erhob seine Stimme –<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span> „stehen -vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau, -wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten -dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene -Schande zu bemänteln.“</p> - -<p>Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den -Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf -etwas zu erwidern?“</p> - -<p>Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt -zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es -außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich -hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als -rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich -um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen -Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen, -um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend -ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den -Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht -ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen -hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt, -ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte, -und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span></p> - -<p>Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich -stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da -vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als -heilig und unverbrüchlich gegolten hatte.</p> - -<p>Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine -Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle -sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben -Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine -Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei. -Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt, -in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die -Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos.</p> - -<p>Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn -gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“</p> - -<p>Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der -alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte -Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“</p> - -<p>Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den -Karzer zurück.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="IX">IX.</h2> - -</div> - -<p>Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf -den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als -ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn -die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die -bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei, -und zogen dann grollend ab.</p> - -<p>Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil -sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen. -Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes -in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den -balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des -Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe -sich spiegeln.</p> - -<p>Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen -wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und -ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere -Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine -sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben -nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> macht Könige, die -Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne.</p> - -<p>Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und -dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer -Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge -Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem -Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden -Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden -senkrecht zu ihr empor.</p> - -<p>Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an -meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und -da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist -es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber -nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren, -um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig -über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.</p> - -<p>Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen -Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.</p> - -<p>Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von -vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder -und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span>waldes -hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und -wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige, -da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter -Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken. -Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den -Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und -Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!</p> - -<p>Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie -sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch -damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr -Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich -emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen, -verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.</p> - -<p>Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen -gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für -die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die -den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern -nur ewiges Leben gibt.</p> - -<p>Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den -ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger -als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> Flamme -auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen -braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.</p> - -<p>Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite -und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu -können.</p> - -<p>Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich -noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah, -unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die -Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich -geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern -mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem -Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von -Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in -das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie -das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich -plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.</p> - -<p>Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust -und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit -entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und -näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen -des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann -wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal -war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für -einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte -schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los, -bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.</p> - -<p>Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über -mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen -Schwestern umrahmt war.</p> - -<p>Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die -Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“</p> - -<p>„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen.</p> - -<p>„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie -bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht -auf.“</p> - -<p>Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen -Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern.</p> - -<p>Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn -genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und -irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der -am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein, -daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span></p> - -<p>Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu -verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht.</p> - -<p>So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo -ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe -gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine -Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben -gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten -und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst -eingesetzt, und nun war ich gerettet.</p> - -<p>Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe, -fragte ich.</p> - -<p>Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten -gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu -werden.“</p> - -<p>Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie -wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch -allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde.</p> - -<p>Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer -selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da -ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß -es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein, -die warm und wohlig durch den<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span> ganzen Körper strömte und ihn täglich -kräftiger und kräftiger machte.</p> - -<p>Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach -Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“</p> - -<p>„Meine Mutter?“</p> - -<p>„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage -ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn –“</p> - -<p>Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten -machen?“</p> - -<p>„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der -Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne -haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es -ist. Das meine ich.“</p> - -<p>Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich -auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun -vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles, -was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr -weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein -glücklicher und froher Mensch zu werden.</p> - -<p>Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben -meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital -gebracht hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden, -seien schon in der Heimat.</p> - -<p>Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand, -sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber -nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“</p> - -<p>Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die -mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so -eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen -für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir, -als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie: -„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“</p> - -<p>Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges -verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das -Besuchszimmer ein.</p> - -<p>Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die -Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen -und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini. -Also du bist halt doch wieder gesund worden.“</p> - -<p>Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine -Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe. -Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem -Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span></p> - -<p>„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf, -warum denn die zwei Frauen allein hier seien.</p> - -<p>„Ist sie krank?“</p> - -<p>„Nein, Heini.“</p> - -<p>Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort -Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte, -sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist -sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt, -daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das -beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“</p> - -<p>Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die -Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden -Frauen das Spital.</p> - -<p>Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht, -und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den -Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar -nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren.</p> - -<p>Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein -Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen.</p> - -<p>Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich -stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend -an die<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine -Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie -Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah.</p> - -<p>Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg -durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor -Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen.</p> - -<p>„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die -Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“</p> - -<p>Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen -hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden -Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man -jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne.</p> - -<p>„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so -krank geworden bin?“</p> - -<p>„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der -Direktor an sie geschrieben hat.“</p> - -<p>„Was hat er denn geschrieben?“</p> - -<p>Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu -willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so -nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> -Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten, -Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“</p> - -<p>In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar -bei meiner Mutter verleumdet!“</p> - -<p>„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“</p> - -<p>„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich.</p> - -<p>„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, – sonst -hat sie nichts gesagt.“</p> - -<p>„Gar nichts sonst?“</p> - -<p>„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei -rollten ihr große Tränen aus den Augen.</p> - -<p>Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam -an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit -an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende -Antwort erwartend: „Die Mutter ist – –“</p> - -<p>Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht -erbitten, nicht die, die ich befürchtete.</p> - -<p>Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die -Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist -heimgegangen zu deinem Vater.“</p> - -<p>Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun -auch das Letzte, was mir noch auf<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> Erden verblieben war, versunken und -ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir -fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um -mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich -starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin: -„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“</p> - -<p>Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten -haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden -davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum -Ausbruch. Meine arme Mutter!</p> - -<p>„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm -mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als -wenn du dich vergrübelst.“</p> - -<p>Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte -sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s -nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht, -davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat. -Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich -halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil -so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen -kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts -genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span> -zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als -geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr -zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da -hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich -und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl -nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s: -wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich -mir’s. – Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern -versprochen. – Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da -ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich -ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie -aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini -ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe -sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat -eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich -ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die -Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat -sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt -liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder -beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit -auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span></p> - -<p>Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt. -Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden -quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz -lösend und lindernd, kam es über mich.</p> - -<p>Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte: -„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich -deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und -ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und -auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir -haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“</p> - -<p>Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und -küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von -denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen -meiner Mutter.</p> - -<p>„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir -die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“</p> - -<p>„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da -ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher -Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch -noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p> - -<p>Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der -seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls -die Hand reichte.</p> - -<p>Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die -Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug -uns der ratternde Zug der Heimat zu.</p> - -<p>Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen, -die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen -Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter -seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der -Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein -verstürmtes Herz ein.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="X">X.</h2> - -</div> - -<p>Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als -es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in -früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat -sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter -abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie -wohl alles<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span> geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen -und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute -wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch -wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der -ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei -Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben -geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen -getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen, -nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich -wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen -Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln -entlocken.</p> - -<p>Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt, -den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren -herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde -als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien -kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von -den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und -versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches -Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes -Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden -andrücke, und daß es<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich -durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das -ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender -Umarmung.</p> - -<p>Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid -auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden -zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten -ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der -große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man -sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer -zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das -Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist -überwundenes, ohnmächtiges Leid.</p> - -<p>Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte. -Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein -geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.</p> - -<p>Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe, -unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel -Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl -aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des -Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des -Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span> Gefühle und der -Hochwald macht die passende Musik dazu.