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-The Project Gutenberg EBook of Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Blaubart und Miß Ilsebill
- Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus
-
-Author: Alfred Döblin
-
-Illustrator: Carl Rabus
-
-Release Date: September 26, 2020 [EBook #63301]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
- Alfred Döblin
-
-
-
-
- Blaubart und Miß Ilsebill
-
-
- Mit Steinzeichnungen
- von
- Carl Rabus
-
-
- Berlin 1923
- Hans Heinrich Tillgner Verlag
-
-
- Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Das verwerfliche Schwein
- Die Nachtwandlerin
- Der Ritter Blaubart
- Die Segelfahrt
-
-
-
-
- Das verwerfliche Schwein
-
-
- Das verwerfliche Schwein
-
-Hubert Feuchtedengel, -- Neuromanist und die zweiundvierzigtausend Mark
-seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet,
-bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt
-zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, dann
-Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, bis das
-goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige Monate
-alt, -- bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in einem
-lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich bei ihm
-ein exquisiter Fimmel etabliert.
-
-Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen
-Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend,
-eierstreuend, eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier
-bewegt sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter
-vom Bett, steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen
-braucht er nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner
-gefunden wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach
-Greifswald, erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als
-selbstdenkender Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was
-man vor Augen sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern
-Blutandrang. Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der
-abschließenden wissenschaftlichen Überzeugung, daß es sich bei ihm um
-Sepsis, um Blutvergiftung handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos
-um einen Fimmel, aber auf Sepsis beruhend.
-
-Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch.
-Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem
-rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen
-steigt, die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines
-Medizinalpraktikanten, Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber
-her auf die Betten glotzend, dampfend vor Eifer.
-
-Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags ein halb
-fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef wegen
-Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher
-Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei ihm
-sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, setzt ihn
-im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. »Zunge
-heraus!« »Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!« »Augen zu!«
-»Romberg negativ.« Zieht die schweren braunen Vorhänge zu, steckt hinter
-Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine Augen. Nichts
-zu finden. »Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!«
-
-Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen
-bauchumspannenden Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor
-die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt
-demütig an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei
-Tage ist er Luft für seinen Herrn.
-
-Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden
-Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft
-die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel
-kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er,
-entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte
-Sepsis; man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick
-hat seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke,
-trägt die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er
-den Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in
-Stinkwut über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut
-ihm den steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer,
-schimpft vor sich. Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe
-genug von der Sache. Beißt auf seine Zigarre: »Du Schwein. Du
-verwerfliches Schwein. Du bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt
-aber, jetzt sollst du was sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du
-deine Sepsis und wirst behandelt. Verstehst du, Kerl?«
-
-Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er
-ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. »Kerl,« flucht
-Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, »Kerl, Kerl, dich werden
-wir kriegen.« Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer
-um.
-
-Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der
-Assistenzarzt den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die
-Ärmel auf. Der Dicke unsicher: »Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen
-wir die Schwester wecken?«
-
-»Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.« Strick
-raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank.
-
-»Kriegst eins reingefuhrwerkt,« giftet er seinen Schüler an, »daß du
-platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du
-denn?«
-
-»Fünf Gramm,« lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd seine
-geschwollenen Armvenen.
-
-»Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst ins
-Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht 's
-Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.«
-
-Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in den
-mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei der
-wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus
-himmelnden Äuglein zu seinem Chef: »Fünfundzwanzig Gramm. Ich vertrag
-es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.«
-
-Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel
-hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den Hut
-fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche.
-
-Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der qualmende
-Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf dem
-Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt,
-triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich nichts
-merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. »Das schöne Bild«,
-schwabbelt er schämig, »in der Klosterküche. _The monastery kitchen_,
-_cuisine de monastère_. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.«
-
-Von oben faucht Werner: »Schwein, wieviel willste haben?«
-
-»Fünfundzwanzig,« stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd
-den Arm des andern zu berühren.
-
-Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze
-sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich.
-
-Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt,
-schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust,
-windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang,
-reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier,
-das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: »Mehr, mehr,
-Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.« Seine Füße treten mit den
-Spitzen den Boden.
-
-»Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg,
-Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl,
-vierundzwanzig. Da wären wir.«
-
-Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln
-hinter ihm beginnt.
-
-Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen,
-Hinklatschen, Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille.
-
-Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch
-geschwollene, baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt,
-die Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten
-aufragend zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast.
-
-»Der Lump!« triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel
-mit der nassen Handfläche, »fünfundzwanzig Gramm! Hab' ich gesagt!
-Dreißig! Warum nicht vierzig! -- Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.« Stampft
-näher: »Häh, die Zunge! Streck' die Zunge raus, Kerl!«
-
-Der bewegt sich nicht.
-
-Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: »Die Zunge raus.
-Biste tot, dann biste tot.« Zieht sich den Paletot aus. Der Körper
-bewegt die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht.
-Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel
-aus, schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den
-Hinterkopf des Körpers quer durch den Raum.
-
-Das Stuhlbein bleibt stehen.
-
-Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft
-immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er Schüssel
-samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte Masse: »Da
-hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man buddelt dich
-gleich ein.«
-
-Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd auf
-sein Zimmer.
-
-Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer
-und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick
-schnarcht im Halbschlaf: »Herein,« legt sich zurück.
-
-Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich
-graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende,
-wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine
-andere.
-
-Stehen auf dem Bettvorleger, stumm.
-
-»Werner,« murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse.
-
-»Herein,« schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes,
-Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe.
-
-»Wer ist denn das?«
-
-»Werner,« murmelt der vordere, »ich bin in den Fluß gefallen von der
-Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich
-dich rief.«
-
-»Was bist du, Mensch?«
-
-»Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe
-immer gerufen.«
-
-»Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?«
-
-»Ich hab' ihn nicht.«
-
-Strick ringt verzweifelt die Hände: »Na siehste! Bist du nicht
-versoffen, du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht,
-was soll ich mit dir machen?« Überwältigt schreit er: »Raus, raus,
-septisches Vieh. Ich schlafe.«
-
-»Werner, du sollst mir den Arm verbinden.«
-
-»Wer ist denn das hinter dir?«
-
-Traurig flüstert der Schwabe: »Das ist der Teufel!«
-
-Entsetzt hält sich Strick den Kopf: »Was soll ich denn mit dem noch
-machen! Mitten in der Nacht!«
-
-»Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war. Du
-sollst mir den Arm verbinden.«
-
-»Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse?«
-
-Hartnäckig flüstert Hubert -- der Teufel stemmt ihn rückwärts --: »Du
-sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen.«
-
-Strick wühlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strümpfe und Hosen
-über, seufzt: »Komm.«
-
-Verbindet ihn unten; kopfschüttelnd sieht er die beiden abziehen, droht
-hinter ihnen.
-
-Bevor er zur Visite geht, am nächsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel
-mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage.
-
-»Wo kommst du her; du bist doch längst tot.«
-
-»Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht.«
-
-Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine
-Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig.
-
-»Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hältst du dich bei Tag auf,
-Mensch?«
-
-»Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hängt er mich an einen Baum.
-Davon bin ich so rasch trocken geworden.«
-
-»Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter?«
-
-»Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt, es
-ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Fluß geschmissen. Das
-gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken.«
-
-Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlägt sich mit der
-Reitpeitsche gegen die blanken Stiefelschäfte: »Jetzt rede ich gar nicht
-mit dir Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie
-mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die ganze
-Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der Bildfläche?«
-
-»Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir haben
-kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns. Ich
-kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie müssen alle erst getrocknet
-werden.«
-
-»Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was mit ihm
-los ist?«
-
-»Ja, er will immer, Herr.«
-
-»Herr Doktor heiße ich. Aber wenn er will, was ist dann?«
-
-»Er läßt mir keine Ruhe, er hält soviel von Sie, Sie hätten seinen
-Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach Sie, von
-wegen dem Arm, jault und jault.«
-
-»Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt?«
-
-»Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch den
-janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor.«
-
-»Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit ihm.
-Vergraben Sie ihn, schmeißen Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie denn, ich
-habe meine Zeit gestohlen.«
-
-»Ich will's ihm noch mal sagen; er ist so tücksch, so störrisch, er läßt
-nicht ab.«
-
-»Ich will; ich will. Das hätten Sie schon gestern tun sollen. Was sollen
-die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebügelten Subjekt
-umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir behandeln
-lassen bei dem Gestank.«
-
-»Sag' ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschäft. Ist mir peinlich,
-Herr. -- Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande
-wu? Vorwärts, hüh!«
-
-Schüttelt den Feuchtedengel am Hals, daß dem in seinem pendelnden
-Schädel die Kiefern klappen.
-
-»Mein Arm, mein Arm.«
-
-»Hier gibt's nüscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf.«
-Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen.
-
-Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tür:
-»Raus, sofort raus samt dem Deibel!«
-
-Der beeilt sich, daß sie nur so davonpoltern.
-
-Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben.
-Vierfüßiges Getrapp auf der Treppe fängt an, an die Tür klopft es,
-einmal, zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter,
-stoßen mit den Füßen. Einer flüstert: »Er ist nicht zu Hause.« Der
-andere wimmert: »Doch, er schläft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht
-mehr.«
-
-Die Tür wackelt von den Tritten, ein Likörglas fällt vom Vertikow. Einer
-winselt: »Sehen Sie, der trinkt Likör.« Vorsichtig wird die Tür
-geöffnet. Strick liegt über dem Papier, tut als ob er schläft. Der
-Teufel läßt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestürzt,
-muß auf allen Vieren kriechen, die Brust hängt dicht über dem Boden,
-seine Arme baumeln, schleifen nach, die Handrücken wischen den Teppich;
-der Kopf geht hoch, um etwas zu sehen, schlägt mit der Stirn wieder auf.
-
-Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins
-Blut gestiegen.
-
-Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit
-funkelnden Augen: »Nu hab' ich's dick.«
-
-Der Teufel läßt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt sich
-die Fäuste in die Weichen: »Fangen Se ooch noch an mit mir?«
-
-»Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren. Sie
-haben --«
-
-»Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er läßt das Jaulen nicht
-sein und er läßt es nicht sein, es ist nicht anzuhören. Dann verbinden
-Sie ihn eben, und die Sache ist fertig.«
-
-Strick rast im Zimmer: »Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault ja,
-wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern.«
-
-»Dafür kann ich nichts. Dafür bin ich nicht da. Dann gehen wir zu einem
-andern Doktor.«
-
-Unten wühlt der mit dem Kopf: »Ich will nicht; ich geh zu keinem anderen
-Doktor.«
-
-Strick brüllt: »Raus, raus mit euch Gesellschaft.«
-
-Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem
-Kinn, zerrt ihn in die Höhe. Der Teufel fällt ihm in den Arm: »Sie haben
-mir den Mann nicht anzurühren. Ich laß Ihnen den hier liegen und hol ihn
-nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir kujonieren.«
-
-Trottet zur Tür.
-
-»Was soll ich mit dem Kerl hier?«
-
-»Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will überhaupt
-nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der
-hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden.«
-
-Greift nach der Türklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke.
-
-»Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann
-ich doch mit ihm nicht machen.«
-
-»Lieber Herr, ick jeh was essen.«
-
-»Sie sind faul. Faul sind Sie.«
-
-»Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen.«
-
-»Ich bin nicht Ihr Herr.«
-
-»Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine
-Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene. Sie
-haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren.«
-
-»Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen.«
-
-Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: »Benehmen? Det laß ich mir
-nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det wär jelacht.
-Feuchtedengel, hilfste mit?«
-
-»Ich kann nicht. Er soll mich verbinden.«
-
-»Nun komm mal. Den kriegen wir.«
-
-Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblättern mit
-der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein Schild,
-fängt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlägt ohne Waffen
-drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel gegen
-die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen, am Hals
-vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant plärrt: »Du
-willst mein Beschützer sein?« »Sei nicht feige,« keucht der hinter ihm,
-»wir kriegen ihn schon.«
-
-»Ich will ja nicht.«
-
-»Wir kriegen ihn schon.«
-
-Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Stoß gegen die
-Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los
-ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schläfe, daß ihm Nacht vor
-den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und er im
-Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel über sich zu ziehen.
-
-Strick steht lachend über den beiden. Er ist atemlos, öffnet alle
-Fenster, gießt sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat,
-fragt er höhnisch herüber: »Es wird Frühling im Januar. Na, wie weit
-sind wir?«
-
-Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Körper schwankt,
-schaukelt. Mühsam steht der Teufel hinter seinem Schild, stöhnt: »Wir --
-wir -- wir sind so weit, meine Herren.«
-
-Vom Sofa lacht es.
-
-Der Teufel prustet: »Wir sind so weit, meine Herren.«
-
-Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr: »Ick
-boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann mache.«
-
-»Mit wem?« winselt der mißtrauisch.
-
-»Paß mal auf,« zischt der andere verlogen.
-
-Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der
-Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke.
-
-Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe.
-
-Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt weit
-fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust und Hals,
-zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt seitlich auf
-die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu hockt der Teufel
-über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen Schläfe und
-Augen.
-
-Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen
-Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn,
-wie er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz
-ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden
-kann.
-
-Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: »Nun bist du fertig.« Sich
-selber streichelt er: »Ei, ei, das ist schön.«
-
-Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher an,
-setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak.
-
-Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber.
-
-»Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch mal
-Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.«
-
-Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab,
-links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt
-er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. »Ei, Widuwio, wie siehste nu
-aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann bist du
-der Herr Baron.« Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen die
-gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf. Sagt
-nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: »Wir gehen etwas aus. Wir
-haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.«
-
-Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: »Was soll aus mir
-werden?«
-
-Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab.
-
-Die beiden liegen allein.
-
-Ruft der Dicke nach einer Zeit: »Strick.« Der dreht den Kopf, glotzt
-seinen Nachbar an.
-
-»Strick, was machst du?«
-
-Kläglich stottert der: »Nun bin ich auch tot.« Weint: »Meine Stiefel
-haben sie mir ausgezogen.«
-
-Es schlägt fünf. Jammert Strick: »Wie lange sollen wir hier noch
-liegen.«
-
-»Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den
-Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns läßt er
-liegen, als wenn's nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen: es
-ist fünf.«
-
-Da hebt der Doktor den Arm: »Schon fünf und noch keine Visite. Einer muß
-gehen, du oder ich.«
-
-»Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich schon
-die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem Krankenhaus
-denken, wenn ich Visite mache.«
-
-»Zeig' mal,« sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. »Pfui, siehst du aus.
-Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.«
-
-Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf
-der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: »Sind Sie
-schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.«
-
-Eine andere weint: »Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie sind.
-Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.« Die Dritte blickt mitleidig auf
-seine Füße: »Sie gehen schon auf Strümpfen.«
-
-Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für die
-verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum
-Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft
-haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung
-macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel
-zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg
-kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. »Gehen
-Sie rasch, Herr Doktor,« sagt er, »dann reicht's zwei Stunden. Lassen
-Sie die Kränze hier, ich leg' sie Ihnen oben rauf.« Strick hetzt durch
-die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei
-silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt
-er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut
-sich: »Jetzt wird man mich ehrlich begraben.« Liegt im Schnee, im
-Finstern.
-
-Der Teufel späht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen,
-klopft ihm freundlich den Schnee ab: »Man soll's nicht übertreiben,
-lieber Junge. Nun wird dir gleich wohler.« Er führt ihn am Kragen.
-Strick, vergrämt über sein Pech, gerät in Zorn, weil der ihn duzt,
-verbittet sich das, macht sich schwer. Der andere näselt vornehm, daß er
-jetzt den feinen Mantel anhabe und die Mütze und die blanken
-Reitstiefel, und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten.
-Strick verlangt die Peitschen zurück, flucht, bis der andere ihn am Wege
-zur Parkstraße über die Bordschwelle hinwirft, schwörend, er werde noch
-den dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe
-versalzen. Als die beiden an seinen Armen wackeln, bläkt und schimpft
-der Teufel, wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer
-anderen Leuten das Leben schwer mache; was seien sie beide für
-Lumpenbagage: der eine ohne Hut und im ungebügelten Paletot, daß man
-sich schämen müsse vor die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im
-Portierpelz mit Mottenfraß und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne
-Pferd und kann nicht mal hopp hopp machen.
-
-Er hängt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich's gehört, an
-den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene
-Kochtöpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist Strick ganz Gift
-geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen des Wegs zieht:
-»Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm und will mich
-verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich muß mich beeilen.«
-
-Strick wiehert lachend: »Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen wäre,
-hättest du nicht mal mich gekriegt.«
-
-»Was,« faucht der andere, »Hund sagt der zu mir? Und das wollen
-Kavaliere sein? Ich hab' genug.«
-
-»Ich auch,« höhnt Strick.
-
-»Mein Arm,« winselt Feuchtedengel, aufwachend, »wer soll mich
-verbinden?«
-
-»Ich hab' genug,« brüllt der Teufel, läßt sie fallen, dreht sich um sich
-selbst, »haltet die Schnauzen!«
-
-Stößt, auf der Allee stehend, mit den Füßen rückwärts, scharrt wie ein
-Pferd.
-
-»Was macht er nur,« denken die beiden im Schneehaufen.
-
-Er bläst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird groß
-wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine
-Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine
-Stiele in der Kugel. Bückt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn
-anspucken will, läßt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach
-dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals stürzt Strick kopfüber
-abwärts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln reißt
-der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet sich,
-wirft Falten, steht prall. Der Teufel bläst die Backen auf. Die Kugel
-dampft, glüht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen
-heraus, stehen über ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht
-sich schnurrend zusammen, schüttelt sich. Asche, weiße Knöchelchen
-fallen von ihm ab.
