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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Bouvard und Pécuchet
- Roman aus dem Nachlass
-
-Author: Gustave Flaubert
-
-Translator: Ernst Wilhelm Fischer
-
-Release Date: September 1, 2020 [EBook #63096]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein
- Inhaltsverzeichnis erstellt.
-
- Akzente wurden in französischen Orts- und Personennamen oftmals
- weggelassen; allerdings wurde diese Regel nicht konsequent
- eingehalten. Da sich die französische Akzentsetzung zur Zeit der
- Herausgabe des Buches von der heutigen unterscheiden kann, wurde
- hierfür dennoch keine Harmonisierung vorgenommen.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- GUSTAVE FLAUBERT
-
- BOUVARD
- UND PÉCUCHET
-
- ROMAN
- AUS DEM NACHLASS
-
- EINZIGE AUTORISIERTE
- DEUTSCHE ÜBERTRAGUNG VON E. W. FISCHER
-
- GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
-
- POTSDAM 1922
-
-
-
-
- Copyright 1922 by Gustav Kiepenheuer Verlag A. G.
- Potsdam 1922 Druck der Buchdruckerei E. Haberland
- in Leipzig
-
-
-
-
-Inhalt
-
- Seite
-
- Kapitel I 3
-
- „ II 22
-
- „ III 58
-
- „ IV 99
-
- „ V 131
-
- „ VI 152
-
- „ VII 181
-
- „ VIII 192
-
- „ IX 238
-
- „ X 277
-
- Vortrag 313
-
- Nachwort des Übersetzers 318
-
-
-
-
-I
-
-
-Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon
-vollständig menschenleer.
-
-Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze
-Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen
-abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und
-am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen.
-
-Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von
-Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in
-lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen
-blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit.
-Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien
-erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der
-Sommertage.
-
-Zwei Männer erschienen.
-
-Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten.
-Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste
-geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in
-einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer
-Mütze mit spitzem Schirm.
-
-Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich
-im selben Augenblick auf dieselbe Bank.
-
-Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die
-jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute
-seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in
-der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied.
-
-„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich
-unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“
-
-„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“
-
-„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“
-
-Darauf betrachteten sie einander.
-
-Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen.
-
-Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten
-in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die
-unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib
-und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden
-Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas
-Kindliches.
-
-Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen.
-
-Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit.
-
-Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und
-schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht
-erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine
-Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur
-Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme.
-
-Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem
-Lande fühlen!“
-
-Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den
-Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich
-allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen.
-
-Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten
-Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel
-schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob;
-die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach
-der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor
-sich.
-
-Ganz gewiß -- und Pécuchet schien davon überrascht -- es war auf der
-Straße noch heißer als im Hause!
-
-Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen. Er für
-seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde!
-
-Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den
-Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre
-Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas
-liberaler war.
-
-Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es
-waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine
-eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer
-Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben
-waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der
-Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets
-Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und
-eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer;
-manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie
-zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben.
-
-„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“
-
-„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die
-Dauer traurig.“
-
-Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten.
-Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den
-Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte.
-
-Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung.
-Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort
-auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam.
-
-Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen
-herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard
-den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für
-erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren
-Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor
-der Religion.
-
-Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien
-aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben.
-
-Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen
-wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen
-Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der
-Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an
-unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die
-große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern
-hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit
-geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter
-sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art
-überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem
-Anfangsstadium.
-
-Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und
-waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse
-hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch
-einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu.
-
-Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als
-Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“
-
-„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen
-den Vorschlag zu machen!“
-
-Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines
-Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde.
-
-Bouvard bestellte die Speisen.
-
-Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand
-setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann
-priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge,
-was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb
-nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und
-hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie
-alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im
-Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige
-Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler
-angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen
-Dumouchel, der Professor war.
-
-Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine aus Haaren
-geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten
-den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette
-unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum
-Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr
-tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen
-hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll,
-entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die
-Gäste vor der Tür drehten sich danach um.
-
-Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den
-Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen
-anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit
-verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem
-Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und
-hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden.
-
-Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln
-equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner
-Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden
-zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im
-Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen
-Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich.
-Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet
-wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte
-er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum.
-
-Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu
-beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag.
-
-Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun
-an und machte den Wirt seiner Wohnung.
-
-Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte
-durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen,
-dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände
-der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon,
-andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen,
-verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen Mütze und Muscheln, die
-Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte
-samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die
-Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen.
-An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den
-Lampenruß entstanden war.
-
-Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu
-dürfen.
-
-„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die
-Zugluft fürchtete.
-
-Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem
-Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war.
-
-Bouvard sagte zu ihm:
-
-„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“
-
-„Was?“
-
-Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken,
-ohne seine schützende Unterkleidung zu sein.
-
-„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird
-Sie erfrischen.“
-
-Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte:
-„Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung
-begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune,
-gegenüber der Brücke de la Tournelle.
-
-Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und
-Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf
-den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice
-mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner
-Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven.
-
-„Mein Onkel!“ sagte Bouvard.
-
-Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn.
-
-Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich
-kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit
-dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf
-der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die
-Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches
-Lächeln.
-
-Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen:
-
-„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“
-
-„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte,
-er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen
-Pécuchets waren Juste Romain Cyrille -- und sie hatten dasselbe Alter:
-siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich
-er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter
-gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig
-seien.
-
-„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen
-Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander
-kennenzulernen.“
-
-Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben
-hatte, wünschten sie einander gute Nacht.
-
-„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe.
-
-Pécuchet stieg die Stufen hinab, ohne auf den Scherz zu antworten. --
-
-Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos,
-Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme:
-
-„Bouvard! Herr Bouvard!“
-
-Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte
-Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte:
-
-„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“
-
-„Was denn?“
-
-„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend.
-
-All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers
-und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er
-die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am
-Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben
-war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in
-Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe
-gestiegen war.
-
-Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter
-nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn
-mit fünfzehn Jahren aus dem Internat genommen, um ihn zu einem
-Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der
-Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte,
-die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren
-Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer
-auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein
-Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als
-Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften
-Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb
-seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne
-Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen
-Arbeiten zu besichtigen.
-
-Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines
-Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte
-ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig
-war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich
-eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate
-später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm.
-Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald
-vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu
-benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei
-den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was
-seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung
-hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort
-und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und
-sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in
-einer Kneipe zu machen.
-
-So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie
-hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie
-übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese
-Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder
-hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für
-alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich.
-
-Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine
-erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die
-Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die
-seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu
-rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im
-Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig
-seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur
-Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee.
-Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere
-verschwiegen, nachdenklich, sparsam.
-
-Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou
-bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig
-Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der
-die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn
-unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte
-nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden
-in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und
-ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard.
-
-Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die
-Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie
-gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle
-Tage zusammen.
-
-Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen
-man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise,
-über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die
-Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und
-dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution.
-
-Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das
-Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien,
-den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen.
-
-Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn
-verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben.
-
-In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den
-ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen,
-mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu
-Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten
-aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten
-bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder
-bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte.
-
-Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der
-großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen.
-
-Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France,
-und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die
-nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter
-die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen
-Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten
-sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier
-entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich
-sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und
-merkwürdig waren.
-
-Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht
-zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie
-nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen
-dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre
-Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich
-waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen.
-
-Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr.
-Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie
-an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem
-Landleben.
-
-Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen
-ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich
-den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der
-Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den
-Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft,
-entzückt. Sie wiederholten diese Spaziergänge oft. Am folgenden Tage
-waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben.
-
-Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das
-Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und
-dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer
-weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag
-nach Beginn, und sie erhielten Verweise.
-
-Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit
-demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich
-in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich.
-Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas
-von der Grämlichkeit Pécuchets über.
-
-„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der
-eine.
-
-„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere.
-
-Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen!
-Nicht einmal die Hoffnung! --
-
-Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor
-einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich,
-sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden.
-
-Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ
-einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die
-Fragen, die man an ihn richtete:
-
-„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen.
-Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“
-
-Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum
-Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr,
-verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte.
-
-Er ließ Pécuchet rufen.
-
-Pécuchet erschien.
-
-„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“
-
-„Nicht möglich!“
-
-Bouvard zeigte folgende Zeilen:
-
- Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar.
-
- Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839.
-
- Mein Herr!
-
- Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von
- dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys
- Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes,
- verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats,
- Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige
- Verfügung zu Ihren Gunsten.
-
- Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung.
-
- Tardivel, Notar.
-
-Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das
-Papier zurück, wobei er langsam sagte:
-
-„Wenn das nur... keine Possen sind!“
-
-„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter
-Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich.
-
-Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die
-Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; --
-und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und
-eine Träne aus ihren starren Augen floß.
-
-Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am
-Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr
-rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete
-er närrisches Zeug.
-
-Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich
-belaufen auf...
-
-„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“
-
-Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren
-Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar.
-
-Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß:
-
-„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich
-als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der
-gesetzlich verfügbar bleibt.“
-
-Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber
-er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen
-ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich
-er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte
-Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine
-beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren,
-hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er
-sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß
-seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten
-Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte
-er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht
-seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er
-verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den
-Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der
-Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament
-anerkennen.
-
-Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit
-leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen
-lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ -- und Pécuchet, dessen Kopf
-doch klarer war, konnte nicht darüberkommen.
-
-Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der
-zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich
-regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen,
-wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters
-und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon.
-
-Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von
-wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die
-Reisekosten, zurückkehrte.
-
-Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn
-und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte
-sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat
-den Besitz der Erbschaft an.
-
-Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land
-zurückziehen!“ -- und dieses Wort, das seinen Freund in sein Glück
-einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der
-Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe.
-
-Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er
-nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch!
-Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache.
-
-Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle
-Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden
-bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man
-die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt,
-nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer
-Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war
-wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab
-andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez,
-von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft
-darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte
-stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden.
-
-Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie
-Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten,
-Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag
-der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum
-Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn
-gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie
-würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine
-Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu
-zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! -- Und sie
-würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, --
-und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe
-anbehielten! -- „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden
-uns den Bart wachsen lassen!“
-
-Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die
-vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein
-solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette,
-eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer,
-und sogar ein Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische
-Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es
-wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten),
-einige gute literarische Werke zu besitzen, -- und sie suchten darnach
--- oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein
-Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.
-
-„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“
-
-„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.
-
-Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen,
-Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge
-benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.
-
-Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre
-Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard,
-der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus,
-um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen
-hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte.
-Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge
-auf die Grundstriche seiner langen Schrift -- doch während er die
-Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht
-gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.
-
-Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts
-gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von
-Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie
-wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine
-pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie
-traurig.
-
-Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die
-Einsamkeit.
-
-Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später
-zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund
-oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu
-schwer zugänglich schien.
-
-Barberou erlöste sie.
-
-Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der
-Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei Chavignolles zwischen
-Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von
-achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr
-ertragfähigen Garten.
-
-Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte
-man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das
-andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard
-wollte nur hundertzwanzigtausend geben.
-
-Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben,
-erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein
-ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus
-seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen
-gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit
-zurück.
-
-Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war
-alles bezahlt.
-
-Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung
-aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft
-sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den
-Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze
-Kontor-Personal zu einem Punsch ein.
-
-Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und
-schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.
-
-Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch
-noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.
-
-Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn
-literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals
-zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.
-
-Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte
-eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu
-besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.
-
-Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen
-tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“
-Die Lichter der Kais zitterten im Wasser, das Rollen der Omnibusse
-verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die
-er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant,
-die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine
-Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine
-Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.
-
-Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde
-es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich
-zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.
-
-Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die
-Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle,
-ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf
-der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet
-werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach
-Chavignolles befördern ließ.
-
-Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die
-Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen
-Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise
-nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.
-
-Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen
-ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem
-Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag
-den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.
-
-Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der
-ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen
-Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie
-suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung
-für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch
-in denselben Schlafstätten.
-
-Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte
-sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein
-Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das
-Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem
-Grün aus, Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am
-dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte
-Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet
-duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine
-Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich
-vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich
-sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen
-fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er
-spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen
-Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen
-nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller
-von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und
-der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte
-sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob
-die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden
-Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich
-betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des
-Leidens war voll.
-
-Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch
-einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der
-letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale
-wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.
-
-Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht
-wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er
-lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom
-Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes
-in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine
-Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie
-auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte,
-daß er in einigen Stunden nachkommen würde.
-
-In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd,
-und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits
-von Bretteville die Landstraße verlassen hatte, geriet er auf einen
-Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu
-sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden
-ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht
-brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen,
-und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den
-Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um
-den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon.
-Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und
-stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.
-
-Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach
-in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach
-Chavignolles.
-
-Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei
-Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten
-die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.
-
-Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht.
-Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um
-sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr
-gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ,
-die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden
-zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke
-befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf
-dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft
-gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen
-die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da
-wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“
-
-Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang
-durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen
-das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft
-schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen,
-die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“
-
-Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu
-entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon,
-und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung
-darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen
-von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in
-tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.
-
-Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der
-Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode
-dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen
-stehend. Das war eine Überraschung.
-
-Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann
-schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und
-bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib
-gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten
-im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.
-
-
-
-
-II
-
-
-Welche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard
-rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die
-beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht
-zu betrachten.
-
-Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune,
-daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln.
-
-Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in
-vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen
-Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf
-der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der
-andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten
-den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten,
-hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler
-Pfad.
-
-Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem Haar in einem
-schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an
-sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte
-ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes.
-
-Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher
-Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister,
-Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte;
-der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau
-Bordin, die von ihren Zinsen lebte. -- Was sie selbst anbetraf, so
-nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain;
-sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den
-Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den
-Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer
-gelegen war.
-
-Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen
-Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen
-Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der
-Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten
-Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte
-Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den
-die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen.
-
-In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten
-sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut
-besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus
-Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein
-blasses Licht.
-
-Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie
-hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und
-seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann.
-
-Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei,
-hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein
-Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu
-setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut
-Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen.
-
-Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie
-erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich,
-die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese
-Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand,
-darüberzuschreiten.
-
-Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite
-zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front.
-
-Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der
-Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten
-zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche
-stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten
-größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten
-ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon
-nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek
-bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere
-Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das
-eiligste war der Garten.
-
-Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen
-eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock,
-während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter
-lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. -- „Ah! Verzeihung!
-Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie
-ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten.
-
-Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu
-machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die
-Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost.
-
-Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig
-geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er
-hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in
-der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten.
-Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten
-sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so
-schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee zu nehmen, auf den
-Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten.
-
-Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie,
-indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie
-gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in
-der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll
-tief in den Boden eindrang.
-
-Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit
-heftigen Stockschlägen.
-
-Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten
-unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter
-herabhängen.
-
-Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in
-drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine
-Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum
-hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben,
-alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande
-der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine
-Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger,
-der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen
-verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach
-langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit
-Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu
-wollen!“
-
-Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf
-der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich
-nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen
-Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten
-(sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er
-antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, -- eine Unhöflichkeit, die
-Bouvard tadelte.
-
-Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie
-richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie
-gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der
-Regen fiel.
-
-Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen
-wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der Frühling kam zögernd, und
-sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird
-kommen!“
-
-Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig.
-Die Reben waren vielversprechend.
-
-Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch
-mit dem Ackerbau gelingen; -- und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren
-Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien
-würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen.
-
-Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten
-einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine
-Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich
-eine Zusammenkunft.
-
-Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo
-man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der
-Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere
-Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem
-Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel
-wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die
-sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in
-ungleiche Vierecke.
-
-Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer
-zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen
-Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich
-zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild
-spiegelten.
-
-Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute.
-Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder
-Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde
-lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man
-eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt
-war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter.
-
-Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung
-und Koteletten. Sein Äußeres vereinigte den Beamten mit dem Dandy.
-Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach.
-
-Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein
-System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu
-zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar
-an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden.
-Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben
-für dieses Gerät.
-
-Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und
-dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die
-Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es
-gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man
-konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es
-sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während
-er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer
-Landleute laut werden.
-
-Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten
-trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen
-Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide.
-Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk
-auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für
-die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte.
-
-„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“
-
-Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich:
-
-„O! unbestreitbar!“
-
-Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das
-an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern
-ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander
-gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden
-reichende Röhren fiel.
-
-„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist
-die Basis meiner vierjährigen Kultur.“
-
-Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam,
-ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß.
-
-Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen
-Manieren, ersetzte ihn.
-
-Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit
-bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen
-pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor
-sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen
-vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten
-sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens
-ergriffen.
-
-Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben
-beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen
-nieder.
-
-Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und
-man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem
-Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen
-Hund neben sich.
-
-Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie
-durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen
-lagen.
-
-Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei
-Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit
-Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu
-diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins
-andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe.
-
-In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine
-Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche
-Türen, die sich von selbst schlossen.
-
-Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die
-auf Steinmauern ruhten.
-
-Um den Herren ein Vergnügen zu machen, streute eine Magd einige
-Hände voll Hafer vor die Hühner. Der Baum der Kelterpresse schien
-ihnen riesenhaft, und sie stiegen ins Taubenhaus empor. Vor allem
-die Milchkammer setzte sie in Staunen. Die Hähne in den Ecken gaben
-genügend Wasser, die Fliesen zu überschwemmen, und beim Eintritt spürte
-man eine Kühle. Braune irdene Gefäße, auf Latten gereiht, waren bis
-zum Rande mit Milch gefüllt. Weniger tiefe Näpfe enthielten Sahne. Die
-Butterwecken reihten sich aneinander wie Stücke einer Messingsäule, und
-der Schaum floß über den Rand der Blecheimer, die man gerade auf den
-Boden gesetzt hatte. Doch die Zierde des Gutshofes war der Rinderstall.
-Holzlatten, die senkrecht der ganzen Länge nach eingelassen waren,
-teilten ihn in zwei Abteilungen: die erste war für das Vieh, die zweite
-für die Bedienung. Man konnte nur mit Mühe darin sehen, da alle Luken
-geschlossen waren. Die angeketteten Rinder fraßen, und ihre Leiber
-strömten eine Wärme aus, welche von der niedrigen Decke zurückschlug.
-Doch jemand machte Licht; ein dünner Wasserstrahl ergoß sich plötzlich
-in die Rinne, welche an den Raufen entlang lief. Brüllen ertönte; die
-Hörner klangen aneinander wie Stöcke. Alle Rinder streckten ihre Mäuler
-zwischen den Stäben durch und soffen langsam.
-
-Die großen Gespanne kamen in den Hof, und Füllen wieherten. Im
-Erdgeschoß wurden zwei, drei Laternen angezündet und verschwanden dann.
-Die Arbeitsleute gingen vorüber, mit ihren Holzschuhen über die Steine
-schlürfend, und die Glocke zum Abendessen ertönte.
-
-Die beiden Besucher machten sich auf den Heimweg.
-
-Alles, was sie gesehen hatten, entzückte sie; ihr Entschluß war gefaßt.
-Noch am selben Abend entnahmen sie ihrer Bibliothek die vier Bände des
-„Landhauses“; auch ließen sie sich Gasparins Abhandlungen zuschicken
-und nahmen ein Abonnement auf eine landwirtschaftliche Zeitung.
-
-Um bequemer auf die Märkte zu kommen, erwarben sie eine zweirädrige
-Halbkutsche, die Bouvard lenkte.
-
-In einem blauen Kittel, mit einem breitrandigen Hut, Gamaschen bis
-zum Knie und mit einem Roßhändlerstock in der Hand umschwärmten
-sie das Vieh, fragten die Arbeiter aus und verfehlten nicht, allen
-Landwirtschaftsfesten beizuwohnen.
-
-Bald wurden sie Meister Gouy mit ihren Ratschlägen lästig. Sie waren
-vor allem mit seiner Dreifelderwirtschaft unzufrieden. Doch der
-Pächter hielt an seiner Erfahrung fest. Er bat um den Nachlaß eines
-Vierteljahrzinses unter Hinweis auf den Hagelschlag. Von Naturalien
-lieferte er nichts ab. Bei noch so gerechten Forderungen begann seine
-Frau zu zetern. Schließlich erklärte Bouvard, den Vertrag nicht wieder
-erneuern zu wollen.
-
-Von dem Augenblicke an sparte Meister Gouy den Dünger, ließ das Unkraut
-wachsen, richtete den Boden zugrunde und zog mit einer wilden Miene ab,
-die Rachepläne verriet.
-
-Bouvard hatte gedacht, daß zwanzigtausend Franken, das heißt der
-vierfache Betrag des Pachtgeldes, für den Anfang genügen würden. Sein
-Pariser Notar sandte sie ihm.
-
-Ihre ganze Anlage umfaßte fünfzehn Hektar an Höfen und Wiesen,
-dreiundzwanzig an bestellbarem Lande und fünf an Brachfeld, die auf
-einem mit Steinen bedeckten kleinen Berge lagen, den man den Hügel
-nannte.
-
-Sie verschafften sich alle notwendigen Geräte, vier Pferde, zwölf Kühe,
-sechs Schweine, hundertsechzig Schafe und an Personal zwei Fuhrleute,
-zwei Frauen, einen Hirten; dazu einen großen Hund.
-
-Um sogleich Geld zu erhalten, verkauften sie die Futterernte: man
-bezahlte sie in ihrem Hause. Die Goldstücke, die auf die Haferkiste
-gezählt wurden, schienen ihnen glänzender, merkwürdig und besser als
-andere.
-
-Im Monat November kelterten sie Most. Bouvard trieb das Pferd an, und
-Pécuchet, der in den Trog gestiegen war, rührte mit einer Schaufel in
-den Träbern.
-
-Sie ächzten beim Anziehen der Schraube, schöpften den Zucker aus dem
-Bottich, beobachteten die Spundlöcher, trugen dicke Holzschuhe und
-vergnügten sich über die Maßen.
-
-Von dem Grundsatz ausgehend, daß man nicht genug Getreide haben könne,
-gaben sie etwa die Hälfte ihrer künstlichen Wiesen auf; und da sie
-keine Dungmittel hatten, bedienten sie sich der Kuchen, die sie in die
-Erde ließen, ohne sie zu zerkleinern, so daß der Ertrag jämmerlich war.
-
-Im folgenden Jahre legten sie das Saatkorn sehr dicht. Unwetter
-stellten sich ein. Die Ähren legten sich nieder.
-
-Nichtsdestoweniger warfen sie sich mit Eifer auf den Weizen, und sie
-unternahmen es, den Hügel von Steinen zu säubern. Ein kleiner Korbwagen
-schaffte die Steine fort. Das ganze Jahr über vom Morgen bis zum
-Abend, im Regen wie im Sonnenschein, sah man den ewigen Korbwagen mit
-demselben Mann und demselben Pferde den kleinen Hügel emporklimmen,
-wieder herabfahren und wieder emporsteigen. Manchmal ging Bouvard
-dahinter und machte auf halber Höhe halt, um sich die Stirn zu trocknen.
-
-Da sie zu niemand Zutrauen hatten, versorgten sie die Tiere selbst und
-gaben ihnen Abführmittel und Klistiere.
-
-Schwerwiegende Fälle von Unordnung kamen vor. Die Viehmagd wurde
-schwanger. Sie nahmen verheiratete Leute in ihren Dienst; es begann von
-Kindern, Vettern, Basen, Onkeln, Schwägerinnen zu wimmeln; eine ganze
-Horde lebte auf ihre Kosten, und sie beschlossen, abwechselnd auf dem
-Pachthofe zu schlafen.
-
-Doch des Abends waren sie traurig gestimmt. Die Unsauberkeit des
-Zimmers war ihnen widerwärtig, und Germaine, die die Mahlzeiten
-herbeibrachte, brummte bei jeder Reise. Man hielt die beiden auf alle
-Art zum Narren. Die Drescher stopften Getreide in ihre Trinkkrüge.
-Pécuchet faßte einen dabei und schrie, während er ihn bei den Schultern
-packte und hinausjagte:
-
-„Elender! Du bist die Schande des Dorfes, das dich zur Welt kommen sah.“
-
-Seine Persönlichkeit flößte nicht den geringsten Respekt ein. --
-Übrigens machte er sich Gewissensbisse, sooft er den Garten sah. Seine
-ganze Zeit würde eben ausgereicht haben, ihn in guter Ordnung zu
-halten. -- Bouvard wollte die Sorge um den Pachthof übernehmen. Sie
-berieten darüber, und diese Maßnahme war beschlossene Sache.
-
-Der wichtigste Punkt war, gute Mistbeete zu bekommen. Pécuchet ließ
-eins aus Ziegeln bauen. Er selber strich die Rahmen an, und da er die
-Sonnenstrahlen fürchtete, beschmierte er alle Schutzgläser mit Kreide.
-
-Bei den Steckreisern übte er die Vorsicht, die Spitzen mit den
-Blättern zu entfernen. Dann machte er sich emsig an das Absenken. Er
-versuchte verschiedene Arten der Veredelung, Pfropfen mit der Pfeife,
-kronenweises Pfropfen, Okulieren, krautiges Pfropfen, Veredelung auf
-englische Art. Mit welcher Sorgfalt paßte er die Bastenden aneinander!
-Wie fest er die Fäden anzog! Welch eine Menge Baumwachs er darüber
-legte!
-
-Zweimal täglich nahm er seine Gießkanne und schwenkte sie über den
-Pflanzen, als wenn er sie beweihräucherte. Wie sie unter der Wirkung
-des Wassers, das als feiner Regen herabfiel, grünten, glaubte er,
-seinen eigenen Durst zu löschen und in ihnen wieder zu erstehen. Dann
-ließ er sich hinreißen, nahm die Brause von der Gießkanne und goß in
-vollem Strom reichlich darüber.
-
-Am Ende des Laubenganges, in der Nähe der Gipsdame, erhob sich eine Art
-Hütte aus Stangenholz. Pécuchet verwahrte dort seine Geräte, und er
-verbrachte hier wundervolle Stunden mit dem Aussuchen der Sämereien,
-dem Schreiben von Etiketten, der Ordnung seiner kleinen Töpfe. Wenn er
-sich ausruhte, setzte er sich auf eine Kiste vor die Tür und träumte
-dann von Verschönerungen.
-
-Unten an der Freitreppe hatte er zwei Körbe mit Geranien angebracht;
-zwischen die Zypressen und die pyramidenförmig geschnittenen Obstbäume
-pflanzte er Sonnenblumen; -- und da die Beete mit Butterblumen und alle
-Wege mit frischem Sand bedeckt waren, so blendete der Garten durch eine
-Überfülle von gelben Farben.
-
-Doch das Mistbeet wimmelte von Larven; trotz der neuen Bedüngung mit
-trockenem Laub entstand hinter den gestrichenen Rahmen und unter
-den beschmierten Schutzgläsern nur eine verkrüppelte Vegetation.
-Die Stecklinge faßten nicht Wurzel; die Pfropfreiser fielen ab, die
-Satzreiser trieben nicht mehr, die Bäume hatten den Schimmel an der
-Wurzel; die Samenbeete waren ein Jammer. Der Wind schien eine Lust
-daran zu finden, die Bohnenstangen niederzuwerfen. Die übermäßige
-Bedüngung mit Jauche schadete den Erdbeerpflanzen, die mangelhafte
-Beschneidung den Tomaten.
-
-Er hatte denselben Mißerfolg mit Rosenkohl, Auberginen, Rüben und
-Brunnenkresse, die er in einem Kübel hatte ziehen wollen. Als das
-Tauwetter zu Ende war, waren alle Artischocken dahin. Der Kohl war sein
-Trost. Besonders ein Kohlkopf machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete
-sich, schoß empor, wurde schließlich ein Wunder und war vollkommen
-ungenießbar. Gleichviel, Pécuchet war zufrieden, ein solches Ungeheuer
-zu besitzen.
-
-Dann machte er einen Versuch in dem, was ihm der Gipfel der Kunst zu
-sein schien: in der Melonenkultur.
-
-Er säte Körner verschiedener Sorten in Teller, die mit Humuserde
-gefüllt waren, und die er in sein Mistbeet einsetzte. Dann legte er
-ein zweites Mistbeet an; und als es seine Hitze verloren hatte, setzte
-er die schönsten jungen Pflanzen um, mit den Schutzgläsern darüber.
-Er beschnitt sie ganz nach den Vorschriften des „Guten Gärtners“,
-achtete auf die Blüten, ließ die Früchte ansetzen, wählte eine auf
-jedem Zweig, vernichtete die anderen, und sobald sie die Dicke einer
-Nuß hatten, schob er unter ihre Schale ein kleines Brett, um sie am
-Faulen durch Berührung mit dem Mist zu hindern. Er begoß sie, setzte
-sie der Luft aus, wischte mit seinem Taschentuch den Niederschlag von
-den Schutzgläsern ab, -- und wenn sich Wolken zeigten, trug er eilig
-Strohmatten herbei.
-
-Des Nachts ließen sie ihn nicht schlafen. Mehrere Male erhob er
-sich sogar wieder; und mit bloßen Füßen in den Schuhen und im Hemde
-zitternd durchschritt er den ganzen Garten, um seine Bettdecke über die
-Treibkästen zu breiten.
-
-Die Warzenmelonen reiften. Bei der ersten schnitt Bouvard eine
-Grimasse. Die zweite war nicht besser, die dritte ebenfalls nicht.
-Pécuchet hatte jedesmal eine neue Entschuldigung bis zur letzten, die
-er aus dem Fenster warf, wobei er erklärte, daß er das nicht verstehe.
-
-In der Tat, da er die verschiedenen Arten beieinander gezogen hatte,
-hatten sich die Zuckermelonen mit den Netzmelonen vermischt, die dicke
-portugiesische mit der großen mongolischen, -- und da die Nachbarschaft
-der Tomaten die Zuchtlosigkeit voll machte, waren schreckliche
-Kreuzungen entstanden, die den Geschmack von Kürbissen hatten.
-
-Dann warf sich Pécuchet auf die Blumenzucht. Er schrieb an Dumouchel
-wegen Samenpflanzen, kaufte einen Vorrat Heideerde und machte sich
-entschlossen ans Werk.
-
-Aber er pflanzte die Passionsblumen in den Schatten, die
-Stiefmütterchen in die Sonne, bedeckte die Hyazinthen mit Dünger,
-begoß die Lilien nach der Blüte, vernichtete die Rhododendren durch
-übermäßiges Abbinden der Zweige, trieb die Fuchsien mit Leim und dörrte
-einen Granatbaum, indem er ihn dem Feuer in der Küche aussetzte.
-
-Beim Herannahen der Kälte schützte er die Heckenrosen mit Schutzhüllen
-aus starkem Papier, das mit Talglicht zusammengekittet war; sie sahen
-aus wie Zuckerhüte, die an Stöcken in der Luft schwebten.
-
-Die Stangen der Dahlien waren ungeheuerlich, -- und man bemerkte
-zwischen diesen geraden Stöcken die gewundenen Zweige einer Sophora
-japonica, die in unverändertem Zustande verharrte, ohne auszugehen und
-ohne zu wachsen.
-
-Da indessen die seltensten Bäume in den Gärten der Hauptstadt gediehen,
-mußten sie auch in Chavignolles fortkommen; und Pécuchet verschaffte
-sich indischen Flieder, chinesische Rosen und den Eukalyptus, der
-damals gerade in Mode gekommen war. Alle seine Versuche schlugen fehl.
-Er war jedesmal sehr erstaunt darüber.
-
-Gleich ihm stieß Bouvard auf Hindernisse. Sie fragten einander um
-Rat, schlugen ein Buch auf, griffen zu einem anderen und wußten dann
-nicht, wofür sie sich bei der Verschiedenheit der Ansichten entscheiden
-sollten.
-
-So empfiehlt zum Beispiel Puvis den Mergel; das Handbuch Roret verwirft
-ihn.
-
-Was den Gips anlangt, so scheinen trotz Franklins Vorgang Riefel und
-Herr Rigaud nicht dafür begeistert.
-
-Das Brachliegen der Felder war Bouvard zufolge ein gotisches Vorurteil.
-Indessen verzeichnet Leclerc Fälle, wo es beinahe unerläßlich ist.
-Gasparin führt einen Einwohner von Lyon an, der während eines halben
-Jahrhunderts Getreide auf demselben Felde baute: das widerlegt die
-Theorie der Koppelwirtschaft. Tull preist die Bearbeitung auf Kosten
-der Bedüngung; und da kommt der Major Beetson und verwirft die
-Bedüngung zugleich mit der Bearbeitung!
-
-Um das Wetter im voraus bestimmen zu können, studierten sie die Wolken
-nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie betrachteten jene, die sich
-wie eine Mähne lang hinbreiten, die, welche Inseln gleichen, die,
-welche man für Schneeberge halten könnte, wobei sie versuchten, die
-Nimbus- von den Cirrusformen, die Stratus- von den Cumulusbildungen zu
-unterscheiden; die Formen veränderten sich, ehe sie die Namen gefunden
-hatten.
-
-Das Barometer täuschte sie, durch das Thermometer erfuhren sie nichts;
-und sie nahmen ihre Zuflucht zu dem Mittel, das sich ein Priester in
-der Touraine unter Ludwig XV. ausgedacht hatte. Ein Blutegel in einer
-Glasglocke sollte bei Regenwetter emporsteigen, bei beständig gutem
-sich auf dem Grunde halten, sich regen, wenn Unwetter drohte. Aber fast
-immer widersprach der Luftdruck dem Blutegel. Sie setzten noch drei
-andere zu diesem ersten. Alle vier benahmen sich auf verschiedene Weise.
-
-Nach reiflicher Überlegung erkannte Bouvard, daß er sich getäuscht
-hatte. Sein Gut erforderte eine Bewirtschaftung im großen, eine
-starke Anspannung, und er setzte aufs Spiel, was ihm von verfügbaren
-Kapitalien blieb, dreißigtausend Franken.
-
-Von Pécuchet angeregt, geriet er in eine Begeisterung für Dünger. In
-die Kompostgrube wurden Strauchwerk, Blut, Gedärme, Federn, alles, was
-er entdecken konnte, geworfen. Er verwandte belgischen Blutdünger,
-Schweizer Aschendünger, Laugenwasser, saure Heringe, Seetang, Lumpen,
-ließ Guano kommen, versuchte, welchen herzustellen, -- und seine
-Prinzipien auf die Spitze treibend, duldete er nicht, daß der Urin
-verloren ging; er schaffte die Aborte ab. Man brachte Tierleichen in
-seinen Hof, mit denen er die Erde düngte. Ihr zerschnittenes Aas wurde
-auf die Felder geworfen. Bouvard lächelte inmitten dieser Verpestung.
-Eine Pumpe, die auf einem Karren befestigt war, spie Jauche auf die
-Erntefelder. Zu denen, die sich davon angewidert zeigten, sagte er:
-
-„Aber das ist Gold! Das ist Gold!“
-
-Und er bedauerte, nicht noch mehr Dünger zu haben. Glücklich die
-Länder, in denen man natürliche Höhlen ganz voller Vogelmist findet!
-
-Der Raps war kläglich, der Hafer mittelmäßig, und das Korn verkaufte
-sich schlecht wegen seines Geruchs. Eine sonderbare Tatsache war, daß
-der Hügel, nachdem er von Steinen gereinigt war, weniger hervorbrachte
-als früher.
-
-Er hielt es für geraten, seine Geräte zu erneuern. Er kaufte eine
-Messeregge, System Guillaume, einen Grubberpflug, Marke Valcourt,
-eine englische Säemaschine und den räderlosen Pflug des Mathieu von
-Dombasle; doch der Pflüger machte ihn herunter.
-
-„Lerne damit umzugehen!“
-
-„Gut! Zeigen Sie es mir!“
-
-Er versuchte, ihn vorzuführen, kam nicht zurecht damit, und die Bauern
-lachten höhnisch.
-
-Nie vermochte er, sie an das Glockenzeichen zu gewöhnen. Unaufhörlich
-schrie er hinter ihnen her, rannte bald hier-, bald dorthin, schrieb
-seine Beobachtungen in ein Notizbuch, bestellte sie zu sich und dachte
-nicht mehr daran, -- und sein Kopf kochte von Unternehmergedanken.
-Er hatte vor, Mohn anzubauen im Hinblick auf die Opiumgewinnung, und
-besonders den Tragant, den er als „Familienkaffee“ verkaufen wollte.
-
-Um die Ochsen schneller zu mästen, ließ er ihnen alle vierzehn Tage zur
-Ader.
-
-Er ließ kein einziges von den Schweinen schlachten und stopfte sie mit
-gesalzenem Hafer. Bald wurde der Schweinestall zu eng. Sie versperrten
-den Hof, stießen die Einfriedigungen ein, bissen die Leute.
-
-Während der großen Hitze wurden fünfundzwanzig Hammel von der
-Drehkrankheit befallen und krepierten bald darauf.
-
-In derselben Woche verendeten drei Ochsen, eine Folge der Aderlässe
-Bouvards.
-
-Um die Engerlinge zu vernichten, kam er auf den Gedanken, die Hühner
-in einen rollenden Käfig zu sperren, den zwei Männer hinter dem Pflug
-herschoben; -- was nicht verfehlte, den Tieren die Pfoten zu zerbrechen.
-
-Er stellte Bier aus den Blättern des Gamander her und gab es den
-Schnittern an Stelle von Most. Erkrankungen der Eingeweide waren die
-Folge. Die Kinder weinten, die Frauen wimmerten, die Männer waren
-wütend. Sie drohten alle fortzugehen, und Bouvard gab nach.
-
-Um sie jedoch von der Unschädlichkeit seines Getränkes zu überzeugen,
-trank er in ihrer Gegenwart mehrere Flaschen herunter, fühlte sich
-unwohl, verbarg aber seine Schmerzen unter einer lustigen Miene. Er
-ließ sich das Gebräu sogar ins Haus bringen. Am Abend trank er mit
-Pécuchet davon, und beide gaben sich Mühe, es gut zu finden. Übrigens
-durfte es nicht ungenützt verloren gehen.
-
-Da Bouvards Kolik immer heftiger wurde, holte Germaine den Arzt.
-
-Der Arzt war ein ernster Mann mit gewölbter Stirn, der damit anfing,
-seinen Patienten Furcht einzujagen. Die Cholerine des Herrn müsse
-von dem Bier herrühren, von dem man im ganzen Orte sprach. Er wollte
-die Zusammensetzung wissen und tadelte sie in wissenschaftlichen
-Ausdrücken, wobei er die Achseln zuckte. Pécuchet, der das Rezept
-geliefert hatte, war tief gedemütigt.
-
-Trotz der verderblichen Kalkdüngung, der Ersparnis der zweiten
-Bearbeitung und der unzeitgemäßen Ausrodung hatte Bouvard im folgenden
-Jahre eine schöne Weizenernte vor sich. Er wollte sie durch Gärung
-nach dem System Clap-Mayer auf holländische Art trocknen lassen;
--- das heißt, er ließ sie auf einmal schneiden und in große Haufen
-zusammenlegen, die man auseinanderreißen würde, sobald das Gas zu
-entweichen begänne; dann sollten sie der freien Luft ausgesetzt werden;
--- darauf zog er sich ohne die geringste Besorgnis zurück.
-
-Als sie am Tage darauf beim Essen saßen, hörten sie unter dem
-Buchengang Trommelwirbel. Germaine ging, um zu sehen, was es gab; doch
-der Mann war schon weit. Fast gleichzeitig begann die Glocke der Kirche
-heftig zu läuten.
-
-Bouvard und Pécuchet wurden von Angst gepackt. Sie erhoben sich, und in
-ihrer Ungeduld, etwas zu erfahren, gingen sie ohne Kopfbedeckung in der
-Richtung auf Chavignolles.
-
-Eine alte Frau kam des Weges. Sie wußte von nichts. Sie hielten einen
-kleinen Knaben an; er antwortete:
-
-„Ich glaube, es brennt!“
-
-Und der Trommler fuhr fort zu trommeln, die Glocke läutete stärker.
-Endlich erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes. Der Krämer rief
-ihnen von weitem zu:
-
-„Das Feuer ist bei Ihnen!“
-
-Pécuchet setzte sich in Turnerschritt; und er sagte zu Bouvard, der im
-gleichen Trab an seiner Seite lief:
-
-„Eins, zwei; eins, zwei!“ -- im Takte wie die Jäger von Vincennes.
-
-Die Straße, die sie zurücklegten, ging bergan; das aufsteigende Gelände
-verbarg ihnen den Horizont. Sie kamen oben an in die Nähe des Hügels,
-und mit einem Blick überschauten sie das ganze Unglück.
-
-Die sämtlichen Schober flammten hier und dort wie Vulkane auf der
-nackten Ebene im Abendfrieden.
-
-Um den größten standen etwa dreihundert Personen; und unter Anweisung
-des Bürgermeisters, des Herrn Foureau, in dreifarbiger Schärpe, zogen
-Burschen mit Stangen und Haken das Stroh vom Gipfel, um das übrige zu
-retten.
-
-Bouvard hätte in seinem Eifer beinahe Frau Bordin umgerannt, die dort
-stand. Dann bemerkte er einen von seinen Leuten und überhäufte ihn mit
-Schimpfreden, weil er ihn nicht benachrichtigt habe. Der Knecht war
-jedoch aus übermäßigem Eifer zuerst ins Haus gerannt, dann zur Kirche,
-schließlich zu seinem Herrn und war einen andern Weg zurückgekommen.
-
-Bouvard verlor den Kopf. Sein Gesinde umringte ihn, alle sprachen
-zugleich, und er untersagte, die Schober abzutragen; er bat inständig
-um Hilfe, forderte Wasser, verlangte die Feuerwehr.
-
-„Haben wir denn eine!“ rief der Bürgermeister.
-
-„Das ist Ihre Schuld!“ erwiderte Bouvard.
-
-Er wurde hitzig, brachte unziemliche Reden vor, und alle bewunderten
-Herrn Foureaus Geduld, der doch brutal war, wie seine dicken Lippen und
-sein Bulldoggenkiefer anzeigten.
-
-Die Hitze der Schober wurde so stark, daß man ihnen nicht mehr nahe
-kommen konnte. Knisternd drehte sich das Stroh unter den verzehrenden
-Flammen; die Getreidekörner peitschten das Gesicht wie Bleikugeln. Dann
-stürzte der Haufe zu einer großen Glutmasse zusammen; Funken stoben
-daraus hervor; und Schimmer wogten über diese rote Masse, die in den
-wechselnden Tönen rotgoldene Stellen zeigte und andere, die braun waren
-wie geronnenes Blut. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind blies;
-Rauchwirbel hüllten die Menge ein. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Funke über
-den dunklen Himmel.
-
-Bouvard betrachtete den Brand unter leisem Weinen. Seine Augen
-verschwanden hinter ihren geschwollenen Lidern, und sein ganzes Gesicht
-war wie von Schmerz geweitet. Frau Bordin rief ihm zu, während sie mit
-den Fransen ihres grünen Schals spielte: „Armer Herr Bouvard!“ Sie
-versuchte ihn zu trösten. Da man nichts daran ändern könne, müsse er
-sich ins Unabänderliche fügen.
-
-Pécuchet weinte nicht. Sehr blaß oder vielmehr erdfahl, mit offenem
-Munde und kaltem, klebrigem Schweiß im Haar, hielt er sich abseits,
-in seine Betrachtungen versunken. Doch der Pfarrer, der plötzlich
-aufgetaucht war, murmelte mit schmeichlerischer Stimme:
-
-„Ach, welch ein Unglück, fürwahr; das ist sehr betrüblich! Seien Sie
-sicher, daß ich Anteil nehme...“
-
-Die anderen heuchelten keine Trauer. Sie plauderten lächelnd, die Hand
-zum Schutz gegen die Flammen erhoben. Ein Alter hob die brennenden
-Halme auf, um seine Pfeife anzuzünden. Kinder begannen zu tanzen. Ein
-Schelm rief sogar, das sei recht spaßig.
-
-„Ja, der ist gut, der Spaß!“ antwortete Pécuchet, der es gerade gehört
-hatte.
-
-Das Feuer nahm ab, die Haufen fielen zusammen, und eine Stunde darauf
-waren nur noch Aschenreste übrig, die auf dem Gelände runde schwarze
-Stellen bildeten. Da ging man nach Hause.
-
-Frau Bordin und der Abbé Jeufroy begleiteten die Herren Bouvard und
-Pécuchet bis zu ihrer Wohnung.
-
-Auf dem Wege machte die Witwe ihrem Nachbar in sehr liebenswürdiger
-Weise Vorwürfe über sein ungeselliges Wesen, und der Geistliche
-drückte seine volle Verwunderung aus, daß er bis jetzt noch nicht die
-Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mitgliedes seines Kirchspiels
-habe machen können.
-
-Alleingelassen suchten sie die Ursache des Brandes, und anstatt wie
-alle anderen zu erkennen, daß das feuchte Stroh sich von selbst
-entzündet hatte, vermuteten sie einen Racheakt. Es war ohne Zweifel
-das Werk Meister Gouys oder vielleicht des Maulwurffängers. Sechs
-Monate zuvor hatte Bouvard seine Dienste zurückgewiesen und sogar
-vor einem Zuhörerkreise die Ansicht vertreten, die Regierung müsse
-diesen Erwerbszweig untersagen, da er verderblich sei. Seit jener Zeit
-trieb sich der Mensch in der Umgegend umher. Er hatte seinen Bart
-wachsen lassen und schien ihnen furchtbar, besonders des Abends, wenn
-er sich am Rande der Höfe zeigte und seinen langen Stecken, der mit
-aufgehangenen Maulwürfen besetzt war, schüttelte.
-
-Der Schaden war beträchtlich, und um sich über ihre Lage zu
-vergewissern, arbeitete Pécuchet acht Tage lang über Bouvards
-Buchungen, die ihm ein „wahres Labyrinth“ zu sein schienen. Nachdem
-er das Tagebuch, die Korrespondenz und das Hauptbuch, das mit
-Bleistiftnotizen und Verweisungen bedeckt war, verglichen hatte,
-erkannte er die Wahrheit: keine Ware zu verkaufen, keine Gelder
-einzukassieren, und in der Kasse nichts. An Stelle des Kapitals
-figurierte ein Fehlbetrag von dreiunddreißigtausend Franken.
-
-Bouvard wollte es nicht glauben, und mehr als zwanzigmal fingen sie von
-neuem an zu rechnen. Sie kamen immer zu demselben Schlußergebnis. Noch
-zwei Jahre einer solchen Ackerwirtschaft, und ihr Vermögen ging darauf!
-Die einzige Abhilfe war, zu verkaufen.
-
-Auf jeden Fall mußte man einen Notar um Rat fragen. Der Gang war
-peinlich; Pécuchet unterzog sich ihm.
-
-Der Ansicht des Herrn Marescot zufolge war es besser, keine Zettel
-anzukleben. Er wollte ernsthaften Käufern gegenüber von dem Pachthof
-sprechen und deren Vorschläge abwarten.
-
-„Sehr gut,“ sagte Bouvard, „man hat Zeit vor sich.“ Er wollte einen
-Pächter nehmen, dann würde man sehen. „Wir werden nicht unglücklicher
-sein als früher; nur sind wir jetzt aufs Sparen angewiesen.“
-
-Das durchkreuzte Pécuchets Absichten hinsichtlich der Gartenbebauung,
-und einige Tage darauf sagte er:
-
-„Wir sollten uns ausschließlich der Obstbaumkultur widmen, nicht zum
-Vergnügen, sondern aus Spekulation. Eine Birne, die drei Sous Unkosten
-macht, wird in der Hauptstadt oft für fünf bis sechs Franken verkauft.
-Mit Aprikosen erzielen Gärtner ein Einkommen von fünfundzwanzigtausend
-Livres. In Sankt Petersburg bezahlt man im Winter Trauben die Dolde mit
-einem Napoleon. Das ist ein guter Erwerb, das wirst du zugeben. Und was
-sind die Kosten? Sorgfalt, Dünger und das Schleifen des Gartenmessers!“
-
-Er regte Bouvards Einbildungskraft so an, daß sie sogleich aus ihren
-Büchern eine Liste der zu kaufenden Setzlinge zusammenstellten, und
-nachdem sie die Namen ausgewählt hatten, die ihnen am merkwürdigsten
-vorkamen, wandten sie sich an einen Baumschulgärtner zu Falaise; er
-lieferte ihnen schleunigst dreihundert Stämme, die er nicht anbringen
-konnte.
-
-Sie ließen einen Schlosser für die Spalierstangen kommen, einen
-Eisenhändler zum Spannen des Drahtes der Spaliere, einen Zimmermann
-für die Stützen. Die Formen der Bäume waren im voraus gezeichnet. Auf
-die Mauer genagelte Lattenstücke bildeten Kandelaber. Zwei Pfähle an
-jedem Ende der Langbeete dienten als Stützen zur wagerechten Führung
-der Drähte; und im Obstgarten deuteten Reifen die Form von Vasen,
-dünne Stäbe in kegelförmiger Anordnung die von Pyramiden an, so daß
-die Besucher Teile einer unbekannten Maschinerie oder Gerüste von
-Feuerwerkskörpern zu sehen glaubten.
-
-Nachdem die Pflanzlöcher ausgeworfen waren, beschnitten sie die Spitzen
-der Wurzeln, sowohl der guten wie der schlechten, und setzten sie in
-Kompost ein. Sechs Monate darauf waren die jungen Bäume eingegangen.
-Neue Bestellungen beim Gärtner und neue Pflanzungen in noch tiefere
-Löcher folgten. Doch da der Regen den Boden aufweichte, sanken die
-Augen von selbst in die Erde, und die Bäume wurzelten ab.
-
-Als der Frühling gekommen war, gab Pécuchet sich an das Beschneiden der
-Birnbäume. Er ließ die Nebenstämme stehen, verschonte die unfruchtbaren
-Zweige, und da er sich darauf versteifte, die Duchesse-Birnen,
-die einarmige Kordons bilden sollten, rechtwinklig umzubiegen, so
-brach oder riß er sie unweigerlich ab. Bei den Pfirsichen konnte er
-sich nicht in den Leitzweigen, den früheren oder späteren Trieben
-zurechtfinden. Leere und volle Stellen fanden sich immer da ein, wo er
-sie nicht brauchen konnte; und es war unmöglich, an dem Spalier ein
-vollkommenes Rechteck mit sechs Zweigen zur Rechten und sechs Zweigen
-zur Linken zu bekommen, von den beiden Leitzweigen abgesehen, so daß
-das Ganze eine schöne Fischgräte gebildet hätte.
-
-Bouvard versuchte die Aprikosen zu ziehen; sie zeigten sich
-widerspenstig. Er schnitt ihre Stämme bis zur Erde weg; keiner schlug
-wieder aus. Die Kirschbäume, denen er Einschnitte gemacht hatte,
-brachten Harz hervor.
-
-Zuerst beschnitten sie sehr weit, wodurch die Augen am Grunde
-eingingen, dann zu kurz, was Wasserreiser zur Folge hatte; und häufig
-waren sie in Verlegenheit, da sie die Holztriebe nicht von den
-Blütenknospen unterscheiden konnten. Sie hatten sich über die Blüte
-gefreut; aber nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatten, rissen sie
-dreiviertel davon ab, um das übrige zu kräftigen.
-
-Beständig redeten sie von Saft und Kambium, von Einspalieren,
-Beschneiden und Wegnehmen der Augen. In ihrem Eßzimmer hing in einem
-Rahmen die Liste ihrer Setzlinge, deren Nummer sich im Garten auf einem
-kleinen Holze am Fuße des Baumes wiederholte.
-
-Sie erhoben sich mit der Morgenröte und arbeiteten bis in die Nacht,
-den Basthalter am Gürtel. Während der kühlen Frühlingsmorgen behielt
-Bouvard seine Trikotjacke unter seiner Bluse, Pécuchet seinen alten
-Rock unter seinem langen Leinwandkittel, und die Leute, die am Gitter
-vorübergingen, hörten sie durch den Nebel husten.
-
-Zuweilen zog Pécuchet sein Handbuch aus der Tasche, und er studierte
-stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des
-Gärtners, der den Titel des Buches zierte. Diese Ähnlichkeit war ihm
-sogar sehr schmeichelhaft. Der Verfasser stieg dadurch in seiner
-Achtung.
-
-Bouvard hockte beständig oben auf einer Leiter vor den Pyramiden.
-Eines Tages wurde er von Schwindel erfaßt, und da er nicht wagte,
-herunterzuklettern, schrie er, Pécuchet möge ihm zu Hilfe kommen.
-
-Endlich zeigten sich die Birnen, und im Obstgarten gab es Pflaumen. Da
-wandten sie gegen die Vögel alle Künste an, die man empfiehlt. Doch
-die Spiegelglasscheiben flimmerten so, daß sie davon geblendet waren,
-das Klappern der Windmühle weckte sie in der Nacht, und die Sperlinge
-setzten sich auf den Strohmann. Sie verfertigten einen zweiten und
-sogar einen dritten, deren Kostüme sie anders gestalteten, doch ohne
-Erfolg.
-
-Doch konnten sie auf ein paar Früchte hoffen. Pécuchet hatte gerade
-seine Aufzeichnungen darüber an Bouvard gegeben, als plötzlich der
-Donner grollte und der Regen fiel -- ein schwerer, heftiger Regen.
-Der Wind schüttelte in Zwischenräumen die ganze Fläche der Spaliere.
-Die Stützen legten sich eine nach der anderen zu Boden -- und an den
-unglücklichen Pyramiden, die im Winde schwankten, stießen die Birnen
-aneinander.
-
-Pécuchet hatte sich, als er vom Sturzregen überrascht wurde, in die
-Hütte geflüchtet. Bouvard hielt sich in der Küche auf. Sie sahen, wie
-vor ihnen Holzsplitter, Zweige, Schieferstücke im Winde umherwirbelten,
--- und die Seemannsfrauen, die zehn Meilen von dort an der Küste auf
-das Meer auslugten, schauten nicht sehnsüchtiger und waren nicht
-beklommener im Herzen. Dann stürzten plötzlich die Träger und Stangen
-der Gegenspaliere auf die Beete.
-
-Welches Bild, als sie ihren Rundgang machten! Die Kirschen und Pflaumen
-bedeckten das Gras zwischen den Hagelkörnern, die schmolzen. Die
-Passecolmar waren vernichtet, ebenso wie die Bési-des-vétérans und die
-Triomphes-de-Jordoigne. Kaum, daß von den Äpfeln einige Bons-papas
-blieben, -- und zwölf Tétons-de-Vénus, die ganze Pfirsichernte, rollten
-in den Wasserlachen neben dem entwurzelten Buchsbaum.
-
-Nach dem Mahle, bei dem sie sehr wenig aßen, sagte Pécuchet sanft:
-
-„Wir täten gut, auf dem Pachthof nachzusehen, ob nicht etwas
-vorgefallen ist?“
-
-„Pah! um noch neue Gründe zur Verstimmung zu entdecken!“
-
-„Vielleicht! Denn wir sind keineswegs vom Schicksal begünstigt.“
-
-Und sie jammerten über die Vorsehung und über die Natur. Bouvard, die
-Ellbogen auf den Tisch gestützt, gab sein leises Pfeifen von sich,
-und da alle Schmerzen in Verbindung stehen, kamen ihm seine alten
-Landwirtschaftspläne ins Gedächtnis zurück, besonders die Mehlbereitung
-und eine neue Käseart.
-
-Pécuchet atmete lärmend, und während er sich Tabakprisen in die
-Nasenlöcher stopfte, dachte er, wenn das Schicksal es gewollt hätte,
-wäre er jetzt Mitglied eines Vereins für Ackerbau, er würde auf den
-Ausstellungen glänzen und in den Zeitungen genannt sein.
-
-Bouvard ließ kummervolle Blicke umherschweifen.
-
-„Meiner Treu! ich habe Lust, mich des ganzen Krams zu entledigen, damit
-wir uns anderswo ansiedeln können!“
-
-„Wie du willst,“ sagte Pécuchet.
-
-Und einen Augenblick später:
-
-„Die Verfasser empfehlen, jeden direkten Zufluß zu unterbinden.
-Der Saft wird dadurch in seinem Laufe gehemmt, und der Baum leidet
-notwendigerweise darunter. Um sich wohl zu befinden, müßte er
-keine Früchte tragen. Indessen bringen die, welche man niemals
-beschneidet und nie düngt, Früchte, allerdings weniger große, aber
-desto schmackhaftere. Man gebe mir den Grund davon an! -- und es
-verlangt nicht nur jede Art ihre besondere Behandlung, sondern sogar
-jede einzelne Pflanze, gemäß dem Klima, der Temperatur, ein Wirrwarr
-von Dingen! Wo ist da die Regel? Und welche Hoffnung haben wir auf
-irgendeinen Erfolg oder Nutzen?“
-
-Bouvard antwortete ihm:
-
-„Du wirst bei Gasparin sehen, daß der Nutzen nicht den zehnten Teil des
-Anlagekapitals übersteigen kann. Also täte man besser, dieses Kapital
-in eine Bank zu legen. Nach fünfzehn Jahren würde man durch Anhäufung
-der Zinsen die doppelte Summe besitzen, ohne sich die Gesundheit zu
-verderben.“
-
-Pécuchet senkte den Kopf.
-
-„Sollte die Baumzucht wohl Schwindel sein?“
-
-„Wie die Wissenschaft vom Ackerbau!“ erwiderte Bouvard.
-
-Dann klagten sie sich an, zu ehrgeizig gewesen zu sein, und sie
-beschlossen, fortan mit ihrer Mühe und ihrem Gelde sparsamer zu
-wirtschaften. Im Obstgarten würde ein Ausputzen der Bäume von Zeit
-zu Zeit genügen. Die Gegenspaliere wurden verworfen, und sie wollten
-die eingegangenen und umgebrochenen Bäume nicht ersetzen; doch würden
-sich sehr häßliche Zwischenräume ergeben, wofern man nicht alle noch
-stehenden wegnehmen wollte. Wie dabei verfahren?
-
-Pécuchet entwarf mehrere Zeichnungen, wobei er sich seines
-Reißzeuges bediente. Bouvard gab ihm Ratschläge. Sie kamen zu keinem
-befriedigenden Resultat. Glücklicherweise fanden sie in ihrer
-Bibliothek das Werk von Boitard, „Der Gartenarchitekt“ betitelt.
-
-Der Verfasser teilt sie in eine unendliche Anzahl von Arten ein.
-Zunächst gibt es da die melancholisch-romantische Art, die sich
-durch Immortellen zu erkennen gibt, durch Ruinen, Grabmäler und „ein
-Votiv-Bild mit einer Jungfrau, das die Stelle anzeigt, wo ein vornehmer
-Herr unter dem Stahl eines Mörders gefallen ist“. Das schreckliche
-Genre stellt man mit Hilfe von überhangenden Felsen, zerschmetterten
-Bäumen, in Brand gesetzten Hütten her; das exotische Genre, indem man
-peruanische Fackeldisteln pflanzt, „um einem Pflanzer oder Reisenden
-Erinnerungen wachzurufen“. Das ernste Genre muß gleich Ermenonville
-einen Tempel der Philosophie aufweisen. Die Obelisken und Triumphbögen
-charakterisieren das majestätische Genre. Moos und Grotten das
-geheimnisvolle; ein See das träumerische Genre. Es gibt sogar ein
-phantastisches Genre, dessen schönstes Beispiel vor kurzem in einem
-Garten in Württemberg zu sehen war, -- denn man sah dort nacheinander
-einen Eber, einen Eremiten, mehrere Grabmäler und eine Barke, die von
-selbst vom Ufer abstieß, um den Besucher in einen Raum zu bringen, wo
-Wasserkünste ihn überschütteten, wenn man sich auf das Sofa setzte.
-
-Vor diesem Horizont von Wundern waren Bouvard und Pécuchet wie
-geblendet. Das phantastische Genre schien ihnen Fürsten vorbehalten zu
-sein. Der Tempel der Philosophie würde zu viel Platz einnehmen. Das
-Votiv-Bild mit der Madonna würde des Sinnes entbehren angesichts der
-fehlenden Mörder, und die amerikanischen Pflanzen -- um so schlimmer
-für die Pflanzer und die Reisenden -- würden zu viel Geld kosten. Aber
-die Felsen lagen im Bereich der Möglichkeit, ebenso die zerschmetterten
-Bäume, die Immortellen und das Moos, -- und in immer zunehmender
-Begeisterung stellten sie nach vielem Hin- und Hersuchen mit Hilfe
-eines einzigen Dieners und für eine ganz geringe Summe einen Wohnsitz
-her, wie er im ganzen Orte nicht seinesgleichen hatte.
-
-Der hier und da durchbrochene Laubengang öffnete sich auf eine
-Anpflanzung, die nach Art eines Labyrinthes von gewundenen Alleen
-durchzogen war. In der Spaliermauer hatten sie eine Bogenwölbung
-herstellen wollen, durch die man die Fernsicht wahrnehmen sollte.
-Da der obere Teil sich nicht in der Schwebe halten konnte, war
-ein ungeheurer Mauerbruch entstanden, dessen Trümmer auf der Erde
-umherlagen.
-
-Sie hatten die Spargel geopfert, um ein etruskisches Grabmal an deren
-Stelle bauen zu können, das heißt einen Würfel aus schwarzem Gips, der
-sechs Fuß Höhe hatte und aussah wie eine Hundehütte. Vier Koniferen
-standen an den Ecken dieses Grabmals, das von einer Urne überragt und
-mit einer Inschrift geschmückt werden sollte.
-
-In einem andern Teile des Gemüsegartens überspannte eine Art Rialto
-einen Teich, dessen Ufer mit Miesmuscheln ausgelegt waren. Die Erde
-schluckte das Wasser; gleichviel! Es würde sich eine Tonschicht bilden,
-die es aufhalten würde.
-
-Der Schuppen war mit Hilfe von farbigem Glas in eine ländliche Hütte
-umgewandelt.
-
-Auf dem Gipfel des Schneckenberges trugen sechs vierkantig behauene
-Bäume einen Hut aus Eisenblech mit umgebogener Krämpe, und das Ganze
-stellte eine chinesische Pagode vor.
-
-Sie hatten an den Ufern der Orne Granitstücke ausgewählt, sie
-zerschlagen, numeriert und selbst auf einem Karren herbeigeschleppt.
-Dann hatten sie die einzelnen Stücke mit Zement verbunden, während sie
-sie aufeinander häuften; und mitten auf dem Rasen erhob sich ein Fels,
-ähnlich einer riesigen Kartoffel.
-
-Es fehlte noch etwas, um den harmonischen Eindruck zu vervollständigen.
-Sie schlugen die größte Linde des Laubenganges um -- sie war übrigens
-zu Dreivierteln eingegangen -- und legten sie ihrer ganzen Länge nach
-durch den Garten, so daß man glauben konnte, sie sei durch einen
-Sturzbach angeschwemmt oder vom Blitz zu Boden gestreckt.
-
-Als sie damit fertig waren, rief Bouvard, der auf der Freitreppe stand,
-von weitem:
-
-„Von hier sieht man besser!“
-
-„Sieht man besser!“ wiederholten die Lüfte.
-
-Pécuchet antwortete:
-
-„Ich komme!“
-
-„Komme!“
-
-„Sieh da, ein Echo!“
-
-„Echo!“
-
-Bis dahin hatte die Linde es verhindert, sich bemerkbar zu machen, und
-es wurde durch die Pagode begünstigt, die der Scheune gegenüberstand;
-ihr Giebel überragte den Laubengang.
-
-Um das Echo zu erproben, belustigten sie sich damit, Scherzworte zu
-rufen; Bouvard brüllte anstößige Zoten.
-
-Er war mehrere Male unter dem Vorwande, Geld zu erheben, in Falaise
-gewesen, und er kehrte immer mit kleinen Paketen zurück, die er in
-seine Kommode einschloß. Pécuchet reiste eines Tages nach Bretteville
-und kam sehr spät heim mit einem Handkorb, den er unter seinem Bette
-verbarg.
-
-Am folgenden Tage hatte Bouvard beim Erwachen eine Überraschung. Die
-beiden vorderen Taxusbäume, die am gestrigen Abend noch kugelförmig
-gewesen waren, hatten die Gestalt von Pfauen, und ein Horn mit zwei
-Porzellanknöpfen bildete den Schnabel und die Augen. Pécuchet hatte
-sich bei Tagesanbruch erhoben, und zitternd, er möchte entdeckt werden,
-hatte er die beiden Bäume nach Angabe der von Dumouchel übersandten
-Werke beschnitten.
-
-Seit sechs Monaten suchten die anderen Bäume hinter diesen beiden mehr
-oder weniger glücklich Pyramiden, Würfel, Zylinder, Hirsche oder Sessel
-nachzuahmen. Aber nichts kam den Pfauen gleich. Bouvard sprach in hohen
-Lobreden seine Anerkennung darüber aus.
-
-Unter dem Vorwande, sein Scheit vergessen zu haben, zog er seinen
-Gefährten in das Labyrinth, denn er hatte Pécuchets Abwesenheit
-benutzt, um auch seinerseits etwas Außerordentliches zu leisten.
-
-Die Tür nach den Feldern war mit einer Gipslage überzogen, auf der sich
-in schöner Ordnung fünfhundert Pfeifenköpfe aneinanderreihten. Sie
-stellten Emire, Neger, nackte Frauen, Pferdefüße und Totenköpfe vor.
-
-„Begreifst du meine Ungeduld?“
-
-„Ganz gewiß!“
-
-Und in der Erregung umarmten sie sich.
-
-Wie alle Künstler hatten sie das Bedürfnis nach Beifall, und Bouvard
-gedachte ein großes Diner zu geben.
-
-„Gib acht! Du wirst dich ins Empfangen stürzen. Das ist ein Abgrund.“
-
-Indessen wurde die Veranstaltung beschlossen.
-
-Solange sie die Gegend bewohnten, hatten sie sich abseits gehalten.
-Alle nahmen, von dem Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen, ihre
-Einladung an, ausgenommen der Graf von Faverges, den Geschäfte in die
-Hauptstadt riefen. Sie hielten sich dafür an Herrn Hurel, sein Faktotum.
-
-Beljambe, der Wirt, ehemaliger Küchenchef in Lisieux, sollte gewisse
-Schüsseln zubereiten. Er stellte einen Kellner. Germaine hatte die
-Viehmagd zu Hilfe genommen. Marianne, die Magd der Frau Bordin, sollte
-auch kommen. Mit dem vierten Glockenschlage wurde das Gittertor weit
-geöffnet, und die beiden Besitzer erwarteten voll Ungeduld ihre Gäste.
-
-Hurel blieb unter dem Buchengange stehen, um seinen Rock wieder
-anzuziehen. Dann näherte sich der Geistliche, der eine neue Soutane
-angelegt hatte, und einen Augenblick später kam Herr Foureau in
-einer Sammetweste. Der Doktor führte seine Frau am Arm, die mühsam
-vorwärtsschritt, während sie sich mit dem Sonnenschirm schützte. Eine
-Flut von roten Bändern wogte hinter ihnen, es war die Haube der Frau
-Bordin, die in einer schönen buntseidenen Robe steckte. Ihre goldene
-Uhrkette schlug gegen ihre Brust, und ihre Ringe blitzten an ihren
-beiden Händen, die von schwarzen Halbhandschuhen bedeckt waren. Endlich
-erschien der Notar, einen Panama auf dem Kopfe, ein Glas im Auge, denn
-der Beamte ertötete in ihm nicht den Mann von Welt.
-
-Der Salon war so glatt, daß man kaum darin stehen konnte. Die acht
-Utrechter Sessel standen mit ihren Lehnen an der Wand entlang; ein
-runder Tisch in der Mitte trug das Likörservice, und über dem Kamin
-erblickte man das Bild des alten Bouvard. Das im darauf fallenden Licht
-sichtbar werdende Nachdunkeln des Bildes gab dem Munde einen verzogenen
-Ausdruck und den Augen einen schielenden Blick, und etwas Schimmel auf
-den Wangen verstärkte den Eindruck von Koteletten. Die Gäste stellten
-eine Ähnlichkeit zwischen dem alten Bouvard und seinem Sohne fest, und
-Frau Bordin fügte hinzu, er müsse ein sehr schöner Mann gewesen sein,
-wobei sie Bouvard ansah.
-
-Nachdem man eine Stunde gewartet, kündigte Pécuchet an, man könne in
-den Saal hinübergehen.
-
-Die Vorhänge aus weißem Kattun mit roter Kante waren wie die des Salons
-vollständig vor die Fenster gezogen, und die Sonne, die den Stoff
-durchdrang, warf ein blondes Licht über die Wandtäfelung, die als
-einzigen Schmuck ein Barometer aufwies.
-
-Bouvard setzte die beiden Damen neben sich, Pécuchet den Bürgermeister
-zu seiner Linken, den Pfarrer zu seiner Rechten, und man machte sich an
-die Austern. Sie schmeckten moderig. Bouvard war untröstlich, erging
-sich in Entschuldigungen, und Pécuchet erhob sich, um in der Küche
-Beljambe eine Szene zu machen.
-
-Die ganze Zeit während der ersten Gänge, die aus einer Scholle, ferner
-einer Pastete und gedämpften Tauben bestanden, stand die Mostbereitung
-im Mittelpunkt der Unterhaltung.
-
-Dann kam man auf bekömmliche und unbekömmliche Gerichte.
-Selbstverständlich wurde der Arzt um Rat gefragt. Seine Beurteilung
-der Dinge war skeptisch wie die eines Mannes, der auf den Grund der
-Wissenschaft geblickt hat; er duldete indessen nicht den geringsten
-Widerspruch.
-
-Zu dem Lendenbraten wurde Burgunder gereicht. Er war trübe. Bouvard,
-der für dieses ärgerliche Vorkommnis das Spülen der Flasche
-verantwortlich machte, ließ drei andere ohne größeren Erfolg versuchen
-und schenkte dann Saint-Julien ein, der augenscheinlich zu jung war,
-und alle Gäste verstummten. Hurel lächelte ununterbrochen; die schweren
-Schritte des Kellners dröhnten auf den Fliesen.
-
-Frau Vaucorbeil, untersetzt und mit schlechtgelaunter Miene (sie befand
-sich übrigens gegen Ende ihrer Schwangerschaft), hatte vollständiges
-Schweigen gehütet. Bouvard, der nicht wußte, womit er sie unterhalten
-solle, erzählte ihr vom Theater in Caen.
-
-„Meine Frau geht niemals ins Schauspiel,“ sagte der Arzt.
-
-Herr Marescot besuchte, wenn er sich in Paris aufhielt, einzig die
-italienische Oper.
-
-„Ich,“ sagte Bouvard, „ich leistete mir zuweilen einen Parterreplatz im
-Vaudeville-Theater, um Schwänke zu hören.“
-
-Foureau fragte Frau Bordin, ob sie Schwänke liebe.
-
-„Das kommt darauf an, von welcher Art sie sind,“ sagte sie.
-
-Der Bürgermeister neckte sie. Sie gab die Scherze zurück. Dann teilte
-sie ein Rezept für Gurken mit. Übrigens waren ihre Hausfrauentalente
-bekannt, und sie besaß ein kleines, wunderbar bewirtschaftetes Gut.
-
-Foureau befragte Bouvard:
-
-„Haben Sie die Absicht, Ihre Besitzung zu verkaufen?“
-
-„Lieber Gott, bis zum Augenblick weiß ich wirklich nicht...“
-
-„Wie! nicht einmal das Stück der Ecalles?“ fuhr der Notar fort, „das
-würde etwas Passendes für Sie sein, Frau Bordin.“
-
-Die Witwe erwiderte, sich zierend:
-
-„Die Ansprüche des Herrn Bouvard möchten zu hoch sein.“
-
-„Man könnte ihn vielleicht mürbe machen.“
-
-„Ich werde es nicht versuchen!“
-
-„Pah! wenn Sie ihm einen Kuß gäben?“
-
-„Versuchen wir es nun gerade,“ sagte Bouvard.
-
-Und unter dem Beifall der Gesellschaft küßte er sie auf beide Wangen.
-
-Fast zu gleicher Zeit entkorkte man den Sekt. Das Knallen der Pfropfen
-erhöhte die frohe Stimmung. Pécuchet gab ein Zeichen, die Vorhänge
-öffneten sich, und der Garten wurde sichtbar.
-
-In der Dämmerung war der Eindruck schrecklich. Der Fels nahm wie ein
-Berg den Rasen ein, das Grabmal bildete zwischen dem Spinat einen
-Würfel, die venezianische Brücke über den Bohnen einen Zirkumflex, --
-und darüber hinaus die Hütte einen schwarzen Fleck, denn sie hatten
-das Strohdach angezündet, um sie poetischer zu machen. Die Taxusbäume
-in Form von Hirschen oder Sesseln folgten einander bis zu dem
-niedergeschmetterten Baum, der sich querhindurch von dem Laubengange
-bis zur Laube erstreckte, wo Tomaten wie Stalaktiten herabhingen.
-Hier und da entfaltete eine Sonnenblume ihre gelbe Scheibe. Die
-rotgestrichene chinesische Pagode auf dem Hügel glich einem Leuchtturm.
-Die von der Sonne getroffenen Pfauenschnäbel sprühten Lichter, und
-hinter dem Gitter, von dem man die Latten fortgenommen, schloß das ganz
-flache Gelände den Horizont.
-
-Das Staunen der Gäste war für Bouvard und Pécuchet ein Hochgenuß.
-
-Frau Bordin besonders bewunderte die Pfauen; doch das Grabmal fand
-kein Verständnis, ebensowenig die angezündete Hütte und die in Ruinen
-gelegte Mauer. Dann betrat einer nach dem andern die Brücke. Um den
-Teich zu füllen, hatten Bouvard und Pécuchet den ganzen Morgen hindurch
-Wasser angefahren. Es war zwischen den schlecht verbundenen Steinen des
-Grundes durchgesickert, und Schlamm bedeckte sie.
-
-Während des Rundganges erlaubte man sich, zu kritisieren. „An Ihrer
-Stelle würde ich das so gemacht haben. -- Die Erbsen sind zurück. --
-Offen gesagt, dieser Winkel ist nicht sauber. -- Mit einer solchen
-Beschneidung werden sie niemals Früchte bekommen.“
-
-Bouvard war genötigt zu antworten, daß ihm die Früchte gleichgültig
-seien.
-
-Als man den Laubengang entlang ging, sagte er mit pfiffiger Miene:
-
-„Ah! da ist jemand, den wir stören; bitte tausendmal um Entschuldigung!“
-
-Der Scherz blieb unerwidert. Jeder kannte die Dame aus Gips.
-
-Nach mehreren Umwegen im Labyrinth gelangte man schließlich vor die
-Tür mit den Pfeifen. Betroffene Blicke wurden gewechselt. Bouvard
-beobachtete die Gesichter seiner Gäste, -- und voller Ungeduld, ihre
-Ansicht zu erfahren, fragte er:
-
-„Was sagen Sie dazu?“
-
-Frau Bordin platzte aus. Alle andern taten desgleichen, der Herr
-Pfarrer gab eine Art Glucksen von sich, Hurel hüstelte, der Arzt
-weinte, seine Frau litt an einem nervösen Krampf, -- und Foureau, ein
-Mann ohne Rücksichten, brach einen Emir ab, den er als Andenken in die
-Tasche steckte.
-
-Als man aus dem Laubengang herauskam, schrie Bouvard, um seine Gäste
-durch das Echo in Verwunderung zu setzen, aus Leibeskräften:
-
-„Diener! meine Damen!“
-
-Kein Laut! Das Echo war verschwunden. Das lag an den Ausbesserungen,
-die man an der Scheune vorgenommen hatte: der Giebel und die Bedachung
-waren abgerissen.
-
-Der Kaffee wurde auf dem Schneckenberg gereicht, -- und die Herren
-waren im Begriff, eine Partie Kugeln zu beginnen, als sie gegenüber,
-hinter dem Gitter, einen Mann sahen, der sie anblickte.
-
-Er war mager und sonnverbrannt, trug eine zerfetzte rote Hose, eine
-blaue Joppe, kein Hemd; sein schwarzer Bart war kurz geschnitten; und
-mit heiserer Stimme stieß er einzeln die Worte hervor: „Geben Sie mir
-ein Glas Wein!“
-
-Der Bürgermeister und der Abbé Jeufroy erkannten ihn sogleich wieder.
-Es war ein ehemaliger Schreiner aus Chavignolles.
-
-„Nun, Gorju, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte Herr Foureau. „Man
-bettelt nicht!“
-
-„Ich betteln!“ schrie der Mann erbost. „Ich habe sieben Jahre in Afrika
-gekämpft. Ich komme aus dem Spital. Keine Arbeit! Soll ich morden?