</p> - -<p>Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen -und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In -einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und -doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum -Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“</p> - -<p>Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt -durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze, -mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke -erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen -Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum -müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch -die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum -Frieden zu gelangen.</p> - -<p>Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt -sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.</p> - -<p>Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.</p> - -<p>Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage -eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen, -war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand ge<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span>reicht: „Grüß dich -Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus, -hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt -nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“</p> - -<p>Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum -stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen, -aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit -aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir -wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“</p> - -<p>„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“</p> - -<p>Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene -kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand. -Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige -Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in -dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden -Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.</p> - -<p>Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe -meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch -frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen -geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span></p> - -<p>„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.</p> - -<p>„Ja, ich tu’s aber gern.“</p> - -<p>Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich -aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle, -das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt -ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch -wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.</p> - -<p>Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das -stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz -eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der -Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten -schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.</p> - -<p>Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu -sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini, -reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu -früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut -schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach. -Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“</p> - -<p>Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl -als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder -fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> staubig. -Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“</p> - -<p>So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem -eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein -planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt -meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer -Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel -auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.</p> - -<p>Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute -nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können. -Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden -Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein -Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos -auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich -sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein. -Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum -Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede -Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm -wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger -Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich -unsäglich glücklich machte.<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich -mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine -Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm. -Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich -jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten, -wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht -aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte -umzusetzen ist.</p> - -<p>Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich -dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen, -mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe -Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so -sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer -Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und -selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre -Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in -einem süßen, weichen Liede.</p> - -<p>Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar -Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos -an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri -mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter -demnächst als Güterdirektor<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> des Grafen auf dessen große Besitzung in -Böhmen versetzt werden solle.</p> - -<p>Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine -Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus -ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine -Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine -wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.</p> - -<p>So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen -holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.</p> - -<p>Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen -schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und -Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge -zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man -glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern -des Gewändes ihre Heimat hatten.</p> - -<p>Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin, -einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten -wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“</p> - -<p>Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer -Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.</p> - -<p>Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium -hinausgeworfen worden und<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> damit hatte ich auch die Unterstützung des -Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner -Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin -gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem -anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin -aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war -kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen. -Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das -Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan -endgültig von uns verworfen.</p> - -<p>Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte -als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär -konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir -offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster -bringen konnte.</p> - -<p>Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin -zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer -Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte, -der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen -Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen -blieb ohne Antwort.</p> - -<p>Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber -jedesmal ablehnende Ant<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span>worten, und ich sah bald ein, daß es meine -Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob. -Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen -Menschen nimmt man nicht auf.</p> - -<p>Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich -über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich -in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen -Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter -rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein -eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel -des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer -zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der -Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt -umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen -mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.</p> - -<p>Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war -mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in -der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und -ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen -hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> -und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen -Entschluß.</p> - -<p>Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich -als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe -glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und -so willigte sie ein.</p> - -<p>Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein. -War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen -und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit -sichtlichem Widerwillen.</p> - -<p>Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.</p> - -<p>Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn -schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und -besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft -hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter -umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was -sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben -wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto -leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der -Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu -Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren. -Einzelne Bauern, mit deren<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span> Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die -bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller -aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch -ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem -sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter -gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er -seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine -gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst -die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am -Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle -übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn -ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben -konnte.</p> - -<p>Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich -mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und -ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.</p> - -<p>Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne -nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere, -wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.</p> - -<p>Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat -jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf -besessen hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins -Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls -eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt -nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn -die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der -staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein -wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein -sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend, -verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er -da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu -werden.</p> - -<p>Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen -des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke -schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte -sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll -herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas -ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes -sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir -geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das -eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.</p> - -<p>Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein -Gedanke aufschnellte, als<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei -einen Grund haben.</p> - -<p>So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben -erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf -vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen -doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die -Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in -dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden, -er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei -der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung -daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten -seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen -sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige -arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten, -sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo -ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu -werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte -es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen -vernichtenden Schlage bewahrt hatte.</p> - -<p>Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem -Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein -glän<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span>zendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der -den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten -Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den -Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit, -Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man -ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit -ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen -Offizierskorps sei.</p> - -<p>Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen, -so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener -Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle -der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit -bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz -nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.</p> - -<p>Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes, -etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu -aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den -Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne -Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft -zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen -Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter -dem weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe -zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und -streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde -Licht eines neuen Liebesfrühlings.</p> - -<p>Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen -unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage -von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit -seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und -in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles -legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.</p> - -<p>Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine -mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar -Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe -an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre -frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht -wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft -und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern -machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem -unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.</p> - -<p>Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten -fehlte der überzeugende<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> Ton des Überzeugten; es war mehr wie das -eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren -Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt -selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.</p> - -<p>Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann -am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden, -die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.</p> - -<p>Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden -Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast -wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel -von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem -großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der -Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch -den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre -Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz -für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht -mehr verrichten konnte.</p> - -<p>Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der -Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche -flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder -sie streiften wohl auch die zarte Beugung des<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> Nackens, die anmutig -schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der -Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr -Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.</p> - -<p>Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer -von gleichgültigen Dingen zu reden an.</p> - -<p>So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter, -der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit -lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die -Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem -Tag lichter und wärmer.</p> - -<p>Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir -gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall -schritt sichtlich vor.</p> - -<p>Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die -Vorladung zur Assentierung.</p> - -<p>Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein -von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut, -denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der -mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum -dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und -der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen -blanken Tausender geschenkt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span></p> - -<p>Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem -Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich -fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich -bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers -erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle -und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in -den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und -als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und -kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein.</p> - -<p>Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre -Augen füllten sich mit Tränen.</p> - -<p>Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und -blauer Krokus blühte.</p> - -<p>„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von -da.“</p> - -<p>Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und -auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre -Gewinde vom Vorjahre schlang.</p> - -<p>Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und -blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.</p> - -<p>Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine -Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott, -eigentlich liegt gar nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span> dran. Die drei Jahre werden auf ja und -nein wieder vorbei sein!“</p> - -<p>Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht, -ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen, -daß ihr ganzer Körper bebte.</p> - -<p>„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten, -und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu -streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.</p> - -<p>„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle -zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. – – Marieli!“</p> - -<p>Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen -gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit -einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.</p> - -<p>Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm -um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender -Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“</p> - -<p>Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte -ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu -schluchzen.</p> - -<p>In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus -tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf -Maries<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in -abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich -wahr! Du hast mich gern?“</p> - -<p>Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat -und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich -muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“</p> - -<p>Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem -verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück -und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so -glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen -und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“</p> - -<p>„Und kannst du mir auch verzeihen –“ flüsterte ich, „du kannst mir das –“</p> - -<p>„Sei still, Heini!“</p> - -<p>Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen -herum, bis Lippe auf Lippe lag.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XI">XI.