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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 07:05:34 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Blaubart und Miß Ilsebill - Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus - -Author: Alfred Döblin - -Illustrator: Carl Rabus - -Release Date: September 26, 2020 [EBook #63301] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - Alfred Döblin - - - - - Blaubart und Miß Ilsebill - - - Mit Steinzeichnungen - von - Carl Rabus - - - Berlin 1923 - Hans Heinrich Tillgner Verlag - - - Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin. - - - - - Inhalt - - - Das verwerfliche Schwein - Die Nachtwandlerin - Der Ritter Blaubart - Die Segelfahrt - - - - - Das verwerfliche Schwein - - - Das verwerfliche Schwein - -Hubert Feuchtedengel, -- Neuromanist und die zweiundvierzigtausend Mark -seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet, -bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt -zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, dann -Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, bis das -goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige Monate -alt, -- bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in einem -lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich bei ihm -ein exquisiter Fimmel etabliert. - -Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen -Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend, -eierstreuend, eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier -bewegt sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter -vom Bett, steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen -braucht er nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner -gefunden wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach -Greifswald, erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als -selbstdenkender Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was -man vor Augen sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern -Blutandrang. Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der -abschließenden wissenschaftlichen Überzeugung, daß es sich bei ihm um -Sepsis, um Blutvergiftung handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos -um einen Fimmel, aber auf Sepsis beruhend. - -Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch. -Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem -rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen -steigt, die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines -Medizinalpraktikanten, Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber -her auf die Betten glotzend, dampfend vor Eifer. - -Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags ein halb -fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef wegen -Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher -Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei ihm -sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, setzt ihn -im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. »Zunge -heraus!« »Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!« »Augen zu!« -»Romberg negativ.« Zieht die schweren braunen Vorhänge zu, steckt hinter -Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine Augen. Nichts -zu finden. »Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!« - -Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen -bauchumspannenden Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor -die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt -demütig an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei -Tage ist er Luft für seinen Herrn. - -Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden -Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft -die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel -kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er, -entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte -Sepsis; man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick -hat seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke, -trägt die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er -den Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in -Stinkwut über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut -ihm den steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer, -schimpft vor sich. Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe -genug von der Sache. Beißt auf seine Zigarre: »Du Schwein. Du -verwerfliches Schwein. Du bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt -aber, jetzt sollst du was sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du -deine Sepsis und wirst behandelt. Verstehst du, Kerl?« - -Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er -ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. »Kerl,« flucht -Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, »Kerl, Kerl, dich werden -wir kriegen.« Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer -um. - -Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der -Assistenzarzt den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die -Ärmel auf. Der Dicke unsicher: »Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen -wir die Schwester wecken?« - -»Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.« Strick -raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank. - -»Kriegst eins reingefuhrwerkt,« giftet er seinen Schüler an, »daß du -platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du -denn?« - -»Fünf Gramm,« lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd seine -geschwollenen Armvenen. - -»Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst ins -Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht 's -Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.« - -Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in den -mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei der -wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus -himmelnden Äuglein zu seinem Chef: »Fünfundzwanzig Gramm. Ich vertrag -es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.« - -Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel -hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den Hut -fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche. - -Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der qualmende -Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf dem -Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt, -triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich nichts -merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. »Das schöne Bild«, -schwabbelt er schämig, »in der Klosterküche. _The monastery kitchen_, -_cuisine de monastère_. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.« - -Von oben faucht Werner: »Schwein, wieviel willste haben?« - -»Fünfundzwanzig,« stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd -den Arm des andern zu berühren. - -Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze -sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich. - -Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt, -schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust, -windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang, -reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier, -das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: »Mehr, mehr, -Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.« Seine Füße treten mit den -Spitzen den Boden. - -»Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg, -Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl, -vierundzwanzig. Da wären wir.« - -Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln -hinter ihm beginnt. - -Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen, -Hinklatschen, Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille. - -Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch -geschwollene, baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt, -die Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten -aufragend zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast. - -»Der Lump!« triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel -mit der nassen Handfläche, »fünfundzwanzig Gramm! Hab' ich gesagt! -Dreißig! Warum nicht vierzig! -- Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.« Stampft -näher: »Häh, die Zunge! Streck' die Zunge raus, Kerl!« - -Der bewegt sich nicht. - -Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: »Die Zunge raus. -Biste tot, dann biste tot.« Zieht sich den Paletot aus. Der Körper -bewegt die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht. -Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel -aus, schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den -Hinterkopf des Körpers quer durch den Raum. - -Das Stuhlbein bleibt stehen. - -Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft -immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er Schüssel -samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte Masse: »Da -hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man buddelt dich -gleich ein.« - -Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd auf -sein Zimmer. - -Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer -und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick -schnarcht im Halbschlaf: »Herein,« legt sich zurück. - -Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich -graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende, -wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine -andere. - -Stehen auf dem Bettvorleger, stumm. - -»Werner,« murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse. - -»Herein,« schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes, -Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe. - -»Wer ist denn das?« - -»Werner,« murmelt der vordere, »ich bin in den Fluß gefallen von der -Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich -dich rief.« - -»Was bist du, Mensch?« - -»Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe -immer gerufen.« - -»Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?« - -»Ich hab' ihn nicht.« - -Strick ringt verzweifelt die Hände: »Na siehste! Bist du nicht -versoffen, du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht, -was soll ich mit dir machen?« Überwältigt schreit er: »Raus, raus, -septisches Vieh. Ich schlafe.« - -»Werner, du sollst mir den Arm verbinden.« - -»Wer ist denn das hinter dir?« - -Traurig flüstert der Schwabe: »Das ist der Teufel!« - -Entsetzt hält sich Strick den Kopf: »Was soll ich denn mit dem noch -machen! Mitten in der Nacht!« - -»Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war. Du -sollst mir den Arm verbinden.« - -»Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse?« - -Hartnäckig flüstert Hubert -- der Teufel stemmt ihn rückwärts --: »Du -sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen.« - -Strick wühlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strümpfe und Hosen -über, seufzt: »Komm.« - -Verbindet ihn unten; kopfschüttelnd sieht er die beiden abziehen, droht -hinter ihnen. - -Bevor er zur Visite geht, am nächsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel -mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage. - -»Wo kommst du her; du bist doch längst tot.« - -»Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht.« - -Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine -Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig. - -»Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hältst du dich bei Tag auf, -Mensch?« - -»Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hängt er mich an einen Baum. -Davon bin ich so rasch trocken geworden.« - -»Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter?« - -»Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt, es -ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Fluß geschmissen. Das -gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken.« - -Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlägt sich mit der -Reitpeitsche gegen die blanken Stiefelschäfte: »Jetzt rede ich gar nicht -mit dir Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie -mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die ganze -Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der Bildfläche?« - -»Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir haben -kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns. Ich -kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie müssen alle erst getrocknet -werden.« - -»Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was mit ihm -los ist?« - -»Ja, er will immer, Herr.« - -»Herr Doktor heiße ich. Aber wenn er will, was ist dann?« - -»Er läßt mir keine Ruhe, er hält soviel von Sie, Sie hätten seinen -Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach Sie, von -wegen dem Arm, jault und jault.« - -»Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt?« - -»Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch den -janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor.« - -»Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit ihm. -Vergraben Sie ihn, schmeißen Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie denn, ich -habe meine Zeit gestohlen.« - -»Ich will's ihm noch mal sagen; er ist so tücksch, so störrisch, er läßt -nicht ab.« - -»Ich will; ich will. Das hätten Sie schon gestern tun sollen. Was sollen -die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebügelten Subjekt -umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir behandeln -lassen bei dem Gestank.« - -»Sag' ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschäft. Ist mir peinlich, -Herr. -- Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande -wu? Vorwärts, hüh!« - -Schüttelt den Feuchtedengel am Hals, daß dem in seinem pendelnden -Schädel die Kiefern klappen. - -»Mein Arm, mein Arm.« - -»Hier gibt's nüscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf.« -Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen. - -Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tür: -»Raus, sofort raus samt dem Deibel!« - -Der beeilt sich, daß sie nur so davonpoltern. - -Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben. -Vierfüßiges Getrapp auf der Treppe fängt an, an die Tür klopft es, -einmal, zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter, -stoßen mit den Füßen. Einer flüstert: »Er ist nicht zu Hause.« Der -andere wimmert: »Doch, er schläft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht -mehr.« - -Die Tür wackelt von den Tritten, ein Likörglas fällt vom Vertikow. Einer -winselt: »Sehen Sie, der trinkt Likör.« Vorsichtig wird die Tür -geöffnet. Strick liegt über dem Papier, tut als ob er schläft. Der -Teufel läßt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestürzt, -muß auf allen Vieren kriechen, die Brust hängt dicht über dem Boden, -seine Arme baumeln, schleifen nach, die Handrücken wischen den Teppich; -der Kopf geht hoch, um etwas zu sehen, schlägt mit der Stirn wieder auf. - -Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins -Blut gestiegen. - -Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit -funkelnden Augen: »Nu hab' ich's dick.« - -Der Teufel läßt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt sich -die Fäuste in die Weichen: »Fangen Se ooch noch an mit mir?« - -»Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren. Sie -haben --« - -»Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er läßt das Jaulen nicht -sein und er läßt es nicht sein, es ist nicht anzuhören. Dann verbinden -Sie ihn eben, und die Sache ist fertig.« - -Strick rast im Zimmer: »Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault ja, -wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern.« - -»Dafür kann ich nichts. Dafür bin ich nicht da. Dann gehen wir zu einem -andern Doktor.« - -Unten wühlt der mit dem Kopf: »Ich will nicht; ich geh zu keinem anderen -Doktor.« - -Strick brüllt: »Raus, raus mit euch Gesellschaft.« - -Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem -Kinn, zerrt ihn in die Höhe. Der Teufel fällt ihm in den Arm: »Sie haben -mir den Mann nicht anzurühren. Ich laß Ihnen den hier liegen und hol ihn -nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir kujonieren.« - -Trottet zur Tür. - -»Was soll ich mit dem Kerl hier?« - -»Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will überhaupt -nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der -hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden.« - -Greift nach der Türklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke. - -»Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann -ich doch mit ihm nicht machen.« - -»Lieber Herr, ick jeh was essen.« - -»Sie sind faul. Faul sind Sie.« - -»Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen.« - -»Ich bin nicht Ihr Herr.« - -»Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine -Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene. Sie -haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren.« - -»Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen.« - -Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: »Benehmen? Det laß ich mir -nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det wär jelacht. -Feuchtedengel, hilfste mit?« - -»Ich kann nicht. Er soll mich verbinden.« - -»Nun komm mal. Den kriegen wir.« - -Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblättern mit -der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein Schild, -fängt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlägt ohne Waffen -drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel gegen -die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen, am Hals -vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant plärrt: »Du -willst mein Beschützer sein?« »Sei nicht feige,« keucht der hinter ihm, -»wir kriegen ihn schon.« - -»Ich will ja nicht.« - -»Wir kriegen ihn schon.« - -Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Stoß gegen die -Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los -ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schläfe, daß ihm Nacht vor -den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und er im -Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel über sich zu ziehen. - -Strick steht lachend über den beiden. Er ist atemlos, öffnet alle -Fenster, gießt sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat, -fragt er höhnisch herüber: »Es wird Frühling im Januar. Na, wie weit -sind wir?« - -Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Körper schwankt, -schaukelt. Mühsam steht der Teufel hinter seinem Schild, stöhnt: »Wir -- -wir -- wir sind so weit, meine Herren.« - -Vom Sofa lacht es. - -Der Teufel prustet: »Wir sind so weit, meine Herren.« - -Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr: »Ick -boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann mache.« - -»Mit wem?« winselt der mißtrauisch. - -»Paß mal auf,« zischt der andere verlogen. - -Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der -Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke. - -Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe. - -Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt weit -fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust und Hals, -zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt seitlich auf -die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu hockt der Teufel -über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen Schläfe und -Augen. - -Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen -Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn, -wie er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz -ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden -kann. - -Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: »Nun bist du fertig.« Sich -selber streichelt er: »Ei, ei, das ist schön.« - -Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher an, -setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak. - -Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber. - -»Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch mal -Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.« - -Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab, -links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt -er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. »Ei, Widuwio, wie siehste nu -aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann bist du -der Herr Baron.« Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen die -gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf. Sagt -nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: »Wir gehen etwas aus. Wir -haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.« - -Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: »Was soll aus mir -werden?« - -Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab. - -Die beiden liegen allein. - -Ruft der Dicke nach einer Zeit: »Strick.« Der dreht den Kopf, glotzt -seinen Nachbar an. - -»Strick, was machst du?« - -Kläglich stottert der: »Nun bin ich auch tot.« Weint: »Meine Stiefel -haben sie mir ausgezogen.« - -Es schlägt fünf. Jammert Strick: »Wie lange sollen wir hier noch -liegen.« - -»Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den -Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns läßt er -liegen, als wenn's nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen: es -ist fünf.« - -Da hebt der Doktor den Arm: »Schon fünf und noch keine Visite. Einer muß -gehen, du oder ich.« - -»Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich schon -die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem Krankenhaus -denken, wenn ich Visite mache.« - -»Zeig' mal,« sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. »Pfui, siehst du aus. -Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.« - -Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf -der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: »Sind Sie -schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.« - -Eine andere weint: »Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie sind. -Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.« Die Dritte blickt mitleidig auf -seine Füße: »Sie gehen schon auf Strümpfen.« - -Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für die -verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum -Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft -haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung -macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel -zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg -kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. »Gehen -Sie rasch, Herr Doktor,« sagt er, »dann reicht's zwei Stunden. Lassen -Sie die Kränze hier, ich leg' sie Ihnen oben rauf.« Strick hetzt durch -die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei -silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt -er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut -sich: »Jetzt wird man mich ehrlich begraben.« Liegt im Schnee, im -Finstern. - -Der Teufel späht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen, -klopft ihm freundlich den Schnee ab: »Man soll's nicht übertreiben, -lieber Junge. Nun wird dir gleich wohler.« Er führt ihn am Kragen. -Strick, vergrämt über sein Pech, gerät in Zorn, weil der ihn duzt, -verbittet sich das, macht sich schwer. Der andere näselt vornehm, daß er -jetzt den feinen Mantel anhabe und die Mütze und die blanken -Reitstiefel, und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten. -Strick verlangt die Peitschen zurück, flucht, bis der andere ihn am Wege -zur Parkstraße über die Bordschwelle hinwirft, schwörend, er werde noch -den dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe -versalzen. Als die beiden an seinen Armen wackeln, bläkt und schimpft -der Teufel, wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer -anderen Leuten das Leben schwer mache; was seien sie beide für -Lumpenbagage: der eine ohne Hut und im ungebügelten Paletot, daß man -sich schämen müsse vor die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im -Portierpelz mit Mottenfraß und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne -Pferd und kann nicht mal hopp hopp machen. - -Er hängt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich's gehört, an -den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene -Kochtöpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist Strick ganz Gift -geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen des Wegs zieht: -»Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm und will mich -verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich muß mich beeilen.« - -Strick wiehert lachend: »Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen wäre, -hättest du nicht mal mich gekriegt.« - -»Was,« faucht der andere, »Hund sagt der zu mir? Und das wollen -Kavaliere sein? Ich hab' genug.« - -»Ich auch,« höhnt Strick. - -»Mein Arm,« winselt Feuchtedengel, aufwachend, »wer soll mich -verbinden?« - -»Ich hab' genug,« brüllt der Teufel, läßt sie fallen, dreht sich um sich -selbst, »haltet die Schnauzen!« - -Stößt, auf der Allee stehend, mit den Füßen rückwärts, scharrt wie ein -Pferd. - -»Was macht er nur,« denken die beiden im Schneehaufen. - -Er bläst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird groß -wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine -Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine -Stiele in der Kugel. Bückt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn -anspucken will, läßt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach -dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals stürzt Strick kopfüber -abwärts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln reißt -der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet sich, -wirft Falten, steht prall. Der Teufel bläst die Backen auf. Die Kugel -dampft, glüht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen -heraus, stehen über ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht -sich schnurrend zusammen, schüttelt sich. Asche, weiße Knöchelchen -fallen von ihm ab. - -Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: »Ei, liebes -Bäuchlein.« Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein -spazieren. - -Zu einem Fräulein, die ihn wegen seiner erschöpften Haltung an der -Großhafenstraße anspricht, sagt er: »Sehr gebummfidelt, höchst -schmeichelbar. Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick, -Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch -schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und jaulte -den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et war mich -zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Fräulein --« - -»Gehen wir ein paar Minuten ins Café Braune, mein Herr.« - -»Gewiß doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind sie nich -im Himmel und nich in der Hölle. Nu sind sie einfach tot.« - - - - - Die Nachtwandlerin - - - Die Nachtwandlerin - -Als es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen -Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit einer -eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages -verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf Uhr geschlossen, -und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein für einen jungen -Mann zu flanieren. - -Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen -Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft -herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor -der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten -zierlich einher in weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der -Charlottenstraße prustete ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich -die aufgestülpte Nase über dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr -Priebe wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich -besänftigt in den Hüften vor. Er huschte über den Damm. - -Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen -Schleuderns der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; -die Hosen waren zu lang. - -In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig -Herren und Damen, bereit, nach Belieben als Schürzenjäger oder -Männerfreund zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die -gutmütige Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen -Sprenkeln in der Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe -mit dem Kopf häufig nach links, als wollte er über die Schulter nach -hinten sehen. - -In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße -entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, -schlüpften zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn -etwas am Arm in der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: »Na, Schatz?