-Verflucht nochmal!“
-
-Sein Zorn legte sich von selbst, und die beiden Fäuste in die Hüften
-gestemmt, betrachtete er die Bürger mit melancholischer und spöttischer
-Miene. Die Anstrengungen der Biwaks, Absinth und Fieber, ein ganzes
-Dasein von Elend und Völlerei offenbarte sich in seinen trüben Augen.
-Seine bleichen Lippen zitterten, wobei sein Zahnfleisch sich entblößte.
-Der weite purpurgefärbte Himmel umfing ihn mit einem blutigen Schimmer,
-und seine Halsstarrigkeit, dort bleiben zu wollen, verbreitete ein
-Gefühl von Entsetzen.
-
-Um ein Ende zu machen, holte Bouvard den Rest einer Flasche herbei. Der
-Vagabund trank ihn gierig herunter und verschwand dann gestikulierend
-in den Haferfeldern.
-
-Darauf tadelte man Bouvard. Durch solche Nachgiebigkeit begünstige man
-die Unordnung. Doch Bouvard, der durch den Mißerfolg seines Gartens
-gereizt war, begann das Volk zu verteidigen, -- alle sprachen zu
-gleicher Zeit.
-
-Foureau hob die Regierung in den Himmel, für Hurel gab es nur
-Grundbesitz in der Welt. Der Abbé Jeufroy beklagte sich, daß man die
-Religion nicht schütze. Pécuchet schimpfte über die Steuern. Frau
-Bordin rief in Zwischenräumen: „In erster Linie verabscheue ich die
-Republik,“ und der Arzt erklärte sich für den Fortschritt. „Denn
-schließlich, meine Herren, haben wir Reformen nötig.“ -- „Möglich!“
-antwortete Foureau, „aber alle diese Ideen schaden den öffentlichen
-Angelegenheiten!“ „Ich pfeife auf die öffentlichen Angelegenheiten!“
-schrie Pécuchet.
-
-Vaucorbeil fuhr fort: „Dürfen wir wenigstens die Kapazitäten
-heranziehen?“ Bouvard ging nicht so weit.
-
-„Das ist Ihre Meinung?“ erwiderte der Doktor, „dann weiß man, wer Sie
-sind! Guten Abend! Ich wünsche Ihnen eine Sündflut, damit Sie auf Ihrem
-Teich Kahn fahren können.“
-
-„Ich gehe auch,“ sagte einen Augenblick später Herr Foureau. Und auf
-seine Tasche weisend, in der sich der Emir befand: „Wenn ich einen
-neuen nötig habe, komme ich wieder!“
-
-Bevor der Pfarrer ging, vertraute er Pécuchet schüchtern an, daß er
-dieses heidnische Grabmal inmitten der Gemüse nicht schicklich finde.
-Hurel grüßte bei seinem Aufbruch die Anwesenden sehr tief. Herr
-Marescot war gleich nach dem Nachtisch verschwunden.
-
-Frau Bordin begann die Einzelheiten ihrer Gurkenbereitung von neuem,
-versprach ein zweites Rezept für Pflaumen in Branntwein und ging noch
-dreimal in der großen Allee auf und ab; als sie jedoch an der Linde
-vorbeikam, hakte sich der Saum ihres Gewandes fest, und sie hörten sie
-murmeln: „Lieber Gott! Was für eine Dummheit ist das mit diesem Baum!“
-
-Bis Mitternacht ließen die beiden Gastgeber unter der Laube ihren
-Verdruß aus.
-
-Gewiß waren zwei, drei Kleinigkeiten hier und da in dem Diner zu
-tadeln; indessen hatten sich ja die Gäste wie Vielfraße vollgepfropft,
-ein Beweis, daß es so schlecht nicht war. Was jedoch den Garten
-anlangte, so rührte soviel Herabsetzung von der schwärzesten Eifersucht
-her; und sich erhitzend, riefen sie:
-
-„Ach! Das Wasser fehlt in dem Teich! Geduld! Man wird sogar einen
-Schwan und Fische darin sehen!“
-
-„Die Pagode haben sie kaum beachtet!“
-
-„Zu behaupten, die Ruinen seien nicht reinlich, ist die Ansicht eines
-Dummkopfes!“
-
-„Und das Grabmal eine Unschicklichkeit! Warum eine Unschicklichkeit?
-Hat man nicht das Recht, auf seiner Besitzung so etwas zu erbauen? Ich
-werde mich sogar darin beisetzen lassen!“
-
-„Still davon!“ sagte Pécuchet.
-
-Dann gingen sie die Gäste der Reihe nach durch.
-
-„Der Arzt sieht wie ein rechter Poseur aus.“
-
-„Hast du Marescots Grinsen vor dem Porträt bemerkt?“
-
-„Was für ein ungehobelter Klotz dieser Herr Bürgermeister ist!
-Wenn man in einem Hause speist, zum Teufel, so schont man die
-Sehenswürdigkeiten.“
-
-„Und Frau Bordin?“ sagte Bouvard.
-
-„Na, das ist eine Intrigantin! Laß mich in Ruhe mit der!“
-
-Von der Gesellschaft angewidert, beschlossen sie, mit niemandem mehr zu
-verkehren und ausschließlich für sich allein zu Hause zu leben.
-
-Und sie brachten ganze Tage im Keller damit zu, den Weinstein von den
-Flaschen zu entfernen, lackierten alle Möbel neu, bohnten die Zimmer;
-jeden Abend erörterten sie, wenn sie das Holz brennen sahen, die besten
-Heizsysteme.
-
-Aus Sparsamkeit versuchten sie, Schinken zu räuchern und die Wäsche
-zu waschen; Germaine, die sie belästigten, zuckte die Achseln. Um die
-Einmachezeit geriet sie in Wut, und sie richteten sich im Backhaus ein.
-
-Es hatte ehemals als Waschhaus gedient und besaß unter dem gespaltenen
-Holz einen großen eingemauerten Kessel, der sich ausgezeichnet für
-ihre Pläne eignete, denn der Ehrgeiz hatte sie gepackt, Konserven
-herzustellen.
-
-Vierzehn Einmachegläser wurden mit Tomaten und Erbsen gefüllt; sie
-dichteten den Verschluß mit ungelöschtem Kalk und Käse, setzten auf die
-Ränder Leinwandstreifen und stellten die Gläser in kochendes Wasser.
-
-Es verdampfte; sie gossen kaltes nach; der Temperaturunterschied ließ
-die Gläser platzen. Nur drei wurden gerettet.
-
-Dann verschafften sie sich alte Sardinenbüchsen, taten Kalbskoteletten
-hinein und brachten sie in ein Sandbad. Sie kamen rund wie Ballons
-wieder heraus; die Abkühlung sollte sie flach machen. Um den Versuch
-fortzusetzen, verschlossen sie in andere Büchsen Eier, Endivien,
-Hummer, ein pikantes Fischgericht, eine Suppe! -- und sie waren über
-sich selbst entzückt, wie Herr Appert, „die Jahreszeiten festgelegt zu
-haben“. Solche Entdeckungen gingen nach Pécuchet über die Taten der
-Eroberer hinaus.
-
-Sie vervollkommneten die Mixed-pickles-Bereitung der Frau Bordin,
-indem sie den Essig mit Pfeffer würzten; und ihre Branntweinpflaumen
-waren bedeutend vorzuziehen! Durch Mazerieren erhielten sie Himbeer-
-und Absinth-Ratafia. In einer Bagnolser Tonne wollten sie aus Honig
-und Engelwurz Malagawein herstellen; und sie unternahmen ebenso die
-Bereitung des Champagners! Die Chablisflaschen, die vom Weinmost rissig
-geworden waren, platzten von selbst. Da zweifelten sie nicht mehr am
-Gelingen.
-
-Ihre Kenntnisse erweiterten sich, und sie argwöhnten infolgedessen
-überall Fälschungen von Nahrungsmitteln.
-
-Dem Bäcker gegenüber nörgelten sie über die Farbe des Brotes. Sie
-machten sich den Krämer zum Feinde, indem sie behaupteten, er fälsche
-seine Schokolade. Sie begaben sich nach Falaise, um Brustbeerenpaste
-zu verlangen -- und vor den Augen des Apothekers unterwarfen sie
-seine Paste der Probe durch das Wasser. Sie nahm das Aussehen einer
-Speckschwarte an, was Gelatinegehalt anzeigte.
-
-Nach diesem Triumph wuchs ihr Stolz. Sie erstanden die Gerätschaften
-eines verkrachten Branntweinbrenners, und bald kamen in das Haus Siebe,
-kleine Tonnen, Trichter, Schaumlöffel, Seihebeutel und Wagen, ohne eine
-Mulde mit Kugel und eine Retorte mit einem Helmkühler, welche einen
-Schmelzofen nebst Rauchfang erforderte, zu zählen.
-
-Sie lernten, wie Zucker geläutert wird, und welche verschiedene Arten
-man durch Einkochen erzielen kann, den groß- und den kleingeperlten,
-den Schaumzucker, den aufgegangenen, den schleimigen und den
-Karamellzucker. Doch es verlangte sie, die Retorte zu gebrauchen; und
-sie machten sich an die Likörbereitung, wobei sie mit dem Anisschnaps
-anfingen. Die Flüssigkeit führte fast immer die festen Bestandteile
-mit, oder diese setzten sich auf dem Grunde fest; dann wieder hatten
-sie sich in betreff des Mengungsverhältnisses geirrt. Um sie glänzten
-die großen kupfernen Abdampfschalen, die Kolben streckten ihre spitzen
-Schnäbel aus, die Pfannen hingen an den Wänden. Oft sortierte der
-eine Kräuter auf dem Tisch, während der andere die Kanonenkugel in
-der aufgehängten Mulde bewegte; sie rührten mit den Löffeln um, sie
-kosteten die Mischungen.
-
-Bouvard, dem immer der Schweiß herunterlief, trug nur Hemd und Hose,
-welch letztere er mit seinen kurzen Hosenträgern bis zur Magenhöhlung
-emporgezogen hatte; aber verwirrt wie ein Vogel, vergaß er die
-Scheidewand des Kolbens, oder er feuerte zu stark.
-
-Pécuchet, unbeweglich in seiner langen Bluse, eine Art Kinderkittel mit
-Ärmeln, murmelte Berechnungen; und sie hielten sich für sehr ernsthafte
-Menschen, die sich mit nützlichen Dingen beschäftigten.
-
-Schließlich träumten sie von einem feinen Likör, der alle anderen
-übertrumpfen sollte. Sie wollten Koriander zusetzen wie beim Kümmel,
-Kirsch wie beim Maraschino, Ysop wie beim Chartreuse, Bisam wie beim
-Vespetro, Magenwurz wie beim Krambambuli; und durch Sandelholz sollte
-er eine rote Farbe erhalten. Doch unter welchem Namen sollten sie ihn
-in den Handel bringen? Denn man brauchte einen leicht zu behaltenden,
-aber doch absonderlich klingenden Namen. Nachdem sie lange gesucht
-hatten, entschlossen sie sich, ihn „Bouvarine“ zu nennen.
-
-Gegen Ende des Herbstes zeigten sich Flecke in den drei
-Konservengläsern. Die Tomaten und die Erbsen waren verdorben.
-Sollte das vom Verschluß herrühren? Da quälte sie das Problem des
-Verschließens. Um neue Methoden zu erproben, fehlte es ihnen an Geld.
-Ihr Pachthof machte ihnen Kummer.
-
-Mehrere Male hatten sich Pächter zur Übernahme angeboten, Bouvard hatte
-nichts davon wissen wollen. Aber sein erster Knecht bewirtschaftete
-den Hof nach seinen Anweisungen mit einem gefährlichen Sparsystem der
-Art, daß die Ernten geringer wurden, alles dem Untergange entgegenging,
-und sie sprachen von ihren Verlegenheiten, als Meister Gouy in ihr
-Laboratorium trat, von seiner Frau begleitet, die sich furchtsam
-zurückhielt.
-
-Dank aller Bearbeitung, die man dem Boden hatte zuteil werden lassen,
-war das Land besser geworden, -- und er kam, um den Pachthof wieder zu
-übernehmen. Er machte ihn herunter. Trotz aller ihrer Mühen seien die
-Erträgnisse vom Zufall abhängig; mit einem Wort, wenn er wünschte, ihn
-wieder zu übernehmen, so sei es aus Liebe zur Scholle und aus Sehnsucht
-nach so guten Herren. Man entließ ihn kühl. Er kam noch denselben Abend
-wieder.
-
-Pécuchet hatte Bouvard lange darüber vorgepredigt; sie wollten
-nachgeben. Gouy verlangte eine Herabsetzung des Pachtzinses, und
-da die Gegenpartei heftig protestierte, begann er mehr zu brüllen
-als zu sprechen, indem er den lieben Gott zum Zeugen anrief, seine
-Mühsale aufzählte, seine Verdienste rühmte. Als man ihn aufforderte,
-seinen Preis zu sagen, senkte er, anstatt zu antworten, den Kopf. Da
-begann seine Frau, die, einen großen Korb auf den Knien, an der Tür
-saß, dieselben Beteuerungen, indem sie mit scharfer Stimme wie ein
-verwundetes Huhn kreischte.
-
-Schließlich wurde der Vertrag zu der Bedingung von dreitausend Franken
-Jahreszins abgeschlossen; das war ein Drittel weniger als früher.
-
-Noch in derselben Sitzung machte Meister Gouy den Vorschlag, das
-Inventar zu kaufen, und die Wechselreden begannen von neuem.
-
-Die Schätzung der Gegenstände dauerte vierzehn Tage. Bouvard war von
-der Anstrengung halb tot. Er gab alles für eine so lächerliche Summe
-hin, daß Gouy zuerst die Augen aufriß, und „Abgemacht“ ausrufend, in
-seine Hand einschlug.
-
-Darauf luden die Besitzer dem Brauche gemäß zu einem kleinen Imbiß in
-ihrer Wohnung ein, und Pécuchet entkorkte, weniger aus Großmut, als
-in der Hoffnung, etwas Schmeichelhaftes zu hören, eine Flasche seines
-Malaga.
-
-Doch der Bauer sagte, die Nase rümpfend:
-
-„Das schmeckt wie Lakritzensaft.“
-
-Und seine Frau verlangte, „um den Geschmack von der Zunge zu bekommen“,
-ein Glas Branntwein.
-
-Eine wichtigere Angelegenheit nahm sie in Anspruch! Alle Bestandteile
-des „Bouvarine“-Likörs waren endlich zusammen.
-
-Sie füllten damit den Kolben, fügten Alkohol hinzu, zündeten das Feuer
-an und warteten. Unterdessen nahm Pécuchet, dem der mißlungene Malaga
-keine Ruhe ließ, die Blechdosen aus dem Schrank, löste den Deckel der
-ersten, dann der zweiten, der dritten. Wütend warf er sie hin und rief
-Bouvard.
-
-Bouvard schloß den Hahn des Kühlrohrs und stürzte sich auf die
-Konserven. Die Enttäuschung war vollständig. Die Kalbfleischscheiben
-ähnelten gekochten Sohlen. Der Hummer hatte sich in eine schmutzige
-Flüssigkeit verwandelt. Das Fischgericht war nicht mehr zu erkennen.
-Pilze waren auf der Suppe gewachsen, -- und ein unerträglicher Geruch
-verpestete das Laboratorium.
-
-Plötzlich zersprang die Retorte mit dem Knalle einer Granate in
-tausend Scherben, die bis zur Decke flogen, die Töpfe zerschlugen, die
-Schaumlöffel platt drückten, die Gläser zerschmetterten; die Kohle
-zerstreute sich, der Ofen war entzwei, -- und am folgenden Tage fand
-Germaine im Hofe einen Spatel.
-
-Die Kraft des Dampfes hatte das Instrument zersprengt, und das um so
-eher, als der Kolben am Knauf geschlossen war.
-
-Pécuchet hatte sich sogleich hinter den Bottich geduckt, und Bouvard
-war auf einen Schemel gesunken. Zehn Minuten lang verharrten sie in
-dieser Stellung, nicht wagend, eine Bewegung zu machen, bleich vor
-Schrecken inmitten der Scherben. Als sie die Sprache wiedererlangt
-hatten, fragten sie sich, was der Grund zu so viel Unglück, besonders
-zu dem letzten, sei; und sie begriffen nichts davon, ausgenommen, daß
-sie beinahe umgekommen wären. Pécuchet schloß mit folgenden Worten:
-
-„Vielleicht ist der Grund der, daß wir nichts von der Chemie verstehen!“
-
-
-
-
-III
-
-
-Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich
-die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen
-Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“
-
-Man teilt sie in Metalloide und Metalle -- ein Unterschied, der „nichts
-Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Ebenso gilt für die Säuren und die
-Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz
-den Umständen zufolge, verhalten kann“.
-
-Die Bemerkung schien ihnen seltsam. -- Die multiplen Proportionen
-setzten Pécuchet in Verwirrung.
-
-„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von
-B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele
-Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das
-ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“
-
-„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard.
-
-Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem
-von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft
-hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß
-der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht.
-
-Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element
-nicht existiert.
-
-Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit
-Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten
-sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie.
-
-Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden,
-aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine
-Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die
-Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die
-Laternen enthielt.
-
-Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe.
-
-Sie brachte sie auf die Säuren, -- und das Gesetz des
-Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie
-versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte
-sie vollends.
-
-Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente
-haben müssen.
-
-Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt.
-
-Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären.
-
-Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein.
-
-„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“
-
-Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck
-ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er:
-
-„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“
-
-Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie
-erlernen wollten.
-
-„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch
-heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die
-Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“
-
-Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der
-Umgebung verstärkt.
-
-Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den
-chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer
-Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die
-Darstellung einer Muskelfigur.
-
-Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment.
-
-„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“
-
-Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für
-ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem
-Innern der Frau und dem des Mannes beständen.
-
-Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat
-einen Band anatomischer Tafeln.
-
-„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“
-
-Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer,
-die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in
-Verwunderung. -- Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich
-wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth
-lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über
-das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal
-stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. -- Warum
-gerade sechzehnmal?
-
-Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet,
-der sich mit Eifer an den Schädel gemacht, verlor den Mut vor dem
-Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt.
-
-Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, --
-und sie machten sich an die Muskeln.
-
-Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu
-den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie
-vollständig darauf.
-
-Da sagte Pécuchet:
-
-„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das
-Laboratorium zu benutzen.“
-
-Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man
-für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle.
-
-Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im
-Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der
-folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor
-ihrem Gittertor nieder.
-
-Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den
-Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier
-glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen.
-
-Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten
-und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte
-keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr
-sauberem Spielzeug, das nach Lack roch.
-
-Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die
-zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah,
-ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze
-Masse der Eingeweide.
-
-„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet.
-
-Der Tag und der Abend gingen damit hin.
-
-Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den
-Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren
-Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“
-
-Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters.
-
-Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den künstlichen
-Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache
-zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem
-Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen
-Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen;
-Neugierige standen im Hof.
-
-Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die
-Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor,
-hatte etwas Furchtbares.
-
-„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet.
-
-Foureau stotterte:
-
-„Nichts, gar nichts.“
-
-Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm,
-fragte er:
-
-„Was ist das?“
-
-„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard.
-
-Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß
-sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging.
-
-Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen
-fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten,
-waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte,
-erzitterte der Tisch.
-
-„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum
-vom Halse!“
-
-Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen.
-
-„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“
-
-Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht
-hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie
-keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung
-machen. -- Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und
-rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den
-anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die
-Wissenschaft zu leiden.
-
-Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe
-als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er
-die Gelegenheit, zu dozieren.
-
-Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen
-auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner Bibliothek, wobei er indessen
-versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen.
-
-Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die
-besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher
-Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den
-berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die
-wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle
-zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert
-starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase
-drei Pfund wog, gekannt hatten!
-
-Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie
-unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus
-zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse
-ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen,
-Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das
-Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um
-sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen.
-
-Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam
-vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile
-wieder an den rechten Platz zu setzen.
-
-Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie
-zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und
-vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden
-Ellbogen auf den Tisch gestützt.
-
-Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten
-Besuche gemacht hatte, durch die Tür.
-
-„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“
-
-„Vorzüglich,“ erwiderten sie.
-
-Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu
-setzen.
-
-Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und
-sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und
-ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz
-ihres Bemühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte
-sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten.
-
-„Bravo! Das habe ich erwartet!“
-
-In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, -- und
-das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief.
-
-Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die
-Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre?
-
-Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um
-dort Bücher zu kaufen.
-
-Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte
-ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit
-berühmt waren.
-
-Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen
-von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren,
-daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des
-Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen.
-
-Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen,
-die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse
-und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam,
-zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in
-ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn
-sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen
-Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit.
-
-Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in
-eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie
-trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern
-Erfolg als den, ihre Person zu infizieren.
-
-Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße
-entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt
-bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide
-mit einem Schnupfen zurück.
-
-Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard
-verbreitete sich über die Frage der Zeugung.
-
-Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht.
-Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er
-ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend
-ein Geständnis.
-
-Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er
-fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde,
-rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten,
-so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten,
-Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes
-in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte.
-
-Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer,
-hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an
-Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in
-eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame
-und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte
-schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern
-schwanger war.
-
-Bouvard sagte zu ihm:
-
-„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme
-dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“
-
-Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und
-sie setzten ihre Physiologie fort.
-
-Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen
-Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht
-des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des
-Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die
-Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius,
-der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf,
-täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er
-wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen
-aufzuschreiben.
-
-Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide
-zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an.
-
-Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung nicht zu hindern,
-und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz
-seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst
-seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf
-einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor.
-
-Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die
-Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die
-Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die
-Körperteile am Becken bewegt.
-
-Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit
-einem Thermometer versehen, hinein.
-
-Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil
-des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im
-Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch
-von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, -- und da sie sich dort
-sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit.
-
-Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle.
-
-„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet.
-
-Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz
-gewiß kalt.“
-
-„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst
-vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“
-
-Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen
-Bauch, prustete wie ein Pottfisch, -- dann sah er auf das Thermometer,
-das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“
-
-„Nicht genug!“
-
-Und er fing seine Übungen von neuem an.
-
-Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in
-die Hand nahm.
-
-„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“
-
-Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von
-Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul.
-
-Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub.
-Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus
-Furcht, gebissen zu werden.
-
-Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die
-Augen rollte.
-
-Da bellte der Hund; -- und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an
-die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich
-zu heben suchte.
-
-„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund
-anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen.
-
-Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte
-seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen
-Krallen.
-
-„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“
-
-Er legte sich darauf und blieb ruhig.
-
-Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von
-der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; -- und als
-Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf:
-
-„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“
-
-Für was für Versuche?
-
-Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren,
-um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie
-die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor
-verkaufen.
-
-Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen,
-ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das
-alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die
-Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark.
-
-Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen
-Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte.
-Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere
-und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine
-Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch
-den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche.
-
-Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit
-Bindfäden an den Pfoten erblickte.
-
-Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im selben Augenblick
-herein. Er machte einen Satz und war verschwunden.
-
-Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede.
-
-„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! -- Und
-meine Küche, die ist sauber! -- Das wird ihn vielleicht toll machen!
-Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“
-
-Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen.
-
-Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an.
-
-Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut
-bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen.
-
-Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen
-einzuziehen, -- und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg,
-sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte.
-
-Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser
-starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben
-Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen
-verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten;
-und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine
-vollkommen weiße Knochenhaut.
-
-Die Ernährung beunruhigte sie.
-
-Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die
-Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines
-Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges
-verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere
-in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der
-im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den
-Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen
-statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts.
-
-Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist.
-Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von
-hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf
-ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem
-alten Wort zufolge) der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren,
-sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran.
-
-Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten.
-
-Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben
-ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt,
-sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen.
-
-Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem
-Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme
-Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von
-François Raspail an.
-
-Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge
-ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem
-Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an.
-
-Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände
-rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen,
-verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und
-verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der
-Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften
-ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit
-Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung
-eines Buckligen.
-
-Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden
-hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu
-ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten
-zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit
-Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu
-frühstücken.
-
-Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte,
-bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor
-behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern;
-anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert
-und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten sie davon befreien.
-Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die
-Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil
-ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn
-mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen
-wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten
-Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt.
-
-Sie warb ihnen Anhänger, -- und der Steuereinnehmer, der Schreiber
-auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in
-Chavignolles lutschte Federkiele.
-
-Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die
-Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich
-über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte
-Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das
-Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus
-Furcht, ihr Ansehen zu verringern.
-
-Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an
-Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper.
-
-Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren
-Büchern nach.
-
-Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche
-sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische,
-griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller
-Sprachen.
-
-Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit
-ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen
-aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin.
-
-Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus,
-Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der
-Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie
-wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und
-Wirkung unterscheiden zu können.
-
-„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil.
-
-Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten die Kranken
-ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die
-Häuser einführten.
-
-Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren
-Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von
-scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze
-Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie
-von Leder und altem Käse.
-
-Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß
-die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel
-Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten
-gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen
-schwinde.
-
-Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die
-Kühnheit, die Brust zu behorchen.
-
-Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge
-im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen
-würden.
-
-Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen
-noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn,
-gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen
-aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom
-Individuum absorbiert wurden.
-
-Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das
-Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau
-mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie
-aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf.
-
-Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue
-Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen.
-
-Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er
-werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy
-kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und
-Vaucorbeil vernachlässige ihn.
-
-Pécuchet opferte sich.
-
-Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken,
-aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle Anzeichen von
-Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man
-durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete
-Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt.
-
-Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen
-der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten.
-
-Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster
-hinaus, indem er rief:
-
-„Das ist ja der reine Mord!“
-
-„Warum?“
-
-„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der
-Drüsenschleimhaut ist.“
-
-„Nicht immer!“
-
-Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet
-glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den
-Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen
-kann!“
-
-„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“
-
-„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit?
-Wer hat es gesehen?“
-
-Pécuchet verwickelte sich in seine Worte.
-
-„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“
-
-Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung.
-
-„Gleichviel! Er braucht sie!“
-
-„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“
-
-„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten.
-
-„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor.
-
-Pécuchet kreuzte die Arme.
-
-„Dann sind Sie also Empiriker?“
-
-„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“
-
-„Und wenn man falsch beobachtet?“
-
-Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der
-Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert
-hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn.
-
-„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“
-
-„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbeigeführt haben,
-hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“
-
-Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit
-erhobener Stimme:
-
-„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“
-
-Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch
-zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen.
-
-Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der
-eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis.
-
-„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der
-ein Diplom besitzt...“ -- Pécuchet lächelte spöttisch. -- „Warum lachen
-Sie?“
-
-„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“
-
-Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner
-sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor:
-
-„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin
-vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des
-Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen
-gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß
-noch einmal in Ihr Haus setze!“
-
-Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke
-gestikulierte.
-
-Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung.
-
-Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden
-in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie
-vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen
-wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor
-den Kopf darüber.
-
-Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster
-hielt, -- und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den
-Kopf gestoßen.
-
-Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von
-der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil
-doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin auskennen!
-Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem
-Menschenleben vergangen zu haben.
-
-Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des
-Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm
-an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach
-Chavignolles gelockt zu haben!
-
-Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war
-seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn.
-
-„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die
-Entbindungen machten...“
-
-„Ich habe die künstlichen Körper satt!“
-
-„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen
-erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“
-
-Aber Bouvard war der Medizin müde.
-
-„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu
-zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, -- und man findet
-in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der
-Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“
-
-Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt.
-
-Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine
-Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche
-nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster,
-dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von
-Gallensteinen bedroht.
-
-Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die
-Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr
-erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb
-war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich:
-
-„Habe ich Schmerzen?“
-
-Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben.
-
-Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre
-Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser,
-nahmen Abführmittel, -- und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind,
-Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft.
-
-Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme
-Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, --
-und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern
-in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns.
-
-Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine
-Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde
-beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist
-eine drohende Ankündigung des Schlagflusses.
-
-Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft
-einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte.
-Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben
-Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein
-Handbuch der Hygiene von Dr. Morin.
-
-Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte,
-die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer
-Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte.
-
-Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter
-Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“.
-Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto
-unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die
-Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet,
-von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“.
-Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder
-eins der Worte: „schädlich!“ -- „man hüte sich vor dem Zuviel!“ --
-„bekommt nicht jedermann!“ -- Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie
-wissen, ob diese Sache einem bekommt?
-
-Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf
-den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die
-Schokolade; -- denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen
-Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich
-ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten
-Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der
-Bauchspeicheldrüse zu reinigen.
-
-Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so
-mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft,
-eine Forderung, die Pécuchet empörte.
-
-Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen,
-daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von
-vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen
-unerläßlich“ ist.
-
-Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit
-gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man
-badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will,
-daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach
-der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor,
-die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm,
-dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch
-von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor
-der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und
-sanguinischen Menschen.
-
-Was ist dann die Hygiene?
-
-„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr
-Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft.
-
-Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit
-Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das
-war eine Befreiung, fast eine Vergeltung -- und sie machten sich über
-Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren!
-Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das
-Leben ist nur gut, insoweit man es genießt!
-
-„Noch ein Stück?“
-
-„Ich bin nicht abgeneigt.“
-
-„Ich auch nicht!“
-
-„Auf deine Gesundheit!“
-
-„Auf die deinige!“
-
-„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“
-
-Sie gerieten in Stimmung.
-
-Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich
-er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die Mütze auf den
-Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der
-Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins
-Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu
-weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet:
-
-„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“
-
-Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu
-verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie.
-
-Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt
-einzunehmen.
-
-Die Ernte war soeben beendet -- und die Heuhaufen hoben sich auf den
-Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und
-milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal
-die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise
-einatmend, die ihre Wangen kühlte.
-
-Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen,
-andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in
-weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden
-nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen
-leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, -- und das Firmament
-schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen.
-
-„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus.
-
-„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße
-gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der
-nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“
-
-Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und
-erinnerte sich der Zahlen.
-
-„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat
-die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von
-vierunddreißig Millionen Meilen!“
-
-„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard.
-
-Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend
-nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein.
-
-Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und zeigte ihm den
-Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus
-dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont,
-den roten Aldebaran.
-
-Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke,
-Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel
-zurechtzufinden.
-
-Pécuchet fuhr fort:
-
-„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der
-Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu
-uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet,
-verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie
-wieder, -- und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das
-alles zieht vorüber.“
-
-„Doch die Sonne ist unbeweglich!“
-
-„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie
-dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“
-
-Das störte Bouvard in seinen Ideen; -- und nach minutenlangem
-Nachdenken:
-
-„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes
-gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest
-überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht
-erforschen kann.“
-
-So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der
-Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen.
-
-Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den
-Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang
-steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars
-von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß
-es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen;
-man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige.
-
-Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer
-ungeheuren Rakete beschreibend.
-
-„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“
-
-Pécuchet fuhr fort:
-
-„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte, würden die Bewohner
-der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige
-Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“
-
-„Welches ist der Zweck von alldem?“
-
-„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“
-
-„Indessen...“
-
-Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere
-Worte zu finden.
-
-„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“
-
-„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen
-zufielen.
-
-„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“
-
-Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er
-gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde
-wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz
-von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen;
-dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch
-erschienen.
-
-Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war
-wie das Weltall selbst.
-
-Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so
-bedeutende Gegenstände nachzudenken.
-
-Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu
-zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de
-Saint-Pierres.
-
-Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers,
-menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam
-darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne
-des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die
-Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten;
-ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur
-tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem
-Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist,
-Wohltaten auszuteilen!
-
-Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder,
-und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten
-und Schönheiten der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei,
-Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für
-sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden
-sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die
-feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen
-sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem
-Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben.
-
-Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu.
-
-Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen
-Geschmack gewisser Tiere in Entzücken.
-
-Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie
-traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten,
-daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß
-die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen.
-
-„Nie im Leben.“
-
-Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig.
-
-Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen.
-
-Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock
-und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den
-ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war,
-schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich
-selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor
-sich gehen konnte.
-
-Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie
-wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während
-der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte
-und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die
-im Dunkeln leuchteten.
-
-Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu
-Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte
-ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von
-Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im
-Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf, um
-es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf
-die Erde.
-
-Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer
-Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus
-solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von
-der Frage der Art.
-
-Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich
-fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten
-klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu
-derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben.
-
-Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die
-Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel
-wegen eines Mikroskops.
-
-Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel,
-einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser
-vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen
-sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel
-wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen
-zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt,
-sind wohl nicht so positiver Art.
-
-Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn
-Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher
-Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr
-Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“
-Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs.
-
-Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in
-ihrer Einbildungskraft:
-
-Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten
-Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut.
-Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit;
-dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf
-eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die
-feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige
-Felsstücke stoben von den Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava,
-die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer
-Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da
-überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie
-Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig
-Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals
-mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt
-erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere
-mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer
-Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken
-Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den
-Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier,
-halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die
-Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter
-den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den
-Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner
-Höhle bellen machte.
-
-Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt,
-deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren
-Akten, dessen Apotheose der Mensch war.
-
-Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von
-Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher
-Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste.
-
-Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der
-Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an:
-
-„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“
-
-Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift
-dadurch, daß sie die Sündflut beweise.
-
-Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien.
-
-Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand,
-so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern.
-
-Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht von Erfolg
-gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen
-jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein.
-
-„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in
-Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde
-ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der
-Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe
-eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung
-eines Krokodils verzeichnet war.
-
-Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung
-war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und
-fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer
-Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump,
-dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den
-Kopf, während er die Augen schloß.
-
-Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten.
-
-„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“
-
-Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort
-Larsoneurs. Endlich kam sie.
-
-Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte,
-hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte
-anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und
-er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung
-ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte
-man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les
-Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise
-Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen.
-
-Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich
-gerne sogleich nach Villers aufgemacht.
-
-Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und
-sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich,
-Erkundigungen einzuziehen -- und sie schrieben dem Bürgermeister des
-Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis
-Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen, seine
-Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung
-unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte
-da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu
-machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag?
-
-Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten
-Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren
-die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie
-nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde
-beschlossen.
-
-Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann
-brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen
-sie zu Fuß nach Port-en-Bessin.
-
-Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte
-eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes
-erreichten sie den Strand.
-
-Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu
-den Fluten offen vor ihnen.
-
-Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus
-weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich
-verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine
-Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer
-rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte
-nur noch das leise Geräusch der Quellen.
-
-Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher
-springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen,
-ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem
-Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn
-zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre
-Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem
-kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze
-Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich
-Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren.
-
-Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer
-Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es
-war ein „Ammonites nodosus“, der an den Enden schadhaft war, aber gut
-sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir
-müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“
-
-Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber
-auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines
-Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der
-Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse
-wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten.
-
-Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten.
-
-Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das
-Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen.
-
-Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen
-Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte.
-
-„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit
-fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in
-gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend.
-
-Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die
-Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler
-Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im
-Begriff herabzugleiten.
-
-Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich.
-
-„Ihre Pässe?“
-
-Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben
-Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht
-herbeigeeilt war.
-
-„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“
-
-„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete
-Pécuchet.
-
-Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß
-nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen.
-
-Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der
-unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte.
-
-Bouvard sagte seufzend:
-
-„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“
-
-„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“
-erwiderte der Feldhüter.
-
-„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“
-
-Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend.
-
-„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“
-
-Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von
-Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer
-würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke;
-und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen,
-sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im
-Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den
-Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück.
-Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht
-zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der
-Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort
-angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft
-vorsichtiger zu sein.
-
-Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie
-neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des
-geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen
-guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen,
-eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch
-den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen
-Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock
-nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit
-langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem
-Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide
-darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie
-vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei
-Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich
-nicht überall in der Mütze vorstellen kann“, scheuten sie die Kosten
-„eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem
-Hutmacher Gibus, benannt sind.“
-
-Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes,
-das man besuchen will, soll man können,“ -- sie konnten sie. „Eine
-bescheidene Haltung bewahren,“ -- das pflegten sie zu tun. „Nicht
-zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich
-schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut,
-„sich für einen Ingenieur auszugeben.“
-
-„Schön! Das werden wir tun!“
-
-So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang
-abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft.
-
-Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände,
-deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten,
-oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur
-Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die
-Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch
-die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah,
-was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein
-Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für
-die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden
-Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten
-nach Moränen und Muschelerde.
-
-Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und
-wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die
-Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen
-Unannehmlichkeiten zuziehen.
-
-Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber
-beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der
-Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte
-über die Menge Staub.
-
-Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen
-der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und
-des Gemenges ließ sie Ton und Mergel, Granit und Gneis, Quarz und
-Kalkstein miteinander verwechseln.
-
-Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch,
-jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in
-Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich
-darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo
-eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen
-ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die
-geologischen Einteilungen glauben.
-
-Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen
-Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu
-Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu
-Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht
-hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le
-Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen.
-
-Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege,
-der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war
-gefährlich, sich dorthin zu wagen.
-
-Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die
-Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom,
-wenn es sein müßte“.
-
-Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre
-Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte
-man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so
-weit wie möglich zu gelangen.
-
-Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei
-braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die
-Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen.
-
-Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und
-fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine
-große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer
-hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu
-einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte
-mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von
-Algen auf den Fliesen einer Kirche.
-
-Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im
-Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über
-den Ursprung der Welt.
-
-Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist.
-
-Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt,
-Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein
-inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes
-Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an
-alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das
-Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die
-Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar
-werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure
-verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können.
-
-„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard.
-
-„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet.
-
-Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und
-sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin.
-
-Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln
-schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von
-fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer
-kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie
-geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten,
-kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und
-schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam.
-
-Pécuchet dachte mit lauter Stimme:
-
-„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß
-nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur
-hervorzubrechen.“
-
-„Aber es nimmt doch ab.“
-
-„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den
-Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte
-sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben.
-
-„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“
-
-„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von Lissabon. Was
-unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen
-zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde
-bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“
-
-Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der
-Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg.
-
-„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden
-vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das
-gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig
-wie die Normandie oder auch wie Europa.“
-
-Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen.
-
-„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal
-stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten
-von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich,
-vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt,
-ist zermalmt.“
-
-Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald
-Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte
-ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts
-mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden
-zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In
-demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab.
-
-Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine
-Furcht, schrie ihm von weitem zu:
-
-„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“
-
-Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der
-Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte:
-
-„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht
-abgelaufen!“
-
-Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die
-Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem
-Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen
-herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken.
-
-Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an
-einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der Bouvard jedenfalls
-heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen.
-
-Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe
-geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter
-Alabaster.
-
-In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut
-herankam, begann er wieder emporzuklimmen.
-
-Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah,
-erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto
-schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein
-Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen
-Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend,
-das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und
-unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer,
-die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die
-Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen
-seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte
-mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort
-Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle
-emporgestiegen war.
-
-Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr.
-
-Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie
-unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der
-Geologie“ betitelt war.
-
-Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie
-man sie zu jener Zeit auffaßte.
-
-Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden,
-aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an
-einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter
-enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte
-Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten
-sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit
-finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen
-Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen
-sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge, und die
-Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als
-Abstraktionen.
-
-Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf
-dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der
-Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen
-großen Mann sank.
-
-Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und
-Geoffroy Saint-Hilaires bekannt.
-
-Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche.
-
-Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein
-Joch abgeschüttelt hätte.
-
-„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der
-Sündflut antworten würde!“
-
-Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des
-Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung
-eines Meßgewandes zu versammeln hatten:
-
-„Die Herren wünschen...?“
-
-„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“
-
-Und Bouvard begann:
-
-„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die
-‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein
-Himmel hat keine Katarakte!“
-
-Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen
-dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst
-Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie
-vertiefe.
-
-„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge
-überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein
-Wasserstand von zwei Meilen!“
-
-Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein
-schönes Bad!“
-
-„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“
-
-Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe
-sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern,
-welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“
-
-„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“
-
-„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle
-Tage geschieht.“
-
-Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem
-Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe
-führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam
-vorwärts kam.
-
-Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort:
-
-„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre -- das beweist
-uns die Wissenschaft -- ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um
-die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde.
-
-Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande
-herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig
-vermehren.“
-
-Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu.
-
-Der Geistliche wurde ungeduldig.
-
-„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat?
-Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich
-weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und
-da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die
-Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der
-Wissenschaft ist!“
-
-Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de
-Beaumonts, antworten.
-
-„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé.
-
-Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal
-auf der Präfektur gesehen!“
-
-„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt
-hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen
-von manchmal dreihundert Meter.“
-
-Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die
-Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien
-aufgefundenen Tiere.
-
-Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe!
-Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter.
-
-„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die
-gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die
-Verzeichnisse Manethos...“
-
-Der Graf von Faverges nahte.
-
-Alle verstummten bei seiner Annäherung.
-
-„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“
-
-„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé.
-
-„Weswegen?“
-
-„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“
-
-Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht
-hätten, religiöse Fragen zu erörtern.
-
-„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort:
-‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und
-in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war:
-„Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr
-zurückkehren!“
-
-Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem
-behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn
-die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre!
-
-„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche.
-
-Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede,
-daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der
-anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht
-waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch
-langsame Entwicklung zu entstehen.
-
-Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren,
-ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der
-Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“
-
-Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“
-Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“
-
-„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu
-der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab!
-
-Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich
-zu vergewissern, daß sie keine Affen seien.
-
-Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer
-Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“
-
-„Genug!“
-
-„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den
-Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten:
-„Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“
-
-„Zur Sitzung, meine Herren!“
-
-Und man trat in die Sakristei.
-
-Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie
-es vorgehabt hatten. -- Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel
-des Jesuitismus“ trage.
-
-Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch
-d’Orbignys auf.
-
-Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die
-vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator
-gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt
-verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter
-sind.
-
-Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in
-ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil.
-
-Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des
-Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe
-einen nach dem anderen streifte.
-
-Bouvard lauerte ihm auf, -- und nachdem er ihn angehalten hatte,
-sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie
-unterbreiten.
-
-„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“
-
-„Welcher Unsinn!“
-
-„Eher von den Affen, nicht wahr?“
-
-„In gerader Linie ist das unmöglich!“
-
-Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor
-kein sehr zuverlässiger Kunde.
-
-Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän
-und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute
-und die Fossilien, die ohne Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“
-verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren,
-so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei
-erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde.
-
-Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten
-in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird
-man immer in Unkenntnis bleiben.
-
-Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen:
-
-„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der
-Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen
-haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht
-eine Ansammlung von Vegetabilien? -- Wenn man sie auf ich weiß nicht
-wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet,
-zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen
-begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“
-
-Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit
-gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen
-hingab.
-
-Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet
-wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel
-strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer
-Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen
-Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der
-unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel
-in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren
-Geheimnisse durchdringen zu wollen, -- hingerissen von ihrer Macht,
-verloren in ihre Größe.
-
-„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend.
-
-„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“
-
-„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln,
-mit einem Brett auf der Schulter.
-
-Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas
-Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar
-seitlich gekräuselt, den Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen
-Körper in pariserischer Weise.
-
-Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf
-sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche.
-
-„Mélie! bist du da, Mélie?“
-
-Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum
-Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu
-bedienen.
-
-Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von
-grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an
-ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen
-hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges.
-
-„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser
-herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin
-verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! -- Armes
-kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“
-
-„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter
-Stimme in schleppendem Ton.
-
-Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ
-den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang.
-
-Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle
-vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des
-Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub
-Darstellungen von Personen.
-
-Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und
-Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in
-fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel
-stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren
-Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das
-war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte
-sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu
-können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr
-unpassenden Stellung wiedergab.
-
-Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise.
-
-„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“
-
-Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen.
-
-Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war.
-
-„Gut! Kommen Sie!“
-
-Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin,
-Wäsche ausbreitete.
-
-Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel
-vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete.
-
-Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren
-Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das
-geneigt blieb.
-
-Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den
-man ihr zahlte.
-
-Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im
-Monat eine Pistole; -- kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine
-Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen.
-
-Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel
-fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd
-einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen.
-
-„Versteht sich!“
-
-„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard.
-
-„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen
-der Bürgersfrau.“
-
-Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken
-abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen.
-
-Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund.
-
-Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine
-Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte:
-
-„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht!
-Übrigens hast du zu entscheiden!“
-
-Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief
-sie an:
-
-„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“
-
-„Morgen!“
-
-„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“
-
-„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet.
-
-
-
-
-IV
-
-
-Sechs Wochen später waren sie Archäologen geworden; und ihr Haus glich
-einem Museum.
-
-Ein alter Holzbalken erhob sich im Vorsaal. Die geologischen Proben
-versperrten die Treppe; und eine ungeheure Kette zog sich am Boden des
-Hausflurs entlang.
-
-Sie hatten die Tür zwischen den beiden Zimmern, in denen sie nicht
-schliefen, ausgehängt und den äußeren Eingang zu dem zweiten
-zugenagelt, um aus den beiden Räumen ein einziges Gemach zu bilden.
-
-Wenn man die Schwelle überschritten hatte, stieß man gegen einen
-steinernen Trog (einen gallorömischen Sarkophag), dann wurde der Blick
-durch Metallgegenstände angezogen.
-
-An der gegenüberliegenden Wand sah man eine Wärmpfanne über zwei
-Feuerböcken und einer Kaminplatte, die einen mit einer Hirtin
-schäkernden Mönch darstellte. Auf kleinen Brettern erblickte man
-ringsumher Leuchter, Schlösser, Bolzen, Schrauben. Der Boden verschwand
-unter Scherben von roten Ziegeln. Die seltensten Sehenswürdigkeiten
-waren in der Mitte auf einem Tisch aufgestellt: das Gestell einer
-Haube, wie sie die Bäuerinnen der Landschaft Caux tragen, zwei
-Tonurnen, Denkmünzen, ein Fläschchen aus Opalglas. Ein gestickter
-Sessel trug auf seiner Rückenlehne ein Dreieck aus Gipüre. Ein Stück
-von einem Panzerhemd zierte die Wand zur Rechten; und darunter hielten
-lange Haken eine Hellebarde in horizontaler Lage, ein einzigartiges
-Stück.
-
-Das zweite Zimmer, in das man auf zwei Stufen hinabging, enthielt die
-alten, aus Paris mitgebrachten Bücher und die, welche sie bei ihrer
-Ankunft in einem Schranke entdeckt hatten. Die Schranktüren waren
-entfernt. Sie nannten das die Bibliothek.
-
-Der Stammbaum der Familie Croixmare nahm die ganze andere Seite der
-Tür ein. In den Ecken hingen über der Wandtäfelung als Pendants das
-Pastellbild einer Dame in Louis-XV-Tracht und das Porträt von Bouvards
-Vater. Das Gesims des Spiegels zierten ein Sombrero aus schwarzem Filz
-und ein ungeheurer Überschuh, der mit Blättern gefüllt war, den Resten
-eines Nestes.
-
-Zwei Kokosnüsse (sie gehörten Pécuchet seit seiner Kindheit) lagen auf
-dem Kamin zu beiden Seiten einer Fayencetonne, auf der ein Bauer ritt.
-Daneben lag in einem Strohkorb ein Geldstück, das eine Ente von sich
-gegeben hatte.
-
-Vor der Bibliothek machte sich eine Muschelkommode mit
-Plüschverzierungen breit. Ihr Deckel trug eine Katze, die eine Maus in
-ihrem Maule hielt, -- eine Versteinerung aus Saint-Allyre, -- einen
-Arbeitskasten, der ebenfalls aus Muscheln war, -- und auf diesem Kasten
-stand eine Kognakkaraffe, die eine Pfundbirne umschloß.
-
-Doch das Glanzstück, eine Statue Sankt Peters, stand in der
-Fensternische! Seine behandschuhte rechte Hand hielt den Schlüssel
-des Paradieses, der von apfelgrüner Farbe war. Sein Meßgewand, das
-mit Lilien durchwirkt war, war von himmelblauer Farbe, und seine
-leuchtend gelbe Tiara war spitz wie eine Pagode. Seine Wangen waren
-geschminkt, die Augen dick und rund, der Mund stand offen, die
-Nase war schief und aufgestülpt. Darüber hing ein aus einem alten
-Teppich hergestellter Himmel, auf dem man zwei Amoretten in einem
-Kranz von Rosen unterschied, und zu seinen Füßen erhob sich wie eine
-Säule ein Buttertopf, der folgende Worte in weißen Buchstaben auf
-schokoladefarbigem Grunde zeigte: „Angefertigt vor Seiner Königlichen
-Hoheit dem Herzog von Angoulême zu Noron d. 3. Oktober 1817.“
-
-Pécuchet überschaute das alles von seinem Bette aus in einer Flucht,
-und manchmal ging er sogar in Bouvards Zimmer, um es mehr aus der Ferne
-zu sehen.
-
-Dem Panzerhemd gegenüber blieb ein Platz leer, er war für die
-Renaissancetruhe bestimmt.
-
-Sie war noch nicht fertig, Gorju arbeitete noch daran; er behobelte die
-Flächen im Backhaus, paßte sie ein, nahm sie wieder ab.
-
-Um elf Uhr frühstückte er, plauderte dann mit Mélie und erschien oft
-den ganzen Tag nicht wieder.
-
-Um Stücke in der Art dieses Möbels zu bekommen, hatten sich Bouvard und
-Pécuchet auf die Suche gemacht. Was sie mitbrachten, paßte nicht. Aber
-sie waren auf eine Menge merkwürdiger Sachen gestoßen. Der Geschmack am
-Krimskrams war ihnen gekommen, dann die Liebe zum Mittelalter.
-
-Zuerst besuchten sie die Kathedralen, -- und die hohen Schiffe, die
-sich in dem Weihwasser der Becken spiegelten, die Glasarbeiten, die
-wie Behänge aus Edelsteinen blendeten, die Grabmäler in der Tiefe
-der Kapellen, das dämmerige Licht der Krypten, alles bis zur Kühle
-der Mauern erfüllte sie mit einem Schauer der Lust, versetzte sie in
-religiöse Erregung.
-
-Bald waren sie imstande, die Epochen zu unterscheiden -- und voll
-Verachtung für die Erklärungen der Küster sagten sie: „Ah! eine
-romanische Apsis! Das ist aus dem zwölften Jahrhundert! Da haben wir
-wieder den Flammenstil!“
-
-Sie bemühten sich, die steinernen Symbole an den Kapitälen zu deuten,
-wie die beiden Greifen zu Marigny, die einen blühenden Baum anpicken.
-Pécuchet wollte in den Sängern mit grotesken Kinnladen, welche die
-Kranzgesimse von Feugerolles abschließen, eine Satire erblicken, --
-und die Überfülle des unanständigen Mannes auf einem der Fensterkreuze
-von Hérouville bewies nach Bouvards Ansicht, daß unsere Voreltern die
-zotigen Späße geliebt hätten.
-
-Schließlich wollten sie nicht mehr das geringste Zeichen von
-Geschmacksentartung dulden. Alles war Entartung -- und sie jammerten
-über Vandalismus, schimpften über die Tünche.
-
-Doch der Stil eines Denkmals trifft nicht immer mit dem Datum zusammen,
-das man dafür ansetzt. Der Rundbogen herrscht noch im dreizehnten
-Jahrhundert in der Provence vor. Der Spitzbogen ist vielleicht sehr
-alt! Und manche Autoren bestreiten, daß der romanische Stil vor dem
-gotischen bestanden habe. Dieser Mangel an Gewißheit ärgerte sie.
-
-Nach den Kirchen studierten sie die festen Burgen: diejenigen von
-Domfront und von Falaise. Unter dem Tor bewunderten sie die Nuten des
-Fallgatters, und wenn sie den Gipfel erstiegen hatten, erblickten sie
-zuerst das ganze Land, dann die Dächer der Stadt, die sich kreuzenden
-Straßen, die Karren auf dem Platze, die Frauen beim Waschen. Steil
-stürzte die Mauer bis zum Gestrüpp der Gräben herab, -- und sie
-erblichen bei dem Gedanken, daß hier Menschen, auf Leitern schwebend,
-emporgeklettert seien. Sie würden sich in die unterirdischen Gewölbe
-gewagt haben; doch bildete für Bouvard sein Bauch ein Hindernis, und
-Pécuchet hatte Angst vor Schlangen.
-
-Sie wollten die alten Sitze, Curcy, Bully, Fontenay, Lemarmion,
-Argouge, kennenlernen. Zuweilen erhob sich im Winkel der Gebäude
-hinter dem Misthaufen ein Turm aus der Zeit der Karolinger. Die
-Küche, die Steinbänke hatte, rief Gedanken an feudale Schmausereien
-wach. Andere zeigten ein durchaus wildes Äußeres mit ihren drei noch
-deutlich erkennbaren Umfriedigungen, den Schießscharten unter der
-Treppe, den langen, spitzgedeckten Türmchen. Dann gelangte man in ein
-Gemach, wo ein Fenster aus der Zeit der Valois, fein gemeißelt wie
-eine Elfenbeinschnitzerei, die Sonne hereinscheinen ließ, die den auf
-dem Parkett ausgebreiteten Raps wärmte. Abteien dienen als Scheunen.
-Die Inschriften der Grabsteine sind verwischt. Auf den Feldern ragt
-ein einzelner Giebel empor -- und ist von oben bis unten mit Efeu
-überwuchert.
-
-Eine Menge von Dingen erregte ihre Begierde, ein Zinntopf, ein Ring mit
-einem Straß, großgeblümter Kattun. Mangel an Geld hielt sie vom Einkauf
-ab.
-
-Durch eine Fügung des Himmels gruben sie in Balleroy bei einem
-Verzinner eine gotische Scheibe aus, und sie war groß genug, um in der
-Nähe des Sessels die rechte Fensterseite bis zur zweiten Scheibe zu
-bedecken. Der Kirchturm von Chavignolles zeigte sich im Hintergrunde,
-es war von prachtvoller Wirkung.
-
-Aus dem unteren Teile eines Schrankes verfertigte Gorju ein Betpult,
-um es unter die Scheibe zu stellen, denn er schmeichelte ihrer
-Leidenschaft. Sie war so stark, daß sie den Verlust der Baudenkmäler
-bedauerten, über die man rein gar nichts weiß, -- wie das Lusthaus der
-Bischöfe von Séez.
-
-„Bayeux,“ sagt Herr von Caumont, „soll ein Theater gehabt haben.“ Sie
-suchten seinen Platz vergeblich.
-
-Im Dorfe Montrecy liegt eine Wiese, berühmt durch die Münzenfunde, die
-man dort früher gemacht hat. Sie zählten auf eine schöne Ausbeute. Der
-Wächter verweigerte ihnen den Zutritt.
-
-Sie waren nicht glücklicher in betreff der Verbindung, welche zwischen
-einer Zisterne in Falaise und der Vorstadt von Caen bestand. Enten, die
-man dort eingelassen hatte, erschienen zu Vaucelles wieder, indem sie
-schnatterten: „Can, can, can,“ woraus der Name der Stadt entstanden ist.
-
-Kein Gang, kein Opfer war ihnen zu sauer.
-
-In der Herberge von Mesnil-Villement hatte Herr Galeron im Jahre 1816
-ein Frühstück für die Summe von vier Sous bekommen. -- Sie genossen
-dasselbe Mahl und stellten mit Staunen fest, daß die Dinge sich seither
-geändert hatten!
-
-Wer ist der Begründer der Abtei von Sainte-Anne? Besteht eine
-Verwandtschaft zwischen Marin Onfroy, der im zwölften Jahrhundert eine
-neue Sorte Äpfel einführte, und Onfroy, dem Gouverneur von Hastings zur
-Zeit der Eroberung? Wie sich „Die arglistige Zauberin“ verschaffen, ein
-Lustspiel in Versen von einem gewissen Dutrezor, das in Bayeux entstand
-und gegenwärtig sehr selten ist? Unter Ludwig XIV. schrieb Hérambert
-Dupaty oder Dupastis Hérambert ein niemals erschienenes Werk voll von
-Anekdoten über Argentan: es handelte sich darum, diese Anekdoten wieder
-aufzufinden. Was ist aus den selbstgeschriebenen Memoiren der Frau
-Dubois de la Pierre geworden, die für die unveröffentlichte Geschichte
-des Ortes Laigle von Louis Dasprès, Vikar zu Saint-Martin, benutzt
-sind? Das alles sind Probleme, merkwürdige Punkte, die der Aufklärung
-bedürfen.
-
-Doch zuweilen führt ein schwacher Hinweis auf den richtigen Weg zu
-einer unschätzbaren Entdeckung.
-
-Also zogen sie ihre Kittel wieder an, um kein Aufsehen zu erregen, und
-sich den Anschein von Hausierern gebend, sprachen sie in den Häusern
-vor und verlangten, alte Papiere zu kaufen. Man verkaufte ihnen ganze
-Stöße. Es waren Schulhefte, Rechnungen, alte Zeitungen, nichts was man
-gebrauchen konnte.
-
-Schließlich wandten sich Bouvard und Pécuchet an Larsoneur.
-
-Er steckte tief im Keltizismus, antwortete kurz auf ihre Fragen,
-stellte neue.
-
-Ob sie in ihrer Gegend Spuren der Hundeverehrung bemerkt hätten,
-wie man sie in Montargis findet? Und außerdem fragte er nach
-besonderen Einzelheiten über die Johannisfeuer, die Hochzeiten, nach
-volkstümlichen Sprichwörtern und so weiter? Und er bat sie sogar,
-für ihn einige jener Steinbeile zu sammeln, die man damals „Celtae“
-nannte und welche die Druiden bei „ihren verbrecherischen Sühnopfern“
-gebrauchten.
-
-Durch Gorju verschafften sie sich etwa ein Dutzend derselben, sandten
-ihm das kleinste; die andern bereicherten ihr Museum.
-
-Sie gingen gern darin herum, fegten es selbst, hatten allen ihren
-Bekannten davon gesprochen.
-
-Eines Nachmittags fanden sich Frau Bordin und Herr Marescot ein, um es
-zu besichtigen.
-
-Bouvard empfing sie und begann mit der Vorführung der Gegenstände in
-der Vorhalle.
-
-Der Balken war nichts Geringeres als der ehemalige Galgen von Falaise,
-nach Angabe des Tischlers, der ihn verkauft hatte und der diese
-Kenntnis von seinem Großvater hatte.
-
-Die dicke Kette auf dem Flur stammte aus dem Verlies des Schloßturmes
-von Torteval. Nach der Ansicht des Notars glich sie den Ketten der
-Grenzsteine vor den Ehrenhöfen. Bouvard war überzeugt, daß sie ehemals
-dazu gedient hatte, Gefangene zu fesseln, und er öffnete die Tür des
-ersten Zimmers.
-
-„Was sollen alle diese Ziegel?“ rief Frau Bordin.
-
-„Um die Bäder zu erwärmen; doch ein wenig der Reihe nach, wenn ich
-bitten darf. Dies hier ist ein Grabmal, das in einer Herberge entdeckt
-wurde, wo es als Viehtrog diente.“
-
-Dann nahm Bouvard die beiden Urnen in die Hand, die mit Erde -- es sei
-menschliche Asche -- gefüllt waren, und er brachte das Fläschchen an
-seine Augen, um zu zeigen, wie die Römer ihre Tränen darin auffingen.
-
-„Aber man sieht bei Ihnen nur traurige Dinge!“
-
-In der Tat war das etwas ernst für eine Dame, und er entnahm einer
-Schachtel mehrere Kupfermünzen und einen Silberdenar.
-
-Frau Bordin fragte den Notar, wieviel das wohl heute wert sei.
-
-Das Panzerhemd, das er betrachtete, entglitt seinen Händen; einige
-Maschen lösten sich. Bouvard verbarg sein Mißvergnügen.
-
-Er hatte sogar die Gefälligkeit, die Hellebarde abzunehmen, und sich
-beugend, die Arme hebend, mit dem Fuße aufstampfend, gab er sich den
-Anschein, die Kniekehlen eines Pferdes zu durchmähen, wie mit dem
-Bajonette zu stoßen, einen Feind zu töten. Innerlich fand die Witwe, er
-sei ein kräftiger Schlingel.
-
-Sie war von der Muschelkommode begeistert. Die Katze von Saint-Allyre
-setzte sie sehr in Staunen, die Birne in der Karaffe etwas weniger;
-dann kam man zu dem Kamin.
-
-„Ah! da ist ein Hut, der ausbesserungsbedürftig wäre.“
-
-Drei Löcher, Male von Kugeln, höhlten die Ränder.
-
-Er hatte dem Anführer einer Diebesbande, David de la Bazoque, unter
-dem Direktorium gehört, der durch Verrat gefangengenommen und sogleich
-getötet worden war.
-
-„Um so besser, da hat man gut getan,“ sagte Frau Bordin.
-
-Marescot lächelte vor den Gegenständen in herablassender Weise. Er
-hatte kein Verständnis für den Überschuh, der das Aushängeschild
-eines Schuhwarenhändlers gewesen war, noch begriff er, was dieses
-Fayence-Tönnchen sollte, das ein gewöhnlicher Mostbehälter war; und
-der Sankt Peter mit seiner Physiognomie eines Trunkenboldes sei, offen
-gesagt, ein kläglicher Anblick.
-
-Frau Bordin machte die Bemerkung:
-
-„Immerhin wird er Ihnen ziemlich viel gekostet haben?“
-
-„O! nicht allzuviel, nicht allzuviel.“
-
-Ein Dachdecker hatte ihn für fünfzehn Franken hergegeben.
-
-Dann tadelte sie als etwas Unpassendes die Entblößung der Dame mit der
-gepuderten Perücke.
-
-„Was ist schlimmes daran?“ fragte Bouvard, „wenn man etwas Schönes
-besitzt.“
-
-Und leiser fügte er hinzu:
-
-„Wie Sie, dessen bin ich sicher.“
-
-Der Notar wandte ihnen den Rücken, während er die Zweige der Familie
-Croixmare studierte. Sie gab keine Antwort, sondern fing an, mit ihrer
-langen Uhrkette zu spielen. Ihr Busen wölbte sich unter dem schwarzen
-Taffet ihrer Taille, und sie senkte, während sie die Augenbrauen leicht
-zusammenzog, das Kinn wie eine Taube, die sich bläht; dann fragte sie
-mit harmloser Miene:
-
-„Wie hieß die Dame?“
-
-„Das weiß man nicht; sie ist eine der Mätressen des Regenten, Sie
-wissen, desselben, der so viele Possen trieb.“
-
-„Ganz recht; die Memoiren aus der Zeit...“
-
-Und der Notar beklagte, ohne seinen Satz zu beenden, das Beispiel
-dieses von seinen Leidenschaften beherrschten Fürsten.
-
-„Aber so sind Sie alle!“
-
-Die beiden Männer protestierten, und ein Gespräch über die Frauen,
-über die Liebe knüpfte sich daran. Marescot versicherte, es gäbe viele
-glückliche Ehen; zuweilen habe man sogar, ohne es zu ahnen, ganz in
-seiner Nähe, was man zu seinem Glücke brauche. Die Anspielung war nicht
-mißzuverstehen. Die Wangen der Witwe bedeckten sich mit Purpur; doch
-sogleich sich fassend, sagte sie:
-
-„Wir sind aus dem Alter der Torheiten heraus, nicht wahr, Herr Bouvard?“
-
-„Eh, eh! das möchte ich doch nicht behaupten.“
-
-Und er bot ihr den Arm, um sie ins andere Zimmer zu führen.
-
-„Geben Sie acht auf die Stufen! Schön. Nun betrachten Sie die Scheibe.“
-
-Man sah einen scharlachroten Mantel darauf und die beiden Flügel eines
-Engels. Alles übrige verschwand unter dem Blei, das die zahlreichen
-Sprünge des Glases zusammenhielt. Der Tag neigte sich, die Schatten
-wurden länger. Frau Bordin war ernst geworden.
-
-Bouvard entfernte sich und kam zurück, mit einer Wolldecke bekleidet,
-kniete dann vor dem Betpult nieder, die Arme nach außen, das Gesicht in
-den Händen, während die Sonne auf seinen kahlen Schädel glänzte; und er
-war sich der Wirkung bewußt, denn er sagte:
-
-„Sehe ich nicht aus wie ein mittelalterlicher Mönch?“
-
-Dann hob er den Kopf in schräger Haltung mit verzückten Augen und gab
-seinem Gesichte einen mystischen Ausdruck. Man hörte vom Flur her die
-tiefe Stimme Pécuchets:
-
-„Erschrick nicht, ich bin es.“
-
-Er trat ein, einen Helm auf dem Kopfe: eine eiserne Sturmhaube mit
-spitzen Ohrenklappen.
-
-Bouvard verließ das Betpult nicht. Die beiden andern verharrten
-stehend. Eine Minute verging in Verdutzung.
-
-Frau Bordin schien Pécuchet etwas kühl. Doch erkundigte er sich, ob sie
-alles gesehen habe.
-
-„Ich glaube, ja.“
-
-Und auf die Wand weisend:
-
-„Verzeihen Sie, dort wird ein Gegenstand stehen, den man in diesem
-Augenblicke repariert.“
-
-Die Witwe und Marescot gingen.
-
-Die beiden Freunde waren auf den Gedanken gekommen, einen Wettbewerb
-vorzutäuschen. Sie gingen jeder für sich auf die Streifzüge, der zweite
-machte höhere Angebote als der erste. Pécuchet hatte soeben den Helm
-erstanden.
-
-Bouvard beglückwünschte ihn und nahm seine Lobreden bezüglich der Decke
-entgegen.
-
-Mélie richtete sie mit Hilfe von Schnüren wie ein Ordensgewand her. Sie
-trugen sie abwechselnd, wenn sie Besuche empfingen.
-
-Es kamen zu ihnen Girbal, Foureau, der Hauptmann Heurteaux, dann
-untergeordnete Persönlichkeiten: Langlois, Beljambe, ihre Pächter, bis
-zu den Dienstboten der Nachbarn; und jedesmal begannen sie wieder ihre
-Erklärungen, zeigten die Stelle, wo die Truhe stehen sollte, gaben
-sich mit erkünstelter Bescheidenheit, baten um Nachsicht wegen des
-Platzmangels.
-
-Pécuchet trug an solchen Tagen eine Zuavenmütze, die er noch von
-Paris her hatte, denn er glaubte sie in engerer Beziehung zu der
-künstlerischen Umwelt. In einem bestimmten Augenblick setzte er
-den Helm auf und rückte ihn tief in den Nacken, um sein Gesicht
-freizumachen. Bouvard vergaß nicht, die Hellebarde vorzuführen.
-Schließlich verständigten sie sich durch einen Blick, ob der Besuch
-verdiene, daß man ihm „den mittelalterlichen Mönch“ zeige.
-
-Welche Erregung, als vor ihrem Gitter der Wagen des Herrn von Faverges
-hielt. Er habe ihnen nur ein Wort zu sagen. Es handele sich um
-folgendes:
-
-Hurel, sein Faktotum, hatte ihm mitgeteilt, daß sie überall Dokumente
-suchten und dabei alte Papiere auf dem Gut von la Aubrye erstanden
-hatten.
-
-Das stimme vollkommen.
-
-Ob sie dabei nicht Briefe des Barons von Gonneval, ehemaligen
-Adjutanten des Herzogs von Angoulême, gefunden hätten? Denn er hatte
-in la Aubrye Aufenthalt genommen. Man wünschte die Korrespondenz aus
-Familieninteresse zu besitzen.
-
-Sie befand sich nicht in ihrem Hause, doch beherbergten sie eine Sache,
-die ihn interessieren werde, wenn er geruhen wolle, ihnen in ihre
-Bibliothek zu folgen.
-
-Niemals hatten solche Lackstiefel im Hausflur geknarrt. Sie stießen
-gegen den Sarkophag. Beinahe hätte er mehrere Ziegel zertreten, kam
-glücklich um den Sessel, stieg zwei Stufen herab, -- und im zweiten
-Zimmer angekommen, zeigten sie ihm unter dem Baldachin vor dem Sankt
-Peter den Buttertopf, der in Noron hergestellt war.
-
-Bouvard und Pécuchet hatten geglaubt, das Datum sei in manchen Fällen
-von Wichtigkeit.
-
-Der Edelmann besichtigte aus Höflichkeit ihr Museum. Er wiederholte:
-„Reizend! Sehr hübsch!“ wobei er sich mit dem Knauf seines
-Spazierstöckchens leichte Schläge auf den Mund gab, und gewiß sei er
-ihnen dankbar, diese Überbleibsel des Mittelalters gerettet zu haben,
-einer Zeit religiösen Glaubens und ritterlicher Aufopferung. Er liebe
-den Fortschritt und würde sich gleich ihnen solch interessanten Studien
-gewidmet haben, doch die Politik, die Kreisstände, die Landwirtschaft,
-ein wahrer Strudel halte ihn davon ab.
-
-„Übrigens würde man nach Ihnen nur eine dürftige Nachlese halten
-können, denn bald werden Sie alle Merkwürdigkeiten des Bezirks in Ihrem
-Hause vereinigt haben.“
-
-„Ohne uns überheben zu wollen, das denken wir,“ sagte Pécuchet.
-
-Indessen könne man in Chavignolles zum Beispiel noch solche
-entdecken; in der Gasse am Friedhof sei seit undenklichen Zeiten ein
-Weihwasserbecken an der Mauer im Grase vergraben.
-
-Sie waren über die Mitteilung erfreut, dann tauschten sie einen Blick
-aus, der bedeutete, „ist es der Mühe wert?“ -- doch schon öffnete der
-Graf die Tür.
-
-Mélie, die dahinter stand, rannte ungestüm davon.
-
-Da er seinen Weg durch den Hof nahm, bemerkte er Gorju, der mit
-übereinandergelegten Armen dabei war, seine Pfeife zu rauchen.
-
-„Sie beschäftigen diesen Burschen? Hm! wenn einmal ein Aufstand
-ausbricht, würde ich ihm nicht trauen.“
-
-Und Herr von Faverges stieg in seinen Tilbury.
-
-Warum schien sich ihre Dienstmagd vor ihm zu fürchten?
-
-Sie fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe auf seinem Gute
-gedient. Sie sei jenes kleine Mädchen, welches den Schnittern zu
-trinken gab, als sie vor zwei Jahren gekommen waren. Man hatte sie zur
-Aushilfe auf das Schloß genommen und fortgeschickt „wegen unwahrer
-Nachrede“.
-
-Doch Gorju, was konnte man ihm vorwerfen? Er war sehr geschickt und
-bezeugte ihnen unendlich viel Achtung.
-
-Am folgenden Morgen begaben sie sich mit Tagesanbruch zum Friedhofe.
-
-Bouvard untersuchte mit seinem Stock die bezeichnete Stelle. Er
-stieß auf einen harten Gegenstand. Sie rissen einige Nesseln aus und
-entdeckten eine Sandsteinschale, ein Taufbecken, in dem Pflanzen
-wuchsen.
-
-Indessen ist es eigentlich nicht Brauch, Taufbecken außerhalb der
-Kirche zu verscharren.
-
-Pécuchet machte eine Zeichnung davon, Bouvard die Beschreibung, und sie
-schickten das alles an Larsoneur.
-
-Seine Antwort kam sofort.
-
-„Sieg, meine teuren Kollegen! Das ist unbestreitbar ein Druiden-Gefäß.“
-
-Doch sollten sie sich vorsehen. Das Beil sei zweifelhaft, -- und ebenso
-in seinem wie in ihrem Interesse gab er ihnen eine Reihe von Werken an,
-die man zu Rate ziehen solle.
-
-Larsoneur gestand in einem Postskriptum, er habe Lust, dieses Gefäß
-kennenzulernen, was sich bald einmal machen lassen würde, wenn er seine
-Reise in die Bretagne ausführe.
-
-Da vergruben sich Bouvard und Pécuchet in die keltische Archäologie.
-
-Dieser Wissenschaft zufolge beteten die alten Gallier, unsere
-Vorfahren, Kirk und Kron, Taranis, Esus, Netalemnia, den Himmel und
-die Erde, den Wind und die Wasser an, -- und über alles den großen
-Teutates, welcher der Saturn der Heiden ist. Denn als Saturn in
-Phönizien herrschte, erkor er sich eine Nymphe namens Anobret zur
-Gattin, von der er ein Kind mit Namen Jeüd hatte, -- und Anobret hat
-die Züge Saras, Jeüd wurde geopfert (oder doch beinahe) wie Isaak; --
-also ist Saturn Abraham, woraus man schließen muß, daß die Religion der
-Gallier denselben Ursprung hat wie die der Juden.
-
-Ihr Gemeinwesen war sehr gut geordnet. Die erste Klasse von
-Leuten umfaßte das Volk, den Adel und den König, die zweite die
-Rechtsgelehrten, -- und in der dritten, der höchsten, gliederten sich
-nach Taillepied „die verschiedenen Arten von Philosophen“, nämlich
-Druiden oder Saroniden, die selbst wieder in Eubages, Bardes und Vates
-eingeteilt wurden.
-
-Die einen verkündeten die Zukunft, andere sangen, noch andere lehrten
-Botanik, Medizin, Geschichte und Literatur, kurz „alle Künste ihrer
-Zeit“. Pythagoras und Plato waren ihre Schüler. Sie brachten den
-Griechen die Metaphysik bei, den Persern die Hexenkunst, den Etruskern
-die Opferschau, -- und den Römern das Verzinnen des Kupfers und den
-Schinkenhandel.
-
-Doch von diesem Volke, das die Alte Welt beherrschte, sind nur noch
-Steine übriggeblieben, die entweder ganz alleinstehen oder in Gruppen
-zu dreien, oder in Galerien angeordnet sind oder Einfriedigungen bilden.
-
-Bouvard und Pécuchet studierten voller Eifer nacheinander den Stein
-von Post zu Ussy, den Doppelstein im Guest, den Stein von Darier bei
-Aigle und andere!
-
-Alle diese Blöcke, von denen ihnen der eine nicht mehr sagte als der
-andere, langweilten sie bald, und eines Tages, als sie den Menhir von
-Passais gesehen hatten, waren sie im Begriff, zurückzukehren, als ihr
-Führer sie in einen Buchenhain führte, der mit Granitmassen angefüllt
-war, die Sockeln oder ungeheuren Schildkröten glichen.
-
-Die bedeutendste ist wie ein Becken gehöhlt. Einer der Ränder ist
-höher, und vom Boden gehen zwei Einschnitte bis zur Erde hinab; das war
-für das Abfließen des Blutes, unmöglich, daran zu zweifeln. Der Zufall
-bringt so etwas nicht hervor.
-
-Baumwurzeln schlangen sich um diese rohen Sockel. Es fiel ein wenig
-Regen. In der Ferne stiegen Nebelstreifen gleich großen Gespenstern.
-Es kostete geringe Mühe, sich unter dem Laubwerk Priester in goldener
-Tiara und weißem Gewande zu denken, mit ihren Menschenopfern, deren
-Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, -- und am Rande des
-Beckens die den roten Strom beobachtende Priesterin, während die Menge
-ringsumher heulte zum Lärm der Cymbeln und der aus Auerochsenhorn
-gemachten Trompeten.
-
-Sogleich stand ihr Plan fest.
-
-Und in einer mondhellen Nacht nahmen sie ihren Weg zum Friedhof,
-wie Diebe im Schatten der Häuser gehend. Die Fensterläden waren
-geschlossen, und die Höfe lagen in Schweigen; nicht ein Hund bellte.
-
-Gorju begleitete sie; sie machten sich ans Werk. Man hörte nur die
-Steine klingen, die von dem den Grasboden höhlenden Scheit getroffen
-wurden.
-
-Die Nachbarschaft der Toten war ihnen unangenehm; die Uhr der Kirche
-gab ein fortwährendes Röcheln von sich, und die Rose in ihrem
-Giebelfelde sah aus wie ein Auge, das die Tempelschänder erspäht.
-Endlich brachten sie das Gefäß fort.
-
-Am folgenden Tage gingen sie wieder zum Friedhofe, um zu sehen, welche
-Spuren ihre Tätigkeit hinterlassen.
-
-Der Abbé, welcher vor der Tür frische Luft schöpfte, bat sie, ihm die
-Ehre eines Besuches zu erweisen; und nachdem er sie in seinen kleinen
-Saal geführt, blickte er sie in sonderbarer Weise an.
-
-Auf der Anrichte stand zwischen den Tellern eine Suppenschüssel, die
-mit gelben Sträußen bemalt war.
-
-Pécuchet rühmte sie, da er nicht wußte, was er sagen sollte.
-
-„Das ist ein altes Rouenner Stück,“ erwiderte der Pfarrer, „ein
-Erbstück. Die Kenner, besonders Herr Marescot, schätzen es.“
-
-Er selber habe, Gott sei Dank, keine Vorliebe für Sehenswürdigkeiten;
--- und da sie ihn nicht zu verstehen schienen, erklärte er, er habe
-selbst gesehen, wie sie das Taufbecken entwendeten.
-
-Die beiden Archäologen waren sehr verblüfft, stotterten. Der fragliche
-Gegenstand sei nicht mehr in Gebrauch.