</h2> - -</div> - -<p>Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder -Hast zu diesen Blättern. Langsam<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> und gemütlich wollte ich mein Leben -niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand -nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt -und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine -Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann. -Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß -mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht -ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen. -Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich -es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich -habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt -nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen. -Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die -letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor -mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder -ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines -Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in -dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!</p> - -<p>Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines -Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!</p> - -<p>Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> noch besorgt, wieder -zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe. -Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich -setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine -Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte -sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch -kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und -abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie -einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.</p> - -<p>Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden -Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in -den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so -leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der -honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den -Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und -Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu -fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in -die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine -Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet -bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du -wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> ruft und dir den Weg weist -an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!</p> - -<p>O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben -dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine -Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen, -der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir -erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der -Friede!</p> - -<p>Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt -mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als -möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die -Pforte ins Unendliche sein.</p> - -<p>Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch -weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast -stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die -Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz -gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen -müssen.</p> - -<p>Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte, -ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es -nicht zu.</p> - -<p>„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei -und soll für immer vorbei sein.<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich -ja nichts vom Leben.“</p> - -<p>Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie -war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen -Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen -würden.</p> - -<p>So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller -Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch -unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer -strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.</p> - -<p>Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube, -da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß, -hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum, -der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als -wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß -die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre -stillen Gebete hinein.</p> - -<p>Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit -ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich -Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.</p> - -<p>Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war -überhaupt seit meiner Assentierung so<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span> heiter, wie ich ihn nie gesehen -hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du, -ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem -Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus -der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“</p> - -<p>Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und -vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die -Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.</p> - -<p>Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und -meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor -dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden. -Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen -kann.“</p> - -<p>So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir -einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange -geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter -hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß -ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel -glücklich.“</p> - -<p>„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.</p> - -<p>„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf -unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner -sein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p> - -<p>Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da -gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche -Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die -Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen -und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz -Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.</p> - -<p>In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und -wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises, -schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen -huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in -meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.</p> - -<p>Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel -Leid über Marie und mich brachte.</p> - -<p>Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter -die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den -Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen -wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich -schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten. -Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still. -Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Trockenheit -die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar -Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in -der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch -schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele -verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so -scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken -Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze -Wolken seines herbwürzigen Atems.</p> - -<p>Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt -an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir -brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu -fühlen, genügte uns vollkommen.</p> - -<p>Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt -von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“</p> - -<p>„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.</p> - -<p>„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder -ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr -haben soll. Und mir ist auch –“</p> - -<p>Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen -drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p> - -<p>„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag -mir’s, du hast was sagen wollen!“</p> - -<p>Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte -sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein, -Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat -fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“</p> - -<p>Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich -tatsächlich in tiefster Seele trafen.</p> - -<p>„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie -schwer du mir damit das Fortgehen machst?“</p> - -<p>Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine -Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und -da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich -nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar -nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar -nichts, Marieli, gar nichts.“</p> - -<p>Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr. -Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll -und die Nacht war still, heiß und schwer.</p> - -<p>Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.</p> - -<p>Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> dahin. In jener Nacht -noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger -Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle -ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.</p> - -<p>Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand -ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche -durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich -Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich -in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.</p> - -<p>Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder -Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde -ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen -geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür, -ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“</p> - -<p>Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was -geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren -Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem -auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine -Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil -ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt -habe. Damals habe ich erkennen ge<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span>lernt, daß eine Frau alles geben, und -dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.</p> - -<p>Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten -die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier -auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold -hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei -der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot -der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die -Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.</p> - -<p>Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von -Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher, -und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der -Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem -Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher -über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht -durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.</p> - -<p>Und endlich war der Tag da.</p> - -<p>In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche, -ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können: -Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare -Kassette war drinnen, die einige Banknoten<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> barg. Es waren diejenigen, -die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.</p> - -<p>Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der -Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange, -lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort -kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können. -Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie -in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust -zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch -lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt. -Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du -kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“</p> - -<p>Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr -felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar -nicht aufkommen.</p> - -<p>Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch -einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“</p> - -<p>Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.</p> - -<p>Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch -Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein, -nein,<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’ -da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“</p> - -<p>Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ -sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf -Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und -wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen -sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“</p> - -<p>Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und -er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist -eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen -beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück -gescheh’n.“</p> - -<p>Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte -er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“</p> - -<p>Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal -kurzen, heißen Abschied nehmen.</p> - -<p>Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem -trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund -habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XII">XII.</h2> - -</div> - -<p>Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag -geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte, -da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über -die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten -Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen. -In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige -Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der -Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte -ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick -gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber -selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein -Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.</p> - -<p>Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen -in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal -höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord -aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das -langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden -Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von -der Natur<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span> sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch, -der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst -in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen -Verwesung, auch den Körper zu zerstören.</p> - -<p>Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in -teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken, -das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch -schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven -schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis -sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge -noch in stummer Frage emporrichtend: warum?</p> - -<p>Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend -in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner -Betrachtung aufschreckten.</p> - -<p>Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich -weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den -ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit. -Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und -wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich -auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf -und sah in den Himmel hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span></p> - -<p>Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler -nach.</p> - -<p>Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er -eine Nacht bei mir bleiben könne.</p> - -<p>Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich -nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die -Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle.</p> - -<p>„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber -ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts -anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden -das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu, -„denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das -Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr -es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah! -Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“</p> - -<p>„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“ -entgegnete ich lächelnd.</p> - -<p>Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und -Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen -Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja -kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“</p> - -<p>Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, der<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span> mir zur Wohnung diente, -noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte.</p> - -<p>Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald -erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte -er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner -groben Decken.</p> - -<p>Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen -tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich -unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat.</p> - -<p>Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind -auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“</p> - -<p>„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich.</p> - -<p>„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören. -Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s -gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“</p> - -<p>Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel -miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann -aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute, -was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen -haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß -ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde. -Ich freue mich, einen Menschen ge<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span>funden zu haben, dem der Friede ward, -und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste -Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so -halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“</p> - -<p>Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die -Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im -Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit -dem Hute zurück.</p> - -<p>Also auch einer, der auf den Wegen der Einsamkeit geht trotz Weib und -Kind. Er gibt Liebe, empfängt Liebe und ist doch einsam. Merkwürdig, -sehr merkwürdig das!</p> - -<p>Doch ich will zu meiner Geschichte zurückkehren.</p> - -<p>Ich war also jetzt Soldat. Daß mir der Kasernenton behagt hätte, kann -ich wohl nicht sagen, aber ich war es ja von der Anstalt her gewohnt, -mich einem größeren Haufen einzufügen und die da üblichen Späße nicht -gerade feiner Art wenigstens insoweit mitzumachen und mir gefallen zu -lassen, um nicht allein zur Zielscheibe derselben zu werden.</p> - -<p>Bei der Abrichtung war ich bald der erste und schon nach einem -Vierteljahr wurde ich zum Kanzleidienst kommandiert. Da man mich hier -sehr gut brauchen konnte und auch meine Vorstudien bekannt wurden, -war ich nach einem halben Jahre schon Korporal und genoß eine Art -Ausnahmestellung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p> - -<p>Niemand war froher als ich, als mir meine Übersetzung zum Kanzleidienst -bekannt gegeben wurde. Hier unterstand ich in erster Linie dem -Hauptmann und hatte mit den übrigen Offizieren, den Leutnants und -Oberleutnants, nichts zu tun.</p> - -<p>Unter Letzteren befand sich auch Oberleutnant von Steindl. Der war -nach der Aussage aller älteren Unteroffiziere früher ein sehr lustiger -und gutmütiger Mann gewesen; aber bald nach seiner Verheiratung -hätte sich sein Charakter gänzlich geändert und nun sei er einer der -ärgsten Soldatenschinder, dem eine Kleinigkeit genüge, um einen Mann -schließlich sogar auf die „Latten“ zu bringen.</p> - -<p>Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ -zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir -jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten -tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber -an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich -belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er -mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge -anschickt.</p> - -<p>Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge -gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser -Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen -solle. Warum, das wußte mir niemand<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span> zu sagen, daß es aber so sei, das -schien stadtbekannt zu sein.</p> - -<p>Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst -so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe, -aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie, -so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in -Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt -ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit -unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen -Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie -vorübergegangen sei.</p> - -<p>Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham -und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig -in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen -Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen -sein.</p> - -<p>Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich -gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden -hatte.