« -Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen, -Moschuswolke, Veilchenbukett an der Brust. Blutübergossen wandte Herr -Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen -Radfahrer derart ängstlich, daß der ihn anbläkte. - -Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er -vor das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm -her ein graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Dessous -schlenkernd über durchbrochenen hellblauen Strümpfen, plauderte mit -einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber. Herrn Priebe stand -das Herz still. - -Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und -ab die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer -Droschke. Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der -lauen Abendluft lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah -er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der -Wohnung unter der Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein -kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem Rücken. Die -kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin das -rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine Banane -vom Tisch. - -Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf. -Er ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die -schwarzen rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub -bedeckt, unter dem Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht blitzten. -Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhörlich herunter; starke Kräne -knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr -Priebe ging in einem glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen -Hof; seine grauen Hosen waren abgestoßen. Er warf verschlafene Blicke -über die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses -hinauf. Niedrige, weite Kontorräume, Holzladen an den Fenstern. Hinter -den Pulten Männer; an der Wand junge Mädchen in schwarzen Schürzen; sie -spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm. - -Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut -auf und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen -sich an, sagten laut zueinander: »Herr Priebe sieht eigentlich recht -verlebt aus.« Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter -hörbarem Gähnen zu seinem Nachbarn: »Das Großstadtleben bekommt einem -auf die Dauer nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.« -Aß zum Frühstück einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaßten -Zwicker auf, schrie ein engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er -den Durchschlag zerrissen vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf, -maulte, plärrte laut los, die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet -verlängerte der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum. - -In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie -gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr -leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem, -rauhem Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte -nochmals. Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen sich -lächelnd an. - -Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den -Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie -versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und -flüsterte eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von -ihr abwandte, pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem -Pult, um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches -»Ja, ja« zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein -gut ausgefülltes Gesicht in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit -Bindfäden verschnürt von den Ohren her. - -Antonie Kowalski war ein rundes, ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug große -unechte Ringe in beiden Ohren, an den feisten Armen breite metallene -Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte -beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau, -eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis saß, eine Liebschaft -mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann -nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam und die einjährige -Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in -die Brunnenstraße, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein -jähzorniges, leidenschaftliches und zärtliches Tierchen auf; nur daß sie -in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich -verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die -Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals spätabends mit dem Zigeuner -in der Küche, als ihr der branntweinduftende Geselle um den Leib griff. -Sie war, Hilfe zu schreien, an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine -und Flügel weit aufgerissen, so daß plötzlich das prallweiße Mondlicht -hart über Diele und Tisch fiel. Sie fuhr einen Augenblick geblendet -zurück. Der rasende Mann warf sie schon auf den weiß bestrahlten Boden, -riß ihr keuchend die Röcke ab, und so wurde sie seine Geliebte. Jetzt -lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der Mond vor ihr -Fenster trat. Oft saß sie abends am Fenster, hatte die Augen offen; die -Mutter mußte sie schütteln und laut anrufen, ehe sie den Blick herdrehte -und aufstand. - -Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der -Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe und -warum er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. »Hier sind zwei -Billetts für das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder -drin im Saal.« Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief -über den Kohlenhof. - -Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder -an seinem Pulte saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel lief -ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: -»Was nun?« Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die -Straße und ging statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die -Liebenwalder Straße, Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum -grünumsäumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und -zurück. Vom Kontor machte er sich abends im schäbigen Gehrock auf den -Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mädchen hinter ihm -kicherte, fuhr er nach Hause, parfümierte sich im Tennisanzug. Mit -Tränen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der -kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so stöhne, wie ein Bär -stöhne. - -Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war nicht -an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die Stimme -des Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen -Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade -am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin das -Fräulein im Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf ihn zu, -stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. »Da wären wir also, -kleine Krabbe,« sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen mit -Kennerblicken. - -Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die -schwarzen Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn -gekämmt. Der große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken -gesunken, so daß das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite -Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und -feucht. Schweigend standen sie sich gegenüber, dann legte sie ihren -bloßen prallen Arm in seinen und zog ihn mit ehrfürchtigen, zärtlichen -Blicken zum Saal hinaus in den lampionbeschienenen Garten. - -Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die -Karussels dudelten. Herr Valentin hob keck den Samthut zurück, zündete -eine Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen. -Mit überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte -seinen rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier -vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte -begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich -mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer -Pause neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange, faßte -sie ihn zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch seinen -Körper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: »Ach Gott!« Der -Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: »Fräulein, -ich habe heute mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben -gewesen sein.« Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte -verschämt: »Sie müssen was dagegen tun, Herr Priebe.« Er rutschte nach -einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand leichenblaß da. -Sie kam nach. - -In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: »Was soll daraus -werden? Was ist denn, was ist denn?« Der Vater schrie aus der -Nebenstube: »Immerfort kracht dein Bett. Wer soll dabei schlafen?« -Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer -Verkaufsbude schön gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er -vor einem laden in der Chausseestraße, betrat als erster Käufer das -Geschäft, erstand für achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück -eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und -einen Kranz hielten. - -In der kühlen Fasanen-Allee traf er sich abends mit der kleinen Polin. -Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Riß das Papier ab, -sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb sie vor -der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf -die Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er -streichelte ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter -dem weißen Federhut zurück und hielt es für angebracht, ihr unter -schlüpfrigen Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine -Hand weg, nahm seinen Kopf, küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen -sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, während er sie oft losließ, an -einem Baum lehnte und mit einem Gelächter losplatzte, das sie stutzig -machte; schließlich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase -aber warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, -zum schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schönere versprach. -Am Gitter des nebligen Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem -Gesicht: »Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an?« - -Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von -einer exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark -strapaziere; von einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr -geschenkt habe, und den sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne -deswegen auch nur mit der Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends -von den Kollegen genötigt, mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er -meinte zuerst, das sei lächerlich für sie, denn das Geld ginge dabei nur -so hin. Dann fuhr man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in -gehobener Laune, freudig über sich erstaunt, lud sie immer zu neuen -Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer -jämmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren -von Café zur Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten sie im Café Minerva, -um halb vier torkelten sie untergefaßt in das Café Greif, -Elsässerstraße. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu -Valentin, er sähe aus wie der keusche Joseph; er sank über den Schoß -einer alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand, -sie wäre so zärtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten -ihm das Weib auf, packten beide in eine Droschke, tobten hinter dem -langsamen Fuhrwerk mit Schirmen und Hüten her. - -Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor. Sein -Gesicht hatte in manchen Minuten etwas wie Versteinerung. Er war -erschüttert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen -war, wütete gegen die Kollegen, hätte sie um Gnade bitten mögen. Abends -blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel und -kläglich. Antonien übersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem -Kohlenhof »Adieu« sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreußen pflegen -sollte, meinte er nur: »Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Fräulein, -- -dann, dann reisen Sie nur.« Er ließ sich gehen, bürstete sich nicht ab, -lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren. - -Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin -seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten -Flanierzügen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte -eine gelle, herrische, aufgeregte Stimme; seine Augen blutunterlaufen, -wie bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der -Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche Bewegung entstand in -ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlaßte, alle -Augenblicke »gluck, gluck« zu machen, dabei den Kopf nach vorn wie eine -Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem -Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat mit -fleischigen Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe, -schnüffelte, während er in seinem Notizbuch kritzelte: »Müssen sich mal -bei dem schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht -haben, hähä; die wird's wissen.« Er hörte schon nichts mehr. Er sprang -mit inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er -prustete auf der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich -überkommenden Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke -Spandauerstraße; ob etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles -wieder gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich -um und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und -dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen -Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an -einer Dame vorüberging. »In dieser Gesellschaft wären wir also zu Hause. -Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur Sohle.« Er -hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden der Roués, der -Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man kann damit -spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lächelte in tief befriedigter -Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: »Wir haben -unsere Bewegungsfreiheit wieder.« - -Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der -Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung -degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie -latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage, warum er -so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin -mancherlei Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie -belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine -Zigarette angezündet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, -gab er brockenweise von sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei; -man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen -gegenüber, man hört ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie -hatte tränenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes -Gesicht. Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde -sich die Sache überlegen. Dabei klopfte er den Schnee vom Rock ab, den -sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte. - -Abends im Humboldthain hatte er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so -demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie ein -getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie -ein Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von der -Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner -Schulter, bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die -hingefallen war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der -Stadt zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen, -umarmte ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald -trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein -fast glücklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung -gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte, getrieben durch die -hellen und engen Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem -Geigengesang der Cafés, auf Knien, die weicher und weicher wurden und -ihm wie Wachs wegschmolzen. - -Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal -zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da -trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie -hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf -eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran; -öffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging -vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschäft, -vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges -fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal -ihren unverständlichen Blick fassen, den sie auf die Seite drehte. - -Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr -ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte: »Gut«; -vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten. - -Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er -schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu -Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie -ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines -Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien -abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie -wollte nicht auf die Straße gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen -Menschen als die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie -besuchte, durfte er sich ihr gegenübersetzen; nur daß er sie berührte, -duldete sie nicht. Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher -Trieb kam über sie, sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im -Zimmer liebevoll um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich -nicht langweile. Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie -völlig und warm an. Sie lächelte zur Mutter: »Geh du mit aus.« Die faßte -sie bei den Ellbogen: »Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon -einen anderen.« Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. »Ich -freue mich allein viel mehr mit meinen schönen Sachen.« Und wirklich saß -sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und -strahlend; sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war -sichtbar. Sie war viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte -sie im Zimmer herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. -Sie gönnte sich feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos, -gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe -zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie -eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie -ein. - -Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der -Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin -wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete ihn -leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken. - -Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, -sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so wilder fuhren -ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre -hellen Augen: »Ich will ihn wieder lieben können. Ich kann es nicht ohne -ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.« Am Abend hatte er -einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich geöffnete Gesicht -stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: »Küß mich, küß mich!« »Nein, -ich darf nicht, ich darf nicht.« »Der Arzt geht mich nichts an, -Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig machen.« Die -bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippen fest. Und -dann biß er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand sie in -einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen. - -Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den Kopf -schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett -gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr -streicheln: »Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschäft.« -»Hast du dich mit Valentin vertragen?« - -Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder -einschliefe, sagte Antonie: »Ich denke schon.« - -Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie -mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der -Brunnenstraße und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin -davon. Sie stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends -an dunklen Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien -zuredeten. Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés -von Männern begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von -solchen Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. - -Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns -bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei völliger -Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden Mutter vorbei -über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte, vorsichtig -setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte zu -der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: »Nimmst du mich mit? Du -bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu -mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause -setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man so schön -sein wie mit mir?« - -Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster -rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos -zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief. - -Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er kam -heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten -wollten, sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. -Und immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster -würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, -stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, -so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster -zusammen. Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Küche herein: »Bist du -da, Toni?« »Willst du die Toni sehen, Mutter?« Und während die Frau mit -der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die -Puppe, tränenübergossen hin: »Das ist die Toni. Das ist meine kleine, -süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?« Sie -lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit. - -Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem -neueröffneten Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; -in ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine -Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und -kreischenden Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da -drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit zwei -Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tänzelte -graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor oft zum -allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand -malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Es war Priebe. Antonie ging -taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich, die Muffe vor -der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte Herr griff mit -feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne; im Vorübergehen -stotterte er: »Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr braucht euch vor mir -nicht zu fürchten.« - -Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin -zweistimmig Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe -sagte, den Schlager: »Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.« -Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, kam in dem -grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen -Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im -weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte -mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße Füße; an ihrer -Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines. - -Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: »Ach, wenn das der Petrus -wüßte.« - -Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges -Biergesicht, blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, ausgestreckte Beine -ohne Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, -polterte gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte -saftvoll dick und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es -klebrig, weiß; auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen. - -»Es ist einer aus dem Fenster gefallen.« Die fünf bewegungslos. Herr -Lorenz wischte sich die Lippen ab. »Wo war das?« gellte ein Fräulein; -die rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. »Ich -kann so was nicht sehen,« murmelte Herr Priebe, »mir wird ganz schlecht; -ich leg' mich schlafen.« Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. -Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die -Treppe hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: »Ich -will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht. -Umziehen, umziehen.« - -Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und -schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen -in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen -alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle -ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. »Da ist nun der -Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« Valentin riß -die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der -Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor sowas aufmachen könne. -Das Kind bockte: »Gerade machen wir die Tür auf.« - -Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau, -wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des -unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich -von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer -Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man -habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen, -natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei -Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von -Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer -Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei -aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels -anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel er -den scheckigen Lumpen, pfiff: »Wir haben uns mit solchen Sachen -aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopfe haben.« Trostlos -und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz vor der -Tür schlug. - -Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: »Sie werden die -Sachen schon überwinden,« meinte er mit schiefem Grinsen: »Wir haben -Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten -heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder zu Haus -sein.« Und er sang so schön: »Wenn das der Petrus wüßte,« daß die Wirtin -mit dem Kopf nickte: »Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.« - -Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: »Der Landaufenthalt -ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.« - -Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen -Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf -Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. -Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen -über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel -an seinen Bewegungen zu erfreuen. - -Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte -dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen -auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde abnahm -und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin riß -den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels, -schniefte gehässig: »Den Dreck werd' ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten -sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.« Der Deckel schmetterte -herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich -langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden -raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte -sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: »Zeitversäumnis! Gemeiner -Ulk!« Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele, fiel -wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte, kam -vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte -in den weißen Mondschein, glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die -Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. - -Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel, -schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine -Geschöpf grade über das finstere Geländer. - -Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen, die Jacke unter dem linken Arm, -der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: -»Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?« schlich schon die -Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen -Hausflur stolperte, flüsterte er: »Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich --- ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.« - -Nach, nach. - -Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im -Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie -wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte -seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner. - -Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie -ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf -ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort. - -Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten -grunzenden Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: »Ich -will ja ehrlich sein.« - -Höhnend kam es herauf: »Willst du das, willst du das?« - -»Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten.« - -»Noch nicht genug.« - -Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. »Was -hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.« - -Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in -den Wind. »Ich verlier' meinen Hut.« - -»Brauchst keinen Hut.« - -»Meine Jacke, meinen Kragen.« - -»Kannst nackt kommen.« - -Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: »Ich will nichts -mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz -fragen, was er dazu meint.« - -Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis -gelagert. Valentin brüllte, warf sich: »Keiner hilft, keiner hilft.« Die -Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen -und Beinen in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, -kam der schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, -starren Bäumen. - -»Hi, hi, hi!« würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: »Nimmst mich mit zu -Lorenz?« - -Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine -Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das -Wasser. - -Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. »Ich sterbe -schon, laß mich los.« Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie -sich unter das Wasser drückte: »Es fängt erst an! Verlogener Hund!« Das -Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. -»Verfaulen sollte ich dich lassen.« - -Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis. - - - - - Der Ritter Blaubart - - - Der Ritter Blaubart - -Hinter der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsäumte, -zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen Kiefern und -Strauchwerk besetzt. Kein Weg führte aus dem Durchbruch der Stadt gerade -hindurch zum Strand, der kaum zwei Stunden entfernt war; eine Kleinbahn -umfuhr die Einöde in weitem Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand -der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und Kröten hausten hier; -öfter stieß ein Häher durch die Luft, schlug ein Weichtier an. - -Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und -unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See -hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört -da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab. - -Diese Fläche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz -eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch -den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten -Bootsmanns zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber -erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, träumerisch, -eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht gebogenen Beinen -des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen, -warf ihm die schiefsitzende Mütze mit einem glatten Schlag ins Wasser, -so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das böse -Omen entsetzte. Seine Augen waren schräg gestellt, standen dicht an der -Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die -klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Mund von mädchenhafter -Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er ritt auf einem schwarzen -Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt. -Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann, den er suchte, eine mit -Andenken und allem Nachlaß des Toten, die andere mit japanischer Seide -und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in der Stadt. Dann -trabte er pfeifend und lachend, seine Mütze schwenkend, allein zurück, -unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene. - -Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag. -Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen -sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben. Beim -nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos auf der -weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und über -mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt auf -einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen -glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte Schulter -war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre, trug ihn -schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen in die Stadt -fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht; er schien -nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die -Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck -annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr in -die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos wimmerte. - -Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann, -entließ die Leute und zog in die Stadt. - -Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit -keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen -Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die einen -Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte nun -und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt auf der -Chaussee langsam zum Meer. - -Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der Stadt -ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen dann -beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten Anhöhe -um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister brauche sich -nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es solle ein -Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem festlichem Schmuck, denn -er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen. - -So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der -Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend -an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den Felsen, -der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer -ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten sie auf, -mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich -das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln der Städter. - -Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten gefüllt -waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß. Sie -erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes, -kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie -früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der -Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen -Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das -zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, -als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür -einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. -Sie lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor -ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen sie -gegangen war. - -Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. Keine -Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten einer -schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden Frau. -Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie erlegen. - -Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man lud ihn zu -Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd, -beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte versunken von -seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn schwärmend, -träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. Er fuhr eines -Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam nach einem halben -Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses, daß die -Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien. Im -Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden. - -Er kehrte zurück. Wieder führte er eine junge, fremde Frau auf sein -Schloß. Diese hat kein Städter gesehen. Eines Morgens lag sie im -schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weißen Gesicht, eine -Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses. - -Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man, wenn der -finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorüberritt. Die Kinder schrien -vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst. - -Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges, hellblondes Mädchen, sah -ihm vom Fenster nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, wenn -die Männer grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie weinte in -ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schloß und wurde seine -Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten konnten dies nicht -verhindern. - -Scharen von tobenden Menschen aber wälzten sich über den dunklen Weg -nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man die Leiche -des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses nahe dem Weg -zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schloß, nahm den Baron in -Haft. Das Gericht verfügte die Ausgrabung der beiden ersten Frauen, die -genaue chemische Untersuchung der drei Leichen auf Giftstoffe. Die -Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf freien Fuß gesetzt. Das -Volk streckte die Hände nach ihm aus, wollte ihn zerreißen, als er -zusammengesunken, den Revolver in der rechten Hand; langsam nach der -Heide hinausritt. - -Von nun an mied er die Stadt völlig. Hauste allein in der Heide. Nur -sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück. - -Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes -Horn blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann -durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt -logierte sie sich ein. - -Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schloß. -Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre. Fragte zum -dritten, wo sie ihn sehen könne. - -Bei den Rennen, morgen in Stirming. - -Frühmorgens rüstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock. Auf -dem Polster schaukelte Miß Ilsebill. - -Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten in -weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau. Es wehte -sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die Rennbahn, füllten die -Tribüne um den weiten, grünen Rasen. Lärm der Stimmen und Gefährte -brauste, ein Riesenvogel über die leere Fläche. - -Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei -sanfte Schimmel zogen den offenen blauausgeschlagenen Wagen durch den -knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine -weiße Feder wehte in den bloßen Nacken. Glitt durch die hölzerne Sperre -auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge. Ihre -tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und -Gegenstände, wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß -lächelnd da. Kaute Schokolade. - -Baron Paolo lehnte an der Stange. Er sah mit Vergnügen die weißen Pferde -antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden -Augen. Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, -ging er die vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch -die Menge, trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie ein Araber -auf. Beugte seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte. - -Calvello hieß der Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig -hinter dem Rudel. Schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke -kam. Miß Ilsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn -auf die Hand, jauchzte über die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren -dicht am Ziel: da legte sich der blauweiße Jockey dicht an das Ohr des -Pferdes, flüsterte: »Calvello, ho, Calvello.« Das Tier senkte den Kopf, -flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte. Der Lärm der Menge -rauschte über sie. - -Kaum das Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf, lud den schweigenden -Mann zu einer Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wälder im -Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er der Baron Paolo di Selvi sei, -daß er durch sein Geschick hierher verschlagen sei und drüben in der -Heide wohne. Sie erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er hätte auf seinem -Heideschloß drei Frauen verloren, und sie trauere über sein Geschick. - -Worauf er einen trüben Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der -Groom aber riß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee zurück, auf -den geraden Weg zur Heide. An der Wendung der Schloßallee verengerte -sich der Weg. Paolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die Pferde sträubten -sich. Er stieg aus und riß sie vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, -sie schnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt die Leine straff. - -Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach des -Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht im -weißen Hut. Eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schläfen, -seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund rund -und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung kamen sie vor sein -Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Miß Ilsebill stieg -aber aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage. Sie wollte ihn -pflegen und mit schöner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des -Damenflügels. - -Sie ritten morgens und mittags aus. Ilsebill sang und spielte vor ihm in -den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder. In ihren Augen -war ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte. Ihr -schwarzes Haar hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzenden -Zähnen festhielt. - -Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, -später warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen -Augen zu, hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. -Seine Stimme wurde heller, sein Gang rascher. - -Und als sie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in ein ungefüges -Weinen aus. Sie wollte wissen, was mit ihm sei, sie wollte ihm helfen. -Er aber nahm ihre beiden gelbweißen heißen Hände, legte sie auf seine -Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets flüsterte. Sie hing an -seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter sprach und schrie, was -sie nicht verstand. Schon war er wieder still und sanft, geleitete Miß -Ilsebill in ihr Zimmer. - -Und am Abend schlich sie sich, indessen der Baron im Herrenflügel -schlief, allein trotzig und finster an die Tür des verschlossenen -Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an dem Holz, -stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das Schloß hielt fest. - -Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mutter Gottes um -Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen, schob ihn, den -Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr Arm -schmerzte. - -Lautlos sprang die Tür auf. Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes -Tuch geschlagen, hob die Kerze. Es war ein schmales, freundliches -Gemach, mit zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt. Der -rohe, zackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete -sonderbar in dem unsicheren Lichte. In seiner Nische über dem Boden -stand das grünbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß -Ilsebill tänzelte freudig über den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog -den schwachen Blumengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war in dem -heimlichsten Zimmer. Grüne japanische Seide hing von der Decke herab. -Bilder und Tapeten lächelten ruhevoll und sanft. Die sonderbare Klippe -schimmerte wie ein spielerischer, phantastischer Einfall. - -Sie legte leise die Tür an, sprang auf das Lager, lag träumend -stundenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch die Korridore auf ihr -Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig die schweren Riegel -herabgeschoben hatte. »War nichts geschehen, ist mir nichts geschehen,« -seufzte sie glücklich vor sich hin. Glitt nun Nacht für Nacht hinüber in -das Felsenzimmer, dort zu schlafen. - -Des Tages aber fand Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und -Lockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen, schlüpfenden -Augen schlug öfter ein greller Blick zu ihm. Und als sie einmal unter -den fünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend über -ihre tollen Sprünge ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor -ihm hin und bettelte an seinem Hals: »Ich bin Ihr Eigen, Paolo.« »Sind -Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie das?« Und sein Blick war nicht grell und -heiß, sondern derart schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, daß sie von -ihm abwich, die Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er -umgab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, daß er die blaßwangige -Ilsebill ganz in staunendes Glück versenkte. - -Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie oft -auf den Armen und betete, manchmal in die starken Knie sinkend, in -fremder, harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur -selten nahm er ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn. - -Welche Kleider trug Ilsebill mit feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe hingen -aus ihrem blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide in dem -Felsenzimmer trug Miß Ilsebill. Grüne Blätter lagen auf ihrem Haare und -waren eingeflochten in drei dichten Zöpfen. - -Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten zusammen, sie saßen oft am -Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen sprühten. - -Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und als -Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte, daß -sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn sie einen -Arzt kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank. -Paolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen -Augen: was ihr denn fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises -Scharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges -Streifen, Rieseln und Scharren. Als liefe ein Tier über Sand und bliebe -immer wieder schnaufend stehen. Es sei so fein, daß es wie ein Pfeifen -klinge. - -Er stand am Fenster und blies gegen die Scheibe. Fuhr mit rauher Stimme -heraus, es sei kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich -zerstreuen; sie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. -Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde -seien nur schwer den Weg hierher gelaufen, und jetzt: wo fände sie -Pferde, die sie zurücktragen würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte -sich umgedreht, seine Stirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte, -er klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen, sie solle gehen, er -wolle sie doch nicht. Er wolle kein Weib und keinen Menschen und nichts. -Er hasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen. Sie solle gehen, oh -sie solle gehen. Ein Messer wolle er ihr gleich geben, damit solle sie -sich ihre Krankheit aus dem Herzen schälen. - -Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er auf sie -gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll und -ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen -ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an -ihn; sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter -ihrem Kleid. - -Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus. Sie streifte -bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit, -auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach -sie in der Vorstadt einen alten Bauern, der erzählte, der Baron habe -sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Er schüttelte den -Kopf, als sie sagte, sie wohne in dem Schloß. Ob sie denn nicht wisse. -Das mit dem Schloß, mit der Einöde, mit dem Felsen, dem Sumpf. - -Was denn damit sei. - -Habe sie nicht auch schon das Scharren und Kratzen gehört. - -Kratzen? Kratzen nicht. Aber was sei damit. - -»Ja, da liegt ein Untier, ein Drache. Das liegt da auf dem alten -Meeresgrund. Das alte Meer hat es nicht mit fortgeschwennnt. Ein Unglück -ist es, eine Gefahr für die Menschen, die heute leben. Es braucht -Menschen.« - -»Nein, lieber Bauer.« - -»Nein, Miß Ilsebill. Warum sagt Ihr nein? Habt Ihr die Portugiesin -gekannt und dann die andere und dann die von unserem Ratsherrn. Das -waren drei Menschen. Drei, von denen wir wissen. Es sind viel mehr.« - -»Und jetzt wird es mich holen.« - -»Wer weiß, Miß Ilsebill. Wen der Drache anfällt, der muß ein gerade -gewachsener Mensch sein. Ich kenne Euch nicht. Laßt Euch nicht in -Versuchung führen. Die Heide ist ein Unglück. Man muß stark im Glauben -sein. Und frei von den bösen Gelüsten. Ein schweres Ding. Den Ritter hat -der Drache fast zerrissen, die Frauen hat er getötet.« - -»Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide?« - -»Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglück. Er sollte -wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht.« - -Sie hörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange. Sie spielte auf -ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter -Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so laut -scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen, -schüttelnden Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in -der Stadt. Der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten -unterhalten. Es sei ein seelenkundiger Mann. - -Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter auf -das Schloß. Sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den -Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben. Denn es -scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele -und sie zu verschlingen drohe. - -Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein schlanker -junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen. Er fuhr über sie -mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen, über ihre Bilder -gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust dazu in der -Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem -Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte -mit einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere. - -Sie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die -dämmrige Heide hin. - -Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie selbst. Wahnsinnig und eine Leiche -sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mögen alle -vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden. Sie kenne -nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. - -Sie streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an. Sie wolle -wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und -immer küssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter. -Trällernd riß sie ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es -zwischen seine Lippen. - -Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill ihr -schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in die Hand -und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie wollte zum Schluß -die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel -verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der Dichter zur -Flucht besorgt hatte. - -Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen -Schritte. Die Scheite ließ sie über die Knie leise zu Boden gleiten. Es -war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte, -sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die -schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die in -ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost -spendeten, schlüpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines -heiteren Gesichts. Seine schräggestellten Augen strahlten über sie gar -eine Dankbarkeit, sein Mund näherte sich zum ersten Male ihren Lippen -und küßte sie. Er sagte, sich von ihr lösend, er ginge noch heute in die -Stadt. - -Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen, sie war verwandelt, -eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz -in beiden Händen hoch. Sie richtete sich auf. Die Scheite ließ sie -liegen. Sie mußte über den Gang. Sie mußte nach der Tür. Sie mußte in -die Kammer. Hart war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter -dem Kreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und kasteiend. Den Riegel -schob sie hoch. In der Kammer ging sie händeringend auf und ab, schlug -sich die Brust, schlummerte auf dem weichen Teppich ein. - -Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, lautes Rufen einer -Männerstimme: »Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!« -Richtete sich auf. - -Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender Mund her. Der -Felsen sprang auseinander, aus der Höhle strömte das Wasser, wälzte sich -ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit zahllosen ringelnden -Fängen; aus dem Leib schlug eine zitternde, blaurote Flamme wie der -Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie nicht; da schrie -sie gell und wahnsinnig: »Paolo, Paolo.« - -Das Untier zischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie -schlug in Todesangst gegen die Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß -ihn herunter, schleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halbumfallend -fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den versengten Händen um sich -schlagend, über die stummen Gänge. Blieb vor ihrer Zimmertür liegen. - -Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich -aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, -band sich die Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen aus -dem Hause, durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide, bis da, wo -die Birken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. - -Hinter ihr tobte es. Vom Meere her kam ein Donnern und Bersten. Eine -Springflut, eine meilenweite graue Wand durchbrach die Dämme und Deiche, -setzte rollend und schäumend über die verwunschene Ebene, bedeckte -wieder, was ihr schon einmal gehört hatte, dazu das graue Schloß. Das -furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der -Stadt, auf dem die Birken standen. Ilsebill wanderte auf den Berg. - -Und wie sie zwischen den Bäumen ging, stieg der Nebel in den Wald. Aus -einem Baume, an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, -feiner Rauch, der süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die -wandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die Falten eines -weiten, duftenden Mantels. Sie sah keinen Schritt vor sich und keinen -Schritt hinter sich. Und als sie merkte, daß der Mantel der Mutter -Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie ein zages Mädchen. -Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem Schritt: »Ich -möchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch die Blumen -noch sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, -sei gut zu mir. Ich sehe, du bist gut zu mir, wie ich zu dir bin.« Ihre -Lippen blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie sich -auf. Verschwand in dem feinen Nebel, der über die Birken zog. - -Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein -schwarzer Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der -Stadt her. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe stand, -schäumte meilenweit vor ihm das graue tobende Wasser und kein Weg und -kein Schloß. Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen -den Birken. Ein winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging -ein süßer Geruch herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte -die Stirn an die Rinde: »Große Angst hast du uns beschert, holde Mutter -Gottes; große Liebe hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes.« - -Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des -Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen Jahren -wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als Führer einer -Freischar gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner -ganzen Mannschaft bei einem heimtückischen Angriff. - - - - - Die Segelfahrt - - - Die Segelfahrt - -Die Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die -geschmückten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen -aneinander vorüber. Unter dem Widerschein des unermeßlichen Wassers -funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Das unablässige -Brausen des Meeres rollte von den Steindämmen zurück, schwoll wieder an, -schwoll immer wieder ab. - -Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmückten -Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. Er hielt den Kopf -gesenkt wie überrieselt vom Badewasser; seine vollen Lippen waren -feucht. Die schwarzen, weißdurchzogenen Haarsträhnen fielen über seine -Ohren. Er bog den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem -Anprall des scharfen Windes zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem -freudigen Blick das graugrüne Wasser. Sein gelbbraunes schwammiges -Gesicht zuckte, die Augen, die in grauen Höhlen lagen, schimmerten; er -spürte den feinen Luftwirbeln nach, die um seinen bloßen Hals fuhren, -das graue Schläfenhaar anhoben und gegen seine Wange mit feinen -Stiletten anschwirrten. Er fror leise; blickte an seinem weißen Vorhemd -entlang, über das weißer Sonnenschein floß, und einen Augenblick -beunruhigte ihn der Gedanke, daß sein Blick vielleicht Schatten werfe. -Er seufzte, drängte sich tiefer in die Menschen. - -Das Schüttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der ihn -gestern von Paris an die See getragen hatte. - -Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner -Jacht aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen -Glück; plötzlich seiner achtundvierzig Jahre gedenk. In Paris hatte er -vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Säle, die -bestialischen Tänze ertragen: dann warf ihn eine schwere -Lungenentzündung hin; er lag aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er -am Sonntag das Haus verließ mit schwachen Knien, schlug er den Kragen -seines Loden-Capes hoch, bestieg eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen -Tag schlich er gebeugt durch das tote Brügge. Dann raffte er sich auf, -jagte in der Julihitze nach Ostende. - -Er hob den Blick vom dünnen Sande, der unter seinen Füßen wegzog. - -Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter -breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht -jungen Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig. Er -hörte noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme. - -Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick -hörte der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten -Dame, die sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; eben -als er über ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer Überwurf auf -dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weiße Hut wippte über der -Menschenmenge, verschwand um eine Ecke. - -Copetta schlenderte in ein Café, löffelte eine Schokolade. Das Meer -rollte unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der -Sandkörnchen; der Wind warf mit dünnen Stiletten. - -Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer -in einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech wehte -die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt -um Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm -zurück. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die -Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dünnen -roten Brauen blickten bestimmt und nüchtern, über der Nasenwurzel hatte -sie Sommersprossen, von den Augenwinkeln zogen sich Fältchen. Ihr Gang -schwebte. - -Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen, -schlenderte weiter. - -Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte -in die Hand nahm, fiel ihm ein, daß er heute dreimal eine Frau gesehen -hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau, -schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob -er seinen Hut zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vorsichhinstarren zog er -seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa, -in der er sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mädchen ab. Als er -wieder die Meerluft an seinem Hals fühlte, fragte er sich, wozu das -eigentlich gewesen war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür hinter sich -zu, warf sich im finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, zerriß die -Bilder seiner Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen -edelsteinbesetzten Trauring ab, hing ihn über die Schere, hielt den Ring -über die brennende Kerze. Die Steine verkohlten; die Schere wurde heiß; -er ließ sie fallen. Wühlte mit beiden Armen in zwei großen Eimern mit -Meersand, die er sich auf sein Zimmer hatte bringen lassen, stand -ächzend auf, bestreute den Boden und Teppich blind mit Sand, fluchte -leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht hatten. -Schlief auf seinem Sessel ein. - -Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, tief die -scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloß, stand vor ihm -das Bild der gehenden Frau, sehr schmales, verwelktes Gesicht, ein -klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn -bitten lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dünne Decke -von seinen Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt -schwerfällig, die Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen herunter, -über die leere sonnige Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstöckiges -Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen -dunklen Korridor, klopfte leise an die Tür, an der ihr Name auf einer -Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er riß die Tür auf. - -Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke nach -der Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berührten mit feinen -Zehen eben den Boden, ein sehr schmächtiger, strenger Körper richtete -sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales Gesicht -unter dem aufgelösten Haar. - -Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tür stehen. Sie -lächelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde -wiederzukommen. Totenblaß, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen -Stock vom Boden auf. Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine -nüchterne Augen. - -Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer -Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte -er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen in -der Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift, -schrieb auf dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh -kommen; sie machte unter ihren Namensbuchstaben L noch einen -wunderlichen Schnörkel, den sie fast eine Minute malte. - -Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide -entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden -Strand herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand als sie -sich nach ihm umwandte, daß es in seinen Mienen leidenschaftlich zuckte. -Ganz weißes Leinen trug er; er ging mit bloßem Kopf; die linke Hand trug -er im Gelenk verbunden; er sagte, er hätte sich gestern Abend beim Fall -über Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck stieß er ein kleines -Ruderboot in das Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang -nach, ruderte gemächlich auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrücke am -Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler; Copetta zog schon den -Anker; ihre bloßen Arme hielten sich an der Steuerbank fest, leise -klangen die hölzernen Mastringe an, nach einem Zug blähte sich das -Großsegel; das Boot ging in See. - -Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinein. Über die -scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der sich von Augenblick zu -Augenblick verstärkte und höher rückte. An dem starken Morgenwinde -flogen sie gleichmäßig hin. Nun hockte der Brasilianer neben dem -Großbaum auf den Planken, legte die Takelung fest. Wild lachend richtete -er sich auf, schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein Lasso um seinen -Kopf und warf es gegen sie; sie schüttelte sich umschnürt, löste sich -mit einem Ruck, schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften -Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden an sich, -sich über Bord gebückt, überschüttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser, -warf, einen Fuß auf der Ruderbank, bis über die Ärmel triefend, zwei -volle Hände gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlürfend mit offenem -Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasenden Wind ließen sie das Boot -laufen, das anfing wie ein unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich -über die Planken. Johlend sprang die Schmächtige auf die Ruderbank und -schlug mit den Fäusten gegen die Takelung. Sie riß sich ihre dünne Jacke -ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund mit den dünnen Lippen -öffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen. - -Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bordrand; -erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener -Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Knie legte und ihn -neugierig betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre -aufstrebenden Schultern ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und her. -Die Wellen krochen über Bord, sie schlüpften wie kleine Hunde sacht an -ihnen herunter auf die Planken. Der Wind nahm an Stärke zu. Das Boot -legte sich stark über, das Kleid des Großsegels fing an zu flattern, sie -schossen in den Wind. - -Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr -triefendes Haar weg, das alte Mädchen suchte mit zurückgebogenem Kopf -nach seinem Munde, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin. -Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer ein -feierliches, glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte -steuerlos, Welle auf Welle rollten an. Copetta saß auf dem Bootsrand. -Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme auf, legte -sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das Polster -glitt zurück. Sie hörte, wie er etwas murmelte; sie sah noch den -berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand. - -Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen Schmerz -in ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend Hilfe, -lange Rufe stieß sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot -liegen. An Land erwartete man sie. Man wußte alles; Copetta hatte ein -Telegramm an die Behörde geschickt. - -Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa. -Dann sagte man ihr, daß sie sich mehrmals mittags im Speisezimmer auf -die Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Händen in die Luft -tastete. Daß das Hausmädchen von außen beobachtet hätte, wie sie am -hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte. -Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem -Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verließ ihre -Mutter, fuhr nach Paris. - -Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug ihr rotes -Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht -nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich -jedem Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit -gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute jeglicher Krankheit, -die auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit Gähnen und Inbrunst -weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in -die strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen -Augen glänzten unter dem Atropin. Die jungen Männer nannten sie die -Hyäne. Sie trug in die Ballsäle eine sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz -war ersichtlich aus einer eigentümlichen Ungeschicklichkeit der Tänzerin -entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett -zeigte. Sie stieß jede berührende Hand zurück, wiegte sich in den Hüften -vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer -von einem Bein taumelnd auf das andere. Dann umging sie mit plumpen -Füßen ihren Partner und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte -gefaßt, aber er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurück, sie suchte -ihn, sank über ihn hin und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ -sich von ihrem Partner halb tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden -schleiften und sie die Augen schloß. - -Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu -einem riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange den -mächtigen Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie warf die -Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono über die -Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem -stark parfümierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine -Uniformmütze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine -Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein -befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: »Herrn -Copetta, Ostende, Hotel Estrada. Erwarten Sie mich morgen mittag. Bitte -Drahtantwort.« Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die -Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden schickte -sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber Bastseide an, fuhr -auf die Bahn. - -Der Zug rannte lange Stunden der Nacht, rannte über Brüssel, Gent, -Brügge, schließlich Ostende frühmorgens. Sie rasselte durch die engen -bekannten Straßen der Stadt. Mit einmal leuchtete zwischen den Häusern -das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand aufgerichtet in der -rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem Hagel von -Stiletten überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh -und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrünen -Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hörte halb, daß ihre -Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr -Gesicht war still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, warum -sie hier sitze und so lache, antwortete sie: »Doch vor Glück, liebe -Frau, wovor denn als vor Glück. Was erzählen Sie?« - -Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte, -ihren weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag in dem -blinzelnden Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermeßlichen -Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Unablässig -brüllte das Meer, warf sich gegen die Steindämme und legte sich platt -hin. Sie drängte sich gewandt durch die geschmückte Menge, schlüpfte in -das Vestibül des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzählte, -der Herr sei vor einem Jahr etwa verunglückt auf einer Segelpartie. Sie -faßte sich an die Brust: »Auf diesem Meer?« Und dann drückte sie ihm ein -Geldstück in die Hand, warf ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit -ihrer Adresse, flüsterte ihm ins Ohr, er möchte doch dies Blatt an sich -nehmen; wenn der verunglückte Herr heute Abend käme, möchte er es ihm -sofort geben. Sie ging an dem Verblüfften lächelnd vorbei auf die -Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte, an, hörte, mit ihm -nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit strahlendem -Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts. - -Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem ungeheuren -Wasser. - -Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon -ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut gesetzt. Sie -lief auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange -Strandpromenade herunter, die im blendendweißen Mondlicht lag. Dann lief -sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm -abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte -ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor, machte ihm lange Nasen. Sie -lugte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwölf -Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt -zusammen; es war schon ganz hell. »Er ist voraus.« Sie huschte die Tür -hinaus, warf draußen johlend die Arme in die Luft, rief ihren Namen, -tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe herunter. Sie suchte -die Abfahrtstelle, lief zu den Badehäusern. Da lagen kleine und große -Ruderboote. Keine frischen Männerschritte im Sand! Sie zog die Schuhe -und Strümpfe aus, warf ihren Hut an den Strand, schürzte ihren Rock, zog -keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie ein, zog die Ruder. Nur -wenig wurde sie von der Brandung zurückgeworfen, dann fuhr sie sicher -aus. - -Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen; -weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen gebogenen -Wellenwände kroch ihr Boot, stürzte metertief, kroch unverdrossen -weiter, Sie suchte nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie -auf den Knien kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend -über das brodelnde Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen -über den Bord; wie der Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der -Atemlosen, die sich die Augen wischte. - -Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein wütendes -Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die Brust, -als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete. - -Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot. Der -Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf die -Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen Anzug trug -er prall auf dem Körper. Die weißgrauen Haare waren dick inkrustiert mit -Salz; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über sein triefendes -gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner, weißer Sand und Muscheln -rieselten von seinen breiten Schultern, floß aus seinen Ärmeln. Er blies -laut die Luft von sich, dann atmete er stiller. Langsam hob er den -rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend von dem Boden -erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles -frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren, ihre kleinen -lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt und süchtig -strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie stürzten unter -peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hörte ihr eigenes -entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. Er -senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen -die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie sah, wie er langsam den Kopf -ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich -gerichtet, sprang ihm nach. - -Und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie -gurgelnd und drückte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie -zusammen die nassen Wellen berührten, wurde sein Gesicht jung; ihr -Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen nicht voneinander; -ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an. - -Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeßliche graugrüne -Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen an die -jagenden Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über sie. Sie -wirbelten hinunter in das tobende Meer. - - - Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als - zehnter Band der Reihe »Das Prisma« im - Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin. - Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der - Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin. - Hundert numerierte Exemplare wurden auf - Bütten gedruckt, mit der Hand in Leder - gebunden und vom Autor signiert. Die - ganzseitigen Steinzeichnungen dieser - Ausgabe wurden vom Künstler signiert. - - Dieses Exemplar trägt die Nummer - 60. - - Alfred Döblin - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 31]: - ... Spinnweben abzublasen, die von der alten Bibliothek durch die - Luft ... - ... Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die - Luft ... - - [S. 32]: - ... Radfahrer derart ängstlich, daß er ihn anbläkte. ... - ... Radfahrer derart ängstlich, daß der ihn anbläkte. ... - - [S. 32]: - ... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummen - Rücken. Die ... - ... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem - Rücken. Die ... - - [S. 32]: - ... Am Montag zwängte er sich in feinen Omnibus, rollte zum - Wedding ... - ... Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum - Wedding ... - - [S. 39]: - ... schönen Fräulein erkundigen, das sie vor ein paar Wochen - besucht haben, ... - ... schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen - besucht haben, ... - - [S. 40]: - ... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, - besondern Frauen ... - ... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, - besonders Frauen ... - - [S. 48]: - ... Lumpen. Kommen sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« - Valentin ... - ... Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« - Valentin ... - - [S. 57]: - ... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem - festlichen ... - ... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem - festlichem ... - - [S. 76]: - ... breitrandigen, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, - nicht ... - ... breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, - nicht ... - - [S. 78]: - ... richtete sich auf in einfachem bandlosen Hemd, ein ernstes, - schmales ... - ... richtete sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes, - schmales ... - - [S. 81]: - ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasendem - Wind ... - ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig aufblasenden - Wind ... - - [S. 87]: - ... entsetzten Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des - Sturmes. ... - ... entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des - Sturmes. ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL *** - -***** This file should be named 63301-8.txt or 63301-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/3/0/63301/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/63301-8.zip b/old/63301-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 688f291..0000000 --- a/old/63301-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h.zip b/old/63301-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9475a5c..0000000 --- a/old/63301-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/63301-h.htm b/old/63301-h/63301-h.htm deleted file mode 100644 index 9e05556..0000000 --- a/old/63301-h/63301-h.htm +++ /dev/null @@ -1,3463 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <meta name="cover" content="images/cover.jpg" /> - <!-- TITLE="Blaubart und Miß Ilsebill" --> - <!-- AUTHOR="Alfred Döblin" --> - <!-- ILLUSTRATOR="Carl Rabus" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Hans Heinrich Tillgner Verlag, Berlin" --> - <!-- DATE="1923" --> - <!-- COVER="images/cover.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Blaubart und Miß Ilsebill - Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus - -Author: Alfred Döblin - -Illustrator: Carl Rabus - -Release Date: September 26, 2020 [EBook #63301] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -Alfred Döblin -</p> - -<h1 class="title"> -Blaubart und Miß Ilsebill -</h1> - -<p class="ill"> -<span class="line1">Mit Steinzeichnungen</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Carl Rabus</span> -</p> - -<p class="pub"> -Berlin 1923<br /> -Hans Heinrich Tillgner Verlag -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="cop"> -Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin. -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc" id="INHALT"> -Inhalt -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="tocn" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"><a href="#DAS_VERWERFLICHE_SCHWEIN">Das verwerfliche Schwein</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><a href="#DIE_NACHTWANDLERIN">Die Nachtwandlerin</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><a href="#DER_RITTER_BLAUBART">Der Ritter Blaubart</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><a href="#DIE_SEGELFAHRT">Die Segelfahrt</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="DAS_VERWERFLICHE_SCHWEIN"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Das verwerfliche Schwein -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="tit"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/009.jpg" alt="" /></span> -<br />Das verwerfliche Schwein -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ubert</span> Feuchtedengel, — Neuromanist und die zweiundvierzigtausend -Mark seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet, -bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt -zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, -dann Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, -bis das goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige -Monate alt, — bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in -einem lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich -bei ihm ein exquisiter Fimmel etabliert. -</p> - -<p> -Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen -Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend, eierstreuend, -eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier bewegt -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter vom Bett, -steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen braucht er -nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner gefunden -wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach Greifswald, -erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als selbstdenkender -Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was man vor Augen -sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern Blutandrang. -Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der abschließenden wissenschaftlichen -Überzeugung, daß es sich bei ihm um Sepsis, um Blutvergiftung -handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos um einen Fimmel, -aber auf Sepsis beruhend. -</p> - -<p> -Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch. -Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem -rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen steigt, -die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines Medizinalpraktikanten, -Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber her auf die Betten -glotzend, dampfend vor Eifer. -</p> - -<p> -Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags -ein halb fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef -wegen Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher -Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei -ihm sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, -setzt ihn im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. -„Zunge heraus!“ „Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!“ „Augen -zu!“ „Romberg negativ.“ Zieht die schweren braunen Vorhänge zu, -steckt hinter Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine -Augen. Nichts zu finden. „Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!“ -</p> - -<p> -Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen bauchumspannenden -Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt demütig -an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei Tage -ist er Luft für seinen Herrn. -</p> - -<p> -Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden -Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft -die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel -kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er, -entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte Sepsis; -man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick hat -seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke, trägt -die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er den -Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in Stinkwut -über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut ihm den -steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer, schimpft vor sich. -Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe genug von der Sache. -Beißt auf seine Zigarre: „Du Schwein. Du verwerfliches Schwein. Du -bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt aber, jetzt sollst du was -sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du deine Sepsis und wirst behandelt. -Verstehst du, Kerl?