-
-Gleichviel! sie müßten ihn herausgeben.
-
-Ohne Zweifel! Aber man möge ihnen wenigstens erlauben, einen Maler
-kommen zu lassen, um ihn abzuzeichnen.
-
-„Einverstanden, meine Herren.“
-
-„Die Sache bleibt unter uns, nicht wahr?“ sagte Bouvard, „unter dem
-Siegel des Beichtgeheimnisses!“
-
-Der Geistliche beruhigte sie lächelnd mit einer Bewegung.
-
-Nicht ihn hatten sie zu fürchten, sondern vielmehr Larsoneur. Wenn
-er durch Chavignolles kommen würde, würde er nach dem Gefäß lüstern
-werden, -- und seine Redereien darüber würden der Regierung zu Ohren
-kommen. Aus Vorsicht versteckten sie es im Backhaus, dann in der Laube,
-in der Hütte, in einem Schrank. Gorju war müde, es herumzuschleppen.
-
-Der Besitz eines solchen Stückes verknüpfte sie mit dem Keltizismus der
-Normandie.
-
-Sein Ursprung liegt in Ägypten. Séez im Ornekreise wird zuweilen
-Saïs, wie die Stadt des Delta, geschrieben. Die Gallier schworen beim
-Stier, was eine Verpflanzung des Apiskultes war. Der lateinische Name
-„Bellocastes“, welcher der der Bewohner von Bayeux war, kommt von Beli
-Casa, Wohnung, Heiligtum des Belus. Belus und Osiris sind die gleiche
-Gottheit. „Nichts steht dem im Wege,“ sagt Mangou de la Londe, „daß
-es bei Bayeux druidische Denkmäler gegeben habe.“ -- „Dieses Land“,
-fügt Herr Roussel hinzu, „ähnelt dem Lande, in welchem die Ägypter
-den Tempel des Jupiter Ammon bauten.“ Also gab es einen Tempel, und
-noch dazu einen, der Schätze beherbergte. Alle keltischen Bauwerke
-beherbergen solche.
-
-Im Jahre 1715 grub, so berichtet Dom Martin, ein Herr Héribel in der
-Umgegend von Bayeux mehrere mit Gebeinen gefüllte Tongefäße aus -- und
-schloß (der Überlieferung und entschwundenen Autoritäten folgend), daß
-dieser Ort, eine Totenstadt, der Berg Faunus sei, wo man das goldene
-Kalb verscharrt habe.
-
-Indessen wurde das goldene Kalb verbrannt und verschluckt, -- wofern es
-sich nicht um einen Irrtum der Bibel handelt.
-
-Zunächst, wo liegt der Faunusberg? Die Bücher geben es nicht an.
-Die Eingeborenen wissen nichts darüber. Man hätte zu Nachgrabungen
-schreiten müssen, -- und zu diesem Zwecke richteten sie eine
-Bittschrift an den Herrn Präfekten, auf die keine Antwort erfolgte.
-
-Vielleicht war der Berg Faunus verschwunden, und es war kein Hügel,
-sondern ein Tumulus. Was bedeuteten die Tumuli?
-
-Mehrere enthalten Skelette, die die Stellung des Fötus im Mutterleib
-zeigen. Das will besagen, daß das Grab für sie eine zweite Zeit der
-Trächtigkeit war, die sie zu einem neuen Leben vorbereitete. Also
-stellt der Tumulus das weibliche Organ dar, wie der aufrechte Stein das
-männliche Organ bedeutet.
-
-In der Tat hat, wo es Menhire gibt, ein unzüchtiger Kult bestanden.
-Beweis ist, was in Guérande, in Chichebouche, in Croisic, in Livarot
-vor sich ging. Ursprünglich hatten die Türme, die Pyramiden, die
-Kerzen, die Meilensteine der Wege und selbst die Bäume die Bedeutung
-des Phallus, -- und für Bouvard und Pécuchet wurde alles zum Phallus.
-Sie sammelten Ortscheite von Wagen, Sesselbeine, Kellerschlösser,
-Pistille. Wenn man sie besuchte, fragten sie: „An was erinnert Sie das
-wohl?“ und vertrauten dann das Geheimnis an, und wenn man protestierte,
-zuckten sie mitleidig die Achseln.
-
-Eines Abends, als sie über die Dogmen der Druiden nachsannen, fand sich
-der Abbé ein, in bescheidener Haltung.
-
-Sogleich zeigten sie ihm das Museum, wobei sie mit der Scheibe
-begannen; doch sie konnten es nicht erwarten, zu einer neuen Abteilung
-zu kommen, der des Phallus. Der Geistliche unterbrach sie, da er
-die Ausstellung für unpassend hielt. Er kam, um sein Taufbecken
-zurückzuverlangen.
-
-Bouvard und Pécuchet flehten noch um vierzehn Tage, die gerade genügen
-würden, einen Abguß davon zu nehmen.
-
-„Je eher, desto besser,“ sagte der Abbé.
-
-Dann plauderte er von nebensächlichen Dingen.
-
-Pécuchet, der sich einen Augenblick entfernt hatte, ließ ihm ein
-Goldstück in die Hand gleiten.
-
-Der Priester fuhr zurück.
-
-„O, für Ihre Armen!“
-
-Und Herr Jeufroy nestelte das Goldstück errötend in seinen Priesterrock.
-
-Das Gefäß herausgeben, das Opfergefäß! Nie im Leben! Sie wollten sogar
-Hebräisch lernen, das die Muttersprache des Keltischen ist, sofern es
-nicht von ihm herstammt! -- und sie wollten die Bretagne bereisen, --
-indem sie mit Rennes begannen, wo sie ein Zusammentreffen mit Larsoneur
-haben würden, um die in den Denkschriften der keltischen Akademie
-erwähnte Urne zu studieren, welche die Asche der Königin Artemisia
-enthalten zu haben scheint, -- als der Bürgermeister, mit dem Hut auf
-dem Kopf, ohne Umstände eintrat als der ungehobelte Mensch, der er war.
-
-„Das hilft alles nichts, ihr Herren. Sie müssen es herausrücken!“
-
-„Was denn?“
-
-„Spaßmacher! Ich weiß genau, daß Sie es verstecken!“
-
-Man hatte sie verraten.
-
-Sie erwiderten, daß sie es mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers bei
-sich hielten.
-
-„Das werden wir sehen.“
-
-Und Foureau ging.
-
-Eine Stunde später war er wieder da.
-
-„Der Pfarrer sagt nein! Erklären Sie sich.“
-
-Sie blieben hartnäckig.
-
-Zunächst bedürfte man dieses Weihwasserbeckens nicht -- das kein
-Weihwasserbecken sei. Sie würden es durch eine Menge wissenschaftlicher
-Gründe beweisen. Dann schlugen sie vor, in ihrem Testamente
-anzuerkennen, daß es der Gemeinde gehöre.
-
-Sie erboten sich sogar, es zu kaufen.
-
-„Und übrigens ist es mein Eigentum!“ wiederholte Pécuchet. Die zwanzig
-Franken, die Herr Jeufroy genommen habe, seien ein Beweis des Vertrages
--- und wenn man zum Friedensrichter gehen müsse, um so schlimmer, dann
-würde er einen Meineid leisten!
-
-Während dieser Streitigkeiten hatte er die Suppenschüssel mehrere
-Male wiedergesehen, und in seiner Seele war der Wunsch, das brennende
-Verlangen entstanden, diese Fayence zu besitzen. Wenn man sie ihm
-abtreten wolle, würde er das Gefäß zurückgeben. Im anderen Falle nicht.
-
-Aus Ermüdung oder Furcht vor ärgerlichem Aufsehen gab sie Herr Jeufroy
-hin.
-
-Sie wurde in ihrer Sammlung untergebracht, neben der Haube der Bäuerin
-aus Caux. Das Gefäß zierte die Vorhalle der Kirche, und sie trösteten
-sich über seinen Verlust mit dem Gedanken, daß die Bewohner von
-Chavignolles seinen Wert nicht kannten.
-
-Doch die Suppenschüssel gab ihnen den Geschmack an Fayencen: ein neuer
-Gegenstand für Studien und Streifzüge im Lande.
-
-Es war zu der Zeit, wo vornehme Leute die alten Rouenner Teller
-sammelten. Der Notar besaß einige und kam daher in den Ruf eines
-Künstlers, was ihm in seinem Beruf schaden konnte; doch suchte er das
-durch ernste Seiten wieder wettzumachen.
-
-Als er erfuhr, daß Bouvard und Pécuchet die Suppenschüssel erworben
-hatten, ging er zu ihnen, um ihnen einen Tausch vorzuschlagen.
-
-Pécuchet beschied ihn abschlägig.
-
-„Sprechen wir nicht weiter davon!“ und Marescot besichtigte ihre
-Keramiken.
-
-Die sämtlichen an den Wänden aufgehangenen Stücke waren blau auf einem
-schmutzig-weißen Grunde, und einige zeigten ein Füllhorn in grünen und
-rötlichen Tönen, Barbierbecken, Teller, Untertassen, Gegenstände, auf
-die man lange Jagd gemacht und die man auf der Brust in den Falten des
-Rockes heimgetragen hatte.
-
-Marescot rühmte sie, sprach von anderen Fayencen, spanisch-arabischen,
-holländischen, englischen, italienischen; und nachdem er sie durch
-seine Kenntnisse geblendet hatte: „Wenn ich Ihre Suppenschüssel noch
-mal ansähe?“
-
-Er ließ sie durch Anschlagen mit dem Finger erklingen, betrachtete dann
-die beiden S, die auf den Deckel gemalt waren.
-
-„Das Zeichen von Rouen!“ sagte Pécuchet.
-
-„O! o! Genau genommen hatte Rouen kein Zeichen. Als man noch nichts von
-Moutiers wußte, waren alle französischen Fayencen aus Nevers. So geht
-es ebenso heutzutage mit Rouen! Übrigens macht man sie in Elbeuf bis
-zur Vollendung nach.“
-
-„Nicht möglich!“
-
-„Man macht ja doch auch Majoliken nach! Ihr Stück ist vollständig
-wertlos, -- und ich war im Begriff, eine schöne Dummheit zu begehen!“
-
-Als der Notar fortgegangen war, sank Pécuchet gebrochen in einen Sessel.
-
-„Man hätte das Becken nicht herausgeben sollen,“ sagte Bouvard, „doch
-du begeisterst dich, du erhitzest dich immer gleich!“
-
-„Ja, ich erhitze mich,“ und Pécuchet faßte die Suppenschüssel und
-schleuderte sie weit von sich gegen den Sarkophag.
-
-Bouvard, ruhiger, las die Stücke eines nach dem anderen auf; -- und
-nach einiger Zeit kam ihm dieser Gedanke:
-
-„Es ist leicht möglich, daß Marescot uns aus Eifersucht zum besten
-gehabt hat!“
-
-„Wie?“
-
-„Nichts gibt mir die Versicherung, daß die Suppenschüssel nicht echt
-sei! während die anderen Stücke, die er anscheinend bewunderte,
-vielleicht nachgemacht sind!“
-
-Und der Rest des Tages verging in Zweifeln, in Bedauern.
-
-Das war kein Grund, die Reise in die Bretagne aufzugeben. Sie gedachten
-sogar, Gorju mitzunehmen, der ihnen bei ihren Ausgrabungen behilflich
-sein sollte.
-
-Seit einiger Zeit schlief er im Hause, um die Ausbesserung des Möbels
-schneller zu beendigen. Die Aussicht eines Ortswechsels paßte ihm
-nicht, und da sie von Menhiren und Tumuli, die sie sehen wollten,
-sprachen, sagte er zu ihnen: „Das kenne ich besser; im Süden von Algier
-trifft man bei den Quellen des Bou-Mursoug eine Menge davon.“ Er gab
-sogar die Beschreibung eines Grabes, das zufällig in seiner Gegenwart
-geöffnet worden sei, -- und das ein Skelett in der zusammengekauerten
-Haltung eines Affen, die beiden Arme um die Beine geschlungen, enthielt.
-
-Larsoneur, den sie hiervon in Kenntnis setzten, wollte nicht daran
-glauben.
-
-Bouvard vertiefte sich in den Gegenstand und widerlegte ihn.
-
-Wie kommt es, daß die Denkmäler der Gallier formlos sind, während
-diese selben Gallier zur Zeit des Julius Cäsar zivilisiert waren? Ohne
-Zweifel rühren sie von einem älteren Volke her.
-
-Eine solche Hypothese ermangelte nach Larsoneurs Ansicht des
-Patriotismus.
-
-Gleichviel! nichts beweise, daß diese Denkmäler Werke der Gallier
-seien. „Zeigen Sie uns einen Text!“
-
-Der Akademiker wurde ärgerlich, antwortete nicht mehr; -- und sie waren
-recht froh darüber, so sehr langweilten die Druiden sie.
-
-Wenn sie nicht wußten, woran sie sich hinsichtlich der Töpferkunst und
-des Keltizismus halten sollten, so lag das an ihrer Unkenntnis der
-Geschichte, besonders der Geschichte von Frankreich.
-
-Das Werk von Anquetil befand sich in ihrer Bibliothek; doch die Reihe
-der tatenlosen Könige belustigte sie sehr wenig. Die Ruchlosigkeit der
-Hausmeier empörte sie keineswegs, -- und sie legten Anquetil fort,
-abgestoßen durch die Abgeschmacktheit seiner Betrachtungen.
-
-Da fragten sie bei Dumouchel an, „welches die beste Geschichte
-Frankreichs sei?“
-
-Dumouchel nahm auf ihren Namen ein Abonnement in einer Leihbibliothek
-und sandte ihnen die Briefe Augustin Thierrys zusammen mit zwei Bänden
-des Herrn von Genoude.
-
-Das Königtum, die Religion, die Nationalversammlungen, das waren diesem
-Schriftsteller zufolge „die Grundlagen“ der französischen Nation,
-Grundlagen, die auf die Merovinger zurückgehen. Die Karolinger haben
-ihnen Abbruch getan. Die Kapetinger, im Einvernehmen mit dem Volke,
-bemühten sich, sie aufrechtzuerhalten. Unter Ludwig XIII. wurde die
-absolute Herrschaft aufgerichtet, um den Protestantismus zu besiegen,
-das letzte Aufraffen des Feudalismus -- und 89 ist nur eine Rückkehr
-zur Verfassung unserer Ahnen.
-
-Pécuchet bewunderte diese Gedanken.
-
-Sie erregten Bouvards Mitleid, der Augustin Thierry zuerst gelesen
-hatte:
-
-„Was schwatzest du mir da von deiner französischen Nation, da kein
-Frankreich, noch eine Nationalversammlung bestand! Und die Karolinger
-haben sich nichts widerrechtlich angeeignet! Und die Könige haben die
-Kommunen nicht befreit! Lies selbst!“
-
-Pécuchet ergab sich vor der augenscheinlichen Wahrheit und übertraf
-Bouvard bald an wissenschaftlicher Strenge! Er würde sich ehrlos
-vorgekommen sein, wenn er „Charlemagne“ und nicht „Karl le Grand“,
-„Clovis“ anstatt „Clodowig“ gesagt hätte.
-
-Nichtsdestoweniger war er von Genoude begeistert, denn er fand es
-geistvoll, die beiden Enden der französischen Geschichte miteinander zu
-verknüpfen, so daß die Mitte Füllwerk ist, -- und um darüber ins klare
-zu kommen, griffen sie zu der Sammlung Buchez und Roux.
-
-Doch der Schwulst der Vorreden, diese Verquickung von Sozialismus und
-Katholizismus widerte sie an; die zu zahlreichen Einzelheiten hinderten
-sie an einem Gesamtüberblick.
-
-Sie nahmen ihre Zuflucht zu Herrn Thiers.
-
-Es war im Sommer des Jahres 1845; sie saßen in der Laube im Garten.
-Pécuchet, der eine kleine Bank unter den Füßen hatte, las laut mit
-seiner tiefen Stimme, ohne müde zu werden, und hielt nur ein, um mit
-den Fingern in seine Tabakdose zu greifen. Bouvard lauschte ihm, die
-Pfeife im Munde, die Beine auseinandergestreckt; oben an seiner Hose
-war ein Knopf geöffnet.
-
-Greise hatten ihnen von 93 erzählt, -- und beinahe persönliche
-Erinnerungen belebten die platten Beschreibungen des Verfassers.
-Zu jener Zeit waren die Landstraßen voll von Soldaten, welche die
-Marseillaise sangen. Auf den Türschwellen sitzend, nähten Frauen
-Zelte aus Leinwand. Manchmal nahte ein Schwarm von Leuten in roter
-Mütze, auf der Spitze einer Pike ein blasses Haupt neigend, dessen
-Haar herabging. Die hohe Tribüne des Konvents erschien über einer
-Staubwolke, in der wütende Gesichter Todesverwünschungen ausstießen.
-Kam man um die Mitte des Tages am Tuilerien-Bassin vorbei, so hörte
-man das Fallbeil der Guillotine, das wie die Stöße eines Rammklotzes
-dröhnte.
-
-Und die Brise bewegte die Weinblätter der Laube, die reife Gerste wogte
-in Zwischenräumen, eine Drossel pfiff. Während sie ihre Blicke um sich
-schweifen ließen, sogen sie diesen Frieden ein.
-
-Wie schade, daß man es gleich zu Anfang an gegenseitigem Verständnis
-hatte fehlen lassen. Denn hätten die Royalisten wie die Patrioten
-gedacht, hätte der Hof mehr Aufrichtigkeit gezeigt und die Gegner
-weniger Ungestüm, so wäre viel Unglück vermieden!
-
-Durch das viele Schwatzen darüber gerieten sie in Leidenschaft.
-Bouvard, Freigeist und Empfindungsmensch, war Anhänger der
-Konstitution, Girondist, Thermidorianer. Pécuchet, gallig und zur
-Herrschsucht neigend, gab sich als Sansculotte und selbst als Anhänger
-Robespierres zu erkennen.
-
-Er billigte die Verurteilung des Königs, die gewaltsamsten Beschlüsse,
-den Kult des höchsten Wesens. Bouvard zog den der Natur vor. Er würde
-mit Vergnügen das Bild einer dicken Frau gegrüßt haben, die aus ihren
-Brüsten ihren Anbetern kein Wasser, sondern edlen Burgunder spendete.
-
-Um ihre Argumente durch mehr Tatsachen stützen zu können, verschafften
-sie sich andere Werke: Montgaillard, Prudhomme, Gallois, Lacretelle
-und so weiter; und die Widersprüche dieser Bücher setzten sie durchaus
-nicht in Verlegenheit. Jeder entnahm ihnen, was er zur Verteidigung
-seiner Ansicht brauchte.
-
-So zweifelte Bouvard nicht, daß Danton hunderttausend Taler angenommen
-habe, damit er Anträge stelle, welche die Republik zugrunde richteten,
--- und nach Pécuchet hätte Vergniaud sechstausend Franken im Monat
-verlangt.
-
-„Nie im Leben! Erkläre mir lieber, warum Robespierres Schwester eine
-Rente von Ludwig XVIII. erhielt?“
-
-„Keineswegs! Das war Bonaparte, und da du die Dinge so nimmst, wer ist
-die Persönlichkeit, die mit Egalité kurze Zeit vor dessen Tode eine
-geheime Zusammenkunft hatte? Ich verlange, daß man in den Memoiren
-der Campan die unterdrückten Stellen abdruckt! Das Ende des Dauphins
-scheint mir verdächtig. Die Pulvermühle von Grenelle tötete, als sie in
-die Luft flog, zweitausend Personen! Grund unbekannt, sagt man, welche
-Dummheit!“ denn Pécuchet war nahe daran, ihn zu kennen, und schob alle
-Verbrechen auf die Umtriebe der Aristokraten, das Gold der Ausländer.
-
-Nach Bouvards Ansicht waren „Fahr zum Himmel, Sohn des heiligen
-Ludwig“, die Jungfrauen von Verdun und die Hosen aus Menschenhaut
-überhaupt nicht zu bezweifeln. Er nahm die Angaben Prudhommes hin,
-gerade eine Million Opfer.
-
-Doch die Loire, die von Saumur bis Nantes in einer Länge von achtzehn
-Meilen rot von Blut war, gab ihm zu denken. Pécuchet faßte ebenfalls
-Zweifel, und Mißtrauen gegen die Historiker stellte sich bei ihnen ein.
-
-Für die einen ist die Revolution ein satanisches Ereignis. Andere
-stellen sie als eine hehre Ausnahme hin. Die Unterlegenen auf beiden
-Seiten sind natürlich Märtyrer.
-
-Thierry zeigt gelegentlich der Barbaren, wie einfältig es sei,
-nachzuforschen, ob dieser oder jener Fürst gut oder schlecht war.
-Warum dieselbe Methode nicht bei der Prüfung neuerer Epochen anwenden?
-Doch die Geschichtsschreibung soll die Moral rächen. Man ist Tacitus
-dankbar, weil er Tiberius zerrissen hat. Ob schließlich die Königin
-Liebhaber gehabt, ob Dumouriez seit Valmy zum Verrat entschlossen war,
-ob es die Bergpartei oder die Gironde war, die im Prairial anfing, und
-im Thermidor die Jakobiner oder die gemäßigte Partei, was macht das für
-den Verlauf der Revolution aus, deren Ursprünge tief liegen und deren
-Folgen unberechenbar sind?
-
-Sie mußte sich also erfüllen, sein was sie war, aber man denke sich
-die Flucht des Königs ohne Hindernis, Robespierre entschlüpfend oder
-Bonaparte ermordet, -- Zufälle, die von einem weniger gewissenhaften
-Herbergsvater, von einer offenen Tür, einer eingeschlafenen Schildwache
-abhingen, -- und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf
-genommen.
-
-Sie hatten über die Menschen und Tatsachen jener Zeit keine einzige
-feststehende Ansicht mehr.
-
-Um sie objektiv zu beurteilen, hätte man alle Geschichten, alle
-Denkwürdigkeiten, alle Zeitungen und alle handschriftlichen
-Aufzeichnungen lesen müssen, denn wenn man das Geringste ausließ,
-konnte daraus ein Irrtum entstehen, welcher eine endlose Reihe anderer
-nach sich zog. Sie verzichteten darauf.
-
-Doch der Geschmack an der Geschichte war ihnen gekommen, das Bedürfnis
-nach Wahrheit um ihrer selbst willen.
-
-Vielleicht ist sie leichter in den alten Zeiten zu entdecken?
-Wenn die Verfasser weit von den Dingen entfernt sind, können sie
-leidenschaftslos von ihnen sprechen. Und sie machten sich an den guten
-Rollin.
-
-„Welch ein Wust von Albernheiten!“ rief Bouvard gleich beim ersten
-Kapitel.
-
-„Warte ein wenig,“ sagte Pécuchet, während er unten in ihrer
-Bücherei wühlte, wo die Bücher des früheren Besitzers, eines alten
-Rechtsgelehrten, eines verrückten Schöngeistes, zusammengedrängt
-standen; und nachdem er viele Romane und Theaterstücke nebst einem
-Montesquieu und einer Horazübersetzung weggerückt hatte, erreichte er,
-was er suchte: das Werk Beauforts über die römische Geschichte.
-
-Titus Livius schreibt die Gründung Roms dem Romulus zu. Sallust läßt
-diese Ehre den Trojanern des Äneas. Coriolan starb Fabius Pictor
-zufolge in der Verbannung, und wenn man Dionysius Glauben schenkt,
-durch die Listen des Attius Tullus. Seneka versichert, daß Horatius
-Cocles als Sieger zurückkehrte, und Dion, daß er am Beine verwundet
-war. Und La Mothe le Vayer äußert ähnliche Zweifel hinsichtlich der
-anderen Völker.
-
-Man ist sich nicht einig über das chaldäische Altertum, das Zeitalter
-Homers, die Existenz Zoroasters, die beiden assyrischen Reiche. Quintus
-Curtius hat Märchen erzählt. Plutarch straft Herodot Lügen. Wir würden
-von Cäsar eine andere Vorstellung haben, wenn Vercingetorix dessen
-Kommentare geschrieben hätte.
-
-Die alte Geschichte ist aus Mangel an Dokumenten dunkel. Die moderne
-dagegen ist überreich daran; -- und Bouvard und Pécuchet machten sich
-wieder an die französische Geschichte, begannen Sismondi.
-
-Die Aufeinanderfolge so vieler Männer machte ihnen Lust, sie genauer zu
-kennen, sich mit ihnen zu befassen. Sie wollten die Quellen studieren.
-Gregor von Tours, Monstrelet, Commines, alle die, deren Namen seltsam
-oder angenehm klangen.
-
-Doch sie warfen die Ereignisse durcheinander aus ungenügender Kenntnis
-der Daten.
-
-Glücklicherweise besaßen sie die Mnemotechnik Dumouchels, einen
-Pappband in Duodez, der das Motto trug: „Durch Unterhaltung belehren.“
-
-Sie verband die drei Systeme Allevys, Pâris’ und Fenaigles miteinander.
-
-Allevy setzt für die Zahlen Figuren ein, wobei die Zahl 1 durch einen
-Turm, 2 durch einen Vogel, 3 durch ein Kamel ausgedrückt wird, und so
-weiter. Pâris beschäftigt die Einbildungskraft durch Wortspiele: ein
-mit Holzschrauben versehener Sessel ergibt: Clou, vis = Clovis; und da
-das Geräusch des Bratens „ric, ric“ macht, so rufen Weißlinge in einer
-Pfanne Chilperic ins Gedächtnis zurück. Fenaigle zerlegt die Welt in
-Häuser, die Kammern enthalten; jede Kammer hat vier Wände mit neun
-Flächen, und jede Fläche trägt ein Sinnbild. Also wird der erste König
-der ersten Dynastie in dem ersten Zimmer die erste Fläche einnehmen.
-Ein Leuchtturm auf einem Berge wird besagen, wie er hieß „Phar a mond“
-System Pâris, -- und wenn man, wie Allevy rät, darunter einen Spiegel,
-der 4, einen Vogel, der 2, und einen Reifen, der 0 bedeutet, setzt, so
-erhält man 420, das Datum der Thronbesteigung dieses Fürsten.
-
-Der größeren Klarheit wegen nahmen sie als mnemotechnische Basis
-ihr eigenes Haus, ihren Wohnort, indem sie mit jedem seiner Teile
-eine besondere Tatsache verknüpften, -- und der Hof, der Garten, die
-Umgegend, das ganze Land hatte keine andere Bedeutung, als ihrem
-Gedächtnis nachzuhelfen. Die Abgrenzungen auf den Feldern umschrieben
-gewisse Epochen, die Apfelbäume wurden zu genealogischen Bäumen, die
-Sträucher zu Schlachten, die Welt wurde Symbol. Sie suchten auf den
-Wänden eine Unmenge Dinge, die nicht da waren, sahen sie schließlich,
-aber wußten nicht mehr die Daten, die sie vorstellten.
-
-Zudem sind die Jahreszahlen nicht immer richtig. Sie lernten aus
-einem Schulbuch, daß die Geburt Jesu um fünf Jahre früher angesetzt
-werden muß, als sie gewöhnlich angenommen wird, daß es bei den
-Griechen drei Arten der Olympiadenrechnung gab und bei den Lateinern
-acht Methoden, den Anfang des Jahres zu bestimmen. Lauter Anlässe zu
-Mißverständnissen, außer denen, die durch die Zodiaken, die Ären und
-die verschiedenen Kalender hervorgerufen werden.
-
-Und von der Gleichgültigkeit gegen die Daten kamen sie zur Verachtung
-der Tatsachen.
-
-Wichtig jedoch ist die Philosophie der Geschichte!
-
-Bouvard vermochte nicht die berühmte Rede Bossuets zu Ende zu lesen.
-
-„Der Adler von Meaux ist ein Schwindler! Er übersieht China, Indien und
-Amerika! Doch bemüht er sich, uns wissen zu lassen, daß Theodosius ‚die
-Freude der Welt war‘, daß Abraham ‚mit Königen wie mit Seinesgleichen
-umging‘, und daß die Philosophie der Griechen von den Hebräern
-herstammt. Seine Voreingenommenheit für die Hebräer fällt mir auf die
-Nerven.“
-
-Pécuchet teilte diese Ansichten und wollte ihn veranlassen, Vico zu
-lesen.
-
-„Wie kann man sagen,“ wandte Bouvard ein, „Fabeln seien wahrer als die
-Wahrheiten der Geschichtsschreiber?“
-
-Pécuchet versuchte, die Mythen zu erklären, wobei er sich in die
-Scienza Nuova vertiefte.
-
-„Willst du den Plan der Vorsehung leugnen?“
-
-„Ich kenne ihn nicht,“ sagte Bouvard.
-
-Und sie beschlossen, sich an Dumouchel zu wenden.
-
-Der Professor gestand, daß er jetzt an der Geschichte irre geworden sei.
-
-„Sie ändert sich jeden Tag. Man bestreitet die Existenz der römischen
-Könige und die Reisen des Pythagoras. Man greift Belisar, Wilhelm
-Tell und sogar den Cid an, der dank den letzten Entdeckungen ein
-gewöhnlicher Straßenräuber geworden ist. Es wäre zu wünschen, daß man
-keine Entdeckungen mehr machte, und das Institut sollte sogar eine Art
-Kanon aufstellen, der vorschreibt, was man glauben soll!“
-
-In einem Postskriptum gab er kritische Regeln aus der Abhandlung
-Daunous:
-
-„Als Beweis das Zeugnis der Massen anführen, schlechte Beweise; sie
-sind nicht da, wenn es gilt, Rede und Antwort zu stehen.
-
-Alles Unmögliche verwerfen. Man zeigte Pausanias den Stein, den Saturn
-verschlungen hatte.
-
-Die Architektur kann lügen; Beispiel: der Bogen des Forums, auf dem
-Titus der erste Besieger Jerusalems genannt wird, das vor ihm von
-Pompejus erobert wurde.
-
-Die Münzen täuschen zuweilen. Unter Karl IX. prägte man Geld mit dem
-Stempel Heinrichs II.
-
-Ziehen Sie die Gewandtheit der Fälscher, das Interesse der Verteidiger
-und Schmäher in Rechnung.“
-
-Wenige Geschichtschreiber haben nach diesen Regeln gearbeitet, sondern
-alle in Hinsicht auf einen besonderen Fall, eine Religion, eine Nation,
-eine Partei, ein System, oder um die Könige zu tadeln, das Volk zu
-beraten, Beispiele von Sittlichkeit aufzustellen.
-
-Die anderen, welche darauf Anspruch machen, nur zu erzählen, stehen
-nicht höher; denn man kann nicht alles sagen, es ist eine Auswahl
-nötig. Doch bei der Wahl der Dokumente wird ein gewisser Geist
-obsiegen, -- und da er wechselt den Verhältnissen des Schriftstellers
-entsprechend, so wird die Geschichte zu keinem sicheren Ergebnis kommen.
-
-„Das ist traurig,“ dachten sie.
-
-Indessen könnte man einen Gegenstand wählen, die Quellen erschöpfend
-durcharbeiten, sie genau analysieren, dann das Ganze zu einer Erzählung
-verdichten, die gleichsam ein Abriß der Dinge wäre und die volle
-Wahrheit widerspiegelte. Ein solches Werk schien Pécuchet ausführbar.
-
-„Sollen wir nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben?“
-
-„Nichts ist mir lieber! Doch welche?“
-
-„In der Tat, welche?“
-
-Bouvard hatte sich gesetzt, Pécuchet ging im Museum auf und ab, als
-sein Blick auf den Buttertopf fiel, und plötzlich stehen bleibend,
-sagte er:
-
-„Wenn wir das Leben des Herzogs von Angoulême schrieben?“
-
-„Aber das war ein Einfaltspinsel,“ erwiderte Bouvard.
-
-„Das macht nichts! Die Nebenpersonen haben zuweilen einen ungeheuren
-Einfluß, und dieser hielt vielleicht das Steuer der Dinge in den
-Händen.“
-
-Die Bücher würden ihnen die nötigen Aufschlüsse geben, und Herr von
-Faverges hatte deren ohne Zweifel selbst oder konnte solche durch
-Vermittlung ihm befreundeter alter Edelleute erhalten.
-
-Sie sannen über dieses Vorhaben nach, besprachen es und beschlossen
-schließlich, vierzehn Tage auf der Gemeindebibliothek von Caen zu
-verbringen, um dort Nachforschungen anzustellen.
-
-Der Bibliothekar stellte ihnen allgemeine Geschichtswerke und
-Broschüren zur Verfügung, nebst einer bunten Lithographie, welche Seine
-Hoheit den Herrn Herzog von Angoulême als Kniebild darstellte.
-
-Das blaue Tuch seiner Uniform verschwand unter den Epauletten, den
-Ordenssternen und dem großen roten Band der Ehrenlegion. Ein äußerst
-hoher Kragen umschloß seinen langen Hals. Sein birnenförmiger Kopf
-war von den Löckchen seines Haupthaars und seines dünnen Backenbartes
-umrahmt, und schwere Augenlider, eine sehr starke Nase und dicke Lippen
-gaben seinem Gesicht den Ausdruck unbedeutender Güte.
-
-Als sie ihre Aufzeichnungen gemacht hatten, entwarfen sie einen Plan:
-
-Geburt und Kindheit wenig merkwürdig. Einer seiner Erzieher ist der
-Abbé Guénée, der Feind Voltaires. In Turin läßt man ihn eine Kanone
-gießen, und er studiert die Feldzüge Karls VIII. Auch wird er trotz
-seiner Jugend zum Obersten eines Nobelgardenregimentes ernannt.
-
-1797. Seine Vermählung.
-
-1814. Die Engländer bemächtigen sich der Stadt Bordeaux. Er eilt
-in ihrem Rücken herbei und zeigt sich den Einwohnern in Person.
-Beschreibung der Person des hohen Herrn.
-
-1815. Bonaparte überrascht ihn. Sogleich ruft er den König von Spanien
-herbei, und Toulon wäre ohne Massena den Engländern zum Opfer gefallen.
-
-Operationen im Süden. -- Er wird geschlagen, aber in Freiheit gesetzt
-gegen das Versprechen, die Kronjuwelen, die von dem Könige, seinem
-Onkel, in wilder Hast mitgeführt wurden, zurückzuerstatten.
-
-Nach den „hundert Tagen“ kehrt er mit seinen Eltern zurück und lebt
-ruhig. Mehrere Jahre verstreichen.
-
-Spanischer Krieg. -- Sobald er die Pyrenäen überschritten hat, folgt
-der Sieg überall dem Enkel Heinrichs IV. Er nimmt den Trocadero,
-erreicht die Säulen des Herkules, zerschmettert die Parteien, umarmt
-Ferdinand und kehrt zurück.
-
-Triumphbögen, Blumen, von jungen Mädchen überreicht, Diners auf den
-Präfekturen, Te Deum in den Kathedralen. Die Pariser sind auf der Höhe
-des Wonnerausches. Die Stadt gibt ihm ein Bankett. In den Theatern
-werden Lieder zu Ehren des Helden gesungen.
-
-Die Begeisterung nimmt ab. Denn im Jahre 1827 mißlingt zu Cherbourg ein
-Subskriptionsball.
-
-Da er Großadmiral von Frankreich ist, besichtigt er die Flotte, die
-nach Algier in See sticht.
-
-Juli 1830. Marmont setzt ihn vom Stande der Dinge in Kenntnis. Da gerät
-er in eine solche Wut, daß er sich die Hand am Degen des Generals
-verwundet.
-
-Der König überträgt ihm den Oberbefehl über die sämtlichen Streitkräfte.
-
-Er trifft im Bois de Boulogne die Abteilungen der Linie und findet
-ihnen gegenüber kein Wort.
-
-Von Saint-Cloud eilt er zur Brücke von Sèvres. Kälte der Truppen. Das
-erschüttert ihn nicht. Die königliche Familie verläßt Trianon. Er setzt
-sich an den Fuß einer Eiche, entfaltet eine Karte, überlegt, steigt
-wieder aufs Pferd, kommt an Saint-Cyr vorbei und ruft den Zöglingen
-Worte der Hoffnung zu.
-
-Zu Rambouillet verabschieden sich die Leibgarden.
-
-Er schifft sich ein und ist während der ganzen Überfahrt krank.
-
-Man muß dabei auf die wichtige Rolle hinweisen, welche die Brücken
-spielten. Zuerst setzte er sich nutzlos auf der Innbrücke der Gefahr
-aus, er nimmt die Saint-Esprit-Brücke und die Brücke von Lauriol; in
-Lyon sind ihm zwei Brücken verhängnisvoll, und sein Glück endet vor der
-Brücke von Sèvres.
-
-Bild seiner Tugenden. Unnötig, seinen Mut zu rühmen, mit dem er eine
-weitsichtige Staatsklugheit verband. Denn er bot jedem Soldaten
-sechzig Franken, wenn er den Kaiser verlassen wolle, und in Spanien
-versuchte er die Anhänger der Konstitution mit Geld zu bestechen.
-
-Seine Zurückhaltung war so groß, daß er seine Zustimmung gab zu der
-zwischen seinem Vater und der Königin von Etrurien geplanten Ehe,
-zur Bildung eines neuen Kabinetts nach den Erlassen, zur Abdankung
-zugunsten Chambords, zu allem, was man wollte.
-
-Doch fehlte es ihm nicht an Festigkeit. In Angers löste er die
-Infanterie der Nationalgarde auf, die aus Eifersucht auf die Kavallerie
-und vermittels eines Manövers sich zu seiner Bedeckung gemacht hatte,
-derart, daß sich Seine Hoheit im Gedränge der Fußsoldaten befanden und
-Höchstdieselben kaum weiter konnten. Doch er tadelte die Kavallerie,
-die Grund zur Unordnung gegeben, und verzieh der Infanterie, ein
-wahrhaft salomonisches Urteil.
-
-Seine Frömmigkeit zeigt sich in zahlreichen Andachtübungen und seine
-Milde darin, daß er die Begnadigung des Generals Debelle durchsetzte,
-welcher die Waffen gegen ihn erhoben hatte.
-
-Intime Einzelheiten, Züge des hohen Herrn:
-
-Auf dem Schloß Beauregard, wo er seine Kindheit verlebte, machte es ihm
-Vergnügen, mit seinem Bruder einen Teich zu graben, der noch zu sehen
-ist. Einmal besuchte er die Kaserne der Jäger, verlangte ein Glas Wein
-und trank es auf die Gesundheit des Königs.
-
-Während er spazieren ging, wiederholte er, um den Schritt zu markieren,
-für sich: „Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei!“
-
-Einzelne Worte von ihm haben sich erhalten:
-
-Zu einer Abordnung von Einwohnern von Bordeaux: „Was mich darüber
-tröstet, daß ich nicht in Bordeaux bin, ist der Umstand, daß ich mich
-in Ihrer Mitte befinde.“
-
-Zu den Protestanten von Nismes: „Ich bin ein guter Katholik, aber ich
-werde niemals vergessen, daß der erlauchteste meiner Ahnen Protestant
-war.“
-
-Zu den Zöglingen von Saint-Cyr, als alles verloren ist: „Schön, meine
-Freunde! Die Nachrichten sind gut! Es steht gut! sehr gut!“
-
-Nach der Abdankung Karls X.: „Da sie nichts von mir wissen wollen,
-mögen sie sehen, wie sie fertig werden!“
-
-Und im Jahre 1814 bei jeder Gelegenheit in dem winzigsten Dorfe: „Kein
-Krieg mehr, keine Aushebungen, kein Staatsmonopol.“
-
-Sein Stil war dem, was er sagte, ebenbürtig. Seine Erlasse
-überschreiten alles.
-
-Der erste des Grafen von Artois begann folgendermaßen: „Franzosen, der
-Bruder Eures Königs ist angelangt!“
-
-Der des Fürsten: „Ich bin da. Ich bin der Sohn Eurer Könige! Ihr seid
-Franzosen!“
-
-Tagesbefehl, datiert Bayonne: „Soldaten, ich bin angelangt!“
-
-Ein anderes Mal, bei voller Auflösung: „Fahrt fort, mit der Tatkraft,
-die dem französischen Soldaten ziemt, den Kampf fortzuführen, den Ihr
-begonnen habt. Frankreich erwartet es von Euch!“
-
-Zuletzt in Rambouillet: „Der König ist mit der in Paris errichteten
-Regierung in Verhandlungen über ein Einvernehmen getreten, und nach
-allem steht zu erwarten, daß diese Verhandlungen ihrem Abschluß nahe
-sind.“ „Nach allem steht zu erwarten“ ist wundervoll.
-
-„Ein Umstand verdrießt mich,“ sagte Bouvard, „nämlich, daß man nicht
-seine Herzensangelegenheiten erwähnt!“
-
-Und sie notierten am Rande: „Den Liebeleien des Fürsten nachspüren!“
-
-Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er
-zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême.
-
-Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit
-noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar.
-
-Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder
-krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb,
-es sich brennen zu lassen?
-
-Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das
-Temperament, das Temperament das Individuum.
-
-Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine
-Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen,
-gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das
-verzögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach
-Hause zurück.
-
-Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen
-die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau
-Bordin, die nach rechts und links schaute:
-
-„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer
-Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren
-sprechen.“
-
-Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man
-schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf.
-
-„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“
-
-Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin
-ausfragte.
-
-Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein
-befallen zu sein.
-
-„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe.
-
-Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde
-wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“
-
-Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd:
-
-„Er ist nicht da!“
-
-Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung
-herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie
-knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab.
-
-Dann gingen sie und besichtigten die Truhe.
-
-Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die
-Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen.
-
-Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard
-seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen.
-
-Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er
-hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine
-verirrte Kuh sie umgeworfen hatte.
-
-„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet.
-
-„Ich weiß es nicht.“
-
-„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre
-Schuld!“
-
-Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum
-Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit.
-
-Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger
-als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete
-sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das
-Mahl zu bereiten.
-
-Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei
-Vierteln geleert war.
-
-„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju.
-
-„Ich! trinke nie einen Tropfen.“
-
-Bouvard wandte ein:
-
-„Sie waren der einzige Mann im Hause.“
-
-„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick.
-
-Germaine fing ihn auf:
-
-„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“
-
-„Gewiß, Sie sind es!“
-
-„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“
-
-Gorju machte eine Drehung.
-
-„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“
-
-Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot,
-die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau
-Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju.
-
-Die Alte hielt nicht mehr an sich.
-
-„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch
-verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser,
-Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen
-vorzuspielen!“
-
-Bouvard riß die Augen auf.
-
-„Was für Possen!“
-
-„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“
-
-„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und
-entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab
-er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen. Bouvard stellte sich
-dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine
-zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie
-zu trösten suchte.
-
-Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die
-Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf
-welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als
-sie Gorju rief, -- und ob er Mélie entehrt habe.
-
-„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht,
-und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die
-Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“
-
-Pécuchet fügte hinzu:
-
-„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“
-
-Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten.
-Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die
-Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. -- „Lassen wir uns ein
-paar historische Romane kommen!“
-
-
-
-
-V
-
-
-Sie lasen zunächst Walter Scott.
-
-Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.
-
-Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen
-gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister,
-Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die
-berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen
-und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der
-Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache
-der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte
-Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der
-Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande
-galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher,
-der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne
-erglänzt auf Panzerhemden, der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die
-Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die
-Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.
-
-Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale
-zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand
-einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte,
-gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und
-setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht
-zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm
-seiner Mütze tief in die Stirn.
-
-Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den
-Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit
-gegen die materiellen Dinge nachgegeben.
-
-Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne.
-Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie
-Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den
-Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie
-geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es
-gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht
-durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit
-zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus
-ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.
-
-Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren,
-konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius,
-Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.
-
-Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem
-Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis
-dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt,
-die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im
-fünfzehnten Jahrhundert.
-
-Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und
-unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen.
-
-In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich der Daten.
-Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und
-nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des
-Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres
-Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich,
-daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat,
-eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin
-Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war
-nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich
-von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III.
-kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das
-Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe
-der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas.
-
-Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer
-in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist
-um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war
-Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von
-einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian
-umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam
-fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten.
-
-Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte
-sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte.
-Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der
-Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt
-und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein
-philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge
-Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein
-vollständiger Mangel an Tiefe.
-
-Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand.
-
-Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen
-Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig
-wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst
-verändert.
-
-Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die
-Theaterstücke.
-
-Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große,
-mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr
-viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare.
-
-Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das
-Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören
-vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines
-Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria
-Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen
-aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der
-Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht,
-anstatt zu belehren, verdummt.
-
-Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an
-die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die
-Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite,
-die Tendenz mitgerissen.
-
-Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der
-Leihbibliothek Liebesromane.
-
-Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“,
-„Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte,
-steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ.
-
-Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über
-das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein
-wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem
-bestände.
-
-Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch
-mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse
-Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen,
-damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von
-seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches
-Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt
-sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht.
-
-Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die Abenteuerromane;
-die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter,
-außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die
-Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den
-Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei.
-
-Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und
-nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den
-alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht
-vermutet, daß das moderne Leben so tief sei.
-
-„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus.
-
-„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet.
-
-„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel,
-ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es
-Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse.
-Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben!
-Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über
-das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein
-gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der
-Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe
-und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines
-jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre,
-sondern Statistik oder Ethnographie.“
-
-Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte
-sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las
-Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der
-Eremit der Chaussée d’Antin.“
-
-„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte
-Pécuchet.
-
-„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“
-
-„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich
-begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“
-
-Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte
-Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie.
-
-Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin
-behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl
-von Größe.
-
-Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so
-ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte.
-Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art
-Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich.
-
-Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig
-zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt
-zu entfalten -- indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine
-fallende, übte -- und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem
-Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend.
-Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war
-geschlossen, und sie blökten jeder für sich.
-
-Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über
-Politik, die verderbten Grundsätze.
-
-Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig,
-und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging
-Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit
-zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme
-aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe
-wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes
-Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte,
-hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer,
-meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet
-darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille.
-
-Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das
-Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von
-Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang,
-und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die
-Tragödie sank in ihrer Achtung.
-
-Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach,
-zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und
-wie lächerlich die Vertrauten.
-
-Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man
-muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben
-wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte
-vollständig in „Célimène“.
-
-Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig,
-die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie
-Ägisth und Agamemnon.
-
-Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man
-trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die
-ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer
-sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt.
-Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität
-ab.
-
-Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe,
-seine Jugendfrische.
-
-Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas
-oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein,
-sondern mußte lyrisch, regellos sein.
-
-Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric
-Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen
-Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte,
-denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen.
-
-„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte
-ihnen mit Vergnügen zu.
-
-Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend.
-
-„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“
-
-Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne
-Vorbereitung und ohne Kostüm spielen.
-
-„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“
-
-Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die
-Zipfelmütze und setzte sie auf.
-
-Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab.
-
-Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden
-geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel
-gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch,
-damit Frau Bordin sich setzen konnte.
-
-Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des
-„Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu
-viel Spiel erfordern.
-
-„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“
-
-„Ausgezeichnet!“
-
-Bouvard erzählte die Fabel. -- „Es ist eine Königin, deren Gatte von
-einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen
-Mann, -- bist du bereit? Dann also los!“
-
- „_Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich
- liebe ihn._“
-
-Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen
-Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht
-auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins
-Labyrinth verlieren mögen.
-
-Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, -- und seine zitternde
-Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner
-Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen,
-während er sich umwandte.
-
-Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor
-Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in
-Hemdsärmeln durch das Fenster zu.
-
-Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei
-der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich
-mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er,
-zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel.
-
-„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie
-vergiftet sich!“
-
-„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin.
-
-Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben.
-
-Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen:
-„Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und
-ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des
-Essigkrämers“ nannte.
-
-Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des
-„Tartufe“ vor.
-
-Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig:
-
-„Man muß wissen, daß Tartufe...“
-
-Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“
-
-Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht.
-
-„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet.
-
-„Einerlei! nimm es!“
-
-Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand.
-
-Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu
-streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen:
-
- „_Was will da Ihre Hand?_“
-
-Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme:
-
- „_Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich._“
-
-Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich
-aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu.
-
-Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, -- und als er
-einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort.
-
-Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst
-galant.“
-
-„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“
-
-„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes
-von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt
-hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit
-zurückgelehntem Kopf:
-
- _Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern,
- Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend
- Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’._
-
-„Das ähnelt mir,“ dachte sie.
-
- _Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt.
- Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!_
-
-„Wie komisch Sie sind!“
-
-Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne
-entblößte.
-
- _Ist’s nicht süß,
- Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?_
-
-Er kniete nieder.
-
-„Bringen Sie es doch zu Ende!“
-
- _O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust,
- Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe._
-
-„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“
-
-„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt
-ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich.
-
-Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht
-bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard
-begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen.
-
-Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden.
-Er war noch von seiner Rezitation erregt, -- und sie empfand auf dem
-Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der
-Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die
-mittelmäßigen Geister, -- und durch die plumpsten Interpreten können
-Welten geoffenbart werden.
-
-Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf
-hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge
-hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein
-blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte
-sich herab.
-
-„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen
-einsog.
-
-„Sie strengen sich aber auch dabei an!“
-
-„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer
-betrifft, das besitze ich.“
-
-„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt,
-„daß Sie... geliebt haben... früher!“
-
-„Früher nur, glauben Sie!“
-
-Sie blieb stehen.
-
-„Das kann ich nicht wissen!“
-
-Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen.
-
-Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang,
-nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen.
-
-Dann plauderten sie von der Vorstellung.
-
-„Wie heißt Ihr letztes Stück?“
-
-„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“
-
-„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm
-sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, -- im Ernst.“
-
-„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard.
-
-„Sie?“
-
-„Ja! Ich!“
-
-„Welch ein Scherz!“
-
-„Nicht im allergeringsten!“
-
-Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die
-Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken.
-
-Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, -- und
-sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die
-Augen auf und schüttelte den Kopf.
-
-„Das ist vorbei!“
-
-Er sah sie verdutzt an.
-
-Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte.
-Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren
-faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande.
-
-„Soll ich Ihnen helfen?“
-
-„Nicht nötig.“
-
-„Warum?“
-
-„Ach! Sie sind zu gefährlich!“
-
-Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf.
-
-Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben.
-Bah, sie würde sich wiederfinden, -- und dann sind die Frauen nicht
-alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man
-es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden --
-und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es
-aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl.
-
-Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju, während sie
-zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben.
-
-Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen,
-verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju
-äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie
-und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! -- derart,
-daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden
-zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht
-blendete den Handwerker.
-
-Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil
-erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie.
-
-Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der
-Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts
-Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen
-Bérangerkopf“ abzugeben.
-
-Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben.
-
-Das schwierige war, einen Stoff zu finden.
-
-Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die
-für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen
-Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie
-in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um
-draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten
-erschöpft heim.
-
-Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier
-vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der
-Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und
-gesenktem Haupte, im Sessel saß.
-
-Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines
-Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er
-verschwunden.
-
-Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs
-Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man
-entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem
-einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten
-vergeblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter
-Kriminalfälle, eine Menge Geschichten.
-
-Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans
-Schauspiel, sehnten sich nach Paris.
-
-„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu
-vergraben!“ sagte Bouvard.
-
-„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet.
-
-Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag
-das daran, daß sie die Regeln nicht kannten.
-
-Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen
-weniger aus der Mode gekommenen Werken.
-
-Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen
-abgefaßt werden kann; -- ob die Tragödie nicht die Grenzen
-überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt;
--- ob die Helden tugendhaft sein sollen; -- welche Art von Schurken
-sie verträgt; -- bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt
-ist; -- daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben,
-daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche,
-natürlich!
-
- _Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen_,
-
-sagt Boileau.
-
-Wie Motive erfinden?
-
- _Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen
- gehn, es rühren und erwärmen._
-
-Wie das Herz erwärmen?
-
-
-Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig.
-
-Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen
-Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire.
-Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen
-Shakespeares.
-
-Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen
-lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen.
-
-Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit!
-Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben --
-und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten
-dieser, die man als geistreich hinstellt!
-
-Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen.
-
-Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und
-an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches.
-
-So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil
-der Menge unverständlich.
-
-Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an
-Dumouchel.
-
-Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die
-die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen,
-kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“.
-
-Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel
-Paris. -- Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist
-gut, welches belustigt.
-
-„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das,
-was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner
-später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um
-aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen
-werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort.
-
-Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts.
-Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde
-nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard?
-Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la
-Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer
-Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder
-vielmehr des Stils.
-
-Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie
-erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel
-angegebenen Autoren.
-
-Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die
-Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch
-„gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne.
-„Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich
-schön im Verse aus.
-
-„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet.
-
-„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“
-
-Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen,
-aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft,
-sondern auch ihre Sprache.
-
-Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung,
-und sie machten sich an das Studium der Grammatik.
-
-Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten
-Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten
-nicht, sich zu entscheiden.
-
-Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den
-Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt.
-
-Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem
-Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf,
-die wenig bequem zu erfassen ist.
-
-Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen,
-aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen
-und zuweilen von Personen gebraucht werden.
-
-Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? -- „une
-bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, -- „ne pas laisser de“ oder
-„que de“, -- „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“?
-
-Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen
-Racine und Boileau keinen Unterschied machten; -- „imposer“ oder
-„en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und
-„coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben
-von einem Frosch unterscheiden konnte.
-
-Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine
-Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf,
-deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen
-an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung,
-verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt
-„nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“.
-Bouhours verlangt „jérarchie“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal
-„les œils de la soupe“.
-
-Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“
-sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des
-haricots“, -- und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von
-„Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“!
-
-Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals
-eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine
-geben werde.
-
-Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik
-Täuschung sei.
-
-Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle
-schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern
-man nur empfunden, beobachtet habe.
-
-Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten
-sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch
-die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit.
-Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen.
-
-Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz
-niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm
-durch ein Buch zu rächen.
-
-Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen
-Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als
-diese Persönlichkeit.
-
-Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen
-zu verschmelzen, -- und dabei blieben sie stehen, gingen zu den
-folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht,
--- eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, -- eine Frau, die infolge
-fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter
-Priester.
-
-Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden,
-die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu.
-
-Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die
-Farbe, -- und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder
-war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden.
-
-Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre
-Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor
-der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die
-Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre
-Betrachtungen mit.
-
-Zunächst, was ist das Schöne?
-
-Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt;
-für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas;
-für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das,
-was der Vernunft entspricht.
-
-Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den
-Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten,
-man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein
-Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem
-Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen
-Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns
-Gedanken von Niedertracht.
-
-Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die
-erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das
-ist das Prinzip.
-
-„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen
-abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen
-weniger guten Eindruck -- gewöhnlich wenigstens.“
-
-Sie machten sich an die Frage des Erhabenen.
-
-Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes,
-tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein
-Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft.
-
-„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das
-Erhabene das Sehrschöne.“ -- Wie die beiden unterscheiden?
-
-„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet.
-
-„Und der Takt, woher kommt der?“
-
-„Vom Geschmack!“
-
-„Worin besteht denn der Geschmack?“
-
-Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungsfähigkeit, ein
-schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu
-durchschauen.
-
-„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, -- und alles das sagt
-nicht, wie man dazu kommt.“
-
-Man soll das Wohlanständige beobachten, -- aber das Wohlanständige
-zeigt Unterschiede, -- und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird
-niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes,
-über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist
-von Geheimnissen umhüllt.
-
-Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so
-müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst
-wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den
-Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck
-abzugeraten, nicht wahr zu sein.
-
-Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die
-Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne
-Ideal keine Wahrheit; -- deshalb ist der Typus von dauerhafterer
-Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche
-Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas
-Relatives, Vergängliches.
-
-So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer
-weniger an die Ästhetik.
-
-„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an
-Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“
-
-Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte.
-
-„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen,
-welche die Geschichte verlangt.“
-
-„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes
-und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor,
-findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten
-Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das
-Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer
-sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht
-gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese
-Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir
-Einfaltspinsel zu sein!“
-
-„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet.
-
-Zweifel quälten ihn, -- denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin
-bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der
-Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister
-sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die
-Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des
-Schönen erfassen, -- und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine
-Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht.
-
-Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin
-der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten.
-
-Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken
-lassen. -- Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens
-Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur
-Ruhe.
-
-Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und
-schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war
-der Notar.
-
-Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den
-Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er,
-daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche
-Bouvard die Ecalles abzukaufen.
-
-Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber.
-
-Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, --
-da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte.
-
-Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer
-Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu
-feierlichen Gelegenheiten gehört.
-
-Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein
-würden.
-
-„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“
-
-Sie blinzelte mit den Augen: „Ach! für mich!“
-
-Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein.
-
-Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, -- und indem er
-sie auf den Tisch legte:
-
-„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, -- eine
-brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“
-Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“.
-
-Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die
-Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun
-geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen.
-
-Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane.
-
-Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren.
-
-„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben
-in schmeichlerischen Farben dar!“
-
-„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein.
-
-„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“
-
-„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“
-
-„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen
-Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“
-
-„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte,
-das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas.
-
-„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung,
-verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter
-Herr...!“
-
-„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der
-Schwelle erschien.
-
-Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den
-Anwesenden.
-
-„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“
-
-Vaucorbeil gab eine Erwiderung. -- „Sie sind also nicht für die
-Bildung?“
-
-„Aber durchaus! Erlauben Sie!“
-
-„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot.
-
-„Was ist schlimmes daran?“
-
-Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis Philippe zu
-schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze
-gegen die Freiheit der Presse wiesen.
-
-„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu.
-
-Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr
-Theater!“
-
-„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den
-Selbstmord verherrlichen!“
-
-„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein.
-
-Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene
-Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt
-werden!
-
-„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard.
-
-Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr
-gespielt werde und etwas überschätzt worden sei.
-
-„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne
-Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der
-Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“
-
-„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“
-
-„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu
-zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung
-zu bieten.“
-
-Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle
-die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft,
-unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir
-Delavigne.
-
-Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort:
-
-„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“
-
-„Wieso, die Sprache?“
-
-„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut
-geschrieben seien?“
-
-„Gewiß, sie sind sehr interessant!“
-
-Er zuckte die Achseln, -- und sie errötete über die Impertinenz.
-
-Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit
-zurückzukommen. Es war zu spät, um den Handel abzuschließen. Sie
-verließ das Haus am Arme Marescots.
-
-Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu
-bringen.
-
-Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt.
-
-„Sie vergessen mich, Doktor.“
-
-Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die
-unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus.
-
-„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde
-zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“
-
-Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, --
-und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“
-
-„Nein, wahrhaftig!“
-
-Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der
-Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht.
-Man liebt die Literatur nicht.
-
-Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten
-das allgemeine Stimmrecht.
-
-„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn
-er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von
-Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am
-folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei
-angeschlagen.
-
-Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als
-man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die
-Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die
-Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die
-Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die
-provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und
-da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man
-müsse solche auch in Chavignolles haben.
-
-Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein
-patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte
-der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht
-befriedigt gewesen wäre.
-
-Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus,
-welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur
-„Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle.
-
-Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug.
-
-Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann
-erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und
-der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier
-Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem
-Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein.
-
-Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in
-welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber
-sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und
-Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil,
-Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem
-Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und
-Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen,
-einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen
-pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand,
-anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten
-die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes
-Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, -- denn die Nationalgarde
-war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen,
-Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und
-Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie
-mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und
-ab ging.
-
-Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei
-ähnlichen Gelegenheiten.
-
-Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die
-Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es
-Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus
-prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm
-des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der
-Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche
-seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause
-zurückzukehren.
-
-Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte.
-„Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft
-erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der
-Schatten seiner Zweige! Amen!“
-
-Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die
-Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück.
-
-Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die
-einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück,
-die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen.
-
-Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank
-sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie
-öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor.
-
-Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution
-entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde
-sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk!
-Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn
-Pfarrer einzuholen.
-
-Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war
-von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor
-einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um,
-der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung
-der Leute desselben beklagte.
-
-Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten
-unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem
-Auge.
-
-„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich
-auf!“
-
-„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon.
-
-Foureau seufzte:
-
-„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“
-
-Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt.
-
-Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung.
-
-Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man
-sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der
-ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd
-auf dem Platze stehen.
-
-Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen.
-
-Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien.
-
-Herr von Faverges dachte anders:
-
-„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns
-entfesseln! Keine Torheiten!“
-
-Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde.
-
-Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins.
-
-Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen.
-
-„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet.
-
-„Was kümmert mich die Sklaverei.“
-
-„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische
-Verbrecher?“
-
-„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen.
-Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“
-
-„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt.
-„Wer ein Haus besitzt...“
-
-Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei
-Kommunist.
-
-„Ich! Kommunist!“
-
-Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vorschlug, einen Klub
-zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas
-werde es nie in Chavignolles geben.
-
-Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die
-öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt.
-
-Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals
-Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben.
-
-Gorju blickte ihn an:
-
-„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“
-
-Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der
-Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm
-einen Hasen oder ein Kaninchen ab.
-
-„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau.
-
-Noch denselben Abend begannen die Übungen.
-
-Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer
-blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein
-Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte.
-
-„Bauch herein!“
-
-Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das
-Kreuz.
-
-„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“
-
-Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe
-Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und
-von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte
-er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine
-Nachbarn belästigte.
-
-Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte
-Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd
-hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu
-sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet,
-um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während
-die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres
-Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und
-fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er sich bei dem Krämer nieder
-und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse.
-
-Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter
-gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie
-wurden die Vornehmen.
-
-Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den
-Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik.
-
-Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen,
-nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon.
-
-Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr
-von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre
-Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten
-ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede
-Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt
-würden.
-
-Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht
-würde man ihn zum Abgeordneten wählen.
-
-Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich
-vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen
-Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich
-lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der
-Doktor war darüber entrüstet.
-
-In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich
-nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine
-mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen;
-welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab
-und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen.
-
-Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen.
-Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte,
-hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht?
-Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter
-Rücksichten begann.
-
-Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber.
-
-„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“
-
-„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im
-Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie
-Verhaltungsmaßregeln für sich auf.
-
-Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann
-träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze
-Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der
-Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum
-Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen:
-
-„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“
-
-Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte
-ihm dar, was für Aussichten er habe.
-
-Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen.
-Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und
-besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern;
-das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn
-verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er
-seine Schwäche.
-
-Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs
-erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau
-ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab.
-
-Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht
-gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen.
-
-Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug
-sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen,
-erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen.
-
-Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab
-ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er,
-Beljambe, durchfiele.
-
-Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu
-verhalten.
-
-Es blieb also nur noch Foureau.
-
-Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit
-in der Flintenangelegenheit, seinen Widerstand gegen den Klub, seine
-rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, -- und sie redeten sogar
-Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten.
-
-So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem
-Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren
-angehäuft hatte, -- und er verhetzte gegen Foureau alle seine
-Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine
-ganze Horde.
-
-Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn
-Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war,
-konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben.
-
-Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts,
--- und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen.
-
-Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des
-‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung
-der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die
-des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage
-überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt.
-
-Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen
-versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In
-Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen.
-
-Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte
-Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt
-und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und
-Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich,
-daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den
-Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai:
-„Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden,
-dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“
-
-Die Reaktion begann.
-
-Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett
-Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz
-der Ansicht ist, daß sie alles was in Paris vorgeht, kennt, so
-zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so
-galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht.
-
-Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm
-mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei.
-
-Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen
-die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß
-Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde.
-
-Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande
-umher.
-
-An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich
-ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von
-Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles.
-
-Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich,
-und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu
-leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen
-Weisung, sich nicht zu zeigen.
-
-Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der
-Girondisten die Scheiben erzittern; -- und Männer, die einander
-untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in
-Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand.
-
-Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte
-ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre
-herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, -- jedenfalls ein
-Maschinenwärter -- trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen
-waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine
-Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt.
-
-Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer
-Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an.
-
-„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“
-
-Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm.
-
-Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich darüber
-Erwägungen anstellen würde; -- und nachdem die Genossen hinausgegangen
-waren, besprach man mehrere Vorschläge.
-
-Der erste war, Kieselsteine anzufahren.
-
-Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von
-Angleville nach Tournebu zu bauen.
-
-Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst.
-
-Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit!
-(Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?)
-
-Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen
-Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es,
-so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem
-Entschlusse zu kommen! -- Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in
-die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von
-Werkstätten für Notleidende.
-
-„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir
-wollen das Recht auf Arbeit.“
-
-Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu
-geben; man spendete ihm Beifall.
-
-Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin
-mitgeschleppt hatte, -- und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge
-zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht
-entschlüpfen.
-
-„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard.
-
-„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“
-
-„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“
-
-„So wird man welche im voraus machen!“
-
-„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die
-Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! -- und
-Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“
-
-Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit
-organisiert wird...“
-
-„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“
-
-Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“
-
-Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital
-stellen, -- oder besser noch den Kredit einrichten!“
-
-„Auf welche Weise!“
-
-„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“
-
-„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm
-machen, diese Schwindler!“
-
-Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen.
-
-Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste
-geballt: „Komm nur näher!“
-
-Der Maschinenwärter wich zurück.
-
-Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich,
-sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man
-bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder
-zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte
-sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen.
-
-„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau.
-
-„Ich bin nicht befugt!“
-
-Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; -- und aller
-Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als
-man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah.
-
-Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, -- und nach Lamartines
-Vorbilde, begann er, das Volk anzureden:
-
-„Mitbürger!“
-
-Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht
-dazu angetan, Eindruck zu machen.
-
-Der Mann im Trikot fragte ihn:
-
-„Sind Sie Arbeiter?“
-
-„Nein.“
-
-„Arbeitgeber also?“
-
-„Ebensowenig.“
-
-„Dann ziehen Sie sich zurück!“
-
-„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz.
-
-Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem
-Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. --
-
-„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen.
-
-Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die
-Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen.
-
-Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten,
-die zum Schlosse Faverges führte.
-
-Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter
-auferlegte.
-
-Sie zerstreuten sich.
-
-Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an
-ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie
-am lautesten, -- und bei ihrem Anblick:
-
-„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine
-einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen
-Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“
-
-„Wen denn?“
-
-„Den alten Gouy!“
-
-Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, -- und habe ihn, wie es gerade
-kam, mitten auf den Rasen geworfen.
-
-„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“
-
-„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard.
-
-Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines
-Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie
-die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war
-abgebrochen, die Dahlien zerknickt -- und Stücke schwarzen Düngers
-häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um.
-
-Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben
-lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres
-Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf;
-Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht.
-
-Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen.
-
-Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den
-Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war eine gescheite Frau: die
-Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range,
-achteten sie.
-
-Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich
-keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen.
-
-Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine
-Parade, zuweilen militärische Umzüge -- und jede Nacht Ronden. Sie
-setzten das Dorf in Unruhe.
-
-Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die
-Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man
-derbe Späße, -- und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen.
-Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen,
-trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür
-langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte
-Zuchtlosigkeit.
-
-Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der
-Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein
-Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken,
-Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von
-Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der
-Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so
-schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten.
-
-Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt.
-
-Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens
-oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten
-die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann
-mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte.
-
-Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der
-Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich.
-
-„Wer da?“
-
-Keine Antwort.
-
-Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger
-Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger
-bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war,
-stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und
-schrien: „Ihre Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit
-Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn
-dorthin, -- und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte,
-erkannte man schließlich Gorju.
-
-Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen
-guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von
-Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und
-rollte die Augen wie ein Wolf.
-
-Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die
-Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles
-zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit
-verwandt habe.
-
-Das ginge sie nichts an. Er sei frei.
-
-Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig
-fest.
-
-Bouvard legte sich ins Mittel.
-
-„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre
-Anschauungen.“
-
-„Indessen...“
-
-„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in
-acht.“
-
-Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen.
-
-Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts
-dazu?“
-
-Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt
-hätte.
-
-Der arme Teufel lächelte bitter.
-
-„Ich habe Sie doch verteidigt!“
-
-Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab.
-
-Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem
-Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen
-Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben.
-
-Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein
-Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, -- und da ihre Unterschrift
-durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte,
-zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten.
-
-Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten;
-eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem
-Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen
-Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem
-Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte
-sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der
-einen Hand, eine Zeitung in der andern; -- und sogleich drückte
-er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, -- obwohl ihr
-Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei.
-
-„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“
-
-„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“
-
-„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen
-harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist,
-wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art,
-mit der man die Aufwiegler behandele.
-
-Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche
-Wohl als höchstes Gesetz an.
-
-„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so
-achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt
-entgegenstellen -- wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“
-
-Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die
-Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern
-in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn
-alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte
-riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen.
-
-Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die
-Konservativen redeten jetzt wie Robespierre.
-
-Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die
-Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen
-gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung
-interessierten niemand, -- und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von
-Chavignolles für Bonaparte.
-
-Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen das Volk ab, -- und
-Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts.
-
-Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird
-es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn
-von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das
-war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der
-Präsidentenwahl.
-
-„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit
-des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren,
-das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden
-die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann
-man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen?
-Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist.
-Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die
-ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die
-Folge.“
-
-„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet.
-
-Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der
-ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde
-die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei
-unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung.
-
-Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das
-Gegenteil!“
-
-„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst.
-
-Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir
-haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei.
-
-Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen
-wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die
-Aristokratie auf.
-
-Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den
-Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß:
-
-„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um
-ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr.
-In beiden Fällen ist es ein Attentat auf das Recht eines andern, ein
-Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“
-
-„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet.
-
-„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen.
-
-Bald begann die römische Expedition.
-
-Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der
-Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete
-sich.
-
-Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer
-zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des
-Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste
-war die Verteilung der Broschüren.
-
-Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. -- Der rote Genosse.
--- Wie kommen wir aus dem Sumpf? -- Wohin steuern wir?“ -- Das
-Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und
-unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern.
-Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den
-Händen der Präfekten -- und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie
-eingesperrt: ein ungeheurer Sieg.
-
-Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der
-Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf
-einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, -- und
-man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte!
-Welch ein Hohn!
-
-Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht.
-
-Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor
-seiner Tür vorbeikamen.
-
-Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten
-sie ihm einen Gegenbesuch.
-
-Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der
-Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch
-um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen
-verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren
-Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche
-besorgte, floß durch das Haus.
-
-„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“
-Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es
-demokratisieren, den Stoff befreien.“
-
-„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet.
-
-„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“
-
-„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard.
-
-„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie
-die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe.
-
-„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“
-
-Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen
-Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen.
-
-Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse
-der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte
-ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein
-Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache
-er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen
-Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren
-Stolz. Niemals würde er sich beugen.
-
-„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“
-
-Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete
-er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der
-Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer
-Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene
-Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen
-Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde!
-
-Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den
-Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch
-auszubringen!
-
-Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers.
-
-Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an
-den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme:
-
-„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“
-
-„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister.
-
-„Das ist Ihre Schuld!“
-
-„Ich habe getan, was ich konnte!“
-
-„Ach! Wirklich?“
-
-Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit
-nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend:
-
-„Ist das alles?“
-
-Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den
-Verweis milderte:
-
-„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“
-
-„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein.
-
-„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“
-
-„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die
-Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“
-
-„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester.
-
-Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade
-ihretwegen:
-
-„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“
-
-Petit zuckte die Achseln.
-
-„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“
-
-Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das
-Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn
-außer sich:
-
-„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“
-
-„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester,
-ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das
-Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts
-zuerteilt.“
-
-„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den
-Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“
-
-Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen
-Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht.
-
-Der Geistliche berührte leicht seine Schulter.
-
-„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein
-wenig Vernunft!
-
-Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit
-frommem Eifer kommunizieren.“
-
-„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“
-
-Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten
-Blitze, sein Kinn zitterte.
-
-„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! -- Und seine Frau besorgt
-die Wäsche für die Kirche!“
-
-„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“
-
-„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“
-
-„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“
-
-„Man kann ihn versetzen!“
-
-Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten.
-Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen.
-
-Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr
-letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort
-unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben
-Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen
-die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine
-Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer
-Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack
-auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand
-bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt.
-
-In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem
-Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg
-weinte.
-
-„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme.
-
-Da brach der Vater in Schluchzen aus:
-
-„Ja! ja! alles, was man verlangt!“
-
-„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer.
-
-Und nachdem er sich verbeugt:
-
-„Meine Herren, recht guten Abend!“
-
-Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard
-zurück.
-
-„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“
-
-Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich
-zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit
-setzte sie in Schrecken.
-
-Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die
-Republik pfiff auf dem letzten Loch.
-
-Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen.
-Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder
-eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die
-klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger
-predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien
-zufrieden.
-
-Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück.
-
-Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für
-die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in
-die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher.
-
-Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück
-einzuladen.
-
-Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die
-Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht
-liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen
-auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren
-Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich
-wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das
-Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der
-mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln
-lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort
-stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm.
-
-Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der
-Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr
-von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne
-verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die
-Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die
-Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch
-Changarnier.
-
-Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die
-Protestanten, Foureau im Interesse des Handels.
-
-„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet.
-
-„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel
-unsere Kathedralen...“
-
-„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“
-
-„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“
-
-„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche
-seufzend.
-
-„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und -- verzeihen Sie, Herr Graf
--- die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“
-
-„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert!
-Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die
-Grundlagen!...“
-
-Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur
-das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf
-dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“
-
-Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen.
-Wie am Rande des Abgrundes einhalten?
-
-„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in
-gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er
-den Wahlzensus erhöhte.“
-
-„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung
-kommt von Paris.“
-
-„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar.
-
-„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu.
-
-Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein,
-so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten
-konnte, wenn es ihr gut schien.
-
-Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse,
-Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen
-behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im
-Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, -- der Unterpräfekt vergaß
-nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten
-die Herren Mörder damit anfangen!“
-
-Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu
-dem stand, was man sagte, -- denn man glaubt immer, daß die Worte der
-Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken
-geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah
-die Kompottschüsseln in einem Nebel.
-
-Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von
-Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste
-tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei,
-als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen.
-
-Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf
-einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen
-Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot
-gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig.
-
-Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die
-Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff
-Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine
-Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“
-
-„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt
-keinen Wert mehr auf sie.
-
-„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist
-ziemlich gleichgültig!“
-
-„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein.
-
-„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich
-halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß
-Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“
-
-Alle verlangten nach einem Retter.
-
-Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé
-Jeufroy sagen:
-
-„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn
-man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“
-
-„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“
-
-Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein
-feuchter Wind wehte; -- und während sie über abgefallene Blätter
-gingen, atmeten sie wie befreit.
-
-Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen
-Luft:
-
-„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch
-eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem
-Recht?“
-
-Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge
-unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe.
-
-Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer
-Filmer formuliert worden.
-
-Hier folgt sie:
-
-„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt.
-Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von
-Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des
-Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige
-nach dem Beispiel der Väter eingesetzt.
-
-Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis
-unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat
-dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen
-eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des
-Volkes, -- und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der
-Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den
-König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn
-als solchen anerkennen wollten.
-
-Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was
-es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel,
-‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman,
-Mably und so weiter, -- und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm
-die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht
-einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“
-
-Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus
-„Gesellschaftsvertrag“ zur Hand.
-
-Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf
-zurück und analysierte:
-
-„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich
-seiner Freiheit entäußerte.
-
-Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Ungleichheiten
-der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er
-besitzt.
-
-Wo aber ist der Beweis für den Vertrag?
-
-Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger
-werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man
-Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften
-haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt
-verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion
-einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“
-
-Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie?
-
-Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, -- und sie verschafften sich
-die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant.
-
-Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre.
-
-An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist.
-Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut
-ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte
-Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das
-öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer
-haben, „der am meisten liebt“.
-
-Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der
-Welt ab.
-
-„Das verstehe ich nicht.“
-
-„Ich auch nicht!“
-
-Und sie machten sich an die Lehre Fouriers.
-
-Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich
-ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen.
-
-Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier
-affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das
-Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen
-der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine
-Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen.
-Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am
-Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede
-Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten,
-den Liebhaber und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das
-Bajaderentum vorgesorgt.
-
-„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in
-Träume von der harmonischen Welt.
-
-Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde
-schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben
-länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem
-Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung
-regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern
-aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch
-die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von
-den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst
-des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen
-Horizont,“ sagte Pécuchet.
-
-Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die
-Lohnfrage.
-
-Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel
-abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer,
-daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte
-wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen
-einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol.
-
-„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard.
-
-„Nicht doch!“
-
-„Ganz gewiß!“
-
-„Du redest Unsinn!“
-
-„Du empörst mich!“
-
-Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte
-nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie
-hinweisend:
-
-„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter,
-die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin.
-
-Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die
-Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht
-das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“
-
-„Aber Cabet ist ein Idiot!“
-
-„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem
-Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten.
-
-Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner
-zu hören.
-
-Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen,
-alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das
-Zeugungsgeschäft zu regeln.“
-
-Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er:
-
-„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich
-zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt
-schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet.
-Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung
-Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon
-im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können;
-aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“
-
-„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien
-eines solchen Herrn sich ändern wird?“
-
-„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr
-im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“
-
-„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“
-
-„Gewiß!“
-
-„Du?“
-
-Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine
-Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die
-Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von
-neuem:
-
-„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend.
