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-The Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-Title: Nachtgespräche
-
-Author: Auguste Hauschner
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-Release Date: October 12, 2020 [EBook #63440]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE ***
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-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Die
- Bücherlese
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- Nachtgespräche
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- von
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- A. Hauschner
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- Verlag Paul List -- Leipzig
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- Alle Rechte vorbehalten
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- =Copyright 1919 by Paul List, Leipzig=
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- Druck von Grimme & Trömel in Leipzig
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-Nachtgespräche
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-Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war
-vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren
-noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die
-rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben
-ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne
-Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der
-Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken,
-auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser
-Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte
-eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben
-angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit
-einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend
-nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie
-sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still.
-Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten
-Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen
-geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte
-hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe
-hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung
-verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug
-entgleist.
-
-Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der
-Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach
-der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu
-denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein
-Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde
-auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.
-
-Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten
-Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und
-dichter Menschennähe gaben.
-
-Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen
-Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern
-kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und
-da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen
-vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden
-Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last
-des Handgepäcks zerschnitten.
-
-»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß
-auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender
-Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu
-einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu.
-Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem
-Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang
-mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten
-berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu
-genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer,
-den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten
-Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des
-Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine
-elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das
-Dunkel notdürftig aufgehellt.
-
-Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während
-unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile
-angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen
-Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir
-uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl
-einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll
-den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir
-können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns
-auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für
-eine Nacht der Wirklichkeit.
-
-So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch,
-etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte
-zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit
-denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?
-
-Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens.
-In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich
-sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen
-Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener
-Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege
-einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein
-Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung,
-Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.
-
-Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit
-nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:
-
-»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich
-sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität
-herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer
-allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber
-ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich
-auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«
-
-Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt
-aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Panik
-
-Eine Prager Geschichte
-
-
-Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu.
-Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in
-regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen
-trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und
-ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken
-mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den
-beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her
-bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten
-Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank
-der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es
-einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten
-sie weiter.
-
-In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die
-schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch
-der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit
-erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es
-war ja auch kaum glaublich: die =česka spořitelna=, die große, reiche
-Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz
-hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und
-was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der
-Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da
-noch andere Sicherheiten -- bei der Kirche! -- als bei diesen Hunden, den
-verfluchten Deutschen ...
-
-Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre
-Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie
-versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer
-ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen.
-Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging
-es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi
-Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für
-das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis
-sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte,
-um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch,
-um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu
-gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für
-alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn
-Überfluß in der Wüste ihrer Not.
-
-Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil
-dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen
-Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an
-dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann
-zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte:
-»Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon
-beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal
-vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele
-berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse
-gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten
-bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder
-bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem
-Geld von armen Leuten!
-
-Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind
-Millionen draufgegangen.
-
-Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm
-der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe
-Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder
-weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in
-Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den
-Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch
-die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst
-und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen.
-Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er
-endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft
-sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus
-erreichen, zu dem alle hindrängen.
-
- -- -- -- -- --
-
-Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie
-durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig
-gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel,
-wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten
-Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von
-heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.
-
-Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer
-Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber
-kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!«
-»Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille.
-Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser
-Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.
-
-Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen
-dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.
-
-Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her
-bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung.
-Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind
-nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.
-
-Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie
-stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings
-rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des
-Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette
-umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die
-Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß.
-Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und
-Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie,
-von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und
-müssen warten.
-
-Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert
-den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren
-an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen
-hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.
-
-Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der
-Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das
-altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren
-Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen
-Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die
-alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen
-Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz
-entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.
-
-Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die
-Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen
-kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und
-der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der
-Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach
-links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen.
-Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und
-die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als
-könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal
-sich für sie dahinter vorbereite.
-
-Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen.
-Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch
-warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an
-einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf
-um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen
-Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine
-Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.
-
-Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten
-und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und
-Gerüchte.
-
-»Hör' ich, sind die Kassen leer.«
-
-»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich
-berühmen, stehen nur auf dem Papier.«
-
-»Alles haben sie verspekuliert.«
-
-»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«
-
-»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen
-draufgegangen.«
-
-»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen.
-Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«
-
-»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich
-gemästet!«
-
-»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von
-Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«
-
-Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt
-durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten.
-Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten,
-Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der
-Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken,
-unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie
-Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an
-die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst;
-flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die
-deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche
-Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von
-den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür
-zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen,
-schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf
-zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig,
-die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.
-
-Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die
-fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge
-Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben,
-deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage
-Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu
-gehen und sich zu unterhalten.
-
-Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern
-dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden
-kennenlernen will ...
-
-Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude,
-das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein
-Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.
-
-Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz
-fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die
-Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm
-ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet,
-ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich
-an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu
-schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf
-der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz
-geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte
-ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi
-Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine
-Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der
-Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf
-ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die
-Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria
-auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht
-verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.
-
-Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es
-neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.
-
-Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung.
-Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen
-der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer
-Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die
-schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber,
-die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm
-ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den
-Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den
-Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken,
-sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem
-eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um
-die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und
-Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur
-fürchterlichen Spannung.
-
-Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere,
-die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr
-Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht
-haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen
-sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und
-schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des
-Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch
-vergessen.
-
-Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz
-betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die
-Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt,
-sie nicht verschütte.
-
-Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren
-Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den
-Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche
-Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will,
-zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.
-
-Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit
-hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.
-
-Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht
-bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben
-es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist
-ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.
-
-Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der
-Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie
-halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine
-Falle locken wolle.
-
-Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen
-die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und
-erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und
-gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint
-sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der
-Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder
-ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie
-mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen
-Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt
-Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer
-überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld
-halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und
-erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu
-beleben.
-
-Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und
-steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom
-Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche
-ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im
-Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so
-schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er
-auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt
-in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich
-nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und
-deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen.
-Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die
-Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst
-zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.
-
-Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten.
-Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier
-eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des
-Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene
-Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der
-abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die
-ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre
-fieberhafte Angst.
-
-Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht
-werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht
-erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte
-Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott,
-das Elend.
-
-Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und
-sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die
-Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen,
-da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine
-lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz
-begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten
-und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier
-wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken
-Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.
-
-In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug,
-der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka
-und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von
-einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte
-sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer
-dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten
-als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste.
-Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht,
-prophezeite nahen Untergang der =Spořitelna= und wußte viel zu schimpfen
-über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch
-er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre
-Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem
-schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur
-gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.
-
-In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang
-ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie
-endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor
-Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und
-Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn
-umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe
-das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie
-hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen.
-Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder
-aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert
-Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie
-den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen
-Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite,
-der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig
-dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen!
-Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«
-
-Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten
-einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar
-reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude
-gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit
-erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen.
-Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der
-Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker,
-Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau
-schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von
-Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch
-geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal
-davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in
-ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.
-
-Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug
-ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.
-
-Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so
-gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem
-Sparkassengebäude -- oder anderswo.
-
-Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute
-fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und
-schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe;
-in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm
-sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde,
-wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder
-hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den
-Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen:
-»Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die
-Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen
-verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:
-
-»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren
-Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist.
-Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und
-Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien
-gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht
-zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei
-zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die
-Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch
-erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn
-ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«
-
-Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert
-werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit
-zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden
-preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Reise nach Indien
-
-
-Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in
-seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem
-Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in
-ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf
-allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien
-ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren
-für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen.
-Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den
-zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und
-Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und
-Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das
-er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.
-
-Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie
-groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge,
-Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses.
-Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er
-die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.
-
-Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die
-Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war
-er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen
-erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters
-Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die
-böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen
-Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein
-entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und
-die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf,
-und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«
-
-Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie
-ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn
-immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam
-zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten
-Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der
-Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf
-weiß, die sicheren Beweise.
-
-Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und
-einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem
-Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.
-
-Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben
-hingemalt hatte:
-
- »Nachtz mich der Schluhmer fliht,
- Gott in mein Hertze siht,
- Nichtz is alz Lihbe drein,
- Lihb für mein Feterlein.«
-
-Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:
-
- »Und eh wangt Fels und Stein,
- Eh fellt des Himmels Welbung ein,
- Eh ich vergehs was ich euch dank
- Was ihr mir tuth mein Leben lank.«
-
-Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf
-begeistert hatte:
-
- »Mein Herz gleicht der wandernden Welle
- Es gleicht dem schimmernden See
- Es mischt in die Freude die helle
- Sich leise ein flüchtiges Weh.«
-
-Und viele andere. -- Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte
-sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu
-hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.
-
-Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.
-
-Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der
-Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und
-dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als
-förderlich.
-
-Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer
-durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der
-Ferienfreuden einflocht:
-
- »Rings im Schlummer lag die Welt,
- Niemand wach als sie und ich,
- Und im gelben Ährenfeld
- Küßt' ich sie und küßt' sie mich«
-
-wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.
-
-Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und
-»Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die
-Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr
-seine Stiefeln schuldig blieb.