“ -</p> - -<p> -Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er -ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. „Kerl,“ flucht -Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, „Kerl, Kerl, dich werden -wir kriegen.“ Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer -um. -</p> - -<p> -Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der Assistenzarzt -den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die Ärmel auf. -Der Dicke unsicher: „Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen wir die -Schwester wecken?“ -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -„Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.“ Strick -raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank. -</p> - -<p> -„Kriegst eins reingefuhrwerkt,“ giftet er seinen Schüler an, „daß du -platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du -denn?“ -</p> - -<p> -„Fünf Gramm,“ lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd -seine geschwollenen Armvenen. -</p> - -<p> -„Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst -ins Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht -’s Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.“ -</p> - -<p> -Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in -den mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei -der wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus -himmelnden Äuglein zu seinem Chef: „Fünfundzwanzig Gramm. Ich -vertrag es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.“ -</p> - -<p> -Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel -hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den -Hut fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche. -</p> - -<p> -Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der -qualmende Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf -dem Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt, -triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich -nichts merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. „Das -schöne Bild“, schwabbelt er schämig, „in der Klosterküche. <span class="antiqua">The monastery -kitchen</span>, <span class="antiqua">cuisine de monastère</span>. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.“ -</p> - -<p> -Von oben faucht Werner: „Schwein, wieviel willste haben?“ -</p> - -<p> -„Fünfundzwanzig,“ stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd -den Arm des andern zu berühren. -</p> - -<p> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze -sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich. -</p> - -<p> -Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt, -schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust, -windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang, -reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier, -das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: „Mehr, mehr, -Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.“ Seine Füße treten mit den -Spitzen den Boden. -</p> - -<p> -„Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg, -Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl, vierundzwanzig. -Da wären wir.“ -</p> - -<p> -Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln -hinter ihm beginnt. -</p> - -<p> -Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen, Hinklatschen, -Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille. -</p> - -<p> -Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch geschwollene, -baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt, die -Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten aufragend -zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast. -</p> - -<p> -„Der Lump!“ triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel -mit der nassen Handfläche, „fünfundzwanzig Gramm! Hab’ ich gesagt! -Dreißig! Warum nicht vierzig! — Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.“ -Stampft näher: „Häh, die Zunge! Streck’ die Zunge raus, Kerl!“ -</p> - -<p> -Der bewegt sich nicht. -</p> - -<p> -Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: „Die Zunge raus. -Biste tot, dann biste tot.“ Zieht sich den Paletot aus. Der Körper bewegt -die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht. -Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel aus, -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den Hinterkopf -des Körpers quer durch den Raum. -</p> - -<p> -Das Stuhlbein bleibt stehen. -</p> - -<p> -Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft -immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er -Schüssel samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte -Masse: „Da hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man -buddelt dich gleich ein.“ -</p> - -<p> -Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd -auf sein Zimmer. -</p> - -<p> -Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer -und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick -schnarcht im Halbschlaf: „Herein,“ legt sich zurück. -</p> - -<p> -Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich -graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende, wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine andere. -</p> - -<p> -Stehen auf dem Bettvorleger, stumm. -</p> - -<p> -„Werner,“ murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse. -</p> - -<p> -„Herein,“ schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes, -Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe. -</p> - -<p> -„Wer ist denn das?“ -</p> - -<p> -„Werner,“ murmelt der vordere, „ich bin in den Fluß gefallen von der -Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich -dich rief.“ -</p> - -<p> -„Was bist du, Mensch?“ -</p> - -<p> -„Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe -immer gerufen.“ -</p> - -<p> -„Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?“ -</p> - -<p> -„Ich hab’ ihn nicht.“ -</p> - -<div class="centerpic"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a><img src="images/015.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Strick ringt verzweifelt die Hände: „Na siehste! Bist du nicht versoffen, -du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht, -was soll ich mit dir machen?“ Überwältigt schreit er: „Raus, raus, septisches -Vieh. Ich schlafe.“ -</p> - -<p> -„Werner, du sollst mir den Arm verbinden.“ -</p> - -<p> -„Wer ist denn das hinter dir?“ -</p> - -<p> -Traurig flüstert der Schwabe: „Das ist der Teufel!“ -</p> - -<p> -Entsetzt hält sich Strick den Kopf: „Was soll ich denn mit dem noch -machen! Mitten in der Nacht!“ -</p> - -<p> -„Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war. -Du sollst mir den Arm verbinden.“ -</p> - -<p> -„Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse?“ -</p> - -<p> -Hartnäckig flüstert Hubert — der Teufel stemmt ihn rückwärts —: -„Du sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen.“ -</p> - -<p> -Strick wühlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strümpfe und Hosen -über, seufzt: „Komm.“ -</p> - -<p> -Verbindet ihn unten; kopfschüttelnd sieht er die beiden abziehen, droht -hinter ihnen. -</p> - -<p> -Bevor er zur Visite geht, am nächsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel -mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage. -</p> - -<p> -„Wo kommst du her; du bist doch längst tot.“ -</p> - -<p> -„Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht.“ -</p> - -<p> -Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine -Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig. -</p> - -<p> -„Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hältst du dich bei Tag auf, -Mensch?“ -</p> - -<p> -„Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hängt er mich an einen -Baum. Davon bin ich so rasch trocken geworden.“ -</p> - -<p> -„Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter?“ -</p> - -<p> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -„Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt, -es ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Fluß geschmissen. Das -gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken.“ -</p> - -<p> -Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlägt sich mit der Reitpeitsche -gegen die blanken Stiefelschäfte: „Jetzt rede ich gar nicht mit dir -Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie -mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die -ganze Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der -Bildfläche?“ -</p> - -<p> -„Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir -haben kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns. -Ich kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie müssen alle erst getrocknet -werden.“ -</p> - -<p> -„Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was -mit ihm los ist?“ -</p> - -<p> -„Ja, er will immer, Herr.“ -</p> - -<p> -„Herr Doktor heiße ich. Aber wenn er will, was ist dann?“ -</p> - -<p> -„Er läßt mir keine Ruhe, er hält soviel von Sie, Sie hätten seinen -Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach -Sie, von wegen dem Arm, jault und jault.“ -</p> - -<p> -„Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt?“ -</p> - -<p> -„Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch -den janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor.“ -</p> - -<p> -„Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit -ihm. Vergraben Sie ihn, schmeißen Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie -denn, ich habe meine Zeit gestohlen.“ -</p> - -<p> -„Ich will’s ihm noch mal sagen; er ist so tücksch, so störrisch, er läßt -nicht ab.“ -</p> - -<p> -„Ich will; ich will. Das hätten Sie schon gestern tun sollen. Was -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -sollen die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebügelten Subjekt -umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir -behandeln lassen bei dem Gestank.“ -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/019.jpg" alt="" /></div> - -<p> -„Sag’ ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschäft. Ist mir peinlich, -Herr. — Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande -wu? Vorwärts, hüh!“ -</p> - -<p> -Schüttelt den Feuchtedengel am Hals, daß dem in seinem pendelnden -Schädel die Kiefern klappen. -</p> - -<p> -„Mein Arm, mein Arm.“ -</p> - -<p> -„Hier gibt’s nüscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf.“ -Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen. -</p> - -<p> -Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tür: -„Raus, sofort raus samt dem Deibel!“ -</p> - -<p> -Der beeilt sich, daß sie nur so davonpoltern. -</p> - -<p> -Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben. Vierfüßiges -Getrapp auf der Treppe fängt an, an die Tür klopft es, einmal, -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter, stoßen -mit den Füßen. Einer flüstert: „Er ist nicht zu Hause.“ Der andere -wimmert: „Doch, er schläft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht mehr.“ -</p> - -<p> -Die Tür wackelt von den Tritten, ein Likörglas fällt vom Vertikow. -Einer winselt: „Sehen Sie, der trinkt Likör.“ Vorsichtig wird die Tür -geöffnet. Strick liegt über dem Papier, tut als ob er schläft. Der Teufel -läßt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestürzt, muß auf -allen Vieren kriechen, die Brust hängt dicht über dem Boden, seine Arme -baumeln, schleifen nach, die Handrücken wischen den Teppich; der Kopf -geht hoch, um etwas zu sehen, schlägt mit der Stirn wieder auf. -</p> - -<p> -Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins -Blut gestiegen. -</p> - -<p> -Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit -funkelnden Augen: „Nu hab’ ich’s dick.“ -</p> - -<p> -Der Teufel läßt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt -sich die Fäuste in die Weichen: „Fangen Se ooch noch an mit mir?“ -</p> - -<p> -„Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren. -Sie haben —“ -</p> - -<p> -„Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er läßt das Jaulen nicht -sein und er läßt es nicht sein, es ist nicht anzuhören. Dann verbinden Sie -ihn eben, und die Sache ist fertig.“ -</p> - -<p> -Strick rast im Zimmer: „Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault -ja, wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern.“ -</p> - -<p> -„Dafür kann ich nichts. Dafür bin ich nicht da. Dann gehen wir zu -einem andern Doktor.“ -</p> - -<p> -Unten wühlt der mit dem Kopf: „Ich will nicht; ich geh zu keinem -anderen Doktor.“ -</p> - -<p> -Strick brüllt: „Raus, raus mit euch Gesellschaft.“ -</p> - -<p> -Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Kinn, zerrt ihn in die Höhe. Der Teufel fällt ihm in den Arm: „Sie haben -mir den Mann nicht anzurühren. Ich laß Ihnen den hier liegen und hol -ihn nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir -kujonieren.“ -</p> - -<p> -Trottet zur Tür. -</p> - -<p> -„Was soll ich mit dem Kerl hier?“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will überhaupt -nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der -hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden.“ -</p> - -<p> -Greift nach der Türklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke. -</p> - -<p> -„Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann -ich doch mit ihm nicht machen.“ -</p> - -<p> -„Lieber Herr, ick jeh was essen.“ -</p> - -<p> -„Sie sind faul. Faul sind Sie.“ -</p> - -<p> -„Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen.“ -</p> - -<p> -„Ich bin nicht Ihr Herr.“ -</p> - -<p> -„Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine -Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene. -Sie haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren.“ -</p> - -<p> -„Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen.“ -</p> - -<p> -Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: „Benehmen? Det -laß ich mir nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det -wär jelacht. Feuchtedengel, hilfste mit?“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht. Er soll mich verbinden.“ -</p> - -<p> -„Nun komm mal. Den kriegen wir.“ -</p> - -<p> -Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblättern -mit der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein -Schild, fängt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlägt -ohne Waffen drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -gegen die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen, -am Hals vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant -plärrt: „Du willst mein Beschützer sein?“ „Sei nicht feige,“ keucht der -hinter ihm, „wir kriegen ihn schon.“ -</p> - -<p> -„Ich will ja nicht.“ -</p> - -<p> -„Wir kriegen ihn schon.“ -</p> - -<p> -Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Stoß gegen die -Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los -ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schläfe, daß ihm Nacht vor -den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und -er im Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel über sich zu ziehen. -</p> - -<p> -Strick steht lachend über den beiden. Er ist atemlos, öffnet alle Fenster, -gießt sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat, fragt er -höhnisch herüber: „Es wird Frühling im Januar. Na, wie weit -sind wir?“ -</p> - -<p> -Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Körper schwankt, -schaukelt. Mühsam steht der Teufel hinter seinem Schild, stöhnt: „Wir — -wir — wir sind so weit, meine Herren.“ -</p> - -<p> -Vom Sofa lacht es. -</p> - -<p> -Der Teufel prustet: „Wir sind so weit, meine Herren.“ -</p> - -<p> -Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr: -„Ick boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann -mache.“ -</p> - -<p> -„Mit wem?“ winselt der mißtrauisch. -</p> - -<p> -„Paß mal auf,“ zischt der andere verlogen. -</p> - -<p> -Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der -Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke. -</p> - -<p> -Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe. -</p> - -<p> -Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -weit fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust -und Hals, zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt -seitlich auf die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu -hockt der Teufel über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen -Schläfe und Augen. -</p> - -<p> -Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen -Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn, wie -er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz -ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden -kann. -</p> - -<p> -Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: „Nun bist du fertig.“ -Sich selber streichelt er: „Ei, ei, das ist schön.“ -</p> - -<p> -Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher -an, setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak. -</p> - -<p> -Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber. -</p> - -<p> -„Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch -mal Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.“ -</p> - -<p> -Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab, -links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt -er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. „Ei, Widuwio, wie siehste -nu aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann -bist du der Herr Baron.“ Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen -die gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf. -Sagt nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: „Wir gehen etwas aus. -Wir haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.“ -</p> - -<p> -Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: „Was soll aus -mir werden?“ -</p> - -<p> -Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab. -</p> - -<p> -Die beiden liegen allein. -</p> - -<p> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Ruft der Dicke nach einer Zeit: „Strick.“ Der dreht den Kopf, glotzt -seinen Nachbar an. -</p> - -<p> -„Strick, was machst du?“ -</p> - -<p> -Kläglich stottert der: „Nun bin ich auch tot.“ Weint: „Meine Stiefel -haben sie mir ausgezogen.“ -</p> - -<p> -Es schlägt fünf. Jammert Strick: „Wie lange sollen wir hier noch -liegen.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den -Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns -läßt er liegen, als wenn’s nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen: -es ist fünf.“ -</p> - -<p> -Da hebt der Doktor den Arm: „Schon fünf und noch keine Visite. -Einer muß gehen, du oder ich.“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich -schon die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem -Krankenhaus denken, wenn ich Visite mache.“ -</p> - -<p> -„Zeig’ mal,“ sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. „Pfui, siehst du aus. -Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.“ -</p> - -<p> -Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf -der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: „Sind Sie -schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.“ -</p> - -<p> -Eine andere weint: „Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie -sind. Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.“ Die Dritte blickt mitleidig -auf seine Füße: „Sie gehen schon auf Strümpfen.“ -</p> - -<p> -Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für -die verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum -Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft -haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung -macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg -kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. -„Gehen Sie rasch, Herr Doktor,“ sagt er, „dann reicht’s zwei Stunden. -Lassen Sie die Kränze hier, ich leg’ sie Ihnen oben rauf.“ Strick hetzt -durch die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei -silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt -er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut -sich: „Jetzt wird man mich ehrlich begraben.“ Liegt im Schnee, im -Finstern. -</p> - -<p> -Der Teufel späht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen, -klopft ihm freundlich den Schnee ab: „Man soll’s nicht übertreiben, lieber -Junge. Nun wird dir gleich wohler.“ Er führt ihn am Kragen. Strick, -vergrämt über sein Pech, gerät in Zorn, weil der ihn duzt, verbittet -sich das, macht sich schwer. Der andere näselt vornehm, daß er jetzt -den feinen Mantel anhabe und die Mütze und die blanken Reitstiefel, -und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten. Strick verlangt -die Peitschen zurück, flucht, bis der andere ihn am Wege zur Parkstraße -über die Bordschwelle hinwirft, schwörend, er werde noch den -dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe versalzen. -Als die beiden an seinen Armen wackeln, bläkt und schimpft der Teufel, -wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer anderen Leuten -das Leben schwer mache; was seien sie beide für Lumpenbagage: der eine -ohne Hut und im ungebügelten Paletot, daß man sich schämen müsse vor -die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im Portierpelz mit Mottenfraß -und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne Pferd und kann nicht -mal hopp hopp machen. -</p> - -<p> -Er hängt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich’s gehört, -an den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene -Kochtöpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Strick ganz Gift geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen -des Wegs zieht: „Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm -und will mich verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich muß -mich beeilen.“ -</p> - -<p> -Strick wiehert lachend: „Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen -wäre, hättest du nicht mal mich gekriegt.“ -</p> - -<p> -„Was,“ faucht der andere, „Hund sagt der zu mir? Und das wollen -Kavaliere sein? Ich hab’ genug.“ -</p> - -<p> -„Ich auch,“ höhnt Strick. -</p> - -<p> -„Mein Arm,“ winselt Feuchtedengel, aufwachend, „wer soll mich verbinden?“ -</p> - -<p> -„Ich hab’ genug,“ brüllt der Teufel, läßt sie fallen, dreht sich um sich -selbst, „haltet die Schnauzen!“ -</p> - -<p> -Stößt, auf der Allee stehend, mit den Füßen rückwärts, scharrt wie -ein Pferd. -</p> - -<p> -„Was macht er nur,“ denken die beiden im Schneehaufen. -</p> - -<p> -Er bläst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird groß -wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine -Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine -Stiele in der Kugel. Bückt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn -anspucken will, läßt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach -dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals stürzt Strick kopfüber -abwärts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln -reißt der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet -sich, wirft Falten, steht prall. Der Teufel bläst die Backen auf. Die Kugel -dampft, glüht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen heraus, -stehen über ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht sich -schnurrend zusammen, schüttelt sich. Asche, weiße Knöchelchen fallen -von ihm ab. -</p> - -<p> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: „Ei, liebes Bäuchlein.“ -Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein spazieren. -</p> - -<p> -Zu einem Fräulein, die ihn wegen seiner erschöpften Haltung an der -Großhafenstraße anspricht, sagt er: „Sehr gebummfidelt, höchst schmeichelbar. -Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick, -Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch -schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und -jaulte den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et -war mich zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Fräulein —“ -</p> - -<p> -„Gehen wir ein paar Minuten ins Café Braune, mein Herr.“ -</p> - -<p> -„Gewiß doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind -sie nich im Himmel und nich in der Hölle. Nu sind sie einfach tot.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="DIE_NACHTWANDLERIN"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Die Nachtwandlerin -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="tit"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Die Nachtwandlerin -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen -Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit -einer eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest -des Tages verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf -Uhr geschlossen, und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein -für einen jungen Mann zu flanieren. -</p> - -<p> -Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen -Spinnweben abzublasen, die von der <a id="corr-2"></a>Alten Bibliothek durch die Luft -herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor -der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten -zierlich einher in weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstraße -prustete ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich die -aufgestülpte Nase über dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe -wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich besänftigt -in den Hüften vor. Er huschte über den Damm. -</p> - -<p> -Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns -der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen -waren zu lang. -</p> - -<p> -In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig -Herren und Damen, bereit, nach Belieben als Schürzenjäger oder Männerfreund -zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmütige -Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln -in der Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe mit dem -Kopf häufig nach links, als wollte er über die Schulter nach hinten sehen. -</p> - -<p> -In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße -entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlüpften -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn etwas -am Arm in der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: „Na, Schatz?“ -Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Moschuswolke, -Veilchenbukett an der Brust. Blutübergossen wandte Herr -Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen -Radfahrer derart ängstlich, daß <a id="corr-3"></a>der ihn anbläkte. -</p> - -<p> -Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte -er vor das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht -hinter ihm her ein graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße -Augen, Dessous schlenkernd über durchbrochenen hellblauen Strümpfen, -plauderte mit einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber. -Herrn Priebe stand das Herz still. -</p> - -<p> -Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab -die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke. -Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der lauen -Abendluft lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah -er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der -Wohnung unter der Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein -kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <a id="corr-5"></a>krummem Rücken. Die -kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin -das rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine -Banane vom Tisch. -</p> - -<p> -Am Montag zwängte er sich in <a id="corr-6"></a>seinen Omnibus, rollte zum Wedding -hinauf. Er ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen -lagen die schwarzen rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem -Staub bedeckt, unter dem Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht -blitzten. Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhörlich herunter; starke -Kräne knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. -Herr Priebe ging in einem glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Hof; seine grauen Hosen waren abgestoßen. Er warf verschlafene -Blicke über die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses -hinauf. Niedrige, weite Kontorräume, Holzladen an den Fenstern. -Hinter den Pulten Männer; an der Wand junge Mädchen in schwarzen -Schürzen; sie spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm. -</p> - -<p> -Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut -auf und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen sich -an, sagten laut zueinander: „Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt -aus.“ Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hörbarem Gähnen -zu seinem Nachbarn: „Das Großstadtleben bekommt einem auf die Dauer -nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.“ Aß zum Frühstück -einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaßten Zwicker auf, -schrie ein engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er den Durchschlag -zerrissen vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf, maulte, -plärrte laut los, die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet verlängerte -der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum. -</p> - -<p> -In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie -gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr -leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem, -rauhem Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte -nochmals. Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen -sich lächelnd an. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit -den Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie -versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flüsterte -eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte, -pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem Pult, -um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches „Ja, -ja“ zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -ausgefülltes Gesicht in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit Bindfäden -verschnürt von den Ohren her. -</p> - -<p> -Antonie Kowalski war ein rundes, ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug -große unechte Ringe in beiden Ohren, an den feisten Armen breite metallene -Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige -Mauer trennte beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer -Mutter. Die Frau, eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis -saß, eine Liebschaft mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. -Als der Ehemann nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam -und die einjährige Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus -der Wohnung. Sie zogen in die Brunnenstraße, in eine Dachkammer. -Antonie wuchs als ein jähzorniges, leidenschaftliches und zärtliches Tierchen -auf; nur daß sie in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller -und leidend wurde, sich verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um -den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals -spätabends mit dem Zigeuner in der Küche, als ihr der branntweinduftende -Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien, an das -Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flügel weit aufgerissen, so daß -plötzlich das prallweiße Mondlicht hart über Diele und Tisch fiel. Sie -fuhr einen Augenblick geblendet zurück. Der rasende Mann warf sie schon -auf den weiß bestrahlten Boden, riß ihr keuchend die Röcke ab, und -so wurde sie seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im -Schlaf, wenn der Mond vor ihr Fenster trat. Oft saß sie abends am -Fenster, hatte die Augen offen; die Mutter mußte sie schütteln und laut -anrufen, ehe sie den Blick herdrehte und aufstand. -</p> - -<p> -Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin -an der Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe -und warum er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. „Hier sind zwei -Billetts für das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -drin im Saal.“ Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, -lief über den Kohlenhof. -</p> - -<p> -Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder -an seinem Pulte saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel -lief ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: -„Was nun?“ Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die -Straße und ging statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die -Liebenwalder Straße, Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum -grünumsäumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb -Berlin und zurück. Vom Kontor machte er sich abends im schäbigen Gehrock -auf den Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mädchen hinter -ihm kicherte, fuhr er nach Hause, parfümierte sich im Tennisanzug. Mit -Tränen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der -kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so stöhne, wie ein Bär stöhne. -</p> - -<p> -Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war -nicht an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die -Stimme des Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen -Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade -am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin -das Fräulein im Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf -ihn zu, stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. „Da wären -wir also, kleine Krabbe,“ sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen -mit Kennerblicken. -</p> - -<p> -Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die -schwarzen Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn -gekämmt. Der große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken -gesunken, so daß das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite -Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht. -Schweigend standen sie sich gegenüber, dann legte sie ihren bloßen prallen -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Arm in seinen und zog ihn mit ehrfürchtigen, zärtlichen Blicken zum Saal -hinaus in den lampionbeschienenen Garten. -</p> - -<div class="centerpic w80"> -<img src="images/036.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die -Karussels dudelten. Herr Valentin hob keck den Samthut zurück, zündete -eine Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen. -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Mit überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte seinen -rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier -vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte -begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich -mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer -Pause neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange, -faßte sie ihn zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch -seinen Körper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: „Ach Gott!“ -Der Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: „Fräulein, -ich habe heute mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben -gewesen sein.“ Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange, -seufzte verschämt: „Sie müssen was dagegen tun, Herr Priebe.“ Er -rutschte nach einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand -leichenblaß da. Sie kam nach. -</p> - -<p> -In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: „Was soll -daraus werden? Was ist denn, was ist denn?“ Der Vater schrie aus -der Nebenstube: „Immerfort kracht dein Bett. Wer soll dabei schlafen?“ -Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude -schön gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er -vor einem laden in der Chausseestraße, betrat als erster Käufer das Geschäft, -erstand für achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück -eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten -und einen Kranz hielten. -</p> - -<p> -In der kühlen Fasanen-Allee traf er sich abends mit der kleinen Polin. -Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Riß das Papier -ab, sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb -sie vor der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich -auf die Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte -ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -dem weißen Federhut zurück und hielt es für angebracht, ihr unter schlüpfrigen -Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine Hand -weg, nahm seinen Kopf, küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen -sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, während er sie oft losließ, -an einem Baum lehnte und mit einem Gelächter losplatzte, das sie stutzig -machte; schließlich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber -warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum -schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schönere versprach. Am -Gitter des nebligen Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem Gesicht: -„Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an?“ -</p> - -<p> -Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von -einer exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von -einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den -sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne deswegen auch nur mit der -Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen genötigt, -mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das -sei lächerlich für sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin. Dann fuhr -man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune, -freudig über sich erstaunt, lud sie immer zu neuen Lokalen ein, die er -aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer jämmerlichen Rumpeldroschke, -tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren von Café zur -Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten sie im Café Minerva, um halb -vier torkelten sie untergefaßt in das Café Greif, Elsässerstraße. An -einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu Valentin, er sähe aus wie -der keusche Joseph; er sank über den Schoß einer alten Vettel, die ihr -Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand, sie wäre so zärtlich wie seine -letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib auf, packten beide -in eine Droschke, tobten hinter dem langsamen Fuhrwerk mit Schirmen -und Hüten her. -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor. -Sein Gesicht hatte in manchen Minuten etwas wie Versteinerung. Er -war erschüttert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen -war, wütete gegen die Kollegen, hätte sie um Gnade bitten mögen. -Abends blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel -und kläglich. Antonien übersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem -Kohlenhof „Adieu“ sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreußen pflegen -sollte, meinte er nur: „Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Fräulein, -— dann, dann reisen Sie nur.“ Er ließ sich gehen, bürstete sich nicht -ab, lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren. -</p> - -<p> -Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte -Valentin seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten -Flanierzügen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine -gelle, herrische, aufgeregte Stimme; seine Augen blutunterlaufen, wie -bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der -Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche Bewegung entstand -in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlaßte, alle Augenblicke -„gluck, gluck“ zu machen, dabei den Kopf nach vorn wie eine Gans -zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem Erstaunen -zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat mit fleischigen -Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe, schnüffelte, -während er in seinem Notizbuch kritzelte: „Müssen sich mal bei dem -schönen Fräulein erkundigen, das <a id="corr-9"></a>Sie vor ein paar Wochen besucht haben, -hähä; die wird’s wissen.“ Er hörte schon nichts mehr. Er sprang mit -inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er -prustete auf der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich überkommenden -Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauerstraße; -ob etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles wieder -gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und -dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen -Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an -einer Dame vorüberging. „In dieser Gesellschaft wären wir also zu -Hause. Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur -Sohle.“ Er hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden -der Roués, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man -kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lächelte in tief befriedigter -Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: „Wir -haben unsere Bewegungsfreiheit wieder.“ -</p> - -<p> -Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der -Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung -degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie -latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage, -warum er so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie -Berlin mancherlei Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie -belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette -angezündet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, -gab er brockenweise von sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei; -man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <a id="corr-10"></a>besonders Frauen -gegenüber, man hört ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie -hatte tränenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht. -Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde -sich die Sache überlegen. Dabei klopfte er den Schnee vom Rock ab, den -sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte. -</p> - -<p> -Abends im Humboldthain hatte er vor ihrem verfrorenen Gesicht -ein so demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie -ein getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, -wie ein Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -der Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner -Schulter, bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen -war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der -Stadt zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen, -umarmte ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald -trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, -ein fast glücklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung -gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte, getrieben durch die -hellen und engen Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem -Geigengesang der Cafés, auf Knien, die weicher und weicher wurden -und ihm wie Wachs wegschmolzen. -</p> - -<div class="centerpic w80"> -<img src="images/041.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal -zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; -da trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. -Sie hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; -auf dem Kopf eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt -sie an ihn heran; öffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen -Lippen, ging vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie -sprachen vom Geschäft, vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern -stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim -Abschiede konnte er einmal ihren unverständlichen Blick fassen, den sie auf -die Seite drehte. -</p> - -<p> -Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es -ihr ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte: -„Gut“; vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten. -</p> - -<p> -Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. -Er schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu -Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als -sie ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines -Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien -abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie wollte -nicht auf die Straße gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als -die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte -er sich ihr gegenübersetzen; nur daß er sie berührte, duldete sie nicht. -Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher Trieb kam über sie, -sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll -um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. -Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie völlig und warm an. -Sie lächelte zur Mutter: „Geh du mit aus.“ Die faßte sie bei den Ellbogen: -„Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen.“ -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. „Ich freue mich allein -viel mehr mit meinen schönen Sachen.“ Und wirklich saß sie oben in -den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und strahlend; -sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war sichtbar. Sie war -viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte sie im Zimmer -herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. Sie gönnte sich -feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit -bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe zusammen, eine -sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie eine Hand, zeigte -sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie ein. -</p> - -<p> -Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half -der Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin -wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete -ihn leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken. -</p> - -<p> -Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, -sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so -wilder fuhren ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie -beschattete ihre hellen Augen: „Ich will ihn wieder lieben können. Ich -kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.“ -Am Abend hatte er einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich -geöffnete Gesicht stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: „Küß mich, -küß mich!“ „Nein, ich darf nicht, ich darf nicht.“ „Der Arzt geht mich -nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig -machen.“ Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippen -fest. Und dann biß er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand -sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen. -</p> - -<p> -Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den -Kopf schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem -Bett gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -streicheln: „Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschäft.“ -„Hast du dich mit Valentin vertragen?“ -</p> - -<p> -Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder einschliefe, -sagte Antonie: „Ich denke schon.“ -</p> - -<p> -Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie -mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der Brunnenstraße -und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin davon. Sie -stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends an dunklen -Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten. -Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés von Männern -begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen -Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. -</p> - -<p> -Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns -bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd -bei völliger Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden -Mutter vorbei über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte, -vorsichtig setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte -zu der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: „Nimmst du mich -mit? Du bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht -lieb zu mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause -setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man -so schön sein wie mit mir?“ -</p> - -<p> -Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster -rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos -zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief. -</p> - -<p> -Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er -kam heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten, -sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. Und -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster -würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort -war, stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit -Seife, so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. -Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Küche herein: „Bist -du da, Toni?“ „Willst du die Toni sehen, Mutter?“ Und während die -Frau mit der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, -die Puppe, tränenübergossen hin: „Das ist die Toni. Das ist meine kleine, -süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?“ Sie -lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/045.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem neueröffneten -Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; in -ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine -Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden -Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da -drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit -zwei Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr -tänzelte graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor -oft zum allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch -stand malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Es war Priebe. -Antonie ging taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich, -die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte -Herr griff mit feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne; -im Vorübergehen stotterte er: „Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr -braucht euch vor mir nicht zu fürchten.“ -</p> - -<p> -Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig -Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe -sagte, den Schlager: „Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.“ -Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -kam in dem grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit -schwarzem losen Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, -schob sich im weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. -Tappte mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße -Füße; an ihrer Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines. -</p> - -<p> -Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: „Ach, wenn das der -Petrus wüßte.“ -</p> - -<p> -Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht, -blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, ausgestreckte Beine ohne -Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte -gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte saftvoll dick -und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, weiß; -auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen. -</p> - -<p> -„Es ist einer aus dem Fenster gefallen.“ Die fünf bewegungslos. -Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. „Wo war das?“ gellte ein -Fräulein; die rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen -nach. „Ich kann so was nicht sehen,“ murmelte Herr Priebe, „mir wird -ganz schlecht; ich leg’ mich schlafen.“ Im Hause klapperte es, wurden -Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen -wäre, zitterte die Treppe hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis -über die Ohren ein: „Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen; -ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.“ -</p> - -<p> -Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie -und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen -in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen -alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre -Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. „Da ist nun der -Lumpen. Kommen <a id="corr-11"></a>Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.“ Valentin -riß die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor sowas aufmachen -könne. Das Kind bockte: „Gerade machen wir die Tür auf.“ -</p> - -<p> -Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im -Bureau, wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen -des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne -sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer -Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, -man habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen, -natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei -Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, -Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In -einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur -Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels -anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel -er den scheckigen Lumpen, pfiff: „Wir haben uns mit solchen Sachen -aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopfe haben.“ Trostlos -und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz -vor der Tür schlug. -</p> - -<p> -Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: „Sie werden die -Sachen schon überwinden,“ meinte er mit schiefem Grinsen: „Wir haben -Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den -Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder -zu Haus sein.“ Und er sang so schön: „Wenn das der Petrus wüßte,“ -daß die Wirtin mit dem Kopf nickte: „Gott, haben Sie eine Stimme, -Herr Priebe.“ -</p> - -<p> -Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: „Der Landaufenthalt -ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.“ -</p> - -<p> -Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für -elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. -Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen -über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor -dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen. -</p> - -<p> -Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er -kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem -Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde -abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. -Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels, -schniefte gehässig: „Den Dreck werd’ ich dir. Dich rausholen. -Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.“ Der Deckel -schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel -zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch -am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, -bewegte sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: „Zeitversäumnis! -Gemeiner Ulk!“ Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe -auf der Diele, fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, -zappelte, kam vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am -Spind, schlüpfte in den weißen Mondschein, glitt leicht gegen die Tür. -Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. -</p> - -<p> -Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten -Schädel, schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz -das feine Geschöpf grade über das finstere Geländer. -</p> - -<p> -Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen, die Jacke unter dem linken -Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: -„Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?“ schlich -schon die Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch -den langen Hausflur stolperte, flüsterte er: „Du, du, halt, bleib doch -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -stehen. Ich — ich hab’ nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.“ -</p> - -<p> -Nach, nach. -</p> - -<p> -Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie -im Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. -Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er -schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner. -</p> - -<p> -Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie -ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf -ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort. -</p> - -<p> -Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden -Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: „Ich -will ja ehrlich sein.“ -</p> - -<p> -Höhnend kam es herauf: „Willst du das, willst du das?“ -</p> - -<p> -„Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab’ ich schon ausgehalten.