</p> - -<p>Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und -der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der -Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span></p> - -<p>Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem -großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten -hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die -Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch -konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine -wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen -Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir -Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit.</p> - -<p>Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren -Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein -Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein -wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch -unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich -sehnsüchtigen Gedanken hin.</p> - -<p>Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben -wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie -da?“</p> - -<p>Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen.</p> - -<p>Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu -Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“</p> - -<p>„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keine<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> Privatbriefe!“ -donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“</p> - -<p>In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete -nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“</p> - -<p>„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich -in meiner Faust zusammenknitterte.</p> - -<p>Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu -haben Sie kein Recht!“</p> - -<p>Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm -den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und -als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen -versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht -mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen -und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies. -Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt, -nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller -als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese -Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem -Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut -empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant -geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikulierten<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span> -Schrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick -aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen -und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und -verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen.</p> - -<p>Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles -plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil -unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler -erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz -seines Säbels umgebracht.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach -einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein -tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine -höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung -gezogen worden.</p> - -<p>Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen -die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen -nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht -arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder -Muskel nach Betätigung schreit.</p> - -<p>Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben. -In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt -war. Wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> Tränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den -Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor -den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und -Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich -nicht getraute.</p> - -<p>So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie -sich an Marie das Schicksal erfüllte.</p> - -<p>Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie -mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir, -daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder -unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur -Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und -verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und -beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein -paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie -neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen. -Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß -ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe.</p> - -<p>Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen -und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum -Gefängnis<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span>rapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte -vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den -ganzen Sachverhalt zu erzählen.</p> - -<p>Und der Mann dachte menschlich.</p> - -<p>„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge -Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen, -vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“</p> - -<p>Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich -erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an -Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft -Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male.</p> - -<p>Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich -fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines -Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die -Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft3">Lieber Heini!</p> - -<p>Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben -mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er, -sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini,<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> -schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß -Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten. -Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.</p> - -<p class="right mright1">Deine Marie.</p> - -</div> - -<p>Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein -paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis -verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne -er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr -ein paar Wochen.</p> - -<p>Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von -dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die -vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete, -bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien -es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück -beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der -Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es -mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern -einrennen müssen.</p> - -<p>Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span></p> - -<p>„Weißt das neueste?“ rief er mir zu.</p> - -<p>Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen -können!</p> - -<p>„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“</p> - -<p>Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von -den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei -und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber -bald wurde ich eines besseren belehrt.</p> - -<p>Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage -zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus -dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt. -Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu -meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden.</p> - -<p>Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken -Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das -steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen -Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch -überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in -dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des -Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen -nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span> -spiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug -über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und -rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts -durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur -entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie -herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns -rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken, -weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der -stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen -Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein -romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save -entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze.</p> - -<p>Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag -also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken -lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach -bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden, -da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur -allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten.</p> - -<p>Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir -hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten -es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft -ge<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span>fangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen -von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren -herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber -das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen -orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem -primitiven Dache gedeckter Rauchfang.</p> - -<p>Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen -tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft, -die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden. -Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder -in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den -Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und -plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren -sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur -mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der -kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd -den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen.</p> - -<p>Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf -kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten -riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span> -lichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich -ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in -wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend -über mächtige Felsklötze stürzend.</p> - -<p>Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen. -Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir -bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und -Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden.</p> - -<p>Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern; -ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen -Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen.</p> - -<p>Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen -Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um -die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts -dirigiert, um jener die Flanken zu decken.</p> - -<p>Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein -Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch -Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an -Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken.</p> - -<p>Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahn<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span>sinnig und auch unsinnig -dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase -bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still, -stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das -Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der -aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten -Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und -hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand.</p> - -<p>Ein Kamerad und ich erhielten den Vorpostendienst und hatten die -einsame Kuppe zu beziehen.</p> - -<p>Über den fernen Karstgipfeln ging die Sonne zur Ruhe. In dem Goldstrom, -der von ihr floß, färbten sich die kahlen Felshöhen erst mit flammendem -Gelb, dann aber ging dieses in glühenden Purpur über, und der rann in -breiten Strömen hinab in die waldigen Schluchten und Täler und hing -in die dunklen Kronen der riesigen Fichten und Tannen ganze Lasten -von Rosen, die aber immer blässer und blässer wurden. Wie zu Hause in -meinen Bergen war das, und jetzt war mir, als müsse der leise Klang der -Abendglocke ertönen. Und ein geliebtes Antlitz tauchte vor mir auf, -ein schmales, süßes Gesicht mit blauen Augen. Ich sah die Augen mit -stummer, aber inbrünstiger Bitte gegen Himmel gerichtet: gewiß, jetzt -betete Marie für mich, denn nun war’s ja auch zu Hause Avezeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span></p> - -<p>Ich hatte Marie vor unserem Abmarsch schnell noch ein paar Zeilen -schreiben können und wähnte sie getröstet, soweit ein Frauenherz -getröstet sein kann, das den Geliebten in fernem, feindlichem Lande -weiß.</p> - -<p>Und auf einmal durchrieselte mich ein eigenartiger Schauer: mir fiel -ein, daß nun Marie nicht mehr allein sei; dort im Norden, wo die Nacht -ihre dunklen Schleier an den Himmel hängte, dort lag mein Kind, und die -Heimatwälder rauschten ihm ein Schlummerlied, weil der Mutter selbst -die Lippen von Weh und Sorge verschlossen waren.</p> - -<p>Aus meinen Träumen riß mich die Stimme meines Kameraden, der meinte: -„Saudumm, daß wir da heroben stehn müssen. Ist eh weit und breit nit -einmal eine Katz, viel weniger ein Bosniak. Da schau, wie sich’s die da -drunten gut g’schehn lassen.“</p> - -<p>Und er wies mit dem Finger auf die Halde hinab, auf der die Lagerfeuer -flammten und von wo ab und zu dumpfes Stimmengewirr zu uns empordrang.</p> - -<p>„Na tröst’ dich,“ erwiderte ich „morgen trifft’s dafür andere, dann -können wir’s uns gemütlich machen.“</p> - -<p>Arm in Arm gelegt, das Gewehr bei Fuß sahen wir hinab.</p> - -<p>Plötzlich ein Knall, ein klirrender Ton in unmittelbarer Nähe, und -mein Kamerad riß seinen Arm aus dem meinen. Ein Schuß hatte die -Menageschale<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> auf seinem Tornister getroffen und wie wir uns nun -umdrehten, pfiff eine zweite Kugel hart an meinem Ohre vorbei.</p> - -<p>Hinter einem großen Felsblock wurden zwei Gestalten flüchtig, eine -höhere, dunklere, augenscheinlich ein Mann, und eine kleinere in -lichter Kleidung, eine Frau.</p> - -<p>Wir rissen unsere Flinten an die Wangen und fast gleichzeitig krachten -unsere Schüsse den wie Katzen gebückt Davonspringenden nach. Und wir -hatten getroffen. Die kleinere Gestalt warf die Arme empor und sank zu -Boden. Der Mann wollte sie fortziehen, aber schon hatten wir wieder -geladen und wieder krachten unsere Schüsse über die steinige Hochfläche -hin. Zugleich schmetterten vom Lager herauf die Alarmsignale und -Kommandorufe ertönten.</p> - -<p>Da eilte der Mann fort und wir stürmten ihm nach. Bald waren wir bei -der Getroffenen. Es war eine junge, bildschöne Frau. Rabenschwarzes -Haar quoll unter einer kleinen roten Mütze hervor, in krampfhaften -Stößen hob sich die jugendstrotzende Brust unter dem weißen Hemd, über -das sich noch ein rotes, goldgesticktes Leibchen spannte, und als die -Sterbende nochmal das Auge aufschlug, das schöne, tiefdunkle Auge, da -war mir’s mit einem Male, als wäre es Heri, die da vor mir läge.</p> - -<p>„Wie eine Wildkatz,“ meinte mein Kamerad.</p> - -<p>Aber wir hatten nicht Zeit uns Betrachtungen<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> hinzugeben, denn eben -pfiff wieder eine Kugel an unserem Ohre vorbei: im nächsten Augenblick -lagen wir hinter einem Felsblock in Deckung und begannen das Feuer zu -erwidern, das uns hinter einem von Gestrüpp umwucherten Felswall hervor -entgegenschlug.</p> - -<p>Schon kam aber auch unsere Hilfe. Jede Deckung verschmähend, sprangen -die Kameraden, unser Oberleutnant voran, durch die Felsblöcke daher und -rollende Salven schlugen in das Gebüsch, die das dortige Feuer rasch -verstummen machten.</p> - -<p>Als wir dann das Gebüsch absuchten, fanden wir zwar Blutspuren, aber -weder Tote noch Verwundete. Die hatten die Insurgenten mitgenommen, -wie sie das auch immer taten, wenn ihnen nur halbwegs die Möglichkeit -geboten war.</p> - -<p>Das war unser erster Zusammenstoß mit dem Feinde.</p> - -<p>Nachdem die ganze Umgegend abgesucht worden war und die Posten -verstärkt waren, kehrte die Truppe ins Lager zurück. Mein Kamerad und -ich blieben auf unserem alten Posten.</p> - -<p>Schimmernd im Lichte unzähliger Sterne war die Nacht gekommen. -Weithin wundersame Stille, nur ein ganz, ganz leises Rauschen der -Wälder zu unseren Füßen und ein geisterhaftes Flüstern in dem dürren -Gras zwischen den Felsblöcken. Und dort drüben lag ein junges, -schönes, totes Weib. Noch<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> vor ein paar Stunden hatte sie nichts von -uns, wir nichts von ihr gewußt, und nun lag sie von unseren Kugeln -dahingestreckt, und ihre gebrochenen dunklen Augen fragten die -friedlich ziehenden Sterne dort droben: warum?</p> - -<p>Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des -bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all -dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das -Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an -dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus -seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling -treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen, -immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem -ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also?</p> - -<p>Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen -wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden -und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß -bewahrt.</p> - -<p>Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel -und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen -sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und -es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über die<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> verstümmelten -Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig -anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren.</p> - -<p>Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht -Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin -aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten, -führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus.</p> - -<p>Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons, -und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er -hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte -er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen.</p> - -<p>Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend -die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen -Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so -beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren. -Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen, -die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte.</p> - -<p>Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte -Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann -tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz für<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> -eine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand.</p> - -<p>Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte -emporklettern, um Ausschau zu halten.</p> - -<p>Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig -wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im -nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.</p> - -<p>„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht -hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns -wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern, -das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren, -entgegensprühte.</p> - -<p>Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber -nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der -ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren -ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den -Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst -unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir -den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die -hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und -mancher der hageren, braunen Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span>sellen mußte an die Treffsicherheit -österreichischer Alpensöhne glauben.</p> - -<p>Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen -Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer -Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen -Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar -an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber -vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem -Tode bezahlt werden.</p> - -<p>Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns -gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber -immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück.</p> - -<p>Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum, -ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend.</p> - -<p>Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den -Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend, -suchte er sich das Ziel für seine Schüsse.</p> - -<p>Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“</p> - -<p>Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem -der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.</p> - -<p>Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span> Stücklein seitens -unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen -Feldzuges so außerordentlich reich ist.</p> - -<p>Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete -er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit -dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank -auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.</p> - -<p>In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der -Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein -persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und -ich mußte mich seiner annehmen.