-
-Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich
-der Alte zum Sterben.
-
-Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden
-Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen,
-die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:
-
- »Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,
- Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.
- Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,
- Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«
-
-Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.
-
-Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden
-gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten
-Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt
-und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die
-Küche und eine kleine Kammer.
-
-Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die
-Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule
-noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu
-suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und
-vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier
-nich« meinte die Mutter.
-
-Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch
-den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde
-er stumm.
-
-Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige
-Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle
-wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters,
-für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte
-Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.
-
-Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den
-überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen
-den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber
-gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf
-den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel
-abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann
-regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen.
-Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn
-her wie freigewordene Vögel.
-
-Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen
-und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim
-Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten
-Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der
-Erfolg kommen, die Anerkennung -- die Freiheit.
-
-Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte.
-Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.
-
-Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur
-die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er
-machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin,
-der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer
-Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er
-jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte.
-Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und
-Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz
-zu seinem armseligen, eintönigen Leben.
-
-Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen
-geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien
-und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes
-halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er,
-was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen
-Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab
-es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte
-nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu
-steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.
-
-Er tat das alles -- im Geiste.
-
-Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel,
-durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte
-er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und
-hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden.
-Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost,
-bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte
-ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und
-mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in
-der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.
-
-An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um
-den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den
-Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht
-zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter.
-Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.
-
-Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der
-Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als
-Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes
-Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine
-Befreiung.
-
-Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher
-geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags
-allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines
-Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.
-
-Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den
-Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das
-Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel
-sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn
-umgaben.
-
-Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein
-heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er
-wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.
-
-Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.
-
-Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst
-wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine
-unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die
-Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen
-wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.
-
-Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen
-Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das
-die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein
-übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und
-weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.
-
-Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in
-den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der
-Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und
-schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.
-
-Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit
-ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher
-Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte
-sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der
-Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen
-konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete,
-wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich
-verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei
-Gedanken.
-
-Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem
-nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er
-brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine
-zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er
-die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre
-Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.
-
-Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie
-ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.
-
-Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu
-seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte
-ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk --
-Reisebilder aus Indien -- aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände
-mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt,
-waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.
-
-Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle
-neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des
-bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen
-Blättern ungeahnte Sensationen.
-
-Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da
-war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der
-Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die
-Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff
-alles Geheimnisvollen.
-
-Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm
-brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine
-krankhaft erregte Phantasie.
-
-Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen
-der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich
-die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens.
-Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich
-auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine
-Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub
-sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum
-vorging.
-
-Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine
-angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und
-lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder
-noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.
-
-Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.
-
-Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in
-Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren
-glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die
-flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und
-Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine
-unter die Menge geworfen.
-
-Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und
-diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram.
-Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin.
-Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten
-an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle
-Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare.
-Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer
-weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn
-mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder,
-unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von
-solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize
-seiner Wirtin.
-
-Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür.
-
-Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang
-erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe
-ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war.
-
-Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein
-Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.
-
-Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus
-Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und
-Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar
-Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel
-Böses. Und der arme Träumer erwachte.
-
-Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu
-besitzen.
-
-Es war ein böses Erwachen.
-
-Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff
-er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den
-Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten.
-
-Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine
-Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes
-Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen.
-
-Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche
-Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies
-Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat
-bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt.
-
-Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht
-geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte
-ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn.
-
-Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen
-können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten.
-Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den
-Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen
-ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur
-Arbeit.
-
-In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich
-an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit
-verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu
-übersehen.
-
-»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der
-Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht
-nichts als Dummheiten.«
-
-»Verliebt?«
-
-»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«
-
-Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.
-
-»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen!
-Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir
-melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«
-
-Es bedurfte keiner langen Untersuchung.
-
-»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt.
-»Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande
-haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...«
-
-Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:
-
-Reisen -- reisen -- weit weg -- nach Indien!
-
-Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So
-lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.
-
-Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von
-früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein,
-seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.
-
-Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen
-aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen.
-Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den
-giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende
-Brust.
-
-Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er
-zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.
-
-Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin
-nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.
-
-»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und
-zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch
-sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser
-hinzu.
-
-Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.
-
-Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins
-Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das
-rote Blut ...
-
-Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine
-tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.
-
-Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit
-rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.
-
-Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.
-
-Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die
-schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte
-Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht.
-Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.
-
-Armer Junge, armer, armer Junge!
-
-»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.
-
-Der zuckte die Achseln.
-
-»Ihn wenigstens hier herausbringen?«
-
-»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht
-schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«
-
-Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen
-könnte« wiederholte sie.
-
-Sie sah sich um.
-
-Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die
-Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.
-
-Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.
-
-Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber
-gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.
-
-»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein
-Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n
-kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt
-er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da
-mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein --.
-Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da
-'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«
-
-Der Arzt schwieg.
-
-»Könnt' er's wenigstens -- aushalten?«
-
-»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber
-er kann doch nicht draußen ganz allein --«
-
-»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist
-wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn
-der Doktor wüßte.
-
-»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern,
-dachte er bei sich.
-
-Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die
-nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken
-Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen
-Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz
-und hielt des Kranken Hände.
-
-Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die
-Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte
-jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«
-
-Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der
-Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und
-blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus
-grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube.
-Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.
-
-Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne
-Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten
-pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles
-schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede
-Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.
-
-Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.
-
-»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«
-
-Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.
-
-In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.
-
-»Indien -- das ist Indien!«
-
-Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.
-
-»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein
-Schwager seine Sommerbude.«
-
-Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit
-harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln
-über seine Züge.
-
-»Wie schön bist du, Sidla -- zauberhaft schön!«
-
-Einmal noch seufzte er tief -- streckte sich -- und fiel in die Kissen.
-
-So war er doch in Indien gestorben.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld
-gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der
-Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden
-Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn.
-»Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was
-ist daran schon gelegen.«
-
-Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von
-seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz.
-»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne
-von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein
-tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen
-Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang
-bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen,
-so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr
-Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«
-
-Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den
-Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm
-anzumerken.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Dampfpfeife
-
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!
-
-Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem
-Aufschrei der gequälten Kreatur.
-
-Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.
-
-»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du
-versäumst!«
-
-Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der
-Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in
-die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und
-streichelt seines Weibes feuchte Stirn.
-
-»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die
-beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut
-wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«
-
-Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die
-schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die
-nächsten Wochen.
-
-Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.
-
-Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die
-unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht
-zerschneidet, nicht empfindet.
-
-Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.
-
-Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in
-Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.
-
-Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs
-daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines
-vierten Kindes.
-
-Piska -- es pfeift -- wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt
-gerufen hat, wird ihre Patin.
-
- * * * * *
-
-Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster
-Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die
-Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines
-leiblichen Verlangens.
-
-Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten.
-Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas
-Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas
-Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis
-Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend
-einhüllt.
-
-In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des
-kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
-Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.
-
-»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie
-pfeifen.«
-
- * * * * *
-
-Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein
-Säugling mehr.
-
-Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt
-die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit
-davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze
-Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.
-
-Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her.
-Männer, Frauen, Burschen, Mädel.
-
-Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit
-dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu
-kraftlos, um zu essen.
-
-Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem
-großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska,
-schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre
-Kehle laufen.
-
-Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß,
-in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal.
-Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
- * * * * *
-
-Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein
-großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«
-
-Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen
-Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den
-Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die
-zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf,
-daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.
-
-Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf,
-der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle
-Vorstellungen mit dem grellen Schrei.
-
-Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und
-schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf
-den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht
-dem Herrn in den H.....n!«
-
-Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche
-voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter
-Pilsener Bier dazu.
-
-Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.
-
-Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie
-wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die
-aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und
-die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und
-die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben
-Wochenlohn vertrunken hat.
-
- * * * * *
-
-Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.
-
-Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue
-Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die
-Finger lernen Weberknoten.
-
-Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr
-bedeutet.
-
-Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die
-Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen
-stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.
-
-Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt,
-daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist,
-kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug
-nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.
-
-Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene
-Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen
-Fröhlichkeiten.
-
-Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich.
-Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank
-gerichtet. Eine Hetz'!
-
-Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im
-Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und
-die saure Gurke.
-
-Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen
-halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch
-nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt
-da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln
-aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.
-
-Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht
-bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr
-und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink
-und frühreif wie die Piska selber.
-
-Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen.
-Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den
-Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren.
-Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen
-sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen
-schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher
-Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der
-dichten Nähe ihres Burschen.
-
-Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten,
-Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der
-Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb
-Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die
-Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.
-
-An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt,
-wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit -- das Glück.
-
-Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.
-
-Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt
-sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres
-Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die
-sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer
-Seele in ihrem Körper aufpeitscht.
-
-Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos.
-Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen
-Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...
-
-Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.
-
-Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht
-verfallt!
-
-In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg
-hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...
-
-Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen,
-Geld verdienen!
-
- * * * * *
-
-Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde.
-Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre
-jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist
-krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause
-muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.
-
-Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch
-der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll
-die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein
-Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der
-Hoffnung.