-
-Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu.
-
-Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, -- und man fand ihn
-schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht,
-während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht
-krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin.
-
-Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen war, erkannten sie,
-daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie.
-
-Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins,
-Einfuhr, Ausfuhrverbot.
-
-Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im
-Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel
-vorgeschoben -- und er weckte Bouvard, der fest schlief.
-
-Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht
-wieder hören.
-
-Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben.
-
-Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem
-Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, -- und
-zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand
-hinübergestiegen.
-
-Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden.
-
-Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum
-Krämer.
-
-Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents
-mitten unter den Trinkern? Gorju! -- Gorju, in feiner Kleidung und die
-andern freihaltend.
-
-Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei.
-
-Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts.
-
-Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in
-der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand
-zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden.
-
-Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück
-Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg
-nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen.
-Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel
-erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“
-
-Frau Bordin trat ein.
-
-Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit.
-
-Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk,
-die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten.
-
-Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an.
-
-„Wie! Sie sagen nichts!“
-
-„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich
-war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie
-sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit
-beleidigt.
-
-Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf,
-ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben.
-
-Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte
-anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man
-würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben.
-
-Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem
-gleichgültig.
-
-An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an.
-
-Der Arzt hatte sich von all dem frei gemacht. --
-
-„Sie tun unrecht, sich damit zu quälen!“
-
-Foureau kam an ihnen vorüber und sagte mit spöttischer Miene:
-„Hineingelegt, die Demokraten!“ -- Und der Hauptmann an Girbals Arm
-rief von weitem: „Es lebe der Kaiser!“
-
-Aber Petit mußte sie verstehen, und nachdem Bouvard an die Scheibe
-geklopft, verließ der Schulmeister seine Klasse.
-
-Er fand es außerordentlich komisch, daß Thiers im Gefängnis saß. Das
-war eine Rache für das Volk. -- „Ha! ha! meine Herren Abgeordneten, die
-Reihe ist an Ihnen!“
-
-Die Füsilladen auf den Boulevards fanden die Billigung der Einwohner
-von Chavignolles. Keine Gnade für die Besiegten, kein Mitleid für die
-Opfer! Sobald man sich empört, ist man ein Verbrecher.
-
-„Danken wir der Vorsehung!“ sagte der Pfarrer, „und nächst ihr Louis
-Bonaparte. Er umgibt sich mit den ausgezeichnetsten Männern. Der Graf
-von Faverges wird Senator werden.“
-
-Am folgenden Tage erhielten sie den Besuch Placquevents.
-
-Die Herren hätten viel geredet. Er verpflichtete sie zu schweigen.
-
-„Willst du meine Ansicht wissen?“ sagte Pécuchet:
-
-„Da die Bürger blutdürstig, die Arbeiter eifersüchtig, die
-Priester Kriecher sind, -- und da dem Volk jeder Tyrann recht ist,
-vorausgesetzt, daß man ihm sein Maul im Troge läßt, so hat Napoleon
-recht getan! -- Mag er es knebeln, mit Füßen treten und vertilgen! --
-Es wird nie eine genügende Strafe sein für seinen Haß gegen das Recht,
-seine Feigheit, seine Dummheit, seine Verblendung!“
-
-Bouvard dachte: „Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!“ Er fügte
-hinzu: „Und die Politik, eine schöne Schweinerei!“
-
-„Sie ist keine Wissenschaft,“ erwiderte Pécuchet. „Die Kriegskunst
-steht höher, man sieht voraus, was eintrifft; wir sollten uns daran
-machen.“
-
-„Nein, danke!“ erwiderte Bouvard. „Alles widert mich an. Laß uns lieber
-unsere Bude verkaufen und laß uns, zum Himmeldonnerwetter, zu den
-Wilden gehen!“
-
-„Wie du willst!“
-
-Im Hofe pumpte Mélie Wasser.
-
-Die hölzerne Pumpe hatte einen langen Schwengel. Um ihn hinabzudrücken,
-krümmte sie sich, -- und man sah alsdann ihre blauen Strümpfe bis
-hinauf zu den Waden. Dann hob sie mit einer schnellen Bewegung ihren
-rechten Arm, während sie den Kopf ein wenig drehte, -- und Pécuchet
-fühlte bei ihrem Anblick etwas ganz Ungewohntes, einen Reiz, ein
-unendliches Vergnügen.
-
-
-
-
-VII
-
-
-Traurige Tage begannen.
-
-Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner
-von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie
-erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, -- und ihre Einsamkeit
-war tief, ihre Untätigkeit vollständig.
-
-Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An
-anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach
-Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder
-ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim;
-oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu
-lamentieren; sie verzichteten darauf.
-
-Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den
-Krimskrams für stumpfsinnig.
-
-Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die
-Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet.
-
-Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet,
-wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz
-umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen,
-der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom
-Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt
-die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein
-undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt
-eine Kuh.
-
-Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr,
-erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche;
-geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln;
-beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer
-Anblick.
-
-Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen,
-ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das
-Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht
-mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader
-entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie
-zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes.
-
-Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht.
-
-Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen
-politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den
-dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen:
-„Halt!“
-
-Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu
-bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju;
--- und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an,
-während die Baumreihe sie von ihm schied.
-
-„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“
-
-Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören.
-
-„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das
-an?“
-
-„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst,
-mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als
-ihre Worte.
-
-„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“
-
-Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln.
-
-„Die andere hat es erlaubt, was?“
-
-„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust.
-
-„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke
-Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause.
-
-Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben
-Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines
-Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, -- kein
-Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen
-geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren
-Kopf nicht.
-
-Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die
-Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft
-eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte
-sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in
-der Scheune aufgesucht hatte, -- so daß einmal ihr Gatte, da er einen
-Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die
-Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich
-gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine
-Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie
-hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“
-
-Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt.
-
-Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung,
-ihren Kopf zurück.
-
-„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß
-sehen, sprich, was willst du? -- Geld? Es wird sich auftreiben lassen.
-Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider
-beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles,
--- alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn
-du nur zu mir zurückkehrst!“
-
-Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre Taille, um sie am
-Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie
-schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“
-
-Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu.
-
-„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen!
-Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! -- Gib
-mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps
-bezahlen kann.“
-
-Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald
-zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt!
-denke doch! -- Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La
-Croix-Janval gehen -- und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen
-Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“
-
-„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“
-
-Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; -- und sich an seine
-Schultern klammernd:
-
-„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden
-nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte
-mich!“
-
-Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um
-sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen
-Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, -- und als sie ihn,
-heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren
-geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück.
-
-„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“
-
-Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem
-Halse hing, und es ihm nachwerfend:
-
-„Da! Du Lump!“
-
-Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend.
-
-Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und
-erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung
-versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter
-Gegenstand.
-
-Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die
-Entdeckung einer Welt, -- einer ganzen Welt! -- sie hatte einen
-blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze,
--- und Abgründe von unendlicher Tiefe; -- sie strömte Schrecken aus,
-was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu
-fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er.
-
-Doch verabscheute er Gorju, -- und auf der Wache kostete es ihm Mühe,
-ihn nicht zu verraten.
-
-Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke
-Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine
-erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke
-an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange
-Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck
-war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein
-Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr.
-
-Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts
-ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; -- wer sollte ihn jetzt
-verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu
-denken.
-
-Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre
-Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger
-Zahn war lose geworden, -- und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne,
-kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner
-Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt,
-zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich
-während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas
-nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also
-einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen.
-
-Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen
-beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; -- und mochte sie nun den
-Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er
-konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, -- selbst
-überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm
-Fieber und Sehnen, -- und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju
-herzte, verfolgte ihn.
-
-Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu
-verführen.
-
-„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“
-
-„Gut! Aber wie weiter?“
-
-„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf
-ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die
-brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard
-erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie
-obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich
-habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei
-wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“
-
-Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich
-seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart
-ein.
-
-In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß
-von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz
-laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie
-entlassen wurde.
-
-Nun war Pécuchet frei!
-
-Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein
-Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte!
-
-Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters
-beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den
-Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu
-ziehen.
-
-Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum
-Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den
-Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe.
-„Niemals!“
-
-Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und
-die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte
-sie zu einem ehrbaren Wandel.
-
-Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße
-Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte.
-Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den
-Lippen, und er fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein
-anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte,
-nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen
-Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr.
-
-Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase
-Anislikör...
-
-Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz,
-zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk
-zu reinigen.
-
-Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch
-fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte,
-während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg.
-
-Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof.
-
-Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid
-eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während
-sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte.
-
-Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit
-„ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot
-gewesen war.
-
-Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche
-seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem
-Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften.
-
-Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr
-speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer
-Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in
-gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden,
-brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den
-Kaffee schlürften; -- und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe,
-die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse,
-während sie die Nasenflügel blähte.
-
-Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten
-Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er,
-mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde
-böse. Er machte keinen neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von
-wunderbarer Fülle und Festigkeit aus.
-
-Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig
-ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen!
-
-Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete
-ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum
-ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die
-Unterhaltung.
-
-Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender
-Weise hartnäckig an.
-
-Bouvard hielt es nicht länger aus! -- und auf das Parkett niederkniend,
-stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“
-
-Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er
-scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht
-vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn.
-
-Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften.
-„Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung,
-ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“
-
-Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie,
-sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte.
-
-Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, -- unter dem
-Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug.
-
-Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen.
-
-Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu
-halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr
-davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist!
-Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner
-Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen.
-
-Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu
-machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall
-sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen.
-
-Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem
-Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken
-standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu
-pflücken, und sagte, sie ihm überreichend:
-
-„Grüßen Sie Frau Bouvard!“
-
-„Wie! So ist es wahr?“
-
-„Durchaus wahr.“
-
-Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein
-Mann!“ -- Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um
-eine Gunst bitten würde.
-
-„Sie ist bewilligt.“
-
-Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten
-Donnerstag fest.
-
-Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren.
-
-„Einverstanden.“
-
-Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh.
-
-Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben,
-wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den
-Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen.
-
-Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter
-dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden
-der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange.
-
-Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die
-Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen.
-
-„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet.
-
-„Ja! Ich liebe Sie!“
-
-„Nun gut, dann beweise es mir!“
-
-Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand
-ihr Korsett aufzunesteln.
-
-„Sie werden mir weh tun?“
-
-„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“
-
-„Wenn Herr Bouvard...“
-
-„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“
-
-Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf fallen, die
-Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; -- dann verbarg
-sie ihr Gesicht unter einem Arm, -- und ein anderer hätte gemerkt, daß
-es ihr nicht an Erfahrung fehlte.
-
-Bald kam Bouvard zum Essen.
-
-Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu
-verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet
-wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die
-Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte.
-
-Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause.
-
-„Das verdammte Luder!“
-
-„Wer denn!“
-
-„Frau Bordin.“
-
-Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie
-heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde
-bei Marescot.
-
-Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die
-er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem
-Gelde eines anderen bezahlt hatte.
-
-„In der Tat!“ sagte Pécuchet.
-
-„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich
-etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich
-entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“
-Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein
-Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen
-dicken Bauch, ich bitte dich!“
-
-Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten
-Beinen gehend.
-
-„Leidest du?“ sagte Bouvard.
-
-„O! ja! ich leide!“
-
-Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem
-Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei.
-
-„Du?“
-
-„Ja, ich!“
-
-„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“
-
-Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme:
-
-„Das kann nur Mélie sein!“
-
-Bouvard war starr über die Eröffnung.
-
-Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen.
-
-Sie protestierte mit unschuldiger Miene.
-
-Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande
-wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen.
-
-Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden.
-
-Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er
-sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte.
-Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es
-handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock,
-beglückwünschte ihn aber zugleich.
-
-„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum
-hat sie mir das angetan?“
-
-„Du gefielst ihr.“
-
-„Sie hätte mich warnen sollen.“
-
-„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau
-Bordin.
-
-Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in
-Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, -- so viel
-Schliche um ein Stückchen Land!
-
-„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“
-
-So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im
-kleinen Saal am Feuer saßen.
-
-Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife,
--- und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen.
-
-„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum
-Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter
-einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, -- Turteltaubengirren,
-schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, -- Tücke des Meeres,
-Veränderlichkeit des Mondes,“ -- sie sagten alle Gemeinplätze, die man
-über die Frauen in die Welt gesetzt hat.
-
-Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht.
-Gewissensbisse faßten sie. -- Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir
-ohne sie! -- Und gerührt umarmten sie einander.
-
-Eine Gegenwirkung war nötig; -- und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet
-geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil.
-
-Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war,
-schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur.
-
-Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit
-tüchtigen Eimern Wassers, -- dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu
-erreichen. Man sah sie durch das Gitter; -- und es gab Leute, die
-darüber entrüstet waren.
-
-
-
-
-VIII
-
-
-Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden
-durch Turnen verbessern.
-
-Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen
-durch.
-
-Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie
-beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf
-Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen,
-diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren
-Neid.
-
-Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben
-wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die
-Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen,
-noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der
-zweiunddreißig Meter Höhe hätte.
-
-Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig
-gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente
-ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem
-Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte
-Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden.
-Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück
-und verzichtete schließlich darauf.
-
-Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei
-Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der
-erste unter den Achseln durchgeht, der zweite über den Handgelenken
-liegt; -- und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn
-erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang.
-
-Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus
-Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen
-Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links,
-nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten
-sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können.
-Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie
-rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie
-fürchteten, sie möchten zerspringen.
-
-Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden
-gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem
-linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem
-an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, -- und die
-Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die
-am Horizont herumsprangen.
-
-Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik;
-sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder
-Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre
-erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber
-unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei.
-
-Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der
-Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen
-Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit
-den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum
-Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem
-Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als
-fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß.
-
-Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich
-beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise
-zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei
-den Übungen singen soll, und Bouvard und Pécuchet wiederholten beim
-Marschieren den Gesang Nr. 9:
-
- _Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden._
-
-Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen:
-
- _Freunde, die Krone und der Ruhm usw._
-
-Im Laufschritt:
-
- _Uns gehört das scheue Tier!
- Den hurt’gen Hirsch erjagen wir!
- Ja! Zum Sieg heran!
- Voran! Voran! Voran!_
-
-Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang
-ihrer Stimmen an.
-
-Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als
-Rettungsmittel.
-
-Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken
-zu tragen, -- und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen.
-Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich
-an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich
-ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur
-möglichen Vorsicht.
-
-Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die
-Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst
-Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte.
-
-Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben
-und befestigten es unter dem Schuppen.
-
-Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten
-erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab,
-der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt.
-Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz
-der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite
-Sprosse zu kommen.
-
-Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die
-Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort
-Chambray es taten? -- und um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in
-seiner Anstalt einen Turm.
-
-Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu
-erklimmen.
-
-Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte,
-bekam Furcht und wurde schwindlig.
-
-Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für
-die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an
-die Anfangsgründe machen mußten.
-
-Seine Ermahnungen waren vergeblich; -- und in seinem Dünkel und seiner
-Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen.
-
-Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich
-das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, --
-und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in
-großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich.
-
-Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf
-die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz
-abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase
-blutete, er war leichenblaß, -- und er glaubte, sich einen Bruch
-zugezogen zu haben.
-
-Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben
-es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen,
-und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen
-Zeitvertreib sinnend.
-
-Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit
-ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein
-Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab.
-
-Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte
-Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er,
-„es will nicht mehr.“
-
-Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige
-Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang
-zu setzen.
-
-Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei
-Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm
-bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt.
-
-Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er
-zog den Gehilfen damit auf.
-
-Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien
-und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische
-zum Drehen zu bringen, -- und man entdeckte, wie man Zeisige zu
-Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe
-von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in
-seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form
-vorsetzte.
-
-Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort
-aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, -- und besonders der Notar
-befragte sie.
-
-Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden
-Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein.
-
-War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein
-hin.
-
-Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer,
-der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau
-Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau
-Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person,
-deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern
-herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen
-blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war.
-
-Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem
-Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in
-riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch
-an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man
-wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen,
-die ein Geheimnis umschließen.
-
-Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände
-ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte
-nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe
-Aufmerksamkeit.
-
-Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den
-Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich.
-
-„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau.
-
-„Durchaus nicht!“
-
-„Doch!“
-
-„Bitte sehr, mein Herr!“
-
-Der Notar beruhigte sie.
-
-Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im
-Holze zu hören. -- Es war Täuschung. Nichts regte sich.
-
-Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren
-und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles
-so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum?
-
-Zweifellos störte ihn der Teppich, -- und man ging ins Eßzimmer.
-
-Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet,
-Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen.
-
-Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten,
-ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte
-noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr.
-
-Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme:
-
-„Geist, wie findest du meine Cousine?“
-
-Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge.
-
-Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben
-übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten.
-
-Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren
-genaues Alter anzugeben.
-
-Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge.
-
-„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal.
-
-„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau.
-
-Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger.
-
-Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert
-war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell
-funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar
-bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII.,
-Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer
-niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue d’Aumale verkauft;
-Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin:
-
-„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“
-
-Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte
-seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war
-durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die
-Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen
-Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf
-die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den
-Abend, heim.
-
-Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich
-habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte
-nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen.
-
-Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander
-gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf
-einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos.
-
-Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der
-große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der
-Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht,
-wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein
-magnetischer Strom aus.
-
-Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm
-den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek,
-las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein.
-
-Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn.
-Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in
-der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die
-Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, -- doch ist es immer
-noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und
-Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen.
-
-„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard.
-
-„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen Wirkung zu
-unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“
-
-Dann, Bouvard betrachtend:
-
-„Ach! wie schade.“
-
-„Wieso?“
-
-„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren
-Magnetiseur geben als dich!“
-
-Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen
-kräftigen Körper und einen starken Willen.
-
-Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte
-Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère.
-
-Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte
-er eines Abends in nachlässigem Tone:
-
-„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“
-
-Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden
-Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes
-Leben nichts anderes getan hätte.
-
-Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu
-beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen.
-Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte
-Pécuchet mit leiser Stimme:
-
-„Was fühlen Sie?“
-
-Sie erwachte.
-
-Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen.
-
-Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit
-sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster,
-der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem
-nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst
-unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster
-verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die
-Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig
-Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und
-Frostbeulen.
-
-Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den
-Blick, welche Art des Bestreichens anzuwenden sei, ob mit starkem
-oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal,
-transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug
-davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt,
-schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch.
-
-Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard
-den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée
-geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns,
-der weit herumgekommen war.
-
-Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher
-Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann
-Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten,
-lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt,
-von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde,
-Bouvards Anerbietungen annahm.
-
-Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte,
-begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf
-die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch
-Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen
-oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme
-emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man
-ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger
-Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten;
-sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen.
-
-Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was
-sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers.
-
-„Was sehen Sie da?“
-
-„Einen Wurm.“
-
-„Was muß man tun, um ihn zu töten?“
-
-Ihre Stirn furchte sich.
-
-„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“
-
-Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von
-Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer,
-verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder.
-
-Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg,
-und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine
-mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne
-gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken
-ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen
-weiblichen Geschlechtes sein.
-
-„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei
-bekommen?“
-
-Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und
-etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie
-begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser;
-die Kinder freuten sich darüber.
-
-Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie
-zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze
-empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik
-hielt an.
-
-„Genug! Genug!“ schrie er.
-
-„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard.
-
-Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das
-Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien,
-durch den Lärm herbeigelockt.
-
-„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu
-finden.
-
-Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den
-Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung
-beruhten.
-
-Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es,
-und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie
-hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier.
-
-Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um
-ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in
-Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe.
-
-Sie eilten hin.
-
-Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der
-aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche
-bedeckt, eine Kuh. Sie zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr
-über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd.
-
-Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete.
-Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht
-kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte,
-wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte
-Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel.
-
-Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der
-eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen
-Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die
-Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der
-Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt
-zuschauten.
-
-Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief
-in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet:
-
-„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine
-Entladung.“
-
-Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen
-gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte.
-Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde
-später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen.
-
-Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält
-dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände
-einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie
-sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen
-es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen,
-magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot.
-
-Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen
-zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen
-alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt.
-
-Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu geschaffen. Sie
-reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten.
-Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf,
-und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um
-ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung
-einluden.
-
-Nicht einer fehlte.
-
-Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen
-zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen.
-
-Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie
-in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den
-Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem
-Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der
-Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor
-der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten.
-
-Pécuchet erschien!
-
-„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“
-
-Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen.
-
-Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus
-Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem
-Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch
-immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter
-Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu
-verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten,
-hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren
-Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß.
-
-Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine
-Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse
-ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter
-blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung
-verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel,
-einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten
-Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte ließ seine
-Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war
-dick in leinene Umschläge verpackt.
-
-Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und
-die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der
-Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos.
-
-Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf.
-
-„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie
-an, ich entferne mich für einen Augenblick.“
-
-Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest
-der Tür mit den Pfeifen.
-
-Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der
-Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung
-und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu
-gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken.
-
-Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der
-Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen
-jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen.
-
-Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein
-wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos
-vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch
-lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr
-Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette
-nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke
-tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der
-Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken.
-
-„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts
-Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der
-zu Schanden werden!“
-
-„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse
-Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“
-
-Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen;
-er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage
-wegen seines Rheumatismus.
-
-Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit
-immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden
-Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum
-becum“.
-
-Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß
-daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie
-vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte.
-
-Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge
-durch undurchsichtige Körper wahrnahm.
-
-Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte.
-Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die
-Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer
-Miene.
-
-Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte
-gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend:
-
-„Lesen Sie!“
-
-Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den
-Kopf zurück und buchstabierte schließlich:
-
-„Kon - sti - tu - tion - nel.“
-
-Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben!
-
-Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die
-Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in
-Vaucorbeils Hause vorgehe.
-
-„Gut,“ antwortete der Doktor.
-
-Und seine Uhr ziehend:
-
-„Womit beschäftigt sich meine Frau?“
-
-Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene:
-
-„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“
-
-Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett,
-das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte.
-
-Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich.
-
-Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut
-abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks,
-oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte,
-einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist?
-
-Vaucorbeil zuckte die Achseln.
-
-Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand,
-Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß
-Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos
-überstanden haben.
-
-Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe
-Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der
-Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen!
-
-„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt.
-
-„Keineswegs!“
-
-„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“
-
-Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten
-zum besten.
-
-„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war,
-wenn der Monat mit einem Freitag begann.“
-
-„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am
-14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest
-fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“
-
-Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am
-folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die
-Geschichte vom Souper Cazottes.
-
-Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken:
-
-„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“
-
-„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil.
-
-Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend.
-
-Marescot sprach von der delphischen Pythia.
-
-„Ohne allen Zweifel Miasmen.“
-
-„Ach! nun sind es gar Miasmen.“
-
-„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard.
-
-„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu.
-
-„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die
-Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“
-
-Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren
-Spießbürger folgten ihm.
-
-„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich
-fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt
-Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen
-ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er
-erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen,
-wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert,
-und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu
-Menschenfressern werden.“
-
-Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren
-für die Gesellschaft.
-
-Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau
-Vaucorbeil schwenkend.
-
-Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte:
-
-„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“
-
-Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen.
-
-„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“
-
-Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten,
-wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen:
-
-„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“
-
-Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf:
-
-„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der
-Kirche verboten sind!“
-
-Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet
-plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit
-gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte:
-
-„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“
-
-„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“
-
-„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“
-
-Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal,
-spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in
-den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte
-Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die
-Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse gefühlsmäßig
-erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab,
-führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine
-Morgenröte anzeigten.
-
-Sie ließen sie sich zusenden.
-
-Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten
-Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum
-Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne
-rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen
-Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von
-ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie
-ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere
-Welten.
-
-Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt.
-Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel
-knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der
-Natur und die Vergnügen der Kunst genießen.
-
-Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt
-hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den
-Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu
-sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von
-der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen
-und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch.
-
-Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht
-gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung
-jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden.
-
-Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem
-Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter
-erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat
-Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses
-gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen.
-
-Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels.
-
-Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei
-uns.
-
-Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern
-nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen
-Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich
-in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben.
-
-Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit
-schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern,
-schlecht gekleideten Personen.
-
-Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese
-Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der
-Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der
-Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden
-Betrachtungen hin:
-
-Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke
-Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag
-der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt
-man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder
-belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken.
-
-Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das
-Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht
-nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die
-Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die
-Gespenstererscheinungen.
-
-Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen
-Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten
-eine physische Ursache?
-
-Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein
-verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so
-brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert,
-würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und
-das Weltall stände zu unserer Verfügung.
-
-Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen
-Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine
-Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle
-Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die
-Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung.
-
-Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch
-er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich
-zugleich stellten, als ob sie darüber lachten.
-
-Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich.
-
-Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage,
-fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen
-wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte
-sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald
-vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen,
-wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte
-mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den
-Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in
-den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz
-mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte
-schließlich, sie sei verhext.
-
-In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig
-den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose
-in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz
-hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten
-Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit
-dem Kreis Dupotets einen Versuch machen.
-
-Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um
-die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen
-sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit
-priesterlicher Miene zu ihm:
-
-„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“
-
-Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine
-Augen trübten sich.
-
-„Ach! machen wir ein Ende!“
-
-Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des
-Mißbehagens zu entgehen.
-
-Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten
-erscheinen lassen.
-
-Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echiquier, die Opfer
-der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen
-sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an,
-ihn zu erzeugen.
-
-Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei
-unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie,
-weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während
-Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er
-Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn:
-
-„Was fürchtest du?“
-
-„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“
-
-Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten
-Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze
-Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von
-Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten
-sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere
-furchterfüllt, daran zu glauben.
-
-Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am
-Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards
-Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten
-sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen
-aus den beiden Augenhöhlen hervor.
-
-In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand
-dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll
-Schwefel in die Asche.
-
-Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen.
-Da nun dieser Tag ein Freitag war, -- welcher Tag Bechet gehört, -- so
-mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach
-rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte,
-begann er:
-
-„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“
-
-Er hatte das übrige vergessen.
-
-Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück
-Pappe aufgezeichnet hatte:
-
-„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war
-lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o
-Bechet!“
-
-Dann die Stimme dämpfend:
-
-„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“
-
-Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu
-sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor
-einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören?
-Wenn sie sich plötzlich einstellte?
-
-Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine
-zersprungene Scheibe hereinkam, -- und die Kerzen warfen schwankende
-Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe
-bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen
-waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht.
-Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf
-dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und
-die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte.
-
-Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die
-Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen
-feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu
-klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich
-wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte,
-schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse
-umher; ein Schrei erscholl; -- was war das?
-
-Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht,
-daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine
-Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der
-Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele.
-
-Endlich wagten sie sich hin.
-
-Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend,
-auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend,
-schlug sie ein Kreuz nach dem andern.
-
-Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus,
-da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle.
-
-Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor seine Stelle,
-und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé
-Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde.
-
-Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden
-verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein.
-
-Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die
-Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel
-ins Haus genommen.
-
-Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn
-abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur
-aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen
-Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener
-Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war
-sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig.
-
-Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard
-und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf
-außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt.
-
-Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an.
-Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren
-gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt;
-sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine
-Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles
-bis Bretteville vergraben, -- und Marcel bestürmte seine Herren mit
-Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten
-sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt.
-
-Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft.
-Jedoch studierten sie die Frage, -- und sie erfuhren, daß ein gewisser
-Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen
-und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze
-wahlverwandt seien.
-
-Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen
-Versuch!
-
-Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, -- und eines Morgens
-machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz.
-
-„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard.
-
-„O nein! das wäre noch schöner!“
-
-Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die
-Straße von Chavignolles nach Bretteville! -- war das die alte oder die
-neue? Es mußte die alte sein!“
-
-Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend,
-da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war.
-
-Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle
-fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise
-vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben.
-Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu
-Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum,
-um die Stelle später wiederzufinden.
-
-Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen,
-seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an
-den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die
-Barbée.
-
-Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe,
-einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; --
-und er wollte sie nicht mehr anrühren.
-
-Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen
-zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte
-das Nachgraben etwas zutage; -- und sie waren jedesmal äußerst
-kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während
-er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen
-aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar
-fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm
-seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn
-wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar.
-
-Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein
-Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte.
-Bouvard und Marcel riefen ihn an.
-
-Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser
-betrachten zu können, hob er dessen Mütze in die Höhe, -- er sah nun
-eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte:
-
-„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber!
-Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“
-
-Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher
-Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der
-er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte.
-
-Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die
-Augen in der Luft, -- und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder.
-
-Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem
-geschnellten Finger an, daß sie herabfiel.
-
-Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder.
-
-„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert
-Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten,
-die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“
-
-Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen
-Klepper und verschwand langsam.
-
-Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen
-Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man
-hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können,
-die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch
-folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich
-in der Sonne blähten.
-
-„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren
-Wunsch willigte.
-
-Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem
-Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der
-Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie
-tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende
-Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren.
-Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein
-kleines Mädchen weinte.
-
-Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und
-nach, aber man konnte nicht wissen, was für Folgen das haben würde.
-Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter
-seine Mistgabel.
-
-„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“
-
-Sie machten sich davon.
-
-Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle
-Ursache zugrunde.
-
-Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung
-des einen auf das andere; -- und wechselweise?
-
-Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet,
-bei Fénelon, -- und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine
-Leihbibliothek.
-
-Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die
-Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und
-Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, -- und sie
-verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen
-Jahrhunderts.
-
-Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet
-aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an
-die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem
-einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato
-verwandt, -- und sie diskutierten.
-
-„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine.
-
-„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß
-werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine
-Substanz, die aus reinem Denken besteht.“
-
-„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das
-meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“
-
-„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen
-zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“
-
-„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen
-Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich
-unkörperlich.“
-
-„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so müßte das
-Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken
-kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit
-anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines
-Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine
-Behauptung.“
-
-„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den
-Eigenschaften der Materie!“
-
-„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die
-Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen
-Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den
-Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“
-
-„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht
-wollen...“
-
-„Aber wenn Gott nicht existiert?“
-
-„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an:
-„Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben;
-secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie
-könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? -- und da wir diese Idee
-haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“
-
-Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur
-Notwendigkeit eines Schöpfers über.
-
-„Wenn ich eine Uhr sehe...“
-
-„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“
-
-„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“
-
-Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung
-auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise
-es!“
-
-„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“
-
-„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der
-Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat,
-anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten
-sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte
-besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar.
-Der Mond, diese große Leuchte, zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß
-der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer
-Häuser bestimmt sei?“
-
-Pécuchet antwortete:
-
-„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge
-zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star
-gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich
-oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“
-
-Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er
-bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset.
-
-Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor
-Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war.
-
-Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie
-lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie
-begriffen dieses:
-
-Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache,
-ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott.
-
-Er allein ist Ausdehnung, -- und die Ausdehnung hat keine Grenzen.
-Wodurch sollte sie begrenzt sein?
-
-Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche,
-denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute
-enthält sie alle.
-
-Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm
-eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit.
-
-„Findest du das lustig?“
-
-„Ja, gewiß! lies nur weiter!“
-
-Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf
-seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen
-ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.
-
-Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet,
-die wieder andere enthalten.
-
-Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde
-darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische
-Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze
-verbunden sind.
-
-„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet.
-
-Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott.
-
-„Da hörst du’s!“ rief Bouvard.
-
-Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem
-Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer
-Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott.
-
-So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, -- und
-das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer
-unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele
-verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere
-Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in
-seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken
-ist in seiner Substanz eingeschlossen.
-
-Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in
-einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen,
--- ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich
-herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf.
-
-Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie
-den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch
-bestimmt ist.
-
-Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die
-ontologische oder die psychologische.
-
-Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen,
-als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch
-gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite
-für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für
-diese.
-
-Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im
-Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung.
-
-„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach
-dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung,
-große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in
-Staunen setzte.
-
-Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist
-sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das
-Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon
-mitteilt.
-
-Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen?
-Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn
-sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt
-werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren
-Wahrnehmungen.
-
-„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus
-führen.“
-
-Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das
-Grenzenlose darzustellen.
-
-„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine
-Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen
-Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“
-
-Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen.
-
-Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die
-Reflexion, -- und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung
-zurück.
-
-Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines
-Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die
-großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke,
-das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als
-angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der
-Erfahrung vorausgehen und allgemein sind.
-
-„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt
-haben.“
-
-„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“
-
-„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer
-teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite
-der Fall.“
-
-Pécuchet war erstaunt.
-
-„Wo findet sich das?“
-
-„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch.
-
-„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend:
-„Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung.
-Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu
-setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst
-die Bewegung nicht hervorbringen, -- und das habe ich in deinem
-Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe
-Verbeugung machte.
-
-So kauten sie dieselben Argumente wieder, -- jeder voll Verachtung für
-die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu
-können.
-
-Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig
-gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik.
-
-Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten
-Kram verkauft, -- und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den
-Fakultäten der Seele.
-
-Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu
-erkennen und die zu wollen.
-
-Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die
-seelische Empfindung.
-
-Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie
-durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden.
-
-Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit
-dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines
-Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust
-eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“
-
-Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung,
-„moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen
-der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten,
-unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der
-jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“.
-
-In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei
-der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann.
-
-Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden.
-
-Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das
-Voraussehen den mit dem Zukünftigen.
-
-Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis.
-
-So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton
-des Verfassers, die Eintönigkeit der Wendungen: „Wir sind bereit
-anzuerkennen, -- Fort mit dem Gedanken. -- Befragen wir unser
-Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der
-ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen
-hinweggingen und sich gleich an die Logik machten.
-
-Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und
-die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer.
-
-Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her.
-
-„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“,
-fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen
-hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt.
-„Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“,
--- Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich
-bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich
-eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das
-Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch
-welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“
-
-Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen
-seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter
-zu verwenden, -- so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, --
-es ist Zeit zum Essen, -- ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage
-förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. -- Die Stunde, Nahrung
-einzunehmen, ist da. -- Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“
-
-
-Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie
-die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden
-Menschenverstandes.
-
-Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr
-wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen,
-daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem
-alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei.
-
-Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen,
-und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht
-ihnen.
-
-Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandelbar und
-unpersönlich ist, -- doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch
-werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig
-Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist.
-
-Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die
-Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein
-mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den
-Dingen stört.
-
-Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit
-herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten
-wären!
-
-Was die Evidenz betrifft, die von dem einen geleugnet, von dem anderen
-behauptet wird, so ist sie ihr eigenes Kriterium. Herr Cousin hat es
-bewiesen.
-
-„Ich sehe nur noch die Offenbarung,“ sagte Bouvard. „Doch um an sie
-zu glauben, muß man eine vorausgehende doppelte Erkenntnis annehmen:
-die des Körpers, welcher empfunden hat, und die des Geistes, welcher
-wahrgenommen hat; man muß Empfindung und Vernunft annehmen, menschliche
-und infolgedessen verdächtige Zeugnisse.“
-
-Pécuchet sann nach, legte die Arme übereinander. „Aber wir geraten in
-den schrecklichen Abgrund des Skeptizismus.“
-
-Bouvard meinte, er sei nur schwachen Hirnen schrecklich.
-
-„Danke für das Kompliment,“ erwiderte Pécuchet. „Indessen gibt es
-unbestreitbare Tatsachen. Man kann die Wahrheit bis zu einem gewissen
-Grade erlangen.“
-
-„Bis zu welchem? Ergeben zwei und zwei immer vier? Ist der Inhalt
-in irgendeiner Hinsicht geringer als das Enthaltende? Was heißt ein
-annähernd Wahres, ein Bruchteil von Gott, der Teil einer unteilbaren
-Sache?“
-
-„Ach! das sind nur Sophistereien!“ Und Pécuchet, verärgert, maulte drei
-Tage lang.
-
-Sie verbrachten sie damit, die Inhaltsverzeichnisse mehrerer Bände
-durchzugehen. Bouvard lächelte von Zeit zu Zeit, -- und, die
-Unterhaltung wieder anknüpfend:
-
-„Es ist eben schwierig, keine Zweifel zu hegen: So sind die Beweise für
-das Dasein Gottes bei Descartes, Kant und Leibniz nicht dieselben und
-vernichten sich gegenseitig. Die Entstehung der Welt durch die Atome
-oder durch einen Geist bleibt unfaßbar.
-
-Ich fühle mich zugleich als Materie und Denken, ohne doch zu wissen,
-was das eine und was das andere sei.
-
-Undurchdringlichkeit, Festigkeit, Schwere scheinen mir gerade so große
-Geheimnisse wie meine Seele, -- und um so mehr die Vereinigung von
-Seele und Körper.
-
-Um sie zu erklären, hat Leibniz seine prästabilierte Harmonie erdacht,
-Malebranche die göttliche Bestimmung des menschlichen Willens, Cudworth
-einen Mittler, und Bossuet sieht darin ein beständiges Wunder, was eine
-Dummheit ist: ein beständiges Wunder wäre kein Wunder mehr.“
-
-„In der Tat!“ sagte Pécuchet.
-
-Und beide gestanden, daß sie der Philosophen überdrüssig wären. So
-viele Systeme verwirren. Die Metaphysik ist zwecklos. Man kann ohne sie
-leben.
-
-Zudem wuchs ihre Geldverlegenheit. Sie schuldeten Beljambe drei
-Fässer Wein, Langlois zwölf Kilogramm Zucker, ihrem Schneider
-hundertundzwanzig Franken, dem Schuster sechzig. Neue Ausgaben stellten
-sich ständig ein, und Meister Gouy zahlte nicht.
-
-Sie begaben sich zu Marescot, damit er ihnen Geld verschaffen sollte,
-sei es durch den Verkauf der Ecalles oder durch eine Hypothek auf ihren
-Pachthof oder durch Veräußerung ihres Hauses, das mit lebenslänglichen
-Renten bezahlt werden sollte und dessen Nutznießung sie behalten
-würden. -- Ein ungangbarer Weg, sagte Marescot, doch ein besseres
-Geschäft bereite sich vor und man würde sie benachrichtigen.
-
-Dann fiel ihnen ihr armer Garten ein. Bouvard übernahm das Ausputzen
-des Laubenganges, Pécuchet den Schnitt des Spaliers. -- Marcel mußte
-die Beete umgraben.
-
-Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie an; der eine schloß sein
-Gartenmesser, der andere legte die Schere hin, und ganz sachte begannen
-sie auf- und abzugehen: Bouvard ohne Weste mit vorgestreckter Brust und
-bloßen Armen im Schatten der Linden; Pécuchet mit gesenktem Kopf, die
-Hände auf dem Rücken, den Schirm der Mütze aus Vorsicht in den Nacken
-gedreht, an der Mauer entlang; und sie gingen so in derselben Richtung,
-ohne auch nur Marcel zu sehen, der an der Hütte lehnend sich ausruhte
-und dabei eine Brotschnitte verzehrte.
-
-In dieser nachdenklichen Stimmung stellten sich Gedanken ein; sie
-redeten einander an, um sie nicht zu vergessen; und die Metaphysik kam
-wieder aufs Tapet.
-
-Sie stellte sich bei Gelegenheit des Regens und des Sonnenscheins,
-eines Kieselsteins in ihrem Schuh, einer Blume auf dem Rasen, bei allem
-und jedem wieder ein.
-
-Wenn sie eine Kerze brennen sahen, fragten sie sich, ob das Licht im
-Objekte oder in unserem Auge sei. Da die Sterne verschwunden sein
-können, wenn ihr Glanz zu uns gelangt, so bewundern wir vielleicht
-Dinge, welche nicht vorhanden sind.
-
-Als sie in einer Weste eine Raspailzigarette wiederfanden,
-zerbröckelten sie diese auf dem Wasser, und der Kampfer drehte sich.
-
-Es gibt also Bewegung in der Materie! Ein höherer Grad von Bewegung
-würde das Leben hervorrufen.
-
-Doch wenn die sich bewegende Materie genügte, um Wesen zu schaffen, so
-würden diese nicht so verschieden sein. Denn am Uranfang gab es weder
-Erde, noch Wasser, noch Menschen, noch Pflanzen. Was ist also diese
-ursprüngliche Materie, die man niemals gesehen hat, die nicht identisch
-ist mit den Dingen dieser Welt und sie alle hervorgebracht hat?
-
-Manchmal hatten sie ein Buch nötig. Dumouchel, der müde war, sie zu
-bedienen, antwortete ihnen nicht mehr, und sie verbissen sich in das
-Problem, besonders Pécuchet.
-
-Sein Wahrheitsbedürfnis wurde zum brennenden Durste.
-
-Unter dem Eindruck von Bouvards Reden ließ er vom Spiritualismus ab,
-nahm ihn bald wieder auf, um ihn dann wieder fallen zu lassen, und
-rief, den Kopf in den Händen: „O! Der Zweifel! der Zweifel! Lieber wäre
-mir das Nichts!“
-
-Bouvard bemerkte die Unzulänglichkeit des Materialismus und versuchte
-daran festzuhalten, wobei er übrigens erklärte, daß er den Kopf darüber
-verlöre.
-
-Sie begannen Vernunftschlüsse auf einer festen Basis; sie brach
-zusammen; -- und plötzlich waren alle Gedanken fort, wie eine Fliege
-davonfliegt, sobald man sie fangen will.
-
-Während der Winterabende plauderten sie im Museum am Feuer, den Blick
-auf die Kohlen gerichtet. Der Wind, der im Flur pfiff, ließ die
-Scheiben erzittern, die schwarzen Massen der Bäume wiegten sich, und
-die Melancholie der Nacht verstärkte den Ernst ihrer Gedanken.
-
-Von Zeit zu Zeit ging Bouvard bis ans Ende des Gemaches; dann kam
-er zurück. Die Kerzen und die Metallgeschirre an der Wand warfen
-schräge Schatten auf den Boden; und der Sankt Peter, den man im Profil
-sah, breitete über die Decke den Schattenriß seiner Nase, der einem
-ungeheueren Jagdhorn glich.
-
-Nur mit Mühe konnte man zwischen den Gegenständen durchkommen, und
-oft stieß sich Bouvard, wenn er nicht acht gab, an der Statue.
-Mit ihren großen Augen, der herabhängenden Lippe und ihrer
-Trunkenboldsphysiognomie war sie auch Pécuchet im Wege. Seit langer
-Zeit wollten sie sich ihrer entledigen, doch aus Lässigkeit verschoben
-sie es von einem Tage zum andern.
-
-Eines Abends stieß Bouvard inmitten eines Streites über die Monade mit
-seiner großen Zehe gegen die Sankt Peters, -- und seinen Zorn gegen ihn
-entladend:
-
-„Der Kerl ist mir gräßlich, wir wollen ihn an die Luft setzen!“
-
-Es war zu schwierig, ihn die Treppe hinunterzuschaffen. Sie öffneten
-das Fenster und neigten ihn sachte gegen den Rand. Pécuchet versuchte
-kniend, ihn an den Fußsohlen in die Höhe zu heben, während Bouvard
-gegen die Schultern drückte. Der steinerne Biedermann wankte nicht; sie
-mußten die Hellebarde als Hebel zu Hilfe nehmen, -- und endlich kamen
-sie so weit, ihn ganz niederzulegen. Dann stürzte er, nachdem er hin-
-und hergependelt hatte, ins Leere, die Tiara voran, -- ein dumpfes
-Geräusch erscholl, -- und am folgenden Morgen fanden sie ihn in zwölf
-Stücke zerbrochen in dem ehemaligen Kompostloch.
-
-Eine Stunde später trat der Notar herein mit einer guten Nachricht für
-sie. Jemand aus dem Orte würde für eine Hypothek auf ihren Pachthof
-tausend Taler vorschießen; und da sie sich freuten: „Verzeihen Sie! Man
-macht eine Bedingung dabei: daß Sie nämlich dem Geldgeber die Ecalles
-für fünfzehnhundert Franken verkaufen. Der Vorschuß wird noch heute
-bezahlt werden. Das Geld liegt bei mir im Bureau.“
-
-Sie waren nicht abgeneigt, die beiden Vorschläge anzunehmen. Bouvard
-sagte schließlich: „Lieber Gott... meinetwegen!“
-
-„Abgemacht!“ sagte Marescot. Und er teilte ihnen den Namen der Person
-mit. Es war Frau Bordin.
-
-„Das dachte ich mir!“ rief Pécuchet.
-
-Bouvard schwieg gedemütigt.
-
-Sie oder jemand anders, was lag daran! Die Hauptsache war, aus der
-Verlegenheit herauszukommen.
-
-Nachdem das Geld erhoben war (das für die Ecalles würde später folgen),
-bezahlten sie sämtliche Rechnungen und waren auf dem Heimwege, als sie
-um die Markthallen biegend vom Vater Gouy angehalten wurden.
-
-Er war auf dem Wege zu ihnen, um ihnen ein Unglück anzuzeigen. In
-der vergangenen Nacht hatte der Wind zwanzig Apfelbäume in den Höfen
-umgeworfen, die Branntweinbrennerei niedergelegt, das Dach der Scheune
-fortgerissen. Sie verbrachten den Rest des Nachmittags damit, den
-Schaden festzustellen, und der folgende Tag verging mit Verhandlungen
-mit dem Zimmermann, dem Maurer und dem Dachdecker. Die Ausbesserungen
-würden sich zum mindesten auf achtzehnhundert Franken belaufen.
-
-Abends fand sich dann Gouy ein. Marianne habe ihm eben selbst von dem
-Verkaufe der Ecalles erzählt. Ein Stück Land von prächtigem Ertrag, das
-ihm sehr bequem gelegen sei und fast keine Bearbeitung erfordere, das
-beste Stück des ganzen Gutes! -- und er verlangte einen Nachlaß.
-
-Die Herren beschieden ihn abschlägig. Man unterbreitete den Fall dem
-Friedensrichter, und er entschied zugunsten des Pächters. Wenn man den
-Acker auf zweitausend Franken schätzte, so brachte ihm der Verlust der
-Ecalles einen jährlichen Schaden von siebzig, und vor Gericht würde er
-sicher gewinnen.
-
-Ihr Besitz war geschmälert. Was tun? Und wie bald leben?
-
-Sie setzten sich beide voller Entmutigung zu Tisch. Marcel verstand
-nichts von der Küche; dieses Mal war sein Diner noch schlechter als
-sonst. Die Suppe glich Spülwasser, das Kaninchen schmeckte verdorben,
-die grünen Bohnen waren nicht gargekocht, die Teller schmutzig, und
-beim Nachtisch platzte Bouvard los, indem er drohte, er wolle ihm das
-Ganze an den Kopf werfen.
-
-„Seien wir Philosophen,“ sagte Pécuchet. „Etwas weniger Geld, die
-Intrigen einer Frau, das Ungeschick eines Dienstboten, was bedeutet das
-alles? Du steckst zu tief in der Materie!“
-
-„Aber wenn sie mich doch quält,“ sagte Bouvard.
-
-„Ich, ich bestreite ihr Dasein!“ erwiderte Pécuchet.
-
-Er hatte letzthin eine Darstellung der Philosophie Berkeleys gelesen
-und fügte hinzu:
-
-„Ich leugne die Ausdehnung, die Zeit, den Raum, sogar die Substanz!
-Denn die wahre Substanz ist der Geist, der die Qualitäten perzipiert.“
-
-„Ausgezeichnet,“ sagte Bouvard. „Doch wenn man die Welt unterdrückt, so
-werden die Beweise für das Dasein Gottes fehlen.“
-
-Pécuchet widersprach lebhaft und ausführlich, obgleich er an einem
-Schnupfen litt, den das Jodkalium verursacht hatte, -- und ständiges
-Fieber steigerte seine Erregung. Bouvard, der sich seinetwegen
-beunruhigte, ließ den Arzt rufen.
-
-Vaucorbeil verschrieb Orangensirup mit Jod und für später Sublimatbäder.
-
-„Wozu?“ erwiderte Pécuchet. „Den einen oder andern Tag wird die Form
-vergehen. Die Essenz geht nicht unter!“
-
-„Ohne Zweifel,“ sagte der Arzt, „ist die Materie unzerstörbar!
-Indessen...“
-
-„Aber nein! Aber nein! Das Unzerstörbare ist das Wesen. Dieser
-Leib, der da vor mir steht, der Ihrige, Doktor, hindert mich, Ihre
-Persönlichkeit zu kennen, ist sozusagen nur eine Verkleidung, oder
-vielmehr eine Maske.“
-
-Vaucorbeil glaubte, Pécuchet sei verrückt geworden.
-
-„Guten Abend! Pflegen Sie Ihre Maske!“
-
-Pécuchet ließ nicht ab. Er verschaffte sich eine Einführung in die
-Hegelsche Philosophie, wollte sie Bouvard auseinandersetzen.
-
-„Alles, was vernünftig ist, ist wirklich. Das einzig Wirkliche ist
-die Idee. Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze des Weltalls, die
-Vernunft des Menschen ist identisch mit derjenigen Gottes.“
-
-Bouvard stellte sich, als ob er verstehe.
-
-„Also ist das Absolute zugleich das Subjekt und das Objekt, die
-Einheit, in der sich alle Unterschiede zusammenfinden. So werden die
-Gegensätze überwunden. Der Schatten macht das Licht möglich, das
-mit dem Warmen vermischte Kalte bringt die Temperatur hervor, der
-Organismus erhält sich nur durch die Zerstörung des Organismus, überall
-gibt es ein Prinzip, das trennt, ein Prinzip, das vereint.“
-
-Sie waren auf dem künstlichen Hügel, und der Geistliche ging am Zaune
-vorbei, das Brevier in der Hand.
-
-Pécuchet bat ihn, einzutreten; er wollte in seiner Gegenwart den
-Vortrag über Hegel zu Ende führen, um einmal zu sehen, was der Abbé
-dazu sagen würde.
-
-Der Mann im Priesterrock setzte sich zu ihnen, und Pécuchet wandte sich
-dem Christentum zu.
-
-„Keine Religion hat so fest die Wahrheit begründet, daß die Natur nur
-ein Moment der Idee ist!“
-
-„Ein Moment der Idee!“ murmelte der Priester verdutzt.
-
-„Ja doch! Indem Gott eine sichtbare Einkleidung annahm, hat er seine
-konsubstantielle Einheit mit ihr gezeigt.“
-
-„Mit der Natur? O! O!“
-
-„Durch sein Hinscheiden hat er die Wesenheit des Todes bezeugt; also
-war der Tod in ihm, bildete, bildet einen Teil von Gott.“
-
-Der Geistliche runzelte die Stirn.
-
-„Keine Gotteslästerung! Nur zum Heile der Menschheit hat er die Leiden
-erduldet.“
-
-„Irrtum! Man betrachtet den Tod im Individuum, wo er ohne Zweifel ein
-Übel ist. Doch in bezug auf die Dinge ist das anders. Sie dürfen nicht
-Geist und Materie trennen!“
-
-„Indessen, mein Herr, vor der Schöpfung...“
-
-„Es hat keine Schöpfung stattgefunden. Sie ist immer dagewesen. Sonst
-wäre das ein neues Wesen, das zu dem göttlichen Gedanken hinzukommt,
-was widersinnig wäre.“
-
-Der Priester erhob sich, Amtsgeschäfte riefen ihn.
-
-„Ich schmeichle mir, ihn hineingelegt zu haben!“ sagte Pécuchet. „Noch
-ein paar Worte! Da die Existenz der Welt nur ein beständiger Durchgang
-des Lebens zum Tode und des Todes zum Leben ist, so ist, weit
-entfernt, daß alles sei, vielmehr nichts. Aber alles wird, begreifst
-du?“
-
-„Ja! ich begreife, oder vielmehr nein!“
-
-Der Idealismus brachte Bouvard schließlich zur Verzweiflung.
-
-„Ich will nichts mehr davon hören; das berühmte cogito macht mich
-rasend. Man nimmt die Ideen der Dinge für die Dinge selbst. Man setzt
-auseinander, wovon man sehr wenig versteht, mit Hilfe von Worten, die
-man überhaupt nicht versteht! Substanz, Ausdehnung, Kraft, Materie
-und Seele. Lauter Abstraktionen, Phantastereien. Was Gott betrifft,
-unmöglich zu wissen, wie er ist, ob er überhaupt ist! Ehemals war er
-der Urheber des Windes, des Blitzes, der Revolutionen. Gegenwärtig
-nimmt seine Macht ab. Übrigens sehe ich seinen Nutzen nicht ein.“
-
-„Und wo bleibt bei alledem die Moral?“
-
-„Ja, da ist nichts zu machen!“
-
-„Ihr fehlt die tatsächliche Grundlage,“ sagte sich Pécuchet im stillen.
-
-Und er versank in Schweigen, denn er war in eine Sackgasse geraten,
-eine Folge der Prämissen, die er selbst aufgestellt hatte. Es war für
-ihn wie eine Überraschung, wie ein vernichtender Stoß.
-
-Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie.
-
-Die Gewißheit, daß nichts existiert (so jammervoll sie auch ist), ist
-darum nicht weniger eine Gewißheit. Wenige Menschen sind fähig, sie zu
-ertragen. Diese geistige Überlegenheit erfüllte sie mit Stolz, und sie
-hätten sie öffentlich bekunden mögen: eine Gelegenheit bot sich.
-
-Als sie eines Morgens Tabak holten, sahen sie eine Menschenansammlung
-vor Langlois’ Tür. Man umringte die Post von Falaise, und man sprach
-von Touache, einem Sträfling, der in der Gegend vagabundierte.
-Der Wagenführer hatte ihn bei Croix-Verte zwischen zwei Gendarmen
-getroffen, und die Einwohner von Chavignolles stießen einen Seufzer der
-Erleichterung aus.
-
-Girbal und der Hauptmann blieben auf dem Platze; dann kam der
-Friedensrichter, der neugierig war, etwas zu erfahren, und Herr
-Marescot in Samtbarett und schafledernen Pantoffeln.
-
-Langlois lud sie ein, seinen Laden mit ihrer Gegenwart zu beehren.
-Sie würden es dort gemütlicher haben, und trotz der Kunden und des
-Geräusches der Klingel fuhren die Herren fort, die Schandtaten des
-Touache zu besprechen.
-
-„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „er hatte schlechte Triebe, das erklärt
-alles!“
-
-„Man bezwingt sie durch die Tugend,“ erwiderte der Notar.
-
-„Aber wenn man keine Tugend hat?“
-
-Und Bouvard bestritt mit Bestimmtheit die Willensfreiheit.
-
-„Indessen“, sagte der Hauptmann, „kann ich tun, was ich will! Es steht
-mir zum Beispiel frei, mein Bein zu bewegen.“
-
-„Nein, mein Herr, denn Sie haben einen Beweggrund, es zu bewegen!“
-
-Der Hauptmann suchte eine Antwort, fand keine. Doch Girbal schoß diesen
-Pfeil ab:
-
-„Ein Republikaner, der gegen die Freiheit spricht, das ist komisch!“
-
-„Das ist zum Lachen!“ sagte Langlois.
-
-Bouvard stellte ihm die Frage:
-
-„Weshalb geben Sie Ihr Vermögen nicht den Armen?“
-
-Der Krämer überflog unruhigen Blicks seinen ganzen Laden.
-
-„Ei ja! bin nicht so dumm! Ich behalte es für mich!“
-
-„Wenn Sie der heilige Vinzenz von Paul wären, würden Sie anders
-handeln, da Sie dann seinen Charakter hätten. Sie gehorchen dem
-Ihrigen. Also sind Sie nicht frei!“
-
-„Das ist Wortklauberei,“ antwortete die Versammlung im Chore.
-
-Bouvard ließ sich nicht stören, und auf die Wage auf dem Ladentisch
-weisend:
-
-„Die bleibt regungslos, solange eine der Wagschalen leer ist. Ebenso
-der Wille; und das Schwanken der Wage zwischen zwei Gewichten, die
-gleich scheinen, gibt ein Bild der Arbeit unseres Geistes, wenn er über
-die Beweggründe mit sich zu Rate geht, bis zu dem Augenblicke, wo der
-stärkere den Sieg davonträgt, ihn bestimmt.“
-
-„Alles das,“ sagte Girbal, „beweist nichts für Touache und hindert
-nicht, daß er ein recht lasterhafter Schurke ist.“
-
-Pécuchet nahm das Wort:
-
-„Die Laster sind Eigenheiten der Natur, wie die Überschwemmungen, die
-Stürme.“
-
-Der Notar hielt ihn an, und sich bei jedem Wort auf den Zehenspitzen in
-die Höhe hebend:
-
-„Ich finde Ihr System vollkommen unmoralisch. Es läßt allen
-Zügellosigkeiten freien Lauf, entschuldigt die Verbrechen, wäscht die
-Schuldigen rein.“
-
-„Ganz recht,“ sagte Bouvard. „Der Unglückliche, welcher seinen
-Begierden folgt, ist ebenso in seinem Recht, wie der ehrbare Mann, der
-der Vernunft Gehör gibt.“
-
-„Verteidigen Sie nicht die Ungeheuer!“
-
-„Warum Ungeheuer? Wenn ein Blinder, ein Idiot, ein Mörder geboren wird,
-so scheint uns das gegen die Ordnung, als ob uns die Ordnung bekannt
-wäre, als wenn die Natur zu einem Endzweck handelte!“
-
-„Dann leugnen Sie die Vorsehung?“
-
-„Ja, ich leugne sie!“
-
-„Sehen Sie vielmehr auf die Geschichte,“ rief Pécuchet. „Gedenken Sie
-der Königsmörder, der Hinmetzelungen der Völker, der Zwistigkeiten in
-den Familien, des Kummers der einzelnen.“
-
-„Und zu gleicher Zeit,“ fügte Bouvard hinzu -- denn sie erhitzten sich
-aneinander -- „sorgt diese Vorsehung für die kleinen Vögel und läßt die
-Scheren der Krebse wieder wachsen. Ja, wenn Sie unter Vorsehung ein
-Gesetz verstehen, das alles ordnet, so will ich es gelten lassen, und
-auch nur unter Vorbehalt!“
-
-„Indessen, mein Herr,“ sagte der Notar, „gibt es Prinzipien!“
-
-„Was schwatzen Sie da! Eine Wissenschaft ist nach Condillac um so
-größer, als sie ihrer nicht bedarf! Sie resümieren nur die erworbenen
-Erkenntnisse und verweisen uns auf solche Erkenntnisse, die gerade
-bestreitbar sind.“
-
-„Haben Sie wie wir“, fuhr Pécuchet fort, „die Geheimnisse der
-Metaphysik erforscht, durchwühlt?“
-
-„Allerdings nicht, meine Herren, allerdings nicht!“
-
-Und man ging auseinander.
-
-Doch Coulon zog sie beiseite und sagte ihnen in väterlichem Tone, daß
-er sicherlich nicht fromm sei und sogar die Jesuiten verabscheue.
-Indessen gehe er nicht so weit wie sie! O nein! sicherlich nicht; --
-und an der Ecke auf dem Platze kamen sie an dem Hauptmann vorbei, der
-sich seine Pfeife wieder anzündete, wobei er brummte:
-
-„Ich tue doch, was ich will, in Teufels Namen!“
-
-Bouvard und Pécuchet gaben auch bei andern Gelegenheiten ihre
-scheußlichen Paradoxe zum besten. Sie zogen die Redlichkeit der
-Menschen, die Keuschheit der Frauen, die Einsicht der Regierung, den
-gesunden Verstand des Volkes in Zweifel, kurz, sie untergruben die
-Grundlagen.
-
-Foureau geriet darüber in Erregung und bedrohte sie mit Gefängnis, wenn
-sie derartige Reden fortsetzten.
-
-Ihre augenscheinliche Überlegenheit verletzte. Da sie unmoralische
-Thesen verteidigten, mußten sie unmoralisch sein; Verleumdungen wurden
-erfunden.
-
-Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste,
-nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen.
-
-Unbedeutende Dinge betrübten sie: die Reklamen der Zeitungen, das
-Profil eines Spießbürgers, eine dumme Bemerkung, die sie zufällig
-gehört.
-
-Wenn sie daran dachten, was man in ihrem Dorfe redete, und sich
-vorstellten, daß es bis zum andern Ende der Welt nur neue Coulons, neue
-Marescots, neue Foureaus gäbe, fühlten sie gleichsam das ganze Gewicht
-der Erde auf sich lasten.
-
-Sie gingen nicht mehr aus, sahen niemand mehr bei sich.
-
-Eines Nachmittags hörten sie in ihrem Hofe ein Zwiegespräch
-zwischen Marcel und einem Herrn in breitkrämpigem Hut und schwarzer
-Schutzbrille. Es war der Akademiker Larsoneur. Es konnte ihm nicht
-entgehen, daß man einen Vorhang zurückzog, daß Türen geschlossen
-wurden. Sein Besuch bedeutete einen Aussöhnungsversuch, und er ging
-wütend davon, indem er den Diener beauftragte, er solle seinen Herren
-sagen, sie seien ungezogene Menschen.
-
-Bouvard und Pécuchet war es gleich. Die Welt verlor an Bedeutung für
-sie; sie sahen sie wie durch einen Nebel, der aus ihrem Gehirn kam und
-sich auf ihre Augen herabließ.
-
-Ist übrigens nicht alles eine Illusion, ein böser Traum? Vielleicht
-halten sich, im ganzen genommen, Glück und Unglück die Wage! -- Doch
-das Wohlergehen der Menschheit ist für den einzelnen kein Trost.
-
-„Was sind mir die andern!“ sagte Pécuchet.
-
-Seine Verzweiflung betrübte Bouvard. Er hatte ihn dahin gebracht, und
-der Verfall ihres Heims stachelte ihren Kummer mit täglichem Ärger neu
-an.
-
-Um sich wieder Mut zu machen, redeten sie einander mit Vernunftgründen
-zu, schrieben sich Arbeiten vor und verfielen bald wieder in größere
-Untätigkeit, in tiefere Entmutigung.
-
-Am Ende der Mahlzeiten blieben sie, die Ellbogen auf den Tisch
-gestützt, sitzen und seufzten mit betrübter Miene. Marcel riß die Augen
-auf, dann kehrte er in die Küche zurück, wo er sich einsam vollfraß.
-
-In der Mitte des Sommers erhielten sie die Anzeige von der Verheiratung
-Dumouchels mit der verwitweten Frau Olympe-Zulma Poulet.
-
-„Möge Gott ihn segnen!“
-
-Und sie gedachten der Zeit, da sie glücklich waren.
-
-Warum gingen sie nicht mehr hinter den Schnittern her? Wo waren die
-Tage, an denen sie in die Höfe eintraten, überall nach Altertümern
-suchend? Nichts vermochte jetzt mehr die so angenehmen Stunden
-zurückzubringen, welche das Destillieren oder die Literatur ausgefüllt
-hatten. Ein Abgrund trennte sie davon. Etwas Unwiderrufliches war
-eingetreten.
-
-Sie wollten wie ehemals einen Spaziergang durch die Felder machen,
-gingen sehr weit, verirrten sich. Der Himmel war voller Schäfchen, die
-Glöckchen des Hafers schwankten im Winde, längs einer Wiese murmelte
-ein Bach, als plötzlich ein pestilenzialischer Geruch sie anhielt, und
-sie erblickten auf Kieseln zwischen Dornengestrüpp den Kadaver eines
-Hundes.
-
-Seine vier Glieder waren vertrocknet. Der weitgeöffnete Rachen zeigte
-unter bläulichen Lefzen elfenbeinweiße Fangzähne; die Stelle des
-Bauches nahm ein Haufen von erdiger Farbe ein, der zu zittern schien,
-so viel Ungeziefer krimmelte darauf. Es bewegte sich, vom Sonnenlichte
-getroffen, unter den summenden Fliegen in diesem unerträglichen Geruch,
--- einem scharfen und gleichsam verzehrenden Geruch.
-
-Indessen faltete Bouvard die Stirn, und Tränen feuchteten seine Augen.
-
-Pécuchet sagte stoisch: „So werden wir eines Tages sein.“
-
-Der Gedanke an den Tod hatte sie gepackt. Auf dem Heimwege sprachen sie
-davon.
-
-Letzten Endes ist er nicht vorhanden. Man entschwindet in den Tau, in
-die Brise, in die Sterne. Man wird etwas vom Saft der Bäume, vom Glanz
-der Edelsteine, vom Gefieder der Vögel. Man gibt an die Natur zurück,
-was sie uns geliehen hat, und das Nichts, das wir vor uns haben, hat
-nichts Schrecklicheres, als das Nichts, das hinter uns liegt.
-
-Sie versuchten, es sich unter der Form einer undurchdringlichen Nacht,
-eines grundlosen Loches, einer dauernden Ohnmacht vorzustellen; alles
-andere war diesem eintönigen, widersinnigen und hoffnungslosen Dasein
-vorzuziehen.
-
-Dann ließen sie ihre ungestillten Sehnsüchte an sich vorüberziehen.
-Bouvard hatte sich immer Pferde, Equipagen, edle Burgundergewächse und
-schöne, willfährige Frauen in glänzender Wohnung gewünscht. Pécuchets
-Ehrgeiz stand nach philosophischem Wissen. Nun kann das größte der
-Probleme, dasjenige, das alle andern umschließt, innerhalb einer Minute
-gelöst sein. Wann denn wird sie kommen? -- „Man kann geradesogut gleich
-ein Ende machen.“
-
-„Wie du willst,“ sagte Bouvard.
-
-Und sie prüften die Frage des Selbstmordes.
-
-Was ist Schlimmes dabei, eine Last abzuwerfen, die einen erdrückt? und
-eine Handlung zu begehen, die niemand Schaden bringt? Wenn sie Gott
-beleidigte, würden wir dann die Macht dazu haben? Sie ist keineswegs
-Feigheit, was man auch sage, -- und die Vermessenheit, das, was die
-Menschen am höchsten schätzen, sogar zum eigenen Nachteil zu verhöhnen,
-ist schön.
-
-Sie beratschlagten über die Todesart.
-
-Vergiftungen sind mit Schmerzen verbunden. Es gehört viel Mut dazu,
-sich die Kehle abzuschneiden. Die Erstickungsversuche führen oft nicht
-zum Ziel.
-
-Schließlich trug Pécuchet zwei Taue von ihren gymnastischen Übungen
-auf den Boden. Nachdem er sie dann an denselben Querbalken des Daches
-geknüpft, ließ er einen Henkersknoten herabhängen und schob zwei
-Stühle darunter, damit man die Stricke erreichen konnte.
-
-Man entschloß sich zu dieser Todesart.
-
-Sie fragten sich, welch einen Eindruck das im Orte machen würde, wo
-dann ihre Bücher, ihr Geschreibsel, ihre Sammlungen bleiben würden. Der
-Gedanke an den Tod bewirkte bei ihnen eine Rührung, die ihrer eigenen
-Person galt. Jedoch gaben sie ihren Vorsatz nicht auf, und dadurch, daß
-sie davon sprachen, gewöhnten sie sich an den Gedanken.
-
-Am Abend des 24. Dezember, zwischen zehn und elf Uhr, gaben sie sich im
-Museum, jeder in verschiedener Kleidung, ihren Gedanken hin. Bouvard
-hatte über seine Trikotweste eine Bluse gezogen; und Pécuchet trug seit
-drei Monaten aus Sparsamkeit beständig das Mönchsgewand.
-
-Da sie heftigen Hunger hatten (denn Marcel, der mit Tagesanbruch
-fortgegangen war, war nicht zurückgekehrt), hielt es Bouvard aus
-Gesundheitsrücksichten für angebracht, ein Fläschchen Branntwein zu
-leeren, und Pécuchet, Tee zu nehmen.
-
-Als er den Teekessel emporhob, verspritzte er Wasser auf das Parkett.
-
-„Wie ungeschickt!“ rief Bouvard.
-
-Dann wollte er, da er den Aufguß zu schwach fand, ihn noch durch zwei
-Löffel verstärken.
-
-„Das wird ungenießbar werden,“ sagte Pécuchet.
-
-„Durchaus nicht!“
-
-Und da jeder die Dose zu sich zog, fiel das Präsentierbrett zur
-Erde; eine der Tassen war zerbrochen, die letzte des schönen
-Porzellanservices.
-
-Bouvard erblich. -- „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“
-
-„In der Tat, ein großes Unglück!“
-
-„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“
-
-„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu.
-
-„Ah! Du willst mich beleidigen!“
-
-„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“
-
-Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard
-ebenfalls. Sie schrien beide zu gleicher Zeit, der eine wütend vor
-Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte
-nur noch ein Röcheln hervor.
-
-„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“
-
-Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu.
-
-Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter
-ihm her, kam auf den Speicher.
-
-Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der
-Stühle, den Strick in der Hand.
-
-Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt.
-
-„Warte auf mich!“
-
-Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend:
-
-„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“
-
-„Ei ja! das ist richtig!“
-
-Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen.
-
-Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz
-wie Tinte war.
-
-Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den
-Nebeln des Horizontes.
-
-Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten
-sich und liefen alle auf die Kirche zu.
-
-Neugierde trieb sie dorthin.
-
-Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den
-Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel
-ab.
-
-Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der
-ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden
-buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des
-Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über
-die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der
-Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner
-hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche
-die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren
-Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die
-Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem
-Leibe, die Ohren aufgerichtet.
-
-Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre
-Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie
-Wogen, die sich glätten.
-
-Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des
-Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren
-Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit
-blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude
-versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des
-Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte
-Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit
-seines Herzens.
-
-Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines
-Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.
-
-Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen
-empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt
-zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und
-Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in
-ihrer Seele.
-
-
-
-
-IX
-
-
-Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem
-Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach
-Branntwein riechend und in unsauberem Zustande.
-
-Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in
-der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten;
--- er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte
-um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren
-verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur
-Nachsicht.
-
-Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten
-umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben.
-
-War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte? Bouvard war
-weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während
-sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der
-sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen.
-
-Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen
-Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter,
-die ihm zuhörte, -- oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln,
-die Netze zogen, -- dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens,
-während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, --
-schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf
-die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die
-Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der
-Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet,
-gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine
-Forderung als nur die der Reinheit des Herzens.
-
-Über die Wunder erstaunte ihre Vernunft nicht, seit ihrer Kindheit
-waren sie ihnen vertraut. Die Tiefe des heiligen Johannes entzückte
-Pécuchet und machte ihn fähig, die „Nachfolge Jesu-Christi“ besser zu
-verstehen.
-
-In diesem Buche gibt es keine Vergleiche, keine Blumen, keine Vögel;
-sondern Klagen, ein Zurückziehen der Seele in sich selbst. Bouvard
-wurde traurig, während er in diesen Seiten blätterte, die bei
-nebeldüsterem Wetter tief in einem Kloster zwischen einem Glockenturm
-und einem Grabe geschrieben zu sein schienen. Unser irdisches Leben
-erscheint darin so jammervoll, daß man, seiner vergessend, sich Gott
-zuwenden muß; -- und die beiden Biedermänner empfanden nach all ihren
-Enttäuschungen das Bedürfnis, einfach zu sein, irgend etwas zu lieben,
-ihren Geist auszuruhen.
-
-Sie machten sich an das Buch Jesus Sirach, an Jesaias und Jeremias.
-
-Doch die Bibel mit ihren löwenstimmigen Propheten, den Donnerlauten
-in den Wolken, all dem Schluchzen der Hölle, und mit ihrem Gott, der
-Reiche zerstreut wie der Wind die Wolken, flößte ihnen Furcht ein.
-
-Sie lasen des Sonntags um die Stunde des Nachmittagsgottesdienstes,
-wenn die Glocke läutete.
-
-Eines Tages gingen sie zur Messe und besuchten sie dann häufiger. Es
-war eine Zerstreuung am Ende der Woche. Der Graf und die Gräfin von
-Faverges grüßten sie von weitem, was bemerkt wurde. Der Friedensrichter
-sagte zu ihnen, mit den Augen blinzelnd: „Ausgezeichnet! Ich kann
-Sie dazu nur beglückwünschen!“ Alle Bürgerfrauen sandten ihnen jetzt
-geweihtes Brot.
-
-Der Abbé Jeufroy machte ihnen einen Besuch; sie erwiderten ihn; man
-verkehrte miteinander, und der Priester vermied es, von Religion zu
-sprechen.
-
-Seine Zurückhaltung setzte sie in Erstaunen, so daß Pécuchet ihn mit
-gleichgültiger Miene fragte, wie man es machen müsse, um gläubig zu
-werden.
-
-„Befolgen Sie zunächst die Vorschriften der Kirche.“
-
-Und sie machten sich daran, die Vorschriften der Kirche zu befolgen,
-der eine hoffnungerfüllt, der andere aus Trotz, denn Bouvard war
-überzeugt, daß er niemals gläubig werden würde. Einen Monat lang wohnte
-er regelmäßig dem Gottesdienste bei, wollte sich jedoch im Gegensatz zu
-Pécuchet nicht dem Fasten anbequemen.
-
-War es eine hygienische Maßregel? Man weiß, was die Hygiene wert ist.
-Eine Sache der Konvenienz? Nieder mit der Konvenienz! Ein Zeichen der
-Unterwerfung unter die Kirche? Auch darauf pfiff er! Kurz, er erklärte
-diese Maßregel für verrückt, pharisäisch und dem Geiste des Evangeliums
-widersprechend.
-
-Am Karfreitag der vorhergehenden Jahre hatten sie gegessen, was
-Germaine ihnen auftrug.
-
-Doch dieses Mal hatte Bouvard sich ein Beefsteak bestellt. Er setzte
-sich an den Tisch, zerschnitt das Fleisch; -- und Marcel betrachtete
-ihn entrüstet, während Pécuchet mit ernster Miene seinen Stockfisch
-abhäutete.
-
-Bouvard hielt eine Zeitlang die Gabel in der einen, das Messer in der
-andern Hand. Dann entschloß er sich, einen Bissen an die Lippen zu
-bringen. Plötzlich begannen seine Hände zu zittern, sein dickes Gesicht
-erblaßte, sein Kopf fiel nach hinten.
-
-„Ist dir schlecht?“
-
-„Nein! Doch!“ -- und er machte ein Geständnis. Infolge seiner Erziehung
-(es war das stärker als er), konnte er an diesem Tage kein Fleisch
-essen, weil er fürchtete, davon zu sterben.
-
-Ohne seinen Sieg zu mißbrauchen, machte Pécuchet ihn sich zunutze, um
-auf seine Weise zu leben.
-
-Eines Tages kam er heim, auf dem Gesichte den Ausdruck einer wirklichen
-Freude, und, das Wort wagend, sagte er, daß er soeben gebeichtet habe.
-
-Da sprachen sie über die Bedeutung der Beichte.
-
-Bouvard ließ die Beichte der ersten Christen, die öffentlich war,
-gelten: heute wird sie einem zu leicht gemacht. Indessen leugnete er
-nicht, daß dieses Befragen unserer selbst ein Element des Fortschritts
-sei, daß es eine moralische Gärung hervorrufe.
-
-Pécuchet, der nach Vollendung strebte, suchte nach seinen Lastern; die
-Hochmutsanwandlungen waren seit langem verschwunden. Sein Sinn für
-Arbeit bewahrte ihn vor Faulheit; was die Gefräßigkeit betraf, so war
-niemand mäßiger. Zuweilen ließ er sich vom Zorne fortreißen.
-
-Er schwor bei sich, das abzulegen.
-
-Dann mußte man Tugenden erwerben; in erster Linie die Demut, -- das
-heißt, sich jedes Verdienstes für unfähig, der geringsten Belohnung für
-unwürdig halten, seinen Geist opfern und sich so erniedrigen, daß man
-wie der Schmutz der Straße mit Füßen getreten wird. Er war noch weit
-entfernt von dieser Verfassung.
-
-Er ermangelte einer anderen Tugend: der Keuschheit. -- Denn innerlich
-bedauerte er, daß Mélie nicht mehr da war, und das Pastellbild der Dame
-in Louis XV.-Tracht störte ihn durch das Dekolleté.
-
-Er schloß es in einen Schrank, und seine Schamhaftigkeit wurde so groß,
-daß er sogar fürchtete, seine eigene Blöße zu sehen, und er legte sich
-in seiner Unterhose schlafen.
-
-So viel Vorsichtsmaßregeln gegen die Wollust entwickelten sie.
-Besonders des Morgens hatte er heftige Kämpfe zu bestehen, wie deren
-der heilige Paulus, der heilige Benedikt und der heilige Hieronymus in
-sehr vorgeschrittenem Alter hatten; dann hatten sie sich sogleich an
-wütende Bußübungen gemacht. Der Schmerz ist eine Sühne, ein Heilmittel
-und ein Weg, eine Ehrerbietung vor Jesus Christus. Jede Liebe fordert
-Opfer, und welches wäre schwerer als das unseres Leibes.
-
-Um sich zu kasteien, verzichtete Pécuchet auf den Likör nach den
-Mahlzeiten, beschränkte sich auf vier Prisen täglich und setzte bei
-großer Kälte keine Mütze auf.