</p> - -<p>Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf -dem Bauche zum Oberleutnant.</p> - -<p>„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“</p> - -<p>Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt -und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“</p> - -<p>Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte -den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in -seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine -Züge.</p> - -<p>„Sie, Binder?“ sagte er leise.</p> - -<p>„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.</p> - -<p>Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad!<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span> – Ich bin fertig! -Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat -gestorben.“</p> - -<p>Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in -den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der -ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.</p> - -<p>Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an -den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir -dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr -Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“</p> - -<p>Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine -Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll -meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren -Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb – lieber als mich.“</p> - -<p>Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen -sie noch an mein Ohr.</p> - -<p>Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher -Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.</p> - -<p>Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ – vergeblich, er -war heimgegangen.</p> - -<p>In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des -Sterbenden brachten mich außer<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span> mir. Gedankenabwesend sprang ich auf -und begann wieder zu feuern.</p> - -<p>Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem -Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.</p> - -<p>Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur -so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes -„Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern -aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz -eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine -Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.</p> - -<p>Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.</p> - -<p>„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s -erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man -schon noch zusammen.“</p> - -<p>Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der -nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht, -und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die -schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett -und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XIII">XIII.</h2> - -</div> - -<p>Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal -und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen -haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt -und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im -Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen -saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das -Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen -und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das -noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen, -ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen -sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.</p> - -<p>Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag -keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den -Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine -Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so -süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas -Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen -möchte.</p> - -<p>Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> ein Gewitter. Schon -um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den -Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend -grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der -nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken -zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert -dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und -abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten -Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und -zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß -und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.</p> - -<p>So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen -alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann -zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des -Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten -Tiefen hinab.</p> - -<p>Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut -unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel -gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die -stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm -seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die -aus seinen eigenen Gründen emporwallen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span></p> - -<p>Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst -quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille -Heiterkeit des Wesens trüben.</p> - -<p>Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue -Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie -er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst. -Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen -leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende -Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht: -„Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der -in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da -ist, ist mein!“</p> - -<p>Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in -die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem -Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf -denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter -Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie -Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in -sich trägt, ist zum Messias berufen!“</p> - -<p>Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es -sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in -die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> Menschentums -wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen -lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.</p> - -<p>Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit -tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine -Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will, -der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir -nach!</p> - -<p>Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und -es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer -Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht -auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen; -aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf -der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb -mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln -kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen -Himmelsostern des Friedens.</p> - -<p>Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese -Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich -selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der -weiten Welt!</p> - -<p>Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> damals angefangen hat, -als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen, -die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte -mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien -und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit, -daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken -zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen -Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen -konnte ich nicht ins Auge sehen.</p> - -<p>Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren -naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.</p> - -<p>Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken. -Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein -Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht -verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk -ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und -es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal -würde gebrauchen können.</p> - -<p>Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber -nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache -früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war, -wollte ich Marie heiraten. War Bartel<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> damit einverstanden, dann wollte -ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam -führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten -wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein -kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß -wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das -hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich -fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal -durch wackere Arbeit zu meistern.</p> - -<p>Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun -stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns -werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der -Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch, -wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.</p> - -<p>Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz -erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich -hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte -nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben -sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem -stillen Gebirgsgraben nichts.</p> - -<p>Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen -dahin. Der Arzt konnte mir<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß -mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch -nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als -der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich -besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk, -wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr -gewachsen.</p> - -<p>Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden -konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren -Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der -Heimat zu.</p> - -<p>Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.</p> - -<p>Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei -unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und -ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß -der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und -als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über -vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich -leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich -die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees -hernieder.</p> - -<p>Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> Regenrieseln, und als ich -mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr, -wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.</p> - -<p>Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden -Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort -eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der -Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und -Bier und Braten und Zigarren dankte.</p> - -<p>Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner -Marie, zu meinem Kinde.</p> - -<p>Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die -Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie -Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch -wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem. -Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde -mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen -entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige -Pflichten.</p> - -<p>Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von -meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und -wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung -hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus -meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem -Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur -Heimat zu stärken.</p> - -<p>Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich -nun gleich zu mir.</p> - -<p>Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen, -und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele -brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer -weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit -erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend -nach Hause kommen.</p> - -<p>„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in -seiner Neugierde gesättigt.</p> - -<p>„Wohin soll ich denn gehen?“</p> - -<p>„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint, -weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner -geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du -dir am End um was anderes umschauen tätst.“</p> - -<p>Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße -versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust -drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr -hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen -und ich hatte nicht gezittert,<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span> war nicht erbleicht. Nun aber ging ein -Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig -in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.</p> - -<p>„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer -erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“</p> - -<p>„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.</p> - -<p>„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder, -„du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben -können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den -Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das -Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“</p> - -<p>Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben -das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen -sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den -Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die -Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und, -wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen -Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der -Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur -mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter -gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span> von Grund auf -umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.</p> - -<p>Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen -nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht, -wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere -und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser -Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich -wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!</p> - -<p>Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr. -Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war -nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube -war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache -redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und -ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in -später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube -verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht -von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die -alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die -Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die -Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der -Heinrich Binder sei.</p> - -<p>Was nun anfangen? In immer schmerzlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> mein Herz zerwühlenden -Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute -Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den -Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich -seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit -Marie gesessen war.</p> - -<p>Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen -war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben -an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und -verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten -Welt.</p> - -<p>Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein -Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.</p> - -<p>Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck -– und alles ist nicht mehr.</p> - -<p>Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem -Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch -zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s -einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?</p> - -<p>Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen, -was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich -damals,<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht, -wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all -meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen -Besitz nahm.</p> - -<p>Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im -Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.</p> - -<p>Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde -ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.</p> - -<p>Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn -Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben -nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.</p> - -<p>Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer -Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser -Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme -so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht -gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar -Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht -doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je -mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es -für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der -Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span> letzten Akt in der Tragödie -meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger -Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen -lassen.</p> - -<p>Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu -enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in -Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da -sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite -Verworfener liegen.</p> - -<p>Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab -gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im -Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe -sich die Kehle durchschnitten hatte.</p> - -<p>Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.</p> - -<p>Noch eine Weile saß ich so, – ließ mein Leben an mir vorüberziehen und -stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid -hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert -war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!</p> - -<p>Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah -ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die -Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span></p> - -<p>Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus -Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein -Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.</p> - -<p>Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen: -„Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“</p> - -<p>„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber -sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“</p> - -<p>Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch -erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’ -euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten -bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“</p> - -<p>Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches -Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst -schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine -Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst -bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das -ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“</p> - -<p>„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal -geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“</p> - -<p>„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> schüttelte ungläubig den -Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“</p> - -<p>„Das ist nit möglich!“</p> - -<p>„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst -von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner -um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix -draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich -auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel -zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr -Kind gleich einen Vater gehabt.“</p> - -<p>„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend.</p> - -<p>„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein -bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden. -Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der -Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im -Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du -jetzt?“</p> - -<p>„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür, -jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es -soweit mit mir gekommen war.</p> - -<p>Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles -erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span></p> - -<p>Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann -sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an -und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht -einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein -großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen -verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst -du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch -noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und -Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres -gefunden hast, könntest es ja probieren!