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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Bouvard und Pécuchet - Roman aus dem Nachlass - -Author: Gustave Flaubert - -Translator: Ernst Wilhelm Fischer - -Release Date: September 1, 2020 [EBook #63096] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET *** - - - - -Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein - Inhaltsverzeichnis erstellt. - - Akzente wurden in französischen Orts- und Personennamen oftmals - weggelassen; allerdings wurde diese Regel nicht konsequent - eingehalten. Da sich die französische Akzentsetzung zur Zeit der - Herausgabe des Buches von der heutigen unterscheiden kann, wurde - hierfür dennoch keine Harmonisierung vorgenommen. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - GUSTAVE FLAUBERT - - BOUVARD - UND PÉCUCHET - - ROMAN - AUS DEM NACHLASS - - EINZIGE AUTORISIERTE - DEUTSCHE ÜBERTRAGUNG VON E. W. FISCHER - - GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG - - POTSDAM 1922 - - - - - Copyright 1922 by Gustav Kiepenheuer Verlag A. G. - Potsdam 1922 Druck der Buchdruckerei E. Haberland - in Leipzig - - - - -Inhalt - - Seite - - Kapitel I 3 - - „ II 22 - - „ III 58 - - „ IV 99 - - „ V 131 - - „ VI 152 - - „ VII 181 - - „ VIII 192 - - „ IX 238 - - „ X 277 - - Vortrag 313 - - Nachwort des Übersetzers 318 - - - - -I - - -Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon -vollständig menschenleer. - -Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze -Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen -abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und -am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen. - -Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von -Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in -lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen -blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit. -Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien -erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der -Sommertage. - -Zwei Männer erschienen. - -Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten. -Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste -geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in -einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer -Mütze mit spitzem Schirm. - -Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich -im selben Augenblick auf dieselbe Bank. - -Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die -jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute -seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in -der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied. - -„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich -unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“ - -„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“ - -„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“ - -Darauf betrachteten sie einander. - -Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen. - -Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten -in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die -unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib -und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden -Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas -Kindliches. - -Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen. - -Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit. - -Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und -schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht -erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine -Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur -Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme. - -Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem -Lande fühlen!“ - -Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den -Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich -allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen. - -Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten -Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel -schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob; -die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach -der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor -sich. - -Ganz gewiß -- und Pécuchet schien davon überrascht -- es war auf der -Straße noch heißer als im Hause! - -Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen. Er für -seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde! - -Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den -Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre -Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas -liberaler war. - -Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es -waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine -eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer -Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben -waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der -Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets -Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und -eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer; -manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie -zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben. - -„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“ - -„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die -Dauer traurig.“ - -Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten. -Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den -Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte. - -Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung. -Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort -auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam. - -Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen -herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard -den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für -erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren -Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor -der Religion. - -Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien -aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben. - -Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen -wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen -Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der -Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an -unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die -große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern -hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit -geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter -sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art -überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem -Anfangsstadium. - -Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und -waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse -hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch -einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu. - -Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als -Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“ - -„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen -den Vorschlag zu machen!“ - -Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines -Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde. - -Bouvard bestellte die Speisen. - -Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand -setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann -priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge, -was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb -nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und -hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie -alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im -Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige -Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler -angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen -Dumouchel, der Professor war. - -Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine aus Haaren -geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten -den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette -unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum -Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr -tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen -hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll, -entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die -Gäste vor der Tür drehten sich danach um. - -Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den -Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen -anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit -verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem -Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und -hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden. - -Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln -equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner -Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden -zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im -Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen -Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich. -Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet -wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte -er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum. - -Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu -beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag. - -Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun -an und machte den Wirt seiner Wohnung. - -Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte -durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen, -dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände -der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon, -andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen, -verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen Mütze und Muscheln, die -Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte -samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die -Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen. -An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den -Lampenruß entstanden war. - -Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu -dürfen. - -„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die -Zugluft fürchtete. - -Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem -Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war. - -Bouvard sagte zu ihm: - -„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“ - -„Was?“ - -Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken, -ohne seine schützende Unterkleidung zu sein. - -„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird -Sie erfrischen.“ - -Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte: -„Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung -begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune, -gegenüber der Brücke de la Tournelle. - -Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und -Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf -den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice -mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner -Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven. - -„Mein Onkel!“ sagte Bouvard. - -Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn. - -Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich -kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit -dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf -der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die -Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches -Lächeln. - -Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen: - -„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“ - -„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte, -er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen -Pécuchets waren Juste Romain Cyrille -- und sie hatten dasselbe Alter: -siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich -er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter -gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig -seien. - -„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen -Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander -kennenzulernen.“ - -Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben -hatte, wünschten sie einander gute Nacht. - -„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe. - -Pécuchet stieg die Stufen hinab, ohne auf den Scherz zu antworten. -- - -Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos, -Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme: - -„Bouvard! Herr Bouvard!“ - -Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte -Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte: - -„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“ - -„Was denn?“ - -„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend. - -All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers -und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er -die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am -Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben -war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in -Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe -gestiegen war. - -Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter -nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn -mit fünfzehn Jahren aus dem Internat genommen, um ihn zu einem -Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der -Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte, -die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren -Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer -auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein -Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als -Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften -Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb -seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne -Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen -Arbeiten zu besichtigen. - -Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines -Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte -ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig -war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich -eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate -später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm. -Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald -vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu -benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei -den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was -seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung -hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort -und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und -sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in -einer Kneipe zu machen. - -So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie -hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie -übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese -Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder -hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für -alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich. - -Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine -erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die -Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die -seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu -rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im -Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig -seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur -Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee. -Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere -verschwiegen, nachdenklich, sparsam. - -Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou -bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig -Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der -die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn -unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte -nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden -in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und -ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard. - -Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die -Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie -gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle -Tage zusammen. - -Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen -man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise, -über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die -Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und -dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution. - -Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das -Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien, -den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen. - -Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn -verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben. - -In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den -ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen, -mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu -Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten -aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten -bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder -bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte. - -Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der -großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen. - -Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France, -und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die -nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter -die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen -Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten -sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier -entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich -sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und -merkwürdig waren. - -Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht -zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie -nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen -dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre -Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich -waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen. - -Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr. -Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie -an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem -Landleben. - -Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen -ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich -den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der -Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den -Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft, -entzückt. Sie wiederholten diese Spaziergänge oft. Am folgenden Tage -waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben. - -Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das -Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und -dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer -weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag -nach Beginn, und sie erhielten Verweise. - -Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit -demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich -in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich. -Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas -von der Grämlichkeit Pécuchets über. - -„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der -eine. - -„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere. - -Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen! -Nicht einmal die Hoffnung! -- - -Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor -einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich, -sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden. - -Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ -einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die -Fragen, die man an ihn richtete: - -„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen. -Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“ - -Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum -Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, -verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte. - -Er ließ Pécuchet rufen. - -Pécuchet erschien. - -„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“ - -„Nicht möglich!“ - -Bouvard zeigte folgende Zeilen: - - Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar. - - Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839. - - Mein Herr! - - Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von - dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys - Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes, - verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats, - Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige - Verfügung zu Ihren Gunsten. - - Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung. - - Tardivel, Notar. - -Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das -Papier zurück, wobei er langsam sagte: - -„Wenn das nur... keine Possen sind!“ - -„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter -Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich. - -Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die -Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; -- -und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und -eine Träne aus ihren starren Augen floß. - -Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am -Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr -rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete -er närrisches Zeug. - -Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich -belaufen auf... - -„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“ - -Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren -Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar. - -Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß: - -„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich -als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der -gesetzlich verfügbar bleibt.“ - -Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber -er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen -ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich -er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte -Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine -beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren, -hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er -sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß -seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten -Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte -er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht -seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er -verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den -Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der -Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament -anerkennen. - -Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit -leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen -lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ -- und Pécuchet, dessen Kopf -doch klarer war, konnte nicht darüberkommen. - -Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der -zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich -regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen, -wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters -und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon. - -Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von -wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die -Reisekosten, zurückkehrte. - -Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn -und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte -sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat -den Besitz der Erbschaft an. - -Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land -zurückziehen!“ -- und dieses Wort, das seinen Freund in sein Glück -einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der -Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe. - -Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er -nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch! -Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache. - -Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle -Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden -bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man -die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt, -nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer -Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war -wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab -andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez, -von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft -darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte -stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden. - -Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie -Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten, -Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag -der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum -Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn -gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie -würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine -Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu -zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! -- Und sie -würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, -- -und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe -anbehielten! -- „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden -uns den Bart wachsen lassen!“ - -Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die -vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein -solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette, -eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer, -und sogar ein Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische -Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es -wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten), -einige gute literarische Werke zu besitzen, -- und sie suchten darnach --- oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein -Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage. - -„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“ - -„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet. - -Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen, -Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge -benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet. - -Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre -Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard, -der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus, -um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen -hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte. -Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge -auf die Grundstriche seiner langen Schrift -- doch während er die -Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht -gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten. - -Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts -gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von -Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie -wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine -pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie -traurig. - -Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die -Einsamkeit. - -Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später -zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund -oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu -schwer zugänglich schien. - -Barberou erlöste sie. - -Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der -Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei Chavignolles zwischen -Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von -achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr -ertragfähigen Garten. - -Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte -man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das -andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard -wollte nur hundertzwanzigtausend geben. - -Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben, -erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein -ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus -seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen -gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit -zurück. - -Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war -alles bezahlt. - -Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung -aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft -sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den -Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze -Kontor-Personal zu einem Punsch ein. - -Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und -schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu. - -Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch -noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen. - -Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn -literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals -zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit. - -Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte -eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu -besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn. - -Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen -tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“ -Die Lichter der Kais zitterten im Wasser, das Rollen der Omnibusse -verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die -er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant, -die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine -Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine -Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen. - -Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde -es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich -zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins. - -Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die -Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle, -ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf -der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet -werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach -Chavignolles befördern ließ. - -Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die -Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen -Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise -nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten. - -Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen -ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem -Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag -den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt. - -Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der -ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen -Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie -suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung -für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch -in denselben Schlafstätten. - -Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte -sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein -Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das -Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem -Grün aus, Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am -dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte -Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet -duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine -Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich -vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich -sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen -fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er -spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen -Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen -nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller -von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und -der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte -sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob -die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden -Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich -betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des -Leidens war voll. - -Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch -einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der -letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale -wieder auf; er hatte die falsche Post genommen. - -Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht -wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er -lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom -Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes -in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine -Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie -auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte, -daß er in einigen Stunden nachkommen würde. - -In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd, -und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits -von Bretteville die Landstraße verlassen hatte, geriet er auf einen -Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu -sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden -ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht -brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen, -und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den -Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um -den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon. -Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und -stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin. - -Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach -in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach -Chavignolles. - -Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei -Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten -die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch. - -Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht. -Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um -sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr -gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ, -die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden -zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke -befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf -dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft -gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen -die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da -wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“ - -Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang -durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen -das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft -schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen, -die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“ - -Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu -entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon, -und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung -darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen -von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in -tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn. - -Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der -Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode -dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen -stehend. Das war eine Überraschung. - -Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann -schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und -bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib -gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten -im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel. - - - - -II - - -Welche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard -rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die -beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht -zu betrachten. - -Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune, -daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln. - -Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in -vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen -Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf -der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der -andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten -den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten, -hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler -Pfad. - -Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem Haar in einem -schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an -sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte -ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes. - -Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher -Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister, -Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte; -der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau -Bordin, die von ihren Zinsen lebte. -- Was sie selbst anbetraf, so -nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain; -sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den -Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den -Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer -gelegen war. - -Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen -Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen -Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der -Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten -Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte -Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den -die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen. - -In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten -sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut -besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus -Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein -blasses Licht. - -Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie -hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und -seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann. - -Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei, -hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein -Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu -setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut -Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen. - -Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie -erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich, -die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese -Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand, -darüberzuschreiten. - -Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite -zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front. - -Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der -Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten -zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche -stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten -größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten -ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon -nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek -bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere -Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das -eiligste war der Garten. - -Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen -eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock, -während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter -lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. -- „Ah! Verzeihung! -Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie -ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten. - -Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu -machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die -Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost. - -Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig -geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er -hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in -der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten. -Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten -sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so -schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee zu nehmen, auf den -Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten. - -Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie, -indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie -gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in -der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll -tief in den Boden eindrang. - -Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit -heftigen Stockschlägen. - -Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten -unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter -herabhängen. - -Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in -drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine -Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum -hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben, -alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande -der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine -Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger, -der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen -verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach -langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit -Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu -wollen!“ - -Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf -der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich -nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen -Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten -(sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er -antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, -- eine Unhöflichkeit, die -Bouvard tadelte. - -Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie -richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie -gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der -Regen fiel. - -Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen -wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der Frühling kam zögernd, und -sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird -kommen!“ - -Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig. -Die Reben waren vielversprechend. - -Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch -mit dem Ackerbau gelingen; -- und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren -Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien -würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen. - -Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten -einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine -Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich -eine Zusammenkunft. - -Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo -man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der -Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere -Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem -Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel -wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die -sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in -ungleiche Vierecke. - -Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer -zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen -Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich -zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild -spiegelten. - -Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute. -Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder -Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde -lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man -eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt -war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter. - -Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung -und Koteletten. Sein Äußeres vereinigte den Beamten mit dem Dandy. -Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach. - -Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein -System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu -zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar -an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden. -Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben -für dieses Gerät. - -Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und -dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die -Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es -gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man -konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es -sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während -er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer -Landleute laut werden. - -Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten -trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen -Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide. -Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk -auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für -die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte. - -„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“ - -Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich: - -„O! unbestreitbar!“ - -Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das -an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern -ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander -gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden -reichende Röhren fiel. - -„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist -die Basis meiner vierjährigen Kultur.“ - -Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam, -ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß. - -Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen -Manieren, ersetzte ihn. - -Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit -bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen -pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor -sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen -vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten -sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens -ergriffen. - -Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben -beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen -nieder. - -Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und -man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem -Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen -Hund neben sich. - -Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie -durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen -lagen. - -Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei -Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit -Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu -diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins -andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe. - -In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine -Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche -Türen, die sich von selbst schlossen. - -Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die -auf Steinmauern ruhten. - -Um den Herren ein Vergnügen zu machen, streute eine Magd einige -Hände voll Hafer vor die Hühner. Der Baum der Kelterpresse schien -ihnen riesenhaft, und sie stiegen ins Taubenhaus empor. Vor allem -die Milchkammer setzte sie in Staunen. Die Hähne in den Ecken gaben -genügend Wasser, die Fliesen zu überschwemmen, und beim Eintritt spürte -man eine Kühle. Braune irdene Gefäße, auf Latten gereiht, waren bis -zum Rande mit Milch gefüllt. Weniger tiefe Näpfe enthielten Sahne. Die -Butterwecken reihten sich aneinander wie Stücke einer Messingsäule, und -der Schaum floß über den Rand der Blecheimer, die man gerade auf den -Boden gesetzt hatte. Doch die Zierde des Gutshofes war der Rinderstall. -Holzlatten, die senkrecht der ganzen Länge nach eingelassen waren, -teilten ihn in zwei Abteilungen: die erste war für das Vieh, die zweite -für die Bedienung. Man konnte nur mit Mühe darin sehen, da alle Luken -geschlossen waren. Die angeketteten Rinder fraßen, und ihre Leiber -strömten eine Wärme aus, welche von der niedrigen Decke zurückschlug. -Doch jemand machte Licht; ein dünner Wasserstrahl ergoß sich plötzlich -in die Rinne, welche an den Raufen entlang lief. Brüllen ertönte; die -Hörner klangen aneinander wie Stöcke. Alle Rinder streckten ihre Mäuler -zwischen den Stäben durch und soffen langsam. - -Die großen Gespanne kamen in den Hof, und Füllen wieherten. Im -Erdgeschoß wurden zwei, drei Laternen angezündet und verschwanden dann. -Die Arbeitsleute gingen vorüber, mit ihren Holzschuhen über die Steine -schlürfend, und die Glocke zum Abendessen ertönte. - -Die beiden Besucher machten sich auf den Heimweg. - -Alles, was sie gesehen hatten, entzückte sie; ihr Entschluß war gefaßt. -Noch am selben Abend entnahmen sie ihrer Bibliothek die vier Bände des -„Landhauses“; auch ließen sie sich Gasparins Abhandlungen zuschicken -und nahmen ein Abonnement auf eine landwirtschaftliche Zeitung. - -Um bequemer auf die Märkte zu kommen, erwarben sie eine zweirädrige -Halbkutsche, die Bouvard lenkte. - -In einem blauen Kittel, mit einem breitrandigen Hut, Gamaschen bis -zum Knie und mit einem Roßhändlerstock in der Hand umschwärmten -sie das Vieh, fragten die Arbeiter aus und verfehlten nicht, allen -Landwirtschaftsfesten beizuwohnen. - -Bald wurden sie Meister Gouy mit ihren Ratschlägen lästig. Sie waren -vor allem mit seiner Dreifelderwirtschaft unzufrieden. Doch der -Pächter hielt an seiner Erfahrung fest. Er bat um den Nachlaß eines -Vierteljahrzinses unter Hinweis auf den Hagelschlag. Von Naturalien -lieferte er nichts ab. Bei noch so gerechten Forderungen begann seine -Frau zu zetern. Schließlich erklärte Bouvard, den Vertrag nicht wieder -erneuern zu wollen. - -Von dem Augenblicke an sparte Meister Gouy den Dünger, ließ das Unkraut -wachsen, richtete den Boden zugrunde und zog mit einer wilden Miene ab, -die Rachepläne verriet. - -Bouvard hatte gedacht, daß zwanzigtausend Franken, das heißt der -vierfache Betrag des Pachtgeldes, für den Anfang genügen würden. Sein -Pariser Notar sandte sie ihm. - -Ihre ganze Anlage umfaßte fünfzehn Hektar an Höfen und Wiesen, -dreiundzwanzig an bestellbarem Lande und fünf an Brachfeld, die auf -einem mit Steinen bedeckten kleinen Berge lagen, den man den Hügel -nannte. - -Sie verschafften sich alle notwendigen Geräte, vier Pferde, zwölf Kühe, -sechs Schweine, hundertsechzig Schafe und an Personal zwei Fuhrleute, -zwei Frauen, einen Hirten; dazu einen großen Hund. - -Um sogleich Geld zu erhalten, verkauften sie die Futterernte: man -bezahlte sie in ihrem Hause. Die Goldstücke, die auf die Haferkiste -gezählt wurden, schienen ihnen glänzender, merkwürdig und besser als -andere. - -Im Monat November kelterten sie Most. Bouvard trieb das Pferd an, und -Pécuchet, der in den Trog gestiegen war, rührte mit einer Schaufel in -den Träbern. - -Sie ächzten beim Anziehen der Schraube, schöpften den Zucker aus dem -Bottich, beobachteten die Spundlöcher, trugen dicke Holzschuhe und -vergnügten sich über die Maßen. - -Von dem Grundsatz ausgehend, daß man nicht genug Getreide haben könne, -gaben sie etwa die Hälfte ihrer künstlichen Wiesen auf; und da sie -keine Dungmittel hatten, bedienten sie sich der Kuchen, die sie in die -Erde ließen, ohne sie zu zerkleinern, so daß der Ertrag jämmerlich war. - -Im folgenden Jahre legten sie das Saatkorn sehr dicht. Unwetter -stellten sich ein. Die Ähren legten sich nieder. - -Nichtsdestoweniger warfen sie sich mit Eifer auf den Weizen, und sie -unternahmen es, den Hügel von Steinen zu säubern. Ein kleiner Korbwagen -schaffte die Steine fort. Das ganze Jahr über vom Morgen bis zum -Abend, im Regen wie im Sonnenschein, sah man den ewigen Korbwagen mit -demselben Mann und demselben Pferde den kleinen Hügel emporklimmen, -wieder herabfahren und wieder emporsteigen. Manchmal ging Bouvard -dahinter und machte auf halber Höhe halt, um sich die Stirn zu trocknen. - -Da sie zu niemand Zutrauen hatten, versorgten sie die Tiere selbst und -gaben ihnen Abführmittel und Klistiere. - -Schwerwiegende Fälle von Unordnung kamen vor. Die Viehmagd wurde -schwanger. Sie nahmen verheiratete Leute in ihren Dienst; es begann von -Kindern, Vettern, Basen, Onkeln, Schwägerinnen zu wimmeln; eine ganze -Horde lebte auf ihre Kosten, und sie beschlossen, abwechselnd auf dem -Pachthofe zu schlafen. - -Doch des Abends waren sie traurig gestimmt. Die Unsauberkeit des -Zimmers war ihnen widerwärtig, und Germaine, die die Mahlzeiten -herbeibrachte, brummte bei jeder Reise. Man hielt die beiden auf alle -Art zum Narren. Die Drescher stopften Getreide in ihre Trinkkrüge. -Pécuchet faßte einen dabei und schrie, während er ihn bei den Schultern -packte und hinausjagte: - -„Elender! Du bist die Schande des Dorfes, das dich zur Welt kommen sah.“ - -Seine Persönlichkeit flößte nicht den geringsten Respekt ein. -- -Übrigens machte er sich Gewissensbisse, sooft er den Garten sah. Seine -ganze Zeit würde eben ausgereicht haben, ihn in guter Ordnung zu -halten. -- Bouvard wollte die Sorge um den Pachthof übernehmen. Sie -berieten darüber, und diese Maßnahme war beschlossene Sache. - -Der wichtigste Punkt war, gute Mistbeete zu bekommen. Pécuchet ließ -eins aus Ziegeln bauen. Er selber strich die Rahmen an, und da er die -Sonnenstrahlen fürchtete, beschmierte er alle Schutzgläser mit Kreide. - -Bei den Steckreisern übte er die Vorsicht, die Spitzen mit den -Blättern zu entfernen. Dann machte er sich emsig an das Absenken. Er -versuchte verschiedene Arten der Veredelung, Pfropfen mit der Pfeife, -kronenweises Pfropfen, Okulieren, krautiges Pfropfen, Veredelung auf -englische Art. Mit welcher Sorgfalt paßte er die Bastenden aneinander! -Wie fest er die Fäden anzog! Welch eine Menge Baumwachs er darüber -legte! - -Zweimal täglich nahm er seine Gießkanne und schwenkte sie über den -Pflanzen, als wenn er sie beweihräucherte. Wie sie unter der Wirkung -des Wassers, das als feiner Regen herabfiel, grünten, glaubte er, -seinen eigenen Durst zu löschen und in ihnen wieder zu erstehen. Dann -ließ er sich hinreißen, nahm die Brause von der Gießkanne und goß in -vollem Strom reichlich darüber. - -Am Ende des Laubenganges, in der Nähe der Gipsdame, erhob sich eine Art -Hütte aus Stangenholz. Pécuchet verwahrte dort seine Geräte, und er -verbrachte hier wundervolle Stunden mit dem Aussuchen der Sämereien, -dem Schreiben von Etiketten, der Ordnung seiner kleinen Töpfe. Wenn er -sich ausruhte, setzte er sich auf eine Kiste vor die Tür und träumte -dann von Verschönerungen. - -Unten an der Freitreppe hatte er zwei Körbe mit Geranien angebracht; -zwischen die Zypressen und die pyramidenförmig geschnittenen Obstbäume -pflanzte er Sonnenblumen; -- und da die Beete mit Butterblumen und alle -Wege mit frischem Sand bedeckt waren, so blendete der Garten durch eine -Überfülle von gelben Farben. - -Doch das Mistbeet wimmelte von Larven; trotz der neuen Bedüngung mit -trockenem Laub entstand hinter den gestrichenen Rahmen und unter -den beschmierten Schutzgläsern nur eine verkrüppelte Vegetation. -Die Stecklinge faßten nicht Wurzel; die Pfropfreiser fielen ab, die -Satzreiser trieben nicht mehr, die Bäume hatten den Schimmel an der -Wurzel; die Samenbeete waren ein Jammer. Der Wind schien eine Lust -daran zu finden, die Bohnenstangen niederzuwerfen. Die übermäßige -Bedüngung mit Jauche schadete den Erdbeerpflanzen, die mangelhafte -Beschneidung den Tomaten. - -Er hatte denselben Mißerfolg mit Rosenkohl, Auberginen, Rüben und -Brunnenkresse, die er in einem Kübel hatte ziehen wollen. Als das -Tauwetter zu Ende war, waren alle Artischocken dahin. Der Kohl war sein -Trost. Besonders ein Kohlkopf machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete -sich, schoß empor, wurde schließlich ein Wunder und war vollkommen -ungenießbar. Gleichviel, Pécuchet war zufrieden, ein solches Ungeheuer -zu besitzen. - -Dann machte er einen Versuch in dem, was ihm der Gipfel der Kunst zu -sein schien: in der Melonenkultur. - -Er säte Körner verschiedener Sorten in Teller, die mit Humuserde -gefüllt waren, und die er in sein Mistbeet einsetzte. Dann legte er -ein zweites Mistbeet an; und als es seine Hitze verloren hatte, setzte -er die schönsten jungen Pflanzen um, mit den Schutzgläsern darüber. -Er beschnitt sie ganz nach den Vorschriften des „Guten Gärtners“, -achtete auf die Blüten, ließ die Früchte ansetzen, wählte eine auf -jedem Zweig, vernichtete die anderen, und sobald sie die Dicke einer -Nuß hatten, schob er unter ihre Schale ein kleines Brett, um sie am -Faulen durch Berührung mit dem Mist zu hindern. Er begoß sie, setzte -sie der Luft aus, wischte mit seinem Taschentuch den Niederschlag von -den Schutzgläsern ab, -- und wenn sich Wolken zeigten, trug er eilig -Strohmatten herbei. - -Des Nachts ließen sie ihn nicht schlafen. Mehrere Male erhob er -sich sogar wieder; und mit bloßen Füßen in den Schuhen und im Hemde -zitternd durchschritt er den ganzen Garten, um seine Bettdecke über die -Treibkästen zu breiten. - -Die Warzenmelonen reiften. Bei der ersten schnitt Bouvard eine -Grimasse. Die zweite war nicht besser, die dritte ebenfalls nicht. -Pécuchet hatte jedesmal eine neue Entschuldigung bis zur letzten, die -er aus dem Fenster warf, wobei er erklärte, daß er das nicht verstehe. - -In der Tat, da er die verschiedenen Arten beieinander gezogen hatte, -hatten sich die Zuckermelonen mit den Netzmelonen vermischt, die dicke -portugiesische mit der großen mongolischen, -- und da die Nachbarschaft -der Tomaten die Zuchtlosigkeit voll machte, waren schreckliche -Kreuzungen entstanden, die den Geschmack von Kürbissen hatten. - -Dann warf sich Pécuchet auf die Blumenzucht. Er schrieb an Dumouchel -wegen Samenpflanzen, kaufte einen Vorrat Heideerde und machte sich -entschlossen ans Werk. - -Aber er pflanzte die Passionsblumen in den Schatten, die -Stiefmütterchen in die Sonne, bedeckte die Hyazinthen mit Dünger, -begoß die Lilien nach der Blüte, vernichtete die Rhododendren durch -übermäßiges Abbinden der Zweige, trieb die Fuchsien mit Leim und dörrte -einen Granatbaum, indem er ihn dem Feuer in der Küche aussetzte. - -Beim Herannahen der Kälte schützte er die Heckenrosen mit Schutzhüllen -aus starkem Papier, das mit Talglicht zusammengekittet war; sie sahen -aus wie Zuckerhüte, die an Stöcken in der Luft schwebten. - -Die Stangen der Dahlien waren ungeheuerlich, -- und man bemerkte -zwischen diesen geraden Stöcken die gewundenen Zweige einer Sophora -japonica, die in unverändertem Zustande verharrte, ohne auszugehen und -ohne zu wachsen. - -Da indessen die seltensten Bäume in den Gärten der Hauptstadt gediehen, -mußten sie auch in Chavignolles fortkommen; und Pécuchet verschaffte -sich indischen Flieder, chinesische Rosen und den Eukalyptus, der -damals gerade in Mode gekommen war. Alle seine Versuche schlugen fehl. -Er war jedesmal sehr erstaunt darüber. - -Gleich ihm stieß Bouvard auf Hindernisse. Sie fragten einander um -Rat, schlugen ein Buch auf, griffen zu einem anderen und wußten dann -nicht, wofür sie sich bei der Verschiedenheit der Ansichten entscheiden -sollten. - -So empfiehlt zum Beispiel Puvis den Mergel; das Handbuch Roret verwirft -ihn. - -Was den Gips anlangt, so scheinen trotz Franklins Vorgang Riefel und -Herr Rigaud nicht dafür begeistert. - -Das Brachliegen der Felder war Bouvard zufolge ein gotisches Vorurteil. -Indessen verzeichnet Leclerc Fälle, wo es beinahe unerläßlich ist. -Gasparin führt einen Einwohner von Lyon an, der während eines halben -Jahrhunderts Getreide auf demselben Felde baute: das widerlegt die -Theorie der Koppelwirtschaft. Tull preist die Bearbeitung auf Kosten -der Bedüngung; und da kommt der Major Beetson und verwirft die -Bedüngung zugleich mit der Bearbeitung! - -Um das Wetter im voraus bestimmen zu können, studierten sie die Wolken -nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie betrachteten jene, die sich -wie eine Mähne lang hinbreiten, die, welche Inseln gleichen, die, -welche man für Schneeberge halten könnte, wobei sie versuchten, die -Nimbus- von den Cirrusformen, die Stratus- von den Cumulusbildungen zu -unterscheiden; die Formen veränderten sich, ehe sie die Namen gefunden -hatten. - -Das Barometer täuschte sie, durch das Thermometer erfuhren sie nichts; -und sie nahmen ihre Zuflucht zu dem Mittel, das sich ein Priester in -der Touraine unter Ludwig XV. ausgedacht hatte. Ein Blutegel in einer -Glasglocke sollte bei Regenwetter emporsteigen, bei beständig gutem -sich auf dem Grunde halten, sich regen, wenn Unwetter drohte. Aber fast -immer widersprach der Luftdruck dem Blutegel. Sie setzten noch drei -andere zu diesem ersten. Alle vier benahmen sich auf verschiedene Weise. - -Nach reiflicher Überlegung erkannte Bouvard, daß er sich getäuscht -hatte. Sein Gut erforderte eine Bewirtschaftung im großen, eine -starke Anspannung, und er setzte aufs Spiel, was ihm von verfügbaren -Kapitalien blieb, dreißigtausend Franken. - -Von Pécuchet angeregt, geriet er in eine Begeisterung für Dünger. In -die Kompostgrube wurden Strauchwerk, Blut, Gedärme, Federn, alles, was -er entdecken konnte, geworfen. Er verwandte belgischen Blutdünger, -Schweizer Aschendünger, Laugenwasser, saure Heringe, Seetang, Lumpen, -ließ Guano kommen, versuchte, welchen herzustellen, -- und seine -Prinzipien auf die Spitze treibend, duldete er nicht, daß der Urin -verloren ging; er schaffte die Aborte ab. Man brachte Tierleichen in -seinen Hof, mit denen er die Erde düngte. Ihr zerschnittenes Aas wurde -auf die Felder geworfen. Bouvard lächelte inmitten dieser Verpestung. -Eine Pumpe, die auf einem Karren befestigt war, spie Jauche auf die -Erntefelder. Zu denen, die sich davon angewidert zeigten, sagte er: - -„Aber das ist Gold! Das ist Gold!“ - -Und er bedauerte, nicht noch mehr Dünger zu haben. Glücklich die -Länder, in denen man natürliche Höhlen ganz voller Vogelmist findet! - -Der Raps war kläglich, der Hafer mittelmäßig, und das Korn verkaufte -sich schlecht wegen seines Geruchs. Eine sonderbare Tatsache war, daß -der Hügel, nachdem er von Steinen gereinigt war, weniger hervorbrachte -als früher. - -Er hielt es für geraten, seine Geräte zu erneuern. Er kaufte eine -Messeregge, System Guillaume, einen Grubberpflug, Marke Valcourt, -eine englische Säemaschine und den räderlosen Pflug des Mathieu von -Dombasle; doch der Pflüger machte ihn herunter. - -„Lerne damit umzugehen!“ - -„Gut! Zeigen Sie es mir!“ - -Er versuchte, ihn vorzuführen, kam nicht zurecht damit, und die Bauern -lachten höhnisch. - -Nie vermochte er, sie an das Glockenzeichen zu gewöhnen. Unaufhörlich -schrie er hinter ihnen her, rannte bald hier-, bald dorthin, schrieb -seine Beobachtungen in ein Notizbuch, bestellte sie zu sich und dachte -nicht mehr daran, -- und sein Kopf kochte von Unternehmergedanken. -Er hatte vor, Mohn anzubauen im Hinblick auf die Opiumgewinnung, und -besonders den Tragant, den er als „Familienkaffee“ verkaufen wollte. - -Um die Ochsen schneller zu mästen, ließ er ihnen alle vierzehn Tage zur -Ader. - -Er ließ kein einziges von den Schweinen schlachten und stopfte sie mit -gesalzenem Hafer. Bald wurde der Schweinestall zu eng. Sie versperrten -den Hof, stießen die Einfriedigungen ein, bissen die Leute. - -Während der großen Hitze wurden fünfundzwanzig Hammel von der -Drehkrankheit befallen und krepierten bald darauf. - -In derselben Woche verendeten drei Ochsen, eine Folge der Aderlässe -Bouvards. - -Um die Engerlinge zu vernichten, kam er auf den Gedanken, die Hühner -in einen rollenden Käfig zu sperren, den zwei Männer hinter dem Pflug -herschoben; -- was nicht verfehlte, den Tieren die Pfoten zu zerbrechen. - -Er stellte Bier aus den Blättern des Gamander her und gab es den -Schnittern an Stelle von Most. Erkrankungen der Eingeweide waren die -Folge. Die Kinder weinten, die Frauen wimmerten, die Männer waren -wütend. Sie drohten alle fortzugehen, und Bouvard gab nach. - -Um sie jedoch von der Unschädlichkeit seines Getränkes zu überzeugen, -trank er in ihrer Gegenwart mehrere Flaschen herunter, fühlte sich -unwohl, verbarg aber seine Schmerzen unter einer lustigen Miene. Er -ließ sich das Gebräu sogar ins Haus bringen. Am Abend trank er mit -Pécuchet davon, und beide gaben sich Mühe, es gut zu finden. Übrigens -durfte es nicht ungenützt verloren gehen. - -Da Bouvards Kolik immer heftiger wurde, holte Germaine den Arzt. - -Der Arzt war ein ernster Mann mit gewölbter Stirn, der damit anfing, -seinen Patienten Furcht einzujagen. Die Cholerine des Herrn müsse -von dem Bier herrühren, von dem man im ganzen Orte sprach. Er wollte -die Zusammensetzung wissen und tadelte sie in wissenschaftlichen -Ausdrücken, wobei er die Achseln zuckte. Pécuchet, der das Rezept -geliefert hatte, war tief gedemütigt. - -Trotz der verderblichen Kalkdüngung, der Ersparnis der zweiten -Bearbeitung und der unzeitgemäßen Ausrodung hatte Bouvard im folgenden -Jahre eine schöne Weizenernte vor sich. Er wollte sie durch Gärung -nach dem System Clap-Mayer auf holländische Art trocknen lassen; --- das heißt, er ließ sie auf einmal schneiden und in große Haufen -zusammenlegen, die man auseinanderreißen würde, sobald das Gas zu -entweichen begänne; dann sollten sie der freien Luft ausgesetzt werden; --- darauf zog er sich ohne die geringste Besorgnis zurück. - -Als sie am Tage darauf beim Essen saßen, hörten sie unter dem -Buchengang Trommelwirbel. Germaine ging, um zu sehen, was es gab; doch -der Mann war schon weit. Fast gleichzeitig begann die Glocke der Kirche -heftig zu läuten. - -Bouvard und Pécuchet wurden von Angst gepackt. Sie erhoben sich, und in -ihrer Ungeduld, etwas zu erfahren, gingen sie ohne Kopfbedeckung in der -Richtung auf Chavignolles. - -Eine alte Frau kam des Weges. Sie wußte von nichts. Sie hielten einen -kleinen Knaben an; er antwortete: - -„Ich glaube, es brennt!“ - -Und der Trommler fuhr fort zu trommeln, die Glocke läutete stärker. -Endlich erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes. Der Krämer rief -ihnen von weitem zu: - -„Das Feuer ist bei Ihnen!“ - -Pécuchet setzte sich in Turnerschritt; und er sagte zu Bouvard, der im -gleichen Trab an seiner Seite lief: - -„Eins, zwei; eins, zwei!“ -- im Takte wie die Jäger von Vincennes. - -Die Straße, die sie zurücklegten, ging bergan; das aufsteigende Gelände -verbarg ihnen den Horizont. Sie kamen oben an in die Nähe des Hügels, -und mit einem Blick überschauten sie das ganze Unglück. - -Die sämtlichen Schober flammten hier und dort wie Vulkane auf der -nackten Ebene im Abendfrieden. - -Um den größten standen etwa dreihundert Personen; und unter Anweisung -des Bürgermeisters, des Herrn Foureau, in dreifarbiger Schärpe, zogen -Burschen mit Stangen und Haken das Stroh vom Gipfel, um das übrige zu -retten. - -Bouvard hätte in seinem Eifer beinahe Frau Bordin umgerannt, die dort -stand. Dann bemerkte er einen von seinen Leuten und überhäufte ihn mit -Schimpfreden, weil er ihn nicht benachrichtigt habe. Der Knecht war -jedoch aus übermäßigem Eifer zuerst ins Haus gerannt, dann zur Kirche, -schließlich zu seinem Herrn und war einen andern Weg zurückgekommen. - -Bouvard verlor den Kopf. Sein Gesinde umringte ihn, alle sprachen -zugleich, und er untersagte, die Schober abzutragen; er bat inständig -um Hilfe, forderte Wasser, verlangte die Feuerwehr. - -„Haben wir denn eine!“ rief der Bürgermeister. - -„Das ist Ihre Schuld!“ erwiderte Bouvard. - -Er wurde hitzig, brachte unziemliche Reden vor, und alle bewunderten -Herrn Foureaus Geduld, der doch brutal war, wie seine dicken Lippen und -sein Bulldoggenkiefer anzeigten. - -Die Hitze der Schober wurde so stark, daß man ihnen nicht mehr nahe -kommen konnte. Knisternd drehte sich das Stroh unter den verzehrenden -Flammen; die Getreidekörner peitschten das Gesicht wie Bleikugeln. Dann -stürzte der Haufe zu einer großen Glutmasse zusammen; Funken stoben -daraus hervor; und Schimmer wogten über diese rote Masse, die in den -wechselnden Tönen rotgoldene Stellen zeigte und andere, die braun waren -wie geronnenes Blut. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind blies; -Rauchwirbel hüllten die Menge ein. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Funke über -den dunklen Himmel. - -Bouvard betrachtete den Brand unter leisem Weinen. Seine Augen -verschwanden hinter ihren geschwollenen Lidern, und sein ganzes Gesicht -war wie von Schmerz geweitet. Frau Bordin rief ihm zu, während sie mit -den Fransen ihres grünen Schals spielte: „Armer Herr Bouvard!“ Sie -versuchte ihn zu trösten. Da man nichts daran ändern könne, müsse er -sich ins Unabänderliche fügen. - -Pécuchet weinte nicht. Sehr blaß oder vielmehr erdfahl, mit offenem -Munde und kaltem, klebrigem Schweiß im Haar, hielt er sich abseits, -in seine Betrachtungen versunken. Doch der Pfarrer, der plötzlich -aufgetaucht war, murmelte mit schmeichlerischer Stimme: - -„Ach, welch ein Unglück, fürwahr; das ist sehr betrüblich! Seien Sie -sicher, daß ich Anteil nehme...“ - -Die anderen heuchelten keine Trauer. Sie plauderten lächelnd, die Hand -zum Schutz gegen die Flammen erhoben. Ein Alter hob die brennenden -Halme auf, um seine Pfeife anzuzünden. Kinder begannen zu tanzen. Ein -Schelm rief sogar, das sei recht spaßig. - -„Ja, der ist gut, der Spaß!“ antwortete Pécuchet, der es gerade gehört -hatte. - -Das Feuer nahm ab, die Haufen fielen zusammen, und eine Stunde darauf -waren nur noch Aschenreste übrig, die auf dem Gelände runde schwarze -Stellen bildeten. Da ging man nach Hause. - -Frau Bordin und der Abbé Jeufroy begleiteten die Herren Bouvard und -Pécuchet bis zu ihrer Wohnung. - -Auf dem Wege machte die Witwe ihrem Nachbar in sehr liebenswürdiger -Weise Vorwürfe über sein ungeselliges Wesen, und der Geistliche -drückte seine volle Verwunderung aus, daß er bis jetzt noch nicht die -Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mitgliedes seines Kirchspiels -habe machen können. - -Alleingelassen suchten sie die Ursache des Brandes, und anstatt wie -alle anderen zu erkennen, daß das feuchte Stroh sich von selbst -entzündet hatte, vermuteten sie einen Racheakt. Es war ohne Zweifel -das Werk Meister Gouys oder vielleicht des Maulwurffängers. Sechs -Monate zuvor hatte Bouvard seine Dienste zurückgewiesen und sogar -vor einem Zuhörerkreise die Ansicht vertreten, die Regierung müsse -diesen Erwerbszweig untersagen, da er verderblich sei. Seit jener Zeit -trieb sich der Mensch in der Umgegend umher. Er hatte seinen Bart -wachsen lassen und schien ihnen furchtbar, besonders des Abends, wenn -er sich am Rande der Höfe zeigte und seinen langen Stecken, der mit -aufgehangenen Maulwürfen besetzt war, schüttelte. - -Der Schaden war beträchtlich, und um sich über ihre Lage zu -vergewissern, arbeitete Pécuchet acht Tage lang über Bouvards -Buchungen, die ihm ein „wahres Labyrinth“ zu sein schienen. Nachdem -er das Tagebuch, die Korrespondenz und das Hauptbuch, das mit -Bleistiftnotizen und Verweisungen bedeckt war, verglichen hatte, -erkannte er die Wahrheit: keine Ware zu verkaufen, keine Gelder -einzukassieren, und in der Kasse nichts. An Stelle des Kapitals -figurierte ein Fehlbetrag von dreiunddreißigtausend Franken. - -Bouvard wollte es nicht glauben, und mehr als zwanzigmal fingen sie von -neuem an zu rechnen. Sie kamen immer zu demselben Schlußergebnis. Noch -zwei Jahre einer solchen Ackerwirtschaft, und ihr Vermögen ging darauf! -Die einzige Abhilfe war, zu verkaufen. - -Auf jeden Fall mußte man einen Notar um Rat fragen. Der Gang war -peinlich; Pécuchet unterzog sich ihm. - -Der Ansicht des Herrn Marescot zufolge war es besser, keine Zettel -anzukleben. Er wollte ernsthaften Käufern gegenüber von dem Pachthof -sprechen und deren Vorschläge abwarten. - -„Sehr gut,“ sagte Bouvard, „man hat Zeit vor sich.“ Er wollte einen -Pächter nehmen, dann würde man sehen. „Wir werden nicht unglücklicher -sein als früher; nur sind wir jetzt aufs Sparen angewiesen.“ - -Das durchkreuzte Pécuchets Absichten hinsichtlich der Gartenbebauung, -und einige Tage darauf sagte er: - -„Wir sollten uns ausschließlich der Obstbaumkultur widmen, nicht zum -Vergnügen, sondern aus Spekulation. Eine Birne, die drei Sous Unkosten -macht, wird in der Hauptstadt oft für fünf bis sechs Franken verkauft. -Mit Aprikosen erzielen Gärtner ein Einkommen von fünfundzwanzigtausend -Livres. In Sankt Petersburg bezahlt man im Winter Trauben die Dolde mit -einem Napoleon. Das ist ein guter Erwerb, das wirst du zugeben. Und was -sind die Kosten? Sorgfalt, Dünger und das Schleifen des Gartenmessers!“ - -Er regte Bouvards Einbildungskraft so an, daß sie sogleich aus ihren -Büchern eine Liste der zu kaufenden Setzlinge zusammenstellten, und -nachdem sie die Namen ausgewählt hatten, die ihnen am merkwürdigsten -vorkamen, wandten sie sich an einen Baumschulgärtner zu Falaise; er -lieferte ihnen schleunigst dreihundert Stämme, die er nicht anbringen -konnte. - -Sie ließen einen Schlosser für die Spalierstangen kommen, einen -Eisenhändler zum Spannen des Drahtes der Spaliere, einen Zimmermann -für die Stützen. Die Formen der Bäume waren im voraus gezeichnet. Auf -die Mauer genagelte Lattenstücke bildeten Kandelaber. Zwei Pfähle an -jedem Ende der Langbeete dienten als Stützen zur wagerechten Führung -der Drähte; und im Obstgarten deuteten Reifen die Form von Vasen, -dünne Stäbe in kegelförmiger Anordnung die von Pyramiden an, so daß -die Besucher Teile einer unbekannten Maschinerie oder Gerüste von -Feuerwerkskörpern zu sehen glaubten. - -Nachdem die Pflanzlöcher ausgeworfen waren, beschnitten sie die Spitzen -der Wurzeln, sowohl der guten wie der schlechten, und setzten sie in -Kompost ein. Sechs Monate darauf waren die jungen Bäume eingegangen. -Neue Bestellungen beim Gärtner und neue Pflanzungen in noch tiefere -Löcher folgten. Doch da der Regen den Boden aufweichte, sanken die -Augen von selbst in die Erde, und die Bäume wurzelten ab. - -Als der Frühling gekommen war, gab Pécuchet sich an das Beschneiden der -Birnbäume. Er ließ die Nebenstämme stehen, verschonte die unfruchtbaren -Zweige, und da er sich darauf versteifte, die Duchesse-Birnen, -die einarmige Kordons bilden sollten, rechtwinklig umzubiegen, so -brach oder riß er sie unweigerlich ab. Bei den Pfirsichen konnte er -sich nicht in den Leitzweigen, den früheren oder späteren Trieben -zurechtfinden. Leere und volle Stellen fanden sich immer da ein, wo er -sie nicht brauchen konnte; und es war unmöglich, an dem Spalier ein -vollkommenes Rechteck mit sechs Zweigen zur Rechten und sechs Zweigen -zur Linken zu bekommen, von den beiden Leitzweigen abgesehen, so daß -das Ganze eine schöne Fischgräte gebildet hätte. - -Bouvard versuchte die Aprikosen zu ziehen; sie zeigten sich -widerspenstig. Er schnitt ihre Stämme bis zur Erde weg; keiner schlug -wieder aus. Die Kirschbäume, denen er Einschnitte gemacht hatte, -brachten Harz hervor. - -Zuerst beschnitten sie sehr weit, wodurch die Augen am Grunde -eingingen, dann zu kurz, was Wasserreiser zur Folge hatte; und häufig -waren sie in Verlegenheit, da sie die Holztriebe nicht von den -Blütenknospen unterscheiden konnten. Sie hatten sich über die Blüte -gefreut; aber nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatten, rissen sie -dreiviertel davon ab, um das übrige zu kräftigen. - -Beständig redeten sie von Saft und Kambium, von Einspalieren, -Beschneiden und Wegnehmen der Augen. In ihrem Eßzimmer hing in einem -Rahmen die Liste ihrer Setzlinge, deren Nummer sich im Garten auf einem -kleinen Holze am Fuße des Baumes wiederholte. - -Sie erhoben sich mit der Morgenröte und arbeiteten bis in die Nacht, -den Basthalter am Gürtel. Während der kühlen Frühlingsmorgen behielt -Bouvard seine Trikotjacke unter seiner Bluse, Pécuchet seinen alten -Rock unter seinem langen Leinwandkittel, und die Leute, die am Gitter -vorübergingen, hörten sie durch den Nebel husten. - -Zuweilen zog Pécuchet sein Handbuch aus der Tasche, und er studierte -stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des -Gärtners, der den Titel des Buches zierte. Diese Ähnlichkeit war ihm -sogar sehr schmeichelhaft. Der Verfasser stieg dadurch in seiner -Achtung. - -Bouvard hockte beständig oben auf einer Leiter vor den Pyramiden. -Eines Tages wurde er von Schwindel erfaßt, und da er nicht wagte, -herunterzuklettern, schrie er, Pécuchet möge ihm zu Hilfe kommen. - -Endlich zeigten sich die Birnen, und im Obstgarten gab es Pflaumen. Da -wandten sie gegen die Vögel alle Künste an, die man empfiehlt. Doch -die Spiegelglasscheiben flimmerten so, daß sie davon geblendet waren, -das Klappern der Windmühle weckte sie in der Nacht, und die Sperlinge -setzten sich auf den Strohmann. Sie verfertigten einen zweiten und -sogar einen dritten, deren Kostüme sie anders gestalteten, doch ohne -Erfolg. - -Doch konnten sie auf ein paar Früchte hoffen. Pécuchet hatte gerade -seine Aufzeichnungen darüber an Bouvard gegeben, als plötzlich der -Donner grollte und der Regen fiel -- ein schwerer, heftiger Regen. -Der Wind schüttelte in Zwischenräumen die ganze Fläche der Spaliere. -Die Stützen legten sich eine nach der anderen zu Boden -- und an den -unglücklichen Pyramiden, die im Winde schwankten, stießen die Birnen -aneinander. - -Pécuchet hatte sich, als er vom Sturzregen überrascht wurde, in die -Hütte geflüchtet. Bouvard hielt sich in der Küche auf. Sie sahen, wie -vor ihnen Holzsplitter, Zweige, Schieferstücke im Winde umherwirbelten, --- und die Seemannsfrauen, die zehn Meilen von dort an der Küste auf -das Meer auslugten, schauten nicht sehnsüchtiger und waren nicht -beklommener im Herzen. Dann stürzten plötzlich die Träger und Stangen -der Gegenspaliere auf die Beete. - -Welches Bild, als sie ihren Rundgang machten! Die Kirschen und Pflaumen -bedeckten das Gras zwischen den Hagelkörnern, die schmolzen. Die -Passecolmar waren vernichtet, ebenso wie die Bési-des-vétérans und die -Triomphes-de-Jordoigne. Kaum, daß von den Äpfeln einige Bons-papas -blieben, -- und zwölf Tétons-de-Vénus, die ganze Pfirsichernte, rollten -in den Wasserlachen neben dem entwurzelten Buchsbaum. - -Nach dem Mahle, bei dem sie sehr wenig aßen, sagte Pécuchet sanft: - -„Wir täten gut, auf dem Pachthof nachzusehen, ob nicht etwas -vorgefallen ist?“ - -„Pah! um noch neue Gründe zur Verstimmung zu entdecken!“ - -„Vielleicht! Denn wir sind keineswegs vom Schicksal begünstigt.“ - -Und sie jammerten über die Vorsehung und über die Natur. Bouvard, die -Ellbogen auf den Tisch gestützt, gab sein leises Pfeifen von sich, -und da alle Schmerzen in Verbindung stehen, kamen ihm seine alten -Landwirtschaftspläne ins Gedächtnis zurück, besonders die Mehlbereitung -und eine neue Käseart. - -Pécuchet atmete lärmend, und während er sich Tabakprisen in die -Nasenlöcher stopfte, dachte er, wenn das Schicksal es gewollt hätte, -wäre er jetzt Mitglied eines Vereins für Ackerbau, er würde auf den -Ausstellungen glänzen und in den Zeitungen genannt sein. - -Bouvard ließ kummervolle Blicke umherschweifen. - -„Meiner Treu! ich habe Lust, mich des ganzen Krams zu entledigen, damit -wir uns anderswo ansiedeln können!“ - -„Wie du willst,“ sagte Pécuchet. - -Und einen Augenblick später: - -„Die Verfasser empfehlen, jeden direkten Zufluß zu unterbinden. -Der Saft wird dadurch in seinem Laufe gehemmt, und der Baum leidet -notwendigerweise darunter. Um sich wohl zu befinden, müßte er -keine Früchte tragen. Indessen bringen die, welche man niemals -beschneidet und nie düngt, Früchte, allerdings weniger große, aber -desto schmackhaftere. Man gebe mir den Grund davon an! -- und es -verlangt nicht nur jede Art ihre besondere Behandlung, sondern sogar -jede einzelne Pflanze, gemäß dem Klima, der Temperatur, ein Wirrwarr -von Dingen! Wo ist da die Regel? Und welche Hoffnung haben wir auf -irgendeinen Erfolg oder Nutzen?“ - -Bouvard antwortete ihm: - -„Du wirst bei Gasparin sehen, daß der Nutzen nicht den zehnten Teil des -Anlagekapitals übersteigen kann. Also täte man besser, dieses Kapital -in eine Bank zu legen. Nach fünfzehn Jahren würde man durch Anhäufung -der Zinsen die doppelte Summe besitzen, ohne sich die Gesundheit zu -verderben.“ - -Pécuchet senkte den Kopf. - -„Sollte die Baumzucht wohl Schwindel sein?“ - -„Wie die Wissenschaft vom Ackerbau!“ erwiderte Bouvard. - -Dann klagten sie sich an, zu ehrgeizig gewesen zu sein, und sie -beschlossen, fortan mit ihrer Mühe und ihrem Gelde sparsamer zu -wirtschaften. Im Obstgarten würde ein Ausputzen der Bäume von Zeit -zu Zeit genügen. Die Gegenspaliere wurden verworfen, und sie wollten -die eingegangenen und umgebrochenen Bäume nicht ersetzen; doch würden -sich sehr häßliche Zwischenräume ergeben, wofern man nicht alle noch -stehenden wegnehmen wollte. Wie dabei verfahren? - -Pécuchet entwarf mehrere Zeichnungen, wobei er sich seines -Reißzeuges bediente. Bouvard gab ihm Ratschläge. Sie kamen zu keinem -befriedigenden Resultat. Glücklicherweise fanden sie in ihrer -Bibliothek das Werk von Boitard, „Der Gartenarchitekt“ betitelt. - -Der Verfasser teilt sie in eine unendliche Anzahl von Arten ein. -Zunächst gibt es da die melancholisch-romantische Art, die sich -durch Immortellen zu erkennen gibt, durch Ruinen, Grabmäler und „ein -Votiv-Bild mit einer Jungfrau, das die Stelle anzeigt, wo ein vornehmer -Herr unter dem Stahl eines Mörders gefallen ist“. Das schreckliche -Genre stellt man mit Hilfe von überhangenden Felsen, zerschmetterten -Bäumen, in Brand gesetzten Hütten her; das exotische Genre, indem man -peruanische Fackeldisteln pflanzt, „um einem Pflanzer oder Reisenden -Erinnerungen wachzurufen“. Das ernste Genre muß gleich Ermenonville -einen Tempel der Philosophie aufweisen. Die Obelisken und Triumphbögen -charakterisieren das majestätische Genre. Moos und Grotten das -geheimnisvolle; ein See das träumerische Genre. Es gibt sogar ein -phantastisches Genre, dessen schönstes Beispiel vor kurzem in einem -Garten in Württemberg zu sehen war, -- denn man sah dort nacheinander -einen Eber, einen Eremiten, mehrere Grabmäler und eine Barke, die von -selbst vom Ufer abstieß, um den Besucher in einen Raum zu bringen, wo -Wasserkünste ihn überschütteten, wenn man sich auf das Sofa setzte. - -Vor diesem Horizont von Wundern waren Bouvard und Pécuchet wie -geblendet. Das phantastische Genre schien ihnen Fürsten vorbehalten zu -sein. Der Tempel der Philosophie würde zu viel Platz einnehmen. Das -Votiv-Bild mit der Madonna würde des Sinnes entbehren angesichts der -fehlenden Mörder, und die amerikanischen Pflanzen -- um so schlimmer -für die Pflanzer und die Reisenden -- würden zu viel Geld kosten. Aber -die Felsen lagen im Bereich der Möglichkeit, ebenso die zerschmetterten -Bäume, die Immortellen und das Moos, -- und in immer zunehmender -Begeisterung stellten sie nach vielem Hin- und Hersuchen mit Hilfe -eines einzigen Dieners und für eine ganz geringe Summe einen Wohnsitz -her, wie er im ganzen Orte nicht seinesgleichen hatte. - -Der hier und da durchbrochene Laubengang öffnete sich auf eine -Anpflanzung, die nach Art eines Labyrinthes von gewundenen Alleen -durchzogen war. In der Spaliermauer hatten sie eine Bogenwölbung -herstellen wollen, durch die man die Fernsicht wahrnehmen sollte. -Da der obere Teil sich nicht in der Schwebe halten konnte, war -ein ungeheurer Mauerbruch entstanden, dessen Trümmer auf der Erde -umherlagen. - -Sie hatten die Spargel geopfert, um ein etruskisches Grabmal an deren -Stelle bauen zu können, das heißt einen Würfel aus schwarzem Gips, der -sechs Fuß Höhe hatte und aussah wie eine Hundehütte. Vier Koniferen -standen an den Ecken dieses Grabmals, das von einer Urne überragt und -mit einer Inschrift geschmückt werden sollte. - -In einem andern Teile des Gemüsegartens überspannte eine Art Rialto -einen Teich, dessen Ufer mit Miesmuscheln ausgelegt waren. Die Erde -schluckte das Wasser; gleichviel! Es würde sich eine Tonschicht bilden, -die es aufhalten würde. - -Der Schuppen war mit Hilfe von farbigem Glas in eine ländliche Hütte -umgewandelt. - -Auf dem Gipfel des Schneckenberges trugen sechs vierkantig behauene -Bäume einen Hut aus Eisenblech mit umgebogener Krämpe, und das Ganze -stellte eine chinesische Pagode vor. - -Sie hatten an den Ufern der Orne Granitstücke ausgewählt, sie -zerschlagen, numeriert und selbst auf einem Karren herbeigeschleppt. -Dann hatten sie die einzelnen Stücke mit Zement verbunden, während sie -sie aufeinander häuften; und mitten auf dem Rasen erhob sich ein Fels, -ähnlich einer riesigen Kartoffel. - -Es fehlte noch etwas, um den harmonischen Eindruck zu vervollständigen. -Sie schlugen die größte Linde des Laubenganges um -- sie war übrigens -zu Dreivierteln eingegangen -- und legten sie ihrer ganzen Länge nach -durch den Garten, so daß man glauben konnte, sie sei durch einen -Sturzbach angeschwemmt oder vom Blitz zu Boden gestreckt. - -Als sie damit fertig waren, rief Bouvard, der auf der Freitreppe stand, -von weitem: - -„Von hier sieht man besser!“ - -„Sieht man besser!“ wiederholten die Lüfte. - -Pécuchet antwortete: - -„Ich komme!“ - -„Komme!“ - -„Sieh da, ein Echo!“ - -„Echo!“ - -Bis dahin hatte die Linde es verhindert, sich bemerkbar zu machen, und -es wurde durch die Pagode begünstigt, die der Scheune gegenüberstand; -ihr Giebel überragte den Laubengang. - -Um das Echo zu erproben, belustigten sie sich damit, Scherzworte zu -rufen; Bouvard brüllte anstößige Zoten. - -Er war mehrere Male unter dem Vorwande, Geld zu erheben, in Falaise -gewesen, und er kehrte immer mit kleinen Paketen zurück, die er in -seine Kommode einschloß. Pécuchet reiste eines Tages nach Bretteville -und kam sehr spät heim mit einem Handkorb, den er unter seinem Bette -verbarg. - -Am folgenden Tage hatte Bouvard beim Erwachen eine Überraschung. Die -beiden vorderen Taxusbäume, die am gestrigen Abend noch kugelförmig -gewesen waren, hatten die Gestalt von Pfauen, und ein Horn mit zwei -Porzellanknöpfen bildete den Schnabel und die Augen. Pécuchet hatte -sich bei Tagesanbruch erhoben, und zitternd, er möchte entdeckt werden, -hatte er die beiden Bäume nach Angabe der von Dumouchel übersandten -Werke beschnitten. - -Seit sechs Monaten suchten die anderen Bäume hinter diesen beiden mehr -oder weniger glücklich Pyramiden, Würfel, Zylinder, Hirsche oder Sessel -nachzuahmen. Aber nichts kam den Pfauen gleich. Bouvard sprach in hohen -Lobreden seine Anerkennung darüber aus. - -Unter dem Vorwande, sein Scheit vergessen zu haben, zog er seinen -Gefährten in das Labyrinth, denn er hatte Pécuchets Abwesenheit -benutzt, um auch seinerseits etwas Außerordentliches zu leisten. - -Die Tür nach den Feldern war mit einer Gipslage überzogen, auf der sich -in schöner Ordnung fünfhundert Pfeifenköpfe aneinanderreihten. Sie -stellten Emire, Neger, nackte Frauen, Pferdefüße und Totenköpfe vor. - -„Begreifst du meine Ungeduld?“ - -„Ganz gewiß!“ - -Und in der Erregung umarmten sie sich. - -Wie alle Künstler hatten sie das Bedürfnis nach Beifall, und Bouvard -gedachte ein großes Diner zu geben. - -„Gib acht! Du wirst dich ins Empfangen stürzen. Das ist ein Abgrund.“ - -Indessen wurde die Veranstaltung beschlossen. - -Solange sie die Gegend bewohnten, hatten sie sich abseits gehalten. -Alle nahmen, von dem Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen, ihre -Einladung an, ausgenommen der Graf von Faverges, den Geschäfte in die -Hauptstadt riefen. Sie hielten sich dafür an Herrn Hurel, sein Faktotum. - -Beljambe, der Wirt, ehemaliger Küchenchef in Lisieux, sollte gewisse -Schüsseln zubereiten. Er stellte einen Kellner. Germaine hatte die -Viehmagd zu Hilfe genommen. Marianne, die Magd der Frau Bordin, sollte -auch kommen. Mit dem vierten Glockenschlage wurde das Gittertor weit -geöffnet, und die beiden Besitzer erwarteten voll Ungeduld ihre Gäste. - -Hurel blieb unter dem Buchengange stehen, um seinen Rock wieder -anzuziehen. Dann näherte sich der Geistliche, der eine neue Soutane -angelegt hatte, und einen Augenblick später kam Herr Foureau in -einer Sammetweste. Der Doktor führte seine Frau am Arm, die mühsam -vorwärtsschritt, während sie sich mit dem Sonnenschirm schützte. Eine -Flut von roten Bändern wogte hinter ihnen, es war die Haube der Frau -Bordin, die in einer schönen buntseidenen Robe steckte. Ihre goldene -Uhrkette schlug gegen ihre Brust, und ihre Ringe blitzten an ihren -beiden Händen, die von schwarzen Halbhandschuhen bedeckt waren. Endlich -erschien der Notar, einen Panama auf dem Kopfe, ein Glas im Auge, denn -der Beamte ertötete in ihm nicht den Mann von Welt. - -Der Salon war so glatt, daß man kaum darin stehen konnte. Die acht -Utrechter Sessel standen mit ihren Lehnen an der Wand entlang; ein -runder Tisch in der Mitte trug das Likörservice, und über dem Kamin -erblickte man das Bild des alten Bouvard. Das im darauf fallenden Licht -sichtbar werdende Nachdunkeln des Bildes gab dem Munde einen verzogenen -Ausdruck und den Augen einen schielenden Blick, und etwas Schimmel auf -den Wangen verstärkte den Eindruck von Koteletten. Die Gäste stellten -eine Ähnlichkeit zwischen dem alten Bouvard und seinem Sohne fest, und -Frau Bordin fügte hinzu, er müsse ein sehr schöner Mann gewesen sein, -wobei sie Bouvard ansah. - -Nachdem man eine Stunde gewartet, kündigte Pécuchet an, man könne in -den Saal hinübergehen. - -Die Vorhänge aus weißem Kattun mit roter Kante waren wie die des Salons -vollständig vor die Fenster gezogen, und die Sonne, die den Stoff -durchdrang, warf ein blondes Licht über die Wandtäfelung, die als -einzigen Schmuck ein Barometer aufwies. - -Bouvard setzte die beiden Damen neben sich, Pécuchet den Bürgermeister -zu seiner Linken, den Pfarrer zu seiner Rechten, und man machte sich an -die Austern. Sie schmeckten moderig. Bouvard war untröstlich, erging -sich in Entschuldigungen, und Pécuchet erhob sich, um in der Küche -Beljambe eine Szene zu machen. - -Die ganze Zeit während der ersten Gänge, die aus einer Scholle, ferner -einer Pastete und gedämpften Tauben bestanden, stand die Mostbereitung -im Mittelpunkt der Unterhaltung. - -Dann kam man auf bekömmliche und unbekömmliche Gerichte. -Selbstverständlich wurde der Arzt um Rat gefragt. Seine Beurteilung -der Dinge war skeptisch wie die eines Mannes, der auf den Grund der -Wissenschaft geblickt hat; er duldete indessen nicht den geringsten -Widerspruch. - -Zu dem Lendenbraten wurde Burgunder gereicht. Er war trübe. Bouvard, -der für dieses ärgerliche Vorkommnis das Spülen der Flasche -verantwortlich machte, ließ drei andere ohne größeren Erfolg versuchen -und schenkte dann Saint-Julien ein, der augenscheinlich zu jung war, -und alle Gäste verstummten. Hurel lächelte ununterbrochen; die schweren -Schritte des Kellners dröhnten auf den Fliesen. - -Frau Vaucorbeil, untersetzt und mit schlechtgelaunter Miene (sie befand -sich übrigens gegen Ende ihrer Schwangerschaft), hatte vollständiges -Schweigen gehütet. Bouvard, der nicht wußte, womit er sie unterhalten -solle, erzählte ihr vom Theater in Caen. - -„Meine Frau geht niemals ins Schauspiel,“ sagte der Arzt. - -Herr Marescot besuchte, wenn er sich in Paris aufhielt, einzig die -italienische Oper. - -„Ich,“ sagte Bouvard, „ich leistete mir zuweilen einen Parterreplatz im -Vaudeville-Theater, um Schwänke zu hören.“ - -Foureau fragte Frau Bordin, ob sie Schwänke liebe. - -„Das kommt darauf an, von welcher Art sie sind,“ sagte sie. - -Der Bürgermeister neckte sie. Sie gab die Scherze zurück. Dann teilte -sie ein Rezept für Gurken mit. Übrigens waren ihre Hausfrauentalente -bekannt, und sie besaß ein kleines, wunderbar bewirtschaftetes Gut. - -Foureau befragte Bouvard: - -„Haben Sie die Absicht, Ihre Besitzung zu verkaufen?“ - -„Lieber Gott, bis zum Augenblick weiß ich wirklich nicht...“ - -„Wie! nicht einmal das Stück der Ecalles?“ fuhr der Notar fort, „das -würde etwas Passendes für Sie sein, Frau Bordin.“ - -Die Witwe erwiderte, sich zierend: - -„Die Ansprüche des Herrn Bouvard möchten zu hoch sein.“ - -„Man könnte ihn vielleicht mürbe machen.“ - -„Ich werde es nicht versuchen!“ - -„Pah! wenn Sie ihm einen Kuß gäben?“ - -„Versuchen wir es nun gerade,“ sagte Bouvard. - -Und unter dem Beifall der Gesellschaft küßte er sie auf beide Wangen. - -Fast zu gleicher Zeit entkorkte man den Sekt. Das Knallen der Pfropfen -erhöhte die frohe Stimmung. Pécuchet gab ein Zeichen, die Vorhänge -öffneten sich, und der Garten wurde sichtbar. - -In der Dämmerung war der Eindruck schrecklich. Der Fels nahm wie ein -Berg den Rasen ein, das Grabmal bildete zwischen dem Spinat einen -Würfel, die venezianische Brücke über den Bohnen einen Zirkumflex, -- -und darüber hinaus die Hütte einen schwarzen Fleck, denn sie hatten -das Strohdach angezündet, um sie poetischer zu machen. Die Taxusbäume -in Form von Hirschen oder Sesseln folgten einander bis zu dem -niedergeschmetterten Baum, der sich querhindurch von dem Laubengange -bis zur Laube erstreckte, wo Tomaten wie Stalaktiten herabhingen. -Hier und da entfaltete eine Sonnenblume ihre gelbe Scheibe. Die -rotgestrichene chinesische Pagode auf dem Hügel glich einem Leuchtturm. -Die von der Sonne getroffenen Pfauenschnäbel sprühten Lichter, und -hinter dem Gitter, von dem man die Latten fortgenommen, schloß das ganz -flache Gelände den Horizont. - -Das Staunen der Gäste war für Bouvard und Pécuchet ein Hochgenuß. - -Frau Bordin besonders bewunderte die Pfauen; doch das Grabmal fand -kein Verständnis, ebensowenig die angezündete Hütte und die in Ruinen -gelegte Mauer. Dann betrat einer nach dem andern die Brücke. Um den -Teich zu füllen, hatten Bouvard und Pécuchet den ganzen Morgen hindurch -Wasser angefahren. Es war zwischen den schlecht verbundenen Steinen des -Grundes durchgesickert, und Schlamm bedeckte sie. - -Während des Rundganges erlaubte man sich, zu kritisieren. „An Ihrer -Stelle würde ich das so gemacht haben. -- Die Erbsen sind zurück. -- -Offen gesagt, dieser Winkel ist nicht sauber. -- Mit einer solchen -Beschneidung werden sie niemals Früchte bekommen.“ - -Bouvard war genötigt zu antworten, daß ihm die Früchte gleichgültig -seien. - -Als man den Laubengang entlang ging, sagte er mit pfiffiger Miene: - -„Ah! da ist jemand, den wir stören; bitte tausendmal um Entschuldigung!“ - -Der Scherz blieb unerwidert. Jeder kannte die Dame aus Gips. - -Nach mehreren Umwegen im Labyrinth gelangte man schließlich vor die -Tür mit den Pfeifen. Betroffene Blicke wurden gewechselt. Bouvard -beobachtete die Gesichter seiner Gäste, -- und voller Ungeduld, ihre -Ansicht zu erfahren, fragte er: - -„Was sagen Sie dazu?“ - -Frau Bordin platzte aus. Alle andern taten desgleichen, der Herr -Pfarrer gab eine Art Glucksen von sich, Hurel hüstelte, der Arzt -weinte, seine Frau litt an einem nervösen Krampf, -- und Foureau, ein -Mann ohne Rücksichten, brach einen Emir ab, den er als Andenken in die -Tasche steckte. - -Als man aus dem Laubengang herauskam, schrie Bouvard, um seine Gäste -durch das Echo in Verwunderung zu setzen, aus Leibeskräften: - -„Diener! meine Damen!“ - -Kein Laut! Das Echo war verschwunden. Das lag an den Ausbesserungen, -die man an der Scheune vorgenommen hatte: der Giebel und die Bedachung -waren abgerissen. - -Der Kaffee wurde auf dem Schneckenberg gereicht, -- und die Herren -waren im Begriff, eine Partie Kugeln zu beginnen, als sie gegenüber, -hinter dem Gitter, einen Mann sahen, der sie anblickte. - -Er war mager und sonnverbrannt, trug eine zerfetzte rote Hose, eine -blaue Joppe, kein Hemd; sein schwarzer Bart war kurz geschnitten; und -mit heiserer Stimme stieß er einzeln die Worte hervor: „Geben Sie mir -ein Glas Wein!“ - -Der Bürgermeister und der Abbé Jeufroy erkannten ihn sogleich wieder. -Es war ein ehemaliger Schreiner aus Chavignolles. - -„Nun, Gorju, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte Herr Foureau. „Man -bettelt nicht!“ - -„Ich betteln!“ schrie der Mann erbost. „Ich habe sieben Jahre in Afrika -gekämpft. Ich komme aus dem Spital. Keine Arbeit! Soll ich morden? -Verflucht nochmal!“ - -Sein Zorn legte sich von selbst, und die beiden Fäuste in die Hüften -gestemmt, betrachtete er die Bürger mit melancholischer und spöttischer -Miene. Die Anstrengungen der Biwaks, Absinth und Fieber, ein ganzes -Dasein von Elend und Völlerei offenbarte sich in seinen trüben Augen. -Seine bleichen Lippen zitterten, wobei sein Zahnfleisch sich entblößte. -Der weite purpurgefärbte Himmel umfing ihn mit einem blutigen Schimmer, -und seine Halsstarrigkeit, dort bleiben zu wollen, verbreitete ein -Gefühl von Entsetzen. - -Um ein Ende zu machen, holte Bouvard den Rest einer Flasche herbei. Der -Vagabund trank ihn gierig herunter und verschwand dann gestikulierend -in den Haferfeldern. - -Darauf tadelte man Bouvard. Durch solche Nachgiebigkeit begünstige man -die Unordnung. Doch Bouvard, der durch den Mißerfolg seines Gartens -gereizt war, begann das Volk zu verteidigen, -- alle sprachen zu -gleicher Zeit. - -Foureau hob die Regierung in den Himmel, für Hurel gab es nur -Grundbesitz in der Welt. Der Abbé Jeufroy beklagte sich, daß man die -Religion nicht schütze. Pécuchet schimpfte über die Steuern. Frau -Bordin rief in Zwischenräumen: „In erster Linie verabscheue ich die -Republik,“ und der Arzt erklärte sich für den Fortschritt. „Denn -schließlich, meine Herren, haben wir Reformen nötig.“ -- „Möglich!“ -antwortete Foureau, „aber alle diese Ideen schaden den öffentlichen -Angelegenheiten!“ „Ich pfeife auf die öffentlichen Angelegenheiten!“ -schrie Pécuchet. - -Vaucorbeil fuhr fort: „Dürfen wir wenigstens die Kapazitäten -heranziehen?“ Bouvard ging nicht so weit. - -„Das ist Ihre Meinung?“ erwiderte der Doktor, „dann weiß man, wer Sie -sind! Guten Abend! Ich wünsche Ihnen eine Sündflut, damit Sie auf Ihrem -Teich Kahn fahren können.“ - -„Ich gehe auch,“ sagte einen Augenblick später Herr Foureau. Und auf -seine Tasche weisend, in der sich der Emir befand: „Wenn ich einen -neuen nötig habe, komme ich wieder!“ - -Bevor der Pfarrer ging, vertraute er Pécuchet schüchtern an, daß er -dieses heidnische Grabmal inmitten der Gemüse nicht schicklich finde. -Hurel grüßte bei seinem Aufbruch die Anwesenden sehr tief. Herr -Marescot war gleich nach dem Nachtisch verschwunden. - -Frau Bordin begann die Einzelheiten ihrer Gurkenbereitung von neuem, -versprach ein zweites Rezept für Pflaumen in Branntwein und ging noch -dreimal in der großen Allee auf und ab; als sie jedoch an der Linde -vorbeikam, hakte sich der Saum ihres Gewandes fest, und sie hörten sie -murmeln: „Lieber Gott! Was für eine Dummheit ist das mit diesem Baum!“ - -Bis Mitternacht ließen die beiden Gastgeber unter der Laube ihren -Verdruß aus. - -Gewiß waren zwei, drei Kleinigkeiten hier und da in dem Diner zu -tadeln; indessen hatten sich ja die Gäste wie Vielfraße vollgepfropft, -ein Beweis, daß es so schlecht nicht war. Was jedoch den Garten -anlangte, so rührte soviel Herabsetzung von der schwärzesten Eifersucht -her; und sich erhitzend, riefen sie: - -„Ach! Das Wasser fehlt in dem Teich! Geduld! Man wird sogar einen -Schwan und Fische darin sehen!“ - -„Die Pagode haben sie kaum beachtet!“ - -„Zu behaupten, die Ruinen seien nicht reinlich, ist die Ansicht eines -Dummkopfes!“ - -„Und das Grabmal eine Unschicklichkeit! Warum eine Unschicklichkeit? -Hat man nicht das Recht, auf seiner Besitzung so etwas zu erbauen? Ich -werde mich sogar darin beisetzen lassen!“ - -„Still davon!“ sagte Pécuchet. - -Dann gingen sie die Gäste der Reihe nach durch. - -„Der Arzt sieht wie ein rechter Poseur aus.“ - -„Hast du Marescots Grinsen vor dem Porträt bemerkt?“ - -„Was für ein ungehobelter Klotz dieser Herr Bürgermeister ist! -Wenn man in einem Hause speist, zum Teufel, so schont man die -Sehenswürdigkeiten.“ - -„Und Frau Bordin?“ sagte Bouvard. - -„Na, das ist eine Intrigantin! Laß mich in Ruhe mit der!“ - -Von der Gesellschaft angewidert, beschlossen sie, mit niemandem mehr zu -verkehren und ausschließlich für sich allein zu Hause zu leben. - -Und sie brachten ganze Tage im Keller damit zu, den Weinstein von den -Flaschen zu entfernen, lackierten alle Möbel neu, bohnten die Zimmer; -jeden Abend erörterten sie, wenn sie das Holz brennen sahen, die besten -Heizsysteme. - -Aus Sparsamkeit versuchten sie, Schinken zu räuchern und die Wäsche -zu waschen; Germaine, die sie belästigten, zuckte die Achseln. Um die -Einmachezeit geriet sie in Wut, und sie richteten sich im Backhaus ein. - -Es hatte ehemals als Waschhaus gedient und besaß unter dem gespaltenen -Holz einen großen eingemauerten Kessel, der sich ausgezeichnet für -ihre Pläne eignete, denn der Ehrgeiz hatte sie gepackt, Konserven -herzustellen. - -Vierzehn Einmachegläser wurden mit Tomaten und Erbsen gefüllt; sie -dichteten den Verschluß mit ungelöschtem Kalk und Käse, setzten auf die -Ränder Leinwandstreifen und stellten die Gläser in kochendes Wasser. - -Es verdampfte; sie gossen kaltes nach; der Temperaturunterschied ließ -die Gläser platzen. Nur drei wurden gerettet. - -Dann verschafften sie sich alte Sardinenbüchsen, taten Kalbskoteletten -hinein und brachten sie in ein Sandbad. Sie kamen rund wie Ballons -wieder heraus; die Abkühlung sollte sie flach machen. Um den Versuch -fortzusetzen, verschlossen sie in andere Büchsen Eier, Endivien, -Hummer, ein pikantes Fischgericht, eine Suppe! -- und sie waren über -sich selbst entzückt, wie Herr Appert, „die Jahreszeiten festgelegt zu -haben“. Solche Entdeckungen gingen nach Pécuchet über die Taten der -Eroberer hinaus. - -Sie vervollkommneten die Mixed-pickles-Bereitung der Frau Bordin, -indem sie den Essig mit Pfeffer würzten; und ihre Branntweinpflaumen -waren bedeutend vorzuziehen! Durch Mazerieren erhielten sie Himbeer- -und Absinth-Ratafia. In einer Bagnolser Tonne wollten sie aus Honig -und Engelwurz Malagawein herstellen; und sie unternahmen ebenso die -Bereitung des Champagners! Die Chablisflaschen, die vom Weinmost rissig -geworden waren, platzten von selbst. Da zweifelten sie nicht mehr am -Gelingen. - -Ihre Kenntnisse erweiterten sich, und sie argwöhnten infolgedessen -überall Fälschungen von Nahrungsmitteln. - -Dem Bäcker gegenüber nörgelten sie über die Farbe des Brotes. Sie -machten sich den Krämer zum Feinde, indem sie behaupteten, er fälsche -seine Schokolade. Sie begaben sich nach Falaise, um Brustbeerenpaste -zu verlangen -- und vor den Augen des Apothekers unterwarfen sie -seine Paste der Probe durch das Wasser. Sie nahm das Aussehen einer -Speckschwarte an, was Gelatinegehalt anzeigte. - -Nach diesem Triumph wuchs ihr Stolz. Sie erstanden die Gerätschaften -eines verkrachten Branntweinbrenners, und bald kamen in das Haus Siebe, -kleine Tonnen, Trichter, Schaumlöffel, Seihebeutel und Wagen, ohne eine -Mulde mit Kugel und eine Retorte mit einem Helmkühler, welche einen -Schmelzofen nebst Rauchfang erforderte, zu zählen. - -Sie lernten, wie Zucker geläutert wird, und welche verschiedene Arten -man durch Einkochen erzielen kann, den groß- und den kleingeperlten, -den Schaumzucker, den aufgegangenen, den schleimigen und den -Karamellzucker. Doch es verlangte sie, die Retorte zu gebrauchen; und -sie machten sich an die Likörbereitung, wobei sie mit dem Anisschnaps -anfingen. Die Flüssigkeit führte fast immer die festen Bestandteile -mit, oder diese setzten sich auf dem Grunde fest; dann wieder hatten -sie sich in betreff des Mengungsverhältnisses geirrt. Um sie glänzten -die großen kupfernen Abdampfschalen, die Kolben streckten ihre spitzen -Schnäbel aus, die Pfannen hingen an den Wänden. Oft sortierte der -eine Kräuter auf dem Tisch, während der andere die Kanonenkugel in -der aufgehängten Mulde bewegte; sie rührten mit den Löffeln um, sie -kosteten die Mischungen. - -Bouvard, dem immer der Schweiß herunterlief, trug nur Hemd und Hose, -welch letztere er mit seinen kurzen Hosenträgern bis zur Magenhöhlung -emporgezogen hatte; aber verwirrt wie ein Vogel, vergaß er die -Scheidewand des Kolbens, oder er feuerte zu stark. - -Pécuchet, unbeweglich in seiner langen Bluse, eine Art Kinderkittel mit -Ärmeln, murmelte Berechnungen; und sie hielten sich für sehr ernsthafte -Menschen, die sich mit nützlichen Dingen beschäftigten. - -Schließlich träumten sie von einem feinen Likör, der alle anderen -übertrumpfen sollte. Sie wollten Koriander zusetzen wie beim Kümmel, -Kirsch wie beim Maraschino, Ysop wie beim Chartreuse, Bisam wie beim -Vespetro, Magenwurz wie beim Krambambuli; und durch Sandelholz sollte -er eine rote Farbe erhalten. Doch unter welchem Namen sollten sie ihn -in den Handel bringen? Denn man brauchte einen leicht zu behaltenden, -aber doch absonderlich klingenden Namen. Nachdem sie lange gesucht -hatten, entschlossen sie sich, ihn „Bouvarine“ zu nennen. - -Gegen Ende des Herbstes zeigten sich Flecke in den drei -Konservengläsern. Die Tomaten und die Erbsen waren verdorben. -Sollte das vom Verschluß herrühren? Da quälte sie das Problem des -Verschließens. Um neue Methoden zu erproben, fehlte es ihnen an Geld. -Ihr Pachthof machte ihnen Kummer. - -Mehrere Male hatten sich Pächter zur Übernahme angeboten, Bouvard hatte -nichts davon wissen wollen. Aber sein erster Knecht bewirtschaftete -den Hof nach seinen Anweisungen mit einem gefährlichen Sparsystem der -Art, daß die Ernten geringer wurden, alles dem Untergange entgegenging, -und sie sprachen von ihren Verlegenheiten, als Meister Gouy in ihr -Laboratorium trat, von seiner Frau begleitet, die sich furchtsam -zurückhielt. - -Dank aller Bearbeitung, die man dem Boden hatte zuteil werden lassen, -war das Land besser geworden, -- und er kam, um den Pachthof wieder zu -übernehmen. Er machte ihn herunter. Trotz aller ihrer Mühen seien die -Erträgnisse vom Zufall abhängig; mit einem Wort, wenn er wünschte, ihn -wieder zu übernehmen, so sei es aus Liebe zur Scholle und aus Sehnsucht -nach so guten Herren. Man entließ ihn kühl. Er kam noch denselben Abend -wieder. - -Pécuchet hatte Bouvard lange darüber vorgepredigt; sie wollten -nachgeben. Gouy verlangte eine Herabsetzung des Pachtzinses, und -da die Gegenpartei heftig protestierte, begann er mehr zu brüllen -als zu sprechen, indem er den lieben Gott zum Zeugen anrief, seine -Mühsale aufzählte, seine Verdienste rühmte. Als man ihn aufforderte, -seinen Preis zu sagen, senkte er, anstatt zu antworten, den Kopf. Da -begann seine Frau, die, einen großen Korb auf den Knien, an der Tür -saß, dieselben Beteuerungen, indem sie mit scharfer Stimme wie ein -verwundetes Huhn kreischte. - -Schließlich wurde der Vertrag zu der Bedingung von dreitausend Franken -Jahreszins abgeschlossen; das war ein Drittel weniger als früher. - -Noch in derselben Sitzung machte Meister Gouy den Vorschlag, das -Inventar zu kaufen, und die Wechselreden begannen von neuem. - -Die Schätzung der Gegenstände dauerte vierzehn Tage. Bouvard war von -der Anstrengung halb tot. Er gab alles für eine so lächerliche Summe -hin, daß Gouy zuerst die Augen aufriß, und „Abgemacht“ ausrufend, in -seine Hand einschlug. - -Darauf luden die Besitzer dem Brauche gemäß zu einem kleinen Imbiß in -ihrer Wohnung ein, und Pécuchet entkorkte, weniger aus Großmut, als -in der Hoffnung, etwas Schmeichelhaftes zu hören, eine Flasche seines -Malaga. - -Doch der Bauer sagte, die Nase rümpfend: - -„Das schmeckt wie Lakritzensaft.“ - -Und seine Frau verlangte, „um den Geschmack von der Zunge zu bekommen“, -ein Glas Branntwein. - -Eine wichtigere Angelegenheit nahm sie in Anspruch! Alle Bestandteile -des „Bouvarine“-Likörs waren endlich zusammen. - -Sie füllten damit den Kolben, fügten Alkohol hinzu, zündeten das Feuer -an und warteten. Unterdessen nahm Pécuchet, dem der mißlungene Malaga -keine Ruhe ließ, die Blechdosen aus dem Schrank, löste den Deckel der -ersten, dann der zweiten, der dritten. Wütend warf er sie hin und rief -Bouvard. - -Bouvard schloß den Hahn des Kühlrohrs und stürzte sich auf die -Konserven. Die Enttäuschung war vollständig. Die Kalbfleischscheiben -ähnelten gekochten Sohlen. Der Hummer hatte sich in eine schmutzige -Flüssigkeit verwandelt. Das Fischgericht war nicht mehr zu erkennen. -Pilze waren auf der Suppe gewachsen, -- und ein unerträglicher Geruch -verpestete das Laboratorium. - -Plötzlich zersprang die Retorte mit dem Knalle einer Granate in -tausend Scherben, die bis zur Decke flogen, die Töpfe zerschlugen, die -Schaumlöffel platt drückten, die Gläser zerschmetterten; die Kohle -zerstreute sich, der Ofen war entzwei, -- und am folgenden Tage fand -Germaine im Hofe einen Spatel. - -Die Kraft des Dampfes hatte das Instrument zersprengt, und das um so -eher, als der Kolben am Knauf geschlossen war. - -Pécuchet hatte sich sogleich hinter den Bottich geduckt, und Bouvard -war auf einen Schemel gesunken. Zehn Minuten lang verharrten sie in -dieser Stellung, nicht wagend, eine Bewegung zu machen, bleich vor -Schrecken inmitten der Scherben. Als sie die Sprache wiedererlangt -hatten, fragten sie sich, was der Grund zu so viel Unglück, besonders -zu dem letzten, sei; und sie begriffen nichts davon, ausgenommen, daß -sie beinahe umgekommen wären. Pécuchet schloß mit folgenden Worten: - -„Vielleicht ist der Grund der, daß wir nichts von der Chemie verstehen!“ - - - - -III - - -Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich -die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen -Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“ - -Man teilt sie in Metalloide und Metalle -- ein Unterschied, der „nichts -Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Ebenso gilt für die Säuren und die -Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz -den Umständen zufolge, verhalten kann“. - -Die Bemerkung schien ihnen seltsam. -- Die multiplen Proportionen -setzten Pécuchet in Verwirrung. - -„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von -B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele -Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das -ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“ - -„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard. - -Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem -von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft -hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß -der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht. - -Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element -nicht existiert. - -Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit -Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten -sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie. - -Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden, -aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine -Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die -Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die -Laternen enthielt. - -Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe. - -Sie brachte sie auf die Säuren, -- und das Gesetz des -Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie -versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte -sie vollends. - -Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente -haben müssen. - -Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt. - -Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären. - -Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein. - -„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“ - -Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck -ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er: - -„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“ - -Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie -erlernen wollten. - -„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch -heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die -Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“ - -Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der -Umgebung verstärkt. - -Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den -chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer -Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die -Darstellung einer Muskelfigur. - -Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment. - -„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“ - -Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für -ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem -Innern der Frau und dem des Mannes beständen. - -Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat -einen Band anatomischer Tafeln. - -„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“ - -Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer, -die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in -Verwunderung. -- Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich -wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth -lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über -das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal -stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. -- Warum -gerade sechzehnmal? - -Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet, -der sich mit Eifer an den Schädel gemacht, verlor den Mut vor dem -Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt. - -Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, -- -und sie machten sich an die Muskeln. - -Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu -den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie -vollständig darauf. - -Da sagte Pécuchet: - -„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das -Laboratorium zu benutzen.“ - -Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man -für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle. - -Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im -Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der -folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor -ihrem Gittertor nieder. - -Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den -Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier -glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen. - -Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten -und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte -keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr -sauberem Spielzeug, das nach Lack roch. - -Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die -zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah, -ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze -Masse der Eingeweide. - -„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet. - -Der Tag und der Abend gingen damit hin. - -Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den -Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren -Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“ - -Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters. - -Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den künstlichen -Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache -zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem -Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen -Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen; -Neugierige standen im Hof. - -Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die -Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor, -hatte etwas Furchtbares. - -„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet. - -Foureau stotterte: - -„Nichts, gar nichts.“ - -Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm, -fragte er: - -„Was ist das?“ - -„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard. - -Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß -sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging. - -Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen -fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten, -waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte, -erzitterte der Tisch. - -„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum -vom Halse!“ - -Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen. - -„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“ - -Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht -hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie -keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung -machen. -- Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und -rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den -anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die -Wissenschaft zu leiden. - -Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe -als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er -die Gelegenheit, zu dozieren. - -Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen -auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner Bibliothek, wobei er indessen -versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen. - -Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die -besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher -Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den -berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die -wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle -zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert -starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase -drei Pfund wog, gekannt hatten! - -Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie -unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus -zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse -ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen, -Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das -Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um -sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen. - -Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam -vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile -wieder an den rechten Platz zu setzen. - -Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie -zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und -vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden -Ellbogen auf den Tisch gestützt. - -Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten -Besuche gemacht hatte, durch die Tür. - -„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“ - -„Vorzüglich,“ erwiderten sie. - -Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu -setzen. - -Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und -sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und -ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz -ihres Bemühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte -sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten. - -„Bravo! Das habe ich erwartet!“ - -In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, -- und -das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief. - -Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die -Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre? - -Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um -dort Bücher zu kaufen. - -Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte -ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit -berühmt waren. - -Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen -von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren, -daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des -Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen. - -Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen, -die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse -und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam, -zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in -ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn -sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen -Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit. - -Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in -eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie -trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern -Erfolg als den, ihre Person zu infizieren. - -Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße -entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt -bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide -mit einem Schnupfen zurück. - -Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard -verbreitete sich über die Frage der Zeugung. - -Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht. -Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er -ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend -ein Geständnis. - -Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er -fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde, -rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten, -so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten, -Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes -in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte. - -Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer, -hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an -Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in -eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame -und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte -schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern -schwanger war. - -Bouvard sagte zu ihm: - -„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme -dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“ - -Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und -sie setzten ihre Physiologie fort. - -Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen -Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht -des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des -Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die -Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius, -der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf, -täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er -wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen -aufzuschreiben. - -Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide -zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an. - -Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung nicht zu hindern, -und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz -seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst -seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf -einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor. - -Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die -Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die -Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die -Körperteile am Becken bewegt. - -Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit -einem Thermometer versehen, hinein. - -Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil -des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im -Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch -von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, -- und da sie sich dort -sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit. - -Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle. - -„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet. - -Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz -gewiß kalt.“ - -„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst -vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“ - -Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen -Bauch, prustete wie ein Pottfisch, -- dann sah er auf das Thermometer, -das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“ - -„Nicht genug!“ - -Und er fing seine Übungen von neuem an. - -Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in -die Hand nahm. - -„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“ - -Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von -Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul. - -Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub. -Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus -Furcht, gebissen zu werden. - -Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die -Augen rollte. - -Da bellte der Hund; -- und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an -die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich -zu heben suchte. - -„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund -anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen. - -Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte -seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen -Krallen. - -„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“ - -Er legte sich darauf und blieb ruhig. - -Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von -der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; -- und als -Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf: - -„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“ - -Für was für Versuche? - -Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren, -um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie -die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor -verkaufen. - -Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen, -ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das -alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die -Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark. - -Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen -Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte. -Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere -und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine -Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch -den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche. - -Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit -Bindfäden an den Pfoten erblickte. - -Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im selben Augenblick -herein. Er machte einen Satz und war verschwunden. - -Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede. - -„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! -- Und -meine Küche, die ist sauber! -- Das wird ihn vielleicht toll machen! -Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“ - -Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen. - -Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an. - -Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut -bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen. - -Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen -einzuziehen, -- und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg, -sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte. - -Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser -starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben -Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen -verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten; -und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine -vollkommen weiße Knochenhaut. - -Die Ernährung beunruhigte sie. - -Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die -Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines -Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges -verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere -in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der -im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den -Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen -statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts. - -Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist. -Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von -hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf -ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem -alten Wort zufolge) der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren, -sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran. - -Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten. - -Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben -ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt, -sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen. - -Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem -Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme -Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von -François Raspail an. - -Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge -ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem -Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an. - -Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände -rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen, -verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und -verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der -Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften -ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit -Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung -eines Buckligen. - -Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden -hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu -ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten -zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit -Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu -frühstücken. - -Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte, -bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor -behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern; -anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert -und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten sie davon befreien. -Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die -Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil -ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn -mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen -wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten -Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt. - -Sie warb ihnen Anhänger, -- und der Steuereinnehmer, der Schreiber -auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in -Chavignolles lutschte Federkiele. - -Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die -Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich -über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte -Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das -Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus -Furcht, ihr Ansehen zu verringern. - -Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an -Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper. - -Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren -Büchern nach. - -Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche -sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische, -griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller -Sprachen. - -Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit -ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen -aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin. - -Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus, -Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der -Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie -wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und -Wirkung unterscheiden zu können. - -„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil. - -Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten die Kranken -ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die -Häuser einführten. - -Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren -Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von -scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze -Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie -von Leder und altem Käse. - -Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß -die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel -Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten -gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen -schwinde. - -Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die -Kühnheit, die Brust zu behorchen. - -Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge -im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen -würden. - -Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen -noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn, -gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen -aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom -Individuum absorbiert wurden. - -Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das -Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau -mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie -aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf. - -Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue -Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen. - -Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er -werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy -kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und -Vaucorbeil vernachlässige ihn. - -Pécuchet opferte sich. - -Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken, -aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle Anzeichen von -Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man -durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete -Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt. - -Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen -der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten. - -Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster -hinaus, indem er rief: - -„Das ist ja der reine Mord!“ - -„Warum?“ - -„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der -Drüsenschleimhaut ist.“ - -„Nicht immer!“ - -Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet -glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den -Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen -kann!“ - -„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“ - -„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit? -Wer hat es gesehen?“ - -Pécuchet verwickelte sich in seine Worte. - -„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“ - -Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung. - -„Gleichviel! Er braucht sie!“ - -„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“ - -„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten. - -„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor. - -Pécuchet kreuzte die Arme. - -„Dann sind Sie also Empiriker?“ - -„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“ - -„Und wenn man falsch beobachtet?“ - -Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der -Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert -hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn. - -„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“ - -„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbeigeführt haben, -hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“ - -Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit -erhobener Stimme: - -„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“ - -Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch -zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen. - -Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der -eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis. - -„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der -ein Diplom besitzt...“ -- Pécuchet lächelte spöttisch. -- „Warum lachen -Sie?“ - -„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“ - -Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner -sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor: - -„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin -vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des -Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen -gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß -noch einmal in Ihr Haus setze!“ - -Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke -gestikulierte. - -Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung. - -Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden -in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie -vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen -wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor -den Kopf darüber. - -Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster -hielt, -- und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den -Kopf gestoßen. - -Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von -der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil -doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin auskennen! -Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem -Menschenleben vergangen zu haben. - -Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des -Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm -an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach -Chavignolles gelockt zu haben! - -Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war -seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn. - -„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die -Entbindungen machten...“ - -„Ich habe die künstlichen Körper satt!“ - -„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen -erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“ - -Aber Bouvard war der Medizin müde. - -„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu -zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, -- und man findet -in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der -Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“ - -Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt. - -Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine -Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche -nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster, -dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von -Gallensteinen bedroht. - -Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die -Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr -erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb -war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich: - -„Habe ich Schmerzen?“ - -Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben. - -Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre -Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser, -nahmen Abführmittel, -- und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind, -Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft. - -Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme -Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, -- -und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern -in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns. - -Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine -Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde -beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist -eine drohende Ankündigung des Schlagflusses. - -Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft -einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte. -Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben -Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein -Handbuch der Hygiene von Dr. Morin. - -Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte, -die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer -Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte. - -Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter -Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“. -Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto -unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die -Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet, -von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“. -Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder -eins der Worte: „schädlich!“ -- „man hüte sich vor dem Zuviel!“ -- -„bekommt nicht jedermann!“ -- Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie -wissen, ob diese Sache einem bekommt? - -Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf -den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die -Schokolade; -- denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen -Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich -ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten -Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der -Bauchspeicheldrüse zu reinigen. - -Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so -mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft, -eine Forderung, die Pécuchet empörte. - -Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen, -daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von -vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen -unerläßlich“ ist. - -Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit -gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man -badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will, -daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach -der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor, -die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm, -dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch -von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor -der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und -sanguinischen Menschen. - -Was ist dann die Hygiene? - -„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr -Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft. - -Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit -Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das -war eine Befreiung, fast eine Vergeltung -- und sie machten sich über -Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren! -Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das -Leben ist nur gut, insoweit man es genießt! - -„Noch ein Stück?“ - -„Ich bin nicht abgeneigt.“ - -„Ich auch nicht!“ - -„Auf deine Gesundheit!“ - -„Auf die deinige!“ - -„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“ - -Sie gerieten in Stimmung. - -Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich -er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die Mütze auf den -Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der -Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins -Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu -weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet: - -„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“ - -Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu -verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie. - -Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt -einzunehmen. - -Die Ernte war soeben beendet -- und die Heuhaufen hoben sich auf den -Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und -milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal -die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise -einatmend, die ihre Wangen kühlte. - -Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen, -andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in -weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden -nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen -leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, -- und das Firmament -schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen. - -„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus. - -„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße -gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der -nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“ - -Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und -erinnerte sich der Zahlen. - -„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat -die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von -vierunddreißig Millionen Meilen!“ - -„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard. - -Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend -nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein. - -Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und zeigte ihm den -Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus -dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont, -den roten Aldebaran. - -Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke, -Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel -zurechtzufinden. - -Pécuchet fuhr fort: - -„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der -Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu -uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet, -verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie -wieder, -- und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das -alles zieht vorüber.“ - -„Doch die Sonne ist unbeweglich!“ - -„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie -dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“ - -Das störte Bouvard in seinen Ideen; -- und nach minutenlangem -Nachdenken: - -„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes -gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest -überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht -erforschen kann.“ - -So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der -Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen. - -Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den -Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang -steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars -von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß -es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen; -man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige. - -Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer -ungeheuren Rakete beschreibend. - -„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“ - -Pécuchet fuhr fort: - -„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte, würden die Bewohner -der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige -Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“ - -„Welches ist der Zweck von alldem?“ - -„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“ - -„Indessen...“ - -Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere -Worte zu finden. - -„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“ - -„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen -zufielen. - -„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“ - -Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er -gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde -wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz -von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen; -dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch -erschienen. - -Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war -wie das Weltall selbst. - -Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so -bedeutende Gegenstände nachzudenken. - -Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu -zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de -Saint-Pierres. - -Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers, -menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam -darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne -des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die -Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten; -ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur -tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem -Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist, -Wohltaten auszuteilen! - -Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder, -und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten -und Schönheiten der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei, -Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für -sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden -sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die -feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen -sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem -Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben. - -Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu. - -Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen -Geschmack gewisser Tiere in Entzücken. - -Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie -traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten, -daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß -die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen. - -„Nie im Leben.“ - -Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig. - -Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen. - -Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock -und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den -ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war, -schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich -selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor -sich gehen konnte. - -Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie -wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während -der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte -und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die -im Dunkeln leuchteten. - -Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu -Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte -ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von -Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im -Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf, um -es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf -die Erde. - -Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer -Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus -solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von -der Frage der Art. - -Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich -fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten -klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu -derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben. - -Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die -Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel -wegen eines Mikroskops. - -Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel, -einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser -vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen -sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel -wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen -zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt, -sind wohl nicht so positiver Art. - -Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn -Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher -Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr -Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“ -Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs. - -Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in -ihrer Einbildungskraft: - -Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten -Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut. -Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit; -dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf -eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die -feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige -Felsstücke stoben von den Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava, -die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer -Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da -überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie -Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig -Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals -mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt -erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere -mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer -Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken -Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den -Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier, -halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die -Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter -den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den -Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner -Höhle bellen machte. - -Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt, -deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren -Akten, dessen Apotheose der Mensch war. - -Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von -Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher -Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste. - -Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der -Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an: - -„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“ - -Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift -dadurch, daß sie die Sündflut beweise. - -Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien. - -Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand, -so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern. - -Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht von Erfolg -gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen -jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein. - -„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in -Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde -ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der -Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe -eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung -eines Krokodils verzeichnet war. - -Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung -war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und -fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer -Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump, -dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den -Kopf, während er die Augen schloß. - -Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten. - -„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“ - -Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort -Larsoneurs. Endlich kam sie. - -Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte, -hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte -anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und -er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung -ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte -man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les -Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise -Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen. - -Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich -gerne sogleich nach Villers aufgemacht. - -Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und -sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich, -Erkundigungen einzuziehen -- und sie schrieben dem Bürgermeister des -Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis -Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen, seine -Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung -unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte -da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu -machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag? - -Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten -Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren -die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie -nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde -beschlossen. - -Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann -brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen -sie zu Fuß nach Port-en-Bessin. - -Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte -eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes -erreichten sie den Strand. - -Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu -den Fluten offen vor ihnen. - -Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus -weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich -verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine -Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer -rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte -nur noch das leise Geräusch der Quellen. - -Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher -springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen, -ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem -Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn -zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre -Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem -kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze -Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich -Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren. - -Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer -Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es -war ein „Ammonites nodosus“, der an den Enden schadhaft war, aber gut -sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir -müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“ - -Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber -auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines -Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der -Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse -wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten. - -Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten. - -Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das -Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen. - -Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen -Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte. - -„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit -fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in -gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend. - -Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die -Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler -Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im -Begriff herabzugleiten. - -Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich. - -„Ihre Pässe?