-
-Eines Tages stellte Bouvard, als er den Wein anband, eine Leiter gegen
-die Mauer der Terrasse am Hause, -- und zufällig fiel sein Blick in
-Pécuchets Zimmer.
-
-Sein Freund, bis zum Gürtel nackt, versetzte sich mit der Klopfpeitsche
-sanfte Schläge auf die Schultern, zog dann in steigender Erregung seine
-Hose aus, peitschte seine Hinterbacken und fiel atemlos auf einen Stuhl.
-
-Bouvard war verwirrt, wie bei der Entdeckung eines Geheimnisses, das
-verborgen bleiben muß.
-
-Seit einiger Zeit sahen ihm die Scheiben reinlicher aus, hatten die
-Servietten weniger Löcher, war das Essen besser; -- Veränderungen, die
-man dem Eingreifen der Reine, der Magd des Herrn Pfarrers, verdankte.
-
-Sie verband das Kirchliche mit den Küchenangelegenheiten, war kräftig
-wie ein Ackerknecht und opferfreudig, wenn auch unehrerbietig. Sie
-verschaffte sich Eingang in die Haushaltungen, gab Ratschläge, wurde
-dort zur Herrscherin. Pécuchet setzte volles Vertrauen in ihre
-Erfahrung.
-
-Einmal führte sie ihm einen feisten Menschen mit kleinen, geschlitzten
-Augen und einer Hakennase zu. Es war Herr Gouttman, Händler in
-Devotionalien -- und er packte ihrer einige, die in Schachteln
-verschlossen waren, unter dem Schuppen aus: Kreuze, Münzen und
-Rosenkränze von allen Größen, Leuchter für Kapellen, tragbare Altäre,
-Sträuße aus Flittergold und Darstellungen des Herzen Jesu auf blauer
-Pappe, heilige Josephs mit rotem Bart, Kalvarienberge aus Porzellan.
-Pécuchet hätte sie gern gehabt. Der Preis allein hielt ihn zurück.
-
-Gouttman verlangte kein Geld. Er zog Tauschgeschäfte vor, und nachdem
-sie ins Museum emporgestiegen, bot er für das alte Eisen und das ganze
-Blei einen Vorrat seiner Waren an.
-
-Sie schienen Bouvard scheußlich. Doch Pécuchets Blick, Reines dringende
-Bitten und der Wortschwall des Trödlers überzeugten ihn schließlich.
-Als Gouttman ihn so nachgiebig sah, wollte er noch die Hellebarde dazu
-haben; Bouvard, müde, ihre Handhabung zu zeigen, gab sie hin. Nachdem
-alles abgeschätzt worden war, schuldeten die Herren noch hundert
-Franken. Man einigte sich auf vier Dreimonatswechsel, -- und sie
-wünschten sich Glück zu dem vorteilhaften Geschäft.
-
-Ihre Erwerbungen wurden auf sämtliche Zimmer verteilt. Eine mit Heu
-gefüllte Krippe und eine Kirche aus Kork zierten das Museum.
-
-Auf Pécuchets Kamin stand ein Johannes der Täufer aus Wachs; auf dem
-Flur reihten sich die Bilder der bischöflichen Berühmtheiten, und unten
-im Treppenhause sah man unter einer Kettenlampe eine heilige Jungfrau
-in azurfarbenem Mantel mit einer Sternenkrone. Marcel reinigte diese
-Herrlichkeiten und dachte, es könne im Paradiese nichts Schöneres geben.
-
-Wie schade, daß der Sankt Peter zerbrochen war, wie schön würde er sich
-in der Vorhalle ausgenommen haben! Pécuchet blieb zuweilen vor der
-ehemaligen Kompostgrube stehen, in der man die Tiara, eine Sandale und
-den Zipfel eines Ohres erkennen konnte; gab Seufzer von sich und setzte
-dann die Gartenarbeit fort; denn jetzt verband er körperliche Arbeiten
-mit religiösen Übungen, grub, mit dem Mönchsgewand bekleidet, die Erde
-um, während er sich mit dem heiligen Bruno verglich. Diese Verkleidung
-mochte eine Lästerung sein; er legte sie ab.
-
-Doch er nahm, ohne Zweifel durch den häufigen Verkehr mit dem Pfarrer,
-geistliche Manieren an. Er hatte dasselbe Lächeln, dieselbe Stimme,
-und er steckte mit frostiger Miene seine beiden Hände bis zu den
-Handgelenken in die Ärmel. Es kam der Tag, wo das Krähen des Hahnes ihm
-unangenehm wurde, wo die Rosen ihn anekelten; er ging nicht mehr aus
-und hatte grimmige Blicke für die Natur.
-
-Bouvard ließ sich in die Marienandachten führen. Die Kinder, die Hymnen
-sangen, die Fliedersträuße, die Girlanden aus Grün ließen ihm wie das
-Gefühl einer unvergänglichen Jugend. Gott offenbarte sich seinem Herzen
-durch die Form der Nester, die Klarheit der Quellen, die Wohltat der
-Sonne, und die Frömmigkeit seines Freundes schien ihm überspannt,
-langweilig.
-
-„Warum seufzest du bei den Mahlzeiten?“
-
-„Wir sollen mit Seufzen essen,“ antwortete Pécuchet, „denn auf diese
-Weise hat der Mensch seine Unschuld verloren,“ ein Satz, den er im
-„Handbuch des Seminaristen“, zwei Duodezbänden, die ihm Herr Jeufroy
-geliehen, gelesen hatte, und er trank Saletter Wasser, gab sich hinter
-verschlossenen Türen Stoßgebeten hin, hoffte in die Brüderschaft des
-heiligen Franziskus einzutreten.
-
-Um die Gabe der Standhaftigkeit zu erlangen, beschloß er, eine
-Wallfahrt zur heiligen Jungfrau zu machen.
-
-Die Wahl des Ortes bereitete ihm Verlegenheit. Sollte er zur Mutter
-Gottes von Fourvières, von Chartres, von Embrun, von Marseille oder von
-Auray gehen? Die zu la Délivrande, die näher war, tat dieselben Dienste.
-
-„Du wirst mich begleiten!“
-
-„Da wäre ich ein rechter Einfaltspinsel!“ sagte Bouvard.
-
-Er konnte schließlich noch gläubig zurückkehren, wies das nicht zurück
-und gab aus Gefälligkeit nach.
-
-Die Wallfahrten müssen zu Fuß gemacht werden. Doch dreiundvierzig
-Kilometer würden hart sein; und da die Postkutschen der andächtigen
-Betrachtung nicht günstig sind, nahmen sie einen Einspänner, der sie
-nach einer Fahrt von zwölf Stunden vor dem Wirtshaus absetzte.
-
-Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten, zwei Kommoden, die zwei in
-kleinen, ovalen Waschbecken stehende Wasserkannen trugen, und der
-Wirt belehrte sie, daß dies das „Zimmer der Kapuziner“ unter der
-Schreckensherrschaft gewesen sei. Man hatte darin die Jungfrau von la
-Délivrande mit so viel Vorsicht verborgen, daß die guten Patres darin
-heimlich die Messe lasen.
-
-Das machte Pécuchet Vergnügen, und er las laut einen Bericht über die
-Kapelle, den er unten in der Küche gefunden hatte.
-
-Sie ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts von dem heiligen Regnobert,
-dem ersten Bischof von Lisieux, oder von dem heiligen Ragnebert, der im
-siebenten Jahrhundert lebte, oder von Robert dem Prachtliebenden in der
-Mitte des elften gegründet worden.
-
-Die Dänen, die Normannen und besonders die Protestanten haben sie zu
-verschiedenen Zeiten gebrandschatzt und verwüstet.
-
-Gegen 1112 wurde die ursprüngliche Statue durch einen Hammel entdeckt,
-der mit dem Fuße aufstampfte und dadurch auf einem Anger den Ort angab,
-wo sie lag, und an dieser Stelle errichtete der Graf Balduin ein
-Heiligtum.
-
-Ihre Wunder sind ohne Zahl. Ein Kaufmann aus Bayeux, der in
-sarazenischer Gefangenschaft war, rief sie an: seine Ketten fallen
-und er entschlüpft. Ein Geizhals entdeckt in seinem Speicher eine
-Herde Ratten, ruft die Jungfrau zu Hilfe, und die Ratten entfernen
-sich. Ein alter Materialist in Versailles bereute seine Sünden auf
-dem Totenbette, nachdem er mit einer Medaille in Berührung gekommen
-war, die eine Nachbildung der Statue gestreift hatte. -- Sie gab dem
-Herrn Adeline die Sprache wieder, die er infolge von Gotteslästerungen
-verloren hatte; und unter ihrem Schutz hatten Herr und Frau von
-Becqueville die Kraft, im Ehestande keusch zu leben.
-
-Unter denjenigen, die sie von unheilbaren Krankheiten befreit hat,
-nennt man Fräulein von Palfresne, Anne Lirieux, Marie Duchemin,
-François Dufai und Frau von Jumillac, geborene von Osseville.
-
-Bedeutende Persönlichkeiten haben sie aufgesucht: Ludwig XI., Ludwig
-XIII., zwei Töchter Gastons von Orleans, der Kardinal Wiseman,
-Samirrhi, der Patriarch von Antiochien; der Bischof Véroles, der
-apostolische Vikar der Mandschurei; und der Erzbischof von Quélen kam,
-ihr für die Bekehrung des Fürsten von Talleyrand Dank zu sagen.
-
-„Sie könnte dich auch bekehren!“ sagte Pécuchet.
-
-Bouvard, der schon im Bette lag, gab eine Art Grunzen von sich und
-schlief vollends ein.
-
-Am nächsten Morgen um sechs Uhr gingen sie in die Kapelle.
-
-Man war beim Neubau einer zweiten; Leinwand und Bretterverschläge
-sperrten das Schiff ab, und das im Rokokostil gehaltene Bauwerk mißfiel
-Bouvard, besonders der Altar aus rotem Marmor mit seinen korinthischen
-Pilastern.
-
-Die Wunder wirkende Statue stand in einer Nische links im Chor, mit
-einem Flittergewande umhüllt; der Küster kam, er hatte für jeden
-von ihnen eine Kerze. Er steckte sie auf eine Art Egge, die über
-der Balustrade angebracht war, verlangte drei Franken, machte eine
-Verbeugung und verschwand.
-
-Dann betrachteten sie die Weihgeschenke.
-
-Inschriften auf Tafeln bezeugten die Dankbarkeit der Gläubigen. Man
-bewundert zwei kreuzweise übereinandergelegte Degen, die ein ehemaliger
-Schüler der Polytechnischen Hochschule geschenkt hat, Brautbuketts,
-Kriegsmedaillen, silberne Herzen und in einem Winkel am Boden einen
-Wald von Krücken.
-
-Aus der Sakristei trat ein Priester, der das Gefäß mit der heiligen
-Hostie trug.
-
-Nachdem er einige Minuten unten vor dem Altar verweilt hatte, stieg er
-die drei Stufen empor, sprach das Oremus, den Introitus und das Kyrie,
-das der Chorknabe kniend in einem Atem hersagte.
-
-Der Teilnehmer waren wenige, zwölf bis fünfzehn alte Weiber. Man hörte
-das Klappern ihrer Rosenkränze und das Geräusch eines Hammers, der
-gegen die Steine klopfte. Pécuchet, der sich über seinen Betstuhl
-neigte, antwortete auf die Amen. Während der Verwandlung flehte er zur
-Mutter Gottes, sie möge ihm beständigen und unwandelbaren Glauben geben.
-
-Bouvard, der in einem Stuhle neben ihm saß, nahm Pécuchets Gebetbuch
-und verweilte bei der Litanei der Jungfrau.
-
-„Du Allerreinste, Du Allerkeuscheste, Ehrwürdige, Liebenswerte,
-Mächtige, Gütige, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Tor des Morgens.“
-
-Die Worte der Anbetung, diese Überschwenglichkeiten erhoben ihn zu ihr,
-die durch so viel Ehrerbietung gefeiert wird.
-
-Er träumte sie, wie man sie auf den Kirchengemälden darstellt, auf
-einer Anhäufung von Wolken, Engel zu ihren Füßen, den Gottessohn an der
-Brust, -- Mutter der zärtlichen Liebe, die in aller Trübsal auf Erden
-angerufen wird, -- Ideal der in den Himmel versetzten Frau; denn aus
-ihrem Schoße hervorgegangen, steigert der Mensch seine Liebe zu ihr zur
-Schwärmerei und sehnt sich nur noch, an ihrem Herzen zu ruhen.
-
-Als die Messe zu Ende war, gingen sie an den Läden entlang, die sich
-auf dem Platze an die Kirchenmauer lehnen. Man sieht dort Bilder,
-Weihwasserkessel, goldgeränderte Urnen, Christusbilder aus Kokosnuß,
-elfenbeinerne Rosenkränze; und das Sonnenlicht, das auf das Glas der
-Einrahmungen fiel, blendete ihre Augen, ließ die ganze Roheit der
-Malerei, die Häßlichkeit der Zeichnungen hervortreten. Bouvard, der
-diese Dinge zu Hause scheußlich fand, zeigte hier Nachsicht für sie.
-Er kaufte eine kleine Jungfrau aus blauem Porzellan. Pécuchet begnügte
-sich mit einem Rosenkranz, den er zur Erinnerung mitnahm.
-
-Die Verkäufer schrien:
-
-„Herbei! Herbei! Für fünf Franken, für drei Franken, für sechzig
-Centimes, für zwei Sous, weist unsere Muttergottes nicht ab.“
-
-Die beiden Pilger schlenderten umher, ohne etwas zu wählen. Unhöfliche
-Bemerkungen wurden laut.
-
-„Was wollen sie, diese Kerle!“
-
-„Es sind vielleicht Türken!“
-
-„Eher Protestanten!“
-
-Eine große Frau zupfte Pécuchet am Rocke; ein Alter mit einer Brille
-legte ihm die Hand auf die Schulter; alle kreischten zugleich;
-dann verließen sie ihre Buden, stellten sich um sie herum, wurden
-zudringlicher mit ihren Bitten und heftiger mit ihren Beleidigungen.
-
-Bouvard hielt es nicht mehr aus.
-
-„Laßt uns in Ruhe, zum Teufel!“
-
-Der Schwarm zerstreute sich.
-
-Doch eine dicke Frau folgte ihnen eine Zeitlang auf dem Platze und
-schrie, daß es sie gereuen würde.
-
-Als sie ins Wirtshaus zurückkamen, fanden sie im Café Gouttman. Sein
-Geschäft rief ihn in diese Gegenden, und er plauderte mit einem
-Menschen, der auf dem Tische vor ihnen liegende Geschäftspapiere
-durchsah.
-
-Dieser Mensch trug eine Ledermütze und eine sehr weite Hose; seine
-Gesichtsfarbe war rot und seine Gestalt schlank trotz seiner grauen
-Haare; er hatte etwas von einem pensionierten Offizier und einem
-Schauspieler zugleich.
-
-Von Zeit zu Zeit fluchte er; doch beruhigte er sich sogleich auf ein
-leiser gesprochenes Wort Gouttmans und nahm dann ein anderes Papier
-vor.
-
-Bouvard, der ihn beobachtete, näherte sich ihm nach Verlauf einer
-Viertelstunde.
-
-„Barberou, nicht wahr?“
-
-„Bouvard!“ rief der Mann in der Mütze. Und sie umarmten sich.
-
-Barberou hatte in den letzten zwanzig Jahren alle möglichen
-Vermögenslagen durchgemacht.
-
-Herausgeber einer Zeitung, Versicherungsbeamter, Direktor eines
-Austernparks. „Ich werde Ihnen das erzählen,“ -- schließlich sei er zu
-seinem ersten Berufe zurückgekehrt und reise für ein Haus in Bordeaux,
-und Gouttman, der die Diözese „bearbeitete“, brachte für ihn Wein bei
-den Geistlichen unter, -- „doch erlauben Sie, in einer Minute gehöre
-ich Ihnen!“
-
-Er hatte seine Rechnungsauszüge wieder vorgenommen und sprang plötzlich
-von der Bank auf: „Wie, zwei Tausend?“
-
-„Ganz gewiß!“
-
-„Nein, das ist zu stark!“
-
-„Sie meinen?“
-
-„Ich meine, daß ich selbst bei Hérambert gewesen bin,“ erwiderte
-Barberou wütend. „Die Rechnung lautet über vier Tausend; schwindeln Sie
-mir doch nichts vor!“
-
-Der Trödler kam nicht aus der Fassung. „Na, sie entlastet Sie! Was
-wollen sie mehr?“
-
-Barberou erhob sich; sein Gesicht war zuerst blaß, dann wurde es
-violett, und Bouvard und Pécuchet glaubten, er wolle Gouttman
-erdrosseln.
-
-Er setzte sich wieder, legte die Arme übereinander. „Sie sind ein ganz
-gemeiner Schurke, das ist sicher!“
-
-„Keine Beleidigungen, Herr Barberou; da sind Zeugen; seien Sie
-vorsichtig!“
-
-„Ich werde Sie verklagen!“
-
-„Ach, Unsinn!“ Nachdem Gouttman dann seine Brieftasche zugeschnallt
-hatte, lüpfte er seinen Hut: „Auf Wiedersehen!“ Und er ging hinaus.
-
-Barberou erklärte den Tatbestand: für eine Forderung Gouttmans
-von tausend Franken, die sich infolge wucherischer Machenschaften
-verdoppelt hatte, habe er diesem für dreitausend Franken Wein
-geliefert. Damit sollten ihm nach Deckung seiner Schuld noch tausend
-Franken Überschuß verbleiben; statt dessen schuldete er dreitausend.
-Seine Chefs würden ihn entlassen, man würde ihn verklagen, „Lump!
-Räuber! dreckiger Jude! und der Kerl ißt in den Pfarrhäusern zu
-Mittag! Übrigens, alles was mit den Pfaffen in Berührung kommt...!“ Er
-schimpfte auf die Priester und schlug so heftig auf den Tisch, daß die
-Statuette beinahe umgefallen wäre.
-
-„Sachte!“ sagte Bouvard.
-
-„Sieh da, was ist das?“ Und nachdem er die kleine Jungfrau von ihrer
-Hülle befreit hatte: „Ein Kinkerlitzchen vom Wallfahrtsmarkt! Gehört
-das Ihnen?“
-
-Anstatt zu antworten, lächelte Bouvard in zweideutiger Weise.
-
-„Es gehört mir!“ sagte Pécuchet.
-
-„Sie betrüben mich,“ erwiderte Barberou, „doch darüber sollen Sie das
-Nötige von mir erfahren, seien Sie unbesorgt!“ Und da man Philosoph
-sein soll und die Traurigkeit zu nichts nützt, lud er sie zum Frühstück
-ein.
-
-Die drei setzten sich zum Essen nieder.
-
-Barberou war liebenswürdig, gedachte der alten Zeit, faßte das
-bedienende Mädchen um die Taille, wollte Bouvards Bauch messen. Er
-wolle sie bald besuchen und ihnen ein spaßiges Buch mitbringen.
-
-Der Gedanke an seinen Besuch machte ihnen mittelmäßige Freude. Sie
-plauderten eine Stunde lang darüber im Wagen beim Trab der Pferde. Dann
-schloß Pécuchet die Augen. Auch Bouvard schwieg. Innerlich neigte er
-der Religion zu.
-
-Herr Marescot war am Abend vorher dagewesen, um ihnen eine wichtige
-Mitteilung zu machen. -- Weiter konnte Marcel nichts sagen.
-
-Der Notar konnte sie erst drei Tage später bei sich sehen; -- und
-sogleich legte er die Angelegenheit dar. Frau Bordin schlug Herrn
-Bouvard vor, ihm den Gutshof für eine Rente von siebentausend
-fünfhundert Franken abzukaufen.
-
-Seit ihrer Jugend betrachtete sie ihn mit gierigen Augen, kannte die
-angrenzenden Grundstücke, seine Nachteile und Vorzüge; und dieser
-Wunsch war wie ein Krebs, der sie verzehrte. Denn die gute Frau liebte
-als wahre Normännin das „Gut“ über alles, weniger wegen der Sicherheit
-der Kapitalsanlage als um des Glückes willen, den ihr gehörigen Boden
-unter den Füßen zu fühlen. In der Hoffnung auf diesen da hatte sie
-Feststellungen gemacht, eine tägliche Überwachung ausgeführt, lange
-Zeit gespart, und sie erwartete mit Ungeduld Bouvards Antwort.
-
-Er kam in Verlegenheit, denn er wollte nicht, daß Pécuchet eines Tages
-mittellos sei; doch man mußte die Gelegenheit ergreifen, -- die eine
-Wirkung der Wallfahrt war. -- Die Vorsehung zeigte sich ihnen zum
-zweiten Male günstig.
-
-Sie machten ein Angebot unter folgenden Bedingungen: die Rente, die
-nicht siebentausend fünfhundert, sondern sechstausend betragen sollte,
-müsse auf den Überlebenden übergehen. Marescot wies darauf hin, daß der
-eine von schwacher Gesundheit sei. Die Anlagen des andern machten ihn
-für Schlagfluß empfänglich, und Frau Bordin, von ihrer Leidenschaft
-hingerissen, unterzeichnete den Kontrakt.
-
-Bouvard wurde melancholisch davon. Jemand wünschte seinen Tod, und
-diese Überlegung gab ihm ernste Gedanken, Gedanken von Gott und
-Ewigkeit.
-
-Drei Tage darauf lud sie Herr Jeufroy zu einem Festmahl ein, das er
-jährlich einmal seinen Amtsbrüdern gab.
-
-Das Diner begann gegen zwei Uhr nachmittags, um gegen elf Uhr abends zu
-endigen.
-
-Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten. Der Abbé Pruneau
-verfaßte während des Mahles ein Akrostichon. Herr Bougon zeigte
-Kartenkunststücke, und Cerpet, ein junger Vikar, sang eine kleine
-Romanze mit galantem Einschlag. Solch ein Kreis zerstreute Bouvard. Er
-war am folgenden Tage weniger düster.
-
-Der Pfarrer besuchte ihn häufig. Er stellte die Religion in anmutigen
-Farben dar. Was setzte man übrigens aufs Spiel? -- und bald willigte
-Bouvard ein, zum Tisch des Herrn zu kommen. Pécuchet wollte zugleich
-mit ihm am Abendmahl teilnehmen.
-
-Der große Tag nahte.
-
-Die Kirche war wegen der Firmelung voll von Menschen. Die Bürger und
-Bürgerinnen drängten sich in ihren Bänken, und das geringe Volk stand
-dahinter oder auf der Empore über der Tür.
-
-Was jetzt vor sich gehen sollte, war unbegreiflich, dachte Bouvard,
-doch die Vernunft reicht nicht aus, gewisse Dinge zu verstehen. Sehr
-große Männer haben dieses Wunder gläubig hingenommen. Geradesogut
-konnte er es tun, und in einer Art Betäubung betrachtete er den Altar,
-das Weihrauchfaß, die Leuchter, während der Kopf ihm etwas leer war,
-denn er hatte nichts gegessen, und er empfand eine sonderbare Schwäche.
-
-Pécuchet geriet beim Nachsinnen über die Passion Jesu-Christi in
-Liebesbegeisterung. Er hätte dem Herren seine Seele darbringen mögen,
-die der andern, -- und dazu die Verzückungen, die Visionen, die
-Erleuchtungen der Heiligen, alle Wesen, das ganze Weltall. Obgleich er
-mit Inbrunst betete, schienen ihm die verschiedenen Teile der Messe ein
-wenig lang.
-
-Endlich knieten die kleinen Knaben auf der ersten Stufe des Altars
-nieder, wobei ihre Anzüge einen schwarzen Streifen bildeten, den
-blondes oder braunes Haar in ungleicher Linie überragte. Die kleinen
-Mädchen ersetzten sie; Schleier wallten unter ihren Kränzen herab; von
-weitem hätte man sie für weiße Wolken halten können, die sich in der
-Tiefe des Chors aneinanderreihten.
-
-Dann kamen die großen Leute an die Reihe.
-
-Der erste auf der Evangelienseite des Altars war Pécuchet, doch, ohne
-Zweifel aus zu großer Erregung, schwankte sein Kopf nach rechts und
-nach links. Der Pfarrer hatte Mühe, ihm die Hostie in den Mund zu
-stecken, und während er sie empfing, verdrehte er die Augen.
-
-Bouvard dagegen öffnete den Mund so weit, daß seine Zunge wie eine
-Fahne über seine Unterlippe herabhing. Als er sich erhob, stieß er Frau
-Bordin. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte; ohne zu wissen warum,
-errötete er.
-
-Nach Frau Bordin kommunizierten zusammen Fräulein von Faverges, die
-Gräfin, ihre Gesellschafterin und ein Herr, den man in Chavignolles
-nicht kannte.
-
-Die beiden letzten waren Placquevent und Petit, der Lehrer; -- da
-erschien plötzlich Gorju.
-
-Er trug seinen kleinen Backenbart nicht mehr; und er suchte seinen
-Platz auf, indem er die Arme in sehr erbaulicher Weise über der Brust
-gekreuzt hielt.
-
-Der Pfarrer sprach zu den kleinen Knaben, sie möchten späterhin Sorge
-tragen, es nicht wie Judas zu machen, der seinen Gott verriet, und
-sich immer das Kleid der Unschuld rein erhalten. Pécuchet gedachte des
-seinigen mit Reue; doch man rückte die Stühle; die Mütter beeilten
-sich, ihre Kinder zu umarmen.
-
-Die Mitglieder des Kirchspiels beglückwünschten sich gegenseitig beim
-Ausgang. Einige weinten. Während Frau von Faverges auf ihren Wagen
-wartete, wandte sie sich Bouvard und Pécuchet zu und stellte ihren
-zukünftigen Schwiegersohn vor: „Herr Baron von Mahurot, Ingenieur!“ Der
-Graf machte ihnen Vorwürfe, weil sie sich nicht sehen ließen. Er würde
-die kommende Woche wieder zurück sein. „Merken Sie es sich, ich bitte
-Sie!“ Die Kutsche war angekommen, die Schloßdamen fuhren ab, und die
-Menge zerstreute sich.
-
-In ihrem Hofe fanden sie mitten auf dem Rasen ein Paket. Der
-Briefträger hatte es, da das Haus verschlossen war, über die Mauer
-geworfen. Es war das Werk, das Barberou versprochen hatte: Kritik des
-Christentums, von Louis Hervieu, einem ehemaligen Schüler der Ecole
-normale. Pécuchet wies es von sich. Bouvard verzichtete darauf, es
-kennen zu lernen.
-
-Man hatte ihm wiederholt gesagt, das Sakrament würde ihn verwandeln:
-mehrere Tage hindurch wartete er auf ein neues Sprießen in seiner
-Seele. Doch er blieb immer derselbe, und schmerzliches Staunen ergriff
-ihn.
-
-Wie! Der Leib Gottes vermischt sich mit unserm Leib und bringt keine
-Wirkung darin hervor! Der Gedanke, der die Welten regiert, erleuchtet
-unsern Geist nicht! Die höchste Gewalt überläßt uns der Ohnmacht!
-
-Herr Jeufroy, der ihn beruhigte, empfahl ihm den Katechismus des Abbé
-Gaume.
-
-Dagegen hatte Pécuchets Frömmigkeit Fortschritte gemacht. Er hätte
-unter beiderlei Gestalt kommunizieren mögen, sang Psalmen, während er
-im Hausflur herumging, hielt die Einwohner von Chavignolles an, um
-mit ihnen Glaubensfragen zu erörtern und sie zu bekehren. Vaucorbeil
-lachte ihm ins Gesicht, Girbal zuckte die Achseln, und der Hauptmann
-nannte ihn Tartüff. Man fand jetzt, daß sie zu weit gingen.
-
-Eine ausgezeichnete Gewohnheit besteht darin, die Dinge als ebensoviele
-Symbole zu betrachten. Wenn der Donner grollt, so soll man sich das
-Jüngste Gericht vorstellen; vor einem wolkenlosen Himmel kann man
-an den Aufenthalt der Seligen denken; man sage sich während seiner
-Spaziergänge, daß jeder Schritt dem Tode entgegenführt. Pécuchet
-beobachtete diese Methode. Wenn er seine Kleider nahm, gedachte er der
-fleischlichen Hülle, mit der die zweite Person der Dreifaltigkeit sich
-umkleidet hat; das Ticken der Uhr vergegenwärtigte ihm die Schläge
-seines Herzens, ein Nadelstich die Nägel des Kreuzes; doch es war
-vergebens, daß er stundenlang auf den Knien lag, daß er noch häufiger
-fastete und seine Einbildungskraft anstrengte, die Loslösung vom Ich
-wollte nicht eintreten; unmöglich, zur vollkommenen Vergeistigung zu
-gelangen.
-
-Er nahm seine Zuflucht zu mystischen Schriftstellern: zur heiligen
-Therese, zu Johannes vom Kreuz, Ludwig von Granada, Simpoli und
-von neueren zu dem Bischof Chaillot. Anstatt der Erhabenheiten,
-die er erwartete, traf er nur Plattheiten, einen sehr nachlässigen
-Stil, nichtssagende Bilder und eine Unmenge Vergleiche, die dem
-Steinschneidergewerbe entnommen waren.
-
-Er erfuhr jedoch, daß es eine aktive und eine passive Reinigung gibt,
-ein inneres und ein äußeres Schauen, vier Arten von Gebeten, neun
-Vollkommenheiten in der Liebe, sechs Stufen der Demut, und daß das
-Verwunden der Seele sich kaum vom geistigen Diebstahl unterscheidet.
-
-Einige Punkte setzten ihn in Verlegenheit.
-
-„Wie kommt es, daß man Gott für die Wohltat des Daseins danken muß,
-wo doch das Fleisch verdammt ist? Wie die Mitte halten zwischen der
-Furcht, die zum Heile unerläßlich ist, und der Hoffnung, die es nicht
-weniger ist? Was ist das Kennzeichen der Gnade?“ und so weiter.
-
-Herrn Jeufroys Antworten waren einfach:
-
-„Quälen Sie sich nicht. Will man allem auf den Grund kommen, so gerät
-man auf eine schiefe Ebene.“
-
-Die „Katechismuslehre nach der Firmelung“ von Gaume hatte Bouvard so
-angewidert, daß er zu dem Bande von Louis Hervieu griff. Es war eine
-kurze Zusammenfassung der modernen Exegese. Die Regierung hatte ihn
-verboten. Barberou hatte ihn gekauft, weil er Republikaner war.
-
-Er weckte Zweifel in Bouvards Geist, und zwar zuerst über die
-Erbsünde. „Wenn Gott den Menschen sündig geschaffen hat, dürfte er
-ihn nicht bestrafen, und das Böse ist älter als der Sündenfall, da es
-ja schon Vulkane, reißende Tiere gab. Kurz, dieses Dogma wirft meine
-Anschauungen von Gerechtigkeit über den Haufen!“
-
-„Was wollen Sie?“ sagte der Pfarrer, „das ist eine von jenen
-Wahrheiten, über die alle Welt sich einig ist, ohne daß man dafür
-Beweise geben könnte. Und wir selbst rechnen den Kindern die Sünden
-ihrer Väter an. So rechtfertigen Sitten und Gesetze diesen Ratschluß
-der Vorsehung, den man in der Natur wiederfindet.“
-
-Bouvard schüttelte den Kopf. Er hatte auch Zweifel an der Hölle.
-
-„Denn jede Züchtigung muß auf Besserung des Schuldigen abzielen, was
-bei einer ewigen Strafe unmöglich wird; und wie viele müssen sie
-erdulden! Denken Sie doch, alle die Alten, die Juden, die Muselmanen,
-die Götzendiener, die Häretiker und die ohne Taufe verschiedenen
-Kinder, diese von Gott erschaffenen Kinder, und zu welchem Zweck? um
-sie für eine Sünde zu bestrafen, die sie nicht begangen haben!“
-
-„Das ist die Ansicht des heiligen Augustin,“ fügte der Geistliche
-hinzu, „und Sankt Fulgentius dehnt die Verdammung bis auf den Foetus
-aus. Die Kirche hat allerdings in dieser Hinsicht nichts entschieden.
-Eine Bemerkung jedoch: es ist nicht Gott, sondern der Sünder selbst,
-welcher sich verdammt, und da die Versündigung unendlich ist, denn Gott
-ist unendlich, so muß die Strafe unendlich sein! Ist das alles, mein
-Herr?“
-
-„Erklären Sie mir die Dreieinigkeit,“ sagte Bouvard.
-
-„Mit Vergnügen. Bedienen wir uns eines Vergleiches: die drei Seiten des
-Dreiecks, oder besser noch unsere Seele, die umfaßt: Sein, Erkennen und
-Wollen; was man Vermögen beim Menschen nennt, ist Person bei Gott. Das
-ist das ganze Geheimnis.“
-
-„Aber die drei Seiten des Dreiecks sind nicht jede ein Dreieck; diese
-drei Vermögen der Seele ergeben nicht drei Seelen, und Ihre Personen
-der Dreifaltigkeit sind drei Gottheiten.“
-
-„Lästern Sie nicht!“
-
-„Dann gibt es nur eine Person, einen Gott, eine Substanz, der drei
-Arten des Seins eigen sind!“
-
-„Lassen Sie uns anbeten, ohne zu begreifen,“ sagte der Pfarrer.
-
-„Schön,“ sagte Bouvard.
-
-Er hatte Furcht, für gottlos zu gelten, im Schlosse mit bösen Augen
-angesehen zu werden.
-
-Sie gingen jetzt dreimal in der Woche gegen fünf im Winter dorthin,
-und die Tasse Tee erwärmte sie angenehm. Der Herr Graf erinnerte
-durch seine Manieren „an den Chic des ehemaligen Hofes“; die Gräfin,
-die friedfertig und fett war, zeigte auf allen Gebieten große
-Urteilsfähigkeit. Fräulein Yolande, ihre Tochter, war der vollkommene
-„Typus des jungen Mädchens“, der Engel der Keepsakes, und Frau von
-Noares, ihre Gesellschafterin, ähnelte Pécuchet, denn sie hatte dessen
-spitze Nase.
-
-Als sie zum erstenmal in den Salon traten, verteidigte Frau von Noares
-jemand.
-
-„Ich versichere Ihnen, er ist verwandelt; sein Geschenk beweist es.“
-
-Dieser jemand war Gorju. Er hatte soeben den zukünftigen Ehegatten
-einen gotischen Betstuhl überreicht. Man brachte ihn herbei. Die Wappen
-der beiden Familien prangten darauf in farbigem Relief. Herr von
-Mahurot schien davon befriedigt, und Frau von Noares sagte zu ihm:
-
-„Werden Sie sich meines Schützlings erinnern?“
-
-Dann brachte sie zwei Kinder herbei, einen Knaben von etwa zwölf Jahren
-und seine Schwester, die vielleicht zehn Jahre alt war. Durch die
-Löcher ihrer Lumpen sahen ihre von Kälte geröteten Glieder. Der Knabe
-trug alte Pantoffeln an den Füßen, das Mädchen hatte nur noch einen
-Holzschuh. Ihre Stirnen verschwanden unter ihrem Haar, und sie blickten
-mit brennenden Augen um sich wie junge, verängstigte Wölfe.
-
-Frau von Noares erzählte, sie habe die Kinder am Morgen auf der
-Landstraße getroffen. Placquevent wußte nichts Genaueres über sie.
-
-Man fragte sie nach ihrem Namen.
-
-„Viktor, Viktorine.“
-
-Wo ihr Vater sei?
-
-„Im Gefängnis.“
-
-Und was er vorher machte?
-
-„Nichts.“
-
-Ihre Heimat?
-
-„Saint-Pierre.“
-
-Aber welches Saint-Pierre?
-
-Statt jeder Antwort sagten die beiden Kleinen schnüffelnd:
-
-„Weiß nicht, weiß nicht.“
-
-Frau von Noares legte dar, wie gefährlich es sein würde, sie sich
-selbst zu überlassen; sie rührte die Gräfin, nahm den Grafen bei der
-Ehre, wurde von der Komtesse unterstützt, zeigte hartnäckigen Eifer,
-hatte Erfolg. Die Frau des Feldhüters sollte die Kinder in Obhut
-nehmen. Später würde man Beschäftigung für sie finden, und da sie weder
-lesen noch schreiben konnten, so wollte Frau von Noares sie selbst
-unterrichten, um sie auf die Katechismusstunde vorzubereiten.
-
-Wenn Herr Jeufroy in das Schloß kam, holte man die beiden Bälge;
-er befragte sie, dann trug er vor, wobei er mit Rücksicht auf den
-Zuhörerkreis gewählt sprach.
-
-Als er einmal über die Patriarchen geredet hatte, verunglimpfte Bouvard
-sie gehörig, während er mit dem Pfarrer und Pécuchet fortging.
-
-Jakob habe sich durch Spitzbubenstreiche ausgezeichnet, David durch
-Mordtaten, Salomo durch seine Ausschweifungen.
-
-Der Abbé antwortete ihm, man müsse tiefer sehen. Abrahams Opfer sei ein
-Symbol der Passion; Jakob ein anderes für den Messias, wie Joseph, wie
-die eherne Schlange, wie Moses.
-
-„Glauben Sie,“ sagte Bouvard, „daß er den Pentateuch geschrieben hat?“
-
-„Ja, ohne Zweifel!“
-
-„Doch man erzählt seinen Tod darin; dieselbe Beobachtung gilt für
-Josua, und der Verfasser der Richter belehrt uns, daß zu der Zeit,
-deren Geschichte er schreibt, Israel noch keine Könige hatte. Das Werk
-wurde also unter den Königen geschrieben. Auch die Propheten setzen
-mich in Erstaunen!“
-
-„Jetzt wird er wohl gar die Existenz der Propheten leugnen!“
-
-„Keineswegs! Doch ihr überhitzter Geist sah Jehova unter verschiedenen
-Formen, als Feuer, als Busch, als Greis, als Taube, und sie waren der
-erhaltenen Offenbarung nicht gewiß, da sie immer ein Zeichen verlangen.“
-
-„So! Und wo haben Sie diese schönen Sachen entdeckt?...“
-
-„Bei Spinoza.“
-
-Der Pfarrer fuhr auf.
-
-„Haben Sie ihn gelesen?“
-
-„Gott behüte mich!“
-
-„Indessen, mein Herr, die Wissenschaft...“
-
-„Mein Herr, es gibt keine Wissenschaft ohne Christentum.“
-
-Die Wissenschaft machte ihn sarkastisch.
-
-„Kann sie eine Ähre wachsen lassen, Ihre Wissenschaft? Was wissen wir?“
-sagte er.
-
-Doch er wußte, daß die Welt für uns geschaffen ist; er wußte, daß die
-Erzengel über den Engeln stehen, er wußte, daß der menschliche Körper
-so wiederauferstehen wird, wie er gegen das dreißigste Jahr ist.
-
-Seine priesterliche Sicherheit fiel Bouvard auf die Nerven. Da er zu
-Louis Hervieu kein Vertrauen hatte, schrieb er an Varlot, und Pécuchet,
-der besser unterrichtet war, ersuchte Herrn Jeufroy, ihm gewisse
-Stellen der Heiligen Schrift zu erklären.
-
-Die sechs Tage der Genesis sollen sechs große Zeiträume bedeuten.
-Der Raub der kostbaren Gefäße, den die Juden bei den Ägyptern
-vollführten, soll als geistiger Reichtum verstanden werden, als Kunst,
-deren Geheimnis sie entwendet hatten. Jesaias entblößt sich nicht
-vollständig, denn „nudus“ bedeutet im Lateinischen nackt bis zu den
-Hüften; so rät Virgil, sich bei der Landarbeit zu entblößen, und dieser
-Schriftsteller würde keine das Schamgefühl verletzende Vorschrift
-gegeben haben! Es hat nichts Außergewöhnliches, daß Ezechiel ein Buch
-verschlingt; sagt man nicht, eine Broschüre, eine Zeitung verschlingen?
-
-Aber wenn man in allem eine bildliche Ausdrucksweise sieht, was wird
-dann aus den Tatsachen? Der Abbé behauptete indessen, es handele sich
-um wirklich geschehene Dinge.
-
-Diese Art der Auslegung schien Pécuchet unredlich. Er setzte
-seine Nachforschungen fort und kam mit einer Zusammenstellung von
-Widersprüchen in der Bibel.
-
-Der Exodus erzählt uns, daß vierzig Jahre lang in der Wüste geopfert
-wurde; nach Amos und Jeremias fanden keine Opfer statt. Die Bücher der
-Chronika und das Buch Esra stimmen nicht überein in betreff der Zählung
-des Volkes. Im Deuteronomium sieht Moses den Herrn von Angesicht zu
-Angesicht; dem Exodus zufolge konnte er ihn niemals sehen. Wo bleibt da
-die göttliche Eingebung?
-
-„Nur ein Grund mehr, an sie zu glauben,“ erwiderte lächelnd Herr
-Jeufroy. „Betrüger brauchen Leute, die ihr Treiben begünstigen; ehrlich
-Überzeugte kümmern sich nicht um die Meinung anderer. Halten wir uns in
-unsern Verlegenheiten an die Kirche. Sie ist stets unfehlbar.“
-
-Von wem hängt die Unfehlbarkeit ab?
-
-Die Konzile zu Basel und Konstanz sprechen sie den Konzilen zu. Aber
-oft weichen die Konzile voneinander ab; ein Beweis dafür ist, wie es
-Athanasius und Arius erging: die zu Florenz und im Lateran weisen sie
-dem Papste zu. Doch Hadrian VI. erklärt, daß der Papst sich wie jeder
-andere irren könne.
-
-Das sind Rabulistereien! Sie ändern nichts an dem ununterbrochenen
-Fortbestehen der kirchlichen Lehre.
-
-Das Werk Hervieus hebt ihre Wandlungen hervor; die Taufe war ehemals
-den Erwachsenen vorbehalten. Die letzte Ölung wurde erst im neunten
-Jahrhundert ein Sakrament; die wirkliche Gegenwart wurde im achten
-beschlossen, das Fegefeuer im fünfzehnten anerkannt, die unbefleckte
-Empfängnis ist von gestern.
-
-Und Pécuchet wußte schließlich nicht mehr, was er von Jesus denken
-sollte. Drei der Evangelisten machen einen Menschen aus ihm. An einer
-Stelle bei Sankt Johannes scheint er sich Gott gleichzusetzen, an einer
-anderen ebendort sich als ihm untergeordnet zu betrachten.
-
-Der Abbé führte dagegen den Brief des Königs Abgar, die Akten des
-Pilatus und das Zeugnis der Sibyllen, „dessen Kern wahr ist“, ins
-Treffen. Er fand die Jungfrau bei den Galliern wieder, die Verkündigung
-eines Erlösers in China, die Dreifaltigkeit überall, das Kreuz auf der
-Mütze des Groß-Lama, in Ägypten in der Hand der Götter; -- und er wies
-sogar einen Stich vor, der einen Nilmesser darstellte; das war jedoch
-nach Pécuchets Ansicht ein Phallus.
-
-Herr Jeufroy fragte seinen Freund Pruneau heimlich um Rat, der ihm
-Beweise aus Büchern suchte. Ein Kampf der Gelahrtheit entspann
-sich; und von Eigenliebe gepeitscht, stürzte Pécuchet sich in die
-Transzendentalphilosophie, in die Mythologie.
-
-Er verglich die Jungfrau mit der Isis, das Heilige Abendmahl mit dem
-Haoma der Perser, Bacchus mit Moses, die Arche Noah mit dem Schiff
-des Xithuros; die Ähnlichkeiten bewiesen für ihn die Identität der
-Religionen.
-
-Doch es kann nicht mehrere Religionen geben, da es nur einen Gott gibt,
--- und wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war, rief der Mann im
-Priesterrock: „Das ist ein Mysterium!“
-
-Was bedeutet dieses Wort? Mangel an Wissen; recht schön. Aber wenn es
-etwas bezeichnet, das auszusprechen schon einen Widerspruch in sich
-schließt, so ist es eine Dummheit, -- und Pécuchet ließ Herrn Jeufroy
-nicht mehr los. Er überraschte ihn in seinem Garten, erwartete ihn vor
-seinem Beichtstuhl, stöberte ihn in der Sakristei auf.
-
-Der Priester ersann Listen, ihm zu entgehen.
-
-Als er eines Tages von Sassetot zurückkam, wo er jemandem die
-letzte Ölung erteilt hatte, ging Pécuchet ihm entgegen, so daß die
-Unterhaltung unvermeidlich wurde.
-
-Es war an einem Abend gegen Ende August. Der scharlachfarbene Himmel
-wurde düster, und eine schwere Wetterwolke ballte sich daran, die unten
-einen glatten Rand hatte und oben in Spiralen auslief.
-
-Pécuchet sprach zuerst von gleichgültigen Dingen; dann sagte er,
-nachdem er das Wort Märtyrer hatte fallen lassen:
-
-„Wieviel gab es deren nach Ihrer Meinung?“
-
-„Etwa zwanzig Millionen zum mindesten.“
-
-„Ihre Zahl ist so groß nicht, sagt Origenes.“
-
-„Origenes ist, wie Sie wissen, nicht glaubwürdig.“
-
-Ein weiter ausholender Windstoß fuhr vorüber; das Gras der Gräben und
-die zum Horizonte verlaufenden zwei Reihen Ulmen neigten sich unter ihm.
-
-Pécuchet fuhr fort: „Man rechnet zu den Märtyrern viele gallische
-Bischöfe, die im Kampf gegen die Barbaren gefallen sind, was nicht mehr
-zur Sache gehört.“
-
-„Wollen Sie die Kaiser verteidigen?“
-
-Nach Pécuchets Ansicht hatte man sie verleumdet. „Die Geschichte von
-der thebanischen Legion ist eine Fabel. Ich bestreite ebenso die
-Existenz der Symphorosa und ihrer sieben Söhne, die der Felicitas
-und ihrer sieben Töchter und alles, was über die sieben Jungfrauen
-von Ankyra erzählt wird, die noch mit siebzig Jahren dazu verurteilt
-wurden, genotzüchtigt zu werden, und ebenso unglaubwürdig ist die
-Geschichte von den elftausend Jungfrauen der heiligen Ursula, deren
-eine Gefährtin Undecimilla hieß, wobei ein Name mit einer Zahl
-gleichgesetzt wird; mehr noch, was die zehn Märtyrer von Alexandria
-angeht.“
-
-„Indessen!... Indessen finden sie sich bei Autoren, die glaubwürdig
-sind.“
-
-Wassertropfen fielen. Der Pfarrer öffnete seinen Regenschirm; -- und
-als Pécuchet darunter war, wagte er zu behaupten, daß die Katholiken
-mehr Juden, Moslemiten, Protestanten und Freidenker zu Märtyrern
-gemacht hätten, als früher alle Römer.
-
-Der Geistliche widersprach heftig: „Aber von Nero bis zu Cäsar Galba
-zählt man zehn Verfolgungen!“
-
-„Schön! Und die Blutbäder unter den Albigensern? und die
-Bartholomäusnacht? und die Widerrufung des Ediktes von Nantes?“
-
-„Ohne Zweifel sind das bedauerliche Ausschreitungen, doch werden Sie
-diese Leute da nicht dem heiligen Stephanus, dem heiligen Laurentius,
-Cyprian, Polykarp, einer Unmenge von Missionaren an die Seite stellen
-wollen.“
-
-„Verzeihung! Ich erinnere Sie an Hypathia, Hieronymus von Prag,
-Johannes Huß, Bruno, Vanini, Anne Dubourg!“
-
-Der Regen wurde stärker, die Wasserstrahlen schossen so heftig herab,
-daß sie vom Boden zurücksprangen wie kleine weiße Raketen. Pécuchet und
-Herr Jeufroy gingen langsam, einer gegen den andern gedrückt, und der
-Pfarrer sagte:
-
-„Nach schrecklichen Martern warf man sie in siedende Kessel!“
-
-„Die Inquisition wandte ebenfalls die Tortur an, und sie briet die
-Leute recht ordentlich!“
-
-„Man stellte vornehme Frauen in den Lupanaren aus!“
-
-„Glauben Sie, daß die Dragoner Ludwigs XIV. sich sittsam benahmen?“
-
-„Und vergessen Sie nicht, daß die Christen nichts gegen den Staat
-unternommen hatten!“
-
-„Die Hugenotten ebensowenig!“
-
-Der Wind jagte, fegte den Regen durch die Luft. Er klatschte auf die
-Blätter, bildete am Rande des Weges ein Rinnsal, und der schmutzig
-graue Himmel schien in die kahlen Felder überzugehen, die abgeerntet
-dalagen. Nirgends ein Dach. Nur in der Ferne die Hütte eines Hirten.
-
-An Pécuchets dünnem Mantel war kein Faden mehr trocken. Das Wasser floß
-ihm den Rücken herab, drang in seine Stiefel, seine Ohren, seine Augen,
-trotz des Schirmes der Amoros-Mütze; der Pfarrer, der den unteren Teil
-seines Priesterrocks über den Arm geschlagen hatte, setzte dadurch
-seine Beine dem Regen aus; und die Ecken seines Dreispitzes spien das
-Wasser auf seine Schultern wie Traufrinnen einer Kirche.
-
-Man mußte haltmachen, und dem Unwetter den Rücken wendend, standen sie
-Gesicht gegen Gesicht, Leib gegen Leib, indem sie mit vier Händen den
-schwankenden Schirm hielten.
-
-Herr Jeufroy hatte seine Verteidigung der Katholiken nicht unterbrochen.
-
-„Haben sie Ihre Protestanten gekreuzigt, wie man es mit dem heiligen
-Simeon tat, oder einen Menschen von zwei Tigern zerreißen lassen, wie
-es mit dem heiligen Ignatius geschah?“
-
-„Aber rechnen Sie es für nichts, daß so viele Frauen von ihren
-Ehegatten getrennt, so viele Kinder ihren Müttern entrissen wurden! Und
-das Wandern der Armen in die Verbannung über Schneefelder, an Abgründen
-vorbei! Man sperrte sie scharenweise in die Gefängnisse; kaum waren sie
-tot, so wurden sie durch den Schmutz geschleift.“
-
-Der Abbé lächelte höhnisch: „Sie wollen mir nicht übelnehmen, wenn
-ich nichts davon glaube! Und unsere Märtyrer sind weniger zweifelhaft.
-Die heilige Blandina wurde nackt in einem Netz einer wütenden Kuh
-vorgeworfen. Die heilige Julia verendete unter Hieben, die man ihr gab.
-Dem heiligen Taracus, dem heiligen Probus und dem heiligen Andronikus
-hat man die Zähne mit einem Hammer ausgeschlagen, die Seiten mit
-eisernen Zinken zerfleischt, die Hände mit glühenden Nägeln durchbohrt,
-die Haut vom Schädel gerissen.“
-
-„Sie übertreiben,“ sagte Pécuchet. „Das Ende der Märtyrer wurde in
-jenen Zeiten rednerisch ausgeschmückt.“
-
-„Wieso rednerisch?“
-
-„Aber ja doch, mein Herr, während ich dagegen Ihnen Geschichte erzähle.
-In Irland schlitzten die Katholiken schwangeren Frauen den Leib auf, um
-die Kinder herauszunehmen.“
-
-„Niemals.“
-
-„Und sie den Schweinen vorzuwerfen!“
-
-„Gehen Sie!“
-
-„In Belgien begruben sie sie bei lebendigem Leibe!“
-
-„Welch ein Unsinn!“
-
-„Man kennt ihre Namen!“
-
-„Und trotzdem,“ wandte der Priester ein, während er seinen Schirm im
-Zorn schüttelte, „kann man sie nicht Märtyrer nennen. Außerhalb der
-Kirche keine Märtyrer.“
-
-„Ein Wort noch. Wenn der Wert des Märtyrers von der Lehre abhängt, wie
-kann er dazu dienen, deren Vorzüglichkeit zu beweisen?“
-
-Der Regen ließ nach; bis zum Dorfe sprachen sie nicht mehr.
-
-Doch auf der Schwelle des Pfarrhauses sagte der Abbé:
-
-„Sie tun mir leid! Wirklich, Sie tun mir leid!“
-
-Pécuchet erzählte seinen Streit sogleich Bouvard. Das Gezänk hatte ihn
-in eine religionsfeindliche Stimmung versetzt, und eine Stunde darauf
-saßen sie vor einem Reisigfeuer und lasen den „Pfarrer Meslier“. Die
-plumpen Verneinungen des Buches mißfielen ihm; dann blätterte er,
-da er sich vorwarf, möglicherweise Helden verkannt zu haben, in der
-„Biographie“ die Geschichte der erlauchtesten Märtyrer durch.
-
-Welchen Lärm das Volk machte, wenn sie die Arena betraten! Und wenn
-die Löwen und Jaguare nicht wild genug waren, so reizte man die
-Tiere durch Bewegung und Zuruf, vorzugehen. Man sah die Christen
-blutüberströmt lächelnd dastehen, den Blick zum Himmel erhoben; die
-heilige Perpetua knotete ihr Haar wieder, um keine Betrübnis zu
-zeigen. Pécuchet wurde nachdenklich. Das Fenster stand offen, die
-Nacht war ruhig, zahlreiche Sterne glänzten. In ihrer Seele mußten
-Dinge vorgehen, die wir uns nicht vorstellen können, eine Freude,
-eine göttliche Verzückung! Und Pécuchet sagte unter der Gewalt des
-Nachsinnens darüber, daß er das begriffe, daß er wie sie gehandelt
-haben würde.
-
-„Du?“
-
-„Ganz gewiß!“
-
-„Ohne Scherz! Glaubst du, ja oder nein?“
-
-„Ich weiß nicht.“
-
-Er zündete eine Kerze an; dann fielen seine Blicke auf das Kruzifix im
-Alkoven:
-
-„Wieviel Betrübte haben bei jenem ihre Zuflucht gesucht!“
-
-Und nach einer Pause:
-
-„Man hat seinen Charakter entstellt! Daran ist Rom schuld: die Politik
-des Vatikans!“
-
-Aber Bouvard bewunderte die Kirche wegen ihrer Pracht er hätte als
-Kardinal im Mittelalter leben mögen.
-
-„Ich würde mich im Purpur gut ausgenommen haben, das mußt du zugeben!“
-
-Die vor die Kohlen gelegte Mütze Pécuchets war noch nicht trocken.
-Während er sie glattstrich, fühlte er einen Gegenstand in ihrem Futter,
-und eine Münze des heiligen Joseph fiel zur Erde. Sie waren verwirrt,
-die Tatsache schien ihnen unerklärlich.
-
-Frau von Noares wollte von Pécuchet wissen, ob er nicht eine
-Veränderung wahrgenommen habe, ein Glück, und sie verriet sich durch
-ihre Fragen. Sie hatte ihm einst, während er Billard spielte, die Münze
-in die Mütze genäht.
-
-Allem Anschein nach liebte sie ihn; sie hätten sich heiraten können:
-sie war Witwe, und er ahnte nichts von dieser Liebe, die vielleicht das
-Glück seines Lebens gewesen wäre.
-
-Obwohl er sich religiöser gab als Bouvard, hatte sie ihn dem heiligen
-Joseph geweiht, dessen Beistand für Bekehrungen ausgezeichnet ist.
-
-Niemand kannte wie sie alle Rosenkränze und den Ablaß, der mit
-ihnen verbunden ist, die Wirkung der Reliquien, die Heilkräfte der
-wundertätigen Quellen. Ihre Uhr saß an einem Kettchen, das die Fesseln
-Sankt Peters berührt hatte.
-
-Unter ihren Berlocken leuchtete eine goldene Perle, die der
-nachgebildet war, welche in der Kirche zu Allouagne eine Träne unseres
-Herrn enthält; ein Ring an ihrem kleinen Finger umschloß Haare des
-Pfarrers von Ars, und da sie Heilkräuter für die Kranken sammelte, so
-glich ihr Zimmer einer Sakristei und einem Apothekerlaboratorium.
-
-Sie verbrachte ihre Zeit mit Briefschreiben, Besuchen bei Armen, Lösen
-von wilden Ehen, Austeilen von Herz-Jesu-Photographien. Ein Herr
-wollte ihr „Märtyrerpaste“ schicken, eine Mischung aus Osterwachs und
-menschlichem Staub, den man in den Katakomben gesammelt hatte und der
-in verzweifelten Fällen in Form von Pflaster oder Pillen angewandt
-wird. Sie versprach Pécuchet davon.
-
-Er schien entsetzt über einen solchen Materialismus.
-
-Am Abend brachte ihm ein Diener aus dem Schlosse einen Tragkorb voll
-kleiner Bücher, die von frommen Worten des großen Napoleon, Witzworten
-des Pfarrers in den Herbergen, von dem schrecklichen Ende gottloser
-Menschen handelten. Frau von Noares kannte das alles auswendig, dazu
-eine Unmenge von Wundern.
-
-Sie erzählte deren sinnlose, Wunder ohne Zweck, als wenn Gott sie
-getan hätte, um die Welt in Staunen zu setzen. Ihre eigene Großmutter
-hatte Pflaumen, die mit einem Tuch bedeckt waren, in einen Schrank
-geschlossen, und als man den Schrank ein Jahr später öffnete, sah man
-ihrer dreizehn auf dem Tuche, die ein Kreuz bildeten.
-
-„Erklären Sie mir das.“
-
-Diese Wendung folgte stets ihren Geschichten, die sie mit dem Starrsinn
-eines Esels verfocht. Übrigens war sie eine gute Frau und von heiterem
-Gemüt.
-
-Einmal jedoch „fuhr sie aus der Haut“. Bouvard bestritt ihr gegenüber
-das Wunder von Pezilla: eine Kompottschale, in der man während der
-Revolution Hostien verborgen, hatte sich ganz von selbst vergoldet.
-
-„Vielleicht war auf dem Grund etwas gelbe Farbe, die von der
-Feuchtigkeit herrührte.“
-
-„Aber nein! und nochmals nein! Die Vergoldung kam durch die Berührung
-mit dem Leibe Christi.“
-
-Und zum Beweise führte sie die schriftliche Beglaubigung der Bischöfe
-an.
-
-„Das ist derselbe Fall, sagt man, wie mit einem Schilde, einem... einem
-Palladium in der Diözese zu Perpignan. Fragen Sie doch Herrn Jeufroy!“
-
-Bouvard geriet außer sich, und nachdem er seinen Louis Hervieu wieder
-durchgelesen hatte, nahm er Pécuchet mit.
-
-Der Geistliche beendigte gerade sein Diner. Reine lud zum Sitzen ein
-und holte auf einen Wink zwei kleine Gläser, die sie mit Rosolio-Likör
-füllte.
-
-Darauf legte Bouvard dar, was ihn hergeführt hatte.
-
-Der Abbé gab keine offene Antwort.
-
-„Alles ist bei Gott möglich, und die Wunder sind ein Beweis für die
-Wahrheit der Religion.“
-
-„Aber es gibt doch Gesetze.“
-
-„Das ändert nichts daran. Er durchbricht sie, um zu unterweisen, zu
-bessern.“
-
-„Wie können Sie wissen, ob er sie durchbricht?“ erwiderte Bouvard.
-„Solange die Natur ihren alten Weg geht, denkt man nicht daran; doch in
-einer außerordentlichen Erscheinung sehen wir die Hand Gottes.“
-
-„Sie kann darin wirksam sein,“ sagte der Geistliche, „und wenn ein
-Ereignis durch Zeugen bekräftigt wird?“
-
-„Die Zeugen fallen auf alles herein, gibt es doch falsche Wunder.“
-
-Der Priester wurde rot.
-
-„Gewiß... zuweilen.“
-
-„Wie sie von den echten unterscheiden? Und wenn die echten, die als
-Beweise gelten müssen, selbst der Beweise nötig haben, wozu deren tun?“
-
-Reine mischte sich ein, und gleich ihrem Herrn einen Predigerton
-annehmend, sagte sie, man müsse sich unterwerfen.
-
-„Das Leben ist eine Durchgangszeit, aber der Tod ist ewig!“
-
-„Kurz,“ fügte Bouvard hinzu, indem er den Rosolio hinuntergoß, „die
-früheren Wunder sind nicht besser bewiesen als die heutigen; die der
-Christen wie die der Heiden werden mit gleichen Gründen verteidigt.“
-
-Der Pfarrer warf seine Gabel auf den Tisch.
-
-„Jene waren falsch, sag ich noch einmal! Es gibt keine Wunder außerhalb
-der Kirche!“
-
-„Sieh da,“ sagte sich Pécuchet im stillen, „das ist dasselbe Argument
-wie bei den Märtyrern: die Lehre stützt sich auf die Tatsachen und die
-Tatsachen stützen sich auf die Lehre.“
-
-Nachdem Herr Jeufroy ein Glas Wasser getrunken hatte, fuhr er fort:
-
-„Trotzdem Sie sie leugnen, glauben Sie daran. Die Welt, die durch zwölf
-Fischer bekehrt wird, das ist, so scheint mir, ein herrliches Wunder!“
-
-„Keineswegs!“
-
-Pécuchet erklärte das auf andere Weise.
-
-„Der Monotheismus kommt von den Hebräern, die Dreieinigkeit von den
-Indern, der Logos gehört Plato und die jungfräuliche Mutter Asien.“
-
-Gleichviel! Herr Jeufroy hielt am Übernatürlichen fest, wollte nicht
-zugeben, daß das Christentum den geringsten menschlichen Daseinsgrund
-habe, obgleich er bei allen Völkern Vorboten oder Entstellungen
-desselben sah. Die spottsüchtige Gottlosigkeit des achtzehnten
-Jahrhunderts, die hätte er geduldet; doch die moderne Kritik mit ihrer
-Höflichkeit brachte ihn außer sich.
-
-„Mir ist ein lästernder Atheist lieber als ein spitzfindiger Skeptiker!“
-
-Dann blickte er sie in herausfordernder Weise an, als wenn er sie
-verabschieden wolle.
-
-Pécuchet ging in melancholischer Stimmung nach Hause. Er hatte darauf
-gehofft, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen.
-
-Bouvard gab ihm diese Stelle aus Louis Hervieu zu lesen:
-
-„Um den trennenden Abgrund zu ermessen, stelle man ihre Axiome einander
-gegenüber:
-
-Die Vernunft sagt euch: Das Ganze umschließt den Teil; und der Glaube
-antwortet euch: Durch die Transsubstantiation hatte Jesus, während er
-mit seinen Jüngern das Abendmahl aß, seinen Körper in der Hand und sein
-Haupt im Munde.“
-
-„Die Vernunft sagt euch: Man ist nicht verantwortlich für anderer
-Verbrechen; und der Glaube antwortet: Durch die Erbsünde.“
-
-„Die Vernunft sagt euch: Drei ist drei; und der Glaube erklärt: Drei
-ist eins.“
-
-Sie verkehrten nicht mehr mit dem Abbé.
-
-Es war zur Zeit des Italienischen Krieges.
-
-Die gutgesinnten Leute zitterten für den Papst. Man schimpfte auf
-Emanuel. Frau von Noares stand nicht an, seinen Tod zu wünschen.
-
-Bouvard und Pécuchet protestierten nur schüchtern. Wenn die Tür des
-Salons sich vor ihnen öffnete und sie sich im Vorüberschreiten in den
-hohen Spiegeln sahen und durch die Fenster die Alleen erblickten, wo
-die rote Weste eines Dieners sich von dem Grün abhob, empfanden sie ein
-Wohlgefühl; und der Luxus dieser Sphäre machte sie gegen das, was man
-dort sagte, nachsichtig.
-
-Der Graf lieh ihnen die sämtlichen Werke des Herrn De Maistre. Er
-trug die darin enthaltenen Grundsätze in vertraulichem Kreise vor:
-vor Hurel, dem Pfarrer, dem Friedensrichter, dem Notar und dem
-Baron, seinem zukünftigen Schwiegersohn, der von Zeit zu Zeit für
-vierundzwanzig Stunden im Schloß zu Besuch weilte.
-
-„Das Schrecklichste,“ sagte der Graf, „ist der Geist von 89! Zuerst
-bestreitet man das Dasein Gottes; dann kritisiert man die Regierung;
-dann kommt die Freiheit; die Freiheit für Beschimpfungen, für
-Auflehnung, für Sinnenlust oder besser gesagt, die Freiheit alles
-drunter und drüber gehen zu lassen, so daß schließlich die Religion und
-die Staatsgewalt die Freiheitsschwärmer, die Häretiker ächten müssen.
-Die Folge war allerdings, daß man über Verfolgung zeterte, als wenn
-die Henker die Verbrecher verfolgten. Ich sage kurz: Kein Staat ohne
-Gott! Denn das Gesetz kann nur geachtet werden, wenn es von oben kommt,
-und gegenwärtig handelt es sich nicht um die Italiener, sondern darum,
-ob die Revolution oder der Papst, Satan oder Jesus Christus den Sieg
-davonträgt.“
-
-Herr Jeufroy gab seine Zustimmung durch kurze Zwischenrufe zu erkennen,
-Hurel durch ein Lächeln, der Friedensrichter durch Wiegen des Kopfes.
-Bouvard und Pécuchet blickten zur Decke; Frau von Noares, die Gräfin
-und Yolande machten Arbeiten für die Armen, und Herr von Mahurot sah,
-neben seiner Braut sitzend, die Zeitungen durch.
-
-Dann traten Pausen ein, in denen jeder in die Untersuchung eines
-Problems vertieft schien. Napoleon III. war kein Retter mehr, und er
-gab sogar ein bedauerliches Beispiel, indem er die Maurer Sonntags an
-den Tuilerien arbeiten ließ.
-
-„Das sollte nicht erlaubt sein,“ war die ständige Redensart des Herrn
-Grafen.
-
-Wirtschaftspolitik, schöne Künste, Literatur, Geschichte,
-wissenschaftliche Doktrinen, über alles entschied er in seiner
-Eigenschaft als Christ und Familienvater, und wollte Gott, daß die
-Regierung in dieser Hinsicht dieselbe Strenge zeigte, die er in seinem
-Hause walten ließ! Die Regierung allein hat zu entscheiden, inwieweit
-die Wissenschaft gefährlich ist; zu weit verbreitet, erregt sie beim
-Volke verhängnisvollen Ehrgeiz. Es war glücklicher, dieses arme Volk,
-als die vornehmen Herren und die Bischöfe den Absolutismus des Königs
-mäßigten. Jetzt beuteten die Industriellen es aus. Es wird in Sklaverei
-verfallen.
-
-Und alle beklagten den Verlust des alten Regimes: Hurel aus
-Unterwürfigkeit, Coulon aus Unwissenheit, Marescot als Künstler.
-
-Als Bouvard glücklich wieder zu Hause war, stärkte er sich an
-Lamettrie, Holbach usw.; und Pécuchet sagte einem Glauben Valet, der
-ein Mittel der Regierung geworden war. Herr von Mahurot hatte am
-Abendmahl teilgenommen, um dadurch einen vorteilhafteren Eindruck auf
-„die Damen“ zu machen, und wenn er zum Gottesdienste ging, so geschah
-es wegen der Dienstboten.
-
-Er war Mathematiker und Verehrer der Künste, spielte Walzer auf dem
-Klavier, bewunderte Töpffer und zeichnete sich durch eine Art vornehmer
-Skepsis aus. Was man über Mißbräuche der Feudalen, die Inquisition und
-die Jesuiten erzähle, seien Vorurteile, und er pries den Fortschritt,
-obschon er alles verachtete, was nicht Edelmann oder auf der
-Polytechnischen Hochschule gewesen war.
-
-Auch Herr Jeufroy mißfiel ihnen. Er glaubte an Zauberei, machte
-Scherze über die heidnischen Götter, versicherte, daß alle Sprachen
-vom Hebräischen abgeleitet wären; seine Rhetorik beschränkte sich auf
-hergebrachte Wendungen; unfehlbar kam der zu Tode gehetzte Hirsch,
-Honig und Wermut, Gold und Blei, Spezereien, Urnen und der Vergleich
-der Seele des Christen mit dem Soldaten, die angesichts der Sünde sagen
-muß: „Hier ist kein Zugang für dich!“
-
-Um seinen Vorträgen zu entgehen, gingen sie so spät wie möglich ins
-Schloß.
-
-Eines Tages jedoch trafen sie ihn dort.
-
-Seit einer Stunde wartete er auf seine beiden Schüler. Plötzlich trat
-Frau von Noares ein.
-
-„Die Kleine ist verschwunden. Ich bringe Viktor. Ach! der Unselige!“
-
-Sie hatte in seiner Tasche einen silbernen Fingerhut gefunden, der seit
-drei Tagen vermißt wurde; dann von Schluchzen erstickt:
-
-„Das ist nicht alles! Das ist nicht alles! Während ich ihn schalt, hat
-er mir sein Hinterteil gezeigt.“
-
-Und ehe der Graf und die Gräfin zu Worte gekommen waren:
-
-„Übrigens bin ich schuld; verzeihen Sie mir!“
-
-Sie hatte ihnen verborgen, daß die beiden Waisen die Kinder des Touache
-wären, der jetzt im Zuchthaus saß.
-
-Was tun?
-
-Wenn der Graf sie fortschickte, waren sie verloren, und die Tat der
-Nächstenliebe würde ihm als eine Laune ausgelegt werden.
-
-Herr Jeufroy war nicht überrascht. Da der Mensch von Natur verderbt
-ist, muß man ihn züchtigen, um ihn zu bessern.
-
-Bouvard war anderer Ansicht. Milde sei besser.
-
-Aber der Graf erging sich noch einmal über die eiserne Faust, die bei
-Kindern wie für Völker unerläßlich sei. Diese hier steckten voller
-Laster; das kleine Mädchen sei lügnerisch, der Schlingel roh. Diesen
-Diebstahl wollte man schließlich entschuldigen; die Unverschämtheit
-niemals; die Erziehung mußte die Schule der Achtung sein.
-
-Also sollte Sorel, der Waldhüter, dem jungen Manne sogleich eine
-tüchtige Tracht Prügel verabfolgen.
-
-Herr von Mahurot, der ihm etwas mitzuteilen hatte, übernahm den
-Auftrag. Im Vorzimmer griff er nach einer Flinte und rief Viktor, der
-mit gesenktem Kopf im Hofe stehen geblieben war.
-
-„Folge mir!“ sagte der Baron.
-
-Da der Weg zum Waldhüter wenig von der Richtung auf Chavignolles
-abführte, begleiteten Herr Jeufroy, Bouvard und Pécuchet den Baron.
-
-Hundert Schritte vom Schlosse bat er sie, nicht mehr zu sprechen,
-solange man am Gehölz entlang ginge.
-
-Das Gelände fiel bis zum Flußufer ab, wo sich große Felsblöcke erhoben.
-Der Fluß bildete goldene Flächen in der untergehenden Sonne. Auf der
-anderen Seite bedeckte sich das Grün der Hügel mit Dunkel. Ein scharfer
-Wind blies.
-
-Kaninchen kamen aus ihrem Bau und fraßen den Rasen ab.
-
-Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter, und die Kaninchen sprangen
-auf, überschlugen sich. Viktor stürzte sich darauf, um sie zu fassen,
-und keuchte, in Schweiß gebadet.
-
-„Du gehst schön mit deinen Sachen um!“ sagte der Baron.
-
-Seine zerfetzte Bluse war blutbefleckt.
-
-Der Anblick des Blutes widerstrebte Bouvard. Seiner Ansicht nach durfte
-man kein Blut vergießen.
-
-Herr Jeufroy erwiderte:
-
-„Die Umstände erfordern es zuweilen. Wenn der Schuldige nicht das
-seinige hergibt, so ist das eines andern nötig, eine Wahrheit, welche
-uns die Geschichte des Erlösers lehrt.“
-
-Nach Bouvards Ansicht hatte sie zu nichts genützt, da fast alle
-Menschen trotz des Opfers unseres Herrn verdammt seien.
-
-„Aber er erneuert es täglich im Abendmahl.“
-
-„Und das Wunder vollzieht sich durch Worte, auch wenn der Priester noch
-so unwürdig ist.“
-
-„Darin liegt das Geheimnis, mein Herr.“
-
-Indessen heftete Viktor die Augen auf die Flinte, versuchte sogar, sie
-zu berühren.
-
-„Davon bleiben mit den Pfoten!“
-
-Und Herr von Mahurot schlug einen Pfad durchs Gehölz ein.
-
-Der Geistliche hatte Pécuchet auf der einen, Bouvard auf der andern
-Seite, und er sagte zu ihm:
-
-„Achtung, Sie wissen, Debetur pueris.“
-
-Bouvard versicherte ihm, daß er sich vor dem Schöpfer demütige, aber
-er sei entrüstet, daß man einen Menschen aus ihm mache. „Man fürchtet
-seine Rache, man müht sich ihm zu Ehren ab, er hat alle Tugenden, einen
-Arm, ein Auge, eine Politik, eine Wohnung. Vater unser, der du bist im
-Himmel, was soll das heißen?“
-
-Und Pécuchet fügte hinzu:
-
-„Die Welt hat sich erweitert, die Erde bildet nicht mehr den
-Mittelpunkt. Sie rollt unter einer unendlichen Anzahl ihresgleichen
-dahin. Viele übertreffen sie an Größe, und diese Herabsetzung unseres
-Erdballs ergibt eine erhabenere Vorstellung von Gott.“
-
-Also mußte die Religion sich ändern. Das Paradies mit seinen Seligen,
-die immer in Betrachtung versunken sind, immer singen und von oben auf
-die Marter der Verdammung herabschauen, ist etwas Kindisches. Wenn man
-daran denkt, daß das Christentum einen Apfel zur Grundlage hat!
-
-Der Pfarrer wurde ärgerlich.
-
-„Bestreiten Sie lieber gleich die Offenbarung, das ist einfacher.“
-
-„Wie kann Gott gesprochen haben?“ sagte Bouvard.
-
-„Beweisen Sie, daß er nicht gesprochen hat!“ sagte Jeufroy.
-
-„Noch einmal, wer bestätigt Ihnen das?“
-
-„Die Kirche!“
-
-„Ein schönes Zeugnis!“
-
-Das Gespräch langweilte Herrn von Mahurot, und er sagte im
-Dahinschreiten:
-
-„Hören Sie doch auf den Pfarrer, er versteht das besser als Sie!“
-
-Bouvard und Pécuchet verständigten sich durch Zeichen, daß sie einen
-anderen Weg einschlagen wollten, dann sagten sie am grünen Kreuz:
-
-„Recht guten Abend!“
-
-„Diener!“ sagte der Baron.
-
-Alles das würde Herrn von Faverges wiedererzählt werden, und ein Bruch
-würde vielleicht die Folge sein. Um so schlimmer. Sie fühlten sich von
-diesen Aristokraten verachtet. Man lud sie nie zum Diner ein, und sie
-hatten Frau von Noares mit ihren ewigen Ermahnungen satt.
-
-Sie konnten jedoch den De Maistre nicht behalten, und etwa vierzehn
-Tage später machten sie wieder einen Besuch im Schloß im Glauben, sie
-würden nicht empfangen werden.
-
-Man nahm sie an.
-
-Die ganze Familie war im Boudoir versammelt. Hurel mit einbegriffen,
-und, was seltsam war, auch Foureau.
-
-Die Zucht hatte Viktor nicht gebessert. Er weigerte sich, seinen
-Katechismus zu lernen, und Viktorine gebrauchte schmutzige Worte. Kurz
-und gut, den Jungen würde man ins Korrektionshaus stecken, das kleine
-Mädchen in ein Kloster geben.
-
-Foureau hatte die nötigen Schritte übernommen, und er war im Begriff zu
-gehen, als die Gräfin ihn zurückrief.
-
-Man erwartete Herrn Jeufroy, um gemeinsam das Datum der Trauung
-festzusetzen, die viel früher auf dem Bürgermeisteramt als in der
-Kirche stattfinden sollte: man wollte zeigen, daß man der Ziviltrauung
-Hohn sprach.
-
-Foureau versuchte, sie zu verteidigen. Der Graf und Hurel griffen sie
-an. Was war die Behörde im Vergleich zum Priesteramt! -- und der Baron
-würde sich nicht für verheiratet gehalten haben, wenn er nur vor einer
-dreifarbigen Schärpe getraut worden wäre.