-
-Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: »Ei, liebes
-Bäuchlein.« Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein
-spazieren.
-
-Zu einem Fräulein, die ihn wegen seiner erschöpften Haltung an der
-Großhafenstraße anspricht, sagt er: »Sehr gebummfidelt, höchst
-schmeichelbar. Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick,
-Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch
-schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und jaulte
-den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et war mich
-zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Fräulein --«
-
-»Gehen wir ein paar Minuten ins Café Braune, mein Herr.«
-
-»Gewiß doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind sie nich
-im Himmel und nich in der Hölle. Nu sind sie einfach tot.«
-
-
-
-
- Die Nachtwandlerin
-
-
- Die Nachtwandlerin
-
-Als es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen
-Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit einer
-eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages
-verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf Uhr geschlossen,
-und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein für einen jungen
-Mann zu flanieren.
-
-Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen
-Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft
-herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor
-der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten
-zierlich einher in weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der
-Charlottenstraße prustete ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich
-die aufgestülpte Nase über dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr
-Priebe wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich
-besänftigt in den Hüften vor. Er huschte über den Damm.
-
-Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen
-Schleuderns der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen;
-die Hosen waren zu lang.
-
-In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig
-Herren und Damen, bereit, nach Belieben als Schürzenjäger oder
-Männerfreund zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die
-gutmütige Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen
-Sprenkeln in der Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe
-mit dem Kopf häufig nach links, als wollte er über die Schulter nach
-hinten sehen.
-
-In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße
-entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen,
-schlüpften zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn
-etwas am Arm in der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: »Na, Schatz?«
-Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen,
-Moschuswolke, Veilchenbukett an der Brust. Blutübergossen wandte Herr
-Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen
-Radfahrer derart ängstlich, daß der ihn anbläkte.
-
-Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er
-vor das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm
-her ein graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Dessous
-schlenkernd über durchbrochenen hellblauen Strümpfen, plauderte mit
-einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber. Herrn Priebe stand
-das Herz still.
-
-Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und
-ab die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer
-Droschke. Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der
-lauen Abendluft lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah
-er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der
-Wohnung unter der Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein
-kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem Rücken. Die
-kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin das
-rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine Banane
-vom Tisch.
-
-Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf.
-Er ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die
-schwarzen rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub
-bedeckt, unter dem Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht blitzten.
-Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhörlich herunter; starke Kräne
-knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr
-Priebe ging in einem glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen
-Hof; seine grauen Hosen waren abgestoßen. Er warf verschlafene Blicke
-über die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses
-hinauf. Niedrige, weite Kontorräume, Holzladen an den Fenstern. Hinter
-den Pulten Männer; an der Wand junge Mädchen in schwarzen Schürzen; sie
-spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm.
-
-Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut
-auf und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen
-sich an, sagten laut zueinander: »Herr Priebe sieht eigentlich recht
-verlebt aus.« Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter
-hörbarem Gähnen zu seinem Nachbarn: »Das Großstadtleben bekommt einem
-auf die Dauer nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.«
-Aß zum Frühstück einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaßten
-Zwicker auf, schrie ein engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er
-den Durchschlag zerrissen vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf,
-maulte, plärrte laut los, die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet
-verlängerte der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum.
-
-In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie
-gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr
-leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem,
-rauhem Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte
-nochmals. Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen sich
-lächelnd an.
-
-Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den
-Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie
-versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und
-flüsterte eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von
-ihr abwandte, pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem
-Pult, um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches
-»Ja, ja« zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein
-gut ausgefülltes Gesicht in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit
-Bindfäden verschnürt von den Ohren her.
-
-Antonie Kowalski war ein rundes, ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug große
-unechte Ringe in beiden Ohren, an den feisten Armen breite metallene
-Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte
-beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau,
-eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis saß, eine Liebschaft
-mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann
-nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam und die einjährige
-Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in
-die Brunnenstraße, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein
-jähzorniges, leidenschaftliches und zärtliches Tierchen auf; nur daß sie
-in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich
-verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die
-Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals spätabends mit dem Zigeuner
-in der Küche, als ihr der branntweinduftende Geselle um den Leib griff.
-Sie war, Hilfe zu schreien, an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine
-und Flügel weit aufgerissen, so daß plötzlich das prallweiße Mondlicht
-hart über Diele und Tisch fiel. Sie fuhr einen Augenblick geblendet
-zurück. Der rasende Mann warf sie schon auf den weiß bestrahlten Boden,
-riß ihr keuchend die Röcke ab, und so wurde sie seine Geliebte. Jetzt
-lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der Mond vor ihr
-Fenster trat. Oft saß sie abends am Fenster, hatte die Augen offen; die
-Mutter mußte sie schütteln und laut anrufen, ehe sie den Blick herdrehte
-und aufstand.
-
-Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der
-Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe und
-warum er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. »Hier sind zwei
-Billetts für das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder
-drin im Saal.« Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief
-über den Kohlenhof.
-
-Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder
-an seinem Pulte saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel lief
-ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage:
-»Was nun?« Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die
-Straße und ging statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die
-Liebenwalder Straße, Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum
-grünumsäumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und
-zurück. Vom Kontor machte er sich abends im schäbigen Gehrock auf den
-Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mädchen hinter ihm
-kicherte, fuhr er nach Hause, parfümierte sich im Tennisanzug. Mit
-Tränen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der
-kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so stöhne, wie ein Bär
-stöhne.
-
-Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war nicht
-an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die Stimme
-des Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen
-Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade
-am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin das
-Fräulein im Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf ihn zu,
-stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. »Da wären wir also,
-kleine Krabbe,« sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen mit
-Kennerblicken.
-
-Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die
-schwarzen Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn
-gekämmt. Der große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken
-gesunken, so daß das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite
-Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und
-feucht. Schweigend standen sie sich gegenüber, dann legte sie ihren
-bloßen prallen Arm in seinen und zog ihn mit ehrfürchtigen, zärtlichen
-Blicken zum Saal hinaus in den lampionbeschienenen Garten.
-
-Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die
-Karussels dudelten. Herr Valentin hob keck den Samthut zurück, zündete
-eine Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen.
-Mit überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte
-seinen rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier
-vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte
-begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich
-mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer
-Pause neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange, faßte
-sie ihn zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch seinen
-Körper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: »Ach Gott!« Der
-Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: »Fräulein,
-ich habe heute mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben
-gewesen sein.« Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte
-verschämt: »Sie müssen was dagegen tun, Herr Priebe.« Er rutschte nach
-einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand leichenblaß da.
-Sie kam nach.
-
-In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: »Was soll daraus
-werden? Was ist denn, was ist denn?« Der Vater schrie aus der
-Nebenstube: »Immerfort kracht dein Bett. Wer soll dabei schlafen?«
-Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer
-Verkaufsbude schön gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er
-vor einem laden in der Chausseestraße, betrat als erster Käufer das
-Geschäft, erstand für achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück
-eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und
-einen Kranz hielten.
-
-In der kühlen Fasanen-Allee traf er sich abends mit der kleinen Polin.
-Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Riß das Papier ab,
-sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb sie vor
-der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf
-die Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er
-streichelte ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter
-dem weißen Federhut zurück und hielt es für angebracht, ihr unter
-schlüpfrigen Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine
-Hand weg, nahm seinen Kopf, küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen
-sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, während er sie oft losließ, an
-einem Baum lehnte und mit einem Gelächter losplatzte, das sie stutzig
-machte; schließlich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase
-aber warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser,
-zum schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schönere versprach.
-Am Gitter des nebligen Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem
-Gesicht: »Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an?«
-
-Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von
-einer exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark
-strapaziere; von einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr
-geschenkt habe, und den sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne
-deswegen auch nur mit der Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends
-von den Kollegen genötigt, mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er
-meinte zuerst, das sei lächerlich für sie, denn das Geld ginge dabei nur
-so hin. Dann fuhr man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in
-gehobener Laune, freudig über sich erstaunt, lud sie immer zu neuen
-Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer
-jämmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren
-von Café zur Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten sie im Café Minerva,
-um halb vier torkelten sie untergefaßt in das Café Greif,
-Elsässerstraße. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu
-Valentin, er sähe aus wie der keusche Joseph; er sank über den Schoß
-einer alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand,
-sie wäre so zärtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten
-ihm das Weib auf, packten beide in eine Droschke, tobten hinter dem
-langsamen Fuhrwerk mit Schirmen und Hüten her.
-
-Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor. Sein
-Gesicht hatte in manchen Minuten etwas wie Versteinerung. Er war
-erschüttert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen
-war, wütete gegen die Kollegen, hätte sie um Gnade bitten mögen. Abends
-blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel und
-kläglich. Antonien übersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem
-Kohlenhof »Adieu« sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreußen pflegen
-sollte, meinte er nur: »Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Fräulein, --
-dann, dann reisen Sie nur.« Er ließ sich gehen, bürstete sich nicht ab,
-lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren.
-
-Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin
-seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten
-Flanierzügen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte
-eine gelle, herrische, aufgeregte Stimme; seine Augen blutunterlaufen,
-wie bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der
-Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche Bewegung entstand in
-ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlaßte, alle
-Augenblicke »gluck, gluck« zu machen, dabei den Kopf nach vorn wie eine
-Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem
-Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat mit
-fleischigen Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe,
-schnüffelte, während er in seinem Notizbuch kritzelte: »Müssen sich mal
-bei dem schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht
-haben, hähä; die wird's wissen.« Er hörte schon nichts mehr. Er sprang
-mit inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er
-prustete auf der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich
-überkommenden Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke
-Spandauerstraße; ob etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles
-wieder gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich
-um und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und
-dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen
-Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an
-einer Dame vorüberging. »In dieser Gesellschaft wären wir also zu Hause.
-Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur Sohle.« Er
-hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden der Roués, der
-Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man kann damit
-spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lächelte in tief befriedigter
-Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: »Wir haben
-unsere Bewegungsfreiheit wieder.«
-
-Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der
-Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung
-degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie
-latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage, warum er
-so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin
-mancherlei Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie
-belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine
-Zigarette angezündet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte,
-gab er brockenweise von sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei;
-man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen
-gegenüber, man hört ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie
-hatte tränenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes
-Gesicht. Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde
-sich die Sache überlegen. Dabei klopfte er den Schnee vom Rock ab, den
-sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte.
-
-Abends im Humboldthain hatte er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so
-demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie ein
-getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie
-ein Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von der
-Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner
-Schulter, bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die
-hingefallen war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der
-Stadt zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen,
-umarmte ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald
-trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein
-fast glücklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung
-gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte, getrieben durch die
-hellen und engen Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem
-Geigengesang der Cafés, auf Knien, die weicher und weicher wurden und
-ihm wie Wachs wegschmolzen.
-
-Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal
-zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da
-trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie
-hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf
-eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran;
-öffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging
-vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschäft,
-vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges
-fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal
-ihren unverständlichen Blick fassen, den sie auf die Seite drehte.
-
-Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr
-ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte: »Gut«;
-vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten.
-
-Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er
-schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu
-Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie
-ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines
-Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien
-abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie
-wollte nicht auf die Straße gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen
-Menschen als die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie
-besuchte, durfte er sich ihr gegenübersetzen; nur daß er sie berührte,
-duldete sie nicht. Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher
-Trieb kam über sie, sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im
-Zimmer liebevoll um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich
-nicht langweile. Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie
-völlig und warm an. Sie lächelte zur Mutter: »Geh du mit aus.« Die faßte
-sie bei den Ellbogen: »Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon
-einen anderen.« Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. »Ich
-freue mich allein viel mehr mit meinen schönen Sachen.« Und wirklich saß
-sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und
-strahlend; sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war
-sichtbar. Sie war viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte
-sie im Zimmer herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln.
-Sie gönnte sich feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos,
-gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe
-zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie
-eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie
-ein.
-
-Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der
-Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin
-wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete ihn
-leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken.
-
-Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung,
-sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so wilder fuhren
-ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre
-hellen Augen: »Ich will ihn wieder lieben können. Ich kann es nicht ohne
-ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.« Am Abend hatte er
-einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich geöffnete Gesicht
-stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: »Küß mich, küß mich!« »Nein,
-ich darf nicht, ich darf nicht.« »Der Arzt geht mich nichts an,
-Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig machen.« Die
-bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippen fest. Und
-dann biß er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand sie in
-einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen.
-
-Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den Kopf
-schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett
-gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr
-streicheln: »Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschäft.«
-»Hast du dich mit Valentin vertragen?«
-
-Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder
-einschliefe, sagte Antonie: »Ich denke schon.«
-
-Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie
-mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der
-Brunnenstraße und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin
-davon. Sie stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends
-an dunklen Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien
-zuredeten. Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés
-von Männern begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von
-solchen Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an.
-
-Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns
-bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei völliger
-Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden Mutter vorbei
-über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte, vorsichtig
-setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte zu
-der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: »Nimmst du mich mit? Du
-bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu
-mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause
-setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man so schön
-sein wie mit mir?«
-
-Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster
-rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos
-zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.
-
-Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er kam
-heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten
-wollten, sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe.
-Und immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster
-würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war,
-stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife,
-so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster
-zusammen. Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Küche herein: »Bist du
-da, Toni?« »Willst du die Toni sehen, Mutter?« Und während die Frau mit
-der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die
-Puppe, tränenübergossen hin: »Das ist die Toni. Das ist meine kleine,
-süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?« Sie
-lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit.
-
-Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem
-neueröffneten Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost;
-in ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine
-Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und
-kreischenden Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da
-drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit zwei
-Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tänzelte
-graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor oft zum
-allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand
-malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Es war Priebe. Antonie ging
-taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich, die Muffe vor
-der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte Herr griff mit
-feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne; im Vorübergehen
-stotterte er: »Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr braucht euch vor mir
-nicht zu fürchten.«
-
-Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin
-zweistimmig Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe
-sagte, den Schlager: »Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.«
-Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, kam in dem
-grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen
-Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im
-weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte
-mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße Füße; an ihrer
-Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines.
-
-Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: »Ach, wenn das der Petrus
-wüßte.«
-
-Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges
-Biergesicht, blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, ausgestreckte Beine
-ohne Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter,
-polterte gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte
-saftvoll dick und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es
-klebrig, weiß; auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen.
-
-»Es ist einer aus dem Fenster gefallen.« Die fünf bewegungslos. Herr
-Lorenz wischte sich die Lippen ab. »Wo war das?« gellte ein Fräulein;
-die rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. »Ich
-kann so was nicht sehen,« murmelte Herr Priebe, »mir wird ganz schlecht;
-ich leg' mich schlafen.« Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell.
-Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die
-Treppe hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: »Ich
-will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht.
-Umziehen, umziehen.«
-
-Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und
-schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen
-in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen
-alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle
-ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. »Da ist nun der
-Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« Valentin riß
-die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der
-Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor sowas aufmachen könne.
-Das Kind bockte: »Gerade machen wir die Tür auf.«
-
-Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau,
-wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des
-unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich
-von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer
-Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man
-habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen,
-natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei
-Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von
-Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer
-Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei
-aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels
-anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel er
-den scheckigen Lumpen, pfiff: »Wir haben uns mit solchen Sachen
-aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopfe haben.« Trostlos
-und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz vor der
-Tür schlug.
-
-Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: »Sie werden die
-Sachen schon überwinden,« meinte er mit schiefem Grinsen: »Wir haben
-Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten
-heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder zu Haus
-sein.« Und er sang so schön: »Wenn das der Petrus wüßte,« daß die Wirtin
-mit dem Kopf nickte: »Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.«
-
-Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: »Der Landaufenthalt
-ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.«
-
-Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen
-Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf
-Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer.
-Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen
-über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel
-an seinen Bewegungen zu erfreuen.
-
-Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte
-dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen
-auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde abnahm
-und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin riß
-den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels,
-schniefte gehässig: »Den Dreck werd' ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten
-sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.« Der Deckel schmetterte
-herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich
-langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden
-raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte
-sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: »Zeitversäumnis! Gemeiner
-Ulk!« Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele, fiel
-wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte, kam
-vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte
-in den weißen Mondschein, glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die
-Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer.
-
-Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel,
-schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine
-Geschöpf grade über das finstere Geländer.
-
-Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen, die Jacke unter dem linken Arm,
-der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend:
-»Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?« schlich schon die
-Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen
-Hausflur stolperte, flüsterte er: »Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich
--- ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.«
-
-Nach, nach.
-
-Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im
-Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie
-wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte
-seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner.
-
-Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie
-ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf
-ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort.
-
-Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten
-grunzenden Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: »Ich
-will ja ehrlich sein.«
-
-Höhnend kam es herauf: »Willst du das, willst du das?«
-
-»Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten.«
-
-»Noch nicht genug.«
-
-Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. »Was
-hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.«
-
-Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in
-den Wind. »Ich verlier' meinen Hut.«
-
-»Brauchst keinen Hut.«
-
-»Meine Jacke, meinen Kragen.«
-
-»Kannst nackt kommen.«
-
-Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: »Ich will nichts
-mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz
-fragen, was er dazu meint.«
-
-Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis
-gelagert. Valentin brüllte, warf sich: »Keiner hilft, keiner hilft.« Die
-Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen
-und Beinen in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz,
-kam der schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern,
-starren Bäumen.
-
-»Hi, hi, hi!« würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: »Nimmst mich mit zu
-Lorenz?«
-
-Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine
-Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das
-Wasser.
-
-Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. »Ich sterbe
-schon, laß mich los.« Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie
-sich unter das Wasser drückte: »Es fängt erst an! Verlogener Hund!« Das
-Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang.