“ - -Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben -Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht -herbeigeeilt war. - -„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“ - -„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete -Pécuchet. - -Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß -nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen. - -Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der -unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte. - -Bouvard sagte seufzend: - -„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“ - -„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“ -erwiderte der Feldhüter. - -„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“ - -Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend. - -„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“ - -Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von -Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer -würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke; -und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen, -sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im -Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den -Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück. -Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht -zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der -Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort -angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft -vorsichtiger zu sein. - -Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie -neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des -geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen -guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen, -eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch -den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen -Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock -nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit -langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem -Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide -darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie -vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei -Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich -nicht überall in der Mütze vorstellen kann“, scheuten sie die Kosten -„eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem -Hutmacher Gibus, benannt sind.“ - -Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes, -das man besuchen will, soll man können,“ -- sie konnten sie. „Eine -bescheidene Haltung bewahren,“ -- das pflegten sie zu tun. „Nicht -zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich -schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut, -„sich für einen Ingenieur auszugeben.“ - -„Schön! Das werden wir tun!“ - -So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang -abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft. - -Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände, -deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten, -oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur -Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die -Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch -die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah, -was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein -Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für -die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden -Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten -nach Moränen und Muschelerde. - -Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und -wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die -Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen -Unannehmlichkeiten zuziehen. - -Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber -beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der -Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte -über die Menge Staub. - -Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen -der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und -des Gemenges ließ sie Ton und Mergel, Granit und Gneis, Quarz und -Kalkstein miteinander verwechseln. - -Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch, -jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in -Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich -darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo -eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen -ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die -geologischen Einteilungen glauben. - -Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen -Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu -Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu -Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht -hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le -Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen. - -Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege, -der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war -gefährlich, sich dorthin zu wagen. - -Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die -Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom, -wenn es sein müßte“. - -Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre -Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte -man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so -weit wie möglich zu gelangen. - -Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei -braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die -Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen. - -Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und -fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine -große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer -hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu -einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte -mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von -Algen auf den Fliesen einer Kirche. - -Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im -Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über -den Ursprung der Welt. - -Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist. - -Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt, -Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein -inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes -Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an -alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das -Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die -Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar -werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure -verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können. - -„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard. - -„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet. - -Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und -sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin. - -Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln -schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von -fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer -kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie -geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten, -kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und -schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam. - -Pécuchet dachte mit lauter Stimme: - -„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß -nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur -hervorzubrechen.“ - -„Aber es nimmt doch ab.“ - -„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den -Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte -sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben. - -„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“ - -„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von Lissabon. Was -unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen -zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde -bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“ - -Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der -Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg. - -„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden -vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das -gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig -wie die Normandie oder auch wie Europa.“ - -Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen. - -„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal -stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten -von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich, -vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt, -ist zermalmt.“ - -Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald -Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte -ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts -mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden -zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In -demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab. - -Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine -Furcht, schrie ihm von weitem zu: - -„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“ - -Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der -Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte: - -„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht -abgelaufen!“ - -Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die -Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem -Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen -herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken. - -Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an -einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der Bouvard jedenfalls -heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen. - -Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe -geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter -Alabaster. - -In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut -herankam, begann er wieder emporzuklimmen. - -Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah, -erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto -schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein -Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen -Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend, -das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und -unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer, -die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die -Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen -seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte -mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort -Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle -emporgestiegen war. - -Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr. - -Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie -unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der -Geologie“ betitelt war. - -Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie -man sie zu jener Zeit auffaßte. - -Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden, -aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an -einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter -enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte -Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten -sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit -finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen -Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen -sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge, und die -Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als -Abstraktionen. - -Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf -dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der -Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen -großen Mann sank. - -Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und -Geoffroy Saint-Hilaires bekannt. - -Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche. - -Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein -Joch abgeschüttelt hätte. - -„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der -Sündflut antworten würde!“ - -Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des -Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung -eines Meßgewandes zu versammeln hatten: - -„Die Herren wünschen...?“ - -„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“ - -Und Bouvard begann: - -„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die -‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein -Himmel hat keine Katarakte!“ - -Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen -dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst -Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie -vertiefe. - -„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge -überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein -Wasserstand von zwei Meilen!“ - -Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein -schönes Bad!“ - -„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“ - -Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe -sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern, -welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“ - -„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“ - -„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle -Tage geschieht.“ - -Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem -Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe -führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam -vorwärts kam. - -Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort: - -„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre -- das beweist -uns die Wissenschaft -- ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um -die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde. - -Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande -herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig -vermehren.“ - -Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu. - -Der Geistliche wurde ungeduldig. - -„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat? -Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich -weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und -da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die -Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der -Wissenschaft ist!“ - -Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de -Beaumonts, antworten. - -„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé. - -Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal -auf der Präfektur gesehen!“ - -„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt -hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen -von manchmal dreihundert Meter.“ - -Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die -Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien -aufgefundenen Tiere. - -Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe! -Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter. - -„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die -gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die -Verzeichnisse Manethos...“ - -Der Graf von Faverges nahte. - -Alle verstummten bei seiner Annäherung. - -„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“ - -„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé. - -„Weswegen?“ - -„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“ - -Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht -hätten, religiöse Fragen zu erörtern. - -„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort: -‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und -in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war: -„Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr -zurückkehren!“ - -Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem -behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn -die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre! - -„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche. - -Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede, -daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der -anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht -waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch -langsame Entwicklung zu entstehen. - -Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren, -ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der -Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“ - -Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“ -Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“ - -„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu -der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab! - -Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich -zu vergewissern, daß sie keine Affen seien. - -Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer -Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“ - -„Genug!“ - -„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den -Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten: -„Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“ - -„Zur Sitzung, meine Herren!“ - -Und man trat in die Sakristei. - -Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie -es vorgehabt hatten. -- Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel -des Jesuitismus“ trage. - -Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch -d’Orbignys auf. - -Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die -vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator -gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt -verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter -sind. - -Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in -ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil. - -Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des -Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe -einen nach dem anderen streifte. - -Bouvard lauerte ihm auf, -- und nachdem er ihn angehalten hatte, -sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie -unterbreiten. - -„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“ - -„Welcher Unsinn!“ - -„Eher von den Affen, nicht wahr?“ - -„In gerader Linie ist das unmöglich!“ - -Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor -kein sehr zuverlässiger Kunde. - -Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän -und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute -und die Fossilien, die ohne Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“ -verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren, -so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei -erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde. - -Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten -in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird -man immer in Unkenntnis bleiben. - -Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen: - -„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der -Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen -haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht -eine Ansammlung von Vegetabilien? -- Wenn man sie auf ich weiß nicht -wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet, -zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen -begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“ - -Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit -gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen -hingab. - -Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet -wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel -strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer -Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen -Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der -unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel -in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren -Geheimnisse durchdringen zu wollen, -- hingerissen von ihrer Macht, -verloren in ihre Größe. - -„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend. - -„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“ - -„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln, -mit einem Brett auf der Schulter. - -Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas -Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar -seitlich gekräuselt, den Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen -Körper in pariserischer Weise. - -Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf -sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche. - -„Mélie! bist du da, Mélie?“ - -Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum -Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu -bedienen. - -Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von -grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an -ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen -hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges. - -„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser -herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin -verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! -- Armes -kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“ - -„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter -Stimme in schleppendem Ton. - -Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ -den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang. - -Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle -vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des -Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub -Darstellungen von Personen. - -Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und -Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in -fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel -stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren -Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das -war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte -sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu -können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr -unpassenden Stellung wiedergab. - -Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise. - -„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“ - -Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen. - -Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war. - -„Gut! Kommen Sie!“ - -Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin, -Wäsche ausbreitete. - -Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel -vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete. - -Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren -Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das -geneigt blieb. - -Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den -man ihr zahlte. - -Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im -Monat eine Pistole; -- kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine -Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen. - -Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel -fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd -einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen. - -„Versteht sich!“ - -„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard. - -„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen -der Bürgersfrau.“ - -Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken -abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen. - -Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund. - -Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine -Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte: - -„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht! -Übrigens hast du zu entscheiden!“ - -Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief -sie an: - -„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“ - -„Morgen!“ - -„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“ - -„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet. - - - - -IV - - -Sechs Wochen später waren sie Archäologen geworden; und ihr Haus glich -einem Museum. - -Ein alter Holzbalken erhob sich im Vorsaal. Die geologischen Proben -versperrten die Treppe; und eine ungeheure Kette zog sich am Boden des -Hausflurs entlang. - -Sie hatten die Tür zwischen den beiden Zimmern, in denen sie nicht -schliefen, ausgehängt und den äußeren Eingang zu dem zweiten -zugenagelt, um aus den beiden Räumen ein einziges Gemach zu bilden. - -Wenn man die Schwelle überschritten hatte, stieß man gegen einen -steinernen Trog (einen gallorömischen Sarkophag), dann wurde der Blick -durch Metallgegenstände angezogen. - -An der gegenüberliegenden Wand sah man eine Wärmpfanne über zwei -Feuerböcken und einer Kaminplatte, die einen mit einer Hirtin -schäkernden Mönch darstellte. Auf kleinen Brettern erblickte man -ringsumher Leuchter, Schlösser, Bolzen, Schrauben. Der Boden verschwand -unter Scherben von roten Ziegeln. Die seltensten Sehenswürdigkeiten -waren in der Mitte auf einem Tisch aufgestellt: das Gestell einer -Haube, wie sie die Bäuerinnen der Landschaft Caux tragen, zwei -Tonurnen, Denkmünzen, ein Fläschchen aus Opalglas. Ein gestickter -Sessel trug auf seiner Rückenlehne ein Dreieck aus Gipüre. Ein Stück -von einem Panzerhemd zierte die Wand zur Rechten; und darunter hielten -lange Haken eine Hellebarde in horizontaler Lage, ein einzigartiges -Stück. - -Das zweite Zimmer, in das man auf zwei Stufen hinabging, enthielt die -alten, aus Paris mitgebrachten Bücher und die, welche sie bei ihrer -Ankunft in einem Schranke entdeckt hatten. Die Schranktüren waren -entfernt. Sie nannten das die Bibliothek. - -Der Stammbaum der Familie Croixmare nahm die ganze andere Seite der -Tür ein. In den Ecken hingen über der Wandtäfelung als Pendants das -Pastellbild einer Dame in Louis-XV-Tracht und das Porträt von Bouvards -Vater. Das Gesims des Spiegels zierten ein Sombrero aus schwarzem Filz -und ein ungeheurer Überschuh, der mit Blättern gefüllt war, den Resten -eines Nestes. - -Zwei Kokosnüsse (sie gehörten Pécuchet seit seiner Kindheit) lagen auf -dem Kamin zu beiden Seiten einer Fayencetonne, auf der ein Bauer ritt. -Daneben lag in einem Strohkorb ein Geldstück, das eine Ente von sich -gegeben hatte. - -Vor der Bibliothek machte sich eine Muschelkommode mit -Plüschverzierungen breit. Ihr Deckel trug eine Katze, die eine Maus in -ihrem Maule hielt, -- eine Versteinerung aus Saint-Allyre, -- einen -Arbeitskasten, der ebenfalls aus Muscheln war, -- und auf diesem Kasten -stand eine Kognakkaraffe, die eine Pfundbirne umschloß. - -Doch das Glanzstück, eine Statue Sankt Peters, stand in der -Fensternische! Seine behandschuhte rechte Hand hielt den Schlüssel -des Paradieses, der von apfelgrüner Farbe war. Sein Meßgewand, das -mit Lilien durchwirkt war, war von himmelblauer Farbe, und seine -leuchtend gelbe Tiara war spitz wie eine Pagode. Seine Wangen waren -geschminkt, die Augen dick und rund, der Mund stand offen, die -Nase war schief und aufgestülpt. Darüber hing ein aus einem alten -Teppich hergestellter Himmel, auf dem man zwei Amoretten in einem -Kranz von Rosen unterschied, und zu seinen Füßen erhob sich wie eine -Säule ein Buttertopf, der folgende Worte in weißen Buchstaben auf -schokoladefarbigem Grunde zeigte: „Angefertigt vor Seiner Königlichen -Hoheit dem Herzog von Angoulême zu Noron d. 3. Oktober 1817.“ - -Pécuchet überschaute das alles von seinem Bette aus in einer Flucht, -und manchmal ging er sogar in Bouvards Zimmer, um es mehr aus der Ferne -zu sehen. - -Dem Panzerhemd gegenüber blieb ein Platz leer, er war für die -Renaissancetruhe bestimmt. - -Sie war noch nicht fertig, Gorju arbeitete noch daran; er behobelte die -Flächen im Backhaus, paßte sie ein, nahm sie wieder ab. - -Um elf Uhr frühstückte er, plauderte dann mit Mélie und erschien oft -den ganzen Tag nicht wieder. - -Um Stücke in der Art dieses Möbels zu bekommen, hatten sich Bouvard und -Pécuchet auf die Suche gemacht. Was sie mitbrachten, paßte nicht. Aber -sie waren auf eine Menge merkwürdiger Sachen gestoßen. Der Geschmack am -Krimskrams war ihnen gekommen, dann die Liebe zum Mittelalter. - -Zuerst besuchten sie die Kathedralen, -- und die hohen Schiffe, die -sich in dem Weihwasser der Becken spiegelten, die Glasarbeiten, die -wie Behänge aus Edelsteinen blendeten, die Grabmäler in der Tiefe -der Kapellen, das dämmerige Licht der Krypten, alles bis zur Kühle -der Mauern erfüllte sie mit einem Schauer der Lust, versetzte sie in -religiöse Erregung. - -Bald waren sie imstande, die Epochen zu unterscheiden -- und voll -Verachtung für die Erklärungen der Küster sagten sie: „Ah! eine -romanische Apsis! Das ist aus dem zwölften Jahrhundert! Da haben wir -wieder den Flammenstil!“ - -Sie bemühten sich, die steinernen Symbole an den Kapitälen zu deuten, -wie die beiden Greifen zu Marigny, die einen blühenden Baum anpicken. -Pécuchet wollte in den Sängern mit grotesken Kinnladen, welche die -Kranzgesimse von Feugerolles abschließen, eine Satire erblicken, -- -und die Überfülle des unanständigen Mannes auf einem der Fensterkreuze -von Hérouville bewies nach Bouvards Ansicht, daß unsere Voreltern die -zotigen Späße geliebt hätten. - -Schließlich wollten sie nicht mehr das geringste Zeichen von -Geschmacksentartung dulden. Alles war Entartung -- und sie jammerten -über Vandalismus, schimpften über die Tünche. - -Doch der Stil eines Denkmals trifft nicht immer mit dem Datum zusammen, -das man dafür ansetzt. Der Rundbogen herrscht noch im dreizehnten -Jahrhundert in der Provence vor. Der Spitzbogen ist vielleicht sehr -alt! Und manche Autoren bestreiten, daß der romanische Stil vor dem -gotischen bestanden habe. Dieser Mangel an Gewißheit ärgerte sie. - -Nach den Kirchen studierten sie die festen Burgen: diejenigen von -Domfront und von Falaise. Unter dem Tor bewunderten sie die Nuten des -Fallgatters, und wenn sie den Gipfel erstiegen hatten, erblickten sie -zuerst das ganze Land, dann die Dächer der Stadt, die sich kreuzenden -Straßen, die Karren auf dem Platze, die Frauen beim Waschen. Steil -stürzte die Mauer bis zum Gestrüpp der Gräben herab, -- und sie -erblichen bei dem Gedanken, daß hier Menschen, auf Leitern schwebend, -emporgeklettert seien. Sie würden sich in die unterirdischen Gewölbe -gewagt haben; doch bildete für Bouvard sein Bauch ein Hindernis, und -Pécuchet hatte Angst vor Schlangen. - -Sie wollten die alten Sitze, Curcy, Bully, Fontenay, Lemarmion, -Argouge, kennenlernen. Zuweilen erhob sich im Winkel der Gebäude -hinter dem Misthaufen ein Turm aus der Zeit der Karolinger. Die -Küche, die Steinbänke hatte, rief Gedanken an feudale Schmausereien -wach. Andere zeigten ein durchaus wildes Äußeres mit ihren drei noch -deutlich erkennbaren Umfriedigungen, den Schießscharten unter der -Treppe, den langen, spitzgedeckten Türmchen. Dann gelangte man in ein -Gemach, wo ein Fenster aus der Zeit der Valois, fein gemeißelt wie -eine Elfenbeinschnitzerei, die Sonne hereinscheinen ließ, die den auf -dem Parkett ausgebreiteten Raps wärmte. Abteien dienen als Scheunen. -Die Inschriften der Grabsteine sind verwischt. Auf den Feldern ragt -ein einzelner Giebel empor -- und ist von oben bis unten mit Efeu -überwuchert. - -Eine Menge von Dingen erregte ihre Begierde, ein Zinntopf, ein Ring mit -einem Straß, großgeblümter Kattun. Mangel an Geld hielt sie vom Einkauf -ab. - -Durch eine Fügung des Himmels gruben sie in Balleroy bei einem -Verzinner eine gotische Scheibe aus, und sie war groß genug, um in der -Nähe des Sessels die rechte Fensterseite bis zur zweiten Scheibe zu -bedecken. Der Kirchturm von Chavignolles zeigte sich im Hintergrunde, -es war von prachtvoller Wirkung. - -Aus dem unteren Teile eines Schrankes verfertigte Gorju ein Betpult, -um es unter die Scheibe zu stellen, denn er schmeichelte ihrer -Leidenschaft. Sie war so stark, daß sie den Verlust der Baudenkmäler -bedauerten, über die man rein gar nichts weiß, -- wie das Lusthaus der -Bischöfe von Séez. - -„Bayeux,“ sagt Herr von Caumont, „soll ein Theater gehabt haben.“ Sie -suchten seinen Platz vergeblich. - -Im Dorfe Montrecy liegt eine Wiese, berühmt durch die Münzenfunde, die -man dort früher gemacht hat. Sie zählten auf eine schöne Ausbeute. Der -Wächter verweigerte ihnen den Zutritt. - -Sie waren nicht glücklicher in betreff der Verbindung, welche zwischen -einer Zisterne in Falaise und der Vorstadt von Caen bestand. Enten, die -man dort eingelassen hatte, erschienen zu Vaucelles wieder, indem sie -schnatterten: „Can, can, can,“ woraus der Name der Stadt entstanden ist. - -Kein Gang, kein Opfer war ihnen zu sauer. - -In der Herberge von Mesnil-Villement hatte Herr Galeron im Jahre 1816 -ein Frühstück für die Summe von vier Sous bekommen. -- Sie genossen -dasselbe Mahl und stellten mit Staunen fest, daß die Dinge sich seither -geändert hatten! - -Wer ist der Begründer der Abtei von Sainte-Anne? Besteht eine -Verwandtschaft zwischen Marin Onfroy, der im zwölften Jahrhundert eine -neue Sorte Äpfel einführte, und Onfroy, dem Gouverneur von Hastings zur -Zeit der Eroberung? Wie sich „Die arglistige Zauberin“ verschaffen, ein -Lustspiel in Versen von einem gewissen Dutrezor, das in Bayeux entstand -und gegenwärtig sehr selten ist? Unter Ludwig XIV. schrieb Hérambert -Dupaty oder Dupastis Hérambert ein niemals erschienenes Werk voll von -Anekdoten über Argentan: es handelte sich darum, diese Anekdoten wieder -aufzufinden. Was ist aus den selbstgeschriebenen Memoiren der Frau -Dubois de la Pierre geworden, die für die unveröffentlichte Geschichte -des Ortes Laigle von Louis Dasprès, Vikar zu Saint-Martin, benutzt -sind? Das alles sind Probleme, merkwürdige Punkte, die der Aufklärung -bedürfen. - -Doch zuweilen führt ein schwacher Hinweis auf den richtigen Weg zu -einer unschätzbaren Entdeckung. - -Also zogen sie ihre Kittel wieder an, um kein Aufsehen zu erregen, und -sich den Anschein von Hausierern gebend, sprachen sie in den Häusern -vor und verlangten, alte Papiere zu kaufen. Man verkaufte ihnen ganze -Stöße. Es waren Schulhefte, Rechnungen, alte Zeitungen, nichts was man -gebrauchen konnte. - -Schließlich wandten sich Bouvard und Pécuchet an Larsoneur. - -Er steckte tief im Keltizismus, antwortete kurz auf ihre Fragen, -stellte neue. - -Ob sie in ihrer Gegend Spuren der Hundeverehrung bemerkt hätten, -wie man sie in Montargis findet? Und außerdem fragte er nach -besonderen Einzelheiten über die Johannisfeuer, die Hochzeiten, nach -volkstümlichen Sprichwörtern und so weiter? Und er bat sie sogar, -für ihn einige jener Steinbeile zu sammeln, die man damals „Celtae“ -nannte und welche die Druiden bei „ihren verbrecherischen Sühnopfern“ -gebrauchten. - -Durch Gorju verschafften sie sich etwa ein Dutzend derselben, sandten -ihm das kleinste; die andern bereicherten ihr Museum. - -Sie gingen gern darin herum, fegten es selbst, hatten allen ihren -Bekannten davon gesprochen. - -Eines Nachmittags fanden sich Frau Bordin und Herr Marescot ein, um es -zu besichtigen. - -Bouvard empfing sie und begann mit der Vorführung der Gegenstände in -der Vorhalle. - -Der Balken war nichts Geringeres als der ehemalige Galgen von Falaise, -nach Angabe des Tischlers, der ihn verkauft hatte und der diese -Kenntnis von seinem Großvater hatte. - -Die dicke Kette auf dem Flur stammte aus dem Verlies des Schloßturmes -von Torteval. Nach der Ansicht des Notars glich sie den Ketten der -Grenzsteine vor den Ehrenhöfen. Bouvard war überzeugt, daß sie ehemals -dazu gedient hatte, Gefangene zu fesseln, und er öffnete die Tür des -ersten Zimmers. - -„Was sollen alle diese Ziegel?“ rief Frau Bordin. - -„Um die Bäder zu erwärmen; doch ein wenig der Reihe nach, wenn ich -bitten darf. Dies hier ist ein Grabmal, das in einer Herberge entdeckt -wurde, wo es als Viehtrog diente.“ - -Dann nahm Bouvard die beiden Urnen in die Hand, die mit Erde -- es sei -menschliche Asche -- gefüllt waren, und er brachte das Fläschchen an -seine Augen, um zu zeigen, wie die Römer ihre Tränen darin auffingen. - -„Aber man sieht bei Ihnen nur traurige Dinge!“ - -In der Tat war das etwas ernst für eine Dame, und er entnahm einer -Schachtel mehrere Kupfermünzen und einen Silberdenar. - -Frau Bordin fragte den Notar, wieviel das wohl heute wert sei. - -Das Panzerhemd, das er betrachtete, entglitt seinen Händen; einige -Maschen lösten sich. Bouvard verbarg sein Mißvergnügen. - -Er hatte sogar die Gefälligkeit, die Hellebarde abzunehmen, und sich -beugend, die Arme hebend, mit dem Fuße aufstampfend, gab er sich den -Anschein, die Kniekehlen eines Pferdes zu durchmähen, wie mit dem -Bajonette zu stoßen, einen Feind zu töten. Innerlich fand die Witwe, er -sei ein kräftiger Schlingel. - -Sie war von der Muschelkommode begeistert. Die Katze von Saint-Allyre -setzte sie sehr in Staunen, die Birne in der Karaffe etwas weniger; -dann kam man zu dem Kamin. - -„Ah! da ist ein Hut, der ausbesserungsbedürftig wäre.“ - -Drei Löcher, Male von Kugeln, höhlten die Ränder. - -Er hatte dem Anführer einer Diebesbande, David de la Bazoque, unter -dem Direktorium gehört, der durch Verrat gefangengenommen und sogleich -getötet worden war. - -„Um so besser, da hat man gut getan,“ sagte Frau Bordin. - -Marescot lächelte vor den Gegenständen in herablassender Weise. Er -hatte kein Verständnis für den Überschuh, der das Aushängeschild -eines Schuhwarenhändlers gewesen war, noch begriff er, was dieses -Fayence-Tönnchen sollte, das ein gewöhnlicher Mostbehälter war; und -der Sankt Peter mit seiner Physiognomie eines Trunkenboldes sei, offen -gesagt, ein kläglicher Anblick. - -Frau Bordin machte die Bemerkung: - -„Immerhin wird er Ihnen ziemlich viel gekostet haben?“ - -„O! nicht allzuviel, nicht allzuviel.“ - -Ein Dachdecker hatte ihn für fünfzehn Franken hergegeben. - -Dann tadelte sie als etwas Unpassendes die Entblößung der Dame mit der -gepuderten Perücke. - -„Was ist schlimmes daran?“ fragte Bouvard, „wenn man etwas Schönes -besitzt.“ - -Und leiser fügte er hinzu: - -„Wie Sie, dessen bin ich sicher.“ - -Der Notar wandte ihnen den Rücken, während er die Zweige der Familie -Croixmare studierte. Sie gab keine Antwort, sondern fing an, mit ihrer -langen Uhrkette zu spielen. Ihr Busen wölbte sich unter dem schwarzen -Taffet ihrer Taille, und sie senkte, während sie die Augenbrauen leicht -zusammenzog, das Kinn wie eine Taube, die sich bläht; dann fragte sie -mit harmloser Miene: - -„Wie hieß die Dame?“ - -„Das weiß man nicht; sie ist eine der Mätressen des Regenten, Sie -wissen, desselben, der so viele Possen trieb.“ - -„Ganz recht; die Memoiren aus der Zeit...“ - -Und der Notar beklagte, ohne seinen Satz zu beenden, das Beispiel -dieses von seinen Leidenschaften beherrschten Fürsten. - -„Aber so sind Sie alle!“ - -Die beiden Männer protestierten, und ein Gespräch über die Frauen, -über die Liebe knüpfte sich daran. Marescot versicherte, es gäbe viele -glückliche Ehen; zuweilen habe man sogar, ohne es zu ahnen, ganz in -seiner Nähe, was man zu seinem Glücke brauche. Die Anspielung war nicht -mißzuverstehen. Die Wangen der Witwe bedeckten sich mit Purpur; doch -sogleich sich fassend, sagte sie: - -„Wir sind aus dem Alter der Torheiten heraus, nicht wahr, Herr Bouvard?“ - -„Eh, eh! das möchte ich doch nicht behaupten.“ - -Und er bot ihr den Arm, um sie ins andere Zimmer zu führen. - -„Geben Sie acht auf die Stufen! Schön. Nun betrachten Sie die Scheibe.“ - -Man sah einen scharlachroten Mantel darauf und die beiden Flügel eines -Engels. Alles übrige verschwand unter dem Blei, das die zahlreichen -Sprünge des Glases zusammenhielt. Der Tag neigte sich, die Schatten -wurden länger. Frau Bordin war ernst geworden. - -Bouvard entfernte sich und kam zurück, mit einer Wolldecke bekleidet, -kniete dann vor dem Betpult nieder, die Arme nach außen, das Gesicht in -den Händen, während die Sonne auf seinen kahlen Schädel glänzte; und er -war sich der Wirkung bewußt, denn er sagte: - -„Sehe ich nicht aus wie ein mittelalterlicher Mönch?“ - -Dann hob er den Kopf in schräger Haltung mit verzückten Augen und gab -seinem Gesichte einen mystischen Ausdruck. Man hörte vom Flur her die -tiefe Stimme Pécuchets: - -„Erschrick nicht, ich bin es.“ - -Er trat ein, einen Helm auf dem Kopfe: eine eiserne Sturmhaube mit -spitzen Ohrenklappen. - -Bouvard verließ das Betpult nicht. Die beiden andern verharrten -stehend. Eine Minute verging in Verdutzung. - -Frau Bordin schien Pécuchet etwas kühl. Doch erkundigte er sich, ob sie -alles gesehen habe. - -„Ich glaube, ja.“ - -Und auf die Wand weisend: - -„Verzeihen Sie, dort wird ein Gegenstand stehen, den man in diesem -Augenblicke repariert.“ - -Die Witwe und Marescot gingen. - -Die beiden Freunde waren auf den Gedanken gekommen, einen Wettbewerb -vorzutäuschen. Sie gingen jeder für sich auf die Streifzüge, der zweite -machte höhere Angebote als der erste. Pécuchet hatte soeben den Helm -erstanden. - -Bouvard beglückwünschte ihn und nahm seine Lobreden bezüglich der Decke -entgegen. - -Mélie richtete sie mit Hilfe von Schnüren wie ein Ordensgewand her. Sie -trugen sie abwechselnd, wenn sie Besuche empfingen. - -Es kamen zu ihnen Girbal, Foureau, der Hauptmann Heurteaux, dann -untergeordnete Persönlichkeiten: Langlois, Beljambe, ihre Pächter, bis -zu den Dienstboten der Nachbarn; und jedesmal begannen sie wieder ihre -Erklärungen, zeigten die Stelle, wo die Truhe stehen sollte, gaben -sich mit erkünstelter Bescheidenheit, baten um Nachsicht wegen des -Platzmangels. - -Pécuchet trug an solchen Tagen eine Zuavenmütze, die er noch von -Paris her hatte, denn er glaubte sie in engerer Beziehung zu der -künstlerischen Umwelt. In einem bestimmten Augenblick setzte er -den Helm auf und rückte ihn tief in den Nacken, um sein Gesicht -freizumachen. Bouvard vergaß nicht, die Hellebarde vorzuführen. -Schließlich verständigten sie sich durch einen Blick, ob der Besuch -verdiene, daß man ihm „den mittelalterlichen Mönch“ zeige. - -Welche Erregung, als vor ihrem Gitter der Wagen des Herrn von Faverges -hielt. Er habe ihnen nur ein Wort zu sagen. Es handele sich um -folgendes: - -Hurel, sein Faktotum, hatte ihm mitgeteilt, daß sie überall Dokumente -suchten und dabei alte Papiere auf dem Gut von la Aubrye erstanden -hatten. - -Das stimme vollkommen. - -Ob sie dabei nicht Briefe des Barons von Gonneval, ehemaligen -Adjutanten des Herzogs von Angoulême, gefunden hätten? Denn er hatte -in la Aubrye Aufenthalt genommen. Man wünschte die Korrespondenz aus -Familieninteresse zu besitzen. - -Sie befand sich nicht in ihrem Hause, doch beherbergten sie eine Sache, -die ihn interessieren werde, wenn er geruhen wolle, ihnen in ihre -Bibliothek zu folgen. - -Niemals hatten solche Lackstiefel im Hausflur geknarrt. Sie stießen -gegen den Sarkophag. Beinahe hätte er mehrere Ziegel zertreten, kam -glücklich um den Sessel, stieg zwei Stufen herab, -- und im zweiten -Zimmer angekommen, zeigten sie ihm unter dem Baldachin vor dem Sankt -Peter den Buttertopf, der in Noron hergestellt war. - -Bouvard und Pécuchet hatten geglaubt, das Datum sei in manchen Fällen -von Wichtigkeit. - -Der Edelmann besichtigte aus Höflichkeit ihr Museum. Er wiederholte: -„Reizend! Sehr hübsch!“ wobei er sich mit dem Knauf seines -Spazierstöckchens leichte Schläge auf den Mund gab, und gewiß sei er -ihnen dankbar, diese Überbleibsel des Mittelalters gerettet zu haben, -einer Zeit religiösen Glaubens und ritterlicher Aufopferung. Er liebe -den Fortschritt und würde sich gleich ihnen solch interessanten Studien -gewidmet haben, doch die Politik, die Kreisstände, die Landwirtschaft, -ein wahrer Strudel halte ihn davon ab. - -„Übrigens würde man nach Ihnen nur eine dürftige Nachlese halten -können, denn bald werden Sie alle Merkwürdigkeiten des Bezirks in Ihrem -Hause vereinigt haben.“ - -„Ohne uns überheben zu wollen, das denken wir,“ sagte Pécuchet. - -Indessen könne man in Chavignolles zum Beispiel noch solche -entdecken; in der Gasse am Friedhof sei seit undenklichen Zeiten ein -Weihwasserbecken an der Mauer im Grase vergraben. - -Sie waren über die Mitteilung erfreut, dann tauschten sie einen Blick -aus, der bedeutete, „ist es der Mühe wert?“ -- doch schon öffnete der -Graf die Tür. - -Mélie, die dahinter stand, rannte ungestüm davon. - -Da er seinen Weg durch den Hof nahm, bemerkte er Gorju, der mit -übereinandergelegten Armen dabei war, seine Pfeife zu rauchen. - -„Sie beschäftigen diesen Burschen? Hm! wenn einmal ein Aufstand -ausbricht, würde ich ihm nicht trauen.“ - -Und Herr von Faverges stieg in seinen Tilbury. - -Warum schien sich ihre Dienstmagd vor ihm zu fürchten? - -Sie fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe auf seinem Gute -gedient. Sie sei jenes kleine Mädchen, welches den Schnittern zu -trinken gab, als sie vor zwei Jahren gekommen waren. Man hatte sie zur -Aushilfe auf das Schloß genommen und fortgeschickt „wegen unwahrer -Nachrede“. - -Doch Gorju, was konnte man ihm vorwerfen? Er war sehr geschickt und -bezeugte ihnen unendlich viel Achtung. - -Am folgenden Morgen begaben sie sich mit Tagesanbruch zum Friedhofe. - -Bouvard untersuchte mit seinem Stock die bezeichnete Stelle. Er -stieß auf einen harten Gegenstand. Sie rissen einige Nesseln aus und -entdeckten eine Sandsteinschale, ein Taufbecken, in dem Pflanzen -wuchsen. - -Indessen ist es eigentlich nicht Brauch, Taufbecken außerhalb der -Kirche zu verscharren. - -Pécuchet machte eine Zeichnung davon, Bouvard die Beschreibung, und sie -schickten das alles an Larsoneur. - -Seine Antwort kam sofort. - -„Sieg, meine teuren Kollegen! Das ist unbestreitbar ein Druiden-Gefäß.“ - -Doch sollten sie sich vorsehen. Das Beil sei zweifelhaft, -- und ebenso -in seinem wie in ihrem Interesse gab er ihnen eine Reihe von Werken an, -die man zu Rate ziehen solle. - -Larsoneur gestand in einem Postskriptum, er habe Lust, dieses Gefäß -kennenzulernen, was sich bald einmal machen lassen würde, wenn er seine -Reise in die Bretagne ausführe. - -Da vergruben sich Bouvard und Pécuchet in die keltische Archäologie. - -Dieser Wissenschaft zufolge beteten die alten Gallier, unsere -Vorfahren, Kirk und Kron, Taranis, Esus, Netalemnia, den Himmel und -die Erde, den Wind und die Wasser an, -- und über alles den großen -Teutates, welcher der Saturn der Heiden ist. Denn als Saturn in -Phönizien herrschte, erkor er sich eine Nymphe namens Anobret zur -Gattin, von der er ein Kind mit Namen Jeüd hatte, -- und Anobret hat -die Züge Saras, Jeüd wurde geopfert (oder doch beinahe) wie Isaak; -- -also ist Saturn Abraham, woraus man schließen muß, daß die Religion der -Gallier denselben Ursprung hat wie die der Juden. - -Ihr Gemeinwesen war sehr gut geordnet. Die erste Klasse von -Leuten umfaßte das Volk, den Adel und den König, die zweite die -Rechtsgelehrten, -- und in der dritten, der höchsten, gliederten sich -nach Taillepied „die verschiedenen Arten von Philosophen“, nämlich -Druiden oder Saroniden, die selbst wieder in Eubages, Bardes und Vates -eingeteilt wurden. - -Die einen verkündeten die Zukunft, andere sangen, noch andere lehrten -Botanik, Medizin, Geschichte und Literatur, kurz „alle Künste ihrer -Zeit“. Pythagoras und Plato waren ihre Schüler. Sie brachten den -Griechen die Metaphysik bei, den Persern die Hexenkunst, den Etruskern -die Opferschau, -- und den Römern das Verzinnen des Kupfers und den -Schinkenhandel. - -Doch von diesem Volke, das die Alte Welt beherrschte, sind nur noch -Steine übriggeblieben, die entweder ganz alleinstehen oder in Gruppen -zu dreien, oder in Galerien angeordnet sind oder Einfriedigungen bilden. - -Bouvard und Pécuchet studierten voller Eifer nacheinander den Stein -von Post zu Ussy, den Doppelstein im Guest, den Stein von Darier bei -Aigle und andere! - -Alle diese Blöcke, von denen ihnen der eine nicht mehr sagte als der -andere, langweilten sie bald, und eines Tages, als sie den Menhir von -Passais gesehen hatten, waren sie im Begriff, zurückzukehren, als ihr -Führer sie in einen Buchenhain führte, der mit Granitmassen angefüllt -war, die Sockeln oder ungeheuren Schildkröten glichen. - -Die bedeutendste ist wie ein Becken gehöhlt. Einer der Ränder ist -höher, und vom Boden gehen zwei Einschnitte bis zur Erde hinab; das war -für das Abfließen des Blutes, unmöglich, daran zu zweifeln. Der Zufall -bringt so etwas nicht hervor. - -Baumwurzeln schlangen sich um diese rohen Sockel. Es fiel ein wenig -Regen. In der Ferne stiegen Nebelstreifen gleich großen Gespenstern. -Es kostete geringe Mühe, sich unter dem Laubwerk Priester in goldener -Tiara und weißem Gewande zu denken, mit ihren Menschenopfern, deren -Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, -- und am Rande des -Beckens die den roten Strom beobachtende Priesterin, während die Menge -ringsumher heulte zum Lärm der Cymbeln und der aus Auerochsenhorn -gemachten Trompeten. - -Sogleich stand ihr Plan fest. - -Und in einer mondhellen Nacht nahmen sie ihren Weg zum Friedhof, -wie Diebe im Schatten der Häuser gehend. Die Fensterläden waren -geschlossen, und die Höfe lagen in Schweigen; nicht ein Hund bellte. - -Gorju begleitete sie; sie machten sich ans Werk. Man hörte nur die -Steine klingen, die von dem den Grasboden höhlenden Scheit getroffen -wurden. - -Die Nachbarschaft der Toten war ihnen unangenehm; die Uhr der Kirche -gab ein fortwährendes Röcheln von sich, und die Rose in ihrem -Giebelfelde sah aus wie ein Auge, das die Tempelschänder erspäht. -Endlich brachten sie das Gefäß fort. - -Am folgenden Tage gingen sie wieder zum Friedhofe, um zu sehen, welche -Spuren ihre Tätigkeit hinterlassen. - -Der Abbé, welcher vor der Tür frische Luft schöpfte, bat sie, ihm die -Ehre eines Besuches zu erweisen; und nachdem er sie in seinen kleinen -Saal geführt, blickte er sie in sonderbarer Weise an. - -Auf der Anrichte stand zwischen den Tellern eine Suppenschüssel, die -mit gelben Sträußen bemalt war. - -Pécuchet rühmte sie, da er nicht wußte, was er sagen sollte. - -„Das ist ein altes Rouenner Stück,“ erwiderte der Pfarrer, „ein -Erbstück. Die Kenner, besonders Herr Marescot, schätzen es.“ - -Er selber habe, Gott sei Dank, keine Vorliebe für Sehenswürdigkeiten; --- und da sie ihn nicht zu verstehen schienen, erklärte er, er habe -selbst gesehen, wie sie das Taufbecken entwendeten. - -Die beiden Archäologen waren sehr verblüfft, stotterten. Der fragliche -Gegenstand sei nicht mehr in Gebrauch. - -Gleichviel! sie müßten ihn herausgeben. - -Ohne Zweifel! Aber man möge ihnen wenigstens erlauben, einen Maler -kommen zu lassen, um ihn abzuzeichnen. - -„Einverstanden, meine Herren.“ - -„Die Sache bleibt unter uns, nicht wahr?“ sagte Bouvard, „unter dem -Siegel des Beichtgeheimnisses!“ - -Der Geistliche beruhigte sie lächelnd mit einer Bewegung. - -Nicht ihn hatten sie zu fürchten, sondern vielmehr Larsoneur. Wenn -er durch Chavignolles kommen würde, würde er nach dem Gefäß lüstern -werden, -- und seine Redereien darüber würden der Regierung zu Ohren -kommen. Aus Vorsicht versteckten sie es im Backhaus, dann in der Laube, -in der Hütte, in einem Schrank. Gorju war müde, es herumzuschleppen. - -Der Besitz eines solchen Stückes verknüpfte sie mit dem Keltizismus der -Normandie. - -Sein Ursprung liegt in Ägypten. Séez im Ornekreise wird zuweilen -Saïs, wie die Stadt des Delta, geschrieben. Die Gallier schworen beim -Stier, was eine Verpflanzung des Apiskultes war. Der lateinische Name -„Bellocastes“, welcher der der Bewohner von Bayeux war, kommt von Beli -Casa, Wohnung, Heiligtum des Belus. Belus und Osiris sind die gleiche -Gottheit. „Nichts steht dem im Wege,“ sagt Mangou de la Londe, „daß -es bei Bayeux druidische Denkmäler gegeben habe.“ -- „Dieses Land“, -fügt Herr Roussel hinzu, „ähnelt dem Lande, in welchem die Ägypter -den Tempel des Jupiter Ammon bauten.“ Also gab es einen Tempel, und -noch dazu einen, der Schätze beherbergte. Alle keltischen Bauwerke -beherbergen solche. - -Im Jahre 1715 grub, so berichtet Dom Martin, ein Herr Héribel in der -Umgegend von Bayeux mehrere mit Gebeinen gefüllte Tongefäße aus -- und -schloß (der Überlieferung und entschwundenen Autoritäten folgend), daß -dieser Ort, eine Totenstadt, der Berg Faunus sei, wo man das goldene -Kalb verscharrt habe. - -Indessen wurde das goldene Kalb verbrannt und verschluckt, -- wofern es -sich nicht um einen Irrtum der Bibel handelt. - -Zunächst, wo liegt der Faunusberg? Die Bücher geben es nicht an. -Die Eingeborenen wissen nichts darüber. Man hätte zu Nachgrabungen -schreiten müssen, -- und zu diesem Zwecke richteten sie eine -Bittschrift an den Herrn Präfekten, auf die keine Antwort erfolgte. - -Vielleicht war der Berg Faunus verschwunden, und es war kein Hügel, -sondern ein Tumulus. Was bedeuteten die Tumuli? - -Mehrere enthalten Skelette, die die Stellung des Fötus im Mutterleib -zeigen. Das will besagen, daß das Grab für sie eine zweite Zeit der -Trächtigkeit war, die sie zu einem neuen Leben vorbereitete. Also -stellt der Tumulus das weibliche Organ dar, wie der aufrechte Stein das -männliche Organ bedeutet. - -In der Tat hat, wo es Menhire gibt, ein unzüchtiger Kult bestanden. -Beweis ist, was in Guérande, in Chichebouche, in Croisic, in Livarot -vor sich ging. Ursprünglich hatten die Türme, die Pyramiden, die -Kerzen, die Meilensteine der Wege und selbst die Bäume die Bedeutung -des Phallus, -- und für Bouvard und Pécuchet wurde alles zum Phallus. -Sie sammelten Ortscheite von Wagen, Sesselbeine, Kellerschlösser, -Pistille. Wenn man sie besuchte, fragten sie: „An was erinnert Sie das -wohl?“ und vertrauten dann das Geheimnis an, und wenn man protestierte, -zuckten sie mitleidig die Achseln. - -Eines Abends, als sie über die Dogmen der Druiden nachsannen, fand sich -der Abbé ein, in bescheidener Haltung. - -Sogleich zeigten sie ihm das Museum, wobei sie mit der Scheibe -begannen; doch sie konnten es nicht erwarten, zu einer neuen Abteilung -zu kommen, der des Phallus. Der Geistliche unterbrach sie, da er -die Ausstellung für unpassend hielt. Er kam, um sein Taufbecken -zurückzuverlangen. - -Bouvard und Pécuchet flehten noch um vierzehn Tage, die gerade genügen -würden, einen Abguß davon zu nehmen. - -„Je eher, desto besser,“ sagte der Abbé. - -Dann plauderte er von nebensächlichen Dingen. - -Pécuchet, der sich einen Augenblick entfernt hatte, ließ ihm ein -Goldstück in die Hand gleiten. - -Der Priester fuhr zurück. - -„O, für Ihre Armen!“ - -Und Herr Jeufroy nestelte das Goldstück errötend in seinen Priesterrock. - -Das Gefäß herausgeben, das Opfergefäß! Nie im Leben! Sie wollten sogar -Hebräisch lernen, das die Muttersprache des Keltischen ist, sofern es -nicht von ihm herstammt! -- und sie wollten die Bretagne bereisen, -- -indem sie mit Rennes begannen, wo sie ein Zusammentreffen mit Larsoneur -haben würden, um die in den Denkschriften der keltischen Akademie -erwähnte Urne zu studieren, welche die Asche der Königin Artemisia -enthalten zu haben scheint, -- als der Bürgermeister, mit dem Hut auf -dem Kopf, ohne Umstände eintrat als der ungehobelte Mensch, der er war. - -„Das hilft alles nichts, ihr Herren. Sie müssen es herausrücken!“ - -„Was denn?“ - -„Spaßmacher! Ich weiß genau, daß Sie es verstecken!“ - -Man hatte sie verraten. - -Sie erwiderten, daß sie es mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers bei -sich hielten. - -„Das werden wir sehen.“ - -Und Foureau ging. - -Eine Stunde später war er wieder da. - -„Der Pfarrer sagt nein! Erklären Sie sich.“ - -Sie blieben hartnäckig. - -Zunächst bedürfte man dieses Weihwasserbeckens nicht -- das kein -Weihwasserbecken sei. Sie würden es durch eine Menge wissenschaftlicher -Gründe beweisen. Dann schlugen sie vor, in ihrem Testamente -anzuerkennen, daß es der Gemeinde gehöre. - -Sie erboten sich sogar, es zu kaufen. - -„Und übrigens ist es mein Eigentum!“ wiederholte Pécuchet. Die zwanzig -Franken, die Herr Jeufroy genommen habe, seien ein Beweis des Vertrages --- und wenn man zum Friedensrichter gehen müsse, um so schlimmer, dann -würde er einen Meineid leisten! - -Während dieser Streitigkeiten hatte er die Suppenschüssel mehrere -Male wiedergesehen, und in seiner Seele war der Wunsch, das brennende -Verlangen entstanden, diese Fayence zu besitzen. Wenn man sie ihm -abtreten wolle, würde er das Gefäß zurückgeben. Im anderen Falle nicht. - -Aus Ermüdung oder Furcht vor ärgerlichem Aufsehen gab sie Herr Jeufroy -hin. - -Sie wurde in ihrer Sammlung untergebracht, neben der Haube der Bäuerin -aus Caux. Das Gefäß zierte die Vorhalle der Kirche, und sie trösteten -sich über seinen Verlust mit dem Gedanken, daß die Bewohner von -Chavignolles seinen Wert nicht kannten. - -Doch die Suppenschüssel gab ihnen den Geschmack an Fayencen: ein neuer -Gegenstand für Studien und Streifzüge im Lande. - -Es war zu der Zeit, wo vornehme Leute die alten Rouenner Teller -sammelten. Der Notar besaß einige und kam daher in den Ruf eines -Künstlers, was ihm in seinem Beruf schaden konnte; doch suchte er das -durch ernste Seiten wieder wettzumachen. - -Als er erfuhr, daß Bouvard und Pécuchet die Suppenschüssel erworben -hatten, ging er zu ihnen, um ihnen einen Tausch vorzuschlagen. - -Pécuchet beschied ihn abschlägig. - -„Sprechen wir nicht weiter davon!“ und Marescot besichtigte ihre -Keramiken. - -Die sämtlichen an den Wänden aufgehangenen Stücke waren blau auf einem -schmutzig-weißen Grunde, und einige zeigten ein Füllhorn in grünen und -rötlichen Tönen, Barbierbecken, Teller, Untertassen, Gegenstände, auf -die man lange Jagd gemacht und die man auf der Brust in den Falten des -Rockes heimgetragen hatte. - -Marescot rühmte sie, sprach von anderen Fayencen, spanisch-arabischen, -holländischen, englischen, italienischen; und nachdem er sie durch -seine Kenntnisse geblendet hatte: „Wenn ich Ihre Suppenschüssel noch -mal ansähe?“ - -Er ließ sie durch Anschlagen mit dem Finger erklingen, betrachtete dann -die beiden S, die auf den Deckel gemalt waren. - -„Das Zeichen von Rouen!“ sagte Pécuchet. - -„O! o! Genau genommen hatte Rouen kein Zeichen. Als man noch nichts von -Moutiers wußte, waren alle französischen Fayencen aus Nevers. So geht -es ebenso heutzutage mit Rouen! Übrigens macht man sie in Elbeuf bis -zur Vollendung nach.“ - -„Nicht möglich!“ - -„Man macht ja doch auch Majoliken nach! Ihr Stück ist vollständig -wertlos, -- und ich war im Begriff, eine schöne Dummheit zu begehen!“ - -Als der Notar fortgegangen war, sank Pécuchet gebrochen in einen Sessel. - -„Man hätte das Becken nicht herausgeben sollen,“ sagte Bouvard, „doch -du begeisterst dich, du erhitzest dich immer gleich!“ - -„Ja, ich erhitze mich,“ und Pécuchet faßte die Suppenschüssel und -schleuderte sie weit von sich gegen den Sarkophag. - -Bouvard, ruhiger, las die Stücke eines nach dem anderen auf; -- und -nach einiger Zeit kam ihm dieser Gedanke: - -„Es ist leicht möglich, daß Marescot uns aus Eifersucht zum besten -gehabt hat!“ - -„Wie?“ - -„Nichts gibt mir die Versicherung, daß die Suppenschüssel nicht echt -sei! während die anderen Stücke, die er anscheinend bewunderte, -vielleicht nachgemacht sind!“ - -Und der Rest des Tages verging in Zweifeln, in Bedauern. - -Das war kein Grund, die Reise in die Bretagne aufzugeben. Sie gedachten -sogar, Gorju mitzunehmen, der ihnen bei ihren Ausgrabungen behilflich -sein sollte. - -Seit einiger Zeit schlief er im Hause, um die Ausbesserung des Möbels -schneller zu beendigen. Die Aussicht eines Ortswechsels paßte ihm -nicht, und da sie von Menhiren und Tumuli, die sie sehen wollten, -sprachen, sagte er zu ihnen: „Das kenne ich besser; im Süden von Algier -trifft man bei den Quellen des Bou-Mursoug eine Menge davon.“ Er gab -sogar die Beschreibung eines Grabes, das zufällig in seiner Gegenwart -geöffnet worden sei, -- und das ein Skelett in der zusammengekauerten -Haltung eines Affen, die beiden Arme um die Beine geschlungen, enthielt. - -Larsoneur, den sie hiervon in Kenntnis setzten, wollte nicht daran -glauben. - -Bouvard vertiefte sich in den Gegenstand und widerlegte ihn. - -Wie kommt es, daß die Denkmäler der Gallier formlos sind, während -diese selben Gallier zur Zeit des Julius Cäsar zivilisiert waren? Ohne -Zweifel rühren sie von einem älteren Volke her. - -Eine solche Hypothese ermangelte nach Larsoneurs Ansicht des -Patriotismus. - -Gleichviel! nichts beweise, daß diese Denkmäler Werke der Gallier -seien. „Zeigen Sie uns einen Text!“ - -Der Akademiker wurde ärgerlich, antwortete nicht mehr; -- und sie waren -recht froh darüber, so sehr langweilten die Druiden sie. - -Wenn sie nicht wußten, woran sie sich hinsichtlich der Töpferkunst und -des Keltizismus halten sollten, so lag das an ihrer Unkenntnis der -Geschichte, besonders der Geschichte von Frankreich. - -Das Werk von Anquetil befand sich in ihrer Bibliothek; doch die Reihe -der tatenlosen Könige belustigte sie sehr wenig. Die Ruchlosigkeit der -Hausmeier empörte sie keineswegs, -- und sie legten Anquetil fort, -abgestoßen durch die Abgeschmacktheit seiner Betrachtungen. - -Da fragten sie bei Dumouchel an, „welches die beste Geschichte -Frankreichs sei?“ - -Dumouchel nahm auf ihren Namen ein Abonnement in einer Leihbibliothek -und sandte ihnen die Briefe Augustin Thierrys zusammen mit zwei Bänden -des Herrn von Genoude. - -Das Königtum, die Religion, die Nationalversammlungen, das waren diesem -Schriftsteller zufolge „die Grundlagen“ der französischen Nation, -Grundlagen, die auf die Merovinger zurückgehen. Die Karolinger haben -ihnen Abbruch getan. Die Kapetinger, im Einvernehmen mit dem Volke, -bemühten sich, sie aufrechtzuerhalten. Unter Ludwig XIII. wurde die -absolute Herrschaft aufgerichtet, um den Protestantismus zu besiegen, -das letzte Aufraffen des Feudalismus -- und 89 ist nur eine Rückkehr -zur Verfassung unserer Ahnen. - -Pécuchet bewunderte diese Gedanken. - -Sie erregten Bouvards Mitleid, der Augustin Thierry zuerst gelesen -hatte: - -„Was schwatzest du mir da von deiner französischen Nation, da kein -Frankreich, noch eine Nationalversammlung bestand! Und die Karolinger -haben sich nichts widerrechtlich angeeignet! Und die Könige haben die -Kommunen nicht befreit! Lies selbst!“ - -Pécuchet ergab sich vor der augenscheinlichen Wahrheit und übertraf -Bouvard bald an wissenschaftlicher Strenge! Er würde sich ehrlos -vorgekommen sein, wenn er „Charlemagne“ und nicht „Karl le Grand“, -„Clovis“ anstatt „Clodowig“ gesagt hätte. - -Nichtsdestoweniger war er von Genoude begeistert, denn er fand es -geistvoll, die beiden Enden der französischen Geschichte miteinander zu -verknüpfen, so daß die Mitte Füllwerk ist, -- und um darüber ins klare -zu kommen, griffen sie zu der Sammlung Buchez und Roux. - -Doch der Schwulst der Vorreden, diese Verquickung von Sozialismus und -Katholizismus widerte sie an; die zu zahlreichen Einzelheiten hinderten -sie an einem Gesamtüberblick. - -Sie nahmen ihre Zuflucht zu Herrn Thiers. - -Es war im Sommer des Jahres 1845; sie saßen in der Laube im Garten. -Pécuchet, der eine kleine Bank unter den Füßen hatte, las laut mit -seiner tiefen Stimme, ohne müde zu werden, und hielt nur ein, um mit -den Fingern in seine Tabakdose zu greifen. Bouvard lauschte ihm, die -Pfeife im Munde, die Beine auseinandergestreckt; oben an seiner Hose -war ein Knopf geöffnet. - -Greise hatten ihnen von 93 erzählt, -- und beinahe persönliche -Erinnerungen belebten die platten Beschreibungen des Verfassers. -Zu jener Zeit waren die Landstraßen voll von Soldaten, welche die -Marseillaise sangen. Auf den Türschwellen sitzend, nähten Frauen -Zelte aus Leinwand. Manchmal nahte ein Schwarm von Leuten in roter -Mütze, auf der Spitze einer Pike ein blasses Haupt neigend, dessen -Haar herabging. Die hohe Tribüne des Konvents erschien über einer -Staubwolke, in der wütende Gesichter Todesverwünschungen ausstießen. -Kam man um die Mitte des Tages am Tuilerien-Bassin vorbei, so hörte -man das Fallbeil der Guillotine, das wie die Stöße eines Rammklotzes -dröhnte. - -Und die Brise bewegte die Weinblätter der Laube, die reife Gerste wogte -in Zwischenräumen, eine Drossel pfiff. Während sie ihre Blicke um sich -schweifen ließen, sogen sie diesen Frieden ein. - -Wie schade, daß man es gleich zu Anfang an gegenseitigem Verständnis -hatte fehlen lassen. Denn hätten die Royalisten wie die Patrioten -gedacht, hätte der Hof mehr Aufrichtigkeit gezeigt und die Gegner -weniger Ungestüm, so wäre viel Unglück vermieden! - -Durch das viele Schwatzen darüber gerieten sie in Leidenschaft. -Bouvard, Freigeist und Empfindungsmensch, war Anhänger der -Konstitution, Girondist, Thermidorianer. Pécuchet, gallig und zur -Herrschsucht neigend, gab sich als Sansculotte und selbst als Anhänger -Robespierres zu erkennen. - -Er billigte die Verurteilung des Königs, die gewaltsamsten Beschlüsse, -den Kult des höchsten Wesens. Bouvard zog den der Natur vor. Er würde -mit Vergnügen das Bild einer dicken Frau gegrüßt haben, die aus ihren -Brüsten ihren Anbetern kein Wasser, sondern edlen Burgunder spendete. - -Um ihre Argumente durch mehr Tatsachen stützen zu können, verschafften -sie sich andere Werke: Montgaillard, Prudhomme, Gallois, Lacretelle -und so weiter; und die Widersprüche dieser Bücher setzten sie durchaus -nicht in Verlegenheit. Jeder entnahm ihnen, was er zur Verteidigung -seiner Ansicht brauchte. - -So zweifelte Bouvard nicht, daß Danton hunderttausend Taler angenommen -habe, damit er Anträge stelle, welche die Republik zugrunde richteten, --- und nach Pécuchet hätte Vergniaud sechstausend Franken im Monat -verlangt. - -„Nie im Leben! Erkläre mir lieber, warum Robespierres Schwester eine -Rente von Ludwig XVIII. erhielt?“ - -„Keineswegs! Das war Bonaparte, und da du die Dinge so nimmst, wer ist -die Persönlichkeit, die mit Egalité kurze Zeit vor dessen Tode eine -geheime Zusammenkunft hatte? Ich verlange, daß man in den Memoiren -der Campan die unterdrückten Stellen abdruckt! Das Ende des Dauphins -scheint mir verdächtig. Die Pulvermühle von Grenelle tötete, als sie in -die Luft flog, zweitausend Personen! Grund unbekannt, sagt man, welche -Dummheit!“ denn Pécuchet war nahe daran, ihn zu kennen, und schob alle -Verbrechen auf die Umtriebe der Aristokraten, das Gold der Ausländer. - -Nach Bouvards Ansicht waren „Fahr zum Himmel, Sohn des heiligen -Ludwig“, die Jungfrauen von Verdun und die Hosen aus Menschenhaut -überhaupt nicht zu bezweifeln. Er nahm die Angaben Prudhommes hin, -gerade eine Million Opfer. - -Doch die Loire, die von Saumur bis Nantes in einer Länge von achtzehn -Meilen rot von Blut war, gab ihm zu denken. Pécuchet faßte ebenfalls -Zweifel, und Mißtrauen gegen die Historiker stellte sich bei ihnen ein. - -Für die einen ist die Revolution ein satanisches Ereignis. Andere -stellen sie als eine hehre Ausnahme hin. Die Unterlegenen auf beiden -Seiten sind natürlich Märtyrer. - -Thierry zeigt gelegentlich der Barbaren, wie einfältig es sei, -nachzuforschen, ob dieser oder jener Fürst gut oder schlecht war. -Warum dieselbe Methode nicht bei der Prüfung neuerer Epochen anwenden? -Doch die Geschichtsschreibung soll die Moral rächen. Man ist Tacitus -dankbar, weil er Tiberius zerrissen hat. Ob schließlich die Königin -Liebhaber gehabt, ob Dumouriez seit Valmy zum Verrat entschlossen war, -ob es die Bergpartei oder die Gironde war, die im Prairial anfing, und -im Thermidor die Jakobiner oder die gemäßigte Partei, was macht das für -den Verlauf der Revolution aus, deren Ursprünge tief liegen und deren -Folgen unberechenbar sind? - -Sie mußte sich also erfüllen, sein was sie war, aber man denke sich -die Flucht des Königs ohne Hindernis, Robespierre entschlüpfend oder -Bonaparte ermordet, -- Zufälle, die von einem weniger gewissenhaften -Herbergsvater, von einer offenen Tür, einer eingeschlafenen Schildwache -abhingen, -- und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf -genommen. - -Sie hatten über die Menschen und Tatsachen jener Zeit keine einzige -feststehende Ansicht mehr. - -Um sie objektiv zu beurteilen, hätte man alle Geschichten, alle -Denkwürdigkeiten, alle Zeitungen und alle handschriftlichen -Aufzeichnungen lesen müssen, denn wenn man das Geringste ausließ, -konnte daraus ein Irrtum entstehen, welcher eine endlose Reihe anderer -nach sich zog. Sie verzichteten darauf. - -Doch der Geschmack an der Geschichte war ihnen gekommen, das Bedürfnis -nach Wahrheit um ihrer selbst willen. - -Vielleicht ist sie leichter in den alten Zeiten zu entdecken? -Wenn die Verfasser weit von den Dingen entfernt sind, können sie -leidenschaftslos von ihnen sprechen. Und sie machten sich an den guten -Rollin. - -„Welch ein Wust von Albernheiten!“ rief Bouvard gleich beim ersten -Kapitel. - -„Warte ein wenig,“ sagte Pécuchet, während er unten in ihrer -Bücherei wühlte, wo die Bücher des früheren Besitzers, eines alten -Rechtsgelehrten, eines verrückten Schöngeistes, zusammengedrängt -standen; und nachdem er viele Romane und Theaterstücke nebst einem -Montesquieu und einer Horazübersetzung weggerückt hatte, erreichte er, -was er suchte: das Werk Beauforts über die römische Geschichte. - -Titus Livius schreibt die Gründung Roms dem Romulus zu. Sallust läßt -diese Ehre den Trojanern des Äneas. Coriolan starb Fabius Pictor -zufolge in der Verbannung, und wenn man Dionysius Glauben schenkt, -durch die Listen des Attius Tullus. Seneka versichert, daß Horatius -Cocles als Sieger zurückkehrte, und Dion, daß er am Beine verwundet -war. Und La Mothe le Vayer äußert ähnliche Zweifel hinsichtlich der -anderen Völker. - -Man ist sich nicht einig über das chaldäische Altertum, das Zeitalter -Homers, die Existenz Zoroasters, die beiden assyrischen Reiche. Quintus -Curtius hat Märchen erzählt. Plutarch straft Herodot Lügen. Wir würden -von Cäsar eine andere Vorstellung haben, wenn Vercingetorix dessen -Kommentare geschrieben hätte. - -Die alte Geschichte ist aus Mangel an Dokumenten dunkel. Die moderne -dagegen ist überreich daran; -- und Bouvard und Pécuchet machten sich -wieder an die französische Geschichte, begannen Sismondi. - -Die Aufeinanderfolge so vieler Männer machte ihnen Lust, sie genauer zu -kennen, sich mit ihnen zu befassen. Sie wollten die Quellen studieren. -Gregor von Tours, Monstrelet, Commines, alle die, deren Namen seltsam -oder angenehm klangen. - -Doch sie warfen die Ereignisse durcheinander aus ungenügender Kenntnis -der Daten. - -Glücklicherweise besaßen sie die Mnemotechnik Dumouchels, einen -Pappband in Duodez, der das Motto trug: „Durch Unterhaltung belehren.“ - -Sie verband die drei Systeme Allevys, Pâris’ und Fenaigles miteinander. - -Allevy setzt für die Zahlen Figuren ein, wobei die Zahl 1 durch einen -Turm, 2 durch einen Vogel, 3 durch ein Kamel ausgedrückt wird, und so -weiter. Pâris beschäftigt die Einbildungskraft durch Wortspiele: ein -mit Holzschrauben versehener Sessel ergibt: Clou, vis = Clovis; und da -das Geräusch des Bratens „ric, ric“ macht, so rufen Weißlinge in einer -Pfanne Chilperic ins Gedächtnis zurück. Fenaigle zerlegt die Welt in -Häuser, die Kammern enthalten; jede Kammer hat vier Wände mit neun -Flächen, und jede Fläche trägt ein Sinnbild. Also wird der erste König -der ersten Dynastie in dem ersten Zimmer die erste Fläche einnehmen. -Ein Leuchtturm auf einem Berge wird besagen, wie er hieß „Phar a mond“ -System Pâris, -- und wenn man, wie Allevy rät, darunter einen Spiegel, -der 4, einen Vogel, der 2, und einen Reifen, der 0 bedeutet, setzt, so -erhält man 420, das Datum der Thronbesteigung dieses Fürsten. - -Der größeren Klarheit wegen nahmen sie als mnemotechnische Basis -ihr eigenes Haus, ihren Wohnort, indem sie mit jedem seiner Teile -eine besondere Tatsache verknüpften, -- und der Hof, der Garten, die -Umgegend, das ganze Land hatte keine andere Bedeutung, als ihrem -Gedächtnis nachzuhelfen. Die Abgrenzungen auf den Feldern umschrieben -gewisse Epochen, die Apfelbäume wurden zu genealogischen Bäumen, die -Sträucher zu Schlachten, die Welt wurde Symbol. Sie suchten auf den -Wänden eine Unmenge Dinge, die nicht da waren, sahen sie schließlich, -aber wußten nicht mehr die Daten, die sie vorstellten. - -Zudem sind die Jahreszahlen nicht immer richtig. Sie lernten aus -einem Schulbuch, daß die Geburt Jesu um fünf Jahre früher angesetzt -werden muß, als sie gewöhnlich angenommen wird, daß es bei den -Griechen drei Arten der Olympiadenrechnung gab und bei den Lateinern -acht Methoden, den Anfang des Jahres zu bestimmen. Lauter Anlässe zu -Mißverständnissen, außer denen, die durch die Zodiaken, die Ären und -die verschiedenen Kalender hervorgerufen werden. - -Und von der Gleichgültigkeit gegen die Daten kamen sie zur Verachtung -der Tatsachen. - -Wichtig jedoch ist die Philosophie der Geschichte! - -Bouvard vermochte nicht die berühmte Rede Bossuets zu Ende zu lesen. - -„Der Adler von Meaux ist ein Schwindler! Er übersieht China, Indien und -Amerika! Doch bemüht er sich, uns wissen zu lassen, daß Theodosius ‚die -Freude der Welt war‘, daß Abraham ‚mit Königen wie mit Seinesgleichen -umging‘, und daß die Philosophie der Griechen von den Hebräern -herstammt. Seine Voreingenommenheit für die Hebräer fällt mir auf die -Nerven.“ - -Pécuchet teilte diese Ansichten und wollte ihn veranlassen, Vico zu -lesen. - -„Wie kann man sagen,“ wandte Bouvard ein, „Fabeln seien wahrer als die -Wahrheiten der Geschichtsschreiber?“ - -Pécuchet versuchte, die Mythen zu erklären, wobei er sich in die -Scienza Nuova vertiefte. - -„Willst du den Plan der Vorsehung leugnen?“ - -„Ich kenne ihn nicht,“ sagte Bouvard. - -Und sie beschlossen, sich an Dumouchel zu wenden. - -Der Professor gestand, daß er jetzt an der Geschichte irre geworden sei. - -„Sie ändert sich jeden Tag. Man bestreitet die Existenz der römischen -Könige und die Reisen des Pythagoras. Man greift Belisar, Wilhelm -Tell und sogar den Cid an, der dank den letzten Entdeckungen ein -gewöhnlicher Straßenräuber geworden ist. Es wäre zu wünschen, daß man -keine Entdeckungen mehr machte, und das Institut sollte sogar eine Art -Kanon aufstellen, der vorschreibt, was man glauben soll!“ - -In einem Postskriptum gab er kritische Regeln aus der Abhandlung -Daunous: - -„Als Beweis das Zeugnis der Massen anführen, schlechte Beweise; sie -sind nicht da, wenn es gilt, Rede und Antwort zu stehen. - -Alles Unmögliche verwerfen. Man zeigte Pausanias den Stein, den Saturn -verschlungen hatte. - -Die Architektur kann lügen; Beispiel: der Bogen des Forums, auf dem -Titus der erste Besieger Jerusalems genannt wird, das vor ihm von -Pompejus erobert wurde. - -Die Münzen täuschen zuweilen. Unter Karl IX. prägte man Geld mit dem -Stempel Heinrichs II. - -Ziehen Sie die Gewandtheit der Fälscher, das Interesse der Verteidiger -und Schmäher in Rechnung.“ - -Wenige Geschichtschreiber haben nach diesen Regeln gearbeitet, sondern -alle in Hinsicht auf einen besonderen Fall, eine Religion, eine Nation, -eine Partei, ein System, oder um die Könige zu tadeln, das Volk zu -beraten, Beispiele von Sittlichkeit aufzustellen. - -Die anderen, welche darauf Anspruch machen, nur zu erzählen, stehen -nicht höher; denn man kann nicht alles sagen, es ist eine Auswahl -nötig. Doch bei der Wahl der Dokumente wird ein gewisser Geist -obsiegen, -- und da er wechselt den Verhältnissen des Schriftstellers -entsprechend, so wird die Geschichte zu keinem sicheren Ergebnis kommen. - -„Das ist traurig,“ dachten sie. - -Indessen könnte man einen Gegenstand wählen, die Quellen erschöpfend -durcharbeiten, sie genau analysieren, dann das Ganze zu einer Erzählung -verdichten, die gleichsam ein Abriß der Dinge wäre und die volle -Wahrheit widerspiegelte. Ein solches Werk schien Pécuchet ausführbar. - -„Sollen wir nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben?“ - -„Nichts ist mir lieber! Doch welche?“ - -„In der Tat, welche?“ - -Bouvard hatte sich gesetzt, Pécuchet ging im Museum auf und ab, als -sein Blick auf den Buttertopf fiel, und plötzlich stehen bleibend, -sagte er: - -„Wenn wir das Leben des Herzogs von Angoulême schrieben?“ - -„Aber das war ein Einfaltspinsel,“ erwiderte Bouvard. - -„Das macht nichts! Die Nebenpersonen haben zuweilen einen ungeheuren -Einfluß, und dieser hielt vielleicht das Steuer der Dinge in den -Händen.“ - -Die Bücher würden ihnen die nötigen Aufschlüsse geben, und Herr von -Faverges hatte deren ohne Zweifel selbst oder konnte solche durch -Vermittlung ihm befreundeter alter Edelleute erhalten. - -Sie sannen über dieses Vorhaben nach, besprachen es und beschlossen -schließlich, vierzehn Tage auf der Gemeindebibliothek von Caen zu -verbringen, um dort Nachforschungen anzustellen. - -Der Bibliothekar stellte ihnen allgemeine Geschichtswerke und -Broschüren zur Verfügung, nebst einer bunten Lithographie, welche Seine -Hoheit den Herrn Herzog von Angoulême als Kniebild darstellte. - -Das blaue Tuch seiner Uniform verschwand unter den Epauletten, den -Ordenssternen und dem großen roten Band der Ehrenlegion. Ein äußerst -hoher Kragen umschloß seinen langen Hals. Sein birnenförmiger Kopf -war von den Löckchen seines Haupthaars und seines dünnen Backenbartes -umrahmt, und schwere Augenlider, eine sehr starke Nase und dicke Lippen -gaben seinem Gesicht den Ausdruck unbedeutender Güte. - -Als sie ihre Aufzeichnungen gemacht hatten, entwarfen sie einen Plan: - -Geburt und Kindheit wenig merkwürdig. Einer seiner Erzieher ist der -Abbé Guénée, der Feind Voltaires. In Turin läßt man ihn eine Kanone -gießen, und er studiert die Feldzüge Karls VIII. Auch wird er trotz -seiner Jugend zum Obersten eines Nobelgardenregimentes ernannt. - -1797. Seine Vermählung. - -1814. Die Engländer bemächtigen sich der Stadt Bordeaux. Er eilt -in ihrem Rücken herbei und zeigt sich den Einwohnern in Person. -Beschreibung der Person des hohen Herrn. - -1815. Bonaparte überrascht ihn. Sogleich ruft er den König von Spanien -herbei, und Toulon wäre ohne Massena den Engländern zum Opfer gefallen. - -Operationen im Süden. -- Er wird geschlagen, aber in Freiheit gesetzt -gegen das Versprechen, die Kronjuwelen, die von dem Könige, seinem -Onkel, in wilder Hast mitgeführt wurden, zurückzuerstatten. - -Nach den „hundert Tagen“ kehrt er mit seinen Eltern zurück und lebt -ruhig. Mehrere Jahre verstreichen. - -Spanischer Krieg. -- Sobald er die Pyrenäen überschritten hat, folgt -der Sieg überall dem Enkel Heinrichs IV. Er nimmt den Trocadero, -erreicht die Säulen des Herkules, zerschmettert die Parteien, umarmt -Ferdinand und kehrt zurück. - -Triumphbögen, Blumen, von jungen Mädchen überreicht, Diners auf den -Präfekturen, Te Deum in den Kathedralen. Die Pariser sind auf der Höhe -des Wonnerausches. Die Stadt gibt ihm ein Bankett. In den Theatern -werden Lieder zu Ehren des Helden gesungen. - -Die Begeisterung nimmt ab. Denn im Jahre 1827 mißlingt zu Cherbourg ein -Subskriptionsball. - -Da er Großadmiral von Frankreich ist, besichtigt er die Flotte, die -nach Algier in See sticht. - -Juli 1830. Marmont setzt ihn vom Stande der Dinge in Kenntnis. Da gerät -er in eine solche Wut, daß er sich die Hand am Degen des Generals -verwundet. - -Der König überträgt ihm den Oberbefehl über die sämtlichen Streitkräfte. - -Er trifft im Bois de Boulogne die Abteilungen der Linie und findet -ihnen gegenüber kein Wort. - -Von Saint-Cloud eilt er zur Brücke von Sèvres. Kälte der Truppen. Das -erschüttert ihn nicht. Die königliche Familie verläßt Trianon. Er setzt -sich an den Fuß einer Eiche, entfaltet eine Karte, überlegt, steigt -wieder aufs Pferd, kommt an Saint-Cyr vorbei und ruft den Zöglingen -Worte der Hoffnung zu. - -Zu Rambouillet verabschieden sich die Leibgarden. - -Er schifft sich ein und ist während der ganzen Überfahrt krank. - -Man muß dabei auf die wichtige Rolle hinweisen, welche die Brücken -spielten. Zuerst setzte er sich nutzlos auf der Innbrücke der Gefahr -aus, er nimmt die Saint-Esprit-Brücke und die Brücke von Lauriol; in -Lyon sind ihm zwei Brücken verhängnisvoll, und sein Glück endet vor der -Brücke von Sèvres. - -Bild seiner Tugenden. Unnötig, seinen Mut zu rühmen, mit dem er eine -weitsichtige Staatsklugheit verband. Denn er bot jedem Soldaten -sechzig Franken, wenn er den Kaiser verlassen wolle, und in Spanien -versuchte er die Anhänger der Konstitution mit Geld zu bestechen. - -Seine Zurückhaltung war so groß, daß er seine Zustimmung gab zu der -zwischen seinem Vater und der Königin von Etrurien geplanten Ehe, -zur Bildung eines neuen Kabinetts nach den Erlassen, zur Abdankung -zugunsten Chambords, zu allem, was man wollte. - -Doch fehlte es ihm nicht an Festigkeit. In Angers löste er die -Infanterie der Nationalgarde auf, die aus Eifersucht auf die Kavallerie -und vermittels eines Manövers sich zu seiner Bedeckung gemacht hatte, -derart, daß sich Seine Hoheit im Gedränge der Fußsoldaten befanden und -Höchstdieselben kaum weiter konnten. Doch er tadelte die Kavallerie, -die Grund zur Unordnung gegeben, und verzieh der Infanterie, ein -wahrhaft salomonisches Urteil. - -Seine Frömmigkeit zeigt sich in zahlreichen Andachtübungen und seine -Milde darin, daß er die Begnadigung des Generals Debelle durchsetzte, -welcher die Waffen gegen ihn erhoben hatte. - -Intime Einzelheiten, Züge des hohen Herrn: - -Auf dem Schloß Beauregard, wo er seine Kindheit verlebte, machte es ihm -Vergnügen, mit seinem Bruder einen Teich zu graben, der noch zu sehen -ist. Einmal besuchte er die Kaserne der Jäger, verlangte ein Glas Wein -und trank es auf die Gesundheit des Königs. - -Während er spazieren ging, wiederholte er, um den Schritt zu markieren, -für sich: „Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei!“ - -Einzelne Worte von ihm haben sich erhalten: - -Zu einer Abordnung von Einwohnern von Bordeaux: „Was mich darüber -tröstet, daß ich nicht in Bordeaux bin, ist der Umstand, daß ich mich -in Ihrer Mitte befinde.“ - -Zu den Protestanten von Nismes: „Ich bin ein guter Katholik, aber ich -werde niemals vergessen, daß der erlauchteste meiner Ahnen Protestant -war.“ - -Zu den Zöglingen von Saint-Cyr, als alles verloren ist: „Schön, meine -Freunde! Die Nachrichten sind gut! Es steht gut! sehr gut!“ - -Nach der Abdankung Karls X.: „Da sie nichts von mir wissen wollen, -mögen sie sehen, wie sie fertig werden!“ - -Und im Jahre 1814 bei jeder Gelegenheit in dem winzigsten Dorfe: „Kein -Krieg mehr, keine Aushebungen, kein Staatsmonopol.“ - -Sein Stil war dem, was er sagte, ebenbürtig. Seine Erlasse -überschreiten alles. - -Der erste des Grafen von Artois begann folgendermaßen: „Franzosen, der -Bruder Eures Königs ist angelangt!“ - -Der des Fürsten: „Ich bin da. Ich bin der Sohn Eurer Könige! Ihr seid -Franzosen!“ - -Tagesbefehl, datiert Bayonne: „Soldaten, ich bin angelangt!“ - -Ein anderes Mal, bei voller Auflösung: „Fahrt fort, mit der Tatkraft, -die dem französischen Soldaten ziemt, den Kampf fortzuführen, den Ihr -begonnen habt. Frankreich erwartet es von Euch!“ - -Zuletzt in Rambouillet: „Der König ist mit der in Paris errichteten -Regierung in Verhandlungen über ein Einvernehmen getreten, und nach -allem steht zu erwarten, daß diese Verhandlungen ihrem Abschluß nahe -sind.“ „Nach allem steht zu erwarten“ ist wundervoll. - -„Ein Umstand verdrießt mich,“ sagte Bouvard, „nämlich, daß man nicht -seine Herzensangelegenheiten erwähnt!“ - -Und sie notierten am Rande: „Den Liebeleien des Fürsten nachspüren!“ - -Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er -zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême. - -Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit -noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar. - -Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder -krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb, -es sich brennen zu lassen? - -Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das -Temperament, das Temperament das Individuum. - -Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine -Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen, -gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das -verzögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach -Hause zurück. - -Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen -die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau -Bordin, die nach rechts und links schaute: - -„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer -Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren -sprechen.“ - -Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man -schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf. - -„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“ - -Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin -ausfragte. - -Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein -befallen zu sein. - -„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe. - -Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde -wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“ - -Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd: - -„Er ist nicht da!“ - -Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung -herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie -knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab. - -Dann gingen sie und besichtigten die Truhe. - -Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die -Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen. - -Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard -seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen. - -Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er -hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine -verirrte Kuh sie umgeworfen hatte. - -„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet. - -„Ich weiß es nicht.“ - -„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre -Schuld!“ - -Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum -Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit. - -Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger -als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete -sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das -Mahl zu bereiten. - -Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei -Vierteln geleert war. - -„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju. - -„Ich! trinke nie einen Tropfen.“ - -Bouvard wandte ein: - -„Sie waren der einzige Mann im Hause.“ - -„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick. - -Germaine fing ihn auf: - -„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“ - -„Gewiß, Sie sind es!“ - -„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“ - -Gorju machte eine Drehung. - -„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“ - -Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot, -die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau -Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju. - -Die Alte hielt nicht mehr an sich. - -„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch -verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser, -Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen -vorzuspielen!“ - -Bouvard riß die Augen auf. - -„Was für Possen!“ - -„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“ - -„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und -entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab -er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen. Bouvard stellte sich -dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine -zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie -zu trösten suchte. - -Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die -Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf -welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als -sie Gorju rief, -- und ob er Mélie entehrt habe. - -„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht, -und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die -Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“ - -Pécuchet fügte hinzu: - -„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“ - -Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten. -Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die -Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. -- „Lassen wir uns ein -paar historische Romane kommen!“ - - - - -V - - -Sie lasen zunächst Walter Scott. - -Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf. - -Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen -gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister, -Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die -berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen -und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der -Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache -der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte -Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der -Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande -galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher, -der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne -erglänzt auf Panzerhemden, der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die -Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die -Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin. - -Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale -zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand -einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte, -gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und -setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht -zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm -seiner Mütze tief in die Stirn. - -Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den -Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit -gegen die materiellen Dinge nachgegeben. - -Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne. -Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie -Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den -Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie -geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es -gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht -durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit -zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus -ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln. - -Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren, -konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius, -Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen. - -Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem -Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis -dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt, -die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im -fünfzehnten Jahrhundert. - -Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und -unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen. - -In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich der Daten. -Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und -nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des -Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres -Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich, -daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat, -eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin -Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war -nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich -von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III. -kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das -Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe -der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas. - -Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer -in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist -um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war -Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von -einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian -umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam -fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten. - -Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte -sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte. -Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der -Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt -und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein -philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge -Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein -vollständiger Mangel an Tiefe. - -Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand. - -Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen -Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig -wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst -verändert. - -Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die -Theaterstücke. - -Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große, -mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr -viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare. - -Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das -Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören -vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines -Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria -Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen -aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der -Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht, -anstatt zu belehren, verdummt. - -Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an -die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die -Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite, -die Tendenz mitgerissen. - -Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der -Leihbibliothek Liebesromane. - -Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“, -„Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte, -steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ. - -Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über -das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein -wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem -bestände. - -Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch -mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse -Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen, -damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von -seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches -Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt -sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht. - -Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die Abenteuerromane; -die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter, -außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die -Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den -Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei. - -Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und -nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den -alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht -vermutet, daß das moderne Leben so tief sei. - -„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus. - -„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet. - -„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel, -ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es -Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse. -Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben! -Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über -das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein -gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der -Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe -und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines -jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre, -sondern Statistik oder Ethnographie.“ - -Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte -sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las -Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der -Eremit der Chaussée d’Antin.“ - -„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte -Pécuchet. - -„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“ - -„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich -begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“ - -Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte -Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie. - -Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin -behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl -von Größe. - -Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so -ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte. -Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art -Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich. - -Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig -zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt -zu entfalten -- indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine -fallende, übte -- und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem -Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend. -Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war -geschlossen, und sie blökten jeder für sich. - -Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über -Politik, die verderbten Grundsätze. - -Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig, -und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging -Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit -zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme -aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe -wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes -Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte, -hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer, -meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet -darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille. - -Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das -Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von -Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang, -und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die -Tragödie sank in ihrer Achtung. - -Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach, -zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und -wie lächerlich die Vertrauten. - -Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man -muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben -wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte -vollständig in „Célimène“. - -Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig, -die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie -Ägisth und Agamemnon. - -Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man -trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die -ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer -sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt. -Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität -ab. - -Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe, -seine Jugendfrische. - -Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas -oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein, -sondern mußte lyrisch, regellos sein. - -Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric -Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen -Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte, -denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen. - -„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte -ihnen mit Vergnügen zu. - -Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend. - -„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“ - -Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne -Vorbereitung und ohne Kostüm spielen. - -„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“ - -Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die -Zipfelmütze und setzte sie auf. - -Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab. - -Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden -geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel -gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch, -damit Frau Bordin sich setzen konnte. - -Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des -„Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu -viel Spiel erfordern. - -„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“ - -„Ausgezeichnet!“ - -Bouvard erzählte die Fabel. -- „Es ist eine Königin, deren Gatte von -einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen -Mann, -- bist du bereit? Dann also los!“ - - „_Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich - liebe ihn._“ - -Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen -Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht -auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins -Labyrinth verlieren mögen. - -Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, -- und seine zitternde -Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner -Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen, -während er sich umwandte. - -Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor -Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in -Hemdsärmeln durch das Fenster zu. - -Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei -der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich -mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er, -zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel. - -„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie -vergiftet sich!“ - -„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin. - -Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben. - -Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen: -„Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und -ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des -Essigkrämers“ nannte. - -Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des -„Tartufe“ vor. - -Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig: - -„Man muß wissen, daß Tartufe...“ - -Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“ - -Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht. - -„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet. - -„Einerlei! nimm es!“ - -Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand. - -Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu -streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen: - - „_Was will da Ihre Hand?_“ - -Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme: - - „_Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich._“ - -Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich -aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu. - -Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, -- und als er -einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort. - -Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst -galant.“ - -„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“ - -„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes -von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt -hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit -zurückgelehntem Kopf: - - _Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern, - Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend - Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’._ - -„Das ähnelt mir,“ dachte sie. - - _Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt. - Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!_ - -„Wie komisch Sie sind!“ - -Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne -entblößte. - - _Ist’s nicht süß, - Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?_ - -Er kniete nieder. - -„Bringen Sie es doch zu Ende!“ - - _O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust, - Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe._ - -„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“ - -„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt -ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich. - -Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht -bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard -begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen. - -Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden. -Er war noch von seiner Rezitation erregt, -- und sie empfand auf dem -Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der -Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die -mittelmäßigen Geister, -- und durch die plumpsten Interpreten können -Welten geoffenbart werden. - -Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf -hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge -hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein -blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte -sich herab. - -„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen -einsog. - -„Sie strengen sich aber auch dabei an!“ - -„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer -betrifft, das besitze ich.“ - -„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt, -„daß Sie... geliebt haben... früher!“ - -„Früher nur, glauben Sie!“ - -Sie blieb stehen. - -„Das kann ich nicht wissen!“ - -Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen. - -Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang, -nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen. - -Dann plauderten sie von der Vorstellung. - -„Wie heißt Ihr letztes Stück?“ - -„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“ - -„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm -sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, -- im Ernst.“ - -„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard. - -„Sie?“ - -„Ja! Ich!“ - -„Welch ein Scherz!“ - -„Nicht im allergeringsten!“ - -Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die -Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken. - -Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, -- und -sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die -Augen auf und schüttelte den Kopf. - -„Das ist vorbei!“ - -Er sah sie verdutzt an. - -Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte. -Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren -faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande. - -„Soll ich Ihnen helfen?“ - -„Nicht nötig.“ - -„Warum?“ - -„Ach! Sie sind zu gefährlich!“ - -Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf. - -Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben. -Bah, sie würde sich wiederfinden, -- und dann sind die Frauen nicht -alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man -es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden -- -und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es -aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl. - -Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju, während sie -zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben. - -Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen, -verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju -äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie -und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! -- derart, -daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden -zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht -blendete den Handwerker. - -Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil -erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie. - -Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der -Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts -Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen -Bérangerkopf“ abzugeben. - -Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben. - -Das schwierige war, einen Stoff zu finden. - -Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die -für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen -Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie -in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um -draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten -erschöpft heim. - -Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier -vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der -Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und -gesenktem Haupte, im Sessel saß. - -Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines -Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er -verschwunden. - -Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs -Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man -entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem -einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten -vergeblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter -Kriminalfälle, eine Menge Geschichten. - -Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans -Schauspiel, sehnten sich nach Paris. - -„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu -vergraben!“ sagte Bouvard. - -„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet. - -Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag -das daran, daß sie die Regeln nicht kannten. - -Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen -weniger aus der Mode gekommenen Werken. - -Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen -abgefaßt werden kann; -- ob die Tragödie nicht die Grenzen -überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt; --- ob die Helden tugendhaft sein sollen; -- welche Art von Schurken -sie verträgt; -- bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt -ist; -- daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben, -daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche, -natürlich! - - _Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen_, - -sagt Boileau. - -Wie Motive erfinden? - - _Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen - gehn, es rühren und erwärmen._ - -Wie das Herz erwärmen? - - -Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig. - -Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen -Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire. -Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen -Shakespeares. - -Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen -lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen. - -Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit! -Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben -- -und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten -dieser, die man als geistreich hinstellt! - -Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen. - -Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und -an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches. - -So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil -der Menge unverständlich. - -Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an -Dumouchel. - -Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die -die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen, -kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“. - -Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel -Paris. -- Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist -gut, welches belustigt. - -„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das, -was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner -später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um -aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen -werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort. - -Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts. -Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde -nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard? -Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la -Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer -Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder -vielmehr des Stils. - -Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie -erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel -angegebenen Autoren. - -Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die -Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch -„gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne. -„Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich -schön im Verse aus. - -„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet. - -„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“ - -Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen, -aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft, -sondern auch ihre Sprache. - -Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung, -und sie machten sich an das Studium der Grammatik. - -Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten -Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten -nicht, sich zu entscheiden. - -Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den -Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt. - -Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem -Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf, -die wenig bequem zu erfassen ist. - -Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen, -aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen -und zuweilen von Personen gebraucht werden. - -Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? -- „une -bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, -- „ne pas laisser de“ oder -„que de“, -- „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“? - -Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen -Racine und Boileau keinen Unterschied machten; -- „imposer“ oder -„en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und -„coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben -von einem Frosch unterscheiden konnte. - -Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine -Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf, -deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen -an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung, -verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt -„nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“. -Bouhours verlangt „jérarchie“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal -„les œils de la soupe“. - -Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“ -sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des -haricots“, -- und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von -„Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“! - -Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals -eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine -geben werde. - -Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik -Täuschung sei. - -Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle -schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern -man nur empfunden, beobachtet habe. - -Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten -sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch -die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit. -Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen. - -Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz -niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm -durch ein Buch zu rächen. - -Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen -Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als -diese Persönlichkeit. - -Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen -zu verschmelzen, -- und dabei blieben sie stehen, gingen zu den -folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht, --- eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, -- eine Frau, die infolge -fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter -Priester. - -Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden, -die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu. - -Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die -Farbe, -- und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder -war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden. - -Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre -Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor -der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die -Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre -Betrachtungen mit. - -Zunächst, was ist das Schöne? - -Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt; -für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas; -für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das, -was der Vernunft entspricht. - -Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den -Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten, -man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein -Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem -Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen -Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns -Gedanken von Niedertracht. - -Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die -erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das -ist das Prinzip. - -„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen -abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen -weniger guten Eindruck -- gewöhnlich wenigstens.“ - -Sie machten sich an die Frage des Erhabenen. - -Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes, -tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein -Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft. - -„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das -Erhabene das Sehrschöne.“ -- Wie die beiden unterscheiden? - -„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet. - -„Und der Takt, woher kommt der?“ - -„Vom Geschmack!“ - -„Worin besteht denn der Geschmack?“ - -Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungsfähigkeit, ein -schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu -durchschauen. - -„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, -- und alles das sagt -nicht, wie man dazu kommt.“ - -Man soll das Wohlanständige beobachten, -- aber das Wohlanständige -zeigt Unterschiede, -- und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird -niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes, -über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist -von Geheimnissen umhüllt. - -Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so -müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst -wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den -Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck -abzugeraten, nicht wahr zu sein. - -Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die -Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne -Ideal keine Wahrheit; -- deshalb ist der Typus von dauerhafterer -Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche -Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas -Relatives, Vergängliches. - -So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer -weniger an die Ästhetik. - -„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an -Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“ - -Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte. - -„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen, -welche die Geschichte verlangt.“ - -„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes -und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor, -findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten -Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das -Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer -sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht -gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese -Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir -Einfaltspinsel zu sein!“ - -„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet. - -Zweifel quälten ihn, -- denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin -bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der -Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister -sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die -Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des -Schönen erfassen, -- und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine -Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht. - -Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin -der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten. - -Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken -lassen. -- Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens -Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur -Ruhe. - -Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und -schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war -der Notar. - -Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den -Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er, -daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche -Bouvard die Ecalles abzukaufen. - -Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber. - -Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, -- -da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte. - -Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer -Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu -feierlichen Gelegenheiten gehört. - -Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein -würden. - -„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“ - -Sie blinzelte mit den Augen: „Ach! für mich!“ - -Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein. - -Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, -- und indem er -sie auf den Tisch legte: - -„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, -- eine -brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“ -Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“. - -Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die -Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun -geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen. - -Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane. - -Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren. - -„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben -in schmeichlerischen Farben dar!“ - -„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein. - -„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“ - -„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“ - -„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen -Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“ - -„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte, -das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas. - -„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung, -verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter -Herr...!“ - -„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der -Schwelle erschien. - -Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den -Anwesenden. - -„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“ - -Vaucorbeil gab eine Erwiderung. -- „Sie sind also nicht für die -Bildung?“ - -„Aber durchaus! Erlauben Sie!“ - -„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot. - -„Was ist schlimmes daran?“ - -Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis Philippe zu -schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze -gegen die Freiheit der Presse wiesen. - -„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu. - -Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr -Theater!“ - -„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den -Selbstmord verherrlichen!“ - -„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein. - -Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene -Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt -werden! - -„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard. - -Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr -gespielt werde und etwas überschätzt worden sei. - -„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne -Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der -Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“ - -„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“ - -„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu -zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung -zu bieten.“ - -Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle -die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft, -unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir -Delavigne. - -Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort: - -„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“ - -„Wieso, die Sprache?“ - -„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut -geschrieben seien?“ - -„Gewiß, sie sind sehr interessant!“ - -Er zuckte die Achseln, -- und sie errötete über die Impertinenz. - -Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit -zurückzukommen. Es war zu spät, um den Handel abzuschließen. Sie -verließ das Haus am Arme Marescots. - -Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu -bringen. - -Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt. - -„Sie vergessen mich, Doktor.“ - -Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die -unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus. - -„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde -zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“ - -Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, -- -und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“ - -„Nein, wahrhaftig!“ - -Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der -Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht. -Man liebt die Literatur nicht. - -Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten -das allgemeine Stimmrecht. - -„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn -er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht. - - - - -VI - - -Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von -Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am -folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei -angeschlagen. - -Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als -man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die -Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die -Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die -Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die -provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und -da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man -müsse solche auch in Chavignolles haben. - -Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein -patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte -der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht -befriedigt gewesen wäre. - -Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus, -welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur -„Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle. - -Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug. - -Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann -erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und -der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier -Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem -Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein. - -Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in -welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber -sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und -Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil, -Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem -Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und -Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen, -einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen -pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand, -anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten -die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes -Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, -- denn die Nationalgarde -war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen, -Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und -Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie -mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und -ab ging. - -Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei -ähnlichen Gelegenheiten. - -Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die -Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es -Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus -prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm -des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der -Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche -seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause -zurückzukehren. - -Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte. -„Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft -erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der -Schatten seiner Zweige! Amen!“ - -Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die -Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück. - -Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die -einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück, -die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen. - -Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank -sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie -öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor. - -Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution -entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde -sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk! -Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn -Pfarrer einzuholen. - -Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war -von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor -einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um, -der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung -der Leute desselben beklagte. - -Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten -unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem -Auge. - -„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich -auf!“ - -„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon. - -Foureau seufzte: - -„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“ - -Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt. - -Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung. - -Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man -sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der -ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd -auf dem Platze stehen. - -Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen. - -Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien. - -Herr von Faverges dachte anders: - -„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns -entfesseln! Keine Torheiten!“ - -Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde. - -Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins. - -Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen. - -„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet. - -„Was kümmert mich die Sklaverei.“ - -„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische -Verbrecher?“ - -„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen. -Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“ - -„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt. -„Wer ein Haus besitzt...“ - -Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei -Kommunist. - -„Ich! Kommunist!“ - -Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vorschlug, einen Klub -zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas -werde es nie in Chavignolles geben. - -Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die -öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt. - -Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals -Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben. - -Gorju blickte ihn an: - -„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“ - -Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der -Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm -einen Hasen oder ein Kaninchen ab. - -„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau. - -Noch denselben Abend begannen die Übungen. - -Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer -blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein -Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte. - -„Bauch herein!“ - -Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das -Kreuz. - -„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“ - -Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe -Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und -von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte -er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine -Nachbarn belästigte. - -Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte -Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd -hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu -sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet, -um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während -die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres -Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und -fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er sich bei dem Krämer nieder -und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse. - -Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter -gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie -wurden die Vornehmen. - -Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den -Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik. - -Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen, -nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon. - -Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr -von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre -Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten -ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede -Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt -würden. - -Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht -würde man ihn zum Abgeordneten wählen. - -Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich -vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen -Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich -lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der -Doktor war darüber entrüstet. - -In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich -nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine -mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen; -welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab -und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen. - -Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen. -Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte, -hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht? -Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter -Rücksichten begann. - -Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber. - -„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“ - -„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im -Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie -Verhaltungsmaßregeln für sich auf. - -Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann -träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze -Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der -Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum -Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen: - -„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“ - -Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte -ihm dar, was für Aussichten er habe. - -Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen. -Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und -besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern; -das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn -verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er -seine Schwäche. - -Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs -erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau -ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab. - -Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht -gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen. - -Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug -sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen, -erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen. - -Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab -ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er, -Beljambe, durchfiele. - -Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu -verhalten. - -Es blieb also nur noch Foureau. - -Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit -in der Flintenangelegenheit, seinen Widerstand gegen den Klub, seine -rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, -- und sie redeten sogar -Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten. - -So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem -Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren -angehäuft hatte, -- und er verhetzte gegen Foureau alle seine -Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine -ganze Horde. - -Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn -Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war, -konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben. - -Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts, --- und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen. - -Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des -‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung -der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die -des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage -überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt. - -Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen -versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In -Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen. - -Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte -Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt -und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und -Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich, -daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den -Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai: -„Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden, -dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“ - -Die Reaktion begann. - -Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett -Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz -der Ansicht ist, daß sie alles was in Paris vorgeht, kennt, so -zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so -galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht. - -Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm -mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei. - -Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen -die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß -Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde. - -Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande -umher. - -An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich -ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von -Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles. - -Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich, -und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu -leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen -Weisung, sich nicht zu zeigen. - -Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der -Girondisten die Scheiben erzittern; -- und Männer, die einander -untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in -Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand. - -Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte -ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre -herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, -- jedenfalls ein -Maschinenwärter -- trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen -waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine -Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt. - -Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer -Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an. - -„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“ - -Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm. - -Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich darüber -Erwägungen anstellen würde; -- und nachdem die Genossen hinausgegangen -waren, besprach man mehrere Vorschläge. - -Der erste war, Kieselsteine anzufahren. - -Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von -Angleville nach Tournebu zu bauen. - -Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst. - -Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit! -(Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?) - -Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen -Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es, -so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem -Entschlusse zu kommen! -- Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in -die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von -Werkstätten für Notleidende. - -„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir -wollen das Recht auf Arbeit.“ - -Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu -geben; man spendete ihm Beifall. - -Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin -mitgeschleppt hatte, -- und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge -zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht -entschlüpfen. - -„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard. - -„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“ - -„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“ - -„So wird man welche im voraus machen!“ - -„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die -Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! -- und -Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“ - -Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit -organisiert wird...“ - -„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“ - -Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“ - -Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital -stellen, -- oder besser noch den Kredit einrichten!“ - -„Auf welche Weise!“ - -„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“ - -„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm -machen, diese Schwindler!“ - -Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen. - -Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste -geballt: „Komm nur näher!“ - -Der Maschinenwärter wich zurück. - -Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich, -sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man -bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder -zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte -sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen. - -„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau. - -„Ich bin nicht befugt!“ - -Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; -- und aller -Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als -man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah. - -Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, -- und nach Lamartines -Vorbilde, begann er, das Volk anzureden: - -„Mitbürger!“ - -Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht -dazu angetan, Eindruck zu machen. - -Der Mann im Trikot fragte ihn: - -„Sind Sie Arbeiter?“ - -„Nein.“ - -„Arbeitgeber also?“ - -„Ebensowenig.“ - -„Dann ziehen Sie sich zurück!“ - -„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz. - -Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem -Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. -- - -„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen. - -Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die -Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen. - -Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten, -die zum Schlosse Faverges führte. - -Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter -auferlegte. - -Sie zerstreuten sich. - -Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an -ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie -am lautesten, -- und bei ihrem Anblick: - -„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine -einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen -Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“ - -„Wen denn?“ - -„Den alten Gouy!“ - -Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, -- und habe ihn, wie es gerade -kam, mitten auf den Rasen geworfen. - -„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“ - -„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard. - -Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines -Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie -die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war -abgebrochen, die Dahlien zerknickt -- und Stücke schwarzen Düngers -häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um. - -Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben -lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres -Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf; -Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht. - -Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen. - -Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den -Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war eine gescheite Frau: die -Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range, -achteten sie. - -Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich -keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen. - -Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine -Parade, zuweilen militärische Umzüge -- und jede Nacht Ronden. Sie -setzten das Dorf in Unruhe. - -Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die -Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man -derbe Späße, -- und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen. -Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen, -trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür -langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte -Zuchtlosigkeit. - -Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der -Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein -Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken, -Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von -Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der -Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so -schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten. - -Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt. - -Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens -oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten -die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann -mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte. - -Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der -Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich. - -„Wer da?“ - -Keine Antwort. - -Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger -Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger -bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war, -stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und -schrien: „Ihre Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit -Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn -dorthin, -- und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte, -erkannte man schließlich Gorju. - -Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen -guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von -Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und -rollte die Augen wie ein Wolf. - -Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die -Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles -zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit -verwandt habe. - -Das ginge sie nichts an. Er sei frei. - -Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig -fest. - -Bouvard legte sich ins Mittel. - -„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre -Anschauungen.“ - -„Indessen...“ - -„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in -acht.“ - -Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen. - -Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts -dazu?“ - -Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt -hätte. - -Der arme Teufel lächelte bitter. - -„Ich habe Sie doch verteidigt!“ - -Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab. - -Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem -Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen -Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben. - -Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein -Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, -- und da ihre Unterschrift -durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte, -zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten. - -Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten; -eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem -Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen -Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem -Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte -sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der -einen Hand, eine Zeitung in der andern; -- und sogleich drückte -er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, -- obwohl ihr -Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei. - -„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“ - -„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“ - -„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen -harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist, -wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art, -mit der man die Aufwiegler behandele. - -Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche -Wohl als höchstes Gesetz an. - -„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so -achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt -entgegenstellen -- wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“ - -Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die -Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern -in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn -alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte -riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen. - -Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die -Konservativen redeten jetzt wie Robespierre. - -Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die -Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen -gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung -interessierten niemand, -- und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von -Chavignolles für Bonaparte. - -Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen das Volk ab, -- und -Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts. - -Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird -es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn -von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das -war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der -Präsidentenwahl. - -„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit -des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren, -das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden -die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann -man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen? -Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist. -Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die -ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die -Folge.“ - -„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet. - -Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der -ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde -die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei -unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung. - -Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das -Gegenteil!“ - -„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst. - -Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir -haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei. - -Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen -wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die -Aristokratie auf. - -Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den -Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß: - -„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um -ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr. -In beiden Fällen ist es ein Attentat auf das Recht eines andern, ein -Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“ - -„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet. - -„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen. - -Bald begann die römische Expedition. - -Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der -Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete -sich. - -Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer -zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des -Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste -war die Verteilung der Broschüren. - -Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. -- Der rote Genosse. --- Wie kommen wir aus dem Sumpf? -- Wohin steuern wir?“ -- Das -Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und -unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern. -Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den -Händen der Präfekten -- und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie -eingesperrt: ein ungeheurer Sieg. - -Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der -Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf -einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, -- und -man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte! -Welch ein Hohn! - -Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht. - -Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor -seiner Tür vorbeikamen. - -Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten -sie ihm einen Gegenbesuch. - -Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der -Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch -um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen -verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren -Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche -besorgte, floß durch das Haus. - -„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“ -Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es -demokratisieren, den Stoff befreien.