-
-Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in
-dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht,
-den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie
-zieht ihn mit sich in den Seilgang.
-
-Nur ein Wort.
-
-Na also -- was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er
-es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr
-verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich
-lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na -- nicht gleich. Sie
-braucht nicht so zu weinen.
-
-Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint
-die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.
-
- * * * * *
-
-Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In
-schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht
-weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei
-jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor
-droht mit der Entlassung.
-
-Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.
-
-»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«
-
-Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier,
-das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.
-
-Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit
-und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände
-krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.
-
-Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt
-hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.
-
- * * *
-
-Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie
-möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.
-
-Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das
-Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern
-ihres Kindes.
-
-Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit
-einen neuen Sklaven.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser
-Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein
-grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die
-Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf
-und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier
-ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne
-ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner
-Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die
-Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang
-gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er
-bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig
-eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung
-an.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Erziehung zur Bosheit
-
-
-Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein
-Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor,
-mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken
-Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze.
-Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...
-
-Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom
-Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die
-schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu
-nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter,
-der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein
-ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose
-Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen
-Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern
-gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets
-bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach
-war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.
-
-Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur.
-Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen
-Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit
-der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die
-Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in
-sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten,
-glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der
-Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die
-Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.
-
-Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre,
-die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und
-Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief
-herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn
-ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und
-antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die
-anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit
-einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.
-
-Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln,
-schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein
-zweites Vaterhaus nicht bot.
-
-Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die
-Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß
-der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in
-den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er
-entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war,
-ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.
-
-Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich
-die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie,
-daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt _ein_ Individuum ergebe.
-Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als
-geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen
-unnatürlich groß.
-
-Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief
-er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen
-Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der
-Erde lagen.
-
-Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er
-mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht
-zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und
-scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur
-aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin.
-Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider.
-Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen,
-sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.
-
-Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten
-Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten
-erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.
-
-Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem
-Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen.
-Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte.
-Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des
-kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle,
-vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich
-er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden
-war.
-
-Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer
-wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.
-
-Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der
-großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht
-fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja
-brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach
-sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu
-enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ...
-Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ...
-
-In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem
-Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache
-rechtlos sei und daß ihm nur _eine_ Waffe zu Gebote stehe -- die Bosheit.
-Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke
-kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das
-Aussehen eines Fuchses.
-
-Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger
-schnappte.
-
-Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten
-Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren
-Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung
-einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und
-überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere
-Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...
-
-Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben
-Wurst.
-
-Bellos Erziehung war vollendet.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab.
-»Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«
-
-Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.
-
-»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,«
-entschuldigte Isabellas Nachbarin.
-
-»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?«
-Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.
-
-Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein
-Schlummer«-Lieds von Brahms.
-
-»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie
-die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben
-zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und
-mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem
-weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen
-sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie
-hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten
-Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die
-weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe
-leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«
-
-Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?
-
-»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen
-euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns
-schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit
-nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu
-ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier
-zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht
-verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang,
-schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie
-auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.
-
-[Illustration: Decoration]
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-Vision
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-Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in
-ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom
-Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war
-nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter
-Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht
-unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine
-Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein
-letztes Glück.
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-Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein
-Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren.
-Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war
-in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu
-bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens,
-um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren
-Anteil an jeder Regung seines Wesens.
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-Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger
-auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der
-Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.
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-Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele
-klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere.
-Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist
-nichts als sein Begehren.
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-Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein
-Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.
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-Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch
-ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein
-Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine
-kranke Blume.
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-Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und
-schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht,
-daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den
-Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir
-dafür seine Freundschaft.
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-Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein
-lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du
-liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir
-nichts als deine Sinne.«
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-Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie
-hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«
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-Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.
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-Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie
-stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte
-eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie
-zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht
-näher.
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-Plötzlich streifte sie sein Atem. -- Sie fuhr empor und sah ihn in der
-Tiefe eines Sessels lehnen.
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-Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die
-Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag
-auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher -- er hatte sie beim Kommen
-nicht geküßt.
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-Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von
-Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt
-habe.
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-Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals
-jäh erstickt und im Geflüster abbricht?
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-Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr
-daraus vorzulesen.
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-Sie wollte rufen: du -- du -- kommst du nicht zu mir?
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-Der Laut erstickte in der Kehle.
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-Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar
-bedeutend.
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-Sie dachte: ist er es denn wirklich?
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-Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede
-Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine
-angeregte Unterhaltung.
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-Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches
-hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren
-nicht zu überschreiten.
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-Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur
-geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht.
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-Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist
-erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum
-Toten.«
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-Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not
-stöhnte sie auf ...
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-Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und
-schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte,
-stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich -- nimm
-mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein
-Begehren.«
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-[Illustration: Decoration]
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-Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts
-gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen
-brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen
-Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der
-ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein
-Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen
-mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden,
-erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den
-Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den
-gleichberechtigten Gefährten.
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-Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte
-ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms
-erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand.
-Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre
-angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir,
-ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie
-des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen
-schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen
-der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.
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-Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur
-an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer
-Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer
-Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom
-Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine
-Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht
-erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie
-ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins
-aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum
-erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender
-ihrer Mitschwestern gewesen sein.
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-[Illustration: Decoration]
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-Herbst
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-Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der
-Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.
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-Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie
-in die Herbstlandschaft hinaus.
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-Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls.
-Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber
-flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon
-dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten
-Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher
-Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.
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-Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer
-sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie
-ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.
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-Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen.
-Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere
-Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten
-Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen
-blühten.
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-Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt
-war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe
-aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr
-entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von
-liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.
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-Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen
-Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem
-die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine
-elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf
-dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den
-Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den
-Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie
-ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter
-Mädchenhaftigkeit.
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-Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche
-im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden
-herabgeglitten war.
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-Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem
-Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge
-Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein
-wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß
-wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«
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-Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein
-Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem
-Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.
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-Wie das lebendig vor ihr aufstand -- den ganzen Tag über hatte es sie
-schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor
-den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der
-Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen:
-warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren,
-Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische
-Unberührtheit ihrer Jugend.
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-Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen,
-hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen
-lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare
-zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung
-»Du« zu sagen.
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-»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr
-fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen
-und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«
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-Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte
-anvertrauen müssen.
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-Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines
-Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er
-wäre vor ihr auf die Knie gesunken.
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-Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes
-Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie
-gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so
-verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles
-gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.
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-Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich
-liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll
-und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.
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-Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte
-sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm
-zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft.
-Und damit das eigene Geschick besiegelt.
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-Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen
-Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu
-holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich -- das Signal der
-Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.
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-»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«
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-Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit
-Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.
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-Und nun wartete er draußen.
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-»Darf er herein?«
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-»Nein!«
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-»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos
-geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich
-lasse nicht von ihm ...«
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-Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit
-teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war.
-Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden
-sah.
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-Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem
-Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang
-bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte,
-den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was
-für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?
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-Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin
-wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem
-Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an
-ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr
-Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir
-lieber.
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-Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt.
-Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus
-der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz
-entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des
-Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß
-ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein.
-Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.
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-Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie
-mußte sich am Tischrand halten.
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-Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank,
-suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte,
-war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es
-paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet.
-Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die
-spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts
-Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des
-Lagers streuen.
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-Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht
-hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung
-und der Sehnsucht der gereiften Frau.
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-... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast
-mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen.
-Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem
-Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses
-Zimmers übertreten ...
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-Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen,
-wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes.
-Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die
-Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch
-die Spalte der angelehnten Tür.
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-Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl
-begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...
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-Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie
-schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten
-Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie
-zu einer matronenhaften Flechte.
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-Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu
-besinnen.
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-»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das
-Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den
-Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig
-sein.«
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-[Illustration: Decoration]
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-Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer
-Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir
-die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das
-Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da
-war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster
-her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die
-mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer
-aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden
-die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die
-Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich
-hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte,
-als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht
-die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter,
-bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den
-schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine
-Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den
-Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.
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-Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der
-Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor
-Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug
-gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus
-ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler
-Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel
-bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als
-Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres
-Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn
-hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.
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-»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«
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-Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen
-Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen
-Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen
-und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel
-sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in
-die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein
-Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen
-Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«
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-Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man
-ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin,
-die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten
-an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte
-Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.
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-[Illustration: Decoration]
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-Altersfrieden
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-Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.
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-In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten
-sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie
-nicht Not.
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-Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum
-für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um,
-beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.
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-An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes
-Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte
-konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen.
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-Für ihren Magen war gesorgt.
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-Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends.
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-Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen
-konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein
-war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele.
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-Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig.
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-Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde
-Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.
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-Nicht alle waren Heringsfischer.
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-Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um
-Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen.
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-Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging
-er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen,
-flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten
-Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller
-schönheitsfrohen Blicke.
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-Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und
-Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand.
-Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine
-Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An
-hundert Tiere mordete die Straße.
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-Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins
-Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an
-den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho--i,« schrie
-Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung.
-Und weiter ging's, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch
-im Wasser.