“</p> - -<p>Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat -zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern -mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den -dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder -den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe, -liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte, -ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller -Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras -strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu -hören und zu fühlen: du bist daheim.</p> - -<p>Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf -verließ, da er noch Geschäftsgänge<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> hatte, und mich auf den Bahnhof -bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte -hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe, -wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott -emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich -auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das -Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich -das Leben gemacht.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XIV">XIV.</h2> - -</div> - -<p>Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden. -Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum -Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis -ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem -engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr -zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der -Weltfreude das Auge aufschlägt.</p> - -<p>Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.</p> - -<p>Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was -irdische Seligkeit ist! Nur die ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> Großen, die Menschen mit dem -Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus -und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen -trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.</p> - -<p>Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele -in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen -dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an -dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst -verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an -und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu -schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst -verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an -die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert -dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse -dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein, -so lange du mich liebst.“</p> - -<p>Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam -zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue -Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen -entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache -pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> Wandel -und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das -Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus, -daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.</p> - -<p>Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich -wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen, -das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da -in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich -zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten -stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.</p> - -<p>Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen -Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie -ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit -überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre -gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die -Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit -seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark -bleiben können und müssen.</p> - -<p>Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der -Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der -Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span> ruhig -und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.</p> - -<p>Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die -segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den -Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die -Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich -ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber -glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja -überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.</p> - -<p>Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll -hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur -eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab -und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu -rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen -Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft -für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen -wollte.</p> - -<p>Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war -meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser -ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht -und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter -Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und -er<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn -abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht -einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem -ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.</p> - -<p>Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft -sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und -wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde, -sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen -Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen -zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und -hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen -Arbeiten selbst besorgen konnte.</p> - -<p>Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr -bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte -Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit -wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten -können.</p> - -<p>Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete, -die in der Mühle aus und ein gingen.</p> - -<p>Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man -in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter, -einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span> Familien -ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium -die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager -Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend. -Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder -allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und -strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt -aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders -werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines -Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.</p> - -<p>Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln, -die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal -siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade -in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war -unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir, -wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr -brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde? -Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab -ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah -und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein -lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen -Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span> einen, der auch -diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in -Demut aufzunehmen hat.</p> - -<p>Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten -einen gewaltigen Stoß erfahren.</p> - -<p>Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.</p> - -<p>In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich -schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor -mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz -behaftet.</p> - -<p>Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir -ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was -an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der -Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß -Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz -bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun -näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir -die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr -doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte -und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.</p> - -<p>Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt, -fühlte aber, daß mich Marie ansah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span></p> - -<p>Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit -einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte, -und da mußte ich ihr doch danken.</p> - -<p>„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du -noch an meine arme Mutter denkst.“</p> - -<p>„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.</p> - -<p>Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte -mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war -Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir, -daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der -Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite -hörte.</p> - -<p>Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau, -es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s -gekommen ist.“</p> - -<p>Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über -die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich -dauert’s nimmer zu lang.“</p> - -<p>„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“</p> - -<p>Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren -Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das -–“ ihr Blick glitt<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span> an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine -Mutter wohl nie kennen lernen.“</p> - -<p>Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für -möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’ -mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür, -daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich -kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das -nit.“</p> - -<p>Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini, -laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen, -denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine -will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“</p> - -<p>An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle -hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu -beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende, -wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in -der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die -Dahingegangenen einen Rosenkranz.</p> - -<p>Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im -Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben -war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein -Glück geben könne.</p> - -<p>„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme,<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> „ich kann mich -nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler -gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“</p> - -<p>Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz -einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig -zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern -würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war -ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und -Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat -möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese -Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das -wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.</p> - -<p>Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens -vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem -Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an -der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und -Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren -Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort -kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu -beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender -wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage,<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span> als die Kranke -schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser, -ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie, -i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott -nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in -einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ – der -Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte, -wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und -sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte – -„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber, -viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen, -hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer -und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der -kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß, -Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i -will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei -mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“</p> - -<p>In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte -mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl -gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.</p> - -<p>„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war -mir, als habe unser Herrgott<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span> selbst gesprochen und am Abende desselben -Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch -sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser -ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis -heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“</p> - -<p>Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten -Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du -alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich -verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur -eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“</p> - -<p>In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht -ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes -Weib, gebrochen an Leib und Seele.</p> - -<p>„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind -halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da -bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich -habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und -schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“</p> - -<p>Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige, -was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“</p> - -<p>Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem -Armensünderwinkel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span></p> - -<p>„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für -dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s -sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat -das Leben nit weniger hergenommen.“</p> - -<p>Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue -flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen -Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da -brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht, -beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch -immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich -und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich -wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat, -das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere -Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da. -Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken, -daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick -ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf -wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles -ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird -schon wissen, was er mit uns will.“</p> - -<p>Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span> dort verabschiedete -ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald -empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein -Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein -und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen -war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so -weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen -Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den -trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es -ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle -zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen -könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein, -noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar -genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es -wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte, -woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.</p> - -<p>Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben -ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine -Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen -Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und -ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span></p> - -<p>Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte -Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner -hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie -sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken -lassen.</p> - -<p>Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß -ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer -Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten -und Händel ab.</p> - -<p>So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein, -daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach -geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen, -wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur -Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus -dem Eise herauszuhauen.</p> - -<p>Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom -Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war -am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom -Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends -fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die -Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen -sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p> - -<p>Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze -Mühlenpersonal – Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte -Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers – wurden aufgeboten. -Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum -Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf -die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom -Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über -eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee -hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine -Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu -entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen. -Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.</p> - -<p>Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die -einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im -Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens -nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu -heucheln brauchte.</p> - -<p>Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz -empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich -Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin. -Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß -mich das Schicksal<span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span> zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat -zurückgeführt habe.</p> - -<p>An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich -wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht. -Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er -hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.</p> - -<p>Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so -furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit -gedacht hatte.</p> - -<p>Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung -stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in -die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel -vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr -auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine -Forderungen präsentierte.</p> - -<p>Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit -dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries -Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich -gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie -gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male -klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span></p> - -<p>Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer -Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse -gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal -hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der -Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?</p> - -<p>Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.</p> - -<p>Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die -noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.</p> - -<p>Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine -umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine -Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter -wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte -mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.</p> - -<p>Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie -eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und -meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen -laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf, -schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich -seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen, -der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn -deine Schwester Wirtschaf<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span>terin ist, statt eine fremde Person. Bartel, -überleg dir’s!“</p> - -<p>„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar -Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige -Mägen haben.