“ - -„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet. - -„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“ - -„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard. - -„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie -die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe. - -„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“ - -Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen -Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen. - -Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse -der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte -ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein -Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache -er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen -Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren -Stolz. Niemals würde er sich beugen. - -„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“ - -Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete -er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der -Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer -Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene -Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen -Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde! - -Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den -Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch -auszubringen! - -Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers. - -Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an -den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme: - -„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“ - -„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister. - -„Das ist Ihre Schuld!“ - -„Ich habe getan, was ich konnte!“ - -„Ach! Wirklich?“ - -Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit -nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend: - -„Ist das alles?“ - -Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den -Verweis milderte: - -„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“ - -„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein. - -„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“ - -„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die -Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“ - -„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester. - -Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade -ihretwegen: - -„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“ - -Petit zuckte die Achseln. - -„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“ - -Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das -Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn -außer sich: - -„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“ - -„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester, -ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das -Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts -zuerteilt.“ - -„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den -Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“ - -Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen -Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht. - -Der Geistliche berührte leicht seine Schulter. - -„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein -wenig Vernunft! - -Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit -frommem Eifer kommunizieren.“ - -„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“ - -Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten -Blitze, sein Kinn zitterte. - -„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! -- Und seine Frau besorgt -die Wäsche für die Kirche!“ - -„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“ - -„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“ - -„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“ - -„Man kann ihn versetzen!“ - -Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten. -Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen. - -Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr -letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort -unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben -Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen -die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine -Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer -Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack -auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand -bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt. - -In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem -Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg -weinte. - -„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme. - -Da brach der Vater in Schluchzen aus: - -„Ja! ja! alles, was man verlangt!“ - -„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer. - -Und nachdem er sich verbeugt: - -„Meine Herren, recht guten Abend!“ - -Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard -zurück. - -„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“ - -Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich -zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit -setzte sie in Schrecken. - -Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die -Republik pfiff auf dem letzten Loch. - -Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen. -Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder -eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die -klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger -predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien -zufrieden. - -Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück. - -Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für -die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in -die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher. - -Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück -einzuladen. - -Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die -Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht -liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen -auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren -Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich -wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das -Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der -mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln -lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort -stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm. - -Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der -Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr -von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne -verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die -Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die -Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch -Changarnier. - -Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die -Protestanten, Foureau im Interesse des Handels. - -„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet. - -„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel -unsere Kathedralen...“ - -„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“ - -„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“ - -„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche -seufzend. - -„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und -- verzeihen Sie, Herr Graf --- die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“ - -„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert! -Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die -Grundlagen!...“ - -Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur -das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf -dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“ - -Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen. -Wie am Rande des Abgrundes einhalten? - -„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in -gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er -den Wahlzensus erhöhte.“ - -„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung -kommt von Paris.“ - -„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar. - -„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu. - -Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein, -so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten -konnte, wenn es ihr gut schien. - -Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse, -Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen -behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im -Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, -- der Unterpräfekt vergaß -nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten -die Herren Mörder damit anfangen!“ - -Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu -dem stand, was man sagte, -- denn man glaubt immer, daß die Worte der -Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken -geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah -die Kompottschüsseln in einem Nebel. - -Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von -Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste -tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei, -als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen. - -Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf -einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen -Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot -gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig. - -Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die -Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff -Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine -Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“ - -„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt -keinen Wert mehr auf sie. - -„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist -ziemlich gleichgültig!“ - -„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein. - -„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich -halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß -Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“ - -Alle verlangten nach einem Retter. - -Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé -Jeufroy sagen: - -„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn -man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“ - -„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“ - -Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein -feuchter Wind wehte; -- und während sie über abgefallene Blätter -gingen, atmeten sie wie befreit. - -Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen -Luft: - -„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch -eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem -Recht?“ - -Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge -unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe. - -Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer -Filmer formuliert worden. - -Hier folgt sie: - -„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt. -Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von -Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des -Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige -nach dem Beispiel der Väter eingesetzt. - -Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis -unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat -dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen -eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des -Volkes, -- und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der -Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den -König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn -als solchen anerkennen wollten. - -Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was -es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel, -‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman, -Mably und so weiter, -- und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm -die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht -einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“ - -Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus -„Gesellschaftsvertrag“ zur Hand. - -Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf -zurück und analysierte: - -„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich -seiner Freiheit entäußerte. - -Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Ungleichheiten -der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er -besitzt. - -Wo aber ist der Beweis für den Vertrag? - -Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger -werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man -Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften -haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt -verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion -einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“ - -Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie? - -Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, -- und sie verschafften sich -die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant. - -Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre. - -An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist. -Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut -ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte -Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das -öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer -haben, „der am meisten liebt“. - -Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der -Welt ab. - -„Das verstehe ich nicht.“ - -„Ich auch nicht!“ - -Und sie machten sich an die Lehre Fouriers. - -Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich -ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen. - -Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier -affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das -Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen -der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine -Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen. -Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am -Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede -Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten, -den Liebhaber und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das -Bajaderentum vorgesorgt. - -„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in -Träume von der harmonischen Welt. - -Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde -schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben -länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem -Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung -regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern -aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch -die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von -den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst -des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen -Horizont,“ sagte Pécuchet. - -Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die -Lohnfrage. - -Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel -abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer, -daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte -wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen -einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol. - -„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard. - -„Nicht doch!“ - -„Ganz gewiß!“ - -„Du redest Unsinn!“ - -„Du empörst mich!“ - -Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte -nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie -hinweisend: - -„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter, -die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin. - -Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die -Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht -das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“ - -„Aber Cabet ist ein Idiot!“ - -„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem -Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten. - -Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner -zu hören. - -Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen, -alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das -Zeugungsgeschäft zu regeln.“ - -Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er: - -„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich -zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt -schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet. -Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung -Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon -im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können; -aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“ - -„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien -eines solchen Herrn sich ändern wird?“ - -„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr -im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“ - -„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“ - -„Gewiß!“ - -„Du?“ - -Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine -Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die -Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von -neuem: - -„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend. - -Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu. - -Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, -- und man fand ihn -schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht, -während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht -krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin. - -Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen war, erkannten sie, -daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie. - -Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins, -Einfuhr, Ausfuhrverbot. - -Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im -Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel -vorgeschoben -- und er weckte Bouvard, der fest schlief. - -Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht -wieder hören. - -Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben. - -Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem -Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, -- und -zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand -hinübergestiegen. - -Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden. - -Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum -Krämer. - -Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents -mitten unter den Trinkern? Gorju! -- Gorju, in feiner Kleidung und die -andern freihaltend. - -Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei. - -Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts. - -Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in -der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand -zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden. - -Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück -Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg -nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen. -Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel -erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“ - -Frau Bordin trat ein. - -Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit. - -Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk, -die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten. - -Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an. - -„Wie! Sie sagen nichts!“ - -„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich -war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie -sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit -beleidigt. - -Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf, -ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben. - -Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte -anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man -würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben. - -Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem -gleichgültig. - -An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an. - -Der Arzt hatte sich von all dem frei gemacht. -- - -„Sie tun unrecht, sich damit zu quälen!“ - -Foureau kam an ihnen vorüber und sagte mit spöttischer Miene: -„Hineingelegt, die Demokraten!“ -- Und der Hauptmann an Girbals Arm -rief von weitem: „Es lebe der Kaiser!“ - -Aber Petit mußte sie verstehen, und nachdem Bouvard an die Scheibe -geklopft, verließ der Schulmeister seine Klasse. - -Er fand es außerordentlich komisch, daß Thiers im Gefängnis saß. Das -war eine Rache für das Volk. -- „Ha! ha! meine Herren Abgeordneten, die -Reihe ist an Ihnen!“ - -Die Füsilladen auf den Boulevards fanden die Billigung der Einwohner -von Chavignolles. Keine Gnade für die Besiegten, kein Mitleid für die -Opfer! Sobald man sich empört, ist man ein Verbrecher. - -„Danken wir der Vorsehung!“ sagte der Pfarrer, „und nächst ihr Louis -Bonaparte. Er umgibt sich mit den ausgezeichnetsten Männern. Der Graf -von Faverges wird Senator werden.“ - -Am folgenden Tage erhielten sie den Besuch Placquevents. - -Die Herren hätten viel geredet. Er verpflichtete sie zu schweigen. - -„Willst du meine Ansicht wissen?“ sagte Pécuchet: - -„Da die Bürger blutdürstig, die Arbeiter eifersüchtig, die -Priester Kriecher sind, -- und da dem Volk jeder Tyrann recht ist, -vorausgesetzt, daß man ihm sein Maul im Troge läßt, so hat Napoleon -recht getan! -- Mag er es knebeln, mit Füßen treten und vertilgen! -- -Es wird nie eine genügende Strafe sein für seinen Haß gegen das Recht, -seine Feigheit, seine Dummheit, seine Verblendung!“ - -Bouvard dachte: „Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!“ Er fügte -hinzu: „Und die Politik, eine schöne Schweinerei!“ - -„Sie ist keine Wissenschaft,“ erwiderte Pécuchet. „Die Kriegskunst -steht höher, man sieht voraus, was eintrifft; wir sollten uns daran -machen.“ - -„Nein, danke!“ erwiderte Bouvard. „Alles widert mich an. Laß uns lieber -unsere Bude verkaufen und laß uns, zum Himmeldonnerwetter, zu den -Wilden gehen!“ - -„Wie du willst!“ - -Im Hofe pumpte Mélie Wasser. - -Die hölzerne Pumpe hatte einen langen Schwengel. Um ihn hinabzudrücken, -krümmte sie sich, -- und man sah alsdann ihre blauen Strümpfe bis -hinauf zu den Waden. Dann hob sie mit einer schnellen Bewegung ihren -rechten Arm, während sie den Kopf ein wenig drehte, -- und Pécuchet -fühlte bei ihrem Anblick etwas ganz Ungewohntes, einen Reiz, ein -unendliches Vergnügen. - - - - -VII - - -Traurige Tage begannen. - -Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner -von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie -erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, -- und ihre Einsamkeit -war tief, ihre Untätigkeit vollständig. - -Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An -anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach -Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder -ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim; -oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu -lamentieren; sie verzichteten darauf. - -Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den -Krimskrams für stumpfsinnig. - -Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die -Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet. - -Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet, -wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz -umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen, -der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom -Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt -die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein -undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt -eine Kuh. - -Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr, -erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche; -geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln; -beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer -Anblick. - -Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen, -ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das -Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht -mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader -entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie -zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes. - -Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht. - -Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen -politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den -dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen: -„Halt!“ - -Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu -bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju; --- und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an, -während die Baumreihe sie von ihm schied. - -„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“ - -Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören. - -„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das -an?“ - -„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst, -mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als -ihre Worte. - -„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“ - -Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln. - -„Die andere hat es erlaubt, was?“ - -„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust. - -„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke -Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause. - -Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben -Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines -Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, -- kein -Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen -geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren -Kopf nicht. - -Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die -Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft -eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte -sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in -der Scheune aufgesucht hatte, -- so daß einmal ihr Gatte, da er einen -Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die -Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich -gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine -Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie -hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“ - -Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt. - -Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung, -ihren Kopf zurück. - -„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß -sehen, sprich, was willst du? -- Geld? Es wird sich auftreiben lassen. -Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider -beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles, --- alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn -du nur zu mir zurückkehrst!“ - -Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre Taille, um sie am -Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie -schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“ - -Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu. - -„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen! -Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! -- Gib -mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps -bezahlen kann.“ - -Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald -zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt! -denke doch! -- Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La -Croix-Janval gehen -- und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen -Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“ - -„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“ - -Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; -- und sich an seine -Schultern klammernd: - -„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden -nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte -mich!“ - -Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um -sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen -Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, -- und als sie ihn, -heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren -geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück. - -„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“ - -Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem -Halse hing, und es ihm nachwerfend: - -„Da! Du Lump!“ - -Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend. - -Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und -erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung -versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter -Gegenstand. - -Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die -Entdeckung einer Welt, -- einer ganzen Welt! -- sie hatte einen -blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze, --- und Abgründe von unendlicher Tiefe; -- sie strömte Schrecken aus, -was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu -fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er. - -Doch verabscheute er Gorju, -- und auf der Wache kostete es ihm Mühe, -ihn nicht zu verraten. - -Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke -Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine -erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke -an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange -Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck -war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein -Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr. - -Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts -ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; -- wer sollte ihn jetzt -verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu -denken. - -Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre -Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger -Zahn war lose geworden, -- und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne, -kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner -Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt, -zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich -während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas -nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also -einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen. - -Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen -beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; -- und mochte sie nun den -Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er -konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, -- selbst -überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm -Fieber und Sehnen, -- und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju -herzte, verfolgte ihn. - -Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu -verführen. - -„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“ - -„Gut! Aber wie weiter?“ - -„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf -ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die -brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard -erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie -obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich -habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei -wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“ - -Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich -seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart -ein. - -In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß -von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz -laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie -entlassen wurde. - -Nun war Pécuchet frei! - -Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein -Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte! - -Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters -beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den -Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu -ziehen. - -Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum -Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den -Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe. -„Niemals!“ - -Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und -die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte -sie zu einem ehrbaren Wandel. - -Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße -Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte. -Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den -Lippen, und er fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein -anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte, -nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen -Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr. - -Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase -Anislikör... - -Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz, -zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk -zu reinigen. - -Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch -fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, -während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg. - -Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof. - -Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid -eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während -sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte. - -Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit -„ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot -gewesen war. - -Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche -seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem -Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften. - -Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr -speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer -Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in -gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden, -brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den -Kaffee schlürften; -- und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe, -die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse, -während sie die Nasenflügel blähte. - -Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten -Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er, -mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde -böse. Er machte keinen neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von -wunderbarer Fülle und Festigkeit aus. - -Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig -ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen! - -Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete -ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum -ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die -Unterhaltung. - -Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender -Weise hartnäckig an. - -Bouvard hielt es nicht länger aus! -- und auf das Parkett niederkniend, -stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“ - -Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er -scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht -vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn. - -Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften. -„Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung, -ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“ - -Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie, -sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte. - -Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, -- unter dem -Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug. - -Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen. - -Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu -halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr -davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist! -Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner -Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen. - -Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu -machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall -sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen. - -Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem -Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken -standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu -pflücken, und sagte, sie ihm überreichend: - -„Grüßen Sie Frau Bouvard!“ - -„Wie! So ist es wahr?“ - -„Durchaus wahr.“ - -Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein -Mann!“ -- Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um -eine Gunst bitten würde. - -„Sie ist bewilligt.“ - -Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten -Donnerstag fest. - -Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren. - -„Einverstanden.“ - -Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh. - -Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben, -wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den -Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen. - -Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter -dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden -der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange. - -Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die -Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen. - -„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet. - -„Ja! Ich liebe Sie!“ - -„Nun gut, dann beweise es mir!“ - -Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand -ihr Korsett aufzunesteln. - -„Sie werden mir weh tun?“ - -„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“ - -„Wenn Herr Bouvard...“ - -„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“ - -Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf fallen, die -Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; -- dann verbarg -sie ihr Gesicht unter einem Arm, -- und ein anderer hätte gemerkt, daß -es ihr nicht an Erfahrung fehlte. - -Bald kam Bouvard zum Essen. - -Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu -verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet -wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die -Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte. - -Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause. - -„Das verdammte Luder!“ - -„Wer denn!“ - -„Frau Bordin.“ - -Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie -heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde -bei Marescot. - -Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die -er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem -Gelde eines anderen bezahlt hatte. - -„In der Tat!“ sagte Pécuchet. - -„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich -etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich -entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“ -Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein -Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen -dicken Bauch, ich bitte dich!“ - -Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten -Beinen gehend. - -„Leidest du?“ sagte Bouvard. - -„O! ja! ich leide!“ - -Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem -Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei. - -„Du?“ - -„Ja, ich!“ - -„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“ - -Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme: - -„Das kann nur Mélie sein!“ - -Bouvard war starr über die Eröffnung. - -Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen. - -Sie protestierte mit unschuldiger Miene. - -Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande -wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen. - -Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden. - -Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er -sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte. -Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es -handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock, -beglückwünschte ihn aber zugleich. - -„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum -hat sie mir das angetan?“ - -„Du gefielst ihr.“ - -„Sie hätte mich warnen sollen.“ - -„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau -Bordin. - -Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in -Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, -- so viel -Schliche um ein Stückchen Land! - -„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“ - -So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im -kleinen Saal am Feuer saßen. - -Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife, --- und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen. - -„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum -Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter -einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, -- Turteltaubengirren, -schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, -- Tücke des Meeres, -Veränderlichkeit des Mondes,“ -- sie sagten alle Gemeinplätze, die man -über die Frauen in die Welt gesetzt hat. - -Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht. -Gewissensbisse faßten sie. -- Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir -ohne sie! -- Und gerührt umarmten sie einander. - -Eine Gegenwirkung war nötig; -- und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet -geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil. - -Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war, -schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur. - -Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit -tüchtigen Eimern Wassers, -- dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu -erreichen. Man sah sie durch das Gitter; -- und es gab Leute, die -darüber entrüstet waren. - - - - -VIII - - -Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden -durch Turnen verbessern. - -Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen -durch. - -Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie -beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf -Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen, -diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren -Neid. - -Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben -wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die -Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen, -noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der -zweiunddreißig Meter Höhe hätte. - -Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig -gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente -ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem -Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte -Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden. -Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück -und verzichtete schließlich darauf. - -Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei -Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der -erste unter den Achseln durchgeht, der zweite über den Handgelenken -liegt; -- und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn -erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang. - -Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus -Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen -Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links, -nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten -sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können. -Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie -rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie -fürchteten, sie möchten zerspringen. - -Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden -gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem -linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem -an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, -- und die -Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die -am Horizont herumsprangen. - -Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik; -sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder -Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre -erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber -unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei. - -Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der -Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen -Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit -den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum -Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem -Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als -fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß. - -Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich -beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise -zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei -den Übungen singen soll, und Bouvard und Pécuchet wiederholten beim -Marschieren den Gesang Nr. 9: - - _Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden._ - -Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen: - - _Freunde, die Krone und der Ruhm usw._ - -Im Laufschritt: - - _Uns gehört das scheue Tier! - Den hurt’gen Hirsch erjagen wir! - Ja! Zum Sieg heran! - Voran! Voran! Voran!_ - -Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang -ihrer Stimmen an. - -Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als -Rettungsmittel. - -Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken -zu tragen, -- und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen. -Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich -an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich -ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur -möglichen Vorsicht. - -Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die -Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst -Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte. - -Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben -und befestigten es unter dem Schuppen. - -Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten -erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab, -der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt. -Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz -der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite -Sprosse zu kommen. - -Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die -Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort -Chambray es taten? -- und um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in -seiner Anstalt einen Turm. - -Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu -erklimmen. - -Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte, -bekam Furcht und wurde schwindlig. - -Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für -die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an -die Anfangsgründe machen mußten. - -Seine Ermahnungen waren vergeblich; -- und in seinem Dünkel und seiner -Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen. - -Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich -das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, -- -und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in -großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich. - -Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf -die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz -abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase -blutete, er war leichenblaß, -- und er glaubte, sich einen Bruch -zugezogen zu haben. - -Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben -es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen, -und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen -Zeitvertreib sinnend. - -Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit -ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein -Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab. - -Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte -Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er, -„es will nicht mehr.“ - -Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige -Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang -zu setzen. - -Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei -Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm -bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt. - -Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er -zog den Gehilfen damit auf. - -Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien -und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische -zum Drehen zu bringen, -- und man entdeckte, wie man Zeisige zu -Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe -von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in -seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form -vorsetzte. - -Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort -aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, -- und besonders der Notar -befragte sie. - -Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden -Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein. - -War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein -hin. - -Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer, -der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau -Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau -Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person, -deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern -herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen -blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war. - -Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem -Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in -riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch -an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man -wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen, -die ein Geheimnis umschließen. - -Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände -ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte -nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe -Aufmerksamkeit. - -Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den -Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich. - -„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau. - -„Durchaus nicht!“ - -„Doch!“ - -„Bitte sehr, mein Herr!“ - -Der Notar beruhigte sie. - -Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im -Holze zu hören. -- Es war Täuschung. Nichts regte sich. - -Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren -und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles -so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum? - -Zweifellos störte ihn der Teppich, -- und man ging ins Eßzimmer. - -Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet, -Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen. - -Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten, -ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte -noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr. - -Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme: - -„Geist, wie findest du meine Cousine?“ - -Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge. - -Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben -übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten. - -Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren -genaues Alter anzugeben. - -Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge. - -„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal. - -„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau. - -Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger. - -Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert -war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell -funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar -bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII., -Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer -niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue d’Aumale verkauft; -Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin: - -„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“ - -Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte -seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war -durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die -Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen -Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf -die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den -Abend, heim. - -Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich -habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte -nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen. - -Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander -gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf -einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos. - -Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der -große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der -Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht, -wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein -magnetischer Strom aus. - -Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm -den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek, -las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein. - -Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn. -Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in -der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die -Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, -- doch ist es immer -noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und -Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen. - -„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard. - -„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen Wirkung zu -unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“ - -Dann, Bouvard betrachtend: - -„Ach! wie schade.“ - -„Wieso?“ - -„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren -Magnetiseur geben als dich!“ - -Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen -kräftigen Körper und einen starken Willen. - -Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte -Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère. - -Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte -er eines Abends in nachlässigem Tone: - -„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“ - -Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden -Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes -Leben nichts anderes getan hätte. - -Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu -beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen. -Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte -Pécuchet mit leiser Stimme: - -„Was fühlen Sie?“ - -Sie erwachte. - -Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen. - -Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit -sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster, -der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem -nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst -unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster -verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die -Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig -Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und -Frostbeulen. - -Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den -Blick, welche Art des Bestreichens anzuwenden sei, ob mit starkem -oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal, -transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug -davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt, -schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch. - -Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard -den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée -geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns, -der weit herumgekommen war. - -Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher -Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann -Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten, -lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt, -von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde, -Bouvards Anerbietungen annahm. - -Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte, -begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf -die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch -Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen -oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme -emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man -ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger -Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten; -sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen. - -Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was -sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers. - -„Was sehen Sie da?“ - -„Einen Wurm.“ - -„Was muß man tun, um ihn zu töten?“ - -Ihre Stirn furchte sich. - -„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“ - -Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von -Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer, -verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder. - -Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg, -und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine -mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne -gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken -ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen -weiblichen Geschlechtes sein. - -„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei -bekommen?“ - -Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und -etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie -begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser; -die Kinder freuten sich darüber. - -Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie -zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze -empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik -hielt an. - -„Genug! Genug!“ schrie er. - -„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard. - -Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das -Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien, -durch den Lärm herbeigelockt. - -„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu -finden. - -Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den -Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung -beruhten. - -Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es, -und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie -hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier. - -Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um -ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in -Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe. - -Sie eilten hin. - -Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der -aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche -bedeckt, eine Kuh. Sie zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr -über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd. - -Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete. -Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht -kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte, -wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte -Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel. - -Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der -eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen -Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die -Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der -Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt -zuschauten. - -Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief -in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet: - -„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine -Entladung.“ - -Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen -gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte. -Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde -später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen. - -Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält -dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände -einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie -sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen -es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen, -magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot. - -Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen -zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen -alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt. - -Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu geschaffen. Sie -reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten. -Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf, -und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um -ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung -einluden. - -Nicht einer fehlte. - -Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen -zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen. - -Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie -in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den -Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem -Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der -Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor -der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten. - -Pécuchet erschien! - -„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“ - -Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen. - -Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus -Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem -Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch -immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter -Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu -verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten, -hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren -Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß. - -Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine -Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse -ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter -blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung -verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel, -einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten -Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte ließ seine -Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war -dick in leinene Umschläge verpackt. - -Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und -die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der -Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos. - -Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf. - -„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie -an, ich entferne mich für einen Augenblick.“ - -Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest -der Tür mit den Pfeifen. - -Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der -Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung -und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu -gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken. - -Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der -Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen -jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen. - -Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein -wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos -vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch -lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr -Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette -nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke -tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der -Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken. - -„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts -Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der -zu Schanden werden!“ - -„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse -Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“ - -Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen; -er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage -wegen seines Rheumatismus. - -Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit -immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden -Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum -becum“. - -Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß -daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie -vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte. - -Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge -durch undurchsichtige Körper wahrnahm. - -Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte. -Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die -Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer -Miene. - -Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte -gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend: - -„Lesen Sie!“ - -Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den -Kopf zurück und buchstabierte schließlich: - -„Kon - sti - tu - tion - nel.“ - -Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben! - -Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die -Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in -Vaucorbeils Hause vorgehe. - -„Gut,“ antwortete der Doktor. - -Und seine Uhr ziehend: - -„Womit beschäftigt sich meine Frau?“ - -Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene: - -„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“ - -Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett, -das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte. - -Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich. - -Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut -abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks, -oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte, -einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist? - -Vaucorbeil zuckte die Achseln. - -Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand, -Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß -Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos -überstanden haben. - -Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe -Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der -Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen! - -„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt. - -„Keineswegs!“ - -„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“ - -Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten -zum besten. - -„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war, -wenn der Monat mit einem Freitag begann.“ - -„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am -14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest -fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“ - -Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am -folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die -Geschichte vom Souper Cazottes. - -Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken: - -„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“ - -„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil. - -Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend. - -Marescot sprach von der delphischen Pythia. - -„Ohne allen Zweifel Miasmen.“ - -„Ach! nun sind es gar Miasmen.“ - -„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard. - -„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu. - -„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die -Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“ - -Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren -Spießbürger folgten ihm. - -„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich -fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt -Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen -ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er -erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen, -wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert, -und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu -Menschenfressern werden.“ - -Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren -für die Gesellschaft. - -Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau -Vaucorbeil schwenkend. - -Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte: - -„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“ - -Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen. - -„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“ - -Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten, -wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen: - -„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“ - -Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf: - -„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der -Kirche verboten sind!“ - -Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet -plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit -gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte: - -„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“ - -„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“ - -„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“ - -Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal, -spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in -den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte -Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die -Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse gefühlsmäßig -erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab, -führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine -Morgenröte anzeigten. - -Sie ließen sie sich zusenden. - -Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten -Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum -Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne -rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen -Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von -ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie -ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere -Welten. - -Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt. -Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel -knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der -Natur und die Vergnügen der Kunst genießen. - -Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt -hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den -Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu -sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von -der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen -und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch. - -Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht -gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung -jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden. - -Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem -Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter -erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat -Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses -gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen. - -Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels. - -Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei -uns. - -Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern -nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen -Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich -in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben. - -Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit -schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern, -schlecht gekleideten Personen. - -Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese -Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der -Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der -Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden -Betrachtungen hin: - -Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke -Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag -der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt -man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder -belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken. - -Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das -Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht -nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die -Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die -Gespenstererscheinungen. - -Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen -Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten -eine physische Ursache? - -Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein -verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so -brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert, -würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und -das Weltall stände zu unserer Verfügung. - -Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen -Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine -Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle -Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die -Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung. - -Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch -er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich -zugleich stellten, als ob sie darüber lachten. - -Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich. - -Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage, -fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen -wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte -sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald -vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen, -wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte -mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den -Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in -den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz -mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte -schließlich, sie sei verhext. - -In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig -den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose -in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz -hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten -Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit -dem Kreis Dupotets einen Versuch machen. - -Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um -die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen -sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit -priesterlicher Miene zu ihm: - -„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“ - -Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine -Augen trübten sich. - -„Ach! machen wir ein Ende!“ - -Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des -Mißbehagens zu entgehen. - -Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten -erscheinen lassen. - -Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echiquier, die Opfer -der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen -sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an, -ihn zu erzeugen. - -Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei -unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie, -weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während -Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er -Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn: - -„Was fürchtest du?“ - -„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“ - -Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten -Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze -Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von -Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten -sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere -furchterfüllt, daran zu glauben. - -Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am -Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards -Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten -sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen -aus den beiden Augenhöhlen hervor. - -In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand -dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll -Schwefel in die Asche. - -Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen. -Da nun dieser Tag ein Freitag war, -- welcher Tag Bechet gehört, -- so -mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach -rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte, -begann er: - -„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“ - -Er hatte das übrige vergessen. - -Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück -Pappe aufgezeichnet hatte: - -„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war -lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o -Bechet!“ - -Dann die Stimme dämpfend: - -„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“ - -Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu -sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor -einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören? -Wenn sie sich plötzlich einstellte? - -Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine -zersprungene Scheibe hereinkam, -- und die Kerzen warfen schwankende -Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe -bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen -waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht. -Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf -dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und -die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte. - -Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die -Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen -feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu -klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich -wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte, -schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse -umher; ein Schrei erscholl; -- was war das? - -Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht, -daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine -Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der -Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele. - -Endlich wagten sie sich hin. - -Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend, -auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend, -schlug sie ein Kreuz nach dem andern. - -Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus, -da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle. - -Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor seine Stelle, -und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé -Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde. - -Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden -verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein. - -Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die -Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel -ins Haus genommen. - -Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn -abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur -aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen -Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener -Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war -sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig. - -Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard -und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf -außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt. - -Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an. -Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren -gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt; -sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine -Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles -bis Bretteville vergraben, -- und Marcel bestürmte seine Herren mit -Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten -sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt. - -Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft. -Jedoch studierten sie die Frage, -- und sie erfuhren, daß ein gewisser -Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen -und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze -wahlverwandt seien. - -Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen -Versuch! - -Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, -- und eines Morgens -machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz. - -„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard. - -„O nein! das wäre noch schöner!“ - -Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die -Straße von Chavignolles nach Bretteville! -- war das die alte oder die -neue? Es mußte die alte sein!“ - -Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend, -da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war. - -Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle -fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise -vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben. -Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu -Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum, -um die Stelle später wiederzufinden. - -Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen, -seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an -den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die -Barbée. - -Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe, -einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; -- -und er wollte sie nicht mehr anrühren. - -Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen -zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte -das Nachgraben etwas zutage; -- und sie waren jedesmal äußerst -kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während -er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen -aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar -fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm -seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn -wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar. - -Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein -Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte. -Bouvard und Marcel riefen ihn an. - -Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser -betrachten zu können, hob er dessen Mütze in die Höhe, -- er sah nun -eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte: - -„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber! -Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“ - -Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher -Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der -er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte. - -Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die -Augen in der Luft, -- und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder. - -Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem -geschnellten Finger an, daß sie herabfiel. - -Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder. - -„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert -Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten, -die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“ - -Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen -Klepper und verschwand langsam. - -Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen -Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man -hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können, -die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch -folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich -in der Sonne blähten. - -„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren -Wunsch willigte. - -Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem -Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der -Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie -tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende -Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren. -Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein -kleines Mädchen weinte. - -Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und -nach, aber man konnte nicht wissen, was für Folgen das haben würde. -Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter -seine Mistgabel. - -„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“ - -Sie machten sich davon. - -Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle -Ursache zugrunde. - -Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung -des einen auf das andere; -- und wechselweise? - -Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet, -bei Fénelon, -- und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine -Leihbibliothek. - -Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die -Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und -Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, -- und sie -verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen -Jahrhunderts. - -Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet -aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an -die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem -einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato -verwandt, -- und sie diskutierten. - -„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine. - -„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß -werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine -Substanz, die aus reinem Denken besteht.“ - -„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das -meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“ - -„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen -zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“ - -„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen -Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich -unkörperlich.“ - -„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so müßte das -Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken -kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit -anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines -Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine -Behauptung.“ - -„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den -Eigenschaften der Materie!“ - -„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die -Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen -Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den -Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“ - -„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht -wollen...“ - -„Aber wenn Gott nicht existiert?“ - -„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an: -„Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben; -secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie -könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? -- und da wir diese Idee -haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“ - -Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur -Notwendigkeit eines Schöpfers über. - -„Wenn ich eine Uhr sehe...“ - -„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“ - -„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“ - -Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung -auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise -es!“ - -„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“ - -„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der -Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat, -anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten -sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte -besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar. -Der Mond, diese große Leuchte, zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß -der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer -Häuser bestimmt sei?“ - -Pécuchet antwortete: - -„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge -zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star -gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich -oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“ - -Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er -bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset. - -Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor -Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war. - -Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie -lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie -begriffen dieses: - -Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache, -ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott. - -Er allein ist Ausdehnung, -- und die Ausdehnung hat keine Grenzen. -Wodurch sollte sie begrenzt sein? - -Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche, -denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute -enthält sie alle. - -Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm -eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit. - -„Findest du das lustig?“ - -„Ja, gewiß! lies nur weiter!“ - -Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf -seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen -ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken. - -Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet, -die wieder andere enthalten. - -Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde -darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische -Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze -verbunden sind. - -„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet. - -Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott. - -„Da hörst du’s!“ rief Bouvard. - -Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem -Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer -Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott. - -So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, -- und -das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer -unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele -verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere -Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in -seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken -ist in seiner Substanz eingeschlossen. - -Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in -einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen, --- ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich -herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf. - -Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie -den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch -bestimmt ist. - -Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die -ontologische oder die psychologische. - -Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen, -als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch -gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite -für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für -diese. - -Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im -Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung. - -„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach -dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung, -große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in -Staunen setzte. - -Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist -sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das -Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon -mitteilt. - -Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen? -Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn -sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt -werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren -Wahrnehmungen. - -„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus -führen.“ - -Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das -Grenzenlose darzustellen. - -„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine -Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen -Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“ - -Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen. - -Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die -Reflexion, -- und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung -zurück. - -Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines -Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die -großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke, -das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als -angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der -Erfahrung vorausgehen und allgemein sind. - -„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt -haben.“ - -„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“ - -„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer -teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite -der Fall.“ - -Pécuchet war erstaunt. - -„Wo findet sich das?“ - -„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch. - -„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend: -„Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung. -Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu -setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst -die Bewegung nicht hervorbringen, -- und das habe ich in deinem -Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe -Verbeugung machte. - -So kauten sie dieselben Argumente wieder, -- jeder voll Verachtung für -die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu -können. - -Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig -gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik. - -Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten -Kram verkauft, -- und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den -Fakultäten der Seele. - -Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu -erkennen und die zu wollen. - -Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die -seelische Empfindung. - -Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie -durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden. - -Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit -dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines -Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust -eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“ - -Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung, -„moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen -der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten, -unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der -jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“. - -In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei -der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann. - -Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden. - -Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das -Voraussehen den mit dem Zukünftigen. - -Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis. - -So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton -des Verfassers, die Eintönigkeit der Wendungen: „Wir sind bereit -anzuerkennen, -- Fort mit dem Gedanken. -- Befragen wir unser -Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der -ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen -hinweggingen und sich gleich an die Logik machten. - -Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und -die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer. - -Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her. - -„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“, -fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen -hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt. -„Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“, --- Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich -bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich -eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das -Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch -welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“ - -Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen -seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter -zu verwenden, -- so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, -- -es ist Zeit zum Essen, -- ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage -förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. -- Die Stunde, Nahrung -einzunehmen, ist da. -- Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“ - - -Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie -die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden -Menschenverstandes. - -Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr -wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen, -daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem -alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei. - -Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen, -und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht -ihnen. - -Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandelbar und -unpersönlich ist, -- doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch -werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig -Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist. - -Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die -Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein -mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den -Dingen stört. - -Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit -herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten -wären! - -Was die Evidenz betrifft, die von dem einen geleugnet, von dem anderen -behauptet wird, so ist sie ihr eigenes Kriterium. Herr Cousin hat es -bewiesen. - -„Ich sehe nur noch die Offenbarung,“ sagte Bouvard. „Doch um an sie -zu glauben, muß man eine vorausgehende doppelte Erkenntnis annehmen: -die des Körpers, welcher empfunden hat, und die des Geistes, welcher -wahrgenommen hat; man muß Empfindung und Vernunft annehmen, menschliche -und infolgedessen verdächtige Zeugnisse.“ - -Pécuchet sann nach, legte die Arme übereinander. „Aber wir geraten in -den schrecklichen Abgrund des Skeptizismus.“ - -Bouvard meinte, er sei nur schwachen Hirnen schrecklich. - -„Danke für das Kompliment,“ erwiderte Pécuchet. „Indessen gibt es -unbestreitbare Tatsachen. Man kann die Wahrheit bis zu einem gewissen -Grade erlangen.“ - -„Bis zu welchem? Ergeben zwei und zwei immer vier? Ist der Inhalt -in irgendeiner Hinsicht geringer als das Enthaltende? Was heißt ein -annähernd Wahres, ein Bruchteil von Gott, der Teil einer unteilbaren -Sache?“ - -„Ach! das sind nur Sophistereien!“ Und Pécuchet, verärgert, maulte drei -Tage lang. - -Sie verbrachten sie damit, die Inhaltsverzeichnisse mehrerer Bände -durchzugehen. Bouvard lächelte von Zeit zu Zeit, -- und, die -Unterhaltung wieder anknüpfend: - -„Es ist eben schwierig, keine Zweifel zu hegen: So sind die Beweise für -das Dasein Gottes bei Descartes, Kant und Leibniz nicht dieselben und -vernichten sich gegenseitig. Die Entstehung der Welt durch die Atome -oder durch einen Geist bleibt unfaßbar. - -Ich fühle mich zugleich als Materie und Denken, ohne doch zu wissen, -was das eine und was das andere sei. - -Undurchdringlichkeit, Festigkeit, Schwere scheinen mir gerade so große -Geheimnisse wie meine Seele, -- und um so mehr die Vereinigung von -Seele und Körper. - -Um sie zu erklären, hat Leibniz seine prästabilierte Harmonie erdacht, -Malebranche die göttliche Bestimmung des menschlichen Willens, Cudworth -einen Mittler, und Bossuet sieht darin ein beständiges Wunder, was eine -Dummheit ist: ein beständiges Wunder wäre kein Wunder mehr.“ - -„In der Tat!“ sagte Pécuchet. - -Und beide gestanden, daß sie der Philosophen überdrüssig wären. So -viele Systeme verwirren. Die Metaphysik ist zwecklos. Man kann ohne sie -leben. - -Zudem wuchs ihre Geldverlegenheit. Sie schuldeten Beljambe drei -Fässer Wein, Langlois zwölf Kilogramm Zucker, ihrem Schneider -hundertundzwanzig Franken, dem Schuster sechzig. Neue Ausgaben stellten -sich ständig ein, und Meister Gouy zahlte nicht. - -Sie begaben sich zu Marescot, damit er ihnen Geld verschaffen sollte, -sei es durch den Verkauf der Ecalles oder durch eine Hypothek auf ihren -Pachthof oder durch Veräußerung ihres Hauses, das mit lebenslänglichen -Renten bezahlt werden sollte und dessen Nutznießung sie behalten -würden. -- Ein ungangbarer Weg, sagte Marescot, doch ein besseres -Geschäft bereite sich vor und man würde sie benachrichtigen. - -Dann fiel ihnen ihr armer Garten ein. Bouvard übernahm das Ausputzen -des Laubenganges, Pécuchet den Schnitt des Spaliers. -- Marcel mußte -die Beete umgraben. - -Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie an; der eine schloß sein -Gartenmesser, der andere legte die Schere hin, und ganz sachte begannen -sie auf- und abzugehen: Bouvard ohne Weste mit vorgestreckter Brust und -bloßen Armen im Schatten der Linden; Pécuchet mit gesenktem Kopf, die -Hände auf dem Rücken, den Schirm der Mütze aus Vorsicht in den Nacken -gedreht, an der Mauer entlang; und sie gingen so in derselben Richtung, -ohne auch nur Marcel zu sehen, der an der Hütte lehnend sich ausruhte -und dabei eine Brotschnitte verzehrte. - -In dieser nachdenklichen Stimmung stellten sich Gedanken ein; sie -redeten einander an, um sie nicht zu vergessen; und die Metaphysik kam -wieder aufs Tapet. - -Sie stellte sich bei Gelegenheit des Regens und des Sonnenscheins, -eines Kieselsteins in ihrem Schuh, einer Blume auf dem Rasen, bei allem -und jedem wieder ein. - -Wenn sie eine Kerze brennen sahen, fragten sie sich, ob das Licht im -Objekte oder in unserem Auge sei. Da die Sterne verschwunden sein -können, wenn ihr Glanz zu uns gelangt, so bewundern wir vielleicht -Dinge, welche nicht vorhanden sind. - -Als sie in einer Weste eine Raspailzigarette wiederfanden, -zerbröckelten sie diese auf dem Wasser, und der Kampfer drehte sich. - -Es gibt also Bewegung in der Materie! Ein höherer Grad von Bewegung -würde das Leben hervorrufen. - -Doch wenn die sich bewegende Materie genügte, um Wesen zu schaffen, so -würden diese nicht so verschieden sein. Denn am Uranfang gab es weder -Erde, noch Wasser, noch Menschen, noch Pflanzen. Was ist also diese -ursprüngliche Materie, die man niemals gesehen hat, die nicht identisch -ist mit den Dingen dieser Welt und sie alle hervorgebracht hat? - -Manchmal hatten sie ein Buch nötig. Dumouchel, der müde war, sie zu -bedienen, antwortete ihnen nicht mehr, und sie verbissen sich in das -Problem, besonders Pécuchet. - -Sein Wahrheitsbedürfnis wurde zum brennenden Durste. - -Unter dem Eindruck von Bouvards Reden ließ er vom Spiritualismus ab, -nahm ihn bald wieder auf, um ihn dann wieder fallen zu lassen, und -rief, den Kopf in den Händen: „O! Der Zweifel! der Zweifel! Lieber wäre -mir das Nichts!“ - -Bouvard bemerkte die Unzulänglichkeit des Materialismus und versuchte -daran festzuhalten, wobei er übrigens erklärte, daß er den Kopf darüber -verlöre. - -Sie begannen Vernunftschlüsse auf einer festen Basis; sie brach -zusammen; -- und plötzlich waren alle Gedanken fort, wie eine Fliege -davonfliegt, sobald man sie fangen will. - -Während der Winterabende plauderten sie im Museum am Feuer, den Blick -auf die Kohlen gerichtet. Der Wind, der im Flur pfiff, ließ die -Scheiben erzittern, die schwarzen Massen der Bäume wiegten sich, und -die Melancholie der Nacht verstärkte den Ernst ihrer Gedanken. - -Von Zeit zu Zeit ging Bouvard bis ans Ende des Gemaches; dann kam -er zurück. Die Kerzen und die Metallgeschirre an der Wand warfen -schräge Schatten auf den Boden; und der Sankt Peter, den man im Profil -sah, breitete über die Decke den Schattenriß seiner Nase, der einem -ungeheueren Jagdhorn glich. - -Nur mit Mühe konnte man zwischen den Gegenständen durchkommen, und -oft stieß sich Bouvard, wenn er nicht acht gab, an der Statue. -Mit ihren großen Augen, der herabhängenden Lippe und ihrer -Trunkenboldsphysiognomie war sie auch Pécuchet im Wege. Seit langer -Zeit wollten sie sich ihrer entledigen, doch aus Lässigkeit verschoben -sie es von einem Tage zum andern. - -Eines Abends stieß Bouvard inmitten eines Streites über die Monade mit -seiner großen Zehe gegen die Sankt Peters, -- und seinen Zorn gegen ihn -entladend: - -„Der Kerl ist mir gräßlich, wir wollen ihn an die Luft setzen!“ - -Es war zu schwierig, ihn die Treppe hinunterzuschaffen. Sie öffneten -das Fenster und neigten ihn sachte gegen den Rand. Pécuchet versuchte -kniend, ihn an den Fußsohlen in die Höhe zu heben, während Bouvard -gegen die Schultern drückte. Der steinerne Biedermann wankte nicht; sie -mußten die Hellebarde als Hebel zu Hilfe nehmen, -- und endlich kamen -sie so weit, ihn ganz niederzulegen. Dann stürzte er, nachdem er hin- -und hergependelt hatte, ins Leere, die Tiara voran, -- ein dumpfes -Geräusch erscholl, -- und am folgenden Morgen fanden sie ihn in zwölf -Stücke zerbrochen in dem ehemaligen Kompostloch. - -Eine Stunde später trat der Notar herein mit einer guten Nachricht für -sie. Jemand aus dem Orte würde für eine Hypothek auf ihren Pachthof -tausend Taler vorschießen; und da sie sich freuten: „Verzeihen Sie! Man -macht eine Bedingung dabei: daß Sie nämlich dem Geldgeber die Ecalles -für fünfzehnhundert Franken verkaufen. Der Vorschuß wird noch heute -bezahlt werden. Das Geld liegt bei mir im Bureau.“ - -Sie waren nicht abgeneigt, die beiden Vorschläge anzunehmen. Bouvard -sagte schließlich: „Lieber Gott... meinetwegen!“ - -„Abgemacht!“ sagte Marescot. Und er teilte ihnen den Namen der Person -mit. Es war Frau Bordin. - -„Das dachte ich mir!“ rief Pécuchet. - -Bouvard schwieg gedemütigt. - -Sie oder jemand anders, was lag daran! Die Hauptsache war, aus der -Verlegenheit herauszukommen. - -Nachdem das Geld erhoben war (das für die Ecalles würde später folgen), -bezahlten sie sämtliche Rechnungen und waren auf dem Heimwege, als sie -um die Markthallen biegend vom Vater Gouy angehalten wurden. - -Er war auf dem Wege zu ihnen, um ihnen ein Unglück anzuzeigen. In -der vergangenen Nacht hatte der Wind zwanzig Apfelbäume in den Höfen -umgeworfen, die Branntweinbrennerei niedergelegt, das Dach der Scheune -fortgerissen. Sie verbrachten den Rest des Nachmittags damit, den -Schaden festzustellen, und der folgende Tag verging mit Verhandlungen -mit dem Zimmermann, dem Maurer und dem Dachdecker. Die Ausbesserungen -würden sich zum mindesten auf achtzehnhundert Franken belaufen. - -Abends fand sich dann Gouy ein. Marianne habe ihm eben selbst von dem -Verkaufe der Ecalles erzählt. Ein Stück Land von prächtigem Ertrag, das -ihm sehr bequem gelegen sei und fast keine Bearbeitung erfordere, das -beste Stück des ganzen Gutes! -- und er verlangte einen Nachlaß. - -Die Herren beschieden ihn abschlägig. Man unterbreitete den Fall dem -Friedensrichter, und er entschied zugunsten des Pächters. Wenn man den -Acker auf zweitausend Franken schätzte, so brachte ihm der Verlust der -Ecalles einen jährlichen Schaden von siebzig, und vor Gericht würde er -sicher gewinnen. - -Ihr Besitz war geschmälert. Was tun? Und wie bald leben? - -Sie setzten sich beide voller Entmutigung zu Tisch. Marcel verstand -nichts von der Küche; dieses Mal war sein Diner noch schlechter als -sonst. Die Suppe glich Spülwasser, das Kaninchen schmeckte verdorben, -die grünen Bohnen waren nicht gargekocht, die Teller schmutzig, und -beim Nachtisch platzte Bouvard los, indem er drohte, er wolle ihm das -Ganze an den Kopf werfen. - -„Seien wir Philosophen,“ sagte Pécuchet. „Etwas weniger Geld, die -Intrigen einer Frau, das Ungeschick eines Dienstboten, was bedeutet das -alles? Du steckst zu tief in der Materie!“ - -„Aber wenn sie mich doch quält,“ sagte Bouvard. - -„Ich, ich bestreite ihr Dasein!“ erwiderte Pécuchet. - -Er hatte letzthin eine Darstellung der Philosophie Berkeleys gelesen -und fügte hinzu: - -„Ich leugne die Ausdehnung, die Zeit, den Raum, sogar die Substanz! -Denn die wahre Substanz ist der Geist, der die Qualitäten perzipiert.“ - -„Ausgezeichnet,“ sagte Bouvard. „Doch wenn man die Welt unterdrückt, so -werden die Beweise für das Dasein Gottes fehlen.“ - -Pécuchet widersprach lebhaft und ausführlich, obgleich er an einem -Schnupfen litt, den das Jodkalium verursacht hatte, -- und ständiges -Fieber steigerte seine Erregung. Bouvard, der sich seinetwegen -beunruhigte, ließ den Arzt rufen. - -Vaucorbeil verschrieb Orangensirup mit Jod und für später Sublimatbäder. - -„Wozu?“ erwiderte Pécuchet. „Den einen oder andern Tag wird die Form -vergehen. Die Essenz geht nicht unter!“ - -„Ohne Zweifel,“ sagte der Arzt, „ist die Materie unzerstörbar! -Indessen...“ - -„Aber nein! Aber nein! Das Unzerstörbare ist das Wesen. Dieser -Leib, der da vor mir steht, der Ihrige, Doktor, hindert mich, Ihre -Persönlichkeit zu kennen, ist sozusagen nur eine Verkleidung, oder -vielmehr eine Maske.“ - -Vaucorbeil glaubte, Pécuchet sei verrückt geworden. - -„Guten Abend! Pflegen Sie Ihre Maske!“ - -Pécuchet ließ nicht ab. Er verschaffte sich eine Einführung in die -Hegelsche Philosophie, wollte sie Bouvard auseinandersetzen. - -„Alles, was vernünftig ist, ist wirklich. Das einzig Wirkliche ist -die Idee. Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze des Weltalls, die -Vernunft des Menschen ist identisch mit derjenigen Gottes.“ - -Bouvard stellte sich, als ob er verstehe. - -„Also ist das Absolute zugleich das Subjekt und das Objekt, die -Einheit, in der sich alle Unterschiede zusammenfinden. So werden die -Gegensätze überwunden. Der Schatten macht das Licht möglich, das -mit dem Warmen vermischte Kalte bringt die Temperatur hervor, der -Organismus erhält sich nur durch die Zerstörung des Organismus, überall -gibt es ein Prinzip, das trennt, ein Prinzip, das vereint.“ - -Sie waren auf dem künstlichen Hügel, und der Geistliche ging am Zaune -vorbei, das Brevier in der Hand. - -Pécuchet bat ihn, einzutreten; er wollte in seiner Gegenwart den -Vortrag über Hegel zu Ende führen, um einmal zu sehen, was der Abbé -dazu sagen würde. - -Der Mann im Priesterrock setzte sich zu ihnen, und Pécuchet wandte sich -dem Christentum zu. - -„Keine Religion hat so fest die Wahrheit begründet, daß die Natur nur -ein Moment der Idee ist!“ - -„Ein Moment der Idee!“ murmelte der Priester verdutzt. - -„Ja doch! Indem Gott eine sichtbare Einkleidung annahm, hat er seine -konsubstantielle Einheit mit ihr gezeigt.“ - -„Mit der Natur? O! O!“ - -„Durch sein Hinscheiden hat er die Wesenheit des Todes bezeugt; also -war der Tod in ihm, bildete, bildet einen Teil von Gott.“ - -Der Geistliche runzelte die Stirn. - -„Keine Gotteslästerung! Nur zum Heile der Menschheit hat er die Leiden -erduldet.“ - -„Irrtum! Man betrachtet den Tod im Individuum, wo er ohne Zweifel ein -Übel ist. Doch in bezug auf die Dinge ist das anders. Sie dürfen nicht -Geist und Materie trennen!“ - -„Indessen, mein Herr, vor der Schöpfung...“ - -„Es hat keine Schöpfung stattgefunden. Sie ist immer dagewesen. Sonst -wäre das ein neues Wesen, das zu dem göttlichen Gedanken hinzukommt, -was widersinnig wäre.“ - -Der Priester erhob sich, Amtsgeschäfte riefen ihn. - -„Ich schmeichle mir, ihn hineingelegt zu haben!“ sagte Pécuchet. „Noch -ein paar Worte! Da die Existenz der Welt nur ein beständiger Durchgang -des Lebens zum Tode und des Todes zum Leben ist, so ist, weit -entfernt, daß alles sei, vielmehr nichts. Aber alles wird, begreifst -du?“ - -„Ja! ich begreife, oder vielmehr nein!“ - -Der Idealismus brachte Bouvard schließlich zur Verzweiflung. - -„Ich will nichts mehr davon hören; das berühmte cogito macht mich -rasend. Man nimmt die Ideen der Dinge für die Dinge selbst. Man setzt -auseinander, wovon man sehr wenig versteht, mit Hilfe von Worten, die -man überhaupt nicht versteht! Substanz, Ausdehnung, Kraft, Materie -und Seele. Lauter Abstraktionen, Phantastereien. Was Gott betrifft, -unmöglich zu wissen, wie er ist, ob er überhaupt ist! Ehemals war er -der Urheber des Windes, des Blitzes, der Revolutionen. Gegenwärtig -nimmt seine Macht ab. Übrigens sehe ich seinen Nutzen nicht ein.“ - -„Und wo bleibt bei alledem die Moral?“ - -„Ja, da ist nichts zu machen!“ - -„Ihr fehlt die tatsächliche Grundlage,“ sagte sich Pécuchet im stillen. - -Und er versank in Schweigen, denn er war in eine Sackgasse geraten, -eine Folge der Prämissen, die er selbst aufgestellt hatte. Es war für -ihn wie eine Überraschung, wie ein vernichtender Stoß. - -Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie. - -Die Gewißheit, daß nichts existiert (so jammervoll sie auch ist), ist -darum nicht weniger eine Gewißheit. Wenige Menschen sind fähig, sie zu -ertragen. Diese geistige Überlegenheit erfüllte sie mit Stolz, und sie -hätten sie öffentlich bekunden mögen: eine Gelegenheit bot sich. - -Als sie eines Morgens Tabak holten, sahen sie eine Menschenansammlung -vor Langlois’ Tür. Man umringte die Post von Falaise, und man sprach -von Touache, einem Sträfling, der in der Gegend vagabundierte. -Der Wagenführer hatte ihn bei Croix-Verte zwischen zwei Gendarmen -getroffen, und die Einwohner von Chavignolles stießen einen Seufzer der -Erleichterung aus. - -Girbal und der Hauptmann blieben auf dem Platze; dann kam der -Friedensrichter, der neugierig war, etwas zu erfahren, und Herr -Marescot in Samtbarett und schafledernen Pantoffeln. - -Langlois lud sie ein, seinen Laden mit ihrer Gegenwart zu beehren. -Sie würden es dort gemütlicher haben, und trotz der Kunden und des -Geräusches der Klingel fuhren die Herren fort, die Schandtaten des -Touache zu besprechen. - -„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „er hatte schlechte Triebe, das erklärt -alles!“ - -„Man bezwingt sie durch die Tugend,“ erwiderte der Notar. - -„Aber wenn man keine Tugend hat?“ - -Und Bouvard bestritt mit Bestimmtheit die Willensfreiheit. - -„Indessen“, sagte der Hauptmann, „kann ich tun, was ich will! Es steht -mir zum Beispiel frei, mein Bein zu bewegen.“ - -„Nein, mein Herr, denn Sie haben einen Beweggrund, es zu bewegen!“ - -Der Hauptmann suchte eine Antwort, fand keine. Doch Girbal schoß diesen -Pfeil ab: - -„Ein Republikaner, der gegen die Freiheit spricht, das ist komisch!“ - -„Das ist zum Lachen!“ sagte Langlois. - -Bouvard stellte ihm die Frage: - -„Weshalb geben Sie Ihr Vermögen nicht den Armen?“ - -Der Krämer überflog unruhigen Blicks seinen ganzen Laden. - -„Ei ja! bin nicht so dumm! Ich behalte es für mich!“ - -„Wenn Sie der heilige Vinzenz von Paul wären, würden Sie anders -handeln, da Sie dann seinen Charakter hätten. Sie gehorchen dem -Ihrigen. Also sind Sie nicht frei!“ - -„Das ist Wortklauberei,“ antwortete die Versammlung im Chore. - -Bouvard ließ sich nicht stören, und auf die Wage auf dem Ladentisch -weisend: - -„Die bleibt regungslos, solange eine der Wagschalen leer ist. Ebenso -der Wille; und das Schwanken der Wage zwischen zwei Gewichten, die -gleich scheinen, gibt ein Bild der Arbeit unseres Geistes, wenn er über -die Beweggründe mit sich zu Rate geht, bis zu dem Augenblicke, wo der -stärkere den Sieg davonträgt, ihn bestimmt.“ - -„Alles das,“ sagte Girbal, „beweist nichts für Touache und hindert -nicht, daß er ein recht lasterhafter Schurke ist.“ - -Pécuchet nahm das Wort: - -„Die Laster sind Eigenheiten der Natur, wie die Überschwemmungen, die -Stürme.“ - -Der Notar hielt ihn an, und sich bei jedem Wort auf den Zehenspitzen in -die Höhe hebend: - -„Ich finde Ihr System vollkommen unmoralisch. Es läßt allen -Zügellosigkeiten freien Lauf, entschuldigt die Verbrechen, wäscht die -Schuldigen rein.“ - -„Ganz recht,“ sagte Bouvard. „Der Unglückliche, welcher seinen -Begierden folgt, ist ebenso in seinem Recht, wie der ehrbare Mann, der -der Vernunft Gehör gibt.“ - -„Verteidigen Sie nicht die Ungeheuer!“ - -„Warum Ungeheuer? Wenn ein Blinder, ein Idiot, ein Mörder geboren wird, -so scheint uns das gegen die Ordnung, als ob uns die Ordnung bekannt -wäre, als wenn die Natur zu einem Endzweck handelte!“ - -„Dann leugnen Sie die Vorsehung?“ - -„Ja, ich leugne sie!“ - -„Sehen Sie vielmehr auf die Geschichte,“ rief Pécuchet. „Gedenken Sie -der Königsmörder, der Hinmetzelungen der Völker, der Zwistigkeiten in -den Familien, des Kummers der einzelnen.“ - -„Und zu gleicher Zeit,“ fügte Bouvard hinzu -- denn sie erhitzten sich -aneinander -- „sorgt diese Vorsehung für die kleinen Vögel und läßt die -Scheren der Krebse wieder wachsen. Ja, wenn Sie unter Vorsehung ein -Gesetz verstehen, das alles ordnet, so will ich es gelten lassen, und -auch nur unter Vorbehalt!“ - -„Indessen, mein Herr,“ sagte der Notar, „gibt es Prinzipien!“ - -„Was schwatzen Sie da! Eine Wissenschaft ist nach Condillac um so -größer, als sie ihrer nicht bedarf! Sie resümieren nur die erworbenen -Erkenntnisse und verweisen uns auf solche Erkenntnisse, die gerade -bestreitbar sind.“ - -„Haben Sie wie wir“, fuhr Pécuchet fort, „die Geheimnisse der -Metaphysik erforscht, durchwühlt?“ - -„Allerdings nicht, meine Herren, allerdings nicht!“ - -Und man ging auseinander. - -Doch Coulon zog sie beiseite und sagte ihnen in väterlichem Tone, daß -er sicherlich nicht fromm sei und sogar die Jesuiten verabscheue. -Indessen gehe er nicht so weit wie sie! O nein! sicherlich nicht; -- -und an der Ecke auf dem Platze kamen sie an dem Hauptmann vorbei, der -sich seine Pfeife wieder anzündete, wobei er brummte: - -„Ich tue doch, was ich will, in Teufels Namen!“ - -Bouvard und Pécuchet gaben auch bei andern Gelegenheiten ihre -scheußlichen Paradoxe zum besten. Sie zogen die Redlichkeit der -Menschen, die Keuschheit der Frauen, die Einsicht der Regierung, den -gesunden Verstand des Volkes in Zweifel, kurz, sie untergruben die -Grundlagen. - -Foureau geriet darüber in Erregung und bedrohte sie mit Gefängnis, wenn -sie derartige Reden fortsetzten. - -Ihre augenscheinliche Überlegenheit verletzte. Da sie unmoralische -Thesen verteidigten, mußten sie unmoralisch sein; Verleumdungen wurden -erfunden. - -Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste, -nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen. - -Unbedeutende Dinge betrübten sie: die Reklamen der Zeitungen, das -Profil eines Spießbürgers, eine dumme Bemerkung, die sie zufällig -gehört. - -Wenn sie daran dachten, was man in ihrem Dorfe redete, und sich -vorstellten, daß es bis zum andern Ende der Welt nur neue Coulons, neue -Marescots, neue Foureaus gäbe, fühlten sie gleichsam das ganze Gewicht -der Erde auf sich lasten. - -Sie gingen nicht mehr aus, sahen niemand mehr bei sich. - -Eines Nachmittags hörten sie in ihrem Hofe ein Zwiegespräch -zwischen Marcel und einem Herrn in breitkrämpigem Hut und schwarzer -Schutzbrille. Es war der Akademiker Larsoneur. Es konnte ihm nicht -entgehen, daß man einen Vorhang zurückzog, daß Türen geschlossen -wurden. Sein Besuch bedeutete einen Aussöhnungsversuch, und er ging -wütend davon, indem er den Diener beauftragte, er solle seinen Herren -sagen, sie seien ungezogene Menschen. - -Bouvard und Pécuchet war es gleich. Die Welt verlor an Bedeutung für -sie; sie sahen sie wie durch einen Nebel, der aus ihrem Gehirn kam und -sich auf ihre Augen herabließ. - -Ist übrigens nicht alles eine Illusion, ein böser Traum? Vielleicht -halten sich, im ganzen genommen, Glück und Unglück die Wage! -- Doch -das Wohlergehen der Menschheit ist für den einzelnen kein Trost. - -„Was sind mir die andern!“ sagte Pécuchet. - -Seine Verzweiflung betrübte Bouvard. Er hatte ihn dahin gebracht, und -der Verfall ihres Heims stachelte ihren Kummer mit täglichem Ärger neu -an. - -Um sich wieder Mut zu machen, redeten sie einander mit Vernunftgründen -zu, schrieben sich Arbeiten vor und verfielen bald wieder in größere -Untätigkeit, in tiefere Entmutigung. - -Am Ende der Mahlzeiten blieben sie, die Ellbogen auf den Tisch -gestützt, sitzen und seufzten mit betrübter Miene. Marcel riß die Augen -auf, dann kehrte er in die Küche zurück, wo er sich einsam vollfraß. - -In der Mitte des Sommers erhielten sie die Anzeige von der Verheiratung -Dumouchels mit der verwitweten Frau Olympe-Zulma Poulet. - -„Möge Gott ihn segnen!“ - -Und sie gedachten der Zeit, da sie glücklich waren. - -Warum gingen sie nicht mehr hinter den Schnittern her? Wo waren die -Tage, an denen sie in die Höfe eintraten, überall nach Altertümern -suchend? Nichts vermochte jetzt mehr die so angenehmen Stunden -zurückzubringen, welche das Destillieren oder die Literatur ausgefüllt -hatten. Ein Abgrund trennte sie davon. Etwas Unwiderrufliches war -eingetreten. - -Sie wollten wie ehemals einen Spaziergang durch die Felder machen, -gingen sehr weit, verirrten sich. Der Himmel war voller Schäfchen, die -Glöckchen des Hafers schwankten im Winde, längs einer Wiese murmelte -ein Bach, als plötzlich ein pestilenzialischer Geruch sie anhielt, und -sie erblickten auf Kieseln zwischen Dornengestrüpp den Kadaver eines -Hundes. - -Seine vier Glieder waren vertrocknet. Der weitgeöffnete Rachen zeigte -unter bläulichen Lefzen elfenbeinweiße Fangzähne; die Stelle des -Bauches nahm ein Haufen von erdiger Farbe ein, der zu zittern schien, -so viel Ungeziefer krimmelte darauf. Es bewegte sich, vom Sonnenlichte -getroffen, unter den summenden Fliegen in diesem unerträglichen Geruch, --- einem scharfen und gleichsam verzehrenden Geruch. - -Indessen faltete Bouvard die Stirn, und Tränen feuchteten seine Augen. - -Pécuchet sagte stoisch: „So werden wir eines Tages sein.“ - -Der Gedanke an den Tod hatte sie gepackt. Auf dem Heimwege sprachen sie -davon. - -Letzten Endes ist er nicht vorhanden. Man entschwindet in den Tau, in -die Brise, in die Sterne. Man wird etwas vom Saft der Bäume, vom Glanz -der Edelsteine, vom Gefieder der Vögel. Man gibt an die Natur zurück, -was sie uns geliehen hat, und das Nichts, das wir vor uns haben, hat -nichts Schrecklicheres, als das Nichts, das hinter uns liegt. - -Sie versuchten, es sich unter der Form einer undurchdringlichen Nacht, -eines grundlosen Loches, einer dauernden Ohnmacht vorzustellen; alles -andere war diesem eintönigen, widersinnigen und hoffnungslosen Dasein -vorzuziehen. - -Dann ließen sie ihre ungestillten Sehnsüchte an sich vorüberziehen. -Bouvard hatte sich immer Pferde, Equipagen, edle Burgundergewächse und -schöne, willfährige Frauen in glänzender Wohnung gewünscht. Pécuchets -Ehrgeiz stand nach philosophischem Wissen. Nun kann das größte der -Probleme, dasjenige, das alle andern umschließt, innerhalb einer Minute -gelöst sein. Wann denn wird sie kommen? -- „Man kann geradesogut gleich -ein Ende machen.“ - -„Wie du willst,“ sagte Bouvard. - -Und sie prüften die Frage des Selbstmordes. - -Was ist Schlimmes dabei, eine Last abzuwerfen, die einen erdrückt? und -eine Handlung zu begehen, die niemand Schaden bringt? Wenn sie Gott -beleidigte, würden wir dann die Macht dazu haben? Sie ist keineswegs -Feigheit, was man auch sage, -- und die Vermessenheit, das, was die -Menschen am höchsten schätzen, sogar zum eigenen Nachteil zu verhöhnen, -ist schön. - -Sie beratschlagten über die Todesart. - -Vergiftungen sind mit Schmerzen verbunden. Es gehört viel Mut dazu, -sich die Kehle abzuschneiden. Die Erstickungsversuche führen oft nicht -zum Ziel. - -Schließlich trug Pécuchet zwei Taue von ihren gymnastischen Übungen -auf den Boden. Nachdem er sie dann an denselben Querbalken des Daches -geknüpft, ließ er einen Henkersknoten herabhängen und schob zwei -Stühle darunter, damit man die Stricke erreichen konnte. - -Man entschloß sich zu dieser Todesart. - -Sie fragten sich, welch einen Eindruck das im Orte machen würde, wo -dann ihre Bücher, ihr Geschreibsel, ihre Sammlungen bleiben würden. Der -Gedanke an den Tod bewirkte bei ihnen eine Rührung, die ihrer eigenen -Person galt. Jedoch gaben sie ihren Vorsatz nicht auf, und dadurch, daß -sie davon sprachen, gewöhnten sie sich an den Gedanken. - -Am Abend des 24. Dezember, zwischen zehn und elf Uhr, gaben sie sich im -Museum, jeder in verschiedener Kleidung, ihren Gedanken hin. Bouvard -hatte über seine Trikotweste eine Bluse gezogen; und Pécuchet trug seit -drei Monaten aus Sparsamkeit beständig das Mönchsgewand. - -Da sie heftigen Hunger hatten (denn Marcel, der mit Tagesanbruch -fortgegangen war, war nicht zurückgekehrt), hielt es Bouvard aus -Gesundheitsrücksichten für angebracht, ein Fläschchen Branntwein zu -leeren, und Pécuchet, Tee zu nehmen. - -Als er den Teekessel emporhob, verspritzte er Wasser auf das Parkett. - -„Wie ungeschickt!“ rief Bouvard. - -Dann wollte er, da er den Aufguß zu schwach fand, ihn noch durch zwei -Löffel verstärken. - -„Das wird ungenießbar werden,“ sagte Pécuchet. - -„Durchaus nicht!“ - -Und da jeder die Dose zu sich zog, fiel das Präsentierbrett zur -Erde; eine der Tassen war zerbrochen, die letzte des schönen -Porzellanservices. - -Bouvard erblich. -- „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“ - -„In der Tat, ein großes Unglück!“ - -„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“ - -„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu. - -„Ah! Du willst mich beleidigen!“ - -„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“ - -Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard -ebenfalls. Sie schrien beide zu gleicher Zeit, der eine wütend vor -Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte -nur noch ein Röcheln hervor. - -„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“ - -Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu. - -Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter -ihm her, kam auf den Speicher. - -Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der -Stühle, den Strick in der Hand. - -Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt. - -„Warte auf mich!“ - -Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend: - -„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“ - -„Ei ja! das ist richtig!“ - -Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen. - -Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz -wie Tinte war. - -Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den -Nebeln des Horizontes. - -Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten -sich und liefen alle auf die Kirche zu. - -Neugierde trieb sie dorthin. - -Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den -Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel -ab. - -Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der -ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden -buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des -Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über -die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der -Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner -hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche -die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren -Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die -Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem -Leibe, die Ohren aufgerichtet. - -Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre -Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie -Wogen, die sich glätten. - -Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des -Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren -Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit -blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude -versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des -Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte -Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit -seines Herzens. - -Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines -Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken. - -Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen -empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt -zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und -Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in -ihrer Seele. - - - - -IX - - -Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem -Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach -Branntwein riechend und in unsauberem Zustande. - -Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in -der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten; --- er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte -um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren -verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur -Nachsicht. - -Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten -umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben. - -War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte? Bouvard war -weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während -sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der -sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen. - -Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen -Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter, -die ihm zuhörte, -- oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln, -die Netze zogen, -- dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens, -während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, -- -schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf -die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die -Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der -Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet, -gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine -Forderung als nur die der Reinheit des Herzens. - -Über die Wunder erstaunte ihre Vernunft nicht, seit ihrer Kindheit -waren sie ihnen vertraut. Die Tiefe des heiligen Johannes entzückte -Pécuchet und machte ihn fähig, die „Nachfolge Jesu-Christi“ besser zu -verstehen. - -In diesem Buche gibt es keine Vergleiche, keine Blumen, keine Vögel; -sondern Klagen, ein Zurückziehen der Seele in sich selbst. Bouvard -wurde traurig, während er in diesen Seiten blätterte, die bei -nebeldüsterem Wetter tief in einem Kloster zwischen einem Glockenturm -und einem Grabe geschrieben zu sein schienen. Unser irdisches Leben -erscheint darin so jammervoll, daß man, seiner vergessend, sich Gott -zuwenden muß; -- und die beiden Biedermänner empfanden nach all ihren -Enttäuschungen das Bedürfnis, einfach zu sein, irgend etwas zu lieben, -ihren Geist auszuruhen. - -Sie machten sich an das Buch Jesus Sirach, an Jesaias und Jeremias. - -Doch die Bibel mit ihren löwenstimmigen Propheten, den Donnerlauten -in den Wolken, all dem Schluchzen der Hölle, und mit ihrem Gott, der -Reiche zerstreut wie der Wind die Wolken, flößte ihnen Furcht ein. - -Sie lasen des Sonntags um die Stunde des Nachmittagsgottesdienstes, -wenn die Glocke läutete. - -Eines Tages gingen sie zur Messe und besuchten sie dann häufiger. Es -war eine Zerstreuung am Ende der Woche. Der Graf und die Gräfin von -Faverges grüßten sie von weitem, was bemerkt wurde. Der Friedensrichter -sagte zu ihnen, mit den Augen blinzelnd: „Ausgezeichnet! Ich kann -Sie dazu nur beglückwünschen!“ Alle Bürgerfrauen sandten ihnen jetzt -geweihtes Brot. - -Der Abbé Jeufroy machte ihnen einen Besuch; sie erwiderten ihn; man -verkehrte miteinander, und der Priester vermied es, von Religion zu -sprechen. - -Seine Zurückhaltung setzte sie in Erstaunen, so daß Pécuchet ihn mit -gleichgültiger Miene fragte, wie man es machen müsse, um gläubig zu -werden. - -„Befolgen Sie zunächst die Vorschriften der Kirche.“ - -Und sie machten sich daran, die Vorschriften der Kirche zu befolgen, -der eine hoffnungerfüllt, der andere aus Trotz, denn Bouvard war -überzeugt, daß er niemals gläubig werden würde. Einen Monat lang wohnte -er regelmäßig dem Gottesdienste bei, wollte sich jedoch im Gegensatz zu -Pécuchet nicht dem Fasten anbequemen. - -War es eine hygienische Maßregel? Man weiß, was die Hygiene wert ist. -Eine Sache der Konvenienz? Nieder mit der Konvenienz! Ein Zeichen der -Unterwerfung unter die Kirche? Auch darauf pfiff er! Kurz, er erklärte -diese Maßregel für verrückt, pharisäisch und dem Geiste des Evangeliums -widersprechend. - -Am Karfreitag der vorhergehenden Jahre hatten sie gegessen, was -Germaine ihnen auftrug. - -Doch dieses Mal hatte Bouvard sich ein Beefsteak bestellt. Er setzte -sich an den Tisch, zerschnitt das Fleisch; -- und Marcel betrachtete -ihn entrüstet, während Pécuchet mit ernster Miene seinen Stockfisch -abhäutete. - -Bouvard hielt eine Zeitlang die Gabel in der einen, das Messer in der -andern Hand. Dann entschloß er sich, einen Bissen an die Lippen zu -bringen. Plötzlich begannen seine Hände zu zittern, sein dickes Gesicht -erblaßte, sein Kopf fiel nach hinten. - -„Ist dir schlecht?“ - -„Nein! Doch!“ -- und er machte ein Geständnis. Infolge seiner Erziehung -(es war das stärker als er), konnte er an diesem Tage kein Fleisch -essen, weil er fürchtete, davon zu sterben. - -Ohne seinen Sieg zu mißbrauchen, machte Pécuchet ihn sich zunutze, um -auf seine Weise zu leben. - -Eines Tages kam er heim, auf dem Gesichte den Ausdruck einer wirklichen -Freude, und, das Wort wagend, sagte er, daß er soeben gebeichtet habe. - -Da sprachen sie über die Bedeutung der Beichte. - -Bouvard ließ die Beichte der ersten Christen, die öffentlich war, -gelten: heute wird sie einem zu leicht gemacht. Indessen leugnete er -nicht, daß dieses Befragen unserer selbst ein Element des Fortschritts -sei, daß es eine moralische Gärung hervorrufe. - -Pécuchet, der nach Vollendung strebte, suchte nach seinen Lastern; die -Hochmutsanwandlungen waren seit langem verschwunden. Sein Sinn für -Arbeit bewahrte ihn vor Faulheit; was die Gefräßigkeit betraf, so war -niemand mäßiger. Zuweilen ließ er sich vom Zorne fortreißen. - -Er schwor bei sich, das abzulegen. - -Dann mußte man Tugenden erwerben; in erster Linie die Demut, -- das -heißt, sich jedes Verdienstes für unfähig, der geringsten Belohnung für -unwürdig halten, seinen Geist opfern und sich so erniedrigen, daß man -wie der Schmutz der Straße mit Füßen getreten wird. Er war noch weit -entfernt von dieser Verfassung. - -Er ermangelte einer anderen Tugend: der Keuschheit. -- Denn innerlich -bedauerte er, daß Mélie nicht mehr da war, und das Pastellbild der Dame -in Louis XV.-Tracht störte ihn durch das Dekolleté. - -Er schloß es in einen Schrank, und seine Schamhaftigkeit wurde so groß, -daß er sogar fürchtete, seine eigene Blöße zu sehen, und er legte sich -in seiner Unterhose schlafen. - -So viel Vorsichtsmaßregeln gegen die Wollust entwickelten sie. -Besonders des Morgens hatte er heftige Kämpfe zu bestehen, wie deren -der heilige Paulus, der heilige Benedikt und der heilige Hieronymus in -sehr vorgeschrittenem Alter hatten; dann hatten sie sich sogleich an -wütende Bußübungen gemacht. Der Schmerz ist eine Sühne, ein Heilmittel -und ein Weg, eine Ehrerbietung vor Jesus Christus. Jede Liebe fordert -Opfer, und welches wäre schwerer als das unseres Leibes. - -Um sich zu kasteien, verzichtete Pécuchet auf den Likör nach den -Mahlzeiten, beschränkte sich auf vier Prisen täglich und setzte bei -großer Kälte keine Mütze auf. - -Eines Tages stellte Bouvard, als er den Wein anband, eine Leiter gegen -die Mauer der Terrasse am Hause, -- und zufällig fiel sein Blick in -Pécuchets Zimmer. - -Sein Freund, bis zum Gürtel nackt, versetzte sich mit der Klopfpeitsche -sanfte Schläge auf die Schultern, zog dann in steigender Erregung seine -Hose aus, peitschte seine Hinterbacken und fiel atemlos auf einen Stuhl. - -Bouvard war verwirrt, wie bei der Entdeckung eines Geheimnisses, das -verborgen bleiben muß. - -Seit einiger Zeit sahen ihm die Scheiben reinlicher aus, hatten die -Servietten weniger Löcher, war das Essen besser; -- Veränderungen, die -man dem Eingreifen der Reine, der Magd des Herrn Pfarrers, verdankte. - -Sie verband das Kirchliche mit den Küchenangelegenheiten, war kräftig -wie ein Ackerknecht und opferfreudig, wenn auch unehrerbietig. Sie -verschaffte sich Eingang in die Haushaltungen, gab Ratschläge, wurde -dort zur Herrscherin. Pécuchet setzte volles Vertrauen in ihre -Erfahrung. - -Einmal führte sie ihm einen feisten Menschen mit kleinen, geschlitzten -Augen und einer Hakennase zu. Es war Herr Gouttman, Händler in -Devotionalien -- und er packte ihrer einige, die in Schachteln -verschlossen waren, unter dem Schuppen aus: Kreuze, Münzen und -Rosenkränze von allen Größen, Leuchter für Kapellen, tragbare Altäre, -Sträuße aus Flittergold und Darstellungen des Herzen Jesu auf blauer -Pappe, heilige Josephs mit rotem Bart, Kalvarienberge aus Porzellan. -Pécuchet hätte sie gern gehabt. Der Preis allein hielt ihn zurück. - -Gouttman verlangte kein Geld. Er zog Tauschgeschäfte vor, und nachdem -sie ins Museum emporgestiegen, bot er für das alte Eisen und das ganze -Blei einen Vorrat seiner Waren an. - -Sie schienen Bouvard scheußlich. Doch Pécuchets Blick, Reines dringende -Bitten und der Wortschwall des Trödlers überzeugten ihn schließlich. -Als Gouttman ihn so nachgiebig sah, wollte er noch die Hellebarde dazu -haben; Bouvard, müde, ihre Handhabung zu zeigen, gab sie hin. Nachdem -alles abgeschätzt worden war, schuldeten die Herren noch hundert -Franken. Man einigte sich auf vier Dreimonatswechsel, -- und sie -wünschten sich Glück zu dem vorteilhaften Geschäft. - -Ihre Erwerbungen wurden auf sämtliche Zimmer verteilt. Eine mit Heu -gefüllte Krippe und eine Kirche aus Kork zierten das Museum. - -Auf Pécuchets Kamin stand ein Johannes der Täufer aus Wachs; auf dem -Flur reihten sich die Bilder der bischöflichen Berühmtheiten, und unten -im Treppenhause sah man unter einer Kettenlampe eine heilige Jungfrau -in azurfarbenem Mantel mit einer Sternenkrone. Marcel reinigte diese -Herrlichkeiten und dachte, es könne im Paradiese nichts Schöneres geben. - -Wie schade, daß der Sankt Peter zerbrochen war, wie schön würde er sich -in der Vorhalle ausgenommen haben! Pécuchet blieb zuweilen vor der -ehemaligen Kompostgrube stehen, in der man die Tiara, eine Sandale und -den Zipfel eines Ohres erkennen konnte; gab Seufzer von sich und setzte -dann die Gartenarbeit fort; denn jetzt verband er körperliche Arbeiten -mit religiösen Übungen, grub, mit dem Mönchsgewand bekleidet, die Erde -um, während er sich mit dem heiligen Bruno verglich. Diese Verkleidung -mochte eine Lästerung sein; er legte sie ab. - -Doch er nahm, ohne Zweifel durch den häufigen Verkehr mit dem Pfarrer, -geistliche Manieren an. Er hatte dasselbe Lächeln, dieselbe Stimme, -und er steckte mit frostiger Miene seine beiden Hände bis zu den -Handgelenken in die Ärmel. Es kam der Tag, wo das Krähen des Hahnes ihm -unangenehm wurde, wo die Rosen ihn anekelten; er ging nicht mehr aus -und hatte grimmige Blicke für die Natur. - -Bouvard ließ sich in die Marienandachten führen. Die Kinder, die Hymnen -sangen, die Fliedersträuße, die Girlanden aus Grün ließen ihm wie das -Gefühl einer unvergänglichen Jugend. Gott offenbarte sich seinem Herzen -durch die Form der Nester, die Klarheit der Quellen, die Wohltat der -Sonne, und die Frömmigkeit seines Freundes schien ihm überspannt, -langweilig. - -„Warum seufzest du bei den Mahlzeiten?“ - -„Wir sollen mit Seufzen essen,“ antwortete Pécuchet, „denn auf diese -Weise hat der Mensch seine Unschuld verloren,“ ein Satz, den er im -„Handbuch des Seminaristen“, zwei Duodezbänden, die ihm Herr Jeufroy -geliehen, gelesen hatte, und er trank Saletter Wasser, gab sich hinter -verschlossenen Türen Stoßgebeten hin, hoffte in die Brüderschaft des -heiligen Franziskus einzutreten. - -Um die Gabe der Standhaftigkeit zu erlangen, beschloß er, eine -Wallfahrt zur heiligen Jungfrau zu machen. - -Die Wahl des Ortes bereitete ihm Verlegenheit. Sollte er zur Mutter -Gottes von Fourvières, von Chartres, von Embrun, von Marseille oder von -Auray gehen? Die zu la Délivrande, die näher war, tat dieselben Dienste. - -„Du wirst mich begleiten!“ - -„Da wäre ich ein rechter Einfaltspinsel!“ sagte Bouvard. - -Er konnte schließlich noch gläubig zurückkehren, wies das nicht zurück -und gab aus Gefälligkeit nach. - -Die Wallfahrten müssen zu Fuß gemacht werden. Doch dreiundvierzig -Kilometer würden hart sein; und da die Postkutschen der andächtigen -Betrachtung nicht günstig sind, nahmen sie einen Einspänner, der sie -nach einer Fahrt von zwölf Stunden vor dem Wirtshaus absetzte. - -Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten, zwei Kommoden, die zwei in -kleinen, ovalen Waschbecken stehende Wasserkannen trugen, und der -Wirt belehrte sie, daß dies das „Zimmer der Kapuziner“ unter der -Schreckensherrschaft gewesen sei. Man hatte darin die Jungfrau von la -Délivrande mit so viel Vorsicht verborgen, daß die guten Patres darin -heimlich die Messe lasen. - -Das machte Pécuchet Vergnügen, und er las laut einen Bericht über die -Kapelle, den er unten in der Küche gefunden hatte. - -Sie ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts von dem heiligen Regnobert, -dem ersten Bischof von Lisieux, oder von dem heiligen Ragnebert, der im -siebenten Jahrhundert lebte, oder von Robert dem Prachtliebenden in der -Mitte des elften gegründet worden. - -Die Dänen, die Normannen und besonders die Protestanten haben sie zu -verschiedenen Zeiten gebrandschatzt und verwüstet. - -Gegen 1112 wurde die ursprüngliche Statue durch einen Hammel entdeckt, -der mit dem Fuße aufstampfte und dadurch auf einem Anger den Ort angab, -wo sie lag, und an dieser Stelle errichtete der Graf Balduin ein -Heiligtum. - -Ihre Wunder sind ohne Zahl. Ein Kaufmann aus Bayeux, der in -sarazenischer Gefangenschaft war, rief sie an: seine Ketten fallen -und er entschlüpft. Ein Geizhals entdeckt in seinem Speicher eine -Herde Ratten, ruft die Jungfrau zu Hilfe, und die Ratten entfernen -sich. Ein alter Materialist in Versailles bereute seine Sünden auf -dem Totenbette, nachdem er mit einer Medaille in Berührung gekommen -war, die eine Nachbildung der Statue gestreift hatte. -- Sie gab dem -Herrn Adeline die Sprache wieder, die er infolge von Gotteslästerungen -verloren hatte; und unter ihrem Schutz hatten Herr und Frau von -Becqueville die Kraft, im Ehestande keusch zu leben. - -Unter denjenigen, die sie von unheilbaren Krankheiten befreit hat, -nennt man Fräulein von Palfresne, Anne Lirieux, Marie Duchemin, -François Dufai und Frau von Jumillac, geborene von Osseville. - -Bedeutende Persönlichkeiten haben sie aufgesucht: Ludwig XI., Ludwig -XIII., zwei Töchter Gastons von Orleans, der Kardinal Wiseman, -Samirrhi, der Patriarch von Antiochien; der Bischof Véroles, der -apostolische Vikar der Mandschurei; und der Erzbischof von Quélen kam, -ihr für die Bekehrung des Fürsten von Talleyrand Dank zu sagen. - -„Sie könnte dich auch bekehren!“ sagte Pécuchet. - -Bouvard, der schon im Bette lag, gab eine Art Grunzen von sich und -schlief vollends ein. - -Am nächsten Morgen um sechs Uhr gingen sie in die Kapelle. - -Man war beim Neubau einer zweiten; Leinwand und Bretterverschläge -sperrten das Schiff ab, und das im Rokokostil gehaltene Bauwerk mißfiel -Bouvard, besonders der Altar aus rotem Marmor mit seinen korinthischen -Pilastern. - -Die Wunder wirkende Statue stand in einer Nische links im Chor, mit -einem Flittergewande umhüllt; der Küster kam, er hatte für jeden -von ihnen eine Kerze. Er steckte sie auf eine Art Egge, die über -der Balustrade angebracht war, verlangte drei Franken, machte eine -Verbeugung und verschwand. - -Dann betrachteten sie die Weihgeschenke. - -Inschriften auf Tafeln bezeugten die Dankbarkeit der Gläubigen. Man -bewundert zwei kreuzweise übereinandergelegte Degen, die ein ehemaliger -Schüler der Polytechnischen Hochschule geschenkt hat, Brautbuketts, -Kriegsmedaillen, silberne Herzen und in einem Winkel am Boden einen -Wald von Krücken. - -Aus der Sakristei trat ein Priester, der das Gefäß mit der heiligen -Hostie trug. - -Nachdem er einige Minuten unten vor dem Altar verweilt hatte, stieg er -die drei Stufen empor, sprach das Oremus, den Introitus und das Kyrie, -das der Chorknabe kniend in einem Atem hersagte. - -Der Teilnehmer waren wenige, zwölf bis fünfzehn alte Weiber. Man hörte -das Klappern ihrer Rosenkränze und das Geräusch eines Hammers, der -gegen die Steine klopfte. Pécuchet, der sich über seinen Betstuhl -neigte, antwortete auf die Amen. Während der Verwandlung flehte er zur -Mutter Gottes, sie möge ihm beständigen und unwandelbaren Glauben geben. - -Bouvard, der in einem Stuhle neben ihm saß, nahm Pécuchets Gebetbuch -und verweilte bei der Litanei der Jungfrau. - -„Du Allerreinste, Du Allerkeuscheste, Ehrwürdige, Liebenswerte, -Mächtige, Gütige, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Tor des Morgens.“ - -Die Worte der Anbetung, diese Überschwenglichkeiten erhoben ihn zu ihr, -die durch so viel Ehrerbietung gefeiert wird. - -Er träumte sie, wie man sie auf den Kirchengemälden darstellt, auf -einer Anhäufung von Wolken, Engel zu ihren Füßen, den Gottessohn an der -Brust, -- Mutter der zärtlichen Liebe, die in aller Trübsal auf Erden -angerufen wird, -- Ideal der in den Himmel versetzten Frau; denn aus -ihrem Schoße hervorgegangen, steigert der Mensch seine Liebe zu ihr zur -Schwärmerei und sehnt sich nur noch, an ihrem Herzen zu ruhen. - -Als die Messe zu Ende war, gingen sie an den Läden entlang, die sich -auf dem Platze an die Kirchenmauer lehnen. Man sieht dort Bilder, -Weihwasserkessel, goldgeränderte Urnen, Christusbilder aus Kokosnuß, -elfenbeinerne Rosenkränze; und das Sonnenlicht, das auf das Glas der -Einrahmungen fiel, blendete ihre Augen, ließ die ganze Roheit der -Malerei, die Häßlichkeit der Zeichnungen hervortreten. Bouvard, der -diese Dinge zu Hause scheußlich fand, zeigte hier Nachsicht für sie. -Er kaufte eine kleine Jungfrau aus blauem Porzellan. Pécuchet begnügte -sich mit einem Rosenkranz, den er zur Erinnerung mitnahm. - -Die Verkäufer schrien: - -„Herbei! Herbei! Für fünf Franken, für drei Franken, für sechzig -Centimes, für zwei Sous, weist unsere Muttergottes nicht ab.“ - -Die beiden Pilger schlenderten umher, ohne etwas zu wählen. Unhöfliche -Bemerkungen wurden laut. - -„Was wollen sie, diese Kerle!“ - -„Es sind vielleicht Türken!“ - -„Eher Protestanten!“ - -Eine große Frau zupfte Pécuchet am Rocke; ein Alter mit einer Brille -legte ihm die Hand auf die Schulter; alle kreischten zugleich; -dann verließen sie ihre Buden, stellten sich um sie herum, wurden -zudringlicher mit ihren Bitten und heftiger mit ihren Beleidigungen. - -Bouvard hielt es nicht mehr aus. - -„Laßt uns in Ruhe, zum Teufel!“ - -Der Schwarm zerstreute sich. - -Doch eine dicke Frau folgte ihnen eine Zeitlang auf dem Platze und -schrie, daß es sie gereuen würde. - -Als sie ins Wirtshaus zurückkamen, fanden sie im Café Gouttman. Sein -Geschäft rief ihn in diese Gegenden, und er plauderte mit einem -Menschen, der auf dem Tische vor ihnen liegende Geschäftspapiere -durchsah. - -Dieser Mensch trug eine Ledermütze und eine sehr weite Hose; seine -Gesichtsfarbe war rot und seine Gestalt schlank trotz seiner grauen -Haare; er hatte etwas von einem pensionierten Offizier und einem -Schauspieler zugleich. - -Von Zeit zu Zeit fluchte er; doch beruhigte er sich sogleich auf ein -leiser gesprochenes Wort Gouttmans und nahm dann ein anderes Papier -vor. - -Bouvard, der ihn beobachtete, näherte sich ihm nach Verlauf einer -Viertelstunde. - -„Barberou, nicht wahr?“ - -„Bouvard!“ rief der Mann in der Mütze. Und sie umarmten sich. - -Barberou hatte in den letzten zwanzig Jahren alle möglichen -Vermögenslagen durchgemacht. - -Herausgeber einer Zeitung, Versicherungsbeamter, Direktor eines -Austernparks. „Ich werde Ihnen das erzählen,“ -- schließlich sei er zu -seinem ersten Berufe zurückgekehrt und reise für ein Haus in Bordeaux, -und Gouttman, der die Diözese „bearbeitete“, brachte für ihn Wein bei -den Geistlichen unter, -- „doch erlauben Sie, in einer Minute gehöre -ich Ihnen!“ - -Er hatte seine Rechnungsauszüge wieder vorgenommen und sprang plötzlich -von der Bank auf: „Wie, zwei Tausend?“ - -„Ganz gewiß!“ - -„Nein, das ist zu stark!“ - -„Sie meinen?“ - -„Ich meine, daß ich selbst bei Hérambert gewesen bin,“ erwiderte -Barberou wütend. „Die Rechnung lautet über vier Tausend; schwindeln Sie -mir doch nichts vor!“ - -Der Trödler kam nicht aus der Fassung. „Na, sie entlastet Sie! Was -wollen sie mehr?“ - -Barberou erhob sich; sein Gesicht war zuerst blaß, dann wurde es -violett, und Bouvard und Pécuchet glaubten, er wolle Gouttman -erdrosseln. - -Er setzte sich wieder, legte die Arme übereinander. „Sie sind ein ganz -gemeiner Schurke, das ist sicher!“ - -„Keine Beleidigungen, Herr Barberou; da sind Zeugen; seien Sie -vorsichtig!“ - -„Ich werde Sie verklagen!“ - -„Ach, Unsinn!“ Nachdem Gouttman dann seine Brieftasche zugeschnallt -hatte, lüpfte er seinen Hut: „Auf Wiedersehen!“ Und er ging hinaus. - -Barberou erklärte den Tatbestand: für eine Forderung Gouttmans -von tausend Franken, die sich infolge wucherischer Machenschaften -verdoppelt hatte, habe er diesem für dreitausend Franken Wein -geliefert. Damit sollten ihm nach Deckung seiner Schuld noch tausend -Franken Überschuß verbleiben; statt dessen schuldete er dreitausend. -Seine Chefs würden ihn entlassen, man würde ihn verklagen, „Lump! -Räuber! dreckiger Jude! und der Kerl ißt in den Pfarrhäusern zu -Mittag! Übrigens, alles was mit den Pfaffen in Berührung kommt...!“ Er -schimpfte auf die Priester und schlug so heftig auf den Tisch, daß die -Statuette beinahe umgefallen wäre. - -„Sachte!“ sagte Bouvard. - -„Sieh da, was ist das?“ Und nachdem er die kleine Jungfrau von ihrer -Hülle befreit hatte: „Ein Kinkerlitzchen vom Wallfahrtsmarkt! Gehört -das Ihnen?“ - -Anstatt zu antworten, lächelte Bouvard in zweideutiger Weise. - -„Es gehört mir!“ sagte Pécuchet. - -„Sie betrüben mich,“ erwiderte Barberou, „doch darüber sollen Sie das -Nötige von mir erfahren, seien Sie unbesorgt!“ Und da man Philosoph -sein soll und die Traurigkeit zu nichts nützt, lud er sie zum Frühstück -ein. - -Die drei setzten sich zum Essen nieder. - -Barberou war liebenswürdig, gedachte der alten Zeit, faßte das -bedienende Mädchen um die Taille, wollte Bouvards Bauch messen. Er -wolle sie bald besuchen und ihnen ein spaßiges Buch mitbringen. - -Der Gedanke an seinen Besuch machte ihnen mittelmäßige Freude. Sie -plauderten eine Stunde lang darüber im Wagen beim Trab der Pferde. Dann -schloß Pécuchet die Augen. Auch Bouvard schwieg. Innerlich neigte er -der Religion zu. - -Herr Marescot war am Abend vorher dagewesen, um ihnen eine wichtige -Mitteilung zu machen. -- Weiter konnte Marcel nichts sagen. - -Der Notar konnte sie erst drei Tage später bei sich sehen; -- und -sogleich legte er die Angelegenheit dar. Frau Bordin schlug Herrn -Bouvard vor, ihm den Gutshof für eine Rente von siebentausend -fünfhundert Franken abzukaufen. - -Seit ihrer Jugend betrachtete sie ihn mit gierigen Augen, kannte die -angrenzenden Grundstücke, seine Nachteile und Vorzüge; und dieser -Wunsch war wie ein Krebs, der sie verzehrte. Denn die gute Frau liebte -als wahre Normännin das „Gut“ über alles, weniger wegen der Sicherheit -der Kapitalsanlage als um des Glückes willen, den ihr gehörigen Boden -unter den Füßen zu fühlen. In der Hoffnung auf diesen da hatte sie -Feststellungen gemacht, eine tägliche Überwachung ausgeführt, lange -Zeit gespart, und sie erwartete mit Ungeduld Bouvards Antwort. - -Er kam in Verlegenheit, denn er wollte nicht, daß Pécuchet eines Tages -mittellos sei; doch man mußte die Gelegenheit ergreifen, -- die eine -Wirkung der Wallfahrt war. -- Die Vorsehung zeigte sich ihnen zum -zweiten Male günstig. - -Sie machten ein Angebot unter folgenden Bedingungen: die Rente, die -nicht siebentausend fünfhundert, sondern sechstausend betragen sollte, -müsse auf den Überlebenden übergehen. Marescot wies darauf hin, daß der -eine von schwacher Gesundheit sei. Die Anlagen des andern machten ihn -für Schlagfluß empfänglich, und Frau Bordin, von ihrer Leidenschaft -hingerissen, unterzeichnete den Kontrakt. - -Bouvard wurde melancholisch davon. Jemand wünschte seinen Tod, und -diese Überlegung gab ihm ernste Gedanken, Gedanken von Gott und -Ewigkeit. - -Drei Tage darauf lud sie Herr Jeufroy zu einem Festmahl ein, das er -jährlich einmal seinen Amtsbrüdern gab. - -Das Diner begann gegen zwei Uhr nachmittags, um gegen elf Uhr abends zu -endigen. - -Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten. Der Abbé Pruneau -verfaßte während des Mahles ein Akrostichon. Herr Bougon zeigte -Kartenkunststücke, und Cerpet, ein junger Vikar, sang eine kleine -Romanze mit galantem Einschlag. Solch ein Kreis zerstreute Bouvard. Er -war am folgenden Tage weniger düster. - -Der Pfarrer besuchte ihn häufig. Er stellte die Religion in anmutigen -Farben dar. Was setzte man übrigens aufs Spiel? -- und bald willigte -Bouvard ein, zum Tisch des Herrn zu kommen. Pécuchet wollte zugleich -mit ihm am Abendmahl teilnehmen. - -Der große Tag nahte. - -Die Kirche war wegen der Firmelung voll von Menschen. Die Bürger und -Bürgerinnen drängten sich in ihren Bänken, und das geringe Volk stand -dahinter oder auf der Empore über der Tür. - -Was jetzt vor sich gehen sollte, war unbegreiflich, dachte Bouvard, -doch die Vernunft reicht nicht aus, gewisse Dinge zu verstehen. Sehr -große Männer haben dieses Wunder gläubig hingenommen. Geradesogut -konnte er es tun, und in einer Art Betäubung betrachtete er den Altar, -das Weihrauchfaß, die Leuchter, während der Kopf ihm etwas leer war, -denn er hatte nichts gegessen, und er empfand eine sonderbare Schwäche. - -Pécuchet geriet beim Nachsinnen über die Passion Jesu-Christi in -Liebesbegeisterung. Er hätte dem Herren seine Seele darbringen mögen, -die der andern, -- und dazu die Verzückungen, die Visionen, die -Erleuchtungen der Heiligen, alle Wesen, das ganze Weltall. Obgleich er -mit Inbrunst betete, schienen ihm die verschiedenen Teile der Messe ein -wenig lang. - -Endlich knieten die kleinen Knaben auf der ersten Stufe des Altars -nieder, wobei ihre Anzüge einen schwarzen Streifen bildeten, den -blondes oder braunes Haar in ungleicher Linie überragte. Die kleinen -Mädchen ersetzten sie; Schleier wallten unter ihren Kränzen herab; von -weitem hätte man sie für weiße Wolken halten können, die sich in der -Tiefe des Chors aneinanderreihten. - -Dann kamen die großen Leute an die Reihe. - -Der erste auf der Evangelienseite des Altars war Pécuchet, doch, ohne -Zweifel aus zu großer Erregung, schwankte sein Kopf nach rechts und -nach links. Der Pfarrer hatte Mühe, ihm die Hostie in den Mund zu -stecken, und während er sie empfing, verdrehte er die Augen. - -Bouvard dagegen öffnete den Mund so weit, daß seine Zunge wie eine -Fahne über seine Unterlippe herabhing. Als er sich erhob, stieß er Frau -Bordin. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte; ohne zu wissen warum, -errötete er. - -Nach Frau Bordin kommunizierten zusammen Fräulein von Faverges, die -Gräfin, ihre Gesellschafterin und ein Herr, den man in Chavignolles -nicht kannte. - -Die beiden letzten waren Placquevent und Petit, der Lehrer; -- da -erschien plötzlich Gorju. - -Er trug seinen kleinen Backenbart nicht mehr; und er suchte seinen -Platz auf, indem er die Arme in sehr erbaulicher Weise über der Brust -gekreuzt hielt. - -Der Pfarrer sprach zu den kleinen Knaben, sie möchten späterhin Sorge -tragen, es nicht wie Judas zu machen, der seinen Gott verriet, und -sich immer das Kleid der Unschuld rein erhalten. Pécuchet gedachte des -seinigen mit Reue; doch man rückte die Stühle; die Mütter beeilten -sich, ihre Kinder zu umarmen. - -Die Mitglieder des Kirchspiels beglückwünschten sich gegenseitig beim -Ausgang. Einige weinten. Während Frau von Faverges auf ihren Wagen -wartete, wandte sie sich Bouvard und Pécuchet zu und stellte ihren -zukünftigen Schwiegersohn vor: „Herr Baron von Mahurot, Ingenieur!“ Der -Graf machte ihnen Vorwürfe, weil sie sich nicht sehen ließen. Er würde -die kommende Woche wieder zurück sein. „Merken Sie es sich, ich bitte -Sie!