-
-„Bravo!“ sagte Jeufroy, der eintrat. „Da die Ehe von Jesus eingesetzt
-ist...“
-
-Pécuchet unterbrach ihn: „In welchem Evangelium? In den apostolischen
-Zeiten dachte man so gering von ihr, daß Tertullian sie dem Ehebruch
-gleichsetzt.“
-
-„Ach! das wäre noch schöner!“
-
-„Aber ja! und sie ist kein Sakrament! Das Sakrament bedarf eines
-Symbols. Nennen Sie mir das Symbol der Ehe!“ Der Pfarrer antwortete
-vergebens, daß sie das Bündnis Gottes mit der Kirche darstelle. „Sie
-begreifen das Christentum nicht mehr! und das Gesetz...“
-
-„Es zeigt seine Spur,“ sagte Herr von Faverges; „ohne das Christentum
-würde es die Polygamie zulassen!“
-
-Eine Stimme erwiderte: „Was wäre schlimmes dabei?“
-
-Es war Bouvard, der halb von einem Vorhang verborgen war.
-
-„Man kann mehrere Frauen haben wie die Patriarchen, die Mormonen, die
-Muselmanen, und trotzdem ein Ehrenmann sein!“
-
-„Nie und nimmer!“ rief der Priester. „Das Wesen des Ehrenmannes besteht
-darin, daß er jedem gibt, was er ihm schuldet. Wir schulden Gott
-Verehrung. Nur der Christ verdient den Namen Ehrenmann.“
-
-„Nicht mehr als andere,“ sagte Bouvard.
-
-Der Graf, der in dieser Entgegnung ein Attentat auf seinen Glauben sah,
-begann dessen Lob zu singen. Er habe die Sklaven befreit.
-
-Bouvard führte Stellen an, die das Gegenteil beweisen.
-
-„Sankt Paulus empfiehlt ihnen, ihren Herren wie Jesus zu gehorchen. --
-Sankt Ambrosius nennt die Knechtschaft eine Gabe Gottes.
-
-Der Levitikus, der Exodus und die Konzilien haben sie sanktioniert. --
-Bossuet stellt sie unter die Rechte der Menschen. -- Und der Bischof
-Bouvier billigt sie.“
-
-Der Graf wandte ein, daß das Christentum nichtsdestoweniger die
-Zivilisation gefördert habe.
-
-„Und die Faulheit, indem es aus der Armut eine Tugend machte!“
-
-„Aber die Moral des Evangeliums lassen Sie doch wohl gelten?“
-
-„Nun, so gar moralisch ist diese Moral gerade nicht! Die Arbeiter der
-letzten Stunde werden ebenso bezahlt wie die der ersten. Man gibt dem,
-der hat, und nimmt dem, der nichts hat. Was die Lehre betrifft, einen
-Backenstreich zu empfangen, ohne ihn zu erwidern, und sich bestehlen zu
-lassen, so ermutigt sie die Frechen, die Feiglinge und die Schurken.“
-
-Die Entrüstung wurde noch größer, als Pécuchet erklärt hatte, daß ihm
-der Buddhismus ebenso lieb sei!
-
-Der Priester fing an zu lachen: „Ha, ha, ha! Der Buddhismus!“
-
-Frau von Noares rang die Hände: „Der Buddhismus!“
-
-„Wie..., der Buddhismus!“ wiederholte der Graf.
-
-„Kennen Sie ihn?“ sagte Pécuchet zu Herrn Jeufroy, der sich in seinen
-Worten verfing.
-
-„Schön! Hören Sie! Besser als das Christentum und vor ihm hat er die
-Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt. Seine Regeln sind streng,
-seine Anhänger zahlreicher als die gesamte Christenheit, und was die
-Inkarnation betrifft, so gibt es bei Wischnu nicht eine, sondern neun!
-Also urteilen Sie selbst!“
-
-„Lügen von Reisenden,“ sagte Frau von Noares.
-
-„Die von den Freimaurern verbreitet werden,“ fügte der Pfarrer hinzu.
-
-Und alle sprachen zugleich: „Weiter doch, fahren Sie fort! -- Sehr
-hübsch! -- Ich finde das köstlich. -- Nicht möglich!“ So daß Pécuchet
-aus der Haut fuhr und erklärte, er werde Buddhist werden!
-
-„Sie beleidigen christliche Frauen!“ sagte der Baron. Frau von Noares
-sank in einen Sessel. Die Gräfin und Yolande schwiegen. Der Graf rollte
-die Augen; Hurel wartete auf Weisungen. Der Abbé las in seinem Brevier,
-um seine Fassung nicht zu verlieren.
-
-Dieser Anblick beruhigte Herrn von Faverges, und die beiden
-Biedermänner betrachtend, sagte er: „Wer selbst kein makelloses Leben
-führt, der sollte, ehe er das Evangelium angreift, gut zu machen
-suchen, was...“
-
-„Gut zu machen suchen?“
-
-„Kein makelloses Leben?“
-
-„Genug! meine Herren! Sie werden mich verstehen!“ Dann sich an Foureau
-wendend: „Sorel ist benachrichtigt! Gehen Sie zu ihm!“ Und Bouvard und
-Pécuchet verließen das Haus ohne zu grüßen.
-
-Am Ende der Allee ließen sie alle drei ihren Groll aus: „Man behandelt
-mich wie einen Dienstboten,“ brummte Foureau, -- und da die anderen ihm
-zustimmten, empfand er für sie trotz der Erinnerung an die Hämorrhoiden
-etwas wie Sympathie.
-
-Chausseearbeiter waren auf der Strecke beschäftigt. Der Mann, der sie
-beaufsichtigte, kam herbei; es war Gorju. Man begann ein Gespräch. Er
-überwachte das Aufschütten des Weges, dessen Anlage 1848 beschlossen
-war, und er verdankte die Stellung Herrn Ingenieur von Mahurot.
-
-„Derselbe, der Fräulein von Faverges heiraten wird! Sie kommen wohl von
-dorther?“
-
-„Zum letzten Male!“ sagte Pécuchet schroff.
-
-Gorju machte ein Gesicht, als wenn er von nichts wüßte. „Ein
-Zerwürfnis! So, so!“
-
-Und wenn sie seine Miene hätten sehen können, als sie ihm den Rücken
-wandten, so hätten sie gemerkt, daß er den Grund witterte.
-
-Etwas weiter blieben sie vor einem umgitterten Stück Land mit
-Hundezwingern darauf stehen; daneben lag ein kleines Haus aus roten
-Ziegeln.
-
-Viktorine stand auf der Schwelle. Hundegebell ertönte. Die Frau des
-Hüters erschien.
-
-Da sie wußte, weshalb der Bürgermeister gekommen war, rief sie Viktor
-herbei.
-
-Alles war im voraus fertiggemacht, und die Habseligkeiten der Kinder
-lagen in zwei Taschentüchern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren.
-
-„Gute Reise!“ rief sie ihnen nach, überglücklich, dieses Ungeziefer
-loszuwerden.
-
-War es ihre Schuld, daß sie die Kinder eines Sträflings waren? Sie
-schienen doch ganz sanft zu sein und sich nicht einmal zu sorgen, wohin
-man sie bringen würde.
-
-Bouvard und Pécuchet betrachteten sie, wie sie vor ihnen dahinschritten.
-
-Viktorine summte undeutliche Worte vor sich hin, während sie ihr Tuch
-am Arme hielt wie eine Modistin, die eine Schachtel trägt. Zuweilen
-wandte sie sich um, und angesichts ihrer blonden Löckchen und ihrer
-reizenden Gestalt tat es Pécuchet leid, daß er nicht solch ein Kind
-hatte. Würde sie unter anderen Lebensbedingungen aufwachsen, so würde
-sie später entzückend werden. Welch ein Glück, sie heranwachsen zu
-sehen, jeden Tag ihr Vogelgezwitscher zu hören, sie so oft er wollte zu
-umarmen, -- und ein Gefühl der Rührung stieg in ihm empor, feuchtete
-seine Wimpern und machte sein Herz ein wenig schwer.
-
-Viktor hatte sein Gepäck wie ein Soldat über den Rücken gelegt. Er
-pfiff, warf Steine nach den Krähen in den Furchen, lief unter die
-Bäume, um sich Stöcke zu schneiden; Foureau rief ihn zurück; und
-Bouvard, der ihn festhielt, fühlte mit Wonne in seiner Hand diese
-gesunden und kräftigen Kinderfinger. Der arme kleine Teufel verlangte
-nur, sich frei entwickeln zu können wie eine Pflanze in frischer Luft!
-Und er sollte zwischen Mauern bei Schulstunden, Strafen und einer Menge
-von Dummheiten verkommen! Bouvard wurde von einem aufsässigen Mitleid
-erfaßt, einer Entrüstung gegen das Schicksal, einem jener Wutanfälle,
-in denen man die Obrigkeit vernichten möchte. „Lauf!“ sagte er,
-„vergnüge dich! Nütze die freie Zeit!“
-
-Der Bengel rannte davon.
-
-Seine Schwester und er sollten im Wirtshaus übernachten, -- und bei
-Tagesanbruch sollte der Bote von Falaise Viktor mitnehmen, um ihn
-in der Strafanstalt zu Beaubourg abzuliefern; -- eine Nonne des
-Waisenhauses zu Grand-Camp sollte Viktorine in Empfang nehmen.
-
-Nachdem Foureau diese Einzelheiten erzählt hatte, vertiefte er sich
-in seine Gedanken. Doch Bouvard wollte wissen, wieviel der Unterhalt
-dieser beiden Bälge kosten konnte.
-
-„Pah!... Eine Angelegenheit von dreihundert Franken vielleicht! Der
-Graf hat mir fünfundzwanzig Franken für die ersten Auslagen überwiesen!
-Welch ein Knicker!“
-
-Und Foureau, noch mit dem Groll über die Verachtung seiner Schärpe im
-Herzen, beschleunigte seine Schritte, ohne ein Wort zu sagen.
-
-Bouvard murmelte: „Sie tun mir leid. Ich möchte mich wohl mit ihnen
-befassen!“ -- „Ich auch,“ sagte Pécuchet. Beiden war derselbe Gedanke
-gekommen.
-
-Es gab wohl Hindernisse?
-
-„Nicht die geringsten,“ erwiderte Foureau. Übrigens hatte er als
-Bürgermeister das Recht, Findelkinder wem ihm gut schien anzuvertrauen.
--- Und nach langem Zögern: „Schön, gut! Nehmen Sie sie mit! Das wird
-ihn ärgern.“
-
-Bouvard und Pécuchet nahmen sie mit.
-
-Als sie nach Hause kamen, fanden sie Marcel, wie er unten im
-Treppenhause vor der Madonna kniete und mit Inbrunst betete. Den
-Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, den Mund mit der
-Hasenscharte weit aufgesperrt, so hatte er das Aussehen eines
-verzückten Fakirs.
-
-„Was für ein stumpfsinniger Kerl!“ sagte Bouvard.
-
-„Warum? Vielleicht erlebt er Dinge, um die du ihn beneiden würdest,
-wenn du sie sähest. Gibt es nicht zwei vollständig verschiedene Welten?
-Der Inhalt eines Vernunftschlusses hat weniger Gewicht als die Art und
-Weise, wie man schließt. Was tut der Glaube! Die Hauptsache ist, daß
-man glaubt.“
-
-So wies Pécuchet Bouvards Bemerkung zurück.
-
-
-
-
-X
-
-
-Sie verschafften sich mehrere Werke über Erziehung, und der Weg,
-den sie einzuschlagen hatten, stand für sie fest. Man mußte jeden
-metaphysischen Gedanken fernhalten, die Experimentalmethode anwenden
-und dem Gang der Natur folgen. Da die beiden Zöglinge vergessen
-sollten, was sie gelernt hatten, so war Eile nicht vonnöten.
-
-Obwohl sie eine kräftige Konstitution hatten, wollte Pécuchet sie
-in spartanischer Weise abhärten, an das Ertragen von Hunger und
-Durst, an die Unbilden der Witterung gewöhnen, und sie sollten sogar
-durchlöchertes Schuhwerk tragen, um gegen Erkältungen gefeit zu sein.
-Dem widersetzte sich Bouvard.
-
-Die dunkle Kammer hinten am Flur wurde ihr Schlafzimmer. Die
-Ausstattung bestand in zwei Gurtbetten, zwei kleinen Lagerstätten,
-einem Kruge; das Guckfenster saß über ihren Köpfen, und Spinnen liefen
-an den Gipswänden entlang.
-
-Oft kam ihnen das Innere einer Hütte, in der man sich zankte, in die
-Erinnerung zurück.
-
-Ihr Vater war eines Nachts mit blutigen Händen zurückgekehrt. Einige
-Zeit darauf waren die Gendarmen gekommen. Dann hatten sie in einem
-Walde gewohnt. Männer, die Holzschuhe machten, küßten ihre Mutter.
-Sie war gestorben; ein Wägelchen hatte die Kinder fortgebracht. Man
-schlug sie viel; es ging ihnen erbärmlich. Dann sahen sie in der
-Erinnerung den Feldhüter wieder, Frau von Noares, Sorel; und ohne sich
-nach dem Grunde zu fragen, waren sie in diesem neuen Hause glücklich.
-Auch war ihr Erstaunen schmerzlich, als nach Verlauf von acht Monaten
-der Unterricht wieder begann. Bouvard befaßte sich mit der Kleinen,
-Pécuchet mit dem Jungen.
-
-Viktor konnte die Buchstaben unterscheiden, doch wollte es ihm nicht
-gelingen, Silben zu bilden. Er stotterte sie hervor, blieb plötzlich
-stecken und sah aus wie ein Idiot. Viktorine stellte Fragen. Woher
-kommt es, daß ch in „orchestre“ wie q und in „archéologique“ wie k
-gesprochen wird? Zuweilen muß man zwei Vokale verbinden, zu andern
-Malen sie abtrennen. Das alles hat keinen Sinn. Sie war entrüstet.
-
-Die Lehrer unterrichteten zur selben Stunde, jeder in seinem Zimmer,
-und da die Verbindungswand dünn war, bildeten diese vier Stimmen,
-eine dünne, eine tiefe und zwei hohe, eine scheußliche Katzenmusik.
-Um dem ein Ende zu machen und die beiden Bälge durch den Wetteifer
-anzustacheln, kamen sie auf den Gedanken, sie zusammen im Museum
-arbeiten zu lassen, und der Schreibunterricht begann.
-
-Die beiden Schüler schrieben jeder an einem Ende des Tisches eine
-Vorlage ab; aber ihre Körperhaltung war schlecht. Man mußte sie
-aufrichten, ihre Blätter fielen zur Erde, ihre Federn spalteten sich,
-das Tintenfaß fiel um.
-
-An gewissen Tagen ging es mit Viktorine die ersten drei Minuten gut,
-dann zeichnete sie Kritzeleien, und, von Entmutigung erfaßt, verharrte
-sie, den Blick zur Decke gerichtet. Viktor zögerte nicht einzuschlafen,
-wobei er sich mitten auf den Schreibtisch flegelte.
-
-Vielleicht litten sie? Eine zu starke Anspannung ist für junge Gehirne
-schädlich.
-
-„Machen wir eine Pause,“ sagte Bouvard.
-
-Nichts ist stumpfsinniger als auswendig lernen zu lassen; wenn man
-jedoch das Gedächtnis nicht übt, verliert es sich, und sie trichterten
-ihnen die ersten Fabeln Lafontaines ein. Die Kinder fanden Geschmack an
-der Ameise, die aufspeichert, an dem Wolf, der das Lamm frißt, an dem
-Löwen, der alle Teile für sich nimmt.
-
-Als sie kühner geworden waren, verwüsteten sie den Garten. Aber welch
-einen Zeitvertreib sollte man ihnen geben?
-
-Im „Emile“ rät Jean-Jacques dem Erzieher, den Zögling sein Spielzeug
-selbst machen zu lassen, indem er ihm etwas dabei hilft, ohne daß das
-Kind es merkt. Bouvard war nicht imstande, einen Reifen herzustellen;
-Pécuchet brachte es nicht fertig, einen Ball zu nähen. Sie gingen zu
-den belehrenden Spielen über, wie dem Ausschneiden. Pécuchet zeigte
-ihnen sein Mikroskop. Nachdem Bouvard eine Kerze angezündet hatte,
-bildete er mit dem Schatten seiner Finger auf der Wand den Umriß eines
-Hasen oder eines Schweins. Die Zuschauer hatten bald genug davon.
-
-Einige Verfasser preisen als Vergnügen ein ländliches Frühstück; einen
-Ausflug im Boot; war das, offen gesagt, tunlich? Und Fénelon empfiehlt
-von Zeit zu Zeit eine „harmlose Unterhaltung“. Unmöglich, auch nur eine
-einzige zu erfinden.
-
-Sie nahmen die Lehrstunden wieder auf, und die facettierten Kugeln, die
-Linienblätter, das zusammensetzbare Alphabet, das alles hatte keinen
-Erfolg, als sie auf eine List verfielen.
-
-Da Viktor zur Leckerei neigte, zeigte man ihm den Namen eines
-Gerichtes; bald las er fließend im „Französischen Koch“. Viktorine, die
-gefallsüchtig war, sollte ein Kleid bekommen, wenn sie darum an die
-Schneiderin schriebe. In weniger als drei Wochen vollbrachte sie dieses
-Wunder. Es hieß ihren Fehlern schmeicheln, was ein verderbliches, aber
-erfolgreiches Mittel war.
-
-Was sollte man ihnen jetzt, da sie lesen und schreiben konnten,
-beibringen? Neue Verlegenheit.
-
-Die Mädchen brauchen nicht gelehrt zu sein wie die Knaben. Gleichviel!
-Gewöhnlich erzieht man sie in wahrem Stumpfsinn, denn ihr ganzer
-geistiger Ballast beschränkt sich auf mystische Albernheiten.
-
-Ist es richtig, ihnen Sprachen beizubringen?
-
-„Spanisch und Italienisch“, so behauptet der Schwan von Cambray,
-„führen nur dazu, gefährliche Werke zu lesen.“ Dieser Einwand
-schien ihnen dumm. Indessen würde Viktorine mit diesen Sprachen
-nichts anzufangen wissen, während Englisch verbreiteter ist.
-Pécuchet studierte seine Regeln; er zeigte gravitätisch, wie ein th
-ausgesprochen wird. „Sieh, so, the, the, the!“ Doch bevor man an den
-Unterricht eines Kindes geht, muß man dessen Fähigkeiten kennen.
-Man erschließt sie durch die Phrenologie. Sie vertieften sich in
-diese Wissenschaft; wollten dann, was sie behauptet, an sich selbst
-nachweisen. Bouvard zeigte die Buckel des Wohlwollens, der Phantasie,
-der Ehrfurcht und der Liebesenergie, vulgo Erotismus.
-
-An Pécuchets Schläfenbein wurden philosophische Veranlagung und
-Enthusiasmus festgestellt, wozu sich der Geist der List gesellte.
-
-In der Tat, so waren ihre Charaktere. Noch mehr überraschte sie,
-daß sich bei dem einen wie bei dem andern der Hang zur Freundschaft
-erkennen ließ, und, entzückt über die Entdeckung, umarmten sie gerührt
-einander.
-
-Dann dehnten sie ihre Untersuchungen auf Marcel aus. Sein größter
-Fehler war ihnen recht wohl bekannt; es war sein außerordentlicher
-Appetit. Nichtsdestoweniger waren Bouvard und Pécuchet erschrocken, als
-sie oberhalb der Ohrmuschel in der Höhe des Auges den Nahrungstrieb
-feststellten. Mit den Jahren würde ihr Diener vielleicht wie die Frau
-in der Salpêtrière werden, die täglich acht Pfund Brot aß, einmal
-vierzehn Teller Suppe und ein anderes Mal sechzig Schalen Kaffee
-vertilgte. Das würde über ihre Kräfte gehen.
-
-Die Schädel ihrer Schüler hatten nichts Merkwürdiges; gewiß faßten sie
-die Sache nicht richtig an; ein sehr einfaches Mittel brachte ihnen
-größere Erfahrung.
-
-An den Markttagen schlichen sie sich unter die Bauern auf dem
-Platze, zwischen die Hafersäcke, die Käsekörbe, die Kälber, die
-Pferde, ohne des Gedränges zu achten; und wenn sie einen Jungen bei
-seinem Vater fanden, so erboten sie sich, ihm den Schädel zu einem
-wissenschaftlichen Zweck zu betasten.
-
-Die meisten gaben überhaupt keine Antwort; andere, die glaubten, es
-handle sich um eine Salbe gegen den Grind, schlugen ärgerlich ab;
-einige ließen sich aus Gleichgültigkeit unter die Vorhalle der Kirche
-führen, wo man ungestörter sein würde.
-
-Eines Morgens, als Bouvard und Pécuchet dort ihre Untersuchungen
-begannen, erschien plötzlich der Pfarrer, und als er sah, was sie
-machten, erhob er gegen die Phrenologie den Vorwurf, daß sie zum
-Materialismus und Fatalismus führe.
-
-Der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, sie brauchen ihre Verbrechen nur
-auf das Schuldkonto ihrer Buckel zu setzen.
-
-Bouvard wandte ein, daß das Organ für die Tat geneigt mache, ohne
-indessen dazu zu zwingen. Wenn ein Mensch den Keim eines Lasters in
-sich trage, sei damit noch nicht gesagt, daß er lasterhaft sein wird.
-
-„Übrigens bewundere ich die Orthodoxen; sie behaupten das Vorhandensein
-angeborener Ideen und wollen von den Trieben nichts wissen. Welch ein
-Widerspruch!“
-
-Doch nach Herrn Jeufroys Ansicht leugnete die Phrenologie die göttliche
-Allmacht, und es sei ungehörig, sie im Schatten des heiligen Ortes, gar
-angesichts des Altars, auszuüben.
-
-„Nein, nicht hier! Ich bitte Sie, nicht hier!“
-
-Sie ließen sich bei dem Friseur Ganot nieder. Um jedes Bedenken zu
-besiegen, verstanden sich Bouvard und Pécuchet dazu, auf eigene Kosten
-die Eltern rasieren oder frisieren zu lassen.
-
-Eines Nachmittags kam der Doktor, um sich das Haar schneiden zu lassen.
-Während er sich in den Sessel setzte, sah er im Spiegel, wie die beiden
-Phrenologen mit ihren Fingern auf den Kinderköpfen herumfuhren.
-
-„Sind Sie jetzt bei diesem Unsinn angelangt?“ fragte er.
-
-„Warum Unsinn?“
-
-Vaucorbeil lächelte verächtlich, dann versicherte er, es gäbe im Gehirn
-keineswegs mehrere Organe.
-
-So verdaue der eine Mensch ein Nahrungsmittel, welches einem andern
-nicht bekommt. Solle man deshalb im Magen ebensoviele Mägen annehmen
-als es Geschmäcker gibt? Indessen lasse eine Arbeit von einer anderen
-ausruhen, eine geistige Anstrengung nähme nicht zugleich alle
-Fähigkeiten in Anspruch, jede habe einen besonderen Sitz.
-
-„Die Anatomen haben ihn nicht gefunden,“ sagte Vaucorbeil.
-
-„Weil sie nicht richtig seziert haben,“ erwiderte Pécuchet.
-
-„Wieso?“
-
-„Na ja; sie zerlegen in Schnitte, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang
-der Teile,“ sagte Pécuchet, eine Stelle aus einem Buche zitierend,
-deren er sich erinnerte.
-
-„Das ist dummes Geschwätz,“ rief der Arzt. „Der Schädel modelt sich
-nicht nach dem Gehirn, das Äußere nicht nach dem Innern.
-
-Gall irrt, und ich wette, daß Sie die Richtigkeit seiner Lehre nicht
-erweisen können, wenn Sie aufs Geratewohl drei Personen im Laden
-vornehmen.“
-
-Die erste war eine Bäuerin mit blauen Glotzaugen.
-
-Pécuchet sagte, sie beobachtend:
-
-„Sie hat ein gutes Gedächtnis.“
-
-Ihr Gatte bestätigte es und bot sich selbst zur Untersuchung an.
-
-„O! Ihr, mein Guter, Ihr seid schwer zu leiten.“
-
-Die anderen sagten aus, daß es auf der Welt keinen größeren Starrkopf
-gäbe.
-
-Der dritte Versuch wurde mit einem Knaben angestellt, der von seiner
-Großmutter begleitet war.
-
-Pécuchet erklärte, er müsse die Musik lieben.
-
-„Das kann man wohl sagen,“ sagte die gute Frau; „zeig das gerade diesen
-Herren doch mal.“
-
-Der Junge zog eine Maultrommel aus seiner Bluse und begann
-hineinzublasen.
-
-Man hörte ein Krachen; es war die Tür, die der davoneilende Doktor
-heftig zuschlug.
-
-Sie zweifelten nicht mehr an sich selbst, riefen ihre Zöglinge und
-begannen die Untersuchung ihrer Hirnschalen von neuem.
-
-Diejenige Viktorinens war im großen ganzen glatt, was ein Zeichen von
-Gleichgewicht war; aber ihr Bruder hatte einen beklagenswerten Schädel:
-eine starke Erhöhung im Winkel des Scheitelbeinansatzes ließ das
-Organ der Zerstörung, des Mordes erkennen, und weiter unten war eine
-Anschwellung, das Zeichen der Begehrlichkeit, des Diebstahls. Bouvard
-und Pécuchet waren acht Tage lang darob bekümmert.
-
-Aber man mußte genau auf den Sinn der Worte achten: was man Kampflust
-nennt, schließt die Verachtung des Todes ein. Wenn dadurch Mordtaten
-vollbracht werden, so kann auch manches Menschenleben dadurch gerettet
-werden. Der Erwerbssinn umfaßt die Schlauheit der Betrüger und den
-Eifer der Kaufleute. Die Unehrerbietigkeit läuft dem kritischen Geiste
-parallel, die List der Umsicht. Stets teilt sich ein Instinkt in
-zwei Richtungen: in eine schlechte und eine gute. Man kann die eine
-unterdrücken, indem man die andere pflegt, und vermittels dieser
-Methode kann ein kühnes Kind es bis zum General bringen, das sonst ein
-Raubmörder geworden wäre. Der Feigling wird nur noch Vorsicht zeigen,
-der Geizhals Sparsamkeit, der Verschwender Großmut.
-
-Ein glänzender Traum beschäftigte sie: wenn sie die Erziehung ihrer
-Zöglinge zu einem guten Ende geführt hätten, wollten sie später eine
-Anstalt gründen, deren Zweck es sein sollte, den Verstand zu bilden,
-schädliche Charakteranlagen zu bekämpfen, das Gemüt zu veredeln. Sie
-sprachen schon von Geldzeichnungen und dem Gebäude.
-
-Ihr Triumph bei Ganot hatte sie berühmt gemacht, und es kamen Leute,
-die wissen wollten, was für Chancen sie im Leben hätten.
-
-Es marschierten ihrer von allen Arten auf: Schädel von Kugel-, Birnen-
-und Zuckerhutform, viereckige, hohe, zusammengedrückte, abgeplattete,
-solche mit Rinderschnauzen, Vogelgesichtern, Schweinsaugen; doch
-eine solche Menge Menschen störte den Friseur bei seiner Arbeit. Die
-Ellbogen streiften den Glasschrank, der die Parfumerien enthielt;
-man brachte die Kämme in Unordnung, der Waschtisch zerbrach, und der
-Friseur setzte alle Wißbegierigen an die Luft, indem er Bouvard und
-Pécuchet bat, ihnen nachzufolgen, ein Ultimatum, in das sie sich ohne
-Murren fügten, denn sie waren die Schädelbeobachtung ein wenig leid
-geworden.
-
-Als sie am folgenden Morgen an dem Gärtchen des Hauptmanns vorbeikamen,
-bemerkten sie ihn im Gespräch mit Girbal, Coulon, dem Feldhüter und
-dessen jüngstem Sohn Zéphyrin, der als Chorknabe angezogen war. Sein
-Gewand war ganz neu; er spazierte darin umher, bevor es wieder in die
-Sakristei wanderte, und man bewunderte ihn darin.
-
-Neugierig zu erfahren, was sie von seinem Sohne dächten, bat
-Placquevent die Herren, den Schädel seines Jungen zu untersuchen.
-
-Die Stirnhaut sah aus, als ob sie gespannt wäre; eine dünne, an der
-Spitze recht knorpelige Nase senkte sich schräg auf schmale Lippen; das
-Kinn war spitz, der Blick unstät, die rechte Schulter zu hoch.
-
-„Nimm deine Mütze ab,“ sagte der Vater zu ihm.
-
-Bouvard fuhr mit seinen Händen in das strohgelbe Haar des Knaben; dann
-kam Pécuchet an die Reihe, und mit leiser Stimme teilten sie einander
-ihre Beobachtungen mit: „Lebenstrieb ausgeprägt. Ha, ha! Gefallsucht!
-Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden! Liebestrieb gleich Null.“
-
-„Nun?“ sagte der Feldhüter.
-
-Pécuchet öffnete seine Schnupftabakdose und nahm eine Prise.
-
-„Meiner Treu,“ erwiderte Bouvard, „das ist nicht weit her.“
-
-Placquevent errötete vor gekränkter Eigenliebe.
-
-„Er wird trotzdem tun, was ich will.“
-
-„O! o!“
-
-„Aber ich bin sein Vater, zum Teufel! und ich habe wohl das Recht...“
-
-„Bis zu einem gewissen Grade,“ erwiderte Pécuchet.
-
-Girbal unterbrach:
-
-„Die väterliche Autorität ist unbestreitbar.“
-
-„Aber wenn der Vater ein Idiot ist?“
-
-„Tut nichts“, sagte der Hauptmann, „deswegen ist seine Gewalt nicht
-weniger absolut.“
-
-„Im Interesse der Kinder,“ fügte Coulon hinzu.
-
-Nach Bouvards und Pécuchets Auffassung waren die Kinder den Urhebern
-ihrer Tage nichts schuldig, dagegen waren die Eltern ihren Sprößlingen
-gegenüber zur Ernährung, Erziehung, zu entgegenkommender Behandlung,
-kurz zu allem verpflichtet.
-
-Die Bürger erhoben gegen diese unmoralische Anschauung Einspruch. Sie
-verletzte Placquevent wie eine Beleidigung.
-
-„Zudem sind die nett, die Sie auf der Landstraße auflesen; sie werden
-es weit bringen! Nehmen Sie sich in acht!“
-
-„In acht wovor?“ fragte Pécuchet scharf.
-
-„O! ich habe keine Angst vor Ihnen!“
-
-„Ich ebensowenig vor Ihnen!“
-
-Coulon trat vermittelnd dazwischen, brachte den Feldhüter zur Mäßigung
-und veranlaßte ihn, fortzugehen.
-
-Ein paar Minuten sagte niemand ein Wort. Dann sprach man von den
-Dahlien des Hauptmanns, der seinen Besuch nicht fortließ, ohne sie eine
-nach der andern gezeigt zu haben.
-
-Bouvard und Pécuchet waren auf dem Heimwege, als sie hundert Schritte
-vor sich Placquevent erblickten; neben ihm hob Zéphyrin die Arme wie
-als Schild, um sich gegen Ohrfeigen zu schützen.
-
-Was sie soeben gehört hatten, verkörperte unter anderen Formen die
-Ideen des Herrn Grafen; aber das Beispiel ihrer Zöglinge sollte
-beweisen, wie sehr die Freiheit dem Zwange überlegen ist. Ein wenig
-Zucht war indessen notwendig.
-
-Pécuchet nagelte einen Stundenplan für die Vorträge in das Museum;
-man wollte ein Tagebuch führen, in dem abends alles, was die Kinder
-tagsüber getan hatten, aufgezeichnet werden sollte, um am nächsten
-Morgen wieder durchgelesen zu werden. Alles sollte nach Glockenzeichen
-vor sich gehen. Wie Dupont von Nemours wollten sie zuerst in
-väterlicher Weise ermahnen, dann in militärischer, und das Du wurde
-untersagt.
-
-Bouvard versuchte, Viktorine Rechenunterricht zu geben. Manchmal
-verrechneten sie sich und lachten beide darüber; dann küßte sie ihn auf
-den Hals an der Stelle, wo kein Bart war, und bat, fortgehen zu dürfen;
-er entließ sie.
-
-Pécuchet mochte, wenn die Zeit der Lehrstunden nahte, das
-Glockenzeichen geben, so oft er wollte, und militärische Befehle aus
-dem Fenster herausschreien, der Schlingel kam nicht. Seine Halbstrümpfe
-hingen ihm immer auf die Knöchel; er steckte seine Finger selbst
-bei Tisch in die Nase und hielt seine Gase nicht an sich. Broussais
-widerrät, in dieser Beziehung Verweise zu geben, „denn man muß dem
-Antrieb eines erhaltenden Instinktes gehorchen.“
-
-Viktorine und ihr Bruder bedienten sich eines scheußlichen
-Kauderwelsch. Sie sagten: „mé itou“ statt „moi aussi“, „bère“ statt
-„boire“, „al“ statt „elle“, ein „devientiau“, „de l’iau“; doch da
-die Grammatik für Kinder unverständlich ist und sie diese kennen,
-sobald sie richtig zu sprechen vermögen, so überwachten die beiden
-Biedermänner die Gespräche der Kinder in einer Weise, daß es ihnen
-allen eine Last war.
-
-In der Geographie gingen ihre Ansichten auseinander. Bouvard meinte,
-es sei logischer, mit der Gemeinde anzufangen, Pécuchet, mit der
-Gesamtheit der Welt.
-
-Mit einer Gießkanne und Sand wollte er zeigen, was ein Fluß, eine
-Insel, ein Meerbusen sei, und er opferte sogar drei Beete für die
-drei Erdteile; aber das, worauf es ankam, fand in Viktors Kopf keinen
-Eingang.
-
-In einer Januarnacht führte Pécuchet ihn ins freie Feld. Während sie
-dahingingen, sang er das Lob der Astronomie; sie sei den Seeleuten
-auf ihren Reisen nützlich; Christoph Columbus hätte ohne sie seine
-Entdeckung nicht gemacht. Wir schulden Copernikus, Galilei und Newton
-Dank.
-
-Es fror stark, und am schwarzblauen Himmel glitzerten eine Unmenge von
-Sternen. Pécuchet hob die Augen empor.
-
-„Was, wo ist der große Bär?“
-
-Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, stand er an einer andern
-Stelle; schließlich erkannte er ihn, dann zeigte er den Polarstern, der
-immer im Norden steht und nach dem man sich orientiert.
-
-Am folgenden Morgen stellte er in die Mitte des Salons einen Sessel und
-begann, um ihn herumzuwalzen.
-
-„Denke dir, dieser Sessel sei die Sonne und ich sei die Erde; sie
-bewegt sich in dieser Weise.“
-
-Viktor betrachtete ihn voll Staunen.
-
-Dann nahm Pécuchet eine Apfelsine, steckte ein Stäbchen hinein, das
-die Pole andeuten sollte, und zog um sie mit Kohle einen Kreis, der
-den Äquator bedeuten sollte. Darauf führte er die Apfelsine um eine
-Kerze herum und wies darauf hin, daß nicht alle Punkte der Oberfläche
-gleichzeitig erhellt seien, wodurch die klimatischen Unterschiede
-hervorgerufen würden; und um den Wechsel der Jahreszeiten zu erklären,
-neigte er die Apfelsine; denn die Erde hält sich nicht gerade, was
-Ursache der Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden ist.
-
-Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich
-um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang
-fest umschließe.
-
-Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor
-von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen
-nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den
-Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles
-würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden.
-
-Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf
-den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch
-Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an
-die allgemeine Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist,
-darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte
-kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische,
-der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt.
-Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das
-Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von
-Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des
-heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“
-des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von
-„A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“.
-
-Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander.
-Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und
-die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth.
-
-Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor
-vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik
-Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen!
-Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen
-erlernen. Er sollte also lesen.
-
-Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun
-hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu
-geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte.
-
-Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei
-Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas
-und Rahmen das Museum schmücken sollten.
-
-Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück
-Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach
-einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich
-unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber
-die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel
-herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als
-ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er
-erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst
-besteht aus drei Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der
-feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich.
-Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister
-hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken
-Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf
-die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam
-niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers.
-
-Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins.
-Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete,
-hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz
-hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten
-Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und
-Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte
-Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu
-erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß
-sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei
-beibringen.
-
-Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge
-eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem
-die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen.
-Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber
-das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem
-Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes
-gemein.
-
-Eines Tages fragte Viktorine: „Woher kommt es, daß das Holz brennt?“
-Ihre Lehrmeister tauschten verlegene Blicke aus, da die Theorie der
-Verbrennung über ihr Wissen hinausging.
-
-Ein anderes Mal sprach Bouvard von der Suppe bis zum Käse von den
-Bestandteilen der Ernährung und schüchterte die beiden Kleinen mit
-Faserstoff, Kasein, Fett und Glutin ein.
-
-Dann wollte Pécuchet ihnen erklären, wie sich das Blut erneuert, und er
-verhedderte sich, als er vom Kreislauf sprach.
-
-Das Dilemma ist recht unbequem; geht man von den Tatsachen aus, so
-erheischt die einfachste zu verwickelte Gründe, und stellt man
-zunächst die Prinzipien auf, so beginnt man mit dem Absoluten, dem
-Glauben.
-
-Wozu sich entschließen? Die beiden Unterrichtsmethoden, die
-rationalistische und die empirische, verbinden? Aber ein doppeltes
-Mittel, das demselben Zweck dienen soll, ist das Gegenteil von Methode!
-Na, um so schlimmer!
-
-Um die Kinder in die Naturgeschichte einzuführen, unternahmen sie
-einige wissenschaftliche Spaziergänge.
-
-„Da siehst du“, sagten sie, auf einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen
-zeigend, „Tiere mit vier Füßen; man nennt sie Vierfüßler. Gewöhnlich
-haben die Vögel Federn, die Reptilien Schuppen, und die Schmetterlinge
-gehören der Klasse der Insekten an.“ Sie hatten ein Netz, um sie
-einzufangen, und während Pécuchet das Tierchen vorsichtig hielt, zeigte
-er ihnen die vier Flügel, die sechs Füße, die beiden Fühler und den
-harten Rüssel, durch den es den Nektar der Blumen schlürft.
-
-Er sammelte Heilkräuter an den Rändern der Gräben, nannte ihre Namen,
-und wenn er sie nicht wußte, so erfand er welche, um seine Autorität
-nicht zu schädigen. Übrigens sind die Namen in der Botanik das
-Unwichtigste.
-
-Er schrieb folgenden Lehrsatz an die Tafel: Jede Pflanze hat Blätter,
-einen Kelch und eine Blumenkrone, die einen Fruchtknoten oder eine
-Fruchthülle umschließt; darin ist der Same enthalten. Dann befahl er
-seinen Zöglingen, im Felde zu botanisieren und die erstbesten Blumen zu
-pflücken.
-
-Viktor brachte ihm Butterblumen, Viktorine Büschel der Erdbeerstaude;
-er suchte vergeblich nach einer Fruchthülle.
-
-Bouvard, der Pécuchets Kenntnissen mißtraute, stöberte die ganze
-Bibliothek durch und entdeckte im „Redouté des Dames“ die Zeichnung
-einer Iris, bei der die Fruchtknoten nicht in der Blumenkrone lagen,
-sondern unterhalb der Blütenblätter im Stengel.
-
-In ihrem Garten wuchsen Klebe und Waldmeister, der in Blüte stand;
-diese Rubiazeen hatten keinen Kelch; so war der an die Tafel
-geschriebene Lehrsatz falsch.
-
-„Das ist eine Ausnahme,“ sagte Pécuchet.
-
-Zufällig aber fanden sie im Grase eine Sherardia, und sie hatte einen
-Kelch.
-
-„O weh! wenn sogar die Ausnahmen nicht stimmen, was soll man glauben?“
-
-Eines Tages hörten sie auf einem ihrer Spaziergänge Pfauen schreien,
-warfen einen Blick über die Mauer, und im ersten Augenblicke erkannten
-sie ihren Pachthof nicht wieder. Die Scheune hatte ein Schieferdach,
-es waren neue Gattertore da, eine Steinauflage deckte die Wege. Vater
-Gouy erschien: „Nicht möglich, Sie sind es?“ Was hatte sich in den drei
-Jahren nicht alles ereignet, unter anderm der Tod seiner Frau. Was ihn
-selbst beträfe, so trotze seine Gesundheit allen Stürmen. „Kommen Sie
-doch einen Augenblick herein.“
-
-Es war Anfang April, und in den drei Obsthöfen reihten die blühenden
-Apfelbäume ihre weißen und rosigen Ballen in einer Flucht aneinander;
-der seidigblaue Himmel zeigte nicht eine Wolke; Tischtücher,
-Laken, Servietten hingen herab, senkrecht durch Holzklammern an
-aufgespannten Leinen festgehalten. Vater Gouy hob sie hoch, um
-darunter durchzukriechen, als sie plötzlich Frau Bordin erblickten,
-die barhäuptig und in einer Hausjacke war, und Marianne, die ihr ein
-schweres Wäschebündel nach dem andern reichte. „Ihre Dienerin, meine
-Herren! Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären! Ich muß mich setzen, ich
-bin wie zerschlagen.“
-
-Der Pächter bot der ganzen Gesellschaft einen Trunk an.
-
-„Jetzt nicht,“ sagte sie, „ich bin zu warm.“
-
-Pécuchet nahm an und verschwand mit Vater Gouy, Marianne und Viktor in
-der Richtung der Vorratskammer.
-
-Bouvard setzte sich neben Frau Bordin auf die Erde.
-
-Er empfing pünktlich seine Rente, konnte sich nicht beklagen und war
-ihr nicht mehr gram.
-
-Das Licht fiel voll auf ihr Profil; ihr dunkles glattgescheiteltes
-Haar war auf der einen Seite herabgefallen, und die kleinen Löckchen
-im Nacken klebten an ihrer bernsteinfarbenen Haut, die feucht von
-Schweiß war. Ihre beiden Brüste hoben sich bei jedem Atemzuge. Der Duft
-des Rasens vermischte sich mit dem angenehmen Geruch ihres gesunden
-Fleisches, und Bouvard fühlte ein Wiedererwachen seiner Sinne, das
-ihn mit Freude erfüllte. Da sagte er ihr Schmeichelhaftes über ihre
-Besitzung.
-
-Sie war entzückt und sprach von ihren Plänen.
-
-Um die Höfe zu vergrößern, wollte sie die Erdwälle niederlegen lassen.
-
-Gerade in dem Augenblicke erklomm Viktorine deren Böschung und pflückte
-Primeln, Hyazinthen und Veilchen, ohne Furcht vor einer alten Mähre,
-die am Fuße das Gras abfraß.
-
-„Sie ist niedlich, nicht wahr?“ sagte Bouvard.
-
-„Ja, das ist etwas Nettes, ein kleines Mädchen!“
-
-Und die Witwe stieß einen Seufzer aus, der den langen Kummer eines
-ganzen Lebens in sich zu schließen schien.
-
-„Sie hätten Kinder haben können.“
-
-Sie senkte den Kopf.
-
-„Es hat nur an Ihnen gelegen.“
-
-„Wieso?“
-
-Er warf ihr einen Blick zu, daß sie errötete, wie unter der Empfindung
-einer brutalen Zärtlichkeit; doch sie sagte sogleich, sich mit dem
-Taschentuche Luft zufächelnd:
-
-„Sie haben den Anschluß verpaßt, mein Lieber.“
-
-„Ich verstehe nicht.“
-
-Und ohne aufzustehen, näherte er sich ihr.
-
-Sie schaute ihn lange von Kopf bis zu Fuß an; dann sagte sie lächelnd,
-mit feuchten Augen:
-
-„Es war Ihre Schuld.“
-
-Die Laken rings schlossen sie wie die Vorhänge eines Bettes ein.
-
-Er neigte sich, auf seinen Ellbogen gestützt, und streifte ihre Knie
-mit seinem Gesichte.
-
-„Warum? Wieso? Warum?“
-
-Und da sie schwieg und er in einer Stimmung war, wo die Schwüre einem
-leicht werden, versuchte er, sich zu rechtfertigen, klagte sich der
-Torheit, der Vermessenheit an:
-
-„Verzeihung! Es soll wie früher sein! Wollen Sie?“
-
-Und er hatte ihre Hand ergriffen, die sie in der seinigen ließ.
-
-Ein plötzlicher Windstoß hob die Laken, und sie sahen zwei Pfauen,
-ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen hielt sich regungslos mit
-eingeknickten Beinen, das Hinterteil emporgestreckt. Das Männchen
-spazierte um es herum, schlug sein Rad, blähte sich, gluckste, sprang
-dann darauf, indem es sein Gefieder niederschlug; seine Federn
-bedeckten das Weibchen wie eine Laube, und die beiden Vögel erzitterten
-in demselben Liebesschauer.
-
-Bouvard fühlte ihn in der Handfläche Frau Bordins. Sie machte sich
-hastig frei. Vor ihnen stand mit offenem Munde und wie versteinert der
-kleine Viktor und schaute zu; etwas weiter lag Viktorine in der vollen
-Sonne auf dem Rücken und sog den Duft all der Blumen ein, die sie
-gepflückt hatte.
-
-Der alte Gaul, durch die Pfauen erschreckt, zerriß ausschlagend eine
-der Leinen, verwickelte sich mit den Beinen hinein und zog, während er
-in den drei Höfen herumgaloppierte, die Wäsche mit sich.
-
-Auf das wütende Geschrei Frau Bordins eilte Marianne herbei. Der Vater
-Gouy verfluchte sein Pferd: „Schuft von einem Gaul! Schindmähre!
-Spitzbube!“ -- versetzte ihm Fußtritte in den Leib und Schläge mit dem
-Peitschenstiel auf die Ohren.
-
-Bouvard war entrüstet, daß man ein Pferd schlug.
-
-Der Bauer antwortete:
-
-„Das darf ich: es gehört mir!“
-
-Das sei kein Grund.
-
-Und Pécuchet, der dazukam, fügte hinzu, daß auch die Tiere ihre Rechte
-hätten, denn sie hätten eine Seele wie wir, vorausgesetzt, daß die
-unsrige überhaupt existiere.
-
-„Sie sind ein gottloser Mensch!“ rief Frau Bordin.
-
-Dreierlei versetzte sie in Ärger: die neu zu waschende Wäsche, die
-Beleidigung dessen, was sie glaubte, und die Furcht, soeben in einer
-verdächtigen Situation gesehen worden zu sein.
-
-„Ich hätte Sie für vorurteilsloser gehalten!“ sagte Bouvard.
-
-Sie erwiderte in verweisendem Tone:
-
-„Ich liebe die lockeren Vögel nicht!“
-
-Und Gouy machte die Herren für die Beschädigung seines Pferdes
-verantwortlich, das aus den Nüstern blutete. Er brummte ganz leise:
-
-„Verdammte Unglückskerle! Ich wollte es anbinden, da kamen sie.“
-
-Die beiden Biedermänner gingen achselzuckend davon.
-
-Viktor fragte sie, warum sie sich mit Gouy gezankt hätten.
-
-„Er mißbraucht seine Kraft, das ist unrecht.“
-
-„Warum ist das unrecht?“
-
-Sollten die Kinder keine Vorstellung von Gerechtigkeit haben?
-Vielleicht.
-
-Und noch denselben Abend begann Pécuchet, während er Bouvard zur
-Rechten, vor sich ein paar Aufzeichnungen und gegenüber die beiden
-Zöglinge hatte, einen Kursus der Moral.
-
-Diese Wissenschaft lehrt uns die Grundsätze, nach denen wir unser
-Handeln einzurichten haben.
-
-Es hat zwei Motive: das Vergnügen und das Interesse; und ein drittes
-gebieterischeres: die Pflicht.
-
-Die Pflichten zerfallen in zwei Klassen: erstens in solche gegen uns
-selbst, die darin bestehen, unsern Körper zu pflegen, uns vor allerlei
-Unbill zu schützen. Die Kinder begriffen das vollkommen. Zweitens in
-Pflichten gegen die andern, das heißt, man soll stets ohne Falsch,
-gütig und sogar brüderlich sein, denn das Menschengeschlecht bildet
-nur eine große Familie. Oft sagt uns etwas zu, das unsern Mitmenschen
-schadet; das Interesse ist vom Guten verschieden, denn der Begriff des
-Guten läßt sich auf keinen andern Begriff zurückführen. Die Kinder
-verstanden nicht. Er verschob die Strafen, die die Verletzung der
-Pflichten nach sich zieht, auf das nächste Mal.
-
-Bei alledem habe er, so meinte Bouvard, das Gute nicht definiert.
-
-„Wie willst du es definieren? Man fühlt es.“
-
-Dann würden die moralischen Unterweisungen nur moralischen Leuten
-zukommen, und Pécuchets Vorlesung wurde nicht fortgesetzt.
-
-Sie ließen ihre Zöglinge die kleinen Geschichten lesen, die darauf
-abzielen, Liebe zur Tugend zu erwecken. Sie langweilten Viktor tödlich.
-
-Um seine Einbildungskraft anzuregen, hing Pécuchet an die Wände
-seines Zimmers Bilder, die das Leben des ordentlichen Menschen und
-das des liederlichen darstellten. Der erstere, Adolf, umarmte seine
-Mutter, lernte eifrig Deutsch, half einem Blinden und kam auf die
-polytechnische Hochschule.
-
-Der liederliche, Eugen, fing mit Ungehorsam gegen seinen Vater an,
-hatte Streit in einem Café, schlug seine Frau, stürzte vollständig
-betrunken hin, zerschlug einen Schrank und ein letztes Bild zeigte ihn
-im Zuchthaus, wo ein Herr der von einem Knaben begleitet war, auf ihn
-weisend sagte:
-
-„Hier siehst du, mein Sohn, die Gefahren eines schlechten
-Lebenswandels.“
-
-Doch für die Kinder ist die Zukunft nicht vorhanden. Man speiste
-sie vergeblich bis zum Überdruß mit dem Grundsatz: „daß die Arbeit
-ehrenvoll sei und daß der Reichtum nicht immer glücklich mache.“
-Sie hatten Arbeiter gekannt, die keineswegs geehrt wurden, und sie
-gedachten des Schlosses, wo das Leben angenehm schien.
-
-Die Qualen des Gewissens wurden ihnen mit solchen Übertreibungen
-ausgemalt, daß sie die Aufschneiderei witterten und bei allem übrigen
-Mißtrauen zeigten.
-
-Man versuchte, sie bei der Ehre zu fassen, durch den Gedanken an die
-öffentliche Meinung und das Gefühl für Auszeichnung, indem man ihnen
-die großen Menschen rühmte, besonders die, welche ihren Mitmenschen von
-Nutzen gewesen waren, wie Belzunce, Franklin, Jacquard! Viktor bezeugte
-nicht die geringste Neigung, es ihnen gleichzutun.
-
-Als er eines Tages eine Addition ohne Fehler ausgeführt hatte, nähte
-Bouvard ihm ein Band an seine Jacke, welches das Ehrenkreuz bedeuten
-sollte. Viktor brüstete sich damit; doch als er den Tod Heinrichs IV.
-vergessen hatte, setzte ihm Pécuchet eine Eselsmütze auf. Viktor begann
-mit solcher Heftigkeit und so lange wie ein Esel zu schreien, daß man
-ihm die papiernen Ohren abnehmen mußte.
-
-Seine Schwester war gleich ihm stolz auf Lob, aber gleichgültig gegen
-Tadel.
-
-Um ihr Gefühl zu wecken, gab man ihnen eine schwarze Katze, für die
-sie sorgen sollten; man händigte ihnen zwei, drei Sous ein, damit sie
-Almosen gaben. Sie fanden diese Forderung ungerecht; dieses Geld gehöre
-ihnen.
-
-Auf den Wunsch ihrer Erzieher nannten sie Bouvard „Onkelchen“ und
-Pécuchet „Alterchen“, doch sie duzten sie, und die Unterrichtsstunden
-vergingen gewöhnlich zur Hälfte mit Streitigkeiten.
-
-Viktorine mißbrauchte Marcel für ihre Launen, kletterte auf seinen
-Rücken, zog ihn an den Haaren.
-
-Um über seine Hasenscharte zu spotten, sprach sie wie er durch die
-Nase, und der arme Kerl wagte nicht, sich zu beklagen, so sehr liebte
-er das kleine Mädchen. Eines Abends ertönte seine heisere Stimme sehr
-laut. Bouvard und Pécuchet gingen in die Küche herunter. Die beiden
-Zöglinge beobachteten den Kamin, und Marcel schrie händeringend:
-
-„Hol sie heraus! Das ist zu arg! Das ist zu arg!“
-
-Der Deckel des Topfes sprang ab, als wäre eine Granate geplatzt. Ein
-graues Etwas sauste bis zur Decke empor, drehte sich dann wie rasend um
-die eigene Achse und stieß dabei ein schreckliches Geheul aus.
-
-Man erkannte die Katze, die ganz eingefallen und haarlos war. Ihr
-Schwanz glich einem Seil, und die Augen standen ihr riesengroß aus dem
-Kopfe hervor. Sie waren milchfarbig, wie entleert, und sandten doch
-Blicke.
-
-Das entsetzliche Tier heulte immer noch, sprang in den Kamin,
-verschwand und fiel dann als leblose Masse in die Asche.
-
-Es war Viktor, der diese Scheußlichkeit begangen hatte, und die beiden
-Biedermänner zogen sich bleich vor Entsetzen und Schauder zurück. Auf
-die Vorwürfe, die man ihm machte, antwortete er wie der Feldhüter
-hinsichtlich seines Sohnes und wie der Pächter in betreff seines
-Pferdes:
-
-„Was denn! Sie gehört doch mir.“ Er sagte es ungeniert, wie
-selbstverständlich und mit der Ruhe eines befriedigten Triebes.
-
-Das kochende Wasser des Topfes war auf dem Boden umhergespritzt;
-Pfannen, Feuerzange und Leuchter lagen auf den Fliesen.
-
-Es dauerte einige Zeit, bis Marcel die Küche gesäubert hatte, und seine
-Herren und er verscharrten die arme Katze im Garten unter der Pagode.
-
-Dann sprachen Bouvard und Pécuchet eingehend miteinander über Viktor.
-Das väterliche Blut schlug durch. Was tun? Ihn Herrn von Faverges
-zurückgeben oder ihn anderen anvertrauen, wäre ein Eingeständnis ihrer
-Unfähigkeit gewesen. Vielleicht würde er sich bessern.
-
-Gleichviel! Die Hoffnung war zweifelhaft; die Liebe war verschwunden.
-Wie schön wäre es jedoch gewesen, an seiner Seite einen Jüngling
-zu haben, der nach unseren Gedanken fragt, dessen Fortschritte man
-beobachtet, der später zu einem Bruder wird; doch Viktor fehlte es an
-Klugheit und noch mehr an Herz! Und Pécuchet, der sein eines Knie mit
-beiden Händen umspannt hielt, seufzte.
-
-„Die Schwester taugt ebensowenig,“ sagte Bouvard.
-
-Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und
-fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte;
-und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben
-gestorben.
-
-Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung
-ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht
-moralisch oder unmoralisch sein.
-
-Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um
-Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie
-bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie
-in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist.
-Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen;
-möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von
-einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird
-schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit
-bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit
-zurückführen.
-
-Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution
-konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm
-willkommen sein.
-
-Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung;
-Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm
-kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die
-Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück
-gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier,
-Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er
-plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn
-verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe
-gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu
-beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er
-beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel
-taugte nichts.
-
-Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen von Wut
-behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand
-sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek
-eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet
-dazukam:
-
-„Meine Kokosnuß!“
-
-Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach
-Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen
-in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr
-an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den
-Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung
-zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen.
-
-Bouvard machte ihm Vorwürfe.
-
-„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der
-Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“
-
-Pécuchet wandte ein, körperliche Züchtigungen seien zuweilen
-unerläßlich. Pestalozzi wandte sie an, und der berühmte Melanchthon
-gesteht, daß er ohne sie nichts gelernt haben würde. -- Doch haben
-grausame Bestrafungen zum Selbstmord getrieben, man liest von solchen
-Beispielen. Viktor hatte den Eingang zu seinem Zimmer verbarrikadiert.
--- Bouvard verhandelte durch die Tür, und um sie aufzubekommen,
-versprach er ihm eine Pflaumentorte.
-
-Von nun an wurde es schlimmer mit dem Jungen.
-
-Blieb ein von dem Bischof Dupanloup empfohlenes Mittel: „der strenge
-Blick“. Sie versuchten, ihren Gesichtern einen schrecklichen Ausdruck
-zu geben, und hatten nicht den geringsten Erfolg damit.
-
-„Wir können es nur noch mit der Religion versuchen,“ sagte Bouvard.
-
-Pécuchet protestierte. Sie hätten die Religion aus ihrem Programm
-gestrichen.
-
-Doch die Vernunft befriedigt nicht alle Bedürfnisse. Das Herz und
-die Phantasie wollen mehr. Vielen Seelen ist das Übernatürliche
-unentbehrlich, und sie beschlossen, die Kinder in die Katechismusstunde
-zu schicken.
-
-Reine erbot sich, sie dorthin zu bringen. Sie kam wieder ins Haus und
-verstand, durch einnehmende Manieren sich beliebt zu machen.
-
-Viktorine wurde plötzlich anders; sie zeigte sich zurückhaltend,
-wurde süßlich, lag vor der Madonna auf den Knien, bewunderte das Opfer
-Abrahams und hatte ein verächtliches Hohnlächeln, wenn von Protestanten
-die Rede war.
-
-Sie erklärte, man habe ihr aufgegeben zu fasten. Bouvard und Pécuchet
-erkundigten sich: es war nicht wahr. Am Fronleichnamstage verschwanden
-Levkojen von einem Beete, die nachher den Altar schmückten; sie
-leugnete in frecher Weise, sie abgeschnitten zu haben. Ein anderes Mal
-entwendete sie Bouvard zwanzig Sous, die sie beim Abendgottesdienst in
-die Schale des Küsters legte.
-
-Sie schlossen daraus, daß Moral und Religion verschiedene Dinge
-seien; wenn die letztere keinen tieferen Grund hat, ist sie von
-untergeordneter Wichtigkeit.
-
-Eines Abends, während sie speisten, trat Herr Marescot ins Zimmer; im
-selben Augenblick entschlüpfte Viktor.
-
-Der Notar, der es ablehnte, sich zu setzen, erzählte, was ihn herführe:
-der junge Touache habe seinen Sohn beinahe zu Tode geprügelt.
-
-Da man um Viktors Herkunft wußte und er unangenehm war, nannten ihn
-die anderen Bengel Zuchthäusler, und soeben hatte er den jungen Herrn
-Marescot in unverschämter Weise verhauen. Der Körper des teuren Arnold
-zeigte die Spuren davon. „Seine Mutter ist in Verzweiflung, sein Anzug
-in Fetzen, seine Gesundheit geschädigt! Was soll daraus werden?“
-
-Der Notar forderte eine scharfe Züchtigung, und unter anderm sollte
-Viktor nicht mehr die Katechismusstunde besuchen, um neue Zusammenstöße
-zu vermeiden!
-
-Obwohl Bouvard und Pécuchet durch den hochfahrenden Ton verletzt waren,
-versprachen sie alles, was er wünschte, gaben klein bei.
-
-War Viktor dem Antriebe des Ehr- oder dem des Rachegefühls gefolgt? Auf
-jeden Fall war er kein Feigling.
-
-Doch seine Roheit erschreckte sie; die Musik würde seine Sitten
-mildern; Pécuchet kam auf den Gedanken, ihn die Anfangsgründe des
-Gesanges zu lehren.
-
-Es machte Viktor große Mühe, die Noten fließend zu lesen und die
-Ausdrücke Adagio, Presto, Sforzando nicht miteinander zu verwechseln.
-
-Sein Lehrer mühte sich ab, ihm die Tonleiter zu erklären, den
-Dreiklang, die diatonische, die chromatische Leiter und die beiden
-Arten von Intervallen, die sogenannte große und kleine Terz.
-
-Viktor mußte sich ganz gerade hinsetzen, die Brust heraus- und die
-Schultern zurücknehmen und den Mund weit öffnen; und um ihn durch
-Beispiel zu unterrichten, gab Pécuchet selbst die Töne mit falscher
-Stimme an; Viktor brachte die seinige nur mit Mühe aus der Kehle, so
-preßte er sie zusammen; wenn der Takt mit einer Pause begann, sang er
-sogleich los, oder er kam zu spät.
-
-Nichtsdestoweniger machte sich Pécuchet an den zweistimmigen Gesang.
-Anstatt des Bogens nahm er ein Stöckchen und bewegte seinen Arm
-gebieterisch hin und her, als wenn er ein Orchester dirigiert hätte;
-aber von zwei Verrichtungen in Anspruch genommen, kam er aus dem Takt,
-sein Irrtum veranlaßte neue Fehler beim Schüler, und während sie die
-Augenbrauen runzelten und die Halsmuskeln anspannten, fuhren sie aufs
-Geratewohl fort, bis sie unten auf der Seite angelangt waren.
-
-Schließlich sagte Pécuchet zu Viktor: „Du wirst sobald noch nicht in
-den Gesangvereinen glänzen.“ Und er gab den Musikunterricht auf.
-
-Locke hat übrigens vielleicht recht: „Die Musik führt in so liederliche
-Gesellschaft, daß man besser tut, sich mit etwas anderm zu befassen.“
-
-Ohne einen Schriftsteller aus Viktor machen zu wollen, hielten sie es
-für angebracht, wenn er verstände, einen ordentlichen Brief zuwege zu
-bringen. Eine Überlegung hielt sie zurück: man kann den Briefstil nicht
-erlernen, denn er gehört ausschließlich den Frauen.
-
-Sie gedachten sodann, ihm ausgewählte Stücke aus der Literatur ins
-Gedächtnis zu trichtern und, da sie in Verlegenheit waren, was sie
-wählen sollten, zogen sie das Werk der Frau Campan zu Rate. Sie
-empfiehlt die Eliacin-Szene, die Chöre aus Esther, Jean-Baptiste
-Rousseau ganz.
-
-Das alles ist etwas veraltet. Was die Romane anlangt, so untersagt sie
-deren Lektüre, da sie die Welt in zu günstigen Farben malen.
-
-Indessen gestattet sie „Clarissa Harlowe“ und den „Familienvater“ von
-Miß Opy. -- Wer ist diese Miß Opy?
-
-Sie konnten ihren Namen in der „Biographie Michaud“ nicht entdecken.
-Blieben die Märchen. „Sie werden sich Hoffnung auf Diamantenpaläste
-machen,“ sagte Pécuchet. Die Literatur entwickelt den Geist, aber sie
-erhitzt die Leidenschaften.
-
-Viktorine wurde wegen der ihrigen aus der Katechismusstunde gewiesen.
-Man hatte sie überrascht, wie sie den Sohn des Notars küßte, und Reine
-verstand keinen Spaß: ihr Gesicht unter ihrer Haube mit den großen
-Röhrenfalten war ernst.
-
-Wie konnte man nach einem solchen Skandal ein so verdorbenes junges
-Mädchen behalten?
-
-Bouvard und Pécuchet erklärten den Pfarrer für ein altes Roß. Seine
-Magd verteidigte ihn brummend: „Man kennt Sie! Man kennt Sie!“ Sie
-gaben’s ihr zurück, und sie ging, während sie die Augen schrecklich
-rollte.
-
-Viktorine hatte sich in der Tat in Arnold verliebt, so reizend fand sie
-ihn in seinem gestickten Kragen, seiner Samtweste, mit seinem angenehm
-duftenden Haar, und sie brachte ihm Sträuße mit bis zu dem Augenblick,
-wo sie durch Zéphyrin angezeigt wurde.
-
-Wie lächerlich war dieses Abenteuer; die beiden Kinder waren ja
-vollständig unschuldig!
-
-Sollte man sie über das Geheimnis der Zeugung belehren? „Ich sähe
-nichts Schlimmes darin,“ sagte Bouvard. Der Philosoph Basedow erklärte
-es seinen Zöglingen, wobei er jedoch nur auf die Schwangerschaft und
-die Geburt genauer einging.
-
-Pécuchet dachte anders. Viktor begann ihn zu beunruhigen.
-
-Pécuchet hatte ihn im Verdacht, eine böse Angewohnheit zu haben.
-Weshalb nicht? Es gibt ernste Männer, die sie ihr ganzes Leben hindurch
-behalten, und man behauptet, daß der Herzog von Angoulême sich ihr
-hingab.
-
-Er fragte seinen Zögling in einer Weise, daß er ihm die Augen öffnete,
-und bald darauf sah er seinen Argwohn bestätigt.
-
-Da nannte er ihn Verbrecher und wollte ihn zur Heilung Tissot
-lesen lassen. Dieses Meisterwerk wirkte nach Bouvards Ansicht eher
-verderblich als nutzbringend. Besser sei, ihm ein poetisches Gefühl
-einzuflößen. Aimé Martin berichtet, daß eine Mutter in einem ähnlichen
-Falle ihrem Sohne die „Neue Héloise“ zu lesen gab, und um der Liebe
-würdig zu werden, begab sich der junge Mensch schleunigst auf den Pfad
-der Tugend.
-
-Doch Viktor war nicht fähig, eine Sophie zu erträumen.
-
-„Wie wär’s, wenn wir ihn in ein Bordell führten?“
-
-Pécuchet gab seinen Abscheu gegen die öffentlichen Dirnen zu erkennen.
-
-Bouvard hielt das für dumm und sprach sogar davon, dieserhalb eine
-Reise nach le Havre zu machen.
-
-„Was fällt dir ein? Man könnte uns hineingehen sehen!“
-
-„Na, schön! Kaufe ihm ein Schutzmittel!“
-
-„Aber der Bandagist dächte vielleicht, es sei für mich,“ sagte Pécuchet.
-
-Ein aufregendes Vergnügen wie die Jagd tat ihm not; sie würde die
-Ausgabe für eine Flinte, für einen Hund mit sich bringen; sie zogen
-vor, ihn zu ermüden, und unternahmen es, mit ihm in der Gegend
-umherzustreifen.
-
-Der Schlingel entschlüpfte ihnen, obwohl sie einander ablösten: sie
-waren wie erschlagen, und am Abend hatten sie nicht mehr die Kraft, die
-Zeitung zu halten.
-
-Während sie auf Viktor warteten, plauderten sie mit den
-Vorübergehenden, und aus Bedürfnis, ihren Lehrtrieb zu betätigen,
-versuchten sie, den Leuten hygienische Maßregeln beizubringen,
-beklagten den Verlust der Abwässer, die Vergeudung des Düngers,
-wetterten gegen den Aberglauben, das Anbringen eines Drosselskelettes
-in der Scheune, eines geweihten Buchsbaumes hinten im Stall, gegen den
-Sack mit Würmern auf den Füßen der Fieberkranken.
-
-Sie besuchten sogar die Ammen, und sie entrüsteten sich über die Art,
-wie sie die Säuglinge behandelten; einige ernährten sie mit Grieß,
-wodurch die Kinder aus Schwäche zugrunde gingen; andere stopften sie
-mit Fleisch, noch ehe sie sechs Monate alt waren, und die Kleinen
-starben an Verdauungsstörungen; manche reinigten sie mit ihrem eigenen
-Speichel, alle behandelten sie roh.
-
-Wenn sie über der Tür eine gekreuzigte Eule bemerkten, so traten sie in
-den Hof und sagten:
-
-„Das ist unrecht von Ihnen -- diese Tiere leben von Ratten, Feldmäusen;
-im Magen eines Käuzchens hat man eine Menge Raupenlarven gefunden.“
-
-Die Dörfler kannten sie, denn sie hatten sie zuerst als Ärzte, dann
-nach alten Möbeln fahndend, schließlich beim Steinesuchen gesehen, und
-sie antworteten:
-
-„Gehen Sie, Sie Spaßmacher! Wollen Sie doch nicht klüger sein als wir.“
-
-Ihre Überzeugung geriet ins Wanken; denn die Sperlinge reinigen die
-Gemüsegärten, aber zugleich fressen sie die Kirschen ab. Die Eulen
-verschlingen die Insekten und ebenso die Fledermäuse, die nützlich
-sind, -- und wenn die Maulwürfe die Schnecken fressen, wühlen sie
-andrerseits die Erde auf. Eines stand für sie fest, nämlich, daß man
-alles Wild ausrotten müsse, da es dem Ackerbau schade.
-
-Eines Abends gingen sie durch den Wald von Faverges; sie kamen vor das
-Haus, wo Sorel am Wege zwischen drei Männern gestikulierte.
-
-Der erste war ein gewisser Dauphin, ein Schuhflicker, klein, mager,
-mit tückischem Gesichtsausdruck. Der zweite, der alte Aubain, der
-Botendienste in den Dörfern tat, trug einen alten gelben Rock zu einer
-Hose aus blauem Zwillich. Der dritte, Eugen, Diener bei Herrn Marescot,
-zeichnete sich durch einen Bart aus, der wie die Bärte der Beamten
-geschnitten war.
-
-Sorel zeigte ihnen eine Schlinge aus Kupferdraht, die an einem
-Seidenfaden saß; letzterer wurde von einem Ziegel festgehalten; --
-man nenne das eine Dohne, -- und er hatte den Schuhflicker beim Legen
-derselben gefunden.
-
-„Sie sind Zeugen, nicht wahr?“
-
-Eugen nickte in zustimmender Weise, und der alte Aubain erwiderte:
-
-„Wenn Sie es sagen.“
-
-Was Sorel in Wut setzte, war die Frechheit, daß man eine Schlinge so
-nahe bei seiner Wohnung gelegt habe; der Lump bilde sich ein, daß man
-nicht auf den Gedanken komme, an dieser Stelle so etwas zu vermuten.
-
-Dauphin nahm eine weinerliche Miene an:
-
-„Ich trat darauf, ich wollte sie sogar zerreißen.“ Man beschuldige ihn
-immer, man hasse ihn, er sei sehr unglücklich!
-
-Ohne zu antworten, hatte Sorel ein Notizbuch, eine Feder und Tinte aus
-der Tasche gezogen, um ein Protokoll aufzunehmen.
-
-„O! nicht doch!“ sagte Pécuchet.
-
-Bouvard fügte hinzu: „Lassen Sie ihn laufen, er ist ein ordentlicher
-Kerl!“
-
-„Der, ein Wilddieb!“
-
-„Und wenn das wirklich der Fall wäre?“ Und sie begannen, die
-Wilddieberei zu verteidigen: „Zunächst steht fest, daß die Kaninchen
-die jungen Sprossen abnagen, die Hasen das Getreide verderben,
-ausgenommen die Schnepfe vielleicht ...“
-
-„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.“ Und der Waldhüter schrieb mit
-zusammengebissenen Zähnen.
-
-„Welch ein Starrsinn!“ murmelte Bouvard.
-
-„Noch ein Wort, und ich hole die Gendarmen.“
-
-„Sie sind ein ungeschliffener Mensch!“ sagte Pécuchet.
-
-„Und ich schere mich den Teufel um Sie,“ erwiderte Sorel.
-
-Bouvard, sich vergessend, nannte ihn Tölpel, Lakai, und Eugen sagte
-immerfort: „Ruhe! Ruhe! Achten wir das Gesetz!“ während der alte
-Aubain, drei Schritte davon auf einem Steinhaufen sitzend, stöhnte.
-
-Durch die Stimmen erregt, kamen alle Hunde der Meute aus ihren Hütten;
-man sah ihre funkelnden Augen, ihre schwarzen Schnauzen durch das
-Gitter, und bald hierhin, bald dorthin rennend, bellten sie schrecklich.
-
-„Ärgern Sie mich nicht länger,“ schrie ihr Herr, „oder ich lasse sie
-auf Ihre Hosen los!“
-
-Die beiden Freunde entfernten sich, trotz alledem befriedigt, weil sie
-den Fortschritt, die Zivilisation unterstützt hatten.
-
-Sogleich am folgenden Tage erhielten sie eine Vorladung vor das
-Polizeigericht wegen Beleidigung des Waldhüters, der auf hundert
-Franken Buße angetragen habe, vorbehaltlich eines Antrages seitens des
-Staatsanwalts wegen der durch sie begangenen Übertretungen: „Kosten 6
-Frank 75 Cents. Tiercelin, Gerichtsvollzieher.“
-
-Was sollte dabei der Staatsanwalt? Der Kopf schwindelte ihnen; dann
-beruhigten sie sich und bereiteten ihre Verteidigung vor.
-
-Am vorgeschriebenen Tage begaben sich Bouvard und Pécuchet eine Stunde
-zu früh auf das Bürgermeisteramt. Niemand zeigte sich. -- Stühle und
-drei Sessel standen um einen ovalen Tisch, der mit einer Decke bedeckt
-war; in die Mauer war eine Nische zur Einsetzung eines Ofens gebrochen,
-und die Büste des Kaisers, die auf einem Sockel stand, schaute auf das
-Ganze herab.
-
-Sie durchstreiften das Haus bis zum Boden, wo eine Löschpumpe, mehrere
-Fahnen und in einem Winkel auf der Erde noch andere Gipsbüsten lagen:
-der große Napoleon ohne Diadem, Ludwig XVIII. mit Epauletten über dem
-Frack, Karl X., der an seiner herabhängenden Lippe zu erkennen war,
-Ludwig Philipp mit geschweiften Augenbrauen und einer spitz gekämmten
-Tolle; sein Nacken berührte die schräge Neigung des Daches; und
-alle Büsten waren von Fliegen und Staub beschmutzt. Dieser Anblick
-verstimmte Bouvard und Pécuchet. Ein Gefühl des Mitleids für die
-Regierungen ergriff sie, als sie in den großen Saal zurückkehrten.
-
-Hier fanden sie Sorel und den Feldhüter; der eine hatte sein Schildchen
-am Arm, der andere trug ein Käppi. Etwa ein Dutzend Personen plauderten
-miteinander; sie waren angezeigt, weil sie nicht genügend gefegt oder
-weil sie ihre Hunde hatten herumlaufen lassen, weil die Laterne am
-Wagen gefehlt oder weil sie während der Messe die Schankwirtschaft
-offen gehalten hatten.
-
-Endlich kam Coulon in einer Amtsrobe aus schwarzer Sarsche und einem
-runden Barett, das einen unteren Rand aus Samt hatte. Sein Schreiber
-setzte sich zu seiner Linken, der Bürgermeister in der Schärpe nahm
-rechts von ihm Platz, und bald darauf wurde die Angelegenheit Sorel
-gegen Bouvard und Pécuchet aufgerufen.
-
-Louis Martial Eugène Lenepveur, Kammerdiener in Chavignolles
-(Calvados), benutzte seine Eigenschaft als Zeuge, alles darzulegen, was
-er über eine Unmenge von Dingen wußte, die nichts mit dem Streit zu tun
-hatten.
-
-Nicolas Juste Aubain, Tagelöhner, fürchtete, Sorels Mißfallen zu
-erregen und andrerseits den Herren zu schaden; er hatte grobe Worte
-gehört, zweifelte jedoch daran; er berief sich auf seine Taubheit.
-
-Der Friedensrichter ließ ihn sich wieder setzen; dann wandte er sich an
-den Waldhüter:
-
-„Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?“
-
-„Ganz gewiß.“
-
-Dann fragte Coulon die beiden Angeschuldigten, was sie zu sagen hätten.
-
-Bouvard bestritt, Sorel beleidigt zu haben; er habe vielmehr
-durch seine Parteinahme für den Wilderer das Interesse unserer
-Felder gewahrt; er erinnerte an die Mißbräuche der Feudalzeit, die
-vernichtenden Jagden der vornehmen Herren.
-
-„Einerlei! die Übertretung...“
-
-„Ich muß Sie unterbrechen,“ rief Pécuchet. „Die Worte Übertretung,
-Verbrechen und Vergehen sind ohne Wert. Die strafbaren Vorgänge so
-klassifizieren, heißt, von einer willkürlichen Basis ausgehen.
-
-Ebensogut könnte man den Bürgern sagen: ‚Kümmert euch nicht um den
-Wert eurer Handlungen, er wird nur durch die Strafen der Regierung
-bestimmt.‘ Übrigens erscheint mir das Strafgesetzbuch als ein
-unsinniges, der Grundsätze bares Werk.“
-
-„Das mag sein!“ erwiderte Coulon.
-
-Und er wollte sein Urteil sprechen; doch Foureau als Vertreter der
-Staatsanwaltschaft erhob sich. Man habe den Waldhüter bei Ausübung
-seiner Amtsbefugnisse beleidigt. Wenn man die Eigentumsrechte nicht
-mehr achte, so sei alles verloren.