“ -</p> - -<p> -„Noch nicht genug.“ -</p> - -<p> -Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. -„Was hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.“ -</p> - -<p> -Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte -in den Wind. „Ich verlier’ meinen Hut.“ -</p> - -<p> -„Brauchst keinen Hut.“ -</p> - -<p> -„Meine Jacke, meinen Kragen.“ -</p> - -<p> -„Kannst nackt kommen.“ -</p> - -<p> -Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: „Ich will -nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd’ ich doch mal den kleinen -Lorenz fragen, was er dazu meint.“ -</p> - -<p> -Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert. -Valentin brüllte, warf sich: „Keiner hilft, keiner hilft.“ Die Puppe hielt -ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen -in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren -Bäumen. -</p> - -<p> -„Hi, hi, hi!“ würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: „Nimmst mich -mit zu Lorenz?“ -</p> - -<p> -Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine -Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das -Wasser. -</p> - -<p> -Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. „Ich sterbe -schon, laß mich los.“ Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem -sie sich unter das Wasser drückte: „Es fängt erst an! Verlogener Hund!“ -Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. -„Verfaulen sollte ich dich lassen.“ -</p> - -<p> -Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="DER_RITTER_BLAUBART"> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Der Ritter Blaubart -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="tit"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Der Ritter Blaubart -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">inter</span> der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her -umsäumte, zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen -Kiefern und Strauchwerk besetzt. Kein Weg führte aus dem -Durchbruch der Stadt gerade hindurch zum Strand, der kaum zwei -Stunden entfernt war; eine Kleinbahn umfuhr die Einöde in weitem -Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und -steif wie Leim; Ratten und Kröten hausten hier; öfter stieß ein Häher -durch die Luft, schlug ein Weichtier an. -</p> - -<p> -Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und -unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See -hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört da; -Meer und Erde wandten sich von ihr ab. -</p> - -<p> -Diese Fläche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz -eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise -durch den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines -ersten Bootsmanns zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber -erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, -träumerisch, eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht -gebogenen Beinen des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff -scharf an dem Morgen, warf ihm die schiefsitzende Mütze mit einem glatten -Schlag ins Wasser, so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten -stand, die das böse Omen entsetzte. Seine Augen waren schräg gestellt, -standen dicht an der Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel -tief einsetzte. Die klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem -Mund von mädchenhafter Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er -ritt auf einem schwarzen Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten -Umweg nach der Stadt. Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann, -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -den er suchte, eine mit Andenken und allem Nachlaß des Toten, die andere -mit japanischer Seide und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden -blieb er in der Stadt. Dann trabte er pfeifend und lachend, seine Mütze -schwenkend, allein zurück, unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch -die Ebene. -</p> - -<p> -Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag. -Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen -sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben. -Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos -auf der weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und -über mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt -auf einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen -glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte -Schulter war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre, -trug ihn schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen -in die Stadt fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht; -er schien nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die -Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck -annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr -in die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos -wimmerte. -</p> - -<p> -Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann, -entließ die Leute und zog in die Stadt. -</p> - -<p> -Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit -keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen -Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die -einen Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte -nun und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt -auf der Chaussee langsam zum Meer. -</p> - -<div class="centerpic"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a><img src="images/057.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der -Stadt ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen -dann beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten -Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister -brauche sich nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es -solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <a id="corr-12"></a>festlichem -Schmuck, denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen. -</p> - -<p> -So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der -Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend -an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den -Felsen, der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die -Zimmer ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten -sie auf, mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der -Einöde erhob sich das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln -der Städter. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten -gefüllt waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß. -Sie erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes, -kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie -früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der -Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen -Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das -zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, -als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür -einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie -lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor -ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen -sie gegangen war. -</p> - -<p> -Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. -Keine Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten -einer schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden -Frau. Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie -erlegen. -</p> - -<p> -Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man -lud ihn zu Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr -zur Jagd, beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte -versunken von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn -schwärmend, träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. -Er fuhr eines Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam -nach einem halben Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines -Schlosses, daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer -zu legen seien. Im Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden. -</p> - -<p> -Er kehrte zurück. Wieder führte er eine junge, fremde Frau auf sein -Schloß. Diese hat kein Städter gesehen. Eines Morgens lag sie im -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weißen Gesicht, eine -Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses. -</p> - -<p> -Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man, -wenn der finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorüberritt. Die -Kinder schrien vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst. -</p> - -<p> -Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges, hellblondes Mädchen, -sah ihm vom Fenster nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, -wenn die Männer grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie -weinte in ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schloß -und wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten -konnten dies nicht verhindern. -</p> - -<p> -Scharen von tobenden Menschen aber wälzten sich über den dunklen -Weg nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man -die Leiche des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses -nahe dem Weg zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schloß, -nahm den Baron in Haft. Das Gericht verfügte die Ausgrabung der -beiden ersten Frauen, die genaue chemische Untersuchung der drei Leichen -auf Giftstoffe. Die Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf -freien Fuß gesetzt. Das Volk streckte die Hände nach ihm aus, wollte -ihn zerreißen, als er zusammengesunken, den Revolver in der rechten -Hand; langsam nach der Heide hinausritt. -</p> - -<p> -Von nun an mied er die Stadt völlig. Hauste allein in der Heide. -Nur sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück. -</p> - -<p> -Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes -Horn blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann -durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt -logierte sie sich ein. -</p> - -<p> -Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schloß. -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre. Fragte zum -dritten, wo sie ihn sehen könne. -</p> - -<p> -Bei den Rennen, morgen in Stirming. -</p> - -<p> -Frühmorgens rüstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock. -Auf dem Polster schaukelte Miß Ilsebill. -</p> - -<p> -Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten -in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau. -Es wehte sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die -Rennbahn, füllten die Tribüne um den weiten, grünen Rasen. Lärm der -Stimmen und Gefährte brauste, ein Riesenvogel über die leere Fläche. -</p> - -<p> -Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei -sanfte Schimmel zogen den offenen blauausgeschlagenen Wagen durch -den knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, -eine weiße Feder wehte in den bloßen Nacken. Glitt durch die hölzerne -Sperre auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge. -Ihre tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und -Gegenstände, wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß -lächelnd da. Kaute Schokolade. -</p> - -<p> -Baron Paolo lehnte an der Stange. Er sah mit Vergnügen die weißen -Pferde antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden -Augen. Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, -ging er die vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich -durch die Menge, trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie -ein Araber auf. Beugte seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte. -</p> - -<p> -Calvello hieß der Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig -hinter dem Rudel. Schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke -kam. Miß Ilsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn -auf die Hand, jauchzte über die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren -dicht am Ziel: da legte sich der blauweiße Jockey dicht an das Ohr des -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Pferdes, flüsterte: „Calvello, ho, Calvello.“ Das Tier senkte den Kopf, -flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte. Der Lärm der Menge -rauschte über sie. -</p> - -<p> -Kaum das Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf, lud den schweigenden -Mann zu einer Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch -die Wälder im Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er der Baron -Paolo di Selvi sei, daß er durch sein Geschick hierher verschlagen sei und -drüben in der Heide wohne. Sie erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er -hätte auf seinem Heideschloß drei Frauen verloren, und sie trauere über -sein Geschick. -</p> - -<p> -Worauf er einen trüben Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; -der Groom aber riß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee zurück, -auf den geraden Weg zur Heide. An der Wendung der Schloßallee verengerte -sich der Weg. Paolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die Pferde -sträubten sich. Er stieg aus und riß sie vor. Unter Peitschenhieben zogen -sie an, sie schnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt die Leine straff. -</p> - -<p> -Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach -des Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht -im weißen Hut. Eingefallen waren seine braunen Wangen und -seine Schläfen, seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur -sein Mund rund und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung -kamen sie vor sein Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied -die Hand. Miß Ilsebill stieg aber aus und bat sich bei ihm zu Gaste -auf ein paar Tage. Sie wollte ihn pflegen und mit schöner Musik erheitern. -Sie bezog die Zimmer des Damenflügels. -</p> - -<p> -Sie ritten morgens und mittags aus. Ilsebill sang und spielte vor -ihm in den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder. -In ihren Augen war ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -tanzte. Ihr schwarzes Haar hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit -den blitzenden Zähnen festhielt. -</p> - -<p> -Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, -später warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen -Augen zu, hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. -Seine Stimme wurde heller, sein Gang rascher. -</p> - -<p> -Und als sie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in ein ungefüges -Weinen aus. Sie wollte wissen, was mit ihm sei, sie wollte ihm helfen. -Er aber nahm ihre beiden gelbweißen heißen Hände, legte sie auf seine -Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets flüsterte. Sie hing an -seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter sprach und schrie, was -sie nicht verstand. Schon war er wieder still und sanft, geleitete Miß -Ilsebill in ihr Zimmer. -</p> - -<p> -Und am Abend schlich sie sich, indessen der Baron im Herrenflügel -schlief, allein trotzig und finster an die Tür des verschlossenen Zimmers, -in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an dem Holz, stemmte sich -seufzend mit der Schulter an; das Schloß hielt fest. -</p> - -<p> -Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mutter Gottes -um Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen, schob ihn, -den Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr -Arm schmerzte. -</p> - -<p> -Lautlos sprang die Tür auf. Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes -Tuch geschlagen, hob die Kerze. Es war ein schmales, freundliches Gemach, -mit zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt. Der -rohe, zackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar -in dem unsicheren Lichte. In seiner Nische über dem Boden stand das -grünbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß Ilsebill -tänzelte freudig über den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -schwachen Blumengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war in dem -heimlichsten Zimmer. Grüne japanische Seide hing von der Decke herab. -Bilder und Tapeten lächelten ruhevoll und sanft. Die sonderbare Klippe -schimmerte wie ein spielerischer, phantastischer Einfall. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/063.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Sie legte leise die Tür an, sprang auf das Lager, lag träumend stundenlang, -schlüpfte frühmorgens wieder durch die Korridore auf ihr -Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig die schweren Riegel -herabgeschoben hatte. „War nichts geschehen, ist mir nichts geschehen,“ -seufzte sie glücklich vor sich hin. Glitt nun Nacht für Nacht hinüber -in das Felsenzimmer, dort zu schlafen. -</p> - -<p> -Des Tages aber fand Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens -und Lockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen, -schlüpfenden Augen schlug öfter ein greller Blick zu ihm. Und als sie -einmal unter den fünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte und -er lachend über ihre tollen Sprünge ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre -Schönheit vor ihm hin und bettelte an seinem Hals: „Ich bin Ihr Eigen, -Paolo.“ „Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie das?“ Und sein Blick -war nicht grell und heiß, sondern derart schwermutsvoll, fragend und -ohne Trost, daß sie von ihm abwich, die Schleier um sich warf und aus -dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, -daß er die blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes Glück versenkte. -</p> - -<p> -Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie -oft auf den Armen und betete, manchmal in die starken Knie sinkend, in -fremder, harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur -selten nahm er ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn. -</p> - -<p> -Welche Kleider trug Ilsebill mit feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe -hingen aus ihrem blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide -in dem Felsenzimmer trug Miß Ilsebill. Grüne Blätter lagen auf ihrem -Haare und waren eingeflochten in drei dichten Zöpfen. -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten zusammen, sie saßen oft -am Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen sprühten. -</p> - -<p> -Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und -als Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte, -daß sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn -sie einen Arzt kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas -krank. Paolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen -Augen: was ihr denn fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises -Scharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges -Streifen, Rieseln und Scharren. Als liefe ein Tier über Sand und bliebe -immer wieder schnaufend stehen. Es sei so fein, daß es wie ein Pfeifen -klinge. -</p> - -<p> -Er stand am Fenster und blies gegen die Scheibe. Fuhr mit rauher -Stimme heraus, es sei kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich -zerstreuen; sie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. -Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde -seien nur schwer den Weg hierher gelaufen, und jetzt: wo fände sie Pferde, -die sie zurücktragen würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich -umgedreht, seine Stirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte, er -klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie -doch nicht. Er wolle kein Weib und keinen Menschen und nichts. Er -hasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen. Sie solle gehen, oh sie -solle gehen. Ein Messer wolle er ihr gleich geben, damit solle sie sich -ihre Krankheit aus dem Herzen schälen. -</p> - -<p> -Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er auf -sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll -und ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen -ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn; -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem -Kleid. -</p> - -<p> -Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus. Sie -streifte bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue -Steine mit, auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem -Wege sprach sie in der Vorstadt einen alten Bauern, der erzählte, der -Baron habe sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Er -schüttelte den Kopf, als sie sagte, sie wohne in dem Schloß. Ob sie denn -nicht wisse. Das mit dem Schloß, mit der Einöde, mit dem Felsen, -dem Sumpf. -</p> - -<p> -Was denn damit sei. -</p> - -<p> -Habe sie nicht auch schon das Scharren und Kratzen gehört. -</p> - -<p> -Kratzen? Kratzen nicht. Aber was sei damit. -</p> - -<p> -„Ja, da liegt ein Untier, ein Drache. Das liegt da auf dem alten Meeresgrund. -Das alte Meer hat es nicht mit fortgeschwennnt. Ein Unglück -ist es, eine Gefahr für die Menschen, die heute leben. Es braucht Menschen.“ -</p> - -<p> -„Nein, lieber Bauer.“ -</p> - -<p> -„Nein, Miß Ilsebill. Warum sagt Ihr nein? Habt Ihr die Portugiesin -gekannt und dann die andere und dann die von unserem Ratsherrn. Das -waren drei Menschen. Drei, von denen wir wissen. Es sind viel mehr.“ -</p> - -<p> -„Und jetzt wird es mich holen.“ -</p> - -<p> -„Wer weiß, Miß Ilsebill. Wen der Drache anfällt, der muß ein gerade -gewachsener Mensch sein. Ich kenne Euch nicht. Laßt Euch nicht in Versuchung -führen. Die Heide ist ein Unglück. Man muß stark im Glauben -sein. Und frei von den bösen Gelüsten. Ein schweres Ding. Den Ritter -hat der Drache fast zerrissen, die Frauen hat er getötet.“ -</p> - -<p> -„Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide?“ -</p> - -<p> -„Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglück. Er sollte -wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht.“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Sie hörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange. Sie spielte auf -ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter -Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so -laut scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen, schüttelnden -Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in der -Stadt. Der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten unterhalten. -Es sei ein seelenkundiger Mann. -</p> - -<p> -Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter -auf das Schloß. Sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, -den Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben. -Denn es scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und -raschele und sie zu verschlingen drohe. -</p> - -<p> -Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein -schlanker junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen. -Er fuhr über sie mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen, -über ihre Bilder gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust -dazu in der Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills -letztem Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und -lachte mit einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden -Tiere. -</p> - -<p> -Sie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die -dämmrige Heide hin. -</p> - -<p> -Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie selbst. Wahnsinnig und eine -Leiche sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mögen -alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden. Sie -kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. -</p> - -<p> -Sie streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an. Sie wolle -wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und -immer küssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter. Trällernd -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -riß sie ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen -seine Lippen. -</p> - -<p> -Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill -ihr schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze -in die Hand und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie -wollte zum Schluß die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht -und Nebel verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der -Dichter zur Flucht besorgt hatte. -</p> - -<p> -Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen, -kamen Schritte. Die Scheite ließ sie über die Knie leise zu Boden gleiten. -Es war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden -stellte, sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die -schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die in -ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, -schlüpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren -Gesichts. Seine schräggestellten Augen strahlten über sie gar eine Dankbarkeit, -sein Mund näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und küßte -sie. Er sagte, sich von ihr lösend, er ginge noch heute in die Stadt. -</p> - -<p> -Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen, sie war verwandelt, -eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das -Kreuz in beiden Händen hoch. Sie richtete sich auf. Die Scheite ließ -sie liegen. Sie mußte über den Gang. Sie mußte nach der Tür. Sie -mußte in die Kammer. Hart war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. -Hinter dem Kreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und kasteiend. -Den Riegel schob sie hoch. In der Kammer ging sie händeringend auf und -ab, schlug sich die Brust, schlummerte auf dem weichen Teppich ein. -</p> - -<p> -Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, lautes Rufen -einer Männerstimme: „Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!“ -Richtete sich auf. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender Mund her. -Der Felsen sprang auseinander, aus der Höhle strömte das Wasser, -wälzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit zahllosen -ringelnden Fängen; aus dem Leib schlug eine zitternde, blaurote -Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie -nicht; da schrie sie gell und wahnsinnig: „Paolo, Paolo.“ -</p> - -<p> -Das Untier zischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie schlug -in Todesangst gegen die Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß -ihn herunter, schleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halbumfallend -fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den versengten Händen um sich -schlagend, über die stummen Gänge. Blieb vor ihrer Zimmertür liegen. -</p> - -<p> -Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich -aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, -band sich die Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen -aus dem Hause, durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide, -bis da, wo die Birken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. -</p> - -<p> -Hinter ihr tobte es. Vom Meere her kam ein Donnern und Bersten. -Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand durchbrach die Dämme -und Deiche, setzte rollend und schäumend über die verwunschene Ebene, -bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehört hatte, dazu das graue -Schloß. Das furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den -Berg heran vor der Stadt, auf dem die Birken standen. Ilsebill wanderte -auf den Berg. -</p> - -<p> -Und wie sie zwischen den Bäumen ging, stieg der Nebel in den Wald. -Aus einem Baume, an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein -feiner, feiner Rauch, der süßer als Flieder duftete. Er legte sich um -die wandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die Falten eines -weiten, duftenden Mantels. Sie sah keinen Schritt vor sich und keinen -Schritt hinter sich. Und als sie merkte, daß der Mantel der Mutter -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie ein zages Mädchen. -Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem Schritt: „Ich möchte -doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch die Blumen noch -sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, sei -gut zu mir. Ich sehe, du bist gut zu mir, wie ich zu dir bin.“ Ihre Lippen -blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie sich auf. Verschwand -in dem feinen Nebel, der über die Birken zog. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/071.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein -schwarzer Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der -Stadt her. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe -stand, schäumte meilenweit vor ihm das graue tobende Wasser und kein -Weg und kein Schloß. Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, -ging zwischen den Birken. Ein winziges goldenes Kreuz hing an einem -Baum; um den ging ein süßer Geruch herum. Er zog den weichen Hut, -kniete nieder und legte die Stirn an die Rinde: „Große Angst hast du -uns beschert, holde Mutter Gottes; große Liebe hast du uns beschert, -du holde Mutter Gottes.“ -</p> - -<p> -Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -des Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen -Jahren wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als -Führer einer Freischar gegen die heidnischen Indianer fiel er damals -mit seiner ganzen Mannschaft bei einem heimtückischen Angriff. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="DIE_SEGELFAHRT"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Die Segelfahrt -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="tit"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Die Segelfahrt -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die -geschmückten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten -und gingen aneinander vorüber. Unter dem Widerschein des unermeßlichen -Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Das -unablässige Brausen des Meeres rollte von den Steindämmen zurück, -schwoll wieder an, schwoll immer wieder ab. -</p> - -<p> -Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmückten -Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. -Er hielt den Kopf gesenkt wie überrieselt vom Badewasser; seine vollen -Lippen waren feucht. Die schwarzen, weißdurchzogenen Haarsträhnen -fielen über seine Ohren. Er bog den Kopf mit dem Kalabreser nach -rechts und links, um dem Anprall des scharfen Windes zu begegnen. -Er streifte ab und zu mit einem freudigen Blick das graugrüne Wasser. -Sein gelbbraunes schwammiges Gesicht zuckte, die Augen, die in grauen -Höhlen lagen, schimmerten; er spürte den feinen Luftwirbeln nach, die -um seinen bloßen Hals fuhren, das graue Schläfenhaar anhoben und -gegen seine Wange mit feinen Stiletten anschwirrten. Er fror leise; -blickte an seinem weißen Vorhemd entlang, über das weißer Sonnenschein -floß, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, daß sein -Blick vielleicht Schatten werfe. Er seufzte, drängte sich tiefer in die -Menschen. -</p> - -<p> -Das Schüttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der -ihn gestern von Paris an die See getragen hatte. -</p> - -<p> -Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht -aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen -Glück; plötzlich seiner achtundvierzig Jahre gedenk. In Paris hatte er -vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Säle, die -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -bestialischen Tänze ertragen: dann warf ihn eine schwere Lungenentzündung -hin; er lag aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er am Sonntag -das Haus verließ mit schwachen Knien, schlug er den Kragen seines -Loden-Capes hoch, bestieg eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen Tag -schlich er gebeugt durch das tote Brügge. Dann raffte er sich auf, jagte -in der Julihitze nach Ostende. -</p> - -<p> -Er hob den Blick vom dünnen Sande, der unter seinen Füßen wegzog. -</p> - -<p> -Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter -<a id="corr-16"></a>breitrandigem, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht -jungen Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig. -Er hörte noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme. -</p> - -<p> -Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem -Augenblick hörte der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach -mit einer alten Dame, die sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in -den Nacken; eben als er über ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer -Überwurf auf dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weiße Hut wippte -über der Menschenmenge, verschwand um eine Ecke. -</p> - -<p> -Copetta schlenderte in ein Café, löffelte eine Schokolade. Das Meer -rollte unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der Sandkörnchen; -der Wind warf mit dünnen Stiletten. -</p> - -<p> -Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer -in einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech -wehte die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus -Schritt um Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick -wieder vor ihm zurück. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht -war schmal, die Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen -unter den dünnen roten Brauen blickten bestimmt und nüchtern, über -der Nasenwurzel hatte sie Sommersprossen, von den Augenwinkeln -zogen sich Fältchen. Ihr Gang schwebte. -</p> - -<p> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen, -schlenderte weiter. -</p> - -<p> -Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte -in die Hand nahm, fiel ihm ein, daß er heute dreimal eine Frau -gesehen hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal -eine Frau, schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. -Still schob er seinen Hut zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vorsichhinstarren -zog er seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in -die Villa, in der er sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mädchen -ab. Als er wieder die Meerluft an seinem Hals fühlte, fragte er sich, -wozu das eigentlich gewesen war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür -hinter sich zu, warf sich im finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, -zerriß die Bilder seiner Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten -Trauring ab, hing ihn über die Schere, hielt den Ring -über die brennende Kerze. Die Steine verkohlten; die Schere wurde -heiß; er ließ sie fallen. Wühlte mit beiden Armen in zwei großen -Eimern mit Meersand, die er sich auf sein Zimmer hatte bringen lassen, -stand ächzend auf, bestreute den Boden und Teppich blind mit Sand, -fluchte leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht -hatten. Schlief auf seinem Sessel ein. -</p> - -<p> -Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, -tief die scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloß, stand -vor ihm das Bild der gehenden Frau, sehr schmales, verwelktes Gesicht, -ein klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn -bitten lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dünne Decke -von seinen Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt -schwerfällig, die Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen herunter, -über die leere sonnige Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstöckiges -Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -dunklen Korridor, klopfte leise an die Tür, an der ihr Name auf einer -Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er riß die Tür auf. -</p> - -<p> -Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke -nach der Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berührten -mit feinen Zehen eben den Boden, ein sehr schmächtiger, strenger Körper -richtete sich auf in einfachem <a id="corr-17"></a>bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales -Gesicht unter dem aufgelösten Haar. -</p> - -<p> -Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tür stehen. Sie -lächelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen. -Totenblaß, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden -auf. Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine nüchterne -Augen. -</p> - -<p> -Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer -Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen -hatte er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen -in der Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift, -schrieb auf dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh -kommen; sie machte unter ihren Namensbuchstaben L noch einen wunderlichen -Schnörkel, den sie fast eine Minute malte. -</p> - -<p> -Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide -entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden -Strand herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand -als sie sich nach ihm umwandte, daß es in seinen Mienen leidenschaftlich -zuckte. Ganz weißes Leinen trug er; er ging mit bloßem Kopf; die -linke Hand trug er im Gelenk verbunden; er sagte, er hätte sich gestern -Abend beim Fall über Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck -stieß er ein kleines Ruderboot in das Wasser, hob die Aufschreiende auf -den Sitz, sprang nach, ruderte gemächlich auf ein Segelboot zu, das vor -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -der Holzbrücke am Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler; -Copetta zog schon den Anker; ihre bloßen Arme hielten sich an der Steuerbank -fest, leise klangen die hölzernen Mastringe an, nach einem Zug -blähte sich das Großsegel; das Boot ging in See. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/079.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinein. -Über die scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der sich von -Augenblick zu Augenblick verstärkte und höher rückte. An dem starken -Morgenwinde flogen sie gleichmäßig hin. Nun hockte der Brasilianer -neben dem Großbaum auf den Planken, legte die Takelung fest. Wild -lachend richtete er sich auf, schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein -Lasso um seinen Kopf und warf es gegen sie; sie schüttelte sich umschnürt, -löste sich mit einem Ruck, schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften -Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden -an sich, sich über Bord gebückt, überschüttete ihr kaltes Gesicht -mit Meerwasser, warf, einen Fuß auf der Ruderbank, bis über die Ärmel -triefend, zwei volle Hände gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlürfend -mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <a id="corr-18"></a>aufblasenden Wind -ließen sie das Boot laufen, das anfing wie ein unruhiges Tier zu zittern. -Sie jagten sich über die Planken. Johlend sprang die Schmächtige auf die -Ruderbank und schlug mit den Fäusten gegen die Takelung. Sie riß sich -ihre dünne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund -mit den dünnen Lippen öffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen. -</p> - -<p> -Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bordrand; -erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener -Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Knie legte -und ihn neugierig betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre -aufstrebenden Schultern ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und -her. Die Wellen krochen über Bord, sie schlüpften wie kleine Hunde -sacht an ihnen herunter auf die Planken. Der Wind nahm an Stärke -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -zu. Das Boot legte sich stark über, das Kleid des Großsegels fing an -zu flattern, sie schossen in den Wind. -</p> - -<p> -Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr -triefendes Haar weg, das alte Mädchen suchte mit zurückgebogenem -Kopf nach seinem Munde, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust -hin. Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer -ein feierliches, glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte -steuerlos, Welle auf Welle rollten an. Copetta saß auf dem Bootsrand. -Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme auf, -legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das -Polster glitt zurück. Sie hörte, wie er etwas murmelte; sie sah noch -den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand. -</p> - -<p> -Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen -Schmerz in ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend -Hilfe, lange Rufe stieß sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden -Boot liegen. An Land erwartete man sie. Man wußte alles; Copetta -hatte ein Telegramm an die Behörde geschickt. -</p> - -<p> -Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa. -Dann sagte man ihr, daß sie sich mehrmals mittags im Speisezimmer -auf die Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Händen -in die Luft tastete. Daß das Hausmädchen von außen beobachtet hätte, -wie sie am hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich -um sich drehte. Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte, -packte sie mit dem Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid -an, verließ ihre Mutter, fuhr nach Paris. -</p> - -<p> -Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug -ihr rotes Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie -kam tagelang nicht nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war -ihr eine Lust, sich jedem Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Sie machte sich mit gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute -jeglicher Krankheit, die auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit -Gähnen und Inbrunst weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in -schwarzen Seidenkleidern in die strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war -voller geworden; die kleinen Augen glänzten unter dem Atropin. Die -jungen Männer nannten sie die Hyäne. Sie trug in die Ballsäle eine -sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz war ersichtlich aus einer eigentümlichen -Ungeschicklichkeit der Tänzerin entstanden, die sich schon bei -ihren ersten Schritten auf dem Parkett zeigte. Sie stieß jede berührende -Hand zurück, wiegte sich in den Hüften vor ihrem Partner nach rechts -und links, nur langsam wie ein Schiffer von einem Bein taumelnd auf -das andere. Dann umging sie mit plumpen Füßen ihren Partner und -jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte gefaßt, aber er sprang -vor ihren aufgehobenen Armen zurück, sie suchte ihn, sank über ihn hin -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ sich von ihrem Partner halb -tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden schleiften und sie die -Augen schloß. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/083.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote -zu einem riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange -den mächtigen Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie -warf die Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono -über die Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit -dem stark parfümierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine -Uniformmütze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine -Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches -Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: „Herrn Copetta, -Ostende, Hotel Estrada. Erwarten Sie mich morgen mittag. Bitte -Drahtantwort.“ Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die -Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden -schickte sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber Bastseide -an, fuhr auf die Bahn. -</p> - -<p> -Der Zug rannte lange Stunden der Nacht, rannte über Brüssel, Gent, -Brügge, schließlich Ostende frühmorgens. Sie rasselte durch die engen -bekannten Straßen der Stadt. Mit einmal leuchtete zwischen den Häusern -das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand aufgerichtet in der -rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem Hagel von -Stiletten überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh -und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrünen -Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hörte halb, -daß ihre Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben -sei. Ihr Gesicht war still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, -warum sie hier sitze und so lache, antwortete sie: „Doch vor Glück, liebe -Frau, wovor denn als vor Glück. Was erzählen Sie?“ -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte, -ihren weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag -in dem blinzelnden Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermeßlichen -Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Unablässig -brüllte das Meer, warf sich gegen die Steindämme und legte -sich platt hin. Sie drängte sich gewandt durch die geschmückte Menge, -schlüpfte in das Vestibül des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm; -er erzählte, der Herr sei vor einem Jahr etwa verunglückt auf einer -Segelpartie. Sie faßte sich an die Brust: „Auf diesem Meer?“ Und -dann drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, warf ein paar Zeilen -auf ein Blatt Papier mit ihrer Adresse, flüsterte ihm ins Ohr, er möchte -doch dies Blatt an sich nehmen; wenn der verunglückte Herr heute Abend -käme, möchte er es ihm sofort geben. Sie ging an dem Verblüfften -lächelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr -folgte, an, hörte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade -trinkend, mit strahlendem Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts. -</p> - -<p> -Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem -ungeheuren Wasser. -</p> - -<p> -Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte -schon ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut -gesetzt. Sie lief auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange -Strandpromenade herunter, die im blendendweißen Mondlicht lag. Dann -lief sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der -Sturm abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, -tanzte ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor, machte ihm lange -Nasen. Sie lugte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde. -Um zwölf Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie -entsetzt zusammen; es war schon ganz hell. „Er ist voraus.“ Sie huschte -die Tür hinaus, warf draußen johlend die Arme in die Luft, rief ihren -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Namen, tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe herunter. -Sie suchte die Abfahrtstelle, lief zu den Badehäusern. Da lagen kleine -und große Ruderboote. Keine frischen Männerschritte im Sand! Sie -zog die Schuhe und Strümpfe aus, warf ihren Hut an den Strand, -schürzte ihren Rock, zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie -ein, zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung zurückgeworfen, -dann fuhr sie sicher aus. -</p> - -<p> -Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen -fielen; weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen gebogenen -Wellenwände kroch ihr Boot, stürzte metertief, kroch unverdrossen weiter, -Sie suchte nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie auf den -Knien kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend über -das brodelnde Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen über -den Bord; wie der Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der -Atemlosen, die sich die Augen wischte. -</p> - -<p> -Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein wütendes -Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die Brust, -als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete. -</p> - -<p> -Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot. -Der Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf -die Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen -Anzug trug er prall auf dem Körper. Die weißgrauen Haare waren -dick inkrustiert mit Salz; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über -sein triefendes gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner, weißer -Sand und Muscheln rieselten von seinen breiten Schultern, floß aus -seinen Ärmeln. Er blies laut die Luft von sich, dann atmete er stiller. -Langsam hob er den rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend -von dem Boden erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie -fragend an, ihr volles frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren, -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -ihre kleinen lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt -und süchtig strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie stürzten unter -peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hörte ihr eigenes -<a id="corr-20"></a>entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. -Er senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen -die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie sah, wie er langsam den Kopf -ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich gerichtet, -sprang ihm nach. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/087.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd -und drückte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie zusammen -die nassen Wellen berührten, wurde sein Gesicht jung; ihr -Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen nicht voneinander; -ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an. -</p> - -<p> -Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeßliche graugrüne -Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen -an die jagenden Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über -sie. Sie wirbelten hinunter in das tobende Meer. -</p> - -<div class="backmatter chapter"> -<p> -Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als -zehnter Band der Reihe „Das Prisma“ im -Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin. -Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der -Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin. -Hundert numerierte Exemplare wurden -auf Bütten gedruckt, mit der Hand in -Leder gebunden und vom Autor signiert. -Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser -Ausgabe wurden vom Künstler signiert. -</p> - -<p class="number"> -Dieses Exemplar trägt die Nummer -<br /><span class="centerpic"><img src="images/number.jpg" alt="60." /></span> -</p> - -<p class="sign"> -<span class="centerpic"><img src="images/sign.jpg" alt="Alfred Döblin" /></span> -</p> - -</div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p class="pno_statement"> -Die Seitennummern der ganzseitigen Abbildungen und ihrer leeren -Rückseiten wurden entfernt. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... Spinnweben abzublasen, die von der <span class="underline">alten</span> Bibliothek durch die Luft ...<br /> -... Spinnweben abzublasen, die von der <a href="#corr-2"><span class="underline">Alten</span></a> Bibliothek durch die Luft ...<br /> -</li> - -<li> -... Radfahrer derart ängstlich, daß <span class="underline">er</span> ihn anbläkte. ...<br /> -... Radfahrer derart ängstlich, daß <a href="#corr-3"><span class="underline">der</span></a> ihn anbläkte. ...<br /> -</li> - -<li> -... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <span class="underline">krummen</span> Rücken. Die ...<br /> -... kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, <a href="#corr-5"><span class="underline">krummem</span></a> Rücken. Die ...<br /> -</li> - -<li> -... Am Montag zwängte er sich in <span class="underline">feinen</span> Omnibus, rollte zum Wedding ...<br /> -... Am Montag zwängte er sich in <a href="#corr-6"><span class="underline">seinen</span></a> Omnibus, rollte zum Wedding ...<br /> -</li> - -<li> -... schönen Fräulein erkundigen, das <span class="underline">sie</span> vor ein paar Wochen besucht haben, ...<br /> -... schönen Fräulein erkundigen, das <a href="#corr-9"><span class="underline">Sie</span></a> vor ein paar Wochen besucht haben, ...<br /> -</li> - -<li> -... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <span class="underline">besondern</span> Frauen ...<br /> -... man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, <a href="#corr-10"><span class="underline">besonders</span></a> Frauen ...<br /> -</li> - -<li> -... Lumpen. Kommen <span class="underline">sie</span> doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.“ Valentin ...<br /> -... Lumpen. Kommen <a href="#corr-11"><span class="underline">Sie</span></a> doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.“ Valentin ...<br /> -</li> - -<li> -... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <span class="underline">festlichen</span> ...<br /> -... solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem <a href="#corr-12"><span class="underline">festlichem</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">breitrandigen</span>, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ...<br /> -... <a href="#corr-16"><span class="underline">breitrandigem</span></a>, weißem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ...<br /> -</li> - -<li> -... richtete sich auf in einfachem <span class="underline">bandlosen</span> Hemd, ein ernstes, schmales ...<br /> -... richtete sich auf in einfachem <a href="#corr-17"><span class="underline">bandlosem</span></a> Hemd, ein ernstes, schmales ...<br /> -</li> - -<li> -... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <span class="underline">aufblasendem</span> Wind ...<br /> -... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem böig <a href="#corr-18"><span class="underline">aufblasenden</span></a> Wind ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">entsetzten</span> Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. ...<br /> -... <a href="#corr-20"><span class="underline">entsetztes</span></a> Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturmes. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Blaubart und Miß Ilsebill, by Alfred Döblin - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLAUBART UND MIß ILSEBILL *** - -***** This file should be named 63301-h.htm or 63301-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/3/0/63301/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/63301-h/images/009.jpg b/old/63301-h/images/009.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f28dd7c..0000000 --- a/old/63301-h/images/009.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/015.jpg b/old/63301-h/images/015.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6b877fc..0000000 --- a/old/63301-h/images/015.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/019.jpg b/old/63301-h/images/019.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ef3dcde..0000000 --- a/old/63301-h/images/019.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/036.jpg b/old/63301-h/images/036.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c219f44..0000000 --- a/old/63301-h/images/036.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/041.jpg b/old/63301-h/images/041.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 85856c6..0000000 --- a/old/63301-h/images/041.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/045.jpg b/old/63301-h/images/045.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8cb2e67..0000000 --- a/old/63301-h/images/045.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/057.jpg b/old/63301-h/images/057.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f32a582..0000000 --- a/old/63301-h/images/057.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/063.jpg b/old/63301-h/images/063.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b1a6fad..0000000 --- a/old/63301-h/images/063.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/071.jpg b/old/63301-h/images/071.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6721c24..0000000 --- a/old/63301-h/images/071.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/079.jpg b/old/63301-h/images/079.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 246930b..0000000 --- a/old/63301-h/images/079.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/083.jpg b/old/63301-h/images/083.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 145f752..0000000 --- a/old/63301-h/images/083.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/087.jpg b/old/63301-h/images/087.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d022d2a..0000000 --- a/old/63301-h/images/087.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/cover.jpg b/old/63301-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index df6ddbf..0000000 --- a/old/63301-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/logo.jpg b/old/63301-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8351d81..0000000 --- a/old/63301-h/images/logo.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/number.jpg b/old/63301-h/images/number.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 31c07fb..0000000 --- a/old/63301-h/images/number.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63301-h/images/sign.jpg b/old/63301-h/images/sign.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f00fb67..0000000 --- a/old/63301-h/images/sign.jpg +++ /dev/null |