“ Die Kutsche war angekommen, die Schloßdamen fuhren ab, und die -Menge zerstreute sich. - -In ihrem Hofe fanden sie mitten auf dem Rasen ein Paket. Der -Briefträger hatte es, da das Haus verschlossen war, über die Mauer -geworfen. Es war das Werk, das Barberou versprochen hatte: Kritik des -Christentums, von Louis Hervieu, einem ehemaligen Schüler der Ecole -normale. Pécuchet wies es von sich. Bouvard verzichtete darauf, es -kennen zu lernen. - -Man hatte ihm wiederholt gesagt, das Sakrament würde ihn verwandeln: -mehrere Tage hindurch wartete er auf ein neues Sprießen in seiner -Seele. Doch er blieb immer derselbe, und schmerzliches Staunen ergriff -ihn. - -Wie! Der Leib Gottes vermischt sich mit unserm Leib und bringt keine -Wirkung darin hervor! Der Gedanke, der die Welten regiert, erleuchtet -unsern Geist nicht! Die höchste Gewalt überläßt uns der Ohnmacht! - -Herr Jeufroy, der ihn beruhigte, empfahl ihm den Katechismus des Abbé -Gaume. - -Dagegen hatte Pécuchets Frömmigkeit Fortschritte gemacht. Er hätte -unter beiderlei Gestalt kommunizieren mögen, sang Psalmen, während er -im Hausflur herumging, hielt die Einwohner von Chavignolles an, um -mit ihnen Glaubensfragen zu erörtern und sie zu bekehren. Vaucorbeil -lachte ihm ins Gesicht, Girbal zuckte die Achseln, und der Hauptmann -nannte ihn Tartüff. Man fand jetzt, daß sie zu weit gingen. - -Eine ausgezeichnete Gewohnheit besteht darin, die Dinge als ebensoviele -Symbole zu betrachten. Wenn der Donner grollt, so soll man sich das -Jüngste Gericht vorstellen; vor einem wolkenlosen Himmel kann man -an den Aufenthalt der Seligen denken; man sage sich während seiner -Spaziergänge, daß jeder Schritt dem Tode entgegenführt. Pécuchet -beobachtete diese Methode. Wenn er seine Kleider nahm, gedachte er der -fleischlichen Hülle, mit der die zweite Person der Dreifaltigkeit sich -umkleidet hat; das Ticken der Uhr vergegenwärtigte ihm die Schläge -seines Herzens, ein Nadelstich die Nägel des Kreuzes; doch es war -vergebens, daß er stundenlang auf den Knien lag, daß er noch häufiger -fastete und seine Einbildungskraft anstrengte, die Loslösung vom Ich -wollte nicht eintreten; unmöglich, zur vollkommenen Vergeistigung zu -gelangen. - -Er nahm seine Zuflucht zu mystischen Schriftstellern: zur heiligen -Therese, zu Johannes vom Kreuz, Ludwig von Granada, Simpoli und -von neueren zu dem Bischof Chaillot. Anstatt der Erhabenheiten, -die er erwartete, traf er nur Plattheiten, einen sehr nachlässigen -Stil, nichtssagende Bilder und eine Unmenge Vergleiche, die dem -Steinschneidergewerbe entnommen waren. - -Er erfuhr jedoch, daß es eine aktive und eine passive Reinigung gibt, -ein inneres und ein äußeres Schauen, vier Arten von Gebeten, neun -Vollkommenheiten in der Liebe, sechs Stufen der Demut, und daß das -Verwunden der Seele sich kaum vom geistigen Diebstahl unterscheidet. - -Einige Punkte setzten ihn in Verlegenheit. - -„Wie kommt es, daß man Gott für die Wohltat des Daseins danken muß, -wo doch das Fleisch verdammt ist? Wie die Mitte halten zwischen der -Furcht, die zum Heile unerläßlich ist, und der Hoffnung, die es nicht -weniger ist? Was ist das Kennzeichen der Gnade?“ und so weiter. - -Herrn Jeufroys Antworten waren einfach: - -„Quälen Sie sich nicht. Will man allem auf den Grund kommen, so gerät -man auf eine schiefe Ebene.“ - -Die „Katechismuslehre nach der Firmelung“ von Gaume hatte Bouvard so -angewidert, daß er zu dem Bande von Louis Hervieu griff. Es war eine -kurze Zusammenfassung der modernen Exegese. Die Regierung hatte ihn -verboten. Barberou hatte ihn gekauft, weil er Republikaner war. - -Er weckte Zweifel in Bouvards Geist, und zwar zuerst über die -Erbsünde. „Wenn Gott den Menschen sündig geschaffen hat, dürfte er -ihn nicht bestrafen, und das Böse ist älter als der Sündenfall, da es -ja schon Vulkane, reißende Tiere gab. Kurz, dieses Dogma wirft meine -Anschauungen von Gerechtigkeit über den Haufen!“ - -„Was wollen Sie?“ sagte der Pfarrer, „das ist eine von jenen -Wahrheiten, über die alle Welt sich einig ist, ohne daß man dafür -Beweise geben könnte. Und wir selbst rechnen den Kindern die Sünden -ihrer Väter an. So rechtfertigen Sitten und Gesetze diesen Ratschluß -der Vorsehung, den man in der Natur wiederfindet.“ - -Bouvard schüttelte den Kopf. Er hatte auch Zweifel an der Hölle. - -„Denn jede Züchtigung muß auf Besserung des Schuldigen abzielen, was -bei einer ewigen Strafe unmöglich wird; und wie viele müssen sie -erdulden! Denken Sie doch, alle die Alten, die Juden, die Muselmanen, -die Götzendiener, die Häretiker und die ohne Taufe verschiedenen -Kinder, diese von Gott erschaffenen Kinder, und zu welchem Zweck? um -sie für eine Sünde zu bestrafen, die sie nicht begangen haben!“ - -„Das ist die Ansicht des heiligen Augustin,“ fügte der Geistliche -hinzu, „und Sankt Fulgentius dehnt die Verdammung bis auf den Foetus -aus. Die Kirche hat allerdings in dieser Hinsicht nichts entschieden. -Eine Bemerkung jedoch: es ist nicht Gott, sondern der Sünder selbst, -welcher sich verdammt, und da die Versündigung unendlich ist, denn Gott -ist unendlich, so muß die Strafe unendlich sein! Ist das alles, mein -Herr?“ - -„Erklären Sie mir die Dreieinigkeit,“ sagte Bouvard. - -„Mit Vergnügen. Bedienen wir uns eines Vergleiches: die drei Seiten des -Dreiecks, oder besser noch unsere Seele, die umfaßt: Sein, Erkennen und -Wollen; was man Vermögen beim Menschen nennt, ist Person bei Gott. Das -ist das ganze Geheimnis.“ - -„Aber die drei Seiten des Dreiecks sind nicht jede ein Dreieck; diese -drei Vermögen der Seele ergeben nicht drei Seelen, und Ihre Personen -der Dreifaltigkeit sind drei Gottheiten.“ - -„Lästern Sie nicht!“ - -„Dann gibt es nur eine Person, einen Gott, eine Substanz, der drei -Arten des Seins eigen sind!“ - -„Lassen Sie uns anbeten, ohne zu begreifen,“ sagte der Pfarrer. - -„Schön,“ sagte Bouvard. - -Er hatte Furcht, für gottlos zu gelten, im Schlosse mit bösen Augen -angesehen zu werden. - -Sie gingen jetzt dreimal in der Woche gegen fünf im Winter dorthin, -und die Tasse Tee erwärmte sie angenehm. Der Herr Graf erinnerte -durch seine Manieren „an den Chic des ehemaligen Hofes“; die Gräfin, -die friedfertig und fett war, zeigte auf allen Gebieten große -Urteilsfähigkeit. Fräulein Yolande, ihre Tochter, war der vollkommene -„Typus des jungen Mädchens“, der Engel der Keepsakes, und Frau von -Noares, ihre Gesellschafterin, ähnelte Pécuchet, denn sie hatte dessen -spitze Nase. - -Als sie zum erstenmal in den Salon traten, verteidigte Frau von Noares -jemand. - -„Ich versichere Ihnen, er ist verwandelt; sein Geschenk beweist es.“ - -Dieser jemand war Gorju. Er hatte soeben den zukünftigen Ehegatten -einen gotischen Betstuhl überreicht. Man brachte ihn herbei. Die Wappen -der beiden Familien prangten darauf in farbigem Relief. Herr von -Mahurot schien davon befriedigt, und Frau von Noares sagte zu ihm: - -„Werden Sie sich meines Schützlings erinnern?“ - -Dann brachte sie zwei Kinder herbei, einen Knaben von etwa zwölf Jahren -und seine Schwester, die vielleicht zehn Jahre alt war. Durch die -Löcher ihrer Lumpen sahen ihre von Kälte geröteten Glieder. Der Knabe -trug alte Pantoffeln an den Füßen, das Mädchen hatte nur noch einen -Holzschuh. Ihre Stirnen verschwanden unter ihrem Haar, und sie blickten -mit brennenden Augen um sich wie junge, verängstigte Wölfe. - -Frau von Noares erzählte, sie habe die Kinder am Morgen auf der -Landstraße getroffen. Placquevent wußte nichts Genaueres über sie. - -Man fragte sie nach ihrem Namen. - -„Viktor, Viktorine.“ - -Wo ihr Vater sei? - -„Im Gefängnis.“ - -Und was er vorher machte? - -„Nichts.“ - -Ihre Heimat? - -„Saint-Pierre.“ - -Aber welches Saint-Pierre? - -Statt jeder Antwort sagten die beiden Kleinen schnüffelnd: - -„Weiß nicht, weiß nicht.“ - -Frau von Noares legte dar, wie gefährlich es sein würde, sie sich -selbst zu überlassen; sie rührte die Gräfin, nahm den Grafen bei der -Ehre, wurde von der Komtesse unterstützt, zeigte hartnäckigen Eifer, -hatte Erfolg. Die Frau des Feldhüters sollte die Kinder in Obhut -nehmen. Später würde man Beschäftigung für sie finden, und da sie weder -lesen noch schreiben konnten, so wollte Frau von Noares sie selbst -unterrichten, um sie auf die Katechismusstunde vorzubereiten. - -Wenn Herr Jeufroy in das Schloß kam, holte man die beiden Bälge; -er befragte sie, dann trug er vor, wobei er mit Rücksicht auf den -Zuhörerkreis gewählt sprach. - -Als er einmal über die Patriarchen geredet hatte, verunglimpfte Bouvard -sie gehörig, während er mit dem Pfarrer und Pécuchet fortging. - -Jakob habe sich durch Spitzbubenstreiche ausgezeichnet, David durch -Mordtaten, Salomo durch seine Ausschweifungen. - -Der Abbé antwortete ihm, man müsse tiefer sehen. Abrahams Opfer sei ein -Symbol der Passion; Jakob ein anderes für den Messias, wie Joseph, wie -die eherne Schlange, wie Moses. - -„Glauben Sie,“ sagte Bouvard, „daß er den Pentateuch geschrieben hat?“ - -„Ja, ohne Zweifel!“ - -„Doch man erzählt seinen Tod darin; dieselbe Beobachtung gilt für -Josua, und der Verfasser der Richter belehrt uns, daß zu der Zeit, -deren Geschichte er schreibt, Israel noch keine Könige hatte. Das Werk -wurde also unter den Königen geschrieben. Auch die Propheten setzen -mich in Erstaunen!“ - -„Jetzt wird er wohl gar die Existenz der Propheten leugnen!“ - -„Keineswegs! Doch ihr überhitzter Geist sah Jehova unter verschiedenen -Formen, als Feuer, als Busch, als Greis, als Taube, und sie waren der -erhaltenen Offenbarung nicht gewiß, da sie immer ein Zeichen verlangen.“ - -„So! Und wo haben Sie diese schönen Sachen entdeckt?...“ - -„Bei Spinoza.“ - -Der Pfarrer fuhr auf. - -„Haben Sie ihn gelesen?“ - -„Gott behüte mich!“ - -„Indessen, mein Herr, die Wissenschaft...“ - -„Mein Herr, es gibt keine Wissenschaft ohne Christentum.“ - -Die Wissenschaft machte ihn sarkastisch. - -„Kann sie eine Ähre wachsen lassen, Ihre Wissenschaft? Was wissen wir?“ -sagte er. - -Doch er wußte, daß die Welt für uns geschaffen ist; er wußte, daß die -Erzengel über den Engeln stehen, er wußte, daß der menschliche Körper -so wiederauferstehen wird, wie er gegen das dreißigste Jahr ist. - -Seine priesterliche Sicherheit fiel Bouvard auf die Nerven. Da er zu -Louis Hervieu kein Vertrauen hatte, schrieb er an Varlot, und Pécuchet, -der besser unterrichtet war, ersuchte Herrn Jeufroy, ihm gewisse -Stellen der Heiligen Schrift zu erklären. - -Die sechs Tage der Genesis sollen sechs große Zeiträume bedeuten. -Der Raub der kostbaren Gefäße, den die Juden bei den Ägyptern -vollführten, soll als geistiger Reichtum verstanden werden, als Kunst, -deren Geheimnis sie entwendet hatten. Jesaias entblößt sich nicht -vollständig, denn „nudus“ bedeutet im Lateinischen nackt bis zu den -Hüften; so rät Virgil, sich bei der Landarbeit zu entblößen, und dieser -Schriftsteller würde keine das Schamgefühl verletzende Vorschrift -gegeben haben! Es hat nichts Außergewöhnliches, daß Ezechiel ein Buch -verschlingt; sagt man nicht, eine Broschüre, eine Zeitung verschlingen? - -Aber wenn man in allem eine bildliche Ausdrucksweise sieht, was wird -dann aus den Tatsachen? Der Abbé behauptete indessen, es handele sich -um wirklich geschehene Dinge. - -Diese Art der Auslegung schien Pécuchet unredlich. Er setzte -seine Nachforschungen fort und kam mit einer Zusammenstellung von -Widersprüchen in der Bibel. - -Der Exodus erzählt uns, daß vierzig Jahre lang in der Wüste geopfert -wurde; nach Amos und Jeremias fanden keine Opfer statt. Die Bücher der -Chronika und das Buch Esra stimmen nicht überein in betreff der Zählung -des Volkes. Im Deuteronomium sieht Moses den Herrn von Angesicht zu -Angesicht; dem Exodus zufolge konnte er ihn niemals sehen. Wo bleibt da -die göttliche Eingebung? - -„Nur ein Grund mehr, an sie zu glauben,“ erwiderte lächelnd Herr -Jeufroy. „Betrüger brauchen Leute, die ihr Treiben begünstigen; ehrlich -Überzeugte kümmern sich nicht um die Meinung anderer. Halten wir uns in -unsern Verlegenheiten an die Kirche. Sie ist stets unfehlbar.“ - -Von wem hängt die Unfehlbarkeit ab? - -Die Konzile zu Basel und Konstanz sprechen sie den Konzilen zu. Aber -oft weichen die Konzile voneinander ab; ein Beweis dafür ist, wie es -Athanasius und Arius erging: die zu Florenz und im Lateran weisen sie -dem Papste zu. Doch Hadrian VI. erklärt, daß der Papst sich wie jeder -andere irren könne. - -Das sind Rabulistereien! Sie ändern nichts an dem ununterbrochenen -Fortbestehen der kirchlichen Lehre. - -Das Werk Hervieus hebt ihre Wandlungen hervor; die Taufe war ehemals -den Erwachsenen vorbehalten. Die letzte Ölung wurde erst im neunten -Jahrhundert ein Sakrament; die wirkliche Gegenwart wurde im achten -beschlossen, das Fegefeuer im fünfzehnten anerkannt, die unbefleckte -Empfängnis ist von gestern. - -Und Pécuchet wußte schließlich nicht mehr, was er von Jesus denken -sollte. Drei der Evangelisten machen einen Menschen aus ihm. An einer -Stelle bei Sankt Johannes scheint er sich Gott gleichzusetzen, an einer -anderen ebendort sich als ihm untergeordnet zu betrachten. - -Der Abbé führte dagegen den Brief des Königs Abgar, die Akten des -Pilatus und das Zeugnis der Sibyllen, „dessen Kern wahr ist“, ins -Treffen. Er fand die Jungfrau bei den Galliern wieder, die Verkündigung -eines Erlösers in China, die Dreifaltigkeit überall, das Kreuz auf der -Mütze des Groß-Lama, in Ägypten in der Hand der Götter; -- und er wies -sogar einen Stich vor, der einen Nilmesser darstellte; das war jedoch -nach Pécuchets Ansicht ein Phallus. - -Herr Jeufroy fragte seinen Freund Pruneau heimlich um Rat, der ihm -Beweise aus Büchern suchte. Ein Kampf der Gelahrtheit entspann -sich; und von Eigenliebe gepeitscht, stürzte Pécuchet sich in die -Transzendentalphilosophie, in die Mythologie. - -Er verglich die Jungfrau mit der Isis, das Heilige Abendmahl mit dem -Haoma der Perser, Bacchus mit Moses, die Arche Noah mit dem Schiff -des Xithuros; die Ähnlichkeiten bewiesen für ihn die Identität der -Religionen. - -Doch es kann nicht mehrere Religionen geben, da es nur einen Gott gibt, --- und wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war, rief der Mann im -Priesterrock: „Das ist ein Mysterium!“ - -Was bedeutet dieses Wort? Mangel an Wissen; recht schön. Aber wenn es -etwas bezeichnet, das auszusprechen schon einen Widerspruch in sich -schließt, so ist es eine Dummheit, -- und Pécuchet ließ Herrn Jeufroy -nicht mehr los. Er überraschte ihn in seinem Garten, erwartete ihn vor -seinem Beichtstuhl, stöberte ihn in der Sakristei auf. - -Der Priester ersann Listen, ihm zu entgehen. - -Als er eines Tages von Sassetot zurückkam, wo er jemandem die -letzte Ölung erteilt hatte, ging Pécuchet ihm entgegen, so daß die -Unterhaltung unvermeidlich wurde. - -Es war an einem Abend gegen Ende August. Der scharlachfarbene Himmel -wurde düster, und eine schwere Wetterwolke ballte sich daran, die unten -einen glatten Rand hatte und oben in Spiralen auslief. - -Pécuchet sprach zuerst von gleichgültigen Dingen; dann sagte er, -nachdem er das Wort Märtyrer hatte fallen lassen: - -„Wieviel gab es deren nach Ihrer Meinung?“ - -„Etwa zwanzig Millionen zum mindesten.“ - -„Ihre Zahl ist so groß nicht, sagt Origenes.“ - -„Origenes ist, wie Sie wissen, nicht glaubwürdig.“ - -Ein weiter ausholender Windstoß fuhr vorüber; das Gras der Gräben und -die zum Horizonte verlaufenden zwei Reihen Ulmen neigten sich unter ihm. - -Pécuchet fuhr fort: „Man rechnet zu den Märtyrern viele gallische -Bischöfe, die im Kampf gegen die Barbaren gefallen sind, was nicht mehr -zur Sache gehört.“ - -„Wollen Sie die Kaiser verteidigen?“ - -Nach Pécuchets Ansicht hatte man sie verleumdet. „Die Geschichte von -der thebanischen Legion ist eine Fabel. Ich bestreite ebenso die -Existenz der Symphorosa und ihrer sieben Söhne, die der Felicitas -und ihrer sieben Töchter und alles, was über die sieben Jungfrauen -von Ankyra erzählt wird, die noch mit siebzig Jahren dazu verurteilt -wurden, genotzüchtigt zu werden, und ebenso unglaubwürdig ist die -Geschichte von den elftausend Jungfrauen der heiligen Ursula, deren -eine Gefährtin Undecimilla hieß, wobei ein Name mit einer Zahl -gleichgesetzt wird; mehr noch, was die zehn Märtyrer von Alexandria -angeht.“ - -„Indessen!... Indessen finden sie sich bei Autoren, die glaubwürdig -sind.“ - -Wassertropfen fielen. Der Pfarrer öffnete seinen Regenschirm; -- und -als Pécuchet darunter war, wagte er zu behaupten, daß die Katholiken -mehr Juden, Moslemiten, Protestanten und Freidenker zu Märtyrern -gemacht hätten, als früher alle Römer. - -Der Geistliche widersprach heftig: „Aber von Nero bis zu Cäsar Galba -zählt man zehn Verfolgungen!“ - -„Schön! Und die Blutbäder unter den Albigensern? und die -Bartholomäusnacht? und die Widerrufung des Ediktes von Nantes?“ - -„Ohne Zweifel sind das bedauerliche Ausschreitungen, doch werden Sie -diese Leute da nicht dem heiligen Stephanus, dem heiligen Laurentius, -Cyprian, Polykarp, einer Unmenge von Missionaren an die Seite stellen -wollen.“ - -„Verzeihung! Ich erinnere Sie an Hypathia, Hieronymus von Prag, -Johannes Huß, Bruno, Vanini, Anne Dubourg!“ - -Der Regen wurde stärker, die Wasserstrahlen schossen so heftig herab, -daß sie vom Boden zurücksprangen wie kleine weiße Raketen. Pécuchet und -Herr Jeufroy gingen langsam, einer gegen den andern gedrückt, und der -Pfarrer sagte: - -„Nach schrecklichen Martern warf man sie in siedende Kessel!“ - -„Die Inquisition wandte ebenfalls die Tortur an, und sie briet die -Leute recht ordentlich!“ - -„Man stellte vornehme Frauen in den Lupanaren aus!“ - -„Glauben Sie, daß die Dragoner Ludwigs XIV. sich sittsam benahmen?“ - -„Und vergessen Sie nicht, daß die Christen nichts gegen den Staat -unternommen hatten!“ - -„Die Hugenotten ebensowenig!“ - -Der Wind jagte, fegte den Regen durch die Luft. Er klatschte auf die -Blätter, bildete am Rande des Weges ein Rinnsal, und der schmutzig -graue Himmel schien in die kahlen Felder überzugehen, die abgeerntet -dalagen. Nirgends ein Dach. Nur in der Ferne die Hütte eines Hirten. - -An Pécuchets dünnem Mantel war kein Faden mehr trocken. Das Wasser floß -ihm den Rücken herab, drang in seine Stiefel, seine Ohren, seine Augen, -trotz des Schirmes der Amoros-Mütze; der Pfarrer, der den unteren Teil -seines Priesterrocks über den Arm geschlagen hatte, setzte dadurch -seine Beine dem Regen aus; und die Ecken seines Dreispitzes spien das -Wasser auf seine Schultern wie Traufrinnen einer Kirche. - -Man mußte haltmachen, und dem Unwetter den Rücken wendend, standen sie -Gesicht gegen Gesicht, Leib gegen Leib, indem sie mit vier Händen den -schwankenden Schirm hielten. - -Herr Jeufroy hatte seine Verteidigung der Katholiken nicht unterbrochen. - -„Haben sie Ihre Protestanten gekreuzigt, wie man es mit dem heiligen -Simeon tat, oder einen Menschen von zwei Tigern zerreißen lassen, wie -es mit dem heiligen Ignatius geschah?“ - -„Aber rechnen Sie es für nichts, daß so viele Frauen von ihren -Ehegatten getrennt, so viele Kinder ihren Müttern entrissen wurden! Und -das Wandern der Armen in die Verbannung über Schneefelder, an Abgründen -vorbei! Man sperrte sie scharenweise in die Gefängnisse; kaum waren sie -tot, so wurden sie durch den Schmutz geschleift.“ - -Der Abbé lächelte höhnisch: „Sie wollen mir nicht übelnehmen, wenn -ich nichts davon glaube! Und unsere Märtyrer sind weniger zweifelhaft. -Die heilige Blandina wurde nackt in einem Netz einer wütenden Kuh -vorgeworfen. Die heilige Julia verendete unter Hieben, die man ihr gab. -Dem heiligen Taracus, dem heiligen Probus und dem heiligen Andronikus -hat man die Zähne mit einem Hammer ausgeschlagen, die Seiten mit -eisernen Zinken zerfleischt, die Hände mit glühenden Nägeln durchbohrt, -die Haut vom Schädel gerissen.“ - -„Sie übertreiben,“ sagte Pécuchet. „Das Ende der Märtyrer wurde in -jenen Zeiten rednerisch ausgeschmückt.“ - -„Wieso rednerisch?“ - -„Aber ja doch, mein Herr, während ich dagegen Ihnen Geschichte erzähle. -In Irland schlitzten die Katholiken schwangeren Frauen den Leib auf, um -die Kinder herauszunehmen.“ - -„Niemals.“ - -„Und sie den Schweinen vorzuwerfen!“ - -„Gehen Sie!“ - -„In Belgien begruben sie sie bei lebendigem Leibe!“ - -„Welch ein Unsinn!“ - -„Man kennt ihre Namen!“ - -„Und trotzdem,“ wandte der Priester ein, während er seinen Schirm im -Zorn schüttelte, „kann man sie nicht Märtyrer nennen. Außerhalb der -Kirche keine Märtyrer.“ - -„Ein Wort noch. Wenn der Wert des Märtyrers von der Lehre abhängt, wie -kann er dazu dienen, deren Vorzüglichkeit zu beweisen?“ - -Der Regen ließ nach; bis zum Dorfe sprachen sie nicht mehr. - -Doch auf der Schwelle des Pfarrhauses sagte der Abbé: - -„Sie tun mir leid! Wirklich, Sie tun mir leid!“ - -Pécuchet erzählte seinen Streit sogleich Bouvard. Das Gezänk hatte ihn -in eine religionsfeindliche Stimmung versetzt, und eine Stunde darauf -saßen sie vor einem Reisigfeuer und lasen den „Pfarrer Meslier“. Die -plumpen Verneinungen des Buches mißfielen ihm; dann blätterte er, -da er sich vorwarf, möglicherweise Helden verkannt zu haben, in der -„Biographie“ die Geschichte der erlauchtesten Märtyrer durch. - -Welchen Lärm das Volk machte, wenn sie die Arena betraten! Und wenn -die Löwen und Jaguare nicht wild genug waren, so reizte man die -Tiere durch Bewegung und Zuruf, vorzugehen. Man sah die Christen -blutüberströmt lächelnd dastehen, den Blick zum Himmel erhoben; die -heilige Perpetua knotete ihr Haar wieder, um keine Betrübnis zu -zeigen. Pécuchet wurde nachdenklich. Das Fenster stand offen, die -Nacht war ruhig, zahlreiche Sterne glänzten. In ihrer Seele mußten -Dinge vorgehen, die wir uns nicht vorstellen können, eine Freude, -eine göttliche Verzückung! Und Pécuchet sagte unter der Gewalt des -Nachsinnens darüber, daß er das begriffe, daß er wie sie gehandelt -haben würde. - -„Du?“ - -„Ganz gewiß!“ - -„Ohne Scherz! Glaubst du, ja oder nein?“ - -„Ich weiß nicht.“ - -Er zündete eine Kerze an; dann fielen seine Blicke auf das Kruzifix im -Alkoven: - -„Wieviel Betrübte haben bei jenem ihre Zuflucht gesucht!“ - -Und nach einer Pause: - -„Man hat seinen Charakter entstellt! Daran ist Rom schuld: die Politik -des Vatikans!“ - -Aber Bouvard bewunderte die Kirche wegen ihrer Pracht er hätte als -Kardinal im Mittelalter leben mögen. - -„Ich würde mich im Purpur gut ausgenommen haben, das mußt du zugeben!“ - -Die vor die Kohlen gelegte Mütze Pécuchets war noch nicht trocken. -Während er sie glattstrich, fühlte er einen Gegenstand in ihrem Futter, -und eine Münze des heiligen Joseph fiel zur Erde. Sie waren verwirrt, -die Tatsache schien ihnen unerklärlich. - -Frau von Noares wollte von Pécuchet wissen, ob er nicht eine -Veränderung wahrgenommen habe, ein Glück, und sie verriet sich durch -ihre Fragen. Sie hatte ihm einst, während er Billard spielte, die Münze -in die Mütze genäht. - -Allem Anschein nach liebte sie ihn; sie hätten sich heiraten können: -sie war Witwe, und er ahnte nichts von dieser Liebe, die vielleicht das -Glück seines Lebens gewesen wäre. - -Obwohl er sich religiöser gab als Bouvard, hatte sie ihn dem heiligen -Joseph geweiht, dessen Beistand für Bekehrungen ausgezeichnet ist. - -Niemand kannte wie sie alle Rosenkränze und den Ablaß, der mit -ihnen verbunden ist, die Wirkung der Reliquien, die Heilkräfte der -wundertätigen Quellen. Ihre Uhr saß an einem Kettchen, das die Fesseln -Sankt Peters berührt hatte. - -Unter ihren Berlocken leuchtete eine goldene Perle, die der -nachgebildet war, welche in der Kirche zu Allouagne eine Träne unseres -Herrn enthält; ein Ring an ihrem kleinen Finger umschloß Haare des -Pfarrers von Ars, und da sie Heilkräuter für die Kranken sammelte, so -glich ihr Zimmer einer Sakristei und einem Apothekerlaboratorium. - -Sie verbrachte ihre Zeit mit Briefschreiben, Besuchen bei Armen, Lösen -von wilden Ehen, Austeilen von Herz-Jesu-Photographien. Ein Herr -wollte ihr „Märtyrerpaste“ schicken, eine Mischung aus Osterwachs und -menschlichem Staub, den man in den Katakomben gesammelt hatte und der -in verzweifelten Fällen in Form von Pflaster oder Pillen angewandt -wird. Sie versprach Pécuchet davon. - -Er schien entsetzt über einen solchen Materialismus. - -Am Abend brachte ihm ein Diener aus dem Schlosse einen Tragkorb voll -kleiner Bücher, die von frommen Worten des großen Napoleon, Witzworten -des Pfarrers in den Herbergen, von dem schrecklichen Ende gottloser -Menschen handelten. Frau von Noares kannte das alles auswendig, dazu -eine Unmenge von Wundern. - -Sie erzählte deren sinnlose, Wunder ohne Zweck, als wenn Gott sie -getan hätte, um die Welt in Staunen zu setzen. Ihre eigene Großmutter -hatte Pflaumen, die mit einem Tuch bedeckt waren, in einen Schrank -geschlossen, und als man den Schrank ein Jahr später öffnete, sah man -ihrer dreizehn auf dem Tuche, die ein Kreuz bildeten. - -„Erklären Sie mir das.“ - -Diese Wendung folgte stets ihren Geschichten, die sie mit dem Starrsinn -eines Esels verfocht. Übrigens war sie eine gute Frau und von heiterem -Gemüt. - -Einmal jedoch „fuhr sie aus der Haut“. Bouvard bestritt ihr gegenüber -das Wunder von Pezilla: eine Kompottschale, in der man während der -Revolution Hostien verborgen, hatte sich ganz von selbst vergoldet. - -„Vielleicht war auf dem Grund etwas gelbe Farbe, die von der -Feuchtigkeit herrührte.“ - -„Aber nein! und nochmals nein! Die Vergoldung kam durch die Berührung -mit dem Leibe Christi.“ - -Und zum Beweise führte sie die schriftliche Beglaubigung der Bischöfe -an. - -„Das ist derselbe Fall, sagt man, wie mit einem Schilde, einem... einem -Palladium in der Diözese zu Perpignan. Fragen Sie doch Herrn Jeufroy!“ - -Bouvard geriet außer sich, und nachdem er seinen Louis Hervieu wieder -durchgelesen hatte, nahm er Pécuchet mit. - -Der Geistliche beendigte gerade sein Diner. Reine lud zum Sitzen ein -und holte auf einen Wink zwei kleine Gläser, die sie mit Rosolio-Likör -füllte. - -Darauf legte Bouvard dar, was ihn hergeführt hatte. - -Der Abbé gab keine offene Antwort. - -„Alles ist bei Gott möglich, und die Wunder sind ein Beweis für die -Wahrheit der Religion.“ - -„Aber es gibt doch Gesetze.“ - -„Das ändert nichts daran. Er durchbricht sie, um zu unterweisen, zu -bessern.“ - -„Wie können Sie wissen, ob er sie durchbricht?“ erwiderte Bouvard. -„Solange die Natur ihren alten Weg geht, denkt man nicht daran; doch in -einer außerordentlichen Erscheinung sehen wir die Hand Gottes.“ - -„Sie kann darin wirksam sein,“ sagte der Geistliche, „und wenn ein -Ereignis durch Zeugen bekräftigt wird?“ - -„Die Zeugen fallen auf alles herein, gibt es doch falsche Wunder.“ - -Der Priester wurde rot. - -„Gewiß... zuweilen.“ - -„Wie sie von den echten unterscheiden? Und wenn die echten, die als -Beweise gelten müssen, selbst der Beweise nötig haben, wozu deren tun?“ - -Reine mischte sich ein, und gleich ihrem Herrn einen Predigerton -annehmend, sagte sie, man müsse sich unterwerfen. - -„Das Leben ist eine Durchgangszeit, aber der Tod ist ewig!“ - -„Kurz,“ fügte Bouvard hinzu, indem er den Rosolio hinuntergoß, „die -früheren Wunder sind nicht besser bewiesen als die heutigen; die der -Christen wie die der Heiden werden mit gleichen Gründen verteidigt.“ - -Der Pfarrer warf seine Gabel auf den Tisch. - -„Jene waren falsch, sag ich noch einmal! Es gibt keine Wunder außerhalb -der Kirche!“ - -„Sieh da,“ sagte sich Pécuchet im stillen, „das ist dasselbe Argument -wie bei den Märtyrern: die Lehre stützt sich auf die Tatsachen und die -Tatsachen stützen sich auf die Lehre.“ - -Nachdem Herr Jeufroy ein Glas Wasser getrunken hatte, fuhr er fort: - -„Trotzdem Sie sie leugnen, glauben Sie daran. Die Welt, die durch zwölf -Fischer bekehrt wird, das ist, so scheint mir, ein herrliches Wunder!“ - -„Keineswegs!“ - -Pécuchet erklärte das auf andere Weise. - -„Der Monotheismus kommt von den Hebräern, die Dreieinigkeit von den -Indern, der Logos gehört Plato und die jungfräuliche Mutter Asien.“ - -Gleichviel! Herr Jeufroy hielt am Übernatürlichen fest, wollte nicht -zugeben, daß das Christentum den geringsten menschlichen Daseinsgrund -habe, obgleich er bei allen Völkern Vorboten oder Entstellungen -desselben sah. Die spottsüchtige Gottlosigkeit des achtzehnten -Jahrhunderts, die hätte er geduldet; doch die moderne Kritik mit ihrer -Höflichkeit brachte ihn außer sich. - -„Mir ist ein lästernder Atheist lieber als ein spitzfindiger Skeptiker!“ - -Dann blickte er sie in herausfordernder Weise an, als wenn er sie -verabschieden wolle. - -Pécuchet ging in melancholischer Stimmung nach Hause. Er hatte darauf -gehofft, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen. - -Bouvard gab ihm diese Stelle aus Louis Hervieu zu lesen: - -„Um den trennenden Abgrund zu ermessen, stelle man ihre Axiome einander -gegenüber: - -Die Vernunft sagt euch: Das Ganze umschließt den Teil; und der Glaube -antwortet euch: Durch die Transsubstantiation hatte Jesus, während er -mit seinen Jüngern das Abendmahl aß, seinen Körper in der Hand und sein -Haupt im Munde.“ - -„Die Vernunft sagt euch: Man ist nicht verantwortlich für anderer -Verbrechen; und der Glaube antwortet: Durch die Erbsünde.“ - -„Die Vernunft sagt euch: Drei ist drei; und der Glaube erklärt: Drei -ist eins.“ - -Sie verkehrten nicht mehr mit dem Abbé. - -Es war zur Zeit des Italienischen Krieges. - -Die gutgesinnten Leute zitterten für den Papst. Man schimpfte auf -Emanuel. Frau von Noares stand nicht an, seinen Tod zu wünschen. - -Bouvard und Pécuchet protestierten nur schüchtern. Wenn die Tür des -Salons sich vor ihnen öffnete und sie sich im Vorüberschreiten in den -hohen Spiegeln sahen und durch die Fenster die Alleen erblickten, wo -die rote Weste eines Dieners sich von dem Grün abhob, empfanden sie ein -Wohlgefühl; und der Luxus dieser Sphäre machte sie gegen das, was man -dort sagte, nachsichtig. - -Der Graf lieh ihnen die sämtlichen Werke des Herrn De Maistre. Er -trug die darin enthaltenen Grundsätze in vertraulichem Kreise vor: -vor Hurel, dem Pfarrer, dem Friedensrichter, dem Notar und dem -Baron, seinem zukünftigen Schwiegersohn, der von Zeit zu Zeit für -vierundzwanzig Stunden im Schloß zu Besuch weilte. - -„Das Schrecklichste,“ sagte der Graf, „ist der Geist von 89! Zuerst -bestreitet man das Dasein Gottes; dann kritisiert man die Regierung; -dann kommt die Freiheit; die Freiheit für Beschimpfungen, für -Auflehnung, für Sinnenlust oder besser gesagt, die Freiheit alles -drunter und drüber gehen zu lassen, so daß schließlich die Religion und -die Staatsgewalt die Freiheitsschwärmer, die Häretiker ächten müssen. -Die Folge war allerdings, daß man über Verfolgung zeterte, als wenn -die Henker die Verbrecher verfolgten. Ich sage kurz: Kein Staat ohne -Gott! Denn das Gesetz kann nur geachtet werden, wenn es von oben kommt, -und gegenwärtig handelt es sich nicht um die Italiener, sondern darum, -ob die Revolution oder der Papst, Satan oder Jesus Christus den Sieg -davonträgt.“ - -Herr Jeufroy gab seine Zustimmung durch kurze Zwischenrufe zu erkennen, -Hurel durch ein Lächeln, der Friedensrichter durch Wiegen des Kopfes. -Bouvard und Pécuchet blickten zur Decke; Frau von Noares, die Gräfin -und Yolande machten Arbeiten für die Armen, und Herr von Mahurot sah, -neben seiner Braut sitzend, die Zeitungen durch. - -Dann traten Pausen ein, in denen jeder in die Untersuchung eines -Problems vertieft schien. Napoleon III. war kein Retter mehr, und er -gab sogar ein bedauerliches Beispiel, indem er die Maurer Sonntags an -den Tuilerien arbeiten ließ. - -„Das sollte nicht erlaubt sein,“ war die ständige Redensart des Herrn -Grafen. - -Wirtschaftspolitik, schöne Künste, Literatur, Geschichte, -wissenschaftliche Doktrinen, über alles entschied er in seiner -Eigenschaft als Christ und Familienvater, und wollte Gott, daß die -Regierung in dieser Hinsicht dieselbe Strenge zeigte, die er in seinem -Hause walten ließ! Die Regierung allein hat zu entscheiden, inwieweit -die Wissenschaft gefährlich ist; zu weit verbreitet, erregt sie beim -Volke verhängnisvollen Ehrgeiz. Es war glücklicher, dieses arme Volk, -als die vornehmen Herren und die Bischöfe den Absolutismus des Königs -mäßigten. Jetzt beuteten die Industriellen es aus. Es wird in Sklaverei -verfallen. - -Und alle beklagten den Verlust des alten Regimes: Hurel aus -Unterwürfigkeit, Coulon aus Unwissenheit, Marescot als Künstler. - -Als Bouvard glücklich wieder zu Hause war, stärkte er sich an -Lamettrie, Holbach usw.; und Pécuchet sagte einem Glauben Valet, der -ein Mittel der Regierung geworden war. Herr von Mahurot hatte am -Abendmahl teilgenommen, um dadurch einen vorteilhafteren Eindruck auf -„die Damen“ zu machen, und wenn er zum Gottesdienste ging, so geschah -es wegen der Dienstboten. - -Er war Mathematiker und Verehrer der Künste, spielte Walzer auf dem -Klavier, bewunderte Töpffer und zeichnete sich durch eine Art vornehmer -Skepsis aus. Was man über Mißbräuche der Feudalen, die Inquisition und -die Jesuiten erzähle, seien Vorurteile, und er pries den Fortschritt, -obschon er alles verachtete, was nicht Edelmann oder auf der -Polytechnischen Hochschule gewesen war. - -Auch Herr Jeufroy mißfiel ihnen. Er glaubte an Zauberei, machte -Scherze über die heidnischen Götter, versicherte, daß alle Sprachen -vom Hebräischen abgeleitet wären; seine Rhetorik beschränkte sich auf -hergebrachte Wendungen; unfehlbar kam der zu Tode gehetzte Hirsch, -Honig und Wermut, Gold und Blei, Spezereien, Urnen und der Vergleich -der Seele des Christen mit dem Soldaten, die angesichts der Sünde sagen -muß: „Hier ist kein Zugang für dich!“ - -Um seinen Vorträgen zu entgehen, gingen sie so spät wie möglich ins -Schloß. - -Eines Tages jedoch trafen sie ihn dort. - -Seit einer Stunde wartete er auf seine beiden Schüler. Plötzlich trat -Frau von Noares ein. - -„Die Kleine ist verschwunden. Ich bringe Viktor. Ach! der Unselige!“ - -Sie hatte in seiner Tasche einen silbernen Fingerhut gefunden, der seit -drei Tagen vermißt wurde; dann von Schluchzen erstickt: - -„Das ist nicht alles! Das ist nicht alles! Während ich ihn schalt, hat -er mir sein Hinterteil gezeigt.“ - -Und ehe der Graf und die Gräfin zu Worte gekommen waren: - -„Übrigens bin ich schuld; verzeihen Sie mir!“ - -Sie hatte ihnen verborgen, daß die beiden Waisen die Kinder des Touache -wären, der jetzt im Zuchthaus saß. - -Was tun? - -Wenn der Graf sie fortschickte, waren sie verloren, und die Tat der -Nächstenliebe würde ihm als eine Laune ausgelegt werden. - -Herr Jeufroy war nicht überrascht. Da der Mensch von Natur verderbt -ist, muß man ihn züchtigen, um ihn zu bessern. - -Bouvard war anderer Ansicht. Milde sei besser. - -Aber der Graf erging sich noch einmal über die eiserne Faust, die bei -Kindern wie für Völker unerläßlich sei. Diese hier steckten voller -Laster; das kleine Mädchen sei lügnerisch, der Schlingel roh. Diesen -Diebstahl wollte man schließlich entschuldigen; die Unverschämtheit -niemals; die Erziehung mußte die Schule der Achtung sein. - -Also sollte Sorel, der Waldhüter, dem jungen Manne sogleich eine -tüchtige Tracht Prügel verabfolgen. - -Herr von Mahurot, der ihm etwas mitzuteilen hatte, übernahm den -Auftrag. Im Vorzimmer griff er nach einer Flinte und rief Viktor, der -mit gesenktem Kopf im Hofe stehen geblieben war. - -„Folge mir!“ sagte der Baron. - -Da der Weg zum Waldhüter wenig von der Richtung auf Chavignolles -abführte, begleiteten Herr Jeufroy, Bouvard und Pécuchet den Baron. - -Hundert Schritte vom Schlosse bat er sie, nicht mehr zu sprechen, -solange man am Gehölz entlang ginge. - -Das Gelände fiel bis zum Flußufer ab, wo sich große Felsblöcke erhoben. -Der Fluß bildete goldene Flächen in der untergehenden Sonne. Auf der -anderen Seite bedeckte sich das Grün der Hügel mit Dunkel. Ein scharfer -Wind blies. - -Kaninchen kamen aus ihrem Bau und fraßen den Rasen ab. - -Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter, und die Kaninchen sprangen -auf, überschlugen sich. Viktor stürzte sich darauf, um sie zu fassen, -und keuchte, in Schweiß gebadet. - -„Du gehst schön mit deinen Sachen um!“ sagte der Baron. - -Seine zerfetzte Bluse war blutbefleckt. - -Der Anblick des Blutes widerstrebte Bouvard. Seiner Ansicht nach durfte -man kein Blut vergießen. - -Herr Jeufroy erwiderte: - -„Die Umstände erfordern es zuweilen. Wenn der Schuldige nicht das -seinige hergibt, so ist das eines andern nötig, eine Wahrheit, welche -uns die Geschichte des Erlösers lehrt.“ - -Nach Bouvards Ansicht hatte sie zu nichts genützt, da fast alle -Menschen trotz des Opfers unseres Herrn verdammt seien. - -„Aber er erneuert es täglich im Abendmahl.“ - -„Und das Wunder vollzieht sich durch Worte, auch wenn der Priester noch -so unwürdig ist.“ - -„Darin liegt das Geheimnis, mein Herr.“ - -Indessen heftete Viktor die Augen auf die Flinte, versuchte sogar, sie -zu berühren. - -„Davon bleiben mit den Pfoten!“ - -Und Herr von Mahurot schlug einen Pfad durchs Gehölz ein. - -Der Geistliche hatte Pécuchet auf der einen, Bouvard auf der andern -Seite, und er sagte zu ihm: - -„Achtung, Sie wissen, Debetur pueris.“ - -Bouvard versicherte ihm, daß er sich vor dem Schöpfer demütige, aber -er sei entrüstet, daß man einen Menschen aus ihm mache. „Man fürchtet -seine Rache, man müht sich ihm zu Ehren ab, er hat alle Tugenden, einen -Arm, ein Auge, eine Politik, eine Wohnung. Vater unser, der du bist im -Himmel, was soll das heißen?“ - -Und Pécuchet fügte hinzu: - -„Die Welt hat sich erweitert, die Erde bildet nicht mehr den -Mittelpunkt. Sie rollt unter einer unendlichen Anzahl ihresgleichen -dahin. Viele übertreffen sie an Größe, und diese Herabsetzung unseres -Erdballs ergibt eine erhabenere Vorstellung von Gott.“ - -Also mußte die Religion sich ändern. Das Paradies mit seinen Seligen, -die immer in Betrachtung versunken sind, immer singen und von oben auf -die Marter der Verdammung herabschauen, ist etwas Kindisches. Wenn man -daran denkt, daß das Christentum einen Apfel zur Grundlage hat! - -Der Pfarrer wurde ärgerlich. - -„Bestreiten Sie lieber gleich die Offenbarung, das ist einfacher.“ - -„Wie kann Gott gesprochen haben?“ sagte Bouvard. - -„Beweisen Sie, daß er nicht gesprochen hat!“ sagte Jeufroy. - -„Noch einmal, wer bestätigt Ihnen das?“ - -„Die Kirche!“ - -„Ein schönes Zeugnis!“ - -Das Gespräch langweilte Herrn von Mahurot, und er sagte im -Dahinschreiten: - -„Hören Sie doch auf den Pfarrer, er versteht das besser als Sie!“ - -Bouvard und Pécuchet verständigten sich durch Zeichen, daß sie einen -anderen Weg einschlagen wollten, dann sagten sie am grünen Kreuz: - -„Recht guten Abend!“ - -„Diener!“ sagte der Baron. - -Alles das würde Herrn von Faverges wiedererzählt werden, und ein Bruch -würde vielleicht die Folge sein. Um so schlimmer. Sie fühlten sich von -diesen Aristokraten verachtet. Man lud sie nie zum Diner ein, und sie -hatten Frau von Noares mit ihren ewigen Ermahnungen satt. - -Sie konnten jedoch den De Maistre nicht behalten, und etwa vierzehn -Tage später machten sie wieder einen Besuch im Schloß im Glauben, sie -würden nicht empfangen werden. - -Man nahm sie an. - -Die ganze Familie war im Boudoir versammelt. Hurel mit einbegriffen, -und, was seltsam war, auch Foureau. - -Die Zucht hatte Viktor nicht gebessert. Er weigerte sich, seinen -Katechismus zu lernen, und Viktorine gebrauchte schmutzige Worte. Kurz -und gut, den Jungen würde man ins Korrektionshaus stecken, das kleine -Mädchen in ein Kloster geben. - -Foureau hatte die nötigen Schritte übernommen, und er war im Begriff zu -gehen, als die Gräfin ihn zurückrief. - -Man erwartete Herrn Jeufroy, um gemeinsam das Datum der Trauung -festzusetzen, die viel früher auf dem Bürgermeisteramt als in der -Kirche stattfinden sollte: man wollte zeigen, daß man der Ziviltrauung -Hohn sprach. - -Foureau versuchte, sie zu verteidigen. Der Graf und Hurel griffen sie -an. Was war die Behörde im Vergleich zum Priesteramt! -- und der Baron -würde sich nicht für verheiratet gehalten haben, wenn er nur vor einer -dreifarbigen Schärpe getraut worden wäre. - -„Bravo!“ sagte Jeufroy, der eintrat. „Da die Ehe von Jesus eingesetzt -ist...“ - -Pécuchet unterbrach ihn: „In welchem Evangelium? In den apostolischen -Zeiten dachte man so gering von ihr, daß Tertullian sie dem Ehebruch -gleichsetzt.“ - -„Ach! das wäre noch schöner!“ - -„Aber ja! und sie ist kein Sakrament! Das Sakrament bedarf eines -Symbols. Nennen Sie mir das Symbol der Ehe!“ Der Pfarrer antwortete -vergebens, daß sie das Bündnis Gottes mit der Kirche darstelle. „Sie -begreifen das Christentum nicht mehr! und das Gesetz...“ - -„Es zeigt seine Spur,“ sagte Herr von Faverges; „ohne das Christentum -würde es die Polygamie zulassen!“ - -Eine Stimme erwiderte: „Was wäre schlimmes dabei?“ - -Es war Bouvard, der halb von einem Vorhang verborgen war. - -„Man kann mehrere Frauen haben wie die Patriarchen, die Mormonen, die -Muselmanen, und trotzdem ein Ehrenmann sein!“ - -„Nie und nimmer!“ rief der Priester. „Das Wesen des Ehrenmannes besteht -darin, daß er jedem gibt, was er ihm schuldet. Wir schulden Gott -Verehrung. Nur der Christ verdient den Namen Ehrenmann.“ - -„Nicht mehr als andere,“ sagte Bouvard. - -Der Graf, der in dieser Entgegnung ein Attentat auf seinen Glauben sah, -begann dessen Lob zu singen. Er habe die Sklaven befreit. - -Bouvard führte Stellen an, die das Gegenteil beweisen. - -„Sankt Paulus empfiehlt ihnen, ihren Herren wie Jesus zu gehorchen. -- -Sankt Ambrosius nennt die Knechtschaft eine Gabe Gottes. - -Der Levitikus, der Exodus und die Konzilien haben sie sanktioniert. -- -Bossuet stellt sie unter die Rechte der Menschen. -- Und der Bischof -Bouvier billigt sie.“ - -Der Graf wandte ein, daß das Christentum nichtsdestoweniger die -Zivilisation gefördert habe. - -„Und die Faulheit, indem es aus der Armut eine Tugend machte!“ - -„Aber die Moral des Evangeliums lassen Sie doch wohl gelten?“ - -„Nun, so gar moralisch ist diese Moral gerade nicht! Die Arbeiter der -letzten Stunde werden ebenso bezahlt wie die der ersten. Man gibt dem, -der hat, und nimmt dem, der nichts hat. Was die Lehre betrifft, einen -Backenstreich zu empfangen, ohne ihn zu erwidern, und sich bestehlen zu -lassen, so ermutigt sie die Frechen, die Feiglinge und die Schurken.“ - -Die Entrüstung wurde noch größer, als Pécuchet erklärt hatte, daß ihm -der Buddhismus ebenso lieb sei! - -Der Priester fing an zu lachen: „Ha, ha, ha! Der Buddhismus!“ - -Frau von Noares rang die Hände: „Der Buddhismus!“ - -„Wie..., der Buddhismus!“ wiederholte der Graf. - -„Kennen Sie ihn?“ sagte Pécuchet zu Herrn Jeufroy, der sich in seinen -Worten verfing. - -„Schön! Hören Sie! Besser als das Christentum und vor ihm hat er die -Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt. Seine Regeln sind streng, -seine Anhänger zahlreicher als die gesamte Christenheit, und was die -Inkarnation betrifft, so gibt es bei Wischnu nicht eine, sondern neun! -Also urteilen Sie selbst!“ - -„Lügen von Reisenden,“ sagte Frau von Noares. - -„Die von den Freimaurern verbreitet werden,“ fügte der Pfarrer hinzu. - -Und alle sprachen zugleich: „Weiter doch, fahren Sie fort! -- Sehr -hübsch! -- Ich finde das köstlich. -- Nicht möglich!“ So daß Pécuchet -aus der Haut fuhr und erklärte, er werde Buddhist werden! - -„Sie beleidigen christliche Frauen!“ sagte der Baron. Frau von Noares -sank in einen Sessel. Die Gräfin und Yolande schwiegen. Der Graf rollte -die Augen; Hurel wartete auf Weisungen. Der Abbé las in seinem Brevier, -um seine Fassung nicht zu verlieren. - -Dieser Anblick beruhigte Herrn von Faverges, und die beiden -Biedermänner betrachtend, sagte er: „Wer selbst kein makelloses Leben -führt, der sollte, ehe er das Evangelium angreift, gut zu machen -suchen, was...“ - -„Gut zu machen suchen?“ - -„Kein makelloses Leben?“ - -„Genug! meine Herren! Sie werden mich verstehen!“ Dann sich an Foureau -wendend: „Sorel ist benachrichtigt! Gehen Sie zu ihm!“ Und Bouvard und -Pécuchet verließen das Haus ohne zu grüßen. - -Am Ende der Allee ließen sie alle drei ihren Groll aus: „Man behandelt -mich wie einen Dienstboten,“ brummte Foureau, -- und da die anderen ihm -zustimmten, empfand er für sie trotz der Erinnerung an die Hämorrhoiden -etwas wie Sympathie. - -Chausseearbeiter waren auf der Strecke beschäftigt. Der Mann, der sie -beaufsichtigte, kam herbei; es war Gorju. Man begann ein Gespräch. Er -überwachte das Aufschütten des Weges, dessen Anlage 1848 beschlossen -war, und er verdankte die Stellung Herrn Ingenieur von Mahurot. - -„Derselbe, der Fräulein von Faverges heiraten wird! Sie kommen wohl von -dorther?“ - -„Zum letzten Male!“ sagte Pécuchet schroff. - -Gorju machte ein Gesicht, als wenn er von nichts wüßte. „Ein -Zerwürfnis! So, so!“ - -Und wenn sie seine Miene hätten sehen können, als sie ihm den Rücken -wandten, so hätten sie gemerkt, daß er den Grund witterte. - -Etwas weiter blieben sie vor einem umgitterten Stück Land mit -Hundezwingern darauf stehen; daneben lag ein kleines Haus aus roten -Ziegeln. - -Viktorine stand auf der Schwelle. Hundegebell ertönte. Die Frau des -Hüters erschien. - -Da sie wußte, weshalb der Bürgermeister gekommen war, rief sie Viktor -herbei. - -Alles war im voraus fertiggemacht, und die Habseligkeiten der Kinder -lagen in zwei Taschentüchern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren. - -„Gute Reise!“ rief sie ihnen nach, überglücklich, dieses Ungeziefer -loszuwerden. - -War es ihre Schuld, daß sie die Kinder eines Sträflings waren? Sie -schienen doch ganz sanft zu sein und sich nicht einmal zu sorgen, wohin -man sie bringen würde. - -Bouvard und Pécuchet betrachteten sie, wie sie vor ihnen dahinschritten. - -Viktorine summte undeutliche Worte vor sich hin, während sie ihr Tuch -am Arme hielt wie eine Modistin, die eine Schachtel trägt. Zuweilen -wandte sie sich um, und angesichts ihrer blonden Löckchen und ihrer -reizenden Gestalt tat es Pécuchet leid, daß er nicht solch ein Kind -hatte. Würde sie unter anderen Lebensbedingungen aufwachsen, so würde -sie später entzückend werden. Welch ein Glück, sie heranwachsen zu -sehen, jeden Tag ihr Vogelgezwitscher zu hören, sie so oft er wollte zu -umarmen, -- und ein Gefühl der Rührung stieg in ihm empor, feuchtete -seine Wimpern und machte sein Herz ein wenig schwer. - -Viktor hatte sein Gepäck wie ein Soldat über den Rücken gelegt. Er -pfiff, warf Steine nach den Krähen in den Furchen, lief unter die -Bäume, um sich Stöcke zu schneiden; Foureau rief ihn zurück; und -Bouvard, der ihn festhielt, fühlte mit Wonne in seiner Hand diese -gesunden und kräftigen Kinderfinger. Der arme kleine Teufel verlangte -nur, sich frei entwickeln zu können wie eine Pflanze in frischer Luft! -Und er sollte zwischen Mauern bei Schulstunden, Strafen und einer Menge -von Dummheiten verkommen! Bouvard wurde von einem aufsässigen Mitleid -erfaßt, einer Entrüstung gegen das Schicksal, einem jener Wutanfälle, -in denen man die Obrigkeit vernichten möchte. „Lauf!“ sagte er, -„vergnüge dich! Nütze die freie Zeit!“ - -Der Bengel rannte davon. - -Seine Schwester und er sollten im Wirtshaus übernachten, -- und bei -Tagesanbruch sollte der Bote von Falaise Viktor mitnehmen, um ihn -in der Strafanstalt zu Beaubourg abzuliefern; -- eine Nonne des -Waisenhauses zu Grand-Camp sollte Viktorine in Empfang nehmen. - -Nachdem Foureau diese Einzelheiten erzählt hatte, vertiefte er sich -in seine Gedanken. Doch Bouvard wollte wissen, wieviel der Unterhalt -dieser beiden Bälge kosten konnte. - -„Pah!... Eine Angelegenheit von dreihundert Franken vielleicht! Der -Graf hat mir fünfundzwanzig Franken für die ersten Auslagen überwiesen! -Welch ein Knicker!“ - -Und Foureau, noch mit dem Groll über die Verachtung seiner Schärpe im -Herzen, beschleunigte seine Schritte, ohne ein Wort zu sagen. - -Bouvard murmelte: „Sie tun mir leid. Ich möchte mich wohl mit ihnen -befassen!“ -- „Ich auch,“ sagte Pécuchet. Beiden war derselbe Gedanke -gekommen. - -Es gab wohl Hindernisse? - -„Nicht die geringsten,“ erwiderte Foureau. Übrigens hatte er als -Bürgermeister das Recht, Findelkinder wem ihm gut schien anzuvertrauen. --- Und nach langem Zögern: „Schön, gut! Nehmen Sie sie mit! Das wird -ihn ärgern.“ - -Bouvard und Pécuchet nahmen sie mit. - -Als sie nach Hause kamen, fanden sie Marcel, wie er unten im -Treppenhause vor der Madonna kniete und mit Inbrunst betete. Den -Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, den Mund mit der -Hasenscharte weit aufgesperrt, so hatte er das Aussehen eines -verzückten Fakirs. - -„Was für ein stumpfsinniger Kerl!“ sagte Bouvard. - -„Warum? Vielleicht erlebt er Dinge, um die du ihn beneiden würdest, -wenn du sie sähest. Gibt es nicht zwei vollständig verschiedene Welten? -Der Inhalt eines Vernunftschlusses hat weniger Gewicht als die Art und -Weise, wie man schließt. Was tut der Glaube! Die Hauptsache ist, daß -man glaubt.“ - -So wies Pécuchet Bouvards Bemerkung zurück. - - - - -X - - -Sie verschafften sich mehrere Werke über Erziehung, und der Weg, -den sie einzuschlagen hatten, stand für sie fest. Man mußte jeden -metaphysischen Gedanken fernhalten, die Experimentalmethode anwenden -und dem Gang der Natur folgen. Da die beiden Zöglinge vergessen -sollten, was sie gelernt hatten, so war Eile nicht vonnöten. - -Obwohl sie eine kräftige Konstitution hatten, wollte Pécuchet sie -in spartanischer Weise abhärten, an das Ertragen von Hunger und -Durst, an die Unbilden der Witterung gewöhnen, und sie sollten sogar -durchlöchertes Schuhwerk tragen, um gegen Erkältungen gefeit zu sein. -Dem widersetzte sich Bouvard. - -Die dunkle Kammer hinten am Flur wurde ihr Schlafzimmer. Die -Ausstattung bestand in zwei Gurtbetten, zwei kleinen Lagerstätten, -einem Kruge; das Guckfenster saß über ihren Köpfen, und Spinnen liefen -an den Gipswänden entlang. - -Oft kam ihnen das Innere einer Hütte, in der man sich zankte, in die -Erinnerung zurück. - -Ihr Vater war eines Nachts mit blutigen Händen zurückgekehrt. Einige -Zeit darauf waren die Gendarmen gekommen. Dann hatten sie in einem -Walde gewohnt. Männer, die Holzschuhe machten, küßten ihre Mutter. -Sie war gestorben; ein Wägelchen hatte die Kinder fortgebracht. Man -schlug sie viel; es ging ihnen erbärmlich. Dann sahen sie in der -Erinnerung den Feldhüter wieder, Frau von Noares, Sorel; und ohne sich -nach dem Grunde zu fragen, waren sie in diesem neuen Hause glücklich. -Auch war ihr Erstaunen schmerzlich, als nach Verlauf von acht Monaten -der Unterricht wieder begann. Bouvard befaßte sich mit der Kleinen, -Pécuchet mit dem Jungen. - -Viktor konnte die Buchstaben unterscheiden, doch wollte es ihm nicht -gelingen, Silben zu bilden. Er stotterte sie hervor, blieb plötzlich -stecken und sah aus wie ein Idiot. Viktorine stellte Fragen. Woher -kommt es, daß ch in „orchestre“ wie q und in „archéologique“ wie k -gesprochen wird? Zuweilen muß man zwei Vokale verbinden, zu andern -Malen sie abtrennen. Das alles hat keinen Sinn. Sie war entrüstet. - -Die Lehrer unterrichteten zur selben Stunde, jeder in seinem Zimmer, -und da die Verbindungswand dünn war, bildeten diese vier Stimmen, -eine dünne, eine tiefe und zwei hohe, eine scheußliche Katzenmusik. -Um dem ein Ende zu machen und die beiden Bälge durch den Wetteifer -anzustacheln, kamen sie auf den Gedanken, sie zusammen im Museum -arbeiten zu lassen, und der Schreibunterricht begann. - -Die beiden Schüler schrieben jeder an einem Ende des Tisches eine -Vorlage ab; aber ihre Körperhaltung war schlecht. Man mußte sie -aufrichten, ihre Blätter fielen zur Erde, ihre Federn spalteten sich, -das Tintenfaß fiel um. - -An gewissen Tagen ging es mit Viktorine die ersten drei Minuten gut, -dann zeichnete sie Kritzeleien, und, von Entmutigung erfaßt, verharrte -sie, den Blick zur Decke gerichtet. Viktor zögerte nicht einzuschlafen, -wobei er sich mitten auf den Schreibtisch flegelte. - -Vielleicht litten sie? Eine zu starke Anspannung ist für junge Gehirne -schädlich. - -„Machen wir eine Pause,“ sagte Bouvard. - -Nichts ist stumpfsinniger als auswendig lernen zu lassen; wenn man -jedoch das Gedächtnis nicht übt, verliert es sich, und sie trichterten -ihnen die ersten Fabeln Lafontaines ein. Die Kinder fanden Geschmack an -der Ameise, die aufspeichert, an dem Wolf, der das Lamm frißt, an dem -Löwen, der alle Teile für sich nimmt. - -Als sie kühner geworden waren, verwüsteten sie den Garten. Aber welch -einen Zeitvertreib sollte man ihnen geben? - -Im „Emile“ rät Jean-Jacques dem Erzieher, den Zögling sein Spielzeug -selbst machen zu lassen, indem er ihm etwas dabei hilft, ohne daß das -Kind es merkt. Bouvard war nicht imstande, einen Reifen herzustellen; -Pécuchet brachte es nicht fertig, einen Ball zu nähen. Sie gingen zu -den belehrenden Spielen über, wie dem Ausschneiden. Pécuchet zeigte -ihnen sein Mikroskop. Nachdem Bouvard eine Kerze angezündet hatte, -bildete er mit dem Schatten seiner Finger auf der Wand den Umriß eines -Hasen oder eines Schweins. Die Zuschauer hatten bald genug davon. - -Einige Verfasser preisen als Vergnügen ein ländliches Frühstück; einen -Ausflug im Boot; war das, offen gesagt, tunlich? Und Fénelon empfiehlt -von Zeit zu Zeit eine „harmlose Unterhaltung“. Unmöglich, auch nur eine -einzige zu erfinden. - -Sie nahmen die Lehrstunden wieder auf, und die facettierten Kugeln, die -Linienblätter, das zusammensetzbare Alphabet, das alles hatte keinen -Erfolg, als sie auf eine List verfielen. - -Da Viktor zur Leckerei neigte, zeigte man ihm den Namen eines -Gerichtes; bald las er fließend im „Französischen Koch“. Viktorine, die -gefallsüchtig war, sollte ein Kleid bekommen, wenn sie darum an die -Schneiderin schriebe. In weniger als drei Wochen vollbrachte sie dieses -Wunder. Es hieß ihren Fehlern schmeicheln, was ein verderbliches, aber -erfolgreiches Mittel war. - -Was sollte man ihnen jetzt, da sie lesen und schreiben konnten, -beibringen? Neue Verlegenheit. - -Die Mädchen brauchen nicht gelehrt zu sein wie die Knaben. Gleichviel! -Gewöhnlich erzieht man sie in wahrem Stumpfsinn, denn ihr ganzer -geistiger Ballast beschränkt sich auf mystische Albernheiten. - -Ist es richtig, ihnen Sprachen beizubringen? - -„Spanisch und Italienisch“, so behauptet der Schwan von Cambray, -„führen nur dazu, gefährliche Werke zu lesen.“ Dieser Einwand -schien ihnen dumm. Indessen würde Viktorine mit diesen Sprachen -nichts anzufangen wissen, während Englisch verbreiteter ist. -Pécuchet studierte seine Regeln; er zeigte gravitätisch, wie ein th -ausgesprochen wird. „Sieh, so, the, the, the!“ Doch bevor man an den -Unterricht eines Kindes geht, muß man dessen Fähigkeiten kennen. -Man erschließt sie durch die Phrenologie. Sie vertieften sich in -diese Wissenschaft; wollten dann, was sie behauptet, an sich selbst -nachweisen. Bouvard zeigte die Buckel des Wohlwollens, der Phantasie, -der Ehrfurcht und der Liebesenergie, vulgo Erotismus. - -An Pécuchets Schläfenbein wurden philosophische Veranlagung und -Enthusiasmus festgestellt, wozu sich der Geist der List gesellte. - -In der Tat, so waren ihre Charaktere. Noch mehr überraschte sie, -daß sich bei dem einen wie bei dem andern der Hang zur Freundschaft -erkennen ließ, und, entzückt über die Entdeckung, umarmten sie gerührt -einander. - -Dann dehnten sie ihre Untersuchungen auf Marcel aus. Sein größter -Fehler war ihnen recht wohl bekannt; es war sein außerordentlicher -Appetit. Nichtsdestoweniger waren Bouvard und Pécuchet erschrocken, als -sie oberhalb der Ohrmuschel in der Höhe des Auges den Nahrungstrieb -feststellten. Mit den Jahren würde ihr Diener vielleicht wie die Frau -in der Salpêtrière werden, die täglich acht Pfund Brot aß, einmal -vierzehn Teller Suppe und ein anderes Mal sechzig Schalen Kaffee -vertilgte. Das würde über ihre Kräfte gehen. - -Die Schädel ihrer Schüler hatten nichts Merkwürdiges; gewiß faßten sie -die Sache nicht richtig an; ein sehr einfaches Mittel brachte ihnen -größere Erfahrung. - -An den Markttagen schlichen sie sich unter die Bauern auf dem -Platze, zwischen die Hafersäcke, die Käsekörbe, die Kälber, die -Pferde, ohne des Gedränges zu achten; und wenn sie einen Jungen bei -seinem Vater fanden, so erboten sie sich, ihm den Schädel zu einem -wissenschaftlichen Zweck zu betasten. - -Die meisten gaben überhaupt keine Antwort; andere, die glaubten, es -handle sich um eine Salbe gegen den Grind, schlugen ärgerlich ab; -einige ließen sich aus Gleichgültigkeit unter die Vorhalle der Kirche -führen, wo man ungestörter sein würde. - -Eines Morgens, als Bouvard und Pécuchet dort ihre Untersuchungen -begannen, erschien plötzlich der Pfarrer, und als er sah, was sie -machten, erhob er gegen die Phrenologie den Vorwurf, daß sie zum -Materialismus und Fatalismus führe. - -Der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, sie brauchen ihre Verbrechen nur -auf das Schuldkonto ihrer Buckel zu setzen. - -Bouvard wandte ein, daß das Organ für die Tat geneigt mache, ohne -indessen dazu zu zwingen. Wenn ein Mensch den Keim eines Lasters in -sich trage, sei damit noch nicht gesagt, daß er lasterhaft sein wird. - -„Übrigens bewundere ich die Orthodoxen; sie behaupten das Vorhandensein -angeborener Ideen und wollen von den Trieben nichts wissen. Welch ein -Widerspruch!“ - -Doch nach Herrn Jeufroys Ansicht leugnete die Phrenologie die göttliche -Allmacht, und es sei ungehörig, sie im Schatten des heiligen Ortes, gar -angesichts des Altars, auszuüben. - -„Nein, nicht hier! Ich bitte Sie, nicht hier!“ - -Sie ließen sich bei dem Friseur Ganot nieder. Um jedes Bedenken zu -besiegen, verstanden sich Bouvard und Pécuchet dazu, auf eigene Kosten -die Eltern rasieren oder frisieren zu lassen. - -Eines Nachmittags kam der Doktor, um sich das Haar schneiden zu lassen. -Während er sich in den Sessel setzte, sah er im Spiegel, wie die beiden -Phrenologen mit ihren Fingern auf den Kinderköpfen herumfuhren. - -„Sind Sie jetzt bei diesem Unsinn angelangt?“ fragte er. - -„Warum Unsinn?“ - -Vaucorbeil lächelte verächtlich, dann versicherte er, es gäbe im Gehirn -keineswegs mehrere Organe. - -So verdaue der eine Mensch ein Nahrungsmittel, welches einem andern -nicht bekommt. Solle man deshalb im Magen ebensoviele Mägen annehmen -als es Geschmäcker gibt? Indessen lasse eine Arbeit von einer anderen -ausruhen, eine geistige Anstrengung nähme nicht zugleich alle -Fähigkeiten in Anspruch, jede habe einen besonderen Sitz. - -„Die Anatomen haben ihn nicht gefunden,“ sagte Vaucorbeil. - -„Weil sie nicht richtig seziert haben,“ erwiderte Pécuchet. - -„Wieso?“ - -„Na ja; sie zerlegen in Schnitte, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang -der Teile,“ sagte Pécuchet, eine Stelle aus einem Buche zitierend, -deren er sich erinnerte. - -„Das ist dummes Geschwätz,“ rief der Arzt. „Der Schädel modelt sich -nicht nach dem Gehirn, das Äußere nicht nach dem Innern. - -Gall irrt, und ich wette, daß Sie die Richtigkeit seiner Lehre nicht -erweisen können, wenn Sie aufs Geratewohl drei Personen im Laden -vornehmen.“ - -Die erste war eine Bäuerin mit blauen Glotzaugen. - -Pécuchet sagte, sie beobachtend: - -„Sie hat ein gutes Gedächtnis.“ - -Ihr Gatte bestätigte es und bot sich selbst zur Untersuchung an. - -„O! Ihr, mein Guter, Ihr seid schwer zu leiten.“ - -Die anderen sagten aus, daß es auf der Welt keinen größeren Starrkopf -gäbe. - -Der dritte Versuch wurde mit einem Knaben angestellt, der von seiner -Großmutter begleitet war. - -Pécuchet erklärte, er müsse die Musik lieben. - -„Das kann man wohl sagen,“ sagte die gute Frau; „zeig das gerade diesen -Herren doch mal.“ - -Der Junge zog eine Maultrommel aus seiner Bluse und begann -hineinzublasen. - -Man hörte ein Krachen; es war die Tür, die der davoneilende Doktor -heftig zuschlug. - -Sie zweifelten nicht mehr an sich selbst, riefen ihre Zöglinge und -begannen die Untersuchung ihrer Hirnschalen von neuem. - -Diejenige Viktorinens war im großen ganzen glatt, was ein Zeichen von -Gleichgewicht war; aber ihr Bruder hatte einen beklagenswerten Schädel: -eine starke Erhöhung im Winkel des Scheitelbeinansatzes ließ das -Organ der Zerstörung, des Mordes erkennen, und weiter unten war eine -Anschwellung, das Zeichen der Begehrlichkeit, des Diebstahls. Bouvard -und Pécuchet waren acht Tage lang darob bekümmert. - -Aber man mußte genau auf den Sinn der Worte achten: was man Kampflust -nennt, schließt die Verachtung des Todes ein. Wenn dadurch Mordtaten -vollbracht werden, so kann auch manches Menschenleben dadurch gerettet -werden. Der Erwerbssinn umfaßt die Schlauheit der Betrüger und den -Eifer der Kaufleute. Die Unehrerbietigkeit läuft dem kritischen Geiste -parallel, die List der Umsicht. Stets teilt sich ein Instinkt in -zwei Richtungen: in eine schlechte und eine gute. Man kann die eine -unterdrücken, indem man die andere pflegt, und vermittels dieser -Methode kann ein kühnes Kind es bis zum General bringen, das sonst ein -Raubmörder geworden wäre. Der Feigling wird nur noch Vorsicht zeigen, -der Geizhals Sparsamkeit, der Verschwender Großmut. - -Ein glänzender Traum beschäftigte sie: wenn sie die Erziehung ihrer -Zöglinge zu einem guten Ende geführt hätten, wollten sie später eine -Anstalt gründen, deren Zweck es sein sollte, den Verstand zu bilden, -schädliche Charakteranlagen zu bekämpfen, das Gemüt zu veredeln. Sie -sprachen schon von Geldzeichnungen und dem Gebäude. - -Ihr Triumph bei Ganot hatte sie berühmt gemacht, und es kamen Leute, -die wissen wollten, was für Chancen sie im Leben hätten. - -Es marschierten ihrer von allen Arten auf: Schädel von Kugel-, Birnen- -und Zuckerhutform, viereckige, hohe, zusammengedrückte, abgeplattete, -solche mit Rinderschnauzen, Vogelgesichtern, Schweinsaugen; doch -eine solche Menge Menschen störte den Friseur bei seiner Arbeit. Die -Ellbogen streiften den Glasschrank, der die Parfumerien enthielt; -man brachte die Kämme in Unordnung, der Waschtisch zerbrach, und der -Friseur setzte alle Wißbegierigen an die Luft, indem er Bouvard und -Pécuchet bat, ihnen nachzufolgen, ein Ultimatum, in das sie sich ohne -Murren fügten, denn sie waren die Schädelbeobachtung ein wenig leid -geworden. - -Als sie am folgenden Morgen an dem Gärtchen des Hauptmanns vorbeikamen, -bemerkten sie ihn im Gespräch mit Girbal, Coulon, dem Feldhüter und -dessen jüngstem Sohn Zéphyrin, der als Chorknabe angezogen war. Sein -Gewand war ganz neu; er spazierte darin umher, bevor es wieder in die -Sakristei wanderte, und man bewunderte ihn darin. - -Neugierig zu erfahren, was sie von seinem Sohne dächten, bat -Placquevent die Herren, den Schädel seines Jungen zu untersuchen. - -Die Stirnhaut sah aus, als ob sie gespannt wäre; eine dünne, an der -Spitze recht knorpelige Nase senkte sich schräg auf schmale Lippen; das -Kinn war spitz, der Blick unstät, die rechte Schulter zu hoch. - -„Nimm deine Mütze ab,“ sagte der Vater zu ihm. - -Bouvard fuhr mit seinen Händen in das strohgelbe Haar des Knaben; dann -kam Pécuchet an die Reihe, und mit leiser Stimme teilten sie einander -ihre Beobachtungen mit: „Lebenstrieb ausgeprägt. Ha, ha! Gefallsucht! -Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden! Liebestrieb gleich Null.“ - -„Nun?“ sagte der Feldhüter. - -Pécuchet öffnete seine Schnupftabakdose und nahm eine Prise. - -„Meiner Treu,“ erwiderte Bouvard, „das ist nicht weit her.“ - -Placquevent errötete vor gekränkter Eigenliebe. - -„Er wird trotzdem tun, was ich will.“ - -„O! o!“ - -„Aber ich bin sein Vater, zum Teufel! und ich habe wohl das Recht...“ - -„Bis zu einem gewissen Grade,“ erwiderte Pécuchet. - -Girbal unterbrach: - -„Die väterliche Autorität ist unbestreitbar.“ - -„Aber wenn der Vater ein Idiot ist?“ - -„Tut nichts“, sagte der Hauptmann, „deswegen ist seine Gewalt nicht -weniger absolut.“ - -„Im Interesse der Kinder,“ fügte Coulon hinzu. - -Nach Bouvards und Pécuchets Auffassung waren die Kinder den Urhebern -ihrer Tage nichts schuldig, dagegen waren die Eltern ihren Sprößlingen -gegenüber zur Ernährung, Erziehung, zu entgegenkommender Behandlung, -kurz zu allem verpflichtet. - -Die Bürger erhoben gegen diese unmoralische Anschauung Einspruch. Sie -verletzte Placquevent wie eine Beleidigung. - -„Zudem sind die nett, die Sie auf der Landstraße auflesen; sie werden -es weit bringen! Nehmen Sie sich in acht!“ - -„In acht wovor?“ fragte Pécuchet scharf. - -„O! ich habe keine Angst vor Ihnen!“ - -„Ich ebensowenig vor Ihnen!“ - -Coulon trat vermittelnd dazwischen, brachte den Feldhüter zur Mäßigung -und veranlaßte ihn, fortzugehen. - -Ein paar Minuten sagte niemand ein Wort. Dann sprach man von den -Dahlien des Hauptmanns, der seinen Besuch nicht fortließ, ohne sie eine -nach der andern gezeigt zu haben. - -Bouvard und Pécuchet waren auf dem Heimwege, als sie hundert Schritte -vor sich Placquevent erblickten; neben ihm hob Zéphyrin die Arme wie -als Schild, um sich gegen Ohrfeigen zu schützen. - -Was sie soeben gehört hatten, verkörperte unter anderen Formen die -Ideen des Herrn Grafen; aber das Beispiel ihrer Zöglinge sollte -beweisen, wie sehr die Freiheit dem Zwange überlegen ist. Ein wenig -Zucht war indessen notwendig. - -Pécuchet nagelte einen Stundenplan für die Vorträge in das Museum; -man wollte ein Tagebuch führen, in dem abends alles, was die Kinder -tagsüber getan hatten, aufgezeichnet werden sollte, um am nächsten -Morgen wieder durchgelesen zu werden. Alles sollte nach Glockenzeichen -vor sich gehen. Wie Dupont von Nemours wollten sie zuerst in -väterlicher Weise ermahnen, dann in militärischer, und das Du wurde -untersagt. - -Bouvard versuchte, Viktorine Rechenunterricht zu geben. Manchmal -verrechneten sie sich und lachten beide darüber; dann küßte sie ihn auf -den Hals an der Stelle, wo kein Bart war, und bat, fortgehen zu dürfen; -er entließ sie. - -Pécuchet mochte, wenn die Zeit der Lehrstunden nahte, das -Glockenzeichen geben, so oft er wollte, und militärische Befehle aus -dem Fenster herausschreien, der Schlingel kam nicht. Seine Halbstrümpfe -hingen ihm immer auf die Knöchel; er steckte seine Finger selbst -bei Tisch in die Nase und hielt seine Gase nicht an sich. Broussais -widerrät, in dieser Beziehung Verweise zu geben, „denn man muß dem -Antrieb eines erhaltenden Instinktes gehorchen.“ - -Viktorine und ihr Bruder bedienten sich eines scheußlichen -Kauderwelsch. Sie sagten: „mé itou“ statt „moi aussi“, „bère“ statt -„boire“, „al“ statt „elle“, ein „devientiau“, „de l’iau“; doch da -die Grammatik für Kinder unverständlich ist und sie diese kennen, -sobald sie richtig zu sprechen vermögen, so überwachten die beiden -Biedermänner die Gespräche der Kinder in einer Weise, daß es ihnen -allen eine Last war. - -In der Geographie gingen ihre Ansichten auseinander. Bouvard meinte, -es sei logischer, mit der Gemeinde anzufangen, Pécuchet, mit der -Gesamtheit der Welt. - -Mit einer Gießkanne und Sand wollte er zeigen, was ein Fluß, eine -Insel, ein Meerbusen sei, und er opferte sogar drei Beete für die -drei Erdteile; aber das, worauf es ankam, fand in Viktors Kopf keinen -Eingang. - -In einer Januarnacht führte Pécuchet ihn ins freie Feld. Während sie -dahingingen, sang er das Lob der Astronomie; sie sei den Seeleuten -auf ihren Reisen nützlich; Christoph Columbus hätte ohne sie seine -Entdeckung nicht gemacht. Wir schulden Copernikus, Galilei und Newton -Dank. - -Es fror stark, und am schwarzblauen Himmel glitzerten eine Unmenge von -Sternen. Pécuchet hob die Augen empor. - -„Was, wo ist der große Bär?“ - -Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, stand er an einer andern -Stelle; schließlich erkannte er ihn, dann zeigte er den Polarstern, der -immer im Norden steht und nach dem man sich orientiert. - -Am folgenden Morgen stellte er in die Mitte des Salons einen Sessel und -begann, um ihn herumzuwalzen. - -„Denke dir, dieser Sessel sei die Sonne und ich sei die Erde; sie -bewegt sich in dieser Weise.“ - -Viktor betrachtete ihn voll Staunen. - -Dann nahm Pécuchet eine Apfelsine, steckte ein Stäbchen hinein, das -die Pole andeuten sollte, und zog um sie mit Kohle einen Kreis, der -den Äquator bedeuten sollte. Darauf führte er die Apfelsine um eine -Kerze herum und wies darauf hin, daß nicht alle Punkte der Oberfläche -gleichzeitig erhellt seien, wodurch die klimatischen Unterschiede -hervorgerufen würden; und um den Wechsel der Jahreszeiten zu erklären, -neigte er die Apfelsine; denn die Erde hält sich nicht gerade, was -Ursache der Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden ist. - -Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich -um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang -fest umschließe. - -Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor -von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen -nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den -Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles -würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden. - -Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf -den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch -Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an -die allgemeine Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist, -darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte -kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische, -der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt. -Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das -Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von -Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des -heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“ -des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von -„A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“. - -Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander. -Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und -die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth. - -Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor -vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik -Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen! -Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen -erlernen. Er sollte also lesen. - -Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun -hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu -geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte. - -Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei -Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas -und Rahmen das Museum schmücken sollten. - -Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück -Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach -einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich -unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber -die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel -herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als -ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er -erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst -besteht aus drei Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der -feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich. -Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister -hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken -Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf -die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam -niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers. - -Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins. -Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete, -hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz -hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten -Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und -Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte -Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu -erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß -sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei -beibringen. - -Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge -eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem -die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen. -Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber -das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem -Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes -gemein. - -Eines Tages fragte Viktorine: „Woher kommt es, daß das Holz brennt?“ -Ihre Lehrmeister tauschten verlegene Blicke aus, da die Theorie der -Verbrennung über ihr Wissen hinausging. - -Ein anderes Mal sprach Bouvard von der Suppe bis zum Käse von den -Bestandteilen der Ernährung und schüchterte die beiden Kleinen mit -Faserstoff, Kasein, Fett und Glutin ein. - -Dann wollte Pécuchet ihnen erklären, wie sich das Blut erneuert, und er -verhedderte sich, als er vom Kreislauf sprach. - -Das Dilemma ist recht unbequem; geht man von den Tatsachen aus, so -erheischt die einfachste zu verwickelte Gründe, und stellt man -zunächst die Prinzipien auf, so beginnt man mit dem Absoluten, dem -Glauben. - -Wozu sich entschließen? Die beiden Unterrichtsmethoden, die -rationalistische und die empirische, verbinden? Aber ein doppeltes -Mittel, das demselben Zweck dienen soll, ist das Gegenteil von Methode! -Na, um so schlimmer! - -Um die Kinder in die Naturgeschichte einzuführen, unternahmen sie -einige wissenschaftliche Spaziergänge. - -„Da siehst du“, sagten sie, auf einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen -zeigend, „Tiere mit vier Füßen; man nennt sie Vierfüßler. Gewöhnlich -haben die Vögel Federn, die Reptilien Schuppen, und die Schmetterlinge -gehören der Klasse der Insekten an.“ Sie hatten ein Netz, um sie -einzufangen, und während Pécuchet das Tierchen vorsichtig hielt, zeigte -er ihnen die vier Flügel, die sechs Füße, die beiden Fühler und den -harten Rüssel, durch den es den Nektar der Blumen schlürft. - -Er sammelte Heilkräuter an den Rändern der Gräben, nannte ihre Namen, -und wenn er sie nicht wußte, so erfand er welche, um seine Autorität -nicht zu schädigen. Übrigens sind die Namen in der Botanik das -Unwichtigste. - -Er schrieb folgenden Lehrsatz an die Tafel: Jede Pflanze hat Blätter, -einen Kelch und eine Blumenkrone, die einen Fruchtknoten oder eine -Fruchthülle umschließt; darin ist der Same enthalten. Dann befahl er -seinen Zöglingen, im Felde zu botanisieren und die erstbesten Blumen zu -pflücken. - -Viktor brachte ihm Butterblumen, Viktorine Büschel der Erdbeerstaude; -er suchte vergeblich nach einer Fruchthülle. - -Bouvard, der Pécuchets Kenntnissen mißtraute, stöberte die ganze -Bibliothek durch und entdeckte im „Redouté des Dames“ die Zeichnung -einer Iris, bei der die Fruchtknoten nicht in der Blumenkrone lagen, -sondern unterhalb der Blütenblätter im Stengel. - -In ihrem Garten wuchsen Klebe und Waldmeister, der in Blüte stand; -diese Rubiazeen hatten keinen Kelch; so war der an die Tafel -geschriebene Lehrsatz falsch. - -„Das ist eine Ausnahme,“ sagte Pécuchet. - -Zufällig aber fanden sie im Grase eine Sherardia, und sie hatte einen -Kelch. - -„O weh! wenn sogar die Ausnahmen nicht stimmen, was soll man glauben?“ - -Eines Tages hörten sie auf einem ihrer Spaziergänge Pfauen schreien, -warfen einen Blick über die Mauer, und im ersten Augenblicke erkannten -sie ihren Pachthof nicht wieder. Die Scheune hatte ein Schieferdach, -es waren neue Gattertore da, eine Steinauflage deckte die Wege. Vater -Gouy erschien: „Nicht möglich, Sie sind es?“ Was hatte sich in den drei -Jahren nicht alles ereignet, unter anderm der Tod seiner Frau. Was ihn -selbst beträfe, so trotze seine Gesundheit allen Stürmen. „Kommen Sie -doch einen Augenblick herein.“ - -Es war Anfang April, und in den drei Obsthöfen reihten die blühenden -Apfelbäume ihre weißen und rosigen Ballen in einer Flucht aneinander; -der seidigblaue Himmel zeigte nicht eine Wolke; Tischtücher, -Laken, Servietten hingen herab, senkrecht durch Holzklammern an -aufgespannten Leinen festgehalten. Vater Gouy hob sie hoch, um -darunter durchzukriechen, als sie plötzlich Frau Bordin erblickten, -die barhäuptig und in einer Hausjacke war, und Marianne, die ihr ein -schweres Wäschebündel nach dem andern reichte. „Ihre Dienerin, meine -Herren! Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären! Ich muß mich setzen, ich -bin wie zerschlagen.“ - -Der Pächter bot der ganzen Gesellschaft einen Trunk an. - -„Jetzt nicht,“ sagte sie, „ich bin zu warm.“ - -Pécuchet nahm an und verschwand mit Vater Gouy, Marianne und Viktor in -der Richtung der Vorratskammer. - -Bouvard setzte sich neben Frau Bordin auf die Erde. - -Er empfing pünktlich seine Rente, konnte sich nicht beklagen und war -ihr nicht mehr gram. - -Das Licht fiel voll auf ihr Profil; ihr dunkles glattgescheiteltes -Haar war auf der einen Seite herabgefallen, und die kleinen Löckchen -im Nacken klebten an ihrer bernsteinfarbenen Haut, die feucht von -Schweiß war. Ihre beiden Brüste hoben sich bei jedem Atemzuge. Der Duft -des Rasens vermischte sich mit dem angenehmen Geruch ihres gesunden -Fleisches, und Bouvard fühlte ein Wiedererwachen seiner Sinne, das -ihn mit Freude erfüllte. Da sagte er ihr Schmeichelhaftes über ihre -Besitzung. - -Sie war entzückt und sprach von ihren Plänen. - -Um die Höfe zu vergrößern, wollte sie die Erdwälle niederlegen lassen. - -Gerade in dem Augenblicke erklomm Viktorine deren Böschung und pflückte -Primeln, Hyazinthen und Veilchen, ohne Furcht vor einer alten Mähre, -die am Fuße das Gras abfraß. - -„Sie ist niedlich, nicht wahr?“ sagte Bouvard. - -„Ja, das ist etwas Nettes, ein kleines Mädchen!“ - -Und die Witwe stieß einen Seufzer aus, der den langen Kummer eines -ganzen Lebens in sich zu schließen schien. - -„Sie hätten Kinder haben können.“ - -Sie senkte den Kopf. - -„Es hat nur an Ihnen gelegen.“ - -„Wieso?“ - -Er warf ihr einen Blick zu, daß sie errötete, wie unter der Empfindung -einer brutalen Zärtlichkeit; doch sie sagte sogleich, sich mit dem -Taschentuche Luft zufächelnd: - -„Sie haben den Anschluß verpaßt, mein Lieber.“ - -„Ich verstehe nicht.“ - -Und ohne aufzustehen, näherte er sich ihr. - -Sie schaute ihn lange von Kopf bis zu Fuß an; dann sagte sie lächelnd, -mit feuchten Augen: - -„Es war Ihre Schuld.“ - -Die Laken rings schlossen sie wie die Vorhänge eines Bettes ein. - -Er neigte sich, auf seinen Ellbogen gestützt, und streifte ihre Knie -mit seinem Gesichte. - -„Warum? Wieso? Warum?“ - -Und da sie schwieg und er in einer Stimmung war, wo die Schwüre einem -leicht werden, versuchte er, sich zu rechtfertigen, klagte sich der -Torheit, der Vermessenheit an: - -„Verzeihung! Es soll wie früher sein! Wollen Sie?“ - -Und er hatte ihre Hand ergriffen, die sie in der seinigen ließ. - -Ein plötzlicher Windstoß hob die Laken, und sie sahen zwei Pfauen, -ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen hielt sich regungslos mit -eingeknickten Beinen, das Hinterteil emporgestreckt. Das Männchen -spazierte um es herum, schlug sein Rad, blähte sich, gluckste, sprang -dann darauf, indem es sein Gefieder niederschlug; seine Federn -bedeckten das Weibchen wie eine Laube, und die beiden Vögel erzitterten -in demselben Liebesschauer. - -Bouvard fühlte ihn in der Handfläche Frau Bordins. Sie machte sich -hastig frei. Vor ihnen stand mit offenem Munde und wie versteinert der -kleine Viktor und schaute zu; etwas weiter lag Viktorine in der vollen -Sonne auf dem Rücken und sog den Duft all der Blumen ein, die sie -gepflückt hatte. - -Der alte Gaul, durch die Pfauen erschreckt, zerriß ausschlagend eine -der Leinen, verwickelte sich mit den Beinen hinein und zog, während er -in den drei Höfen herumgaloppierte, die Wäsche mit sich. - -Auf das wütende Geschrei Frau Bordins eilte Marianne herbei. Der Vater -Gouy verfluchte sein Pferd: „Schuft von einem Gaul! Schindmähre! -Spitzbube!“ -- versetzte ihm Fußtritte in den Leib und Schläge mit dem -Peitschenstiel auf die Ohren. - -Bouvard war entrüstet, daß man ein Pferd schlug. - -Der Bauer antwortete: - -„Das darf ich: es gehört mir!“ - -Das sei kein Grund. - -Und Pécuchet, der dazukam, fügte hinzu, daß auch die Tiere ihre Rechte -hätten, denn sie hätten eine Seele wie wir, vorausgesetzt, daß die -unsrige überhaupt existiere. - -„Sie sind ein gottloser Mensch!“ rief Frau Bordin. - -Dreierlei versetzte sie in Ärger: die neu zu waschende Wäsche, die -Beleidigung dessen, was sie glaubte, und die Furcht, soeben in einer -verdächtigen Situation gesehen worden zu sein. - -„Ich hätte Sie für vorurteilsloser gehalten!“ sagte Bouvard. - -Sie erwiderte in verweisendem Tone: - -„Ich liebe die lockeren Vögel nicht!“ - -Und Gouy machte die Herren für die Beschädigung seines Pferdes -verantwortlich, das aus den Nüstern blutete. Er brummte ganz leise: - -„Verdammte Unglückskerle! Ich wollte es anbinden, da kamen sie.“ - -Die beiden Biedermänner gingen achselzuckend davon. - -Viktor fragte sie, warum sie sich mit Gouy gezankt hätten. - -„Er mißbraucht seine Kraft, das ist unrecht.“ - -„Warum ist das unrecht?“ - -Sollten die Kinder keine Vorstellung von Gerechtigkeit haben? -Vielleicht. - -Und noch denselben Abend begann Pécuchet, während er Bouvard zur -Rechten, vor sich ein paar Aufzeichnungen und gegenüber die beiden -Zöglinge hatte, einen Kursus der Moral. - -Diese Wissenschaft lehrt uns die Grundsätze, nach denen wir unser -Handeln einzurichten haben. - -Es hat zwei Motive: das Vergnügen und das Interesse; und ein drittes -gebieterischeres: die Pflicht. - -Die Pflichten zerfallen in zwei Klassen: erstens in solche gegen uns -selbst, die darin bestehen, unsern Körper zu pflegen, uns vor allerlei -Unbill zu schützen. Die Kinder begriffen das vollkommen. Zweitens in -Pflichten gegen die andern, das heißt, man soll stets ohne Falsch, -gütig und sogar brüderlich sein, denn das Menschengeschlecht bildet -nur eine große Familie. Oft sagt uns etwas zu, das unsern Mitmenschen -schadet; das Interesse ist vom Guten verschieden, denn der Begriff des -Guten läßt sich auf keinen andern Begriff zurückführen. Die Kinder -verstanden nicht. Er verschob die Strafen, die die Verletzung der -Pflichten nach sich zieht, auf das nächste Mal. - -Bei alledem habe er, so meinte Bouvard, das Gute nicht definiert. - -„Wie willst du es definieren? Man fühlt es.“ - -Dann würden die moralischen Unterweisungen nur moralischen Leuten -zukommen, und Pécuchets Vorlesung wurde nicht fortgesetzt. - -Sie ließen ihre Zöglinge die kleinen Geschichten lesen, die darauf -abzielen, Liebe zur Tugend zu erwecken. Sie langweilten Viktor tödlich. - -Um seine Einbildungskraft anzuregen, hing Pécuchet an die Wände -seines Zimmers Bilder, die das Leben des ordentlichen Menschen und -das des liederlichen darstellten. Der erstere, Adolf, umarmte seine -Mutter, lernte eifrig Deutsch, half einem Blinden und kam auf die -polytechnische Hochschule. - -Der liederliche, Eugen, fing mit Ungehorsam gegen seinen Vater an, -hatte Streit in einem Café, schlug seine Frau, stürzte vollständig -betrunken hin, zerschlug einen Schrank und ein letztes Bild zeigte ihn -im Zuchthaus, wo ein Herr der von einem Knaben begleitet war, auf ihn -weisend sagte: - -„Hier siehst du, mein Sohn, die Gefahren eines schlechten -Lebenswandels.“ - -Doch für die Kinder ist die Zukunft nicht vorhanden. Man speiste -sie vergeblich bis zum Überdruß mit dem Grundsatz: „daß die Arbeit -ehrenvoll sei und daß der Reichtum nicht immer glücklich mache.“ -Sie hatten Arbeiter gekannt, die keineswegs geehrt wurden, und sie -gedachten des Schlosses, wo das Leben angenehm schien. - -Die Qualen des Gewissens wurden ihnen mit solchen Übertreibungen -ausgemalt, daß sie die Aufschneiderei witterten und bei allem übrigen -Mißtrauen zeigten. - -Man versuchte, sie bei der Ehre zu fassen, durch den Gedanken an die -öffentliche Meinung und das Gefühl für Auszeichnung, indem man ihnen -die großen Menschen rühmte, besonders die, welche ihren Mitmenschen von -Nutzen gewesen waren, wie Belzunce, Franklin, Jacquard! Viktor bezeugte -nicht die geringste Neigung, es ihnen gleichzutun. - -Als er eines Tages eine Addition ohne Fehler ausgeführt hatte, nähte -Bouvard ihm ein Band an seine Jacke, welches das Ehrenkreuz bedeuten -sollte. Viktor brüstete sich damit; doch als er den Tod Heinrichs IV. -vergessen hatte, setzte ihm Pécuchet eine Eselsmütze auf. Viktor begann -mit solcher Heftigkeit und so lange wie ein Esel zu schreien, daß man -ihm die papiernen Ohren abnehmen mußte. - -Seine Schwester war gleich ihm stolz auf Lob, aber gleichgültig gegen -Tadel. - -Um ihr Gefühl zu wecken, gab man ihnen eine schwarze Katze, für die -sie sorgen sollten; man händigte ihnen zwei, drei Sous ein, damit sie -Almosen gaben. Sie fanden diese Forderung ungerecht; dieses Geld gehöre -ihnen. - -Auf den Wunsch ihrer Erzieher nannten sie Bouvard „Onkelchen“ und -Pécuchet „Alterchen“, doch sie duzten sie, und die Unterrichtsstunden -vergingen gewöhnlich zur Hälfte mit Streitigkeiten. - -Viktorine mißbrauchte Marcel für ihre Launen, kletterte auf seinen -Rücken, zog ihn an den Haaren. - -Um über seine Hasenscharte zu spotten, sprach sie wie er durch die -Nase, und der arme Kerl wagte nicht, sich zu beklagen, so sehr liebte -er das kleine Mädchen. Eines Abends ertönte seine heisere Stimme sehr -laut. Bouvard und Pécuchet gingen in die Küche herunter. Die beiden -Zöglinge beobachteten den Kamin, und Marcel schrie händeringend: - -„Hol sie heraus! Das ist zu arg! Das ist zu arg!“ - -Der Deckel des Topfes sprang ab, als wäre eine Granate geplatzt. Ein -graues Etwas sauste bis zur Decke empor, drehte sich dann wie rasend um -die eigene Achse und stieß dabei ein schreckliches Geheul aus. - -Man erkannte die Katze, die ganz eingefallen und haarlos war. Ihr -Schwanz glich einem Seil, und die Augen standen ihr riesengroß aus dem -Kopfe hervor. Sie waren milchfarbig, wie entleert, und sandten doch -Blicke. - -Das entsetzliche Tier heulte immer noch, sprang in den Kamin, -verschwand und fiel dann als leblose Masse in die Asche. - -Es war Viktor, der diese Scheußlichkeit begangen hatte, und die beiden -Biedermänner zogen sich bleich vor Entsetzen und Schauder zurück. Auf -die Vorwürfe, die man ihm machte, antwortete er wie der Feldhüter -hinsichtlich seines Sohnes und wie der Pächter in betreff seines -Pferdes: - -„Was denn! Sie gehört doch mir.“ Er sagte es ungeniert, wie -selbstverständlich und mit der Ruhe eines befriedigten Triebes. - -Das kochende Wasser des Topfes war auf dem Boden umhergespritzt; -Pfannen, Feuerzange und Leuchter lagen auf den Fliesen. - -Es dauerte einige Zeit, bis Marcel die Küche gesäubert hatte, und seine -Herren und er verscharrten die arme Katze im Garten unter der Pagode. - -Dann sprachen Bouvard und Pécuchet eingehend miteinander über Viktor. -Das väterliche Blut schlug durch. Was tun? Ihn Herrn von Faverges -zurückgeben oder ihn anderen anvertrauen, wäre ein Eingeständnis ihrer -Unfähigkeit gewesen. Vielleicht würde er sich bessern. - -Gleichviel! Die Hoffnung war zweifelhaft; die Liebe war verschwunden. -Wie schön wäre es jedoch gewesen, an seiner Seite einen Jüngling -zu haben, der nach unseren Gedanken fragt, dessen Fortschritte man -beobachtet, der später zu einem Bruder wird; doch Viktor fehlte es an -Klugheit und noch mehr an Herz! Und Pécuchet, der sein eines Knie mit -beiden Händen umspannt hielt, seufzte. - -„Die Schwester taugt ebensowenig,“ sagte Bouvard. - -Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und -fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte; -und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben -gestorben. - -Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung -ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht -moralisch oder unmoralisch sein. - -Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um -Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie -bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie -in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist. -Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen; -möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von -einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird -schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit -bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit -zurückführen. - -Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution -konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm -willkommen sein. - -Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung; -Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm -kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die -Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück -gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier, -Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er -plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn -verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe -gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu -beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er -beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel -taugte nichts. - -Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen von Wut -behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand -sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek -eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet -dazukam: - -„Meine Kokosnuß!“ - -Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach -Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen -in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr -an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den -Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung -zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen. - -Bouvard machte ihm Vorwürfe. - -„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der -Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“ - -Pécuchet wandte ein, körperliche Züchtigungen seien zuweilen -unerläßlich. Pestalozzi wandte sie an, und der berühmte Melanchthon -gesteht, daß er ohne sie nichts gelernt haben würde. -- Doch haben -grausame Bestrafungen zum Selbstmord getrieben, man liest von solchen -Beispielen. Viktor hatte den Eingang zu seinem Zimmer verbarrikadiert. --- Bouvard verhandelte durch die Tür, und um sie aufzubekommen, -versprach er ihm eine Pflaumentorte. - -Von nun an wurde es schlimmer mit dem Jungen. - -Blieb ein von dem Bischof Dupanloup empfohlenes Mittel: „der strenge -Blick“. Sie versuchten, ihren Gesichtern einen schrecklichen Ausdruck -zu geben, und hatten nicht den geringsten Erfolg damit. - -„Wir können es nur noch mit der Religion versuchen,“ sagte Bouvard. - -Pécuchet protestierte. Sie hätten die Religion aus ihrem Programm -gestrichen. - -Doch die Vernunft befriedigt nicht alle Bedürfnisse. Das Herz und -die Phantasie wollen mehr. Vielen Seelen ist das Übernatürliche -unentbehrlich, und sie beschlossen, die Kinder in die Katechismusstunde -zu schicken. - -Reine erbot sich, sie dorthin zu bringen. Sie kam wieder ins Haus und -verstand, durch einnehmende Manieren sich beliebt zu machen. - -Viktorine wurde plötzlich anders; sie zeigte sich zurückhaltend, -wurde süßlich, lag vor der Madonna auf den Knien, bewunderte das Opfer -Abrahams und hatte ein verächtliches Hohnlächeln, wenn von Protestanten -die Rede war. - -Sie erklärte, man habe ihr aufgegeben zu fasten. Bouvard und Pécuchet -erkundigten sich: es war nicht wahr. Am Fronleichnamstage verschwanden -Levkojen von einem Beete, die nachher den Altar schmückten; sie -leugnete in frecher Weise, sie abgeschnitten zu haben. Ein anderes Mal -entwendete sie Bouvard zwanzig Sous, die sie beim Abendgottesdienst in -die Schale des Küsters legte. - -Sie schlossen daraus, daß Moral und Religion verschiedene Dinge -seien; wenn die letztere keinen tieferen Grund hat, ist sie von -untergeordneter Wichtigkeit. - -Eines Abends, während sie speisten, trat Herr Marescot ins Zimmer; im -selben Augenblick entschlüpfte Viktor. - -Der Notar, der es ablehnte, sich zu setzen, erzählte, was ihn herführe: -der junge Touache habe seinen Sohn beinahe zu Tode geprügelt. - -Da man um Viktors Herkunft wußte und er unangenehm war, nannten ihn -die anderen Bengel Zuchthäusler, und soeben hatte er den jungen Herrn -Marescot in unverschämter Weise verhauen. Der Körper des teuren Arnold -zeigte die Spuren davon. „Seine Mutter ist in Verzweiflung, sein Anzug -in Fetzen, seine Gesundheit geschädigt! Was soll daraus werden?“ - -Der Notar forderte eine scharfe Züchtigung, und unter anderm sollte -Viktor nicht mehr die Katechismusstunde besuchen, um neue Zusammenstöße -zu vermeiden! - -Obwohl Bouvard und Pécuchet durch den hochfahrenden Ton verletzt waren, -versprachen sie alles, was er wünschte, gaben klein bei. - -War Viktor dem Antriebe des Ehr- oder dem des Rachegefühls gefolgt? Auf -jeden Fall war er kein Feigling. - -Doch seine Roheit erschreckte sie; die Musik würde seine Sitten -mildern; Pécuchet kam auf den Gedanken, ihn die Anfangsgründe des -Gesanges zu lehren. - -Es machte Viktor große Mühe, die Noten fließend zu lesen und die -Ausdrücke Adagio, Presto, Sforzando nicht miteinander zu verwechseln. - -Sein Lehrer mühte sich ab, ihm die Tonleiter zu erklären, den -Dreiklang, die diatonische, die chromatische Leiter und die beiden -Arten von Intervallen, die sogenannte große und kleine Terz. - -Viktor mußte sich ganz gerade hinsetzen, die Brust heraus- und die -Schultern zurücknehmen und den Mund weit öffnen; und um ihn durch -Beispiel zu unterrichten, gab Pécuchet selbst die Töne mit falscher -Stimme an; Viktor brachte die seinige nur mit Mühe aus der Kehle, so -preßte er sie zusammen; wenn der Takt mit einer Pause begann, sang er -sogleich los, oder er kam zu spät. - -Nichtsdestoweniger machte sich Pécuchet an den zweistimmigen Gesang. -Anstatt des Bogens nahm er ein Stöckchen und bewegte seinen Arm -gebieterisch hin und her, als wenn er ein Orchester dirigiert hätte; -aber von zwei Verrichtungen in Anspruch genommen, kam er aus dem Takt, -sein Irrtum veranlaßte neue Fehler beim Schüler, und während sie die -Augenbrauen runzelten und die Halsmuskeln anspannten, fuhren sie aufs -Geratewohl fort, bis sie unten auf der Seite angelangt waren. - -Schließlich sagte Pécuchet zu Viktor: „Du wirst sobald noch nicht in -den Gesangvereinen glänzen.“ Und er gab den Musikunterricht auf. - -Locke hat übrigens vielleicht recht: „Die Musik führt in so liederliche -Gesellschaft, daß man besser tut, sich mit etwas anderm zu befassen.“ - -Ohne einen Schriftsteller aus Viktor machen zu wollen, hielten sie es -für angebracht, wenn er verstände, einen ordentlichen Brief zuwege zu -bringen. Eine Überlegung hielt sie zurück: man kann den Briefstil nicht -erlernen, denn er gehört ausschließlich den Frauen. - -Sie gedachten sodann, ihm ausgewählte Stücke aus der Literatur ins -Gedächtnis zu trichtern und, da sie in Verlegenheit waren, was sie -wählen sollten, zogen sie das Werk der Frau Campan zu Rate. Sie -empfiehlt die Eliacin-Szene, die Chöre aus Esther, Jean-Baptiste -Rousseau ganz. - -Das alles ist etwas veraltet. Was die Romane anlangt, so untersagt sie -deren Lektüre, da sie die Welt in zu günstigen Farben malen. - -Indessen gestattet sie „Clarissa Harlowe“ und den „Familienvater“ von -Miß Opy. -- Wer ist diese Miß Opy? - -Sie konnten ihren Namen in der „Biographie Michaud“ nicht entdecken. -Blieben die Märchen. „Sie werden sich Hoffnung auf Diamantenpaläste -machen,“ sagte Pécuchet. Die Literatur entwickelt den Geist, aber sie -erhitzt die Leidenschaften. - -Viktorine wurde wegen der ihrigen aus der Katechismusstunde gewiesen. -Man hatte sie überrascht, wie sie den Sohn des Notars küßte, und Reine -verstand keinen Spaß: ihr Gesicht unter ihrer Haube mit den großen -Röhrenfalten war ernst. - -Wie konnte man nach einem solchen Skandal ein so verdorbenes junges -Mädchen behalten? - -Bouvard und Pécuchet erklärten den Pfarrer für ein altes Roß. Seine -Magd verteidigte ihn brummend: „Man kennt Sie! Man kennt Sie!“ Sie -gaben’s ihr zurück, und sie ging, während sie die Augen schrecklich -rollte. - -Viktorine hatte sich in der Tat in Arnold verliebt, so reizend fand sie -ihn in seinem gestickten Kragen, seiner Samtweste, mit seinem angenehm -duftenden Haar, und sie brachte ihm Sträuße mit bis zu dem Augenblick, -wo sie durch Zéphyrin angezeigt wurde. - -Wie lächerlich war dieses Abenteuer; die beiden Kinder waren ja -vollständig unschuldig! - -Sollte man sie über das Geheimnis der Zeugung belehren? „Ich sähe -nichts Schlimmes darin,“ sagte Bouvard. Der Philosoph Basedow erklärte -es seinen Zöglingen, wobei er jedoch nur auf die Schwangerschaft und -die Geburt genauer einging. - -Pécuchet dachte anders. Viktor begann ihn zu beunruhigen. - -Pécuchet hatte ihn im Verdacht, eine böse Angewohnheit zu haben. -Weshalb nicht? Es gibt ernste Männer, die sie ihr ganzes Leben hindurch -behalten, und man behauptet, daß der Herzog von Angoulême sich ihr -hingab. - -Er fragte seinen Zögling in einer Weise, daß er ihm die Augen öffnete, -und bald darauf sah er seinen Argwohn bestätigt. - -Da nannte er ihn Verbrecher und wollte ihn zur Heilung Tissot -lesen lassen. Dieses Meisterwerk wirkte nach Bouvards Ansicht eher -verderblich als nutzbringend. Besser sei, ihm ein poetisches Gefühl -einzuflößen. Aimé Martin berichtet, daß eine Mutter in einem ähnlichen -Falle ihrem Sohne die „Neue Héloise“ zu lesen gab, und um der Liebe -würdig zu werden, begab sich der junge Mensch schleunigst auf den Pfad -der Tugend. - -Doch Viktor war nicht fähig, eine Sophie zu erträumen. - -„Wie wär’s, wenn wir ihn in ein Bordell führten?“ - -Pécuchet gab seinen Abscheu gegen die öffentlichen Dirnen zu erkennen. - -Bouvard hielt das für dumm und sprach sogar davon, dieserhalb eine -Reise nach le Havre zu machen. - -„Was fällt dir ein? Man könnte uns hineingehen sehen!“ - -„Na, schön! Kaufe ihm ein Schutzmittel!“ - -„Aber der Bandagist dächte vielleicht, es sei für mich,“ sagte Pécuchet. - -Ein aufregendes Vergnügen wie die Jagd tat ihm not; sie würde die -Ausgabe für eine Flinte, für einen Hund mit sich bringen; sie zogen -vor, ihn zu ermüden, und unternahmen es, mit ihm in der Gegend -umherzustreifen. - -Der Schlingel entschlüpfte ihnen, obwohl sie einander ablösten: sie -waren wie erschlagen, und am Abend hatten sie nicht mehr die Kraft, die -Zeitung zu halten. - -Während sie auf Viktor warteten, plauderten sie mit den -Vorübergehenden, und aus Bedürfnis, ihren Lehrtrieb zu betätigen, -versuchten sie, den Leuten hygienische Maßregeln beizubringen, -beklagten den Verlust der Abwässer, die Vergeudung des Düngers, -wetterten gegen den Aberglauben, das Anbringen eines Drosselskelettes -in der Scheune, eines geweihten Buchsbaumes hinten im Stall, gegen den -Sack mit Würmern auf den Füßen der Fieberkranken. - -Sie besuchten sogar die Ammen, und sie entrüsteten sich über die Art, -wie sie die Säuglinge behandelten; einige ernährten sie mit Grieß, -wodurch die Kinder aus Schwäche zugrunde gingen; andere stopften sie -mit Fleisch, noch ehe sie sechs Monate alt waren, und die Kleinen -starben an Verdauungsstörungen; manche reinigten sie mit ihrem eigenen -Speichel, alle behandelten sie roh. - -Wenn sie über der Tür eine gekreuzigte Eule bemerkten, so traten sie in -den Hof und sagten: - -„Das ist unrecht von Ihnen -- diese Tiere leben von Ratten, Feldmäusen; -im Magen eines Käuzchens hat man eine Menge Raupenlarven gefunden.“ - -Die Dörfler kannten sie, denn sie hatten sie zuerst als Ärzte, dann -nach alten Möbeln fahndend, schließlich beim Steinesuchen gesehen, und -sie antworteten: - -„Gehen Sie, Sie Spaßmacher! Wollen Sie doch nicht klüger sein als wir.“ - -Ihre Überzeugung geriet ins Wanken; denn die Sperlinge reinigen die -Gemüsegärten, aber zugleich fressen sie die Kirschen ab. Die Eulen -verschlingen die Insekten und ebenso die Fledermäuse, die nützlich -sind, -- und wenn die Maulwürfe die Schnecken fressen, wühlen sie -andrerseits die Erde auf. Eines stand für sie fest, nämlich, daß man -alles Wild ausrotten müsse, da es dem Ackerbau schade. - -Eines Abends gingen sie durch den Wald von Faverges; sie kamen vor das -Haus, wo Sorel am Wege zwischen drei Männern gestikulierte. - -Der erste war ein gewisser Dauphin, ein Schuhflicker, klein, mager, -mit tückischem Gesichtsausdruck. Der zweite, der alte Aubain, der -Botendienste in den Dörfern tat, trug einen alten gelben Rock zu einer -Hose aus blauem Zwillich. Der dritte, Eugen, Diener bei Herrn Marescot, -zeichnete sich durch einen Bart aus, der wie die Bärte der Beamten -geschnitten war. - -Sorel zeigte ihnen eine Schlinge aus Kupferdraht, die an einem -Seidenfaden saß; letzterer wurde von einem Ziegel festgehalten; -- -man nenne das eine Dohne, -- und er hatte den Schuhflicker beim Legen -derselben gefunden. - -„Sie sind Zeugen, nicht wahr?“ - -Eugen nickte in zustimmender Weise, und der alte Aubain erwiderte: - -„Wenn Sie es sagen.“ - -Was Sorel in Wut setzte, war die Frechheit, daß man eine Schlinge so -nahe bei seiner Wohnung gelegt habe; der Lump bilde sich ein, daß man -nicht auf den Gedanken komme, an dieser Stelle so etwas zu vermuten. - -Dauphin nahm eine weinerliche Miene an: - -„Ich trat darauf, ich wollte sie sogar zerreißen.“ Man beschuldige ihn -immer, man hasse ihn, er sei sehr unglücklich! - -Ohne zu antworten, hatte Sorel ein Notizbuch, eine Feder und Tinte aus -der Tasche gezogen, um ein Protokoll aufzunehmen. - -„O! nicht doch!“ sagte Pécuchet. - -Bouvard fügte hinzu: „Lassen Sie ihn laufen, er ist ein ordentlicher -Kerl!“ - -„Der, ein Wilddieb!“ - -„Und wenn das wirklich der Fall wäre?“ Und sie begannen, die -Wilddieberei zu verteidigen: „Zunächst steht fest, daß die Kaninchen -die jungen Sprossen abnagen, die Hasen das Getreide verderben, -ausgenommen die Schnepfe vielleicht ...“ - -„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.“ Und der Waldhüter schrieb mit -zusammengebissenen Zähnen. - -„Welch ein Starrsinn!“ murmelte Bouvard. - -„Noch ein Wort, und ich hole die Gendarmen.“ - -„Sie sind ein ungeschliffener Mensch!“ sagte Pécuchet. - -„Und ich schere mich den Teufel um Sie,“ erwiderte Sorel. - -Bouvard, sich vergessend, nannte ihn Tölpel, Lakai, und Eugen sagte -immerfort: „Ruhe! Ruhe! Achten wir das Gesetz!“ während der alte -Aubain, drei Schritte davon auf einem Steinhaufen sitzend, stöhnte. - -Durch die Stimmen erregt, kamen alle Hunde der Meute aus ihren Hütten; -man sah ihre funkelnden Augen, ihre schwarzen Schnauzen durch das -Gitter, und bald hierhin, bald dorthin rennend, bellten sie schrecklich. - -„Ärgern Sie mich nicht länger,“ schrie ihr Herr, „oder ich lasse sie -auf Ihre Hosen los!“ - -Die beiden Freunde entfernten sich, trotz alledem befriedigt, weil sie -den Fortschritt, die Zivilisation unterstützt hatten. - -Sogleich am folgenden Tage erhielten sie eine Vorladung vor das -Polizeigericht wegen Beleidigung des Waldhüters, der auf hundert -Franken Buße angetragen habe, vorbehaltlich eines Antrages seitens des -Staatsanwalts wegen der durch sie begangenen Übertretungen: „Kosten 6 -Frank 75 Cents. Tiercelin, Gerichtsvollzieher.“ - -Was sollte dabei der Staatsanwalt? Der Kopf schwindelte ihnen; dann -beruhigten sie sich und bereiteten ihre Verteidigung vor. - -Am vorgeschriebenen Tage begaben sich Bouvard und Pécuchet eine Stunde -zu früh auf das Bürgermeisteramt. Niemand zeigte sich. -- Stühle und -drei Sessel standen um einen ovalen Tisch, der mit einer Decke bedeckt -war; in die Mauer war eine Nische zur Einsetzung eines Ofens gebrochen, -und die Büste des Kaisers, die auf einem Sockel stand, schaute auf das -Ganze herab. - -Sie durchstreiften das Haus bis zum Boden, wo eine Löschpumpe, mehrere -Fahnen und in einem Winkel auf der Erde noch andere Gipsbüsten lagen: -der große Napoleon ohne Diadem, Ludwig XVIII. mit Epauletten über dem -Frack, Karl X., der an seiner herabhängenden Lippe zu erkennen war, -Ludwig Philipp mit geschweiften Augenbrauen und einer spitz gekämmten -Tolle; sein Nacken berührte die schräge Neigung des Daches; und -alle Büsten waren von Fliegen und Staub beschmutzt. Dieser Anblick -verstimmte Bouvard und Pécuchet. Ein Gefühl des Mitleids für die -Regierungen ergriff sie, als sie in den großen Saal zurückkehrten. - -Hier fanden sie Sorel und den Feldhüter; der eine hatte sein Schildchen -am Arm, der andere trug ein Käppi. Etwa ein Dutzend Personen plauderten -miteinander; sie waren angezeigt, weil sie nicht genügend gefegt oder -weil sie ihre Hunde hatten herumlaufen lassen, weil die Laterne am -Wagen gefehlt oder weil sie während der Messe die Schankwirtschaft -offen gehalten hatten. - -Endlich kam Coulon in einer Amtsrobe aus schwarzer Sarsche und einem -runden Barett, das einen unteren Rand aus Samt hatte. Sein Schreiber -setzte sich zu seiner Linken, der Bürgermeister in der Schärpe nahm -rechts von ihm Platz, und bald darauf wurde die Angelegenheit Sorel -gegen Bouvard und Pécuchet aufgerufen. - -Louis Martial Eugène Lenepveur, Kammerdiener in Chavignolles -(Calvados), benutzte seine Eigenschaft als Zeuge, alles darzulegen, was -er über eine Unmenge von Dingen wußte, die nichts mit dem Streit zu tun -hatten. - -Nicolas Juste Aubain, Tagelöhner, fürchtete, Sorels Mißfallen zu -erregen und andrerseits den Herren zu schaden; er hatte grobe Worte -gehört, zweifelte jedoch daran; er berief sich auf seine Taubheit. - -Der Friedensrichter ließ ihn sich wieder setzen; dann wandte er sich an -den Waldhüter: - -„Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?“ - -„Ganz gewiß.“ - -Dann fragte Coulon die beiden Angeschuldigten, was sie zu sagen hätten. - -Bouvard bestritt, Sorel beleidigt zu haben; er habe vielmehr -durch seine Parteinahme für den Wilderer das Interesse unserer -Felder gewahrt; er erinnerte an die Mißbräuche der Feudalzeit, die -vernichtenden Jagden der vornehmen Herren. - -„Einerlei! die Übertretung...“ - -„Ich muß Sie unterbrechen,“ rief Pécuchet. „Die Worte Übertretung, -Verbrechen und Vergehen sind ohne Wert. Die strafbaren Vorgänge so -klassifizieren, heißt, von einer willkürlichen Basis ausgehen. - -Ebensogut könnte man den Bürgern sagen: ‚Kümmert euch nicht um den -Wert eurer Handlungen, er wird nur durch die Strafen der Regierung -bestimmt.‘ Übrigens erscheint mir das Strafgesetzbuch als ein -unsinniges, der Grundsätze bares Werk.“ - -„Das mag sein!“ erwiderte Coulon. - -Und er wollte sein Urteil sprechen; doch Foureau als Vertreter der -Staatsanwaltschaft erhob sich. Man habe den Waldhüter bei Ausübung -seiner Amtsbefugnisse beleidigt. Wenn man die Eigentumsrechte nicht -mehr achte, so sei alles verloren. - -„Kurz, möge es dem Herrn Friedensrichter gefallen, das Höchstmaß der -Strafe anzuwenden.“ - -Sie betrug zehn Franken als Buße an Sorel. - -„Bravo!“ rief Bouvard. - -Coulon war noch nicht zu Ende: - -„Verurteilt sie außerdem zu fünf Frank Geldstrafe als schuldig der von -dem Staatsanwalt geltend gemachten Übertretung.“ - -Pécuchet wandte sich an die Zuhörer: - -„Die Geldstrafe ist eine Bagatelle für den Reichen, aber ein Unglück -für den Armen. Mir macht sie nichts!“ - -Und er sah aus, als mache er sich über den Gerichtshof lustig. - -„Wirklich,“ sagte Coulon, „ich wundere mich, daß Leute von Verstand...“ - -„Sie überhebt das Gesetz der Mühe, welchen zu haben!“ erwiderte -Pécuchet. „Der Friedensrichter verwaltet sein Amt auf unbegrenzte -Lebenszeit, während der Richter des Oberappellationsgerichtes nur bis -zum fünfundsiebenzigsten Jahre für amtsfähig gilt und derjenige der -ersten Instanz nur bis zum siebenzigsten.“ - -Doch auf ein Zeichen Foureaus trat Placquevent vor. Sie protestierten. - -„Ja, wenn Sie im Wettbewerb ernannt würden!“ - -„Oder durch die Kreisstände.“ - -„Oder von einer Kommission von Sachverständigen auf Grund einer -zuverlässigen Liste.“ - -Placquevent trieb sie vorwärts, -- und sie gingen hinaus unter den -Hohnrufen der übrigen Angeschuldigten, die glaubten, sich durch diese -Gemeinheit dem Richter angenehm zu machen. - -Um sich ihre Entrüstung vom Herzen zu reden, gingen sie am Abend zu -Beljambe; sein Café war leer; die Honoratioren waren gewohnt, gegen -zehn Uhr von dort fortzugehen. Man hatte die Lampe herabgeschraubt; die -Wände und der Zahltisch lagen im Nebel, -- eine Frau kam. Es war Mélie. - -Sie zeigte keine Verwirrung -- und lächelnd schenkte sie ihnen zwei -Seidel ein. Pécuchet, der sich unbehaglich fühlte, verließ die -Wirtschaft schnell. - -Bouvard ging allein wieder hin, belustigte einige Bürger durch -Spötteleien über den Bürgermeister und kam von dieser Zeit an häufiger -in die Kneipe. - -Sechs Wochen später wurde Dauphin aus Mangel an Beweisen -freigesprochen. Wie schändlich! Man hielt jetzt dieselben Zeugen für -verdächtig, welche gegen sie als belastend gegolten hatten. - -Und ihre Wut kannte keine Grenzen, als das Verkehrssteueramt sie -benachrichtigte, daß sie die Strafe zu zahlen hätten. Bouvard griff das -Verkehrssteueramt als eine für das Eigentum schädliche Einrichtung an. - -„Sie irren sich!“ sagte der Steuereinnehmer. - -„Ich dächte gar! Es muß ein Drittel der öffentlichen Lasten tragen!“ - -„Ich möchte ein weniger lästiges Steuerverfahren, ein besseres -Katasterwesen, Veränderungen an der Einrichtung des Pfandbriefrechts; -und außerdem sollte man die Bank von Frankreich abschaffen, die das -Vorrecht des Wuchers hat.“ - -Girbal zeigte sich dem nicht gewachsen, sank in der Meinung der anderen -und erschien nicht mehr. - -Bouvard indessen sagte dem Wirt zu; er zog Leute herbei und plauderte -gemütlich mit der Magd, während er auf die Stammgäste wartete. - -Er äußerte sonderbare Gedanken über den Elementarunterricht. Wenn man -die Schule verließ, sollte man seiner Ansicht nach imstande sein, -Kranke zu pflegen, die wissenschaftlichen Entdeckungen zu verstehen, -sich für die Künste zu interessieren. Die Forderungen seines Programms -brachten ihn mit Petit in Streit; und er verletzte den Hauptmann durch -die Behauptung, daß die Soldaten, anstatt ihre Zeit mit Übungen zu -verlieren, besser täten, Gemüse zu bauen. - -Als die Frage des Freihandels aufs Tapet kam, brachte er Pécuchet -mit; und den ganzen Winter hindurch gab es im Café drohende Blicke, -verächtliche Haltungen, Beleidigungen und Schimpfen nebst Faustschlägen -auf die Tische, daß die Seidel tanzten. - -Langlois und die übrigen Kaufleute verteidigten den nationalen -Handel; Oudot, Spinnereibesitzer, und Mathieu, Goldwarenfabrikant, -die einheimische Industrie; die Gutsbesitzer und die Pächter die -einheimische Landwirtschaft, wobei jeder für sich Vorrechte zum -Nachteil der Mehrheit verlangte. Bouvards und Pécuchets Reden -beunruhigten. - -Da man ihnen vorwarf, nichts von der Praxis zu verstehen, es auf -Gleichmacherei und Sittenlosigkeit abgesehen zu haben, entwickelten -sie folgende drei Anschauungen: den Familiennamen durch eine -Stammrollennummer zu ersetzen; die Franzosen in Rangklassen -einzuteilen, und um seinen Rang zu behaupten, solle man sich von Zeit -und Zeit einem Examen unterziehen; Wegfall der Bestrafungen wie der -Auszeichnungen, aber für alle Dörfer eine besondere Chronik, die auf -die Nachwelt übergehen sollte. - -Man wollte von ihrem System nichts wissen. Sie schrieben einen Artikel -darüber für die Zeitung von Bayeux, setzten ein Schreiben an den -Präfekten auf, richteten eine Eingabe an die Kammern, eine Denkschrift -an den Kaiser. - -Die Zeitung druckte ihren Artikel nicht ab. - -Der Präfekt würdigte sie keiner Antwort. - -Die Kammern blieben stumm, und sie warteten lange auf einen -Briefumschlag aus den Tuilerien. - -Womit beschäftigte sich denn der Kaiser? Ohne Zweifel mit Frauen. - -Foureau riet ihnen auf Veranlassung des Unterpräfekten zu größerer -Zurückhaltung. - -Sie kehrten sich weder an den Unterpräfekten, noch an den Präfekten, -noch an die Räte der Präfektur, ja nicht einmal an den Staatsrat. -Die Verwaltungsgerichtsbarkeit sei etwas Ungeheuerliches, denn durch -Gunstbezeugungen und Drohungen übe die Verwaltung eine ungerechte -Herrschaft über ihre Beamten aus. Kurz, sie wurden lästig, und die -Honoratioren schärften Beljambe ein, diese beiden Menschen fernzuhalten. - -Da brannten Bouvard und Pécuchet vor Verlangen, sich durch ein Werk -auszuzeichnen, das ihre Mitbürger blenden sollte, und sie fanden nichts -anderes als Verschönerungsprojekte für Chavignolles. - -Drei Viertel der Häuser sollten abgerissen werden; man würde inmitten -des Ortes einen monumentalen Platz anlegen, ein Spital in der Richtung -auf Falaise, ein Schlachthaus am Wege nach Caen und in der „Kuhgasse“ -eine bunt gehaltene romanische Kirche bauen. - -Pécuchet verfertigte mit chinesischer Tusche eine Zeichnung, wobei -er nicht vergaß, den Wald gelb, die Bauten rot und die Wiesen grün -auszumalen, denn die Bilder eines idealen Chavignolles verfolgten ihn -bis in seine Träume; er wälzte sich schlaflos auf seiner Matratze. - -Eines Nachts wurde Bouvard davon wach. - -„Bist du krank?“ - -Pécuchet stammelte: - -„Haussmann läßt mich nicht schlafen.“ - -Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Dumouchel, der nach den -Preisen der Seebäder an der normännischen Küste fragte. - -„Er möge sich trollen mit seinen Bädern. Haben wir denn Zeit, Briefe zu -schreiben?“ - -Und nachdem sie sich eine Meßkette, ein Winkelmaß, eine Wasserwage und -eine Bussole verschafft hatten, begannen neue Studien. - -Sie drangen in die Grundstücke ein; oft waren die Bürger überrascht, -dort diese beiden Männer zu sehen, die Absteckpfähle einpflanzten. - -Bouvard und Pécuchet sprachen mit ruhiger Miene über ihre Pläne und -das, was sich daraus ergeben würde. - -Die Einwohner wurden unruhig, denn schließlich konnte vielleicht die -Behörde ihre Anschauung teilen. - -Manchmal trieb man sie in grober Weise fort. - -Viktor erkletterte die Mauern und stieg in die Dachgiebel, um ein -Signal anzubringen, bezeigte guten Willen und sogar einen gewissen -Eifer. - -Sie waren auch mit Viktorine zufriedener. - -Wenn sie Wäsche bügelte, bewegte sie ihr Eisen auf dem Brett, während -sie mit zarter Stimme sang; sie zeigte Interesse für die Wirtschaft, -machte Bouvard eine Mütze, und ihre Nähte trugen ihr die Komplimente -Romiches ein. - -Romiche war einer jener Schneider, die auf die Gutshöfe gehen, um die -Kleider auszubessern. Man behielt ihn vierzehn Tage im Hause. - -Er war bucklig und hatte rotumränderte Augen, glich jedoch diese -körperlichen Mängel durch eine närrische Laune wieder aus. Während die -Herren abwesend waren, belustigte er Marcel und Viktorine durch spaßige -Erzählungen, streckte seine Zunge bis zum Kinn heraus, ahmte den -Kuckuck nach, führte sich als Bauchredner vor und legte sich am Abend, -um die Kosten der Herberge zu sparen, im Waschhaus schlafen. - -Nun holte Bouvard eines Morgens, da er fror, zu sehr früher Stunde dort -Hobelspähne, um sein Feuer anzuzünden. - -Ein Anblick ließ ihn erstarren. - -Hinter den Trümmern der Truhe schliefen Romiche und Viktorine auf einer -Matratze. - -Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und seine andere Hand, lang -wie die eines Affen, hielt ihr Knie umfaßt; seine Lieder waren halb -geschlossen, sein Gesicht noch von einem Krampf der Lust verzogen. Sie -lächelte, auf dem Rücken liegend. Ihre offenstehende Nachtjacke zeigte -ihren kindlichen Busen, der von den Liebkosungen des Buckligen rot -gefleckt war; ihre blonden Haare hingen gelöst, und die Morgendämmerung -warf über beide ein fahles Licht. - -Bouvard war es im ersten Augenblick gewesen, als empfange er einen -Stoß mitten vor die Brust. Dann hinderte ihn die Scham, auch nur die -leiseste Bewegung zu machen; schmerzliche Gedanken ergriffen ihn. - -„So jung noch, und doch schon eine Verlorene!“ - -Dann weckte er Pécuchet und teilte ihm kurz alles mit. - -„O, der Elende!“ - -„Wir können nichts daran ändern! Beruhige dich.“ - -Und lange Zeit hindurch seufzten sie, einander gegenüber sitzend: -Bouvard ohne Rock und mit verschränkten Armen; Pécuchet am Rande seines -Lagers, mit bloßen Füßen und in der Nachtmütze. - -Romiche sollte an jenem Tage abreisen, da er seine Arbeit beendet -hatte. Sie bezahlten ihn in hochfahrender Weise, ohne ein Wort zu sagen. - -Doch die Vorsehung zürnte ihnen. - -Marcel führte sie kurze Zeit darauf in Viktors Zimmer und zeigte ihnen -unten in dessen Kommode ein Zwanzig-Frank-Stück. Der Schlingel habe ihn -beauftragt, es ihm einzuwechseln. - -Woher rührte es? Sicherlich aus einem Diebstahl, der während ihrer -Vermessungen begangen war. Doch um es zurückzugeben, hätte man den -Bestohlenen kennen müssen, und wenn man ihn aufforderte, sich zu -melden, so würde es aussehen, als wären sie mitschuldig. - -Schließlich riefen sie Viktor und befahlen ihm, die Schublade zu -öffnen; der Napoleon war verschwunden. Der Bengel tat, als ob er nicht -verstehe. - -Soeben jedoch hatten sie es gesehen, dieses Geldstück, und Marcel war -keiner Lüge fähig. Die Geschichte regte ihn so auf, daß er einen Brief -an Bouvard seit dem Morgen in seiner Tasche vergessen hatte: - - „Sehr geehrter Herr! - -Da ich fürchte, daß Herr Pécuchet krank ist, wende ich mich an Ihre -Liebenswürdigkeit...“ - -„Von wem ist denn die Unterschrift?“ - -„Olympe Dumouchel, geborene Charpeau.“ - -Sie und ihr Gatte fragten an, in welchem Badeorte, Courseulles, -Langrune oder Lucques, sich die beste Gesellschaft, die am wenigsten -laute, finde, und ferner wollten sie alle Beförderungswege, den Preis -der Wäsche und so weiter wissen. - -Ihre Wut über diese Belästigung entlud sich gegen Dumouchel; dann -tauchte die Ermüdung sie in eine noch tiefere Mutlosigkeit. - -Sie dachten an all die Last, die sie sich gemacht hatten; so viel -Lehrstunden, so viel Sorgfalt und so viel Ängste. - -„Und wenn man denkt,“ sagten sie, „daß wir einst eine Hilfslehrerin aus -ihr machen wollten! Und aus ihm letzthin einen Bauführer!“ - -„Ach, welche Enttäuschung!“ - -„Wenn sie lasterhaft ist, so ist nicht ihre Lektüre daran schuld.“ - -„Um ihn zu einem ehrbaren Menschen zu machen, hatte ich ihn mit dem -Leben Cartouches bekannt gemacht.“ - -„Vielleicht hat ihnen die Familie, die Sorge einer Mutter gefehlt?“ - -„Ich ersetzte sie ihnen!“ wandte Bouvard ein. - -„Ach!“ fuhr Pécuchet fort. „Aber es gibt Naturen, die des moralischen -Sinnes bar sind, -- und die Erziehung ist da ohne Einfluß.“ - -„Ach ja, es ist etwas Schönes um die Erziehung!“ - -Da die beiden Waisen kein Handwerk verstanden, würde man ihnen zwei -Stellen als Dienstboten suchen; -- und dann in Gottes Namen! sie würden -sich nicht mehr um sie kümmern. -- Und von nun an ließen „Onkelchen“ -und „Alterchen“ sie in der Küche essen. - -Doch bald langweilten sie sich; ihr Geist bedurfte einer Arbeit, ihr -Dasein eines Zwecks. - -Was beweist übrigens ein Mißerfolg? Was bei Kindern fehlgeschlagen war, -konnte bei Männern mehr Erfolg haben. Und sie kamen auf den Gedanken, -Vorlesungen für Erwachsene zu halten. - -Ihre Ideen konnten sie nur in einem Vortrag darlegen. Der große Saal -des Wirtshauses eignete sich vorzüglich dazu. - -Beljambe als Beigeordneter hatte Angst, sich bloßzustellen, und gab -zuerst eine abschlägige Antwort; dann wurde er andern Sinnes, da er -dachte, er könne dabei verdienen, und benachrichtigte sie davon durch -seine Magd. - -Bouvard küßte sie in übermäßiger Freude auf beide Backen. - -Der Bürgermeister war abwesend; der andere Beigeordnete, Herr Marescot, -der ganz von seinem Bureau in Anspruch genommen war, würde sich wenig -um den Vortrag kümmern; so konnte er stattfinden, und der Trommler -kündigte ihn für den folgenden Sonntag um drei Uhr an. - -Erst am Abend vorher dachten sie an ihren Anzug. - -Pécuchet hatte, dem Himmel sei Dank, einen alten Frack mit Samtkragen, -zwei weiße Halsbinden und schwarze Handschuhe aufbewahrt. Bouvard legte -seinen blauen Rock an, eine Nankingweste, Kastorschuhe; und sie waren -sehr erregt, als sie das Dorf durchschritten und im Wirtshaus zum -Goldenen Kreuz ankamen.... - - * * * * * - -_Hier bricht das Manuskript Gustave Flauberts ab._ - -_Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug des Plans, der sich in -seinen Papieren gefunden hat und der den Schluß des Werkes andeutet._ - - - - -~Vortrag~ - - -Das Wirtshaus zum Goldenen Kreuz, -- zwei hölzerne Seitengalerien im -ersten Stock mit vorspringendem Balkon -- Hauptgebäude im Hintergrunde --- Café zu ebener Erde, Speisesaal, Billard; Türen und Fenster stehen -offen. - -Menge: Honoratioren, Leute aus dem Volke. - -Bouvard: „Es handelt sich zunächst darum, die Nützlichkeit unseres -Projektes zu zeigen, unsere Studien geben uns das Recht, das Wort zu -nehmen.“ - - -Rede Pécuchets, pedantisch. - - -Dummheiten der Regierung und der Verwaltung, -- zu viel Steuern, -Ersparnisse nach zwei Richtungen anstreben; Unterdrückung des Budgets -des Kultus und desjenigen der Armee. - -Man wirft ihm Gottlosigkeit vor. - -„Das Gegenteil ist richtig; aber wir bedürfen einer religiösen -Erneuerung.“ - -Foureau kommt dazu und will die Versammlung auflösen. - -Bouvard erregt Heiterkeit auf Kosten des Bürgermeisters, indem er an -dessen dumme Prämien für Eulen erinnert. -- Entgegnung. - -„Wenn man die Tiere töten soll, die den Pflanzen schaden, müßte man -auch das Vieh töten, das Gras frißt.“ - - -Foureau verläßt den Saal. - - -Rede Bouvards, -- ungezwungen. - -Vorurteile: Zölibat der Priester, Bedeutungslosigkeit des Ehebruchs, -- -Emanzipation der Frau: - -„Ihre Ohrringe sind das Zeichen ihrer ehemaligen Knechtschaft.“ - - -Menschengestüt. - - -Man hält Bouvard und Pécuchet den schlechten Wandel ihrer Zöglinge -entgegen. -- Wozu auch die Kinder eines Sträflings annehmen? - -Theorie der Rehabilitierung. Sie würden sich mit Touache an denselben -Tisch setzen. - -Foureau, der zurückgekehrt ist, liest, um sich an Bouvard zu rächen, -eine Eingabe von ihm an den Gemeinderat vor, worin er die Errichtung -eines Bordells in Chavignolles verlangt. -- (Gründe Robins.) - -Der Vortrag wird inmitten des größten Tumultes abgebrochen. - - -Während Bouvard und Pécuchet nach Hause gehen, bemerken sie Foureaus -Diener, der in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Falaise -davonreitet. - -Sie legen sich sehr ermüdet nieder, ohne die Komplotte zu ahnen, die -gesponnen werden; -- die Motive darlegen, welche der Pfarrer, der Arzt, -der Bürgermeister, Marescot, das Volk, alle Welt haben, ihnen feind zu -sein. - - -Am folgenden Morgen sprechen sie beim Frühstück über ihren Vortrag. - -Pécuchet sieht schwarz in die Zukunft der Menschheit. - -Der moderne Mensch ist minderwertig und zur Maschine geworden. - -Schließliche Anarchie des Menschengeschlechts (Büchner I und II). - -Unmöglichkeit des Friedens (id.). - -Barbarei infolge von übermäßigem Individualismus und dem Wahnsinn, in -den die Wissenschaft verfallen ist. - -Drei Hypothesen: erstens: der pantheistische Radikalismus wird -jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher -Despotismus wird daraus hervorgehen; zweitens: wenn der theistische -Absolutismus triumphiert, so unterliegt der Liberalismus, der seit -der Reformation die Menschheit durchdrungen hat, und es erfolgt ein -allgemeiner Umsturz; drittens: wenn die Zuckungen, in denen seit 89 -die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine -oder die andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken -uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird kein Ideal, -keine Religion, keine Moral mehr geben. - -Amerika wird die Erde erobert haben. - -Zukunft der Literatur. - -Allgemeine Verlümmelung: überall wird es hergehen wie bei einem -Arbeitersaufgelage. - -Ende der Welt, weil der Wärmevorrat aufhört. - - -Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit rosig. Der moderne Mensch ist -auf dem Wege des Fortschritts. - -Europa wird durch Asien verjüngt werden. Da es ein historisches Gesetz -ist, daß die Zivilisation vom Orient zum Okzident kommt -- Rolle Chinas ---, so werden die beiden Menschheiten schließlich ineinander aufgehen. - -Künftige Erfindungen: Arten zu reisen, Ballon. -- Unterseeboote mit -Scheiben, bei beständiger Ruhe, denn die Bewegtheit des Meeres ist nur -auf der Oberfläche. -- Man wird Fische und Landschaften auf dem Grunde -des Ozeans vorbeiziehen sehen. -- Gezähmte Tiere. -- Alle Kulturen. - -Zukunft der Literatur (Gegenteil der industriellen Literatur). Künftige -Wissenschaften. -- Die magnetische Kraft regulieren. - -Paris wird ein Wintergarten werden. -- Spaliere mit Früchten auf dem -Boulevard! Die Seine filtriert und warm, -- Unmenge von künstlichen -Edelsteinen -- verschwenderisch angebrachte Vergoldungen -- Erleuchtung -der Häuser, -- man wird das Licht aufspeichern, denn es gibt Körper, -die diese Eigenschaft besitzen, wie der Zucker, das Fleisch gewisser -Mollusken und der Bologneser Phosphor. Man wird angehalten werden, -die Vorderseite der Häuser mit einer phosphoreszierenden Masse -anzustreichen, und ihre Strahlung wird die Straße erleuchten. - -Verschwinden des Bösen infolge Verschwindens des Mangels. Die -Philosophie wird zur Religion werden. - -Geistesgemeinschaft aller Völker. Öffentliche Feste. - -Man wird auf die Sterne gehen -- und wenn die Erde verbraucht sein -wird, wird die Menschheit nach den Sternen auswandern. - -Kaum hat er geendet, da erscheinen die Gendarmen. -- Ankunft der -Gendarmen. - -Bei ihrem Anblick Aufregung der Kinder, hervorgerufen durch ihre vagen -Erinnerungen. - -Trostlosigkeit Marcels. - -Erregung Bouvards und Pécuchets. -- Will man Viktor verhaften? - -Die Gendarmen zeigen einen Verhaftungsbefehl vor. - -Der Grund ist der Vortrag. Man beschuldigt sie, die Religion, die -öffentliche Ordnung angegriffen, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt -aufgereizt zu haben, usw. - -Plötzliche Ankunft von Herrn und Frau Dumouchel mit ihrem Gepäck; sie -wollen ins Seebad. Dumouchel hat sich nicht verändert, die gnädige Frau -trägt eine Brille und verfaßt Fabeln. -- Ihre Verdutzung. - -Der Bürgermeister, der weiß, daß die Gendarmen bei Bouvard und Pécuchet -sind, kommt, durch ihre Gegenwart ermutigt. - -Gorju, der sieht, daß die Obrigkeit und die öffentliche Meinung gegen -sie sind, will daraus Gewinn schlagen und begleitet Foureau. Da er -Bouvard für den reicheren der beiden hält, wirft er ihm vor, Mélie -früher verführt zu haben. - -„Ich, niemals!“ - -Und Pécuchet zittert. - -„Und ihr sogar eine Krankheit gelassen zu haben.“ - -Bouvard protestiert. - -„Wenn er ihr nicht wenigstens für das Kind, das sie erwartet, eine -Rente zahlen will, denn sie ist schwanger.“ - -Dieser zweiten Beschuldigung liegt der vertrauliche Verkehr Bouvards im -Café zugrunde. - - -Das Publikum nimmt allmählich das Haus ein. - -Barberou, der durch eine geschäftliche Angelegenheit in die Gegend -gerufen worden, hat soeben im Wirtshaus erfahren, was vor sich geht, -und kommt dazu. - -Er hält Bouvard für schuldig, nimmt ihn beiseite und redet ihm zu, -nachzugeben, eine Rente zu zahlen. - - -Es kommen der Arzt, der Graf, Reine, Frau Bordin, Frau Marescot unter -ihrem Sonnenschirm und andere Honoratioren. Die Bengel des Dorfes -lärmen draußen vor dem Gitter, werfen Steine in den Garten. (Er ist -jetzt gut gehalten, und die Bevölkerung ist darauf eifersüchtig.) - -Foureau will Bouvard und Pécuchet ins Gefängnis stecken. - -Barberou legt sich ins Mittel, und wie er verwenden sich Marescot, der -Arzt und der Graf mit einem beleidigenden Mitleid für sie. - - -Den Verhaftungsbefehl motivieren. Bei Empfang von Foureaus Brief hat -der Unterpräfekt ihnen einen Verhaftungsbefehl gesandt, um ihnen Angst -zu machen, dazu einen Brief an Marescot und an Faverges geschrieben, -worin er sagt, man solle sie in Ruhe lassen, wenn sie Reue zeigten. - -Auch Vaucorbeil sucht sie zu verteidigen. - -„Man müßte sie vielmehr ins Irrenhaus stecken; sie sind verrückt. -- -Ich werde deshalb an den Präfekten schreiben.“ - -Alle beruhigen sich. - -Bouvard wird Mélie eine Rente aussetzen. - -Man kann ihnen die Erziehung der Kinder nicht lassen. -- Sie zeigen -sich widerspenstig, doch da sie die Waisen nicht gesetzmäßig adoptiert -haben, nimmt der Bürgermeister sie ihnen. - -Die Kinder zeigen eine empörende Gefühllosigkeit. -- Bouvard und -Pécuchet weinen darüber. - -Herr und Frau Dumouchel gehen. - - -So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen. - - -Sie haben kein Interesse mehr am Leben. - -Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie -verheimlichen ihn einer vor dem anderen. -- Von Zeit zu Zeit lächeln -sie, wenn er ihnen kommt, -- dann sprechen sie ihn schließlich -gleichzeitig aus: - - -Abschreiben wie einst. - - -Anfertigung eines Schreibtisches mit doppeltem Pult. -- (Sie wenden -sich deshalb an einen Tischler. Gorju, der von ihrer Erfindung gehört -hat, erbietet sich, ihn anzufertigen. -- An die Truhe erinnern.) - -Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und -so weiter. - - -Sie machen sich ans Werk. - - - - -Nachwort des Übersetzers - - -Es war am 8. Mai 1880. Flaubert hatte die Tage gezählt bis zur -Beendigung von „Bouvard und Pécuchet“, da nahm ihm der Tod die Feder -aus der Hand. - -Aufgeschlagen lag das Manuskript dieses Werkes auf seinem Schreibtisch, -als sein großes edles Herz den letzten Schlag tat. Es ist das -literarische Testament Flauberts. Es ist die Rache, die er an seinem -Jahrhundert nahm. - -All den Ingrimm, die Wut, die Galle, die er seiner Zeit gern -ins Gesicht gespien, hatte er ein ganzes langes Leben hindurch -hinabgewürgt. Es war ein heroischer Verzicht, -- der Kunst zuliebe. -Denn er verachtete das Schaffen aus Affekt, fand es klein und -erbärmlich, sein persönliches Leid in das Werk zu tragen. - -„Je prépare mon vomissement“, so nennt er es, als er an die Vorarbeiten -zu diesem letzten Werke geht. Was es bis zum Platzen erfüllt und ihm -einen so bitteren Geschmack gibt, ist das persönliche, das besondere -Leid seiner Seele: die Dummheit zu sehen und sie nicht ertragen zu -können. - -Wenn es das leidvollste, das bitterste und schwärzeste aller seiner -Werke geworden ist, so ist es zugleich auch das klarste, hellste, -geistigste, nüchternste, in dem eine dünne, harte, trockene Luft weht, -die ganz erfüllt ist von glühendem Erkenntnisdrang. - -Mit unerhörter Elastizität spannt sich sein Geist durch die -Jahrhunderte des menschlichen Gedankens. Denn hier wollte er -- ein -geradezu wahnwitziges Unterfangen -- das gesamte Wissen seiner Zeit zu -kritischer Revue aufmarschieren lassen. - -Jedes seiner Werke war für Flaubert wie eine lange Seereise, mit -Stürmen, Bedrängnissen, Qualen, Todesnöten, aber auch mit tiefen -Entzückungen und Erholungen in glühender Lichtfülle und mit blendenden -Visionen wunderbarer Landstriche. Dieses hier war die einsamste, -grausigste Fahrt in die Polargegend des Gedankens. Er wußte: niemand -würde ihm folgen wollen in diese Nacht voll eisigen Nebels; doch den -Rückkehrenden würden sie alle mit Kot bewerfen. - -Oft hatte er geäußert, daß dies Werk ihn töten würde, -- und er behält -recht. Einmal muß er die übermenschliche Anstrengung unterbrechen, um -sich an den „Drei Erzählungen“ zu erholen. Dann aber hält er aus bis -zuletzt. - -In „Bouvard und Pécuchet“ legt Flaubert die Axt an die gesamte -Geisteskultur seiner Zeit. So entsteht das radikalste Werk, das -die moderne französische Literatur kennt. Ein Fragezeichen steht -hinter allen Denkresultaten. Mit unheimlicher Lautlosigkeit stürzen -Gedankenkatarakte in das Nichts. - -Von schwindelnder Höhe zeigt er uns, ganz in der Tiefe, mit fast -unwahrscheinlicher Deutlichkeit das koboldartige Treiben der Spießer. -Und während er ihre winzigen Gestalten so saftstrotzend auf die Beine -stellt, fallen ihre Schatten riesengroß in die Unendlichkeit des -Weltenraums. - -Er schuf in dieser eisigen Satire ein neues Genre: die Komik der Ideen. -Systeme der Wissenschaft führen einen Faschingstanz auf, bis das -Gebäude in Flammen steht und sie selbst mit in Rauch aufgehen. - -Doch in diesem aus Glut und Eis gemischten Werke wollte Flaubert -nicht etwa den Geist treffen, sondern all das Unzulängliche, Halbe, -Platte, Gemeine, Muffige und Stickige seiner anmaßlichen, dünkelhaften -Äußerung, kurz das, was er unter der „Dummheit des Spießers“ verstand, -die er haßte mit dem Haß des Gequälten und die ihn doch wieder anzog in -ihrer Monumentalität und Ungeheuerlichkeit. - -Trotz der Grimasse ist kein Zweifel: hinter dem Werke steht ein -unendlich großer, reicher, tiefer Mensch, der in seiner Größe das Werk -noch weit überschattet. - -Wenige Tage vor seinem Tode schreibt Flaubert seiner Nichte mit -Beziehung auf „Bouvard und Pécuchet“: „Ich hatte recht!... Meine -Auskunft stammt von dem Professor der Botanik am Botanischen Garten, -und ich hatte recht, weil das Schöne immer das Wahre ist, und weil man -sich in einem gewissen Stadium der Intelligenz (sofern man Methode hat) -überhaupt nicht irrt. Die Wirklichkeit beugt sich zwar niemals dem -Ideale, aber sie bestätigt es.“ - - * - - - - -GUSTAVE FLAUBERT - - -_ÄGYPTEN_ - - ~Einzige autorisierte deutsche Ausgabe,~ - besorgt von E. W. Fischer. Mit 16 Wiedergaben der photographischen - Aufnahmen von Maxime du Camp, dem Reisegefährten Flauberts. - - ~Umschlagzeichnung von Emil Orlik - In Leinenbroschur und - Halbpergament~ - - ~Die Zeit~: „Alle anderen Ägyptenreisenden, ihre Bücher bezeugen - es, blicken von der Kunst auf die Landschaft. Flaubert blickt - von der Landschaft auf die Kunst. Darum ist Ägypten in diesen - flüchtigen Notizen das Land, die Menschen, die Standbilder, der - Mythos, das ganze Ägypten. -- Was das Geheimnis Flauberts ist, sein - Auge, auch hier strahlt es, durchdringt es alles Sichtbare.“ - - (Oskar Manrus Fontana) - - -_REISEBRIEFE_ - - ~Übersetzt von E. W. Fischer. 2. Tausend - In Pappband und Ganzleinen~ - - ~Das Tagebuch~: „Die Briefe sind wundervoll: farbig, witzig, - sachlich, warm, persönlich. Manche, zum Beispiel die Briefe aus - Jerusalem, gehören in die Sammlung klassischer Briefe.“ - - (Stephan Großmann) - - -_JUGENDBRIEFE_ - - ~Übersetzt von E. W. Fischer. In Vorbereitung~ - - -_SÄMTLICHE TAGEBÜCHER_ - - ~3 Bände. Übersetzt von E. W. Fischer. 3. Tausend - In Pappbänden und in Halbleder~ - - ~Berliner Börsen-Curier~: „Vielleicht sind diese 1600 Seiten das - Herrlichste von Flaubert, -- wahrscheinlich aber das Herrlichste - nur für den, der seine Werke gelesen hat. Denn die Werke - erschließen den Sinn des Epos, das hier in unerhörtem Reichtum - objektiver und subjektiver Gegenwart, mit restlosem Temperament - des Geistes, der Seele, des Auges einen großen bewunderungs- und - liebenswürdigen Menschen entfaltet.“ - - (Oskar Loerke) - - -_BRIEFWECHSEL MIT GEORGE SAND_ - - ~Übersetzt von Else von Hollander - Mit einem Essay von Heinrich Mann. 5. Tausend~ - (22. Band der Liebhaber-Bibliothek) Vergriffen - - -_DIE SAGE VON SANKT JULIAN DEM GASTFREIEN_ - - ~Übersetzt von Else von Hollander~ - Mit 12 Lithographien von Max Kaus. 3. Tausend. In Halbleinen - (Der Graphischen Bücher 1. Band) - - -GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG POTSDAM - - - - - -End of Project Gutenberg's Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET *** - -***** This file should be named 63096-0.txt or 63096-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/0/9/63096/ - -Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Bouvard und Pécuchet - Roman aus dem Nachlass - -Author: Gustave Flaubert - -Translator: Ernst Wilhelm Fischer - -Release Date: September 1, 2020 [EBook #63096] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET *** - - - - -Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe -so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler -wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr -gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber -dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht -beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0">Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein -Inhaltsverzeichnis erstellt.</p> - -<p class="p0">Akzente wurden in französischen Orts- und Personennamen oftmals -weggelassen; allerdings wurde diese Regel nicht konsequent eingehalten. -Da sich die französische Akzentsetzung zur Zeit der Herausgabe des -Buches von der heutigen unterscheiden kann, wurde hierfür dennoch keine -Harmonisierung vorgenommen.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen. Der Umschlag des zweiten Teilbandes -diente als Vorlage für die entsprechende Abbildung des vorliegenden -Buches.</p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center">GUSTAVE FLAUBERT</p> - -<h1>BOUVARD<br /> -UND PÉCUCHET</h1> - -<p class="s4 center mtop2 mbot3">ROMAN<br /> -AUS DEM NACHLASS</p> - -<p class="s4 center padtop3">EINZIGE AUTORISIERTE<br /> -DEUTSCHE ÜBERTRAGUNG VON E. W. FISCHER</p> - -<hr class="titel" /> - -<p class="s3 center">GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG</p> - -<p class="s4 center">POTSDAM <span class="smaller">1922</span></p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Copyright 1922 by Gustav Kiepenheuer -Verlag A. G.<br /> -Potsdam 1922 Druck der Buchdruckerei E. Haberland<br /> -in Leipzig</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak">Inhalt</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - <div class="center"> </div> - </td> - <td class="s5"> - <div class="left"> </div> - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">Kapitel</div> - </td> - <td> - <div class="left">I</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#I">3</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">II</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#II">22</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">III</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#III">58</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">IV</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#IV">99</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">V</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#V">131</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">VI</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#VI">152</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">VII</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#VII">181</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">VIII</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#VIII">192</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">IX</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#IX">238</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="left">X</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#X">277</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - <div class="left">Vortrag</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Vortrag">313</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - <div class="left">Nachwort des Übersetzers</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Nachwort_des_UEbersetzers">318</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="I">I</h2> - -</div> - -<p>Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon -vollständig menschenleer.</p> - -<p>Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze -Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen -abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und -am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen.</p> - -<p>Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von -Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in -lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen -blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit. -Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien -erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der -Sommertage.</p> - -<p>Zwei Männer erschienen.</p> - -<p>Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten. -Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste -geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in -einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer -Mütze mit spitzem Schirm.</p> - -<p>Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich -im selben Augenblick auf dieselbe Bank.</p> - -<p>Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die -jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute -seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in -der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied.</p> - -<p>„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich -unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span></p> - -<p>„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“</p> - -<p>„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“</p> - -<p>Darauf betrachteten sie einander.</p> - -<p>Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen.</p> - -<p>Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten -in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die -unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib -und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden -Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas -Kindliches.</p> - -<p>Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen.</p> - -<p>Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit.</p> - -<p>Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und -schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht -erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine -Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur -Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme.</p> - -<p>Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem -Lande fühlen!“</p> - -<p>Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den -Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich -allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen.</p> - -<p>Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten -Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel -schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob; -die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach -der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor -sich.</p> - -<p>Ganz gewiß — und Pécuchet schien davon überrascht — es war auf der -Straße noch heißer als im Hause!</p> - -<p>Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen.<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span> Er für -seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde!</p> - -<p>Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den -Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre -Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas -liberaler war.</p> - -<p>Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es -waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine -eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer -Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben -waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der -Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets -Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und -eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer; -manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie -zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben.</p> - -<p>„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“</p> - -<p>„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die -Dauer traurig.“</p> - -<p>Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten. -Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den -Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte.</p> - -<p>Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung. -Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort -auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam.</p> - -<p>Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen -herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard -den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für -erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren -Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor -der Religion.</p> - -<p>Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien -aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span></p> - -<p>Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen -wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen -Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der -Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an -unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die -große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern -hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit -geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter -sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art -überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem -Anfangsstadium.</p> - -<p>Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und -waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse -hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch -einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu.</p> - -<p>Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als -Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“</p> - -<p>„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen -den Vorschlag zu machen!“</p> - -<p>Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines -Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde.</p> - -<p>Bouvard bestellte die Speisen.</p> - -<p>Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand -setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann -priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge, -was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb -nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und -hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie -alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im -Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige -Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler -angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen -Dumouchel, der Professor war.</p> - -<p>Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span> aus Haaren -geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten -den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette -unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum -Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr -tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen -hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll, -entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die -Gäste vor der Tür drehten sich danach um.</p> - -<p>Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den -Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen -anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit -verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem -Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und -hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden.</p> - -<p>Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln -equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner -Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden -zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im -Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen -Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich. -Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet -wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte -er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum.</p> - -<p>Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu -beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag.</p> - -<p>Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun -an und machte den Wirt seiner Wohnung.</p> - -<p>Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte -durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen, -dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände -der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon, -andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen, -verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> Mütze und Muscheln, die -Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte -samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die -Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen. -An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den -Lampenruß entstanden war.</p> - -<p>Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu -dürfen.</p> - -<p>„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die -Zugluft fürchtete.</p> - -<p>Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem -Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war.</p> - -<p>Bouvard sagte zu ihm:</p> - -<p>„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken, -ohne seine schützende Unterkleidung zu sein.</p> - -<p>„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird -Sie erfrischen.“</p> - -<p>Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte: -„Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung -begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune, -gegenüber der Brücke de la Tournelle.</p> - -<p>Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und -Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf -den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice -mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner -Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven.</p> - -<p>„Mein Onkel!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn.</p> - -<p>Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich -kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit -dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf -der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die -Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches -Lächeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span></p> - -<p>Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen:</p> - -<p>„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“</p> - -<p>„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte, -er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen -Pécuchets waren Juste Romain Cyrille — und sie hatten dasselbe Alter: -siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich -er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter -gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig -seien.</p> - -<p>„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen -Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander -kennenzulernen.“</p> - -<p>Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben -hatte, wünschten sie einander gute Nacht.</p> - -<p>„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe.</p> - -<p>Pécuchet stieg die Stufen hinab, ohne auf den Scherz zu antworten. —</p> - -<p>Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos, -Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme:</p> - -<p>„Bouvard! Herr Bouvard!“</p> - -<p>Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte -Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte:</p> - -<p>„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“</p> - -<p>„Was denn?“</p> - -<p>„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend.</p> - -<p>All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers -und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er -die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am -Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben -war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in -Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe -gestiegen war.</p> - -<p>Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter -nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn -mit fünfzehn Jahren aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> Internat genommen, um ihn zu einem -Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der -Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte, -die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren -Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer -auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein -Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als -Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften -Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb -seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne -Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen -Arbeiten zu besichtigen.</p> - -<p>Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines -Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte -ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig -war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich -eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate -später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm. -Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald -vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu -benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei -den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was -seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung -hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort -und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und -sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in -einer Kneipe zu machen.</p> - -<p>So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie -hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie -übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese -Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder -hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für -alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span></p> - -<p>Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine -erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die -Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die -seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu -rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im -Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig -seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur -Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee. -Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere -verschwiegen, nachdenklich, sparsam.</p> - -<p>Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou -bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig -Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der -die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn -unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte -nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden -in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und -ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard.</p> - -<p>Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die -Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie -gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle -Tage zusammen.</p> - -<p>Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen -man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise, -über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die -Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und -dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution.</p> - -<p>Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das -Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien, -den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen.</p> - -<p>Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn -verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p> - -<p>In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den -ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen, -mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu -Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten -aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten -bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder -bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte.</p> - -<p>Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der -großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen.</p> - -<p>Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France, -und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die -nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter -die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen -Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten -sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier -entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich -sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und -merkwürdig waren.