-
-„Kurz, möge es dem Herrn Friedensrichter gefallen, das Höchstmaß der
-Strafe anzuwenden.“
-
-Sie betrug zehn Franken als Buße an Sorel.
-
-„Bravo!“ rief Bouvard.
-
-Coulon war noch nicht zu Ende:
-
-„Verurteilt sie außerdem zu fünf Frank Geldstrafe als schuldig der von
-dem Staatsanwalt geltend gemachten Übertretung.“
-
-Pécuchet wandte sich an die Zuhörer:
-
-„Die Geldstrafe ist eine Bagatelle für den Reichen, aber ein Unglück
-für den Armen. Mir macht sie nichts!“
-
-Und er sah aus, als mache er sich über den Gerichtshof lustig.
-
-„Wirklich,“ sagte Coulon, „ich wundere mich, daß Leute von Verstand...“
-
-„Sie überhebt das Gesetz der Mühe, welchen zu haben!“ erwiderte
-Pécuchet. „Der Friedensrichter verwaltet sein Amt auf unbegrenzte
-Lebenszeit, während der Richter des Oberappellationsgerichtes nur bis
-zum fünfundsiebenzigsten Jahre für amtsfähig gilt und derjenige der
-ersten Instanz nur bis zum siebenzigsten.“
-
-Doch auf ein Zeichen Foureaus trat Placquevent vor. Sie protestierten.
-
-„Ja, wenn Sie im Wettbewerb ernannt würden!“
-
-„Oder durch die Kreisstände.“
-
-„Oder von einer Kommission von Sachverständigen auf Grund einer
-zuverlässigen Liste.“
-
-Placquevent trieb sie vorwärts, -- und sie gingen hinaus unter den
-Hohnrufen der übrigen Angeschuldigten, die glaubten, sich durch diese
-Gemeinheit dem Richter angenehm zu machen.
-
-Um sich ihre Entrüstung vom Herzen zu reden, gingen sie am Abend zu
-Beljambe; sein Café war leer; die Honoratioren waren gewohnt, gegen
-zehn Uhr von dort fortzugehen. Man hatte die Lampe herabgeschraubt; die
-Wände und der Zahltisch lagen im Nebel, -- eine Frau kam. Es war Mélie.
-
-Sie zeigte keine Verwirrung -- und lächelnd schenkte sie ihnen zwei
-Seidel ein. Pécuchet, der sich unbehaglich fühlte, verließ die
-Wirtschaft schnell.
-
-Bouvard ging allein wieder hin, belustigte einige Bürger durch
-Spötteleien über den Bürgermeister und kam von dieser Zeit an häufiger
-in die Kneipe.
-
-Sechs Wochen später wurde Dauphin aus Mangel an Beweisen
-freigesprochen. Wie schändlich! Man hielt jetzt dieselben Zeugen für
-verdächtig, welche gegen sie als belastend gegolten hatten.
-
-Und ihre Wut kannte keine Grenzen, als das Verkehrssteueramt sie
-benachrichtigte, daß sie die Strafe zu zahlen hätten. Bouvard griff das
-Verkehrssteueramt als eine für das Eigentum schädliche Einrichtung an.
-
-„Sie irren sich!“ sagte der Steuereinnehmer.
-
-„Ich dächte gar! Es muß ein Drittel der öffentlichen Lasten tragen!“
-
-„Ich möchte ein weniger lästiges Steuerverfahren, ein besseres
-Katasterwesen, Veränderungen an der Einrichtung des Pfandbriefrechts;
-und außerdem sollte man die Bank von Frankreich abschaffen, die das
-Vorrecht des Wuchers hat.“
-
-Girbal zeigte sich dem nicht gewachsen, sank in der Meinung der anderen
-und erschien nicht mehr.
-
-Bouvard indessen sagte dem Wirt zu; er zog Leute herbei und plauderte
-gemütlich mit der Magd, während er auf die Stammgäste wartete.
-
-Er äußerte sonderbare Gedanken über den Elementarunterricht. Wenn man
-die Schule verließ, sollte man seiner Ansicht nach imstande sein,
-Kranke zu pflegen, die wissenschaftlichen Entdeckungen zu verstehen,
-sich für die Künste zu interessieren. Die Forderungen seines Programms
-brachten ihn mit Petit in Streit; und er verletzte den Hauptmann durch
-die Behauptung, daß die Soldaten, anstatt ihre Zeit mit Übungen zu
-verlieren, besser täten, Gemüse zu bauen.
-
-Als die Frage des Freihandels aufs Tapet kam, brachte er Pécuchet
-mit; und den ganzen Winter hindurch gab es im Café drohende Blicke,
-verächtliche Haltungen, Beleidigungen und Schimpfen nebst Faustschlägen
-auf die Tische, daß die Seidel tanzten.
-
-Langlois und die übrigen Kaufleute verteidigten den nationalen
-Handel; Oudot, Spinnereibesitzer, und Mathieu, Goldwarenfabrikant,
-die einheimische Industrie; die Gutsbesitzer und die Pächter die
-einheimische Landwirtschaft, wobei jeder für sich Vorrechte zum
-Nachteil der Mehrheit verlangte. Bouvards und Pécuchets Reden
-beunruhigten.
-
-Da man ihnen vorwarf, nichts von der Praxis zu verstehen, es auf
-Gleichmacherei und Sittenlosigkeit abgesehen zu haben, entwickelten
-sie folgende drei Anschauungen: den Familiennamen durch eine
-Stammrollennummer zu ersetzen; die Franzosen in Rangklassen
-einzuteilen, und um seinen Rang zu behaupten, solle man sich von Zeit
-und Zeit einem Examen unterziehen; Wegfall der Bestrafungen wie der
-Auszeichnungen, aber für alle Dörfer eine besondere Chronik, die auf
-die Nachwelt übergehen sollte.
-
-Man wollte von ihrem System nichts wissen. Sie schrieben einen Artikel
-darüber für die Zeitung von Bayeux, setzten ein Schreiben an den
-Präfekten auf, richteten eine Eingabe an die Kammern, eine Denkschrift
-an den Kaiser.
-
-Die Zeitung druckte ihren Artikel nicht ab.
-
-Der Präfekt würdigte sie keiner Antwort.
-
-Die Kammern blieben stumm, und sie warteten lange auf einen
-Briefumschlag aus den Tuilerien.
-
-Womit beschäftigte sich denn der Kaiser? Ohne Zweifel mit Frauen.
-
-Foureau riet ihnen auf Veranlassung des Unterpräfekten zu größerer
-Zurückhaltung.
-
-Sie kehrten sich weder an den Unterpräfekten, noch an den Präfekten,
-noch an die Räte der Präfektur, ja nicht einmal an den Staatsrat.
-Die Verwaltungsgerichtsbarkeit sei etwas Ungeheuerliches, denn durch
-Gunstbezeugungen und Drohungen übe die Verwaltung eine ungerechte
-Herrschaft über ihre Beamten aus. Kurz, sie wurden lästig, und die
-Honoratioren schärften Beljambe ein, diese beiden Menschen fernzuhalten.
-
-Da brannten Bouvard und Pécuchet vor Verlangen, sich durch ein Werk
-auszuzeichnen, das ihre Mitbürger blenden sollte, und sie fanden nichts
-anderes als Verschönerungsprojekte für Chavignolles.
-
-Drei Viertel der Häuser sollten abgerissen werden; man würde inmitten
-des Ortes einen monumentalen Platz anlegen, ein Spital in der Richtung
-auf Falaise, ein Schlachthaus am Wege nach Caen und in der „Kuhgasse“
-eine bunt gehaltene romanische Kirche bauen.
-
-Pécuchet verfertigte mit chinesischer Tusche eine Zeichnung, wobei
-er nicht vergaß, den Wald gelb, die Bauten rot und die Wiesen grün
-auszumalen, denn die Bilder eines idealen Chavignolles verfolgten ihn
-bis in seine Träume; er wälzte sich schlaflos auf seiner Matratze.
-
-Eines Nachts wurde Bouvard davon wach.
-
-„Bist du krank?“
-
-Pécuchet stammelte:
-
-„Haussmann läßt mich nicht schlafen.“
-
-Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Dumouchel, der nach den
-Preisen der Seebäder an der normännischen Küste fragte.
-
-„Er möge sich trollen mit seinen Bädern. Haben wir denn Zeit, Briefe zu
-schreiben?“
-
-Und nachdem sie sich eine Meßkette, ein Winkelmaß, eine Wasserwage und
-eine Bussole verschafft hatten, begannen neue Studien.
-
-Sie drangen in die Grundstücke ein; oft waren die Bürger überrascht,
-dort diese beiden Männer zu sehen, die Absteckpfähle einpflanzten.
-
-Bouvard und Pécuchet sprachen mit ruhiger Miene über ihre Pläne und
-das, was sich daraus ergeben würde.
-
-Die Einwohner wurden unruhig, denn schließlich konnte vielleicht die
-Behörde ihre Anschauung teilen.
-
-Manchmal trieb man sie in grober Weise fort.
-
-Viktor erkletterte die Mauern und stieg in die Dachgiebel, um ein
-Signal anzubringen, bezeigte guten Willen und sogar einen gewissen
-Eifer.
-
-Sie waren auch mit Viktorine zufriedener.
-
-Wenn sie Wäsche bügelte, bewegte sie ihr Eisen auf dem Brett, während
-sie mit zarter Stimme sang; sie zeigte Interesse für die Wirtschaft,
-machte Bouvard eine Mütze, und ihre Nähte trugen ihr die Komplimente
-Romiches ein.
-
-Romiche war einer jener Schneider, die auf die Gutshöfe gehen, um die
-Kleider auszubessern. Man behielt ihn vierzehn Tage im Hause.
-
-Er war bucklig und hatte rotumränderte Augen, glich jedoch diese
-körperlichen Mängel durch eine närrische Laune wieder aus. Während die
-Herren abwesend waren, belustigte er Marcel und Viktorine durch spaßige
-Erzählungen, streckte seine Zunge bis zum Kinn heraus, ahmte den
-Kuckuck nach, führte sich als Bauchredner vor und legte sich am Abend,
-um die Kosten der Herberge zu sparen, im Waschhaus schlafen.
-
-Nun holte Bouvard eines Morgens, da er fror, zu sehr früher Stunde dort
-Hobelspähne, um sein Feuer anzuzünden.
-
-Ein Anblick ließ ihn erstarren.
-
-Hinter den Trümmern der Truhe schliefen Romiche und Viktorine auf einer
-Matratze.
-
-Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und seine andere Hand, lang
-wie die eines Affen, hielt ihr Knie umfaßt; seine Lieder waren halb
-geschlossen, sein Gesicht noch von einem Krampf der Lust verzogen. Sie
-lächelte, auf dem Rücken liegend. Ihre offenstehende Nachtjacke zeigte
-ihren kindlichen Busen, der von den Liebkosungen des Buckligen rot
-gefleckt war; ihre blonden Haare hingen gelöst, und die Morgendämmerung
-warf über beide ein fahles Licht.
-
-Bouvard war es im ersten Augenblick gewesen, als empfange er einen
-Stoß mitten vor die Brust. Dann hinderte ihn die Scham, auch nur die
-leiseste Bewegung zu machen; schmerzliche Gedanken ergriffen ihn.
-
-„So jung noch, und doch schon eine Verlorene!“
-
-Dann weckte er Pécuchet und teilte ihm kurz alles mit.
-
-„O, der Elende!“
-
-„Wir können nichts daran ändern! Beruhige dich.“
-
-Und lange Zeit hindurch seufzten sie, einander gegenüber sitzend:
-Bouvard ohne Rock und mit verschränkten Armen; Pécuchet am Rande seines
-Lagers, mit bloßen Füßen und in der Nachtmütze.
-
-Romiche sollte an jenem Tage abreisen, da er seine Arbeit beendet
-hatte. Sie bezahlten ihn in hochfahrender Weise, ohne ein Wort zu sagen.
-
-Doch die Vorsehung zürnte ihnen.
-
-Marcel führte sie kurze Zeit darauf in Viktors Zimmer und zeigte ihnen
-unten in dessen Kommode ein Zwanzig-Frank-Stück. Der Schlingel habe ihn
-beauftragt, es ihm einzuwechseln.
-
-Woher rührte es? Sicherlich aus einem Diebstahl, der während ihrer
-Vermessungen begangen war. Doch um es zurückzugeben, hätte man den
-Bestohlenen kennen müssen, und wenn man ihn aufforderte, sich zu
-melden, so würde es aussehen, als wären sie mitschuldig.
-
-Schließlich riefen sie Viktor und befahlen ihm, die Schublade zu
-öffnen; der Napoleon war verschwunden. Der Bengel tat, als ob er nicht
-verstehe.
-
-Soeben jedoch hatten sie es gesehen, dieses Geldstück, und Marcel war
-keiner Lüge fähig. Die Geschichte regte ihn so auf, daß er einen Brief
-an Bouvard seit dem Morgen in seiner Tasche vergessen hatte:
-
- „Sehr geehrter Herr!
-
-Da ich fürchte, daß Herr Pécuchet krank ist, wende ich mich an Ihre
-Liebenswürdigkeit...“
-
-„Von wem ist denn die Unterschrift?“
-
-„Olympe Dumouchel, geborene Charpeau.“
-
-Sie und ihr Gatte fragten an, in welchem Badeorte, Courseulles,
-Langrune oder Lucques, sich die beste Gesellschaft, die am wenigsten
-laute, finde, und ferner wollten sie alle Beförderungswege, den Preis
-der Wäsche und so weiter wissen.
-
-Ihre Wut über diese Belästigung entlud sich gegen Dumouchel; dann
-tauchte die Ermüdung sie in eine noch tiefere Mutlosigkeit.
-
-Sie dachten an all die Last, die sie sich gemacht hatten; so viel
-Lehrstunden, so viel Sorgfalt und so viel Ängste.
-
-„Und wenn man denkt,“ sagten sie, „daß wir einst eine Hilfslehrerin aus
-ihr machen wollten! Und aus ihm letzthin einen Bauführer!“
-
-„Ach, welche Enttäuschung!“
-
-„Wenn sie lasterhaft ist, so ist nicht ihre Lektüre daran schuld.“
-
-„Um ihn zu einem ehrbaren Menschen zu machen, hatte ich ihn mit dem
-Leben Cartouches bekannt gemacht.“
-
-„Vielleicht hat ihnen die Familie, die Sorge einer Mutter gefehlt?“
-
-„Ich ersetzte sie ihnen!“ wandte Bouvard ein.
-
-„Ach!“ fuhr Pécuchet fort. „Aber es gibt Naturen, die des moralischen
-Sinnes bar sind, -- und die Erziehung ist da ohne Einfluß.“
-
-„Ach ja, es ist etwas Schönes um die Erziehung!“
-
-Da die beiden Waisen kein Handwerk verstanden, würde man ihnen zwei
-Stellen als Dienstboten suchen; -- und dann in Gottes Namen! sie würden
-sich nicht mehr um sie kümmern. -- Und von nun an ließen „Onkelchen“
-und „Alterchen“ sie in der Küche essen.
-
-Doch bald langweilten sie sich; ihr Geist bedurfte einer Arbeit, ihr
-Dasein eines Zwecks.
-
-Was beweist übrigens ein Mißerfolg? Was bei Kindern fehlgeschlagen war,
-konnte bei Männern mehr Erfolg haben. Und sie kamen auf den Gedanken,
-Vorlesungen für Erwachsene zu halten.
-
-Ihre Ideen konnten sie nur in einem Vortrag darlegen. Der große Saal
-des Wirtshauses eignete sich vorzüglich dazu.
-
-Beljambe als Beigeordneter hatte Angst, sich bloßzustellen, und gab
-zuerst eine abschlägige Antwort; dann wurde er andern Sinnes, da er
-dachte, er könne dabei verdienen, und benachrichtigte sie davon durch
-seine Magd.
-
-Bouvard küßte sie in übermäßiger Freude auf beide Backen.
-
-Der Bürgermeister war abwesend; der andere Beigeordnete, Herr Marescot,
-der ganz von seinem Bureau in Anspruch genommen war, würde sich wenig
-um den Vortrag kümmern; so konnte er stattfinden, und der Trommler
-kündigte ihn für den folgenden Sonntag um drei Uhr an.
-
-Erst am Abend vorher dachten sie an ihren Anzug.
-
-Pécuchet hatte, dem Himmel sei Dank, einen alten Frack mit Samtkragen,
-zwei weiße Halsbinden und schwarze Handschuhe aufbewahrt. Bouvard legte
-seinen blauen Rock an, eine Nankingweste, Kastorschuhe; und sie waren
-sehr erregt, als sie das Dorf durchschritten und im Wirtshaus zum
-Goldenen Kreuz ankamen....
-
- * * * * *
-
-_Hier bricht das Manuskript Gustave Flauberts ab._
-
-_Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug des Plans, der sich in
-seinen Papieren gefunden hat und der den Schluß des Werkes andeutet._
-
-
-
-
-~Vortrag~
-
-
-Das Wirtshaus zum Goldenen Kreuz, -- zwei hölzerne Seitengalerien im
-ersten Stock mit vorspringendem Balkon -- Hauptgebäude im Hintergrunde
--- Café zu ebener Erde, Speisesaal, Billard; Türen und Fenster stehen
-offen.
-
-Menge: Honoratioren, Leute aus dem Volke.
-
-Bouvard: „Es handelt sich zunächst darum, die Nützlichkeit unseres
-Projektes zu zeigen, unsere Studien geben uns das Recht, das Wort zu
-nehmen.“
-
-
-Rede Pécuchets, pedantisch.
-
-
-Dummheiten der Regierung und der Verwaltung, -- zu viel Steuern,
-Ersparnisse nach zwei Richtungen anstreben; Unterdrückung des Budgets
-des Kultus und desjenigen der Armee.
-
-Man wirft ihm Gottlosigkeit vor.
-
-„Das Gegenteil ist richtig; aber wir bedürfen einer religiösen
-Erneuerung.“
-
-Foureau kommt dazu und will die Versammlung auflösen.
-
-Bouvard erregt Heiterkeit auf Kosten des Bürgermeisters, indem er an
-dessen dumme Prämien für Eulen erinnert. -- Entgegnung.
-
-„Wenn man die Tiere töten soll, die den Pflanzen schaden, müßte man
-auch das Vieh töten, das Gras frißt.“
-
-
-Foureau verläßt den Saal.
-
-
-Rede Bouvards, -- ungezwungen.
-
-Vorurteile: Zölibat der Priester, Bedeutungslosigkeit des Ehebruchs, --
-Emanzipation der Frau:
-
-„Ihre Ohrringe sind das Zeichen ihrer ehemaligen Knechtschaft.“
-
-
-Menschengestüt.
-
-
-Man hält Bouvard und Pécuchet den schlechten Wandel ihrer Zöglinge
-entgegen. -- Wozu auch die Kinder eines Sträflings annehmen?
-
-Theorie der Rehabilitierung. Sie würden sich mit Touache an denselben
-Tisch setzen.
-
-Foureau, der zurückgekehrt ist, liest, um sich an Bouvard zu rächen,
-eine Eingabe von ihm an den Gemeinderat vor, worin er die Errichtung
-eines Bordells in Chavignolles verlangt. -- (Gründe Robins.)
-
-Der Vortrag wird inmitten des größten Tumultes abgebrochen.
-
-
-Während Bouvard und Pécuchet nach Hause gehen, bemerken sie Foureaus
-Diener, der in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Falaise
-davonreitet.
-
-Sie legen sich sehr ermüdet nieder, ohne die Komplotte zu ahnen, die
-gesponnen werden; -- die Motive darlegen, welche der Pfarrer, der Arzt,
-der Bürgermeister, Marescot, das Volk, alle Welt haben, ihnen feind zu
-sein.
-
-
-Am folgenden Morgen sprechen sie beim Frühstück über ihren Vortrag.
-
-Pécuchet sieht schwarz in die Zukunft der Menschheit.
-
-Der moderne Mensch ist minderwertig und zur Maschine geworden.
-
-Schließliche Anarchie des Menschengeschlechts (Büchner I und II).
-
-Unmöglichkeit des Friedens (id.).
-
-Barbarei infolge von übermäßigem Individualismus und dem Wahnsinn, in
-den die Wissenschaft verfallen ist.
-
-Drei Hypothesen: erstens: der pantheistische Radikalismus wird
-jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher
-Despotismus wird daraus hervorgehen; zweitens: wenn der theistische
-Absolutismus triumphiert, so unterliegt der Liberalismus, der seit
-der Reformation die Menschheit durchdrungen hat, und es erfolgt ein
-allgemeiner Umsturz; drittens: wenn die Zuckungen, in denen seit 89
-die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine
-oder die andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken
-uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird kein Ideal,
-keine Religion, keine Moral mehr geben.
-
-Amerika wird die Erde erobert haben.
-
-Zukunft der Literatur.
-
-Allgemeine Verlümmelung: überall wird es hergehen wie bei einem
-Arbeitersaufgelage.
-
-Ende der Welt, weil der Wärmevorrat aufhört.
-
-
-Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit rosig. Der moderne Mensch ist
-auf dem Wege des Fortschritts.
-
-Europa wird durch Asien verjüngt werden. Da es ein historisches Gesetz
-ist, daß die Zivilisation vom Orient zum Okzident kommt -- Rolle Chinas
---, so werden die beiden Menschheiten schließlich ineinander aufgehen.
-
-Künftige Erfindungen: Arten zu reisen, Ballon. -- Unterseeboote mit
-Scheiben, bei beständiger Ruhe, denn die Bewegtheit des Meeres ist nur
-auf der Oberfläche. -- Man wird Fische und Landschaften auf dem Grunde
-des Ozeans vorbeiziehen sehen. -- Gezähmte Tiere. -- Alle Kulturen.
-
-Zukunft der Literatur (Gegenteil der industriellen Literatur). Künftige
-Wissenschaften. -- Die magnetische Kraft regulieren.
-
-Paris wird ein Wintergarten werden. -- Spaliere mit Früchten auf dem
-Boulevard! Die Seine filtriert und warm, -- Unmenge von künstlichen
-Edelsteinen -- verschwenderisch angebrachte Vergoldungen -- Erleuchtung
-der Häuser, -- man wird das Licht aufspeichern, denn es gibt Körper,
-die diese Eigenschaft besitzen, wie der Zucker, das Fleisch gewisser
-Mollusken und der Bologneser Phosphor. Man wird angehalten werden,
-die Vorderseite der Häuser mit einer phosphoreszierenden Masse
-anzustreichen, und ihre Strahlung wird die Straße erleuchten.
-
-Verschwinden des Bösen infolge Verschwindens des Mangels. Die
-Philosophie wird zur Religion werden.
-
-Geistesgemeinschaft aller Völker. Öffentliche Feste.
-
-Man wird auf die Sterne gehen -- und wenn die Erde verbraucht sein
-wird, wird die Menschheit nach den Sternen auswandern.
-
-Kaum hat er geendet, da erscheinen die Gendarmen. -- Ankunft der
-Gendarmen.
-
-Bei ihrem Anblick Aufregung der Kinder, hervorgerufen durch ihre vagen
-Erinnerungen.
-
-Trostlosigkeit Marcels.
-
-Erregung Bouvards und Pécuchets. -- Will man Viktor verhaften?
-
-Die Gendarmen zeigen einen Verhaftungsbefehl vor.
-
-Der Grund ist der Vortrag. Man beschuldigt sie, die Religion, die
-öffentliche Ordnung angegriffen, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt
-aufgereizt zu haben, usw.
-
-Plötzliche Ankunft von Herrn und Frau Dumouchel mit ihrem Gepäck; sie
-wollen ins Seebad. Dumouchel hat sich nicht verändert, die gnädige Frau
-trägt eine Brille und verfaßt Fabeln. -- Ihre Verdutzung.
-
-Der Bürgermeister, der weiß, daß die Gendarmen bei Bouvard und Pécuchet
-sind, kommt, durch ihre Gegenwart ermutigt.
-
-Gorju, der sieht, daß die Obrigkeit und die öffentliche Meinung gegen
-sie sind, will daraus Gewinn schlagen und begleitet Foureau. Da er
-Bouvard für den reicheren der beiden hält, wirft er ihm vor, Mélie
-früher verführt zu haben.
-
-„Ich, niemals!“
-
-Und Pécuchet zittert.
-
-„Und ihr sogar eine Krankheit gelassen zu haben.“
-
-Bouvard protestiert.
-
-„Wenn er ihr nicht wenigstens für das Kind, das sie erwartet, eine
-Rente zahlen will, denn sie ist schwanger.“
-
-Dieser zweiten Beschuldigung liegt der vertrauliche Verkehr Bouvards im
-Café zugrunde.
-
-
-Das Publikum nimmt allmählich das Haus ein.
-
-Barberou, der durch eine geschäftliche Angelegenheit in die Gegend
-gerufen worden, hat soeben im Wirtshaus erfahren, was vor sich geht,
-und kommt dazu.
-
-Er hält Bouvard für schuldig, nimmt ihn beiseite und redet ihm zu,
-nachzugeben, eine Rente zu zahlen.
-
-
-Es kommen der Arzt, der Graf, Reine, Frau Bordin, Frau Marescot unter
-ihrem Sonnenschirm und andere Honoratioren. Die Bengel des Dorfes
-lärmen draußen vor dem Gitter, werfen Steine in den Garten. (Er ist
-jetzt gut gehalten, und die Bevölkerung ist darauf eifersüchtig.)
-
-Foureau will Bouvard und Pécuchet ins Gefängnis stecken.
-
-Barberou legt sich ins Mittel, und wie er verwenden sich Marescot, der
-Arzt und der Graf mit einem beleidigenden Mitleid für sie.
-
-
-Den Verhaftungsbefehl motivieren. Bei Empfang von Foureaus Brief hat
-der Unterpräfekt ihnen einen Verhaftungsbefehl gesandt, um ihnen Angst
-zu machen, dazu einen Brief an Marescot und an Faverges geschrieben,
-worin er sagt, man solle sie in Ruhe lassen, wenn sie Reue zeigten.
-
-Auch Vaucorbeil sucht sie zu verteidigen.
-
-„Man müßte sie vielmehr ins Irrenhaus stecken; sie sind verrückt. --
-Ich werde deshalb an den Präfekten schreiben.“
-
-Alle beruhigen sich.
-
-Bouvard wird Mélie eine Rente aussetzen.
-
-Man kann ihnen die Erziehung der Kinder nicht lassen. -- Sie zeigen
-sich widerspenstig, doch da sie die Waisen nicht gesetzmäßig adoptiert
-haben, nimmt der Bürgermeister sie ihnen.
-
-Die Kinder zeigen eine empörende Gefühllosigkeit. -- Bouvard und
-Pécuchet weinen darüber.
-
-Herr und Frau Dumouchel gehen.
-
-
-So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen.
-
-
-Sie haben kein Interesse mehr am Leben.
-
-Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie
-verheimlichen ihn einer vor dem anderen. -- Von Zeit zu Zeit lächeln
-sie, wenn er ihnen kommt, -- dann sprechen sie ihn schließlich
-gleichzeitig aus:
-
-
-Abschreiben wie einst.
-
-
-Anfertigung eines Schreibtisches mit doppeltem Pult. -- (Sie wenden
-sich deshalb an einen Tischler. Gorju, der von ihrer Erfindung gehört
-hat, erbietet sich, ihn anzufertigen. -- An die Truhe erinnern.)
-
-Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und
-so weiter.
-
-
-Sie machen sich ans Werk.
-
-
-
-
-Nachwort des Übersetzers
-
-
-Es war am 8. Mai 1880. Flaubert hatte die Tage gezählt bis zur
-Beendigung von „Bouvard und Pécuchet“, da nahm ihm der Tod die Feder
-aus der Hand.
-
-Aufgeschlagen lag das Manuskript dieses Werkes auf seinem Schreibtisch,
-als sein großes edles Herz den letzten Schlag tat. Es ist das
-literarische Testament Flauberts. Es ist die Rache, die er an seinem
-Jahrhundert nahm.
-
-All den Ingrimm, die Wut, die Galle, die er seiner Zeit gern
-ins Gesicht gespien, hatte er ein ganzes langes Leben hindurch
-hinabgewürgt. Es war ein heroischer Verzicht, -- der Kunst zuliebe.
-Denn er verachtete das Schaffen aus Affekt, fand es klein und
-erbärmlich, sein persönliches Leid in das Werk zu tragen.
-
-„Je prépare mon vomissement“, so nennt er es, als er an die Vorarbeiten
-zu diesem letzten Werke geht. Was es bis zum Platzen erfüllt und ihm
-einen so bitteren Geschmack gibt, ist das persönliche, das besondere
-Leid seiner Seele: die Dummheit zu sehen und sie nicht ertragen zu
-können.
-
-Wenn es das leidvollste, das bitterste und schwärzeste aller seiner
-Werke geworden ist, so ist es zugleich auch das klarste, hellste,
-geistigste, nüchternste, in dem eine dünne, harte, trockene Luft weht,
-die ganz erfüllt ist von glühendem Erkenntnisdrang.
-
-Mit unerhörter Elastizität spannt sich sein Geist durch die
-Jahrhunderte des menschlichen Gedankens. Denn hier wollte er -- ein
-geradezu wahnwitziges Unterfangen -- das gesamte Wissen seiner Zeit zu
-kritischer Revue aufmarschieren lassen.
-
-Jedes seiner Werke war für Flaubert wie eine lange Seereise, mit
-Stürmen, Bedrängnissen, Qualen, Todesnöten, aber auch mit tiefen
-Entzückungen und Erholungen in glühender Lichtfülle und mit blendenden
-Visionen wunderbarer Landstriche. Dieses hier war die einsamste,
-grausigste Fahrt in die Polargegend des Gedankens. Er wußte: niemand
-würde ihm folgen wollen in diese Nacht voll eisigen Nebels; doch den
-Rückkehrenden würden sie alle mit Kot bewerfen.
-
-Oft hatte er geäußert, daß dies Werk ihn töten würde, -- und er behält
-recht. Einmal muß er die übermenschliche Anstrengung unterbrechen, um
-sich an den „Drei Erzählungen“ zu erholen. Dann aber hält er aus bis
-zuletzt.
-
-In „Bouvard und Pécuchet“ legt Flaubert die Axt an die gesamte
-Geisteskultur seiner Zeit. So entsteht das radikalste Werk, das
-die moderne französische Literatur kennt. Ein Fragezeichen steht
-hinter allen Denkresultaten. Mit unheimlicher Lautlosigkeit stürzen
-Gedankenkatarakte in das Nichts.
-
-Von schwindelnder Höhe zeigt er uns, ganz in der Tiefe, mit fast
-unwahrscheinlicher Deutlichkeit das koboldartige Treiben der Spießer.
-Und während er ihre winzigen Gestalten so saftstrotzend auf die Beine
-stellt, fallen ihre Schatten riesengroß in die Unendlichkeit des
-Weltenraums.
-
-Er schuf in dieser eisigen Satire ein neues Genre: die Komik der Ideen.
-Systeme der Wissenschaft führen einen Faschingstanz auf, bis das
-Gebäude in Flammen steht und sie selbst mit in Rauch aufgehen.
-
-Doch in diesem aus Glut und Eis gemischten Werke wollte Flaubert
-nicht etwa den Geist treffen, sondern all das Unzulängliche, Halbe,
-Platte, Gemeine, Muffige und Stickige seiner anmaßlichen, dünkelhaften
-Äußerung, kurz das, was er unter der „Dummheit des Spießers“ verstand,
-die er haßte mit dem Haß des Gequälten und die ihn doch wieder anzog in
-ihrer Monumentalität und Ungeheuerlichkeit.
-
-Trotz der Grimasse ist kein Zweifel: hinter dem Werke steht ein
-unendlich großer, reicher, tiefer Mensch, der in seiner Größe das Werk
-noch weit überschattet.
-
-Wenige Tage vor seinem Tode schreibt Flaubert seiner Nichte mit
-Beziehung auf „Bouvard und Pécuchet“: „Ich hatte recht!... Meine
-Auskunft stammt von dem Professor der Botanik am Botanischen Garten,
-und ich hatte recht, weil das Schöne immer das Wahre ist, und weil man
-sich in einem gewissen Stadium der Intelligenz (sofern man Methode hat)
-überhaupt nicht irrt. Die Wirklichkeit beugt sich zwar niemals dem
-Ideale, aber sie bestätigt es.“
-
- *
-
-
-
-
-GUSTAVE FLAUBERT
-
-
-_ÄGYPTEN_
-
- ~Einzige autorisierte deutsche Ausgabe,~
- besorgt von E. W. Fischer. Mit 16 Wiedergaben der photographischen
- Aufnahmen von Maxime du Camp, dem Reisegefährten Flauberts.
-
- ~Umschlagzeichnung von Emil Orlik
- In Leinenbroschur und
- Halbpergament~
-
- ~Die Zeit~: „Alle anderen Ägyptenreisenden, ihre Bücher bezeugen
- es, blicken von der Kunst auf die Landschaft. Flaubert blickt
- von der Landschaft auf die Kunst. Darum ist Ägypten in diesen
- flüchtigen Notizen das Land, die Menschen, die Standbilder, der
- Mythos, das ganze Ägypten. -- Was das Geheimnis Flauberts ist, sein
- Auge, auch hier strahlt es, durchdringt es alles Sichtbare.“
-
- (Oskar Manrus Fontana)
-
-
-_REISEBRIEFE_
-
- ~Übersetzt von E. W. Fischer. 2. Tausend
- In Pappband und Ganzleinen~
-
- ~Das Tagebuch~: „Die Briefe sind wundervoll: farbig, witzig,
- sachlich, warm, persönlich. Manche, zum Beispiel die Briefe aus
- Jerusalem, gehören in die Sammlung klassischer Briefe.“
-
- (Stephan Großmann)
-
-
-_JUGENDBRIEFE_
-
- ~Übersetzt von E. W. Fischer. In Vorbereitung~
-
-
-_SÄMTLICHE TAGEBÜCHER_
-
- ~3 Bände. Übersetzt von E. W. Fischer. 3. Tausend
- In Pappbänden und in Halbleder~
-
- ~Berliner Börsen-Curier~: „Vielleicht sind diese 1600 Seiten das
- Herrlichste von Flaubert, -- wahrscheinlich aber das Herrlichste
- nur für den, der seine Werke gelesen hat. Denn die Werke
- erschließen den Sinn des Epos, das hier in unerhörtem Reichtum
- objektiver und subjektiver Gegenwart, mit restlosem Temperament
- des Geistes, der Seele, des Auges einen großen bewunderungs- und
- liebenswürdigen Menschen entfaltet.“
-
- (Oskar Loerke)
-
-
-_BRIEFWECHSEL MIT GEORGE SAND_
-
- ~Übersetzt von Else von Hollander
- Mit einem Essay von Heinrich Mann. 5. Tausend~
- (22. Band der Liebhaber-Bibliothek) Vergriffen
-
-
-_DIE SAGE VON SANKT JULIAN DEM GASTFREIEN_
-
- ~Übersetzt von Else von Hollander~
- Mit 12 Lithographien von Max Kaus. 3. Tausend. In Halbleinen
- (Der Graphischen Bücher 1. Band)
-
-
-GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG POTSDAM
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET ***
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
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-www.gutenberg.org
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-
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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- Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Bouvard und Pécuchet
- Roman aus dem Nachlass
-
-Author: Gustave Flaubert
-
-Translator: Ernst Wilhelm Fischer
-
-Release Date: September 1, 2020 [EBook #63096]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
-so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
-wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
-gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber
-dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht
-beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0">Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein
-Inhaltsverzeichnis erstellt.</p>
-
-<p class="p0">Akzente wurden in französischen Orts- und Personennamen oftmals
-weggelassen; allerdings wurde diese Regel nicht konsequent eingehalten.
-Da sich die französische Akzentsetzung zur Zeit der Herausgabe des
-Buches von der heutigen unterscheiden kann, wurde hierfür dennoch keine
-Harmonisierung vorgenommen.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen. Der Umschlag des zweiten Teilbandes
-diente als Vorlage für die entsprechende Abbildung des vorliegenden
-Buches.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center">GUSTAVE FLAUBERT</p>
-
-<h1>BOUVARD<br />
-UND PÉCUCHET</h1>
-
-<p class="s4 center mtop2 mbot3">ROMAN<br />
-AUS DEM NACHLASS</p>
-
-<p class="s4 center padtop3">EINZIGE AUTORISIERTE<br />
-DEUTSCHE ÜBERTRAGUNG VON E. W. FISCHER</p>
-
-<hr class="titel" />
-
-<p class="s3 center">GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG</p>
-
-<p class="s4 center">POTSDAM <span class="smaller">1922</span></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Copyright 1922 by Gustav Kiepenheuer
-Verlag A. G.<br />
-Potsdam 1922 Druck der Buchdruckerei E. Haberland<br />
-in Leipzig</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak">Inhalt</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">Kapitel</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">I</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#I">3</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">II</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#II">22</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">III</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#III">58</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">IV</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#IV">99</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">V</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#V">131</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">VI</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#VI">152</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">VII</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#VII">181</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">VIII</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#VIII">192</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">IX</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#IX">238</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">X</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#X">277</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <div class="left">Vortrag</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Vortrag">313</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <div class="left">Nachwort des Übersetzers</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Nachwort_des_UEbersetzers">318</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I">I</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon
-vollständig menschenleer.</p>
-
-<p>Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze
-Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen
-abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und
-am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen.</p>
-
-<p>Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von
-Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in
-lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen
-blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit.
-Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien
-erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der
-Sommertage.</p>
-
-<p>Zwei Männer erschienen.</p>
-
-<p>Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten.
-Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste
-geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in
-einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer
-Mütze mit spitzem Schirm.</p>
-
-<p>Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich
-im selben Augenblick auf dieselbe Bank.</p>
-
-<p>Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die
-jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute
-seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in
-der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied.</p>
-
-<p>„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich
-unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span></p>
-
-<p>„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“</p>
-
-<p>„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“</p>
-
-<p>Darauf betrachteten sie einander.</p>
-
-<p>Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen.</p>
-
-<p>Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten
-in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die
-unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib
-und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden
-Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas
-Kindliches.</p>
-
-<p>Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen.</p>
-
-<p>Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und
-schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht
-erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine
-Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur
-Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme.</p>
-
-<p>Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem
-Lande fühlen!“</p>
-
-<p>Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den
-Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich
-allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen.</p>
-
-<p>Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten
-Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel
-schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob;
-die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach
-der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor
-sich.</p>
-
-<p>Ganz gewiß &mdash; und Pécuchet schien davon überrascht &mdash; es war auf der
-Straße noch heißer als im Hause!</p>
-
-<p>Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen.<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span> Er für
-seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde!</p>
-
-<p>Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den
-Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre
-Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas
-liberaler war.</p>
-
-<p>Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es
-waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine
-eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer
-Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben
-waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der
-Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets
-Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und
-eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer;
-manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie
-zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben.</p>
-
-<p>„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“</p>
-
-<p>„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die
-Dauer traurig.“</p>
-
-<p>Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten.
-Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den
-Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte.</p>
-
-<p>Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung.
-Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort
-auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam.</p>
-
-<p>Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen
-herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard
-den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für
-erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren
-Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor
-der Religion.</p>
-
-<p>Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien
-aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span></p>
-
-<p>Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen
-wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen
-Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der
-Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an
-unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die
-große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern
-hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit
-geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter
-sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art
-überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem
-Anfangsstadium.</p>
-
-<p>Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und
-waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse
-hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch
-einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu.</p>
-
-<p>Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als
-Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“</p>
-
-<p>„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen
-den Vorschlag zu machen!“</p>
-
-<p>Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines
-Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde.</p>
-
-<p>Bouvard bestellte die Speisen.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand
-setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann
-priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge,
-was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb
-nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und
-hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie
-alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im
-Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige
-Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler
-angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen
-Dumouchel, der Professor war.</p>
-
-<p>Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span> aus Haaren
-geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten
-den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette
-unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum
-Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr
-tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen
-hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll,
-entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die
-Gäste vor der Tür drehten sich danach um.</p>
-
-<p>Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den
-Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen
-anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit
-verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem
-Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und
-hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden.</p>
-
-<p>Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln
-equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner
-Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden
-zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im
-Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen
-Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich.
-Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet
-wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte
-er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum.</p>
-
-<p>Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu
-beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag.</p>
-
-<p>Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun
-an und machte den Wirt seiner Wohnung.</p>
-
-<p>Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte
-durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen,
-dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände
-der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon,
-andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen,
-verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> Mütze und Muscheln, die
-Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte
-samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die
-Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen.
-An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den
-Lampenruß entstanden war.</p>
-
-<p>Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu
-dürfen.</p>
-
-<p>„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die
-Zugluft fürchtete.</p>
-
-<p>Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem
-Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war.</p>
-
-<p>Bouvard sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“</p>
-
-<p>„Was?“</p>
-
-<p>Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken,
-ohne seine schützende Unterkleidung zu sein.</p>
-
-<p>„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird
-Sie erfrischen.“</p>
-
-<p>Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte:
-„Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung
-begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune,
-gegenüber der Brücke de la Tournelle.</p>
-
-<p>Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und
-Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf
-den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice
-mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner
-Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven.</p>
-
-<p>„Mein Onkel!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn.</p>
-
-<p>Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich
-kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit
-dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf
-der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die
-Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches
-Lächeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span></p>
-
-<p>Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen:</p>
-
-<p>„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“</p>
-
-<p>„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte,
-er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen
-Pécuchets waren Juste Romain Cyrille &mdash; und sie hatten dasselbe Alter:
-siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich
-er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter
-gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig
-seien.</p>
-
-<p>„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen
-Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander
-kennenzulernen.“</p>
-
-<p>Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben
-hatte, wünschten sie einander gute Nacht.</p>
-
-<p>„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe.</p>
-
-<p>Pécuchet stieg die Stufen hinab, ohne auf den Scherz zu antworten. &mdash;</p>
-
-<p>Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos,
-Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme:</p>
-
-<p>„Bouvard! Herr Bouvard!“</p>
-
-<p>Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte
-Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte:</p>
-
-<p>„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“</p>
-
-<p>„Was denn?“</p>
-
-<p>„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend.</p>
-
-<p>All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers
-und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er
-die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am
-Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben
-war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in
-Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe
-gestiegen war.</p>
-
-<p>Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter
-nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn
-mit fünfzehn Jahren aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> Internat genommen, um ihn zu einem
-Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der
-Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte,
-die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren
-Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer
-auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein
-Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als
-Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften
-Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb
-seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne
-Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen
-Arbeiten zu besichtigen.</p>
-
-<p>Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines
-Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte
-ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig
-war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich
-eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate
-später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm.
-Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald
-vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu
-benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei
-den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was
-seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung
-hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort
-und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und
-sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in
-einer Kneipe zu machen.</p>
-
-<p>So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie
-hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie
-übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese
-Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder
-hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für
-alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span></p>
-
-<p>Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine
-erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die
-Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die
-seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu
-rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im
-Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig
-seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur
-Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee.
-Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere
-verschwiegen, nachdenklich, sparsam.</p>
-
-<p>Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou
-bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig
-Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der
-die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn
-unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte
-nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden
-in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und
-ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard.</p>
-
-<p>Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die
-Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie
-gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle
-Tage zusammen.</p>
-
-<p>Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen
-man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise,
-über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die
-Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und
-dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution.</p>
-
-<p>Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das
-Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien,
-den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen.</p>
-
-<p>Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn
-verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p>
-
-<p>In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den
-ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen,
-mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu
-Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten
-aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten
-bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder
-bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte.</p>
-
-<p>Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der
-großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen.</p>
-
-<p>Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France,
-und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die
-nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter
-die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen
-Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten
-sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier
-entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich
-sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und
-merkwürdig waren.</p>
-
-<p>Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht
-zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie
-nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen
-dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre
-Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich
-waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen.</p>
-
-<p>Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr.
-Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie
-an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem
-Landleben.</p>
-
-<p>Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen
-ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich
-den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der
-Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den
-Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft,
-entzückt. Sie wiederholten diese Spa<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span>ziergänge oft. Am folgenden Tage
-waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben.</p>
-
-<p>Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das
-Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und
-dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer
-weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag
-nach Beginn, und sie erhielten Verweise.</p>
-
-<p>Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit
-demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich
-in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich.
-Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas
-von der Grämlichkeit Pécuchets über.</p>
-
-<p>„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der
-eine.</p>
-
-<p>„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere.</p>
-
-<p>Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen!
-Nicht einmal die Hoffnung! &mdash;</p>
-
-<p>Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor
-einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich,
-sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden.</p>
-
-<p>Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ
-einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die
-Fragen, die man an ihn richtete:</p>
-
-<p>„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen.
-Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“</p>
-
-<p>Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum
-Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr,
-verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte.</p>
-
-<p>Er ließ Pécuchet rufen.</p>
-
-<p>Pécuchet erschien.</p>
-
-<p>„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“</p>
-
-<p>„Nicht möglich!“</p>
-
-<p>Bouvard zeigte folgende Zeilen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0">Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar.</p>
-
-<p><span class="mleft2">Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839.</span></p>
-
-<p><span class="mleft3">Mein Herr!</span></p>
-
-<p>Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von
-dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys
-Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes,
-verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats,
-Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige
-Verfügung zu Ihren Gunsten.</p>
-
-<p>Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung.</p>
-
-<p class="right mright2">Tardivel, Notar.</p>
-
-</div>
-
-<p>Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das
-Papier zurück, wobei er langsam sagte:</p>
-
-<p>„Wenn das nur... keine Possen sind!“</p>
-
-<p>„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter
-Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich.</p>
-
-<p>Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die
-Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; &mdash;
-und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und
-eine Träne aus ihren starren Augen floß.</p>
-
-<p>Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am
-Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr
-rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete
-er närrisches Zeug.</p>
-
-<p>Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich
-belaufen auf...</p>
-
-<p>„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“</p>
-
-<p>Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren
-Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar.</p>
-
-<p>Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß:</p>
-
-<p>„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich
-als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der
-gesetzlich verfügbar bleibt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p>
-
-<p>Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber
-er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen
-ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich
-er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte
-Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine
-beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren,
-hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er
-sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß
-seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten
-Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte
-er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht
-seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er
-verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den
-Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der
-Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament
-anerkennen.</p>
-
-<p>Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit
-leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen
-lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ &mdash; und Pécuchet, dessen Kopf
-doch klarer war, konnte nicht darüberkommen.</p>
-
-<p>Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der
-zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich
-regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen,
-wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters
-und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon.</p>
-
-<p>Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von
-wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die
-Reisekosten, zurückkehrte.</p>
-
-<p>Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn
-und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte
-sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat
-den Besitz der Erbschaft an.</p>
-
-<p>Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land
-zurückziehen!“ &mdash; und dieses Wort, das seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> Freund in sein Glück
-einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der
-Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe.</p>
-
-<p>Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er
-nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch!
-Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache.</p>
-
-<p>Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle
-Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden
-bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man
-die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt,
-nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer
-Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war
-wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab
-andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez,
-von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft
-darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte
-stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden.</p>
-
-<p>Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie
-Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten,
-Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag
-der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum
-Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn
-gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie
-würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine
-Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu
-zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! &mdash; Und sie
-würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, &mdash;
-und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe
-anbehielten! &mdash; „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden
-uns den Bart wachsen lassen!“</p>
-
-<p>Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die
-vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein
-solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette,
-eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer,
-und sogar ein<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische
-Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es
-wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten),
-einige gute literarische Werke zu besitzen, &mdash; und sie suchten darnach
-&mdash; oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein
-Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.</p>
-
-<p>„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“</p>
-
-<p>„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen,
-Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge
-benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.</p>
-
-<p>Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre
-Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard,
-der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus,
-um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen
-hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte.
-Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge
-auf die Grundstriche seiner langen Schrift &mdash; doch während er die
-Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht
-gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.</p>
-
-<p>Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts
-gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von
-Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie
-wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine
-pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie
-traurig.</p>
-
-<p>Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die
-Einsamkeit.</p>
-
-<p>Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später
-zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund
-oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu
-schwer zugänglich schien.</p>
-
-<p>Barberou erlöste sie.</p>
-
-<p>Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der
-Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> Chavignolles zwischen
-Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von
-achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr
-ertragfähigen Garten.</p>
-
-<p>Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte
-man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das
-andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard
-wollte nur hundertzwanzigtausend geben.</p>
-
-<p>Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben,
-erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein
-ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus
-seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen
-gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit
-zurück.</p>
-
-<p>Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war
-alles bezahlt.</p>
-
-<p>Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung
-aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft
-sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den
-Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze
-Kontor-Personal zu einem Punsch ein.</p>
-
-<p>Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und
-schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.</p>
-
-<p>Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch
-noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.</p>
-
-<p>Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn
-literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals
-zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.</p>
-
-<p>Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte
-eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu
-besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.</p>
-
-<p>Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen
-tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“
-Die Lichter der Kais zitterten im<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> Wasser, das Rollen der Omnibusse
-verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die
-er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant,
-die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine
-Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine
-Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.</p>
-
-<p>Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde
-es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich
-zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.</p>
-
-<p>Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die
-Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle,
-ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf
-der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet
-werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach
-Chavignolles befördern ließ.</p>
-
-<p>Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die
-Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen
-Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise
-nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.</p>
-
-<p>Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen
-ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem
-Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag
-den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.</p>
-
-<p>Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der
-ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen
-Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie
-suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung
-für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch
-in denselben Schlafstätten.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte
-sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein
-Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das
-Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem
-Grün aus,<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span> Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am
-dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte
-Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet
-duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine
-Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich
-vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich
-sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen
-fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er
-spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen
-Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen
-nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller
-von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und
-der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte
-sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob
-die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden
-Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich
-betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des
-Leidens war voll.</p>
-
-<p>Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch
-einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der
-letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale
-wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.</p>
-
-<p>Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht
-wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er
-lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom
-Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes
-in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine
-Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie
-auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte,
-daß er in einigen Stunden nachkommen würde.</p>
-
-<p>In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd,
-und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits
-von Bretteville die Land<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span>straße verlassen hatte, geriet er auf einen
-Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu
-sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden
-ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht
-brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen,
-und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den
-Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um
-den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon.
-Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und
-stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.</p>
-
-<p>Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach
-in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach
-Chavignolles.</p>
-
-<p>Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei
-Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten
-die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.</p>
-
-<p>Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht.
-Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um
-sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr
-gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ,
-die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden
-zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke
-befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf
-dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft
-gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen
-die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da
-wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“</p>
-
-<p>Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang
-durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen
-das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft
-schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen,
-die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span></p>
-
-<p>Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu
-entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon,
-und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung
-darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen
-von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in
-tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.</p>
-
-<p>Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der
-Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode
-dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen
-stehend. Das war eine Überraschung.</p>
-
-<p>Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann
-schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und
-bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib
-gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten
-im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="II">II</h2>
-
-</div>
-
-<p>Welche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard
-rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die
-beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht
-zu betrachten.</p>
-
-<p>Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune,
-daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln.</p>
-
-<p>Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in
-vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen
-Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf
-der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der
-andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten
-den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten,
-hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler
-Pfad.</p>
-
-<p>Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> Haar in einem
-schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an
-sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte
-ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes.</p>
-
-<p>Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher
-Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister,
-Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte;
-der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau
-Bordin, die von ihren Zinsen lebte. &mdash; Was sie selbst anbetraf, so
-nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain;
-sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den
-Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den
-Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer
-gelegen war.</p>
-
-<p>Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen
-Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen
-Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der
-Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten
-Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte
-Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den
-die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen.</p>
-
-<p>In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten
-sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut
-besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus
-Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein
-blasses Licht.</p>
-
-<p>Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie
-hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und
-seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann.</p>
-
-<p>Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei,
-hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein
-Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu
-setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut
-Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p>
-
-<p>Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie
-erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich,
-die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese
-Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand,
-darüberzuschreiten.</p>
-
-<p>Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite
-zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front.</p>
-
-<p>Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der
-Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten
-zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche
-stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten
-größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten
-ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon
-nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek
-bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere
-Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das
-eiligste war der Garten.</p>
-
-<p>Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen
-eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock,
-während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter
-lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. &mdash; „Ah! Verzeihung!
-Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie
-ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten.</p>
-
-<p>Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu
-machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die
-Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost.</p>
-
-<p>Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig
-geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er
-hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in
-der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten.
-Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten
-sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so
-schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> zu nehmen, auf den
-Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten.</p>
-
-<p>Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie,
-indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie
-gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in
-der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll
-tief in den Boden eindrang.</p>
-
-<p>Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit
-heftigen Stockschlägen.</p>
-
-<p>Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten
-unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter
-herabhängen.</p>
-
-<p>Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in
-drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine
-Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum
-hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben,
-alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande
-der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine
-Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger,
-der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen
-verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach
-langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit
-Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu
-wollen!“</p>
-
-<p>Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf
-der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich
-nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen
-Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten
-(sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er
-antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, &mdash; eine Unhöflichkeit, die
-Bouvard tadelte.</p>
-
-<p>Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie
-richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie
-gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der
-Regen fiel.</p>
-
-<p>Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen
-wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Frühling kam zögernd, und
-sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird
-kommen!“</p>
-
-<p>Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig.
-Die Reben waren vielversprechend.</p>
-
-<p>Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch
-mit dem Ackerbau gelingen; &mdash; und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren
-Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien
-würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen.</p>
-
-<p>Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten
-einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine
-Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich
-eine Zusammenkunft.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo
-man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der
-Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere
-Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem
-Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel
-wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die
-sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in
-ungleiche Vierecke.</p>
-
-<p>Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer
-zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen
-Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich
-zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild
-spiegelten.</p>
-
-<p>Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute.
-Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder
-Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde
-lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man
-eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt
-war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter.</p>
-
-<p>Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung
-und Koteletten. Sein Äußeres ver<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span>einigte den Beamten mit dem Dandy.
-Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach.</p>
-
-<p>Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein
-System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu
-zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar
-an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden.
-Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben
-für dieses Gerät.</p>
-
-<p>Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und
-dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die
-Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es
-gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man
-konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es
-sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während
-er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer
-Landleute laut werden.</p>
-
-<p>Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten
-trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen
-Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide.
-Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk
-auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für
-die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte.</p>
-
-<p>„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich:</p>
-
-<p>„O! unbestreitbar!“</p>
-
-<p>Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das
-an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern
-ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander
-gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden
-reichende Röhren fiel.</p>
-
-<p>„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist
-die Basis meiner vierjährigen Kultur.“</p>
-
-<p>Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam,
-ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p>
-
-<p>Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen
-Manieren, ersetzte ihn.</p>
-
-<p>Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit
-bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen
-pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor
-sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen
-vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten
-sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens
-ergriffen.</p>
-
-<p>Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben
-beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen
-nieder.</p>
-
-<p>Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und
-man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem
-Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen
-Hund neben sich.</p>
-
-<p>Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie
-durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen
-lagen.</p>
-
-<p>Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei
-Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit
-Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu
-diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins
-andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe.</p>
-
-<p>In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine
-Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche
-Türen, die sich von selbst schlossen.</p>
-
-<p>Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die
-auf Steinmauern ruhten.</p>
-
-<p>Um den Herren ein Vergnügen zu machen, streute eine Magd einige
-Hände voll Hafer vor die Hühner. Der Baum der Kelterpresse schien
-ihnen riesenhaft, und sie stiegen ins Taubenhaus empor. Vor allem
-die Milchkammer setzte sie in Staunen. Die Hähne in den Ecken gaben
-genügend Wasser, die Fliesen zu überschwemmen, und beim Eintritt spürte
-man eine Kühle. Braune irdene Gefäße, auf Latten<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> gereiht, waren bis
-zum Rande mit Milch gefüllt. Weniger tiefe Näpfe enthielten Sahne. Die
-Butterwecken reihten sich aneinander wie Stücke einer Messingsäule, und
-der Schaum floß über den Rand der Blecheimer, die man gerade auf den
-Boden gesetzt hatte. Doch die Zierde des Gutshofes war der Rinderstall.
-Holzlatten, die senkrecht der ganzen Länge nach eingelassen waren,
-teilten ihn in zwei Abteilungen: die erste war für das Vieh, die zweite
-für die Bedienung. Man konnte nur mit Mühe darin sehen, da alle Luken
-geschlossen waren. Die angeketteten Rinder fraßen, und ihre Leiber
-strömten eine Wärme aus, welche von der niedrigen Decke zurückschlug.
-Doch jemand machte Licht; ein dünner Wasserstrahl ergoß sich plötzlich
-in die Rinne, welche an den Raufen entlang lief. Brüllen ertönte; die
-Hörner klangen aneinander wie Stöcke. Alle Rinder streckten ihre Mäuler
-zwischen den Stäben durch und soffen langsam.</p>
-
-<p>Die großen Gespanne kamen in den Hof, und Füllen wieherten. Im
-Erdgeschoß wurden zwei, drei Laternen angezündet und verschwanden dann.
-Die Arbeitsleute gingen vorüber, mit ihren Holzschuhen über die Steine
-schlürfend, und die Glocke zum Abendessen ertönte.</p>
-
-<p>Die beiden Besucher machten sich auf den Heimweg.</p>
-
-<p>Alles, was sie gesehen hatten, entzückte sie; ihr Entschluß war gefaßt.
-Noch am selben Abend entnahmen sie ihrer Bibliothek die vier Bände des
-„Landhauses“; auch ließen sie sich Gasparins Abhandlungen zuschicken
-und nahmen ein Abonnement auf eine landwirtschaftliche Zeitung.</p>
-
-<p>Um bequemer auf die Märkte zu kommen, erwarben sie eine zweirädrige
-Halbkutsche, die Bouvard lenkte.</p>
-
-<p>In einem blauen Kittel, mit einem breitrandigen Hut, Gamaschen bis
-zum Knie und mit einem Roßhändlerstock in der Hand umschwärmten
-sie das Vieh, fragten die Arbeiter aus und verfehlten nicht, allen
-Landwirtschaftsfesten beizuwohnen.</p>
-
-<p>Bald wurden sie Meister Gouy mit ihren Ratschlägen lästig. Sie waren
-vor allem mit seiner Dreifelderwirtschaft unzufrieden. Doch der
-Pächter hielt an seiner Erfahrung fest. Er bat um den Nachlaß eines
-Vierteljahrzinses unter<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> Hinweis auf den Hagelschlag. Von Naturalien
-lieferte er nichts ab. Bei noch so gerechten Forderungen begann seine
-Frau zu zetern. Schließlich erklärte Bouvard, den Vertrag nicht wieder
-erneuern zu wollen.</p>
-
-<p>Von dem Augenblicke an sparte Meister Gouy den Dünger, ließ das Unkraut
-wachsen, richtete den Boden zugrunde und zog mit einer wilden Miene ab,
-die Rachepläne verriet.</p>
-
-<p>Bouvard hatte gedacht, daß zwanzigtausend Franken, das heißt der
-vierfache Betrag des Pachtgeldes, für den Anfang genügen würden. Sein
-Pariser Notar sandte sie ihm.</p>
-
-<p>Ihre ganze Anlage umfaßte fünfzehn Hektar an Höfen und Wiesen,
-dreiundzwanzig an bestellbarem Lande und fünf an Brachfeld, die auf
-einem mit Steinen bedeckten kleinen Berge lagen, den man den Hügel
-nannte.</p>
-
-<p>Sie verschafften sich alle notwendigen Geräte, vier Pferde, zwölf Kühe,
-sechs Schweine, hundertsechzig Schafe und an Personal zwei Fuhrleute,
-zwei Frauen, einen Hirten; dazu einen großen Hund.</p>
-
-<p>Um sogleich Geld zu erhalten, verkauften sie die Futterernte: man
-bezahlte sie in ihrem Hause. Die Goldstücke, die auf die Haferkiste
-gezählt wurden, schienen ihnen glänzender, merkwürdig und besser als
-andere.</p>
-
-<p>Im Monat November kelterten sie Most. Bouvard trieb das Pferd an, und
-Pécuchet, der in den Trog gestiegen war, rührte mit einer Schaufel in
-den Träbern.</p>
-
-<p>Sie ächzten beim Anziehen der Schraube, schöpften den Zucker aus dem
-Bottich, beobachteten die Spundlöcher, trugen dicke Holzschuhe und
-vergnügten sich über die Maßen.</p>
-
-<p>Von dem Grundsatz ausgehend, daß man nicht genug Getreide haben könne,
-gaben sie etwa die Hälfte ihrer künstlichen Wiesen auf; und da sie
-keine Dungmittel hatten, bedienten sie sich der Kuchen, die sie in die
-Erde ließen, ohne sie zu zerkleinern, so daß der Ertrag jämmerlich war.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre legten sie das Saatkorn sehr dicht. Unwetter
-stellten sich ein. Die Ähren legten sich nieder.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger warfen sie sich mit Eifer auf den Weizen, und sie
-unternahmen es, den Hügel von Steinen zu säubern. Ein kleiner Korbwagen
-schaffte die Steine fort. Das ganze Jahr über vom Morgen bis zum
-Abend, im Regen wie im Sonnenschein, sah man den ewigen Korb<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span>wagen mit
-demselben Mann und demselben Pferde den kleinen Hügel emporklimmen,
-wieder herabfahren und wieder emporsteigen. Manchmal ging Bouvard
-dahinter und machte auf halber Höhe halt, um sich die Stirn zu trocknen.</p>
-
-<p>Da sie zu niemand Zutrauen hatten, versorgten sie die Tiere selbst und
-gaben ihnen Abführmittel und Klistiere.</p>
-
-<p>Schwerwiegende Fälle von Unordnung kamen vor. Die Viehmagd wurde
-schwanger. Sie nahmen verheiratete Leute in ihren Dienst; es begann von
-Kindern, Vettern, Basen, Onkeln, Schwägerinnen zu wimmeln; eine ganze
-Horde lebte auf ihre Kosten, und sie beschlossen, abwechselnd auf dem
-Pachthofe zu schlafen.</p>
-
-<p>Doch des Abends waren sie traurig gestimmt. Die Unsauberkeit des
-Zimmers war ihnen widerwärtig, und Germaine, die die Mahlzeiten
-herbeibrachte, brummte bei jeder Reise. Man hielt die beiden auf alle
-Art zum Narren. Die Drescher stopften Getreide in ihre Trinkkrüge.
-Pécuchet faßte einen dabei und schrie, während er ihn bei den Schultern
-packte und hinausjagte:</p>
-
-<p>„Elender! Du bist die Schande des Dorfes, das dich zur Welt kommen sah.“</p>
-
-<p>Seine Persönlichkeit flößte nicht den geringsten Respekt ein. &mdash;
-Übrigens machte er sich Gewissensbisse, sooft er den Garten sah. Seine
-ganze Zeit würde eben ausgereicht haben, ihn in guter Ordnung zu
-halten. &mdash; Bouvard wollte die Sorge um den Pachthof übernehmen. Sie
-berieten darüber, und diese Maßnahme war beschlossene Sache.</p>
-
-<p>Der wichtigste Punkt war, gute Mistbeete zu bekommen. Pécuchet ließ
-eins aus Ziegeln bauen. Er selber strich die Rahmen an, und da er die
-Sonnenstrahlen fürchtete, beschmierte er alle Schutzgläser mit Kreide.</p>
-
-<p>Bei den Steckreisern übte er die Vorsicht, die Spitzen mit den
-Blättern zu entfernen. Dann machte er sich emsig an das Absenken. Er
-versuchte verschiedene Arten der Veredelung, Pfropfen mit der Pfeife,
-kronenweises Pfropfen, Okulieren, krautiges Pfropfen, Veredelung auf
-englische Art. Mit welcher Sorgfalt paßte er die Bastenden aneinander!
-Wie fest er die Fäden anzog! Welch eine Menge Baumwachs er darüber
-legte!</p>
-
-<p>Zweimal täglich nahm er seine Gießkanne und schwenkte<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> sie über den
-Pflanzen, als wenn er sie beweihräucherte. Wie sie unter der Wirkung
-des Wassers, das als feiner Regen herabfiel, grünten, glaubte er,
-seinen eigenen Durst zu löschen und in ihnen wieder zu erstehen. Dann
-ließ er sich hinreißen, nahm die Brause von der Gießkanne und goß in
-vollem Strom reichlich darüber.</p>
-
-<p>Am Ende des Laubenganges, in der Nähe der Gipsdame, erhob sich eine Art
-Hütte aus Stangenholz. Pécuchet verwahrte dort seine Geräte, und er
-verbrachte hier wundervolle Stunden mit dem Aussuchen der Sämereien,
-dem Schreiben von Etiketten, der Ordnung seiner kleinen Töpfe. Wenn er
-sich ausruhte, setzte er sich auf eine Kiste vor die Tür und träumte
-dann von Verschönerungen.</p>
-
-<p>Unten an der Freitreppe hatte er zwei Körbe mit Geranien angebracht;
-zwischen die Zypressen und die pyramidenförmig geschnittenen Obstbäume
-pflanzte er Sonnenblumen; &mdash; und da die Beete mit Butterblumen und alle
-Wege mit frischem Sand bedeckt waren, so blendete der Garten durch eine
-Überfülle von gelben Farben.</p>
-
-<p>Doch das Mistbeet wimmelte von Larven; trotz der neuen Bedüngung mit
-trockenem Laub entstand hinter den gestrichenen Rahmen und unter
-den beschmierten Schutzgläsern nur eine verkrüppelte Vegetation.
-Die Stecklinge faßten nicht Wurzel; die Pfropfreiser fielen ab, die
-Satzreiser trieben nicht mehr, die Bäume hatten den Schimmel an der
-Wurzel; die Samenbeete waren ein Jammer. Der Wind schien eine Lust
-daran zu finden, die Bohnenstangen niederzuwerfen. Die übermäßige
-Bedüngung mit Jauche schadete den Erdbeerpflanzen, die mangelhafte
-Beschneidung den Tomaten.</p>
-
-<p>Er hatte denselben Mißerfolg mit Rosenkohl, Auberginen, Rüben und
-Brunnenkresse, die er in einem Kübel hatte ziehen wollen. Als das
-Tauwetter zu Ende war, waren alle Artischocken dahin. Der Kohl war sein
-Trost. Besonders ein Kohlkopf machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete
-sich, schoß empor, wurde schließlich ein Wunder und war vollkommen
-ungenießbar. Gleichviel, Pécuchet war zufrieden, ein solches Ungeheuer
-zu besitzen.</p>
-
-<p>Dann machte er einen Versuch in dem, was ihm der Gipfel der Kunst zu
-sein schien: in der Melonenkultur.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p>
-
-<p>Er säte Körner verschiedener Sorten in Teller, die mit Humuserde
-gefüllt waren, und die er in sein Mistbeet einsetzte. Dann legte er
-ein zweites Mistbeet an; und als es seine Hitze verloren hatte, setzte
-er die schönsten jungen Pflanzen um, mit den Schutzgläsern darüber.
-Er beschnitt sie ganz nach den Vorschriften des „Guten Gärtners“,
-achtete auf die Blüten, ließ die Früchte ansetzen, wählte eine auf
-jedem Zweig, vernichtete die anderen, und sobald sie die Dicke einer
-Nuß hatten, schob er unter ihre Schale ein kleines Brett, um sie am
-Faulen durch Berührung mit dem Mist zu hindern. Er begoß sie, setzte
-sie der Luft aus, wischte mit seinem Taschentuch den Niederschlag von
-den Schutzgläsern ab, &mdash; und wenn sich Wolken zeigten, trug er eilig
-Strohmatten herbei.</p>
-
-<p>Des Nachts ließen sie ihn nicht schlafen. Mehrere Male erhob er
-sich sogar wieder; und mit bloßen Füßen in den Schuhen und im Hemde
-zitternd durchschritt er den ganzen Garten, um seine Bettdecke über die
-Treibkästen zu breiten.</p>
-
-<p>Die Warzenmelonen reiften. Bei der ersten schnitt Bouvard eine
-Grimasse. Die zweite war nicht besser, die dritte ebenfalls nicht.
-Pécuchet hatte jedesmal eine neue Entschuldigung bis zur letzten, die
-er aus dem Fenster warf, wobei er erklärte, daß er das nicht verstehe.</p>
-
-<p>In der Tat, da er die verschiedenen Arten beieinander gezogen hatte,
-hatten sich die Zuckermelonen mit den Netzmelonen vermischt, die dicke
-portugiesische mit der großen mongolischen, &mdash; und da die Nachbarschaft
-der Tomaten die Zuchtlosigkeit voll machte, waren schreckliche
-Kreuzungen entstanden, die den Geschmack von Kürbissen hatten.</p>
-
-<p>Dann warf sich Pécuchet auf die Blumenzucht. Er schrieb an Dumouchel
-wegen Samenpflanzen, kaufte einen Vorrat Heideerde und machte sich
-entschlossen ans Werk.</p>
-
-<p>Aber er pflanzte die Passionsblumen in den Schatten, die
-Stiefmütterchen in die Sonne, bedeckte die Hyazinthen mit Dünger,
-begoß die Lilien nach der Blüte, vernichtete die Rhododendren durch
-übermäßiges Abbinden der Zweige, trieb die Fuchsien mit Leim und dörrte
-einen Granatbaum, indem er ihn dem Feuer in der Küche aussetzte.</p>
-
-<p>Beim Herannahen der Kälte schützte er die Heckenrosen<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> mit Schutzhüllen
-aus starkem Papier, das mit Talglicht zusammengekittet war; sie sahen
-aus wie Zuckerhüte, die an Stöcken in der Luft schwebten.</p>
-
-<p>Die Stangen der Dahlien waren ungeheuerlich, &mdash; und man bemerkte
-zwischen diesen geraden Stöcken die gewundenen Zweige einer Sophora
-japonica, die in unverändertem Zustande verharrte, ohne auszugehen und
-ohne zu wachsen.</p>
-
-<p>Da indessen die seltensten Bäume in den Gärten der Hauptstadt gediehen,
-mußten sie auch in Chavignolles fortkommen; und Pécuchet verschaffte
-sich indischen Flieder, chinesische Rosen und den Eukalyptus, der
-damals gerade in Mode gekommen war. Alle seine Versuche schlugen fehl.
-Er war jedesmal sehr erstaunt darüber.</p>
-
-<p>Gleich ihm stieß Bouvard auf Hindernisse. Sie fragten einander um
-Rat, schlugen ein Buch auf, griffen zu einem anderen und wußten dann
-nicht, wofür sie sich bei der Verschiedenheit der Ansichten entscheiden
-sollten.</p>
-
-<p>So empfiehlt zum Beispiel Puvis den Mergel; das Handbuch Roret verwirft
-ihn.</p>
-
-<p>Was den Gips anlangt, so scheinen trotz Franklins Vorgang Riefel und
-Herr Rigaud nicht dafür begeistert.</p>
-
-<p>Das Brachliegen der Felder war Bouvard zufolge ein gotisches Vorurteil.
-Indessen verzeichnet Leclerc Fälle, wo es beinahe unerläßlich ist.
-Gasparin führt einen Einwohner von Lyon an, der während eines halben
-Jahrhunderts Getreide auf demselben Felde baute: das widerlegt die
-Theorie der Koppelwirtschaft. Tull preist die Bearbeitung auf Kosten
-der Bedüngung; und da kommt der Major Beetson und verwirft die
-Bedüngung zugleich mit der Bearbeitung!</p>
-
-<p>Um das Wetter im voraus bestimmen zu können, studierten sie die Wolken
-nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie betrachteten jene, die sich
-wie eine Mähne lang hinbreiten, die, welche Inseln gleichen, die,
-welche man für Schneeberge halten könnte, wobei sie versuchten, die
-Nimbus- von den Cirrusformen, die Stratus- von den Cumulusbildungen zu
-unterscheiden; die Formen veränderten sich, ehe sie die Namen gefunden
-hatten.</p>
-
-<p>Das Barometer täuschte sie, durch das Thermometer erfuhren sie nichts;
-und sie nahmen ihre Zuflucht zu dem Mittel, das sich ein Priester in
-der Touraine unter Lud<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span>wig XV. ausgedacht hatte. Ein Blutegel in einer
-Glasglocke sollte bei Regenwetter emporsteigen, bei beständig gutem
-sich auf dem Grunde halten, sich regen, wenn Unwetter drohte. Aber fast
-immer widersprach der Luftdruck dem Blutegel. Sie setzten noch drei
-andere zu diesem ersten. Alle vier benahmen sich auf verschiedene Weise.</p>
-
-<p>Nach reiflicher Überlegung erkannte Bouvard, daß er sich getäuscht
-hatte. Sein Gut erforderte eine Bewirtschaftung im großen, eine
-starke Anspannung, und er setzte aufs Spiel, was ihm von verfügbaren
-Kapitalien blieb, dreißigtausend Franken.</p>
-
-<p>Von Pécuchet angeregt, geriet er in eine Begeisterung für Dünger. In
-die Kompostgrube wurden Strauchwerk, Blut, Gedärme, Federn, alles, was
-er entdecken konnte, geworfen. Er verwandte belgischen Blutdünger,
-Schweizer Aschendünger, Laugenwasser, saure Heringe, Seetang, Lumpen,
-ließ Guano kommen, versuchte, welchen herzustellen, &mdash; und seine
-Prinzipien auf die Spitze treibend, duldete er nicht, daß der Urin
-verloren ging; er schaffte die Aborte ab. Man brachte Tierleichen in
-seinen Hof, mit denen er die Erde düngte. Ihr zerschnittenes Aas wurde
-auf die Felder geworfen. Bouvard lächelte inmitten dieser Verpestung.
-Eine Pumpe, die auf einem Karren befestigt war, spie Jauche auf die
-Erntefelder. Zu denen, die sich davon angewidert zeigten, sagte er:</p>
-
-<p>„Aber das ist Gold! Das ist Gold!“</p>
-
-<p>Und er bedauerte, nicht noch mehr Dünger zu haben. Glücklich die
-Länder, in denen man natürliche Höhlen ganz voller Vogelmist findet!</p>
-
-<p>Der Raps war kläglich, der Hafer mittelmäßig, und das Korn verkaufte
-sich schlecht wegen seines Geruchs. Eine sonderbare Tatsache war, daß
-der Hügel, nachdem er von Steinen gereinigt war, weniger hervorbrachte
-als früher.</p>
-
-<p>Er hielt es für geraten, seine Geräte zu erneuern. Er kaufte eine
-Messeregge, System Guillaume, einen Grubberpflug, Marke Valcourt,
-eine englische Säemaschine und den räderlosen Pflug des Mathieu von
-Dombasle; doch der Pflüger machte ihn herunter.</p>
-
-<p>„Lerne damit umzugehen!“</p>
-
-<p>„Gut! Zeigen Sie es mir!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span></p>
-
-<p>Er versuchte, ihn vorzuführen, kam nicht zurecht damit, und die Bauern
-lachten höhnisch.</p>
-
-<p>Nie vermochte er, sie an das Glockenzeichen zu gewöhnen. Unaufhörlich
-schrie er hinter ihnen her, rannte bald hier-, bald dorthin, schrieb
-seine Beobachtungen in ein Notizbuch, bestellte sie zu sich und dachte
-nicht mehr daran, &mdash; und sein Kopf kochte von Unternehmergedanken.