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-Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst
-seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.
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-Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und
-Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf.
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-Seit ihrer Jugend, meinten manche.
-
-Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte.
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-An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche.
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-Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die
-erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet
-angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem
-Fieber, als man das Kind begrub.
-
-Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr
-das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier,
-das Schmerzen hat.
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- * * * * *
-
-Novemberabend.
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-Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod.
-
-Draußen -- weit draußen -- zwischen Gischt und Wirbel unter
-schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug,
-faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es -- begräbt sein Leben in dem
-tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt
-an den Dämmen.
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-Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt
-er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den
-Giebel krönt.
-
-»Ich will dich zwingen, Popanz -- heut' zertrümmere ich dich.«
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-Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen
-Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe.
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-Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen
-sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen
-Lichtkreis. Lärmend tost der Wind.
-
-Hui -- ein Stoß -- und wieder einer.
-
-Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die
-Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch
-die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal.
-
-In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut
-durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt.
-
-Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner
-und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin.
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-Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock
-und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die
-weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum
-fünfzig Jahre.
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-Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine
-reingescheuert.
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-Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen
-Binsenstühle springen.
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-Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak
-qualmen und in alle Ecken spucken.
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-Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren.
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-Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig,
-eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald
-gesenkt wird.
-
-»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen.
-Mach' das Feuer an in deiner Kammer.«
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-Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es
-flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen.
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-Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den
-alten Körpern strömen könnte.
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-Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein
-Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben.
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-Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.
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-Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen,
-tausende verderben sehen.
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-Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau.
-Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen,
-mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend.
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-Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf.
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-»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' ich dir nicht streng
-verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«
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-Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle
-Halle.
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-Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre
-Lumpen.
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-Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen.
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-Wieviel Nächte noch?
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-Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den
-alten Leib.
-
-Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den
-Türen.
-
-Ab und zu erwacht ein Schläfer.
-
-War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in
-solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist?
-
- * * * * *
-
-Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das
-Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet.
-Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im
-Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der
-so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen.
-
-Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt
-mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In
-den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.
-
-Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das
-Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt.
-
-Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten,
-aufgeweicht, sich schaben lassen.
-
-Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren
-Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen.
-
-Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im
-vergangenen Jahr.
-
-Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung,
-sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und
-zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen.
-
-Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen.
-Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck -- so weiß und fest. Und
-die Schinken.
-
-Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem
-Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem
-Räucherfleisch.
-
-Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer
-ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage
-sind gezählt.
-
-Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem
-Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries
-Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen
-heimlich abgeschnitten hat, heraus.
-
-»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«
-
-Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht
-gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche.
-
-In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht
-sie heimlich weiter.
-
-»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«
-
-Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen.
-
-Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es
-ist Tietje Boon.
-
-Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie
-erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus
-der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz.
-
-Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare.
-
-»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie.
-»Sicher ist es so.«
-
-Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje
-auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige.
-
- * * * * *
-
-Konzert und Ball im Badhotel.
-
-»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.«
-
-Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den
-edeln Steinen.
-
-Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren
-mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen.
-
-Händedrücken -- Augenschmachten -- Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur
-Pflicht.
-
-Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau
-von Reuß die weißen Arme küssen dürfen.
-
-Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen.
-
-Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar
-die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke.
-Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und
-für jeden Mann ein Päckchen Tabak.
-
-Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden,
-wollen sie die Armen selbst bedienen.
-
-Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen.
-
-In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu
-vor diesen Herrenleuten.
-
-Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede.
-
-Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns
-und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön
-geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein
-Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«
-
-Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet
-habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht
-der Demut und Zufriedenheit.
-
-»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und
-Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach
-der Tafel.
-
-Endlich!
-
-Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der
-Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer
-dreister greifen alle zu.
-
-Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und
-des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen,
-die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da
-fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von
-Reuß entfallen.
-
-Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über
-ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und
-ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die
-dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet.
-
-Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose
-Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen
-steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie
-durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in
-dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.
-
-Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen.
-Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur
-Neige.
-
-Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des
-Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen.
-
-Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt.
-Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten
-Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur
-Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden
-sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen
-fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit
-goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam
-drehen.
-
-An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für
-den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt
-zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«
-
-Eef ist sehr verdrießlich.
-
-Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre
-Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen
-ihr die Plackerei und Arbeit.
-
-Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer.
-
-Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen
-können, und die halbe Torte und die Wurst.
-
-Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach
-meinem Wunsch gefragt.«
-
-»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« sagte die Mutter.
-
-Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt
-sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen
-Leute.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt,
-dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle
-Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich
-platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich
-lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte,
-als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und
-ruhig sagte:
-
-»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft
-auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«
-
-Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann
-siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte
-sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben
-abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem
-Behälter.
-
-»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich
-auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und
-anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot.
-Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub,
-an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh' geben,
-sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an.
-Auf d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor
-i hab' weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus
-was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's
-erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«
-
-Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite
-und begann.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Volksbeglückung
-
-
-Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit
-kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum
-Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von
-einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die
-Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie
-jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr
-sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die
-nassen Augen.
-
-Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut,
-feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal
-geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war
-heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen
-und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort
-zurückgelassen hatte.
-
-In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort
-saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie
-war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit
-den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht
-von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie
-merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die
-Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit
-ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte
-heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern
-das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im
-bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge
-liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem
-fort verkleideten; in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken,
-Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug
-und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in
-schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher
-halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen
-Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen
-ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch
-grad' so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute
-auch.
-
-Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn
-zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten
-sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle
-des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen
-nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen
-wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit
-unverschämten und auch gutgemeinten.
-
-Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und
-wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr
-Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür
-verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre
-Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's die Vefi
-auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein
-paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour.
-
-Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte,
-hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt,
-als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und
-den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich
-dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die
-Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der
-Hand.
-
-»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung.
-
-»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich.
-
-Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte
-Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte.
-
-Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in
-bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht
-nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder,
-und ihnen wider ihren Willen helfen.
-
-Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas
-Milch.
-
-»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier
-war? Ist Ihnen bang' nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte
-sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab' an Sie
-gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen was mitgebracht.«
-
-Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes
-Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf
-St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.
-
-Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes
-anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an
-ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in
-ihr auf.
-
-»I dank Enk, Freilen.«
-
-Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen
-mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.
-
-»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das
-Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle
-Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«
-
-Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich
-halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen.
-
-»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab' i net Zeit.«
-
-»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne
-Natur?«
-
-»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will
-i decht a mei Ruh' hab'n.«
-
-»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden
-raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht,
-daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch
-begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer
-Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein
-Name.«
-
-Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht',
-der lugt mit 'm Maul, bal er betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die
-Frischleut' sakrisch an.«
-
-Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt.
-Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen.
-
-»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«
-
-Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch
-und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte
-es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn
-Heller Trinkgeld hergegeben.
-
-Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel
-kopfschüttelnd an.
-
-»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan
-geschrieben?«
-
-»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm gar so arg g'schleunt und
-i kunt koa Kreid'n finden.«
-
-Das Fräulein überflog die Rechnung.
-
-»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit
-ai.«
-
-Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an
-sich zu reißen!
-
-Klarisse hielt es fest.
-
-»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte:
-»Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.
-
-Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig
-waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen
-zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte.
-
-»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?«
-
-Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden.
-
-»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und
-die Agnes,« erklärte sie.
-
-»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle
-gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz
-ausgelassen, das G zum Beispiel.«
-
-»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«
-
-»Aber Vefi! Ihr eigener Name -- Genoveva!«
-
-Vefi schlug sich vor die Stirn.
-
-»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«
-
-Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte
-sie in viele Stücke.
-
-»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's Enk alm; von
-Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. I bring' dös Zeig nimmer in mei'
-dalketen Schädel eini.«
-
-Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.
-
-»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«
-
-Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.
-
-»Von z'wegen was a?«
-
-»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung
-macht die Menschen frei.«
-
-»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für
-mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«
-
-»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer
-für Sie.«
-
-»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.
-
-»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges,
-fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in
-München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld
-verdienen.«
-
-Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden
-einleuchtete.
-
-»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach
-einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf.
-
-»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar mei' Heimoatl blangen.«
-
-Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.
-
-»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«
-
-»Hiaz z'wegen dene Berg.«
-
-Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie
-kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in
-ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:
-
-»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern
-mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen.
-
-»Da is halt dös Haserl.«
-
-Klarisse sah sie fragend an.
-
-»Mei' Biabl.«
-
-»Ein Kind?«
-
-Vefi nickte.
-
-Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit
-Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie
-nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer:
-
-»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht
-verlobt.«
-
-Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen.
-
-»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt gern. Der Meine kunnt mi
-lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«
-
- *) eher wenigstens.
-
-»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet.
-
-»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei
-Vatter möcht' a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend
-Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten
-Anwert sprach aus ihrer Stimme.
-
-Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht
-schweigen.