</p> - -<p>Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht -zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie -nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen -dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre -Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich -waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen.</p> - -<p>Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr. -Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie -an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem -Landleben.</p> - -<p>Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen -ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich -den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der -Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den -Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft, -entzückt. Sie wiederholten diese Spa<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span>ziergänge oft. Am folgenden Tage -waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben.</p> - -<p>Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das -Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und -dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer -weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag -nach Beginn, und sie erhielten Verweise.</p> - -<p>Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit -demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich -in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich. -Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas -von der Grämlichkeit Pécuchets über.</p> - -<p>„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der -eine.</p> - -<p>„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere.</p> - -<p>Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen! -Nicht einmal die Hoffnung! —</p> - -<p>Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor -einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich, -sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden.</p> - -<p>Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ -einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die -Fragen, die man an ihn richtete:</p> - -<p>„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen. -Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“</p> - -<p>Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum -Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, -verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte.</p> - -<p>Er ließ Pécuchet rufen.</p> - -<p>Pécuchet erschien.</p> - -<p>„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“</p> - -<p>„Nicht möglich!“</p> - -<p>Bouvard zeigte folgende Zeilen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0">Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar.</p> - -<p><span class="mleft2">Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839.</span></p> - -<p><span class="mleft3">Mein Herr!</span></p> - -<p>Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von -dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys -Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes, -verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats, -Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige -Verfügung zu Ihren Gunsten.</p> - -<p>Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung.</p> - -<p class="right mright2">Tardivel, Notar.</p> - -</div> - -<p>Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das -Papier zurück, wobei er langsam sagte:</p> - -<p>„Wenn das nur... keine Possen sind!“</p> - -<p>„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter -Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich.</p> - -<p>Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die -Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; — -und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und -eine Träne aus ihren starren Augen floß.</p> - -<p>Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am -Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr -rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete -er närrisches Zeug.</p> - -<p>Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich -belaufen auf...</p> - -<p>„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“</p> - -<p>Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren -Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar.</p> - -<p>Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß:</p> - -<p>„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich -als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der -gesetzlich verfügbar bleibt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p> - -<p>Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber -er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen -ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich -er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte -Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine -beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren, -hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er -sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß -seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten -Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte -er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht -seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er -verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den -Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der -Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament -anerkennen.</p> - -<p>Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit -leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen -lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ — und Pécuchet, dessen Kopf -doch klarer war, konnte nicht darüberkommen.</p> - -<p>Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der -zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich -regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen, -wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters -und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon.</p> - -<p>Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von -wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die -Reisekosten, zurückkehrte.</p> - -<p>Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn -und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte -sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat -den Besitz der Erbschaft an.</p> - -<p>Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land -zurückziehen!“ — und dieses Wort, das seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> Freund in sein Glück -einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der -Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe.</p> - -<p>Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er -nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch! -Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache.</p> - -<p>Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle -Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden -bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man -die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt, -nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer -Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war -wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab -andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez, -von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft -darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte -stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden.</p> - -<p>Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie -Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten, -Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag -der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum -Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn -gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie -würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine -Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu -zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! — Und sie -würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, — -und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe -anbehielten! — „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden -uns den Bart wachsen lassen!“</p> - -<p>Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die -vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein -solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette, -eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer, -und sogar ein<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische -Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es -wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten), -einige gute literarische Werke zu besitzen, — und sie suchten darnach -— oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein -Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.</p> - -<p>„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“</p> - -<p>„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen, -Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge -benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.</p> - -<p>Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre -Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard, -der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus, -um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen -hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte. -Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge -auf die Grundstriche seiner langen Schrift — doch während er die -Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht -gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.</p> - -<p>Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts -gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von -Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie -wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine -pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie -traurig.</p> - -<p>Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die -Einsamkeit.</p> - -<p>Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später -zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund -oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu -schwer zugänglich schien.</p> - -<p>Barberou erlöste sie.</p> - -<p>Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der -Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> Chavignolles zwischen -Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von -achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr -ertragfähigen Garten.</p> - -<p>Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte -man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das -andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard -wollte nur hundertzwanzigtausend geben.</p> - -<p>Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben, -erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein -ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus -seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen -gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit -zurück.</p> - -<p>Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war -alles bezahlt.</p> - -<p>Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung -aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft -sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den -Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze -Kontor-Personal zu einem Punsch ein.</p> - -<p>Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und -schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.</p> - -<p>Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch -noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.</p> - -<p>Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn -literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals -zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.</p> - -<p>Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte -eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu -besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.</p> - -<p>Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen -tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“ -Die Lichter der Kais zitterten im<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> Wasser, das Rollen der Omnibusse -verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die -er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant, -die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine -Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine -Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.</p> - -<p>Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde -es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich -zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.</p> - -<p>Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die -Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle, -ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf -der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet -werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach -Chavignolles befördern ließ.</p> - -<p>Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die -Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen -Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise -nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.</p> - -<p>Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen -ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem -Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag -den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.</p> - -<p>Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der -ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen -Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie -suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung -für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch -in denselben Schlafstätten.</p> - -<p>Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte -sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein -Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das -Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem -Grün aus,<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span> Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am -dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte -Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet -duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine -Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich -vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich -sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen -fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er -spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen -Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen -nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller -von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und -der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte -sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob -die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden -Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich -betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des -Leidens war voll.</p> - -<p>Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch -einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der -letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale -wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.</p> - -<p>Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht -wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er -lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom -Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes -in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine -Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie -auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte, -daß er in einigen Stunden nachkommen würde.</p> - -<p>In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd, -und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits -von Bretteville die Land<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span>straße verlassen hatte, geriet er auf einen -Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu -sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden -ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht -brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen, -und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den -Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um -den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon. -Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und -stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.</p> - -<p>Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach -in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach -Chavignolles.</p> - -<p>Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei -Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten -die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.</p> - -<p>Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht. -Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um -sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr -gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ, -die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden -zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke -befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf -dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft -gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen -die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da -wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“</p> - -<p>Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang -durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen -das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft -schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen, -die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span></p> - -<p>Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu -entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon, -und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung -darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen -von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in -tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.</p> - -<p>Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der -Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode -dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen -stehend. Das war eine Überraschung.</p> - -<p>Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann -schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und -bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib -gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten -im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="II">II</h2> - -</div> - -<p>Welche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard -rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die -beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht -zu betrachten.</p> - -<p>Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune, -daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln.</p> - -<p>Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in -vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen -Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf -der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der -andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten -den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten, -hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler -Pfad.</p> - -<p>Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> Haar in einem -schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an -sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte -ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes.</p> - -<p>Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher -Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister, -Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte; -der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau -Bordin, die von ihren Zinsen lebte. — Was sie selbst anbetraf, so -nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain; -sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den -Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den -Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer -gelegen war.</p> - -<p>Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen -Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen -Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der -Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten -Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte -Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den -die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen.</p> - -<p>In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten -sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut -besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus -Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein -blasses Licht.</p> - -<p>Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie -hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und -seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann.</p> - -<p>Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei, -hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein -Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu -setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut -Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p> - -<p>Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie -erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich, -die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese -Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand, -darüberzuschreiten.</p> - -<p>Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite -zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front.</p> - -<p>Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der -Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten -zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche -stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten -größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten -ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon -nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek -bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere -Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das -eiligste war der Garten.</p> - -<p>Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen -eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock, -während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter -lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. — „Ah! Verzeihung! -Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie -ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten.</p> - -<p>Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu -machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die -Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost.</p> - -<p>Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig -geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er -hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in -der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten. -Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten -sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so -schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> zu nehmen, auf den -Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten.</p> - -<p>Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie, -indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie -gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in -der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll -tief in den Boden eindrang.</p> - -<p>Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit -heftigen Stockschlägen.</p> - -<p>Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten -unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter -herabhängen.</p> - -<p>Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in -drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine -Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum -hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben, -alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande -der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine -Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger, -der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen -verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach -langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit -Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu -wollen!“</p> - -<p>Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf -der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich -nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen -Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten -(sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er -antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, — eine Unhöflichkeit, die -Bouvard tadelte.</p> - -<p>Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie -richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie -gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der -Regen fiel.</p> - -<p>Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen -wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Frühling kam zögernd, und -sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird -kommen!“</p> - -<p>Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig. -Die Reben waren vielversprechend.</p> - -<p>Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch -mit dem Ackerbau gelingen; — und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren -Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien -würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen.</p> - -<p>Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten -einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine -Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich -eine Zusammenkunft.</p> - -<p>Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo -man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der -Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere -Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem -Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel -wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die -sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in -ungleiche Vierecke.</p> - -<p>Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer -zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen -Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich -zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild -spiegelten.</p> - -<p>Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute. -Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder -Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde -lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man -eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt -war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter.</p> - -<p>Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung -und Koteletten. Sein Äußeres ver<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span>einigte den Beamten mit dem Dandy. -Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach.</p> - -<p>Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein -System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu -zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar -an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden. -Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben -für dieses Gerät.</p> - -<p>Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und -dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die -Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es -gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man -konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es -sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während -er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer -Landleute laut werden.</p> - -<p>Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten -trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen -Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide. -Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk -auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für -die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte.</p> - -<p>„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich:</p> - -<p>„O! unbestreitbar!“</p> - -<p>Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das -an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern -ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander -gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden -reichende Röhren fiel.</p> - -<p>„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist -die Basis meiner vierjährigen Kultur.“</p> - -<p>Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam, -ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p> - -<p>Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen -Manieren, ersetzte ihn.</p> - -<p>Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit -bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen -pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor -sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen -vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten -sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens -ergriffen.</p> - -<p>Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben -beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen -nieder.</p> - -<p>Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und -man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem -Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen -Hund neben sich.</p> - -<p>Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie -durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen -lagen.</p> - -<p>Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei -Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit -Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu -diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins -andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe.</p> - -<p>In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine -Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche -Türen, die sich von selbst schlossen.</p> - -<p>Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die -auf Steinmauern ruhten.</p> - -<p>Um den Herren ein Vergnügen zu machen, streute eine Magd einige -Hände voll Hafer vor die Hühner. Der Baum der Kelterpresse schien -ihnen riesenhaft, und sie stiegen ins Taubenhaus empor. Vor allem -die Milchkammer setzte sie in Staunen. Die Hähne in den Ecken gaben -genügend Wasser, die Fliesen zu überschwemmen, und beim Eintritt spürte -man eine Kühle. Braune irdene Gefäße, auf Latten<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> gereiht, waren bis -zum Rande mit Milch gefüllt. Weniger tiefe Näpfe enthielten Sahne. Die -Butterwecken reihten sich aneinander wie Stücke einer Messingsäule, und -der Schaum floß über den Rand der Blecheimer, die man gerade auf den -Boden gesetzt hatte. Doch die Zierde des Gutshofes war der Rinderstall. -Holzlatten, die senkrecht der ganzen Länge nach eingelassen waren, -teilten ihn in zwei Abteilungen: die erste war für das Vieh, die zweite -für die Bedienung. Man konnte nur mit Mühe darin sehen, da alle Luken -geschlossen waren. Die angeketteten Rinder fraßen, und ihre Leiber -strömten eine Wärme aus, welche von der niedrigen Decke zurückschlug. -Doch jemand machte Licht; ein dünner Wasserstrahl ergoß sich plötzlich -in die Rinne, welche an den Raufen entlang lief. Brüllen ertönte; die -Hörner klangen aneinander wie Stöcke. Alle Rinder streckten ihre Mäuler -zwischen den Stäben durch und soffen langsam.</p> - -<p>Die großen Gespanne kamen in den Hof, und Füllen wieherten. Im -Erdgeschoß wurden zwei, drei Laternen angezündet und verschwanden dann. -Die Arbeitsleute gingen vorüber, mit ihren Holzschuhen über die Steine -schlürfend, und die Glocke zum Abendessen ertönte.</p> - -<p>Die beiden Besucher machten sich auf den Heimweg.</p> - -<p>Alles, was sie gesehen hatten, entzückte sie; ihr Entschluß war gefaßt. -Noch am selben Abend entnahmen sie ihrer Bibliothek die vier Bände des -„Landhauses“; auch ließen sie sich Gasparins Abhandlungen zuschicken -und nahmen ein Abonnement auf eine landwirtschaftliche Zeitung.</p> - -<p>Um bequemer auf die Märkte zu kommen, erwarben sie eine zweirädrige -Halbkutsche, die Bouvard lenkte.</p> - -<p>In einem blauen Kittel, mit einem breitrandigen Hut, Gamaschen bis -zum Knie und mit einem Roßhändlerstock in der Hand umschwärmten -sie das Vieh, fragten die Arbeiter aus und verfehlten nicht, allen -Landwirtschaftsfesten beizuwohnen.</p> - -<p>Bald wurden sie Meister Gouy mit ihren Ratschlägen lästig. Sie waren -vor allem mit seiner Dreifelderwirtschaft unzufrieden. Doch der -Pächter hielt an seiner Erfahrung fest. Er bat um den Nachlaß eines -Vierteljahrzinses unter<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> Hinweis auf den Hagelschlag. Von Naturalien -lieferte er nichts ab. Bei noch so gerechten Forderungen begann seine -Frau zu zetern. Schließlich erklärte Bouvard, den Vertrag nicht wieder -erneuern zu wollen.</p> - -<p>Von dem Augenblicke an sparte Meister Gouy den Dünger, ließ das Unkraut -wachsen, richtete den Boden zugrunde und zog mit einer wilden Miene ab, -die Rachepläne verriet.</p> - -<p>Bouvard hatte gedacht, daß zwanzigtausend Franken, das heißt der -vierfache Betrag des Pachtgeldes, für den Anfang genügen würden. Sein -Pariser Notar sandte sie ihm.</p> - -<p>Ihre ganze Anlage umfaßte fünfzehn Hektar an Höfen und Wiesen, -dreiundzwanzig an bestellbarem Lande und fünf an Brachfeld, die auf -einem mit Steinen bedeckten kleinen Berge lagen, den man den Hügel -nannte.</p> - -<p>Sie verschafften sich alle notwendigen Geräte, vier Pferde, zwölf Kühe, -sechs Schweine, hundertsechzig Schafe und an Personal zwei Fuhrleute, -zwei Frauen, einen Hirten; dazu einen großen Hund.</p> - -<p>Um sogleich Geld zu erhalten, verkauften sie die Futterernte: man -bezahlte sie in ihrem Hause. Die Goldstücke, die auf die Haferkiste -gezählt wurden, schienen ihnen glänzender, merkwürdig und besser als -andere.</p> - -<p>Im Monat November kelterten sie Most. Bouvard trieb das Pferd an, und -Pécuchet, der in den Trog gestiegen war, rührte mit einer Schaufel in -den Träbern.</p> - -<p>Sie ächzten beim Anziehen der Schraube, schöpften den Zucker aus dem -Bottich, beobachteten die Spundlöcher, trugen dicke Holzschuhe und -vergnügten sich über die Maßen.</p> - -<p>Von dem Grundsatz ausgehend, daß man nicht genug Getreide haben könne, -gaben sie etwa die Hälfte ihrer künstlichen Wiesen auf; und da sie -keine Dungmittel hatten, bedienten sie sich der Kuchen, die sie in die -Erde ließen, ohne sie zu zerkleinern, so daß der Ertrag jämmerlich war.</p> - -<p>Im folgenden Jahre legten sie das Saatkorn sehr dicht. Unwetter -stellten sich ein. Die Ähren legten sich nieder.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger warfen sie sich mit Eifer auf den Weizen, und sie -unternahmen es, den Hügel von Steinen zu säubern. Ein kleiner Korbwagen -schaffte die Steine fort. Das ganze Jahr über vom Morgen bis zum -Abend, im Regen wie im Sonnenschein, sah man den ewigen Korb<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span>wagen mit -demselben Mann und demselben Pferde den kleinen Hügel emporklimmen, -wieder herabfahren und wieder emporsteigen. Manchmal ging Bouvard -dahinter und machte auf halber Höhe halt, um sich die Stirn zu trocknen.</p> - -<p>Da sie zu niemand Zutrauen hatten, versorgten sie die Tiere selbst und -gaben ihnen Abführmittel und Klistiere.</p> - -<p>Schwerwiegende Fälle von Unordnung kamen vor. Die Viehmagd wurde -schwanger. Sie nahmen verheiratete Leute in ihren Dienst; es begann von -Kindern, Vettern, Basen, Onkeln, Schwägerinnen zu wimmeln; eine ganze -Horde lebte auf ihre Kosten, und sie beschlossen, abwechselnd auf dem -Pachthofe zu schlafen.</p> - -<p>Doch des Abends waren sie traurig gestimmt. Die Unsauberkeit des -Zimmers war ihnen widerwärtig, und Germaine, die die Mahlzeiten -herbeibrachte, brummte bei jeder Reise. Man hielt die beiden auf alle -Art zum Narren. Die Drescher stopften Getreide in ihre Trinkkrüge. -Pécuchet faßte einen dabei und schrie, während er ihn bei den Schultern -packte und hinausjagte:</p> - -<p>„Elender! Du bist die Schande des Dorfes, das dich zur Welt kommen sah.“</p> - -<p>Seine Persönlichkeit flößte nicht den geringsten Respekt ein. — -Übrigens machte er sich Gewissensbisse, sooft er den Garten sah. Seine -ganze Zeit würde eben ausgereicht haben, ihn in guter Ordnung zu -halten. — Bouvard wollte die Sorge um den Pachthof übernehmen. Sie -berieten darüber, und diese Maßnahme war beschlossene Sache.</p> - -<p>Der wichtigste Punkt war, gute Mistbeete zu bekommen. Pécuchet ließ -eins aus Ziegeln bauen. Er selber strich die Rahmen an, und da er die -Sonnenstrahlen fürchtete, beschmierte er alle Schutzgläser mit Kreide.</p> - -<p>Bei den Steckreisern übte er die Vorsicht, die Spitzen mit den -Blättern zu entfernen. Dann machte er sich emsig an das Absenken. Er -versuchte verschiedene Arten der Veredelung, Pfropfen mit der Pfeife, -kronenweises Pfropfen, Okulieren, krautiges Pfropfen, Veredelung auf -englische Art. Mit welcher Sorgfalt paßte er die Bastenden aneinander! -Wie fest er die Fäden anzog! Welch eine Menge Baumwachs er darüber -legte!</p> - -<p>Zweimal täglich nahm er seine Gießkanne und schwenkte<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> sie über den -Pflanzen, als wenn er sie beweihräucherte. Wie sie unter der Wirkung -des Wassers, das als feiner Regen herabfiel, grünten, glaubte er, -seinen eigenen Durst zu löschen und in ihnen wieder zu erstehen. Dann -ließ er sich hinreißen, nahm die Brause von der Gießkanne und goß in -vollem Strom reichlich darüber.</p> - -<p>Am Ende des Laubenganges, in der Nähe der Gipsdame, erhob sich eine Art -Hütte aus Stangenholz. Pécuchet verwahrte dort seine Geräte, und er -verbrachte hier wundervolle Stunden mit dem Aussuchen der Sämereien, -dem Schreiben von Etiketten, der Ordnung seiner kleinen Töpfe. Wenn er -sich ausruhte, setzte er sich auf eine Kiste vor die Tür und träumte -dann von Verschönerungen.</p> - -<p>Unten an der Freitreppe hatte er zwei Körbe mit Geranien angebracht; -zwischen die Zypressen und die pyramidenförmig geschnittenen Obstbäume -pflanzte er Sonnenblumen; — und da die Beete mit Butterblumen und alle -Wege mit frischem Sand bedeckt waren, so blendete der Garten durch eine -Überfülle von gelben Farben.</p> - -<p>Doch das Mistbeet wimmelte von Larven; trotz der neuen Bedüngung mit -trockenem Laub entstand hinter den gestrichenen Rahmen und unter -den beschmierten Schutzgläsern nur eine verkrüppelte Vegetation. -Die Stecklinge faßten nicht Wurzel; die Pfropfreiser fielen ab, die -Satzreiser trieben nicht mehr, die Bäume hatten den Schimmel an der -Wurzel; die Samenbeete waren ein Jammer. Der Wind schien eine Lust -daran zu finden, die Bohnenstangen niederzuwerfen. Die übermäßige -Bedüngung mit Jauche schadete den Erdbeerpflanzen, die mangelhafte -Beschneidung den Tomaten.</p> - -<p>Er hatte denselben Mißerfolg mit Rosenkohl, Auberginen, Rüben und -Brunnenkresse, die er in einem Kübel hatte ziehen wollen. Als das -Tauwetter zu Ende war, waren alle Artischocken dahin. Der Kohl war sein -Trost. Besonders ein Kohlkopf machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete -sich, schoß empor, wurde schließlich ein Wunder und war vollkommen -ungenießbar. Gleichviel, Pécuchet war zufrieden, ein solches Ungeheuer -zu besitzen.</p> - -<p>Dann machte er einen Versuch in dem, was ihm der Gipfel der Kunst zu -sein schien: in der Melonenkultur.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p> - -<p>Er säte Körner verschiedener Sorten in Teller, die mit Humuserde -gefüllt waren, und die er in sein Mistbeet einsetzte. Dann legte er -ein zweites Mistbeet an; und als es seine Hitze verloren hatte, setzte -er die schönsten jungen Pflanzen um, mit den Schutzgläsern darüber. -Er beschnitt sie ganz nach den Vorschriften des „Guten Gärtners“, -achtete auf die Blüten, ließ die Früchte ansetzen, wählte eine auf -jedem Zweig, vernichtete die anderen, und sobald sie die Dicke einer -Nuß hatten, schob er unter ihre Schale ein kleines Brett, um sie am -Faulen durch Berührung mit dem Mist zu hindern. Er begoß sie, setzte -sie der Luft aus, wischte mit seinem Taschentuch den Niederschlag von -den Schutzgläsern ab, — und wenn sich Wolken zeigten, trug er eilig -Strohmatten herbei.</p> - -<p>Des Nachts ließen sie ihn nicht schlafen. Mehrere Male erhob er -sich sogar wieder; und mit bloßen Füßen in den Schuhen und im Hemde -zitternd durchschritt er den ganzen Garten, um seine Bettdecke über die -Treibkästen zu breiten.</p> - -<p>Die Warzenmelonen reiften. Bei der ersten schnitt Bouvard eine -Grimasse. Die zweite war nicht besser, die dritte ebenfalls nicht. -Pécuchet hatte jedesmal eine neue Entschuldigung bis zur letzten, die -er aus dem Fenster warf, wobei er erklärte, daß er das nicht verstehe.</p> - -<p>In der Tat, da er die verschiedenen Arten beieinander gezogen hatte, -hatten sich die Zuckermelonen mit den Netzmelonen vermischt, die dicke -portugiesische mit der großen mongolischen, — und da die Nachbarschaft -der Tomaten die Zuchtlosigkeit voll machte, waren schreckliche -Kreuzungen entstanden, die den Geschmack von Kürbissen hatten.</p> - -<p>Dann warf sich Pécuchet auf die Blumenzucht. Er schrieb an Dumouchel -wegen Samenpflanzen, kaufte einen Vorrat Heideerde und machte sich -entschlossen ans Werk.</p> - -<p>Aber er pflanzte die Passionsblumen in den Schatten, die -Stiefmütterchen in die Sonne, bedeckte die Hyazinthen mit Dünger, -begoß die Lilien nach der Blüte, vernichtete die Rhododendren durch -übermäßiges Abbinden der Zweige, trieb die Fuchsien mit Leim und dörrte -einen Granatbaum, indem er ihn dem Feuer in der Küche aussetzte.</p> - -<p>Beim Herannahen der Kälte schützte er die Heckenrosen<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> mit Schutzhüllen -aus starkem Papier, das mit Talglicht zusammengekittet war; sie sahen -aus wie Zuckerhüte, die an Stöcken in der Luft schwebten.</p> - -<p>Die Stangen der Dahlien waren ungeheuerlich, — und man bemerkte -zwischen diesen geraden Stöcken die gewundenen Zweige einer Sophora -japonica, die in unverändertem Zustande verharrte, ohne auszugehen und -ohne zu wachsen.</p> - -<p>Da indessen die seltensten Bäume in den Gärten der Hauptstadt gediehen, -mußten sie auch in Chavignolles fortkommen; und Pécuchet verschaffte -sich indischen Flieder, chinesische Rosen und den Eukalyptus, der -damals gerade in Mode gekommen war. Alle seine Versuche schlugen fehl. -Er war jedesmal sehr erstaunt darüber.</p> - -<p>Gleich ihm stieß Bouvard auf Hindernisse. Sie fragten einander um -Rat, schlugen ein Buch auf, griffen zu einem anderen und wußten dann -nicht, wofür sie sich bei der Verschiedenheit der Ansichten entscheiden -sollten.</p> - -<p>So empfiehlt zum Beispiel Puvis den Mergel; das Handbuch Roret verwirft -ihn.</p> - -<p>Was den Gips anlangt, so scheinen trotz Franklins Vorgang Riefel und -Herr Rigaud nicht dafür begeistert.</p> - -<p>Das Brachliegen der Felder war Bouvard zufolge ein gotisches Vorurteil. -Indessen verzeichnet Leclerc Fälle, wo es beinahe unerläßlich ist. -Gasparin führt einen Einwohner von Lyon an, der während eines halben -Jahrhunderts Getreide auf demselben Felde baute: das widerlegt die -Theorie der Koppelwirtschaft. Tull preist die Bearbeitung auf Kosten -der Bedüngung; und da kommt der Major Beetson und verwirft die -Bedüngung zugleich mit der Bearbeitung!</p> - -<p>Um das Wetter im voraus bestimmen zu können, studierten sie die Wolken -nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie betrachteten jene, die sich -wie eine Mähne lang hinbreiten, die, welche Inseln gleichen, die, -welche man für Schneeberge halten könnte, wobei sie versuchten, die -Nimbus- von den Cirrusformen, die Stratus- von den Cumulusbildungen zu -unterscheiden; die Formen veränderten sich, ehe sie die Namen gefunden -hatten.</p> - -<p>Das Barometer täuschte sie, durch das Thermometer erfuhren sie nichts; -und sie nahmen ihre Zuflucht zu dem Mittel, das sich ein Priester in -der Touraine unter Lud<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span>wig XV. ausgedacht hatte. Ein Blutegel in einer -Glasglocke sollte bei Regenwetter emporsteigen, bei beständig gutem -sich auf dem Grunde halten, sich regen, wenn Unwetter drohte. Aber fast -immer widersprach der Luftdruck dem Blutegel. Sie setzten noch drei -andere zu diesem ersten. Alle vier benahmen sich auf verschiedene Weise.</p> - -<p>Nach reiflicher Überlegung erkannte Bouvard, daß er sich getäuscht -hatte. Sein Gut erforderte eine Bewirtschaftung im großen, eine -starke Anspannung, und er setzte aufs Spiel, was ihm von verfügbaren -Kapitalien blieb, dreißigtausend Franken.</p> - -<p>Von Pécuchet angeregt, geriet er in eine Begeisterung für Dünger. In -die Kompostgrube wurden Strauchwerk, Blut, Gedärme, Federn, alles, was -er entdecken konnte, geworfen. Er verwandte belgischen Blutdünger, -Schweizer Aschendünger, Laugenwasser, saure Heringe, Seetang, Lumpen, -ließ Guano kommen, versuchte, welchen herzustellen, — und seine -Prinzipien auf die Spitze treibend, duldete er nicht, daß der Urin -verloren ging; er schaffte die Aborte ab. Man brachte Tierleichen in -seinen Hof, mit denen er die Erde düngte. Ihr zerschnittenes Aas wurde -auf die Felder geworfen. Bouvard lächelte inmitten dieser Verpestung. -Eine Pumpe, die auf einem Karren befestigt war, spie Jauche auf die -Erntefelder. Zu denen, die sich davon angewidert zeigten, sagte er:</p> - -<p>„Aber das ist Gold! Das ist Gold!“</p> - -<p>Und er bedauerte, nicht noch mehr Dünger zu haben. Glücklich die -Länder, in denen man natürliche Höhlen ganz voller Vogelmist findet!</p> - -<p>Der Raps war kläglich, der Hafer mittelmäßig, und das Korn verkaufte -sich schlecht wegen seines Geruchs. Eine sonderbare Tatsache war, daß -der Hügel, nachdem er von Steinen gereinigt war, weniger hervorbrachte -als früher.</p> - -<p>Er hielt es für geraten, seine Geräte zu erneuern. Er kaufte eine -Messeregge, System Guillaume, einen Grubberpflug, Marke Valcourt, -eine englische Säemaschine und den räderlosen Pflug des Mathieu von -Dombasle; doch der Pflüger machte ihn herunter.</p> - -<p>„Lerne damit umzugehen!“</p> - -<p>„Gut! Zeigen Sie es mir!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span></p> - -<p>Er versuchte, ihn vorzuführen, kam nicht zurecht damit, und die Bauern -lachten höhnisch.</p> - -<p>Nie vermochte er, sie an das Glockenzeichen zu gewöhnen. Unaufhörlich -schrie er hinter ihnen her, rannte bald hier-, bald dorthin, schrieb -seine Beobachtungen in ein Notizbuch, bestellte sie zu sich und dachte -nicht mehr daran, — und sein Kopf kochte von Unternehmergedanken. -Er hatte vor, Mohn anzubauen im Hinblick auf die Opiumgewinnung, und -besonders den Tragant, den er als „Familienkaffee“ verkaufen wollte.</p> - -<p>Um die Ochsen schneller zu mästen, ließ er ihnen alle vierzehn Tage zur -Ader.</p> - -<p>Er ließ kein einziges von den Schweinen schlachten und stopfte sie mit -gesalzenem Hafer. Bald wurde der Schweinestall zu eng. Sie versperrten -den Hof, stießen die Einfriedigungen ein, bissen die Leute.</p> - -<p>Während der großen Hitze wurden fünfundzwanzig Hammel von der -Drehkrankheit befallen und krepierten bald darauf.</p> - -<p>In derselben Woche verendeten drei Ochsen, eine Folge der Aderlässe -Bouvards.</p> - -<p>Um die Engerlinge zu vernichten, kam er auf den Gedanken, die Hühner -in einen rollenden Käfig zu sperren, den zwei Männer hinter dem Pflug -herschoben; — was nicht verfehlte, den Tieren die Pfoten zu zerbrechen.</p> - -<p>Er stellte Bier aus den Blättern des Gamander her und gab es den -Schnittern an Stelle von Most. Erkrankungen der Eingeweide waren die -Folge. Die Kinder weinten, die Frauen wimmerten, die Männer waren -wütend. Sie drohten alle fortzugehen, und Bouvard gab nach.</p> - -<p>Um sie jedoch von der Unschädlichkeit seines Getränkes zu überzeugen, -trank er in ihrer Gegenwart mehrere Flaschen herunter, fühlte sich -unwohl, verbarg aber seine Schmerzen unter einer lustigen Miene. Er -ließ sich das Gebräu sogar ins Haus bringen. Am Abend trank er mit -Pécuchet davon, und beide gaben sich Mühe, es gut zu finden. Übrigens -durfte es nicht ungenützt verloren gehen.</p> - -<p>Da Bouvards Kolik immer heftiger wurde, holte Germaine den Arzt.</p> - -<p>Der Arzt war ein ernster Mann mit gewölbter Stirn, der<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> damit anfing, -seinen Patienten Furcht einzujagen. Die Cholerine des Herrn müsse -von dem Bier herrühren, von dem man im ganzen Orte sprach. Er wollte -die Zusammensetzung wissen und tadelte sie in wissenschaftlichen -Ausdrücken, wobei er die Achseln zuckte. Pécuchet, der das Rezept -geliefert hatte, war tief gedemütigt.</p> - -<p>Trotz der verderblichen Kalkdüngung, der Ersparnis der zweiten -Bearbeitung und der unzeitgemäßen Ausrodung hatte Bouvard im folgenden -Jahre eine schöne Weizenernte vor sich. Er wollte sie durch Gärung -nach dem System Clap-Mayer auf holländische Art trocknen lassen; -— das heißt, er ließ sie auf einmal schneiden und in große Haufen -zusammenlegen, die man auseinanderreißen würde, sobald das Gas zu -entweichen begänne; dann sollten sie der freien Luft ausgesetzt werden; -— darauf zog er sich ohne die geringste Besorgnis zurück.</p> - -<p>Als sie am Tage darauf beim Essen saßen, hörten sie unter dem -Buchengang Trommelwirbel. Germaine ging, um zu sehen, was es gab; doch -der Mann war schon weit. Fast gleichzeitig begann die Glocke der Kirche -heftig zu läuten.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet wurden von Angst gepackt. Sie erhoben sich, und in -ihrer Ungeduld, etwas zu erfahren, gingen sie ohne Kopfbedeckung in der -Richtung auf Chavignolles.</p> - -<p>Eine alte Frau kam des Weges. Sie wußte von nichts. Sie hielten einen -kleinen Knaben an; er antwortete:</p> - -<p>„Ich glaube, es brennt!“</p> - -<p>Und der Trommler fuhr fort zu trommeln, die Glocke läutete stärker. -Endlich erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes. Der Krämer rief -ihnen von weitem zu:</p> - -<p>„Das Feuer ist bei Ihnen!“</p> - -<p>Pécuchet setzte sich in Turnerschritt; und er sagte zu Bouvard, der im -gleichen Trab an seiner Seite lief:</p> - -<p>„Eins, zwei; eins, zwei!“ — im Takte wie die Jäger von Vincennes.</p> - -<p>Die Straße, die sie zurücklegten, ging bergan; das aufsteigende Gelände -verbarg ihnen den Horizont. Sie kamen oben an in die Nähe des Hügels, -und mit einem Blick überschauten sie das ganze Unglück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p> - -<p>Die sämtlichen Schober flammten hier und dort wie Vulkane auf der -nackten Ebene im Abendfrieden.</p> - -<p>Um den größten standen etwa dreihundert Personen; und unter Anweisung -des Bürgermeisters, des Herrn Foureau, in dreifarbiger Schärpe, zogen -Burschen mit Stangen und Haken das Stroh vom Gipfel, um das übrige zu -retten.</p> - -<p>Bouvard hätte in seinem Eifer beinahe Frau Bordin umgerannt, die dort -stand. Dann bemerkte er einen von seinen Leuten und überhäufte ihn mit -Schimpfreden, weil er ihn nicht benachrichtigt habe. Der Knecht war -jedoch aus übermäßigem Eifer zuerst ins Haus gerannt, dann zur Kirche, -schließlich zu seinem Herrn und war einen andern Weg zurückgekommen.</p> - -<p>Bouvard verlor den Kopf. Sein Gesinde umringte ihn, alle sprachen -zugleich, und er untersagte, die Schober abzutragen; er bat inständig -um Hilfe, forderte Wasser, verlangte die Feuerwehr.</p> - -<p>„Haben wir denn eine!“ rief der Bürgermeister.</p> - -<p>„Das ist Ihre Schuld!“ erwiderte Bouvard.</p> - -<p>Er wurde hitzig, brachte unziemliche Reden vor, und alle bewunderten -Herrn Foureaus Geduld, der doch brutal war, wie seine dicken Lippen und -sein Bulldoggenkiefer anzeigten.</p> - -<p>Die Hitze der Schober wurde so stark, daß man ihnen nicht mehr nahe -kommen konnte. Knisternd drehte sich das Stroh unter den verzehrenden -Flammen; die Getreidekörner peitschten das Gesicht wie Bleikugeln. Dann -stürzte der Haufe zu einer großen Glutmasse zusammen; Funken stoben -daraus hervor; und Schimmer wogten über diese rote Masse, die in den -wechselnden Tönen rotgoldene Stellen zeigte und andere, die braun waren -wie geronnenes Blut. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind blies; -Rauchwirbel hüllten die Menge ein. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Funke über -den dunklen Himmel.</p> - -<p>Bouvard betrachtete den Brand unter leisem Weinen. Seine Augen -verschwanden hinter ihren geschwollenen Lidern, und sein ganzes Gesicht -war wie von Schmerz geweitet. Frau Bordin rief ihm zu, während sie mit -den Fransen ihres grünen Schals spielte: „Armer Herr Bouvard!“ Sie -versuchte ihn zu trösten. Da man nichts daran ändern könne, müsse er -sich ins Unabänderliche fügen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span></p> - -<p>Pécuchet weinte nicht. Sehr blaß oder vielmehr erdfahl, mit offenem -Munde und kaltem, klebrigem Schweiß im Haar, hielt er sich abseits, -in seine Betrachtungen versunken. Doch der Pfarrer, der plötzlich -aufgetaucht war, murmelte mit schmeichlerischer Stimme:</p> - -<p>„Ach, welch ein Unglück, fürwahr; das ist sehr betrüblich! Seien Sie -sicher, daß ich Anteil nehme...“</p> - -<p>Die anderen heuchelten keine Trauer. Sie plauderten lächelnd, die Hand -zum Schutz gegen die Flammen erhoben. Ein Alter hob die brennenden -Halme auf, um seine Pfeife anzuzünden. Kinder begannen zu tanzen. Ein -Schelm rief sogar, das sei recht spaßig.</p> - -<p>„Ja, der ist gut, der Spaß!“ antwortete Pécuchet, der es gerade gehört -hatte.</p> - -<p>Das Feuer nahm ab, die Haufen fielen zusammen, und eine Stunde darauf -waren nur noch Aschenreste übrig, die auf dem Gelände runde schwarze -Stellen bildeten. Da ging man nach Hause.</p> - -<p>Frau Bordin und der Abbé Jeufroy begleiteten die Herren Bouvard und -Pécuchet bis zu ihrer Wohnung.</p> - -<p>Auf dem Wege machte die Witwe ihrem Nachbar in sehr liebenswürdiger -Weise Vorwürfe über sein ungeselliges Wesen, und der Geistliche -drückte seine volle Verwunderung aus, daß er bis jetzt noch nicht die -Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mitgliedes seines Kirchspiels -habe machen können.</p> - -<p>Alleingelassen suchten sie die Ursache des Brandes, und anstatt wie -alle anderen zu erkennen, daß das feuchte Stroh sich von selbst -entzündet hatte, vermuteten sie einen Racheakt. Es war ohne Zweifel -das Werk Meister Gouys oder vielleicht des Maulwurffängers. Sechs -Monate zuvor hatte Bouvard seine Dienste zurückgewiesen und sogar -vor einem Zuhörerkreise die Ansicht vertreten, die Regierung müsse -diesen Erwerbszweig untersagen, da er verderblich sei. Seit jener Zeit -trieb sich der Mensch in der Umgegend umher. Er hatte seinen Bart -wachsen lassen und schien ihnen furchtbar, besonders des Abends, wenn -er sich am Rande der Höfe zeigte und seinen langen Stecken, der mit -aufgehangenen Maulwürfen besetzt war, schüttelte.</p> - -<p>Der Schaden war beträchtlich, und um sich über ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> Lage zu -vergewissern, arbeitete Pécuchet acht Tage lang über Bouvards -Buchungen, die ihm ein „wahres Labyrinth“ zu sein schienen. Nachdem -er das Tagebuch, die Korrespondenz und das Hauptbuch, das mit -Bleistiftnotizen und Verweisungen bedeckt war, verglichen hatte, -erkannte er die Wahrheit: keine Ware zu verkaufen, keine Gelder -einzukassieren, und in der Kasse nichts. An Stelle des Kapitals -figurierte ein Fehlbetrag von dreiunddreißigtausend Franken.</p> - -<p>Bouvard wollte es nicht glauben, und mehr als zwanzigmal fingen sie von -neuem an zu rechnen. Sie kamen immer zu demselben Schlußergebnis. Noch -zwei Jahre einer solchen Ackerwirtschaft, und ihr Vermögen ging darauf! -Die einzige Abhilfe war, zu verkaufen.</p> - -<p>Auf jeden Fall mußte man einen Notar um Rat fragen. Der Gang war -peinlich; Pécuchet unterzog sich ihm.</p> - -<p>Der Ansicht des Herrn Marescot zufolge war es besser, keine Zettel -anzukleben. Er wollte ernsthaften Käufern gegenüber von dem Pachthof -sprechen und deren Vorschläge abwarten.</p> - -<p>„Sehr gut,“ sagte Bouvard, „man hat Zeit vor sich.“ Er wollte einen -Pächter nehmen, dann würde man sehen. „Wir werden nicht unglücklicher -sein als früher; nur sind wir jetzt aufs Sparen angewiesen.“</p> - -<p>Das durchkreuzte Pécuchets Absichten hinsichtlich der Gartenbebauung, -und einige Tage darauf sagte er:</p> - -<p>„Wir sollten uns ausschließlich der Obstbaumkultur widmen, nicht zum -Vergnügen, sondern aus Spekulation. Eine Birne, die drei Sous Unkosten -macht, wird in der Hauptstadt oft für fünf bis sechs Franken verkauft. -Mit Aprikosen erzielen Gärtner ein Einkommen von fünfundzwanzigtausend -Livres. In Sankt Petersburg bezahlt man im Winter Trauben die Dolde mit -einem Napoleon. Das ist ein guter Erwerb, das wirst du zugeben. Und was -sind die Kosten? Sorgfalt, Dünger und das Schleifen des Gartenmessers!“</p> - -<p>Er regte Bouvards Einbildungskraft so an, daß sie sogleich aus ihren -Büchern eine Liste der zu kaufenden Setzlinge zusammenstellten, und -nachdem sie die Namen ausgewählt hatten, die ihnen am merkwürdigsten -vorkamen, wandten sie sich an einen Baumschulgärtner zu Falaise; er<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> -lieferte ihnen schleunigst dreihundert Stämme, die er nicht anbringen -konnte.</p> - -<p>Sie ließen einen Schlosser für die Spalierstangen kommen, einen -Eisenhändler zum Spannen des Drahtes der Spaliere, einen Zimmermann -für die Stützen. Die Formen der Bäume waren im voraus gezeichnet. Auf -die Mauer genagelte Lattenstücke bildeten Kandelaber. Zwei Pfähle an -jedem Ende der Langbeete dienten als Stützen zur wagerechten Führung -der Drähte; und im Obstgarten deuteten Reifen die Form von Vasen, -dünne Stäbe in kegelförmiger Anordnung die von Pyramiden an, so daß -die Besucher Teile einer unbekannten Maschinerie oder Gerüste von -Feuerwerkskörpern zu sehen glaubten.</p> - -<p>Nachdem die Pflanzlöcher ausgeworfen waren, beschnitten sie die Spitzen -der Wurzeln, sowohl der guten wie der schlechten, und setzten sie in -Kompost ein. Sechs Monate darauf waren die jungen Bäume eingegangen. -Neue Bestellungen beim Gärtner und neue Pflanzungen in noch tiefere -Löcher folgten. Doch da der Regen den Boden aufweichte, sanken die -Augen von selbst in die Erde, und die Bäume wurzelten ab.</p> - -<p>Als der Frühling gekommen war, gab Pécuchet sich an das Beschneiden der -Birnbäume. Er ließ die Nebenstämme stehen, verschonte die unfruchtbaren -Zweige, und da er sich darauf versteifte, die Duchesse-Birnen, -die einarmige Kordons bilden sollten, rechtwinklig umzubiegen, so -brach oder riß er sie unweigerlich ab. Bei den Pfirsichen konnte er -sich nicht in den Leitzweigen, den früheren oder späteren Trieben -zurechtfinden. Leere und volle Stellen fanden sich immer da ein, wo er -sie nicht brauchen konnte; und es war unmöglich, an dem Spalier ein -vollkommenes Rechteck mit sechs Zweigen zur Rechten und sechs Zweigen -zur Linken zu bekommen, von den beiden Leitzweigen abgesehen, so daß -das Ganze eine schöne Fischgräte gebildet hätte.</p> - -<p>Bouvard versuchte die Aprikosen zu ziehen; sie zeigten sich -widerspenstig. Er schnitt ihre Stämme bis zur Erde weg; keiner schlug -wieder aus. Die Kirschbäume, denen er Einschnitte gemacht hatte, -brachten Harz hervor.</p> - -<p>Zuerst beschnitten sie sehr weit, wodurch die Augen am<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> Grunde -eingingen, dann zu kurz, was Wasserreiser zur Folge hatte; und häufig -waren sie in Verlegenheit, da sie die Holztriebe nicht von den -Blütenknospen unterscheiden konnten. Sie hatten sich über die Blüte -gefreut; aber nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatten, rissen sie -dreiviertel davon ab, um das übrige zu kräftigen.</p> - -<p>Beständig redeten sie von Saft und Kambium, von Einspalieren, -Beschneiden und Wegnehmen der Augen. In ihrem Eßzimmer hing in einem -Rahmen die Liste ihrer Setzlinge, deren Nummer sich im Garten auf einem -kleinen Holze am Fuße des Baumes wiederholte.</p> - -<p>Sie erhoben sich mit der Morgenröte und arbeiteten bis in die Nacht, -den Basthalter am Gürtel. Während der kühlen Frühlingsmorgen behielt -Bouvard seine Trikotjacke unter seiner Bluse, Pécuchet seinen alten -Rock unter seinem langen Leinwandkittel, und die Leute, die am Gitter -vorübergingen, hörten sie durch den Nebel husten.</p> - -<p>Zuweilen zog Pécuchet sein Handbuch aus der Tasche, und er studierte -stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des -Gärtners, der den Titel des Buches zierte. Diese Ähnlichkeit war ihm -sogar sehr schmeichelhaft. Der Verfasser stieg dadurch in seiner -Achtung.</p> - -<p>Bouvard hockte beständig oben auf einer Leiter vor den Pyramiden. -Eines Tages wurde er von Schwindel erfaßt, und da er nicht wagte, -herunterzuklettern, schrie er, Pécuchet möge ihm zu Hilfe kommen.</p> - -<p>Endlich zeigten sich die Birnen, und im Obstgarten gab es Pflaumen. Da -wandten sie gegen die Vögel alle Künste an, die man empfiehlt. Doch -die Spiegelglasscheiben flimmerten so, daß sie davon geblendet waren, -das Klappern der Windmühle weckte sie in der Nacht, und die Sperlinge -setzten sich auf den Strohmann. Sie verfertigten einen zweiten und -sogar einen dritten, deren Kostüme sie anders gestalteten, doch ohne -Erfolg.</p> - -<p>Doch konnten sie auf ein paar Früchte hoffen. Pécuchet hatte gerade -seine Aufzeichnungen darüber an Bouvard gegeben, als plötzlich der -Donner grollte und der Regen fiel — ein schwerer, heftiger Regen. -Der Wind schüttelte in Zwischenräumen die ganze Fläche der Spaliere. -Die Stützen legten sich eine nach der anderen zu Boden — und an den<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> -unglücklichen Pyramiden, die im Winde schwankten, stießen die Birnen -aneinander.</p> - -<p>Pécuchet hatte sich, als er vom Sturzregen überrascht wurde, in die -Hütte geflüchtet. Bouvard hielt sich in der Küche auf. Sie sahen, wie -vor ihnen Holzsplitter, Zweige, Schieferstücke im Winde umherwirbelten, -— und die Seemannsfrauen, die zehn Meilen von dort an der Küste auf -das Meer auslugten, schauten nicht sehnsüchtiger und waren nicht -beklommener im Herzen. Dann stürzten plötzlich die Träger und Stangen -der Gegenspaliere auf die Beete.</p> - -<p>Welches Bild, als sie ihren Rundgang machten! Die Kirschen und Pflaumen -bedeckten das Gras zwischen den Hagelkörnern, die schmolzen. Die -Passecolmar waren vernichtet, ebenso wie die Bési-des-vétérans und die -Triomphes-de-Jordoigne. Kaum, daß von den Äpfeln einige Bons-papas -blieben, — und zwölf Tétons-de-Vénus, die ganze Pfirsichernte, rollten -in den Wasserlachen neben dem entwurzelten Buchsbaum.</p> - -<p>Nach dem Mahle, bei dem sie sehr wenig aßen, sagte Pécuchet sanft:</p> - -<p>„Wir täten gut, auf dem Pachthof nachzusehen, ob nicht etwas -vorgefallen ist?“</p> - -<p>„Pah! um noch neue Gründe zur Verstimmung zu entdecken!“</p> - -<p>„Vielleicht! Denn wir sind keineswegs vom Schicksal begünstigt.“</p> - -<p>Und sie jammerten über die Vorsehung und über die Natur. Bouvard, die -Ellbogen auf den Tisch gestützt, gab sein leises Pfeifen von sich, -und da alle Schmerzen in Verbindung stehen, kamen ihm seine alten -Landwirtschaftspläne ins Gedächtnis zurück, besonders die Mehlbereitung -und eine neue Käseart.</p> - -<p>Pécuchet atmete lärmend, und während er sich Tabakprisen in die -Nasenlöcher stopfte, dachte er, wenn das Schicksal es gewollt hätte, -wäre er jetzt Mitglied eines Vereins für Ackerbau, er würde auf den -Ausstellungen glänzen und in den Zeitungen genannt sein.</p> - -<p>Bouvard ließ kummervolle Blicke umherschweifen.</p> - -<p>„Meiner Treu! ich habe Lust, mich des ganzen Krams zu entledigen, damit -wir uns anderswo ansiedeln können!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span></p> - -<p>„Wie du willst,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Und einen Augenblick später:</p> - -<p>„Die Verfasser empfehlen, jeden direkten Zufluß zu unterbinden. -Der Saft wird dadurch in seinem Laufe gehemmt, und der Baum leidet -notwendigerweise darunter. Um sich wohl zu befinden, müßte er -keine Früchte tragen. Indessen bringen die, welche man niemals -beschneidet und nie düngt, Früchte, allerdings weniger große, aber -desto schmackhaftere. Man gebe mir den Grund davon an! — und es -verlangt nicht nur jede Art ihre besondere Behandlung, sondern sogar -jede einzelne Pflanze, gemäß dem Klima, der Temperatur, ein Wirrwarr -von Dingen! Wo ist da die Regel? Und welche Hoffnung haben wir auf -irgendeinen Erfolg oder Nutzen?“</p> - -<p>Bouvard antwortete ihm:</p> - -<p>„Du wirst bei Gasparin sehen, daß der Nutzen nicht den zehnten Teil des -Anlagekapitals übersteigen kann. Also täte man besser, dieses Kapital -in eine Bank zu legen. Nach fünfzehn Jahren würde man durch Anhäufung -der Zinsen die doppelte Summe besitzen, ohne sich die Gesundheit zu -verderben.“</p> - -<p>Pécuchet senkte den Kopf.</p> - -<p>„Sollte die Baumzucht wohl Schwindel sein?“</p> - -<p>„Wie die Wissenschaft vom Ackerbau!“ erwiderte Bouvard.</p> - -<p>Dann klagten sie sich an, zu ehrgeizig gewesen zu sein, und sie -beschlossen, fortan mit ihrer Mühe und ihrem Gelde sparsamer zu -wirtschaften. Im Obstgarten würde ein Ausputzen der Bäume von Zeit -zu Zeit genügen. Die Gegenspaliere wurden verworfen, und sie wollten -die eingegangenen und umgebrochenen Bäume nicht ersetzen; doch würden -sich sehr häßliche Zwischenräume ergeben, wofern man nicht alle noch -stehenden wegnehmen wollte. Wie dabei verfahren?</p> - -<p>Pécuchet entwarf mehrere Zeichnungen, wobei er sich seines -Reißzeuges bediente. Bouvard gab ihm Ratschläge. Sie kamen zu keinem -befriedigenden Resultat. Glücklicherweise fanden sie in ihrer -Bibliothek das Werk von Boitard, „Der Gartenarchitekt“ betitelt.</p> - -<p>Der Verfasser teilt sie in eine unendliche Anzahl von<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> Arten ein. -Zunächst gibt es da die melancholisch-romantische Art, die sich -durch Immortellen zu erkennen gibt, durch Ruinen, Grabmäler und „ein -Votiv-Bild mit einer Jungfrau, das die Stelle anzeigt, wo ein vornehmer -Herr unter dem Stahl eines Mörders gefallen ist“. Das schreckliche -Genre stellt man mit Hilfe von überhangenden Felsen, zerschmetterten -Bäumen, in Brand gesetzten Hütten her; das exotische Genre, indem man -peruanische Fackeldisteln pflanzt, „um einem Pflanzer oder Reisenden -Erinnerungen wachzurufen“. Das ernste Genre muß gleich Ermenonville -einen Tempel der Philosophie aufweisen. Die Obelisken und Triumphbögen -charakterisieren das majestätische Genre. Moos und Grotten das -geheimnisvolle; ein See das träumerische Genre. Es gibt sogar ein -phantastisches Genre, dessen schönstes Beispiel vor kurzem in einem -Garten in Württemberg zu sehen war, — denn man sah dort nacheinander -einen Eber, einen Eremiten, mehrere Grabmäler und eine Barke, die von -selbst vom Ufer abstieß, um den Besucher in einen Raum zu bringen, wo -Wasserkünste ihn überschütteten, wenn man sich auf das Sofa setzte.</p> - -<p>Vor diesem Horizont von Wundern waren Bouvard und Pécuchet wie -geblendet. Das phantastische Genre schien ihnen Fürsten vorbehalten zu -sein. Der Tempel der Philosophie würde zu viel Platz einnehmen. Das -Votiv-Bild mit der Madonna würde des Sinnes entbehren angesichts der -fehlenden Mörder, und die amerikanischen Pflanzen — um so schlimmer -für die Pflanzer und die Reisenden — würden zu viel Geld kosten. Aber -die Felsen lagen im Bereich der Möglichkeit, ebenso die zerschmetterten -Bäume, die Immortellen und das Moos, — und in immer zunehmender -Begeisterung stellten sie nach vielem Hin- und Hersuchen mit Hilfe -eines einzigen Dieners und für eine ganz geringe Summe einen Wohnsitz -her, wie er im ganzen Orte nicht seinesgleichen hatte.</p> - -<p>Der hier und da durchbrochene Laubengang öffnete sich auf eine -Anpflanzung, die nach Art eines Labyrinthes von gewundenen Alleen -durchzogen war. In der Spaliermauer hatten sie eine Bogenwölbung -herstellen wollen, durch die man die Fernsicht wahrnehmen sollte. -Da der obere Teil<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> sich nicht in der Schwebe halten konnte, war -ein ungeheurer Mauerbruch entstanden, dessen Trümmer auf der Erde -umherlagen.</p> - -<p>Sie hatten die Spargel geopfert, um ein etruskisches Grabmal an deren -Stelle bauen zu können, das heißt einen Würfel aus schwarzem Gips, der -sechs Fuß Höhe hatte und aussah wie eine Hundehütte. Vier Koniferen -standen an den Ecken dieses Grabmals, das von einer Urne überragt und -mit einer Inschrift geschmückt werden sollte.</p> - -<p>In einem andern Teile des Gemüsegartens überspannte eine Art Rialto -einen Teich, dessen Ufer mit Miesmuscheln ausgelegt waren. Die Erde -schluckte das Wasser; gleichviel! Es würde sich eine Tonschicht bilden, -die es aufhalten würde.</p> - -<p>Der Schuppen war mit Hilfe von farbigem Glas in eine ländliche Hütte -umgewandelt.</p> - -<p>Auf dem Gipfel des Schneckenberges trugen sechs vierkantig behauene -Bäume einen Hut aus Eisenblech mit umgebogener Krämpe, und das Ganze -stellte eine chinesische Pagode vor.</p> - -<p>Sie hatten an den Ufern der Orne Granitstücke ausgewählt, sie -zerschlagen, numeriert und selbst auf einem Karren herbeigeschleppt. -Dann hatten sie die einzelnen Stücke mit Zement verbunden, während sie -sie aufeinander häuften; und mitten auf dem Rasen erhob sich ein Fels, -ähnlich einer riesigen Kartoffel.</p> - -<p>Es fehlte noch etwas, um den harmonischen Eindruck zu vervollständigen. -Sie schlugen die größte Linde des Laubenganges um — sie war übrigens -zu Dreivierteln eingegangen — und legten sie ihrer ganzen Länge nach -durch den Garten, so daß man glauben konnte, sie sei durch einen -Sturzbach angeschwemmt oder vom Blitz zu Boden gestreckt.</p> - -<p>Als sie damit fertig waren, rief Bouvard, der auf der Freitreppe stand, -von weitem:</p> - -<p>„Von hier sieht man besser!“</p> - -<p>„Sieht man besser!“ wiederholten die Lüfte.</p> - -<p>Pécuchet antwortete:</p> - -<p>„Ich komme!“</p> - -<p>„Komme!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span></p> - -<p>„Sieh da, ein Echo!“</p> - -<p>„Echo!“</p> - -<p>Bis dahin hatte die Linde es verhindert, sich bemerkbar zu machen, und -es wurde durch die Pagode begünstigt, die der Scheune gegenüberstand; -ihr Giebel überragte den Laubengang.</p> - -<p>Um das Echo zu erproben, belustigten sie sich damit, Scherzworte zu -rufen; Bouvard brüllte anstößige Zoten.</p> - -<p>Er war mehrere Male unter dem Vorwande, Geld zu erheben, in Falaise -gewesen, und er kehrte immer mit kleinen Paketen zurück, die er in -seine Kommode einschloß. Pécuchet reiste eines Tages nach Bretteville -und kam sehr spät heim mit einem Handkorb, den er unter seinem Bette -verbarg.</p> - -<p>Am folgenden Tage hatte Bouvard beim Erwachen eine Überraschung. Die -beiden vorderen Taxusbäume, die am gestrigen Abend noch kugelförmig -gewesen waren, hatten die Gestalt von Pfauen, und ein Horn mit zwei -Porzellanknöpfen bildete den Schnabel und die Augen. Pécuchet hatte -sich bei Tagesanbruch erhoben, und zitternd, er möchte entdeckt werden, -hatte er die beiden Bäume nach Angabe der von Dumouchel übersandten -Werke beschnitten.</p> - -<p>Seit sechs Monaten suchten die anderen Bäume hinter diesen beiden mehr -oder weniger glücklich Pyramiden, Würfel, Zylinder, Hirsche oder Sessel -nachzuahmen. Aber nichts kam den Pfauen gleich. Bouvard sprach in hohen -Lobreden seine Anerkennung darüber aus.</p> - -<p>Unter dem Vorwande, sein Scheit vergessen zu haben, zog er seinen -Gefährten in das Labyrinth, denn er hatte Pécuchets Abwesenheit -benutzt, um auch seinerseits etwas Außerordentliches zu leisten.</p> - -<p>Die Tür nach den Feldern war mit einer Gipslage überzogen, auf der sich -in schöner Ordnung fünfhundert Pfeifenköpfe aneinanderreihten. Sie -stellten Emire, Neger, nackte Frauen, Pferdefüße und Totenköpfe vor.</p> - -<p>„Begreifst du meine Ungeduld?“</p> - -<p>„Ganz gewiß!“</p> - -<p>Und in der Erregung umarmten sie sich.</p> - -<p>Wie alle Künstler hatten sie das Bedürfnis nach Beifall, und Bouvard -gedachte ein großes Diner zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p> - -<p>„Gib acht! Du wirst dich ins Empfangen stürzen. Das ist ein Abgrund.“</p> - -<p>Indessen wurde die Veranstaltung beschlossen.</p> - -<p>Solange sie die Gegend bewohnten, hatten sie sich abseits gehalten. -Alle nahmen, von dem Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen, ihre -Einladung an, ausgenommen der Graf von Faverges, den Geschäfte in die -Hauptstadt riefen. Sie hielten sich dafür an Herrn Hurel, sein Faktotum.</p> - -<p>Beljambe, der Wirt, ehemaliger Küchenchef in Lisieux, sollte gewisse -Schüsseln zubereiten. Er stellte einen Kellner. Germaine hatte die -Viehmagd zu Hilfe genommen. Marianne, die Magd der Frau Bordin, sollte -auch kommen. Mit dem vierten Glockenschlage wurde das Gittertor weit -geöffnet, und die beiden Besitzer erwarteten voll Ungeduld ihre Gäste.</p> - -<p>Hurel blieb unter dem Buchengange stehen, um seinen Rock wieder -anzuziehen. Dann näherte sich der Geistliche, der eine neue Soutane -angelegt hatte, und einen Augenblick später kam Herr Foureau in -einer Sammetweste. Der Doktor führte seine Frau am Arm, die mühsam -vorwärtsschritt, während sie sich mit dem Sonnenschirm schützte. Eine -Flut von roten Bändern wogte hinter ihnen, es war die Haube der Frau -Bordin, die in einer schönen buntseidenen Robe steckte. Ihre goldene -Uhrkette schlug gegen ihre Brust, und ihre Ringe blitzten an ihren -beiden Händen, die von schwarzen Halbhandschuhen bedeckt waren. Endlich -erschien der Notar, einen Panama auf dem Kopfe, ein Glas im Auge, denn -der Beamte ertötete in ihm nicht den Mann von Welt.</p> - -<p>Der Salon war so glatt, daß man kaum darin stehen konnte. Die acht -Utrechter Sessel standen mit ihren Lehnen an der Wand entlang; ein -runder Tisch in der Mitte trug das Likörservice, und über dem Kamin -erblickte man das Bild des alten Bouvard. Das im darauf fallenden Licht -sichtbar werdende Nachdunkeln des Bildes gab dem Munde einen verzogenen -Ausdruck und den Augen einen schielenden Blick, und etwas Schimmel auf -den Wangen verstärkte den Eindruck von Koteletten. Die Gäste stellten -eine Ähnlichkeit zwischen dem alten Bouvard und seinem Sohne fest, und -Frau Bordin fügte hinzu, er müsse ein sehr schöner Mann gewesen sein, -wobei sie Bouvard ansah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p> - -<p>Nachdem man eine Stunde gewartet, kündigte Pécuchet an, man könne in -den Saal hinübergehen.</p> - -<p>Die Vorhänge aus weißem Kattun mit roter Kante waren wie die des Salons -vollständig vor die Fenster gezogen, und die Sonne, die den Stoff -durchdrang, warf ein blondes Licht über die Wandtäfelung, die als -einzigen Schmuck ein Barometer aufwies.</p> - -<p>Bouvard setzte die beiden Damen neben sich, Pécuchet den Bürgermeister -zu seiner Linken, den Pfarrer zu seiner Rechten, und man machte sich an -die Austern. Sie schmeckten moderig. Bouvard war untröstlich, erging -sich in Entschuldigungen, und Pécuchet erhob sich, um in der Küche -Beljambe eine Szene zu machen.</p> - -<p>Die ganze Zeit während der ersten Gänge, die aus einer Scholle, ferner -einer Pastete und gedämpften Tauben bestanden, stand die Mostbereitung -im Mittelpunkt der Unterhaltung.</p> - -<p>Dann kam man auf bekömmliche und unbekömmliche Gerichte. -Selbstverständlich wurde der Arzt um Rat gefragt. Seine Beurteilung -der Dinge war skeptisch wie die eines Mannes, der auf den Grund der -Wissenschaft geblickt hat; er duldete indessen nicht den geringsten -Widerspruch.</p> - -<p>Zu dem Lendenbraten wurde Burgunder gereicht. Er war trübe. Bouvard, -der für dieses ärgerliche Vorkommnis das Spülen der Flasche -verantwortlich machte, ließ drei andere ohne größeren Erfolg versuchen -und schenkte dann Saint-Julien ein, der augenscheinlich zu jung war, -und alle Gäste verstummten. Hurel lächelte ununterbrochen; die schweren -Schritte des Kellners dröhnten auf den Fliesen.</p> - -<p>Frau Vaucorbeil, untersetzt und mit schlechtgelaunter Miene (sie befand -sich übrigens gegen Ende ihrer Schwangerschaft), hatte vollständiges -Schweigen gehütet. Bouvard, der nicht wußte, womit er sie unterhalten -solle, erzählte ihr vom Theater in Caen.</p> - -<p>„Meine Frau geht niemals ins Schauspiel,“ sagte der Arzt.</p> - -<p>Herr Marescot besuchte, wenn er sich in Paris aufhielt, einzig die -italienische Oper.</p> - -<p>„Ich,“ sagte Bouvard, „ich leistete mir zuweilen einen Parterreplatz im -Vaudeville-Theater, um Schwänke zu hören.“</p> - -<p>Foureau fragte Frau Bordin, ob sie Schwänke liebe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span></p> - -<p>„Das kommt darauf an, von welcher Art sie sind,“ sagte sie.</p> - -<p>Der Bürgermeister neckte sie. Sie gab die Scherze zurück. Dann teilte -sie ein Rezept für Gurken mit. Übrigens waren ihre Hausfrauentalente -bekannt, und sie besaß ein kleines, wunderbar bewirtschaftetes Gut.</p> - -<p>Foureau befragte Bouvard:</p> - -<p>„Haben Sie die Absicht, Ihre Besitzung zu verkaufen?“</p> - -<p>„Lieber Gott, bis zum Augenblick weiß ich wirklich nicht...“</p> - -<p>„Wie! nicht einmal das Stück der Ecalles?“ fuhr der Notar fort, „das -würde etwas Passendes für Sie sein, Frau Bordin.“</p> - -<p>Die Witwe erwiderte, sich zierend:</p> - -<p>„Die Ansprüche des Herrn Bouvard möchten zu hoch sein.“</p> - -<p>„Man könnte ihn vielleicht mürbe machen.“</p> - -<p>„Ich werde es nicht versuchen!“</p> - -<p>„Pah! wenn Sie ihm einen Kuß gäben?“</p> - -<p>„Versuchen wir es nun gerade,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Und unter dem Beifall der Gesellschaft küßte er sie auf beide Wangen.</p> - -<p>Fast zu gleicher Zeit entkorkte man den Sekt. Das Knallen der Pfropfen -erhöhte die frohe Stimmung. Pécuchet gab ein Zeichen, die Vorhänge -öffneten sich, und der Garten wurde sichtbar.</p> - -<p>In der Dämmerung war der Eindruck schrecklich. Der Fels nahm wie ein -Berg den Rasen ein, das Grabmal bildete zwischen dem Spinat einen -Würfel, die venezianische Brücke über den Bohnen einen Zirkumflex, — -und darüber hinaus die Hütte einen schwarzen Fleck, denn sie hatten -das Strohdach angezündet, um sie poetischer zu machen. Die Taxusbäume -in Form von Hirschen oder Sesseln folgten einander bis zu dem -niedergeschmetterten Baum, der sich querhindurch von dem Laubengange -bis zur Laube erstreckte, wo Tomaten wie Stalaktiten herabhingen. -Hier und da entfaltete eine Sonnenblume ihre gelbe Scheibe. Die -rotgestrichene chinesische Pagode auf dem Hügel glich einem Leuchtturm. -Die von der Sonne getroffenen Pfauenschnäbel sprühten Lichter, und -hinter dem Gitter, von dem man die Latten fortgenommen, schloß das ganz -flache Gelände den Horizont.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span></p> - -<p>Das Staunen der Gäste war für Bouvard und Pécuchet ein Hochgenuß.</p> - -<p>Frau Bordin besonders bewunderte die Pfauen; doch das Grabmal fand -kein Verständnis, ebensowenig die angezündete Hütte und die in Ruinen -gelegte Mauer. Dann betrat einer nach dem andern die Brücke. Um den -Teich zu füllen, hatten Bouvard und Pécuchet den ganzen Morgen hindurch -Wasser angefahren. Es war zwischen den schlecht verbundenen Steinen des -Grundes durchgesickert, und Schlamm bedeckte sie.</p> - -<p>Während des Rundganges erlaubte man sich, zu kritisieren. „An Ihrer -Stelle würde ich das so gemacht haben. — Die Erbsen sind zurück. — -Offen gesagt, dieser Winkel ist nicht sauber. — Mit einer solchen -Beschneidung werden sie niemals Früchte bekommen.“</p> - -<p>Bouvard war genötigt zu antworten, daß ihm die Früchte gleichgültig -seien.</p> - -<p>Als man den Laubengang entlang ging, sagte er mit pfiffiger Miene:</p> - -<p>„Ah! da ist jemand, den wir stören; bitte tausendmal um Entschuldigung!“</p> - -<p>Der Scherz blieb unerwidert. Jeder kannte die Dame aus Gips.</p> - -<p>Nach mehreren Umwegen im Labyrinth gelangte man schließlich vor die -Tür mit den Pfeifen. Betroffene Blicke wurden gewechselt. Bouvard -beobachtete die Gesichter seiner Gäste, — und voller Ungeduld, ihre -Ansicht zu erfahren, fragte er:</p> - -<p>„Was sagen Sie dazu?“</p> - -<p>Frau Bordin platzte aus. Alle andern taten desgleichen, der Herr -Pfarrer gab eine Art Glucksen von sich, Hurel hüstelte, der Arzt -weinte, seine Frau litt an einem nervösen Krampf, — und Foureau, ein -Mann ohne Rücksichten, brach einen Emir ab, den er als Andenken in die -Tasche steckte.</p> - -<p>Als man aus dem Laubengang herauskam, schrie Bouvard, um seine Gäste -durch das Echo in Verwunderung zu setzen, aus Leibeskräften:</p> - -<p>„Diener! meine Damen!“</p> - -<p>Kein Laut! Das Echo war verschwunden. Das lag an<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> den Ausbesserungen, -die man an der Scheune vorgenommen hatte: der Giebel und die Bedachung -waren abgerissen.</p> - -<p>Der Kaffee wurde auf dem Schneckenberg gereicht, — und die Herren -waren im Begriff, eine Partie Kugeln zu beginnen, als sie gegenüber, -hinter dem Gitter, einen Mann sahen, der sie anblickte.</p> - -<p>Er war mager und sonnverbrannt, trug eine zerfetzte rote Hose, eine -blaue Joppe, kein Hemd; sein schwarzer Bart war kurz geschnitten; und -mit heiserer Stimme stieß er einzeln die Worte hervor: „Geben Sie mir -ein Glas Wein!“</p> - -<p>Der Bürgermeister und der Abbé Jeufroy erkannten ihn sogleich wieder. -Es war ein ehemaliger Schreiner aus Chavignolles.</p> - -<p>„Nun, Gorju, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte Herr Foureau. „Man -bettelt nicht!“</p> - -<p>„Ich betteln!“ schrie der Mann erbost. „Ich habe sieben Jahre in Afrika -gekämpft. Ich komme aus dem Spital. Keine Arbeit! Soll ich morden? -Verflucht nochmal!“</p> - -<p>Sein Zorn legte sich von selbst, und die beiden Fäuste in die Hüften -gestemmt, betrachtete er die Bürger mit melancholischer und spöttischer -Miene. Die Anstrengungen der Biwaks, Absinth und Fieber, ein ganzes -Dasein von Elend und Völlerei offenbarte sich in seinen trüben Augen. -Seine bleichen Lippen zitterten, wobei sein Zahnfleisch sich entblößte. -Der weite purpurgefärbte Himmel umfing ihn mit einem blutigen Schimmer, -und seine Halsstarrigkeit, dort bleiben zu wollen, verbreitete ein -Gefühl von Entsetzen.</p> - -<p>Um ein Ende zu machen, holte Bouvard den Rest einer Flasche herbei. Der -Vagabund trank ihn gierig herunter und verschwand dann gestikulierend -in den Haferfeldern.</p> - -<p>Darauf tadelte man Bouvard. Durch solche Nachgiebigkeit begünstige man -die Unordnung. Doch Bouvard, der durch den Mißerfolg seines Gartens -gereizt war, begann das Volk zu verteidigen, — alle sprachen zu -gleicher Zeit.</p> - -<p>Foureau hob die Regierung in den Himmel, für Hurel gab es nur -Grundbesitz in der Welt. Der Abbé Jeufroy beklagte sich, daß man die -Religion nicht schütze. Pécuchet schimpfte über die Steuern. Frau -Bordin rief in Zwischenräumen: „In erster Linie verabscheue ich die -Republik,<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span>“ und der Arzt erklärte sich für den Fortschritt. „Denn -schließlich, meine Herren, haben wir Reformen nötig.“ — „Möglich!“ -antwortete Foureau, „aber alle diese Ideen schaden den öffentlichen -Angelegenheiten!“ „Ich pfeife auf die öffentlichen Angelegenheiten!“ -schrie Pécuchet.</p> - -<p>Vaucorbeil fuhr fort: „Dürfen wir wenigstens die Kapazitäten -heranziehen?“ Bouvard ging nicht so weit.</p> - -<p>„Das ist Ihre Meinung?“ erwiderte der Doktor, „dann weiß man, wer Sie -sind! Guten Abend! Ich wünsche Ihnen eine Sündflut, damit Sie auf Ihrem -Teich Kahn fahren können.“</p> - -<p>„Ich gehe auch,“ sagte einen Augenblick später Herr Foureau. Und auf -seine Tasche weisend, in der sich der Emir befand: „Wenn ich einen -neuen nötig habe, komme ich wieder!“</p> - -<p>Bevor der Pfarrer ging, vertraute er Pécuchet schüchtern an, daß er -dieses heidnische Grabmal inmitten der Gemüse nicht schicklich finde. -Hurel grüßte bei seinem Aufbruch die Anwesenden sehr tief. Herr -Marescot war gleich nach dem Nachtisch verschwunden.</p> - -<p>Frau Bordin begann die Einzelheiten ihrer Gurkenbereitung von neuem, -versprach ein zweites Rezept für Pflaumen in Branntwein und ging noch -dreimal in der großen Allee auf und ab; als sie jedoch an der Linde -vorbeikam, hakte sich der Saum ihres Gewandes fest, und sie hörten sie -murmeln: „Lieber Gott! Was für eine Dummheit ist das mit diesem Baum!“</p> - -<p>Bis Mitternacht ließen die beiden Gastgeber unter der Laube ihren -Verdruß aus.</p> - -<p>Gewiß waren zwei, drei Kleinigkeiten hier und da in dem Diner zu -tadeln; indessen hatten sich ja die Gäste wie Vielfraße vollgepfropft, -ein Beweis, daß es so schlecht nicht war. Was jedoch den Garten -anlangte, so rührte soviel Herabsetzung von der schwärzesten Eifersucht -her; und sich erhitzend, riefen sie:</p> - -<p>„Ach! Das Wasser fehlt in dem Teich! Geduld! Man wird sogar einen -Schwan und Fische darin sehen!“</p> - -<p>„Die Pagode haben sie kaum beachtet!“</p> - -<p>„Zu behaupten, die Ruinen seien nicht reinlich, ist die Ansicht eines -Dummkopfes!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p> - -<p>„Und das Grabmal eine Unschicklichkeit! Warum eine Unschicklichkeit? -Hat man nicht das Recht, auf seiner Besitzung so etwas zu erbauen? Ich -werde mich sogar darin beisetzen lassen!“</p> - -<p>„Still davon!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Dann gingen sie die Gäste der Reihe nach durch.</p> - -<p>„Der Arzt sieht wie ein rechter Poseur aus.“</p> - -<p>„Hast du Marescots Grinsen vor dem Porträt bemerkt?“</p> - -<p>„Was für ein ungehobelter Klotz dieser Herr Bürgermeister ist! -Wenn man in einem Hause speist, zum Teufel, so schont man die -Sehenswürdigkeiten.“</p> - -<p>„Und Frau Bordin?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Na, das ist eine Intrigantin! Laß mich in Ruhe mit der!“</p> - -<p>Von der Gesellschaft angewidert, beschlossen sie, mit niemandem mehr zu -verkehren und ausschließlich für sich allein zu Hause zu leben.</p> - -<p>Und sie brachten ganze Tage im Keller damit zu, den Weinstein von den -Flaschen zu entfernen, lackierten alle Möbel neu, bohnten die Zimmer; -jeden Abend erörterten sie, wenn sie das Holz brennen sahen, die besten -Heizsysteme.</p> - -<p>Aus Sparsamkeit versuchten sie, Schinken zu räuchern und die Wäsche -zu waschen; Germaine, die sie belästigten, zuckte die Achseln. Um die -Einmachezeit geriet sie in Wut, und sie richteten sich im Backhaus ein.</p> - -<p>Es hatte ehemals als Waschhaus gedient und besaß unter dem gespaltenen -Holz einen großen eingemauerten Kessel, der sich ausgezeichnet für -ihre Pläne eignete, denn der Ehrgeiz hatte sie gepackt, Konserven -herzustellen.</p> - -<p>Vierzehn Einmachegläser wurden mit Tomaten und Erbsen gefüllt; sie -dichteten den Verschluß mit ungelöschtem Kalk und Käse, setzten auf die -Ränder Leinwandstreifen und stellten die Gläser in kochendes Wasser.</p> - -<p>Es verdampfte; sie gossen kaltes nach; der Temperaturunterschied ließ -die Gläser platzen. Nur drei wurden gerettet.</p> - -<p>Dann verschafften sie sich alte Sardinenbüchsen, taten Kalbskoteletten -hinein und brachten sie in ein Sandbad. Sie kamen rund wie Ballons -wieder heraus; die Abkühlung sollte sie flach machen. Um den Versuch -fortzusetzen, ver<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span>schlossen sie in andere Büchsen Eier, Endivien, -Hummer, ein pikantes Fischgericht, eine Suppe! — und sie waren über -sich selbst entzückt, wie Herr Appert, „die Jahreszeiten festgelegt zu -haben“. Solche Entdeckungen gingen nach Pécuchet über die Taten der -Eroberer hinaus.</p> - -<p>Sie vervollkommneten die Mixed-pickles-Bereitung der Frau Bordin, -indem sie den Essig mit Pfeffer würzten; und ihre Branntweinpflaumen -waren bedeutend vorzuziehen! Durch Mazerieren erhielten sie Himbeer- -und Absinth-Ratafia. In einer Bagnolser Tonne wollten sie aus Honig -und Engelwurz Malagawein herstellen; und sie unternahmen ebenso die -Bereitung des Champagners! Die Chablisflaschen, die vom Weinmost rissig -geworden waren, platzten von selbst. Da zweifelten sie nicht mehr am -Gelingen.</p> - -<p>Ihre Kenntnisse erweiterten sich, und sie argwöhnten infolgedessen -überall Fälschungen von Nahrungsmitteln.</p> - -<p>Dem Bäcker gegenüber nörgelten sie über die Farbe des Brotes. Sie -machten sich den Krämer zum Feinde, indem sie behaupteten, er fälsche -seine Schokolade. Sie begaben sich nach Falaise, um Brustbeerenpaste -zu verlangen — und vor den Augen des Apothekers unterwarfen sie -seine Paste der Probe durch das Wasser. Sie nahm das Aussehen einer -Speckschwarte an, was Gelatinegehalt anzeigte.</p> - -<p>Nach diesem Triumph wuchs ihr Stolz. Sie erstanden die Gerätschaften -eines verkrachten Branntweinbrenners, und bald kamen in das Haus Siebe, -kleine Tonnen, Trichter, Schaumlöffel, Seihebeutel und Wagen, ohne eine -Mulde mit Kugel und eine Retorte mit einem Helmkühler, welche einen -Schmelzofen nebst Rauchfang erforderte, zu zählen.</p> - -<p>Sie lernten, wie Zucker geläutert wird, und welche verschiedene Arten -man durch Einkochen erzielen kann, den groß- und den kleingeperlten, -den Schaumzucker, den aufgegangenen, den schleimigen und den -Karamellzucker. Doch es verlangte sie, die Retorte zu gebrauchen; und -sie machten sich an die Likörbereitung, wobei sie mit dem Anisschnaps -anfingen. Die Flüssigkeit führte fast immer die festen Bestandteile -mit, oder diese setzten sich auf dem Grunde fest; dann wieder hatten -sie sich in betreff des Mengungsverhältnisses geirrt. Um sie glänzten -die großen kupfernen Abdampfschalen, die Kolben streckten ihre spitzen -Schnäbel<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> aus, die Pfannen hingen an den Wänden. Oft sortierte der -eine Kräuter auf dem Tisch, während der andere die Kanonenkugel in -der aufgehängten Mulde bewegte; sie rührten mit den Löffeln um, sie -kosteten die Mischungen.</p> - -<p>Bouvard, dem immer der Schweiß herunterlief, trug nur Hemd und Hose, -welch letztere er mit seinen kurzen Hosenträgern bis zur Magenhöhlung -emporgezogen hatte; aber verwirrt wie ein Vogel, vergaß er die -Scheidewand des Kolbens, oder er feuerte zu stark.</p> - -<p>Pécuchet, unbeweglich in seiner langen Bluse, eine Art Kinderkittel mit -Ärmeln, murmelte Berechnungen; und sie hielten sich für sehr ernsthafte -Menschen, die sich mit nützlichen Dingen beschäftigten.</p> - -<p>Schließlich träumten sie von einem feinen Likör, der alle anderen -übertrumpfen sollte. Sie wollten Koriander zusetzen wie beim Kümmel, -Kirsch wie beim Maraschino, Ysop wie beim Chartreuse, Bisam wie beim -Vespetro, Magenwurz wie beim Krambambuli; und durch Sandelholz sollte -er eine rote Farbe erhalten. Doch unter welchem Namen sollten sie ihn -in den Handel bringen? Denn man brauchte einen leicht zu behaltenden, -aber doch absonderlich klingenden Namen. Nachdem sie lange gesucht -hatten, entschlossen sie sich, ihn „Bouvarine“ zu nennen.</p> - -<p>Gegen Ende des Herbstes zeigten sich Flecke in den drei -Konservengläsern. Die Tomaten und die Erbsen waren verdorben. -Sollte das vom Verschluß herrühren? Da quälte sie das Problem des -Verschließens. Um neue Methoden zu erproben, fehlte es ihnen an Geld. -Ihr Pachthof machte ihnen Kummer.</p> - -<p>Mehrere Male hatten sich Pächter zur Übernahme angeboten, Bouvard hatte -nichts davon wissen wollen. Aber sein erster Knecht bewirtschaftete -den Hof nach seinen Anweisungen mit einem gefährlichen Sparsystem der -Art, daß die Ernten geringer wurden, alles dem Untergange entgegenging, -und sie sprachen von ihren Verlegenheiten, als Meister Gouy in ihr -Laboratorium trat, von seiner Frau begleitet, die sich furchtsam -zurückhielt.</p> - -<p>Dank aller Bearbeitung, die man dem Boden hatte zuteil werden lassen, -war das Land besser geworden, — und er kam, um den Pachthof wieder zu -übernehmen. Er machte<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> ihn herunter. Trotz aller ihrer Mühen seien die -Erträgnisse vom Zufall abhängig; mit einem Wort, wenn er wünschte, ihn -wieder zu übernehmen, so sei es aus Liebe zur Scholle und aus Sehnsucht -nach so guten Herren. Man entließ ihn kühl. Er kam noch denselben Abend -wieder.</p> - -<p>Pécuchet hatte Bouvard lange darüber vorgepredigt; sie wollten -nachgeben. Gouy verlangte eine Herabsetzung des Pachtzinses, und -da die Gegenpartei heftig protestierte, begann er mehr zu brüllen -als zu sprechen, indem er den lieben Gott zum Zeugen anrief, seine -Mühsale aufzählte, seine Verdienste rühmte. Als man ihn aufforderte, -seinen Preis zu sagen, senkte er, anstatt zu antworten, den Kopf. Da -begann seine Frau, die, einen großen Korb auf den Knien, an der Tür -saß, dieselben Beteuerungen, indem sie mit scharfer Stimme wie ein -verwundetes Huhn kreischte.</p> - -<p>Schließlich wurde der Vertrag zu der Bedingung von dreitausend Franken -Jahreszins abgeschlossen; das war ein Drittel weniger als früher.</p> - -<p>Noch in derselben Sitzung machte Meister Gouy den Vorschlag, das -Inventar zu kaufen, und die Wechselreden begannen von neuem.</p> - -<p>Die Schätzung der Gegenstände dauerte vierzehn Tage. Bouvard war von -der Anstrengung halb tot. Er gab alles für eine so lächerliche Summe -hin, daß Gouy zuerst die Augen aufriß, und „Abgemacht“ ausrufend, in -seine Hand einschlug.</p> - -<p>Darauf luden die Besitzer dem Brauche gemäß zu einem kleinen Imbiß in -ihrer Wohnung ein, und Pécuchet entkorkte, weniger aus Großmut, als -in der Hoffnung, etwas Schmeichelhaftes zu hören, eine Flasche seines -Malaga.</p> - -<p>Doch der Bauer sagte, die Nase rümpfend:</p> - -<p>„Das schmeckt wie Lakritzensaft.“</p> - -<p>Und seine Frau verlangte, „um den Geschmack von der Zunge zu bekommen“, -ein Glas Branntwein.</p> - -<p>Eine wichtigere Angelegenheit nahm sie in Anspruch! Alle Bestandteile -des „Bouvarine“-Likörs waren endlich zusammen.</p> - -<p>Sie füllten damit den Kolben, fügten Alkohol hinzu, zündeten das Feuer -an und warteten. Unterdessen nahm Pécuchet, dem der mißlungene Malaga -keine Ruhe ließ, die<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> Blechdosen aus dem Schrank, löste den Deckel der -ersten, dann der zweiten, der dritten. Wütend warf er sie hin und rief -Bouvard.</p> - -<p>Bouvard schloß den Hahn des Kühlrohrs und stürzte sich auf die -Konserven. Die Enttäuschung war vollständig. Die Kalbfleischscheiben -ähnelten gekochten Sohlen. Der Hummer hatte sich in eine schmutzige -Flüssigkeit verwandelt. Das Fischgericht war nicht mehr zu erkennen. -Pilze waren auf der Suppe gewachsen, — und ein unerträglicher Geruch -verpestete das Laboratorium.</p> - -<p>Plötzlich zersprang die Retorte mit dem Knalle einer Granate in -tausend Scherben, die bis zur Decke flogen, die Töpfe zerschlugen, die -Schaumlöffel platt drückten, die Gläser zerschmetterten; die Kohle -zerstreute sich, der Ofen war entzwei, — und am folgenden Tage fand -Germaine im Hofe einen Spatel.</p> - -<p>Die Kraft des Dampfes hatte das Instrument zersprengt, und das um so -eher, als der Kolben am Knauf geschlossen war.</p> - -<p>Pécuchet hatte sich sogleich hinter den Bottich geduckt, und Bouvard -war auf einen Schemel gesunken. Zehn Minuten lang verharrten sie in -dieser Stellung, nicht wagend, eine Bewegung zu machen, bleich vor -Schrecken inmitten der Scherben. Als sie die Sprache wiedererlangt -hatten, fragten sie sich, was der Grund zu so viel Unglück, besonders -zu dem letzten, sei; und sie begriffen nichts davon, ausgenommen, daß -sie beinahe umgekommen wären. Pécuchet schloß mit folgenden Worten:</p> - -<p>„Vielleicht ist der Grund der, daß wir nichts von der Chemie verstehen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="III">III</h2> - -</div> - -<p>Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich -die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen -Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“</p> - -<p>Man teilt sie in Metalloide und Metalle — ein Unterschied, der „nichts -Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Eben<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span>so gilt für die Säuren und die -Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz -den Umständen zufolge, verhalten kann“.</p> - -<p>Die Bemerkung schien ihnen seltsam. — Die multiplen Proportionen -setzten Pécuchet in Verwirrung.</p> - -<p>„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von -B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele -Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das -ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“</p> - -<p>„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem -von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft -hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß -der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht.</p> - -<p>Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element -nicht existiert.</p> - -<p>Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit -Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten -sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie.</p> - -<p>Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden, -aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine -Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die -Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die -Laternen enthielt.</p> - -<p>Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe.</p> - -<p>Sie brachte sie auf die Säuren, — und das Gesetz des -Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie -versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte -sie vollends.</p> - -<p>Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente -haben müssen.</p> - -<p>Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt.</p> - -<p>Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span></p> - -<p>Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein.</p> - -<p>„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“</p> - -<p>Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck -ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er:</p> - -<p>„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“</p> - -<p>Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie -erlernen wollten.</p> - -<p>„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch -heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die -Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“</p> - -<p>Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der -Umgebung verstärkt.</p> - -<p>Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den -chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer -Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die -Darstellung einer Muskelfigur.</p> - -<p>Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment.</p> - -<p>„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“</p> - -<p>Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für -ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem -Innern der Frau und dem des Mannes beständen.</p> - -<p>Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat -einen Band anatomischer Tafeln.</p> - -<p>„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“</p> - -<p>Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer, -die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in -Verwunderung. — Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich -wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth -lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über -das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal -stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. — Warum -gerade sechzehnmal?</p> - -<p>Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet, -der sich mit Eifer an den Schädel gemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> verlor den Mut vor dem -Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt.</p> - -<p>Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, — -und sie machten sich an die Muskeln.</p> - -<p>Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu -den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie -vollständig darauf.</p> - -<p>Da sagte Pécuchet:</p> - -<p>„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das -Laboratorium zu benutzen.“</p> - -<p>Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man -für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle.</p> - -<p>Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im -Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der -folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor -ihrem Gittertor nieder.</p> - -<p>Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den -Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier -glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen.</p> - -<p>Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten -und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte -keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr -sauberem Spielzeug, das nach Lack roch.</p> - -<p>Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die -zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah, -ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze -Masse der Eingeweide.</p> - -<p>„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Der Tag und der Abend gingen damit hin.</p> - -<p>Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den -Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren -Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“</p> - -<p>Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters.</p> - -<p>Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> künstlichen -Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache -zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem -Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen -Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen; -Neugierige standen im Hof.</p> - -<p>Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die -Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor, -hatte etwas Furchtbares.</p> - -<p>„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Foureau stotterte:</p> - -<p>„Nichts, gar nichts.“</p> - -<p>Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm, -fragte er:</p> - -<p>„Was ist das?“</p> - -<p>„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard.</p> - -<p>Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß -sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging.</p> - -<p>Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen -fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten, -waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte, -erzitterte der Tisch.</p> - -<p>„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum -vom Halse!“</p> - -<p>Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen.</p> - -<p>„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“</p> - -<p>Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht -hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie -keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung -machen. — Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und -rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den -anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die -Wissenschaft zu leiden.</p> - -<p>Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe -als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er -die Gelegenheit, zu dozieren.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen -auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Bibliothek, wobei er indessen -versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen.</p> - -<p>Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die -besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher -Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den -berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die -wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle -zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert -starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase -drei Pfund wog, gekannt hatten!</p> - -<p>Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie -unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus -zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse -ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen, -Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das -Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um -sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen.</p> - -<p>Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam -vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile -wieder an den rechten Platz zu setzen.</p> - -<p>Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie -zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und -vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden -Ellbogen auf den Tisch gestützt.</p> - -<p>Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten -Besuche gemacht hatte, durch die Tür.</p> - -<p>„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“</p> - -<p>„Vorzüglich,“ erwiderten sie.</p> - -<p>Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu -setzen.</p> - -<p>Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und -sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und -ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz -ihres Be<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span>mühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte -sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten.</p> - -<p>„Bravo! Das habe ich erwartet!“</p> - -<p>In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, — und -das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief.</p> - -<p>Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die -Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre?</p> - -<p>Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um -dort Bücher zu kaufen.</p> - -<p>Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte -ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit -berühmt waren.</p> - -<p>Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen -von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren, -daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des -Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen.</p> - -<p>Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen, -die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse -und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam, -zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in -ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn -sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen -Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit.</p> - -<p>Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in -eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie -trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern -Erfolg als den, ihre Person zu infizieren.</p> - -<p>Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße -entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt -bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide -mit einem Schnupfen zurück.</p> - -<p>Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard -verbreitete sich über die Frage der Zeugung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span></p> - -<p>Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht. -Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er -ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend -ein Geständnis.</p> - -<p>Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er -fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde, -rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten, -so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten, -Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes -in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte.</p> - -<p>Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer, -hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an -Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in -eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame -und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte -schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern -schwanger war.</p> - -<p>Bouvard sagte zu ihm:</p> - -<p>„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme -dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“</p> - -<p>Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und -sie setzten ihre Physiologie fort.</p> - -<p>Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen -Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht -des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des -Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die -Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius, -der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf, -täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er -wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen -aufzuschreiben.</p> - -<p>Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide -zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an.</p> - -<p>Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> nicht zu hindern, -und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz -seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst -seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf -einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor.</p> - -<p>Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die -Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die -Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die -Körperteile am Becken bewegt.</p> - -<p>Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit -einem Thermometer versehen, hinein.</p> - -<p>Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil -des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im -Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch -von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, — und da sie sich dort -sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit.</p> - -<p>Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle.</p> - -<p>„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz -gewiß kalt.“</p> - -<p>„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst -vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“</p> - -<p>Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen -Bauch, prustete wie ein Pottfisch, — dann sah er auf das Thermometer, -das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“</p> - -<p>„Nicht genug!“</p> - -<p>Und er fing seine Übungen von neuem an.</p> - -<p>Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in -die Hand nahm.</p> - -<p>„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“</p> - -<p>Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von -Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul.</p> - -<p>Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub. -Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus -Furcht, gebissen zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p> - -<p>Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die -Augen rollte.</p> - -<p>Da bellte der Hund; — und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an -die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich -zu heben suchte.</p> - -<p>„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund -anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen.</p> - -<p>Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte -seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen -Krallen.</p> - -<p>„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“</p> - -<p>Er legte sich darauf und blieb ruhig.</p> - -<p>Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von -der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; — und als -Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf:</p> - -<p>„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“</p> - -<p>Für was für Versuche?</p> - -<p>Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren, -um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie -die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor -verkaufen.</p> - -<p>Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen, -ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das -alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die -Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark.</p> - -<p>Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen -Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte. -Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere -und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine -Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch -den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche.</p> - -<p>Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit -Bindfäden an den Pfoten erblickte.</p> - -<p>Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> selben Augenblick -herein. Er machte einen Satz und war verschwunden.</p> - -<p>Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede.</p> - -<p>„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! — Und -meine Küche, die ist sauber! — Das wird ihn vielleicht toll machen! -Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“</p> - -<p>Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen.</p> - -<p>Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an.</p> - -<p>Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut -bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen.</p> - -<p>Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen -einzuziehen, — und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg, -sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte.</p> - -<p>Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser -starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben -Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen -verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten; -und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine -vollkommen weiße Knochenhaut.</p> - -<p>Die Ernährung beunruhigte sie.</p> - -<p>Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die -Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines -Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges -verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere -in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der -im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den -Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen -statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts.</p> - -<p>Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist. -Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von -hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf -ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem -alten Wort zufolge)<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span> der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren, -sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran.</p> - -<p>Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten.</p> - -<p>Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben -ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt, -sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen.</p> - -<p>Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem -Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme -Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von -François Raspail an.</p> - -<p>Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge -ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem -Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an.</p> - -<p>Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände -rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen, -verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und -verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der -Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften -ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit -Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung -eines Buckligen.</p> - -<p>Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden -hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu -ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten -zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit -Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu -frühstücken.</p> - -<p>Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte, -bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor -behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern; -anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert -und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> sie davon befreien. -Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die -Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil -ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn -mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen -wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten -Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt.</p> - -<p>Sie warb ihnen Anhänger, — und der Steuereinnehmer, der Schreiber -auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in -Chavignolles lutschte Federkiele.</p> - -<p>Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die -Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich -über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte -Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das -Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus -Furcht, ihr Ansehen zu verringern.</p> - -<p>Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an -Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper.</p> - -<p>Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren -Büchern nach.</p> - -<p>Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche -sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische, -griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller -Sprachen.</p> - -<p>Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit -ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen -aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin.</p> - -<p>Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus, -Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der -Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie -wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und -Wirkung unterscheiden zu können.</p> - -<p>„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil.</p> - -<p>Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> die Kranken -ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die -Häuser einführten.</p> - -<p>Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren -Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von -scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze -Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie -von Leder und altem Käse.</p> - -<p>Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß -die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel -Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten -gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen -schwinde.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die -Kühnheit, die Brust zu behorchen.</p> - -<p>Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge -im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen -würden.</p> - -<p>Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen -noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn, -gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen -aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom -Individuum absorbiert wurden.</p> - -<p>Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das -Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau -mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie -aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf.</p> - -<p>Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue -Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen.</p> - -<p>Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er -werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy -kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und -Vaucorbeil vernachlässige ihn.</p> - -<p>Pécuchet opferte sich.</p> - -<p>Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken, -aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Anzeichen von -Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man -durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete -Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt.</p> - -<p>Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen -der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten.</p> - -<p>Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster -hinaus, indem er rief:</p> - -<p>„Das ist ja der reine Mord!“</p> - -<p>„Warum?“</p> - -<p>„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der -Drüsenschleimhaut ist.“</p> - -<p>„Nicht immer!“</p> - -<p>Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet -glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den -Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen -kann!“</p> - -<p>„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“</p> - -<p>„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit? -Wer hat es gesehen?“</p> - -<p>Pécuchet verwickelte sich in seine Worte.</p> - -<p>„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“</p> - -<p>Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung.</p> - -<p>„Gleichviel! Er braucht sie!“</p> - -<p>„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“</p> - -<p>„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten.</p> - -<p>„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor.</p> - -<p>Pécuchet kreuzte die Arme.</p> - -<p>„Dann sind Sie also Empiriker?“</p> - -<p>„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“</p> - -<p>„Und wenn man falsch beobachtet?“</p> - -<p>Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der -Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert -hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn.</p> - -<p>„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“</p> - -<p>„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbei<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span>geführt haben, -hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“</p> - -<p>Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit -erhobener Stimme:</p> - -<p>„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“</p> - -<p>Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch -zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen.</p> - -<p>Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der -eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis.</p> - -<p>„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der -ein Diplom besitzt...“ — Pécuchet lächelte spöttisch. — „Warum lachen -Sie?“</p> - -<p>„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“</p> - -<p>Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner -sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor:</p> - -<p>„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin -vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des -Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen -gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß -noch einmal in Ihr Haus setze!“</p> - -<p>Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke -gestikulierte.</p> - -<p>Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung.</p> - -<p>Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden -in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie -vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen -wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor -den Kopf darüber.</p> - -<p>Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster -hielt, — und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den -Kopf gestoßen.</p> - -<p>Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von -der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil -doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin aus<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span>kennen! -Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem -Menschenleben vergangen zu haben.</p> - -<p>Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des -Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm -an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach -Chavignolles gelockt zu haben!</p> - -<p>Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war -seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn.</p> - -<p>„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die -Entbindungen machten...“</p> - -<p>„Ich habe die künstlichen Körper satt!“</p> - -<p>„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen -erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“</p> - -<p>Aber Bouvard war der Medizin müde.</p> - -<p>„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu -zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, — und man findet -in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der -Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“</p> - -<p>Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt.</p> - -<p>Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine -Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche -nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster, -dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von -Gallensteinen bedroht.</p> - -<p>Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die -Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr -erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb -war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich:</p> - -<p>„Habe ich Schmerzen?“</p> - -<p>Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben.</p> - -<p>Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre -Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser, -nahmen Abführmittel, — und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind, -Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span></p> - -<p>Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme -Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, — -und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern -in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns.</p> - -<p>Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine -Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde -beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist -eine drohende Ankündigung des Schlagflusses.</p> - -<p>Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft -einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte. -Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben -Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein -Handbuch der Hygiene von Dr. Morin.</p> - -<p>Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte, -die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer -Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte.</p> - -<p>Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter -Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“. -Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto -unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die -Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet, -von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“. -Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder -eins der Worte: „schädlich!“ — „man hüte sich vor dem Zuviel!“ — -„bekommt nicht jedermann!“ — Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie -wissen, ob diese Sache einem bekommt?</p> - -<p>Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf -den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die -Schokolade; — denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen -Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich -ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten -Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der -Bauchspeicheldrüse zu reinigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span></p> - -<p>Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so -mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft, -eine Forderung, die Pécuchet empörte.</p> - -<p>Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen, -daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von -vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen -unerläßlich“ ist.</p> - -<p>Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit -gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man -badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will, -daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach -der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor, -die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm, -dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch -von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor -der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und -sanguinischen Menschen.</p> - -<p>Was ist dann die Hygiene?</p> - -<p>„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr -Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft.</p> - -<p>Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit -Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das -war eine Befreiung, fast eine Vergeltung — und sie machten sich über -Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren! -Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das -Leben ist nur gut, insoweit man es genießt!</p> - -<p>„Noch ein Stück?“</p> - -<p>„Ich bin nicht abgeneigt.“</p> - -<p>„Ich auch nicht!“</p> - -<p>„Auf deine Gesundheit!“</p> - -<p>„Auf die deinige!“</p> - -<p>„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“</p> - -<p>Sie gerieten in Stimmung.</p> - -<p>Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich -er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> Mütze auf den -Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der -Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins -Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu -weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet:</p> - -<p>„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“</p> - -<p>Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu -verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie.</p> - -<p>Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt -einzunehmen.</p> - -<p>Die Ernte war soeben beendet — und die Heuhaufen hoben sich auf den -Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und -milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal -die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise -einatmend, die ihre Wangen kühlte.</p> - -<p>Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen, -andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in -weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden -nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen -leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, — und das Firmament -schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen.</p> - -<p>„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus.</p> - -<p>„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße -gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der -nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“</p> - -<p>Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und -erinnerte sich der Zahlen.</p> - -<p>„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat -die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von -vierunddreißig Millionen Meilen!“</p> - -<p>„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend -nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein.</p> - -<p>Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> zeigte ihm den -Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus -dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont, -den roten Aldebaran.</p> - -<p>Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke, -Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel -zurechtzufinden.</p> - -<p>Pécuchet fuhr fort:</p> - -<p>„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der -Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu -uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet, -verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie -wieder, — und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das -alles zieht vorüber.“</p> - -<p>„Doch die Sonne ist unbeweglich!“</p> - -<p>„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie -dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“</p> - -<p>Das störte Bouvard in seinen Ideen; — und nach minutenlangem -Nachdenken:</p> - -<p>„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes -gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest -überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht -erforschen kann.“</p> - -<p>So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der -Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen.</p> - -<p>Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den -Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang -steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars -von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß -es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen; -man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige.</p> - -<p>Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer -ungeheuren Rakete beschreibend.</p> - -<p>„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“</p> - -<p>Pécuchet fuhr fort:</p> - -<p>„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte,<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> würden die Bewohner -der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige -Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“</p> - -<p>„Welches ist der Zweck von alldem?“</p> - -<p>„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“</p> - -<p>„Indessen...“</p> - -<p>Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere -Worte zu finden.</p> - -<p>„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“</p> - -<p>„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen -zufielen.</p> - -<p>„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“</p> - -<p>Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er -gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde -wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz -von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen; -dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch -erschienen.</p> - -<p>Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war -wie das Weltall selbst.</p> - -<p>Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so -bedeutende Gegenstände nachzudenken.</p> - -<p>Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu -zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de -Saint-Pierres.</p> - -<p>Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers, -menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam -darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne -des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die -Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten; -ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur -tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem -Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist, -Wohltaten auszuteilen!</p> - -<p>Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder, -und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten -und Schönheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei, -Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für -sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden -sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die -feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen -sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem -Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben.</p> - -<p>Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu.</p> - -<p>Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen -Geschmack gewisser Tiere in Entzücken.</p> - -<p>Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie -traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten, -daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß -die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen.</p> - -<p>„Nie im Leben.“</p> - -<p>Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig.</p> - -<p>Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen.</p> - -<p>Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock -und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den -ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war, -schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich -selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor -sich gehen konnte.</p> - -<p>Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie -wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während -der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte -und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die -im Dunkeln leuchteten.</p> - -<p>Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu -Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte -ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von -Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im -Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf,<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> um -es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf -die Erde.</p> - -<p>Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer -Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus -solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von -der Frage der Art.</p> - -<p>Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich -fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten -klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu -derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben.</p> - -<p>Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die -Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel -wegen eines Mikroskops.</p> - -<p>Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel, -einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser -vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen -sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel -wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen -zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt, -sind wohl nicht so positiver Art.</p> - -<p>Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn -Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher -Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr -Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“ -Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs.</p> - -<p>Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in -ihrer Einbildungskraft:</p> - -<p>Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten -Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut. -Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit; -dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf -eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die -feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige -Felsstücke stoben von den<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava, -die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer -Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da -überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie -Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig -Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals -mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt -erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere -mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer -Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken -Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den -Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier, -halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die -Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter -den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den -Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner -Höhle bellen machte.</p> - -<p>Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt, -deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren -Akten, dessen Apotheose der Mensch war.</p> - -<p>Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von -Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher -Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste.</p> - -<p>Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der -Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an:</p> - -<p>„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“</p> - -<p>Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift -dadurch, daß sie die Sündflut beweise.</p> - -<p>Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien.</p> - -<p>Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand, -so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern.</p> - -<p>Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> von Erfolg -gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen -jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein.</p> - -<p>„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in -Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde -ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der -Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe -eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung -eines Krokodils verzeichnet war.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung -war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und -fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer -Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump, -dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den -Kopf, während er die Augen schloß.</p> - -<p>Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten.</p> - -<p>„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“</p> - -<p>Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort -Larsoneurs. Endlich kam sie.</p> - -<p>Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte, -hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte -anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und -er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung -ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte -man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les -Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise -Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen.</p> - -<p>Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich -gerne sogleich nach Villers aufgemacht.</p> - -<p>Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und -sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich, -Erkundigungen einzuziehen — und sie schrieben dem Bürgermeister des -Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis -Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> seine -Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung -unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte -da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu -machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag?</p> - -<p>Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten -Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren -die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie -nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde -beschlossen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann -brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen -sie zu Fuß nach Port-en-Bessin.</p> - -<p>Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte -eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes -erreichten sie den Strand.</p> - -<p>Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu -den Fluten offen vor ihnen.</p> - -<p>Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus -weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich -verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine -Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer -rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte -nur noch das leise Geräusch der Quellen.</p> - -<p>Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher -springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen, -ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem -Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn -zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre -Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem -kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze -Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich -Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren.</p> - -<p>Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer -Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es -war ein „Ammonites nodosus“,<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span> der an den Enden schadhaft war, aber gut -sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir -müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“</p> - -<p>Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber -auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines -Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der -Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse -wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten.</p> - -<p>Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten.</p> - -<p>Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das -Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen.</p> - -<p>Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen -Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte.</p> - -<p>„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit -fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in -gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend.</p> - -<p>Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die -Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler -Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im -Begriff herabzugleiten.</p> - -<p>Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich.</p> - -<p>„Ihre Pässe?“</p> - -<p>Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben -Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht -herbeigeeilt war.</p> - -<p>„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“</p> - -<p>„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete -Pécuchet.</p> - -<p>Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß -nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen.</p> - -<p>Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der -unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p> - -<p>Bouvard sagte seufzend:</p> - -<p>„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“</p> - -<p>„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“ -erwiderte der Feldhüter.</p> - -<p>„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“</p> - -<p>Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend.</p> - -<p>„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“</p> - -<p>Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von -Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer -würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke; -und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen, -sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im -Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den -Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück. -Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht -zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der -Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort -angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft -vorsichtiger zu sein.</p> - -<p>Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie -neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des -geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen -guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen, -eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch -den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen -Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock -nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit -langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem -Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide -darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie -vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei -Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich -nicht überall in der Mütze vorstellen kann“,<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> scheuten sie die Kosten -„eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem -Hutmacher Gibus, benannt sind.“</p> - -<p>Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes, -das man besuchen will, soll man können,“ — sie konnten sie. „Eine -bescheidene Haltung bewahren,“ — das pflegten sie zu tun. „Nicht -zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich -schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut, -„sich für einen Ingenieur auszugeben.“</p> - -<p>„Schön! Das werden wir tun!“</p> - -<p>So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang -abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft.</p> - -<p>Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände, -deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten, -oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur -Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die -Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch -die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah, -was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein -Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für -die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden -Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten -nach Moränen und Muschelerde.</p> - -<p>Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und -wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die -Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen -Unannehmlichkeiten zuziehen.</p> - -<p>Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber -beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der -Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte -über die Menge Staub.</p> - -<p>Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen -der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und -des Gemenges ließ sie Ton und<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> Mergel, Granit und Gneis, Quarz und -Kalkstein miteinander verwechseln.</p> - -<p>Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch, -jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in -Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich -darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo -eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen -ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die -geologischen Einteilungen glauben.</p> - -<p>Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen -Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu -Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu -Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht -hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le -Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen.</p> - -<p>Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege, -der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war -gefährlich, sich dorthin zu wagen.</p> - -<p>Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die -Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom, -wenn es sein müßte“.</p> - -<p>Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre -Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte -man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so -weit wie möglich zu gelangen.</p> - -<p>Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei -braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die -Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen.</p> - -<p>Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und -fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine -große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer -hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu -einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte -mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von -Algen auf den Fliesen einer Kirche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span></p> - -<p>Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im -Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über -den Ursprung der Welt.</p> - -<p>Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist.</p> - -<p>Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt, -Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein -inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes -Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an -alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das -Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die -Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar -werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure -verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können.</p> - -<p>„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet.</p> - -<p>Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und -sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin.</p> - -<p>Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln -schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von -fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer -kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie -geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten, -kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und -schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam.</p> - -<p>Pécuchet dachte mit lauter Stimme:</p> - -<p>„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß -nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur -hervorzubrechen.“</p> - -<p>„Aber es nimmt doch ab.“</p> - -<p>„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den -Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte -sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben.</p> - -<p>„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“</p> - -<p>„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> Lissabon. Was -unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen -zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde -bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“</p> - -<p>Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der -Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg.</p> - -<p>„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden -vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das -gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig -wie die Normandie oder auch wie Europa.