-»Verfaulen sollte ich dich lassen.«
-
-Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.
-
-
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-
- Der Ritter Blaubart
-
-
- Der Ritter Blaubart
-
-Hinter der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsäumte,
-zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen Kiefern und
-Strauchwerk besetzt. Kein Weg führte aus dem Durchbruch der Stadt gerade
-hindurch zum Strand, der kaum zwei Stunden entfernt war; eine Kleinbahn
-umfuhr die Einöde in weitem Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand
-der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und Kröten hausten hier;
-öfter stieß ein Häher durch die Luft, schlug ein Weichtier an.
-
-Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und
-unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See
-hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört
-da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab.
-
-Diese Fläche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz
-eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch
-den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten
-Bootsmanns zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber
-erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, träumerisch,
-eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht gebogenen Beinen
-des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen,
-warf ihm die schiefsitzende Mütze mit einem glatten Schlag ins Wasser,
-so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das böse
-Omen entsetzte. Seine Augen waren schräg gestellt, standen dicht an der
-Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die
-klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Mund von mädchenhafter
-Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er ritt auf einem schwarzen
-Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt.
-Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann, den er suchte, eine mit
-Andenken und allem Nachlaß des Toten, die andere mit japanischer Seide
-und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in der Stadt. Dann
-trabte er pfeifend und lachend, seine Mütze schwenkend, allein zurück,
-unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene.
-
-Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag.
-Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen
-sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben. Beim
-nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos auf der
-weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und über
-mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt auf
-einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen
-glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte Schulter
-war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre, trug ihn
-schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen in die Stadt
-fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht; er schien
-nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die
-Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck
-annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr in
-die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos wimmerte.
-
-Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann,
-entließ die Leute und zog in die Stadt.
-
-Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit
-keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen
-Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die einen
-Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte nun
-und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt auf der
-Chaussee langsam zum Meer.
-
-Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der Stadt
-ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen dann
-beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten Anhöhe
-um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister brauche sich
-nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es solle ein
-Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem festlichem Schmuck, denn
-er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen.
-
-So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der
-Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend
-an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den Felsen,
-der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer
-ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten sie auf,
-mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich
-das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln der Städter.
-
-Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten gefüllt
-waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß. Sie
-erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes,
-kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie
-früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der
-Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen
-Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das
-zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später,
-als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür
-einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau.
-Sie lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor
-ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen sie
-gegangen war.
-
-Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. Keine
-Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten einer
-schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden Frau.
-Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie erlegen.
-
-Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man lud ihn zu
-Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd,
-beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte versunken von
-seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn schwärmend,
-träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. Er fuhr eines
-Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam nach einem halben
-Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses, daß die
-Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien. Im
-Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden.
-
-Er kehrte zurück. Wieder führte er eine junge, fremde Frau auf sein
-Schloß. Diese hat kein Städter gesehen. Eines Morgens lag sie im
-schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weißen Gesicht, eine
-Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses.
-
-Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man, wenn der
-finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorüberritt. Die Kinder schrien
-vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst.
-
-Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges, hellblondes Mädchen, sah
-ihm vom Fenster nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, wenn
-die Männer grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie weinte in
-ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schloß und wurde seine
-Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten konnten dies nicht
-verhindern.
-
-Scharen von tobenden Menschen aber wälzten sich über den dunklen Weg
-nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man die Leiche
-des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses nahe dem Weg
-zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schloß, nahm den Baron in
-Haft. Das Gericht verfügte die Ausgrabung der beiden ersten Frauen, die
-genaue chemische Untersuchung der drei Leichen auf Giftstoffe. Die
-Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf freien Fuß gesetzt. Das
-Volk streckte die Hände nach ihm aus, wollte ihn zerreißen, als er
-zusammengesunken, den Revolver in der rechten Hand; langsam nach der
-Heide hinausritt.
-
-Von nun an mied er die Stadt völlig. Hauste allein in der Heide. Nur
-sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück.
-
-Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes
-Horn blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann
-durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt
-logierte sie sich ein.
-
-Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schloß.
-Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre. Fragte zum
-dritten, wo sie ihn sehen könne.
-
-Bei den Rennen, morgen in Stirming.
-
-Frühmorgens rüstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock. Auf
-dem Polster schaukelte Miß Ilsebill.
-
-Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten in
-weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau. Es wehte
-sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die Rennbahn, füllten die
-Tribüne um den weiten, grünen Rasen. Lärm der Stimmen und Gefährte
-brauste, ein Riesenvogel über die leere Fläche.
-
-Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei
-sanfte Schimmel zogen den offenen blauausgeschlagenen Wagen durch den
-knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine
-weiße Feder wehte in den bloßen Nacken. Glitt durch die hölzerne Sperre
-auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge. Ihre
-tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und
-Gegenstände, wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß
-lächelnd da. Kaute Schokolade.
-
-Baron Paolo lehnte an der Stange. Er sah mit Vergnügen die weißen Pferde
-antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden
-Augen. Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte,
-ging er die vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch
-die Menge, trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie ein Araber
-auf. Beugte seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte.
-
-Calvello hieß der Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig
-hinter dem Rudel. Schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke
-kam. Miß Ilsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn
-auf die Hand, jauchzte über die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren
-dicht am Ziel: da legte sich der blauweiße Jockey dicht an das Ohr des
-Pferdes, flüsterte: »Calvello, ho, Calvello.« Das Tier senkte den Kopf,
-flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte. Der Lärm der Menge
-rauschte über sie.
-
-Kaum das Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf, lud den schweigenden
-Mann zu einer Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wälder im
-Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er der Baron Paolo di Selvi sei,
-daß er durch sein Geschick hierher verschlagen sei und drüben in der
-Heide wohne. Sie erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er hätte auf seinem
-Heideschloß drei Frauen verloren, und sie trauere über sein Geschick.
-
-Worauf er einen trüben Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der
-Groom aber riß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee zurück, auf
-den geraden Weg zur Heide. An der Wendung der Schloßallee verengerte
-sich der Weg. Paolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die Pferde sträubten
-sich. Er stieg aus und riß sie vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an,
-sie schnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt die Leine straff.
-
-Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach des
-Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht im
-weißen Hut. Eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schläfen,
-seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund rund
-und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung kamen sie vor sein
-Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Miß Ilsebill stieg
-aber aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage. Sie wollte ihn
-pflegen und mit schöner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des
-Damenflügels.
-
-Sie ritten morgens und mittags aus. Ilsebill sang und spielte vor ihm in
-den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder. In ihren Augen
-war ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte. Ihr
-schwarzes Haar hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzenden
-Zähnen festhielt.
-
-Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf,
-später warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen
-Augen zu, hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff.
-Seine Stimme wurde heller, sein Gang rascher.
-
-Und als sie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in ein ungefüges
-Weinen aus. Sie wollte wissen, was mit ihm sei, sie wollte ihm helfen.
-Er aber nahm ihre beiden gelbweißen heißen Hände, legte sie auf seine
-Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets flüsterte. Sie hing an
-seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter sprach und schrie, was
-sie nicht verstand. Schon war er wieder still und sanft, geleitete Miß
-Ilsebill in ihr Zimmer.
-
-Und am Abend schlich sie sich, indessen der Baron im Herrenflügel
-schlief, allein trotzig und finster an die Tür des verschlossenen
-Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an dem Holz,
-stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das Schloß hielt fest.
-
-Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mutter Gottes um
-Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen, schob ihn, den
-Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr Arm
-schmerzte.
-
-Lautlos sprang die Tür auf. Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes
-Tuch geschlagen, hob die Kerze. Es war ein schmales, freundliches
-Gemach, mit zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt. Der
-rohe, zackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete
-sonderbar in dem unsicheren Lichte. In seiner Nische über dem Boden
-stand das grünbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß
-Ilsebill tänzelte freudig über den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog
-den schwachen Blumengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war in dem
-heimlichsten Zimmer. Grüne japanische Seide hing von der Decke herab.
-Bilder und Tapeten lächelten ruhevoll und sanft. Die sonderbare Klippe
-schimmerte wie ein spielerischer, phantastischer Einfall.
-
-Sie legte leise die Tür an, sprang auf das Lager, lag träumend
-stundenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch die Korridore auf ihr
-Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig die schweren Riegel
-herabgeschoben hatte. »War nichts geschehen, ist mir nichts geschehen,«
-seufzte sie glücklich vor sich hin. Glitt nun Nacht für Nacht hinüber in
-das Felsenzimmer, dort zu schlafen.
-
-Des Tages aber fand Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und
-Lockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen, schlüpfenden
-Augen schlug öfter ein greller Blick zu ihm. Und als sie einmal unter
-den fünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend über
-ihre tollen Sprünge ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor
-ihm hin und bettelte an seinem Hals: »Ich bin Ihr Eigen, Paolo.« »Sind
-Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie das?« Und sein Blick war nicht grell und
-heiß, sondern derart schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, daß sie von
-ihm abwich, die Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er
-umgab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, daß er die blaßwangige
-Ilsebill ganz in staunendes Glück versenkte.
-
-Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie oft
-auf den Armen und betete, manchmal in die starken Knie sinkend, in
-fremder, harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur
-selten nahm er ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn.
-
-Welche Kleider trug Ilsebill mit feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe hingen
-aus ihrem blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide in dem
-Felsenzimmer trug Miß Ilsebill. Grüne Blätter lagen auf ihrem Haare und
-waren eingeflochten in drei dichten Zöpfen.
-
-Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten zusammen, sie saßen oft am
-Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen sprühten.
-
-Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und als
-Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte, daß
-sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn sie einen
-Arzt kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank.
-Paolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen
-Augen: was ihr denn fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises
-Scharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges
-Streifen, Rieseln und Scharren. Als liefe ein Tier über Sand und bliebe
-immer wieder schnaufend stehen. Es sei so fein, daß es wie ein Pfeifen
-klinge.
-
-Er stand am Fenster und blies gegen die Scheibe. Fuhr mit rauher Stimme
-heraus, es sei kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich
-zerstreuen; sie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier.
-Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde
-seien nur schwer den Weg hierher gelaufen, und jetzt: wo fände sie
-Pferde, die sie zurücktragen würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte
-sich umgedreht, seine Stirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte,
-er klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen, sie solle gehen, er
-wolle sie doch nicht. Er wolle kein Weib und keinen Menschen und nichts.
-Er hasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen. Sie solle gehen, oh
-sie solle gehen. Ein Messer wolle er ihr gleich geben, damit solle sie
-sich ihre Krankheit aus dem Herzen schälen.
-
-Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er auf sie
-gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll und
-ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen
-ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an
-ihn; sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter
-ihrem Kleid.
-
-Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus. Sie streifte
-bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit,
-auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach
-sie in der Vorstadt einen alten Bauern, der erzählte, der Baron habe
-sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Er schüttelte den
-Kopf, als sie sagte, sie wohne in dem Schloß. Ob sie denn nicht wisse.
-Das mit dem Schloß, mit der Einöde, mit dem Felsen, dem Sumpf.
-
-Was denn damit sei.
-
-Habe sie nicht auch schon das Scharren und Kratzen gehört.
-
-Kratzen? Kratzen nicht. Aber was sei damit.
-
-»Ja, da liegt ein Untier, ein Drache. Das liegt da auf dem alten
-Meeresgrund. Das alte Meer hat es nicht mit fortgeschwennnt. Ein Unglück
-ist es, eine Gefahr für die Menschen, die heute leben. Es braucht
-Menschen.«
-
-»Nein, lieber Bauer.«
-
-»Nein, Miß Ilsebill. Warum sagt Ihr nein? Habt Ihr die Portugiesin
-gekannt und dann die andere und dann die von unserem Ratsherrn. Das
-waren drei Menschen. Drei, von denen wir wissen. Es sind viel mehr.«
-
-»Und jetzt wird es mich holen.«
-
-»Wer weiß, Miß Ilsebill. Wen der Drache anfällt, der muß ein gerade
-gewachsener Mensch sein. Ich kenne Euch nicht. Laßt Euch nicht in
-Versuchung führen. Die Heide ist ein Unglück. Man muß stark im Glauben
-sein. Und frei von den bösen Gelüsten. Ein schweres Ding. Den Ritter hat
-der Drache fast zerrissen, die Frauen hat er getötet.«
-
-»Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide?«
-
-»Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglück. Er sollte
-wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht.«
-
-Sie hörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange. Sie spielte auf
-ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter
-Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so laut
-scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen,
-schüttelnden Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in
-der Stadt. Der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten
-unterhalten. Es sei ein seelenkundiger Mann.
-
-Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter auf
-das Schloß. Sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den
-Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben. Denn es
-scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele
-und sie zu verschlingen drohe.
-
-Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein schlanker
-junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen. Er fuhr über sie
-mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen, über ihre Bilder
-gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust dazu in der
-Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem
-Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte
-mit einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere.
-
-Sie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die
-dämmrige Heide hin.
-
-Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie selbst. Wahnsinnig und eine Leiche
-sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mögen alle
-vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden. Sie kenne
-nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber.
-
-Sie streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an. Sie wolle
-wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und
-immer küssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter.
-Trällernd riß sie ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es
-zwischen seine Lippen.
-
-Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill ihr
-schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in die Hand
-und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie wollte zum Schluß
-die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel
-verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der Dichter zur
-Flucht besorgt hatte.
-
-Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen
-Schritte. Die Scheite ließ sie über die Knie leise zu Boden gleiten. Es
-war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte,
-sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die
-schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die in
-ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost
-spendeten, schlüpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines
-heiteren Gesichts. Seine schräggestellten Augen strahlten über sie gar
-eine Dankbarkeit, sein Mund näherte sich zum ersten Male ihren Lippen
-und küßte sie. Er sagte, sich von ihr lösend, er ginge noch heute in die
-Stadt.
-
-Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen, sie war verwandelt,
-eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz
-in beiden Händen hoch. Sie richtete sich auf. Die Scheite ließ sie
-liegen. Sie mußte über den Gang. Sie mußte nach der Tür. Sie mußte in
-die Kammer. Hart war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter
-dem Kreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und kasteiend. Den Riegel
-schob sie hoch. In der Kammer ging sie händeringend auf und ab, schlug
-sich die Brust, schlummerte auf dem weichen Teppich ein.
-
-Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, lautes Rufen einer
-Männerstimme: »Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!«
-Richtete sich auf.
-
-Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender Mund her. Der
-Felsen sprang auseinander, aus der Höhle strömte das Wasser, wälzte sich
-ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit zahllosen ringelnden
-Fängen; aus dem Leib schlug eine zitternde, blaurote Flamme wie der
-Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie nicht; da schrie
-sie gell und wahnsinnig: »Paolo, Paolo.«
-
-Das Untier zischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie
-schlug in Todesangst gegen die Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß
-ihn herunter, schleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halbumfallend
-fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den versengten Händen um sich
-schlagend, über die stummen Gänge. Blieb vor ihrer Zimmertür liegen.
-
-Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich
-aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab,
-band sich die Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen aus
-dem Hause, durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide, bis da, wo
-die Birken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um.
-
-Hinter ihr tobte es. Vom Meere her kam ein Donnern und Bersten. Eine
-Springflut, eine meilenweite graue Wand durchbrach die Dämme und Deiche,
-setzte rollend und schäumend über die verwunschene Ebene, bedeckte
-wieder, was ihr schon einmal gehört hatte, dazu das graue Schloß. Das
-furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der
-Stadt, auf dem die Birken standen. Ilsebill wanderte auf den Berg.
-
-Und wie sie zwischen den Bäumen ging, stieg der Nebel in den Wald. Aus
-einem Baume, an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner,
-feiner Rauch, der süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die
-wandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die Falten eines
-weiten, duftenden Mantels. Sie sah keinen Schritt vor sich und keinen
-Schritt hinter sich. Und als sie merkte, daß der Mantel der Mutter
-Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie ein zages Mädchen.
-Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem Schritt: »Ich
-möchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch die Blumen
-noch sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes,
-sei gut zu mir. Ich sehe, du bist gut zu mir, wie ich zu dir bin.« Ihre
-Lippen blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie sich
-auf. Verschwand in dem feinen Nebel, der über die Birken zog.
-
-Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein
-schwarzer Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der
-Stadt her. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe stand,
-schäumte meilenweit vor ihm das graue tobende Wasser und kein Weg und
-kein Schloß. Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen
-den Birken. Ein winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging
-ein süßer Geruch herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte
-die Stirn an die Rinde: »Große Angst hast du uns beschert, holde Mutter
-Gottes; große Liebe hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes.«
-
-Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des
-Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen Jahren
-wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als Führer einer
-Freischar gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner
-ganzen Mannschaft bei einem heimtückischen Angriff.
-
-
-
-
- Die Segelfahrt
-
-
- Die Segelfahrt
-
-Die Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die
-geschmückten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen
-aneinander vorüber. Unter dem Widerschein des unermeßlichen Wassers
-funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Das unablässige
-Brausen des Meeres rollte von den Steindämmen zurück, schwoll wieder an,
-schwoll immer wieder ab.
-
-Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmückten
-Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. Er hielt den Kopf
-gesenkt wie überrieselt vom Badewasser; seine vollen Lippen waren
-feucht. Die schwarzen, weißdurchzogenen Haarsträhnen fielen über seine
-Ohren. Er bog den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem
-Anprall des scharfen Windes zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem
-freudigen Blick das graugrüne Wasser. Sein gelbbraunes schwammiges
-Gesicht zuckte, die Augen, die in grauen Höhlen lagen, schimmerten; er
-spürte den feinen Luftwirbeln nach, die um seinen bloßen Hals fuhren,
-das graue Schläfenhaar anhoben und gegen seine Wange mit feinen
-Stiletten anschwirrten. Er fror leise; blickte an seinem weißen Vorhemd
-entlang, über das weißer Sonnenschein floß, und einen Augenblick
-beunruhigte ihn der Gedanke, daß sein Blick vielleicht Schatten werfe.