“</p> - -<p>„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie. -„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf -den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die -Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet, -bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“</p> - -<p>„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf. -Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“</p> - -<p>Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich, -Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in -meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur -dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers -Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich, -Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“</p> - -<p>Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da -klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich -hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du -weiterkommst mit deinem Bankert.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span></p> - -<p>Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die -Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du, -einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als -du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft -du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau -mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal -sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und -darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein -miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen -ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“</p> - -<p>Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen -dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.</p> - -<p>In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es -zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.</p> - -<p>Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag -zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast -gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.</p> - -<p>Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf -und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor -Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span> Tischkante lag das -Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.</p> - -<p>Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!</p> - -<p>Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste -mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war, -auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.</p> - -<p>So bin ich zum Mörder geworden.</p> - -<p>Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat -stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was -immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe -wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.</p> - -<p>Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich -mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu -bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am -Tischfuße lag.</p> - -<p>In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also -bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen -Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.</p> - -<p>In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben -die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken -nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten -erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich -vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich -getan.</p> - -<p>Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten -sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der -Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten -Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen, -fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde -aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt. -Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor -allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen -anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um -ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer -ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine -militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher -darausgekommen.</p> - -<p>Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine -gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst -keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie -die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also, -ohne dies zu<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor -fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XV">XV.</h2> - -</div> - -<p>Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist -vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und -färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich -hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie -keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den -Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und -ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen -kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge -und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu -sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt -hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in -weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter -will nicht kommen.</p> - -<p>Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises -Piepsen laut, die Rehe und Hirsche<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> ziehen langsam zum See und scheinen -wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn -wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend -die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen -langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den -Hochwald zurück.</p> - -<p>Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen, -ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht -ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh -ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s, -als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß -durchbebt.</p> - -<p>Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in -geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese -Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur -entfremdet hat.</p> - -<p>Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern -auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine -göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte -sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und -als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön -gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span> unverstandene -Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten -durch die traumstille Seele huscht.</p> - -<p>Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens -geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf -meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.</p> - -<p>Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit -anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde -stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken -aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre -Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf -meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in -einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte, -unerbittliche Notwendigkeit.</p> - -<p>Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam -meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte -die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“</p> - -<p>Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“</p> - -<p>Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele -hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer -liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span> -schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark -und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s -verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen -möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist -Kraft.“</p> - -<p>Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir -gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir -vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses -graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr -mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.</p> - -<p>Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was -noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann -war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.</p> - -<p>Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg -vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen -zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst, -so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen -Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das -Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.</p> - -<p>Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen -abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines -stand fest in<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein -Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun -haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein -Leitstern sein.</p> - -<p>Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß, -die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für -mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher -Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war, -Aufseher über den Holzplatz werden.</p> - -<p>Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner -Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.</p> - -<p>Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.</p> - -<p>Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie -hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war -gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.</p> - -<p>Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide -Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“</p> - -<p>Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe, -Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner -Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.</p> - -<p>Es herrschte eine Weile Stille.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p> - -<p>Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat -bist du frei?“</p> - -<p>Ich nickte und sah sie fragend an.</p> - -<p>Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini, -ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“</p> - -<p>Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht -mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht -nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem -Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal -allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz -oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte, -ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst -und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden -die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders, -bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“</p> - -<p>Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte: -„Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist -für mich das Wichtigste.“</p> - -<p>„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat -schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch -einmal aufgeweckt würde.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p> - -<p>Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns -hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu -fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher -zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht -über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht -besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei -einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und -wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir -wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für -mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in -Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“</p> - -<p>Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.</p> - -<p>In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er -verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich: -„Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als -ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich -gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts -schuldig.“</p> - -<p>Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das -glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir -nichts mehr dran,<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> und du willst dich selbst auch schlecht machen. -Heini, das darfst du nimmer sagen!“</p> - -<p>Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst, -als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist -mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso -gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt -nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir -nichts mehr.“</p> - -<p>Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“</p> - -<p>„Auch du nicht.“</p> - -<p>Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.</p> - -<p>In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher -Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe -die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht -nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch -verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so -verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend -etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im -Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein -kann.“</p> - -<p>Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein -zarter Sonnenstrahl leuchtete<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span> es in denselben auf, als sie sprach: -„Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s -einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur -mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also -gib mir die Hand darauf.“</p> - -<p>Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit -der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.</p> - -<p>Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche -für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.</p> - -<p>Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und -vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel -brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein -Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich -auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die -Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.</p> - -<p>Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter -geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen -lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem -Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen -der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span> Sänger. Und da -wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die -Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. -Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu -sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor -der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße -Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender -Sommertage.</p> - -<p>Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes -Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast -an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden -mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem -lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages. -Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen -sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all -die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit. -Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh -begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends -sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und -kann tot sein, was neues Leben schafft?</p> - -<p>Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und -eine starke Faust hätte ihn nun<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span> plötzlich weggerissen. Eine Segensflut -heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend -ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben. -Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. -Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt -hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze, -so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser -riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne -zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und -einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden -sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die -Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.</p> - -<p>So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir -Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.</p> - -<p>Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß -einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu -kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen. -Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer -für sich selbst.</p> - -<p>Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch -ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem -Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören. -Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!</p> - -<p>Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher -aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem -zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die -Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein -dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der -Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe -zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der -Notwendigkeit zu entziehen.</p> - -<p>Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen! -Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück -liegt doch so nahe!</p> - -<p>Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der -Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und -Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.</p> - -<p>Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in -meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die -jemals in mein Leben getreten sind!</p> - -<p>Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die -Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.</p> - -<p>Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> Fäden, und wenn ich -Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über -ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf -seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind -und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.</p> - -<p>Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir -gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater -nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens -an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte -Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.</p> - -<p>Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens -aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde -gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da -sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen -und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.</p> - -<p>Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen -wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht -aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus -großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von -dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter -und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdi<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span>schen -Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen -kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme -und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der -tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und -im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der -Ewigkeit ins Land des Friedens.</p> - -<p>So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde -kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele -durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der -ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XVI">XVI.</h2> - -</div> - -<p>Eben war ich gestern daran, unter diese Blätter der Erinnerung das -Schlußwort zu setzen, da wurde ich unterbrochen: Heri ist zu mir -gekommen und Marie hat sie zu mir geführt.</p> - -<p>Ins Schreiben vertieft, sah ich nicht, wie sie beide herankamen; erst -als sie schon unter der Türe standen, machte mich der Schatten aufsehen.</p> - -<p>„Heinrich,“ sagte Marie, „ich habe da jemand gebracht, der mit dir -reden will! Kennst du diese Frau?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span></p> - -<p>Und ob ich sie erkannte! Sie sah wohl älter aus, als sie war und -jedenfalls viel älter als Marie, ihr Haar war grau und Kummer hatte mit -scharfem Meißel in ihrem Gesicht seine Spuren eingegraben, aber das -Auge, das dunkle, das hatte sein wundersames Leuchten nicht verloren, -wenn auch jetzt eine bange Frage darinnen lag.</p> - -<p>Ich verstand diese Frage und ruhig beantwortete ich sie damit, daß ich -Heri die Hand bot und sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau. Es freut mich, -Sie wieder einmal zu sehen.“</p> - -<p>„Ich hatte gehört, daß Sie hier sind,“ sagte sie noch immer scheu und -unsicher, „und da ich im Schloß drunten eine Sommerwohnung bezogen -habe, konnte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, Sie einmal -zu sprechen. Ich habe ja noch etwas abzubitten!“</p> - -<p>Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz -gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es -auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen -haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach -Ruhe.“</p> - -<p>Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in -ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten. -Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen?</p> - -<p>„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span> Ihnen nichts zu -verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das -Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten -sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals -draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich -nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird, -aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was -geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“</p> - -<p>Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß -Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag -vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und -von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles -zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“</p> - -<p>Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung. -Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und -ahnte.