“</p> - -<p>Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen.</p> - -<p>„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal -stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten -von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich, -vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt, -ist zermalmt.“</p> - -<p>Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald -Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte -ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts -mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden -zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In -demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab.</p> - -<p>Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine -Furcht, schrie ihm von weitem zu:</p> - -<p>„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“</p> - -<p>Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der -Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte:</p> - -<p>„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht -abgelaufen!“</p> - -<p>Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die -Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem -Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen -herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken.</p> - -<p>Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an -einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Bouvard jedenfalls -heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen.</p> - -<p>Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe -geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter -Alabaster.</p> - -<p>In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut -herankam, begann er wieder emporzuklimmen.</p> - -<p>Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah, -erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto -schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein -Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen -Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend, -das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und -unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer, -die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die -Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen -seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte -mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort -Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle -emporgestiegen war.</p> - -<p>Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr.</p> - -<p>Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie -unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der -Geologie“ betitelt war.</p> - -<p>Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie -man sie zu jener Zeit auffaßte.</p> - -<p>Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden, -aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an -einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter -enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte -Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten -sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit -finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen -Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen -sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge,<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> und die -Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als -Abstraktionen.</p> - -<p>Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf -dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der -Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen -großen Mann sank.</p> - -<p>Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und -Geoffroy Saint-Hilaires bekannt.</p> - -<p>Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche.</p> - -<p>Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein -Joch abgeschüttelt hätte.</p> - -<p>„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der -Sündflut antworten würde!“</p> - -<p>Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des -Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung -eines Meßgewandes zu versammeln hatten:</p> - -<p>„Die Herren wünschen...?“</p> - -<p>„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“</p> - -<p>Und Bouvard begann:</p> - -<p>„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die -‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein -Himmel hat keine Katarakte!“</p> - -<p>Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen -dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst -Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie -vertiefe.</p> - -<p>„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge -überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein -Wasserstand von zwei Meilen!“</p> - -<p>Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein -schönes Bad!“</p> - -<p>„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“</p> - -<p>Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe -sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern, -welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p> - -<p>„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“</p> - -<p>„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle -Tage geschieht.“</p> - -<p>Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem -Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe -führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam -vorwärts kam.</p> - -<p>Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort:</p> - -<p>„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre — das beweist -uns die Wissenschaft — ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um -die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde.</p> - -<p>Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande -herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig -vermehren.“</p> - -<p>Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu.</p> - -<p>Der Geistliche wurde ungeduldig.</p> - -<p>„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat? -Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich -weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und -da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die -Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der -Wissenschaft ist!“</p> - -<p>Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de -Beaumonts, antworten.</p> - -<p>„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé.</p> - -<p>Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal -auf der Präfektur gesehen!“</p> - -<p>„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt -hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen -von manchmal dreihundert Meter.“</p> - -<p>Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die -Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien -aufgefundenen Tiere.</p> - -<p>Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe! -Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span></p> - -<p>„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die -gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die -Verzeichnisse Manethos...“</p> - -<p>Der Graf von Faverges nahte.</p> - -<p>Alle verstummten bei seiner Annäherung.</p> - -<p>„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“</p> - -<p>„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé.</p> - -<p>„Weswegen?“</p> - -<p>„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“</p> - -<p>Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht -hätten, religiöse Fragen zu erörtern.</p> - -<p>„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort: -‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und -in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war: -„Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr -zurückkehren!“</p> - -<p>Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem -behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn -die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre!</p> - -<p>„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche.</p> - -<p>Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede, -daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der -anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht -waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch -langsame Entwicklung zu entstehen.</p> - -<p>Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren, -ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der -Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“</p> - -<p>Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“ -Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“</p> - -<p>„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu -der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab!</p> - -<p>Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich -zu vergewissern, daß sie keine Affen seien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p> - -<p>Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer -Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“</p> - -<p>„Genug!“</p> - -<p>„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den -Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten: -„Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“</p> - -<p>„Zur Sitzung, meine Herren!“</p> - -<p>Und man trat in die Sakristei.</p> - -<p>Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie -es vorgehabt hatten. — Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel -des Jesuitismus“ trage.</p> - -<p>Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch -d’Orbignys auf.</p> - -<p>Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die -vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator -gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt -verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter -sind.</p> - -<p>Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in -ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil.</p> - -<p>Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des -Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe -einen nach dem anderen streifte.</p> - -<p>Bouvard lauerte ihm auf, — und nachdem er ihn angehalten hatte, -sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie -unterbreiten.</p> - -<p>„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“</p> - -<p>„Welcher Unsinn!“</p> - -<p>„Eher von den Affen, nicht wahr?“</p> - -<p>„In gerader Linie ist das unmöglich!“</p> - -<p>Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor -kein sehr zuverlässiger Kunde.</p> - -<p>Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän -und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute -und die Fossilien, die ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“ -verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren, -so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei -erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde.</p> - -<p>Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten -in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird -man immer in Unkenntnis bleiben.</p> - -<p>Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen:</p> - -<p>„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der -Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen -haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht -eine Ansammlung von Vegetabilien? — Wenn man sie auf ich weiß nicht -wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet, -zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen -begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“</p> - -<p>Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit -gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen -hingab.</p> - -<p>Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet -wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel -strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer -Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen -Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der -unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel -in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren -Geheimnisse durchdringen zu wollen, — hingerissen von ihrer Macht, -verloren in ihre Größe.</p> - -<p>„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend.</p> - -<p>„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“</p> - -<p>„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln, -mit einem Brett auf der Schulter.</p> - -<p>Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas -Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar -seitlich gekräuselt, den<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span> Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen -Körper in pariserischer Weise.</p> - -<p>Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf -sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche.</p> - -<p>„Mélie! bist du da, Mélie?“</p> - -<p>Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum -Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu -bedienen.</p> - -<p>Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von -grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an -ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen -hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges.</p> - -<p>„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser -herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin -verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! — Armes -kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“</p> - -<p>„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter -Stimme in schleppendem Ton.</p> - -<p>Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ -den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang.</p> - -<p>Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle -vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des -Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub -Darstellungen von Personen.</p> - -<p>Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und -Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in -fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel -stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren -Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das -war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte -sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu -können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr -unpassenden Stellung wiedergab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p> - -<p>Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise.</p> - -<p>„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“</p> - -<p>Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen.</p> - -<p>Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war.</p> - -<p>„Gut! Kommen Sie!“</p> - -<p>Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin, -Wäsche ausbreitete.</p> - -<p>Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel -vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete.</p> - -<p>Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren -Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das -geneigt blieb.</p> - -<p>Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den -man ihr zahlte.</p> - -<p>Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im -Monat eine Pistole; — kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine -Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen.</p> - -<p>Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel -fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd -einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen.</p> - -<p>„Versteht sich!“</p> - -<p>„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen -der Bürgersfrau.“</p> - -<p>Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken -abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen.</p> - -<p>Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund.</p> - -<p>Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine -Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte:</p> - -<p>„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht! -Übrigens hast du zu entscheiden!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p> - -<p>Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief -sie an:</p> - -<p>„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“</p> - -<p>„Morgen!“</p> - -<p>„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“</p> - -<p>„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="IV">IV</h2> - -</div> - -<p>Sechs Wochen später waren sie Archäologen geworden; und ihr Haus glich -einem Museum.</p> - -<p>Ein alter Holzbalken erhob sich im Vorsaal. Die geologischen Proben -versperrten die Treppe; und eine ungeheure Kette zog sich am Boden des -Hausflurs entlang.</p> - -<p>Sie hatten die Tür zwischen den beiden Zimmern, in denen sie nicht -schliefen, ausgehängt und den äußeren Eingang zu dem zweiten -zugenagelt, um aus den beiden Räumen ein einziges Gemach zu bilden.</p> - -<p>Wenn man die Schwelle überschritten hatte, stieß man gegen einen -steinernen Trog (einen gallorömischen Sarkophag), dann wurde der Blick -durch Metallgegenstände angezogen.</p> - -<p>An der gegenüberliegenden Wand sah man eine Wärmpfanne über zwei -Feuerböcken und einer Kaminplatte, die einen mit einer Hirtin -schäkernden Mönch darstellte. Auf kleinen Brettern erblickte man -ringsumher Leuchter, Schlösser, Bolzen, Schrauben. Der Boden verschwand -unter Scherben von roten Ziegeln. Die seltensten Sehenswürdigkeiten -waren in der Mitte auf einem Tisch aufgestellt: das Gestell einer -Haube, wie sie die Bäuerinnen der Landschaft Caux tragen, zwei -Tonurnen, Denkmünzen, ein Fläschchen aus Opalglas. Ein gestickter -Sessel trug auf seiner Rückenlehne ein Dreieck aus Gipüre. Ein Stück -von einem Panzerhemd zierte die Wand zur Rechten; und darunter hielten -lange Haken eine Hellebarde in horizontaler Lage, ein einzigartiges -Stück.</p> - -<p>Das zweite Zimmer, in das man auf zwei Stufen hinabging, enthielt die -alten, aus Paris mitgebrachten Bücher und die, welche sie bei ihrer -Ankunft in einem Schranke<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> entdeckt hatten. Die Schranktüren waren -entfernt. Sie nannten das die Bibliothek.</p> - -<p>Der Stammbaum der Familie Croixmare nahm die ganze andere Seite der -Tür ein. In den Ecken hingen über der Wandtäfelung als Pendants das -Pastellbild einer Dame in Louis-XV-Tracht und das Porträt von Bouvards -Vater. Das Gesims des Spiegels zierten ein Sombrero aus schwarzem Filz -und ein ungeheurer Überschuh, der mit Blättern gefüllt war, den Resten -eines Nestes.</p> - -<p>Zwei Kokosnüsse (sie gehörten Pécuchet seit seiner Kindheit) lagen auf -dem Kamin zu beiden Seiten einer Fayencetonne, auf der ein Bauer ritt. -Daneben lag in einem Strohkorb ein Geldstück, das eine Ente von sich -gegeben hatte.</p> - -<p>Vor der Bibliothek machte sich eine Muschelkommode mit -Plüschverzierungen breit. Ihr Deckel trug eine Katze, die eine Maus in -ihrem Maule hielt, — eine Versteinerung aus Saint-Allyre, — einen -Arbeitskasten, der ebenfalls aus Muscheln war, — und auf diesem Kasten -stand eine Kognakkaraffe, die eine Pfundbirne umschloß.</p> - -<p>Doch das Glanzstück, eine Statue Sankt Peters, stand in der -Fensternische! Seine behandschuhte rechte Hand hielt den Schlüssel -des Paradieses, der von apfelgrüner Farbe war. Sein Meßgewand, das -mit Lilien durchwirkt war, war von himmelblauer Farbe, und seine -leuchtend gelbe Tiara war spitz wie eine Pagode. Seine Wangen waren -geschminkt, die Augen dick und rund, der Mund stand offen, die -Nase war schief und aufgestülpt. Darüber hing ein aus einem alten -Teppich hergestellter Himmel, auf dem man zwei Amoretten in einem -Kranz von Rosen unterschied, und zu seinen Füßen erhob sich wie eine -Säule ein Buttertopf, der folgende Worte in weißen Buchstaben auf -schokoladefarbigem Grunde zeigte: „Angefertigt vor Seiner Königlichen -Hoheit dem Herzog von Angoulême zu Noron d. 3. Oktober 1817.“</p> - -<p>Pécuchet überschaute das alles von seinem Bette aus in einer Flucht, -und manchmal ging er sogar in Bouvards Zimmer, um es mehr aus der Ferne -zu sehen.</p> - -<p>Dem Panzerhemd gegenüber blieb ein Platz leer, er war für die -Renaissancetruhe bestimmt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span></p> - -<p>Sie war noch nicht fertig, Gorju arbeitete noch daran; er behobelte die -Flächen im Backhaus, paßte sie ein, nahm sie wieder ab.</p> - -<p>Um elf Uhr frühstückte er, plauderte dann mit Mélie und erschien oft -den ganzen Tag nicht wieder.</p> - -<p>Um Stücke in der Art dieses Möbels zu bekommen, hatten sich Bouvard und -Pécuchet auf die Suche gemacht. Was sie mitbrachten, paßte nicht. Aber -sie waren auf eine Menge merkwürdiger Sachen gestoßen. Der Geschmack am -Krimskrams war ihnen gekommen, dann die Liebe zum Mittelalter.</p> - -<p>Zuerst besuchten sie die Kathedralen, — und die hohen Schiffe, die -sich in dem Weihwasser der Becken spiegelten, die Glasarbeiten, die -wie Behänge aus Edelsteinen blendeten, die Grabmäler in der Tiefe -der Kapellen, das dämmerige Licht der Krypten, alles bis zur Kühle -der Mauern erfüllte sie mit einem Schauer der Lust, versetzte sie in -religiöse Erregung.</p> - -<p>Bald waren sie imstande, die Epochen zu unterscheiden — und voll -Verachtung für die Erklärungen der Küster sagten sie: „Ah! eine -romanische Apsis! Das ist aus dem zwölften Jahrhundert! Da haben wir -wieder den Flammenstil!“</p> - -<p>Sie bemühten sich, die steinernen Symbole an den Kapitälen zu deuten, -wie die beiden Greifen zu Marigny, die einen blühenden Baum anpicken. -Pécuchet wollte in den Sängern mit grotesken Kinnladen, welche die -Kranzgesimse von Feugerolles abschließen, eine Satire erblicken, — -und die Überfülle des unanständigen Mannes auf einem der Fensterkreuze -von Hérouville bewies nach Bouvards Ansicht, daß unsere Voreltern die -zotigen Späße geliebt hätten.</p> - -<p>Schließlich wollten sie nicht mehr das geringste Zeichen von -Geschmacksentartung dulden. Alles war Entartung — und sie jammerten -über Vandalismus, schimpften über die Tünche.</p> - -<p>Doch der Stil eines Denkmals trifft nicht immer mit dem Datum zusammen, -das man dafür ansetzt. Der Rundbogen herrscht noch im dreizehnten -Jahrhundert in der Provence vor. Der Spitzbogen ist vielleicht sehr -alt! Und manche Autoren bestreiten, daß der romanische Stil vor dem -go<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>tischen bestanden habe. Dieser Mangel an Gewißheit ärgerte sie.</p> - -<p>Nach den Kirchen studierten sie die festen Burgen: diejenigen von -Domfront und von Falaise. Unter dem Tor bewunderten sie die Nuten des -Fallgatters, und wenn sie den Gipfel erstiegen hatten, erblickten sie -zuerst das ganze Land, dann die Dächer der Stadt, die sich kreuzenden -Straßen, die Karren auf dem Platze, die Frauen beim Waschen. Steil -stürzte die Mauer bis zum Gestrüpp der Gräben herab, — und sie -erblichen bei dem Gedanken, daß hier Menschen, auf Leitern schwebend, -emporgeklettert seien. Sie würden sich in die unterirdischen Gewölbe -gewagt haben; doch bildete für Bouvard sein Bauch ein Hindernis, und -Pécuchet hatte Angst vor Schlangen.</p> - -<p>Sie wollten die alten Sitze, Curcy, Bully, Fontenay, Lemarmion, -Argouge, kennenlernen. Zuweilen erhob sich im Winkel der Gebäude -hinter dem Misthaufen ein Turm aus der Zeit der Karolinger. Die -Küche, die Steinbänke hatte, rief Gedanken an feudale Schmausereien -wach. Andere zeigten ein durchaus wildes Äußeres mit ihren drei noch -deutlich erkennbaren Umfriedigungen, den Schießscharten unter der -Treppe, den langen, spitzgedeckten Türmchen. Dann gelangte man in ein -Gemach, wo ein Fenster aus der Zeit der Valois, fein gemeißelt wie -eine Elfenbeinschnitzerei, die Sonne hereinscheinen ließ, die den auf -dem Parkett ausgebreiteten Raps wärmte. Abteien dienen als Scheunen. -Die Inschriften der Grabsteine sind verwischt. Auf den Feldern ragt -ein einzelner Giebel empor — und ist von oben bis unten mit Efeu -überwuchert.</p> - -<p>Eine Menge von Dingen erregte ihre Begierde, ein Zinntopf, ein Ring mit -einem Straß, großgeblümter Kattun. Mangel an Geld hielt sie vom Einkauf -ab.</p> - -<p>Durch eine Fügung des Himmels gruben sie in Balleroy bei einem -Verzinner eine gotische Scheibe aus, und sie war groß genug, um in der -Nähe des Sessels die rechte Fensterseite bis zur zweiten Scheibe zu -bedecken. Der Kirchturm von Chavignolles zeigte sich im Hintergrunde, -es war von prachtvoller Wirkung.</p> - -<p>Aus dem unteren Teile eines Schrankes verfertigte Gorju ein Betpult, -um es unter die Scheibe zu stellen, denn er<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> schmeichelte ihrer -Leidenschaft. Sie war so stark, daß sie den Verlust der Baudenkmäler -bedauerten, über die man rein gar nichts weiß, — wie das Lusthaus der -Bischöfe von Séez.</p> - -<p>„Bayeux,“ sagt Herr von Caumont, „soll ein Theater gehabt haben.“ Sie -suchten seinen Platz vergeblich.</p> - -<p>Im Dorfe Montrecy liegt eine Wiese, berühmt durch die Münzenfunde, die -man dort früher gemacht hat. Sie zählten auf eine schöne Ausbeute. Der -Wächter verweigerte ihnen den Zutritt.</p> - -<p>Sie waren nicht glücklicher in betreff der Verbindung, welche zwischen -einer Zisterne in Falaise und der Vorstadt von Caen bestand. Enten, die -man dort eingelassen hatte, erschienen zu Vaucelles wieder, indem sie -schnatterten: „Can, can, can,“ woraus der Name der Stadt entstanden ist.</p> - -<p>Kein Gang, kein Opfer war ihnen zu sauer.</p> - -<p>In der Herberge von Mesnil-Villement hatte Herr Galeron im Jahre 1816 -ein Frühstück für die Summe von vier Sous bekommen. — Sie genossen -dasselbe Mahl und stellten mit Staunen fest, daß die Dinge sich seither -geändert hatten!</p> - -<p>Wer ist der Begründer der Abtei von Sainte-Anne? Besteht eine -Verwandtschaft zwischen Marin Onfroy, der im zwölften Jahrhundert eine -neue Sorte Äpfel einführte, und Onfroy, dem Gouverneur von Hastings zur -Zeit der Eroberung? Wie sich „Die arglistige Zauberin“ verschaffen, ein -Lustspiel in Versen von einem gewissen Dutrezor, das in Bayeux entstand -und gegenwärtig sehr selten ist? Unter Ludwig XIV. schrieb Hérambert -Dupaty oder Dupastis Hérambert ein niemals erschienenes Werk voll von -Anekdoten über Argentan: es handelte sich darum, diese Anekdoten wieder -aufzufinden. Was ist aus den selbstgeschriebenen Memoiren der Frau -Dubois de la Pierre geworden, die für die unveröffentlichte Geschichte -des Ortes Laigle von Louis Dasprès, Vikar zu Saint-Martin, benutzt -sind? Das alles sind Probleme, merkwürdige Punkte, die der Aufklärung -bedürfen.</p> - -<p>Doch zuweilen führt ein schwacher Hinweis auf den richtigen Weg zu -einer unschätzbaren Entdeckung.</p> - -<p>Also zogen sie ihre Kittel wieder an, um kein Aufsehen<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> zu erregen, und -sich den Anschein von Hausierern gebend, sprachen sie in den Häusern -vor und verlangten, alte Papiere zu kaufen. Man verkaufte ihnen ganze -Stöße. Es waren Schulhefte, Rechnungen, alte Zeitungen, nichts was man -gebrauchen konnte.</p> - -<p>Schließlich wandten sich Bouvard und Pécuchet an Larsoneur.</p> - -<p>Er steckte tief im Keltizismus, antwortete kurz auf ihre Fragen, -stellte neue.</p> - -<p>Ob sie in ihrer Gegend Spuren der Hundeverehrung bemerkt hätten, -wie man sie in Montargis findet? Und außerdem fragte er nach -besonderen Einzelheiten über die Johannisfeuer, die Hochzeiten, nach -volkstümlichen Sprichwörtern und so weiter? Und er bat sie sogar, -für ihn einige jener Steinbeile zu sammeln, die man damals „Celtae“ -nannte und welche die Druiden bei „ihren verbrecherischen Sühnopfern“ -gebrauchten.</p> - -<p>Durch Gorju verschafften sie sich etwa ein Dutzend derselben, sandten -ihm das kleinste; die andern bereicherten ihr Museum.</p> - -<p>Sie gingen gern darin herum, fegten es selbst, hatten allen ihren -Bekannten davon gesprochen.</p> - -<p>Eines Nachmittags fanden sich Frau Bordin und Herr Marescot ein, um es -zu besichtigen.</p> - -<p>Bouvard empfing sie und begann mit der Vorführung der Gegenstände in -der Vorhalle.</p> - -<p>Der Balken war nichts Geringeres als der ehemalige Galgen von Falaise, -nach Angabe des Tischlers, der ihn verkauft hatte und der diese -Kenntnis von seinem Großvater hatte.</p> - -<p>Die dicke Kette auf dem Flur stammte aus dem Verlies des Schloßturmes -von Torteval. Nach der Ansicht des Notars glich sie den Ketten der -Grenzsteine vor den Ehrenhöfen. Bouvard war überzeugt, daß sie ehemals -dazu gedient hatte, Gefangene zu fesseln, und er öffnete die Tür des -ersten Zimmers.</p> - -<p>„Was sollen alle diese Ziegel?“ rief Frau Bordin.</p> - -<p>„Um die Bäder zu erwärmen; doch ein wenig der Reihe nach, wenn ich -bitten darf. Dies hier ist ein Grabmal, das in einer Herberge entdeckt -wurde, wo es als Viehtrog diente.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span></p> - -<p>Dann nahm Bouvard die beiden Urnen in die Hand, die mit Erde — es sei -menschliche Asche — gefüllt waren, und er brachte das Fläschchen an -seine Augen, um zu zeigen, wie die Römer ihre Tränen darin auffingen.</p> - -<p>„Aber man sieht bei Ihnen nur traurige Dinge!“</p> - -<p>In der Tat war das etwas ernst für eine Dame, und er entnahm einer -Schachtel mehrere Kupfermünzen und einen Silberdenar.</p> - -<p>Frau Bordin fragte den Notar, wieviel das wohl heute wert sei.</p> - -<p>Das Panzerhemd, das er betrachtete, entglitt seinen Händen; einige -Maschen lösten sich. Bouvard verbarg sein Mißvergnügen.</p> - -<p>Er hatte sogar die Gefälligkeit, die Hellebarde abzunehmen, und sich -beugend, die Arme hebend, mit dem Fuße aufstampfend, gab er sich den -Anschein, die Kniekehlen eines Pferdes zu durchmähen, wie mit dem -Bajonette zu stoßen, einen Feind zu töten. Innerlich fand die Witwe, er -sei ein kräftiger Schlingel.</p> - -<p>Sie war von der Muschelkommode begeistert. Die Katze von Saint-Allyre -setzte sie sehr in Staunen, die Birne in der Karaffe etwas weniger; -dann kam man zu dem Kamin.</p> - -<p>„Ah! da ist ein Hut, der ausbesserungsbedürftig wäre.“</p> - -<p>Drei Löcher, Male von Kugeln, höhlten die Ränder.</p> - -<p>Er hatte dem Anführer einer Diebesbande, David de la Bazoque, unter -dem Direktorium gehört, der durch Verrat gefangengenommen und sogleich -getötet worden war.</p> - -<p>„Um so besser, da hat man gut getan,“ sagte Frau Bordin.</p> - -<p>Marescot lächelte vor den Gegenständen in herablassender Weise. Er -hatte kein Verständnis für den Überschuh, der das Aushängeschild -eines Schuhwarenhändlers gewesen war, noch begriff er, was dieses -Fayence-Tönnchen sollte, das ein gewöhnlicher Mostbehälter war; und -der Sankt Peter mit seiner Physiognomie eines Trunkenboldes sei, offen -gesagt, ein kläglicher Anblick.</p> - -<p>Frau Bordin machte die Bemerkung:</p> - -<p>„Immerhin wird er Ihnen ziemlich viel gekostet haben?“</p> - -<p>„O! nicht allzuviel, nicht allzuviel.“</p> - -<p>Ein Dachdecker hatte ihn für fünfzehn Franken hergegeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span></p> - -<p>Dann tadelte sie als etwas Unpassendes die Entblößung der Dame mit der -gepuderten Perücke.</p> - -<p>„Was ist schlimmes daran?“ fragte Bouvard, „wenn man etwas Schönes -besitzt.“</p> - -<p>Und leiser fügte er hinzu:</p> - -<p>„Wie Sie, dessen bin ich sicher.“</p> - -<p>Der Notar wandte ihnen den Rücken, während er die Zweige der Familie -Croixmare studierte. Sie gab keine Antwort, sondern fing an, mit ihrer -langen Uhrkette zu spielen. Ihr Busen wölbte sich unter dem schwarzen -Taffet ihrer Taille, und sie senkte, während sie die Augenbrauen leicht -zusammenzog, das Kinn wie eine Taube, die sich bläht; dann fragte sie -mit harmloser Miene:</p> - -<p>„Wie hieß die Dame?“</p> - -<p>„Das weiß man nicht; sie ist eine der Mätressen des Regenten, Sie -wissen, desselben, der so viele Possen trieb.“</p> - -<p>„Ganz recht; die Memoiren aus der Zeit...“</p> - -<p>Und der Notar beklagte, ohne seinen Satz zu beenden, das Beispiel -dieses von seinen Leidenschaften beherrschten Fürsten.</p> - -<p>„Aber so sind Sie alle!“</p> - -<p>Die beiden Männer protestierten, und ein Gespräch über die Frauen, -über die Liebe knüpfte sich daran. Marescot versicherte, es gäbe viele -glückliche Ehen; zuweilen habe man sogar, ohne es zu ahnen, ganz in -seiner Nähe, was man zu seinem Glücke brauche. Die Anspielung war nicht -mißzuverstehen. Die Wangen der Witwe bedeckten sich mit Purpur; doch -sogleich sich fassend, sagte sie:</p> - -<p>„Wir sind aus dem Alter der Torheiten heraus, nicht wahr, Herr Bouvard?“</p> - -<p>„Eh, eh! das möchte ich doch nicht behaupten.“</p> - -<p>Und er bot ihr den Arm, um sie ins andere Zimmer zu führen.</p> - -<p>„Geben Sie acht auf die Stufen! Schön. Nun betrachten Sie die Scheibe.“</p> - -<p>Man sah einen scharlachroten Mantel darauf und die beiden Flügel eines -Engels. Alles übrige verschwand unter dem Blei, das die zahlreichen -Sprünge des Glases zusammenhielt. Der Tag neigte sich, die Schatten -wurden länger. Frau Bordin war ernst geworden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p> - -<p>Bouvard entfernte sich und kam zurück, mit einer Wolldecke bekleidet, -kniete dann vor dem Betpult nieder, die Arme nach außen, das Gesicht in -den Händen, während die Sonne auf seinen kahlen Schädel glänzte; und er -war sich der Wirkung bewußt, denn er sagte:</p> - -<p>„Sehe ich nicht aus wie ein mittelalterlicher Mönch?“</p> - -<p>Dann hob er den Kopf in schräger Haltung mit verzückten Augen und gab -seinem Gesichte einen mystischen Ausdruck. Man hörte vom Flur her die -tiefe Stimme Pécuchets:</p> - -<p>„Erschrick nicht, ich bin es.“</p> - -<p>Er trat ein, einen Helm auf dem Kopfe: eine eiserne Sturmhaube mit -spitzen Ohrenklappen.</p> - -<p>Bouvard verließ das Betpult nicht. Die beiden andern verharrten -stehend. Eine Minute verging in Verdutzung.</p> - -<p>Frau Bordin schien Pécuchet etwas kühl. Doch erkundigte er sich, ob sie -alles gesehen habe.</p> - -<p>„Ich glaube, ja.“</p> - -<p>Und auf die Wand weisend:</p> - -<p>„Verzeihen Sie, dort wird ein Gegenstand stehen, den man in diesem -Augenblicke repariert.“</p> - -<p>Die Witwe und Marescot gingen.</p> - -<p>Die beiden Freunde waren auf den Gedanken gekommen, einen Wettbewerb -vorzutäuschen. Sie gingen jeder für sich auf die Streifzüge, der zweite -machte höhere Angebote als der erste. Pécuchet hatte soeben den Helm -erstanden.</p> - -<p>Bouvard beglückwünschte ihn und nahm seine Lobreden bezüglich der Decke -entgegen.</p> - -<p>Mélie richtete sie mit Hilfe von Schnüren wie ein Ordensgewand her. Sie -trugen sie abwechselnd, wenn sie Besuche empfingen.</p> - -<p>Es kamen zu ihnen Girbal, Foureau, der Hauptmann Heurteaux, dann -untergeordnete Persönlichkeiten: Langlois, Beljambe, ihre Pächter, bis -zu den Dienstboten der Nachbarn; und jedesmal begannen sie wieder ihre -Erklärungen, zeigten die Stelle, wo die Truhe stehen sollte, gaben -sich mit erkünstelter Bescheidenheit, baten um Nachsicht wegen des -Platzmangels.</p> - -<p>Pécuchet trug an solchen Tagen eine Zuavenmütze, die<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> er noch von -Paris her hatte, denn er glaubte sie in engerer Beziehung zu der -künstlerischen Umwelt. In einem bestimmten Augenblick setzte er -den Helm auf und rückte ihn tief in den Nacken, um sein Gesicht -freizumachen. Bouvard vergaß nicht, die Hellebarde vorzuführen. -Schließlich verständigten sie sich durch einen Blick, ob der Besuch -verdiene, daß man ihm „den mittelalterlichen Mönch“ zeige.</p> - -<p>Welche Erregung, als vor ihrem Gitter der Wagen des Herrn von Faverges -hielt. Er habe ihnen nur ein Wort zu sagen. Es handele sich um -folgendes:</p> - -<p>Hurel, sein Faktotum, hatte ihm mitgeteilt, daß sie überall Dokumente -suchten und dabei alte Papiere auf dem Gut von la Aubrye erstanden -hatten.</p> - -<p>Das stimme vollkommen.</p> - -<p>Ob sie dabei nicht Briefe des Barons von Gonneval, ehemaligen -Adjutanten des Herzogs von Angoulême, gefunden hätten? Denn er hatte -in la Aubrye Aufenthalt genommen. Man wünschte die Korrespondenz aus -Familieninteresse zu besitzen.</p> - -<p>Sie befand sich nicht in ihrem Hause, doch beherbergten sie eine Sache, -die ihn interessieren werde, wenn er geruhen wolle, ihnen in ihre -Bibliothek zu folgen.</p> - -<p>Niemals hatten solche Lackstiefel im Hausflur geknarrt. Sie stießen -gegen den Sarkophag. Beinahe hätte er mehrere Ziegel zertreten, kam -glücklich um den Sessel, stieg zwei Stufen herab, — und im zweiten -Zimmer angekommen, zeigten sie ihm unter dem Baldachin vor dem Sankt -Peter den Buttertopf, der in Noron hergestellt war.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet hatten geglaubt, das Datum sei in manchen Fällen -von Wichtigkeit.</p> - -<p>Der Edelmann besichtigte aus Höflichkeit ihr Museum. Er wiederholte: -„Reizend! Sehr hübsch!“ wobei er sich mit dem Knauf seines -Spazierstöckchens leichte Schläge auf den Mund gab, und gewiß sei er -ihnen dankbar, diese Überbleibsel des Mittelalters gerettet zu haben, -einer Zeit religiösen Glaubens und ritterlicher Aufopferung. Er liebe -den Fortschritt und würde sich gleich ihnen solch interessanten Studien -gewidmet haben, doch die Politik, die Kreisstände, die Landwirtschaft, -ein wahrer Strudel halte ihn davon ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p> - -<p>„Übrigens würde man nach Ihnen nur eine dürftige Nachlese halten -können, denn bald werden Sie alle Merkwürdigkeiten des Bezirks in Ihrem -Hause vereinigt haben.“</p> - -<p>„Ohne uns überheben zu wollen, das denken wir,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Indessen könne man in Chavignolles zum Beispiel noch solche -entdecken; in der Gasse am Friedhof sei seit undenklichen Zeiten ein -Weihwasserbecken an der Mauer im Grase vergraben.</p> - -<p>Sie waren über die Mitteilung erfreut, dann tauschten sie einen Blick -aus, der bedeutete, „ist es der Mühe wert?“ — doch schon öffnete der -Graf die Tür.</p> - -<p>Mélie, die dahinter stand, rannte ungestüm davon.</p> - -<p>Da er seinen Weg durch den Hof nahm, bemerkte er Gorju, der mit -übereinandergelegten Armen dabei war, seine Pfeife zu rauchen.</p> - -<p>„Sie beschäftigen diesen Burschen? Hm! wenn einmal ein Aufstand -ausbricht, würde ich ihm nicht trauen.“</p> - -<p>Und Herr von Faverges stieg in seinen Tilbury.</p> - -<p>Warum schien sich ihre Dienstmagd vor ihm zu fürchten?</p> - -<p>Sie fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe auf seinem Gute -gedient. Sie sei jenes kleine Mädchen, welches den Schnittern zu -trinken gab, als sie vor zwei Jahren gekommen waren. Man hatte sie zur -Aushilfe auf das Schloß genommen und fortgeschickt „wegen unwahrer -Nachrede“.</p> - -<p>Doch Gorju, was konnte man ihm vorwerfen? Er war sehr geschickt und -bezeugte ihnen unendlich viel Achtung.</p> - -<p>Am folgenden Morgen begaben sie sich mit Tagesanbruch zum Friedhofe.</p> - -<p>Bouvard untersuchte mit seinem Stock die bezeichnete Stelle. Er -stieß auf einen harten Gegenstand. Sie rissen einige Nesseln aus und -entdeckten eine Sandsteinschale, ein Taufbecken, in dem Pflanzen -wuchsen.</p> - -<p>Indessen ist es eigentlich nicht Brauch, Taufbecken außerhalb der -Kirche zu verscharren.</p> - -<p>Pécuchet machte eine Zeichnung davon, Bouvard die Beschreibung, und sie -schickten das alles an Larsoneur.</p> - -<p>Seine Antwort kam sofort.</p> - -<p>„Sieg, meine teuren Kollegen! Das ist unbestreitbar ein Druiden-Gefäß.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span></p> - -<p>Doch sollten sie sich vorsehen. Das Beil sei zweifelhaft, — und ebenso -in seinem wie in ihrem Interesse gab er ihnen eine Reihe von Werken an, -die man zu Rate ziehen solle.</p> - -<p>Larsoneur gestand in einem Postskriptum, er habe Lust, dieses Gefäß -kennenzulernen, was sich bald einmal machen lassen würde, wenn er seine -Reise in die Bretagne ausführe.</p> - -<p>Da vergruben sich Bouvard und Pécuchet in die keltische Archäologie.</p> - -<p>Dieser Wissenschaft zufolge beteten die alten Gallier, unsere -Vorfahren, Kirk und Kron, Taranis, Esus, Netalemnia, den Himmel und -die Erde, den Wind und die Wasser an, — und über alles den großen -Teutates, welcher der Saturn der Heiden ist. Denn als Saturn in -Phönizien herrschte, erkor er sich eine Nymphe namens Anobret zur -Gattin, von der er ein Kind mit Namen Jeüd hatte, — und Anobret hat -die Züge Saras, Jeüd wurde geopfert (oder doch beinahe) wie Isaak; — -also ist Saturn Abraham, woraus man schließen muß, daß die Religion der -Gallier denselben Ursprung hat wie die der Juden.</p> - -<p>Ihr Gemeinwesen war sehr gut geordnet. Die erste Klasse von -Leuten umfaßte das Volk, den Adel und den König, die zweite die -Rechtsgelehrten, — und in der dritten, der höchsten, gliederten sich -nach Taillepied „die verschiedenen Arten von Philosophen“, nämlich -Druiden oder Saroniden, die selbst wieder in Eubages, Bardes und Vates -eingeteilt wurden.</p> - -<p>Die einen verkündeten die Zukunft, andere sangen, noch andere lehrten -Botanik, Medizin, Geschichte und Literatur, kurz „alle Künste ihrer -Zeit“. Pythagoras und Plato waren ihre Schüler. Sie brachten den -Griechen die Metaphysik bei, den Persern die Hexenkunst, den Etruskern -die Opferschau, — und den Römern das Verzinnen des Kupfers und den -Schinkenhandel.</p> - -<p>Doch von diesem Volke, das die Alte Welt beherrschte, sind nur noch -Steine übriggeblieben, die entweder ganz alleinstehen oder in Gruppen -zu dreien, oder in Galerien angeordnet sind oder Einfriedigungen bilden.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet studierten voller Eifer nachein<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>ander den Stein -von Post zu Ussy, den Doppelstein im Guest, den Stein von Darier bei -Aigle und andere!</p> - -<p>Alle diese Blöcke, von denen ihnen der eine nicht mehr sagte als der -andere, langweilten sie bald, und eines Tages, als sie den Menhir von -Passais gesehen hatten, waren sie im Begriff, zurückzukehren, als ihr -Führer sie in einen Buchenhain führte, der mit Granitmassen angefüllt -war, die Sockeln oder ungeheuren Schildkröten glichen.</p> - -<p>Die bedeutendste ist wie ein Becken gehöhlt. Einer der Ränder ist -höher, und vom Boden gehen zwei Einschnitte bis zur Erde hinab; das war -für das Abfließen des Blutes, unmöglich, daran zu zweifeln. Der Zufall -bringt so etwas nicht hervor.</p> - -<p>Baumwurzeln schlangen sich um diese rohen Sockel. Es fiel ein wenig -Regen. In der Ferne stiegen Nebelstreifen gleich großen Gespenstern. -Es kostete geringe Mühe, sich unter dem Laubwerk Priester in goldener -Tiara und weißem Gewande zu denken, mit ihren Menschenopfern, deren -Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, — und am Rande des -Beckens die den roten Strom beobachtende Priesterin, während die Menge -ringsumher heulte zum Lärm der Cymbeln und der aus Auerochsenhorn -gemachten Trompeten.</p> - -<p>Sogleich stand ihr Plan fest.</p> - -<p>Und in einer mondhellen Nacht nahmen sie ihren Weg zum Friedhof, -wie Diebe im Schatten der Häuser gehend. Die Fensterläden waren -geschlossen, und die Höfe lagen in Schweigen; nicht ein Hund bellte.</p> - -<p>Gorju begleitete sie; sie machten sich ans Werk. Man hörte nur die -Steine klingen, die von dem den Grasboden höhlenden Scheit getroffen -wurden.</p> - -<p>Die Nachbarschaft der Toten war ihnen unangenehm; die Uhr der Kirche -gab ein fortwährendes Röcheln von sich, und die Rose in ihrem -Giebelfelde sah aus wie ein Auge, das die Tempelschänder erspäht. -Endlich brachten sie das Gefäß fort.</p> - -<p>Am folgenden Tage gingen sie wieder zum Friedhofe, um zu sehen, welche -Spuren ihre Tätigkeit hinterlassen.</p> - -<p>Der Abbé, welcher vor der Tür frische Luft schöpfte, bat sie, ihm die -Ehre eines Besuches zu erweisen; und nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> er sie in seinen kleinen -Saal geführt, blickte er sie in sonderbarer Weise an.</p> - -<p>Auf der Anrichte stand zwischen den Tellern eine Suppenschüssel, die -mit gelben Sträußen bemalt war.</p> - -<p>Pécuchet rühmte sie, da er nicht wußte, was er sagen sollte.</p> - -<p>„Das ist ein altes Rouenner Stück,“ erwiderte der Pfarrer, „ein -Erbstück. Die Kenner, besonders Herr Marescot, schätzen es.“</p> - -<p>Er selber habe, Gott sei Dank, keine Vorliebe für Sehenswürdigkeiten; -— und da sie ihn nicht zu verstehen schienen, erklärte er, er habe -selbst gesehen, wie sie das Taufbecken entwendeten.</p> - -<p>Die beiden Archäologen waren sehr verblüfft, stotterten. Der fragliche -Gegenstand sei nicht mehr in Gebrauch.</p> - -<p>Gleichviel! sie müßten ihn herausgeben.</p> - -<p>Ohne Zweifel! Aber man möge ihnen wenigstens erlauben, einen Maler -kommen zu lassen, um ihn abzuzeichnen.</p> - -<p>„Einverstanden, meine Herren.“</p> - -<p>„Die Sache bleibt unter uns, nicht wahr?“ sagte Bouvard, „unter dem -Siegel des Beichtgeheimnisses!“</p> - -<p>Der Geistliche beruhigte sie lächelnd mit einer Bewegung.</p> - -<p>Nicht ihn hatten sie zu fürchten, sondern vielmehr Larsoneur. Wenn -er durch Chavignolles kommen würde, würde er nach dem Gefäß lüstern -werden, — und seine Redereien darüber würden der Regierung zu Ohren -kommen. Aus Vorsicht versteckten sie es im Backhaus, dann in der Laube, -in der Hütte, in einem Schrank. Gorju war müde, es herumzuschleppen.</p> - -<p>Der Besitz eines solchen Stückes verknüpfte sie mit dem Keltizismus der -Normandie.</p> - -<p>Sein Ursprung liegt in Ägypten. Séez im Ornekreise wird zuweilen -Saïs, wie die Stadt des Delta, geschrieben. Die Gallier schworen beim -Stier, was eine Verpflanzung des Apiskultes war. Der lateinische Name -„Bellocastes“, welcher der der Bewohner von Bayeux war, kommt von Beli -Casa, Wohnung, Heiligtum des Belus. Belus und Osiris sind die gleiche -Gottheit. „Nichts steht dem im Wege,“ sagt Mangou de la Londe, „daß -es bei Bayeux druidische Denkmäler gegeben habe.“ — „Dieses Land“, -fügt Herr Roussel hinzu,<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> „ähnelt dem Lande, in welchem die Ägypter -den Tempel des Jupiter Ammon bauten.“ Also gab es einen Tempel, und -noch dazu einen, der Schätze beherbergte. Alle keltischen Bauwerke -beherbergen solche.</p> - -<p>Im Jahre 1715 grub, so berichtet Dom Martin, ein Herr Héribel in der -Umgegend von Bayeux mehrere mit Gebeinen gefüllte Tongefäße aus — und -schloß (der Überlieferung und entschwundenen Autoritäten folgend), daß -dieser Ort, eine Totenstadt, der Berg Faunus sei, wo man das goldene -Kalb verscharrt habe.</p> - -<p>Indessen wurde das goldene Kalb verbrannt und verschluckt, — wofern es -sich nicht um einen Irrtum der Bibel handelt.</p> - -<p>Zunächst, wo liegt der Faunusberg? Die Bücher geben es nicht an. -Die Eingeborenen wissen nichts darüber. Man hätte zu Nachgrabungen -schreiten müssen, — und zu diesem Zwecke richteten sie eine -Bittschrift an den Herrn Präfekten, auf die keine Antwort erfolgte.</p> - -<p>Vielleicht war der Berg Faunus verschwunden, und es war kein Hügel, -sondern ein Tumulus. Was bedeuteten die Tumuli?</p> - -<p>Mehrere enthalten Skelette, die die Stellung des Fötus im Mutterleib -zeigen. Das will besagen, daß das Grab für sie eine zweite Zeit der -Trächtigkeit war, die sie zu einem neuen Leben vorbereitete. Also -stellt der Tumulus das weibliche Organ dar, wie der aufrechte Stein das -männliche Organ bedeutet.</p> - -<p>In der Tat hat, wo es Menhire gibt, ein unzüchtiger Kult bestanden. -Beweis ist, was in Guérande, in Chichebouche, in Croisic, in Livarot -vor sich ging. Ursprünglich hatten die Türme, die Pyramiden, die -Kerzen, die Meilensteine der Wege und selbst die Bäume die Bedeutung -des Phallus, — und für Bouvard und Pécuchet wurde alles zum Phallus. -Sie sammelten Ortscheite von Wagen, Sesselbeine, Kellerschlösser, -Pistille. Wenn man sie besuchte, fragten sie: „An was erinnert Sie das -wohl?“ und vertrauten dann das Geheimnis an, und wenn man protestierte, -zuckten sie mitleidig die Achseln.</p> - -<p>Eines Abends, als sie über die Dogmen der Druiden nachsannen, fand sich -der Abbé ein, in bescheidener Haltung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span></p> - -<p>Sogleich zeigten sie ihm das Museum, wobei sie mit der Scheibe -begannen; doch sie konnten es nicht erwarten, zu einer neuen Abteilung -zu kommen, der des Phallus. Der Geistliche unterbrach sie, da er -die Ausstellung für unpassend hielt. Er kam, um sein Taufbecken -zurückzuverlangen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet flehten noch um vierzehn Tage, die gerade genügen -würden, einen Abguß davon zu nehmen.</p> - -<p>„Je eher, desto besser,“ sagte der Abbé.</p> - -<p>Dann plauderte er von nebensächlichen Dingen.</p> - -<p>Pécuchet, der sich einen Augenblick entfernt hatte, ließ ihm ein -Goldstück in die Hand gleiten.</p> - -<p>Der Priester fuhr zurück.</p> - -<p>„O, für Ihre Armen!“</p> - -<p>Und Herr Jeufroy nestelte das Goldstück errötend in seinen Priesterrock.</p> - -<p>Das Gefäß herausgeben, das Opfergefäß! Nie im Leben! Sie wollten sogar -Hebräisch lernen, das die Muttersprache des Keltischen ist, sofern es -nicht von ihm herstammt! — und sie wollten die Bretagne bereisen, — -indem sie mit Rennes begannen, wo sie ein Zusammentreffen mit Larsoneur -haben würden, um die in den Denkschriften der keltischen Akademie -erwähnte Urne zu studieren, welche die Asche der Königin Artemisia -enthalten zu haben scheint, — als der Bürgermeister, mit dem Hut auf -dem Kopf, ohne Umstände eintrat als der ungehobelte Mensch, der er war.</p> - -<p>„Das hilft alles nichts, ihr Herren. Sie müssen es herausrücken!“</p> - -<p>„Was denn?“</p> - -<p>„Spaßmacher! Ich weiß genau, daß Sie es verstecken!“</p> - -<p>Man hatte sie verraten.</p> - -<p>Sie erwiderten, daß sie es mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers bei -sich hielten.</p> - -<p>„Das werden wir sehen.“</p> - -<p>Und Foureau ging.</p> - -<p>Eine Stunde später war er wieder da.</p> - -<p>„Der Pfarrer sagt nein! Erklären Sie sich.“</p> - -<p>Sie blieben hartnäckig.</p> - -<p>Zunächst bedürfte man dieses Weihwasserbeckens nicht — das kein -Weihwasserbecken sei. Sie würden es durch eine Menge wissenschaftlicher -Gründe beweisen. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> schlugen sie vor, in ihrem Testamente -anzuerkennen, daß es der Gemeinde gehöre.</p> - -<p>Sie erboten sich sogar, es zu kaufen.</p> - -<p>„Und übrigens ist es mein Eigentum!“ wiederholte Pécuchet. Die zwanzig -Franken, die Herr Jeufroy genommen habe, seien ein Beweis des Vertrages -— und wenn man zum Friedensrichter gehen müsse, um so schlimmer, dann -würde er einen Meineid leisten!</p> - -<p>Während dieser Streitigkeiten hatte er die Suppenschüssel mehrere -Male wiedergesehen, und in seiner Seele war der Wunsch, das brennende -Verlangen entstanden, diese Fayence zu besitzen. Wenn man sie ihm -abtreten wolle, würde er das Gefäß zurückgeben. Im anderen Falle nicht.</p> - -<p>Aus Ermüdung oder Furcht vor ärgerlichem Aufsehen gab sie Herr Jeufroy -hin.</p> - -<p>Sie wurde in ihrer Sammlung untergebracht, neben der Haube der Bäuerin -aus Caux. Das Gefäß zierte die Vorhalle der Kirche, und sie trösteten -sich über seinen Verlust mit dem Gedanken, daß die Bewohner von -Chavignolles seinen Wert nicht kannten.</p> - -<p>Doch die Suppenschüssel gab ihnen den Geschmack an Fayencen: ein neuer -Gegenstand für Studien und Streifzüge im Lande.</p> - -<p>Es war zu der Zeit, wo vornehme Leute die alten Rouenner Teller -sammelten. Der Notar besaß einige und kam daher in den Ruf eines -Künstlers, was ihm in seinem Beruf schaden konnte; doch suchte er das -durch ernste Seiten wieder wettzumachen.</p> - -<p>Als er erfuhr, daß Bouvard und Pécuchet die Suppenschüssel erworben -hatten, ging er zu ihnen, um ihnen einen Tausch vorzuschlagen.</p> - -<p>Pécuchet beschied ihn abschlägig.</p> - -<p>„Sprechen wir nicht weiter davon!“ und Marescot besichtigte ihre -Keramiken.</p> - -<p>Die sämtlichen an den Wänden aufgehangenen Stücke waren blau auf einem -schmutzig-weißen Grunde, und einige zeigten ein Füllhorn in grünen und -rötlichen Tönen, Barbierbecken, Teller, Untertassen, Gegenstände, auf -die man lange Jagd gemacht und die man auf der Brust in den Falten des -Rockes heimgetragen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span></p> - -<p>Marescot rühmte sie, sprach von anderen Fayencen, spanisch-arabischen, -holländischen, englischen, italienischen; und nachdem er sie durch -seine Kenntnisse geblendet hatte: „Wenn ich Ihre Suppenschüssel noch -mal ansähe?“</p> - -<p>Er ließ sie durch Anschlagen mit dem Finger erklingen, betrachtete dann -die beiden S, die auf den Deckel gemalt waren.</p> - -<p>„Das Zeichen von Rouen!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„O! o! Genau genommen hatte Rouen kein Zeichen. Als man noch nichts von -Moutiers wußte, waren alle französischen Fayencen aus Nevers. So geht -es ebenso heutzutage mit Rouen! Übrigens macht man sie in Elbeuf bis -zur Vollendung nach.“</p> - -<p>„Nicht möglich!“</p> - -<p>„Man macht ja doch auch Majoliken nach! Ihr Stück ist vollständig -wertlos, — und ich war im Begriff, eine schöne Dummheit zu begehen!“</p> - -<p>Als der Notar fortgegangen war, sank Pécuchet gebrochen in einen Sessel.</p> - -<p>„Man hätte das Becken nicht herausgeben sollen,“ sagte Bouvard, „doch -du begeisterst dich, du erhitzest dich immer gleich!“</p> - -<p>„Ja, ich erhitze mich,“ und Pécuchet faßte die Suppenschüssel und -schleuderte sie weit von sich gegen den Sarkophag.</p> - -<p>Bouvard, ruhiger, las die Stücke eines nach dem anderen auf; — und -nach einiger Zeit kam ihm dieser Gedanke:</p> - -<p>„Es ist leicht möglich, daß Marescot uns aus Eifersucht zum besten -gehabt hat!“</p> - -<p>„Wie?“</p> - -<p>„Nichts gibt mir die Versicherung, daß die Suppenschüssel nicht echt -sei! während die anderen Stücke, die er anscheinend bewunderte, -vielleicht nachgemacht sind!“</p> - -<p>Und der Rest des Tages verging in Zweifeln, in Bedauern.</p> - -<p>Das war kein Grund, die Reise in die Bretagne aufzugeben. Sie gedachten -sogar, Gorju mitzunehmen, der ihnen bei ihren Ausgrabungen behilflich -sein sollte.</p> - -<p>Seit einiger Zeit schlief er im Hause, um die Ausbesserung des Möbels -schneller zu beendigen. Die Aussicht eines Ortswechsels paßte ihm -nicht, und da sie von Menhiren und<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> Tumuli, die sie sehen wollten, -sprachen, sagte er zu ihnen: „Das kenne ich besser; im Süden von Algier -trifft man bei den Quellen des Bou-Mursoug eine Menge davon.“ Er gab -sogar die Beschreibung eines Grabes, das zufällig in seiner Gegenwart -geöffnet worden sei, — und das ein Skelett in der zusammengekauerten -Haltung eines Affen, die beiden Arme um die Beine geschlungen, enthielt.</p> - -<p>Larsoneur, den sie hiervon in Kenntnis setzten, wollte nicht daran -glauben.</p> - -<p>Bouvard vertiefte sich in den Gegenstand und widerlegte ihn.</p> - -<p>Wie kommt es, daß die Denkmäler der Gallier formlos sind, während -diese selben Gallier zur Zeit des Julius Cäsar zivilisiert waren? Ohne -Zweifel rühren sie von einem älteren Volke her.</p> - -<p>Eine solche Hypothese ermangelte nach Larsoneurs Ansicht des -Patriotismus.</p> - -<p>Gleichviel! nichts beweise, daß diese Denkmäler Werke der Gallier -seien. „Zeigen Sie uns einen Text!“</p> - -<p>Der Akademiker wurde ärgerlich, antwortete nicht mehr; — und sie waren -recht froh darüber, so sehr langweilten die Druiden sie.</p> - -<p>Wenn sie nicht wußten, woran sie sich hinsichtlich der Töpferkunst und -des Keltizismus halten sollten, so lag das an ihrer Unkenntnis der -Geschichte, besonders der Geschichte von Frankreich.</p> - -<p>Das Werk von Anquetil befand sich in ihrer Bibliothek; doch die Reihe -der tatenlosen Könige belustigte sie sehr wenig. Die Ruchlosigkeit der -Hausmeier empörte sie keineswegs, — und sie legten Anquetil fort, -abgestoßen durch die Abgeschmacktheit seiner Betrachtungen.</p> - -<p>Da fragten sie bei Dumouchel an, „welches die beste Geschichte -Frankreichs sei?“</p> - -<p>Dumouchel nahm auf ihren Namen ein Abonnement in einer Leihbibliothek -und sandte ihnen die Briefe Augustin Thierrys zusammen mit zwei Bänden -des Herrn von Genoude.</p> - -<p>Das Königtum, die Religion, die Nationalversammlungen, das waren diesem -Schriftsteller zufolge „die Grundlagen“ der französischen Nation, -Grundlagen, die auf die Merovinger zurückgehen. Die Karolinger haben -ihnen Abbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> getan. Die Kapetinger, im Einvernehmen mit dem Volke, -bemühten sich, sie aufrechtzuerhalten. Unter Ludwig XIII. wurde die -absolute Herrschaft aufgerichtet, um den Protestantismus zu besiegen, -das letzte Aufraffen des Feudalismus — und 89 ist nur eine Rückkehr -zur Verfassung unserer Ahnen.</p> - -<p>Pécuchet bewunderte diese Gedanken.</p> - -<p>Sie erregten Bouvards Mitleid, der Augustin Thierry zuerst gelesen -hatte:</p> - -<p>„Was schwatzest du mir da von deiner französischen Nation, da kein -Frankreich, noch eine Nationalversammlung bestand! Und die Karolinger -haben sich nichts widerrechtlich angeeignet! Und die Könige haben die -Kommunen nicht befreit! Lies selbst!“</p> - -<p>Pécuchet ergab sich vor der augenscheinlichen Wahrheit und übertraf -Bouvard bald an wissenschaftlicher Strenge! Er würde sich ehrlos -vorgekommen sein, wenn er „Charlemagne“ und nicht „Karl le Grand“, -„Clovis“ anstatt „Clodowig“ gesagt hätte.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger war er von Genoude begeistert, denn er fand es -geistvoll, die beiden Enden der französischen Geschichte miteinander zu -verknüpfen, so daß die Mitte Füllwerk ist, — und um darüber ins klare -zu kommen, griffen sie zu der Sammlung Buchez und Roux.</p> - -<p>Doch der Schwulst der Vorreden, diese Verquickung von Sozialismus und -Katholizismus widerte sie an; die zu zahlreichen Einzelheiten hinderten -sie an einem Gesamtüberblick.</p> - -<p>Sie nahmen ihre Zuflucht zu Herrn Thiers.</p> - -<p>Es war im Sommer des Jahres 1845; sie saßen in der Laube im Garten. -Pécuchet, der eine kleine Bank unter den Füßen hatte, las laut mit -seiner tiefen Stimme, ohne müde zu werden, und hielt nur ein, um mit -den Fingern in seine Tabakdose zu greifen. Bouvard lauschte ihm, die -Pfeife im Munde, die Beine auseinandergestreckt; oben an seiner Hose -war ein Knopf geöffnet.</p> - -<p>Greise hatten ihnen von 93 erzählt, — und beinahe persönliche -Erinnerungen belebten die platten Beschreibungen des Verfassers. -Zu jener Zeit waren die Landstraßen voll von Soldaten, welche die -Marseillaise sangen. Auf den Türschwellen sitzend, nähten Frauen -Zelte aus Leinwand. Manchmal nahte ein Schwarm von Leuten in roter -Mütze,<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf der Spitze einer Pike ein blasses Haupt neigend, dessen -Haar herabging. Die hohe Tribüne des Konvents erschien über einer -Staubwolke, in der wütende Gesichter Todesverwünschungen ausstießen. -Kam man um die Mitte des Tages am Tuilerien-Bassin vorbei, so hörte -man das Fallbeil der Guillotine, das wie die Stöße eines Rammklotzes -dröhnte.</p> - -<p>Und die Brise bewegte die Weinblätter der Laube, die reife Gerste wogte -in Zwischenräumen, eine Drossel pfiff. Während sie ihre Blicke um sich -schweifen ließen, sogen sie diesen Frieden ein.</p> - -<p>Wie schade, daß man es gleich zu Anfang an gegenseitigem Verständnis -hatte fehlen lassen. Denn hätten die Royalisten wie die Patrioten -gedacht, hätte der Hof mehr Aufrichtigkeit gezeigt und die Gegner -weniger Ungestüm, so wäre viel Unglück vermieden!</p> - -<p>Durch das viele Schwatzen darüber gerieten sie in Leidenschaft. -Bouvard, Freigeist und Empfindungsmensch, war Anhänger der -Konstitution, Girondist, Thermidorianer. Pécuchet, gallig und zur -Herrschsucht neigend, gab sich als Sansculotte und selbst als Anhänger -Robespierres zu erkennen.</p> - -<p>Er billigte die Verurteilung des Königs, die gewaltsamsten Beschlüsse, -den Kult des höchsten Wesens. Bouvard zog den der Natur vor. Er würde -mit Vergnügen das Bild einer dicken Frau gegrüßt haben, die aus ihren -Brüsten ihren Anbetern kein Wasser, sondern edlen Burgunder spendete.</p> - -<p>Um ihre Argumente durch mehr Tatsachen stützen zu können, verschafften -sie sich andere Werke: Montgaillard, Prudhomme, Gallois, Lacretelle -und so weiter; und die Widersprüche dieser Bücher setzten sie durchaus -nicht in Verlegenheit. Jeder entnahm ihnen, was er zur Verteidigung -seiner Ansicht brauchte.</p> - -<p>So zweifelte Bouvard nicht, daß Danton hunderttausend Taler angenommen -habe, damit er Anträge stelle, welche die Republik zugrunde richteten, -— und nach Pécuchet hätte Vergniaud sechstausend Franken im Monat -verlangt.</p> - -<p>„Nie im Leben! Erkläre mir lieber, warum Robespierres Schwester eine -Rente von Ludwig XVIII. erhielt?“</p> - -<p>„Keineswegs! Das war Bonaparte, und da du die Dinge so nimmst, wer ist -die Persönlichkeit, die mit Egalité kurze Zeit vor dessen Tode eine -geheime Zusammenkunft hatte?<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> Ich verlange, daß man in den Memoiren -der Campan die unterdrückten Stellen abdruckt! Das Ende des Dauphins -scheint mir verdächtig. Die Pulvermühle von Grenelle tötete, als sie in -die Luft flog, zweitausend Personen! Grund unbekannt, sagt man, welche -Dummheit!“ denn Pécuchet war nahe daran, ihn zu kennen, und schob alle -Verbrechen auf die Umtriebe der Aristokraten, das Gold der Ausländer.</p> - -<p>Nach Bouvards Ansicht waren „Fahr zum Himmel, Sohn des heiligen -Ludwig“, die Jungfrauen von Verdun und die Hosen aus Menschenhaut -überhaupt nicht zu bezweifeln. Er nahm die Angaben Prudhommes hin, -gerade eine Million Opfer.</p> - -<p>Doch die Loire, die von Saumur bis Nantes in einer Länge von achtzehn -Meilen rot von Blut war, gab ihm zu denken. Pécuchet faßte ebenfalls -Zweifel, und Mißtrauen gegen die Historiker stellte sich bei ihnen ein.</p> - -<p>Für die einen ist die Revolution ein satanisches Ereignis. Andere -stellen sie als eine hehre Ausnahme hin. Die Unterlegenen auf beiden -Seiten sind natürlich Märtyrer.</p> - -<p>Thierry zeigt gelegentlich der Barbaren, wie einfältig es sei, -nachzuforschen, ob dieser oder jener Fürst gut oder schlecht war. -Warum dieselbe Methode nicht bei der Prüfung neuerer Epochen anwenden? -Doch die Geschichtsschreibung soll die Moral rächen. Man ist Tacitus -dankbar, weil er Tiberius zerrissen hat. Ob schließlich die Königin -Liebhaber gehabt, ob Dumouriez seit Valmy zum Verrat entschlossen war, -ob es die Bergpartei oder die Gironde war, die im Prairial anfing, und -im Thermidor die Jakobiner oder die gemäßigte Partei, was macht das für -den Verlauf der Revolution aus, deren Ursprünge tief liegen und deren -Folgen unberechenbar sind?</p> - -<p>Sie mußte sich also erfüllen, sein was sie war, aber man denke sich -die Flucht des Königs ohne Hindernis, Robespierre entschlüpfend oder -Bonaparte ermordet, — Zufälle, die von einem weniger gewissenhaften -Herbergsvater, von einer offenen Tür, einer eingeschlafenen Schildwache -abhingen, — und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf -genommen.</p> - -<p>Sie hatten über die Menschen und Tatsachen jener Zeit keine einzige -feststehende Ansicht mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span></p> - -<p>Um sie objektiv zu beurteilen, hätte man alle Geschichten, alle -Denkwürdigkeiten, alle Zeitungen und alle handschriftlichen -Aufzeichnungen lesen müssen, denn wenn man das Geringste ausließ, -konnte daraus ein Irrtum entstehen, welcher eine endlose Reihe anderer -nach sich zog. Sie verzichteten darauf.</p> - -<p>Doch der Geschmack an der Geschichte war ihnen gekommen, das Bedürfnis -nach Wahrheit um ihrer selbst willen.</p> - -<p>Vielleicht ist sie leichter in den alten Zeiten zu entdecken? -Wenn die Verfasser weit von den Dingen entfernt sind, können sie -leidenschaftslos von ihnen sprechen. Und sie machten sich an den guten -Rollin.</p> - -<p>„Welch ein Wust von Albernheiten!“ rief Bouvard gleich beim ersten -Kapitel.</p> - -<p>„Warte ein wenig,“ sagte Pécuchet, während er unten in ihrer -Bücherei wühlte, wo die Bücher des früheren Besitzers, eines alten -Rechtsgelehrten, eines verrückten Schöngeistes, zusammengedrängt -standen; und nachdem er viele Romane und Theaterstücke nebst einem -Montesquieu und einer Horazübersetzung weggerückt hatte, erreichte er, -was er suchte: das Werk Beauforts über die römische Geschichte.</p> - -<p>Titus Livius schreibt die Gründung Roms dem Romulus zu. Sallust läßt -diese Ehre den Trojanern des Äneas. Coriolan starb Fabius Pictor -zufolge in der Verbannung, und wenn man Dionysius Glauben schenkt, -durch die Listen des Attius Tullus. Seneka versichert, daß Horatius -Cocles als Sieger zurückkehrte, und Dion, daß er am Beine verwundet -war. Und La Mothe le Vayer äußert ähnliche Zweifel hinsichtlich der -anderen Völker.</p> - -<p>Man ist sich nicht einig über das chaldäische Altertum, das Zeitalter -Homers, die Existenz Zoroasters, die beiden assyrischen Reiche. Quintus -Curtius hat Märchen erzählt. Plutarch straft Herodot Lügen. Wir würden -von Cäsar eine andere Vorstellung haben, wenn Vercingetorix dessen -Kommentare geschrieben hätte.</p> - -<p>Die alte Geschichte ist aus Mangel an Dokumenten dunkel. Die moderne -dagegen ist überreich daran; — und Bouvard und Pécuchet machten sich -wieder an die französische Geschichte, begannen Sismondi.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span></p> - -<p>Die Aufeinanderfolge so vieler Männer machte ihnen Lust, sie genauer zu -kennen, sich mit ihnen zu befassen. Sie wollten die Quellen studieren. -Gregor von Tours, Monstrelet, Commines, alle die, deren Namen seltsam -oder angenehm klangen.</p> - -<p>Doch sie warfen die Ereignisse durcheinander aus ungenügender Kenntnis -der Daten.</p> - -<p>Glücklicherweise besaßen sie die Mnemotechnik Dumouchels, einen -Pappband in Duodez, der das Motto trug: „Durch Unterhaltung belehren.“</p> - -<p>Sie verband die drei Systeme Allevys, Pâris’ und Fenaigles miteinander.</p> - -<p>Allevy setzt für die Zahlen Figuren ein, wobei die Zahl 1 durch einen -Turm, 2 durch einen Vogel, 3 durch ein Kamel ausgedrückt wird, und so -weiter. Pâris beschäftigt die Einbildungskraft durch Wortspiele: ein -mit Holzschrauben versehener Sessel ergibt: Clou, vis = Clovis; und da -das Geräusch des Bratens „ric, ric“ macht, so rufen Weißlinge in einer -Pfanne Chilperic ins Gedächtnis zurück. Fenaigle zerlegt die Welt in -Häuser, die Kammern enthalten; jede Kammer hat vier Wände mit neun -Flächen, und jede Fläche trägt ein Sinnbild. Also wird der erste König -der ersten Dynastie in dem ersten Zimmer die erste Fläche einnehmen. -Ein Leuchtturm auf einem Berge wird besagen, wie er hieß „Phar a mond“ -System Pâris, — und wenn man, wie Allevy rät, darunter einen Spiegel, -der 4, einen Vogel, der 2, und einen Reifen, der 0 bedeutet, setzt, so -erhält man 420, das Datum der Thronbesteigung dieses Fürsten.</p> - -<p>Der größeren Klarheit wegen nahmen sie als mnemotechnische Basis -ihr eigenes Haus, ihren Wohnort, indem sie mit jedem seiner Teile -eine besondere Tatsache verknüpften, — und der Hof, der Garten, die -Umgegend, das ganze Land hatte keine andere Bedeutung, als ihrem -Gedächtnis nachzuhelfen. Die Abgrenzungen auf den Feldern umschrieben -gewisse Epochen, die Apfelbäume wurden zu genealogischen Bäumen, die -Sträucher zu Schlachten, die Welt wurde Symbol. Sie suchten auf den -Wänden eine Unmenge Dinge, die nicht da waren, sahen sie schließlich, -aber wußten nicht mehr die Daten, die sie vorstellten.</p> - -<p>Zudem sind die Jahreszahlen nicht immer richtig. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> lernten aus -einem Schulbuch, daß die Geburt Jesu um fünf Jahre früher angesetzt -werden muß, als sie gewöhnlich angenommen wird, daß es bei den -Griechen drei Arten der Olympiadenrechnung gab und bei den Lateinern -acht Methoden, den Anfang des Jahres zu bestimmen. Lauter Anlässe zu -Mißverständnissen, außer denen, die durch die Zodiaken, die Ären und -die verschiedenen Kalender hervorgerufen werden.</p> - -<p>Und von der Gleichgültigkeit gegen die Daten kamen sie zur Verachtung -der Tatsachen.</p> - -<p>Wichtig jedoch ist die Philosophie der Geschichte!</p> - -<p>Bouvard vermochte nicht die berühmte Rede Bossuets zu Ende zu lesen.</p> - -<p>„Der Adler von Meaux ist ein Schwindler! Er übersieht China, Indien und -Amerika! Doch bemüht er sich, uns wissen zu lassen, daß Theodosius ‚die -Freude der Welt war‘, daß Abraham ‚mit Königen wie mit Seinesgleichen -umging‘, und daß die Philosophie der Griechen von den Hebräern -herstammt. Seine Voreingenommenheit für die Hebräer fällt mir auf die -Nerven.“</p> - -<p>Pécuchet teilte diese Ansichten und wollte ihn veranlassen, Vico zu -lesen.</p> - -<p>„Wie kann man sagen,“ wandte Bouvard ein, „Fabeln seien wahrer als die -Wahrheiten der Geschichtsschreiber?“</p> - -<p>Pécuchet versuchte, die Mythen zu erklären, wobei er sich in die -Scienza Nuova vertiefte.</p> - -<p>„Willst du den Plan der Vorsehung leugnen?“</p> - -<p>„Ich kenne ihn nicht,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Und sie beschlossen, sich an Dumouchel zu wenden.</p> - -<p>Der Professor gestand, daß er jetzt an der Geschichte irre geworden sei.</p> - -<p>„Sie ändert sich jeden Tag. Man bestreitet die Existenz der römischen -Könige und die Reisen des Pythagoras. Man greift Belisar, Wilhelm -Tell und sogar den Cid an, der dank den letzten Entdeckungen ein -gewöhnlicher Straßenräuber geworden ist. Es wäre zu wünschen, daß man -keine Entdeckungen mehr machte, und das Institut sollte sogar eine Art -Kanon aufstellen, der vorschreibt, was man glauben soll!“</p> - -<p>In einem Postskriptum gab er kritische Regeln aus der Abhandlung -Daunous:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span></p> - -<p>„Als Beweis das Zeugnis der Massen anführen, schlechte Beweise; sie -sind nicht da, wenn es gilt, Rede und Antwort zu stehen.</p> - -<p>Alles Unmögliche verwerfen. Man zeigte Pausanias den Stein, den Saturn -verschlungen hatte.</p> - -<p>Die Architektur kann lügen; Beispiel: der Bogen des Forums, auf dem -Titus der erste Besieger Jerusalems genannt wird, das vor ihm von -Pompejus erobert wurde.</p> - -<p>Die Münzen täuschen zuweilen. Unter Karl IX. prägte man Geld mit dem -Stempel Heinrichs II.</p> - -<p>Ziehen Sie die Gewandtheit der Fälscher, das Interesse der Verteidiger -und Schmäher in Rechnung.“</p> - -<p>Wenige Geschichtschreiber haben nach diesen Regeln gearbeitet, sondern -alle in Hinsicht auf einen besonderen Fall, eine Religion, eine Nation, -eine Partei, ein System, oder um die Könige zu tadeln, das Volk zu -beraten, Beispiele von Sittlichkeit aufzustellen.</p> - -<p>Die anderen, welche darauf Anspruch machen, nur zu erzählen, stehen -nicht höher; denn man kann nicht alles sagen, es ist eine Auswahl -nötig. Doch bei der Wahl der Dokumente wird ein gewisser Geist -obsiegen, — und da er wechselt den Verhältnissen des Schriftstellers -entsprechend, so wird die Geschichte zu keinem sicheren Ergebnis kommen.</p> - -<p>„Das ist traurig,“ dachten sie.</p> - -<p>Indessen könnte man einen Gegenstand wählen, die Quellen erschöpfend -durcharbeiten, sie genau analysieren, dann das Ganze zu einer Erzählung -verdichten, die gleichsam ein Abriß der Dinge wäre und die volle -Wahrheit widerspiegelte. Ein solches Werk schien Pécuchet ausführbar.</p> - -<p>„Sollen wir nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben?“</p> - -<p>„Nichts ist mir lieber! Doch welche?“</p> - -<p>„In der Tat, welche?“</p> - -<p>Bouvard hatte sich gesetzt, Pécuchet ging im Museum auf und ab, als -sein Blick auf den Buttertopf fiel, und plötzlich stehen bleibend, -sagte er:</p> - -<p>„Wenn wir das Leben des Herzogs von Angoulême schrieben?“</p> - -<p>„Aber das war ein Einfaltspinsel,“ erwiderte Bouvard.</p> - -<p>„Das macht nichts! Die Nebenpersonen haben zuweilen<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> einen ungeheuren -Einfluß, und dieser hielt vielleicht das Steuer der Dinge in den -Händen.“</p> - -<p>Die Bücher würden ihnen die nötigen Aufschlüsse geben, und Herr von -Faverges hatte deren ohne Zweifel selbst oder konnte solche durch -Vermittlung ihm befreundeter alter Edelleute erhalten.</p> - -<p>Sie sannen über dieses Vorhaben nach, besprachen es und beschlossen -schließlich, vierzehn Tage auf der Gemeindebibliothek von Caen zu -verbringen, um dort Nachforschungen anzustellen.</p> - -<p>Der Bibliothekar stellte ihnen allgemeine Geschichtswerke und -Broschüren zur Verfügung, nebst einer bunten Lithographie, welche Seine -Hoheit den Herrn Herzog von Angoulême als Kniebild darstellte.</p> - -<p>Das blaue Tuch seiner Uniform verschwand unter den Epauletten, den -Ordenssternen und dem großen roten Band der Ehrenlegion. Ein äußerst -hoher Kragen umschloß seinen langen Hals. Sein birnenförmiger Kopf -war von den Löckchen seines Haupthaars und seines dünnen Backenbartes -umrahmt, und schwere Augenlider, eine sehr starke Nase und dicke Lippen -gaben seinem Gesicht den Ausdruck unbedeutender Güte.</p> - -<p>Als sie ihre Aufzeichnungen gemacht hatten, entwarfen sie einen Plan:</p> - -<p>Geburt und Kindheit wenig merkwürdig. Einer seiner Erzieher ist der -Abbé Guénée, der Feind Voltaires. In Turin läßt man ihn eine Kanone -gießen, und er studiert die Feldzüge Karls VIII. Auch wird er trotz -seiner Jugend zum Obersten eines Nobelgardenregimentes ernannt.</p> - -<p>1797. Seine Vermählung.</p> - -<p>1814. Die Engländer bemächtigen sich der Stadt Bordeaux. Er eilt -in ihrem Rücken herbei und zeigt sich den Einwohnern in Person. -Beschreibung der Person des hohen Herrn.</p> - -<p>1815. Bonaparte überrascht ihn. Sogleich ruft er den König von Spanien -herbei, und Toulon wäre ohne Massena den Engländern zum Opfer gefallen.</p> - -<p>Operationen im Süden. — Er wird geschlagen, aber in Freiheit gesetzt -gegen das Versprechen, die Kronjuwelen, die von dem Könige, seinem -Onkel, in wilder Hast mitgeführt wurden, zurückzuerstatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span></p> - -<p>Nach den „hundert Tagen“ kehrt er mit seinen Eltern zurück und lebt -ruhig. Mehrere Jahre verstreichen.</p> - -<p>Spanischer Krieg. — Sobald er die Pyrenäen überschritten hat, folgt -der Sieg überall dem Enkel Heinrichs IV. Er nimmt den Trocadero, -erreicht die Säulen des Herkules, zerschmettert die Parteien, umarmt -Ferdinand und kehrt zurück.</p> - -<p>Triumphbögen, Blumen, von jungen Mädchen überreicht, Diners auf den -Präfekturen, Te Deum in den Kathedralen. Die Pariser sind auf der Höhe -des Wonnerausches. Die Stadt gibt ihm ein Bankett. In den Theatern -werden Lieder zu Ehren des Helden gesungen.</p> - -<p>Die Begeisterung nimmt ab. Denn im Jahre 1827 mißlingt zu Cherbourg ein -Subskriptionsball.</p> - -<p>Da er Großadmiral von Frankreich ist, besichtigt er die Flotte, die -nach Algier in See sticht.</p> - -<p>Juli 1830. Marmont setzt ihn vom Stande der Dinge in Kenntnis. Da gerät -er in eine solche Wut, daß er sich die Hand am Degen des Generals -verwundet.</p> - -<p>Der König überträgt ihm den Oberbefehl über die sämtlichen Streitkräfte.</p> - -<p>Er trifft im Bois de Boulogne die Abteilungen der Linie und findet -ihnen gegenüber kein Wort.</p> - -<p>Von Saint-Cloud eilt er zur Brücke von Sèvres. Kälte der Truppen. Das -erschüttert ihn nicht. Die königliche Familie verläßt Trianon. Er setzt -sich an den Fuß einer Eiche, entfaltet eine Karte, überlegt, steigt -wieder aufs Pferd, kommt an Saint-Cyr vorbei und ruft den Zöglingen -Worte der Hoffnung zu.</p> - -<p>Zu Rambouillet verabschieden sich die Leibgarden.</p> - -<p>Er schifft sich ein und ist während der ganzen Überfahrt krank.</p> - -<p>Man muß dabei auf die wichtige Rolle hinweisen, welche die Brücken -spielten. Zuerst setzte er sich nutzlos auf der Innbrücke der Gefahr -aus, er nimmt die Saint-Esprit-Brücke und die Brücke von Lauriol; in -Lyon sind ihm zwei Brücken verhängnisvoll, und sein Glück endet vor der -Brücke von Sèvres.</p> - -<p>Bild seiner Tugenden. Unnötig, seinen Mut zu rühmen, mit dem er eine -weitsichtige Staatsklugheit verband. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> er bot jedem Soldaten -sechzig Franken, wenn er den Kaiser verlassen wolle, und in Spanien -versuchte er die Anhänger der Konstitution mit Geld zu bestechen.</p> - -<p>Seine Zurückhaltung war so groß, daß er seine Zustimmung gab zu der -zwischen seinem Vater und der Königin von Etrurien geplanten Ehe, -zur Bildung eines neuen Kabinetts nach den Erlassen, zur Abdankung -zugunsten Chambords, zu allem, was man wollte.</p> - -<p>Doch fehlte es ihm nicht an Festigkeit. In Angers löste er die -Infanterie der Nationalgarde auf, die aus Eifersucht auf die Kavallerie -und vermittels eines Manövers sich zu seiner Bedeckung gemacht hatte, -derart, daß sich Seine Hoheit im Gedränge der Fußsoldaten befanden und -Höchstdieselben kaum weiter konnten. Doch er tadelte die Kavallerie, -die Grund zur Unordnung gegeben, und verzieh der Infanterie, ein -wahrhaft salomonisches Urteil.</p> - -<p>Seine Frömmigkeit zeigt sich in zahlreichen Andachtübungen und seine -Milde darin, daß er die Begnadigung des Generals Debelle durchsetzte, -welcher die Waffen gegen ihn erhoben hatte.</p> - -<p>Intime Einzelheiten, Züge des hohen Herrn:</p> - -<p>Auf dem Schloß Beauregard, wo er seine Kindheit verlebte, machte es ihm -Vergnügen, mit seinem Bruder einen Teich zu graben, der noch zu sehen -ist. Einmal besuchte er die Kaserne der Jäger, verlangte ein Glas Wein -und trank es auf die Gesundheit des Königs.</p> - -<p>Während er spazieren ging, wiederholte er, um den Schritt zu markieren, -für sich: „Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei!“</p> - -<p>Einzelne Worte von ihm haben sich erhalten:</p> - -<p>Zu einer Abordnung von Einwohnern von Bordeaux: „Was mich darüber -tröstet, daß ich nicht in Bordeaux bin, ist der Umstand, daß ich mich -in Ihrer Mitte befinde.“</p> - -<p>Zu den Protestanten von Nismes: „Ich bin ein guter Katholik, aber ich -werde niemals vergessen, daß der erlauchteste meiner Ahnen Protestant -war.“</p> - -<p>Zu den Zöglingen von Saint-Cyr, als alles verloren ist: „Schön, meine -Freunde! Die Nachrichten sind gut! Es steht gut! sehr gut!“</p> - -<p>Nach der Abdankung Karls X.: „Da sie nichts von mir wissen wollen, -mögen sie sehen, wie sie fertig werden!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span></p> - -<p>Und im Jahre 1814 bei jeder Gelegenheit in dem winzigsten Dorfe: „Kein -Krieg mehr, keine Aushebungen, kein Staatsmonopol.“</p> - -<p>Sein Stil war dem, was er sagte, ebenbürtig. Seine Erlasse -überschreiten alles.</p> - -<p>Der erste des Grafen von Artois begann folgendermaßen: „Franzosen, der -Bruder Eures Königs ist angelangt!“</p> - -<p>Der des Fürsten: „Ich bin da. Ich bin der Sohn Eurer Könige! Ihr seid -Franzosen!“</p> - -<p>Tagesbefehl, datiert Bayonne: „Soldaten, ich bin angelangt!“</p> - -<p>Ein anderes Mal, bei voller Auflösung: „Fahrt fort, mit der Tatkraft, -die dem französischen Soldaten ziemt, den Kampf fortzuführen, den Ihr -begonnen habt. Frankreich erwartet es von Euch!“</p> - -<p>Zuletzt in Rambouillet: „Der König ist mit der in Paris errichteten -Regierung in Verhandlungen über ein Einvernehmen getreten, und nach -allem steht zu erwarten, daß diese Verhandlungen ihrem Abschluß nahe -sind.“ „Nach allem steht zu erwarten“ ist wundervoll.</p> - -<p>„Ein Umstand verdrießt mich,“ sagte Bouvard, „nämlich, daß man nicht -seine Herzensangelegenheiten erwähnt!“</p> - -<p>Und sie notierten am Rande: „Den Liebeleien des Fürsten nachspüren!“</p> - -<p>Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er -zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême.</p> - -<p>Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit -noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar.</p> - -<p>Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder -krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb, -es sich brennen zu lassen?</p> - -<p>Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das -Temperament, das Temperament das Individuum.</p> - -<p>Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine -Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen, -gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das -ver<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span>zögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach -Hause zurück.</p> - -<p>Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen -die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau -Bordin, die nach rechts und links schaute:</p> - -<p>„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer -Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren -sprechen.“</p> - -<p>Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man -schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf.</p> - -<p>„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“</p> - -<p>Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin -ausfragte.</p> - -<p>Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein -befallen zu sein.</p> - -<p>„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe.</p> - -<p>Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde -wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“</p> - -<p>Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd:</p> - -<p>„Er ist nicht da!“</p> - -<p>Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung -herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie -knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab.</p> - -<p>Dann gingen sie und besichtigten die Truhe.</p> - -<p>Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die -Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen.</p> - -<p>Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard -seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen.</p> - -<p>Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er -hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine -verirrte Kuh sie umgeworfen hatte.</p> - -<p>„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span></p> - -<p>„Ich weiß es nicht.“</p> - -<p>„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre -Schuld!“</p> - -<p>Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum -Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit.</p> - -<p>Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger -als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete -sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das -Mahl zu bereiten.</p> - -<p>Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei -Vierteln geleert war.</p> - -<p>„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju.</p> - -<p>„Ich! trinke nie einen Tropfen.“</p> - -<p>Bouvard wandte ein:</p> - -<p>„Sie waren der einzige Mann im Hause.“</p> - -<p>„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick.</p> - -<p>Germaine fing ihn auf:</p> - -<p>„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“</p> - -<p>„Gewiß, Sie sind es!“</p> - -<p>„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“</p> - -<p>Gorju machte eine Drehung.</p> - -<p>„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“</p> - -<p>Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot, -die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau -Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju.</p> - -<p>Die Alte hielt nicht mehr an sich.</p> - -<p>„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch -verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser, -Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen -vorzuspielen!“</p> - -<p>Bouvard riß die Augen auf.</p> - -<p>„Was für Possen!“</p> - -<p>„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“</p> - -<p>„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und -entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab -er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen.<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> Bouvard stellte sich -dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine -zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie -zu trösten suchte.</p> - -<p>Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die -Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf -welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als -sie Gorju rief, — und ob er Mélie entehrt habe.</p> - -<p>„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht, -und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die -Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“</p> - -<p>Pécuchet fügte hinzu:</p> - -<p>„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“</p> - -<p>Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten. -Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die -Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. — „Lassen wir uns ein -paar historische Romane kommen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="V">V</h2> - -</div> - -<p>Sie lasen zunächst Walter Scott.</p> - -<p>Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.</p> - -<p>Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen -gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister, -Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die -berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen -und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der -Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache -der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte -Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der -Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande -galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher, -der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne -erglänzt auf Panzerhemden,<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die -Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die -Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.</p> - -<p>Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale -zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand -einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte, -gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und -setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht -zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm -seiner Mütze tief in die Stirn.</p> - -<p>Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den -Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit -gegen die materiellen Dinge nachgegeben.</p> - -<p>Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne. -Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie -Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den -Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie -geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es -gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht -durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit -zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus -ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.</p> - -<p>Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren, -konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius, -Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.</p> - -<p>Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem -Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis -dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt, -die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im -fünfzehnten Jahrhundert.</p> - -<p>Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und -unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen.</p> - -<p>In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> der Daten. -Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und -nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des -Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres -Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich, -daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat, -eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin -Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war -nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich -von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III. -kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das -Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe -der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas.</p> - -<p>Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer -in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist -um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war -Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von -einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian -umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam -fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten.</p> - -<p>Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte -sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte. -Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der -Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt -und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein -philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge -Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein -vollständiger Mangel an Tiefe.</p> - -<p>Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand.</p> - -<p>Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen -Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig -wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst -verändert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span></p> - -<p>Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die -Theaterstücke.</p> - -<p>Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große, -mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr -viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare.</p> - -<p>Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das -Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören -vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines -Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria -Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen -aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der -Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht, -anstatt zu belehren, verdummt.</p> - -<p>Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an -die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die -Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite, -die Tendenz mitgerissen.</p> - -<p>Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der -Leihbibliothek Liebesromane.</p> - -<p>Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“, -„Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte, -steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ.</p> - -<p>Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über -das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein -wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem -bestände.</p> - -<p>Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch -mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse -Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen, -damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von -seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches -Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt -sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht.</p> - -<p>Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> Abenteuerromane; -die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter, -außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die -Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den -Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei.</p> - -<p>Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und -nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den -alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht -vermutet, daß das moderne Leben so tief sei.</p> - -<p>„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus.</p> - -<p>„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet.</p> - -<p>„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel, -ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es -Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse. -Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben! -Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über -das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein -gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der -Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe -und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines -jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre, -sondern Statistik oder Ethnographie.“</p> - -<p>Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte -sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las -Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der -Eremit der Chaussée d’Antin.“</p> - -<p>„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte -Pécuchet.</p> - -<p>„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“</p> - -<p>„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich -begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“</p> - -<p>Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte -Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span></p> - -<p>Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin -behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl -von Größe.</p> - -<p>Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so -ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte. -Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art -Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich.</p> - -<p>Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig -zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt -zu entfalten — indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine -fallende, übte — und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem -Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend. -Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war -geschlossen, und sie blökten jeder für sich.</p> - -<p>Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über -Politik, die verderbten Grundsätze.</p> - -<p>Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig, -und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging -Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit -zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme -aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe -wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes -Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte, -hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer, -meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet -darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille.</p> - -<p>Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das -Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von -Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang, -und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die -Tragödie sank in ihrer Achtung.</p> - -<p>Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach, -zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und -wie lächerlich die Vertrauten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span></p> - -<p>Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man -muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben -wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte -vollständig in „Célimène“.</p> - -<p>Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig, -die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie -Ägisth und Agamemnon.</p> - -<p>Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man -trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die -ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer -sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt. -Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität -ab.</p> - -<p>Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe, -seine Jugendfrische.</p> - -<p>Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas -oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein, -sondern mußte lyrisch, regellos sein.</p> - -<p>Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric -Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen -Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte, -denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen.</p> - -<p>„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte -ihnen mit Vergnügen zu.</p> - -<p>Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend.</p> - -<p>„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“</p> - -<p>Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne -Vorbereitung und ohne Kostüm spielen.</p> - -<p>„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“</p> - -<p>Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die -Zipfelmütze und setzte sie auf.</p> - -<p>Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab.</p> - -<p>Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden -geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel -gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch, -damit Frau Bordin sich setzen konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span></p> - -<p>Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des -„Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu -viel Spiel erfordern.</p> - -<p>„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“</p> - -<p>„Ausgezeichnet!“</p> - -<p>Bouvard erzählte die Fabel. — „Es ist eine Königin, deren Gatte von -einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen -Mann, — bist du bereit? Dann also los!“</p> - -<p class="mtop1 mbot1">„<i>Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich -liebe ihn.</i>“</p> - -<p>Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen -Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht -auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins -Labyrinth verlieren mögen.</p> - -<p>Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, — und seine zitternde -Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner -Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen, -während er sich umwandte.</p> - -<p>Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor -Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in -Hemdsärmeln durch das Fenster zu.</p> - -<p>Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei -der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich -mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er, -zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel.</p> - -<p>„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie -vergiftet sich!“</p> - -<p>„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin.</p> - -<p>Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben.</p> - -<p>Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen: -„Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und -ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des -Essigkrämers“ nannte.</p> - -<p>Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des -„Tartufe“ vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span></p> - -<p>Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig:</p> - -<p>„Man muß wissen, daß Tartufe...“</p> - -<p>Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“</p> - -<p>Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht.</p> - -<p>„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Einerlei! nimm es!“</p> - -<p>Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand.</p> - -<p>Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu -streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen:</p> - -<p class="mtop1 mbot1">„<i>Was will da Ihre Hand?</i>“</p> - -<p>Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme:</p> - -<p class="mtop1 mbot1">„<i>Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich.</i>“</p> - -<p>Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich -aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu.</p> - -<p>Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, — und als er -einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort.</p> - -<p>Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst -galant.“</p> - -<p>„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“</p> - -<p>„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes -von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt -hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit -zurückgelehntem Kopf:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><i>Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern,</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’.</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Das ähnelt mir,“ dachte sie.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><i>Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt.</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Wie komisch Sie sind!“</p> - -<p>Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne -entblößte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent20"><i>Ist’s nicht süß,</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Er kniete nieder.</p> - -<p>„Bringen Sie es doch zu Ende!“</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><i>O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust,</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe.</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“</p> - -<p>„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt -ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich.</p> - -<p>Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht -bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard -begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen.</p> - -<p>Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden. -Er war noch von seiner Rezitation erregt, — und sie empfand auf dem -Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der -Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die -mittelmäßigen Geister, — und durch die plumpsten Interpreten können -Welten geoffenbart werden.</p> - -<p>Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf -hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge -hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein -blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte -sich herab.</p> - -<p>„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen -einsog.</p> - -<p>„Sie strengen sich aber auch dabei an!“</p> - -<p>„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer -betrifft, das besitze ich.“</p> - -<p>„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt, -„daß Sie... geliebt haben... früher!“</p> - -<p>„Früher nur, glauben Sie!“</p> - -<p>Sie blieb stehen.</p> - -<p>„Das kann ich nicht wissen!“</p> - -<p>Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span></p> - -<p>Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang, -nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen.</p> - -<p>Dann plauderten sie von der Vorstellung.</p> - -<p>„Wie heißt Ihr letztes Stück?“</p> - -<p>„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“</p> - -<p>„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm -sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, — im Ernst.“</p> - -<p>„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard.</p> - -<p>„Sie?“</p> - -<p>„Ja! Ich!“</p> - -<p>„Welch ein Scherz!“</p> - -<p>„Nicht im allergeringsten!“</p> - -<p>Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die -Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken.</p> - -<p>Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, — und -sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die -Augen auf und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Das ist vorbei!“</p> - -<p>Er sah sie verdutzt an.</p> - -<p>Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte. -Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren -faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande.</p> - -<p>„Soll ich Ihnen helfen?“</p> - -<p>„Nicht nötig.“</p> - -<p>„Warum?“</p> - -<p>„Ach! Sie sind zu gefährlich!“</p> - -<p>Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf.</p> - -<p>Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben. -Bah, sie würde sich wiederfinden, — und dann sind die Frauen nicht -alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man -es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden — -und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es -aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl.</p> - -<p>Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju,<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> während sie -zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben.</p> - -<p>Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen, -verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju -äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie -und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! — derart, -daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden -zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht -blendete den Handwerker.</p> - -<p>Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil -erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie.</p> - -<p>Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der -Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts -Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen -Bérangerkopf“ abzugeben.</p> - -<p>Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben.</p> - -<p>Das schwierige war, einen Stoff zu finden.</p> - -<p>Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die -für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen -Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie -in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um -draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten -erschöpft heim.</p> - -<p>Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier -vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der -Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und -gesenktem Haupte, im Sessel saß.</p> - -<p>Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines -Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er -verschwunden.</p> - -<p>Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs -Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man -entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem -einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten -ver<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span>geblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter -Kriminalfälle, eine Menge Geschichten.</p> - -<p>Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans -Schauspiel, sehnten sich nach Paris.</p> - -<p>„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu -vergraben!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet.</p> - -<p>Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag -das daran, daß sie die Regeln nicht kannten.</p> - -<p>Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen -weniger aus der Mode gekommenen Werken.</p> - -<p>Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen -abgefaßt werden kann; — ob die Tragödie nicht die Grenzen -überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt; -— ob die Helden tugendhaft sein sollen; — welche Art von Schurken -sie verträgt; — bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt -ist; — daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben, -daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche, -natürlich!</p> - -<p class="mtop1 mbot1"><i>Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen</i>,</p> - -<p class="p0">sagt Boileau.</p> - -<p>Wie Motive erfinden?</p> -<p class="mtop1 mbot1"><i>Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen -gehn, es rühren und erwärmen.</i></p> - -<p>Wie das Herz erwärmen?</p> - -<p>Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig.</p> - -<p>Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen -Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire. -Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen -Shakespeares.</p> - -<p>Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen -lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen.</p> - -<p>Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit! -Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben — -und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten -dieser, die man als geistreich hinstellt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span></p> - -<p>Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen.</p> - -<p>Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und -an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches.</p> - -<p>So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil -der Menge unverständlich.</p> - -<p>Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an -Dumouchel.</p> - -<p>Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die -die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen, -kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“.</p> - -<p>Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel -Paris. — Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist -gut, welches belustigt.</p> - -<p>„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das, -was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner -später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um -aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen -werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort.</p> - -<p>Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts. -Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde -nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard? -Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la -Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer -Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder -vielmehr des Stils.</p> - -<p>Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie -erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel -angegebenen Autoren.</p> - -<p>Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die -Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch -„gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne. -„Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich -schön im Verse aus.</p> - -<p>„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span></p> - -<p>„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“</p> - -<p>Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen, -aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft, -sondern auch ihre Sprache.</p> - -<p>Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung, -und sie machten sich an das Studium der Grammatik.</p> - -<p>Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten -Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten -nicht, sich zu entscheiden.</p> - -<p>Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den -Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt.</p> - -<p>Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem -Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf, -die wenig bequem zu erfassen ist.</p> - -<p>Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen, -aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen -und zuweilen von Personen gebraucht werden.</p> - -<p>Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? — „une -bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, — „ne pas laisser de“ oder -„que de“, — „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“?</p> - -<p>Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen -Racine und Boileau keinen Unterschied machten; — „imposer“ oder -„en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und -„coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben -von einem Frosch unterscheiden konnte.</p> - -<p>Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine -Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf, -deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen -an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung, -verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt -„nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“. -Bouhours verlangt „jérarchie<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span>“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal -„les œils de la soupe“.</p> - -<p>Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“ -sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des -haricots“, — und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von -„Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“!</p> - -<p>Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals -eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine -geben werde.</p> - -<p>Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik -Täuschung sei.</p> - -<p>Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle -schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern -man nur empfunden, beobachtet habe.</p> - -<p>Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten -sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch -die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit. -Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen.</p> - -<p>Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz -niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm -durch ein Buch zu rächen.</p> - -<p>Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen -Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als -diese Persönlichkeit.</p> - -<p>Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen -zu verschmelzen, — und dabei blieben sie stehen, gingen zu den -folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht, -— eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, — eine Frau, die infolge -fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter -Priester.</p> - -<p>Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden, -die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu.</p> - -<p>Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die -Farbe, — und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder -war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p> - -<p>Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre -Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor -der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die -Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre -Betrachtungen mit.</p> - -<p>Zunächst, was ist das Schöne?</p> - -<p>Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt; -für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas; -für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das, -was der Vernunft entspricht.</p> - -<p>Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den -Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten, -man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein -Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem -Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen -Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns -Gedanken von Niedertracht.</p> - -<p>Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die -erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das -ist das Prinzip.</p> - -<p>„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen -abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen -weniger guten Eindruck — gewöhnlich wenigstens.“</p> - -<p>Sie machten sich an die Frage des Erhabenen.</p> - -<p>Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes, -tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein -Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft.</p> - -<p>„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das -Erhabene das Sehrschöne.“ — Wie die beiden unterscheiden?</p> - -<p>„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Und der Takt, woher kommt der?“</p> - -<p>„Vom Geschmack!“</p> - -<p>„Worin besteht denn der Geschmack?“</p> - -<p>Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungs<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span>fähigkeit, ein -schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu -durchschauen.</p> - -<p>„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, — und alles das sagt -nicht, wie man dazu kommt.“</p> - -<p>Man soll das Wohlanständige beobachten, — aber das Wohlanständige -zeigt Unterschiede, — und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird -niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes, -über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist -von Geheimnissen umhüllt.</p> - -<p>Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so -müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst -wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den -Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck -abzugeraten, nicht wahr zu sein.</p> - -<p>Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die -Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne -Ideal keine Wahrheit; — deshalb ist der Typus von dauerhafterer -Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche -Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas -Relatives, Vergängliches.</p> - -<p>So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer -weniger an die Ästhetik.</p> - -<p>„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an -Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“</p> - -<p>Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte.</p> - -<p>„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen, -welche die Geschichte verlangt.“</p> - -<p>„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes -und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor, -findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten -Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das -Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer -sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht -gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> -Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir -Einfaltspinsel zu sein!“</p> - -<p>„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Zweifel quälten ihn, — denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin -bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der -Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister -sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die -Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des -Schönen erfassen, — und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine -Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht.</p> - -<p>Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin -der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten.</p> - -<p>Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken -lassen. — Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens -Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur -Ruhe.</p> - -<p>Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und -schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war -der Notar.</p> - -<p>Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den -Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er, -daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche -Bouvard die Ecalles abzukaufen.</p> - -<p>Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber.</p> - -<p>Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, — -da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte.</p> - -<p>Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer -Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu -feierlichen Gelegenheiten gehört.</p> - -<p>Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein -würden.</p> - -<p>„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“</p> - -<p>Sie blinzelte mit den Augen: „Ach! für mich!“</p> - -<p>Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span></p> - -<p>Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, — und indem er -sie auf den Tisch legte:</p> - -<p>„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, — eine -brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“ -Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“.</p> - -<p>Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die -Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun -geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen.</p> - -<p>Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane.</p> - -<p>Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren.</p> - -<p>„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben -in schmeichlerischen Farben dar!“</p> - -<p>„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein.</p> - -<p>„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“</p> - -<p>„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“</p> - -<p>„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen -Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“</p> - -<p>„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte, -das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas.</p> - -<p>„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung, -verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter -Herr...!“</p> - -<p>„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der -Schwelle erschien.</p> - -<p>Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den -Anwesenden.</p> - -<p>„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“</p> - -<p>Vaucorbeil gab eine Erwiderung. — „Sie sind also nicht für die -Bildung?“</p> - -<p>„Aber durchaus! Erlauben Sie!“</p> - -<p>„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot.</p> - -<p>„Was ist schlimmes daran?“</p> - -<p>Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span> Philippe zu -schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze -gegen die Freiheit der Presse wiesen.</p> - -<p>„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu.</p> - -<p>Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr -Theater!“</p> - -<p>„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den -Selbstmord verherrlichen!“</p> - -<p>„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein.</p> - -<p>Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene -Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt -werden!</p> - -<p>„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr -gespielt werde und etwas überschätzt worden sei.</p> - -<p>„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne -Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der -Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“</p> - -<p>„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“</p> - -<p>„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu -zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung -zu bieten.“</p> - -<p>Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle -die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft, -unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir -Delavigne.</p> - -<p>Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort:</p> - -<p>„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“</p> - -<p>„Wieso, die Sprache?“</p> - -<p>„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut -geschrieben seien?“</p> - -<p>„Gewiß, sie sind sehr interessant!“</p> - -<p>Er zuckte die Achseln, — und sie errötete über die Impertinenz.</p> - -<p>Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit -zurückzukommen. Es war zu spät, um den<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span> Handel abzuschließen. Sie -verließ das Haus am Arme Marescots.</p> - -<p>Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu -bringen.</p> - -<p>Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt.</p> - -<p>„Sie vergessen mich, Doktor.“</p> - -<p>Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die -unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus.</p> - -<p>„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde -zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“</p> - -<p>Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, — -und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“</p> - -<p>„Nein, wahrhaftig!“</p> - -<p>Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der -Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht. -Man liebt die Literatur nicht.</p> - -<p>Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten -das allgemeine Stimmrecht.</p> - -<p>„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn -er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="VI">VI</h2> - -</div> - -<p>Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von -Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am -folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei -angeschlagen.</p> - -<p>Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als -man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die -Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die -Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die -Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die -provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> -da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man -müsse solche auch in Chavignolles haben.</p> - -<p>Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein -patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte -der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht -befriedigt gewesen wäre.</p> - -<p>Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus, -welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur -„Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle.</p> - -<p>Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug.</p> - -<p>Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann -erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und -der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier -Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem -Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein.</p> - -<p>Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in -welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber -sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und -Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil, -Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem -Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und -Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen, -einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen -pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand, -anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten -die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes -Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, — denn die Nationalgarde -war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen, -Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und -Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie -mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und -ab ging.</p> - -<p>Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei -ähnlichen Gelegenheiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span></p> - -<p>Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die -Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es -Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus -prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm -des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der -Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche -seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause -zurückzukehren.</p> - -<p>Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte. -„Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft -erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der -Schatten seiner Zweige! Amen!“</p> - -<p>Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die -Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück.</p> - -<p>Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die -einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück, -die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank -sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie -öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor.</p> - -<p>Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution -entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde -sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk! -Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn -Pfarrer einzuholen.</p> - -<p>Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war -von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor -einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um, -der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung -der Leute desselben beklagte.</p> - -<p>Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten -unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem -Auge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span></p> - -<p>„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich -auf!“</p> - -<p>„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon.</p> - -<p>Foureau seufzte:</p> - -<p>„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“</p> - -<p>Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt.</p> - -<p>Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung.</p> - -<p>Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man -sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der -ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd -auf dem Platze stehen.</p> - -<p>Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen.</p> - -<p>Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien.</p> - -<p>Herr von Faverges dachte anders:</p> - -<p>„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns -entfesseln! Keine Torheiten!“</p> - -<p>Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde.</p> - -<p>Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins.</p> - -<p>Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen.</p> - -<p>„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Was kümmert mich die Sklaverei.“</p> - -<p>„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische -Verbrecher?“</p> - -<p>„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen. -Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“</p> - -<p>„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt. -„Wer ein Haus besitzt...“</p> - -<p>Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei -Kommunist.</p> - -<p>„Ich! Kommunist!“</p> - -<p>Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vor<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span>schlug, einen Klub -zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas -werde es nie in Chavignolles geben.</p> - -<p>Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die -öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt.</p> - -<p>Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals -Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben.</p> - -<p>Gorju blickte ihn an:</p> - -<p>„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“</p> - -<p>Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der -Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm -einen Hasen oder ein Kaninchen ab.</p> - -<p>„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau.</p> - -<p>Noch denselben Abend begannen die Übungen.</p> - -<p>Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer -blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein -Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte.</p> - -<p>„Bauch herein!“</p> - -<p>Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das -Kreuz.</p> - -<p>„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“</p> - -<p>Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe -Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und -von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte -er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine -Nachbarn belästigte.</p> - -<p>Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte -Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd -hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu -sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet, -um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während -die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres -Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und -fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span> sich bei dem Krämer nieder -und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse.</p> - -<p>Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter -gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie -wurden die Vornehmen.</p> - -<p>Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den -Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik.</p> - -<p>Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen, -nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon.</p> - -<p>Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr -von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre -Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten -ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede -Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt -würden.</p> - -<p>Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht -würde man ihn zum Abgeordneten wählen.</p> - -<p>Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich -vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen -Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich -lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der -Doktor war darüber entrüstet.</p> - -<p>In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich -nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine -mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen; -welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab -und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen.</p> - -<p>Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen. -Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte, -hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht? -Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter -Rücksichten begann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span></p> - -<p>Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber.</p> - -<p>„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“</p> - -<p>„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im -Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie -Verhaltungsmaßregeln für sich auf.</p> - -<p>Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann -träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze -Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der -Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum -Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen:</p> - -<p>„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“</p> - -<p>Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte -ihm dar, was für Aussichten er habe.</p> - -<p>Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen. -Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und -besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern; -das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn -verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er -seine Schwäche.</p> - -<p>Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs -erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau -ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab.</p> - -<p>Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht -gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug -sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen, -erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen.</p> - -<p>Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab -ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er, -Beljambe, durchfiele.</p> - -<p>Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu -verhalten.</p> - -<p>Es blieb also nur noch Foureau.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit -in der Flintenangelegenheit, seinen Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span>stand gegen den Klub, seine -rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, — und sie redeten sogar -Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten.</p> - -<p>So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem -Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren -angehäuft hatte, — und er verhetzte gegen Foureau alle seine -Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine -ganze Horde.</p> - -<p>Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn -Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war, -konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben.</p> - -<p>Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts, -— und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen.</p> - -<p>Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des -‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung -der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die -des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage -überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt.</p> - -<p>Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen -versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In -Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen.</p> - -<p>Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte -Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt -und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und -Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich, -daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den -Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai: -„Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden, -dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“</p> - -<p>Die Reaktion begann.</p> - -<p>Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett -Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz -der Ansicht ist, daß sie alles<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> was in Paris vorgeht, kennt, so -zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so -galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht.</p> - -<p>Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm -mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei.</p> - -<p>Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen -die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß -Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde.</p> - -<p>Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande -umher.</p> - -<p>An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich -ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von -Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles.</p> - -<p>Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich, -und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu -leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen -Weisung, sich nicht zu zeigen.</p> - -<p>Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der -Girondisten die Scheiben erzittern; — und Männer, die einander -untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in -Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand.</p> - -<p>Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte -ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre -herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, — jedenfalls ein -Maschinenwärter — trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen -waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine -Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt.</p> - -<p>Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer -Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an.</p> - -<p>„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“</p> - -<p>Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm.</p> - -<p>Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> darüber -Erwägungen anstellen würde; — und nachdem die Genossen hinausgegangen -waren, besprach man mehrere Vorschläge.</p> - -<p>Der erste war, Kieselsteine anzufahren.</p> - -<p>Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von -Angleville nach Tournebu zu bauen.</p> - -<p>Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst.</p> - -<p>Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit! -(Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?)</p> - -<p>Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen -Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es, -so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem -Entschlusse zu kommen! — Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in -die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von -Werkstätten für Notleidende.</p> - -<p>„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir -wollen das Recht auf Arbeit.“</p> - -<p>Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu -geben; man spendete ihm Beifall.</p> - -<p>Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin -mitgeschleppt hatte, — und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge -zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht -entschlüpfen.</p> - -<p>„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“</p> - -<p>„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“</p> - -<p>„So wird man welche im voraus machen!“</p> - -<p>„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die -Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! — und -Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“</p> - -<p>Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit -organisiert wird...“</p> - -<p>„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“</p> - -<p>Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span></p> - -<p>Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital -stellen, — oder besser noch den Kredit einrichten!“</p> - -<p>„Auf welche Weise!“</p> - -<p>„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“</p> - -<p>„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm -machen, diese Schwindler!“</p> - -<p>Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen.</p> - -<p>Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste -geballt: „Komm nur näher!“</p> - -<p>Der Maschinenwärter wich zurück.</p> - -<p>Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich, -sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man -bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder -zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte -sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen.</p> - -<p>„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau.</p> - -<p>„Ich bin nicht befugt!“</p> - -<p>Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; — und aller -Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als -man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah.</p> - -<p>Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, — und nach Lamartines -Vorbilde, begann er, das Volk anzureden:</p> - -<p>„Mitbürger!“</p> - -<p>Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht -dazu angetan, Eindruck zu machen.</p> - -<p>Der Mann im Trikot fragte ihn:</p> - -<p>„Sind Sie Arbeiter?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Arbeitgeber also?“</p> - -<p>„Ebensowenig.“</p> - -<p>„Dann ziehen Sie sich zurück!“</p> - -<p>„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz.</p> - -<p>Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem -Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span></p> - -<p>„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen.</p> - -<p>Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die -Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen.</p> - -<p>Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten, -die zum Schlosse Faverges führte.</p> - -<p>Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter -auferlegte.</p> - -<p>Sie zerstreuten sich.</p> - -<p>Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an -ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie -am lautesten, — und bei ihrem Anblick:</p> - -<p>„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine -einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen -Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“</p> - -<p>„Wen denn?“</p> - -<p>„Den alten Gouy!“</p> - -<p>Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, — und habe ihn, wie es gerade -kam, mitten auf den Rasen geworfen.</p> - -<p>„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“</p> - -<p>„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines -Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie -die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war -abgebrochen, die Dahlien zerknickt — und Stücke schwarzen Düngers -häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um.</p> - -<p>Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben -lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres -Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf; -Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht.</p> - -<p>Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen.</p> - -<p>Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den -Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> eine gescheite Frau: die -Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range, -achteten sie.</p> - -<p>Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich -keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen.</p> - -<p>Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine -Parade, zuweilen militärische Umzüge — und jede Nacht Ronden. Sie -setzten das Dorf in Unruhe.</p> - -<p>Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die -Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man -derbe Späße, — und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen. -Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen, -trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür -langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte -Zuchtlosigkeit.</p> - -<p>Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der -Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein -Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken, -Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von -Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der -Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so -schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten.</p> - -<p>Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt.</p> - -<p>Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens -oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten -die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann -mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte.</p> - -<p>Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der -Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich.</p> - -<p>„Wer da?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger -Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger -bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war, -stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und -schrien: „Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span> Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit -Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn -dorthin, — und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte, -erkannte man schließlich Gorju.</p> - -<p>Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen -guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von -Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und -rollte die Augen wie ein Wolf.</p> - -<p>Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die -Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles -zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit -verwandt habe.</p> - -<p>Das ginge sie nichts an. Er sei frei.</p> - -<p>Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig -fest.</p> - -<p>Bouvard legte sich ins Mittel.</p> - -<p>„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre -Anschauungen.“</p> - -<p>„Indessen...“</p> - -<p>„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in -acht.“</p> - -<p>Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen.</p> - -<p>Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts -dazu?“</p> - -<p>Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt -hätte.</p> - -<p>Der arme Teufel lächelte bitter.</p> - -<p>„Ich habe Sie doch verteidigt!“</p> - -<p>Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab.</p> - -<p>Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem -Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen -Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben.</p> - -<p>Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein -Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, — und da ihre Unterschrift -durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte, -zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span></p> - -<p>Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten; -eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem -Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen -Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem -Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte -sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der -einen Hand, eine Zeitung in der andern; — und sogleich drückte -er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, — obwohl ihr -Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei.</p> - -<p>„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“</p> - -<p>„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“</p> - -<p>„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen -harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist, -wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art, -mit der man die Aufwiegler behandele.</p> - -<p>Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche -Wohl als höchstes Gesetz an.</p> - -<p>„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so -achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt -entgegenstellen — wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“</p> - -<p>Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die -Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern -in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn -alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte -riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen.</p> - -<p>Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die -Konservativen redeten jetzt wie Robespierre.</p> - -<p>Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die -Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen -gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung -interessierten niemand, — und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von -Chavignolles für Bonaparte.</p> - -<p>Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> das Volk ab, — und -Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts.</p> - -<p>Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird -es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn -von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das -war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der -Präsidentenwahl.</p> - -<p>„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit -des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren, -das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden -die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann -man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen? -Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist. -Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die -ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die -Folge.“</p> - -<p>„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der -ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde -die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei -unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung.</p> - -<p>Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das -Gegenteil!“</p> - -<p>„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst.</p> - -<p>Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir -haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen -wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die -Aristokratie auf.</p> - -<p>Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den -Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß:</p> - -<p>„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um -ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr. -In beiden Fällen ist es ein Atten<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span>tat auf das Recht eines andern, ein -Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“</p> - -<p>„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen.</p> - -<p>Bald begann die römische Expedition.</p> - -<p>Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der -Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete -sich.</p> - -<p>Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer -zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des -Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste -war die Verteilung der Broschüren.</p> - -<p>Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. — Der rote Genosse. -— Wie kommen wir aus dem Sumpf? — Wohin steuern wir?“ — Das -Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und -unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern. -Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den -Händen der Präfekten — und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie -eingesperrt: ein ungeheurer Sieg.</p> - -<p>Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der -Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf -einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, — und -man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte! -Welch ein Hohn!</p> - -<p>Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor -seiner Tür vorbeikamen.</p> - -<p>Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten -sie ihm einen Gegenbesuch.</p> - -<p>Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der -Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch -um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen -verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren -Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche -besorgte, floß durch das Haus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span></p> - -<p>„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“ -Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es -demokratisieren, den Stoff befreien.“</p> - -<p>„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“</p> - -<p>„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie -die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe.</p> - -<p>„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“</p> - -<p>Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen -Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen.</p> - -<p>Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse -der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte -ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein -Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache -er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen -Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren -Stolz. Niemals würde er sich beugen.