-Er seufzte, drängte sich tiefer in die Menschen.
-
-Das Schüttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der ihn
-gestern von Paris an die See getragen hatte.
-
-Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner
-Jacht aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen
-Glück; plötzlich seiner achtundvierzig Jahre gedenk. In Paris hatte er
-vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Säle, die
-bestialischen Tänze ertragen: dann warf ihn eine schwere
-Lungenentzündung hin; er lag aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er
-am Sonntag das Haus verließ mit schwachen Knien, schlug er den Kragen
-seines Loden-Capes hoch, bestieg eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen
-Tag schlich er gebeugt durch das tote Brügge. Dann raffte er sich auf,
-jagte in der Julihitze nach Ostende.
-
-Er hob den Blick vom dünnen Sande, der unter seinen Füßen wegzog.
-
-Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter
-breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht
-jungen Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig. Er
-hörte noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme.
-
-Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick
-hörte der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten
-Dame, die sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; eben
-als er über ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer Überwurf auf
-dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weiße Hut wippte über der
-Menschenmenge, verschwand um eine Ecke.
-
-Copetta schlenderte in ein Café, löffelte eine Schokolade. Das Meer
-rollte unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der
-Sandkörnchen; der Wind warf mit dünnen Stiletten.
-
-Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer
-in einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech wehte
-die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt
-um Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm
-zurück. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die
-Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dünnen
-roten Brauen blickten bestimmt und nüchtern, über der Nasenwurzel hatte
-sie Sommersprossen, von den Augenwinkeln zogen sich Fältchen. Ihr Gang
-schwebte.
-
-Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen,
-schlenderte weiter.
-
-Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte
-in die Hand nahm, fiel ihm ein, daß er heute dreimal eine Frau gesehen
-hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau,
-schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob
-er seinen Hut zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vorsichhinstarren zog er
-seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa,
-in der er sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mädchen ab. Als er
-wieder die Meerluft an seinem Hals fühlte, fragte er sich, wozu das
-eigentlich gewesen war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür hinter sich
-zu, warf sich im finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, zerriß die
-Bilder seiner Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen
-edelsteinbesetzten Trauring ab, hing ihn über die Schere, hielt den Ring
-über die brennende Kerze. Die Steine verkohlten; die Schere wurde heiß;
-er ließ sie fallen. Wühlte mit beiden Armen in zwei großen Eimern mit
-Meersand, die er sich auf sein Zimmer hatte bringen lassen, stand
-ächzend auf, bestreute den Boden und Teppich blind mit Sand, fluchte
-leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht hatten.
-Schlief auf seinem Sessel ein.
-
-Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, tief die
-scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloß, stand vor ihm
-das Bild der gehenden Frau, sehr schmales, verwelktes Gesicht, ein
-klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn
-bitten lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dünne Decke
-von seinen Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt
-schwerfällig, die Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen herunter,
-über die leere sonnige Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstöckiges
-Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen
-dunklen Korridor, klopfte leise an die Tür, an der ihr Name auf einer
-Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er riß die Tür auf.
-
-Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke nach
-der Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berührten mit feinen
-Zehen eben den Boden, ein sehr schmächtiger, strenger Körper richtete
-sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales Gesicht
-unter dem aufgelösten Haar.
-
-Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tür stehen. Sie
-lächelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde
-wiederzukommen. Totenblaß, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen
-Stock vom Boden auf. Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine
-nüchterne Augen.
-
-Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer
-Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte
-er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen in
-der Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift,
-schrieb auf dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh
-kommen; sie machte unter ihren Namensbuchstaben L noch einen
-wunderlichen Schnörkel, den sie fast eine Minute malte.
-
-Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide
-entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden
-Strand herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand als sie
-sich nach ihm umwandte, daß es in seinen Mienen leidenschaftlich zuckte.
-Ganz weißes Leinen trug er; er ging mit bloßem Kopf; die linke Hand trug
-er im Gelenk verbunden; er sagte, er hätte sich gestern Abend beim Fall
-über Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck stieß er ein kleines
-Ruderboot in das Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang
-nach, ruderte gemächlich auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrücke am
-Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler; Copetta zog schon den
-Anker; ihre bloßen Arme hielten sich an der Steuerbank fest, leise
-klangen die hölzernen Mastringe an, nach einem Zug blähte sich das
-Großsegel; das Boot ging in See.
-
-Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinein. Über die
-scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der sich von Augenblick zu
-Augenblick verstärkte und höher rückte. An dem starken Morgenwinde
-flogen sie gleichmäßig hin. Nun hockte der Brasilianer neben dem
-Großbaum auf den Planken, legte die Takelung fest. Wild lachend richtete
-er sich auf, schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein Lasso um seinen
-Kopf und warf es gegen sie; sie schüttelte sich umschnürt, löste sich
-mit einem Ruck, schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften
-Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden an sich,
-sich über Bord gebückt, überschüttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser,
-warf, einen Fuß auf der Ruderbank, bis über die Ärmel triefend, zwei
-volle Hände gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlürfend mit offenem
-Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasenden Wind ließen sie das Boot
-laufen, das anfing wie ein unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich
-über die Planken. Johlend sprang die Schmächtige auf die Ruderbank und
-schlug mit den Fäusten gegen die Takelung. Sie riß sich ihre dünne Jacke
-ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund mit den dünnen Lippen
-öffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen.
-
-Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bordrand;
-erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener
-Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Knie legte und ihn
-neugierig betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre
-aufstrebenden Schultern ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und her.
-Die Wellen krochen über Bord, sie schlüpften wie kleine Hunde sacht an
-ihnen herunter auf die Planken. Der Wind nahm an Stärke zu. Das Boot
-legte sich stark über, das Kleid des Großsegels fing an zu flattern, sie
-schossen in den Wind.
-
-Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr
-triefendes Haar weg, das alte Mädchen suchte mit zurückgebogenem Kopf
-nach seinem Munde, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin.
-Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer ein
-feierliches, glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte
-steuerlos, Welle auf Welle rollten an. Copetta saß auf dem Bootsrand.
-Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme auf, legte
-sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das Polster
-glitt zurück. Sie hörte, wie er etwas murmelte; sie sah noch den
-berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand.
-
-Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen Schmerz
-in ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend Hilfe,
-lange Rufe stieß sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot
-liegen. An Land erwartete man sie. Man wußte alles; Copetta hatte ein
-Telegramm an die Behörde geschickt.
-
-Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa.
-Dann sagte man ihr, daß sie sich mehrmals mittags im Speisezimmer auf
-die Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Händen in die Luft
-tastete. Daß das Hausmädchen von außen beobachtet hätte, wie sie am
-hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte.
-Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem
-Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verließ ihre
-Mutter, fuhr nach Paris.
-
-Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug ihr rotes
-Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht
-nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich
-jedem Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit
-gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute jeglicher Krankheit,
-die auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit Gähnen und Inbrunst
-weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in
-die strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen
-Augen glänzten unter dem Atropin. Die jungen Männer nannten sie die
-Hyäne. Sie trug in die Ballsäle eine sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz
-war ersichtlich aus einer eigentümlichen Ungeschicklichkeit der Tänzerin
-entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett
-zeigte. Sie stieß jede berührende Hand zurück, wiegte sich in den Hüften
-vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer
-von einem Bein taumelnd auf das andere. Dann umging sie mit plumpen
-Füßen ihren Partner und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte
-gefaßt, aber er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurück, sie suchte
-ihn, sank über ihn hin und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ
-sich von ihrem Partner halb tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden
-schleiften und sie die Augen schloß.
-
-Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu
-einem riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange den
-mächtigen Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie warf die
-Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono über die
-Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem
-stark parfümierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine
-Uniformmütze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine
-Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein
-befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: »Herrn
-Copetta, Ostende, Hotel Estrada. Erwarten Sie mich morgen mittag. Bitte
-Drahtantwort.« Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die
-Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden schickte
-sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber Bastseide an, fuhr
-auf die Bahn.
-
-Der Zug rannte lange Stunden der Nacht, rannte über Brüssel, Gent,
-Brügge, schließlich Ostende frühmorgens. Sie rasselte durch die engen
-bekannten Straßen der Stadt. Mit einmal leuchtete zwischen den Häusern
-das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand aufgerichtet in der
-rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem Hagel von
-Stiletten überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh
-und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrünen
-Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hörte halb, daß ihre
-Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr
-Gesicht war still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, warum
-sie hier sitze und so lache, antwortete sie: »Doch vor Glück, liebe
-Frau, wovor denn als vor Glück. Was erzählen Sie?«
-
-Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte,
-ihren weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag in dem
-blinzelnden Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermeßlichen
-Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Unablässig
-brüllte das Meer, warf sich gegen die Steindämme und legte sich platt
-hin. Sie drängte sich gewandt durch die geschmückte Menge, schlüpfte in
-das Vestibül des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzählte,
-der Herr sei vor einem Jahr etwa verunglückt auf einer Segelpartie. Sie
-faßte sich an die Brust: »Auf diesem Meer?« Und dann drückte sie ihm ein
-Geldstück in die Hand, warf ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit
-ihrer Adresse, flüsterte ihm ins Ohr, er möchte doch dies Blatt an sich
-nehmen; wenn der verunglückte Herr heute Abend käme, möchte er es ihm
-sofort geben. Sie ging an dem Verblüfften lächelnd vorbei auf die
-Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte, an, hörte, mit ihm
-nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit strahlendem
-Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts.
-
-Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem ungeheuren
-Wasser.
-
-Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon
-ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut gesetzt. Sie
-lief auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange
-Strandpromenade herunter, die im blendendweißen Mondlicht lag. Dann lief
-sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm
-abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte
-ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor, machte ihm lange Nasen. Sie
-lugte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwölf
-Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt
-zusammen; es war schon ganz hell. »Er ist voraus.« Sie huschte die Tür
-hinaus, warf draußen johlend die Arme in die Luft, rief ihren Namen,
-tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe herunter. Sie suchte
-die Abfahrtstelle, lief zu den Badehäusern. Da lagen kleine und große
-Ruderboote. Keine frischen Männerschritte im Sand! Sie zog die Schuhe
-und Strümpfe aus, warf ihren Hut an den Strand, schürzte ihren Rock, zog
-keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie ein, zog die Ruder. Nur
-wenig wurde sie von der Brandung zurückgeworfen, dann fuhr sie sicher
-aus.
-
-Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen;
-weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen gebogenen
-Wellenwände kroch ihr Boot, stürzte metertief, kroch unverdrossen
-weiter, Sie suchte nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie
-auf den Knien kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend
-über das brodelnde Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen
-über den Bord; wie der Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der
-Atemlosen, die sich die Augen wischte.
-
-Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein wütendes
-Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die Brust,
-als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete.
-
-Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot. Der
-Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf die
-Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen Anzug trug
-er prall auf dem Körper. Die weißgrauen Haare waren dick inkrustiert mit
-Salz; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über sein triefendes
-gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner, weißer Sand und Muscheln
-rieselten von seinen breiten Schultern, floß aus seinen Ärmeln. Er blies
-laut die Luft von sich, dann atmete er stiller. Langsam hob er den
-rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend von dem Boden
-erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles
-frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren, ihre kleinen
-lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt und süchtig
-strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie stürzten unter
-peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hörte ihr eigenes
-entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. Er
-senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen
-die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie sah, wie er langsam den Kopf
-ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich
-gerichtet, sprang ihm nach.
-
-Und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie
-gurgelnd und drückte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie
-zusammen die nassen Wellen berührten, wurde sein Gesicht jung; ihr
-Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen nicht voneinander;
-ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an.
-
-Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeßliche graugrüne
-Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen an die
-jagenden Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über sie. Sie
-wirbelten hinunter in das tobende Meer.
-
-
- Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als
- zehnter Band der Reihe »Das Prisma« im
- Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin.
- Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der
- Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin.
- Hundert numerierte Exemplare wurden auf
- Bütten gedruckt, mit der Hand in Leder
- gebunden und vom Autor signiert. Die
- ganzseitigen Steinzeichnungen dieser
- Ausgabe wurden vom Künstler signiert.
-
- Dieses Exemplar trägt die Nummer
- 60.
-
- Alfred Döblin
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 31]:
- ... Spinnweben abzublasen, die von der alten Bibliothek durch die
- Luft ...
- ... Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die
- Luft ...
-
- [S. 32]:
- ... Radfahrer derart ängstlich, daß er ihn anbläkte. ...
- ... Radfahrer derart ängstlich, daß der ihn anbläkte. ...
-
- [S. 32]:
- ... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummen
- Rücken. Die ...
- ... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem
- Rücken. Die ...
-
- [S. 32]:
- ... Am Montag zwängte er sich in feinen Omnibus, rollte zum
- Wedding ...
- ... Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum
- Wedding ...
-
- [S. 39]:
- ... schönen Fräulein erkundigen, das sie vor ein paar Wochen
- besucht haben, ...
- ... schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen
- besucht haben, ...
-
- [S. 40]:
- ... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe,
- besondern Frauen ...
- ... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe,
- besonders Frauen ...
-
- [S. 48]:
- ... Lumpen. Kommen sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.«
- Valentin ...
- ... Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.«
- Valentin ...
-
- [S. 57]:
- ... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem
- festlichen ...
- ... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem
- festlichem ...
-
- [S. 76]:
- ... breitrandigen, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen,
- nicht ...
- ... breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen,
- nicht ...
-
- [S. 78]:
- ... richtete sich auf in einfachem bandlosen Hemd, ein ernstes,
- schmales ...
- ... richtete sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes,
- schmales ...
-
- [S. 81]:
- ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasendem
- Wind ...
- ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasenden
- Wind ...
-
- [S. 87]:
- ... entsetzten Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des
- Sturmes. ...
- ... entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des
- Sturmes. ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin</title>
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- <!-- TITLE="Blaubart und Miß Ilsebill" -->
- <!-- AUTHOR="Alfred Döblin" -->
- <!-- ILLUSTRATOR="Carl Rabus" -->
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- <!-- PUBLISHER="Hans Heinrich Tillgner Verlag, Berlin" -->
- <!-- DATE="1923" -->
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Blaubart und Miß Ilsebill
- Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus
-
-Author: Alfred Döblin
-
-Illustrator: Carl Rabus
-
-Release Date: September 26, 2020 [EBook #63301]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL ***
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-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
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-</pre>
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-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic logo">
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-</div>
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-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Alfred Döblin
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Blaubart und Miß Ilsebill
-</h1>
-
-<p class="ill">
-<span class="line1">Mit Steinzeichnungen</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Carl Rabus</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-Berlin 1923<br />
-Hans Heinrich Tillgner Verlag
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="cop">
-Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin.
-</p>
-
-</div>
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-<div class="chapter">
-
-<h2 class="toc" id="INHALT">
-Inhalt
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="table">
-<table class="tocn" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1"><a href="#DAS_VERWERFLICHE_SCHWEIN">Das verwerfliche Schwein</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><a href="#DIE_NACHTWANDLERIN">Die Nachtwandlerin</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><a href="#DER_RITTER_BLAUBART">Der Ritter Blaubart</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><a href="#DIE_SEGELFAHRT">Die Segelfahrt</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="DAS_VERWERFLICHE_SCHWEIN">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Das verwerfliche Schwein
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="tit">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/009.jpg" alt="" /></span>
-<br />Das verwerfliche Schwein
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ubert</span> Feuchtedengel, &mdash; Neuromanist und die zweiundvierzigtausend
-Mark seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet,
-bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt
-zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad,
-dann Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester,
-bis das goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige
-Monate alt, &mdash; bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in
-einem lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich
-bei ihm ein exquisiter Fimmel etabliert.
-</p>
-
-<p>
-Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen
-Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend, eierstreuend,
-eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier bewegt
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter vom Bett,
-steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen braucht er
-nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner gefunden
-wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach Greifswald,
-erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als selbstdenkender
-Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was man vor Augen
-sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern Blutandrang.
-Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der abschließenden wissenschaftlichen
-Überzeugung, daß es sich bei ihm um Sepsis, um Blutvergiftung
-handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos um einen Fimmel,
-aber auf Sepsis beruhend.
-</p>
-
-<p>
-Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch.
-Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem
-rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen steigt,
-die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines Medizinalpraktikanten,
-Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber her auf die Betten
-glotzend, dampfend vor Eifer.
-</p>
-
-<p>
-Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags
-ein halb fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef
-wegen Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher
-Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei
-ihm sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm,
-setzt ihn im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl.
-&bdquo;Zunge heraus!&ldquo; &bdquo;Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!&ldquo; &bdquo;Augen
-zu!&ldquo; &bdquo;Romberg negativ.&ldquo; Zieht die schweren braunen Vorhänge zu,
-steckt hinter Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine
-Augen. Nichts zu finden. &bdquo;Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen bauchumspannenden
-Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt demütig
-an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei Tage
-ist er Luft für seinen Herrn.
-</p>
-
-<p>
-Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden
-Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft
-die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel
-kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er,
-entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte Sepsis;
-man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick hat
-seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke, trägt
-die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er den
-Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in Stinkwut
-über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut ihm den
-steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer, schimpft vor sich.
-Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe genug von der Sache.