</p> - -<p>Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei, -die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um -die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um -den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes -Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und -sie war es auch gewesen, die dann auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span> Heirat mit dem Oberleutnant -von Steindl gedrängt hatte.</p> - -<p>„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich -für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach -kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr -Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die -Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die -häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen, -Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle -Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über -ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht -zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann -nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo -ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es -ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein -Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er -einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“</p> - -<p>„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein.</p> - -<p>„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß -er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem -Vater sagen zu können.</p> - -<p>Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span> und als er als -schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz -auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das -Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich -mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als -er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum -Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine -Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf -fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache -hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in -diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar -gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat -an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen. -Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem -Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet, -als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale -erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie -mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“</p> - -<p>Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß -ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus -aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie -nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span> und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst, -längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch -geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine -Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich -zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen -Menschen verantwortlich machen.“</p> - -<p>Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann -nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir -aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren -konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt.</p> - -<p>Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es -mir: „Aber Heri!“</p> - -<p>Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler -und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“</p> - -<p>Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen -Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus -unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir -wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen -hat.“</p> - -<p>Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir -drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne -über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span> wir wollen sie genießen, -solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine -Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir -noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden -sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“</p> - -<p>Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du -nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast. -In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe -geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan? -Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu -stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer, -sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von -irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist -demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse -dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke -dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum -ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="mtop2">Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame -Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat. -Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span> -seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte.</p> - -<p>Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den -Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt.</p> - -<p>Zwei Tage nach ihrer Begegnung mit dem Jugendgeliebten stieg sie wieder -mit Marie und ihren beiden Enkeln zur einsamen Köhlerhütte empor.</p> - -<p>Es war der letzte Augusttag, glutzitternd, wie die vorausgegangenen.</p> - -<p>Während die Frauen mit dem Freunde im Schatten der Hütte saßen und von -vergangenen Tagen sprachen, trieben sich die Kinder im Hochwald umher.</p> - -<p>In ihr Geplauder vertieft, hatten es die drei Menschen nicht acht, daß -über dem Gamsstein ein tellergroßes Wölklein aufgezogen war, das rasch -anwuchs, die Sonne erst in dunstige Schleier hüllte und dann immer -dunkler sich färbend, sich mehr und mehr über die Berggipfel senkte. -Erst als der erste bange Windstoß durch den Wald fuhr, da schreckten -die ganz in ihre Erinnerungen vertieften Menschen auf.</p> - -<p>Ein Blick zeigte dem des Wetters kundigen Manne, daß in der nächsten -Viertelstunde schon das Gewitter losbrechen mußte.</p> - -<p>Da eilten alle drei, nach den Kindern rufend, in den Wald. Endlich ward -ihren angstvollen Rufen Antwort. In dem Wildgraben, der vom See zum<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span> -Gamsstein emporzieht, waren die beiden über Felsblöcke und Trümmerwerk -emporgeklettert und nun schwenkten sie hoch herab ihre weißen Strohhüte -und jubelten ihr stolzes: „Hurra!“</p> - -<p>Da erhob Frau von Steindl ihre Stimme: „Kommt augenblicklich herab, -in der nächsten Minute ist das Gewitter da!“ Und als wollte die Natur -selbst ihre Warnung bestätigen, brach aus dem dunklen Wolkentuch ein -fahler Blitz und langhin durch die Felsen rollte der erste Donner.</p> - -<p>Nun begannen die Knaben abwärts zu klettern. Aber das ging noch -langsamer als das Aufwärtssteigen, und als sie etwa ein Viertel ihres -Weges zurückgelegt hatten, da flammte plötzlich ringsum blendender -Schein, als schlage der ganze Wald in einer einzigen Lohe empor, der -Boden bebte unter betäubendem Krachen und im nächsten Augenblick -barsten die Wolken und mit dem mächtigen Rauschen eines Stromes -schütteten sie ihr Wasser auf die ausgedorrte Erde.</p> - -<p>Und nun war ein Brausen und Rollen und Schmettern und Flammen und -Lodern ringsum, als sei der Tag der allgemeinen Vernichtung gekommen.</p> - -<p>In den dichten Regenschleiern verschwanden die Knaben für einen -Augenblick und die beiden Frauen schrien auf. Aber da erschienen sie -auch schon wieder. Die Angst gab ihnen Kraft und Gewandtheit, daß sie -schier wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen.</p> - -<p>Heinrich Binder aber war bis an den Rand des<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span> Wildbachbettes -vorgesprungen und warf einen Blick in dieses hinab. Richtig, was er -befürchtet, war eingetroffen, schon wälzte sich ein brauner Bach durch -das Bett, das mit jedem Augenblick stieg und immer mehr und mehr -Schlammassen herabwälzte. Keine fünf Minuten mehr und er war so stark, -daß er die Knaben mit sich reißen mußte, hinunter in die grausige Tiefe -des Sees.</p> - -<p>Auch die Knaben hatten die Gefahr erkannt und begannen zu schreien.</p> - -<p>„Habt keine Angst,“ rief ihnen der Kohlenbrenner zu, „springt da herab! -Schaut, daß ihr auf den Stein dort kommt!“</p> - -<p>Damit wies er auf einen Felsblock in der Mitte des Wildbettes, um den -die braunen Schlammwasser zischten und schäumten.</p> - -<p>Glücklich erreichte ihn der größere der Knaben und da sprang auch schon -der Kohlenbrenner in die unheimlich rasch steigende Flut, watete die -paar Schritte hinüber, faßte ihn und trug ihn ans rettende Ufer.</p> - -<p>Der Kleinere aber, der nicht so rasch hatte folgen können, hatte sich -ein kleines Stück weiter oben an einen Felsen angeklammert und schrie -in seiner Todesangst wie ein Wahnsinniger.</p> - -<p>Aber schon stand Heinrich Binder wieder im Wasser und obwohl er den -Grund unter sich fortrieseln fühlte und Steine dahergesaust kamen, er -arbeitete sich keuchend bis zu dem Knaben empor, der sich ihm an<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span> den -Hals warf und diesen umklammerte, daß der Retter kaum atmen konnte.</p> - -<p>Aber nun zurück. Binder hielt sich an der felsigen Uferseite, denn in -der Mitte des Bettes war kein fester Grund mehr zu fassen. In jede -Ritze der Felsen krallte er seine Finger, jede Zacke umklammerte er, -mit dem Fuß zugleich immer nach dem nächsten sicheren Tritt tastend. -Schon war er in nächster Nähe der Stelle, wo die zurückweichenden -Felsen einen Sprung ans Ufer gestatteten, da schoß ein mächtiger -Wasserschwall daher, er verlor den Grund, taumelte und wäre unfehlbar -samt dem Knaben in die Tiefe gerissen worden, wenn nicht Frau von -Steindl, ohne sich zu besinnen und das eigene Leben in die Schanze -schlagend, in die quirlende Flut gesprungen wäre und mit der Kraft, die -die Verzweiflung gibt, nach dem Köhler gefaßt hätte, während sie mit -der Linken zugleich einen Fichtenschößling umkrallte, der am Ufer stand.</p> - -<p>Und wirklich gelang es, daß sich der Köhler mit ihrer Hilfe wieder -auf die Beine brachte. Während seine Hand ebenfalls nach dem -Fichtenschößling griff, keuchte er ihr zu: „Schau, daß du hinauskommst -und nimm das Kind, ich komm schon nach!“</p> - -<p>Aber fast im selben Augenblick schoß, von den Fluten dahergesprengt, -ein kopfgroßer Stein gegen seine Brust und mit ächzendem Aufschrei -wollte Binder eben den Fichtenschößling loslassen, als auch Marie<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span> -herbeisprang, den neuerdings Taumelnden erfaßte und mit Aufwendung -aller Kraft ans Ufer zog.</p> - -<p>Heinrich Binder war gerettet und ebenso die beiden Knaben. Während aber -die Kinder mit dem bloßen Schrecken und vollständiger Durchnässung -davongekommen waren, sah es mit jenem schlecht aus.</p> - -<p>Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und aus seinem Munde -sickerte Blut. Heinrich Binder war ohnmächtig und er kam auch nicht zum -Bewußtsein, während ihn die beiden Frauen durch den Wettersturm in die -Hütte schleppten.</p> - -<p>„Da muß ein Doktor her!“ keuchte Marie. „Bleib du bei ihm, ich laufe in -die Mühle hinab.“</p> - -<p>Und durch den Regenguß und das Brüllen und Flammen um sie, eilte sie in -die Mühle, und während ihr Sohn mit seinem leichten Wägelchen nach dem -Doktor jagte, stieg sie mit stürmendem Herzen wieder empor zum Seeforst.</p> - -<p>Heriberta von Steindl hatte einstweilen die beiden Knaben des -triefenden Gewandes entkleidet und in Decken gewickelt auf der weichen -trockenen Streu des Nebenraumes gebettet. Dabei ließ sie aber den -Bewußtlosen nicht außer acht, aus dessen blutleeren, halbgeöffneten -Lippen fortwährend ein Röcheln kam, das mitunter zu einem leisen -Stöhnen anschwoll.</p> - -<p>Frau Heriberta war ratlos. Sie hatte dem leblosen Manne die Kleider -über der Brust geöffnet,<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span> aber es zeigte sich keinerlei äußere -Verwundung und sie wußte nicht, was sie tun sollte.</p> - -<p>So saß sie an dem Bettrande und starrte in einemfort in das bleiche -Gesicht und ihre ganze selige Jugend zog an ihrem Auge vorüber. Wie -sehr hatte sie dieser Mann da geliebt, wie schweres Leid hatte sie -ihm zugefügt, und nun hatte er noch in aufopfernder Liebe das Letzte -gerettet, was ihrem verlorenen Leben geblieben war: ihre Enkel.</p> - -<p>Und da konnte Frau Heriberta nicht anders, sie mußte sich niederbeugen -und die schlaff auf der Bettdecke liegende Hand küssen, die das -Rettungswerk vollbracht hatte.</p> - -<p>Und als hätte er die zarte Berührung der bebenden Lippen und die heiße -Träne, die auf die Hand fiel, gespürt, schlug der Kranke die Augen auf -und sah starr in die angstvoll fragenden Augen Frau Heribertas. Er -mußte sich erst besinnen, was geschehen war.</p> - -<p>„Wie geht’s dir, Heini?“ fragte Frau Heriberta und strich ihm eine -feuchte Haarsträhne aus der Stirne.</p> - -<p>Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“</p> - -<p>„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich -sein. Heini, die Sonne muß kommen!“</p> - -<p>Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn.</p> - -<p>Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furcht<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span>bar das Gewitter -dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht.</p> - -<p>Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder -blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in -blendendes Gold.</p> - -<p>Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das -kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben -streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln -glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er -so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner -Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes -Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz -der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster -Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs -Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem -Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen.</p> - -<p>Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten, -begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen -hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln -an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen -Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete -ihren sterngestickten Königsmantel über den<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span> Einzigen auf der weiten -Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die -Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt.</p> - -<p>In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige -ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe!</p> - -<div class="figcenter illowe3" id="textende"> - <img class="w100 padtop1" src="images/text_ende.jpg" alt="Ende" /> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3">Im Romanverlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig</p> - -</div> - -<p class="s3 center">ist von <b>Karl Bienenstein</b> erschienen:</p> - -<p class="s2 center"><b>Die Worte der Erlösung</b></p> - -<p class="s3 center">Ein Roman der Sehnsucht</p> - -<p class="s4 center">In geschmackvollem Geschenkeinband</p> - -<p>Dieses neueste Werk des bekannten österreichischen Dichters ist -ein Künstlerroman, der durch Liebe und Haß den Lebensweg zweier -entgegengesetzten Charaktere zu erschütternder Katastrophe und zu -befreiender Höhe führt; eine Dichtung von reichstem Lebensgehalt, ein -packendes Werk hochstrebender, tiefinnerlicher, überwindender Kunst.</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="s3 center mtop2">Im Verlag von Ad. Bonz & Comp. in Stuttgart:</p> - -<p class="s2 center"><b>Deutsches Sehnen und Kämpfen</b></p> - -<p class="s3 center">Ein Wachauroman</p> - -<p class="s4 center u mtop2">Urteile der Presse:</p> - -<p><b>Staatsanzeiger für Württemberg</b>: Aus dem Buche spricht soviel -Gesundheit, Warmherzigkeit und Natürlichkeit des Empfindens, daß man es -mit höchstem Genuß liest.</p> - -<p><b>Saale-Zeitung</b>: Der großen Erzählerkunst Bienensteins haben -wir ein Buch zu danken, das hauptsächlich durch die Sicherheit der -Linienführung imponiert.</p> - -<p><b>Deutsche Arbeit</b>: Ein schönes, ergreifendes Buch, das im ganzen -Rhythmus seines Stils und der innig gedanklich vertieften Darstellung -die belebende Kraft des Dichters zeigt.</p> - -<p><b>Münchener Neueste Nachrichten</b>: Mit dankbarer Freude legt man -dieses Buch aus der Hand, dessen Titel ein Kampfprogramm und damit -einen Tendenzroman vermuten läßt. Aber alles, nur nicht dies, kann -Bienensteins vortrefflicher Roman genannt werden, denn die Tendenz -ist so eingewirkt in den Efeu deutscher Poesie und echten Empfindens, -daß sie nie störend erscheint, sondern als wertvolles, überzeugendes -Dokument durch die Entwicklung der Geschehnisse sich herausschält.</p> - -<p><b>Österreichische Landzeitung</b>: Welch außerordentlich feine -Beobachtung der Wirklichkeit, und welch reinste Poesie des reifen, -sprachlich und künstlerisch geschulten Genius! Schon die Einleitung ist -ein Hymnus von klassischer Schönheit! (Prof. P. Wichner.)</p> - -<p><b>Die Südmark</b>: Fürwahr ein seltsames Buch voll glühender -Farbenpracht und künstlerischen Geistes!</p> - -<p><b>Deutsche Wacht</b>: Das Buch ist eine völkische Tat!</p> - -<p><b>Berliner Lokal-Anzeiger</b>: Die politische Intrige des Romans ist -mit meisterhafter Sicherheit durchgeführt; ihre Darstellung zeichnet -sich durch künstlerische Ruhe und Sachlichkeit aus.</p> - -<p><b>Kunstwart</b>: Bienenstein hat die seltene Gabe, alles ohne -romanhafte Absicht und Ziererei zu sagen. Diese Ruhe des Erzählers ist -in Deutschland überhaupt kaum mehr zu finden.</p> - -<hr class="r65" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3"><span class="bb">Adolf Bonz & Comp., Stuttgart</span></p> - -</div> - -<p class="s3 center mtop1"><b>Fritz Stüber-Gunther</b></p> - -<p class="s2 center"><b>Der Schönheitspreis</b></p> - -<p class="s3 center mtop1">Roman</p> - -<p class="s5 center">Geheftet M. 5.25, gebunden M. 9.—</p> - -<p>Fritz Stüber Gunther, der Wiener Schriftsteller, veröffentlicht mit -diesem Roman sein schönstes und zugleich reichstes Werk. Es ist einer -der besten und prächtigsten Wiener Romane, die in der letzten Zeit auf -den Büchermarkt gekommen sind. Meisterhaft sind die einzelnen Typen -herausgearbeitet, die Sprache ist von edlem Wohllaut, manche Szenen -sind geradezu von einer mitreißenden Kraft und Schönheit. Da der Verlag -dem Werke eine schöne Ausstattung zuteil werden ließ, eignet es sich -ganz besonders für den Weihnachtstisch.</p> - -<p class="s5 right mright2"><b>Mödlinger Zeitung.</b></p> - -<p class="s2 center mtop2"><b><span class="antiqua">C. i.</span></b></p> - -<p class="s3 center mtop1">Roman</p> - -<p class="s5 center">Geheftet M. 4.80, gebunden M. 7.50</p> - -<p>Peter Rosegger schrieb an den Verfasser:</p> - -<p>In der Sommerfrische habe ich nun Ihren Roman „<span class="antiqua">C. i.</span>“ gelesen. -Ich danke Ihnen und freue mich von Herzen des großen Talents, das Ihnen -eine schöne Zukunft bringen wird.</p> - -<p>Ich bin müde und habe das Bücherbesprechen aufgegeben. Doch über Ihren -Roman, in dem sich Realismus und Idealismus (um mich abgebrauchter aber -bezeichnender Ausdrücke zu bedienen) in klassischer Weise vereint, will -ich gelegentlich doch ein paar Worte sagen. Ich fühle mich gehoben und -sehr erfreut von Ihrem Buch.</p> - -<p>Mit herzlichem Gruß</p> - -<p class="s5 right mright2"><b>Peter Rosegger.</b></p> - -<hr class="r65" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3"><span class="bb">Adolf Bonz & Comp., Stuttgart</span></p> - -</div> - -<p class="s2 center"><b>Schwiegersöhne</b></p> - -<p class="s3 center mtop1">Roman</p> - -<p class="s5 center">Geheftet M. 6.—, gebunden M. 9.—</p> - -<p>Eine wirkliche Daseinsfreude offenbart sich hier, die herzlichste -innere Teilnahme an den Geschöpfen der eigenen Phantasie, die sich -erwärmend auch dem Leser mitteilt, Gesundheit und Frische, die auf dem -Urgrunde volksmäßigen bodenbeständigen Empfindens gedeihen. Das nun so -viel bespöttelte Wort „Heimatkunst“ charakterisiert doch am besten das -Werk, das eine Fülle von Typen aus dem Wiener Leben in Ernst und Humor -zu einem prächtigen Lebensausschnitte vereint. Wenn ein früheres Buch -dieses Erzählers bei Peter Rosegger jubelnde Freude erweckte, so wird -auch dieser Roman bei jedem ähnliche Empfindungen auslösen.</p> - -<p class="s5 right mright2"><b>Rhein. Kurier.</b></p> - -<p class="s2 center mtop3"><b>Gottsmann der Egoist</b></p> - -<p class="s3 center mtop1">Roman</p> - -<p class="s5 center">Geheftet M. 5.25, gebunden M. 10.50</p> - -<p>In vielen Beziehungen geistesverwandt mit dem Altmeister Eduard Pötzl, -ist er es auch in dem einen Punkte, die Liebe zum Österreichertum, -zum Deutschtum in Österreich besonders, letzten Endes aber die -Liebe zu Wien, zu jenem alten Wien, das nicht mehr ist, zum Wien -Guschelbauers und des guten alten Wiener Liedes. Was Stüber-Gunther da -über das österreichische Staatsbeamtentum sagt, wie er den Offizier -sieht, die Gedanken, die er über die Lebensauffassung der in Wien -ansäßigen Tschechen im Gegensatz zu den Deutschen andeutet, geben -einem aufmerksamen Leser sehr zu denken. Die Gestalten des Romans -sind glänzend und wahr gezeichnet. Es gibt Episoden darin, die zu den -schönsten gehören, was man zu lesen bekommt. Der Gesamteindruck: Ein -selten schönes Buch, das zu jenen Büchern gehört, die man sich aufhebt, -und das sind alljährlich wohl sehr wenige.</p> - -<p class="s5 right mright2"><b>A. Wohlfahrt in Fricks Rundschau.</b></p> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Einzige auf der weiten Welt, by -Karl Bienenstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EINZIGE AUF DER WEITEN WELT *** - -***** This file should be named 63630-h.htm or 63630-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/6/3/63630/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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