</p> - -<p>„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“</p> - -<p>Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete -er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der -Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer -Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene -Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen -Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde!</p> - -<p>Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den -Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch -auszubringen!</p> - -<p>Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers.</p> - -<p>Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an -den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme:</p> - -<p>„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span></p> - -<p>„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister.</p> - -<p>„Das ist Ihre Schuld!“</p> - -<p>„Ich habe getan, was ich konnte!“</p> - -<p>„Ach! Wirklich?“</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit -nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend:</p> - -<p>„Ist das alles?“</p> - -<p>Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den -Verweis milderte:</p> - -<p>„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“</p> - -<p>„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein.</p> - -<p>„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“</p> - -<p>„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die -Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“</p> - -<p>„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester.</p> - -<p>Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade -ihretwegen:</p> - -<p>„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“</p> - -<p>Petit zuckte die Achseln.</p> - -<p>„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“</p> - -<p>Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das -Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn -außer sich:</p> - -<p>„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“</p> - -<p>„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester, -ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das -Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts -zuerteilt.“</p> - -<p>„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den -Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“</p> - -<p>Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen -Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht.</p> - -<p>Der Geistliche berührte leicht seine Schulter.</p> - -<p>„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein -wenig Vernunft!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p> - -<p>Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit -frommem Eifer kommunizieren.“</p> - -<p>„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“</p> - -<p>Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten -Blitze, sein Kinn zitterte.</p> - -<p>„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! — Und seine Frau besorgt -die Wäsche für die Kirche!“</p> - -<p>„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“</p> - -<p>„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“</p> - -<p>„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“</p> - -<p>„Man kann ihn versetzen!“</p> - -<p>Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten. -Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen.</p> - -<p>Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr -letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort -unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben -Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen -die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine -Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer -Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack -auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand -bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt.</p> - -<p>In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem -Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg -weinte.</p> - -<p>„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme.</p> - -<p>Da brach der Vater in Schluchzen aus:</p> - -<p>„Ja! ja! alles, was man verlangt!“</p> - -<p>„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer.</p> - -<p>Und nachdem er sich verbeugt:</p> - -<p>„Meine Herren, recht guten Abend!“</p> - -<p>Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard -zurück.</p> - -<p>„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p> - -<p>Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich -zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit -setzte sie in Schrecken.</p> - -<p>Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die -Republik pfiff auf dem letzten Loch.</p> - -<p>Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen. -Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder -eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die -klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger -predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien -zufrieden.</p> - -<p>Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück.</p> - -<p>Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für -die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in -die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher.</p> - -<p>Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück -einzuladen.</p> - -<p>Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die -Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht -liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen -auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren -Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich -wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das -Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der -mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln -lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort -stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm.</p> - -<p>Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der -Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr -von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne -verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die -Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die -Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch -Changarnier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span></p> - -<p>Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die -Protestanten, Foureau im Interesse des Handels.</p> - -<p>„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel -unsere Kathedralen...“</p> - -<p>„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“</p> - -<p>„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“</p> - -<p>„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche -seufzend.</p> - -<p>„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und — verzeihen Sie, Herr Graf -— die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“</p> - -<p>„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert! -Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die -Grundlagen!...“</p> - -<p>Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur -das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf -dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“</p> - -<p>Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen. -Wie am Rande des Abgrundes einhalten?</p> - -<p>„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in -gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er -den Wahlzensus erhöhte.“</p> - -<p>„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung -kommt von Paris.“</p> - -<p>„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar.</p> - -<p>„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu.</p> - -<p>Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein, -so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten -konnte, wenn es ihr gut schien.</p> - -<p>Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse, -Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen -behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im -Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, — der Unterpräfekt vergaß -nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten -die Herren Mörder damit anfangen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p> - -<p>Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu -dem stand, was man sagte, — denn man glaubt immer, daß die Worte der -Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken -geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah -die Kompottschüsseln in einem Nebel.</p> - -<p>Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von -Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste -tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei, -als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen.</p> - -<p>Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf -einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen -Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot -gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig.</p> - -<p>Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die -Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff -Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine -Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“</p> - -<p>„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt -keinen Wert mehr auf sie.</p> - -<p>„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist -ziemlich gleichgültig!“</p> - -<p>„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein.</p> - -<p>„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich -halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß -Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“</p> - -<p>Alle verlangten nach einem Retter.</p> - -<p>Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé -Jeufroy sagen:</p> - -<p>„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn -man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“</p> - -<p>„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“</p> - -<p>Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein -feuchter Wind wehte; — und während sie über abgefallene Blätter -gingen, atmeten sie wie befreit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span></p> - -<p>Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen -Luft:</p> - -<p>„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch -eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem -Recht?“</p> - -<p>Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge -unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe.</p> - -<p>Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer -Filmer formuliert worden.</p> - -<p>Hier folgt sie:</p> - -<p>„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt. -Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von -Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des -Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige -nach dem Beispiel der Väter eingesetzt.</p> - -<p>Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis -unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat -dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen -eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des -Volkes, — und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der -Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den -König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn -als solchen anerkennen wollten.</p> - -<p>Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was -es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel, -‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman, -Mably und so weiter, — und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm -die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht -einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“</p> - -<p>Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus -„Gesellschaftsvertrag“ zur Hand.</p> - -<p>Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf -zurück und analysierte:</p> - -<p>„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich -seiner Freiheit entäußerte.</p> - -<p>Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Un<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span>gleichheiten -der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er -besitzt.</p> - -<p>Wo aber ist der Beweis für den Vertrag?</p> - -<p>Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger -werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man -Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften -haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt -verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion -einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“</p> - -<p>Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie?</p> - -<p>Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, — und sie verschafften sich -die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant.</p> - -<p>Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre.</p> - -<p>An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist. -Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut -ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte -Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das -öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer -haben, „der am meisten liebt“.</p> - -<p>Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der -Welt ab.</p> - -<p>„Das verstehe ich nicht.“</p> - -<p>„Ich auch nicht!“</p> - -<p>Und sie machten sich an die Lehre Fouriers.</p> - -<p>Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich -ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen.</p> - -<p>Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier -affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das -Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen -der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine -Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen. -Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am -Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede -Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten, -den Liebhaber<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das -Bajaderentum vorgesorgt.</p> - -<p>„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in -Träume von der harmonischen Welt.</p> - -<p>Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde -schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben -länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem -Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung -regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern -aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch -die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von -den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst -des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen -Horizont,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die -Lohnfrage.</p> - -<p>Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel -abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer, -daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte -wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen -einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol.</p> - -<p>„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Nicht doch!“</p> - -<p>„Ganz gewiß!“</p> - -<p>„Du redest Unsinn!“</p> - -<p>„Du empörst mich!“</p> - -<p>Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte -nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie -hinweisend:</p> - -<p>„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter, -die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin.</p> - -<p>Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die -Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht -das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span></p> - -<p>„Aber Cabet ist ein Idiot!“</p> - -<p>„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem -Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten.</p> - -<p>Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner -zu hören.</p> - -<p>Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen, -alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das -Zeugungsgeschäft zu regeln.“</p> - -<p>Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er:</p> - -<p>„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich -zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt -schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet. -Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung -Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon -im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können; -aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“</p> - -<p>„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien -eines solchen Herrn sich ändern wird?“</p> - -<p>„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr -im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“</p> - -<p>„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“</p> - -<p>„Gewiß!“</p> - -<p>„Du?“</p> - -<p>Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine -Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die -Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von -neuem:</p> - -<p>„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend.</p> - -<p>Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu.</p> - -<p>Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, — und man fand ihn -schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht, -während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht -krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin.</p> - -<p>Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> war, erkannten sie, -daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie.</p> - -<p>Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins, -Einfuhr, Ausfuhrverbot.</p> - -<p>Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im -Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel -vorgeschoben — und er weckte Bouvard, der fest schlief.</p> - -<p>Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht -wieder hören.</p> - -<p>Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben.</p> - -<p>Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem -Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, — und -zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand -hinübergestiegen.</p> - -<p>Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden.</p> - -<p>Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum -Krämer.</p> - -<p>Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents -mitten unter den Trinkern? Gorju! — Gorju, in feiner Kleidung und die -andern freihaltend.</p> - -<p>Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei.</p> - -<p>Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts.</p> - -<p>Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in -der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand -zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden.</p> - -<p>Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück -Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg -nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen. -Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel -erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“</p> - -<p>Frau Bordin trat ein.</p> - -<p>Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit.</p> - -<p>Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk, -die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten.</p> - -<p>Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an.</p> - -<p>„Wie! Sie sagen nichts!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span></p> - -<p>„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich -war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie -sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit -beleidigt.</p> - -<p>Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf, -ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben.</p> - -<p>Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte -anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man -würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben.</p> - -<p>Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem -gleichgültig.</p> - -<p>An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an.</p> - -<p>Der Arzt hatte sich von all dem frei gemacht. —</p> - -<p>„Sie tun unrecht, sich damit zu quälen!“</p> - -<p>Foureau kam an ihnen vorüber und sagte mit spöttischer Miene: -„Hineingelegt, die Demokraten!“ — Und der Hauptmann an Girbals Arm -rief von weitem: „Es lebe der Kaiser!“</p> - -<p>Aber Petit mußte sie verstehen, und nachdem Bouvard an die Scheibe -geklopft, verließ der Schulmeister seine Klasse.</p> - -<p>Er fand es außerordentlich komisch, daß Thiers im Gefängnis saß. Das -war eine Rache für das Volk. — „Ha! ha! meine Herren Abgeordneten, die -Reihe ist an Ihnen!“</p> - -<p>Die Füsilladen auf den Boulevards fanden die Billigung der Einwohner -von Chavignolles. Keine Gnade für die Besiegten, kein Mitleid für die -Opfer! Sobald man sich empört, ist man ein Verbrecher.</p> - -<p>„Danken wir der Vorsehung!“ sagte der Pfarrer, „und nächst ihr Louis -Bonaparte. Er umgibt sich mit den ausgezeichnetsten Männern. Der Graf -von Faverges wird Senator werden.“</p> - -<p>Am folgenden Tage erhielten sie den Besuch Placquevents.</p> - -<p>Die Herren hätten viel geredet. Er verpflichtete sie zu schweigen.</p> - -<p>„Willst du meine Ansicht wissen?“ sagte Pécuchet:</p> - -<p>„Da die Bürger blutdürstig, die Arbeiter eifersüchtig, die -Priester Kriecher sind, — und da dem Volk jeder Tyrann recht ist, -vorausgesetzt, daß man ihm sein Maul im Troge läßt, so hat Napoleon -recht getan! — Mag er es kne<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span>beln, mit Füßen treten und vertilgen! — -Es wird nie eine genügende Strafe sein für seinen Haß gegen das Recht, -seine Feigheit, seine Dummheit, seine Verblendung!“</p> - -<p>Bouvard dachte: „Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!“ Er fügte -hinzu: „Und die Politik, eine schöne Schweinerei!“</p> - -<p>„Sie ist keine Wissenschaft,“ erwiderte Pécuchet. „Die Kriegskunst -steht höher, man sieht voraus, was eintrifft; wir sollten uns daran -machen.“</p> - -<p>„Nein, danke!“ erwiderte Bouvard. „Alles widert mich an. Laß uns lieber -unsere Bude verkaufen und laß uns, zum Himmeldonnerwetter, zu den -Wilden gehen!“</p> - -<p>„Wie du willst!“</p> - -<p>Im Hofe pumpte Mélie Wasser.</p> - -<p>Die hölzerne Pumpe hatte einen langen Schwengel. Um ihn hinabzudrücken, -krümmte sie sich, — und man sah alsdann ihre blauen Strümpfe bis -hinauf zu den Waden. Dann hob sie mit einer schnellen Bewegung ihren -rechten Arm, während sie den Kopf ein wenig drehte, — und Pécuchet -fühlte bei ihrem Anblick etwas ganz Ungewohntes, einen Reiz, ein -unendliches Vergnügen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="VII">VII</h2> - -</div> - -<p>Traurige Tage begannen.</p> - -<p>Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner -von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie -erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, — und ihre Einsamkeit -war tief, ihre Untätigkeit vollständig.</p> - -<p>Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An -anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach -Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder -ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim; -oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu -lamentieren; sie verzichteten darauf.</p> - -<p>Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den -Krimskrams für stumpfsinnig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span></p> - -<p>Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die -Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet.</p> - -<p>Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet, -wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz -umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen, -der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom -Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt -die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein -undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt -eine Kuh.</p> - -<p>Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr, -erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche; -geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln; -beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer -Anblick.</p> - -<p>Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen, -ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das -Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht -mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader -entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie -zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes.</p> - -<p>Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht.</p> - -<p>Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen -politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den -dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen: -„Halt!“</p> - -<p>Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu -bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju; -— und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an, -während die Baumreihe sie von ihm schied.</p> - -<p>„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“</p> - -<p>Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören.</p> - -<p>„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das -an?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span></p> - -<p>„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst, -mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als -ihre Worte.</p> - -<p>„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“</p> - -<p>Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln.</p> - -<p>„Die andere hat es erlaubt, was?“</p> - -<p>„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust.</p> - -<p>„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke -Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause.</p> - -<p>Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben -Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines -Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, — kein -Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen -geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren -Kopf nicht.</p> - -<p>Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die -Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft -eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte -sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in -der Scheune aufgesucht hatte, — so daß einmal ihr Gatte, da er einen -Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die -Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich -gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine -Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie -hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“</p> - -<p>Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt.</p> - -<p>Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung, -ihren Kopf zurück.</p> - -<p>„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß -sehen, sprich, was willst du? — Geld? Es wird sich auftreiben lassen. -Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider -beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles, -— alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn -du nur zu mir zurückkehrst!“</p> - -<p>Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> Taille, um sie am -Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie -schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“</p> - -<p>Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu.</p> - -<p>„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen! -Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! — Gib -mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps -bezahlen kann.“</p> - -<p>Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald -zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt! -denke doch! — Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La -Croix-Janval gehen — und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen -Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“</p> - -<p>„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“</p> - -<p>Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; — und sich an seine -Schultern klammernd:</p> - -<p>„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden -nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte -mich!“</p> - -<p>Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um -sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen -Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, — und als sie ihn, -heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren -geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück.</p> - -<p>„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“</p> - -<p>Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem -Halse hing, und es ihm nachwerfend:</p> - -<p>„Da! Du Lump!“</p> - -<p>Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend.</p> - -<p>Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und -erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung -versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter -Gegenstand.</p> - -<p>Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die -Entdeckung einer Welt, — einer ganzen Welt!<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> — sie hatte einen -blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze, -— und Abgründe von unendlicher Tiefe; — sie strömte Schrecken aus, -was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu -fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er.</p> - -<p>Doch verabscheute er Gorju, — und auf der Wache kostete es ihm Mühe, -ihn nicht zu verraten.</p> - -<p>Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke -Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine -erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke -an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange -Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck -war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein -Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr.</p> - -<p>Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts -ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; — wer sollte ihn jetzt -verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu -denken.</p> - -<p>Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre -Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger -Zahn war lose geworden, — und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne, -kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner -Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt, -zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich -während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas -nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also -einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen.</p> - -<p>Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen -beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; — und mochte sie nun den -Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er -konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, — selbst -überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm -Fieber und Sehnen, — und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju -herzte, verfolgte ihn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span></p> - -<p>Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu -verführen.</p> - -<p>„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“</p> - -<p>„Gut! Aber wie weiter?“</p> - -<p>„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf -ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die -brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard -erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie -obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich -habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei -wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“</p> - -<p>Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich -seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart -ein.</p> - -<p>In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß -von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz -laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie -entlassen wurde.</p> - -<p>Nun war Pécuchet frei!</p> - -<p>Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein -Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte!</p> - -<p>Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters -beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den -Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu -ziehen.</p> - -<p>Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum -Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den -Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe. -„Niemals!“</p> - -<p>Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und -die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte -sie zu einem ehrbaren Wandel.</p> - -<p>Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße -Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte. -Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den -Lippen, und er<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein -anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte, -nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen -Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr.</p> - -<p>Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase -Anislikör...</p> - -<p>Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz, -zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk -zu reinigen.</p> - -<p>Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch -fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, -während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg.</p> - -<p>Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof.</p> - -<p>Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid -eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während -sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte.</p> - -<p>Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit -„ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot -gewesen war.</p> - -<p>Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche -seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem -Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften.</p> - -<p>Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr -speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer -Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in -gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden, -brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den -Kaffee schlürften; — und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe, -die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse, -während sie die Nasenflügel blähte.</p> - -<p>Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten -Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er, -mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde -böse. Er machte keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von -wunderbarer Fülle und Festigkeit aus.</p> - -<p>Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig -ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen!</p> - -<p>Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete -ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum -ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die -Unterhaltung.</p> - -<p>Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender -Weise hartnäckig an.</p> - -<p>Bouvard hielt es nicht länger aus! — und auf das Parkett niederkniend, -stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“</p> - -<p>Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er -scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht -vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn.</p> - -<p>Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften. -„Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung, -ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“</p> - -<p>Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie, -sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte.</p> - -<p>Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, — unter dem -Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug.</p> - -<p>Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen.</p> - -<p>Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu -halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr -davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist! -Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner -Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen.</p> - -<p>Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu -machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall -sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span></p> - -<p>Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem -Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken -standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu -pflücken, und sagte, sie ihm überreichend:</p> - -<p>„Grüßen Sie Frau Bouvard!“</p> - -<p>„Wie! So ist es wahr?“</p> - -<p>„Durchaus wahr.“</p> - -<p>Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein -Mann!“ — Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um -eine Gunst bitten würde.</p> - -<p>„Sie ist bewilligt.“</p> - -<p>Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten -Donnerstag fest.</p> - -<p>Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren.</p> - -<p>„Einverstanden.“</p> - -<p>Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh.</p> - -<p>Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben, -wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den -Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen.</p> - -<p>Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter -dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden -der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange.</p> - -<p>Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die -Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen.</p> - -<p>„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet.</p> - -<p>„Ja! Ich liebe Sie!“</p> - -<p>„Nun gut, dann beweise es mir!“</p> - -<p>Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand -ihr Korsett aufzunesteln.</p> - -<p>„Sie werden mir weh tun?“</p> - -<p>„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“</p> - -<p>„Wenn Herr Bouvard...“</p> - -<p>„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“</p> - -<p>Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span> fallen, die -Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; — dann verbarg -sie ihr Gesicht unter einem Arm, — und ein anderer hätte gemerkt, daß -es ihr nicht an Erfahrung fehlte.</p> - -<p>Bald kam Bouvard zum Essen.</p> - -<p>Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu -verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet -wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die -Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte.</p> - -<p>Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause.</p> - -<p>„Das verdammte Luder!“</p> - -<p>„Wer denn!“</p> - -<p>„Frau Bordin.“</p> - -<p>Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie -heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde -bei Marescot.</p> - -<p>Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die -er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem -Gelde eines anderen bezahlt hatte.</p> - -<p>„In der Tat!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich -etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich -entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“ -Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein -Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen -dicken Bauch, ich bitte dich!“</p> - -<p>Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten -Beinen gehend.</p> - -<p>„Leidest du?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„O! ja! ich leide!“</p> - -<p>Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem -Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei.</p> - -<p>„Du?“</p> - -<p>„Ja, ich!“</p> - -<p>„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“</p> - -<p>Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span></p> - -<p>„Das kann nur Mélie sein!“</p> - -<p>Bouvard war starr über die Eröffnung.</p> - -<p>Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen.</p> - -<p>Sie protestierte mit unschuldiger Miene.</p> - -<p>Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande -wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen.</p> - -<p>Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden.</p> - -<p>Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er -sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte. -Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es -handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock, -beglückwünschte ihn aber zugleich.</p> - -<p>„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum -hat sie mir das angetan?“</p> - -<p>„Du gefielst ihr.“</p> - -<p>„Sie hätte mich warnen sollen.“</p> - -<p>„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau -Bordin.</p> - -<p>Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in -Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, — so viel -Schliche um ein Stückchen Land!</p> - -<p>„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“</p> - -<p>So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im -kleinen Saal am Feuer saßen.</p> - -<p>Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife, -— und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen.</p> - -<p>„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum -Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter -einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, — Turteltaubengirren, -schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, — Tücke des Meeres, -Veränderlichkeit des Mondes,“ — sie sagten alle Gemeinplätze, die man -über die Frauen in die Welt gesetzt hat.</p> - -<p>Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht. -Gewissensbisse faßten sie. — Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir -ohne sie! — Und gerührt umarmten sie einander.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span></p> - -<p>Eine Gegenwirkung war nötig; — und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet -geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil.</p> - -<p>Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war, -schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur.</p> - -<p>Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit -tüchtigen Eimern Wassers, — dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu -erreichen. Man sah sie durch das Gitter; — und es gab Leute, die -darüber entrüstet waren.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII</h2> - -</div> - -<p>Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden -durch Turnen verbessern.</p> - -<p>Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen -durch.</p> - -<p>Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie -beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf -Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen, -diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren -Neid.</p> - -<p>Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben -wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die -Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen, -noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der -zweiunddreißig Meter Höhe hätte.</p> - -<p>Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig -gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente -ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem -Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte -Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden. -Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück -und verzichtete schließlich darauf.</p> - -<p>Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei -Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der -erste unter den Achseln durchgeht,<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> der zweite über den Handgelenken -liegt; — und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn -erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang.</p> - -<p>Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus -Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen -Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links, -nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten -sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können. -Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie -rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie -fürchteten, sie möchten zerspringen.</p> - -<p>Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden -gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem -linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem -an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, — und die -Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die -am Horizont herumsprangen.</p> - -<p>Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik; -sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder -Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre -erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber -unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei.</p> - -<p>Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der -Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen -Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit -den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum -Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem -Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als -fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß.</p> - -<p>Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich -beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise -zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei -den Übungen singen soll, und<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> Bouvard und Pécuchet wiederholten beim -Marschieren den Gesang Nr. 9:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><i>Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden.</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><i>Freunde, die Krone und der Ruhm usw.</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Im Laufschritt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2"><i>Uns gehört das scheue Tier!</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Den hurt’gen Hirsch erjagen wir!</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Ja! Zum Sieg heran!</i></div> - <div class="verse indent0"><i>Voran! Voran! Voran!</i></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang -ihrer Stimmen an.</p> - -<p>Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als -Rettungsmittel.</p> - -<p>Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken -zu tragen, — und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen. -Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich -an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich -ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur -möglichen Vorsicht.</p> - -<p>Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die -Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst -Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte.</p> - -<p>Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben -und befestigten es unter dem Schuppen.</p> - -<p>Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten -erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab, -der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt. -Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz -der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite -Sprosse zu kommen.</p> - -<p>Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die -Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort -Chambray es taten? — und<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in -seiner Anstalt einen Turm.</p> - -<p>Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu -erklimmen.</p> - -<p>Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte, -bekam Furcht und wurde schwindlig.</p> - -<p>Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für -die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an -die Anfangsgründe machen mußten.</p> - -<p>Seine Ermahnungen waren vergeblich; — und in seinem Dünkel und seiner -Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen.</p> - -<p>Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich -das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, — -und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in -großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich.</p> - -<p>Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf -die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz -abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase -blutete, er war leichenblaß, — und er glaubte, sich einen Bruch -zugezogen zu haben.</p> - -<p>Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben -es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen, -und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen -Zeitvertreib sinnend.</p> - -<p>Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit -ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein -Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab.</p> - -<p>Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte -Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er, -„es will nicht mehr.“</p> - -<p>Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige -Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang -zu setzen.</p> - -<p>Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei -Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm -bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span></p> - -<p>Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er -zog den Gehilfen damit auf.</p> - -<p>Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien -und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische -zum Drehen zu bringen, — und man entdeckte, wie man Zeisige zu -Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe -von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in -seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form -vorsetzte.</p> - -<p>Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort -aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, — und besonders der Notar -befragte sie.</p> - -<p>Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden -Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein.</p> - -<p>War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein -hin.</p> - -<p>Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer, -der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau -Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau -Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person, -deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern -herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen -blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war.</p> - -<p>Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem -Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in -riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch -an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man -wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen, -die ein Geheimnis umschließen.</p> - -<p>Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände -ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte -nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe -Aufmerksamkeit.</p> - -<p>Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den -Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich.</p> - -<p>„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p> - -<p>„Durchaus nicht!“</p> - -<p>„Doch!“</p> - -<p>„Bitte sehr, mein Herr!“</p> - -<p>Der Notar beruhigte sie.</p> - -<p>Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im -Holze zu hören. — Es war Täuschung. Nichts regte sich.</p> - -<p>Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren -und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles -so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum?</p> - -<p>Zweifellos störte ihn der Teppich, — und man ging ins Eßzimmer.</p> - -<p>Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet, -Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen.</p> - -<p>Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten, -ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte -noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr.</p> - -<p>Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme:</p> - -<p>„Geist, wie findest du meine Cousine?“</p> - -<p>Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge.</p> - -<p>Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben -übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten.</p> - -<p>Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren -genaues Alter anzugeben.</p> - -<p>Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge.</p> - -<p>„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal.</p> - -<p>„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau.</p> - -<p>Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger.</p> - -<p>Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert -war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell -funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar -bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII., -Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer -niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span> d’Aumale verkauft; -Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin:</p> - -<p>„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“</p> - -<p>Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte -seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war -durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die -Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen -Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf -die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den -Abend, heim.</p> - -<p>Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich -habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte -nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen.</p> - -<p>Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander -gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf -einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos.</p> - -<p>Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der -große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der -Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht, -wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein -magnetischer Strom aus.</p> - -<p>Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm -den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek, -las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein.</p> - -<p>Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn. -Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in -der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die -Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, — doch ist es immer -noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und -Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen.</p> - -<p>„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Wirkung zu -unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“</p> - -<p>Dann, Bouvard betrachtend:</p> - -<p>„Ach! wie schade.“</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren -Magnetiseur geben als dich!“</p> - -<p>Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen -kräftigen Körper und einen starken Willen.</p> - -<p>Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte -Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère.</p> - -<p>Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte -er eines Abends in nachlässigem Tone:</p> - -<p>„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“</p> - -<p>Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden -Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes -Leben nichts anderes getan hätte.</p> - -<p>Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu -beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen. -Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte -Pécuchet mit leiser Stimme:</p> - -<p>„Was fühlen Sie?“</p> - -<p>Sie erwachte.</p> - -<p>Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen.</p> - -<p>Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit -sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster, -der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem -nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst -unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster -verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die -Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig -Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und -Frostbeulen.</p> - -<p>Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den -Blick, welche Art des Bestreichens anzu<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span>wenden sei, ob mit starkem -oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal, -transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug -davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt, -schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch.</p> - -<p>Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard -den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée -geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns, -der weit herumgekommen war.</p> - -<p>Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher -Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann -Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten, -lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt, -von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde, -Bouvards Anerbietungen annahm.</p> - -<p>Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte, -begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf -die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch -Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen -oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme -emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man -ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger -Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten; -sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen.</p> - -<p>Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was -sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers.</p> - -<p>„Was sehen Sie da?“</p> - -<p>„Einen Wurm.“</p> - -<p>„Was muß man tun, um ihn zu töten?“</p> - -<p>Ihre Stirn furchte sich.</p> - -<p>„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“</p> - -<p>Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von -Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer, -verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span></p> - -<p>Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg, -und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine -mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne -gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken -ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen -weiblichen Geschlechtes sein.</p> - -<p>„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei -bekommen?“</p> - -<p>Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und -etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie -begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser; -die Kinder freuten sich darüber.</p> - -<p>Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie -zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze -empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik -hielt an.</p> - -<p>„Genug! Genug!“ schrie er.</p> - -<p>„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard.</p> - -<p>Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das -Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien, -durch den Lärm herbeigelockt.</p> - -<p>„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu -finden.</p> - -<p>Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den -Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung -beruhten.</p> - -<p>Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es, -und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie -hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier.</p> - -<p>Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um -ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in -Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe.</p> - -<p>Sie eilten hin.</p> - -<p>Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der -aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche -bedeckt, eine Kuh. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr -über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd.</p> - -<p>Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete. -Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht -kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte, -wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte -Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel.</p> - -<p>Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der -eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen -Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die -Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der -Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt -zuschauten.</p> - -<p>Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief -in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet:</p> - -<p>„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine -Entladung.“</p> - -<p>Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen -gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte. -Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde -später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen.</p> - -<p>Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält -dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände -einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie -sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen -es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen, -magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot.</p> - -<p>Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen -zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen -alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt.</p> - -<p>Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> geschaffen. Sie -reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten. -Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf, -und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um -ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung -einluden.</p> - -<p>Nicht einer fehlte.</p> - -<p>Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen -zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie -in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den -Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem -Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der -Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor -der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten.</p> - -<p>Pécuchet erschien!</p> - -<p>„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“</p> - -<p>Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen.</p> - -<p>Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus -Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem -Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch -immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter -Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu -verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten, -hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren -Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß.</p> - -<p>Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine -Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse -ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter -blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung -verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel, -einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten -Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> ließ seine -Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war -dick in leinene Umschläge verpackt.</p> - -<p>Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und -die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der -Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos.</p> - -<p>Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf.</p> - -<p>„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie -an, ich entferne mich für einen Augenblick.“</p> - -<p>Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest -der Tür mit den Pfeifen.</p> - -<p>Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der -Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung -und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu -gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken.</p> - -<p>Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der -Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen -jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen.</p> - -<p>Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein -wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos -vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch -lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr -Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette -nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke -tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der -Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken.</p> - -<p>„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts -Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der -zu Schanden werden!“</p> - -<p>„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse -Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“</p> - -<p>Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen; -er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage -wegen seines Rheumatismus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p> - -<p>Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit -immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden -Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum -becum“.</p> - -<p>Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß -daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie -vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte.</p> - -<p>Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge -durch undurchsichtige Körper wahrnahm.</p> - -<p>Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte. -Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die -Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer -Miene.</p> - -<p>Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte -gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend:</p> - -<p>„Lesen Sie!“</p> - -<p>Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den -Kopf zurück und buchstabierte schließlich:</p> - -<p>„Kon – sti – tu – tion – nel.“</p> - -<p>Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben!</p> - -<p>Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die -Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in -Vaucorbeils Hause vorgehe.</p> - -<p>„Gut,“ antwortete der Doktor.</p> - -<p>Und seine Uhr ziehend:</p> - -<p>„Womit beschäftigt sich meine Frau?“</p> - -<p>Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene:</p> - -<p>„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“</p> - -<p>Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett, -das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte.</p> - -<p>Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut -abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks, -oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte, -einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span></p> - -<p>Vaucorbeil zuckte die Achseln.</p> - -<p>Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand, -Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß -Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos -überstanden haben.</p> - -<p>Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe -Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der -Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen!</p> - -<p>„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt.</p> - -<p>„Keineswegs!“</p> - -<p>„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“</p> - -<p>Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten -zum besten.</p> - -<p>„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war, -wenn der Monat mit einem Freitag begann.“</p> - -<p>„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am -14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest -fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“</p> - -<p>Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am -folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die -Geschichte vom Souper Cazottes.</p> - -<p>Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken:</p> - -<p>„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“</p> - -<p>„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil.</p> - -<p>Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend.</p> - -<p>Marescot sprach von der delphischen Pythia.</p> - -<p>„Ohne allen Zweifel Miasmen.“</p> - -<p>„Ach! nun sind es gar Miasmen.“</p> - -<p>„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard.</p> - -<p>„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu.</p> - -<p>„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die -Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“</p> - -<p>Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren -Spießbürger folgten ihm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span></p> - -<p>„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich -fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt -Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen -ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er -erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen, -wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert, -und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu -Menschenfressern werden.“</p> - -<p>Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren -für die Gesellschaft.</p> - -<p>Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau -Vaucorbeil schwenkend.</p> - -<p>Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte:</p> - -<p>„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“</p> - -<p>Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen.</p> - -<p>„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“</p> - -<p>Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten, -wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen:</p> - -<p>„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“</p> - -<p>Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf:</p> - -<p>„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der -Kirche verboten sind!“</p> - -<p>Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet -plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit -gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte:</p> - -<p>„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“</p> - -<p>„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“</p> - -<p>„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“</p> - -<p>Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal, -spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in -den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte -Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die -Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse ge<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>fühlsmäßig -erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab, -führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine -Morgenröte anzeigten.</p> - -<p>Sie ließen sie sich zusenden.</p> - -<p>Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten -Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum -Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne -rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen -Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von -ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie -ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere -Welten.</p> - -<p>Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt. -Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel -knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der -Natur und die Vergnügen der Kunst genießen.</p> - -<p>Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt -hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den -Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu -sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von -der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen -und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch.</p> - -<p>Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht -gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung -jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden.</p> - -<p>Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem -Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter -erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat -Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses -gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen.</p> - -<p>Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels.</p> - -<p>Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei -uns.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span></p> - -<p>Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern -nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen -Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich -in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben.</p> - -<p>Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit -schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern, -schlecht gekleideten Personen.</p> - -<p>Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese -Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der -Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der -Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden -Betrachtungen hin:</p> - -<p>Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke -Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag -der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt -man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder -belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken.</p> - -<p>Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das -Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht -nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die -Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die -Gespenstererscheinungen.</p> - -<p>Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen -Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten -eine physische Ursache?</p> - -<p>Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein -verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so -brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert, -würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und -das Weltall stände zu unserer Verfügung.</p> - -<p>Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen -Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine -Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle -Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die -Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p> - -<p>Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch -er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich -zugleich stellten, als ob sie darüber lachten.</p> - -<p>Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich.</p> - -<p>Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage, -fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen -wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte -sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald -vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen, -wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte -mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den -Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in -den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz -mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte -schließlich, sie sei verhext.</p> - -<p>In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig -den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose -in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz -hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten -Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit -dem Kreis Dupotets einen Versuch machen.</p> - -<p>Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um -die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen -sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit -priesterlicher Miene zu ihm:</p> - -<p>„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“</p> - -<p>Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine -Augen trübten sich.</p> - -<p>„Ach! machen wir ein Ende!“</p> - -<p>Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des -Mißbehagens zu entgehen.</p> - -<p>Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten -erscheinen lassen.</p> - -<p>Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echi<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span>quier, die Opfer -der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen -sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an, -ihn zu erzeugen.</p> - -<p>Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei -unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie, -weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während -Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er -Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn:</p> - -<p>„Was fürchtest du?“</p> - -<p>„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“</p> - -<p>Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten -Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze -Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von -Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten -sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere -furchterfüllt, daran zu glauben.</p> - -<p>Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am -Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards -Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten -sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen -aus den beiden Augenhöhlen hervor.</p> - -<p>In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand -dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll -Schwefel in die Asche.</p> - -<p>Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen. -Da nun dieser Tag ein Freitag war, — welcher Tag Bechet gehört, — so -mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach -rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte, -begann er:</p> - -<p>„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“</p> - -<p>Er hatte das übrige vergessen.</p> - -<p>Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück -Pappe aufgezeichnet hatte:</p> - -<p>„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war -lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o -Bechet!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span></p> - -<p>Dann die Stimme dämpfend:</p> - -<p>„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“</p> - -<p>Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu -sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor -einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören? -Wenn sie sich plötzlich einstellte?</p> - -<p>Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine -zersprungene Scheibe hereinkam, — und die Kerzen warfen schwankende -Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe -bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen -waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht. -Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf -dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und -die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte.</p> - -<p>Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die -Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen -feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu -klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich -wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte, -schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse -umher; ein Schrei erscholl; — was war das?</p> - -<p>Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht, -daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine -Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der -Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele.</p> - -<p>Endlich wagten sie sich hin.</p> - -<p>Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend, -auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend, -schlug sie ein Kreuz nach dem andern.</p> - -<p>Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus, -da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle.</p> - -<p>Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> seine Stelle, -und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé -Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde.</p> - -<p>Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden -verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein.</p> - -<p>Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die -Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel -ins Haus genommen.</p> - -<p>Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn -abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur -aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen -Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener -Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war -sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig.</p> - -<p>Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard -und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf -außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt.</p> - -<p>Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an. -Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren -gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt; -sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine -Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles -bis Bretteville vergraben, — und Marcel bestürmte seine Herren mit -Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten -sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt.</p> - -<p>Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft. -Jedoch studierten sie die Frage, — und sie erfuhren, daß ein gewisser -Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen -und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze -wahlverwandt seien.</p> - -<p>Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen -Versuch!</p> - -<p>Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, — und eines Morgens -machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p> - -<p>„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„O nein! das wäre noch schöner!“</p> - -<p>Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die -Straße von Chavignolles nach Bretteville! — war das die alte oder die -neue? Es mußte die alte sein!“</p> - -<p>Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend, -da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war.</p> - -<p>Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle -fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise -vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben. -Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu -Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum, -um die Stelle später wiederzufinden.</p> - -<p>Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen, -seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an -den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die -Barbée.</p> - -<p>Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe, -einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; — -und er wollte sie nicht mehr anrühren.</p> - -<p>Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen -zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte -das Nachgraben etwas zutage; — und sie waren jedesmal äußerst -kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während -er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen -aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar -fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm -seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn -wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar.</p> - -<p>Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein -Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte. -Bouvard und Marcel riefen ihn an.</p> - -<p>Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser -betrachten zu können, hob er dessen Mütze in<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> die Höhe, — er sah nun -eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte:</p> - -<p>„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber! -Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“</p> - -<p>Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher -Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der -er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte.</p> - -<p>Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die -Augen in der Luft, — und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder.</p> - -<p>Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem -geschnellten Finger an, daß sie herabfiel.</p> - -<p>Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder.</p> - -<p>„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert -Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten, -die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“</p> - -<p>Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen -Klepper und verschwand langsam.</p> - -<p>Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen -Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man -hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können, -die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch -folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich -in der Sonne blähten.</p> - -<p>„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren -Wunsch willigte.</p> - -<p>Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem -Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der -Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie -tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende -Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren. -Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein -kleines Mädchen weinte.</p> - -<p>Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und -nach, aber man konnte nicht wissen, was für<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> Folgen das haben würde. -Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter -seine Mistgabel.</p> - -<p>„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“</p> - -<p>Sie machten sich davon.</p> - -<p>Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle -Ursache zugrunde.</p> - -<p>Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung -des einen auf das andere; — und wechselweise?</p> - -<p>Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet, -bei Fénelon, — und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine -Leihbibliothek.</p> - -<p>Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die -Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und -Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, — und sie -verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen -Jahrhunderts.</p> - -<p>Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet -aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an -die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem -einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato -verwandt, — und sie diskutierten.</p> - -<p>„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine.</p> - -<p>„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß -werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine -Substanz, die aus reinem Denken besteht.“</p> - -<p>„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das -meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“</p> - -<p>„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen -zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“</p> - -<p>„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen -Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich -unkörperlich.“</p> - -<p>„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> müßte das -Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken -kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit -anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines -Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine -Behauptung.“</p> - -<p>„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den -Eigenschaften der Materie!“</p> - -<p>„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die -Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen -Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den -Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“</p> - -<p>„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht -wollen...“</p> - -<p>„Aber wenn Gott nicht existiert?“</p> - -<p>„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an: -„Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben; -secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie -könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? — und da wir diese Idee -haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“</p> - -<p>Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur -Notwendigkeit eines Schöpfers über.</p> - -<p>„Wenn ich eine Uhr sehe...“</p> - -<p>„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“</p> - -<p>„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“</p> - -<p>Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung -auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise -es!“</p> - -<p>„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“</p> - -<p>„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der -Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat, -anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten -sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte -besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar. -Der Mond, diese große Leuchte,<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß -der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer -Häuser bestimmt sei?“</p> - -<p>Pécuchet antwortete:</p> - -<p>„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge -zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star -gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich -oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“</p> - -<p>Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er -bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset.</p> - -<p>Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor -Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war.</p> - -<p>Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie -lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie -begriffen dieses:</p> - -<p>Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache, -ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott.</p> - -<p>Er allein ist Ausdehnung, — und die Ausdehnung hat keine Grenzen. -Wodurch sollte sie begrenzt sein?</p> - -<p>Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche, -denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute -enthält sie alle.</p> - -<p>Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm -eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit.</p> - -<p>„Findest du das lustig?“</p> - -<p>„Ja, gewiß! lies nur weiter!“</p> - -<p>Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf -seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen -ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.</p> - -<p>Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet, -die wieder andere enthalten.</p> - -<p>Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde -darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische -Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze -verbunden sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span></p> - -<p>„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott.</p> - -<p>„Da hörst du’s!“ rief Bouvard.</p> - -<p>Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem -Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer -Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott.</p> - -<p>So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, — und -das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer -unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele -verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere -Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in -seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken -ist in seiner Substanz eingeschlossen.</p> - -<p>Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in -einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen, -— ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich -herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf.</p> - -<p>Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie -den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch -bestimmt ist.</p> - -<p>Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die -ontologische oder die psychologische.</p> - -<p>Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen, -als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch -gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite -für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für -diese.</p> - -<p>Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im -Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung.</p> - -<p>„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach -dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung, -große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in -Staunen setzte.</p> - -<p>Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist -sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das -Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon -mitteilt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span></p> - -<p>Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen? -Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn -sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt -werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren -Wahrnehmungen.</p> - -<p>„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus -führen.“</p> - -<p>Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das -Grenzenlose darzustellen.</p> - -<p>„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine -Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen -Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“</p> - -<p>Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen.</p> - -<p>Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die -Reflexion, — und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung -zurück.</p> - -<p>Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines -Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die -großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke, -das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als -angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der -Erfahrung vorausgehen und allgemein sind.</p> - -<p>„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt -haben.“</p> - -<p>„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“</p> - -<p>„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer -teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite -der Fall.“</p> - -<p>Pécuchet war erstaunt.</p> - -<p>„Wo findet sich das?“</p> - -<p>„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch.</p> - -<p>„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend: -„Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung. -Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu -setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span> -die Bewegung nicht hervorbringen, — und das habe ich in deinem -Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe -Verbeugung machte.</p> - -<p>So kauten sie dieselben Argumente wieder, — jeder voll Verachtung für -die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu -können.</p> - -<p>Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig -gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik.</p> - -<p>Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten -Kram verkauft, — und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den -Fakultäten der Seele.</p> - -<p>Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu -erkennen und die zu wollen.</p> - -<p>Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die -seelische Empfindung.</p> - -<p>Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie -durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden.</p> - -<p>Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit -dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines -Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust -eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“</p> - -<p>Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung, -„moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen -der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten, -unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der -jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“.</p> - -<p>In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei -der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann.</p> - -<p>Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden.</p> - -<p>Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das -Voraussehen den mit dem Zukünftigen.</p> - -<p>Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis.</p> - -<p>So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton -des Verfassers, die Eintönigkeit der Wen<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span>dungen: „Wir sind bereit -anzuerkennen, — Fort mit dem Gedanken. — Befragen wir unser -Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der -ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen -hinweggingen und sich gleich an die Logik machten.</p> - -<p>Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und -die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer.</p> - -<p>Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her.</p> - -<p>„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“, -fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen -hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt. -„Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“, -— Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich -bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich -eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das -Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch -welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“</p> - -<p>Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen -seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter -zu verwenden, — so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, — -es ist Zeit zum Essen, — ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage -förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. — Die Stunde, Nahrung -einzunehmen, ist da. — Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“</p> - -<p>Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie -die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden -Menschenverstandes.</p> - -<p>Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr -wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen, -daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem -alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei.</p> - -<p>Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen, -und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht -ihnen.</p> - -<p>Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandel<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span>bar und -unpersönlich ist, — doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch -werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig -Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist.</p> - -<p>Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die -Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein -mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den -Dingen stört.</p> - -<p>Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit -herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten -wären!</p> - -<p>Was die Evidenz betrifft, die von dem einen geleugnet, von dem anderen -behauptet wird, so ist sie ihr eigenes Kriterium. Herr Cousin hat es -bewiesen.</p> - -<p>„Ich sehe nur noch die Offenbarung,“ sagte Bouvard. „Doch um an sie -zu glauben, muß man eine vorausgehende doppelte Erkenntnis annehmen: -die des Körpers, welcher empfunden hat, und die des Geistes, welcher -wahrgenommen hat; man muß Empfindung und Vernunft annehmen, menschliche -und infolgedessen verdächtige Zeugnisse.“</p> - -<p>Pécuchet sann nach, legte die Arme übereinander. „Aber wir geraten in -den schrecklichen Abgrund des Skeptizismus.“</p> - -<p>Bouvard meinte, er sei nur schwachen Hirnen schrecklich.</p> - -<p>„Danke für das Kompliment,“ erwiderte Pécuchet. „Indessen gibt es -unbestreitbare Tatsachen. Man kann die Wahrheit bis zu einem gewissen -Grade erlangen.“</p> - -<p>„Bis zu welchem? Ergeben zwei und zwei immer vier? Ist der Inhalt -in irgendeiner Hinsicht geringer als das Enthaltende? Was heißt ein -annähernd Wahres, ein Bruchteil von Gott, der Teil einer unteilbaren -Sache?“</p> - -<p>„Ach! das sind nur Sophistereien!“ Und Pécuchet, verärgert, maulte drei -Tage lang.</p> - -<p>Sie verbrachten sie damit, die Inhaltsverzeichnisse mehrerer Bände -durchzugehen. Bouvard lächelte von Zeit zu Zeit, — und, die -Unterhaltung wieder anknüpfend:</p> - -<p>„Es ist eben schwierig, keine Zweifel zu hegen: So sind die Beweise für -das Dasein Gottes bei Descartes, Kant und Leibniz nicht dieselben und -vernichten sich gegenseitig. Die Entstehung der Welt durch die Atome -oder durch einen Geist bleibt unfaßbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span></p> - -<p>Ich fühle mich zugleich als Materie und Denken, ohne doch zu wissen, -was das eine und was das andere sei.</p> - -<p>Undurchdringlichkeit, Festigkeit, Schwere scheinen mir gerade so große -Geheimnisse wie meine Seele, — und um so mehr die Vereinigung von -Seele und Körper.</p> - -<p>Um sie zu erklären, hat Leibniz seine prästabilierte Harmonie erdacht, -Malebranche die göttliche Bestimmung des menschlichen Willens, Cudworth -einen Mittler, und Bossuet sieht darin ein beständiges Wunder, was eine -Dummheit ist: ein beständiges Wunder wäre kein Wunder mehr.“</p> - -<p>„In der Tat!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Und beide gestanden, daß sie der Philosophen überdrüssig wären. So -viele Systeme verwirren. Die Metaphysik ist zwecklos. Man kann ohne sie -leben.</p> - -<p>Zudem wuchs ihre Geldverlegenheit. Sie schuldeten Beljambe drei -Fässer Wein, Langlois zwölf Kilogramm Zucker, ihrem Schneider -hundertundzwanzig Franken, dem Schuster sechzig. Neue Ausgaben stellten -sich ständig ein, und Meister Gouy zahlte nicht.</p> - -<p>Sie begaben sich zu Marescot, damit er ihnen Geld verschaffen sollte, -sei es durch den Verkauf der Ecalles oder durch eine Hypothek auf ihren -Pachthof oder durch Veräußerung ihres Hauses, das mit lebenslänglichen -Renten bezahlt werden sollte und dessen Nutznießung sie behalten -würden. — Ein ungangbarer Weg, sagte Marescot, doch ein besseres -Geschäft bereite sich vor und man würde sie benachrichtigen.</p> - -<p>Dann fiel ihnen ihr armer Garten ein. Bouvard übernahm das Ausputzen -des Laubenganges, Pécuchet den Schnitt des Spaliers. — Marcel mußte -die Beete umgraben.</p> - -<p>Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie an; der eine schloß sein -Gartenmesser, der andere legte die Schere hin, und ganz sachte begannen -sie auf- und abzugehen: Bouvard ohne Weste mit vorgestreckter Brust und -bloßen Armen im Schatten der Linden; Pécuchet mit gesenktem Kopf, die -Hände auf dem Rücken, den Schirm der Mütze aus Vorsicht in den Nacken -gedreht, an der Mauer entlang; und sie gingen so in derselben Richtung, -ohne auch nur Marcel zu sehen, der an der Hütte lehnend sich ausruhte -und dabei eine Brotschnitte verzehrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span></p> - -<p>In dieser nachdenklichen Stimmung stellten sich Gedanken ein; sie -redeten einander an, um sie nicht zu vergessen; und die Metaphysik kam -wieder aufs Tapet.</p> - -<p>Sie stellte sich bei Gelegenheit des Regens und des Sonnenscheins, -eines Kieselsteins in ihrem Schuh, einer Blume auf dem Rasen, bei allem -und jedem wieder ein.</p> - -<p>Wenn sie eine Kerze brennen sahen, fragten sie sich, ob das Licht im -Objekte oder in unserem Auge sei. Da die Sterne verschwunden sein -können, wenn ihr Glanz zu uns gelangt, so bewundern wir vielleicht -Dinge, welche nicht vorhanden sind.</p> - -<p>Als sie in einer Weste eine Raspailzigarette wiederfanden, -zerbröckelten sie diese auf dem Wasser, und der Kampfer drehte sich.</p> - -<p>Es gibt also Bewegung in der Materie! Ein höherer Grad von Bewegung -würde das Leben hervorrufen.</p> - -<p>Doch wenn die sich bewegende Materie genügte, um Wesen zu schaffen, so -würden diese nicht so verschieden sein. Denn am Uranfang gab es weder -Erde, noch Wasser, noch Menschen, noch Pflanzen. Was ist also diese -ursprüngliche Materie, die man niemals gesehen hat, die nicht identisch -ist mit den Dingen dieser Welt und sie alle hervorgebracht hat?</p> - -<p>Manchmal hatten sie ein Buch nötig. Dumouchel, der müde war, sie zu -bedienen, antwortete ihnen nicht mehr, und sie verbissen sich in das -Problem, besonders Pécuchet.</p> - -<p>Sein Wahrheitsbedürfnis wurde zum brennenden Durste.</p> - -<p>Unter dem Eindruck von Bouvards Reden ließ er vom Spiritualismus ab, -nahm ihn bald wieder auf, um ihn dann wieder fallen zu lassen, und -rief, den Kopf in den Händen: „O! Der Zweifel! der Zweifel! Lieber wäre -mir das Nichts!“</p> - -<p>Bouvard bemerkte die Unzulänglichkeit des Materialismus und versuchte -daran festzuhalten, wobei er übrigens erklärte, daß er den Kopf darüber -verlöre.</p> - -<p>Sie begannen Vernunftschlüsse auf einer festen Basis; sie brach -zusammen; — und plötzlich waren alle Gedanken fort, wie eine Fliege -davonfliegt, sobald man sie fangen will.</p> - -<p>Während der Winterabende plauderten sie im Museum am Feuer, den Blick -auf die Kohlen gerichtet. Der Wind,<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> der im Flur pfiff, ließ die -Scheiben erzittern, die schwarzen Massen der Bäume wiegten sich, und -die Melancholie der Nacht verstärkte den Ernst ihrer Gedanken.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit ging Bouvard bis ans Ende des Gemaches; dann kam -er zurück. Die Kerzen und die Metallgeschirre an der Wand warfen -schräge Schatten auf den Boden; und der Sankt Peter, den man im Profil -sah, breitete über die Decke den Schattenriß seiner Nase, der einem -ungeheueren Jagdhorn glich.</p> - -<p>Nur mit Mühe konnte man zwischen den Gegenständen durchkommen, und -oft stieß sich Bouvard, wenn er nicht acht gab, an der Statue. -Mit ihren großen Augen, der herabhängenden Lippe und ihrer -Trunkenboldsphysiognomie war sie auch Pécuchet im Wege. Seit langer -Zeit wollten sie sich ihrer entledigen, doch aus Lässigkeit verschoben -sie es von einem Tage zum andern.</p> - -<p>Eines Abends stieß Bouvard inmitten eines Streites über die Monade mit -seiner großen Zehe gegen die Sankt Peters, — und seinen Zorn gegen ihn -entladend:</p> - -<p>„Der Kerl ist mir gräßlich, wir wollen ihn an die Luft setzen!“</p> - -<p>Es war zu schwierig, ihn die Treppe hinunterzuschaffen. Sie öffneten -das Fenster und neigten ihn sachte gegen den Rand. Pécuchet versuchte -kniend, ihn an den Fußsohlen in die Höhe zu heben, während Bouvard -gegen die Schultern drückte. Der steinerne Biedermann wankte nicht; sie -mußten die Hellebarde als Hebel zu Hilfe nehmen, — und endlich kamen -sie so weit, ihn ganz niederzulegen. Dann stürzte er, nachdem er hin- -und hergependelt hatte, ins Leere, die Tiara voran, — ein dumpfes -Geräusch erscholl, — und am folgenden Morgen fanden sie ihn in zwölf -Stücke zerbrochen in dem ehemaligen Kompostloch.</p> - -<p>Eine Stunde später trat der Notar herein mit einer guten Nachricht für -sie. Jemand aus dem Orte würde für eine Hypothek auf ihren Pachthof -tausend Taler vorschießen; und da sie sich freuten: „Verzeihen Sie! Man -macht eine Bedingung dabei: daß Sie nämlich dem Geldgeber die Ecalles -für fünfzehnhundert Franken verkaufen. Der Vorschuß wird noch heute -bezahlt werden. Das Geld liegt bei mir im Bureau.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span></p> - -<p>Sie waren nicht abgeneigt, die beiden Vorschläge anzunehmen. Bouvard -sagte schließlich: „Lieber Gott... meinetwegen!“</p> - -<p>„Abgemacht!“ sagte Marescot. Und er teilte ihnen den Namen der Person -mit. Es war Frau Bordin.</p> - -<p>„Das dachte ich mir!“ rief Pécuchet.</p> - -<p>Bouvard schwieg gedemütigt.</p> - -<p>Sie oder jemand anders, was lag daran! Die Hauptsache war, aus der -Verlegenheit herauszukommen.</p> - -<p>Nachdem das Geld erhoben war (das für die Ecalles würde später folgen), -bezahlten sie sämtliche Rechnungen und waren auf dem Heimwege, als sie -um die Markthallen biegend vom Vater Gouy angehalten wurden.</p> - -<p>Er war auf dem Wege zu ihnen, um ihnen ein Unglück anzuzeigen. In -der vergangenen Nacht hatte der Wind zwanzig Apfelbäume in den Höfen -umgeworfen, die Branntweinbrennerei niedergelegt, das Dach der Scheune -fortgerissen. Sie verbrachten den Rest des Nachmittags damit, den -Schaden festzustellen, und der folgende Tag verging mit Verhandlungen -mit dem Zimmermann, dem Maurer und dem Dachdecker. Die Ausbesserungen -würden sich zum mindesten auf achtzehnhundert Franken belaufen.</p> - -<p>Abends fand sich dann Gouy ein. Marianne habe ihm eben selbst von dem -Verkaufe der Ecalles erzählt. Ein Stück Land von prächtigem Ertrag, das -ihm sehr bequem gelegen sei und fast keine Bearbeitung erfordere, das -beste Stück des ganzen Gutes! — und er verlangte einen Nachlaß.</p> - -<p>Die Herren beschieden ihn abschlägig. Man unterbreitete den Fall dem -Friedensrichter, und er entschied zugunsten des Pächters. Wenn man den -Acker auf zweitausend Franken schätzte, so brachte ihm der Verlust der -Ecalles einen jährlichen Schaden von siebzig, und vor Gericht würde er -sicher gewinnen.</p> - -<p>Ihr Besitz war geschmälert. Was tun? Und wie bald leben?</p> - -<p>Sie setzten sich beide voller Entmutigung zu Tisch. Marcel verstand -nichts von der Küche; dieses Mal war sein Diner noch schlechter als -sonst. Die Suppe glich Spülwasser, das Kaninchen schmeckte verdorben, -die grünen Bohnen waren<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> nicht gargekocht, die Teller schmutzig, und -beim Nachtisch platzte Bouvard los, indem er drohte, er wolle ihm das -Ganze an den Kopf werfen.</p> - -<p>„Seien wir Philosophen,“ sagte Pécuchet. „Etwas weniger Geld, die -Intrigen einer Frau, das Ungeschick eines Dienstboten, was bedeutet das -alles? Du steckst zu tief in der Materie!“</p> - -<p>„Aber wenn sie mich doch quält,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Ich, ich bestreite ihr Dasein!“ erwiderte Pécuchet.</p> - -<p>Er hatte letzthin eine Darstellung der Philosophie Berkeleys gelesen -und fügte hinzu:</p> - -<p>„Ich leugne die Ausdehnung, die Zeit, den Raum, sogar die Substanz! -Denn die wahre Substanz ist der Geist, der die Qualitäten perzipiert.“</p> - -<p>„Ausgezeichnet,“ sagte Bouvard. „Doch wenn man die Welt unterdrückt, so -werden die Beweise für das Dasein Gottes fehlen.“</p> - -<p>Pécuchet widersprach lebhaft und ausführlich, obgleich er an einem -Schnupfen litt, den das Jodkalium verursacht hatte, — und ständiges -Fieber steigerte seine Erregung. Bouvard, der sich seinetwegen -beunruhigte, ließ den Arzt rufen.</p> - -<p>Vaucorbeil verschrieb Orangensirup mit Jod und für später Sublimatbäder.</p> - -<p>„Wozu?“ erwiderte Pécuchet. „Den einen oder andern Tag wird die Form -vergehen. Die Essenz geht nicht unter!“</p> - -<p>„Ohne Zweifel,“ sagte der Arzt, „ist die Materie unzerstörbar! -Indessen...“</p> - -<p>„Aber nein! Aber nein! Das Unzerstörbare ist das Wesen. Dieser -Leib, der da vor mir steht, der Ihrige, Doktor, hindert mich, Ihre -Persönlichkeit zu kennen, ist sozusagen nur eine Verkleidung, oder -vielmehr eine Maske.“</p> - -<p>Vaucorbeil glaubte, Pécuchet sei verrückt geworden.</p> - -<p>„Guten Abend! Pflegen Sie Ihre Maske!“</p> - -<p>Pécuchet ließ nicht ab. Er verschaffte sich eine Einführung in die -Hegelsche Philosophie, wollte sie Bouvard auseinandersetzen.</p> - -<p>„Alles, was vernünftig ist, ist wirklich. Das einzig Wirkliche ist -die Idee. Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> des Weltalls, die -Vernunft des Menschen ist identisch mit derjenigen Gottes.“</p> - -<p>Bouvard stellte sich, als ob er verstehe.</p> - -<p>„Also ist das Absolute zugleich das Subjekt und das Objekt, die -Einheit, in der sich alle Unterschiede zusammenfinden. So werden die -Gegensätze überwunden. Der Schatten macht das Licht möglich, das -mit dem Warmen vermischte Kalte bringt die Temperatur hervor, der -Organismus erhält sich nur durch die Zerstörung des Organismus, überall -gibt es ein Prinzip, das trennt, ein Prinzip, das vereint.“</p> - -<p>Sie waren auf dem künstlichen Hügel, und der Geistliche ging am Zaune -vorbei, das Brevier in der Hand.</p> - -<p>Pécuchet bat ihn, einzutreten; er wollte in seiner Gegenwart den -Vortrag über Hegel zu Ende führen, um einmal zu sehen, was der Abbé -dazu sagen würde.</p> - -<p>Der Mann im Priesterrock setzte sich zu ihnen, und Pécuchet wandte sich -dem Christentum zu.</p> - -<p>„Keine Religion hat so fest die Wahrheit begründet, daß die Natur nur -ein Moment der Idee ist!“</p> - -<p>„Ein Moment der Idee!“ murmelte der Priester verdutzt.</p> - -<p>„Ja doch! Indem Gott eine sichtbare Einkleidung annahm, hat er seine -konsubstantielle Einheit mit ihr gezeigt.“</p> - -<p>„Mit der Natur? O! O!“</p> - -<p>„Durch sein Hinscheiden hat er die Wesenheit des Todes bezeugt; also -war der Tod in ihm, bildete, bildet einen Teil von Gott.“</p> - -<p>Der Geistliche runzelte die Stirn.</p> - -<p>„Keine Gotteslästerung! Nur zum Heile der Menschheit hat er die Leiden -erduldet.“</p> - -<p>„Irrtum! Man betrachtet den Tod im Individuum, wo er ohne Zweifel ein -Übel ist. Doch in bezug auf die Dinge ist das anders. Sie dürfen nicht -Geist und Materie trennen!“</p> - -<p>„Indessen, mein Herr, vor der Schöpfung...“</p> - -<p>„Es hat keine Schöpfung stattgefunden. Sie ist immer dagewesen. Sonst -wäre das ein neues Wesen, das zu dem göttlichen Gedanken hinzukommt, -was widersinnig wäre.“</p> - -<p>Der Priester erhob sich, Amtsgeschäfte riefen ihn.</p> - -<p>„Ich schmeichle mir, ihn hineingelegt zu haben!“ sagte Pécuchet. „Noch -ein paar Worte! Da die Existenz der Welt nur ein beständiger Durchgang -des Lebens zum Tode<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span> und des Todes zum Leben ist, so ist, weit -entfernt, daß alles sei, vielmehr nichts. Aber alles wird, begreifst -du?“</p> - -<p>„Ja! ich begreife, oder vielmehr nein!“</p> - -<p>Der Idealismus brachte Bouvard schließlich zur Verzweiflung.</p> - -<p>„Ich will nichts mehr davon hören; das berühmte cogito macht mich -rasend. Man nimmt die Ideen der Dinge für die Dinge selbst. Man setzt -auseinander, wovon man sehr wenig versteht, mit Hilfe von Worten, die -man überhaupt nicht versteht! Substanz, Ausdehnung, Kraft, Materie -und Seele. Lauter Abstraktionen, Phantastereien. Was Gott betrifft, -unmöglich zu wissen, wie er ist, ob er überhaupt ist! Ehemals war er -der Urheber des Windes, des Blitzes, der Revolutionen. Gegenwärtig -nimmt seine Macht ab. Übrigens sehe ich seinen Nutzen nicht ein.“</p> - -<p>„Und wo bleibt bei alledem die Moral?“</p> - -<p>„Ja, da ist nichts zu machen!“</p> - -<p>„Ihr fehlt die tatsächliche Grundlage,“ sagte sich Pécuchet im stillen.</p> - -<p>Und er versank in Schweigen, denn er war in eine Sackgasse geraten, -eine Folge der Prämissen, die er selbst aufgestellt hatte. Es war für -ihn wie eine Überraschung, wie ein vernichtender Stoß.</p> - -<p>Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie.</p> - -<p>Die Gewißheit, daß nichts existiert (so jammervoll sie auch ist), ist -darum nicht weniger eine Gewißheit. Wenige Menschen sind fähig, sie zu -ertragen. Diese geistige Überlegenheit erfüllte sie mit Stolz, und sie -hätten sie öffentlich bekunden mögen: eine Gelegenheit bot sich.</p> - -<p>Als sie eines Morgens Tabak holten, sahen sie eine Menschenansammlung -vor Langlois’ Tür. Man umringte die Post von Falaise, und man sprach -von Touache, einem Sträfling, der in der Gegend vagabundierte. -Der Wagenführer hatte ihn bei Croix-Verte zwischen zwei Gendarmen -getroffen, und die Einwohner von Chavignolles stießen einen Seufzer der -Erleichterung aus.</p> - -<p>Girbal und der Hauptmann blieben auf dem Platze; dann kam der -Friedensrichter, der neugierig war, etwas zu erfahren, und Herr -Marescot in Samtbarett und schafledernen Pantoffeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span></p> - -<p>Langlois lud sie ein, seinen Laden mit ihrer Gegenwart zu beehren. -Sie würden es dort gemütlicher haben, und trotz der Kunden und des -Geräusches der Klingel fuhren die Herren fort, die Schandtaten des -Touache zu besprechen.</p> - -<p>„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „er hatte schlechte Triebe, das erklärt -alles!“</p> - -<p>„Man bezwingt sie durch die Tugend,“ erwiderte der Notar.</p> - -<p>„Aber wenn man keine Tugend hat?“</p> - -<p>Und Bouvard bestritt mit Bestimmtheit die Willensfreiheit.</p> - -<p>„Indessen“, sagte der Hauptmann, „kann ich tun, was ich will! Es steht -mir zum Beispiel frei, mein Bein zu bewegen.“</p> - -<p>„Nein, mein Herr, denn Sie haben einen Beweggrund, es zu bewegen!“</p> - -<p>Der Hauptmann suchte eine Antwort, fand keine. Doch Girbal schoß diesen -Pfeil ab:</p> - -<p>„Ein Republikaner, der gegen die Freiheit spricht, das ist komisch!“</p> - -<p>„Das ist zum Lachen!“ sagte Langlois.</p> - -<p>Bouvard stellte ihm die Frage:</p> - -<p>„Weshalb geben Sie Ihr Vermögen nicht den Armen?“</p> - -<p>Der Krämer überflog unruhigen Blicks seinen ganzen Laden.</p> - -<p>„Ei ja! bin nicht so dumm! Ich behalte es für mich!“</p> - -<p>„Wenn Sie der heilige Vinzenz von Paul wären, würden Sie anders -handeln, da Sie dann seinen Charakter hätten. Sie gehorchen dem -Ihrigen. Also sind Sie nicht frei!“</p> - -<p>„Das ist Wortklauberei,“ antwortete die Versammlung im Chore.</p> - -<p>Bouvard ließ sich nicht stören, und auf die Wage auf dem Ladentisch -weisend:</p> - -<p>„Die bleibt regungslos, solange eine der Wagschalen leer ist. Ebenso -der Wille; und das Schwanken der Wage zwischen zwei Gewichten, die -gleich scheinen, gibt ein Bild der Arbeit unseres Geistes, wenn er über -die Beweggründe mit sich zu Rate geht, bis zu dem Augenblicke, wo der -stärkere den Sieg davonträgt, ihn bestimmt.“</p> - -<p>„Alles das,“ sagte Girbal, „beweist nichts für Touache und hindert -nicht, daß er ein recht lasterhafter Schurke ist.“</p> - -<p>Pécuchet nahm das Wort:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span></p> - -<p>„Die Laster sind Eigenheiten der Natur, wie die Überschwemmungen, die -Stürme.“</p> - -<p>Der Notar hielt ihn an, und sich bei jedem Wort auf den Zehenspitzen in -die Höhe hebend:</p> - -<p>„Ich finde Ihr System vollkommen unmoralisch. Es läßt allen -Zügellosigkeiten freien Lauf, entschuldigt die Verbrechen, wäscht die -Schuldigen rein.“</p> - -<p>„Ganz recht,“ sagte Bouvard. „Der Unglückliche, welcher seinen -Begierden folgt, ist ebenso in seinem Recht, wie der ehrbare Mann, der -der Vernunft Gehör gibt.“</p> - -<p>„Verteidigen Sie nicht die Ungeheuer!“</p> - -<p>„Warum Ungeheuer? Wenn ein Blinder, ein Idiot, ein Mörder geboren wird, -so scheint uns das gegen die Ordnung, als ob uns die Ordnung bekannt -wäre, als wenn die Natur zu einem Endzweck handelte!“</p> - -<p>„Dann leugnen Sie die Vorsehung?“</p> - -<p>„Ja, ich leugne sie!“</p> - -<p>„Sehen Sie vielmehr auf die Geschichte,“ rief Pécuchet. „Gedenken Sie -der Königsmörder, der Hinmetzelungen der Völker, der Zwistigkeiten in -den Familien, des Kummers der einzelnen.“</p> - -<p>„Und zu gleicher Zeit,“ fügte Bouvard hinzu — denn sie erhitzten sich -aneinander — „sorgt diese Vorsehung für die kleinen Vögel und läßt die -Scheren der Krebse wieder wachsen. Ja, wenn Sie unter Vorsehung ein -Gesetz verstehen, das alles ordnet, so will ich es gelten lassen, und -auch nur unter Vorbehalt!“</p> - -<p>„Indessen, mein Herr,“ sagte der Notar, „gibt es Prinzipien!“</p> - -<p>„Was schwatzen Sie da! Eine Wissenschaft ist nach Condillac um so -größer, als sie ihrer nicht bedarf! Sie resümieren nur die erworbenen -Erkenntnisse und verweisen uns auf solche Erkenntnisse, die gerade -bestreitbar sind.“</p> - -<p>„Haben Sie wie wir“, fuhr Pécuchet fort, „die Geheimnisse der -Metaphysik erforscht, durchwühlt?“</p> - -<p>„Allerdings nicht, meine Herren, allerdings nicht!“</p> - -<p>Und man ging auseinander.</p> - -<p>Doch Coulon zog sie beiseite und sagte ihnen in väterlichem Tone, daß -er sicherlich nicht fromm sei und sogar die Jesuiten verabscheue. -Indessen gehe er nicht so weit<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> wie sie! O nein! sicherlich nicht; — -und an der Ecke auf dem Platze kamen sie an dem Hauptmann vorbei, der -sich seine Pfeife wieder anzündete, wobei er brummte:</p> - -<p>„Ich tue doch, was ich will, in Teufels Namen!“</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet gaben auch bei andern Gelegenheiten ihre -scheußlichen Paradoxe zum besten. Sie zogen die Redlichkeit der -Menschen, die Keuschheit der Frauen, die Einsicht der Regierung, den -gesunden Verstand des Volkes in Zweifel, kurz, sie untergruben die -Grundlagen.</p> - -<p>Foureau geriet darüber in Erregung und bedrohte sie mit Gefängnis, wenn -sie derartige Reden fortsetzten.</p> - -<p>Ihre augenscheinliche Überlegenheit verletzte. Da sie unmoralische -Thesen verteidigten, mußten sie unmoralisch sein; Verleumdungen wurden -erfunden.</p> - -<p>Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste, -nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen.</p> - -<p>Unbedeutende Dinge betrübten sie: die Reklamen der Zeitungen, das -Profil eines Spießbürgers, eine dumme Bemerkung, die sie zufällig -gehört.</p> - -<p>Wenn sie daran dachten, was man in ihrem Dorfe redete, und sich -vorstellten, daß es bis zum andern Ende der Welt nur neue Coulons, neue -Marescots, neue Foureaus gäbe, fühlten sie gleichsam das ganze Gewicht -der Erde auf sich lasten.</p> - -<p>Sie gingen nicht mehr aus, sahen niemand mehr bei sich.</p> - -<p>Eines Nachmittags hörten sie in ihrem Hofe ein Zwiegespräch -zwischen Marcel und einem Herrn in breitkrämpigem Hut und schwarzer -Schutzbrille. Es war der Akademiker Larsoneur. Es konnte ihm nicht -entgehen, daß man einen Vorhang zurückzog, daß Türen geschlossen -wurden. Sein Besuch bedeutete einen Aussöhnungsversuch, und er ging -wütend davon, indem er den Diener beauftragte, er solle seinen Herren -sagen, sie seien ungezogene Menschen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet war es gleich. Die Welt verlor an Bedeutung für -sie; sie sahen sie wie durch einen Nebel, der aus ihrem Gehirn kam und -sich auf ihre Augen herabließ.</p> - -<p>Ist übrigens nicht alles eine Illusion, ein böser Traum? Vielleicht -halten sich, im ganzen genommen, Glück und<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> Unglück die Wage! — Doch -das Wohlergehen der Menschheit ist für den einzelnen kein Trost.</p> - -<p>„Was sind mir die andern!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Seine Verzweiflung betrübte Bouvard. Er hatte ihn dahin gebracht, und -der Verfall ihres Heims stachelte ihren Kummer mit täglichem Ärger neu -an.</p> - -<p>Um sich wieder Mut zu machen, redeten sie einander mit Vernunftgründen -zu, schrieben sich Arbeiten vor und verfielen bald wieder in größere -Untätigkeit, in tiefere Entmutigung.</p> - -<p>Am Ende der Mahlzeiten blieben sie, die Ellbogen auf den Tisch -gestützt, sitzen und seufzten mit betrübter Miene. Marcel riß die Augen -auf, dann kehrte er in die Küche zurück, wo er sich einsam vollfraß.</p> - -<p>In der Mitte des Sommers erhielten sie die Anzeige von der Verheiratung -Dumouchels mit der verwitweten Frau Olympe-Zulma Poulet.</p> - -<p>„Möge Gott ihn segnen!“</p> - -<p>Und sie gedachten der Zeit, da sie glücklich waren.</p> - -<p>Warum gingen sie nicht mehr hinter den Schnittern her? Wo waren die -Tage, an denen sie in die Höfe eintraten, überall nach Altertümern -suchend? Nichts vermochte jetzt mehr die so angenehmen Stunden -zurückzubringen, welche das Destillieren oder die Literatur ausgefüllt -hatten. Ein Abgrund trennte sie davon. Etwas Unwiderrufliches war -eingetreten.</p> - -<p>Sie wollten wie ehemals einen Spaziergang durch die Felder machen, -gingen sehr weit, verirrten sich. Der Himmel war voller Schäfchen, die -Glöckchen des Hafers schwankten im Winde, längs einer Wiese murmelte -ein Bach, als plötzlich ein pestilenzialischer Geruch sie anhielt, und -sie erblickten auf Kieseln zwischen Dornengestrüpp den Kadaver eines -Hundes.</p> - -<p>Seine vier Glieder waren vertrocknet. Der weitgeöffnete Rachen zeigte -unter bläulichen Lefzen elfenbeinweiße Fangzähne; die Stelle des -Bauches nahm ein Haufen von erdiger Farbe ein, der zu zittern schien, -so viel Ungeziefer krimmelte darauf. Es bewegte sich, vom Sonnenlichte -getroffen, unter den summenden Fliegen in diesem unerträglichen Geruch, -— einem scharfen und gleichsam verzehrenden Geruch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span></p> - -<p>Indessen faltete Bouvard die Stirn, und Tränen feuchteten seine Augen.</p> - -<p>Pécuchet sagte stoisch: „So werden wir eines Tages sein.“</p> - -<p>Der Gedanke an den Tod hatte sie gepackt. Auf dem Heimwege sprachen sie -davon.</p> - -<p>Letzten Endes ist er nicht vorhanden. Man entschwindet in den Tau, in -die Brise, in die Sterne. Man wird etwas vom Saft der Bäume, vom Glanz -der Edelsteine, vom Gefieder der Vögel. Man gibt an die Natur zurück, -was sie uns geliehen hat, und das Nichts, das wir vor uns haben, hat -nichts Schrecklicheres, als das Nichts, das hinter uns liegt.</p> - -<p>Sie versuchten, es sich unter der Form einer undurchdringlichen Nacht, -eines grundlosen Loches, einer dauernden Ohnmacht vorzustellen; alles -andere war diesem eintönigen, widersinnigen und hoffnungslosen Dasein -vorzuziehen.</p> - -<p>Dann ließen sie ihre ungestillten Sehnsüchte an sich vorüberziehen. -Bouvard hatte sich immer Pferde, Equipagen, edle Burgundergewächse und -schöne, willfährige Frauen in glänzender Wohnung gewünscht. Pécuchets -Ehrgeiz stand nach philosophischem Wissen. Nun kann das größte der -Probleme, dasjenige, das alle andern umschließt, innerhalb einer Minute -gelöst sein. Wann denn wird sie kommen? — „Man kann geradesogut gleich -ein Ende machen.“</p> - -<p>„Wie du willst,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Und sie prüften die Frage des Selbstmordes.</p> - -<p>Was ist Schlimmes dabei, eine Last abzuwerfen, die einen erdrückt? und -eine Handlung zu begehen, die niemand Schaden bringt? Wenn sie Gott -beleidigte, würden wir dann die Macht dazu haben? Sie ist keineswegs -Feigheit, was man auch sage, — und die Vermessenheit, das, was die -Menschen am höchsten schätzen, sogar zum eigenen Nachteil zu verhöhnen, -ist schön.</p> - -<p>Sie beratschlagten über die Todesart.</p> - -<p>Vergiftungen sind mit Schmerzen verbunden. Es gehört viel Mut dazu, -sich die Kehle abzuschneiden. Die Erstickungsversuche führen oft nicht -zum Ziel.</p> - -<p>Schließlich trug Pécuchet zwei Taue von ihren gymnastischen Übungen -auf den Boden. Nachdem er sie dann an denselben Querbalken des Daches -geknüpft, ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> einen Henkersknoten herabhängen und schob zwei -Stühle darunter, damit man die Stricke erreichen konnte.</p> - -<p>Man entschloß sich zu dieser Todesart.</p> - -<p>Sie fragten sich, welch einen Eindruck das im Orte machen würde, wo -dann ihre Bücher, ihr Geschreibsel, ihre Sammlungen bleiben würden. Der -Gedanke an den Tod bewirkte bei ihnen eine Rührung, die ihrer eigenen -Person galt. Jedoch gaben sie ihren Vorsatz nicht auf, und dadurch, daß -sie davon sprachen, gewöhnten sie sich an den Gedanken.</p> - -<p>Am Abend des 24. Dezember, zwischen zehn und elf Uhr, gaben sie sich im -Museum, jeder in verschiedener Kleidung, ihren Gedanken hin. Bouvard -hatte über seine Trikotweste eine Bluse gezogen; und Pécuchet trug seit -drei Monaten aus Sparsamkeit beständig das Mönchsgewand.</p> - -<p>Da sie heftigen Hunger hatten (denn Marcel, der mit Tagesanbruch -fortgegangen war, war nicht zurückgekehrt), hielt es Bouvard aus -Gesundheitsrücksichten für angebracht, ein Fläschchen Branntwein zu -leeren, und Pécuchet, Tee zu nehmen.</p> - -<p>Als er den Teekessel emporhob, verspritzte er Wasser auf das Parkett.</p> - -<p>„Wie ungeschickt!“ rief Bouvard.</p> - -<p>Dann wollte er, da er den Aufguß zu schwach fand, ihn noch durch zwei -Löffel verstärken.</p> - -<p>„Das wird ungenießbar werden,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Durchaus nicht!“</p> - -<p>Und da jeder die Dose zu sich zog, fiel das Präsentierbrett zur -Erde; eine der Tassen war zerbrochen, die letzte des schönen -Porzellanservices.</p> - -<p>Bouvard erblich. — „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“</p> - -<p>„In der Tat, ein großes Unglück!“</p> - -<p>„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“</p> - -<p>„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu.</p> - -<p>„Ah! Du willst mich beleidigen!“</p> - -<p>„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“</p> - -<p>Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard -ebenfalls. Sie schrien beide zu<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> gleicher Zeit, der eine wütend vor -Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte -nur noch ein Röcheln hervor.</p> - -<p>„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“</p> - -<p>Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu.</p> - -<p>Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter -ihm her, kam auf den Speicher.</p> - -<p>Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der -Stühle, den Strick in der Hand.</p> - -<p>Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt.</p> - -<p>„Warte auf mich!“</p> - -<p>Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend:</p> - -<p>„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“</p> - -<p>„Ei ja! das ist richtig!“</p> - -<p>Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen.</p> - -<p>Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz -wie Tinte war.</p> - -<p>Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den -Nebeln des Horizontes.</p> - -<p>Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten -sich und liefen alle auf die Kirche zu.</p> - -<p>Neugierde trieb sie dorthin.</p> - -<p>Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den -Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel -ab.</p> - -<p>Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der -ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden -buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des -Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über -die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der -Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner -hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche -die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren -Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> -Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem -Leibe, die Ohren aufgerichtet.</p> - -<p>Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre -Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie -Wogen, die sich glätten.</p> - -<p>Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des -Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren -Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit -blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude -versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des -Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte -Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit -seines Herzens.</p> - -<p>Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines -Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.</p> - -<p>Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen -empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt -zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und -Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in -ihrer Seele.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="IX">IX</h2> - -</div> - -<p>Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem -Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach -Branntwein riechend und in unsauberem Zustande.</p> - -<p>Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in -der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten; -— er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte -um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren -verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur -Nachsicht.</p> - -<p>Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten -umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben.</p> - -<p>War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte?<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> Bouvard war -weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während -sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der -sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen.</p> - -<p>Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen -Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter, -die ihm zuhörte, — oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln, -die Netze zogen, — dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens, -während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, — -schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf -die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die -Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der -Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet, -gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine -Forderung als nur die der Reinheit des Herzens.</p> - -<p>Über die Wunder erstaunte ihre Vernunft nicht, seit ihrer Kindheit -waren sie ihnen vertraut. Die Tiefe des heiligen Johannes entzückte -Pécuchet und machte ihn fähig, die „Nachfolge Jesu-Christi“ besser zu -verstehen.</p> - -<p>In diesem Buche gibt es keine Vergleiche, keine Blumen, keine Vögel; -sondern Klagen, ein Zurückziehen der Seele in sich selbst. Bouvard -wurde traurig, während er in diesen Seiten blätterte, die bei -nebeldüsterem Wetter tief in einem Kloster zwischen einem Glockenturm -und einem Grabe geschrieben zu sein schienen. Unser irdisches Leben -erscheint darin so jammervoll, daß man, seiner vergessend, sich Gott -zuwenden muß; — und die beiden Biedermänner empfanden nach all ihren -Enttäuschungen das Bedürfnis, einfach zu sein, irgend etwas zu lieben, -ihren Geist auszuruhen.</p> - -<p>Sie machten sich an das Buch Jesus Sirach, an Jesaias und Jeremias.</p> - -<p>Doch die Bibel mit ihren löwenstimmigen Propheten, den Donnerlauten -in den Wolken, all dem Schluchzen der Hölle, und mit ihrem Gott, der -Reiche zerstreut wie der Wind die Wolken, flößte ihnen Furcht ein.</p> - -<p>Sie lasen des Sonntags um die Stunde des Nachmittagsgottesdienstes, -wenn die Glocke läutete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span></p> - -<p>Eines Tages gingen sie zur Messe und besuchten sie dann häufiger. Es -war eine Zerstreuung am Ende der Woche. Der Graf und die Gräfin von -Faverges grüßten sie von weitem, was bemerkt wurde. Der Friedensrichter -sagte zu ihnen, mit den Augen blinzelnd: „Ausgezeichnet! Ich kann -Sie dazu nur beglückwünschen!“ Alle Bürgerfrauen sandten ihnen jetzt -geweihtes Brot.</p> - -<p>Der Abbé Jeufroy machte ihnen einen Besuch; sie erwiderten ihn; man -verkehrte miteinander, und der Priester vermied es, von Religion zu -sprechen.</p> - -<p>Seine Zurückhaltung setzte sie in Erstaunen, so daß Pécuchet ihn mit -gleichgültiger Miene fragte, wie man es machen müsse, um gläubig zu -werden.</p> - -<p>„Befolgen Sie zunächst die Vorschriften der Kirche.“</p> - -<p>Und sie machten sich daran, die Vorschriften der Kirche zu befolgen, -der eine hoffnungerfüllt, der andere aus Trotz, denn Bouvard war -überzeugt, daß er niemals gläubig werden würde. Einen Monat lang wohnte -er regelmäßig dem Gottesdienste bei, wollte sich jedoch im Gegensatz zu -Pécuchet nicht dem Fasten anbequemen.</p> - -<p>War es eine hygienische Maßregel? Man weiß, was die Hygiene wert ist. -Eine Sache der Konvenienz? Nieder mit der Konvenienz! Ein Zeichen der -Unterwerfung unter die Kirche? Auch darauf pfiff er! Kurz, er erklärte -diese Maßregel für verrückt, pharisäisch und dem Geiste des Evangeliums -widersprechend.</p> - -<p>Am Karfreitag der vorhergehenden Jahre hatten sie gegessen, was -Germaine ihnen auftrug.</p> - -<p>Doch dieses Mal hatte Bouvard sich ein Beefsteak bestellt. Er setzte -sich an den Tisch, zerschnitt das Fleisch; — und Marcel betrachtete -ihn entrüstet, während Pécuchet mit ernster Miene seinen Stockfisch -abhäutete.</p> - -<p>Bouvard hielt eine Zeitlang die Gabel in der einen, das Messer in der -andern Hand. Dann entschloß er sich, einen Bissen an die Lippen zu -bringen. Plötzlich begannen seine Hände zu zittern, sein dickes Gesicht -erblaßte, sein Kopf fiel nach hinten.</p> - -<p>„Ist dir schlecht?“</p> - -<p>„Nein! Doch!“ — und er machte ein Geständnis. Infolge seiner Erziehung -(es war das stärker als er), konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> er an diesem Tage kein Fleisch -essen, weil er fürchtete, davon zu sterben.</p> - -<p>Ohne seinen Sieg zu mißbrauchen, machte Pécuchet ihn sich zunutze, um -auf seine Weise zu leben.</p> - -<p>Eines Tages kam er heim, auf dem Gesichte den Ausdruck einer wirklichen -Freude, und, das Wort wagend, sagte er, daß er soeben gebeichtet habe.</p> - -<p>Da sprachen sie über die Bedeutung der Beichte.</p> - -<p>Bouvard ließ die Beichte der ersten Christen, die öffentlich war, -gelten: heute wird sie einem zu leicht gemacht. Indessen leugnete er -nicht, daß dieses Befragen unserer selbst ein Element des Fortschritts -sei, daß es eine moralische Gärung hervorrufe.</p> - -<p>Pécuchet, der nach Vollendung strebte, suchte nach seinen Lastern; die -Hochmutsanwandlungen waren seit langem verschwunden. Sein Sinn für -Arbeit bewahrte ihn vor Faulheit; was die Gefräßigkeit betraf, so war -niemand mäßiger. Zuweilen ließ er sich vom Zorne fortreißen.</p> - -<p>Er schwor bei sich, das abzulegen.</p> - -<p>Dann mußte man Tugenden erwerben; in erster Linie die Demut, — das -heißt, sich jedes Verdienstes für unfähig, der geringsten Belohnung für -unwürdig halten, seinen Geist opfern und sich so erniedrigen, daß man -wie der Schmutz der Straße mit Füßen getreten wird. Er war noch weit -entfernt von dieser Verfassung.</p> - -<p>Er ermangelte einer anderen Tugend: der Keuschheit. — Denn innerlich -bedauerte er, daß Mélie nicht mehr da war, und das Pastellbild der Dame -in Louis XV.-Tracht störte ihn durch das Dekolleté.</p> - -<p>Er schloß es in einen Schrank, und seine Schamhaftigkeit wurde so groß, -daß er sogar fürchtete, seine eigene Blöße zu sehen, und er legte sich -in seiner Unterhose schlafen.</p> - -<p>So viel Vorsichtsmaßregeln gegen die Wollust entwickelten sie. -Besonders des Morgens hatte er heftige Kämpfe zu bestehen, wie deren -der heilige Paulus, der heilige Benedikt und der heilige Hieronymus in -sehr vorgeschrittenem Alter hatten; dann hatten sie sich sogleich an -wütende Bußübungen gemacht. Der Schmerz ist eine Sühne, ein Heilmittel -und ein Weg, eine Ehrerbietung vor Jesus Chri<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span>stus. Jede Liebe fordert -Opfer, und welches wäre schwerer als das unseres Leibes.</p> - -<p>Um sich zu kasteien, verzichtete Pécuchet auf den Likör nach den -Mahlzeiten, beschränkte sich auf vier Prisen täglich und setzte bei -großer Kälte keine Mütze auf.</p> - -<p>Eines Tages stellte Bouvard, als er den Wein anband, eine Leiter gegen -die Mauer der Terrasse am Hause, — und zufällig fiel sein Blick in -Pécuchets Zimmer.</p> - -<p>Sein Freund, bis zum Gürtel nackt, versetzte sich mit der Klopfpeitsche -sanfte Schläge auf die Schultern, zog dann in steigender Erregung seine -Hose aus, peitschte seine Hinterbacken und fiel atemlos auf einen Stuhl.</p> - -<p>Bouvard war verwirrt, wie bei der Entdeckung eines Geheimnisses, das -verborgen bleiben muß.</p> - -<p>Seit einiger Zeit sahen ihm die Scheiben reinlicher aus, hatten die -Servietten weniger Löcher, war das Essen besser; — Veränderungen, die -man dem Eingreifen der Reine, der Magd des Herrn Pfarrers, verdankte.</p> - -<p>Sie verband das Kirchliche mit den Küchenangelegenheiten, war kräftig -wie ein Ackerknecht und opferfreudig, wenn auch unehrerbietig. Sie -verschaffte sich Eingang in die Haushaltungen, gab Ratschläge, wurde -dort zur Herrscherin. Pécuchet setzte volles Vertrauen in ihre -Erfahrung.</p> - -<p>Einmal führte sie ihm einen feisten Menschen mit kleinen, geschlitzten -Augen und einer Hakennase zu. Es war Herr Gouttman, Händler in -Devotionalien — und er packte ihrer einige, die in Schachteln -verschlossen waren, unter dem Schuppen aus: Kreuze, Münzen und -Rosenkränze von allen Größen, Leuchter für Kapellen, tragbare Altäre, -Sträuße aus Flittergold und Darstellungen des Herzen Jesu auf blauer -Pappe, heilige Josephs mit rotem Bart, Kalvarienberge aus Porzellan. -Pécuchet hätte sie gern gehabt. Der Preis allein hielt ihn zurück.</p> - -<p>Gouttman verlangte kein Geld. Er zog Tauschgeschäfte vor, und nachdem -sie ins Museum emporgestiegen, bot er für das alte Eisen und das ganze -Blei einen Vorrat seiner Waren an.</p> - -<p>Sie schienen Bouvard scheußlich. Doch Pécuchets Blick, Reines dringende -Bitten und der Wortschwall des Trödlers überzeugten ihn schließlich. -Als Gouttman ihn so nach<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span>giebig sah, wollte er noch die Hellebarde dazu -haben; Bouvard, müde, ihre Handhabung zu zeigen, gab sie hin. Nachdem -alles abgeschätzt worden war, schuldeten die Herren noch hundert -Franken. Man einigte sich auf vier Dreimonatswechsel, — und sie -wünschten sich Glück zu dem vorteilhaften Geschäft.</p> - -<p>Ihre Erwerbungen wurden auf sämtliche Zimmer verteilt. Eine mit Heu -gefüllte Krippe und eine Kirche aus Kork zierten das Museum.</p> - -<p>Auf Pécuchets Kamin stand ein Johannes der Täufer aus Wachs; auf dem -Flur reihten sich die Bilder der bischöflichen Berühmtheiten, und unten -im Treppenhause sah man unter einer Kettenlampe eine heilige Jungfrau -in azurfarbenem Mantel mit einer Sternenkrone. Marcel reinigte diese -Herrlichkeiten und dachte, es könne im Paradiese nichts Schöneres geben.</p> - -<p>Wie schade, daß der Sankt Peter zerbrochen war, wie schön würde er sich -in der Vorhalle ausgenommen haben! Pécuchet blieb zuweilen vor der -ehemaligen Kompostgrube stehen, in der man die Tiara, eine Sandale und -den Zipfel eines Ohres erkennen konnte; gab Seufzer von sich und setzte -dann die Gartenarbeit fort; denn jetzt verband er körperliche Arbeiten -mit religiösen Übungen, grub, mit dem Mönchsgewand bekleidet, die Erde -um, während er sich mit dem heiligen Bruno verglich. Diese Verkleidung -mochte eine Lästerung sein; er legte sie ab.</p> - -<p>Doch er nahm, ohne Zweifel durch den häufigen Verkehr mit dem Pfarrer, -geistliche Manieren an. Er hatte dasselbe Lächeln, dieselbe Stimme, -und er steckte mit frostiger Miene seine beiden Hände bis zu den -Handgelenken in die Ärmel. Es kam der Tag, wo das Krähen des Hahnes ihm -unangenehm wurde, wo die Rosen ihn anekelten; er ging nicht mehr aus -und hatte grimmige Blicke für die Natur.</p> - -<p>Bouvard ließ sich in die Marienandachten führen. Die Kinder, die Hymnen -sangen, die Fliedersträuße, die Girlanden aus Grün ließen ihm wie das -Gefühl einer unvergänglichen Jugend. Gott offenbarte sich seinem Herzen -durch die Form der Nester, die Klarheit der Quellen, die Wohltat der -Sonne, und die Frömmigkeit seines Freundes schien ihm überspannt, -langweilig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span></p> - -<p>„Warum seufzest du bei den Mahlzeiten?“</p> - -<p>„Wir sollen mit Seufzen essen,“ antwortete Pécuchet, „denn auf diese -Weise hat der Mensch seine Unschuld verloren,“ ein Satz, den er im -„Handbuch des Seminaristen“, zwei Duodezbänden, die ihm Herr Jeufroy -geliehen, gelesen hatte, und er trank Saletter Wasser, gab sich hinter -verschlossenen Türen Stoßgebeten hin, hoffte in die Brüderschaft des -heiligen Franziskus einzutreten.</p> - -<p>Um die Gabe der Standhaftigkeit zu erlangen, beschloß er, eine -Wallfahrt zur heiligen Jungfrau zu machen.</p> - -<p>Die Wahl des Ortes bereitete ihm Verlegenheit. Sollte er zur Mutter -Gottes von Fourvières, von Chartres, von Embrun, von Marseille oder von -Auray gehen? Die zu la Délivrande, die näher war, tat dieselben Dienste.</p> - -<p>„Du wirst mich begleiten!“</p> - -<p>„Da wäre ich ein rechter Einfaltspinsel!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Er konnte schließlich noch gläubig zurückkehren, wies das nicht zurück -und gab aus Gefälligkeit nach.</p> - -<p>Die Wallfahrten müssen zu Fuß gemacht werden. Doch dreiundvierzig -Kilometer würden hart sein; und da die Postkutschen der andächtigen -Betrachtung nicht günstig sind, nahmen sie einen Einspänner, der sie -nach einer Fahrt von zwölf Stunden vor dem Wirtshaus absetzte.</p> - -<p>Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten, zwei Kommoden, die zwei in -kleinen, ovalen Waschbecken stehende Wasserkannen trugen, und der -Wirt belehrte sie, daß dies das „Zimmer der Kapuziner“ unter der -Schreckensherrschaft gewesen sei. Man hatte darin die Jungfrau von la -Délivrande mit so viel Vorsicht verborgen, daß die guten Patres darin -heimlich die Messe lasen.</p> - -<p>Das machte Pécuchet Vergnügen, und er las laut einen Bericht über die -Kapelle, den er unten in der Küche gefunden hatte.</p> - -<p>Sie ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts von dem heiligen Regnobert, -dem ersten Bischof von Lisieux, oder von dem heiligen Ragnebert, der im -siebenten Jahrhundert lebte, oder von Robert dem Prachtliebenden in der -Mitte des elften gegründet worden.</p> - -<p>Die Dänen, die Normannen und besonders die Protestanten<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> haben sie zu -verschiedenen Zeiten gebrandschatzt und verwüstet.</p> - -<p>Gegen 1112 wurde die ursprüngliche Statue durch einen Hammel entdeckt, -der mit dem Fuße aufstampfte und dadurch auf einem Anger den Ort angab, -wo sie lag, und an dieser Stelle errichtete der Graf Balduin ein -Heiligtum.</p> - -<p>Ihre Wunder sind ohne Zahl. Ein Kaufmann aus Bayeux, der in -sarazenischer Gefangenschaft war, rief sie an: seine Ketten fallen -und er entschlüpft. Ein Geizhals entdeckt in seinem Speicher eine -Herde Ratten, ruft die Jungfrau zu Hilfe, und die Ratten entfernen -sich. Ein alter Materialist in Versailles bereute seine Sünden auf -dem Totenbette, nachdem er mit einer Medaille in Berührung gekommen -war, die eine Nachbildung der Statue gestreift hatte. — Sie gab dem -Herrn Adeline die Sprache wieder, die er infolge von Gotteslästerungen -verloren hatte; und unter ihrem Schutz hatten Herr und Frau von -Becqueville die Kraft, im Ehestande keusch zu leben.</p> - -<p>Unter denjenigen, die sie von unheilbaren Krankheiten befreit hat, -nennt man Fräulein von Palfresne, Anne Lirieux, Marie Duchemin, -François Dufai und Frau von Jumillac, geborene von Osseville.</p> - -<p>Bedeutende Persönlichkeiten haben sie aufgesucht: Ludwig XI., Ludwig -XIII., zwei Töchter Gastons von Orleans, der Kardinal Wiseman, -Samirrhi, der Patriarch von Antiochien; der Bischof Véroles, der -apostolische Vikar der Mandschurei; und der Erzbischof von Quélen kam, -ihr für die Bekehrung des Fürsten von Talleyrand Dank zu sagen.</p> - -<p>„Sie könnte dich auch bekehren!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Bouvard, der schon im Bette lag, gab eine Art Grunzen von sich und -schlief vollends ein.</p> - -<p>Am nächsten Morgen um sechs Uhr gingen sie in die Kapelle.</p> - -<p>Man war beim Neubau einer zweiten; Leinwand und Bretterverschläge -sperrten das Schiff ab, und das im Rokokostil gehaltene Bauwerk mißfiel -Bouvard, besonders der Altar aus rotem Marmor mit seinen korinthischen -Pilastern.</p> - -<p>Die Wunder wirkende Statue stand in einer Nische links im Chor, mit -einem Flittergewande umhüllt; der Küster kam, er hatte für jeden -von ihnen eine Kerze. Er steckte<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span> sie auf eine Art Egge, die über -der Balustrade angebracht war, verlangte drei Franken, machte eine -Verbeugung und verschwand.</p> - -<p>Dann betrachteten sie die Weihgeschenke.</p> - -<p>Inschriften auf Tafeln bezeugten die Dankbarkeit der Gläubigen. Man -bewundert zwei kreuzweise übereinandergelegte Degen, die ein ehemaliger -Schüler der Polytechnischen Hochschule geschenkt hat, Brautbuketts, -Kriegsmedaillen, silberne Herzen und in einem Winkel am Boden einen -Wald von Krücken.</p> - -<p>Aus der Sakristei trat ein Priester, der das Gefäß mit der heiligen -Hostie trug.</p> - -<p>Nachdem er einige Minuten unten vor dem Altar verweilt hatte, stieg er -die drei Stufen empor, sprach das Oremus, den Introitus und das Kyrie, -das der Chorknabe kniend in einem Atem hersagte.</p> - -<p>Der Teilnehmer waren wenige, zwölf bis fünfzehn alte Weiber. Man hörte -das Klappern ihrer Rosenkränze und das Geräusch eines Hammers, der -gegen die Steine klopfte. Pécuchet, der sich über seinen Betstuhl -neigte, antwortete auf die Amen. Während der Verwandlung flehte er zur -Mutter Gottes, sie möge ihm beständigen und unwandelbaren Glauben geben.</p> - -<p>Bouvard, der in einem Stuhle neben ihm saß, nahm Pécuchets Gebetbuch -und verweilte bei der Litanei der Jungfrau.</p> - -<p>„Du Allerreinste, Du Allerkeuscheste, Ehrwürdige, Liebenswerte, -Mächtige, Gütige, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Tor des Morgens.“</p> - -<p>Die Worte der Anbetung, diese Überschwenglichkeiten erhoben ihn zu ihr, -die durch so viel Ehrerbietung gefeiert wird.</p> - -<p>Er träumte sie, wie man sie auf den Kirchengemälden darstellt, auf -einer Anhäufung von Wolken, Engel zu ihren Füßen, den Gottessohn an der -Brust, — Mutter der zärtlichen Liebe, die in aller Trübsal auf Erden -angerufen wird, — Ideal der in den Himmel versetzten Frau; denn aus -ihrem Schoße hervorgegangen, steigert der Mensch seine Liebe zu ihr zur -Schwärmerei und sehnt sich nur noch, an ihrem Herzen zu ruhen.</p> - -<p>Als die Messe zu Ende war, gingen sie an den Läden ent<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span>lang, die sich -auf dem Platze an die Kirchenmauer lehnen. Man sieht dort Bilder, -Weihwasserkessel, goldgeränderte Urnen, Christusbilder aus Kokosnuß, -elfenbeinerne Rosenkränze; und das Sonnenlicht, das auf das Glas der -Einrahmungen fiel, blendete ihre Augen, ließ die ganze Roheit der -Malerei, die Häßlichkeit der Zeichnungen hervortreten. Bouvard, der -diese Dinge zu Hause scheußlich fand, zeigte hier Nachsicht für sie. -Er kaufte eine kleine Jungfrau aus blauem Porzellan. Pécuchet begnügte -sich mit einem Rosenkranz, den er zur Erinnerung mitnahm.</p> - -<p>Die Verkäufer schrien:</p> - -<p>„Herbei! Herbei! Für fünf Franken, für drei Franken, für sechzig -Centimes, für zwei Sous, weist unsere Muttergottes nicht ab.“</p> - -<p>Die beiden Pilger schlenderten umher, ohne etwas zu wählen. Unhöfliche -Bemerkungen wurden laut.</p> - -<p>„Was wollen sie, diese Kerle!“</p> - -<p>„Es sind vielleicht Türken!“</p> - -<p>„Eher Protestanten!“</p> - -<p>Eine große Frau zupfte Pécuchet am Rocke; ein Alter mit einer Brille -legte ihm die Hand auf die Schulter; alle kreischten zugleich; -dann verließen sie ihre Buden, stellten sich um sie herum, wurden -zudringlicher mit ihren Bitten und heftiger mit ihren Beleidigungen.</p> - -<p>Bouvard hielt es nicht mehr aus.</p> - -<p>„Laßt uns in Ruhe, zum Teufel!“</p> - -<p>Der Schwarm zerstreute sich.</p> - -<p>Doch eine dicke Frau folgte ihnen eine Zeitlang auf dem Platze und -schrie, daß es sie gereuen würde.</p> - -<p>Als sie ins Wirtshaus zurückkamen, fanden sie im Café Gouttman. Sein -Geschäft rief ihn in diese Gegenden, und er plauderte mit einem -Menschen, der auf dem Tische vor ihnen liegende Geschäftspapiere -durchsah.</p> - -<p>Dieser Mensch trug eine Ledermütze und eine sehr weite Hose; seine -Gesichtsfarbe war rot und seine Gestalt schlank trotz seiner grauen -Haare; er hatte etwas von einem pensionierten Offizier und einem -Schauspieler zugleich.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit fluchte er; doch beruhigte er sich sogleich auf ein -leiser gesprochenes Wort Gouttmans und nahm dann ein anderes Papier -vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span></p> - -<p>Bouvard, der ihn beobachtete, näherte sich ihm nach Verlauf einer -Viertelstunde.</p> - -<p>„Barberou, nicht wahr?“</p> - -<p>„Bouvard!“ rief der Mann in der Mütze. Und sie umarmten sich.</p> - -<p>Barberou hatte in den letzten zwanzig Jahren alle möglichen -Vermögenslagen durchgemacht.</p> - -<p>Herausgeber einer Zeitung, Versicherungsbeamter, Direktor eines -Austernparks. „Ich werde Ihnen das erzählen,“ — schließlich sei er zu -seinem ersten Berufe zurückgekehrt und reise für ein Haus in Bordeaux, -und Gouttman, der die Diözese „bearbeitete“, brachte für ihn Wein bei -den Geistlichen unter, — „doch erlauben Sie, in einer Minute gehöre -ich Ihnen!