-
-»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und
-inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich
-fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie
-sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?«
-
-»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser
-Vorstellung.
-
-»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in
-Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle
-Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ
-es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie
-legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der
-Menschenfreundlichkeit.
-
-»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«
-
-In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.
-
-»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd'
-anrait.«
-
-»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel
-zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die
-Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«
-
-»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der
-meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«
-
-Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.
-
-»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt
-und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz
-hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht
-wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm,
-oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie --«
-
-»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde
-des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab
-aufsagt.«
-
-Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.
-
-»Das ist doch keine Liebe, das ist -- das ist gehandelt wie das liebe
-Vieh.«
-
-Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.
-
-»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl!
-Ös --« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr
-sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe
-an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag' a
-Mehlspeis' und an Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an arm's Luder,
-muß mi von der Früh' bis auf d' Nacht rackern und schinden, hab' nie koa
-Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös bissel Liab von
-mei' Buabn, daß er mi auf 'n Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und
-auf d' Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin
-decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht
-aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln und
-sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor
-Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals.
-
-Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm
-von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem
-rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.
-
-»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn
-Sie sich's aber noch einmal überlegen sollten ...«
-
-Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.
-
-»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«
-
-Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:
-
-»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«
-
-Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie
-machte eine deutliche Bewegung.
-
-Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog
-ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die
-Vefi nachgeworfen hatte.
-
-»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.
-
-Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den
-Schenktisch wütend zu bearbeiten.
-
-Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte
-Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh
-und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte,
-während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein
-Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch
-unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind
-die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im
-Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie.
-Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen
-Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort.
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-[Illustration: Decoration]
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-Wirkung in die Ferne
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-Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die
-großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft,
-ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war
-das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen
-und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen
-schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die
-welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich
-geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor.
-
-Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße
-helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen
-Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall
-auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon
-Winter haben.
-
-Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich
-allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!
-
-Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die
-Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand
-hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und
-verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit
-hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie
-erkrankten.
-
-Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in
-dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke
-tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen
-Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in
-manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt.
-Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein
-standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und
-malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der
-Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut
-in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen
-an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten
-daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die
-Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen
-über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre
-Decke eingewickelt.
-
-Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu
-tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen
-und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den
-entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und
-überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen
-Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit
-seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben
-Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus
-demselben Buche.
-
-Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die
-Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte
-ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen
-halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er
-hatte Mühe, nicht herauszuheulen.
-
-In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend
-etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum
-Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der
-enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten
-Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an
-Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich
-die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem
-Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden
-Streites gab.
-
-Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie
-packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes
-Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie
-wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.
-
-Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der
-Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung
-mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß
-sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so
-blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte
-ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu
-fühlen.
-
-Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der
-vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler,
-untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem
-wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr
-die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten
-von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten
-nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres
-beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen
-konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre
-Lieder abgelauscht. Ob _sie_ von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler
-Mühle sang, ob _er_ vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere
-mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht
-alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der
-Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der
-Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?
-
-Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war
-schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit
-empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel
-drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen
-Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt
-hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«.
-Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten,
-sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.
-
-Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er
-machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus
-dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im
-Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich
-an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan
-erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug
-ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so
-geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen.
-Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall
-zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie
-beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.
-
-Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links
-ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen
-einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde
-um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen,
-verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu
-überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet,
-seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen
-Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.
-
-Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten
-gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren
-seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe
-zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die
-Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine
-solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte
-Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie
-gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber
-nicht.
-
-Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang,
-brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling,
-hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen
-worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine
-Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid
-an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte
-sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die
-Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch
-den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie
-sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das
-Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der
-Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den
-vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es
-wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt
-verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in
-sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit
-fortzusetzen, daran zu lutschen.
-
-Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus
-seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck
-seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur,
-rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen,
-die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer
-ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die
-zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in
-Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.
-
- * * * * *
-
-»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß
-weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür
-aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe
-aufzugeben.
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-Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht
-hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn
-Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und
-zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu
-unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte,
-blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das
-Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft
-hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren
-Nacken so ungestüm geküßt?
-
- * * * * *
-
-Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über
-Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten
-lief sie auf Franziska zu.
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-Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der
-Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.
-
-[Illustration: Decoration]
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-»Weh' mir, weh' mir!«
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-Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi
-mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach,
-beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie
-in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob
-den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine
-Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft,
-wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der
-Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den
-finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm
-brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig
-am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.
-
-[Illustration: Decoration]
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-
-Heimat
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-In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der
-Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden,
-verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um
-das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand
-im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las
-vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine
-aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den
-Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum
-Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug
-vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den
-Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken
-oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden
-unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust.
-Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer
-tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit
-den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben
-ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese.
-Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal
-zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es
-verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg
-genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen,
-was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen
-an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem
-Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte
-Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben;
-Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen
-damit zugestopft.
-
-So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine
-Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß,
-ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und
-sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den
-Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!
-
-Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer
-Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig
-abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten
-Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes
-verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von
-einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der
-Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des
-böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren
-anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas
-nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes,
-als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer
-Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt
-schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe,
-ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?«
-Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente
-aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von
-schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und
-die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie.
-Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob
-er die Waffen gegen ihre Brüder.
-
-»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie
-wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer
-nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und
-stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber
-auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir
-halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge
-kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt
-ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an,
-aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über
-andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann
-man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an
-seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich
-die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern
-von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken,
-des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige
-getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre
-Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in
-die Brust.
-
-Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis
-ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben,
-einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen
-Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der
-Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere
-ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen
-Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines
-fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten
-langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten
-Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und
-Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit
-der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern
-sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich
-beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die
-sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt:
-»So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt,
-entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten
-Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt
-ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten.
-»Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je
-vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er
-und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau
-mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht
-kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze
-näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die
-Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt
-es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich
-heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand
-trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher
-zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die
-Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die
-Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen
-Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?«
-Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen
-Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater
-buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine
-Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu
-geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,«
-fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen
-verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder
-ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den
-langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es
-einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in
-jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen;
-da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten
-sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und
-das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben
-mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.
-
-Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten
-Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete
-schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen
-wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer
-großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser
-Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das
-uns sticht?«
-
-Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen
-seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die
-Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu
-erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt
-einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist
-aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde
-ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat
-sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit
-noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar
-Sekunden lang den Atem an.
-
-Unser aller?
-
-Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als
-die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung,
-so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen
-schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und
-unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte
-zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh,
-Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht
-endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.
-
-»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein
-Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht
-zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee
-verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein
-Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen
-äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in
-die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote.
-›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte
-seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der
-Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin
-natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor.
-Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Sonnenblume
-
-
-»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in
-Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale
-weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«
-
-»Woher weißt du das?«
-
-»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte
-Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«
-
-Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und
-zertrat sie.
-
-»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«
-
-Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome
-einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher,
-bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die
-Tasche.
-
-»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«
-
-»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man
-muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«
-
-Er stand auf und reckte sich.
-
-»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder
-auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler
-auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos
-Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir
-heute mal mit mir an.«
-
-Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.
-
-Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.
-
-Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben,
-es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen
-Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm
-sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.
-
-Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes
-Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten
-ließ.
-
-Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine
-grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war
-auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte
-in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch
-aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.
-
-Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers
-Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin
-des Häuschens daheim zu finden.
-
-Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte,
-hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.
-
-Er bat. Fünf Sitzungen -- nur vier -- nur drei, er verdoppelte die
-Zahlung.
-
-Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.
-
-Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die
-Tür.
-
-»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie
-Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«
-
-Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen
-aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.
-
-Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte
-das Klappen ihrer Holzschuhe.
-
-Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes
-Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er
-davon.
-
-Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem
-Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten
-Rosinenreis.
-
-Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit
-zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit
-hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.
-
-Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine
-Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung
-mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.
-
-Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die
-Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein
-Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der
-Alltäglichkeit.
-
-Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken
-Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen
-nie mehr etwas leisten.
-
-Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den
-gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn,
-während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden
-Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte
-es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests
-Eigensinn ihm die Arbeit töte.
-
-»Fie Verheest, die verrückte Fie?«
-
-»Du kennst sie?«
-
-»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu
-geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich
-mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der
-Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute
-Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.«
-
-Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.
-
-»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«
-
-»Und Hubert, höre -- du besuchst mich nicht, nicht wahr?«
-
-»Fällt mir nicht ein.«
-
-So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.
-
-Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht
-bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem
-Besitztum.
-
-Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen
-machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das
-Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.
-
-»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«
-
-Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre
-Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.
-
-So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine
-aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen,
-nun legte er die Farbe an.
-
-Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen;
-was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem
-Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph
-des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne
-der erblühten Blume.
-
-Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der
-Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie
-umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.
-
-Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen
-folgte und der Ton von Huberts Stimme.
-
-Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren
-triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen
-hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.
-
-»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen
-Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«
-
-Zu Crystoll sagte er:
-
-»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen
-aufgespürt.«
-
-Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd
-vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.