-Beißt auf seine Zigarre: &bdquo;Du Schwein. Du verwerfliches Schwein. Du
-bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt aber, jetzt sollst du was
-sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du deine Sepsis und wirst behandelt.
-Verstehst du, Kerl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er
-ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. &bdquo;Kerl,&ldquo; flucht
-Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, &bdquo;Kerl, Kerl, dich werden
-wir kriegen.&ldquo; Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer
-um.
-</p>
-
-<p>
-Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der Assistenzarzt
-den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die Ärmel auf.
-Der Dicke unsicher: &bdquo;Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen wir die
-Schwester wecken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-&bdquo;Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.&ldquo; Strick
-raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kriegst eins reingefuhrwerkt,&ldquo; giftet er seinen Schüler an, &bdquo;daß du
-platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du
-denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fünf Gramm,&ldquo; lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd
-seine geschwollenen Armvenen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst
-ins Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht
-&rsquo;s Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in
-den mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei
-der wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus
-himmelnden Äuglein zu seinem Chef: &bdquo;Fünfundzwanzig Gramm. Ich
-vertrag es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel
-hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den
-Hut fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche.
-</p>
-
-<p>
-Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der
-qualmende Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf
-dem Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt,
-triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich
-nichts merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. &bdquo;Das
-schöne Bild&ldquo;, schwabbelt er schämig, &bdquo;in der Klosterküche. <span class="antiqua">The monastery
-kitchen</span>, <span class="antiqua">cuisine de monastère</span>. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Von oben faucht Werner: &bdquo;Schwein, wieviel willste haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fünfundzwanzig,&ldquo; stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd
-den Arm des andern zu berühren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze
-sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich.
-</p>
-
-<p>
-Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt,
-schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust,
-windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang,
-reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier,
-das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: &bdquo;Mehr, mehr,
-Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.&ldquo; Seine Füße treten mit den
-Spitzen den Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg,
-Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl, vierundzwanzig.
-Da wären wir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln
-hinter ihm beginnt.
-</p>
-
-<p>
-Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen, Hinklatschen,
-Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille.
-</p>
-
-<p>
-Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch geschwollene,
-baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt, die
-Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten aufragend
-zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Lump!&ldquo; triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel
-mit der nassen Handfläche, &bdquo;fünfundzwanzig Gramm! Hab&rsquo; ich gesagt!
-Dreißig! Warum nicht vierzig! &mdash; Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.&ldquo;
-Stampft näher: &bdquo;Häh, die Zunge! Streck&rsquo; die Zunge raus, Kerl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der bewegt sich nicht.
-</p>
-
-<p>
-Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: &bdquo;Die Zunge raus.
-Biste tot, dann biste tot.&ldquo; Zieht sich den Paletot aus. Der Körper bewegt
-die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht.
-Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel aus,
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den Hinterkopf
-des Körpers quer durch den Raum.
-</p>
-
-<p>
-Das Stuhlbein bleibt stehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft
-immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er
-Schüssel samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte
-Masse: &bdquo;Da hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man
-buddelt dich gleich ein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd
-auf sein Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer
-und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick
-schnarcht im Halbschlaf: &bdquo;Herein,&ldquo; legt sich zurück.
-</p>
-
-<p>
-Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich
-graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende, wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine andere.
-</p>
-
-<p>
-Stehen auf dem Bettvorleger, stumm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werner,&ldquo; murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herein,&ldquo; schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes,
-Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werner,&ldquo; murmelt der vordere, &bdquo;ich bin in den Fluß gefallen von der
-Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich
-dich rief.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was bist du, Mensch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe
-immer gerufen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo; ihn nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a><img src="images/015.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Strick ringt verzweifelt die Hände: &bdquo;Na siehste! Bist du nicht versoffen,
-du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht,
-was soll ich mit dir machen?&ldquo; Überwältigt schreit er: &bdquo;Raus, raus, septisches
-Vieh. Ich schlafe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werner, du sollst mir den Arm verbinden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist denn das hinter dir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Traurig flüstert der Schwabe: &bdquo;Das ist der Teufel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Entsetzt hält sich Strick den Kopf: &bdquo;Was soll ich denn mit dem noch
-machen! Mitten in der Nacht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war.
-Du sollst mir den Arm verbinden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hartnäckig flüstert Hubert &mdash; der Teufel stemmt ihn rückwärts &mdash;:
-&bdquo;Du sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick wühlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strümpfe und Hosen
-über, seufzt: &bdquo;Komm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Verbindet ihn unten; kopfschüttelnd sieht er die beiden abziehen, droht
-hinter ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Bevor er zur Visite geht, am nächsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel
-mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo kommst du her; du bist doch längst tot.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine
-Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hältst du dich bei Tag auf,
-Mensch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hängt er mich an einen
-Baum. Davon bin ich so rasch trocken geworden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-&bdquo;Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt,
-es ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Fluß geschmissen. Das
-gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlägt sich mit der Reitpeitsche
-gegen die blanken Stiefelschäfte: &bdquo;Jetzt rede ich gar nicht mit dir
-Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie
-mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die
-ganze Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der
-Bildfläche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir
-haben kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns.
-Ich kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie müssen alle erst getrocknet
-werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was
-mit ihm los ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, er will immer, Herr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Doktor heiße ich. Aber wenn er will, was ist dann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er läßt mir keine Ruhe, er hält soviel von Sie, Sie hätten seinen
-Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach
-Sie, von wegen dem Arm, jault und jault.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch
-den janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit
-ihm. Vergraben Sie ihn, schmeißen Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie
-denn, ich habe meine Zeit gestohlen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will&rsquo;s ihm noch mal sagen; er ist so tücksch, so störrisch, er läßt
-nicht ab.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will; ich will. Das hätten Sie schon gestern tun sollen. Was
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-sollen die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebügelten Subjekt
-umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir
-behandeln lassen bei dem Gestank.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/019.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-&bdquo;Sag&rsquo; ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschäft. Ist mir peinlich,
-Herr. &mdash; Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande
-wu? Vorwärts, hüh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schüttelt den Feuchtedengel am Hals, daß dem in seinem pendelnden
-Schädel die Kiefern klappen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Arm, mein Arm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier gibt&rsquo;s nüscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf.&ldquo;
-Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tür:
-&bdquo;Raus, sofort raus samt dem Deibel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der beeilt sich, daß sie nur so davonpoltern.
-</p>
-
-<p>
-Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben. Vierfüßiges
-Getrapp auf der Treppe fängt an, an die Tür klopft es, einmal,
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter, stoßen
-mit den Füßen. Einer flüstert: &bdquo;Er ist nicht zu Hause.&ldquo; Der andere
-wimmert: &bdquo;Doch, er schläft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht mehr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Tür wackelt von den Tritten, ein Likörglas fällt vom Vertikow.
-Einer winselt: &bdquo;Sehen Sie, der trinkt Likör.&ldquo; Vorsichtig wird die Tür
-geöffnet. Strick liegt über dem Papier, tut als ob er schläft. Der Teufel
-läßt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestürzt, muß auf
-allen Vieren kriechen, die Brust hängt dicht über dem Boden, seine Arme
-baumeln, schleifen nach, die Handrücken wischen den Teppich; der Kopf
-geht hoch, um etwas zu sehen, schlägt mit der Stirn wieder auf.
-</p>
-
-<p>
-Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins
-Blut gestiegen.
-</p>
-
-<p>
-Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit
-funkelnden Augen: &bdquo;Nu hab&rsquo; ich&rsquo;s dick.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel läßt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt
-sich die Fäuste in die Weichen: &bdquo;Fangen Se ooch noch an mit mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren.
-Sie haben &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er läßt das Jaulen nicht
-sein und er läßt es nicht sein, es ist nicht anzuhören. Dann verbinden Sie
-ihn eben, und die Sache ist fertig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick rast im Zimmer: &bdquo;Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault
-ja, wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dafür kann ich nichts. Dafür bin ich nicht da. Dann gehen wir zu
-einem andern Doktor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unten wühlt der mit dem Kopf: &bdquo;Ich will nicht; ich geh zu keinem
-anderen Doktor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick brüllt: &bdquo;Raus, raus mit euch Gesellschaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Kinn, zerrt ihn in die Höhe. Der Teufel fällt ihm in den Arm: &bdquo;Sie haben
-mir den Mann nicht anzurühren. Ich laß Ihnen den hier liegen und hol
-ihn nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir
-kujonieren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Trottet zur Tür.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich mit dem Kerl hier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will überhaupt
-nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der
-hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Greift nach der Türklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann
-ich doch mit ihm nicht machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Herr, ick jeh was essen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind faul. Faul sind Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin nicht Ihr Herr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine
-Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene.
-Sie haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: &bdquo;Benehmen? Det
-laß ich mir nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det
-wär jelacht. Feuchtedengel, hilfste mit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht. Er soll mich verbinden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun komm mal. Den kriegen wir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblättern
-mit der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein
-Schild, fängt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlägt
-ohne Waffen drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-gegen die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen,
-am Hals vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant
-plärrt: &bdquo;Du willst mein Beschützer sein?&ldquo; &bdquo;Sei nicht feige,&ldquo; keucht der
-hinter ihm, &bdquo;wir kriegen ihn schon.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will ja nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir kriegen ihn schon.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Stoß gegen die
-Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los
-ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schläfe, daß ihm Nacht vor
-den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und
-er im Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel über sich zu ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Strick steht lachend über den beiden. Er ist atemlos, öffnet alle Fenster,
-gießt sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat, fragt er
-höhnisch herüber: &bdquo;Es wird Frühling im Januar. Na, wie weit
-sind wir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Körper schwankt,
-schaukelt. Mühsam steht der Teufel hinter seinem Schild, stöhnt: &bdquo;Wir &mdash;
-wir &mdash; wir sind so weit, meine Herren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vom Sofa lacht es.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel prustet: &bdquo;Wir sind so weit, meine Herren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr:
-&bdquo;Ick boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann
-mache.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit wem?&ldquo; winselt der mißtrauisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Paß mal auf,&ldquo; zischt der andere verlogen.
-</p>
-
-<p>
-Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der
-Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke.
-</p>
-
-<p>
-Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-weit fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust
-und Hals, zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt
-seitlich auf die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu
-hockt der Teufel über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen
-Schläfe und Augen.
-</p>
-
-<p>
-Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen
-Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn, wie
-er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz
-ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: &bdquo;Nun bist du fertig.&ldquo;
-Sich selber streichelt er: &bdquo;Ei, ei, das ist schön.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher
-an, setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak.
-</p>
-
-<p>
-Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch
-mal Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab,
-links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt
-er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. &bdquo;Ei, Widuwio, wie siehste
-nu aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann
-bist du der Herr Baron.&ldquo; Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen
-die gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf.
-Sagt nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: &bdquo;Wir gehen etwas aus.
-Wir haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: &bdquo;Was soll aus
-mir werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden liegen allein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Ruft der Dicke nach einer Zeit: &bdquo;Strick.&ldquo; Der dreht den Kopf, glotzt
-seinen Nachbar an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Strick, was machst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kläglich stottert der: &bdquo;Nun bin ich auch tot.&ldquo; Weint: &bdquo;Meine Stiefel
-haben sie mir ausgezogen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es schlägt fünf. Jammert Strick: &bdquo;Wie lange sollen wir hier noch
-liegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den
-Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns
-läßt er liegen, als wenn&rsquo;s nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen:
-es ist fünf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da hebt der Doktor den Arm: &bdquo;Schon fünf und noch keine Visite.
-Einer muß gehen, du oder ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich
-schon die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem
-Krankenhaus denken, wenn ich Visite mache.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zeig&rsquo; mal,&ldquo; sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. &bdquo;Pfui, siehst du aus.
-Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf
-der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: &bdquo;Sind Sie
-schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine andere weint: &bdquo;Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie
-sind. Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.&ldquo; Die Dritte blickt mitleidig
-auf seine Füße: &bdquo;Sie gehen schon auf Strümpfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für
-die verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum
-Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft
-haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung
-macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg
-kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln.
-&bdquo;Gehen Sie rasch, Herr Doktor,&ldquo; sagt er, &bdquo;dann reicht&rsquo;s zwei Stunden.
-Lassen Sie die Kränze hier, ich leg&rsquo; sie Ihnen oben rauf.&ldquo; Strick hetzt
-durch die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei
-silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt
-er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut
-sich: &bdquo;Jetzt wird man mich ehrlich begraben.&ldquo; Liegt im Schnee, im
-Finstern.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel späht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen,
-klopft ihm freundlich den Schnee ab: &bdquo;Man soll&rsquo;s nicht übertreiben, lieber
-Junge. Nun wird dir gleich wohler.&ldquo; Er führt ihn am Kragen. Strick,
-vergrämt über sein Pech, gerät in Zorn, weil der ihn duzt, verbittet
-sich das, macht sich schwer. Der andere näselt vornehm, daß er jetzt
-den feinen Mantel anhabe und die Mütze und die blanken Reitstiefel,
-und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten. Strick verlangt
-die Peitschen zurück, flucht, bis der andere ihn am Wege zur Parkstraße
-über die Bordschwelle hinwirft, schwörend, er werde noch den
-dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe versalzen.
-Als die beiden an seinen Armen wackeln, bläkt und schimpft der Teufel,
-wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer anderen Leuten
-das Leben schwer mache; was seien sie beide für Lumpenbagage: der eine
-ohne Hut und im ungebügelten Paletot, daß man sich schämen müsse vor
-die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im Portierpelz mit Mottenfraß
-und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne Pferd und kann nicht
-mal hopp hopp machen.
-</p>
-
-<p>
-Er hängt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich&rsquo;s gehört,
-an den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene
-Kochtöpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Strick ganz Gift geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen
-des Wegs zieht: &bdquo;Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm
-und will mich verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich muß
-mich beeilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strick wiehert lachend: &bdquo;Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen
-wäre, hättest du nicht mal mich gekriegt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was,&ldquo; faucht der andere, &bdquo;Hund sagt der zu mir? Und das wollen
-Kavaliere sein? Ich hab&rsquo; genug.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich auch,&ldquo; höhnt Strick.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Arm,&ldquo; winselt Feuchtedengel, aufwachend, &bdquo;wer soll mich verbinden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo; genug,&ldquo; brüllt der Teufel, läßt sie fallen, dreht sich um sich
-selbst, &bdquo;haltet die Schnauzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stößt, auf der Allee stehend, mit den Füßen rückwärts, scharrt wie
-ein Pferd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was macht er nur,&ldquo; denken die beiden im Schneehaufen.
-</p>
-
-<p>
-Er bläst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird groß
-wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine
-Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine
-Stiele in der Kugel. Bückt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn
-anspucken will, läßt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach
-dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals stürzt Strick kopfüber
-abwärts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln
-reißt der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet
-sich, wirft Falten, steht prall. Der Teufel bläst die Backen auf. Die Kugel
-dampft, glüht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen heraus,
-stehen über ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht sich
-schnurrend zusammen, schüttelt sich. Asche, weiße Knöchelchen fallen
-von ihm ab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: &bdquo;Ei, liebes Bäuchlein.&ldquo;
-Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein spazieren.
-</p>
-
-<p>
-Zu einem Fräulein, die ihn wegen seiner erschöpften Haltung an der
-Großhafenstraße anspricht, sagt er: &bdquo;Sehr gebummfidelt, höchst schmeichelbar.
-Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick,
-Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch
-schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und
-jaulte den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et
-war mich zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Fräulein &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gehen wir ein paar Minuten ins Café Braune, mein Herr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind
-sie nich im Himmel und nich in der Hölle. Nu sind sie einfach tot.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="DIE_NACHTWANDLERIN">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Die Nachtwandlerin
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="tit">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Die Nachtwandlerin
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen
-Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit
-einer eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest
-des Tages verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf
-Uhr geschlossen, und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein
-für einen jungen Mann zu flanieren.
-</p>
-
-<p>
-Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen
-Spinnweben abzublasen, die von der <a id="corr-2"></a>Alten Bibliothek durch die Luft
-herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor
-der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten
-zierlich einher in weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstraße
-prustete ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich die
-aufgestülpte Nase über dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe
-wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich besänftigt
-in den Hüften vor. Er huschte über den Damm.
-</p>
-
-<p>
-Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns
-der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen
-waren zu lang.
-</p>
-
-<p>
-In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig
-Herren und Damen, bereit, nach Belieben als Schürzenjäger oder Männerfreund
-zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmütige
-Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln
-in der Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe mit dem
-Kopf häufig nach links, als wollte er über die Schulter nach hinten sehen.
-</p>
-
-<p>
-In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße
-entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlüpften
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn etwas
-am Arm in der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: &bdquo;Na, Schatz?&ldquo;
-Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Moschuswolke,
-Veilchenbukett an der Brust. Blutübergossen wandte Herr
-Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen
-Radfahrer derart ängstlich, daß <a id="corr-3"></a>der ihn anbläkte.
-</p>
-
-<p>
-Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte
-er vor das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht
-hinter ihm her ein graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße
-Augen, Dessous schlenkernd über durchbrochenen hellblauen Strümpfen,
-plauderte mit einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber.
-Herrn Priebe stand das Herz still.
-</p>
-
-<p>
-Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab
-die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke.
-Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der lauen
-Abendluft lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah
-er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der
-Wohnung unter der Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein
-kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <a id="corr-5"></a>krummem Rücken. Die
-kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin
-das rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine
-Banane vom Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Am Montag zwängte er sich in <a id="corr-6"></a>seinen Omnibus, rollte zum Wedding
-hinauf. Er ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen
-lagen die schwarzen rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem
-Staub bedeckt, unter dem Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht
-blitzten. Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhörlich herunter; starke
-Kräne knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker.