“</p> - -<p>Er hatte seine Rechnungsauszüge wieder vorgenommen und sprang plötzlich -von der Bank auf: „Wie, zwei Tausend?“</p> - -<p>„Ganz gewiß!“</p> - -<p>„Nein, das ist zu stark!“</p> - -<p>„Sie meinen?“</p> - -<p>„Ich meine, daß ich selbst bei Hérambert gewesen bin,“ erwiderte -Barberou wütend. „Die Rechnung lautet über vier Tausend; schwindeln Sie -mir doch nichts vor!“</p> - -<p>Der Trödler kam nicht aus der Fassung. „Na, sie entlastet Sie! Was -wollen sie mehr?“</p> - -<p>Barberou erhob sich; sein Gesicht war zuerst blaß, dann wurde es -violett, und Bouvard und Pécuchet glaubten, er wolle Gouttman -erdrosseln.</p> - -<p>Er setzte sich wieder, legte die Arme übereinander. „Sie sind ein ganz -gemeiner Schurke, das ist sicher!“</p> - -<p>„Keine Beleidigungen, Herr Barberou; da sind Zeugen; seien Sie -vorsichtig!“</p> - -<p>„Ich werde Sie verklagen!“</p> - -<p>„Ach, Unsinn!“ Nachdem Gouttman dann seine Brieftasche zugeschnallt -hatte, lüpfte er seinen Hut: „Auf Wiedersehen!“ Und er ging hinaus.</p> - -<p>Barberou erklärte den Tatbestand: für eine Forderung Gouttmans -von tausend Franken, die sich infolge wucherischer Machenschaften -verdoppelt hatte, habe er diesem für dreitausend Franken Wein -geliefert. Damit sollten ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span> nach Deckung seiner Schuld noch tausend -Franken Überschuß verbleiben; statt dessen schuldete er dreitausend. -Seine Chefs würden ihn entlassen, man würde ihn verklagen, „Lump! -Räuber! dreckiger Jude! und der Kerl ißt in den Pfarrhäusern zu -Mittag! Übrigens, alles was mit den Pfaffen in Berührung kommt...!“ Er -schimpfte auf die Priester und schlug so heftig auf den Tisch, daß die -Statuette beinahe umgefallen wäre.</p> - -<p>„Sachte!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Sieh da, was ist das?“ Und nachdem er die kleine Jungfrau von ihrer -Hülle befreit hatte: „Ein Kinkerlitzchen vom Wallfahrtsmarkt! Gehört -das Ihnen?“</p> - -<p>Anstatt zu antworten, lächelte Bouvard in zweideutiger Weise.</p> - -<p>„Es gehört mir!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Sie betrüben mich,“ erwiderte Barberou, „doch darüber sollen Sie das -Nötige von mir erfahren, seien Sie unbesorgt!“ Und da man Philosoph -sein soll und die Traurigkeit zu nichts nützt, lud er sie zum Frühstück -ein.</p> - -<p>Die drei setzten sich zum Essen nieder.</p> - -<p>Barberou war liebenswürdig, gedachte der alten Zeit, faßte das -bedienende Mädchen um die Taille, wollte Bouvards Bauch messen. Er -wolle sie bald besuchen und ihnen ein spaßiges Buch mitbringen.</p> - -<p>Der Gedanke an seinen Besuch machte ihnen mittelmäßige Freude. Sie -plauderten eine Stunde lang darüber im Wagen beim Trab der Pferde. Dann -schloß Pécuchet die Augen. Auch Bouvard schwieg. Innerlich neigte er -der Religion zu.</p> - -<p>Herr Marescot war am Abend vorher dagewesen, um ihnen eine wichtige -Mitteilung zu machen. — Weiter konnte Marcel nichts sagen.</p> - -<p>Der Notar konnte sie erst drei Tage später bei sich sehen; — und -sogleich legte er die Angelegenheit dar. Frau Bordin schlug Herrn -Bouvard vor, ihm den Gutshof für eine Rente von siebentausend -fünfhundert Franken abzukaufen.</p> - -<p>Seit ihrer Jugend betrachtete sie ihn mit gierigen Augen, kannte die -angrenzenden Grundstücke, seine Nachteile und Vorzüge; und dieser -Wunsch war wie ein Krebs, der sie verzehrte. Denn die gute Frau liebte -als wahre Normännin<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> das „Gut“ über alles, weniger wegen der Sicherheit -der Kapitalsanlage als um des Glückes willen, den ihr gehörigen Boden -unter den Füßen zu fühlen. In der Hoffnung auf diesen da hatte sie -Feststellungen gemacht, eine tägliche Überwachung ausgeführt, lange -Zeit gespart, und sie erwartete mit Ungeduld Bouvards Antwort.</p> - -<p>Er kam in Verlegenheit, denn er wollte nicht, daß Pécuchet eines Tages -mittellos sei; doch man mußte die Gelegenheit ergreifen, — die eine -Wirkung der Wallfahrt war. — Die Vorsehung zeigte sich ihnen zum -zweiten Male günstig.</p> - -<p>Sie machten ein Angebot unter folgenden Bedingungen: die Rente, die -nicht siebentausend fünfhundert, sondern sechstausend betragen sollte, -müsse auf den Überlebenden übergehen. Marescot wies darauf hin, daß der -eine von schwacher Gesundheit sei. Die Anlagen des andern machten ihn -für Schlagfluß empfänglich, und Frau Bordin, von ihrer Leidenschaft -hingerissen, unterzeichnete den Kontrakt.</p> - -<p>Bouvard wurde melancholisch davon. Jemand wünschte seinen Tod, und -diese Überlegung gab ihm ernste Gedanken, Gedanken von Gott und -Ewigkeit.</p> - -<p>Drei Tage darauf lud sie Herr Jeufroy zu einem Festmahl ein, das er -jährlich einmal seinen Amtsbrüdern gab.</p> - -<p>Das Diner begann gegen zwei Uhr nachmittags, um gegen elf Uhr abends zu -endigen.</p> - -<p>Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten. Der Abbé Pruneau -verfaßte während des Mahles ein Akrostichon. Herr Bougon zeigte -Kartenkunststücke, und Cerpet, ein junger Vikar, sang eine kleine -Romanze mit galantem Einschlag. Solch ein Kreis zerstreute Bouvard. Er -war am folgenden Tage weniger düster.</p> - -<p>Der Pfarrer besuchte ihn häufig. Er stellte die Religion in anmutigen -Farben dar. Was setzte man übrigens aufs Spiel? — und bald willigte -Bouvard ein, zum Tisch des Herrn zu kommen. Pécuchet wollte zugleich -mit ihm am Abendmahl teilnehmen.</p> - -<p>Der große Tag nahte.</p> - -<p>Die Kirche war wegen der Firmelung voll von Menschen. Die Bürger und -Bürgerinnen drängten sich in ihren Bänken,<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> und das geringe Volk stand -dahinter oder auf der Empore über der Tür.</p> - -<p>Was jetzt vor sich gehen sollte, war unbegreiflich, dachte Bouvard, -doch die Vernunft reicht nicht aus, gewisse Dinge zu verstehen. Sehr -große Männer haben dieses Wunder gläubig hingenommen. Geradesogut -konnte er es tun, und in einer Art Betäubung betrachtete er den Altar, -das Weihrauchfaß, die Leuchter, während der Kopf ihm etwas leer war, -denn er hatte nichts gegessen, und er empfand eine sonderbare Schwäche.</p> - -<p>Pécuchet geriet beim Nachsinnen über die Passion Jesu-Christi in -Liebesbegeisterung. Er hätte dem Herren seine Seele darbringen mögen, -die der andern, — und dazu die Verzückungen, die Visionen, die -Erleuchtungen der Heiligen, alle Wesen, das ganze Weltall. Obgleich er -mit Inbrunst betete, schienen ihm die verschiedenen Teile der Messe ein -wenig lang.</p> - -<p>Endlich knieten die kleinen Knaben auf der ersten Stufe des Altars -nieder, wobei ihre Anzüge einen schwarzen Streifen bildeten, den -blondes oder braunes Haar in ungleicher Linie überragte. Die kleinen -Mädchen ersetzten sie; Schleier wallten unter ihren Kränzen herab; von -weitem hätte man sie für weiße Wolken halten können, die sich in der -Tiefe des Chors aneinanderreihten.</p> - -<p>Dann kamen die großen Leute an die Reihe.</p> - -<p>Der erste auf der Evangelienseite des Altars war Pécuchet, doch, ohne -Zweifel aus zu großer Erregung, schwankte sein Kopf nach rechts und -nach links. Der Pfarrer hatte Mühe, ihm die Hostie in den Mund zu -stecken, und während er sie empfing, verdrehte er die Augen.</p> - -<p>Bouvard dagegen öffnete den Mund so weit, daß seine Zunge wie eine -Fahne über seine Unterlippe herabhing. Als er sich erhob, stieß er Frau -Bordin. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte; ohne zu wissen warum, -errötete er.</p> - -<p>Nach Frau Bordin kommunizierten zusammen Fräulein von Faverges, die -Gräfin, ihre Gesellschafterin und ein Herr, den man in Chavignolles -nicht kannte.</p> - -<p>Die beiden letzten waren Placquevent und Petit, der Lehrer; — da -erschien plötzlich Gorju.</p> - -<p>Er trug seinen kleinen Backenbart nicht mehr; und er<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> suchte seinen -Platz auf, indem er die Arme in sehr erbaulicher Weise über der Brust -gekreuzt hielt.</p> - -<p>Der Pfarrer sprach zu den kleinen Knaben, sie möchten späterhin Sorge -tragen, es nicht wie Judas zu machen, der seinen Gott verriet, und -sich immer das Kleid der Unschuld rein erhalten. Pécuchet gedachte des -seinigen mit Reue; doch man rückte die Stühle; die Mütter beeilten -sich, ihre Kinder zu umarmen.</p> - -<p>Die Mitglieder des Kirchspiels beglückwünschten sich gegenseitig beim -Ausgang. Einige weinten. Während Frau von Faverges auf ihren Wagen -wartete, wandte sie sich Bouvard und Pécuchet zu und stellte ihren -zukünftigen Schwiegersohn vor: „Herr Baron von Mahurot, Ingenieur!“ Der -Graf machte ihnen Vorwürfe, weil sie sich nicht sehen ließen. Er würde -die kommende Woche wieder zurück sein. „Merken Sie es sich, ich bitte -Sie!“ Die Kutsche war angekommen, die Schloßdamen fuhren ab, und die -Menge zerstreute sich.</p> - -<p>In ihrem Hofe fanden sie mitten auf dem Rasen ein Paket. Der -Briefträger hatte es, da das Haus verschlossen war, über die Mauer -geworfen. Es war das Werk, das Barberou versprochen hatte: Kritik des -Christentums, von Louis Hervieu, einem ehemaligen Schüler der Ecole -normale. Pécuchet wies es von sich. Bouvard verzichtete darauf, es -kennen zu lernen.</p> - -<p>Man hatte ihm wiederholt gesagt, das Sakrament würde ihn verwandeln: -mehrere Tage hindurch wartete er auf ein neues Sprießen in seiner -Seele. Doch er blieb immer derselbe, und schmerzliches Staunen ergriff -ihn.</p> - -<p>Wie! Der Leib Gottes vermischt sich mit unserm Leib und bringt keine -Wirkung darin hervor! Der Gedanke, der die Welten regiert, erleuchtet -unsern Geist nicht! Die höchste Gewalt überläßt uns der Ohnmacht!</p> - -<p>Herr Jeufroy, der ihn beruhigte, empfahl ihm den Katechismus des Abbé -Gaume.</p> - -<p>Dagegen hatte Pécuchets Frömmigkeit Fortschritte gemacht. Er hätte -unter beiderlei Gestalt kommunizieren mögen, sang Psalmen, während er -im Hausflur herumging, hielt die Einwohner von Chavignolles an, um -mit ihnen Glaubensfragen zu erörtern und sie zu bekehren. Vaucor<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span>beil -lachte ihm ins Gesicht, Girbal zuckte die Achseln, und der Hauptmann -nannte ihn Tartüff. Man fand jetzt, daß sie zu weit gingen.</p> - -<p>Eine ausgezeichnete Gewohnheit besteht darin, die Dinge als ebensoviele -Symbole zu betrachten. Wenn der Donner grollt, so soll man sich das -Jüngste Gericht vorstellen; vor einem wolkenlosen Himmel kann man -an den Aufenthalt der Seligen denken; man sage sich während seiner -Spaziergänge, daß jeder Schritt dem Tode entgegenführt. Pécuchet -beobachtete diese Methode. Wenn er seine Kleider nahm, gedachte er der -fleischlichen Hülle, mit der die zweite Person der Dreifaltigkeit sich -umkleidet hat; das Ticken der Uhr vergegenwärtigte ihm die Schläge -seines Herzens, ein Nadelstich die Nägel des Kreuzes; doch es war -vergebens, daß er stundenlang auf den Knien lag, daß er noch häufiger -fastete und seine Einbildungskraft anstrengte, die Loslösung vom Ich -wollte nicht eintreten; unmöglich, zur vollkommenen Vergeistigung zu -gelangen.</p> - -<p>Er nahm seine Zuflucht zu mystischen Schriftstellern: zur heiligen -Therese, zu Johannes vom Kreuz, Ludwig von Granada, Simpoli und -von neueren zu dem Bischof Chaillot. Anstatt der Erhabenheiten, -die er erwartete, traf er nur Plattheiten, einen sehr nachlässigen -Stil, nichtssagende Bilder und eine Unmenge Vergleiche, die dem -Steinschneidergewerbe entnommen waren.</p> - -<p>Er erfuhr jedoch, daß es eine aktive und eine passive Reinigung gibt, -ein inneres und ein äußeres Schauen, vier Arten von Gebeten, neun -Vollkommenheiten in der Liebe, sechs Stufen der Demut, und daß das -Verwunden der Seele sich kaum vom geistigen Diebstahl unterscheidet.</p> - -<p>Einige Punkte setzten ihn in Verlegenheit.</p> - -<p>„Wie kommt es, daß man Gott für die Wohltat des Daseins danken muß, -wo doch das Fleisch verdammt ist? Wie die Mitte halten zwischen der -Furcht, die zum Heile unerläßlich ist, und der Hoffnung, die es nicht -weniger ist? Was ist das Kennzeichen der Gnade?“ und so weiter.</p> - -<p>Herrn Jeufroys Antworten waren einfach:</p> - -<p>„Quälen Sie sich nicht. Will man allem auf den Grund kommen, so gerät -man auf eine schiefe Ebene.“</p> - -<p>Die „Katechismuslehre nach der Firmelung“ von Gaume<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> hatte Bouvard so -angewidert, daß er zu dem Bande von Louis Hervieu griff. Es war eine -kurze Zusammenfassung der modernen Exegese. Die Regierung hatte ihn -verboten. Barberou hatte ihn gekauft, weil er Republikaner war.</p> - -<p>Er weckte Zweifel in Bouvards Geist, und zwar zuerst über die -Erbsünde. „Wenn Gott den Menschen sündig geschaffen hat, dürfte er -ihn nicht bestrafen, und das Böse ist älter als der Sündenfall, da es -ja schon Vulkane, reißende Tiere gab. Kurz, dieses Dogma wirft meine -Anschauungen von Gerechtigkeit über den Haufen!“</p> - -<p>„Was wollen Sie?“ sagte der Pfarrer, „das ist eine von jenen -Wahrheiten, über die alle Welt sich einig ist, ohne daß man dafür -Beweise geben könnte. Und wir selbst rechnen den Kindern die Sünden -ihrer Väter an. So rechtfertigen Sitten und Gesetze diesen Ratschluß -der Vorsehung, den man in der Natur wiederfindet.“</p> - -<p>Bouvard schüttelte den Kopf. Er hatte auch Zweifel an der Hölle.</p> - -<p>„Denn jede Züchtigung muß auf Besserung des Schuldigen abzielen, was -bei einer ewigen Strafe unmöglich wird; und wie viele müssen sie -erdulden! Denken Sie doch, alle die Alten, die Juden, die Muselmanen, -die Götzendiener, die Häretiker und die ohne Taufe verschiedenen -Kinder, diese von Gott erschaffenen Kinder, und zu welchem Zweck? um -sie für eine Sünde zu bestrafen, die sie nicht begangen haben!“</p> - -<p>„Das ist die Ansicht des heiligen Augustin,“ fügte der Geistliche -hinzu, „und Sankt Fulgentius dehnt die Verdammung bis auf den Foetus -aus. Die Kirche hat allerdings in dieser Hinsicht nichts entschieden. -Eine Bemerkung jedoch: es ist nicht Gott, sondern der Sünder selbst, -welcher sich verdammt, und da die Versündigung unendlich ist, denn Gott -ist unendlich, so muß die Strafe unendlich sein! Ist das alles, mein -Herr?“</p> - -<p>„Erklären Sie mir die Dreieinigkeit,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Mit Vergnügen. Bedienen wir uns eines Vergleiches: die drei Seiten des -Dreiecks, oder besser noch unsere Seele, die umfaßt: Sein, Erkennen und -Wollen; was man Vermögen beim Menschen nennt, ist Person bei Gott. Das -ist das ganze Geheimnis.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span></p> - -<p>„Aber die drei Seiten des Dreiecks sind nicht jede ein Dreieck; diese -drei Vermögen der Seele ergeben nicht drei Seelen, und Ihre Personen -der Dreifaltigkeit sind drei Gottheiten.“</p> - -<p>„Lästern Sie nicht!“</p> - -<p>„Dann gibt es nur eine Person, einen Gott, eine Substanz, der drei -Arten des Seins eigen sind!“</p> - -<p>„Lassen Sie uns anbeten, ohne zu begreifen,“ sagte der Pfarrer.</p> - -<p>„Schön,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Er hatte Furcht, für gottlos zu gelten, im Schlosse mit bösen Augen -angesehen zu werden.</p> - -<p>Sie gingen jetzt dreimal in der Woche gegen fünf im Winter dorthin, -und die Tasse Tee erwärmte sie angenehm. Der Herr Graf erinnerte -durch seine Manieren „an den Chic des ehemaligen Hofes“; die Gräfin, -die friedfertig und fett war, zeigte auf allen Gebieten große -Urteilsfähigkeit. Fräulein Yolande, ihre Tochter, war der vollkommene -„Typus des jungen Mädchens“, der Engel der Keepsakes, und Frau von -Noares, ihre Gesellschafterin, ähnelte Pécuchet, denn sie hatte dessen -spitze Nase.</p> - -<p>Als sie zum erstenmal in den Salon traten, verteidigte Frau von Noares -jemand.</p> - -<p>„Ich versichere Ihnen, er ist verwandelt; sein Geschenk beweist es.“</p> - -<p>Dieser jemand war Gorju. Er hatte soeben den zukünftigen Ehegatten -einen gotischen Betstuhl überreicht. Man brachte ihn herbei. Die Wappen -der beiden Familien prangten darauf in farbigem Relief. Herr von -Mahurot schien davon befriedigt, und Frau von Noares sagte zu ihm:</p> - -<p>„Werden Sie sich meines Schützlings erinnern?“</p> - -<p>Dann brachte sie zwei Kinder herbei, einen Knaben von etwa zwölf Jahren -und seine Schwester, die vielleicht zehn Jahre alt war. Durch die -Löcher ihrer Lumpen sahen ihre von Kälte geröteten Glieder. Der Knabe -trug alte Pantoffeln an den Füßen, das Mädchen hatte nur noch einen -Holzschuh. Ihre Stirnen verschwanden unter ihrem Haar, und sie blickten -mit brennenden Augen um sich wie junge, verängstigte Wölfe.</p> - -<p>Frau von Noares erzählte, sie habe die Kinder am Morgen<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span> auf der -Landstraße getroffen. Placquevent wußte nichts Genaueres über sie.</p> - -<p>Man fragte sie nach ihrem Namen.</p> - -<p>„Viktor, Viktorine.“</p> - -<p>Wo ihr Vater sei?</p> - -<p>„Im Gefängnis.“</p> - -<p>Und was er vorher machte?</p> - -<p>„Nichts.“</p> - -<p>Ihre Heimat?</p> - -<p>„Saint-Pierre.“</p> - -<p>Aber welches Saint-Pierre?</p> - -<p>Statt jeder Antwort sagten die beiden Kleinen schnüffelnd:</p> - -<p>„Weiß nicht, weiß nicht.“</p> - -<p>Frau von Noares legte dar, wie gefährlich es sein würde, sie sich -selbst zu überlassen; sie rührte die Gräfin, nahm den Grafen bei der -Ehre, wurde von der Komtesse unterstützt, zeigte hartnäckigen Eifer, -hatte Erfolg. Die Frau des Feldhüters sollte die Kinder in Obhut -nehmen. Später würde man Beschäftigung für sie finden, und da sie weder -lesen noch schreiben konnten, so wollte Frau von Noares sie selbst -unterrichten, um sie auf die Katechismusstunde vorzubereiten.</p> - -<p>Wenn Herr Jeufroy in das Schloß kam, holte man die beiden Bälge; -er befragte sie, dann trug er vor, wobei er mit Rücksicht auf den -Zuhörerkreis gewählt sprach.</p> - -<p>Als er einmal über die Patriarchen geredet hatte, verunglimpfte Bouvard -sie gehörig, während er mit dem Pfarrer und Pécuchet fortging.</p> - -<p>Jakob habe sich durch Spitzbubenstreiche ausgezeichnet, David durch -Mordtaten, Salomo durch seine Ausschweifungen.</p> - -<p>Der Abbé antwortete ihm, man müsse tiefer sehen. Abrahams Opfer sei ein -Symbol der Passion; Jakob ein anderes für den Messias, wie Joseph, wie -die eherne Schlange, wie Moses.</p> - -<p>„Glauben Sie,“ sagte Bouvard, „daß er den Pentateuch geschrieben hat?“</p> - -<p>„Ja, ohne Zweifel!“</p> - -<p>„Doch man erzählt seinen Tod darin; dieselbe Beobachtung gilt für -Josua, und der Verfasser der Richter belehrt<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> uns, daß zu der Zeit, -deren Geschichte er schreibt, Israel noch keine Könige hatte. Das Werk -wurde also unter den Königen geschrieben. Auch die Propheten setzen -mich in Erstaunen!“</p> - -<p>„Jetzt wird er wohl gar die Existenz der Propheten leugnen!“</p> - -<p>„Keineswegs! Doch ihr überhitzter Geist sah Jehova unter verschiedenen -Formen, als Feuer, als Busch, als Greis, als Taube, und sie waren der -erhaltenen Offenbarung nicht gewiß, da sie immer ein Zeichen verlangen.“</p> - -<p>„So! Und wo haben Sie diese schönen Sachen entdeckt?...“</p> - -<p>„Bei Spinoza.“</p> - -<p>Der Pfarrer fuhr auf.</p> - -<p>„Haben Sie ihn gelesen?“</p> - -<p>„Gott behüte mich!“</p> - -<p>„Indessen, mein Herr, die Wissenschaft...“</p> - -<p>„Mein Herr, es gibt keine Wissenschaft ohne Christentum.“</p> - -<p>Die Wissenschaft machte ihn sarkastisch.</p> - -<p>„Kann sie eine Ähre wachsen lassen, Ihre Wissenschaft? Was wissen wir?“ -sagte er.</p> - -<p>Doch er wußte, daß die Welt für uns geschaffen ist; er wußte, daß die -Erzengel über den Engeln stehen, er wußte, daß der menschliche Körper -so wiederauferstehen wird, wie er gegen das dreißigste Jahr ist.</p> - -<p>Seine priesterliche Sicherheit fiel Bouvard auf die Nerven. Da er zu -Louis Hervieu kein Vertrauen hatte, schrieb er an Varlot, und Pécuchet, -der besser unterrichtet war, ersuchte Herrn Jeufroy, ihm gewisse -Stellen der Heiligen Schrift zu erklären.</p> - -<p>Die sechs Tage der Genesis sollen sechs große Zeiträume bedeuten. -Der Raub der kostbaren Gefäße, den die Juden bei den Ägyptern -vollführten, soll als geistiger Reichtum verstanden werden, als Kunst, -deren Geheimnis sie entwendet hatten. Jesaias entblößt sich nicht -vollständig, denn „nudus“ bedeutet im Lateinischen nackt bis zu den -Hüften; so rät Virgil, sich bei der Landarbeit zu entblößen, und dieser -Schriftsteller würde keine das Schamgefühl verletzende Vorschrift -gegeben haben! Es hat nichts Außergewöhnliches, daß Ezechiel ein Buch -verschlingt; sagt man nicht, eine Broschüre, eine Zeitung verschlingen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span></p> - -<p>Aber wenn man in allem eine bildliche Ausdrucksweise sieht, was wird -dann aus den Tatsachen? Der Abbé behauptete indessen, es handele sich -um wirklich geschehene Dinge.</p> - -<p>Diese Art der Auslegung schien Pécuchet unredlich. Er setzte -seine Nachforschungen fort und kam mit einer Zusammenstellung von -Widersprüchen in der Bibel.</p> - -<p>Der Exodus erzählt uns, daß vierzig Jahre lang in der Wüste geopfert -wurde; nach Amos und Jeremias fanden keine Opfer statt. Die Bücher der -Chronika und das Buch Esra stimmen nicht überein in betreff der Zählung -des Volkes. Im Deuteronomium sieht Moses den Herrn von Angesicht zu -Angesicht; dem Exodus zufolge konnte er ihn niemals sehen. Wo bleibt da -die göttliche Eingebung?</p> - -<p>„Nur ein Grund mehr, an sie zu glauben,“ erwiderte lächelnd Herr -Jeufroy. „Betrüger brauchen Leute, die ihr Treiben begünstigen; ehrlich -Überzeugte kümmern sich nicht um die Meinung anderer. Halten wir uns in -unsern Verlegenheiten an die Kirche. Sie ist stets unfehlbar.“</p> - -<p>Von wem hängt die Unfehlbarkeit ab?</p> - -<p>Die Konzile zu Basel und Konstanz sprechen sie den Konzilen zu. Aber -oft weichen die Konzile voneinander ab; ein Beweis dafür ist, wie es -Athanasius und Arius erging: die zu Florenz und im Lateran weisen sie -dem Papste zu. Doch Hadrian VI. erklärt, daß der Papst sich wie jeder -andere irren könne.</p> - -<p>Das sind Rabulistereien! Sie ändern nichts an dem ununterbrochenen -Fortbestehen der kirchlichen Lehre.</p> - -<p>Das Werk Hervieus hebt ihre Wandlungen hervor; die Taufe war ehemals -den Erwachsenen vorbehalten. Die letzte Ölung wurde erst im neunten -Jahrhundert ein Sakrament; die wirkliche Gegenwart wurde im achten -beschlossen, das Fegefeuer im fünfzehnten anerkannt, die unbefleckte -Empfängnis ist von gestern.</p> - -<p>Und Pécuchet wußte schließlich nicht mehr, was er von Jesus denken -sollte. Drei der Evangelisten machen einen Menschen aus ihm. An einer -Stelle bei Sankt Johannes scheint er sich Gott gleichzusetzen, an einer -anderen ebendort sich als ihm untergeordnet zu betrachten.</p> - -<p>Der Abbé führte dagegen den Brief des Königs Abgar,<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> die Akten des -Pilatus und das Zeugnis der Sibyllen, „dessen Kern wahr ist“, ins -Treffen. Er fand die Jungfrau bei den Galliern wieder, die Verkündigung -eines Erlösers in China, die Dreifaltigkeit überall, das Kreuz auf der -Mütze des Groß-Lama, in Ägypten in der Hand der Götter; — und er wies -sogar einen Stich vor, der einen Nilmesser darstellte; das war jedoch -nach Pécuchets Ansicht ein Phallus.</p> - -<p>Herr Jeufroy fragte seinen Freund Pruneau heimlich um Rat, der ihm -Beweise aus Büchern suchte. Ein Kampf der Gelahrtheit entspann -sich; und von Eigenliebe gepeitscht, stürzte Pécuchet sich in die -Transzendentalphilosophie, in die Mythologie.</p> - -<p>Er verglich die Jungfrau mit der Isis, das Heilige Abendmahl mit dem -Haoma der Perser, Bacchus mit Moses, die Arche Noah mit dem Schiff -des Xithuros; die Ähnlichkeiten bewiesen für ihn die Identität der -Religionen.</p> - -<p>Doch es kann nicht mehrere Religionen geben, da es nur einen Gott gibt, -— und wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war, rief der Mann im -Priesterrock: „Das ist ein Mysterium!“</p> - -<p>Was bedeutet dieses Wort? Mangel an Wissen; recht schön. Aber wenn es -etwas bezeichnet, das auszusprechen schon einen Widerspruch in sich -schließt, so ist es eine Dummheit, — und Pécuchet ließ Herrn Jeufroy -nicht mehr los. Er überraschte ihn in seinem Garten, erwartete ihn vor -seinem Beichtstuhl, stöberte ihn in der Sakristei auf.</p> - -<p>Der Priester ersann Listen, ihm zu entgehen.</p> - -<p>Als er eines Tages von Sassetot zurückkam, wo er jemandem die -letzte Ölung erteilt hatte, ging Pécuchet ihm entgegen, so daß die -Unterhaltung unvermeidlich wurde.</p> - -<p>Es war an einem Abend gegen Ende August. Der scharlachfarbene Himmel -wurde düster, und eine schwere Wetterwolke ballte sich daran, die unten -einen glatten Rand hatte und oben in Spiralen auslief.</p> - -<p>Pécuchet sprach zuerst von gleichgültigen Dingen; dann sagte er, -nachdem er das Wort Märtyrer hatte fallen lassen:</p> - -<p>„Wieviel gab es deren nach Ihrer Meinung?“</p> - -<p>„Etwa zwanzig Millionen zum mindesten.“</p> - -<p>„Ihre Zahl ist so groß nicht, sagt Origenes.“</p> - -<p>„Origenes ist, wie Sie wissen, nicht glaubwürdig.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span></p> - -<p>Ein weiter ausholender Windstoß fuhr vorüber; das Gras der Gräben und -die zum Horizonte verlaufenden zwei Reihen Ulmen neigten sich unter ihm.</p> - -<p>Pécuchet fuhr fort: „Man rechnet zu den Märtyrern viele gallische -Bischöfe, die im Kampf gegen die Barbaren gefallen sind, was nicht mehr -zur Sache gehört.“</p> - -<p>„Wollen Sie die Kaiser verteidigen?“</p> - -<p>Nach Pécuchets Ansicht hatte man sie verleumdet. „Die Geschichte von -der thebanischen Legion ist eine Fabel. Ich bestreite ebenso die -Existenz der Symphorosa und ihrer sieben Söhne, die der Felicitas -und ihrer sieben Töchter und alles, was über die sieben Jungfrauen -von Ankyra erzählt wird, die noch mit siebzig Jahren dazu verurteilt -wurden, genotzüchtigt zu werden, und ebenso unglaubwürdig ist die -Geschichte von den elftausend Jungfrauen der heiligen Ursula, deren -eine Gefährtin Undecimilla hieß, wobei ein Name mit einer Zahl -gleichgesetzt wird; mehr noch, was die zehn Märtyrer von Alexandria -angeht.“</p> - -<p>„Indessen!... Indessen finden sie sich bei Autoren, die glaubwürdig -sind.“</p> - -<p>Wassertropfen fielen. Der Pfarrer öffnete seinen Regenschirm; — und -als Pécuchet darunter war, wagte er zu behaupten, daß die Katholiken -mehr Juden, Moslemiten, Protestanten und Freidenker zu Märtyrern -gemacht hätten, als früher alle Römer.</p> - -<p>Der Geistliche widersprach heftig: „Aber von Nero bis zu Cäsar Galba -zählt man zehn Verfolgungen!“</p> - -<p>„Schön! Und die Blutbäder unter den Albigensern? und die -Bartholomäusnacht? und die Widerrufung des Ediktes von Nantes?“</p> - -<p>„Ohne Zweifel sind das bedauerliche Ausschreitungen, doch werden Sie -diese Leute da nicht dem heiligen Stephanus, dem heiligen Laurentius, -Cyprian, Polykarp, einer Unmenge von Missionaren an die Seite stellen -wollen.“</p> - -<p>„Verzeihung! Ich erinnere Sie an Hypathia, Hieronymus von Prag, -Johannes Huß, Bruno, Vanini, Anne Dubourg!“</p> - -<p>Der Regen wurde stärker, die Wasserstrahlen schossen so heftig herab, -daß sie vom Boden zurücksprangen wie kleine weiße Raketen. Pécuchet und -Herr Jeufroy gingen langsam, einer gegen den andern gedrückt, und der -Pfarrer sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span></p> - -<p>„Nach schrecklichen Martern warf man sie in siedende Kessel!“</p> - -<p>„Die Inquisition wandte ebenfalls die Tortur an, und sie briet die -Leute recht ordentlich!“</p> - -<p>„Man stellte vornehme Frauen in den Lupanaren aus!“</p> - -<p>„Glauben Sie, daß die Dragoner Ludwigs XIV. sich sittsam benahmen?“</p> - -<p>„Und vergessen Sie nicht, daß die Christen nichts gegen den Staat -unternommen hatten!“</p> - -<p>„Die Hugenotten ebensowenig!“</p> - -<p>Der Wind jagte, fegte den Regen durch die Luft. Er klatschte auf die -Blätter, bildete am Rande des Weges ein Rinnsal, und der schmutzig -graue Himmel schien in die kahlen Felder überzugehen, die abgeerntet -dalagen. Nirgends ein Dach. Nur in der Ferne die Hütte eines Hirten.</p> - -<p>An Pécuchets dünnem Mantel war kein Faden mehr trocken. Das Wasser floß -ihm den Rücken herab, drang in seine Stiefel, seine Ohren, seine Augen, -trotz des Schirmes der Amoros-Mütze; der Pfarrer, der den unteren Teil -seines Priesterrocks über den Arm geschlagen hatte, setzte dadurch -seine Beine dem Regen aus; und die Ecken seines Dreispitzes spien das -Wasser auf seine Schultern wie Traufrinnen einer Kirche.</p> - -<p>Man mußte haltmachen, und dem Unwetter den Rücken wendend, standen sie -Gesicht gegen Gesicht, Leib gegen Leib, indem sie mit vier Händen den -schwankenden Schirm hielten.</p> - -<p>Herr Jeufroy hatte seine Verteidigung der Katholiken nicht unterbrochen.</p> - -<p>„Haben sie Ihre Protestanten gekreuzigt, wie man es mit dem heiligen -Simeon tat, oder einen Menschen von zwei Tigern zerreißen lassen, wie -es mit dem heiligen Ignatius geschah?“</p> - -<p>„Aber rechnen Sie es für nichts, daß so viele Frauen von ihren -Ehegatten getrennt, so viele Kinder ihren Müttern entrissen wurden! Und -das Wandern der Armen in die Verbannung über Schneefelder, an Abgründen -vorbei! Man sperrte sie scharenweise in die Gefängnisse; kaum waren sie -tot, so wurden sie durch den Schmutz geschleift.“</p> - -<p>Der Abbé lächelte höhnisch: „Sie wollen mir nicht übel<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span>nehmen, wenn -ich nichts davon glaube! Und unsere Märtyrer sind weniger zweifelhaft. -Die heilige Blandina wurde nackt in einem Netz einer wütenden Kuh -vorgeworfen. Die heilige Julia verendete unter Hieben, die man ihr gab. -Dem heiligen Taracus, dem heiligen Probus und dem heiligen Andronikus -hat man die Zähne mit einem Hammer ausgeschlagen, die Seiten mit -eisernen Zinken zerfleischt, die Hände mit glühenden Nägeln durchbohrt, -die Haut vom Schädel gerissen.“</p> - -<p>„Sie übertreiben,“ sagte Pécuchet. „Das Ende der Märtyrer wurde in -jenen Zeiten rednerisch ausgeschmückt.“</p> - -<p>„Wieso rednerisch?“</p> - -<p>„Aber ja doch, mein Herr, während ich dagegen Ihnen Geschichte erzähle. -In Irland schlitzten die Katholiken schwangeren Frauen den Leib auf, um -die Kinder herauszunehmen.“</p> - -<p>„Niemals.“</p> - -<p>„Und sie den Schweinen vorzuwerfen!“</p> - -<p>„Gehen Sie!“</p> - -<p>„In Belgien begruben sie sie bei lebendigem Leibe!“</p> - -<p>„Welch ein Unsinn!“</p> - -<p>„Man kennt ihre Namen!“</p> - -<p>„Und trotzdem,“ wandte der Priester ein, während er seinen Schirm im -Zorn schüttelte, „kann man sie nicht Märtyrer nennen. Außerhalb der -Kirche keine Märtyrer.“</p> - -<p>„Ein Wort noch. Wenn der Wert des Märtyrers von der Lehre abhängt, wie -kann er dazu dienen, deren Vorzüglichkeit zu beweisen?“</p> - -<p>Der Regen ließ nach; bis zum Dorfe sprachen sie nicht mehr.</p> - -<p>Doch auf der Schwelle des Pfarrhauses sagte der Abbé:</p> - -<p>„Sie tun mir leid! Wirklich, Sie tun mir leid!“</p> - -<p>Pécuchet erzählte seinen Streit sogleich Bouvard. Das Gezänk hatte ihn -in eine religionsfeindliche Stimmung versetzt, und eine Stunde darauf -saßen sie vor einem Reisigfeuer und lasen den „Pfarrer Meslier“. Die -plumpen Verneinungen des Buches mißfielen ihm; dann blätterte er, -da er sich vorwarf, möglicherweise Helden verkannt zu haben, in der -„Biographie“ die Geschichte der erlauchtesten Märtyrer durch.</p> - -<p>Welchen Lärm das Volk machte, wenn sie die Arena be<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span>traten! Und wenn -die Löwen und Jaguare nicht wild genug waren, so reizte man die -Tiere durch Bewegung und Zuruf, vorzugehen. Man sah die Christen -blutüberströmt lächelnd dastehen, den Blick zum Himmel erhoben; die -heilige Perpetua knotete ihr Haar wieder, um keine Betrübnis zu -zeigen. Pécuchet wurde nachdenklich. Das Fenster stand offen, die -Nacht war ruhig, zahlreiche Sterne glänzten. In ihrer Seele mußten -Dinge vorgehen, die wir uns nicht vorstellen können, eine Freude, -eine göttliche Verzückung! Und Pécuchet sagte unter der Gewalt des -Nachsinnens darüber, daß er das begriffe, daß er wie sie gehandelt -haben würde.</p> - -<p>„Du?“</p> - -<p>„Ganz gewiß!“</p> - -<p>„Ohne Scherz! Glaubst du, ja oder nein?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht.“</p> - -<p>Er zündete eine Kerze an; dann fielen seine Blicke auf das Kruzifix im -Alkoven:</p> - -<p>„Wieviel Betrübte haben bei jenem ihre Zuflucht gesucht!“</p> - -<p>Und nach einer Pause:</p> - -<p>„Man hat seinen Charakter entstellt! Daran ist Rom schuld: die Politik -des Vatikans!“</p> - -<p>Aber Bouvard bewunderte die Kirche wegen ihrer Pracht er hätte als -Kardinal im Mittelalter leben mögen.</p> - -<p>„Ich würde mich im Purpur gut ausgenommen haben, das mußt du zugeben!“</p> - -<p>Die vor die Kohlen gelegte Mütze Pécuchets war noch nicht trocken. -Während er sie glattstrich, fühlte er einen Gegenstand in ihrem Futter, -und eine Münze des heiligen Joseph fiel zur Erde. Sie waren verwirrt, -die Tatsache schien ihnen unerklärlich.</p> - -<p>Frau von Noares wollte von Pécuchet wissen, ob er nicht eine -Veränderung wahrgenommen habe, ein Glück, und sie verriet sich durch -ihre Fragen. Sie hatte ihm einst, während er Billard spielte, die Münze -in die Mütze genäht.</p> - -<p>Allem Anschein nach liebte sie ihn; sie hätten sich heiraten können: -sie war Witwe, und er ahnte nichts von dieser Liebe, die vielleicht das -Glück seines Lebens gewesen wäre.</p> - -<p>Obwohl er sich religiöser gab als Bouvard, hatte sie ihn dem heiligen -Joseph geweiht, dessen Beistand für Bekehrungen ausgezeichnet ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span></p> - -<p>Niemand kannte wie sie alle Rosenkränze und den Ablaß, der mit -ihnen verbunden ist, die Wirkung der Reliquien, die Heilkräfte der -wundertätigen Quellen. Ihre Uhr saß an einem Kettchen, das die Fesseln -Sankt Peters berührt hatte.</p> - -<p>Unter ihren Berlocken leuchtete eine goldene Perle, die der -nachgebildet war, welche in der Kirche zu Allouagne eine Träne unseres -Herrn enthält; ein Ring an ihrem kleinen Finger umschloß Haare des -Pfarrers von Ars, und da sie Heilkräuter für die Kranken sammelte, so -glich ihr Zimmer einer Sakristei und einem Apothekerlaboratorium.</p> - -<p>Sie verbrachte ihre Zeit mit Briefschreiben, Besuchen bei Armen, Lösen -von wilden Ehen, Austeilen von Herz-Jesu-Photographien. Ein Herr -wollte ihr „Märtyrerpaste“ schicken, eine Mischung aus Osterwachs und -menschlichem Staub, den man in den Katakomben gesammelt hatte und der -in verzweifelten Fällen in Form von Pflaster oder Pillen angewandt -wird. Sie versprach Pécuchet davon.</p> - -<p>Er schien entsetzt über einen solchen Materialismus.</p> - -<p>Am Abend brachte ihm ein Diener aus dem Schlosse einen Tragkorb voll -kleiner Bücher, die von frommen Worten des großen Napoleon, Witzworten -des Pfarrers in den Herbergen, von dem schrecklichen Ende gottloser -Menschen handelten. Frau von Noares kannte das alles auswendig, dazu -eine Unmenge von Wundern.</p> - -<p>Sie erzählte deren sinnlose, Wunder ohne Zweck, als wenn Gott sie -getan hätte, um die Welt in Staunen zu setzen. Ihre eigene Großmutter -hatte Pflaumen, die mit einem Tuch bedeckt waren, in einen Schrank -geschlossen, und als man den Schrank ein Jahr später öffnete, sah man -ihrer dreizehn auf dem Tuche, die ein Kreuz bildeten.</p> - -<p>„Erklären Sie mir das.“</p> - -<p>Diese Wendung folgte stets ihren Geschichten, die sie mit dem Starrsinn -eines Esels verfocht. Übrigens war sie eine gute Frau und von heiterem -Gemüt.</p> - -<p>Einmal jedoch „fuhr sie aus der Haut“. Bouvard bestritt ihr gegenüber -das Wunder von Pezilla: eine Kompottschale, in der man während der -Revolution Hostien verborgen, hatte sich ganz von selbst vergoldet.</p> - -<p>„Vielleicht war auf dem Grund etwas gelbe Farbe, die von der -Feuchtigkeit herrührte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p> - -<p>„Aber nein! und nochmals nein! Die Vergoldung kam durch die Berührung -mit dem Leibe Christi.“</p> - -<p>Und zum Beweise führte sie die schriftliche Beglaubigung der Bischöfe -an.</p> - -<p>„Das ist derselbe Fall, sagt man, wie mit einem Schilde, einem... einem -Palladium in der Diözese zu Perpignan. Fragen Sie doch Herrn Jeufroy!“</p> - -<p>Bouvard geriet außer sich, und nachdem er seinen Louis Hervieu wieder -durchgelesen hatte, nahm er Pécuchet mit.</p> - -<p>Der Geistliche beendigte gerade sein Diner. Reine lud zum Sitzen ein -und holte auf einen Wink zwei kleine Gläser, die sie mit Rosolio-Likör -füllte.</p> - -<p>Darauf legte Bouvard dar, was ihn hergeführt hatte.</p> - -<p>Der Abbé gab keine offene Antwort.</p> - -<p>„Alles ist bei Gott möglich, und die Wunder sind ein Beweis für die -Wahrheit der Religion.“</p> - -<p>„Aber es gibt doch Gesetze.“</p> - -<p>„Das ändert nichts daran. Er durchbricht sie, um zu unterweisen, zu -bessern.“</p> - -<p>„Wie können Sie wissen, ob er sie durchbricht?“ erwiderte Bouvard. -„Solange die Natur ihren alten Weg geht, denkt man nicht daran; doch in -einer außerordentlichen Erscheinung sehen wir die Hand Gottes.“</p> - -<p>„Sie kann darin wirksam sein,“ sagte der Geistliche, „und wenn ein -Ereignis durch Zeugen bekräftigt wird?“</p> - -<p>„Die Zeugen fallen auf alles herein, gibt es doch falsche Wunder.“</p> - -<p>Der Priester wurde rot.</p> - -<p>„Gewiß... zuweilen.“</p> - -<p>„Wie sie von den echten unterscheiden? Und wenn die echten, die als -Beweise gelten müssen, selbst der Beweise nötig haben, wozu deren tun?“</p> - -<p>Reine mischte sich ein, und gleich ihrem Herrn einen Predigerton -annehmend, sagte sie, man müsse sich unterwerfen.</p> - -<p>„Das Leben ist eine Durchgangszeit, aber der Tod ist ewig!“</p> - -<p>„Kurz,“ fügte Bouvard hinzu, indem er den Rosolio hinuntergoß, „die -früheren Wunder sind nicht besser bewiesen als die heutigen; die der -Christen wie die der Heiden werden mit gleichen Gründen verteidigt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p> - -<p>Der Pfarrer warf seine Gabel auf den Tisch.</p> - -<p>„Jene waren falsch, sag ich noch einmal! Es gibt keine Wunder außerhalb -der Kirche!“</p> - -<p>„Sieh da,“ sagte sich Pécuchet im stillen, „das ist dasselbe Argument -wie bei den Märtyrern: die Lehre stützt sich auf die Tatsachen und die -Tatsachen stützen sich auf die Lehre.“</p> - -<p>Nachdem Herr Jeufroy ein Glas Wasser getrunken hatte, fuhr er fort:</p> - -<p>„Trotzdem Sie sie leugnen, glauben Sie daran. Die Welt, die durch zwölf -Fischer bekehrt wird, das ist, so scheint mir, ein herrliches Wunder!“</p> - -<p>„Keineswegs!“</p> - -<p>Pécuchet erklärte das auf andere Weise.</p> - -<p>„Der Monotheismus kommt von den Hebräern, die Dreieinigkeit von den -Indern, der Logos gehört Plato und die jungfräuliche Mutter Asien.“</p> - -<p>Gleichviel! Herr Jeufroy hielt am Übernatürlichen fest, wollte nicht -zugeben, daß das Christentum den geringsten menschlichen Daseinsgrund -habe, obgleich er bei allen Völkern Vorboten oder Entstellungen -desselben sah. Die spottsüchtige Gottlosigkeit des achtzehnten -Jahrhunderts, die hätte er geduldet; doch die moderne Kritik mit ihrer -Höflichkeit brachte ihn außer sich.</p> - -<p>„Mir ist ein lästernder Atheist lieber als ein spitzfindiger Skeptiker!“</p> - -<p>Dann blickte er sie in herausfordernder Weise an, als wenn er sie -verabschieden wolle.</p> - -<p>Pécuchet ging in melancholischer Stimmung nach Hause. Er hatte darauf -gehofft, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen.</p> - -<p>Bouvard gab ihm diese Stelle aus Louis Hervieu zu lesen:</p> - -<p>„Um den trennenden Abgrund zu ermessen, stelle man ihre Axiome einander -gegenüber:</p> - -<p>Die Vernunft sagt euch: Das Ganze umschließt den Teil; und der Glaube -antwortet euch: Durch die Transsubstantiation hatte Jesus, während er -mit seinen Jüngern das Abendmahl aß, seinen Körper in der Hand und sein -Haupt im Munde.“</p> - -<p>„Die Vernunft sagt euch: Man ist nicht verantwortlich<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span> für anderer -Verbrechen; und der Glaube antwortet: Durch die Erbsünde.“</p> - -<p>„Die Vernunft sagt euch: Drei ist drei; und der Glaube erklärt: Drei -ist eins.“</p> - -<p>Sie verkehrten nicht mehr mit dem Abbé.</p> - -<p>Es war zur Zeit des Italienischen Krieges.</p> - -<p>Die gutgesinnten Leute zitterten für den Papst. Man schimpfte auf -Emanuel. Frau von Noares stand nicht an, seinen Tod zu wünschen.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet protestierten nur schüchtern. Wenn die Tür des -Salons sich vor ihnen öffnete und sie sich im Vorüberschreiten in den -hohen Spiegeln sahen und durch die Fenster die Alleen erblickten, wo -die rote Weste eines Dieners sich von dem Grün abhob, empfanden sie ein -Wohlgefühl; und der Luxus dieser Sphäre machte sie gegen das, was man -dort sagte, nachsichtig.</p> - -<p>Der Graf lieh ihnen die sämtlichen Werke des Herrn De Maistre. Er -trug die darin enthaltenen Grundsätze in vertraulichem Kreise vor: -vor Hurel, dem Pfarrer, dem Friedensrichter, dem Notar und dem -Baron, seinem zukünftigen Schwiegersohn, der von Zeit zu Zeit für -vierundzwanzig Stunden im Schloß zu Besuch weilte.</p> - -<p>„Das Schrecklichste,“ sagte der Graf, „ist der Geist von 89! Zuerst -bestreitet man das Dasein Gottes; dann kritisiert man die Regierung; -dann kommt die Freiheit; die Freiheit für Beschimpfungen, für -Auflehnung, für Sinnenlust oder besser gesagt, die Freiheit alles -drunter und drüber gehen zu lassen, so daß schließlich die Religion und -die Staatsgewalt die Freiheitsschwärmer, die Häretiker ächten müssen. -Die Folge war allerdings, daß man über Verfolgung zeterte, als wenn -die Henker die Verbrecher verfolgten. Ich sage kurz: Kein Staat ohne -Gott! Denn das Gesetz kann nur geachtet werden, wenn es von oben kommt, -und gegenwärtig handelt es sich nicht um die Italiener, sondern darum, -ob die Revolution oder der Papst, Satan oder Jesus Christus den Sieg -davonträgt.“</p> - -<p>Herr Jeufroy gab seine Zustimmung durch kurze Zwischenrufe zu erkennen, -Hurel durch ein Lächeln, der Friedensrichter durch Wiegen des Kopfes. -Bouvard und Pécuchet blickten zur Decke; Frau von Noares, die Gräfin -und<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span> Yolande machten Arbeiten für die Armen, und Herr von Mahurot sah, -neben seiner Braut sitzend, die Zeitungen durch.</p> - -<p>Dann traten Pausen ein, in denen jeder in die Untersuchung eines -Problems vertieft schien. Napoleon III. war kein Retter mehr, und er -gab sogar ein bedauerliches Beispiel, indem er die Maurer Sonntags an -den Tuilerien arbeiten ließ.</p> - -<p>„Das sollte nicht erlaubt sein,“ war die ständige Redensart des Herrn -Grafen.</p> - -<p>Wirtschaftspolitik, schöne Künste, Literatur, Geschichte, -wissenschaftliche Doktrinen, über alles entschied er in seiner -Eigenschaft als Christ und Familienvater, und wollte Gott, daß die -Regierung in dieser Hinsicht dieselbe Strenge zeigte, die er in seinem -Hause walten ließ! Die Regierung allein hat zu entscheiden, inwieweit -die Wissenschaft gefährlich ist; zu weit verbreitet, erregt sie beim -Volke verhängnisvollen Ehrgeiz. Es war glücklicher, dieses arme Volk, -als die vornehmen Herren und die Bischöfe den Absolutismus des Königs -mäßigten. Jetzt beuteten die Industriellen es aus. Es wird in Sklaverei -verfallen.</p> - -<p>Und alle beklagten den Verlust des alten Regimes: Hurel aus -Unterwürfigkeit, Coulon aus Unwissenheit, Marescot als Künstler.</p> - -<p>Als Bouvard glücklich wieder zu Hause war, stärkte er sich an -Lamettrie, Holbach usw.; und Pécuchet sagte einem Glauben Valet, der -ein Mittel der Regierung geworden war. Herr von Mahurot hatte am -Abendmahl teilgenommen, um dadurch einen vorteilhafteren Eindruck auf -„die Damen“ zu machen, und wenn er zum Gottesdienste ging, so geschah -es wegen der Dienstboten.</p> - -<p>Er war Mathematiker und Verehrer der Künste, spielte Walzer auf dem -Klavier, bewunderte Töpffer und zeichnete sich durch eine Art vornehmer -Skepsis aus. Was man über Mißbräuche der Feudalen, die Inquisition und -die Jesuiten erzähle, seien Vorurteile, und er pries den Fortschritt, -obschon er alles verachtete, was nicht Edelmann oder auf der -Polytechnischen Hochschule gewesen war.</p> - -<p>Auch Herr Jeufroy mißfiel ihnen. Er glaubte an Zauberei, machte -Scherze über die heidnischen Götter, versicherte,<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> daß alle Sprachen -vom Hebräischen abgeleitet wären; seine Rhetorik beschränkte sich auf -hergebrachte Wendungen; unfehlbar kam der zu Tode gehetzte Hirsch, -Honig und Wermut, Gold und Blei, Spezereien, Urnen und der Vergleich -der Seele des Christen mit dem Soldaten, die angesichts der Sünde sagen -muß: „Hier ist kein Zugang für dich!“</p> - -<p>Um seinen Vorträgen zu entgehen, gingen sie so spät wie möglich ins -Schloß.</p> - -<p>Eines Tages jedoch trafen sie ihn dort.</p> - -<p>Seit einer Stunde wartete er auf seine beiden Schüler. Plötzlich trat -Frau von Noares ein.</p> - -<p>„Die Kleine ist verschwunden. Ich bringe Viktor. Ach! der Unselige!“</p> - -<p>Sie hatte in seiner Tasche einen silbernen Fingerhut gefunden, der seit -drei Tagen vermißt wurde; dann von Schluchzen erstickt:</p> - -<p>„Das ist nicht alles! Das ist nicht alles! Während ich ihn schalt, hat -er mir sein Hinterteil gezeigt.“</p> - -<p>Und ehe der Graf und die Gräfin zu Worte gekommen waren:</p> - -<p>„Übrigens bin ich schuld; verzeihen Sie mir!“</p> - -<p>Sie hatte ihnen verborgen, daß die beiden Waisen die Kinder des Touache -wären, der jetzt im Zuchthaus saß.</p> - -<p>Was tun?</p> - -<p>Wenn der Graf sie fortschickte, waren sie verloren, und die Tat der -Nächstenliebe würde ihm als eine Laune ausgelegt werden.</p> - -<p>Herr Jeufroy war nicht überrascht. Da der Mensch von Natur verderbt -ist, muß man ihn züchtigen, um ihn zu bessern.</p> - -<p>Bouvard war anderer Ansicht. Milde sei besser.</p> - -<p>Aber der Graf erging sich noch einmal über die eiserne Faust, die bei -Kindern wie für Völker unerläßlich sei. Diese hier steckten voller -Laster; das kleine Mädchen sei lügnerisch, der Schlingel roh. Diesen -Diebstahl wollte man schließlich entschuldigen; die Unverschämtheit -niemals; die Erziehung mußte die Schule der Achtung sein.</p> - -<p>Also sollte Sorel, der Waldhüter, dem jungen Manne sogleich eine -tüchtige Tracht Prügel verabfolgen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p> - -<p>Herr von Mahurot, der ihm etwas mitzuteilen hatte, übernahm den -Auftrag. Im Vorzimmer griff er nach einer Flinte und rief Viktor, der -mit gesenktem Kopf im Hofe stehen geblieben war.</p> - -<p>„Folge mir!“ sagte der Baron.</p> - -<p>Da der Weg zum Waldhüter wenig von der Richtung auf Chavignolles -abführte, begleiteten Herr Jeufroy, Bouvard und Pécuchet den Baron.</p> - -<p>Hundert Schritte vom Schlosse bat er sie, nicht mehr zu sprechen, -solange man am Gehölz entlang ginge.</p> - -<p>Das Gelände fiel bis zum Flußufer ab, wo sich große Felsblöcke erhoben. -Der Fluß bildete goldene Flächen in der untergehenden Sonne. Auf der -anderen Seite bedeckte sich das Grün der Hügel mit Dunkel. Ein scharfer -Wind blies.</p> - -<p>Kaninchen kamen aus ihrem Bau und fraßen den Rasen ab.</p> - -<p>Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter, und die Kaninchen sprangen -auf, überschlugen sich. Viktor stürzte sich darauf, um sie zu fassen, -und keuchte, in Schweiß gebadet.</p> - -<p>„Du gehst schön mit deinen Sachen um!“ sagte der Baron.</p> - -<p>Seine zerfetzte Bluse war blutbefleckt.</p> - -<p>Der Anblick des Blutes widerstrebte Bouvard. Seiner Ansicht nach durfte -man kein Blut vergießen.</p> - -<p>Herr Jeufroy erwiderte:</p> - -<p>„Die Umstände erfordern es zuweilen. Wenn der Schuldige nicht das -seinige hergibt, so ist das eines andern nötig, eine Wahrheit, welche -uns die Geschichte des Erlösers lehrt.“</p> - -<p>Nach Bouvards Ansicht hatte sie zu nichts genützt, da fast alle -Menschen trotz des Opfers unseres Herrn verdammt seien.</p> - -<p>„Aber er erneuert es täglich im Abendmahl.“</p> - -<p>„Und das Wunder vollzieht sich durch Worte, auch wenn der Priester noch -so unwürdig ist.“</p> - -<p>„Darin liegt das Geheimnis, mein Herr.“</p> - -<p>Indessen heftete Viktor die Augen auf die Flinte, versuchte sogar, sie -zu berühren.</p> - -<p>„Davon bleiben mit den Pfoten!“</p> - -<p>Und Herr von Mahurot schlug einen Pfad durchs Gehölz ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span></p> - -<p>Der Geistliche hatte Pécuchet auf der einen, Bouvard auf der andern -Seite, und er sagte zu ihm:</p> - -<p>„Achtung, Sie wissen, Debetur pueris.“</p> - -<p>Bouvard versicherte ihm, daß er sich vor dem Schöpfer demütige, aber -er sei entrüstet, daß man einen Menschen aus ihm mache. „Man fürchtet -seine Rache, man müht sich ihm zu Ehren ab, er hat alle Tugenden, einen -Arm, ein Auge, eine Politik, eine Wohnung. Vater unser, der du bist im -Himmel, was soll das heißen?“</p> - -<p>Und Pécuchet fügte hinzu:</p> - -<p>„Die Welt hat sich erweitert, die Erde bildet nicht mehr den -Mittelpunkt. Sie rollt unter einer unendlichen Anzahl ihresgleichen -dahin. Viele übertreffen sie an Größe, und diese Herabsetzung unseres -Erdballs ergibt eine erhabenere Vorstellung von Gott.“</p> - -<p>Also mußte die Religion sich ändern. Das Paradies mit seinen Seligen, -die immer in Betrachtung versunken sind, immer singen und von oben auf -die Marter der Verdammung herabschauen, ist etwas Kindisches. Wenn man -daran denkt, daß das Christentum einen Apfel zur Grundlage hat!</p> - -<p>Der Pfarrer wurde ärgerlich.</p> - -<p>„Bestreiten Sie lieber gleich die Offenbarung, das ist einfacher.“</p> - -<p>„Wie kann Gott gesprochen haben?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Beweisen Sie, daß er nicht gesprochen hat!“ sagte Jeufroy.</p> - -<p>„Noch einmal, wer bestätigt Ihnen das?“</p> - -<p>„Die Kirche!“</p> - -<p>„Ein schönes Zeugnis!“</p> - -<p>Das Gespräch langweilte Herrn von Mahurot, und er sagte im -Dahinschreiten:</p> - -<p>„Hören Sie doch auf den Pfarrer, er versteht das besser als Sie!“</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet verständigten sich durch Zeichen, daß sie einen -anderen Weg einschlagen wollten, dann sagten sie am grünen Kreuz:</p> - -<p>„Recht guten Abend!“</p> - -<p>„Diener!“ sagte der Baron.</p> - -<p>Alles das würde Herrn von Faverges wiedererzählt werden,<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> und ein Bruch -würde vielleicht die Folge sein. Um so schlimmer. Sie fühlten sich von -diesen Aristokraten verachtet. Man lud sie nie zum Diner ein, und sie -hatten Frau von Noares mit ihren ewigen Ermahnungen satt.</p> - -<p>Sie konnten jedoch den De Maistre nicht behalten, und etwa vierzehn -Tage später machten sie wieder einen Besuch im Schloß im Glauben, sie -würden nicht empfangen werden.</p> - -<p>Man nahm sie an.</p> - -<p>Die ganze Familie war im Boudoir versammelt. Hurel mit einbegriffen, -und, was seltsam war, auch Foureau.</p> - -<p>Die Zucht hatte Viktor nicht gebessert. Er weigerte sich, seinen -Katechismus zu lernen, und Viktorine gebrauchte schmutzige Worte. Kurz -und gut, den Jungen würde man ins Korrektionshaus stecken, das kleine -Mädchen in ein Kloster geben.</p> - -<p>Foureau hatte die nötigen Schritte übernommen, und er war im Begriff zu -gehen, als die Gräfin ihn zurückrief.</p> - -<p>Man erwartete Herrn Jeufroy, um gemeinsam das Datum der Trauung -festzusetzen, die viel früher auf dem Bürgermeisteramt als in der -Kirche stattfinden sollte: man wollte zeigen, daß man der Ziviltrauung -Hohn sprach.</p> - -<p>Foureau versuchte, sie zu verteidigen. Der Graf und Hurel griffen sie -an. Was war die Behörde im Vergleich zum Priesteramt! — und der Baron -würde sich nicht für verheiratet gehalten haben, wenn er nur vor einer -dreifarbigen Schärpe getraut worden wäre.</p> - -<p>„Bravo!“ sagte Jeufroy, der eintrat. „Da die Ehe von Jesus eingesetzt -ist...“</p> - -<p>Pécuchet unterbrach ihn: „In welchem Evangelium? In den apostolischen -Zeiten dachte man so gering von ihr, daß Tertullian sie dem Ehebruch -gleichsetzt.“</p> - -<p>„Ach! das wäre noch schöner!“</p> - -<p>„Aber ja! und sie ist kein Sakrament! Das Sakrament bedarf eines -Symbols. Nennen Sie mir das Symbol der Ehe!“ Der Pfarrer antwortete -vergebens, daß sie das Bündnis Gottes mit der Kirche darstelle. „Sie -begreifen das Christentum nicht mehr! und das Gesetz...“</p> - -<p>„Es zeigt seine Spur,“ sagte Herr von Faverges; „ohne das Christentum -würde es die Polygamie zulassen!“</p> - -<p>Eine Stimme erwiderte: „Was wäre schlimmes dabei?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span></p> - -<p>Es war Bouvard, der halb von einem Vorhang verborgen war.</p> - -<p>„Man kann mehrere Frauen haben wie die Patriarchen, die Mormonen, die -Muselmanen, und trotzdem ein Ehrenmann sein!“</p> - -<p>„Nie und nimmer!“ rief der Priester. „Das Wesen des Ehrenmannes besteht -darin, daß er jedem gibt, was er ihm schuldet. Wir schulden Gott -Verehrung. Nur der Christ verdient den Namen Ehrenmann.“</p> - -<p>„Nicht mehr als andere,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Der Graf, der in dieser Entgegnung ein Attentat auf seinen Glauben sah, -begann dessen Lob zu singen. Er habe die Sklaven befreit.</p> - -<p>Bouvard führte Stellen an, die das Gegenteil beweisen.</p> - -<p>„Sankt Paulus empfiehlt ihnen, ihren Herren wie Jesus zu gehorchen. — -Sankt Ambrosius nennt die Knechtschaft eine Gabe Gottes.</p> - -<p>Der Levitikus, der Exodus und die Konzilien haben sie sanktioniert. — -Bossuet stellt sie unter die Rechte der Menschen. — Und der Bischof -Bouvier billigt sie.“</p> - -<p>Der Graf wandte ein, daß das Christentum nichtsdestoweniger die -Zivilisation gefördert habe.</p> - -<p>„Und die Faulheit, indem es aus der Armut eine Tugend machte!“</p> - -<p>„Aber die Moral des Evangeliums lassen Sie doch wohl gelten?“</p> - -<p>„Nun, so gar moralisch ist diese Moral gerade nicht! Die Arbeiter der -letzten Stunde werden ebenso bezahlt wie die der ersten. Man gibt dem, -der hat, und nimmt dem, der nichts hat. Was die Lehre betrifft, einen -Backenstreich zu empfangen, ohne ihn zu erwidern, und sich bestehlen zu -lassen, so ermutigt sie die Frechen, die Feiglinge und die Schurken.“</p> - -<p>Die Entrüstung wurde noch größer, als Pécuchet erklärt hatte, daß ihm -der Buddhismus ebenso lieb sei!</p> - -<p>Der Priester fing an zu lachen: „Ha, ha, ha! Der Buddhismus!“</p> - -<p>Frau von Noares rang die Hände: „Der Buddhismus!“</p> - -<p>„Wie..., der Buddhismus!“ wiederholte der Graf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span></p> - -<p>„Kennen Sie ihn?“ sagte Pécuchet zu Herrn Jeufroy, der sich in seinen -Worten verfing.</p> - -<p>„Schön! Hören Sie! Besser als das Christentum und vor ihm hat er die -Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt. Seine Regeln sind streng, -seine Anhänger zahlreicher als die gesamte Christenheit, und was die -Inkarnation betrifft, so gibt es bei Wischnu nicht eine, sondern neun! -Also urteilen Sie selbst!“</p> - -<p>„Lügen von Reisenden,“ sagte Frau von Noares.</p> - -<p>„Die von den Freimaurern verbreitet werden,“ fügte der Pfarrer hinzu.</p> - -<p>Und alle sprachen zugleich: „Weiter doch, fahren Sie fort! — Sehr -hübsch! — Ich finde das köstlich. — Nicht möglich!“ So daß Pécuchet -aus der Haut fuhr und erklärte, er werde Buddhist werden!</p> - -<p>„Sie beleidigen christliche Frauen!“ sagte der Baron. Frau von Noares -sank in einen Sessel. Die Gräfin und Yolande schwiegen. Der Graf rollte -die Augen; Hurel wartete auf Weisungen. Der Abbé las in seinem Brevier, -um seine Fassung nicht zu verlieren.</p> - -<p>Dieser Anblick beruhigte Herrn von Faverges, und die beiden -Biedermänner betrachtend, sagte er: „Wer selbst kein makelloses Leben -führt, der sollte, ehe er das Evangelium angreift, gut zu machen -suchen, was...“</p> - -<p>„Gut zu machen suchen?“</p> - -<p>„Kein makelloses Leben?“</p> - -<p>„Genug! meine Herren! Sie werden mich verstehen!“ Dann sich an Foureau -wendend: „Sorel ist benachrichtigt! Gehen Sie zu ihm!“ Und Bouvard und -Pécuchet verließen das Haus ohne zu grüßen.</p> - -<p>Am Ende der Allee ließen sie alle drei ihren Groll aus: „Man behandelt -mich wie einen Dienstboten,“ brummte Foureau, — und da die anderen ihm -zustimmten, empfand er für sie trotz der Erinnerung an die Hämorrhoiden -etwas wie Sympathie.</p> - -<p>Chausseearbeiter waren auf der Strecke beschäftigt. Der Mann, der sie -beaufsichtigte, kam herbei; es war Gorju. Man begann ein Gespräch. Er -überwachte das Aufschütten des Weges, dessen Anlage 1848 beschlossen -war, und er verdankte die Stellung Herrn Ingenieur von Mahurot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span></p> - -<p>„Derselbe, der Fräulein von Faverges heiraten wird! Sie kommen wohl von -dorther?“</p> - -<p>„Zum letzten Male!“ sagte Pécuchet schroff.</p> - -<p>Gorju machte ein Gesicht, als wenn er von nichts wüßte. „Ein -Zerwürfnis! So, so!“</p> - -<p>Und wenn sie seine Miene hätten sehen können, als sie ihm den Rücken -wandten, so hätten sie gemerkt, daß er den Grund witterte.</p> - -<p>Etwas weiter blieben sie vor einem umgitterten Stück Land mit -Hundezwingern darauf stehen; daneben lag ein kleines Haus aus roten -Ziegeln.</p> - -<p>Viktorine stand auf der Schwelle. Hundegebell ertönte. Die Frau des -Hüters erschien.</p> - -<p>Da sie wußte, weshalb der Bürgermeister gekommen war, rief sie Viktor -herbei.</p> - -<p>Alles war im voraus fertiggemacht, und die Habseligkeiten der Kinder -lagen in zwei Taschentüchern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren.</p> - -<p>„Gute Reise!“ rief sie ihnen nach, überglücklich, dieses Ungeziefer -loszuwerden.</p> - -<p>War es ihre Schuld, daß sie die Kinder eines Sträflings waren? Sie -schienen doch ganz sanft zu sein und sich nicht einmal zu sorgen, wohin -man sie bringen würde.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet betrachteten sie, wie sie vor ihnen dahinschritten.</p> - -<p>Viktorine summte undeutliche Worte vor sich hin, während sie ihr Tuch -am Arme hielt wie eine Modistin, die eine Schachtel trägt. Zuweilen -wandte sie sich um, und angesichts ihrer blonden Löckchen und ihrer -reizenden Gestalt tat es Pécuchet leid, daß er nicht solch ein Kind -hatte. Würde sie unter anderen Lebensbedingungen aufwachsen, so würde -sie später entzückend werden. Welch ein Glück, sie heranwachsen zu -sehen, jeden Tag ihr Vogelgezwitscher zu hören, sie so oft er wollte zu -umarmen, — und ein Gefühl der Rührung stieg in ihm empor, feuchtete -seine Wimpern und machte sein Herz ein wenig schwer.</p> - -<p>Viktor hatte sein Gepäck wie ein Soldat über den Rücken gelegt. Er -pfiff, warf Steine nach den Krähen in den Furchen, lief unter die -Bäume, um sich Stöcke zu schneiden; Foureau rief ihn zurück; und -Bouvard, der ihn festhielt,<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> fühlte mit Wonne in seiner Hand diese -gesunden und kräftigen Kinderfinger. Der arme kleine Teufel verlangte -nur, sich frei entwickeln zu können wie eine Pflanze in frischer Luft! -Und er sollte zwischen Mauern bei Schulstunden, Strafen und einer Menge -von Dummheiten verkommen! Bouvard wurde von einem aufsässigen Mitleid -erfaßt, einer Entrüstung gegen das Schicksal, einem jener Wutanfälle, -in denen man die Obrigkeit vernichten möchte. „Lauf!“ sagte er, -„vergnüge dich! Nütze die freie Zeit!“</p> - -<p>Der Bengel rannte davon.</p> - -<p>Seine Schwester und er sollten im Wirtshaus übernachten, — und bei -Tagesanbruch sollte der Bote von Falaise Viktor mitnehmen, um ihn -in der Strafanstalt zu Beaubourg abzuliefern; — eine Nonne des -Waisenhauses zu Grand-Camp sollte Viktorine in Empfang nehmen.</p> - -<p>Nachdem Foureau diese Einzelheiten erzählt hatte, vertiefte er sich -in seine Gedanken. Doch Bouvard wollte wissen, wieviel der Unterhalt -dieser beiden Bälge kosten konnte.</p> - -<p>„Pah!... Eine Angelegenheit von dreihundert Franken vielleicht! Der -Graf hat mir fünfundzwanzig Franken für die ersten Auslagen überwiesen! -Welch ein Knicker!“</p> - -<p>Und Foureau, noch mit dem Groll über die Verachtung seiner Schärpe im -Herzen, beschleunigte seine Schritte, ohne ein Wort zu sagen.</p> - -<p>Bouvard murmelte: „Sie tun mir leid. Ich möchte mich wohl mit ihnen -befassen!“ — „Ich auch,“ sagte Pécuchet. Beiden war derselbe Gedanke -gekommen.</p> - -<p>Es gab wohl Hindernisse?</p> - -<p>„Nicht die geringsten,“ erwiderte Foureau. Übrigens hatte er als -Bürgermeister das Recht, Findelkinder wem ihm gut schien anzuvertrauen. -— Und nach langem Zögern: „Schön, gut! Nehmen Sie sie mit! Das wird -ihn ärgern.“</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet nahmen sie mit.</p> - -<p>Als sie nach Hause kamen, fanden sie Marcel, wie er unten im -Treppenhause vor der Madonna kniete und mit Inbrunst betete. Den -Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, den Mund mit der -Hasenscharte weit aufgesperrt, so hatte er das Aussehen eines -verzückten Fakirs.</p> - -<p>„Was für ein stumpfsinniger Kerl!“ sagte Bouvard.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p> - -<p>„Warum? Vielleicht erlebt er Dinge, um die du ihn beneiden würdest, -wenn du sie sähest. Gibt es nicht zwei vollständig verschiedene Welten? -Der Inhalt eines Vernunftschlusses hat weniger Gewicht als die Art und -Weise, wie man schließt. Was tut der Glaube! Die Hauptsache ist, daß -man glaubt.“</p> - -<p>So wies Pécuchet Bouvards Bemerkung zurück.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="X">X</h2> - -</div> - -<p>Sie verschafften sich mehrere Werke über Erziehung, und der Weg, -den sie einzuschlagen hatten, stand für sie fest. Man mußte jeden -metaphysischen Gedanken fernhalten, die Experimentalmethode anwenden -und dem Gang der Natur folgen. Da die beiden Zöglinge vergessen -sollten, was sie gelernt hatten, so war Eile nicht vonnöten.</p> - -<p>Obwohl sie eine kräftige Konstitution hatten, wollte Pécuchet sie -in spartanischer Weise abhärten, an das Ertragen von Hunger und -Durst, an die Unbilden der Witterung gewöhnen, und sie sollten sogar -durchlöchertes Schuhwerk tragen, um gegen Erkältungen gefeit zu sein. -Dem widersetzte sich Bouvard.</p> - -<p>Die dunkle Kammer hinten am Flur wurde ihr Schlafzimmer. Die -Ausstattung bestand in zwei Gurtbetten, zwei kleinen Lagerstätten, -einem Kruge; das Guckfenster saß über ihren Köpfen, und Spinnen liefen -an den Gipswänden entlang.</p> - -<p>Oft kam ihnen das Innere einer Hütte, in der man sich zankte, in die -Erinnerung zurück.</p> - -<p>Ihr Vater war eines Nachts mit blutigen Händen zurückgekehrt. Einige -Zeit darauf waren die Gendarmen gekommen. Dann hatten sie in einem -Walde gewohnt. Männer, die Holzschuhe machten, küßten ihre Mutter. -Sie war gestorben; ein Wägelchen hatte die Kinder fortgebracht. Man -schlug sie viel; es ging ihnen erbärmlich. Dann sahen sie in der -Erinnerung den Feldhüter wieder, Frau von Noares, Sorel; und ohne sich -nach dem Grunde zu fragen, waren sie in diesem neuen Hause glücklich. -Auch war ihr Erstaunen schmerzlich, als nach Verlauf von acht Monaten -der Unter<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span>richt wieder begann. Bouvard befaßte sich mit der Kleinen, -Pécuchet mit dem Jungen.</p> - -<p>Viktor konnte die Buchstaben unterscheiden, doch wollte es ihm nicht -gelingen, Silben zu bilden. Er stotterte sie hervor, blieb plötzlich -stecken und sah aus wie ein Idiot. Viktorine stellte Fragen. Woher -kommt es, daß ch in „orchestre“ wie q und in „archéologique“ wie k -gesprochen wird? Zuweilen muß man zwei Vokale verbinden, zu andern -Malen sie abtrennen. Das alles hat keinen Sinn. Sie war entrüstet.</p> - -<p>Die Lehrer unterrichteten zur selben Stunde, jeder in seinem Zimmer, -und da die Verbindungswand dünn war, bildeten diese vier Stimmen, -eine dünne, eine tiefe und zwei hohe, eine scheußliche Katzenmusik. -Um dem ein Ende zu machen und die beiden Bälge durch den Wetteifer -anzustacheln, kamen sie auf den Gedanken, sie zusammen im Museum -arbeiten zu lassen, und der Schreibunterricht begann.</p> - -<p>Die beiden Schüler schrieben jeder an einem Ende des Tisches eine -Vorlage ab; aber ihre Körperhaltung war schlecht. Man mußte sie -aufrichten, ihre Blätter fielen zur Erde, ihre Federn spalteten sich, -das Tintenfaß fiel um.</p> - -<p>An gewissen Tagen ging es mit Viktorine die ersten drei Minuten gut, -dann zeichnete sie Kritzeleien, und, von Entmutigung erfaßt, verharrte -sie, den Blick zur Decke gerichtet. Viktor zögerte nicht einzuschlafen, -wobei er sich mitten auf den Schreibtisch flegelte.</p> - -<p>Vielleicht litten sie? Eine zu starke Anspannung ist für junge Gehirne -schädlich.</p> - -<p>„Machen wir eine Pause,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Nichts ist stumpfsinniger als auswendig lernen zu lassen; wenn man -jedoch das Gedächtnis nicht übt, verliert es sich, und sie trichterten -ihnen die ersten Fabeln Lafontaines ein. Die Kinder fanden Geschmack an -der Ameise, die aufspeichert, an dem Wolf, der das Lamm frißt, an dem -Löwen, der alle Teile für sich nimmt.</p> - -<p>Als sie kühner geworden waren, verwüsteten sie den Garten. Aber welch -einen Zeitvertreib sollte man ihnen geben?</p> - -<p>Im „Emile“ rät Jean-Jacques dem Erzieher, den Zögling sein Spielzeug -selbst machen zu lassen, indem er ihm etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> dabei hilft, ohne daß das -Kind es merkt. Bouvard war nicht imstande, einen Reifen herzustellen; -Pécuchet brachte es nicht fertig, einen Ball zu nähen. Sie gingen zu -den belehrenden Spielen über, wie dem Ausschneiden. Pécuchet zeigte -ihnen sein Mikroskop. Nachdem Bouvard eine Kerze angezündet hatte, -bildete er mit dem Schatten seiner Finger auf der Wand den Umriß eines -Hasen oder eines Schweins. Die Zuschauer hatten bald genug davon.</p> - -<p>Einige Verfasser preisen als Vergnügen ein ländliches Frühstück; einen -Ausflug im Boot; war das, offen gesagt, tunlich? Und Fénelon empfiehlt -von Zeit zu Zeit eine „harmlose Unterhaltung“. Unmöglich, auch nur eine -einzige zu erfinden.</p> - -<p>Sie nahmen die Lehrstunden wieder auf, und die facettierten Kugeln, die -Linienblätter, das zusammensetzbare Alphabet, das alles hatte keinen -Erfolg, als sie auf eine List verfielen.</p> - -<p>Da Viktor zur Leckerei neigte, zeigte man ihm den Namen eines -Gerichtes; bald las er fließend im „Französischen Koch“. Viktorine, die -gefallsüchtig war, sollte ein Kleid bekommen, wenn sie darum an die -Schneiderin schriebe. In weniger als drei Wochen vollbrachte sie dieses -Wunder. Es hieß ihren Fehlern schmeicheln, was ein verderbliches, aber -erfolgreiches Mittel war.</p> - -<p>Was sollte man ihnen jetzt, da sie lesen und schreiben konnten, -beibringen? Neue Verlegenheit.</p> - -<p>Die Mädchen brauchen nicht gelehrt zu sein wie die Knaben. Gleichviel! -Gewöhnlich erzieht man sie in wahrem Stumpfsinn, denn ihr ganzer -geistiger Ballast beschränkt sich auf mystische Albernheiten.</p> - -<p>Ist es richtig, ihnen Sprachen beizubringen?</p> - -<p>„Spanisch und Italienisch“, so behauptet der Schwan von Cambray, -„führen nur dazu, gefährliche Werke zu lesen.“ Dieser Einwand -schien ihnen dumm. Indessen würde Viktorine mit diesen Sprachen -nichts anzufangen wissen, während Englisch verbreiteter ist. -Pécuchet studierte seine Regeln; er zeigte gravitätisch, wie ein th -ausgesprochen wird. „Sieh, so, the, the, the!“ Doch bevor man an den -Unterricht eines Kindes geht, muß man dessen Fähigkeiten kennen. -Man erschließt sie durch die Phrenologie. Sie vertieften<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span> sich in -diese Wissenschaft; wollten dann, was sie behauptet, an sich selbst -nachweisen. Bouvard zeigte die Buckel des Wohlwollens, der Phantasie, -der Ehrfurcht und der Liebesenergie, vulgo Erotismus.</p> - -<p>An Pécuchets Schläfenbein wurden philosophische Veranlagung und -Enthusiasmus festgestellt, wozu sich der Geist der List gesellte.</p> - -<p>In der Tat, so waren ihre Charaktere. Noch mehr überraschte sie, -daß sich bei dem einen wie bei dem andern der Hang zur Freundschaft -erkennen ließ, und, entzückt über die Entdeckung, umarmten sie gerührt -einander.</p> - -<p>Dann dehnten sie ihre Untersuchungen auf Marcel aus. Sein größter -Fehler war ihnen recht wohl bekannt; es war sein außerordentlicher -Appetit. Nichtsdestoweniger waren Bouvard und Pécuchet erschrocken, als -sie oberhalb der Ohrmuschel in der Höhe des Auges den Nahrungstrieb -feststellten. Mit den Jahren würde ihr Diener vielleicht wie die Frau -in der Salpêtrière werden, die täglich acht Pfund Brot aß, einmal -vierzehn Teller Suppe und ein anderes Mal sechzig Schalen Kaffee -vertilgte. Das würde über ihre Kräfte gehen.</p> - -<p>Die Schädel ihrer Schüler hatten nichts Merkwürdiges; gewiß faßten sie -die Sache nicht richtig an; ein sehr einfaches Mittel brachte ihnen -größere Erfahrung.</p> - -<p>An den Markttagen schlichen sie sich unter die Bauern auf dem -Platze, zwischen die Hafersäcke, die Käsekörbe, die Kälber, die -Pferde, ohne des Gedränges zu achten; und wenn sie einen Jungen bei -seinem Vater fanden, so erboten sie sich, ihm den Schädel zu einem -wissenschaftlichen Zweck zu betasten.</p> - -<p>Die meisten gaben überhaupt keine Antwort; andere, die glaubten, es -handle sich um eine Salbe gegen den Grind, schlugen ärgerlich ab; -einige ließen sich aus Gleichgültigkeit unter die Vorhalle der Kirche -führen, wo man ungestörter sein würde.</p> - -<p>Eines Morgens, als Bouvard und Pécuchet dort ihre Untersuchungen -begannen, erschien plötzlich der Pfarrer, und als er sah, was sie -machten, erhob er gegen die Phrenologie den Vorwurf, daß sie zum -Materialismus und Fatalismus führe.</p> - -<p>Der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, sie brauchen ihre Verbrechen nur -auf das Schuldkonto ihrer Buckel zu setzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span></p> - -<p>Bouvard wandte ein, daß das Organ für die Tat geneigt mache, ohne -indessen dazu zu zwingen. Wenn ein Mensch den Keim eines Lasters in -sich trage, sei damit noch nicht gesagt, daß er lasterhaft sein wird.</p> - -<p>„Übrigens bewundere ich die Orthodoxen; sie behaupten das Vorhandensein -angeborener Ideen und wollen von den Trieben nichts wissen. Welch ein -Widerspruch!“</p> - -<p>Doch nach Herrn Jeufroys Ansicht leugnete die Phrenologie die göttliche -Allmacht, und es sei ungehörig, sie im Schatten des heiligen Ortes, gar -angesichts des Altars, auszuüben.</p> - -<p>„Nein, nicht hier! Ich bitte Sie, nicht hier!“</p> - -<p>Sie ließen sich bei dem Friseur Ganot nieder. Um jedes Bedenken zu -besiegen, verstanden sich Bouvard und Pécuchet dazu, auf eigene Kosten -die Eltern rasieren oder frisieren zu lassen.</p> - -<p>Eines Nachmittags kam der Doktor, um sich das Haar schneiden zu lassen. -Während er sich in den Sessel setzte, sah er im Spiegel, wie die beiden -Phrenologen mit ihren Fingern auf den Kinderköpfen herumfuhren.</p> - -<p>„Sind Sie jetzt bei diesem Unsinn angelangt?“ fragte er.</p> - -<p>„Warum Unsinn?“</p> - -<p>Vaucorbeil lächelte verächtlich, dann versicherte er, es gäbe im Gehirn -keineswegs mehrere Organe.</p> - -<p>So verdaue der eine Mensch ein Nahrungsmittel, welches einem andern -nicht bekommt. Solle man deshalb im Magen ebensoviele Mägen annehmen -als es Geschmäcker gibt? Indessen lasse eine Arbeit von einer anderen -ausruhen, eine geistige Anstrengung nähme nicht zugleich alle -Fähigkeiten in Anspruch, jede habe einen besonderen Sitz.</p> - -<p>„Die Anatomen haben ihn nicht gefunden,“ sagte Vaucorbeil.</p> - -<p>„Weil sie nicht richtig seziert haben,“ erwiderte Pécuchet.</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>„Na ja; sie zerlegen in Schnitte, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang -der Teile,“ sagte Pécuchet, eine Stelle aus einem Buche zitierend, -deren er sich erinnerte.</p> - -<p>„Das ist dummes Geschwätz,“ rief der Arzt. „Der Schädel modelt sich -nicht nach dem Gehirn, das Äußere nicht nach dem Innern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span></p> - -<p>Gall irrt, und ich wette, daß Sie die Richtigkeit seiner Lehre nicht -erweisen können, wenn Sie aufs Geratewohl drei Personen im Laden -vornehmen.“</p> - -<p>Die erste war eine Bäuerin mit blauen Glotzaugen.</p> - -<p>Pécuchet sagte, sie beobachtend:</p> - -<p>„Sie hat ein gutes Gedächtnis.“</p> - -<p>Ihr Gatte bestätigte es und bot sich selbst zur Untersuchung an.</p> - -<p>„O! Ihr, mein Guter, Ihr seid schwer zu leiten.“</p> - -<p>Die anderen sagten aus, daß es auf der Welt keinen größeren Starrkopf -gäbe.</p> - -<p>Der dritte Versuch wurde mit einem Knaben angestellt, der von seiner -Großmutter begleitet war.</p> - -<p>Pécuchet erklärte, er müsse die Musik lieben.</p> - -<p>„Das kann man wohl sagen,“ sagte die gute Frau; „zeig das gerade diesen -Herren doch mal.“</p> - -<p>Der Junge zog eine Maultrommel aus seiner Bluse und begann -hineinzublasen.</p> - -<p>Man hörte ein Krachen; es war die Tür, die der davoneilende Doktor -heftig zuschlug.</p> - -<p>Sie zweifelten nicht mehr an sich selbst, riefen ihre Zöglinge und -begannen die Untersuchung ihrer Hirnschalen von neuem.</p> - -<p>Diejenige Viktorinens war im großen ganzen glatt, was ein Zeichen von -Gleichgewicht war; aber ihr Bruder hatte einen beklagenswerten Schädel: -eine starke Erhöhung im Winkel des Scheitelbeinansatzes ließ das -Organ der Zerstörung, des Mordes erkennen, und weiter unten war eine -Anschwellung, das Zeichen der Begehrlichkeit, des Diebstahls. Bouvard -und Pécuchet waren acht Tage lang darob bekümmert.</p> - -<p>Aber man mußte genau auf den Sinn der Worte achten: was man Kampflust -nennt, schließt die Verachtung des Todes ein. Wenn dadurch Mordtaten -vollbracht werden, so kann auch manches Menschenleben dadurch gerettet -werden. Der Erwerbssinn umfaßt die Schlauheit der Betrüger und den -Eifer der Kaufleute. Die Unehrerbietigkeit läuft dem kritischen Geiste -parallel, die List der Umsicht. Stets teilt sich ein Instinkt in -zwei Richtungen: in eine schlechte und eine gute. Man kann die eine -unterdrücken,<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> indem man die andere pflegt, und vermittels dieser -Methode kann ein kühnes Kind es bis zum General bringen, das sonst ein -Raubmörder geworden wäre. Der Feigling wird nur noch Vorsicht zeigen, -der Geizhals Sparsamkeit, der Verschwender Großmut.</p> - -<p>Ein glänzender Traum beschäftigte sie: wenn sie die Erziehung ihrer -Zöglinge zu einem guten Ende geführt hätten, wollten sie später eine -Anstalt gründen, deren Zweck es sein sollte, den Verstand zu bilden, -schädliche Charakteranlagen zu bekämpfen, das Gemüt zu veredeln. Sie -sprachen schon von Geldzeichnungen und dem Gebäude.</p> - -<p>Ihr Triumph bei Ganot hatte sie berühmt gemacht, und es kamen Leute, -die wissen wollten, was für Chancen sie im Leben hätten.</p> - -<p>Es marschierten ihrer von allen Arten auf: Schädel von Kugel-, Birnen- -und Zuckerhutform, viereckige, hohe, zusammengedrückte, abgeplattete, -solche mit Rinderschnauzen, Vogelgesichtern, Schweinsaugen; doch -eine solche Menge Menschen störte den Friseur bei seiner Arbeit. Die -Ellbogen streiften den Glasschrank, der die Parfumerien enthielt; -man brachte die Kämme in Unordnung, der Waschtisch zerbrach, und der -Friseur setzte alle Wißbegierigen an die Luft, indem er Bouvard und -Pécuchet bat, ihnen nachzufolgen, ein Ultimatum, in das sie sich ohne -Murren fügten, denn sie waren die Schädelbeobachtung ein wenig leid -geworden.</p> - -<p>Als sie am folgenden Morgen an dem Gärtchen des Hauptmanns vorbeikamen, -bemerkten sie ihn im Gespräch mit Girbal, Coulon, dem Feldhüter und -dessen jüngstem Sohn Zéphyrin, der als Chorknabe angezogen war. Sein -Gewand war ganz neu; er spazierte darin umher, bevor es wieder in die -Sakristei wanderte, und man bewunderte ihn darin.</p> - -<p>Neugierig zu erfahren, was sie von seinem Sohne dächten, bat -Placquevent die Herren, den Schädel seines Jungen zu untersuchen.</p> - -<p>Die Stirnhaut sah aus, als ob sie gespannt wäre; eine dünne, an der -Spitze recht knorpelige Nase senkte sich schräg auf schmale Lippen; das -Kinn war spitz, der Blick unstät, die rechte Schulter zu hoch.</p> - -<p>„Nimm deine Mütze ab,“ sagte der Vater zu ihm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span></p> - -<p>Bouvard fuhr mit seinen Händen in das strohgelbe Haar des Knaben; dann -kam Pécuchet an die Reihe, und mit leiser Stimme teilten sie einander -ihre Beobachtungen mit: „Lebenstrieb ausgeprägt. Ha, ha! Gefallsucht! -Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden! Liebestrieb gleich Null.“</p> - -<p>„Nun?“ sagte der Feldhüter.</p> - -<p>Pécuchet öffnete seine Schnupftabakdose und nahm eine Prise.</p> - -<p>„Meiner Treu,“ erwiderte Bouvard, „das ist nicht weit her.“</p> - -<p>Placquevent errötete vor gekränkter Eigenliebe.</p> - -<p>„Er wird trotzdem tun, was ich will.“</p> - -<p>„O! o!“</p> - -<p>„Aber ich bin sein Vater, zum Teufel! und ich habe wohl das Recht...“</p> - -<p>„Bis zu einem gewissen Grade,“ erwiderte Pécuchet.</p> - -<p>Girbal unterbrach:</p> - -<p>„Die väterliche Autorität ist unbestreitbar.“</p> - -<p>„Aber wenn der Vater ein Idiot ist?“</p> - -<p>„Tut nichts“, sagte der Hauptmann, „deswegen ist seine Gewalt nicht -weniger absolut.“</p> - -<p>„Im Interesse der Kinder,“ fügte Coulon hinzu.</p> - -<p>Nach Bouvards und Pécuchets Auffassung waren die Kinder den Urhebern -ihrer Tage nichts schuldig, dagegen waren die Eltern ihren Sprößlingen -gegenüber zur Ernährung, Erziehung, zu entgegenkommender Behandlung, -kurz zu allem verpflichtet.</p> - -<p>Die Bürger erhoben gegen diese unmoralische Anschauung Einspruch. Sie -verletzte Placquevent wie eine Beleidigung.</p> - -<p>„Zudem sind die nett, die Sie auf der Landstraße auflesen; sie werden -es weit bringen! Nehmen Sie sich in acht!“</p> - -<p>„In acht wovor?“ fragte Pécuchet scharf.</p> - -<p>„O! ich habe keine Angst vor Ihnen!“</p> - -<p>„Ich ebensowenig vor Ihnen!“</p> - -<p>Coulon trat vermittelnd dazwischen, brachte den Feldhüter zur Mäßigung -und veranlaßte ihn, fortzugehen.</p> - -<p>Ein paar Minuten sagte niemand ein Wort. Dann sprach man von den -Dahlien des Hauptmanns, der seinen Besuch nicht fortließ, ohne sie eine -nach der andern gezeigt zu haben.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet waren auf dem Heimwege, als sie hundert Schritte -vor sich Placquevent erblickten; neben ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> hob Zéphyrin die Arme wie -als Schild, um sich gegen Ohrfeigen zu schützen.</p> - -<p>Was sie soeben gehört hatten, verkörperte unter anderen Formen die -Ideen des Herrn Grafen; aber das Beispiel ihrer Zöglinge sollte -beweisen, wie sehr die Freiheit dem Zwange überlegen ist. Ein wenig -Zucht war indessen notwendig.</p> - -<p>Pécuchet nagelte einen Stundenplan für die Vorträge in das Museum; -man wollte ein Tagebuch führen, in dem abends alles, was die Kinder -tagsüber getan hatten, aufgezeichnet werden sollte, um am nächsten -Morgen wieder durchgelesen zu werden. Alles sollte nach Glockenzeichen -vor sich gehen. Wie Dupont von Nemours wollten sie zuerst in -väterlicher Weise ermahnen, dann in militärischer, und das Du wurde -untersagt.</p> - -<p>Bouvard versuchte, Viktorine Rechenunterricht zu geben. Manchmal -verrechneten sie sich und lachten beide darüber; dann küßte sie ihn auf -den Hals an der Stelle, wo kein Bart war, und bat, fortgehen zu dürfen; -er entließ sie.</p> - -<p>Pécuchet mochte, wenn die Zeit der Lehrstunden nahte, das -Glockenzeichen geben, so oft er wollte, und militärische Befehle aus -dem Fenster herausschreien, der Schlingel kam nicht. Seine Halbstrümpfe -hingen ihm immer auf die Knöchel; er steckte seine Finger selbst -bei Tisch in die Nase und hielt seine Gase nicht an sich. Broussais -widerrät, in dieser Beziehung Verweise zu geben, „denn man muß dem -Antrieb eines erhaltenden Instinktes gehorchen.“</p> - -<p>Viktorine und ihr Bruder bedienten sich eines scheußlichen -Kauderwelsch. Sie sagten: „mé itou“ statt „moi aussi“, „bère“ statt -„boire“, „al“ statt „elle“, ein „devientiau“, „de l’iau“; doch da -die Grammatik für Kinder unverständlich ist und sie diese kennen, -sobald sie richtig zu sprechen vermögen, so überwachten die beiden -Biedermänner die Gespräche der Kinder in einer Weise, daß es ihnen -allen eine Last war.</p> - -<p>In der Geographie gingen ihre Ansichten auseinander. Bouvard meinte, -es sei logischer, mit der Gemeinde anzufangen, Pécuchet, mit der -Gesamtheit der Welt.</p> - -<p>Mit einer Gießkanne und Sand wollte er zeigen, was ein Fluß, eine -Insel, ein Meerbusen sei, und er opferte sogar drei Beete für die -drei Erdteile; aber das, worauf es ankam, fand in Viktors Kopf keinen -Eingang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span></p> - -<p>In einer Januarnacht führte Pécuchet ihn ins freie Feld. Während sie -dahingingen, sang er das Lob der Astronomie; sie sei den Seeleuten -auf ihren Reisen nützlich; Christoph Columbus hätte ohne sie seine -Entdeckung nicht gemacht. Wir schulden Copernikus, Galilei und Newton -Dank.</p> - -<p>Es fror stark, und am schwarzblauen Himmel glitzerten eine Unmenge von -Sternen. Pécuchet hob die Augen empor.</p> - -<p>„Was, wo ist der große Bär?“</p> - -<p>Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, stand er an einer andern -Stelle; schließlich erkannte er ihn, dann zeigte er den Polarstern, der -immer im Norden steht und nach dem man sich orientiert.</p> - -<p>Am folgenden Morgen stellte er in die Mitte des Salons einen Sessel und -begann, um ihn herumzuwalzen.</p> - -<p>„Denke dir, dieser Sessel sei die Sonne und ich sei die Erde; sie -bewegt sich in dieser Weise.“</p> - -<p>Viktor betrachtete ihn voll Staunen.</p> - -<p>Dann nahm Pécuchet eine Apfelsine, steckte ein Stäbchen hinein, das -die Pole andeuten sollte, und zog um sie mit Kohle einen Kreis, der -den Äquator bedeuten sollte. Darauf führte er die Apfelsine um eine -Kerze herum und wies darauf hin, daß nicht alle Punkte der Oberfläche -gleichzeitig erhellt seien, wodurch die klimatischen Unterschiede -hervorgerufen würden; und um den Wechsel der Jahreszeiten zu erklären, -neigte er die Apfelsine; denn die Erde hält sich nicht gerade, was -Ursache der Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden ist.</p> - -<p>Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich -um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang -fest umschließe.</p> - -<p>Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor -von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen -nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den -Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles -würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden.</p> - -<p>Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf -den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch -Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an -die allgemeine<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span> Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist, -darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte -kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische, -der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt. -Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das -Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von -Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des -heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“ -des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von -„A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“.</p> - -<p>Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander. -Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und -die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth.</p> - -<p>Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor -vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik -Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen! -Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen -erlernen. Er sollte also lesen.</p> - -<p>Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun -hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu -geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte.</p> - -<p>Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei -Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas -und Rahmen das Museum schmücken sollten.</p> - -<p>Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück -Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach -einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich -unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber -die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel -herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als -ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er -erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst -besteht aus drei<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span> Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der -feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich. -Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister -hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken -Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf -die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam -niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers.</p> - -<p>Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins. -Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete, -hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz -hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten -Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und -Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte -Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu -erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß -sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei -beibringen.</p> - -<p>Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge -eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem -die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen. -Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber -das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem -Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes -gemein.</p> - -<p>Eines Tages fragte Viktorine: „Woher kommt es, daß das Holz brennt?“ -Ihre Lehrmeister tauschten verlegene Blicke aus, da die Theorie der -Verbrennung über ihr Wissen hinausging.</p> - -<p>Ein anderes Mal sprach Bouvard von der Suppe bis zum Käse von den -Bestandteilen der Ernährung und schüchterte die beiden Kleinen mit -Faserstoff, Kasein, Fett und Glutin ein.</p> - -<p>Dann wollte Pécuchet ihnen erklären, wie sich das Blut erneuert, und er -verhedderte sich, als er vom Kreislauf sprach.</p> - -<p>Das Dilemma ist recht unbequem; geht man von den Tatsachen aus, so -erheischt die einfachste zu verwickelte<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span> Gründe, und stellt man -zunächst die Prinzipien auf, so beginnt man mit dem Absoluten, dem -Glauben.</p> - -<p>Wozu sich entschließen? Die beiden Unterrichtsmethoden, die -rationalistische und die empirische, verbinden? Aber ein doppeltes -Mittel, das demselben Zweck dienen soll, ist das Gegenteil von Methode! -Na, um so schlimmer!</p> - -<p>Um die Kinder in die Naturgeschichte einzuführen, unternahmen sie -einige wissenschaftliche Spaziergänge.</p> - -<p>„Da siehst du“, sagten sie, auf einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen -zeigend, „Tiere mit vier Füßen; man nennt sie Vierfüßler. Gewöhnlich -haben die Vögel Federn, die Reptilien Schuppen, und die Schmetterlinge -gehören der Klasse der Insekten an.“ Sie hatten ein Netz, um sie -einzufangen, und während Pécuchet das Tierchen vorsichtig hielt, zeigte -er ihnen die vier Flügel, die sechs Füße, die beiden Fühler und den -harten Rüssel, durch den es den Nektar der Blumen schlürft.</p> - -<p>Er sammelte Heilkräuter an den Rändern der Gräben, nannte ihre Namen, -und wenn er sie nicht wußte, so erfand er welche, um seine Autorität -nicht zu schädigen. Übrigens sind die Namen in der Botanik das -Unwichtigste.</p> - -<p>Er schrieb folgenden Lehrsatz an die Tafel: Jede Pflanze hat Blätter, -einen Kelch und eine Blumenkrone, die einen Fruchtknoten oder eine -Fruchthülle umschließt; darin ist der Same enthalten. Dann befahl er -seinen Zöglingen, im Felde zu botanisieren und die erstbesten Blumen zu -pflücken.</p> - -<p>Viktor brachte ihm Butterblumen, Viktorine Büschel der Erdbeerstaude; -er suchte vergeblich nach einer Fruchthülle.</p> - -<p>Bouvard, der Pécuchets Kenntnissen mißtraute, stöberte die ganze -Bibliothek durch und entdeckte im „Redouté des Dames“ die Zeichnung -einer Iris, bei der die Fruchtknoten nicht in der Blumenkrone lagen, -sondern unterhalb der Blütenblätter im Stengel.</p> - -<p>In ihrem Garten wuchsen Klebe und Waldmeister, der in Blüte stand; -diese Rubiazeen hatten keinen Kelch; so war der an die Tafel -geschriebene Lehrsatz falsch.</p> - -<p>„Das ist eine Ausnahme,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Zufällig aber fanden sie im Grase eine Sherardia, und sie hatte einen -Kelch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span></p> - -<p>„O weh! wenn sogar die Ausnahmen nicht stimmen, was soll man glauben?“</p> - -<p>Eines Tages hörten sie auf einem ihrer Spaziergänge Pfauen schreien, -warfen einen Blick über die Mauer, und im ersten Augenblicke erkannten -sie ihren Pachthof nicht wieder. Die Scheune hatte ein Schieferdach, -es waren neue Gattertore da, eine Steinauflage deckte die Wege. Vater -Gouy erschien: „Nicht möglich, Sie sind es?“ Was hatte sich in den drei -Jahren nicht alles ereignet, unter anderm der Tod seiner Frau. Was ihn -selbst beträfe, so trotze seine Gesundheit allen Stürmen. „Kommen Sie -doch einen Augenblick herein.“</p> - -<p>Es war Anfang April, und in den drei Obsthöfen reihten die blühenden -Apfelbäume ihre weißen und rosigen Ballen in einer Flucht aneinander; -der seidigblaue Himmel zeigte nicht eine Wolke; Tischtücher, -Laken, Servietten hingen herab, senkrecht durch Holzklammern an -aufgespannten Leinen festgehalten. Vater Gouy hob sie hoch, um -darunter durchzukriechen, als sie plötzlich Frau Bordin erblickten, -die barhäuptig und in einer Hausjacke war, und Marianne, die ihr ein -schweres Wäschebündel nach dem andern reichte. „Ihre Dienerin, meine -Herren! Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären! Ich muß mich setzen, ich -bin wie zerschlagen.“</p> - -<p>Der Pächter bot der ganzen Gesellschaft einen Trunk an.</p> - -<p>„Jetzt nicht,“ sagte sie, „ich bin zu warm.“</p> - -<p>Pécuchet nahm an und verschwand mit Vater Gouy, Marianne und Viktor in -der Richtung der Vorratskammer.</p> - -<p>Bouvard setzte sich neben Frau Bordin auf die Erde.</p> - -<p>Er empfing pünktlich seine Rente, konnte sich nicht beklagen und war -ihr nicht mehr gram.</p> - -<p>Das Licht fiel voll auf ihr Profil; ihr dunkles glattgescheiteltes -Haar war auf der einen Seite herabgefallen, und die kleinen Löckchen -im Nacken klebten an ihrer bernsteinfarbenen Haut, die feucht von -Schweiß war. Ihre beiden Brüste hoben sich bei jedem Atemzuge. Der Duft -des Rasens vermischte sich mit dem angenehmen Geruch ihres gesunden -Fleisches, und Bouvard fühlte ein Wiedererwachen seiner Sinne, das -ihn mit Freude erfüllte. Da sagte er ihr Schmeichelhaftes über ihre -Besitzung.</p> - -<p>Sie war entzückt und sprach von ihren Plänen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p> - -<p>Um die Höfe zu vergrößern, wollte sie die Erdwälle niederlegen lassen.</p> - -<p>Gerade in dem Augenblicke erklomm Viktorine deren Böschung und pflückte -Primeln, Hyazinthen und Veilchen, ohne Furcht vor einer alten Mähre, -die am Fuße das Gras abfraß.</p> - -<p>„Sie ist niedlich, nicht wahr?“ sagte Bouvard.</p> - -<p>„Ja, das ist etwas Nettes, ein kleines Mädchen!“</p> - -<p>Und die Witwe stieß einen Seufzer aus, der den langen Kummer eines -ganzen Lebens in sich zu schließen schien.</p> - -<p>„Sie hätten Kinder haben können.“</p> - -<p>Sie senkte den Kopf.</p> - -<p>„Es hat nur an Ihnen gelegen.“</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>Er warf ihr einen Blick zu, daß sie errötete, wie unter der Empfindung -einer brutalen Zärtlichkeit; doch sie sagte sogleich, sich mit dem -Taschentuche Luft zufächelnd:</p> - -<p>„Sie haben den Anschluß verpaßt, mein Lieber.“</p> - -<p>„Ich verstehe nicht.“</p> - -<p>Und ohne aufzustehen, näherte er sich ihr.</p> - -<p>Sie schaute ihn lange von Kopf bis zu Fuß an; dann sagte sie lächelnd, -mit feuchten Augen:</p> - -<p>„Es war Ihre Schuld.“</p> - -<p>Die Laken rings schlossen sie wie die Vorhänge eines Bettes ein.</p> - -<p>Er neigte sich, auf seinen Ellbogen gestützt, und streifte ihre Knie -mit seinem Gesichte.</p> - -<p>„Warum? Wieso? Warum?“</p> - -<p>Und da sie schwieg und er in einer Stimmung war, wo die Schwüre einem -leicht werden, versuchte er, sich zu rechtfertigen, klagte sich der -Torheit, der Vermessenheit an:</p> - -<p>„Verzeihung! Es soll wie früher sein! Wollen Sie?“</p> - -<p>Und er hatte ihre Hand ergriffen, die sie in der seinigen ließ.</p> - -<p>Ein plötzlicher Windstoß hob die Laken, und sie sahen zwei Pfauen, -ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen hielt sich regungslos mit -eingeknickten Beinen, das Hinterteil emporgestreckt. Das Männchen -spazierte um es herum, schlug sein Rad, blähte sich, gluckste, sprang -dann darauf, indem es sein Gefieder niederschlug; seine Federn<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span> -bedeckten das Weibchen wie eine Laube, und die beiden Vögel erzitterten -in demselben Liebesschauer.</p> - -<p>Bouvard fühlte ihn in der Handfläche Frau Bordins. Sie machte sich -hastig frei. Vor ihnen stand mit offenem Munde und wie versteinert der -kleine Viktor und schaute zu; etwas weiter lag Viktorine in der vollen -Sonne auf dem Rücken und sog den Duft all der Blumen ein, die sie -gepflückt hatte.</p> - -<p>Der alte Gaul, durch die Pfauen erschreckt, zerriß ausschlagend eine -der Leinen, verwickelte sich mit den Beinen hinein und zog, während er -in den drei Höfen herumgaloppierte, die Wäsche mit sich.</p> - -<p>Auf das wütende Geschrei Frau Bordins eilte Marianne herbei. Der Vater -Gouy verfluchte sein Pferd: „Schuft von einem Gaul! Schindmähre! -Spitzbube!“ — versetzte ihm Fußtritte in den Leib und Schläge mit dem -Peitschenstiel auf die Ohren.</p> - -<p>Bouvard war entrüstet, daß man ein Pferd schlug.</p> - -<p>Der Bauer antwortete:</p> - -<p>„Das darf ich: es gehört mir!“</p> - -<p>Das sei kein Grund.</p> - -<p>Und Pécuchet, der dazukam, fügte hinzu, daß auch die Tiere ihre Rechte -hätten, denn sie hätten eine Seele wie wir, vorausgesetzt, daß die -unsrige überhaupt existiere.</p> - -<p>„Sie sind ein gottloser Mensch!“ rief Frau Bordin.</p> - -<p>Dreierlei versetzte sie in Ärger: die neu zu waschende Wäsche, die -Beleidigung dessen, was sie glaubte, und die Furcht, soeben in einer -verdächtigen Situation gesehen worden zu sein.</p> - -<p>„Ich hätte Sie für vorurteilsloser gehalten!“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Sie erwiderte in verweisendem Tone:</p> - -<p>„Ich liebe die lockeren Vögel nicht!“</p> - -<p>Und Gouy machte die Herren für die Beschädigung seines Pferdes -verantwortlich, das aus den Nüstern blutete. Er brummte ganz leise:</p> - -<p>„Verdammte Unglückskerle! Ich wollte es anbinden, da kamen sie.“</p> - -<p>Die beiden Biedermänner gingen achselzuckend davon.</p> - -<p>Viktor fragte sie, warum sie sich mit Gouy gezankt hätten.</p> - -<p>„Er mißbraucht seine Kraft, das ist unrecht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span></p> - -<p>„Warum ist das unrecht?“</p> - -<p>Sollten die Kinder keine Vorstellung von Gerechtigkeit haben? -Vielleicht.</p> - -<p>Und noch denselben Abend begann Pécuchet, während er Bouvard zur -Rechten, vor sich ein paar Aufzeichnungen und gegenüber die beiden -Zöglinge hatte, einen Kursus der Moral.</p> - -<p>Diese Wissenschaft lehrt uns die Grundsätze, nach denen wir unser -Handeln einzurichten haben.</p> - -<p>Es hat zwei Motive: das Vergnügen und das Interesse; und ein drittes -gebieterischeres: die Pflicht.</p> - -<p>Die Pflichten zerfallen in zwei Klassen: erstens in solche gegen uns -selbst, die darin bestehen, unsern Körper zu pflegen, uns vor allerlei -Unbill zu schützen. Die Kinder begriffen das vollkommen. Zweitens in -Pflichten gegen die andern, das heißt, man soll stets ohne Falsch, -gütig und sogar brüderlich sein, denn das Menschengeschlecht bildet -nur eine große Familie. Oft sagt uns etwas zu, das unsern Mitmenschen -schadet; das Interesse ist vom Guten verschieden, denn der Begriff des -Guten läßt sich auf keinen andern Begriff zurückführen. Die Kinder -verstanden nicht. Er verschob die Strafen, die die Verletzung der -Pflichten nach sich zieht, auf das nächste Mal.</p> - -<p>Bei alledem habe er, so meinte Bouvard, das Gute nicht definiert.</p> - -<p>„Wie willst du es definieren? Man fühlt es.“</p> - -<p>Dann würden die moralischen Unterweisungen nur moralischen Leuten -zukommen, und Pécuchets Vorlesung wurde nicht fortgesetzt.</p> - -<p>Sie ließen ihre Zöglinge die kleinen Geschichten lesen, die darauf -abzielen, Liebe zur Tugend zu erwecken. Sie langweilten Viktor tödlich.</p> - -<p>Um seine Einbildungskraft anzuregen, hing Pécuchet an die Wände -seines Zimmers Bilder, die das Leben des ordentlichen Menschen und -das des liederlichen darstellten. Der erstere, Adolf, umarmte seine -Mutter, lernte eifrig Deutsch, half einem Blinden und kam auf die -polytechnische Hochschule.</p> - -<p>Der liederliche, Eugen, fing mit Ungehorsam gegen seinen Vater an, -hatte Streit in einem Café, schlug seine Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span> stürzte vollständig -betrunken hin, zerschlug einen Schrank und ein letztes Bild zeigte ihn -im Zuchthaus, wo ein Herr der von einem Knaben begleitet war, auf ihn -weisend sagte:</p> - -<p>„Hier siehst du, mein Sohn, die Gefahren eines schlechten -Lebenswandels.“</p> - -<p>Doch für die Kinder ist die Zukunft nicht vorhanden. Man speiste -sie vergeblich bis zum Überdruß mit dem Grundsatz: „daß die Arbeit -ehrenvoll sei und daß der Reichtum nicht immer glücklich mache.“ -Sie hatten Arbeiter gekannt, die keineswegs geehrt wurden, und sie -gedachten des Schlosses, wo das Leben angenehm schien.</p> - -<p>Die Qualen des Gewissens wurden ihnen mit solchen Übertreibungen -ausgemalt, daß sie die Aufschneiderei witterten und bei allem übrigen -Mißtrauen zeigten.</p> - -<p>Man versuchte, sie bei der Ehre zu fassen, durch den Gedanken an die -öffentliche Meinung und das Gefühl für Auszeichnung, indem man ihnen -die großen Menschen rühmte, besonders die, welche ihren Mitmenschen von -Nutzen gewesen waren, wie Belzunce, Franklin, Jacquard! Viktor bezeugte -nicht die geringste Neigung, es ihnen gleichzutun.</p> - -<p>Als er eines Tages eine Addition ohne Fehler ausgeführt hatte, nähte -Bouvard ihm ein Band an seine Jacke, welches das Ehrenkreuz bedeuten -sollte. Viktor brüstete sich damit; doch als er den Tod Heinrichs IV. -vergessen hatte, setzte ihm Pécuchet eine Eselsmütze auf. Viktor begann -mit solcher Heftigkeit und so lange wie ein Esel zu schreien, daß man -ihm die papiernen Ohren abnehmen mußte.</p> - -<p>Seine Schwester war gleich ihm stolz auf Lob, aber gleichgültig gegen -Tadel.</p> - -<p>Um ihr Gefühl zu wecken, gab man ihnen eine schwarze Katze, für die -sie sorgen sollten; man händigte ihnen zwei, drei Sous ein, damit sie -Almosen gaben. Sie fanden diese Forderung ungerecht; dieses Geld gehöre -ihnen.</p> - -<p>Auf den Wunsch ihrer Erzieher nannten sie Bouvard „Onkelchen“ und -Pécuchet „Alterchen“, doch sie duzten sie, und die Unterrichtsstunden -vergingen gewöhnlich zur Hälfte mit Streitigkeiten.</p> - -<p>Viktorine mißbrauchte Marcel für ihre Launen, kletterte auf seinen -Rücken, zog ihn an den Haaren.</p> - -<p>Um über seine Hasenscharte zu spotten, sprach sie wie<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span> er durch die -Nase, und der arme Kerl wagte nicht, sich zu beklagen, so sehr liebte -er das kleine Mädchen. Eines Abends ertönte seine heisere Stimme sehr -laut. Bouvard und Pécuchet gingen in die Küche herunter. Die beiden -Zöglinge beobachteten den Kamin, und Marcel schrie händeringend:</p> - -<p>„Hol sie heraus! Das ist zu arg! Das ist zu arg!“</p> - -<p>Der Deckel des Topfes sprang ab, als wäre eine Granate geplatzt. Ein -graues Etwas sauste bis zur Decke empor, drehte sich dann wie rasend um -die eigene Achse und stieß dabei ein schreckliches Geheul aus.</p> - -<p>Man erkannte die Katze, die ganz eingefallen und haarlos war. Ihr -Schwanz glich einem Seil, und die Augen standen ihr riesengroß aus dem -Kopfe hervor. Sie waren milchfarbig, wie entleert, und sandten doch -Blicke.</p> - -<p>Das entsetzliche Tier heulte immer noch, sprang in den Kamin, -verschwand und fiel dann als leblose Masse in die Asche.</p> - -<p>Es war Viktor, der diese Scheußlichkeit begangen hatte, und die beiden -Biedermänner zogen sich bleich vor Entsetzen und Schauder zurück. Auf -die Vorwürfe, die man ihm machte, antwortete er wie der Feldhüter -hinsichtlich seines Sohnes und wie der Pächter in betreff seines -Pferdes:</p> - -<p>„Was denn! Sie gehört doch mir.“ Er sagte es ungeniert, wie -selbstverständlich und mit der Ruhe eines befriedigten Triebes.</p> - -<p>Das kochende Wasser des Topfes war auf dem Boden umhergespritzt; -Pfannen, Feuerzange und Leuchter lagen auf den Fliesen.</p> - -<p>Es dauerte einige Zeit, bis Marcel die Küche gesäubert hatte, und seine -Herren und er verscharrten die arme Katze im Garten unter der Pagode.</p> - -<p>Dann sprachen Bouvard und Pécuchet eingehend miteinander über Viktor. -Das väterliche Blut schlug durch. Was tun? Ihn Herrn von Faverges -zurückgeben oder ihn anderen anvertrauen, wäre ein Eingeständnis ihrer -Unfähigkeit gewesen. Vielleicht würde er sich bessern.</p> - -<p>Gleichviel! Die Hoffnung war zweifelhaft; die Liebe war verschwunden. -Wie schön wäre es jedoch gewesen, an seiner Seite einen Jüngling -zu haben, der nach unseren Gedanken fragt, dessen Fortschritte man -beobachtet, der später zu<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span> einem Bruder wird; doch Viktor fehlte es an -Klugheit und noch mehr an Herz! Und Pécuchet, der sein eines Knie mit -beiden Händen umspannt hielt, seufzte.</p> - -<p>„Die Schwester taugt ebensowenig,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und -fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte; -und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben -gestorben.</p> - -<p>Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung -ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht -moralisch oder unmoralisch sein.</p> - -<p>Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um -Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie -bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie -in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist. -Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen; -möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von -einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird -schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit -bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit -zurückführen.</p> - -<p>Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution -konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm -willkommen sein.</p> - -<p>Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung; -Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm -kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die -Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück -gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier, -Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er -plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn -verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe -gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu -beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er -beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel -taugte nichts.</p> - -<p>Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span> von Wut -behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand -sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek -eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet -dazukam:</p> - -<p>„Meine Kokosnuß!“</p> - -<p>Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach -Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen -in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr -an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den -Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung -zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen.</p> - -<p>Bouvard machte ihm Vorwürfe.</p> - -<p>„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der -Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“</p> - -<p>Pécuchet wandte ein, körperliche Züchtigungen seien zuweilen -unerläßlich. Pestalozzi wandte sie an, und der berühmte Melanchthon -gesteht, daß er ohne sie nichts gelernt haben würde. — Doch haben -grausame Bestrafungen zum Selbstmord getrieben, man liest von solchen -Beispielen. Viktor hatte den Eingang zu seinem Zimmer verbarrikadiert. -— Bouvard verhandelte durch die Tür, und um sie aufzubekommen, -versprach er ihm eine Pflaumentorte.</p> - -<p>Von nun an wurde es schlimmer mit dem Jungen.</p> - -<p>Blieb ein von dem Bischof Dupanloup empfohlenes Mittel: „der strenge -Blick“. Sie versuchten, ihren Gesichtern einen schrecklichen Ausdruck -zu geben, und hatten nicht den geringsten Erfolg damit.</p> - -<p>„Wir können es nur noch mit der Religion versuchen,“ sagte Bouvard.</p> - -<p>Pécuchet protestierte. Sie hätten die Religion aus ihrem Programm -gestrichen.</p> - -<p>Doch die Vernunft befriedigt nicht alle Bedürfnisse. Das Herz und -die Phantasie wollen mehr. Vielen Seelen ist das Übernatürliche -unentbehrlich, und sie beschlossen, die Kinder in die Katechismusstunde -zu schicken.</p> - -<p>Reine erbot sich, sie dorthin zu bringen. Sie kam wieder ins Haus und -verstand, durch einnehmende Manieren sich beliebt zu machen.</p> - -<p>Viktorine wurde plötzlich anders; sie zeigte sich zurück<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span>haltend, -wurde süßlich, lag vor der Madonna auf den Knien, bewunderte das Opfer -Abrahams und hatte ein verächtliches Hohnlächeln, wenn von Protestanten -die Rede war.</p> - -<p>Sie erklärte, man habe ihr aufgegeben zu fasten. Bouvard und Pécuchet -erkundigten sich: es war nicht wahr. Am Fronleichnamstage verschwanden -Levkojen von einem Beete, die nachher den Altar schmückten; sie -leugnete in frecher Weise, sie abgeschnitten zu haben. Ein anderes Mal -entwendete sie Bouvard zwanzig Sous, die sie beim Abendgottesdienst in -die Schale des Küsters legte.</p> - -<p>Sie schlossen daraus, daß Moral und Religion verschiedene Dinge -seien; wenn die letztere keinen tieferen Grund hat, ist sie von -untergeordneter Wichtigkeit.</p> - -<p>Eines Abends, während sie speisten, trat Herr Marescot ins Zimmer; im -selben Augenblick entschlüpfte Viktor.</p> - -<p>Der Notar, der es ablehnte, sich zu setzen, erzählte, was ihn herführe: -der junge Touache habe seinen Sohn beinahe zu Tode geprügelt.</p> - -<p>Da man um Viktors Herkunft wußte und er unangenehm war, nannten ihn -die anderen Bengel Zuchthäusler, und soeben hatte er den jungen Herrn -Marescot in unverschämter Weise verhauen. Der Körper des teuren Arnold -zeigte die Spuren davon. „Seine Mutter ist in Verzweiflung, sein Anzug -in Fetzen, seine Gesundheit geschädigt! Was soll daraus werden?“</p> - -<p>Der Notar forderte eine scharfe Züchtigung, und unter anderm sollte -Viktor nicht mehr die Katechismusstunde besuchen, um neue Zusammenstöße -zu vermeiden!</p> - -<p>Obwohl Bouvard und Pécuchet durch den hochfahrenden Ton verletzt waren, -versprachen sie alles, was er wünschte, gaben klein bei.</p> - -<p>War Viktor dem Antriebe des Ehr- oder dem des Rachegefühls gefolgt? Auf -jeden Fall war er kein Feigling.</p> - -<p>Doch seine Roheit erschreckte sie; die Musik würde seine Sitten -mildern; Pécuchet kam auf den Gedanken, ihn die Anfangsgründe des -Gesanges zu lehren.</p> - -<p>Es machte Viktor große Mühe, die Noten fließend zu lesen und die -Ausdrücke Adagio, Presto, Sforzando nicht miteinander zu verwechseln.</p> - -<p>Sein Lehrer mühte sich ab, ihm die Tonleiter zu er<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span>klären, den -Dreiklang, die diatonische, die chromatische Leiter und die beiden -Arten von Intervallen, die sogenannte große und kleine Terz.</p> - -<p>Viktor mußte sich ganz gerade hinsetzen, die Brust heraus- und die -Schultern zurücknehmen und den Mund weit öffnen; und um ihn durch -Beispiel zu unterrichten, gab Pécuchet selbst die Töne mit falscher -Stimme an; Viktor brachte die seinige nur mit Mühe aus der Kehle, so -preßte er sie zusammen; wenn der Takt mit einer Pause begann, sang er -sogleich los, oder er kam zu spät.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger machte sich Pécuchet an den zweistimmigen Gesang. -Anstatt des Bogens nahm er ein Stöckchen und bewegte seinen Arm -gebieterisch hin und her, als wenn er ein Orchester dirigiert hätte; -aber von zwei Verrichtungen in Anspruch genommen, kam er aus dem Takt, -sein Irrtum veranlaßte neue Fehler beim Schüler, und während sie die -Augenbrauen runzelten und die Halsmuskeln anspannten, fuhren sie aufs -Geratewohl fort, bis sie unten auf der Seite angelangt waren.</p> - -<p>Schließlich sagte Pécuchet zu Viktor: „Du wirst sobald noch nicht in -den Gesangvereinen glänzen.“ Und er gab den Musikunterricht auf.</p> - -<p>Locke hat übrigens vielleicht recht: „Die Musik führt in so liederliche -Gesellschaft, daß man besser tut, sich mit etwas anderm zu befassen.“</p> - -<p>Ohne einen Schriftsteller aus Viktor machen zu wollen, hielten sie es -für angebracht, wenn er verstände, einen ordentlichen Brief zuwege zu -bringen. Eine Überlegung hielt sie zurück: man kann den Briefstil nicht -erlernen, denn er gehört ausschließlich den Frauen.</p> - -<p>Sie gedachten sodann, ihm ausgewählte Stücke aus der Literatur ins -Gedächtnis zu trichtern und, da sie in Verlegenheit waren, was sie -wählen sollten, zogen sie das Werk der Frau Campan zu Rate. Sie -empfiehlt die Eliacin-Szene, die Chöre aus Esther, Jean-Baptiste -Rousseau ganz.</p> - -<p>Das alles ist etwas veraltet. Was die Romane anlangt, so untersagt sie -deren Lektüre, da sie die Welt in zu günstigen Farben malen.</p> - -<p>Indessen gestattet sie „Clarissa Harlowe“ und den „Familienvater“ von -Miß Opy. — Wer ist diese Miß Opy?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S. 300]</span></p> - -<p>Sie konnten ihren Namen in der „Biographie Michaud“ nicht entdecken. -Blieben die Märchen. „Sie werden sich Hoffnung auf Diamantenpaläste -machen,“ sagte Pécuchet. Die Literatur entwickelt den Geist, aber sie -erhitzt die Leidenschaften.</p> - -<p>Viktorine wurde wegen der ihrigen aus der Katechismusstunde gewiesen. -Man hatte sie überrascht, wie sie den Sohn des Notars küßte, und Reine -verstand keinen Spaß: ihr Gesicht unter ihrer Haube mit den großen -Röhrenfalten war ernst.</p> - -<p>Wie konnte man nach einem solchen Skandal ein so verdorbenes junges -Mädchen behalten?</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet erklärten den Pfarrer für ein altes Roß. Seine -Magd verteidigte ihn brummend: „Man kennt Sie! Man kennt Sie!“ Sie -gaben’s ihr zurück, und sie ging, während sie die Augen schrecklich -rollte.</p> - -<p>Viktorine hatte sich in der Tat in Arnold verliebt, so reizend fand sie -ihn in seinem gestickten Kragen, seiner Samtweste, mit seinem angenehm -duftenden Haar, und sie brachte ihm Sträuße mit bis zu dem Augenblick, -wo sie durch Zéphyrin angezeigt wurde.</p> - -<p>Wie lächerlich war dieses Abenteuer; die beiden Kinder waren ja -vollständig unschuldig!</p> - -<p>Sollte man sie über das Geheimnis der Zeugung belehren? „Ich sähe -nichts Schlimmes darin,“ sagte Bouvard. Der Philosoph Basedow erklärte -es seinen Zöglingen, wobei er jedoch nur auf die Schwangerschaft und -die Geburt genauer einging.</p> - -<p>Pécuchet dachte anders. Viktor begann ihn zu beunruhigen.</p> - -<p>Pécuchet hatte ihn im Verdacht, eine böse Angewohnheit zu haben. -Weshalb nicht? Es gibt ernste Männer, die sie ihr ganzes Leben hindurch -behalten, und man behauptet, daß der Herzog von Angoulême sich ihr -hingab.</p> - -<p>Er fragte seinen Zögling in einer Weise, daß er ihm die Augen öffnete, -und bald darauf sah er seinen Argwohn bestätigt.</p> - -<p>Da nannte er ihn Verbrecher und wollte ihn zur Heilung Tissot -lesen lassen. Dieses Meisterwerk wirkte nach Bouvards Ansicht eher -verderblich als nutzbringend. Besser sei, ihm ein poetisches Gefühl -einzuflößen. Aimé Martin berichtet, daß eine Mutter in einem ähnlichen -Falle ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S. 301]</span> Sohne die „Neue Héloise“ zu lesen gab, und um der Liebe -würdig zu werden, begab sich der junge Mensch schleunigst auf den Pfad -der Tugend.</p> - -<p>Doch Viktor war nicht fähig, eine Sophie zu erträumen.</p> - -<p>„Wie wär’s, wenn wir ihn in ein Bordell führten?“</p> - -<p>Pécuchet gab seinen Abscheu gegen die öffentlichen Dirnen zu erkennen.</p> - -<p>Bouvard hielt das für dumm und sprach sogar davon, dieserhalb eine -Reise nach le Havre zu machen.</p> - -<p>„Was fällt dir ein? Man könnte uns hineingehen sehen!“</p> - -<p>„Na, schön! Kaufe ihm ein Schutzmittel!“</p> - -<p>„Aber der Bandagist dächte vielleicht, es sei für mich,“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Ein aufregendes Vergnügen wie die Jagd tat ihm not; sie würde die -Ausgabe für eine Flinte, für einen Hund mit sich bringen; sie zogen -vor, ihn zu ermüden, und unternahmen es, mit ihm in der Gegend -umherzustreifen.</p> - -<p>Der Schlingel entschlüpfte ihnen, obwohl sie einander ablösten: sie -waren wie erschlagen, und am Abend hatten sie nicht mehr die Kraft, die -Zeitung zu halten.</p> - -<p>Während sie auf Viktor warteten, plauderten sie mit den -Vorübergehenden, und aus Bedürfnis, ihren Lehrtrieb zu betätigen, -versuchten sie, den Leuten hygienische Maßregeln beizubringen, -beklagten den Verlust der Abwässer, die Vergeudung des Düngers, -wetterten gegen den Aberglauben, das Anbringen eines Drosselskelettes -in der Scheune, eines geweihten Buchsbaumes hinten im Stall, gegen den -Sack mit Würmern auf den Füßen der Fieberkranken.</p> - -<p>Sie besuchten sogar die Ammen, und sie entrüsteten sich über die Art, -wie sie die Säuglinge behandelten; einige ernährten sie mit Grieß, -wodurch die Kinder aus Schwäche zugrunde gingen; andere stopften sie -mit Fleisch, noch ehe sie sechs Monate alt waren, und die Kleinen -starben an Verdauungsstörungen; manche reinigten sie mit ihrem eigenen -Speichel, alle behandelten sie roh.</p> - -<p>Wenn sie über der Tür eine gekreuzigte Eule bemerkten, so traten sie in -den Hof und sagten:</p> - -<p>„Das ist unrecht von Ihnen — diese Tiere leben von Ratten, Feldmäusen; -im Magen eines Käuzchens hat man eine Menge Raupenlarven gefunden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S. 302]</span></p> - -<p>Die Dörfler kannten sie, denn sie hatten sie zuerst als Ärzte, dann -nach alten Möbeln fahndend, schließlich beim Steinesuchen gesehen, und -sie antworteten:</p> - -<p>„Gehen Sie, Sie Spaßmacher! Wollen Sie doch nicht klüger sein als wir.“</p> - -<p>Ihre Überzeugung geriet ins Wanken; denn die Sperlinge reinigen die -Gemüsegärten, aber zugleich fressen sie die Kirschen ab. Die Eulen -verschlingen die Insekten und ebenso die Fledermäuse, die nützlich -sind, — und wenn die Maulwürfe die Schnecken fressen, wühlen sie -andrerseits die Erde auf. Eines stand für sie fest, nämlich, daß man -alles Wild ausrotten müsse, da es dem Ackerbau schade.</p> - -<p>Eines Abends gingen sie durch den Wald von Faverges; sie kamen vor das -Haus, wo Sorel am Wege zwischen drei Männern gestikulierte.</p> - -<p>Der erste war ein gewisser Dauphin, ein Schuhflicker, klein, mager, -mit tückischem Gesichtsausdruck. Der zweite, der alte Aubain, der -Botendienste in den Dörfern tat, trug einen alten gelben Rock zu einer -Hose aus blauem Zwillich. Der dritte, Eugen, Diener bei Herrn Marescot, -zeichnete sich durch einen Bart aus, der wie die Bärte der Beamten -geschnitten war.</p> - -<p>Sorel zeigte ihnen eine Schlinge aus Kupferdraht, die an einem -Seidenfaden saß; letzterer wurde von einem Ziegel festgehalten; — -man nenne das eine Dohne, — und er hatte den Schuhflicker beim Legen -derselben gefunden.</p> - -<p>„Sie sind Zeugen, nicht wahr?“</p> - -<p>Eugen nickte in zustimmender Weise, und der alte Aubain erwiderte:</p> - -<p>„Wenn Sie es sagen.“</p> - -<p>Was Sorel in Wut setzte, war die Frechheit, daß man eine Schlinge so -nahe bei seiner Wohnung gelegt habe; der Lump bilde sich ein, daß man -nicht auf den Gedanken komme, an dieser Stelle so etwas zu vermuten.</p> - -<p>Dauphin nahm eine weinerliche Miene an:</p> - -<p>„Ich trat darauf, ich wollte sie sogar zerreißen.“ Man beschuldige ihn -immer, man hasse ihn, er sei sehr unglücklich!</p> - -<p>Ohne zu antworten, hatte Sorel ein Notizbuch, eine Feder und Tinte aus -der Tasche gezogen, um ein Protokoll aufzunehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S. 303]</span></p> - -<p>„O! nicht doch!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>Bouvard fügte hinzu: „Lassen Sie ihn laufen, er ist ein ordentlicher -Kerl!“</p> - -<p>„Der, ein Wilddieb!“</p> - -<p>„Und wenn das wirklich der Fall wäre?“ Und sie begannen, die -Wilddieberei zu verteidigen: „Zunächst steht fest, daß die Kaninchen -die jungen Sprossen abnagen, die Hasen das Getreide verderben, -ausgenommen die Schnepfe vielleicht ...“</p> - -<p>„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.“ Und der Waldhüter schrieb mit -zusammengebissenen Zähnen.</p> - -<p>„Welch ein Starrsinn!“ murmelte Bouvard.</p> - -<p>„Noch ein Wort, und ich hole die Gendarmen.“</p> - -<p>„Sie sind ein ungeschliffener Mensch!“ sagte Pécuchet.</p> - -<p>„Und ich schere mich den Teufel um Sie,“ erwiderte Sorel.</p> - -<p>Bouvard, sich vergessend, nannte ihn Tölpel, Lakai, und Eugen sagte -immerfort: „Ruhe! Ruhe! Achten wir das Gesetz!“ während der alte -Aubain, drei Schritte davon auf einem Steinhaufen sitzend, stöhnte.</p> - -<p>Durch die Stimmen erregt, kamen alle Hunde der Meute aus ihren Hütten; -man sah ihre funkelnden Augen, ihre schwarzen Schnauzen durch das -Gitter, und bald hierhin, bald dorthin rennend, bellten sie schrecklich.</p> - -<p>„Ärgern Sie mich nicht länger,“ schrie ihr Herr, „oder ich lasse sie -auf Ihre Hosen los!“</p> - -<p>Die beiden Freunde entfernten sich, trotz alledem befriedigt, weil sie -den Fortschritt, die Zivilisation unterstützt hatten.</p> - -<p>Sogleich am folgenden Tage erhielten sie eine Vorladung vor das -Polizeigericht wegen Beleidigung des Waldhüters, der auf hundert -Franken Buße angetragen habe, vorbehaltlich eines Antrages seitens des -Staatsanwalts wegen der durch sie begangenen Übertretungen: „Kosten 6 -Frank 75 Cents. Tiercelin, Gerichtsvollzieher.“</p> - -<p>Was sollte dabei der Staatsanwalt? Der Kopf schwindelte ihnen; dann -beruhigten sie sich und bereiteten ihre Verteidigung vor.</p> - -<p>Am vorgeschriebenen Tage begaben sich Bouvard und Pécuchet eine Stunde -zu früh auf das Bürgermeisteramt.<span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S. 304]</span> Niemand zeigte sich. — Stühle und -drei Sessel standen um einen ovalen Tisch, der mit einer Decke bedeckt -war; in die Mauer war eine Nische zur Einsetzung eines Ofens gebrochen, -und die Büste des Kaisers, die auf einem Sockel stand, schaute auf das -Ganze herab.</p> - -<p>Sie durchstreiften das Haus bis zum Boden, wo eine Löschpumpe, mehrere -Fahnen und in einem Winkel auf der Erde noch andere Gipsbüsten lagen: -der große Napoleon ohne Diadem, Ludwig XVIII. mit Epauletten über dem -Frack, Karl X., der an seiner herabhängenden Lippe zu erkennen war, -Ludwig Philipp mit geschweiften Augenbrauen und einer spitz gekämmten -Tolle; sein Nacken berührte die schräge Neigung des Daches; und -alle Büsten waren von Fliegen und Staub beschmutzt. Dieser Anblick -verstimmte Bouvard und Pécuchet. Ein Gefühl des Mitleids für die -Regierungen ergriff sie, als sie in den großen Saal zurückkehrten.</p> - -<p>Hier fanden sie Sorel und den Feldhüter; der eine hatte sein Schildchen -am Arm, der andere trug ein Käppi. Etwa ein Dutzend Personen plauderten -miteinander; sie waren angezeigt, weil sie nicht genügend gefegt oder -weil sie ihre Hunde hatten herumlaufen lassen, weil die Laterne am -Wagen gefehlt oder weil sie während der Messe die Schankwirtschaft -offen gehalten hatten.</p> - -<p>Endlich kam Coulon in einer Amtsrobe aus schwarzer Sarsche und einem -runden Barett, das einen unteren Rand aus Samt hatte. Sein Schreiber -setzte sich zu seiner Linken, der Bürgermeister in der Schärpe nahm -rechts von ihm Platz, und bald darauf wurde die Angelegenheit Sorel -gegen Bouvard und Pécuchet aufgerufen.</p> - -<p>Louis Martial Eugène Lenepveur, Kammerdiener in Chavignolles -(Calvados), benutzte seine Eigenschaft als Zeuge, alles darzulegen, was -er über eine Unmenge von Dingen wußte, die nichts mit dem Streit zu tun -hatten.</p> - -<p>Nicolas Juste Aubain, Tagelöhner, fürchtete, Sorels Mißfallen zu -erregen und andrerseits den Herren zu schaden; er hatte grobe Worte -gehört, zweifelte jedoch daran; er berief sich auf seine Taubheit.</p> - -<p>Der Friedensrichter ließ ihn sich wieder setzen; dann wandte er sich an -den Waldhüter:</p> - -<p>„Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S. 305]</span></p> - -<p>„Ganz gewiß.“</p> - -<p>Dann fragte Coulon die beiden Angeschuldigten, was sie zu sagen hätten.</p> - -<p>Bouvard bestritt, Sorel beleidigt zu haben; er habe vielmehr -durch seine Parteinahme für den Wilderer das Interesse unserer -Felder gewahrt; er erinnerte an die Mißbräuche der Feudalzeit, die -vernichtenden Jagden der vornehmen Herren.</p> - -<p>„Einerlei! die Übertretung...“</p> - -<p>„Ich muß Sie unterbrechen,“ rief Pécuchet. „Die Worte Übertretung, -Verbrechen und Vergehen sind ohne Wert. Die strafbaren Vorgänge so -klassifizieren, heißt, von einer willkürlichen Basis ausgehen.</p> - -<p>Ebensogut könnte man den Bürgern sagen: ‚Kümmert euch nicht um den -Wert eurer Handlungen, er wird nur durch die Strafen der Regierung -bestimmt.‘ Übrigens erscheint mir das Strafgesetzbuch als ein -unsinniges, der Grundsätze bares Werk.“</p> - -<p>„Das mag sein!“ erwiderte Coulon.</p> - -<p>Und er wollte sein Urteil sprechen; doch Foureau als Vertreter der -Staatsanwaltschaft erhob sich. Man habe den Waldhüter bei Ausübung -seiner Amtsbefugnisse beleidigt. Wenn man die Eigentumsrechte nicht -mehr achte, so sei alles verloren.</p> - -<p>„Kurz, möge es dem Herrn Friedensrichter gefallen, das Höchstmaß der -Strafe anzuwenden.“</p> - -<p>Sie betrug zehn Franken als Buße an Sorel.</p> - -<p>„Bravo!“ rief Bouvard.</p> - -<p>Coulon war noch nicht zu Ende:</p> - -<p>„Verurteilt sie außerdem zu fünf Frank Geldstrafe als schuldig der von -dem Staatsanwalt geltend gemachten Übertretung.“</p> - -<p>Pécuchet wandte sich an die Zuhörer:</p> - -<p>„Die Geldstrafe ist eine Bagatelle für den Reichen, aber ein Unglück -für den Armen. Mir macht sie nichts!“</p> - -<p>Und er sah aus, als mache er sich über den Gerichtshof lustig.</p> - -<p>„Wirklich,“ sagte Coulon, „ich wundere mich, daß Leute von Verstand...“</p> - -<p>„Sie überhebt das Gesetz der Mühe, welchen zu haben!<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S. 306]</span>“ erwiderte -Pécuchet. „Der Friedensrichter verwaltet sein Amt auf unbegrenzte -Lebenszeit, während der Richter des Oberappellationsgerichtes nur bis -zum fünfundsiebenzigsten Jahre für amtsfähig gilt und derjenige der -ersten Instanz nur bis zum siebenzigsten.“</p> - -<p>Doch auf ein Zeichen Foureaus trat Placquevent vor. Sie protestierten.</p> - -<p>„Ja, wenn Sie im Wettbewerb ernannt würden!“</p> - -<p>„Oder durch die Kreisstände.“</p> - -<p>„Oder von einer Kommission von Sachverständigen auf Grund einer -zuverlässigen Liste.“</p> - -<p>Placquevent trieb sie vorwärts, — und sie gingen hinaus unter den -Hohnrufen der übrigen Angeschuldigten, die glaubten, sich durch diese -Gemeinheit dem Richter angenehm zu machen.</p> - -<p>Um sich ihre Entrüstung vom Herzen zu reden, gingen sie am Abend zu -Beljambe; sein Café war leer; die Honoratioren waren gewohnt, gegen -zehn Uhr von dort fortzugehen. Man hatte die Lampe herabgeschraubt; die -Wände und der Zahltisch lagen im Nebel, — eine Frau kam. Es war Mélie.</p> - -<p>Sie zeigte keine Verwirrung — und lächelnd schenkte sie ihnen zwei -Seidel ein. Pécuchet, der sich unbehaglich fühlte, verließ die -Wirtschaft schnell.</p> - -<p>Bouvard ging allein wieder hin, belustigte einige Bürger durch -Spötteleien über den Bürgermeister und kam von dieser Zeit an häufiger -in die Kneipe.</p> - -<p>Sechs Wochen später wurde Dauphin aus Mangel an Beweisen -freigesprochen. Wie schändlich! Man hielt jetzt dieselben Zeugen für -verdächtig, welche gegen sie als belastend gegolten hatten.</p> - -<p>Und ihre Wut kannte keine Grenzen, als das Verkehrssteueramt sie -benachrichtigte, daß sie die Strafe zu zahlen hätten. Bouvard griff das -Verkehrssteueramt als eine für das Eigentum schädliche Einrichtung an.</p> - -<p>„Sie irren sich!“ sagte der Steuereinnehmer.</p> - -<p>„Ich dächte gar! Es muß ein Drittel der öffentlichen Lasten tragen!“</p> - -<p>„Ich möchte ein weniger lästiges Steuerverfahren, ein besseres -Katasterwesen, Veränderungen an der Einrichtung<span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[S. 307]</span> des Pfandbriefrechts; -und außerdem sollte man die Bank von Frankreich abschaffen, die das -Vorrecht des Wuchers hat.“</p> - -<p>Girbal zeigte sich dem nicht gewachsen, sank in der Meinung der anderen -und erschien nicht mehr.</p> - -<p>Bouvard indessen sagte dem Wirt zu; er zog Leute herbei und plauderte -gemütlich mit der Magd, während er auf die Stammgäste wartete.</p> - -<p>Er äußerte sonderbare Gedanken über den Elementarunterricht. Wenn man -die Schule verließ, sollte man seiner Ansicht nach imstande sein, -Kranke zu pflegen, die wissenschaftlichen Entdeckungen zu verstehen, -sich für die Künste zu interessieren. Die Forderungen seines Programms -brachten ihn mit Petit in Streit; und er verletzte den Hauptmann durch -die Behauptung, daß die Soldaten, anstatt ihre Zeit mit Übungen zu -verlieren, besser täten, Gemüse zu bauen.</p> - -<p>Als die Frage des Freihandels aufs Tapet kam, brachte er Pécuchet -mit; und den ganzen Winter hindurch gab es im Café drohende Blicke, -verächtliche Haltungen, Beleidigungen und Schimpfen nebst Faustschlägen -auf die Tische, daß die Seidel tanzten.</p> - -<p>Langlois und die übrigen Kaufleute verteidigten den nationalen -Handel; Oudot, Spinnereibesitzer, und Mathieu, Goldwarenfabrikant, -die einheimische Industrie; die Gutsbesitzer und die Pächter die -einheimische Landwirtschaft, wobei jeder für sich Vorrechte zum -Nachteil der Mehrheit verlangte. Bouvards und Pécuchets Reden -beunruhigten.</p> - -<p>Da man ihnen vorwarf, nichts von der Praxis zu verstehen, es auf -Gleichmacherei und Sittenlosigkeit abgesehen zu haben, entwickelten -sie folgende drei Anschauungen: den Familiennamen durch eine -Stammrollennummer zu ersetzen; die Franzosen in Rangklassen -einzuteilen, und um seinen Rang zu behaupten, solle man sich von Zeit -und Zeit einem Examen unterziehen; Wegfall der Bestrafungen wie der -Auszeichnungen, aber für alle Dörfer eine besondere Chronik, die auf -die Nachwelt übergehen sollte.</p> - -<p>Man wollte von ihrem System nichts wissen. Sie schrieben einen Artikel -darüber für die Zeitung von Bayeux, setzten ein Schreiben an den -Präfekten auf, richteten eine Eingabe an die Kammern, eine Denkschrift -an den Kaiser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[S. 308]</span></p> - -<p>Die Zeitung druckte ihren Artikel nicht ab.</p> - -<p>Der Präfekt würdigte sie keiner Antwort.</p> - -<p>Die Kammern blieben stumm, und sie warteten lange auf einen -Briefumschlag aus den Tuilerien.</p> - -<p>Womit beschäftigte sich denn der Kaiser? Ohne Zweifel mit Frauen.</p> - -<p>Foureau riet ihnen auf Veranlassung des Unterpräfekten zu größerer -Zurückhaltung.</p> - -<p>Sie kehrten sich weder an den Unterpräfekten, noch an den Präfekten, -noch an die Räte der Präfektur, ja nicht einmal an den Staatsrat. -Die Verwaltungsgerichtsbarkeit sei etwas Ungeheuerliches, denn durch -Gunstbezeugungen und Drohungen übe die Verwaltung eine ungerechte -Herrschaft über ihre Beamten aus. Kurz, sie wurden lästig, und die -Honoratioren schärften Beljambe ein, diese beiden Menschen fernzuhalten.</p> - -<p>Da brannten Bouvard und Pécuchet vor Verlangen, sich durch ein Werk -auszuzeichnen, das ihre Mitbürger blenden sollte, und sie fanden nichts -anderes als Verschönerungsprojekte für Chavignolles.</p> - -<p>Drei Viertel der Häuser sollten abgerissen werden; man würde inmitten -des Ortes einen monumentalen Platz anlegen, ein Spital in der Richtung -auf Falaise, ein Schlachthaus am Wege nach Caen und in der „Kuhgasse“ -eine bunt gehaltene romanische Kirche bauen.</p> - -<p>Pécuchet verfertigte mit chinesischer Tusche eine Zeichnung, wobei -er nicht vergaß, den Wald gelb, die Bauten rot und die Wiesen grün -auszumalen, denn die Bilder eines idealen Chavignolles verfolgten ihn -bis in seine Träume; er wälzte sich schlaflos auf seiner Matratze.</p> - -<p>Eines Nachts wurde Bouvard davon wach.</p> - -<p>„Bist du krank?“</p> - -<p>Pécuchet stammelte:</p> - -<p>„Haussmann läßt mich nicht schlafen.“</p> - -<p>Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Dumouchel, der nach den -Preisen der Seebäder an der normännischen Küste fragte.</p> - -<p>„Er möge sich trollen mit seinen Bädern. Haben wir denn Zeit, Briefe zu -schreiben?“</p> - -<p>Und nachdem sie sich eine Meßkette, ein Winkelmaß,<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[S. 309]</span> eine Wasserwage und -eine Bussole verschafft hatten, begannen neue Studien.</p> - -<p>Sie drangen in die Grundstücke ein; oft waren die Bürger überrascht, -dort diese beiden Männer zu sehen, die Absteckpfähle einpflanzten.</p> - -<p>Bouvard und Pécuchet sprachen mit ruhiger Miene über ihre Pläne und -das, was sich daraus ergeben würde.</p> - -<p>Die Einwohner wurden unruhig, denn schließlich konnte vielleicht die -Behörde ihre Anschauung teilen.</p> - -<p>Manchmal trieb man sie in grober Weise fort.</p> - -<p>Viktor erkletterte die Mauern und stieg in die Dachgiebel, um ein -Signal anzubringen, bezeigte guten Willen und sogar einen gewissen -Eifer.</p> - -<p>Sie waren auch mit Viktorine zufriedener.</p> - -<p>Wenn sie Wäsche bügelte, bewegte sie ihr Eisen auf dem Brett, während -sie mit zarter Stimme sang; sie zeigte Interesse für die Wirtschaft, -machte Bouvard eine Mütze, und ihre Nähte trugen ihr die Komplimente -Romiches ein.</p> - -<p>Romiche war einer jener Schneider, die auf die Gutshöfe gehen, um die -Kleider auszubessern. Man behielt ihn vierzehn Tage im Hause.</p> - -<p>Er war bucklig und hatte rotumränderte Augen, glich jedoch diese -körperlichen Mängel durch eine närrische Laune wieder aus. Während die -Herren abwesend waren, belustigte er Marcel und Viktorine durch spaßige -Erzählungen, streckte seine Zunge bis zum Kinn heraus, ahmte den -Kuckuck nach, führte sich als Bauchredner vor und legte sich am Abend, -um die Kosten der Herberge zu sparen, im Waschhaus schlafen.</p> - -<p>Nun holte Bouvard eines Morgens, da er fror, zu sehr früher Stunde dort -Hobelspähne, um sein Feuer anzuzünden.</p> - -<p>Ein Anblick ließ ihn erstarren.</p> - -<p>Hinter den Trümmern der Truhe schliefen Romiche und Viktorine auf einer -Matratze.</p> - -<p>Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und seine andere Hand, lang -wie die eines Affen, hielt ihr Knie umfaßt; seine Lieder waren halb -geschlossen, sein Gesicht noch von einem Krampf der Lust verzogen. Sie -lächelte, auf dem Rücken liegend. Ihre offenstehende Nachtjacke zeigte -ihren kindlichen Busen, der von den Liebkosungen des Buckligen<span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[S. 310]</span> rot -gefleckt war; ihre blonden Haare hingen gelöst, und die Morgendämmerung -warf über beide ein fahles Licht.</p> - -<p>Bouvard war es im ersten Augenblick gewesen, als empfange er einen -Stoß mitten vor die Brust. Dann hinderte ihn die Scham, auch nur die -leiseste Bewegung zu machen; schmerzliche Gedanken ergriffen ihn.</p> - -<p>„So jung noch, und doch schon eine Verlorene!“</p> - -<p>Dann weckte er Pécuchet und teilte ihm kurz alles mit.</p> - -<p>„O, der Elende!“</p> - -<p>„Wir können nichts daran ändern! Beruhige dich.“</p> - -<p>Und lange Zeit hindurch seufzten sie, einander gegenüber sitzend: -Bouvard ohne Rock und mit verschränkten Armen; Pécuchet am Rande seines -Lagers, mit bloßen Füßen und in der Nachtmütze.</p> - -<p>Romiche sollte an jenem Tage abreisen, da er seine Arbeit beendet -hatte. Sie bezahlten ihn in hochfahrender Weise, ohne ein Wort zu sagen.</p> - -<p>Doch die Vorsehung zürnte ihnen.</p> - -<p>Marcel führte sie kurze Zeit darauf in Viktors Zimmer und zeigte ihnen -unten in dessen Kommode ein Zwanzig-Frank-Stück. Der Schlingel habe ihn -beauftragt, es ihm einzuwechseln.</p> - -<p>Woher rührte es? Sicherlich aus einem Diebstahl, der während ihrer -Vermessungen begangen war. Doch um es zurückzugeben, hätte man den -Bestohlenen kennen müssen, und wenn man ihn aufforderte, sich zu -melden, so würde es aussehen, als wären sie mitschuldig.</p> - -<p>Schließlich riefen sie Viktor und befahlen ihm, die Schublade zu -öffnen; der Napoleon war verschwunden. Der Bengel tat, als ob er nicht -verstehe.</p> - -<p>Soeben jedoch hatten sie es gesehen, dieses Geldstück, und Marcel war -keiner Lüge fähig. Die Geschichte regte ihn so auf, daß er einen Brief -an Bouvard seit dem Morgen in seiner Tasche vergessen hatte:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft2">„Sehr geehrter Herr!</p> - -<p>Da ich fürchte, daß Herr Pécuchet krank ist, wende ich mich an Ihre -Liebenswürdigkeit...“</p> - -</div> - -<p>„Von wem ist denn die Unterschrift?“</p> - -<p>„Olympe Dumouchel, geborene Charpeau.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[S. 311]</span></p> - -<p>Sie und ihr Gatte fragten an, in welchem Badeorte, Courseulles, -Langrune oder Lucques, sich die beste Gesellschaft, die am wenigsten -laute, finde, und ferner wollten sie alle Beförderungswege, den Preis -der Wäsche und so weiter wissen.</p> - -<p>Ihre Wut über diese Belästigung entlud sich gegen Dumouchel; dann -tauchte die Ermüdung sie in eine noch tiefere Mutlosigkeit.</p> - -<p>Sie dachten an all die Last, die sie sich gemacht hatten; so viel -Lehrstunden, so viel Sorgfalt und so viel Ängste.</p> - -<p>„Und wenn man denkt,“ sagten sie, „daß wir einst eine Hilfslehrerin aus -ihr machen wollten! Und aus ihm letzthin einen Bauführer!“</p> - -<p>„Ach, welche Enttäuschung!“</p> - -<p>„Wenn sie lasterhaft ist, so ist nicht ihre Lektüre daran schuld.“</p> - -<p>„Um ihn zu einem ehrbaren Menschen zu machen, hatte ich ihn mit dem -Leben Cartouches bekannt gemacht.“</p> - -<p>„Vielleicht hat ihnen die Familie, die Sorge einer Mutter gefehlt?“</p> - -<p>„Ich ersetzte sie ihnen!“ wandte Bouvard ein.</p> - -<p>„Ach!“ fuhr Pécuchet fort. „Aber es gibt Naturen, die des moralischen -Sinnes bar sind, — und die Erziehung ist da ohne Einfluß.“</p> - -<p>„Ach ja, es ist etwas Schönes um die Erziehung!“</p> - -<p>Da die beiden Waisen kein Handwerk verstanden, würde man ihnen zwei -Stellen als Dienstboten suchen; — und dann in Gottes Namen! sie würden -sich nicht mehr um sie kümmern. — Und von nun an ließen „Onkelchen“ -und „Alterchen“ sie in der Küche essen.</p> - -<p>Doch bald langweilten sie sich; ihr Geist bedurfte einer Arbeit, ihr -Dasein eines Zwecks.</p> - -<p>Was beweist übrigens ein Mißerfolg? Was bei Kindern fehlgeschlagen war, -konnte bei Männern mehr Erfolg haben. Und sie kamen auf den Gedanken, -Vorlesungen für Erwachsene zu halten.</p> - -<p>Ihre Ideen konnten sie nur in einem Vortrag darlegen. Der große Saal -des Wirtshauses eignete sich vorzüglich dazu.</p> - -<p>Beljambe als Beigeordneter hatte Angst, sich bloßzustellen, und gab -zuerst eine abschlägige Antwort; dann wurde er<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a>[S. 312]</span> andern Sinnes, da er -dachte, er könne dabei verdienen, und benachrichtigte sie davon durch -seine Magd.</p> - -<p>Bouvard küßte sie in übermäßiger Freude auf beide Backen.</p> - -<p>Der Bürgermeister war abwesend; der andere Beigeordnete, Herr Marescot, -der ganz von seinem Bureau in Anspruch genommen war, würde sich wenig -um den Vortrag kümmern; so konnte er stattfinden, und der Trommler -kündigte ihn für den folgenden Sonntag um drei Uhr an.</p> - -<p>Erst am Abend vorher dachten sie an ihren Anzug.</p> - -<p>Pécuchet hatte, dem Himmel sei Dank, einen alten Frack mit Samtkragen, -zwei weiße Halsbinden und schwarze Handschuhe aufbewahrt. Bouvard legte -seinen blauen Rock an, eine Nankingweste, Kastorschuhe; und sie waren -sehr erregt, als sie das Dorf durchschritten und im Wirtshaus zum -Goldenen Kreuz ankamen....</p> - -<p class="mtop2"><i>Hier bricht das Manuskript Gustave Flauberts ab.</i></p> - -<p><i>Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug des Plans, der sich in -seinen Papieren gefunden hat und der den Schluß des Werkes andeutet.</i></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[S. 313]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vortrag"><em class="gesperrt">Vortrag</em></h2> - -</div> - -<p>Das Wirtshaus zum Goldenen Kreuz, — zwei hölzerne Seitengalerien im -ersten Stock mit vorspringendem Balkon — Hauptgebäude im Hintergrunde -— Café zu ebener Erde, Speisesaal, Billard; Türen und Fenster stehen -offen.</p> - -<p>Menge: Honoratioren, Leute aus dem Volke.</p> - -<p>Bouvard: „Es handelt sich zunächst darum, die Nützlichkeit unseres -Projektes zu zeigen, unsere Studien geben uns das Recht, das Wort zu -nehmen.“</p> - -<p class="mtop2">Rede Pécuchets, pedantisch.</p> - -<p class="mtop2">Dummheiten der Regierung und der Verwaltung, — zu viel Steuern, -Ersparnisse nach zwei Richtungen anstreben; Unterdrückung des Budgets -des Kultus und desjenigen der Armee.</p> - -<p>Man wirft ihm Gottlosigkeit vor.</p> - -<p>„Das Gegenteil ist richtig; aber wir bedürfen einer religiösen -Erneuerung.“</p> - -<p>Foureau kommt dazu und will die Versammlung auflösen.</p> - -<p>Bouvard erregt Heiterkeit auf Kosten des Bürgermeisters, indem er an -dessen dumme Prämien für Eulen erinnert. — Entgegnung.</p> - -<p>„Wenn man die Tiere töten soll, die den Pflanzen schaden, müßte man -auch das Vieh töten, das Gras frißt.“</p> - -<p class="mtop2">Foureau verläßt den Saal.</p> - -<p class="mtop2">Rede Bouvards, — ungezwungen.</p> - -<p>Vorurteile: Zölibat der Priester, Bedeutungslosigkeit des Ehebruchs, — -Emanzipation der Frau:</p> - -<p>„Ihre Ohrringe sind das Zeichen ihrer ehemaligen Knechtschaft.“</p> - -<p class="mtop2">Menschengestüt.</p> - -<p class="mtop2">Man hält Bouvard und Pécuchet den schlechten Wandel ihrer Zöglinge -entgegen. — Wozu auch die Kinder eines Sträflings annehmen?</p> - -<p>Theorie der Rehabilitierung. Sie würden sich mit Touache an denselben -Tisch setzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[S. 314]</span></p> - -<p>Foureau, der zurückgekehrt ist, liest, um sich an Bouvard zu rächen, -eine Eingabe von ihm an den Gemeinderat vor, worin er die Errichtung -eines Bordells in Chavignolles verlangt. — (Gründe Robins.)</p> - -<p>Der Vortrag wird inmitten des größten Tumultes abgebrochen.</p> - -<p class="mtop2">Während Bouvard und Pécuchet nach Hause gehen, bemerken sie Foureaus -Diener, der in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Falaise -davonreitet.</p> - -<p>Sie legen sich sehr ermüdet nieder, ohne die Komplotte zu ahnen, die -gesponnen werden; — die Motive darlegen, welche der Pfarrer, der Arzt, -der Bürgermeister, Marescot, das Volk, alle Welt haben, ihnen feind zu -sein.</p> - -<p class="mtop2">Am folgenden Morgen sprechen sie beim Frühstück über ihren Vortrag.</p> - -<p>Pécuchet sieht schwarz in die Zukunft der Menschheit.</p> - -<p>Der moderne Mensch ist minderwertig und zur Maschine geworden.</p> - -<p>Schließliche Anarchie des Menschengeschlechts (Büchner I und II).</p> - -<p>Unmöglichkeit des Friedens (id.).</p> - -<p>Barbarei infolge von übermäßigem Individualismus und dem Wahnsinn, in -den die Wissenschaft verfallen ist.</p> - -<p>Drei Hypothesen: erstens: der pantheistische Radikalismus wird -jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher -Despotismus wird daraus hervorgehen; zweitens: wenn der theistische -Absolutismus triumphiert, so unterliegt der Liberalismus, der seit -der Reformation die Menschheit durchdrungen hat, und es erfolgt ein -allgemeiner Umsturz; drittens: wenn die Zuckungen, in denen seit 89 -die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine -oder die andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken -uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird kein Ideal, -keine Religion, keine Moral mehr geben.</p> - -<p>Amerika wird die Erde erobert haben.</p> - -<p>Zukunft der Literatur.</p> - -<p>Allgemeine Verlümmelung: überall wird es hergehen wie bei einem -Arbeitersaufgelage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[S. 315]</span></p> - -<p>Ende der Welt, weil der Wärmevorrat aufhört.</p> - -<p class="mtop2">Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit rosig. Der moderne Mensch ist -auf dem Wege des Fortschritts.</p> - -<p>Europa wird durch Asien verjüngt werden. Da es ein historisches Gesetz -ist, daß die Zivilisation vom Orient zum Okzident kommt — Rolle Chinas -—, so werden die beiden Menschheiten schließlich ineinander aufgehen.</p> - -<p>Künftige Erfindungen: Arten zu reisen, Ballon. — Unterseeboote mit -Scheiben, bei beständiger Ruhe, denn die Bewegtheit des Meeres ist nur -auf der Oberfläche. — Man wird Fische und Landschaften auf dem Grunde -des Ozeans vorbeiziehen sehen. — Gezähmte Tiere. — Alle Kulturen.</p> - -<p>Zukunft der Literatur (Gegenteil der industriellen Literatur). Künftige -Wissenschaften. — Die magnetische Kraft regulieren.</p> - -<p>Paris wird ein Wintergarten werden. — Spaliere mit Früchten auf dem -Boulevard! Die Seine filtriert und warm, — Unmenge von künstlichen -Edelsteinen — verschwenderisch angebrachte Vergoldungen — Erleuchtung -der Häuser, — man wird das Licht aufspeichern, denn es gibt Körper, -die diese Eigenschaft besitzen, wie der Zucker, das Fleisch gewisser -Mollusken und der Bologneser Phosphor. Man wird angehalten werden, -die Vorderseite der Häuser mit einer phosphoreszierenden Masse -anzustreichen, und ihre Strahlung wird die Straße erleuchten.</p> - -<p>Verschwinden des Bösen infolge Verschwindens des Mangels. Die -Philosophie wird zur Religion werden.</p> - -<p>Geistesgemeinschaft aller Völker. Öffentliche Feste.</p> - -<p>Man wird auf die Sterne gehen — und wenn die Erde verbraucht sein -wird, wird die Menschheit nach den Sternen auswandern.</p> - -<p>Kaum hat er geendet, da erscheinen die Gendarmen. — Ankunft der -Gendarmen.</p> - -<p>Bei ihrem Anblick Aufregung der Kinder, hervorgerufen durch ihre vagen -Erinnerungen.</p> - -<p>Trostlosigkeit Marcels.</p> - -<p>Erregung Bouvards und Pécuchets. — Will man Viktor verhaften?</p> - -<p>Die Gendarmen zeigen einen Verhaftungsbefehl vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[S. 316]</span></p> - -<p>Der Grund ist der Vortrag. Man beschuldigt sie, die Religion, die -öffentliche Ordnung angegriffen, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt -aufgereizt zu haben, usw.</p> - -<p>Plötzliche Ankunft von Herrn und Frau Dumouchel mit ihrem Gepäck; sie -wollen ins Seebad. Dumouchel hat sich nicht verändert, die gnädige Frau -trägt eine Brille und verfaßt Fabeln. — Ihre Verdutzung.</p> - -<p>Der Bürgermeister, der weiß, daß die Gendarmen bei Bouvard und Pécuchet -sind, kommt, durch ihre Gegenwart ermutigt.</p> - -<p>Gorju, der sieht, daß die Obrigkeit und die öffentliche Meinung gegen -sie sind, will daraus Gewinn schlagen und begleitet Foureau. Da er -Bouvard für den reicheren der beiden hält, wirft er ihm vor, Mélie -früher verführt zu haben.</p> - -<p>„Ich, niemals!“</p> - -<p>Und Pécuchet zittert.</p> - -<p>„Und ihr sogar eine Krankheit gelassen zu haben.“</p> - -<p>Bouvard protestiert.</p> - -<p>„Wenn er ihr nicht wenigstens für das Kind, das sie erwartet, eine -Rente zahlen will, denn sie ist schwanger.“</p> - -<p>Dieser zweiten Beschuldigung liegt der vertrauliche Verkehr Bouvards im -Café zugrunde.</p> - -<p class="mtop2">Das Publikum nimmt allmählich das Haus ein.</p> - -<p>Barberou, der durch eine geschäftliche Angelegenheit in die Gegend -gerufen worden, hat soeben im Wirtshaus erfahren, was vor sich geht, -und kommt dazu.</p> - -<p>Er hält Bouvard für schuldig, nimmt ihn beiseite und redet ihm zu, -nachzugeben, eine Rente zu zahlen.</p> - -<p class="mtop2">Es kommen der Arzt, der Graf, Reine, Frau Bordin, Frau Marescot unter -ihrem Sonnenschirm und andere Honoratioren. Die Bengel des Dorfes -lärmen draußen vor dem Gitter, werfen Steine in den Garten. (Er ist -jetzt gut gehalten, und die Bevölkerung ist darauf eifersüchtig.)</p> - -<p>Foureau will Bouvard und Pécuchet ins Gefängnis stecken.</p> - -<p>Barberou legt sich ins Mittel, und wie er verwenden sich<span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[S. 317]</span> Marescot, der -Arzt und der Graf mit einem beleidigenden Mitleid für sie.</p> - -<p class="mtop2">Den Verhaftungsbefehl motivieren. Bei Empfang von Foureaus Brief hat -der Unterpräfekt ihnen einen Verhaftungsbefehl gesandt, um ihnen Angst -zu machen, dazu einen Brief an Marescot und an Faverges geschrieben, -worin er sagt, man solle sie in Ruhe lassen, wenn sie Reue zeigten.</p> - -<p>Auch Vaucorbeil sucht sie zu verteidigen.</p> - -<p>„Man müßte sie vielmehr ins Irrenhaus stecken; sie sind verrückt. — -Ich werde deshalb an den Präfekten schreiben.“</p> - -<p>Alle beruhigen sich.</p> - -<p>Bouvard wird Mélie eine Rente aussetzen.</p> - -<p>Man kann ihnen die Erziehung der Kinder nicht lassen. — Sie zeigen -sich widerspenstig, doch da sie die Waisen nicht gesetzmäßig adoptiert -haben, nimmt der Bürgermeister sie ihnen.</p> - -<p>Die Kinder zeigen eine empörende Gefühllosigkeit. — Bouvard und -Pécuchet weinen darüber.</p> - -<p>Herr und Frau Dumouchel gehen.</p> - -<p class="mtop2">So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen.</p> - -<p class="mtop2">Sie haben kein Interesse mehr am Leben.</p> - -<p>Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie -verheimlichen ihn einer vor dem anderen. — Von Zeit zu Zeit lächeln -sie, wenn er ihnen kommt, — dann sprechen sie ihn schließlich -gleichzeitig aus:</p> - -<p class="mtop2">Abschreiben wie einst.</p> - -<p class="mtop2">Anfertigung eines Schreibtisches mit doppeltem Pult. — (Sie wenden -sich deshalb an einen Tischler. Gorju, der von ihrer Erfindung gehört -hat, erbietet sich, ihn anzufertigen. — An die Truhe erinnern.)</p> - -<p>Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und -so weiter.</p> - -<p class="mtop2">Sie machen sich ans Werk.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[S. 318]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_UEbersetzers">Nachwort des Übersetzers</h2> - -</div> - -<p>Es war am 8. Mai 1880. Flaubert hatte die Tage gezählt bis zur -Beendigung von „Bouvard und Pécuchet“, da nahm ihm der Tod die Feder -aus der Hand.</p> - -<p>Aufgeschlagen lag das Manuskript dieses Werkes auf seinem Schreibtisch, -als sein großes edles Herz den letzten Schlag tat. Es ist das -literarische Testament Flauberts. Es ist die Rache, die er an seinem -Jahrhundert nahm.</p> - -<p>All den Ingrimm, die Wut, die Galle, die er seiner Zeit gern -ins Gesicht gespien, hatte er ein ganzes langes Leben hindurch -hinabgewürgt. Es war ein heroischer Verzicht, — der Kunst zuliebe. -Denn er verachtete das Schaffen aus Affekt, fand es klein und -erbärmlich, sein persönliches Leid in das Werk zu tragen.</p> - -<p>„Je prépare mon vomissement“, so nennt er es, als er an die Vorarbeiten -zu diesem letzten Werke geht. Was es bis zum Platzen erfüllt und ihm -einen so bitteren Geschmack gibt, ist das persönliche, das besondere -Leid seiner Seele: die Dummheit zu sehen und sie nicht ertragen zu -können.</p> - -<p>Wenn es das leidvollste, das bitterste und schwärzeste aller seiner -Werke geworden ist, so ist es zugleich auch das klarste, hellste, -geistigste, nüchternste, in dem eine dünne, harte, trockene Luft weht, -die ganz erfüllt ist von glühendem Erkenntnisdrang.</p> - -<p>Mit unerhörter Elastizität spannt sich sein Geist durch die -Jahrhunderte des menschlichen Gedankens. Denn hier wollte er — ein -geradezu wahnwitziges Unterfangen — das gesamte Wissen seiner Zeit zu -kritischer Revue aufmarschieren lassen.</p> - -<p>Jedes seiner Werke war für Flaubert wie eine lange Seereise, mit -Stürmen, Bedrängnissen, Qualen, Todesnöten, aber auch mit tiefen -Entzückungen und Erholungen in glühender Lichtfülle und mit blendenden -Visionen wunderbarer Landstriche. Dieses hier war die einsamste, -grausigste Fahrt in die Polargegend des Gedankens. Er wußte: niemand -würde<span class="pagenum"><a id="Seite_319"></a>[S. 319]</span> ihm folgen wollen in diese Nacht voll eisigen Nebels; doch den -Rückkehrenden würden sie alle mit Kot bewerfen.</p> - -<p>Oft hatte er geäußert, daß dies Werk ihn töten würde, — und er behält -recht. Einmal muß er die übermenschliche Anstrengung unterbrechen, um -sich an den „Drei Erzählungen“ zu erholen. Dann aber hält er aus bis -zuletzt.</p> - -<p>In „Bouvard und Pécuchet“ legt Flaubert die Axt an die gesamte -Geisteskultur seiner Zeit. So entsteht das radikalste Werk, das -die moderne französische Literatur kennt. Ein Fragezeichen steht -hinter allen Denkresultaten. Mit unheimlicher Lautlosigkeit stürzen -Gedankenkatarakte in das Nichts.</p> - -<p>Von schwindelnder Höhe zeigt er uns, ganz in der Tiefe, mit fast -unwahrscheinlicher Deutlichkeit das koboldartige Treiben der Spießer. -Und während er ihre winzigen Gestalten so saftstrotzend auf die Beine -stellt, fallen ihre Schatten riesengroß in die Unendlichkeit des -Weltenraums.</p> - -<p>Er schuf in dieser eisigen Satire ein neues Genre: die Komik der Ideen. -Systeme der Wissenschaft führen einen Faschingstanz auf, bis das -Gebäude in Flammen steht und sie selbst mit in Rauch aufgehen.</p> - -<p>Doch in diesem aus Glut und Eis gemischten Werke wollte Flaubert -nicht etwa den Geist treffen, sondern all das Unzulängliche, Halbe, -Platte, Gemeine, Muffige und Stickige seiner anmaßlichen, dünkelhaften -Äußerung, kurz das, was er unter der „Dummheit des Spießers“ verstand, -die er haßte mit dem Haß des Gequälten und die ihn doch wieder anzog in -ihrer Monumentalität und Ungeheuerlichkeit.</p> - -<p>Trotz der Grimasse ist kein Zweifel: hinter dem Werke steht ein -unendlich großer, reicher, tiefer Mensch, der in seiner Größe das Werk -noch weit überschattet.</p> - -<p>Wenige Tage vor seinem Tode schreibt Flaubert seiner Nichte mit -Beziehung auf „Bouvard und Pécuchet“: „Ich hatte recht!... Meine -Auskunft stammt von dem Professor der Botanik am Botanischen Garten, -und ich hatte recht, weil das Schöne immer das Wahre ist, und weil man -sich in einem gewissen Stadium der Intelligenz (sofern man Methode hat) -überhaupt nicht irrt. Die Wirklichkeit beugt sich zwar niemals dem -Ideale, aber sie bestätigt es.“</p> - -<p class="s2 center">*</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="chapter"> -<p class="s2 center mtop3"><span class="bb"><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">E</span> -  <span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">T</span></span></p> -</div> - -<p class="s3 center mtop1"><i><span class="mleft0_3">Ä</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">Y</span><span class="mleft0_3">P</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Einzige autorisierte deutsche Ausgabe,</em><br /> -besorgt von E. W. Fischer. Mit 16 Wiedergaben der photographischen -Aufnahmen von Maxime du Camp, dem Reisegefährten Flauberts.</p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Umschlagzeichnung von Emil Orlik<br /> -In Leinenbroschur und<br /> -Halbpergament</em></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Die Zeit</em>: „Alle anderen Ägyptenreisenden, ihre Bücher -bezeugen es, blicken von der Kunst auf die Landschaft. Flaubert -blickt von der Landschaft auf die Kunst. Darum ist Ägypten in -diesen flüchtigen Notizen das Land, die Menschen, die Standbilder, -der Mythos, das ganze Ägypten. — Was das Geheimnis Flauberts ist, -sein Auge, auch hier strahlt es, durchdringt es alles Sichtbare.“ -</p> - -<p class="right mright2">(Oskar Manrus Fontana)</p> - -</div> - -<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">E</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von E. W. Fischer. 2. Tausend<br /> -In Pappband und Ganzleinen</em></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Das Tagebuch</em>: „Die Briefe sind wundervoll: farbig, witzig, -sachlich, warm, persönlich. Manche, zum Beispiel die Briefe aus -Jerusalem, gehören in die Sammlung klassischer Briefe.“</p> - -<p class="right mright2">(Stephan Großmann)</p> - -</div> - -<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">E</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von E. W. Fischer. In Vorbereitung</em></p> - -<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">Ä</span><span class="mleft0_3">M</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">E</span> -  <span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">Ü</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">3 Bände. Übersetzt von E. W. Fischer. 3. Tausend<br /> -In Pappbänden und in Halbleder</em></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Berliner Börsen-Curier</em>: „Vielleicht sind diese 1600 -Seiten das Herrlichste von Flaubert, — wahrscheinlich aber das -Herrlichste nur für den, der seine Werke gelesen hat. Denn die -Werke erschließen den Sinn des Epos, das hier in unerhörtem -Reichtum objektiver und subjektiver Gegenwart, mit restlosem -Temperament des Geistes, der Seele, des Auges einen großen -bewunderungs- und liebenswürdigen Menschen entfaltet.“</p> - -<p class="right mright2">(Oskar Loerke)</p> - -</div> - -<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">W</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">L</span> -  <span class="mleft0_3">M</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">T</span> -  <span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span> -  <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">D</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von Else von Hollander<br /> -Mit einem Essay von Heinrich Mann. 5. Tausend</em><br /> -(22. Band der Liebhaber-Bibliothek) Vergriffen</p> - -<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span> -  <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span> -  <span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">N</span> -  <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">T</span> -  <span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span> -  <span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">M</span> -  <span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span></i></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von Else von Hollander</em><br /> -Mit 12 Lithographien von Max Kaus. 3. Tausend. In Halbleinen<br /> -(Der Graphischen Bücher 1. Band)</p> - -<p class="s3 center mtop2"><span class="bt">GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG POTSDAM</span></p> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET *** - -***** This file should be named 63096-h.htm or 63096-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/0/9/63096/ - -Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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