-
-Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten
-und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld
-auf ihre Lade legte.
-
-Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen
-Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit
-zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug
-ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.
-
-Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als
-gewöhnlich.
-
-Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl
-falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere
-Winkel.
-
-Auf einmal wußte er's.
-
-Er stürzte in die Stube.
-
-»Wo ist die Sonnenblume?«
-
-»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr
-das Haus versauen.«
-
- * * * * *
-
-Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein
-gedeckt.
-
-»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel
-hingelegt.«
-
-Hubert las.
-
-»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich
-ließ den Hund am Leben.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-»Oh du!«
-
-Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer
-wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte
-denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter
-birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke.
-»Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der
-Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst
-noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus
-der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur
-Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl
-bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte
-die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie
-umdrängten mich.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Anderen
-
-
- _Personen_:
-
- Kyll
- Broß
- Truck
- Ein Mädchen
- Ein Kellner.
-
-Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle
-Tische verlassen. Der _Kellner_ ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl
-gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem
-Tisch, an dem _Kyll_ und _Broß_ sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen
-leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale
-mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. _Kyll_, 26 Jahre,
-schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß.
-Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende
-Lippen. _Broß_, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen,
-Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines =Commis voyageur=.
-
-_Broß_ (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute
-Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.)
-
-_Kyll_ (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?
-
-_Broß_: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.
-
-_Kyll_: Gottlob -- ich atme auf. Endlich sind sie weg -- die Feinde.
-
-_Broß_ (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen
-einzigen.
-
-_Kyll_ (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle
-unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?
-
-_Broß_ (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.
-
-_Kyll_ (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend,
-düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede
-Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.
-
-_Broß_ (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso
-denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?
-
-_Kyll_ (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf
-uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.)
-Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf
-der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt,
-jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.
-
-_Broß_: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und
-Bettelei?
-
-_Kyll_ (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung
-von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich.
-Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die
-Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen
-Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord
-treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all
-den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut,
-alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das
-wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen,
-ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)
-
-_Broß_: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.
-
-_Kyll_ (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder
-Stunden -- im Frühling -- die Sonne scheint -- verhalten, wie wenn die
-Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald -- es riecht so
-untereinander -- nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon
-nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See
-liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er
-sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme
-auseinander -- mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir
-auf -- ich hab' es gefunden -- endlich -- das Erhabene, das noch niemals
-Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte,
-Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe
-gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink -- von
-all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben -- die verfluchten
-anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)
-
-_Broß_ (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es
-muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.
-
-_Kyll_ (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist
-notwendig wie -- Schmerzen -- Krankheit -- wie das Leben selbst. Aber man
-könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären.
-Das müßte sein -- Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen
-haben, der kein anderer ist.
-
-_Broß_ (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?
-
-_Kyll_ (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich
-an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht
-zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.
-
-_Broß_ (verletzt): Erlauben Sie --
-
-_Kyll_ (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts
-im Sinn haben als Geschäftemachen -- Geldverdienen.
-
-_Broß_ (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!
-
-_Kyll_ (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir
-deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der
-nicht anders ist, als wie er scheint.
-
-_Broß_ (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen
-Wert?
-
-_Kyll_ (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe
-ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für
-mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für
-Jahre habe ich mir's verlangt -- nur für Monate -- für Wochen -- Stunden.
-Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der
-nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' -- ich
-suche. --
-
-_Broß_ (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern
-gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.
-
-_Kyll_ (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer
-Phantasie.
-
-_Broß_ (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und
-betrügt.
-
-_Kyll_: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches
-Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder
--- immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner
-höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen.
-Und weiß doch -- müßte es doch wissen -- daß es in wenigen Sekunden
-für ihn ein anderes sein wird -- ein fremdes, das ihn belästigt.
-
-_Broß_ (mit gemeinem Auflachen): Also -- was das betrifft ...
-
-_Kyll_ (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in
-den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war
-das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr
-gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei
-verdammt.
-
-_Broß_: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.)
-
-_Kyll_ (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der
-Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und
-lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche
-Anderssein dazwischen drängt.
-
-_Broß_ (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.
-
-_Kyll_ (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr
-Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen,
-dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt -- wenn man an einen
-Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn
-plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer.
-(Verzweifelt.) Gott! _Einen_ Menschen finden, den ich achten kann! _Eine_
-Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung
-zu entschleiern.
-
-_Broß_ (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das
-zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine
-Engel.
-
-_Kyll_ (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel,
-Tiere. Aber sie -- sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie
-entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?
-
-_Broß_ (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die
-wenigsten Menschen denken so wie Sie.
-
-_Kyll_ (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist
-vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden,
-woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst
-belügen sie.
-
-_Broß_ (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott,
-Sie werden das nicht ändern.
-
-_Kyll_ (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger.
-Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach
-einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln
-sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen
-Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß
-heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl
-auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm
-zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.
-
- (Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der
- Kellner schläft.)
-
-_Kyll_ (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?
-
-_Broß_ (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur
-den Kellner -- ich möchte noch einen Kognak.
-
-_Kyll_ (mit wildem Blick): Sie lügen -- Sie fürchten sich vor mir.
-
-_Broß_ (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... (Er sucht den Namen.)
-Wie können Sie nur glauben -- Sie sind so unterhaltend -- ich könnte noch
-bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.
-
- (_Truck_ tritt ein mit einem _Mädchen_.)
-
-_Truck_ (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. Broß, Menschenkind,
-trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee?
-
-_Broß_ (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der
-Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten.
-
-_Kyll_ (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann
-von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so
-unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht
-einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen -- Kerl!
-
-_Broß_, _Truck_, das _Mädchen_: Zu Hilfe! Zu Hilfe!
-
-_Kyll_ (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack!
-Ihr -- anderen -- (Er erschießt sich.)
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt
-uns zurück.
-
-»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.«
-
-Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das
-kühlt sie ab.«
-
-»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als
-zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«
-
-Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten
-sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war
-auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen.
-Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte.
-
-»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit
-eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und
-›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend
-kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend,
-wie aus innerem Grauen aufgestiegen:
-
-»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische
-Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer
-Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor
-euch zu zerbrechen.«
-
-Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier
-eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle
-Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der
-Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte
-Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns
-ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche
-unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Von ewiger Wiederkunft
-
-
-Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen
-Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die
-Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel
-mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen:
-
- »Die Welt ist tief
- Und tiefer als der Tag gedacht
- . . . . . . . . .
- Weh spricht: Vergeh'!
- Doch alle Lust will Ewigkeit --
- -- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
-
-Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen
-zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der
-schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die
-Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von
-blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die
-hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht,
-sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und
-das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren
-goldenen Abendschein zum Märchenschloß.
-
-Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und
-Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen
-Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht:
-
- »O Mensch! Gib acht!
- Was spricht die tiefe Mitternacht?
- Ich schlief, ich schlief ...«
-
-Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter
-Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und
-Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der
-späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen
-und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet.
-Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn
-begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen.
-
-Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus,
-um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben.
-Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der
-einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in
-aufgehellten Räumen.
-
-Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut
-vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der
-Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße
-gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt.
-
-Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich
-geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit
-ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine
-kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen
-haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der
-Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines
-Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten
-der Vergangenheit herbei.
-
-Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle
-Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz
-See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins
-zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein
-andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen,
-mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die
-feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen.
-
-Der Wanderer stöhnt auf.
-
-Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er
-ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten
-Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu
-sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es
-nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen
-Stunden den Gefolterten zu überfallen?
-
-Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des
-Überdrusses!
-
-Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom
-Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder.
-
-Immer wieder auf das Rad geflochten ... »Krumm ist der Pfad der
-Ewigkeit.«
-
-Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die
-Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist
-das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem
-hochzeitlichen Ring der Wiederkunft.
-
-Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert
-im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken
-und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das
-verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten
-Knochenarmen. Er läuft und läuft ... Er fühlt, was zu sehen ihm
-der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen
-Wiesenboden treten.
-
-Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er
-saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert
-den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam
-ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand,
-faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ...
-
-Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene
-Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung.
-Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen
-Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein
-Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter,
-das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken,
-die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von
-Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten
-Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die
-einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.
-
-Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter
-Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün
-besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen.
-Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem
-Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden
-gemeinsam den Refrain heraus:
-
- =Dolce Napoli
- O suol beato
- Ove sorridere
- Volle il creato.=
-
-Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt,
-erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung
-ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und
-winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen,
-durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt,
-im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche
-Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine
-Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die
-Lakaienseele duckt.
-
-Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so
-rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur
-ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig
-und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur
-seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt.
-Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des
-oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind
-geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und
-Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und
-das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches
-Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?
-
-Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem
-beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser
-billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal
-schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich
-besänftigend auf seine Brust.
-
-Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist
-es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung
-wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er
-hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert
-in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.