-Herr Priebe ging in einem glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Hof; seine grauen Hosen waren abgestoßen. Er warf verschlafene
-Blicke über die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses
-hinauf. Niedrige, weite Kontorräume, Holzladen an den Fenstern.
-Hinter den Pulten Männer; an der Wand junge Mädchen in schwarzen
-Schürzen; sie spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut
-auf und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen sich
-an, sagten laut zueinander: &bdquo;Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt
-aus.&ldquo; Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hörbarem Gähnen
-zu seinem Nachbarn: &bdquo;Das Großstadtleben bekommt einem auf die Dauer
-nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.&ldquo; Aß zum Frühstück
-einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaßten Zwicker auf,
-schrie ein engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er den Durchschlag
-zerrissen vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf, maulte,
-plärrte laut los, die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet verlängerte
-der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum.
-</p>
-
-<p>
-In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie
-gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr
-leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem,
-rauhem Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte
-nochmals. Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen
-sich lächelnd an.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit
-den Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie
-versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flüsterte
-eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte,
-pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem Pult,
-um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches &bdquo;Ja,
-ja&ldquo; zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-ausgefülltes Gesicht in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit Bindfäden
-verschnürt von den Ohren her.
-</p>
-
-<p>
-Antonie Kowalski war ein rundes, ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug
-große unechte Ringe in beiden Ohren, an den feisten Armen breite metallene
-Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige
-Mauer trennte beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer
-Mutter. Die Frau, eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis
-saß, eine Liebschaft mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten.
-Als der Ehemann nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam
-und die einjährige Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus
-der Wohnung. Sie zogen in die Brunnenstraße, in eine Dachkammer.
-Antonie wuchs als ein jähzorniges, leidenschaftliches und zärtliches Tierchen
-auf; nur daß sie in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller
-und leidend wurde, sich verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um
-den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals
-spätabends mit dem Zigeuner in der Küche, als ihr der branntweinduftende
-Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien, an das
-Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flügel weit aufgerissen, so daß
-plötzlich das prallweiße Mondlicht hart über Diele und Tisch fiel. Sie
-fuhr einen Augenblick geblendet zurück. Der rasende Mann warf sie schon
-auf den weiß bestrahlten Boden, riß ihr keuchend die Röcke ab, und
-so wurde sie seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im
-Schlaf, wenn der Mond vor ihr Fenster trat. Oft saß sie abends am
-Fenster, hatte die Augen offen; die Mutter mußte sie schütteln und laut
-anrufen, ehe sie den Blick herdrehte und aufstand.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin
-an der Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe
-und warum er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. &bdquo;Hier sind zwei
-Billetts für das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-drin im Saal.&ldquo; Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand,
-lief über den Kohlenhof.
-</p>
-
-<p>
-Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder
-an seinem Pulte saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel
-lief ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage:
-&bdquo;Was nun?&ldquo; Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die
-Straße und ging statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die
-Liebenwalder Straße, Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum
-grünumsäumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb
-Berlin und zurück. Vom Kontor machte er sich abends im schäbigen Gehrock
-auf den Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mädchen hinter
-ihm kicherte, fuhr er nach Hause, parfümierte sich im Tennisanzug. Mit
-Tränen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der
-kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so stöhne, wie ein Bär stöhne.
-</p>
-
-<p>
-Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war
-nicht an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die
-Stimme des Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen
-Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade
-am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin
-das Fräulein im Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf
-ihn zu, stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. &bdquo;Da wären
-wir also, kleine Krabbe,&ldquo; sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen
-mit Kennerblicken.
-</p>
-
-<p>
-Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die
-schwarzen Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn
-gekämmt. Der große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken
-gesunken, so daß das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite
-Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht.
-Schweigend standen sie sich gegenüber, dann legte sie ihren bloßen prallen
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Arm in seinen und zog ihn mit ehrfürchtigen, zärtlichen Blicken zum Saal
-hinaus in den lampionbeschienenen Garten.
-</p>
-
-<div class="centerpic w80">
-<img src="images/036.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die
-Karussels dudelten. Herr Valentin hob keck den Samthut zurück, zündete
-eine Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen.
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Mit überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte seinen
-rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier
-vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte
-begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich
-mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer
-Pause neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange,
-faßte sie ihn zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch
-seinen Körper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: &bdquo;Ach Gott!&ldquo;
-Der Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: &bdquo;Fräulein,
-ich habe heute mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben
-gewesen sein.&ldquo; Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange,
-seufzte verschämt: &bdquo;Sie müssen was dagegen tun, Herr Priebe.&ldquo; Er
-rutschte nach einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand
-leichenblaß da. Sie kam nach.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: &bdquo;Was soll
-daraus werden? Was ist denn, was ist denn?&ldquo; Der Vater schrie aus
-der Nebenstube: &bdquo;Immerfort kracht dein Bett. Wer soll dabei schlafen?&ldquo;
-Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude
-schön gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er
-vor einem laden in der Chausseestraße, betrat als erster Käufer das Geschäft,
-erstand für achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück
-eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten
-und einen Kranz hielten.
-</p>
-
-<p>
-In der kühlen Fasanen-Allee traf er sich abends mit der kleinen Polin.
-Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Riß das Papier
-ab, sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb
-sie vor der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich
-auf die Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte
-ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-dem weißen Federhut zurück und hielt es für angebracht, ihr unter schlüpfrigen
-Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine Hand
-weg, nahm seinen Kopf, küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen
-sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, während er sie oft losließ,
-an einem Baum lehnte und mit einem Gelächter losplatzte, das sie stutzig
-machte; schließlich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber
-warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum
-schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schönere versprach. Am
-Gitter des nebligen Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem Gesicht:
-&bdquo;Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von
-einer exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von
-einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den
-sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne deswegen auch nur mit der
-Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen genötigt,
-mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das
-sei lächerlich für sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin. Dann fuhr
-man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune,
-freudig über sich erstaunt, lud sie immer zu neuen Lokalen ein, die er
-aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer jämmerlichen Rumpeldroschke,
-tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren von Café zur
-Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten sie im Café Minerva, um halb
-vier torkelten sie untergefaßt in das Café Greif, Elsässerstraße. An
-einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu Valentin, er sähe aus wie
-der keusche Joseph; er sank über den Schoß einer alten Vettel, die ihr
-Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand, sie wäre so zärtlich wie seine
-letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib auf, packten beide
-in eine Droschke, tobten hinter dem langsamen Fuhrwerk mit Schirmen
-und Hüten her.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor.
-Sein Gesicht hatte in manchen Minuten etwas wie Versteinerung. Er
-war erschüttert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen
-war, wütete gegen die Kollegen, hätte sie um Gnade bitten mögen.
-Abends blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel
-und kläglich. Antonien übersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem
-Kohlenhof &bdquo;Adieu&ldquo; sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreußen pflegen
-sollte, meinte er nur: &bdquo;Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Fräulein,
-&mdash; dann, dann reisen Sie nur.&ldquo; Er ließ sich gehen, bürstete sich nicht
-ab, lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren.
-</p>
-
-<p>
-Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte
-Valentin seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten
-Flanierzügen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine
-gelle, herrische, aufgeregte Stimme; seine Augen blutunterlaufen, wie
-bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der
-Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche Bewegung entstand
-in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlaßte, alle Augenblicke
-&bdquo;gluck, gluck&ldquo; zu machen, dabei den Kopf nach vorn wie eine Gans
-zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem Erstaunen
-zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat mit fleischigen
-Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe, schnüffelte,
-während er in seinem Notizbuch kritzelte: &bdquo;Müssen sich mal bei dem
-schönen Fräulein erkundigen, das <a id="corr-9"></a>Sie vor ein paar Wochen besucht haben,
-hähä; die wird&rsquo;s wissen.&ldquo; Er hörte schon nichts mehr. Er sprang mit
-inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er
-prustete auf der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich überkommenden
-Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauerstraße;
-ob etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles wieder
-gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und
-dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen
-Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an
-einer Dame vorüberging. &bdquo;In dieser Gesellschaft wären wir also zu
-Hause. Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur
-Sohle.&ldquo; Er hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden
-der Roués, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man
-kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lächelte in tief befriedigter
-Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: &bdquo;Wir
-haben unsere Bewegungsfreiheit wieder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der
-Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung
-degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie
-latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage,
-warum er so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie
-Berlin mancherlei Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie
-belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette
-angezündet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte,
-gab er brockenweise von sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei;
-man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <a id="corr-10"></a>besonders Frauen
-gegenüber, man hört ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie
-hatte tränenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht.
-Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde
-sich die Sache überlegen. Dabei klopfte er den Schnee vom Rock ab, den
-sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte.
-</p>
-
-<p>
-Abends im Humboldthain hatte er vor ihrem verfrorenen Gesicht
-ein so demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie
-ein getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind,
-wie ein Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-der Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner
-Schulter, bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen
-war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der
-Stadt zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen,
-umarmte ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald
-trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern,
-ein fast glücklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung
-gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte, getrieben durch die
-hellen und engen Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem
-Geigengesang der Cafés, auf Knien, die weicher und weicher wurden
-und ihm wie Wachs wegschmolzen.
-</p>
-
-<div class="centerpic w80">
-<img src="images/041.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal
-zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain;
-da trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg.
-Sie hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa;
-auf dem Kopf eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt
-sie an ihn heran; öffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen
-Lippen, ging vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie
-sprachen vom Geschäft, vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern
-stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim
-Abschiede konnte er einmal ihren unverständlichen Blick fassen, den sie auf
-die Seite drehte.
-</p>
-
-<p>
-Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es
-ihr ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte:
-&bdquo;Gut&ldquo;; vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort.
-Er schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu
-Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als
-sie ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines
-Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien
-abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie wollte
-nicht auf die Straße gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als
-die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte
-er sich ihr gegenübersetzen; nur daß er sie berührte, duldete sie nicht.
-Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher Trieb kam über sie,
-sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll
-um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile.
-Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie völlig und warm an.
-Sie lächelte zur Mutter: &bdquo;Geh du mit aus.&ldquo; Die faßte sie bei den Ellbogen:
-&bdquo;Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen.&ldquo;
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. &bdquo;Ich freue mich allein
-viel mehr mit meinen schönen Sachen.&ldquo; Und wirklich saß sie oben in
-den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und strahlend;
-sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war sichtbar. Sie war
-viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte sie im Zimmer
-herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. Sie gönnte sich
-feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit
-bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe zusammen, eine
-sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie eine Hand, zeigte
-sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie ein.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half
-der Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin
-wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete
-ihn leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken.
-</p>
-
-<p>
-Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung,
-sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so
-wilder fuhren ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie
-beschattete ihre hellen Augen: &bdquo;Ich will ihn wieder lieben können. Ich
-kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.&ldquo;
-Am Abend hatte er einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich
-geöffnete Gesicht stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: &bdquo;Küß mich,
-küß mich!&ldquo; &bdquo;Nein, ich darf nicht, ich darf nicht.&ldquo; &bdquo;Der Arzt geht mich
-nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig
-machen.&ldquo; Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippen
-fest. Und dann biß er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand
-sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen.
-</p>
-
-<p>
-Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den
-Kopf schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem
-Bett gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-streicheln: &bdquo;Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschäft.&ldquo;
-&bdquo;Hast du dich mit Valentin vertragen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder einschliefe,
-sagte Antonie: &bdquo;Ich denke schon.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie
-mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der Brunnenstraße
-und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin davon. Sie
-stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends an dunklen
-Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten.
-Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés von Männern
-begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen
-Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an.
-</p>
-
-<p>
-Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns
-bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd
-bei völliger Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden
-Mutter vorbei über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte,
-vorsichtig setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte
-zu der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: &bdquo;Nimmst du mich
-mit? Du bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht
-lieb zu mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause
-setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man
-so schön sein wie mit mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster
-rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos
-zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.
-</p>
-
-<p>
-Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er
-kam heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten,
-sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. Und
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster
-würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort
-war, stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit
-Seife, so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen.
-Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Küche herein: &bdquo;Bist
-du da, Toni?&ldquo; &bdquo;Willst du die Toni sehen, Mutter?&ldquo; Und während die
-Frau mit der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen,
-die Puppe, tränenübergossen hin: &bdquo;Das ist die Toni. Das ist meine kleine,
-süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?&ldquo; Sie
-lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/045.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem neueröffneten
-Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; in
-ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine
-Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden
-Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da
-drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit
-zwei Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr
-tänzelte graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor
-oft zum allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch
-stand malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Es war Priebe.
-Antonie ging taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich,
-die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte
-Herr griff mit feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne;
-im Vorübergehen stotterte er: &bdquo;Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr
-braucht euch vor mir nicht zu fürchten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig
-Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe
-sagte, den Schlager: &bdquo;Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.&ldquo;
-Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten,
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-kam in dem grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit
-schwarzem losen Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand,
-schob sich im weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne.
-Tappte mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße
-Füße; an ihrer Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines.
-</p>
-
-<p>
-Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: &bdquo;Ach, wenn das der
-Petrus wüßte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht,
-blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, ausgestreckte Beine ohne
-Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte
-gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte saftvoll dick
-und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, weiß;
-auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist einer aus dem Fenster gefallen.&ldquo; Die fünf bewegungslos.
-Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. &bdquo;Wo war das?&ldquo; gellte ein
-Fräulein; die rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen
-nach. &bdquo;Ich kann so was nicht sehen,&ldquo; murmelte Herr Priebe, &bdquo;mir wird
-ganz schlecht; ich leg&rsquo; mich schlafen.&ldquo; Im Hause klapperte es, wurden
-Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen
-wäre, zitterte die Treppe hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis
-über die Ohren ein: &bdquo;Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen;
-ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie
-und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen
-in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen
-alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre
-Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. &bdquo;Da ist nun der
-Lumpen. Kommen <a id="corr-11"></a>Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.&ldquo; Valentin
-riß die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor sowas aufmachen
-könne. Das Kind bockte: &bdquo;Gerade machen wir die Tür auf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im
-Bureau, wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen
-des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne
-sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer
-Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er,
-man habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen,
-natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei
-Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten,
-Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In
-einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur
-Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels
-anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel
-er den scheckigen Lumpen, pfiff: &bdquo;Wir haben uns mit solchen Sachen
-aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopfe haben.&ldquo; Trostlos
-und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz
-vor der Tür schlug.
-</p>
-
-<p>
-Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: &bdquo;Sie werden die
-Sachen schon überwinden,&ldquo; meinte er mit schiefem Grinsen: &bdquo;Wir haben
-Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den
-Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder
-zu Haus sein.&ldquo; Und er sang so schön: &bdquo;Wenn das der Petrus wüßte,&ldquo;
-daß die Wirtin mit dem Kopf nickte: &bdquo;Gott, haben Sie eine Stimme,
-Herr Priebe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: &bdquo;Der Landaufenthalt
-ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für
-elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer.
-Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen
-über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor
-dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen.
-</p>
-
-<p>
-Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er
-kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem
-Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde
-abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor.
-Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels,
-schniefte gehässig: &bdquo;Den Dreck werd&rsquo; ich dir. Dich rausholen.
-Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.&ldquo; Der Deckel
-schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel
-zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch
-am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung,
-bewegte sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: &bdquo;Zeitversäumnis!
-Gemeiner Ulk!&ldquo; Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe
-auf der Diele, fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte,
-zappelte, kam vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am
-Spind, schlüpfte in den weißen Mondschein, glitt leicht gegen die Tür.
-Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten
-Schädel, schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz
-das feine Geschöpf grade über das finstere Geländer.
-</p>
-
-<p>
-Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen, die Jacke unter dem linken
-Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend:
-&bdquo;Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?&ldquo; schlich
-schon die Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch
-den langen Hausflur stolperte, flüsterte er: &bdquo;Du, du, halt, bleib doch
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-stehen. Ich &mdash; ich hab&rsquo; nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach, nach.
-</p>
-
-<p>
-Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie
-im Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere.
-Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er
-schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner.
-</p>
-
-<p>
-Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie
-ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf
-ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort.
-</p>
-
-<p>
-Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden
-Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: &bdquo;Ich
-will ja ehrlich sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Höhnend kam es herauf: &bdquo;Willst du das, willst du das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab&rsquo; ich schon ausgehalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch nicht genug.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase.
-&bdquo;Was hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte
-in den Wind. &bdquo;Ich verlier&rsquo; meinen Hut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brauchst keinen Hut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Jacke, meinen Kragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kannst nackt kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: &bdquo;Ich will
-nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd&rsquo; ich doch mal den kleinen
-Lorenz fragen, was er dazu meint.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert.
-Valentin brüllte, warf sich: &bdquo;Keiner hilft, keiner hilft.&ldquo; Die Puppe hielt
-ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen
-in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren
-Bäumen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hi, hi, hi!&ldquo; würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: &bdquo;Nimmst mich
-mit zu Lorenz?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine
-Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das
-Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. &bdquo;Ich sterbe
-schon, laß mich los.&ldquo; Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem
-sie sich unter das Wasser drückte: &bdquo;Es fängt erst an! Verlogener Hund!&ldquo;
-Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang.
-&bdquo;Verfaulen sollte ich dich lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="DER_RITTER_BLAUBART">
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Der Ritter Blaubart
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="tit">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Der Ritter Blaubart
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">inter</span> der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her
-umsäumte, zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen
-Kiefern und Strauchwerk besetzt. Kein Weg führte aus dem
-Durchbruch der Stadt gerade hindurch zum Strand, der kaum zwei
-Stunden entfernt war; eine Kleinbahn umfuhr die Einöde in weitem
-Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und
-steif wie Leim; Ratten und Kröten hausten hier; öfter stieß ein Häher
-durch die Luft, schlug ein Weichtier an.