-
-Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares
-Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.
-
-Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die
-schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch
-die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen,
-stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid,
-rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von
-irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen
-Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen
-Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und
-so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr
-hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte,
-wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit
-zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet
-weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für
-ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein
-Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.
-
-Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm
-hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie
-durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die
-Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie
-wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich.
-
-»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«
-
-Es trifft ihn wie ein Kuß.
-
-Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne
-ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.«
-
-Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische
-Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch
-an der Seite deines Ehemannes?«
-
-Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer
-seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm
-alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande
-kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft
-ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich
-hungere nach Liebe!«
-
-Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente.
-Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt
-sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche
-von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner
-Geliebten.
-
- »=Dimmi, dimmi nenella mia bella
- pechè staje affaciate? pechè?=«
-
-Er bettelt um ein gutes Wort:
-
- »=Quanno me dice che me vuó bene
- tutte le pene me faie scordà.=«
-
-Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt,
-lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte
-aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen
-Gefühls.
-
- »=Si tu nenella mia viene comme
- Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno
- Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.=«
-
-Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft
-erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier
-zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger
-streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung.
-
-Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der
-er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die
-Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und
-erhöhter wieder zu empfangen.
-
-Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor
-spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei.
-Greif' zu! Genieße!«
-
-»Und meine Seele?«
-
-Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten
-Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der
-großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen
-miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind,
-wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem
-rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus
-geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang,
-ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben
-mögen, da er die Welt erschuf.«
-
-Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange!
-Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«
-
-Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung.
-Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline.
-Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen,
-singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde
-Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.
-
- »=Jammo a bedere nterra a l'arena,
- mento che spanfia la luna, li
- pescatore de Merglina.=«
-
-Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die
-Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür
-des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch
-immer, und die Musikanten jubeln, schreien.
-
-Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den
-rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt.
-Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter
-dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in
-seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre
-Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von
-kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren
-Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe
-erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er
-mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm.
-
-Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er
-sich ihr widerstandslos hin.
-
-Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie
-erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die
-Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.
-
-Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist
-unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf.
-
-In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des
-gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem
-schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen
-kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene
-Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu
-zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden.
-
-Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die
-Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und
-Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt
-aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht,
-keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit
-hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes.
-
-... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten
-Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine
-einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde
-der Sansara.
-
-Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und
-Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert:
-Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals
-durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir
-die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder.
-
-Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf
-einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt.
-
-Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er
-kann wunschlos eingehen in Nirwana.
-
-Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und
-faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen
-zuwirft, bevor er sie verläßt ...
-
-Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal
-übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines
-schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der
-Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst
-gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken.
-
-Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine
-hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner
-Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm
-einen schrecklichen Verdacht.
-
-Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier
-abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher
-verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe:
-zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß
-zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der
-Phantasie schon sein gewesen ist?
-
-Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt und schwankt um ihn herum.
-
-Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine Jugend, die sich gegen
-dieses letzte Opfer bäumt.«
-
-Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich verloren. Und sagt sich
-mit wehmütiger Bitterkeit: »So werde ich die Probe machen müssen.«
-Drückt die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit an den
-See zurück.
-
-... Hinter ihm lachen die Violinen.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er
-hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch.
-
-Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen
-Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der
-Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von
-Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert.
-
-In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in
-Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker
-mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub,
-den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit
-nieder und faltete die Hände.
-
-»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand
-gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr
-einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm
-sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von
-euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und
-her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben.
-Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich
-will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder
-Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt,
-eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«
-
-Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine
-feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer
-Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in
-dem sie demütig dem Herrn diente.
-
-Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe
-richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das
-Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Frohe Botschaft
-
-
-Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt
-graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht
-sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt
-ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die
-große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge
-und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt
-hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne
-durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch
-klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als
-der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die
-letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht
-mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken
-auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst
-zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften
-Umrissen der Landschaft liegt.
-
-Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen
-in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren,
-der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem
-Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist
-jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und
-Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen
-Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit
-kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom
-oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges
-oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten
-Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich
-zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit
-den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im
-Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff.
-
-Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als
-die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat
-g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg
-hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein.
-
-Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf
-Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es
-nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen
-ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es
-ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel
-thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in
-grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen
-unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien.
-
-Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an
-der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie
-die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene
-große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich
-geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.«
-
-Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der
-grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff,
-dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die
-gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um
-die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die
-Grübchen in ihren runden Wangen.
-
-In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken
-um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken
-herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die
-mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt
-ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter,
-Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden
-geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die
-beschmutzten Bäckchen laufen.
-
-Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein
-Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten
-gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.«
-
-»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den
-weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus.
-
-Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner
-Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät
-bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine
-Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der
-Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's keine Angst, den
-Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust
-herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben.
-
-Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und
-Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links
-von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie
-träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen,
-hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt
-sind, wie das Gezirpe junger Vögel.
-
-Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die
-Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn
-herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh' auf, komm
-mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.«
-
-»Wenn ich nur könnt'!«
-
-Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste
-Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen
-sie, »steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft
-ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung
-an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort
-fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz
-vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine
-Pracht!
-
-Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das
-schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines
-engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen.
-Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel.
-
-Und Farben! Der See so blau -- so blau -- wie die Enzianen auf der
-Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen
-Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo
-zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser
-sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im
-Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln
-Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für
-Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so
-in der Luft von Freude und von Lustigkeit.
-
-Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm
-beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken.
-
-Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du
-Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den Gang tät's vielleicht noch klenken.
-Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron.
-»Heiliger Josef, mach', daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.«
-Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester
-Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester
-Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria
-wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula
-verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer.
-
-Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel
-aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft
-strömt zu ihm ein. Das schmeckt -- o wie das schmeckt! Wenn's ihm nur beim
-tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte.
-
-Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit
-hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er
-möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle.
-Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine
-Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle,
-verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde.
-
-Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer
-aus dem Bett ans Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und die
-Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn
-ja schnell versehen lassen.«
-
-Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt,
-steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr
-aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.
-
-»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft mir hinunter in den
-Garten.«
-
-Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die Schwester diesen Einfall aus.
-
-»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft Ihr nicht. Und es könnt'
-Euch schaden. Und denkt nur, wenn Euch was passiert, ehe ...«
-
-Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der Josef errät, woran sie
-denkt, und der Atem geht ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen
-hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht ...
-
-»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine Augenlider zucken wie
-im Krampf, »ich möcht' halt so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht
-das letzte Mal. Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten, und Ihr
-verdient Euch Gottes Lohn.«
-
-Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie nimmt es völlig
-ernst. Um Gotteslohn tut sie ja alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt
-für die Betrunkenen und die armseligen Pfründnersleute, wäscht und
-füttert die Kranken. Und eine Fürbitte im Himmel, durch die sie näher an
-Gottes Thron zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. Sie meint:
-der Josef sieht auch wirklich besser aus, er hält sich wohl noch ein paar
-Tage.
-
-»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock, ob einer von den armen
-Männern daheim ist.«
-
-Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein hat alle weggelockt.
-
-»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.«
-
-Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen, den Gang entlang, über
-die zwei Stiegen. So oft der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn
-die Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört sie bei ihrer
-jenseitigen Seligkeit, stellt ihr vor, wie die Himmelsfreuden durch die
-Last der Erdentrübsal wachsen.
-
-Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr
-plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann
-holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen
-und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.
-
-Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie
-man es hätt' glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft
-ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und
-das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne
-aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen
-Zustand zu verbergen.
-
-Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die
-während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die
-Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und
-heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf
-Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen
-hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint,
-weil ihr bang' ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den
-Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie
-ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf
-einmal.
-
-Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt
-die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt
-sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe
-Botschaft‹.«
-
-Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren
-der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und
-Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse.
-
-Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und
-Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch
-Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt
-sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und
-überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt?
-Sollte man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht
-ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das
-scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem
-Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock
-Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken
-muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die
-Flügel von den Engeln -- so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr
-doch eingepackt --, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf
-und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den
-Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen,
-vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf
-den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.
-
-Das schönste dann -- die stillen Sonntagnachmittage!
-
-Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei
-enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester
-setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben
-auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die
-Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es
-Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die
-Seele: »Das tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz -- es weiß, es sündigt,
-ihm ziemt Demut und Entsagung -- ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld.
-Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn
-im vornhinein, im Geiste ...
-
-Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt.
-Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an
-den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen
-bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs,
-nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König
-Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn
-Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens.
-Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die
-Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um
-den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar.
-Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre
-Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die
-Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen
-und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht
-schnell ersticktes Lachen auf.
-
-Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem
-Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige
-Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate
-hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind
-ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl,
-die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln
-leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.
-
-Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der
-Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen.
-Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren.
-Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller
-Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu
-ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand
-den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme
-Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte
-sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale
-drücken und in ihm vergehen.
-
-Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester
-Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der
-»Frohen Botschaft« trifft.
-
-Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr
-anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh'
-ist.«
-
-Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken
-soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.
-
-Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in
-der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und
-sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt ...«
-
-Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das
-Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die
-Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald
-den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und
-seitlich wieder auszustrecken.
-
- »Wie bin ich so er--schöpft und matt
- Vohn uhn--srem Gan--ge in die Stadt.
- (Armbewegung nach der rechten Seite.)
- Wie sehnt sich Leib und See--le nuhn,
- Einmal ein biß--chen aus--zu--ruhn.
- (Armbewegung nach der linken Seite.)
-
- * * * * *
-
-Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf
-tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt:
-»Zenzel, hörst, ich glaub', ich muß davon -- es wird schon Tag.« Als er
-die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad' war er noch im Kammerl
-bei seinem Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach
-und nach ...
-
-Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann.
-Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel
-halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen
-und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das
-Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich
-denn dahergekommen?«
-
-Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes Lachen. Das muß
-man sagen. Sakrisch ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst war
-er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, Brot und Wasser neben
-sich. Damals in der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht im Gemeindeamt
-die Fenster eingeschlagen? Und da hat man ihn halt eingeführt. Er will
-wieder lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie ein Krampf. Der
-Josef Kirschenhauer. Der lustigste und frischlebigste Bursch im ganzen
-Dorf. Mit seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich arm wie die
-Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht und sie die Sennerin auf der
-Gruberalm. Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide arg hart
-getan.
-
-Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig ist ihm von dem vielen
-Denken. Und die Zunge trocknet ihm im Gaumen.
-
-»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, das dasteht, glotzt und
-an ihrem Daumen lutscht, »gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«
-
-Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.
-
-»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«
-
-Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen, wie wenn sein Töchterl vor
-ihm steht, die Babi. Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat so
-hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach Bayern gegangen ist, um
-zu verdienen. »Heul' nicht aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald
-wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.
-
-Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter hat's ihn getrieben.
-War ein Geld da, hat er mal etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal
-vertrunken und verjuxt. War kein Geld da, hat er gehungert und gefroren.
-Und hat vom Wanderleben doch nicht lassen können.
-
-Der Durst -- der Durst. Und die Resi kommt nicht mit dem Wasser. Der Josef
-beugt sich vor, er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«
-
-Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft in ihre Probe.
-Nein, über diese Buben. Wissen doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als
-Hirten um ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus den Ecken
-muß sie sie zusammenklauben. Und wie sie ausschauen.
-
-»Putz dir die Nase, Franzl.«
-
-»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen richtig zugeknöpft!«
-
-Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der Erde, jeder seinen
-Hirtenstab zur Seite, wärmen ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt
-als Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.
-
-Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend auch so werden?
-
-Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt is's aba ...«
-
-Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, schnarrt es aus dem Franz heraus:
-
- »Ah! heunt is's aba orndli frisch,
- I bin schon kalt, als wiar a Fisch.
- Is das a Kälten! -- es is a Graus,
- Ma halt's schon warli nima aus«
-
-und schnappt dann ab.
-
-Es gibt eine Pause.
-
-»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. »So sitz di
-halt ...«
-
-»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich der Mathias.
-»Schau, mi' friert jetzt gar nimmermehr.«
-
-Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr ermuntert werden, ehe er
-stockend flüstert:
-
- »Dafür ist der Himmel so hell und klar
- I woas koan Nacht, daß amal so war.«
-
-Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, daß die Silben
-durcheinander purzeln.
-
- »Ja -- dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein,
- Und schaun ganz eigen lusti drein.«
-
-Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich das Gespräch der Hirten
-weiter. Über die Bedrückungen der Römer, und wie alles sehnsüchtig
-auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter (wie einen mit Steinen
-beladenen Karren schiebt er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen
-Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben Frau, die, Herberge suchend,
-auf die Straße hinausgestoßen wurden.
-
- »Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman,
- Fortjag'n und sich gar nöt dabarman --
- Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt --
- Dö mag a unser Herrgott nöt.
- Und d'rum, toats mas nöt übelnehma,
- Drum mag da Messias a nöt kema!«
-
-»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. In seinem Kopf vermischt
-sich Spiel und Wirklichkeit. »Ja, ja.«
-
-So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, oft ganze Nächte durch,
-und hat sich mit ihnen was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott
-und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein gutes Haar gelassen hat.
-Und wenn die Rede auf die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch
-sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals gewesen. Bis dann in
-Kroatien, wie sie den großen Wald geschlagen haben, das Unglück über ihn
-gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf ihn die Eiche. Ein Wunder, daß
-sie ihn nicht gleich totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, und
-aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. Ojemine! _Das_ Heimkommen! Die
-Zenzi, ein vergrämtes Weib, das Weib von einem anderen, das Baberl in der
-Stadt in Dienst, die alten Freunde tot oder kalt und fremd geworden. No
-ja, wer kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, ein Fallot, reif
-fürs Armenhaus, eine Last für die Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken
-sollen für die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem engen Kammerl
-sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich ausgehalten. Und jetzt, seit es gar
-so schlecht mit ihm geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein
-im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein -- Tag und Nacht allein mit
-seinen Schmerzen. Oje! Oje!
-
-In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes Leben schattenhaft an ihm
-vorüberhuscht, zuckt wie ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der
-Schwester: »Wenn Euch was passiert -- ehe ...«
-
-Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust gepreßt, krümmt sich der
-Josef. Unwillkürlich rückt er aus dem Schatten, der schon einen Teil des
-Gartens deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre Kraft verliert,
-als könne er damit aus dem Todesschatten in das Sonnenlicht des Lebens
-flüchten.
-
-Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...?
-
-Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft:
-»Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«
-
-Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt
-sie erst, bevor sie wiederkommt.
-
-Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten,
-wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.
-
-Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig.
-Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise
-reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner
-Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer
-Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie
-goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz
-finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von
-irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald
-geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und
-immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz
-in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen,
-und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich
-gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm
-war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich
-her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein
-Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen.
-Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke
-dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich
-getrost wiederum in dich hinübergehen.«
-
-Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' zu leben hat. Jetzt aber ...
-in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein
-Schrecken würgt ihn -- wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch
-Fegfeuer und Hölle -- wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber
-beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne
-schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:
-
-»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und
-immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie
-ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er
-fuchtelt mit den Armen in der Luft ...
-
- * * *
-
-Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu
-übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst,
-die Verkündigung des Engels singt:
-
- »Hirten! Wachet auf!
- Hirten! Wachet auf!
- Eilt hinunter in das Tal,
- Und dann schauet in den Stall;
- Denn geboren ward
- Dort ein Kindlein zart,
- Das von Adams Sündenfall
- Euch erlöset all.«
-
-Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen
-Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim:
-
- »Ehre sei Gott in der Höhe!
- Lieblicher Friede
- Sei aller Welt!«
-
-... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen
-Lächeln.
-
-Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone wölbt sich wie das Dach von
-einer Kirche ... die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich
-kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt
-nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines
-Wesens fällt ...
-
- * * *
-
-Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf
-den Saiten.
-
-Da zupft sie etwas.
-
-»... Ja? ...«
-
-»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist
-schlecht.«
-
-Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst
-müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie
-geht hinüber.
-
-Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er
-geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf
-seinen Zügen.
-
-Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch
-den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall
-gegangen sein. Uns fröstelte.
-
-Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten
-hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen
-Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte
-Zukunft.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Demnächst erscheint:
-
-
-Lena Christ
-
-Bauern
-
-Bayerische Geschichten
-
-Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
-
-Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit
-des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena
-Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in
-der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste
-Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten.
-Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben
-worden ist.
-
-Mit mehrfarbigem Umschlagbild
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Ferner im Erscheinen:
-
-
-H. von Mühlau
-
-Das Glück nach der Liebe
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 7.--, gebunden ca. M. 9.--
-
-Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher
-Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende
-Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich
-veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die
-Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.
-
-Mit mehrfarbigem Umschlagbild
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Ferner im Erscheinen:
-
-
-E. Bonn
-
-Die Mündung
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.--
-
-
-Robert Kohlrausch
-
-Das große Geheimnis
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
-
-
-Mit mehrfarbigen Umschlagbildern
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-
-
-
-Von
-
-Auguste Hauschner
-
-erschienen früher:
-
-
-Romane
-
-Abschied -- Lehrgeld -- Kunst -- Zwischen den Zeiten -- Die Familie
-Lowositz -- Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) -- Die
-große Pantomime -- Die Siedelung -- Der Tod des Löwen
-
-
-Novellen
-
-=Dr.= Ferenczy -- Die Unterseele -- Daatzes Hochzeit
-
-
-Dialoge
-
-Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 2:
- "verklammte" geändert in "verklemmte"
- (verklemmte Türen aufzureißen)
-
- Seite 72:
- "," eingefügt
- (die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
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