-</p>
-
-<p>
-Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und
-unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See
-hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört da;
-Meer und Erde wandten sich von ihr ab.
-</p>
-
-<p>
-Diese Fläche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz
-eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise
-durch den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines
-ersten Bootsmanns zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber
-erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune,
-träumerisch, eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht
-gebogenen Beinen des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff
-scharf an dem Morgen, warf ihm die schiefsitzende Mütze mit einem glatten
-Schlag ins Wasser, so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten
-stand, die das böse Omen entsetzte. Seine Augen waren schräg gestellt,
-standen dicht an der Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel
-tief einsetzte. Die klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem
-Mund von mädchenhafter Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er
-ritt auf einem schwarzen Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten
-Umweg nach der Stadt. Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann,
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-den er suchte, eine mit Andenken und allem Nachlaß des Toten, die andere
-mit japanischer Seide und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden
-blieb er in der Stadt. Dann trabte er pfeifend und lachend, seine Mütze
-schwenkend, allein zurück, unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch
-die Ebene.
-</p>
-
-<p>
-Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag.
-Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen
-sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben.
-Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos
-auf der weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und
-über mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt
-auf einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen
-glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte
-Schulter war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre,
-trug ihn schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen
-in die Stadt fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht;
-er schien nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die
-Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck
-annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr
-in die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos
-wimmerte.
-</p>
-
-<p>
-Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann,
-entließ die Leute und zog in die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit
-keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen
-Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die
-einen Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte
-nun und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt
-auf der Chaussee langsam zum Meer.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a><img src="images/057.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der
-Stadt ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen
-dann beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten
-Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister
-brauche sich nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es
-solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <a id="corr-12"></a>festlichem
-Schmuck, denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen.
-</p>
-
-<p>
-So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der
-Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend
-an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den
-Felsen, der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die
-Zimmer ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten
-sie auf, mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der
-Einöde erhob sich das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln
-der Städter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten
-gefüllt waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß.
-Sie erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes,
-kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie
-früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der
-Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen
-Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das
-zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später,
-als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür
-einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie
-lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor
-ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen
-sie gegangen war.
-</p>
-
-<p>
-Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen.
-Keine Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten
-einer schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden
-Frau. Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie
-erlegen.
-</p>
-
-<p>
-Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man
-lud ihn zu Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr
-zur Jagd, beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte
-versunken von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn
-schwärmend, träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt.
-Er fuhr eines Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam
-nach einem halben Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines
-Schlosses, daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer
-zu legen seien. Im Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden.
-</p>
-
-<p>
-Er kehrte zurück. Wieder führte er eine junge, fremde Frau auf sein
-Schloß. Diese hat kein Städter gesehen. Eines Morgens lag sie im
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weißen Gesicht, eine
-Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses.
-</p>
-
-<p>
-Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man,
-wenn der finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorüberritt. Die
-Kinder schrien vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst.
-</p>
-
-<p>
-Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges, hellblondes Mädchen,
-sah ihm vom Fenster nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen,
-wenn die Männer grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie
-weinte in ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schloß
-und wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten
-konnten dies nicht verhindern.
-</p>
-
-<p>
-Scharen von tobenden Menschen aber wälzten sich über den dunklen
-Weg nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man
-die Leiche des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses
-nahe dem Weg zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schloß,
-nahm den Baron in Haft. Das Gericht verfügte die Ausgrabung der
-beiden ersten Frauen, die genaue chemische Untersuchung der drei Leichen
-auf Giftstoffe. Die Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf
-freien Fuß gesetzt. Das Volk streckte die Hände nach ihm aus, wollte
-ihn zerreißen, als er zusammengesunken, den Revolver in der rechten
-Hand; langsam nach der Heide hinausritt.
-</p>
-
-<p>
-Von nun an mied er die Stadt völlig. Hauste allein in der Heide.
-Nur sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück.
-</p>
-
-<p>
-Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes
-Horn blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann
-durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt
-logierte sie sich ein.
-</p>
-
-<p>
-Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schloß.
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre. Fragte zum
-dritten, wo sie ihn sehen könne.
-</p>
-
-<p>
-Bei den Rennen, morgen in Stirming.
-</p>
-
-<p>
-Frühmorgens rüstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock.
-Auf dem Polster schaukelte Miß Ilsebill.
-</p>
-
-<p>
-Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten
-in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau.
-Es wehte sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die
-Rennbahn, füllten die Tribüne um den weiten, grünen Rasen. Lärm der
-Stimmen und Gefährte brauste, ein Riesenvogel über die leere Fläche.
-</p>
-
-<p>
-Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei
-sanfte Schimmel zogen den offenen blauausgeschlagenen Wagen durch
-den knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide,
-eine weiße Feder wehte in den bloßen Nacken. Glitt durch die hölzerne
-Sperre auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge.
-Ihre tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und
-Gegenstände, wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß
-lächelnd da. Kaute Schokolade.
-</p>
-
-<p>
-Baron Paolo lehnte an der Stange. Er sah mit Vergnügen die weißen
-Pferde antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden
-Augen. Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte,
-ging er die vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich
-durch die Menge, trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie
-ein Araber auf. Beugte seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte.
-</p>
-
-<p>
-Calvello hieß der Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig
-hinter dem Rudel. Schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke
-kam. Miß Ilsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn
-auf die Hand, jauchzte über die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren
-dicht am Ziel: da legte sich der blauweiße Jockey dicht an das Ohr des
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Pferdes, flüsterte: &bdquo;Calvello, ho, Calvello.&ldquo; Das Tier senkte den Kopf,
-flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte. Der Lärm der Menge
-rauschte über sie.
-</p>
-
-<p>
-Kaum das Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf, lud den schweigenden
-Mann zu einer Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch
-die Wälder im Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er der Baron
-Paolo di Selvi sei, daß er durch sein Geschick hierher verschlagen sei und
-drüben in der Heide wohne. Sie erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er
-hätte auf seinem Heideschloß drei Frauen verloren, und sie trauere über
-sein Geschick.
-</p>
-
-<p>
-Worauf er einen trüben Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte;
-der Groom aber riß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee zurück,
-auf den geraden Weg zur Heide. An der Wendung der Schloßallee verengerte
-sich der Weg. Paolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die Pferde
-sträubten sich. Er stieg aus und riß sie vor. Unter Peitschenhieben zogen
-sie an, sie schnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt die Leine straff.
-</p>
-
-<p>
-Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach
-des Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht
-im weißen Hut. Eingefallen waren seine braunen Wangen und
-seine Schläfen, seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur
-sein Mund rund und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung
-kamen sie vor sein Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied
-die Hand. Miß Ilsebill stieg aber aus und bat sich bei ihm zu Gaste
-auf ein paar Tage. Sie wollte ihn pflegen und mit schöner Musik erheitern.
-Sie bezog die Zimmer des Damenflügels.
-</p>
-
-<p>
-Sie ritten morgens und mittags aus. Ilsebill sang und spielte vor
-ihm in den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder.
-In ihren Augen war ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-tanzte. Ihr schwarzes Haar hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit
-den blitzenden Zähnen festhielt.
-</p>
-
-<p>
-Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf,
-später warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen
-Augen zu, hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff.
-Seine Stimme wurde heller, sein Gang rascher.
-</p>
-
-<p>
-Und als sie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in ein ungefüges
-Weinen aus. Sie wollte wissen, was mit ihm sei, sie wollte ihm helfen.
-Er aber nahm ihre beiden gelbweißen heißen Hände, legte sie auf seine
-Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets flüsterte. Sie hing an
-seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter sprach und schrie, was
-sie nicht verstand. Schon war er wieder still und sanft, geleitete Miß
-Ilsebill in ihr Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Und am Abend schlich sie sich, indessen der Baron im Herrenflügel
-schlief, allein trotzig und finster an die Tür des verschlossenen Zimmers,
-in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an dem Holz, stemmte sich
-seufzend mit der Schulter an; das Schloß hielt fest.
-</p>
-
-<p>
-Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mutter Gottes
-um Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen, schob ihn,
-den Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr
-Arm schmerzte.
-</p>
-
-<p>
-Lautlos sprang die Tür auf. Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes
-Tuch geschlagen, hob die Kerze. Es war ein schmales, freundliches Gemach,
-mit zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt. Der
-rohe, zackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar
-in dem unsicheren Lichte. In seiner Nische über dem Boden stand das
-grünbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß Ilsebill
-tänzelte freudig über den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-schwachen Blumengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war in dem
-heimlichsten Zimmer. Grüne japanische Seide hing von der Decke herab.
-Bilder und Tapeten lächelten ruhevoll und sanft. Die sonderbare Klippe
-schimmerte wie ein spielerischer, phantastischer Einfall.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/063.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Sie legte leise die Tür an, sprang auf das Lager, lag träumend stundenlang,
-schlüpfte frühmorgens wieder durch die Korridore auf ihr
-Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig die schweren Riegel
-herabgeschoben hatte. &bdquo;War nichts geschehen, ist mir nichts geschehen,&ldquo;
-seufzte sie glücklich vor sich hin. Glitt nun Nacht für Nacht hinüber
-in das Felsenzimmer, dort zu schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Des Tages aber fand Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens
-und Lockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen,
-schlüpfenden Augen schlug öfter ein greller Blick zu ihm. Und als sie
-einmal unter den fünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte und
-er lachend über ihre tollen Sprünge ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre
-Schönheit vor ihm hin und bettelte an seinem Hals: &bdquo;Ich bin Ihr Eigen,
-Paolo.&ldquo; &bdquo;Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie das?&ldquo; Und sein Blick
-war nicht grell und heiß, sondern derart schwermutsvoll, fragend und
-ohne Trost, daß sie von ihm abwich, die Schleier um sich warf und aus
-dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht,
-daß er die blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes Glück versenkte.
-</p>
-
-<p>
-Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie
-oft auf den Armen und betete, manchmal in die starken Knie sinkend, in
-fremder, harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur
-selten nahm er ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Welche Kleider trug Ilsebill mit feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe
-hingen aus ihrem blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide
-in dem Felsenzimmer trug Miß Ilsebill. Grüne Blätter lagen auf ihrem
-Haare und waren eingeflochten in drei dichten Zöpfen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten zusammen, sie saßen oft
-am Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen sprühten.
-</p>
-
-<p>
-Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und
-als Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte,
-daß sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn
-sie einen Arzt kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas
-krank. Paolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen
-Augen: was ihr denn fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises
-Scharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges
-Streifen, Rieseln und Scharren. Als liefe ein Tier über Sand und bliebe
-immer wieder schnaufend stehen. Es sei so fein, daß es wie ein Pfeifen
-klinge.
-</p>
-
-<p>
-Er stand am Fenster und blies gegen die Scheibe. Fuhr mit rauher
-Stimme heraus, es sei kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich
-zerstreuen; sie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier.
-Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde
-seien nur schwer den Weg hierher gelaufen, und jetzt: wo fände sie Pferde,
-die sie zurücktragen würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich
-umgedreht, seine Stirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte, er
-klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie
-doch nicht. Er wolle kein Weib und keinen Menschen und nichts. Er
-hasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen. Sie solle gehen, oh sie
-solle gehen. Ein Messer wolle er ihr gleich geben, damit solle sie sich
-ihre Krankheit aus dem Herzen schälen.
-</p>
-
-<p>
-Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er auf
-sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll
-und ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen
-ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn;
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem
-Kleid.
-</p>
-
-<p>
-Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus. Sie
-streifte bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue
-Steine mit, auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem
-Wege sprach sie in der Vorstadt einen alten Bauern, der erzählte, der
-Baron habe sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Er
-schüttelte den Kopf, als sie sagte, sie wohne in dem Schloß. Ob sie denn
-nicht wisse. Das mit dem Schloß, mit der Einöde, mit dem Felsen,
-dem Sumpf.
-</p>
-
-<p>
-Was denn damit sei.
-</p>
-
-<p>
-Habe sie nicht auch schon das Scharren und Kratzen gehört.
-</p>
-
-<p>
-Kratzen? Kratzen nicht. Aber was sei damit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, da liegt ein Untier, ein Drache. Das liegt da auf dem alten Meeresgrund.
-Das alte Meer hat es nicht mit fortgeschwennnt. Ein Unglück
-ist es, eine Gefahr für die Menschen, die heute leben. Es braucht Menschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, lieber Bauer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Miß Ilsebill. Warum sagt Ihr nein? Habt Ihr die Portugiesin
-gekannt und dann die andere und dann die von unserem Ratsherrn. Das
-waren drei Menschen. Drei, von denen wir wissen. Es sind viel mehr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und jetzt wird es mich holen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer weiß, Miß Ilsebill. Wen der Drache anfällt, der muß ein gerade
-gewachsener Mensch sein. Ich kenne Euch nicht. Laßt Euch nicht in Versuchung
-führen. Die Heide ist ein Unglück. Man muß stark im Glauben
-sein. Und frei von den bösen Gelüsten. Ein schweres Ding. Den Ritter
-hat der Drache fast zerrissen, die Frauen hat er getötet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglück. Er sollte
-wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Sie hörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange. Sie spielte auf
-ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter
-Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so
-laut scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen, schüttelnden
-Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in der
-Stadt. Der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten unterhalten.
-Es sei ein seelenkundiger Mann.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter
-auf das Schloß. Sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein,
-den Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben.
-Denn es scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und
-raschele und sie zu verschlingen drohe.
-</p>
-
-<p>
-Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein
-schlanker junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen.
-Er fuhr über sie mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen,
-über ihre Bilder gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust
-dazu in der Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills
-letztem Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und
-lachte mit einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden
-Tiere.
-</p>
-
-<p>
-Sie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die
-dämmrige Heide hin.
-</p>
-
-<p>
-Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie selbst. Wahnsinnig und eine
-Leiche sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mögen
-alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden. Sie
-kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber.
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an. Sie wolle
-wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und
-immer küssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter. Trällernd
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-riß sie ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen
-seine Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill
-ihr schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze
-in die Hand und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie
-wollte zum Schluß die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht
-und Nebel verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der
-Dichter zur Flucht besorgt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen,
-kamen Schritte. Die Scheite ließ sie über die Knie leise zu Boden gleiten.
-Es war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden
-stellte, sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die
-schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die in
-ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten,
-schlüpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren
-Gesichts. Seine schräggestellten Augen strahlten über sie gar eine Dankbarkeit,
-sein Mund näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und küßte
-sie. Er sagte, sich von ihr lösend, er ginge noch heute in die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen, sie war verwandelt,
-eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das
-Kreuz in beiden Händen hoch. Sie richtete sich auf. Die Scheite ließ
-sie liegen. Sie mußte über den Gang. Sie mußte nach der Tür. Sie
-mußte in die Kammer. Hart war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos.
-Hinter dem Kreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und kasteiend.
-Den Riegel schob sie hoch. In der Kammer ging sie händeringend auf und
-ab, schlug sich die Brust, schlummerte auf dem weichen Teppich ein.
-</p>
-
-<p>
-Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, lautes Rufen
-einer Männerstimme: &bdquo;Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!&ldquo;
-Richtete sich auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender Mund her.
-Der Felsen sprang auseinander, aus der Höhle strömte das Wasser,
-wälzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit zahllosen
-ringelnden Fängen; aus dem Leib schlug eine zitternde, blaurote
-Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie
-nicht; da schrie sie gell und wahnsinnig: &bdquo;Paolo, Paolo.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Untier zischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie schlug
-in Todesangst gegen die Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß
-ihn herunter, schleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halbumfallend
-fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den versengten Händen um sich
-schlagend, über die stummen Gänge. Blieb vor ihrer Zimmertür liegen.
-</p>
-
-<p>
-Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich
-aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab,
-band sich die Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen
-aus dem Hause, durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide,
-bis da, wo die Birken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihr tobte es. Vom Meere her kam ein Donnern und Bersten.
-Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand durchbrach die Dämme
-und Deiche, setzte rollend und schäumend über die verwunschene Ebene,
-bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehört hatte, dazu das graue
-Schloß. Das furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den
-Berg heran vor der Stadt, auf dem die Birken standen. Ilsebill wanderte
-auf den Berg.
-</p>
-
-<p>
-Und wie sie zwischen den Bäumen ging, stieg der Nebel in den Wald.
-Aus einem Baume, an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein
-feiner, feiner Rauch, der süßer als Flieder duftete. Er legte sich um
-die wandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die Falten eines
-weiten, duftenden Mantels. Sie sah keinen Schritt vor sich und keinen
-Schritt hinter sich. Und als sie merkte, daß der Mantel der Mutter
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie ein zages Mädchen.
-Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem Schritt: &bdquo;Ich möchte
-doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch die Blumen noch
-sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, sei
-gut zu mir. Ich sehe, du bist gut zu mir, wie ich zu dir bin.&ldquo; Ihre Lippen
-blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie sich auf. Verschwand
-in dem feinen Nebel, der über die Birken zog.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/071.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein
-schwarzer Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der
-Stadt her. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe
-stand, schäumte meilenweit vor ihm das graue tobende Wasser und kein
-Weg und kein Schloß. Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm,
-ging zwischen den Birken. Ein winziges goldenes Kreuz hing an einem
-Baum; um den ging ein süßer Geruch herum. Er zog den weichen Hut,
-kniete nieder und legte die Stirn an die Rinde: &bdquo;Große Angst hast du
-uns beschert, holde Mutter Gottes; große Liebe hast du uns beschert,
-du holde Mutter Gottes.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-des Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen
-Jahren wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als
-Führer einer Freischar gegen die heidnischen Indianer fiel er damals
-mit seiner ganzen Mannschaft bei einem heimtückischen Angriff.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="DIE_SEGELFAHRT">
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Die Segelfahrt
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="tit">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Die Segelfahrt
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die
-geschmückten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten
-und gingen aneinander vorüber. Unter dem Widerschein des unermeßlichen
-Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Das
-unablässige Brausen des Meeres rollte von den Steindämmen zurück,
-schwoll wieder an, schwoll immer wieder ab.
-</p>
-
-<p>
-Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmückten
-Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade.
-Er hielt den Kopf gesenkt wie überrieselt vom Badewasser; seine vollen
-Lippen waren feucht. Die schwarzen, weißdurchzogenen Haarsträhnen
-fielen über seine Ohren. Er bog den Kopf mit dem Kalabreser nach
-rechts und links, um dem Anprall des scharfen Windes zu begegnen.
-Er streifte ab und zu mit einem freudigen Blick das graugrüne Wasser.
-Sein gelbbraunes schwammiges Gesicht zuckte, die Augen, die in grauen
-Höhlen lagen, schimmerten; er spürte den feinen Luftwirbeln nach, die
-um seinen bloßen Hals fuhren, das graue Schläfenhaar anhoben und
-gegen seine Wange mit feinen Stiletten anschwirrten. Er fror leise;
-blickte an seinem weißen Vorhemd entlang, über das weißer Sonnenschein
-floß, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, daß sein
-Blick vielleicht Schatten werfe. Er seufzte, drängte sich tiefer in die
-Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Das Schüttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der
-ihn gestern von Paris an die See getragen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht
-aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen
-Glück; plötzlich seiner achtundvierzig Jahre gedenk. In Paris hatte er
-vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Säle, die
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-bestialischen Tänze ertragen: dann warf ihn eine schwere Lungenentzündung
-hin; er lag aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er am Sonntag
-das Haus verließ mit schwachen Knien, schlug er den Kragen seines
-Loden-Capes hoch, bestieg eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen Tag
-schlich er gebeugt durch das tote Brügge. Dann raffte er sich auf, jagte
-in der Julihitze nach Ostende.
-</p>
-
-<p>
-Er hob den Blick vom dünnen Sande, der unter seinen Füßen wegzog.
-</p>
-
-<p>
-Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter
-<a id="corr-16"></a>breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht
-jungen Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig.
-Er hörte noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem
-Augenblick hörte der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach
-mit einer alten Dame, die sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in
-den Nacken; eben als er über ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer
-Überwurf auf dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weiße Hut wippte
-über der Menschenmenge, verschwand um eine Ecke.
-</p>
-
-<p>
-Copetta schlenderte in ein Café, löffelte eine Schokolade. Das Meer
-rollte unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der Sandkörnchen;
-der Wind warf mit dünnen Stiletten.
-</p>
-
-<p>
-Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer
-in einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech
-wehte die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus
-Schritt um Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick
-wieder vor ihm zurück. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht
-war schmal, die Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen
-unter den dünnen roten Brauen blickten bestimmt und nüchtern, über
-der Nasenwurzel hatte sie Sommersprossen, von den Augenwinkeln
-zogen sich Fältchen. Ihr Gang schwebte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen,
-schlenderte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte
-in die Hand nahm, fiel ihm ein, daß er heute dreimal eine Frau
-gesehen hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal
-eine Frau, schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick.
-Still schob er seinen Hut zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vorsichhinstarren
-zog er seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in
-die Villa, in der er sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mädchen
-ab. Als er wieder die Meerluft an seinem Hals fühlte, fragte er sich,
-wozu das eigentlich gewesen war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür
-hinter sich zu, warf sich im finstern Zimmer auf einen Schreibsessel,
-zerriß die Bilder seiner Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten
-Trauring ab, hing ihn über die Schere, hielt den Ring
-über die brennende Kerze. Die Steine verkohlten; die Schere wurde
-heiß; er ließ sie fallen. Wühlte mit beiden Armen in zwei großen
-Eimern mit Meersand, die er sich auf sein Zimmer hatte bringen lassen,
-stand ächzend auf, bestreute den Boden und Teppich blind mit Sand,
-fluchte leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht
-hatten. Schlief auf seinem Sessel ein.
-</p>
-
-<p>
-Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend,
-tief die scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloß, stand
-vor ihm das Bild der gehenden Frau, sehr schmales, verwelktes Gesicht,
-ein klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn
-bitten lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dünne Decke
-von seinen Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt
-schwerfällig, die Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen herunter,
-über die leere sonnige Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstöckiges
-Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-dunklen Korridor, klopfte leise an die Tür, an der ihr Name auf einer
-Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er riß die Tür auf.
-</p>
-
-<p>
-Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke
-nach der Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berührten
-mit feinen Zehen eben den Boden, ein sehr schmächtiger, strenger Körper
-richtete sich auf in einfachem <a id="corr-17"></a>bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales
-Gesicht unter dem aufgelösten Haar.
-</p>
-
-<p>
-Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tür stehen. Sie
-lächelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen.
-Totenblaß, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden
-auf. Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine nüchterne
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer
-Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen
-hatte er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen
-in der Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift,
-schrieb auf dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh
-kommen; sie machte unter ihren Namensbuchstaben L noch einen wunderlichen
-Schnörkel, den sie fast eine Minute malte.
-</p>
-
-<p>
-Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide
-entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden
-Strand herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand
-als sie sich nach ihm umwandte, daß es in seinen Mienen leidenschaftlich
-zuckte. Ganz weißes Leinen trug er; er ging mit bloßem Kopf; die
-linke Hand trug er im Gelenk verbunden; er sagte, er hätte sich gestern
-Abend beim Fall über Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck
-stieß er ein kleines Ruderboot in das Wasser, hob die Aufschreiende auf
-den Sitz, sprang nach, ruderte gemächlich auf ein Segelboot zu, das vor
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-der Holzbrücke am Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler;
-Copetta zog schon den Anker; ihre bloßen Arme hielten sich an der Steuerbank
-fest, leise klangen die hölzernen Mastringe an, nach einem Zug
-blähte sich das Großsegel; das Boot ging in See.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/079.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinein.
-Über die scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der sich von
-Augenblick zu Augenblick verstärkte und höher rückte. An dem starken
-Morgenwinde flogen sie gleichmäßig hin. Nun hockte der Brasilianer
-neben dem Großbaum auf den Planken, legte die Takelung fest. Wild
-lachend richtete er sich auf, schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein
-Lasso um seinen Kopf und warf es gegen sie; sie schüttelte sich umschnürt,
-löste sich mit einem Ruck, schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften
-Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden
-an sich, sich über Bord gebückt, überschüttete ihr kaltes Gesicht
-mit Meerwasser, warf, einen Fuß auf der Ruderbank, bis über die Ärmel
-triefend, zwei volle Hände gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlürfend
-mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <a id="corr-18"></a>aufblasenden Wind
-ließen sie das Boot laufen, das anfing wie ein unruhiges Tier zu zittern.
-Sie jagten sich über die Planken. Johlend sprang die Schmächtige auf die
-Ruderbank und schlug mit den Fäusten gegen die Takelung. Sie riß sich
-ihre dünne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund
-mit den dünnen Lippen öffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen.
-</p>
-
-<p>
-Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bordrand;
-erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener
-Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Knie legte
-und ihn neugierig betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre
-aufstrebenden Schultern ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und
-her. Die Wellen krochen über Bord, sie schlüpften wie kleine Hunde
-sacht an ihnen herunter auf die Planken. Der Wind nahm an Stärke
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-zu. Das Boot legte sich stark über, das Kleid des Großsegels fing an
-zu flattern, sie schossen in den Wind.
-</p>
-
-<p>
-Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr
-triefendes Haar weg, das alte Mädchen suchte mit zurückgebogenem
-Kopf nach seinem Munde, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust
-hin. Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer
-ein feierliches, glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte
-steuerlos, Welle auf Welle rollten an. Copetta saß auf dem Bootsrand.
-Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme auf,
-legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das
-Polster glitt zurück. Sie hörte, wie er etwas murmelte; sie sah noch
-den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen
-Schmerz in ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend
-Hilfe, lange Rufe stieß sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden
-Boot liegen. An Land erwartete man sie. Man wußte alles; Copetta
-hatte ein Telegramm an die Behörde geschickt.
-</p>
-
-<p>
-Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa.
-Dann sagte man ihr, daß sie sich mehrmals mittags im Speisezimmer
-auf die Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Händen
-in die Luft tastete. Daß das Hausmädchen von außen beobachtet hätte,
-wie sie am hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich
-um sich drehte. Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte,
-packte sie mit dem Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid
-an, verließ ihre Mutter, fuhr nach Paris.
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug
-ihr rotes Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie
-kam tagelang nicht nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war
-ihr eine Lust, sich jedem Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen.
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Sie machte sich mit gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute
-jeglicher Krankheit, die auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit
-Gähnen und Inbrunst weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in
-schwarzen Seidenkleidern in die strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war
-voller geworden; die kleinen Augen glänzten unter dem Atropin. Die
-jungen Männer nannten sie die Hyäne. Sie trug in die Ballsäle eine
-sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz war ersichtlich aus einer eigentümlichen
-Ungeschicklichkeit der Tänzerin entstanden, die sich schon bei
-ihren ersten Schritten auf dem Parkett zeigte. Sie stieß jede berührende
-Hand zurück, wiegte sich in den Hüften vor ihrem Partner nach rechts
-und links, nur langsam wie ein Schiffer von einem Bein taumelnd auf
-das andere. Dann umging sie mit plumpen Füßen ihren Partner und
-jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte gefaßt, aber er sprang
-vor ihren aufgehobenen Armen zurück, sie suchte ihn, sank über ihn hin
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ sich von ihrem Partner halb
-tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden schleiften und sie die
-Augen schloß.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/083.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote
-zu einem riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange
-den mächtigen Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie
-warf die Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono
-über die Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit
-dem stark parfümierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine
-Uniformmütze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine
-Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches
-Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: &bdquo;Herrn Copetta,
-Ostende, Hotel Estrada. Erwarten Sie mich morgen mittag. Bitte
-Drahtantwort.&ldquo; Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die
-Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden
-schickte sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber Bastseide
-an, fuhr auf die Bahn.
-</p>
-
-<p>
-Der Zug rannte lange Stunden der Nacht, rannte über Brüssel, Gent,
-Brügge, schließlich Ostende frühmorgens. Sie rasselte durch die engen
-bekannten Straßen der Stadt. Mit einmal leuchtete zwischen den Häusern
-das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand aufgerichtet in der
-rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem Hagel von
-Stiletten überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh
-und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrünen
-Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hörte halb,
-daß ihre Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben
-sei. Ihr Gesicht war still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte,
-warum sie hier sitze und so lache, antwortete sie: &bdquo;Doch vor Glück, liebe
-Frau, wovor denn als vor Glück. Was erzählen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte,
-ihren weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag
-in dem blinzelnden Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermeßlichen
-Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Unablässig
-brüllte das Meer, warf sich gegen die Steindämme und legte
-sich platt hin. Sie drängte sich gewandt durch die geschmückte Menge,
-schlüpfte in das Vestibül des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm;
-er erzählte, der Herr sei vor einem Jahr etwa verunglückt auf einer
-Segelpartie. Sie faßte sich an die Brust: &bdquo;Auf diesem Meer?&ldquo; Und
-dann drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, warf ein paar Zeilen
-auf ein Blatt Papier mit ihrer Adresse, flüsterte ihm ins Ohr, er möchte
-doch dies Blatt an sich nehmen; wenn der verunglückte Herr heute Abend
-käme, möchte er es ihm sofort geben. Sie ging an dem Verblüfften
-lächelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr
-folgte, an, hörte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade
-trinkend, mit strahlendem Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts.
-</p>
-
-<p>
-Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem
-ungeheuren Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte
-schon ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut
-gesetzt. Sie lief auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange
-Strandpromenade herunter, die im blendendweißen Mondlicht lag. Dann
-lief sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der
-Sturm abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel,
-tanzte ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor, machte ihm lange
-Nasen. Sie lugte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde.
-Um zwölf Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie
-entsetzt zusammen; es war schon ganz hell. &bdquo;Er ist voraus.&ldquo; Sie huschte
-die Tür hinaus, warf draußen johlend die Arme in die Luft, rief ihren
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Namen, tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe herunter.
-Sie suchte die Abfahrtstelle, lief zu den Badehäusern. Da lagen kleine
-und große Ruderboote. Keine frischen Männerschritte im Sand! Sie
-zog die Schuhe und Strümpfe aus, warf ihren Hut an den Strand,
-schürzte ihren Rock, zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie
-ein, zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung zurückgeworfen,
-dann fuhr sie sicher aus.
-</p>
-
-<p>
-Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen
-fielen; weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen gebogenen
-Wellenwände kroch ihr Boot, stürzte metertief, kroch unverdrossen weiter,
-Sie suchte nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie auf den
-Knien kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend über
-das brodelnde Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen über
-den Bord; wie der Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der
-Atemlosen, die sich die Augen wischte.
-</p>
-
-<p>
-Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein wütendes
-Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die Brust,
-als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot.
-Der Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf
-die Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen
-Anzug trug er prall auf dem Körper. Die weißgrauen Haare waren
-dick inkrustiert mit Salz; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über
-sein triefendes gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner, weißer
-Sand und Muscheln rieselten von seinen breiten Schultern, floß aus
-seinen Ärmeln. Er blies laut die Luft von sich, dann atmete er stiller.
-Langsam hob er den rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend
-von dem Boden erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie
-fragend an, ihr volles frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren,
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-ihre kleinen lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt
-und süchtig strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie stürzten unter
-peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hörte ihr eigenes
-<a id="corr-20"></a>entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes.
-Er senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen
-die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie sah, wie er langsam den Kopf
-ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich gerichtet,
-sprang ihm nach.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/087.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd
-und drückte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie zusammen
-die nassen Wellen berührten, wurde sein Gesicht jung; ihr
-Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen nicht voneinander;
-ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an.
-</p>
-
-<p>
-Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeßliche graugrüne
-Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen
-an die jagenden Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über
-sie. Sie wirbelten hinunter in das tobende Meer.
-</p>
-
-<div class="backmatter chapter">
-<p>
-Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als
-zehnter Band der Reihe &bdquo;Das Prisma&ldquo; im
-Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin.
-Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der
-Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin.
-Hundert numerierte Exemplare wurden
-auf Bütten gedruckt, mit der Hand in
-Leder gebunden und vom Autor signiert.
-Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser
-Ausgabe wurden vom Künstler signiert.
-</p>
-
-<p class="number">
-Dieses Exemplar trägt die Nummer
-<br /><span class="centerpic"><img src="images/number.jpg" alt="60." /></span>
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="centerpic"><img src="images/sign.jpg" alt="Alfred Döblin" /></span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p class="pno_statement">
-Die Seitennummern der ganzseitigen Abbildungen und ihrer leeren
-Rückseiten wurden entfernt.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... Spinnweben abzublasen, die von der <span class="underline">alten</span> Bibliothek durch die Luft ...<br />
-... Spinnweben abzublasen, die von der <a href="#corr-2"><span class="underline">Alten</span></a> Bibliothek durch die Luft ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Radfahrer derart ängstlich, daß <span class="underline">er</span> ihn anbläkte. ...<br />
-... Radfahrer derart ängstlich, daß <a href="#corr-3"><span class="underline">der</span></a> ihn anbläkte. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <span class="underline">krummen</span> Rücken. Die ...<br />
-... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <a href="#corr-5"><span class="underline">krummem</span></a> Rücken. Die ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Am Montag zwängte er sich in <span class="underline">feinen</span> Omnibus, rollte zum Wedding ...<br />
-... Am Montag zwängte er sich in <a href="#corr-6"><span class="underline">seinen</span></a> Omnibus, rollte zum Wedding ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... schönen Fräulein erkundigen, das <span class="underline">sie</span> vor ein paar Wochen besucht haben, ...<br />
-... schönen Fräulein erkundigen, das <a href="#corr-9"><span class="underline">Sie</span></a> vor ein paar Wochen besucht haben, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <span class="underline">besondern</span> Frauen ...<br />
-... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <a href="#corr-10"><span class="underline">besonders</span></a> Frauen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Lumpen. Kommen <span class="underline">sie</span> doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.&ldquo; Valentin ...<br />
-... Lumpen. Kommen <a href="#corr-11"><span class="underline">Sie</span></a> doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.&ldquo; Valentin ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <span class="underline">festlichen</span> ...<br />
-... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <a href="#corr-12"><span class="underline">festlichem</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">breitrandigen</span>, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ...<br />
-... <a href="#corr-16"><span class="underline">breitrandigem</span></a>, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... richtete sich auf in einfachem <span class="underline">bandlosen</span> Hemd, ein ernstes, schmales ...<br />
-... richtete sich auf in einfachem <a href="#corr-17"><span class="underline">bandlosem</span></a> Hemd, ein ernstes, schmales ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <span class="underline">aufblasendem</span> Wind ...<br />
-... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <a href="#corr-18"><span class="underline">aufblasenden</span></a> Wind ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">entsetzten</span> Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. ...<br />
-... <a href="#corr-20"><span class="underline">entsetztes</span></a> Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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