-Er hatte vor, Mohn anzubauen im Hinblick auf die Opiumgewinnung, und
-besonders den Tragant, den er als „Familienkaffee“ verkaufen wollte.</p>
-
-<p>Um die Ochsen schneller zu mästen, ließ er ihnen alle vierzehn Tage zur
-Ader.</p>
-
-<p>Er ließ kein einziges von den Schweinen schlachten und stopfte sie mit
-gesalzenem Hafer. Bald wurde der Schweinestall zu eng. Sie versperrten
-den Hof, stießen die Einfriedigungen ein, bissen die Leute.</p>
-
-<p>Während der großen Hitze wurden fünfundzwanzig Hammel von der
-Drehkrankheit befallen und krepierten bald darauf.</p>
-
-<p>In derselben Woche verendeten drei Ochsen, eine Folge der Aderlässe
-Bouvards.</p>
-
-<p>Um die Engerlinge zu vernichten, kam er auf den Gedanken, die Hühner
-in einen rollenden Käfig zu sperren, den zwei Männer hinter dem Pflug
-herschoben; &mdash; was nicht verfehlte, den Tieren die Pfoten zu zerbrechen.</p>
-
-<p>Er stellte Bier aus den Blättern des Gamander her und gab es den
-Schnittern an Stelle von Most. Erkrankungen der Eingeweide waren die
-Folge. Die Kinder weinten, die Frauen wimmerten, die Männer waren
-wütend. Sie drohten alle fortzugehen, und Bouvard gab nach.</p>
-
-<p>Um sie jedoch von der Unschädlichkeit seines Getränkes zu überzeugen,
-trank er in ihrer Gegenwart mehrere Flaschen herunter, fühlte sich
-unwohl, verbarg aber seine Schmerzen unter einer lustigen Miene. Er
-ließ sich das Gebräu sogar ins Haus bringen. Am Abend trank er mit
-Pécuchet davon, und beide gaben sich Mühe, es gut zu finden. Übrigens
-durfte es nicht ungenützt verloren gehen.</p>
-
-<p>Da Bouvards Kolik immer heftiger wurde, holte Germaine den Arzt.</p>
-
-<p>Der Arzt war ein ernster Mann mit gewölbter Stirn, der<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> damit anfing,
-seinen Patienten Furcht einzujagen. Die Cholerine des Herrn müsse
-von dem Bier herrühren, von dem man im ganzen Orte sprach. Er wollte
-die Zusammensetzung wissen und tadelte sie in wissenschaftlichen
-Ausdrücken, wobei er die Achseln zuckte. Pécuchet, der das Rezept
-geliefert hatte, war tief gedemütigt.</p>
-
-<p>Trotz der verderblichen Kalkdüngung, der Ersparnis der zweiten
-Bearbeitung und der unzeitgemäßen Ausrodung hatte Bouvard im folgenden
-Jahre eine schöne Weizenernte vor sich. Er wollte sie durch Gärung
-nach dem System Clap-Mayer auf holländische Art trocknen lassen;
-&mdash; das heißt, er ließ sie auf einmal schneiden und in große Haufen
-zusammenlegen, die man auseinanderreißen würde, sobald das Gas zu
-entweichen begänne; dann sollten sie der freien Luft ausgesetzt werden;
-&mdash; darauf zog er sich ohne die geringste Besorgnis zurück.</p>
-
-<p>Als sie am Tage darauf beim Essen saßen, hörten sie unter dem
-Buchengang Trommelwirbel. Germaine ging, um zu sehen, was es gab; doch
-der Mann war schon weit. Fast gleichzeitig begann die Glocke der Kirche
-heftig zu läuten.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet wurden von Angst gepackt. Sie erhoben sich, und in
-ihrer Ungeduld, etwas zu erfahren, gingen sie ohne Kopfbedeckung in der
-Richtung auf Chavignolles.</p>
-
-<p>Eine alte Frau kam des Weges. Sie wußte von nichts. Sie hielten einen
-kleinen Knaben an; er antwortete:</p>
-
-<p>„Ich glaube, es brennt!“</p>
-
-<p>Und der Trommler fuhr fort zu trommeln, die Glocke läutete stärker.
-Endlich erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes. Der Krämer rief
-ihnen von weitem zu:</p>
-
-<p>„Das Feuer ist bei Ihnen!“</p>
-
-<p>Pécuchet setzte sich in Turnerschritt; und er sagte zu Bouvard, der im
-gleichen Trab an seiner Seite lief:</p>
-
-<p>„Eins, zwei; eins, zwei!“ &mdash; im Takte wie die Jäger von Vincennes.</p>
-
-<p>Die Straße, die sie zurücklegten, ging bergan; das aufsteigende Gelände
-verbarg ihnen den Horizont. Sie kamen oben an in die Nähe des Hügels,
-und mit einem Blick überschauten sie das ganze Unglück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p>
-
-<p>Die sämtlichen Schober flammten hier und dort wie Vulkane auf der
-nackten Ebene im Abendfrieden.</p>
-
-<p>Um den größten standen etwa dreihundert Personen; und unter Anweisung
-des Bürgermeisters, des Herrn Foureau, in dreifarbiger Schärpe, zogen
-Burschen mit Stangen und Haken das Stroh vom Gipfel, um das übrige zu
-retten.</p>
-
-<p>Bouvard hätte in seinem Eifer beinahe Frau Bordin umgerannt, die dort
-stand. Dann bemerkte er einen von seinen Leuten und überhäufte ihn mit
-Schimpfreden, weil er ihn nicht benachrichtigt habe. Der Knecht war
-jedoch aus übermäßigem Eifer zuerst ins Haus gerannt, dann zur Kirche,
-schließlich zu seinem Herrn und war einen andern Weg zurückgekommen.</p>
-
-<p>Bouvard verlor den Kopf. Sein Gesinde umringte ihn, alle sprachen
-zugleich, und er untersagte, die Schober abzutragen; er bat inständig
-um Hilfe, forderte Wasser, verlangte die Feuerwehr.</p>
-
-<p>„Haben wir denn eine!“ rief der Bürgermeister.</p>
-
-<p>„Das ist Ihre Schuld!“ erwiderte Bouvard.</p>
-
-<p>Er wurde hitzig, brachte unziemliche Reden vor, und alle bewunderten
-Herrn Foureaus Geduld, der doch brutal war, wie seine dicken Lippen und
-sein Bulldoggenkiefer anzeigten.</p>
-
-<p>Die Hitze der Schober wurde so stark, daß man ihnen nicht mehr nahe
-kommen konnte. Knisternd drehte sich das Stroh unter den verzehrenden
-Flammen; die Getreidekörner peitschten das Gesicht wie Bleikugeln. Dann
-stürzte der Haufe zu einer großen Glutmasse zusammen; Funken stoben
-daraus hervor; und Schimmer wogten über diese rote Masse, die in den
-wechselnden Tönen rotgoldene Stellen zeigte und andere, die braun waren
-wie geronnenes Blut. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind blies;
-Rauchwirbel hüllten die Menge ein. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Funke über
-den dunklen Himmel.</p>
-
-<p>Bouvard betrachtete den Brand unter leisem Weinen. Seine Augen
-verschwanden hinter ihren geschwollenen Lidern, und sein ganzes Gesicht
-war wie von Schmerz geweitet. Frau Bordin rief ihm zu, während sie mit
-den Fransen ihres grünen Schals spielte: „Armer Herr Bouvard!“ Sie
-versuchte ihn zu trösten. Da man nichts daran ändern könne, müsse er
-sich ins Unabänderliche fügen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span></p>
-
-<p>Pécuchet weinte nicht. Sehr blaß oder vielmehr erdfahl, mit offenem
-Munde und kaltem, klebrigem Schweiß im Haar, hielt er sich abseits,
-in seine Betrachtungen versunken. Doch der Pfarrer, der plötzlich
-aufgetaucht war, murmelte mit schmeichlerischer Stimme:</p>
-
-<p>„Ach, welch ein Unglück, fürwahr; das ist sehr betrüblich! Seien Sie
-sicher, daß ich Anteil nehme...“</p>
-
-<p>Die anderen heuchelten keine Trauer. Sie plauderten lächelnd, die Hand
-zum Schutz gegen die Flammen erhoben. Ein Alter hob die brennenden
-Halme auf, um seine Pfeife anzuzünden. Kinder begannen zu tanzen. Ein
-Schelm rief sogar, das sei recht spaßig.</p>
-
-<p>„Ja, der ist gut, der Spaß!“ antwortete Pécuchet, der es gerade gehört
-hatte.</p>
-
-<p>Das Feuer nahm ab, die Haufen fielen zusammen, und eine Stunde darauf
-waren nur noch Aschenreste übrig, die auf dem Gelände runde schwarze
-Stellen bildeten. Da ging man nach Hause.</p>
-
-<p>Frau Bordin und der Abbé Jeufroy begleiteten die Herren Bouvard und
-Pécuchet bis zu ihrer Wohnung.</p>
-
-<p>Auf dem Wege machte die Witwe ihrem Nachbar in sehr liebenswürdiger
-Weise Vorwürfe über sein ungeselliges Wesen, und der Geistliche
-drückte seine volle Verwunderung aus, daß er bis jetzt noch nicht die
-Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mitgliedes seines Kirchspiels
-habe machen können.</p>
-
-<p>Alleingelassen suchten sie die Ursache des Brandes, und anstatt wie
-alle anderen zu erkennen, daß das feuchte Stroh sich von selbst
-entzündet hatte, vermuteten sie einen Racheakt. Es war ohne Zweifel
-das Werk Meister Gouys oder vielleicht des Maulwurffängers. Sechs
-Monate zuvor hatte Bouvard seine Dienste zurückgewiesen und sogar
-vor einem Zuhörerkreise die Ansicht vertreten, die Regierung müsse
-diesen Erwerbszweig untersagen, da er verderblich sei. Seit jener Zeit
-trieb sich der Mensch in der Umgegend umher. Er hatte seinen Bart
-wachsen lassen und schien ihnen furchtbar, besonders des Abends, wenn
-er sich am Rande der Höfe zeigte und seinen langen Stecken, der mit
-aufgehangenen Maulwürfen besetzt war, schüttelte.</p>
-
-<p>Der Schaden war beträchtlich, und um sich über ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> Lage zu
-vergewissern, arbeitete Pécuchet acht Tage lang über Bouvards
-Buchungen, die ihm ein „wahres Labyrinth“ zu sein schienen. Nachdem
-er das Tagebuch, die Korrespondenz und das Hauptbuch, das mit
-Bleistiftnotizen und Verweisungen bedeckt war, verglichen hatte,
-erkannte er die Wahrheit: keine Ware zu verkaufen, keine Gelder
-einzukassieren, und in der Kasse nichts. An Stelle des Kapitals
-figurierte ein Fehlbetrag von dreiunddreißigtausend Franken.</p>
-
-<p>Bouvard wollte es nicht glauben, und mehr als zwanzigmal fingen sie von
-neuem an zu rechnen. Sie kamen immer zu demselben Schlußergebnis. Noch
-zwei Jahre einer solchen Ackerwirtschaft, und ihr Vermögen ging darauf!
-Die einzige Abhilfe war, zu verkaufen.</p>
-
-<p>Auf jeden Fall mußte man einen Notar um Rat fragen. Der Gang war
-peinlich; Pécuchet unterzog sich ihm.</p>
-
-<p>Der Ansicht des Herrn Marescot zufolge war es besser, keine Zettel
-anzukleben. Er wollte ernsthaften Käufern gegenüber von dem Pachthof
-sprechen und deren Vorschläge abwarten.</p>
-
-<p>„Sehr gut,“ sagte Bouvard, „man hat Zeit vor sich.“ Er wollte einen
-Pächter nehmen, dann würde man sehen. „Wir werden nicht unglücklicher
-sein als früher; nur sind wir jetzt aufs Sparen angewiesen.“</p>
-
-<p>Das durchkreuzte Pécuchets Absichten hinsichtlich der Gartenbebauung,
-und einige Tage darauf sagte er:</p>
-
-<p>„Wir sollten uns ausschließlich der Obstbaumkultur widmen, nicht zum
-Vergnügen, sondern aus Spekulation. Eine Birne, die drei Sous Unkosten
-macht, wird in der Hauptstadt oft für fünf bis sechs Franken verkauft.
-Mit Aprikosen erzielen Gärtner ein Einkommen von fünfundzwanzigtausend
-Livres. In Sankt Petersburg bezahlt man im Winter Trauben die Dolde mit
-einem Napoleon. Das ist ein guter Erwerb, das wirst du zugeben. Und was
-sind die Kosten? Sorgfalt, Dünger und das Schleifen des Gartenmessers!“</p>
-
-<p>Er regte Bouvards Einbildungskraft so an, daß sie sogleich aus ihren
-Büchern eine Liste der zu kaufenden Setzlinge zusammenstellten, und
-nachdem sie die Namen ausgewählt hatten, die ihnen am merkwürdigsten
-vorkamen, wandten sie sich an einen Baumschulgärtner zu Falaise; er<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span>
-lieferte ihnen schleunigst dreihundert Stämme, die er nicht anbringen
-konnte.</p>
-
-<p>Sie ließen einen Schlosser für die Spalierstangen kommen, einen
-Eisenhändler zum Spannen des Drahtes der Spaliere, einen Zimmermann
-für die Stützen. Die Formen der Bäume waren im voraus gezeichnet. Auf
-die Mauer genagelte Lattenstücke bildeten Kandelaber. Zwei Pfähle an
-jedem Ende der Langbeete dienten als Stützen zur wagerechten Führung
-der Drähte; und im Obstgarten deuteten Reifen die Form von Vasen,
-dünne Stäbe in kegelförmiger Anordnung die von Pyramiden an, so daß
-die Besucher Teile einer unbekannten Maschinerie oder Gerüste von
-Feuerwerkskörpern zu sehen glaubten.</p>
-
-<p>Nachdem die Pflanzlöcher ausgeworfen waren, beschnitten sie die Spitzen
-der Wurzeln, sowohl der guten wie der schlechten, und setzten sie in
-Kompost ein. Sechs Monate darauf waren die jungen Bäume eingegangen.
-Neue Bestellungen beim Gärtner und neue Pflanzungen in noch tiefere
-Löcher folgten. Doch da der Regen den Boden aufweichte, sanken die
-Augen von selbst in die Erde, und die Bäume wurzelten ab.</p>
-
-<p>Als der Frühling gekommen war, gab Pécuchet sich an das Beschneiden der
-Birnbäume. Er ließ die Nebenstämme stehen, verschonte die unfruchtbaren
-Zweige, und da er sich darauf versteifte, die Duchesse-Birnen,
-die einarmige Kordons bilden sollten, rechtwinklig umzubiegen, so
-brach oder riß er sie unweigerlich ab. Bei den Pfirsichen konnte er
-sich nicht in den Leitzweigen, den früheren oder späteren Trieben
-zurechtfinden. Leere und volle Stellen fanden sich immer da ein, wo er
-sie nicht brauchen konnte; und es war unmöglich, an dem Spalier ein
-vollkommenes Rechteck mit sechs Zweigen zur Rechten und sechs Zweigen
-zur Linken zu bekommen, von den beiden Leitzweigen abgesehen, so daß
-das Ganze eine schöne Fischgräte gebildet hätte.</p>
-
-<p>Bouvard versuchte die Aprikosen zu ziehen; sie zeigten sich
-widerspenstig. Er schnitt ihre Stämme bis zur Erde weg; keiner schlug
-wieder aus. Die Kirschbäume, denen er Einschnitte gemacht hatte,
-brachten Harz hervor.</p>
-
-<p>Zuerst beschnitten sie sehr weit, wodurch die Augen am<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> Grunde
-eingingen, dann zu kurz, was Wasserreiser zur Folge hatte; und häufig
-waren sie in Verlegenheit, da sie die Holztriebe nicht von den
-Blütenknospen unterscheiden konnten. Sie hatten sich über die Blüte
-gefreut; aber nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatten, rissen sie
-dreiviertel davon ab, um das übrige zu kräftigen.</p>
-
-<p>Beständig redeten sie von Saft und Kambium, von Einspalieren,
-Beschneiden und Wegnehmen der Augen. In ihrem Eßzimmer hing in einem
-Rahmen die Liste ihrer Setzlinge, deren Nummer sich im Garten auf einem
-kleinen Holze am Fuße des Baumes wiederholte.</p>
-
-<p>Sie erhoben sich mit der Morgenröte und arbeiteten bis in die Nacht,
-den Basthalter am Gürtel. Während der kühlen Frühlingsmorgen behielt
-Bouvard seine Trikotjacke unter seiner Bluse, Pécuchet seinen alten
-Rock unter seinem langen Leinwandkittel, und die Leute, die am Gitter
-vorübergingen, hörten sie durch den Nebel husten.</p>
-
-<p>Zuweilen zog Pécuchet sein Handbuch aus der Tasche, und er studierte
-stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des
-Gärtners, der den Titel des Buches zierte. Diese Ähnlichkeit war ihm
-sogar sehr schmeichelhaft. Der Verfasser stieg dadurch in seiner
-Achtung.</p>
-
-<p>Bouvard hockte beständig oben auf einer Leiter vor den Pyramiden.
-Eines Tages wurde er von Schwindel erfaßt, und da er nicht wagte,
-herunterzuklettern, schrie er, Pécuchet möge ihm zu Hilfe kommen.</p>
-
-<p>Endlich zeigten sich die Birnen, und im Obstgarten gab es Pflaumen. Da
-wandten sie gegen die Vögel alle Künste an, die man empfiehlt. Doch
-die Spiegelglasscheiben flimmerten so, daß sie davon geblendet waren,
-das Klappern der Windmühle weckte sie in der Nacht, und die Sperlinge
-setzten sich auf den Strohmann. Sie verfertigten einen zweiten und
-sogar einen dritten, deren Kostüme sie anders gestalteten, doch ohne
-Erfolg.</p>
-
-<p>Doch konnten sie auf ein paar Früchte hoffen. Pécuchet hatte gerade
-seine Aufzeichnungen darüber an Bouvard gegeben, als plötzlich der
-Donner grollte und der Regen fiel &mdash; ein schwerer, heftiger Regen.
-Der Wind schüttelte in Zwischenräumen die ganze Fläche der Spaliere.
-Die Stützen legten sich eine nach der anderen zu Boden &mdash; und an den<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span>
-unglücklichen Pyramiden, die im Winde schwankten, stießen die Birnen
-aneinander.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte sich, als er vom Sturzregen überrascht wurde, in die
-Hütte geflüchtet. Bouvard hielt sich in der Küche auf. Sie sahen, wie
-vor ihnen Holzsplitter, Zweige, Schieferstücke im Winde umherwirbelten,
-&mdash; und die Seemannsfrauen, die zehn Meilen von dort an der Küste auf
-das Meer auslugten, schauten nicht sehnsüchtiger und waren nicht
-beklommener im Herzen. Dann stürzten plötzlich die Träger und Stangen
-der Gegenspaliere auf die Beete.</p>
-
-<p>Welches Bild, als sie ihren Rundgang machten! Die Kirschen und Pflaumen
-bedeckten das Gras zwischen den Hagelkörnern, die schmolzen. Die
-Passecolmar waren vernichtet, ebenso wie die Bési-des-vétérans und die
-Triomphes-de-Jordoigne. Kaum, daß von den Äpfeln einige Bons-papas
-blieben, &mdash; und zwölf Tétons-de-Vénus, die ganze Pfirsichernte, rollten
-in den Wasserlachen neben dem entwurzelten Buchsbaum.</p>
-
-<p>Nach dem Mahle, bei dem sie sehr wenig aßen, sagte Pécuchet sanft:</p>
-
-<p>„Wir täten gut, auf dem Pachthof nachzusehen, ob nicht etwas
-vorgefallen ist?“</p>
-
-<p>„Pah! um noch neue Gründe zur Verstimmung zu entdecken!“</p>
-
-<p>„Vielleicht! Denn wir sind keineswegs vom Schicksal begünstigt.“</p>
-
-<p>Und sie jammerten über die Vorsehung und über die Natur. Bouvard, die
-Ellbogen auf den Tisch gestützt, gab sein leises Pfeifen von sich,
-und da alle Schmerzen in Verbindung stehen, kamen ihm seine alten
-Landwirtschaftspläne ins Gedächtnis zurück, besonders die Mehlbereitung
-und eine neue Käseart.</p>
-
-<p>Pécuchet atmete lärmend, und während er sich Tabakprisen in die
-Nasenlöcher stopfte, dachte er, wenn das Schicksal es gewollt hätte,
-wäre er jetzt Mitglied eines Vereins für Ackerbau, er würde auf den
-Ausstellungen glänzen und in den Zeitungen genannt sein.</p>
-
-<p>Bouvard ließ kummervolle Blicke umherschweifen.</p>
-
-<p>„Meiner Treu! ich habe Lust, mich des ganzen Krams zu entledigen, damit
-wir uns anderswo ansiedeln können!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span></p>
-
-<p>„Wie du willst,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Und einen Augenblick später:</p>
-
-<p>„Die Verfasser empfehlen, jeden direkten Zufluß zu unterbinden.
-Der Saft wird dadurch in seinem Laufe gehemmt, und der Baum leidet
-notwendigerweise darunter. Um sich wohl zu befinden, müßte er
-keine Früchte tragen. Indessen bringen die, welche man niemals
-beschneidet und nie düngt, Früchte, allerdings weniger große, aber
-desto schmackhaftere. Man gebe mir den Grund davon an! &mdash; und es
-verlangt nicht nur jede Art ihre besondere Behandlung, sondern sogar
-jede einzelne Pflanze, gemäß dem Klima, der Temperatur, ein Wirrwarr
-von Dingen! Wo ist da die Regel? Und welche Hoffnung haben wir auf
-irgendeinen Erfolg oder Nutzen?“</p>
-
-<p>Bouvard antwortete ihm:</p>
-
-<p>„Du wirst bei Gasparin sehen, daß der Nutzen nicht den zehnten Teil des
-Anlagekapitals übersteigen kann. Also täte man besser, dieses Kapital
-in eine Bank zu legen. Nach fünfzehn Jahren würde man durch Anhäufung
-der Zinsen die doppelte Summe besitzen, ohne sich die Gesundheit zu
-verderben.“</p>
-
-<p>Pécuchet senkte den Kopf.</p>
-
-<p>„Sollte die Baumzucht wohl Schwindel sein?“</p>
-
-<p>„Wie die Wissenschaft vom Ackerbau!“ erwiderte Bouvard.</p>
-
-<p>Dann klagten sie sich an, zu ehrgeizig gewesen zu sein, und sie
-beschlossen, fortan mit ihrer Mühe und ihrem Gelde sparsamer zu
-wirtschaften. Im Obstgarten würde ein Ausputzen der Bäume von Zeit
-zu Zeit genügen. Die Gegenspaliere wurden verworfen, und sie wollten
-die eingegangenen und umgebrochenen Bäume nicht ersetzen; doch würden
-sich sehr häßliche Zwischenräume ergeben, wofern man nicht alle noch
-stehenden wegnehmen wollte. Wie dabei verfahren?</p>
-
-<p>Pécuchet entwarf mehrere Zeichnungen, wobei er sich seines
-Reißzeuges bediente. Bouvard gab ihm Ratschläge. Sie kamen zu keinem
-befriedigenden Resultat. Glücklicherweise fanden sie in ihrer
-Bibliothek das Werk von Boitard, „Der Gartenarchitekt“ betitelt.</p>
-
-<p>Der Verfasser teilt sie in eine unendliche Anzahl von<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> Arten ein.
-Zunächst gibt es da die melancholisch-romantische Art, die sich
-durch Immortellen zu erkennen gibt, durch Ruinen, Grabmäler und „ein
-Votiv-Bild mit einer Jungfrau, das die Stelle anzeigt, wo ein vornehmer
-Herr unter dem Stahl eines Mörders gefallen ist“. Das schreckliche
-Genre stellt man mit Hilfe von überhangenden Felsen, zerschmetterten
-Bäumen, in Brand gesetzten Hütten her; das exotische Genre, indem man
-peruanische Fackeldisteln pflanzt, „um einem Pflanzer oder Reisenden
-Erinnerungen wachzurufen“. Das ernste Genre muß gleich Ermenonville
-einen Tempel der Philosophie aufweisen. Die Obelisken und Triumphbögen
-charakterisieren das majestätische Genre. Moos und Grotten das
-geheimnisvolle; ein See das träumerische Genre. Es gibt sogar ein
-phantastisches Genre, dessen schönstes Beispiel vor kurzem in einem
-Garten in Württemberg zu sehen war, &mdash; denn man sah dort nacheinander
-einen Eber, einen Eremiten, mehrere Grabmäler und eine Barke, die von
-selbst vom Ufer abstieß, um den Besucher in einen Raum zu bringen, wo
-Wasserkünste ihn überschütteten, wenn man sich auf das Sofa setzte.</p>
-
-<p>Vor diesem Horizont von Wundern waren Bouvard und Pécuchet wie
-geblendet. Das phantastische Genre schien ihnen Fürsten vorbehalten zu
-sein. Der Tempel der Philosophie würde zu viel Platz einnehmen. Das
-Votiv-Bild mit der Madonna würde des Sinnes entbehren angesichts der
-fehlenden Mörder, und die amerikanischen Pflanzen &mdash; um so schlimmer
-für die Pflanzer und die Reisenden &mdash; würden zu viel Geld kosten. Aber
-die Felsen lagen im Bereich der Möglichkeit, ebenso die zerschmetterten
-Bäume, die Immortellen und das Moos, &mdash; und in immer zunehmender
-Begeisterung stellten sie nach vielem Hin- und Hersuchen mit Hilfe
-eines einzigen Dieners und für eine ganz geringe Summe einen Wohnsitz
-her, wie er im ganzen Orte nicht seinesgleichen hatte.</p>
-
-<p>Der hier und da durchbrochene Laubengang öffnete sich auf eine
-Anpflanzung, die nach Art eines Labyrinthes von gewundenen Alleen
-durchzogen war. In der Spaliermauer hatten sie eine Bogenwölbung
-herstellen wollen, durch die man die Fernsicht wahrnehmen sollte.
-Da der obere Teil<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> sich nicht in der Schwebe halten konnte, war
-ein ungeheurer Mauerbruch entstanden, dessen Trümmer auf der Erde
-umherlagen.</p>
-
-<p>Sie hatten die Spargel geopfert, um ein etruskisches Grabmal an deren
-Stelle bauen zu können, das heißt einen Würfel aus schwarzem Gips, der
-sechs Fuß Höhe hatte und aussah wie eine Hundehütte. Vier Koniferen
-standen an den Ecken dieses Grabmals, das von einer Urne überragt und
-mit einer Inschrift geschmückt werden sollte.</p>
-
-<p>In einem andern Teile des Gemüsegartens überspannte eine Art Rialto
-einen Teich, dessen Ufer mit Miesmuscheln ausgelegt waren. Die Erde
-schluckte das Wasser; gleichviel! Es würde sich eine Tonschicht bilden,
-die es aufhalten würde.</p>
-
-<p>Der Schuppen war mit Hilfe von farbigem Glas in eine ländliche Hütte
-umgewandelt.</p>
-
-<p>Auf dem Gipfel des Schneckenberges trugen sechs vierkantig behauene
-Bäume einen Hut aus Eisenblech mit umgebogener Krämpe, und das Ganze
-stellte eine chinesische Pagode vor.</p>
-
-<p>Sie hatten an den Ufern der Orne Granitstücke ausgewählt, sie
-zerschlagen, numeriert und selbst auf einem Karren herbeigeschleppt.
-Dann hatten sie die einzelnen Stücke mit Zement verbunden, während sie
-sie aufeinander häuften; und mitten auf dem Rasen erhob sich ein Fels,
-ähnlich einer riesigen Kartoffel.</p>
-
-<p>Es fehlte noch etwas, um den harmonischen Eindruck zu vervollständigen.
-Sie schlugen die größte Linde des Laubenganges um &mdash; sie war übrigens
-zu Dreivierteln eingegangen &mdash; und legten sie ihrer ganzen Länge nach
-durch den Garten, so daß man glauben konnte, sie sei durch einen
-Sturzbach angeschwemmt oder vom Blitz zu Boden gestreckt.</p>
-
-<p>Als sie damit fertig waren, rief Bouvard, der auf der Freitreppe stand,
-von weitem:</p>
-
-<p>„Von hier sieht man besser!“</p>
-
-<p>„Sieht man besser!“ wiederholten die Lüfte.</p>
-
-<p>Pécuchet antwortete:</p>
-
-<p>„Ich komme!“</p>
-
-<p>„Komme!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span></p>
-
-<p>„Sieh da, ein Echo!“</p>
-
-<p>„Echo!“</p>
-
-<p>Bis dahin hatte die Linde es verhindert, sich bemerkbar zu machen, und
-es wurde durch die Pagode begünstigt, die der Scheune gegenüberstand;
-ihr Giebel überragte den Laubengang.</p>
-
-<p>Um das Echo zu erproben, belustigten sie sich damit, Scherzworte zu
-rufen; Bouvard brüllte anstößige Zoten.</p>
-
-<p>Er war mehrere Male unter dem Vorwande, Geld zu erheben, in Falaise
-gewesen, und er kehrte immer mit kleinen Paketen zurück, die er in
-seine Kommode einschloß. Pécuchet reiste eines Tages nach Bretteville
-und kam sehr spät heim mit einem Handkorb, den er unter seinem Bette
-verbarg.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage hatte Bouvard beim Erwachen eine Überraschung. Die
-beiden vorderen Taxusbäume, die am gestrigen Abend noch kugelförmig
-gewesen waren, hatten die Gestalt von Pfauen, und ein Horn mit zwei
-Porzellanknöpfen bildete den Schnabel und die Augen. Pécuchet hatte
-sich bei Tagesanbruch erhoben, und zitternd, er möchte entdeckt werden,
-hatte er die beiden Bäume nach Angabe der von Dumouchel übersandten
-Werke beschnitten.</p>
-
-<p>Seit sechs Monaten suchten die anderen Bäume hinter diesen beiden mehr
-oder weniger glücklich Pyramiden, Würfel, Zylinder, Hirsche oder Sessel
-nachzuahmen. Aber nichts kam den Pfauen gleich. Bouvard sprach in hohen
-Lobreden seine Anerkennung darüber aus.</p>
-
-<p>Unter dem Vorwande, sein Scheit vergessen zu haben, zog er seinen
-Gefährten in das Labyrinth, denn er hatte Pécuchets Abwesenheit
-benutzt, um auch seinerseits etwas Außerordentliches zu leisten.</p>
-
-<p>Die Tür nach den Feldern war mit einer Gipslage überzogen, auf der sich
-in schöner Ordnung fünfhundert Pfeifenköpfe aneinanderreihten. Sie
-stellten Emire, Neger, nackte Frauen, Pferdefüße und Totenköpfe vor.</p>
-
-<p>„Begreifst du meine Ungeduld?“</p>
-
-<p>„Ganz gewiß!“</p>
-
-<p>Und in der Erregung umarmten sie sich.</p>
-
-<p>Wie alle Künstler hatten sie das Bedürfnis nach Beifall, und Bouvard
-gedachte ein großes Diner zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p>
-
-<p>„Gib acht! Du wirst dich ins Empfangen stürzen. Das ist ein Abgrund.“</p>
-
-<p>Indessen wurde die Veranstaltung beschlossen.</p>
-
-<p>Solange sie die Gegend bewohnten, hatten sie sich abseits gehalten.
-Alle nahmen, von dem Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen, ihre
-Einladung an, ausgenommen der Graf von Faverges, den Geschäfte in die
-Hauptstadt riefen. Sie hielten sich dafür an Herrn Hurel, sein Faktotum.</p>
-
-<p>Beljambe, der Wirt, ehemaliger Küchenchef in Lisieux, sollte gewisse
-Schüsseln zubereiten. Er stellte einen Kellner. Germaine hatte die
-Viehmagd zu Hilfe genommen. Marianne, die Magd der Frau Bordin, sollte
-auch kommen. Mit dem vierten Glockenschlage wurde das Gittertor weit
-geöffnet, und die beiden Besitzer erwarteten voll Ungeduld ihre Gäste.</p>
-
-<p>Hurel blieb unter dem Buchengange stehen, um seinen Rock wieder
-anzuziehen. Dann näherte sich der Geistliche, der eine neue Soutane
-angelegt hatte, und einen Augenblick später kam Herr Foureau in
-einer Sammetweste. Der Doktor führte seine Frau am Arm, die mühsam
-vorwärtsschritt, während sie sich mit dem Sonnenschirm schützte. Eine
-Flut von roten Bändern wogte hinter ihnen, es war die Haube der Frau
-Bordin, die in einer schönen buntseidenen Robe steckte. Ihre goldene
-Uhrkette schlug gegen ihre Brust, und ihre Ringe blitzten an ihren
-beiden Händen, die von schwarzen Halbhandschuhen bedeckt waren. Endlich
-erschien der Notar, einen Panama auf dem Kopfe, ein Glas im Auge, denn
-der Beamte ertötete in ihm nicht den Mann von Welt.</p>
-
-<p>Der Salon war so glatt, daß man kaum darin stehen konnte. Die acht
-Utrechter Sessel standen mit ihren Lehnen an der Wand entlang; ein
-runder Tisch in der Mitte trug das Likörservice, und über dem Kamin
-erblickte man das Bild des alten Bouvard. Das im darauf fallenden Licht
-sichtbar werdende Nachdunkeln des Bildes gab dem Munde einen verzogenen
-Ausdruck und den Augen einen schielenden Blick, und etwas Schimmel auf
-den Wangen verstärkte den Eindruck von Koteletten. Die Gäste stellten
-eine Ähnlichkeit zwischen dem alten Bouvard und seinem Sohne fest, und
-Frau Bordin fügte hinzu, er müsse ein sehr schöner Mann gewesen sein,
-wobei sie Bouvard ansah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p>
-
-<p>Nachdem man eine Stunde gewartet, kündigte Pécuchet an, man könne in
-den Saal hinübergehen.</p>
-
-<p>Die Vorhänge aus weißem Kattun mit roter Kante waren wie die des Salons
-vollständig vor die Fenster gezogen, und die Sonne, die den Stoff
-durchdrang, warf ein blondes Licht über die Wandtäfelung, die als
-einzigen Schmuck ein Barometer aufwies.</p>
-
-<p>Bouvard setzte die beiden Damen neben sich, Pécuchet den Bürgermeister
-zu seiner Linken, den Pfarrer zu seiner Rechten, und man machte sich an
-die Austern. Sie schmeckten moderig. Bouvard war untröstlich, erging
-sich in Entschuldigungen, und Pécuchet erhob sich, um in der Küche
-Beljambe eine Szene zu machen.</p>
-
-<p>Die ganze Zeit während der ersten Gänge, die aus einer Scholle, ferner
-einer Pastete und gedämpften Tauben bestanden, stand die Mostbereitung
-im Mittelpunkt der Unterhaltung.</p>
-
-<p>Dann kam man auf bekömmliche und unbekömmliche Gerichte.
-Selbstverständlich wurde der Arzt um Rat gefragt. Seine Beurteilung
-der Dinge war skeptisch wie die eines Mannes, der auf den Grund der
-Wissenschaft geblickt hat; er duldete indessen nicht den geringsten
-Widerspruch.</p>
-
-<p>Zu dem Lendenbraten wurde Burgunder gereicht. Er war trübe. Bouvard,
-der für dieses ärgerliche Vorkommnis das Spülen der Flasche
-verantwortlich machte, ließ drei andere ohne größeren Erfolg versuchen
-und schenkte dann Saint-Julien ein, der augenscheinlich zu jung war,
-und alle Gäste verstummten. Hurel lächelte ununterbrochen; die schweren
-Schritte des Kellners dröhnten auf den Fliesen.</p>
-
-<p>Frau Vaucorbeil, untersetzt und mit schlechtgelaunter Miene (sie befand
-sich übrigens gegen Ende ihrer Schwangerschaft), hatte vollständiges
-Schweigen gehütet. Bouvard, der nicht wußte, womit er sie unterhalten
-solle, erzählte ihr vom Theater in Caen.</p>
-
-<p>„Meine Frau geht niemals ins Schauspiel,“ sagte der Arzt.</p>
-
-<p>Herr Marescot besuchte, wenn er sich in Paris aufhielt, einzig die
-italienische Oper.</p>
-
-<p>„Ich,“ sagte Bouvard, „ich leistete mir zuweilen einen Parterreplatz im
-Vaudeville-Theater, um Schwänke zu hören.“</p>
-
-<p>Foureau fragte Frau Bordin, ob sie Schwänke liebe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span></p>
-
-<p>„Das kommt darauf an, von welcher Art sie sind,“ sagte sie.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister neckte sie. Sie gab die Scherze zurück. Dann teilte
-sie ein Rezept für Gurken mit. Übrigens waren ihre Hausfrauentalente
-bekannt, und sie besaß ein kleines, wunderbar bewirtschaftetes Gut.</p>
-
-<p>Foureau befragte Bouvard:</p>
-
-<p>„Haben Sie die Absicht, Ihre Besitzung zu verkaufen?“</p>
-
-<p>„Lieber Gott, bis zum Augenblick weiß ich wirklich nicht...“</p>
-
-<p>„Wie! nicht einmal das Stück der Ecalles?“ fuhr der Notar fort, „das
-würde etwas Passendes für Sie sein, Frau Bordin.“</p>
-
-<p>Die Witwe erwiderte, sich zierend:</p>
-
-<p>„Die Ansprüche des Herrn Bouvard möchten zu hoch sein.“</p>
-
-<p>„Man könnte ihn vielleicht mürbe machen.“</p>
-
-<p>„Ich werde es nicht versuchen!“</p>
-
-<p>„Pah! wenn Sie ihm einen Kuß gäben?“</p>
-
-<p>„Versuchen wir es nun gerade,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Und unter dem Beifall der Gesellschaft küßte er sie auf beide Wangen.</p>
-
-<p>Fast zu gleicher Zeit entkorkte man den Sekt. Das Knallen der Pfropfen
-erhöhte die frohe Stimmung. Pécuchet gab ein Zeichen, die Vorhänge
-öffneten sich, und der Garten wurde sichtbar.</p>
-
-<p>In der Dämmerung war der Eindruck schrecklich. Der Fels nahm wie ein
-Berg den Rasen ein, das Grabmal bildete zwischen dem Spinat einen
-Würfel, die venezianische Brücke über den Bohnen einen Zirkumflex, &mdash;
-und darüber hinaus die Hütte einen schwarzen Fleck, denn sie hatten
-das Strohdach angezündet, um sie poetischer zu machen. Die Taxusbäume
-in Form von Hirschen oder Sesseln folgten einander bis zu dem
-niedergeschmetterten Baum, der sich querhindurch von dem Laubengange
-bis zur Laube erstreckte, wo Tomaten wie Stalaktiten herabhingen.
-Hier und da entfaltete eine Sonnenblume ihre gelbe Scheibe. Die
-rotgestrichene chinesische Pagode auf dem Hügel glich einem Leuchtturm.
-Die von der Sonne getroffenen Pfauenschnäbel sprühten Lichter, und
-hinter dem Gitter, von dem man die Latten fortgenommen, schloß das ganz
-flache Gelände den Horizont.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span></p>
-
-<p>Das Staunen der Gäste war für Bouvard und Pécuchet ein Hochgenuß.</p>
-
-<p>Frau Bordin besonders bewunderte die Pfauen; doch das Grabmal fand
-kein Verständnis, ebensowenig die angezündete Hütte und die in Ruinen
-gelegte Mauer. Dann betrat einer nach dem andern die Brücke. Um den
-Teich zu füllen, hatten Bouvard und Pécuchet den ganzen Morgen hindurch
-Wasser angefahren. Es war zwischen den schlecht verbundenen Steinen des
-Grundes durchgesickert, und Schlamm bedeckte sie.</p>
-
-<p>Während des Rundganges erlaubte man sich, zu kritisieren. „An Ihrer
-Stelle würde ich das so gemacht haben. &mdash; Die Erbsen sind zurück. &mdash;
-Offen gesagt, dieser Winkel ist nicht sauber. &mdash; Mit einer solchen
-Beschneidung werden sie niemals Früchte bekommen.“</p>
-
-<p>Bouvard war genötigt zu antworten, daß ihm die Früchte gleichgültig
-seien.</p>
-
-<p>Als man den Laubengang entlang ging, sagte er mit pfiffiger Miene:</p>
-
-<p>„Ah! da ist jemand, den wir stören; bitte tausendmal um Entschuldigung!“</p>
-
-<p>Der Scherz blieb unerwidert. Jeder kannte die Dame aus Gips.</p>
-
-<p>Nach mehreren Umwegen im Labyrinth gelangte man schließlich vor die
-Tür mit den Pfeifen. Betroffene Blicke wurden gewechselt. Bouvard
-beobachtete die Gesichter seiner Gäste, &mdash; und voller Ungeduld, ihre
-Ansicht zu erfahren, fragte er:</p>
-
-<p>„Was sagen Sie dazu?“</p>
-
-<p>Frau Bordin platzte aus. Alle andern taten desgleichen, der Herr
-Pfarrer gab eine Art Glucksen von sich, Hurel hüstelte, der Arzt
-weinte, seine Frau litt an einem nervösen Krampf, &mdash; und Foureau, ein
-Mann ohne Rücksichten, brach einen Emir ab, den er als Andenken in die
-Tasche steckte.</p>
-
-<p>Als man aus dem Laubengang herauskam, schrie Bouvard, um seine Gäste
-durch das Echo in Verwunderung zu setzen, aus Leibeskräften:</p>
-
-<p>„Diener! meine Damen!“</p>
-
-<p>Kein Laut! Das Echo war verschwunden. Das lag an<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> den Ausbesserungen,
-die man an der Scheune vorgenommen hatte: der Giebel und die Bedachung
-waren abgerissen.</p>
-
-<p>Der Kaffee wurde auf dem Schneckenberg gereicht, &mdash; und die Herren
-waren im Begriff, eine Partie Kugeln zu beginnen, als sie gegenüber,
-hinter dem Gitter, einen Mann sahen, der sie anblickte.</p>
-
-<p>Er war mager und sonnverbrannt, trug eine zerfetzte rote Hose, eine
-blaue Joppe, kein Hemd; sein schwarzer Bart war kurz geschnitten; und
-mit heiserer Stimme stieß er einzeln die Worte hervor: „Geben Sie mir
-ein Glas Wein!“</p>
-
-<p>Der Bürgermeister und der Abbé Jeufroy erkannten ihn sogleich wieder.
-Es war ein ehemaliger Schreiner aus Chavignolles.</p>
-
-<p>„Nun, Gorju, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte Herr Foureau. „Man
-bettelt nicht!“</p>
-
-<p>„Ich betteln!“ schrie der Mann erbost. „Ich habe sieben Jahre in Afrika
-gekämpft. Ich komme aus dem Spital. Keine Arbeit! Soll ich morden?
-Verflucht nochmal!“</p>
-
-<p>Sein Zorn legte sich von selbst, und die beiden Fäuste in die Hüften
-gestemmt, betrachtete er die Bürger mit melancholischer und spöttischer
-Miene. Die Anstrengungen der Biwaks, Absinth und Fieber, ein ganzes
-Dasein von Elend und Völlerei offenbarte sich in seinen trüben Augen.
-Seine bleichen Lippen zitterten, wobei sein Zahnfleisch sich entblößte.
-Der weite purpurgefärbte Himmel umfing ihn mit einem blutigen Schimmer,
-und seine Halsstarrigkeit, dort bleiben zu wollen, verbreitete ein
-Gefühl von Entsetzen.</p>
-
-<p>Um ein Ende zu machen, holte Bouvard den Rest einer Flasche herbei. Der
-Vagabund trank ihn gierig herunter und verschwand dann gestikulierend
-in den Haferfeldern.</p>
-
-<p>Darauf tadelte man Bouvard. Durch solche Nachgiebigkeit begünstige man
-die Unordnung. Doch Bouvard, der durch den Mißerfolg seines Gartens
-gereizt war, begann das Volk zu verteidigen, &mdash; alle sprachen zu
-gleicher Zeit.</p>
-
-<p>Foureau hob die Regierung in den Himmel, für Hurel gab es nur
-Grundbesitz in der Welt. Der Abbé Jeufroy beklagte sich, daß man die
-Religion nicht schütze. Pécuchet schimpfte über die Steuern. Frau
-Bordin rief in Zwischenräumen: „In erster Linie verabscheue ich die
-Republik,<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span>“ und der Arzt erklärte sich für den Fortschritt. „Denn
-schließlich, meine Herren, haben wir Reformen nötig.“ &mdash; „Möglich!“
-antwortete Foureau, „aber alle diese Ideen schaden den öffentlichen
-Angelegenheiten!“ „Ich pfeife auf die öffentlichen Angelegenheiten!“
-schrie Pécuchet.</p>
-
-<p>Vaucorbeil fuhr fort: „Dürfen wir wenigstens die Kapazitäten
-heranziehen?“ Bouvard ging nicht so weit.</p>
-
-<p>„Das ist Ihre Meinung?“ erwiderte der Doktor, „dann weiß man, wer Sie
-sind! Guten Abend! Ich wünsche Ihnen eine Sündflut, damit Sie auf Ihrem
-Teich Kahn fahren können.“</p>
-
-<p>„Ich gehe auch,“ sagte einen Augenblick später Herr Foureau. Und auf
-seine Tasche weisend, in der sich der Emir befand: „Wenn ich einen
-neuen nötig habe, komme ich wieder!“</p>
-
-<p>Bevor der Pfarrer ging, vertraute er Pécuchet schüchtern an, daß er
-dieses heidnische Grabmal inmitten der Gemüse nicht schicklich finde.
-Hurel grüßte bei seinem Aufbruch die Anwesenden sehr tief. Herr
-Marescot war gleich nach dem Nachtisch verschwunden.</p>
-
-<p>Frau Bordin begann die Einzelheiten ihrer Gurkenbereitung von neuem,
-versprach ein zweites Rezept für Pflaumen in Branntwein und ging noch
-dreimal in der großen Allee auf und ab; als sie jedoch an der Linde
-vorbeikam, hakte sich der Saum ihres Gewandes fest, und sie hörten sie
-murmeln: „Lieber Gott! Was für eine Dummheit ist das mit diesem Baum!“</p>
-
-<p>Bis Mitternacht ließen die beiden Gastgeber unter der Laube ihren
-Verdruß aus.</p>
-
-<p>Gewiß waren zwei, drei Kleinigkeiten hier und da in dem Diner zu
-tadeln; indessen hatten sich ja die Gäste wie Vielfraße vollgepfropft,
-ein Beweis, daß es so schlecht nicht war. Was jedoch den Garten
-anlangte, so rührte soviel Herabsetzung von der schwärzesten Eifersucht
-her; und sich erhitzend, riefen sie:</p>
-
-<p>„Ach! Das Wasser fehlt in dem Teich! Geduld! Man wird sogar einen
-Schwan und Fische darin sehen!“</p>
-
-<p>„Die Pagode haben sie kaum beachtet!“</p>
-
-<p>„Zu behaupten, die Ruinen seien nicht reinlich, ist die Ansicht eines
-Dummkopfes!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p>
-
-<p>„Und das Grabmal eine Unschicklichkeit! Warum eine Unschicklichkeit?
-Hat man nicht das Recht, auf seiner Besitzung so etwas zu erbauen? Ich
-werde mich sogar darin beisetzen lassen!“</p>
-
-<p>„Still davon!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Dann gingen sie die Gäste der Reihe nach durch.</p>
-
-<p>„Der Arzt sieht wie ein rechter Poseur aus.“</p>
-
-<p>„Hast du Marescots Grinsen vor dem Porträt bemerkt?“</p>
-
-<p>„Was für ein ungehobelter Klotz dieser Herr Bürgermeister ist!
-Wenn man in einem Hause speist, zum Teufel, so schont man die
-Sehenswürdigkeiten.“</p>
-
-<p>„Und Frau Bordin?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Na, das ist eine Intrigantin! Laß mich in Ruhe mit der!“</p>
-
-<p>Von der Gesellschaft angewidert, beschlossen sie, mit niemandem mehr zu
-verkehren und ausschließlich für sich allein zu Hause zu leben.</p>
-
-<p>Und sie brachten ganze Tage im Keller damit zu, den Weinstein von den
-Flaschen zu entfernen, lackierten alle Möbel neu, bohnten die Zimmer;
-jeden Abend erörterten sie, wenn sie das Holz brennen sahen, die besten
-Heizsysteme.</p>
-
-<p>Aus Sparsamkeit versuchten sie, Schinken zu räuchern und die Wäsche
-zu waschen; Germaine, die sie belästigten, zuckte die Achseln. Um die
-Einmachezeit geriet sie in Wut, und sie richteten sich im Backhaus ein.</p>
-
-<p>Es hatte ehemals als Waschhaus gedient und besaß unter dem gespaltenen
-Holz einen großen eingemauerten Kessel, der sich ausgezeichnet für
-ihre Pläne eignete, denn der Ehrgeiz hatte sie gepackt, Konserven
-herzustellen.</p>
-
-<p>Vierzehn Einmachegläser wurden mit Tomaten und Erbsen gefüllt; sie
-dichteten den Verschluß mit ungelöschtem Kalk und Käse, setzten auf die
-Ränder Leinwandstreifen und stellten die Gläser in kochendes Wasser.</p>
-
-<p>Es verdampfte; sie gossen kaltes nach; der Temperaturunterschied ließ
-die Gläser platzen. Nur drei wurden gerettet.</p>
-
-<p>Dann verschafften sie sich alte Sardinenbüchsen, taten Kalbskoteletten
-hinein und brachten sie in ein Sandbad. Sie kamen rund wie Ballons
-wieder heraus; die Abkühlung sollte sie flach machen. Um den Versuch
-fortzusetzen, ver<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span>schlossen sie in andere Büchsen Eier, Endivien,
-Hummer, ein pikantes Fischgericht, eine Suppe! &mdash; und sie waren über
-sich selbst entzückt, wie Herr Appert, „die Jahreszeiten festgelegt zu
-haben“. Solche Entdeckungen gingen nach Pécuchet über die Taten der
-Eroberer hinaus.</p>
-
-<p>Sie vervollkommneten die Mixed-pickles-Bereitung der Frau Bordin,
-indem sie den Essig mit Pfeffer würzten; und ihre Branntweinpflaumen
-waren bedeutend vorzuziehen! Durch Mazerieren erhielten sie Himbeer-
-und Absinth-Ratafia. In einer Bagnolser Tonne wollten sie aus Honig
-und Engelwurz Malagawein herstellen; und sie unternahmen ebenso die
-Bereitung des Champagners! Die Chablisflaschen, die vom Weinmost rissig
-geworden waren, platzten von selbst. Da zweifelten sie nicht mehr am
-Gelingen.</p>
-
-<p>Ihre Kenntnisse erweiterten sich, und sie argwöhnten infolgedessen
-überall Fälschungen von Nahrungsmitteln.</p>
-
-<p>Dem Bäcker gegenüber nörgelten sie über die Farbe des Brotes. Sie
-machten sich den Krämer zum Feinde, indem sie behaupteten, er fälsche
-seine Schokolade. Sie begaben sich nach Falaise, um Brustbeerenpaste
-zu verlangen &mdash; und vor den Augen des Apothekers unterwarfen sie
-seine Paste der Probe durch das Wasser. Sie nahm das Aussehen einer
-Speckschwarte an, was Gelatinegehalt anzeigte.</p>
-
-<p>Nach diesem Triumph wuchs ihr Stolz. Sie erstanden die Gerätschaften
-eines verkrachten Branntweinbrenners, und bald kamen in das Haus Siebe,
-kleine Tonnen, Trichter, Schaumlöffel, Seihebeutel und Wagen, ohne eine
-Mulde mit Kugel und eine Retorte mit einem Helmkühler, welche einen
-Schmelzofen nebst Rauchfang erforderte, zu zählen.</p>
-
-<p>Sie lernten, wie Zucker geläutert wird, und welche verschiedene Arten
-man durch Einkochen erzielen kann, den groß- und den kleingeperlten,
-den Schaumzucker, den aufgegangenen, den schleimigen und den
-Karamellzucker. Doch es verlangte sie, die Retorte zu gebrauchen; und
-sie machten sich an die Likörbereitung, wobei sie mit dem Anisschnaps
-anfingen. Die Flüssigkeit führte fast immer die festen Bestandteile
-mit, oder diese setzten sich auf dem Grunde fest; dann wieder hatten
-sie sich in betreff des Mengungsverhältnisses geirrt. Um sie glänzten
-die großen kupfernen Abdampfschalen, die Kolben streckten ihre spitzen
-Schnäbel<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> aus, die Pfannen hingen an den Wänden. Oft sortierte der
-eine Kräuter auf dem Tisch, während der andere die Kanonenkugel in
-der aufgehängten Mulde bewegte; sie rührten mit den Löffeln um, sie
-kosteten die Mischungen.</p>
-
-<p>Bouvard, dem immer der Schweiß herunterlief, trug nur Hemd und Hose,
-welch letztere er mit seinen kurzen Hosenträgern bis zur Magenhöhlung
-emporgezogen hatte; aber verwirrt wie ein Vogel, vergaß er die
-Scheidewand des Kolbens, oder er feuerte zu stark.</p>
-
-<p>Pécuchet, unbeweglich in seiner langen Bluse, eine Art Kinderkittel mit
-Ärmeln, murmelte Berechnungen; und sie hielten sich für sehr ernsthafte
-Menschen, die sich mit nützlichen Dingen beschäftigten.</p>
-
-<p>Schließlich träumten sie von einem feinen Likör, der alle anderen
-übertrumpfen sollte. Sie wollten Koriander zusetzen wie beim Kümmel,
-Kirsch wie beim Maraschino, Ysop wie beim Chartreuse, Bisam wie beim
-Vespetro, Magenwurz wie beim Krambambuli; und durch Sandelholz sollte
-er eine rote Farbe erhalten. Doch unter welchem Namen sollten sie ihn
-in den Handel bringen? Denn man brauchte einen leicht zu behaltenden,
-aber doch absonderlich klingenden Namen. Nachdem sie lange gesucht
-hatten, entschlossen sie sich, ihn „Bouvarine“ zu nennen.</p>
-
-<p>Gegen Ende des Herbstes zeigten sich Flecke in den drei
-Konservengläsern. Die Tomaten und die Erbsen waren verdorben.
-Sollte das vom Verschluß herrühren? Da quälte sie das Problem des
-Verschließens. Um neue Methoden zu erproben, fehlte es ihnen an Geld.
-Ihr Pachthof machte ihnen Kummer.</p>
-
-<p>Mehrere Male hatten sich Pächter zur Übernahme angeboten, Bouvard hatte
-nichts davon wissen wollen. Aber sein erster Knecht bewirtschaftete
-den Hof nach seinen Anweisungen mit einem gefährlichen Sparsystem der
-Art, daß die Ernten geringer wurden, alles dem Untergange entgegenging,
-und sie sprachen von ihren Verlegenheiten, als Meister Gouy in ihr
-Laboratorium trat, von seiner Frau begleitet, die sich furchtsam
-zurückhielt.</p>
-
-<p>Dank aller Bearbeitung, die man dem Boden hatte zuteil werden lassen,
-war das Land besser geworden, &mdash; und er kam, um den Pachthof wieder zu
-übernehmen. Er machte<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> ihn herunter. Trotz aller ihrer Mühen seien die
-Erträgnisse vom Zufall abhängig; mit einem Wort, wenn er wünschte, ihn
-wieder zu übernehmen, so sei es aus Liebe zur Scholle und aus Sehnsucht
-nach so guten Herren. Man entließ ihn kühl. Er kam noch denselben Abend
-wieder.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte Bouvard lange darüber vorgepredigt; sie wollten
-nachgeben. Gouy verlangte eine Herabsetzung des Pachtzinses, und
-da die Gegenpartei heftig protestierte, begann er mehr zu brüllen
-als zu sprechen, indem er den lieben Gott zum Zeugen anrief, seine
-Mühsale aufzählte, seine Verdienste rühmte. Als man ihn aufforderte,
-seinen Preis zu sagen, senkte er, anstatt zu antworten, den Kopf. Da
-begann seine Frau, die, einen großen Korb auf den Knien, an der Tür
-saß, dieselben Beteuerungen, indem sie mit scharfer Stimme wie ein
-verwundetes Huhn kreischte.</p>
-
-<p>Schließlich wurde der Vertrag zu der Bedingung von dreitausend Franken
-Jahreszins abgeschlossen; das war ein Drittel weniger als früher.</p>
-
-<p>Noch in derselben Sitzung machte Meister Gouy den Vorschlag, das
-Inventar zu kaufen, und die Wechselreden begannen von neuem.</p>
-
-<p>Die Schätzung der Gegenstände dauerte vierzehn Tage. Bouvard war von
-der Anstrengung halb tot. Er gab alles für eine so lächerliche Summe
-hin, daß Gouy zuerst die Augen aufriß, und „Abgemacht“ ausrufend, in
-seine Hand einschlug.</p>
-
-<p>Darauf luden die Besitzer dem Brauche gemäß zu einem kleinen Imbiß in
-ihrer Wohnung ein, und Pécuchet entkorkte, weniger aus Großmut, als
-in der Hoffnung, etwas Schmeichelhaftes zu hören, eine Flasche seines
-Malaga.</p>
-
-<p>Doch der Bauer sagte, die Nase rümpfend:</p>
-
-<p>„Das schmeckt wie Lakritzensaft.“</p>
-
-<p>Und seine Frau verlangte, „um den Geschmack von der Zunge zu bekommen“,
-ein Glas Branntwein.</p>
-
-<p>Eine wichtigere Angelegenheit nahm sie in Anspruch! Alle Bestandteile
-des „Bouvarine“-Likörs waren endlich zusammen.</p>
-
-<p>Sie füllten damit den Kolben, fügten Alkohol hinzu, zündeten das Feuer
-an und warteten. Unterdessen nahm Pécuchet, dem der mißlungene Malaga
-keine Ruhe ließ, die<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> Blechdosen aus dem Schrank, löste den Deckel der
-ersten, dann der zweiten, der dritten. Wütend warf er sie hin und rief
-Bouvard.</p>
-
-<p>Bouvard schloß den Hahn des Kühlrohrs und stürzte sich auf die
-Konserven. Die Enttäuschung war vollständig. Die Kalbfleischscheiben
-ähnelten gekochten Sohlen. Der Hummer hatte sich in eine schmutzige
-Flüssigkeit verwandelt. Das Fischgericht war nicht mehr zu erkennen.
-Pilze waren auf der Suppe gewachsen, &mdash; und ein unerträglicher Geruch
-verpestete das Laboratorium.</p>
-
-<p>Plötzlich zersprang die Retorte mit dem Knalle einer Granate in
-tausend Scherben, die bis zur Decke flogen, die Töpfe zerschlugen, die
-Schaumlöffel platt drückten, die Gläser zerschmetterten; die Kohle
-zerstreute sich, der Ofen war entzwei, &mdash; und am folgenden Tage fand
-Germaine im Hofe einen Spatel.</p>
-
-<p>Die Kraft des Dampfes hatte das Instrument zersprengt, und das um so
-eher, als der Kolben am Knauf geschlossen war.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte sich sogleich hinter den Bottich geduckt, und Bouvard
-war auf einen Schemel gesunken. Zehn Minuten lang verharrten sie in
-dieser Stellung, nicht wagend, eine Bewegung zu machen, bleich vor
-Schrecken inmitten der Scherben. Als sie die Sprache wiedererlangt
-hatten, fragten sie sich, was der Grund zu so viel Unglück, besonders
-zu dem letzten, sei; und sie begriffen nichts davon, ausgenommen, daß
-sie beinahe umgekommen wären. Pécuchet schloß mit folgenden Worten:</p>
-
-<p>„Vielleicht ist der Grund der, daß wir nichts von der Chemie verstehen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="III">III</h2>
-
-</div>
-
-<p>Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich
-die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen
-Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“</p>
-
-<p>Man teilt sie in Metalloide und Metalle &mdash; ein Unterschied, der „nichts
-Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Eben<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span>so gilt für die Säuren und die
-Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz
-den Umständen zufolge, verhalten kann“.</p>
-
-<p>Die Bemerkung schien ihnen seltsam. &mdash; Die multiplen Proportionen
-setzten Pécuchet in Verwirrung.</p>
-
-<p>„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von
-B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele
-Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das
-ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“</p>
-
-<p>„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem
-von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft
-hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß
-der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht.</p>
-
-<p>Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element
-nicht existiert.</p>
-
-<p>Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit
-Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten
-sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie.</p>
-
-<p>Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden,
-aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine
-Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die
-Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die
-Laternen enthielt.</p>
-
-<p>Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe.</p>
-
-<p>Sie brachte sie auf die Säuren, &mdash; und das Gesetz des
-Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie
-versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte
-sie vollends.</p>
-
-<p>Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente
-haben müssen.</p>
-
-<p>Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt.</p>
-
-<p>Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span></p>
-
-<p>Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein.</p>
-
-<p>„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“</p>
-
-<p>Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck
-ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er:</p>
-
-<p>„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“</p>
-
-<p>Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie
-erlernen wollten.</p>
-
-<p>„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch
-heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die
-Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“</p>
-
-<p>Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der
-Umgebung verstärkt.</p>
-
-<p>Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den
-chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer
-Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die
-Darstellung einer Muskelfigur.</p>
-
-<p>Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment.</p>
-
-<p>„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“</p>
-
-<p>Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für
-ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem
-Innern der Frau und dem des Mannes beständen.</p>
-
-<p>Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat
-einen Band anatomischer Tafeln.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“</p>
-
-<p>Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer,
-die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in
-Verwunderung. &mdash; Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich
-wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth
-lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über
-das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal
-stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. &mdash; Warum
-gerade sechzehnmal?</p>
-
-<p>Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet,
-der sich mit Eifer an den Schädel gemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> verlor den Mut vor dem
-Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt.</p>
-
-<p>Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, &mdash;
-und sie machten sich an die Muskeln.</p>
-
-<p>Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu
-den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie
-vollständig darauf.</p>
-
-<p>Da sagte Pécuchet:</p>
-
-<p>„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das
-Laboratorium zu benutzen.“</p>
-
-<p>Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man
-für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle.</p>
-
-<p>Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im
-Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der
-folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor
-ihrem Gittertor nieder.</p>
-
-<p>Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den
-Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier
-glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen.</p>
-
-<p>Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten
-und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte
-keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr
-sauberem Spielzeug, das nach Lack roch.</p>
-
-<p>Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die
-zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah,
-ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze
-Masse der Eingeweide.</p>
-
-<p>„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Der Tag und der Abend gingen damit hin.</p>
-
-<p>Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den
-Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren
-Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“</p>
-
-<p>Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters.</p>
-
-<p>Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> künstlichen
-Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache
-zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem
-Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen
-Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen;
-Neugierige standen im Hof.</p>
-
-<p>Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die
-Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor,
-hatte etwas Furchtbares.</p>
-
-<p>„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Foureau stotterte:</p>
-
-<p>„Nichts, gar nichts.“</p>
-
-<p>Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm,
-fragte er:</p>
-
-<p>„Was ist das?“</p>
-
-<p>„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard.</p>
-
-<p>Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß
-sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging.</p>
-
-<p>Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen
-fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten,
-waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte,
-erzitterte der Tisch.</p>
-
-<p>„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum
-vom Halse!“</p>
-
-<p>Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen.</p>
-
-<p>„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“</p>
-
-<p>Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht
-hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie
-keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung
-machen. &mdash; Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und
-rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den
-anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die
-Wissenschaft zu leiden.</p>
-
-<p>Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe
-als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er
-die Gelegenheit, zu dozieren.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen
-auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Bibliothek, wobei er indessen
-versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen.</p>
-
-<p>Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die
-besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher
-Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den
-berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die
-wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle
-zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert
-starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase
-drei Pfund wog, gekannt hatten!</p>
-
-<p>Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie
-unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus
-zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse
-ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen,
-Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das
-Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um
-sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen.</p>
-
-<p>Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam
-vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile
-wieder an den rechten Platz zu setzen.</p>
-
-<p>Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie
-zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und
-vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden
-Ellbogen auf den Tisch gestützt.</p>
-
-<p>Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten
-Besuche gemacht hatte, durch die Tür.</p>
-
-<p>„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“</p>
-
-<p>„Vorzüglich,“ erwiderten sie.</p>
-
-<p>Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu
-setzen.</p>
-
-<p>Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und
-sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und
-ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz
-ihres Be<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span>mühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte
-sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten.</p>
-
-<p>„Bravo! Das habe ich erwartet!“</p>
-
-<p>In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, &mdash; und
-das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief.</p>
-
-<p>Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die
-Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre?</p>
-
-<p>Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um
-dort Bücher zu kaufen.</p>
-
-<p>Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte
-ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit
-berühmt waren.</p>
-
-<p>Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen
-von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren,
-daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des
-Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen.</p>
-
-<p>Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen,
-die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse
-und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam,
-zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in
-ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn
-sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen
-Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in
-eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie
-trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern
-Erfolg als den, ihre Person zu infizieren.</p>
-
-<p>Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße
-entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt
-bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide
-mit einem Schnupfen zurück.</p>
-
-<p>Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard
-verbreitete sich über die Frage der Zeugung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span></p>
-
-<p>Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht.
-Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er
-ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend
-ein Geständnis.</p>
-
-<p>Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er
-fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde,
-rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten,
-so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten,
-Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes
-in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte.</p>
-
-<p>Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer,
-hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an
-Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in
-eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame
-und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte
-schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern
-schwanger war.</p>
-
-<p>Bouvard sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme
-dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“</p>
-
-<p>Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und
-sie setzten ihre Physiologie fort.</p>
-
-<p>Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen
-Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht
-des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des
-Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die
-Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius,
-der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf,
-täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er
-wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen
-aufzuschreiben.</p>
-
-<p>Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide
-zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an.</p>
-
-<p>Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> nicht zu hindern,
-und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz
-seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst
-seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf
-einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor.</p>
-
-<p>Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die
-Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die
-Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die
-Körperteile am Becken bewegt.</p>
-
-<p>Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit
-einem Thermometer versehen, hinein.</p>
-
-<p>Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil
-des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im
-Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch
-von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, &mdash; und da sie sich dort
-sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit.</p>
-
-<p>Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle.</p>
-
-<p>„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz
-gewiß kalt.“</p>
-
-<p>„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst
-vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“</p>
-
-<p>Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen
-Bauch, prustete wie ein Pottfisch, &mdash; dann sah er auf das Thermometer,
-das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“</p>
-
-<p>„Nicht genug!“</p>
-
-<p>Und er fing seine Übungen von neuem an.</p>
-
-<p>Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in
-die Hand nahm.</p>
-
-<p>„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“</p>
-
-<p>Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von
-Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul.</p>
-
-<p>Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub.
-Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus
-Furcht, gebissen zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p>
-
-<p>Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die
-Augen rollte.</p>
-
-<p>Da bellte der Hund; &mdash; und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an
-die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich
-zu heben suchte.</p>
-
-<p>„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund
-anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen.</p>
-
-<p>Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte
-seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen
-Krallen.</p>
-
-<p>„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“</p>
-
-<p>Er legte sich darauf und blieb ruhig.</p>
-
-<p>Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von
-der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; &mdash; und als
-Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf:</p>
-
-<p>„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“</p>
-
-<p>Für was für Versuche?</p>
-
-<p>Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren,
-um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie
-die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor
-verkaufen.</p>
-
-<p>Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen,
-ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das
-alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die
-Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark.</p>
-
-<p>Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen
-Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte.
-Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere
-und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine
-Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch
-den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche.</p>
-
-<p>Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit
-Bindfäden an den Pfoten erblickte.</p>
-
-<p>Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> selben Augenblick
-herein. Er machte einen Satz und war verschwunden.</p>
-
-<p>Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede.</p>
-
-<p>„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! &mdash; Und
-meine Küche, die ist sauber! &mdash; Das wird ihn vielleicht toll machen!
-Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“</p>
-
-<p>Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen.</p>
-
-<p>Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an.</p>
-
-<p>Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut
-bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen
-einzuziehen, &mdash; und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg,
-sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte.</p>
-
-<p>Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser
-starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben
-Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen
-verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten;
-und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine
-vollkommen weiße Knochenhaut.</p>
-
-<p>Die Ernährung beunruhigte sie.</p>
-
-<p>Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die
-Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines
-Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges
-verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere
-in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der
-im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den
-Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen
-statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts.</p>
-
-<p>Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist.
-Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von
-hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf
-ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem
-alten Wort zufolge)<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span> der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren,
-sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran.</p>
-
-<p>Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten.</p>
-
-<p>Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben
-ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt,
-sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen.</p>
-
-<p>Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem
-Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme
-Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von
-François Raspail an.</p>
-
-<p>Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge
-ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem
-Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an.</p>
-
-<p>Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände
-rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen,
-verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und
-verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der
-Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften
-ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit
-Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung
-eines Buckligen.</p>
-
-<p>Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden
-hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu
-ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten
-zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit
-Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu
-frühstücken.</p>
-
-<p>Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte,
-bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor
-behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern;
-anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert
-und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> sie davon befreien.
-Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die
-Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil
-ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn
-mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen
-wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten
-Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt.</p>
-
-<p>Sie warb ihnen Anhänger, &mdash; und der Steuereinnehmer, der Schreiber
-auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in
-Chavignolles lutschte Federkiele.</p>
-
-<p>Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die
-Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich
-über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte
-Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das
-Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus
-Furcht, ihr Ansehen zu verringern.</p>
-
-<p>Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an
-Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper.</p>
-
-<p>Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren
-Büchern nach.</p>
-
-<p>Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche
-sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische,
-griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller
-Sprachen.</p>
-
-<p>Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit
-ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen
-aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin.</p>
-
-<p>Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus,
-Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der
-Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie
-wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und
-Wirkung unterscheiden zu können.</p>
-
-<p>„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil.</p>
-
-<p>Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> die Kranken
-ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die
-Häuser einführten.</p>
-
-<p>Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren
-Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von
-scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze
-Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie
-von Leder und altem Käse.</p>
-
-<p>Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß
-die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel
-Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten
-gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen
-schwinde.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die
-Kühnheit, die Brust zu behorchen.</p>
-
-<p>Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge
-im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen
-würden.</p>
-
-<p>Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen
-noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn,
-gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen
-aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom
-Individuum absorbiert wurden.</p>
-
-<p>Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das
-Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau
-mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie
-aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf.</p>
-
-<p>Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue
-Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen.</p>
-
-<p>Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er
-werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy
-kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und
-Vaucorbeil vernachlässige ihn.</p>
-
-<p>Pécuchet opferte sich.</p>
-
-<p>Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken,
-aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Anzeichen von
-Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man
-durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete
-Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt.</p>
-
-<p>Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen
-der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten.</p>
-
-<p>Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster
-hinaus, indem er rief:</p>
-
-<p>„Das ist ja der reine Mord!“</p>
-
-<p>„Warum?“</p>
-
-<p>„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der
-Drüsenschleimhaut ist.“</p>
-
-<p>„Nicht immer!“</p>
-
-<p>Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet
-glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den
-Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen
-kann!“</p>
-
-<p>„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“</p>
-
-<p>„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit?
-Wer hat es gesehen?“</p>
-
-<p>Pécuchet verwickelte sich in seine Worte.</p>
-
-<p>„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“</p>
-
-<p>Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung.</p>
-
-<p>„Gleichviel! Er braucht sie!“</p>
-
-<p>„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“</p>
-
-<p>„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten.</p>
-
-<p>„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor.</p>
-
-<p>Pécuchet kreuzte die Arme.</p>
-
-<p>„Dann sind Sie also Empiriker?“</p>
-
-<p>„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“</p>
-
-<p>„Und wenn man falsch beobachtet?“</p>
-
-<p>Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der
-Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert
-hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn.</p>
-
-<p>„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“</p>
-
-<p>„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbei<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span>geführt haben,
-hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“</p>
-
-<p>Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit
-erhobener Stimme:</p>
-
-<p>„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“</p>
-
-<p>Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch
-zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen.</p>
-
-<p>Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der
-eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis.</p>
-
-<p>„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der
-ein Diplom besitzt...“ &mdash; Pécuchet lächelte spöttisch. &mdash; „Warum lachen
-Sie?“</p>
-
-<p>„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“</p>
-
-<p>Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner
-sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor:</p>
-
-<p>„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin
-vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des
-Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen
-gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß
-noch einmal in Ihr Haus setze!“</p>
-
-<p>Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke
-gestikulierte.</p>
-
-<p>Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung.</p>
-
-<p>Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden
-in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie
-vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen
-wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor
-den Kopf darüber.</p>
-
-<p>Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster
-hielt, &mdash; und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den
-Kopf gestoßen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von
-der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil
-doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin aus<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span>kennen!
-Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem
-Menschenleben vergangen zu haben.</p>
-
-<p>Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des
-Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm
-an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach
-Chavignolles gelockt zu haben!</p>
-
-<p>Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war
-seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn.</p>
-
-<p>„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die
-Entbindungen machten...“</p>
-
-<p>„Ich habe die künstlichen Körper satt!“</p>
-
-<p>„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen
-erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“</p>
-
-<p>Aber Bouvard war der Medizin müde.</p>
-
-<p>„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu
-zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, &mdash; und man findet
-in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der
-Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“</p>
-
-<p>Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt.</p>
-
-<p>Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine
-Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche
-nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster,
-dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von
-Gallensteinen bedroht.</p>
-
-<p>Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die
-Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr
-erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb
-war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich:</p>
-
-<p>„Habe ich Schmerzen?“</p>
-
-<p>Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben.</p>
-
-<p>Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre
-Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser,
-nahmen Abführmittel, &mdash; und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind,
-Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span></p>
-
-<p>Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme
-Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, &mdash;
-und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern
-in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns.</p>
-
-<p>Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine
-Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde
-beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist
-eine drohende Ankündigung des Schlagflusses.</p>
-
-<p>Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft
-einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte.
-Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben
-Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein
-Handbuch der Hygiene von Dr. Morin.</p>
-
-<p>Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte,
-die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer
-Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte.</p>
-
-<p>Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter
-Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“.
-Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto
-unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die
-Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet,
-von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“.
-Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder
-eins der Worte: „schädlich!“ &mdash; „man hüte sich vor dem Zuviel!“ &mdash;
-„bekommt nicht jedermann!“ &mdash; Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie
-wissen, ob diese Sache einem bekommt?</p>
-
-<p>Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf
-den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die
-Schokolade; &mdash; denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen
-Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich
-ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten
-Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der
-Bauchspeicheldrüse zu reinigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span></p>
-
-<p>Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so
-mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft,
-eine Forderung, die Pécuchet empörte.</p>
-
-<p>Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen,
-daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von
-vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen
-unerläßlich“ ist.</p>
-
-<p>Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit
-gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man
-badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will,
-daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach
-der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor,
-die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm,
-dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch
-von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor
-der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und
-sanguinischen Menschen.</p>
-
-<p>Was ist dann die Hygiene?</p>
-
-<p>„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr
-Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft.</p>
-
-<p>Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit
-Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das
-war eine Befreiung, fast eine Vergeltung &mdash; und sie machten sich über
-Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren!
-Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das
-Leben ist nur gut, insoweit man es genießt!</p>
-
-<p>„Noch ein Stück?“</p>
-
-<p>„Ich bin nicht abgeneigt.“</p>
-
-<p>„Ich auch nicht!“</p>
-
-<p>„Auf deine Gesundheit!“</p>
-
-<p>„Auf die deinige!“</p>
-
-<p>„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“</p>
-
-<p>Sie gerieten in Stimmung.</p>
-
-<p>Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich
-er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> Mütze auf den
-Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der
-Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins
-Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu
-weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet:</p>
-
-<p>„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“</p>
-
-<p>Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu
-verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie.</p>
-
-<p>Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt
-einzunehmen.</p>
-
-<p>Die Ernte war soeben beendet &mdash; und die Heuhaufen hoben sich auf den
-Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und
-milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal
-die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise
-einatmend, die ihre Wangen kühlte.</p>
-
-<p>Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen,
-andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in
-weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden
-nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen
-leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, &mdash; und das Firmament
-schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen.</p>
-
-<p>„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus.</p>
-
-<p>„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße
-gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der
-nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“</p>
-
-<p>Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und
-erinnerte sich der Zahlen.</p>
-
-<p>„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat
-die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von
-vierunddreißig Millionen Meilen!“</p>
-
-<p>„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend
-nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein.</p>
-
-<p>Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> zeigte ihm den
-Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus
-dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont,
-den roten Aldebaran.</p>
-
-<p>Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke,
-Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel
-zurechtzufinden.</p>
-
-<p>Pécuchet fuhr fort:</p>
-
-<p>„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der
-Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu
-uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet,
-verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie
-wieder, &mdash; und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das
-alles zieht vorüber.“</p>
-
-<p>„Doch die Sonne ist unbeweglich!“</p>
-
-<p>„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie
-dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“</p>
-
-<p>Das störte Bouvard in seinen Ideen; &mdash; und nach minutenlangem
-Nachdenken:</p>
-
-<p>„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes
-gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest
-überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht
-erforschen kann.“</p>
-
-<p>So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der
-Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen.</p>
-
-<p>Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den
-Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang
-steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars
-von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß
-es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen;
-man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige.</p>
-
-<p>Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer
-ungeheuren Rakete beschreibend.</p>
-
-<p>„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“</p>
-
-<p>Pécuchet fuhr fort:</p>
-
-<p>„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte,<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> würden die Bewohner
-der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige
-Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“</p>
-
-<p>„Welches ist der Zweck von alldem?“</p>
-
-<p>„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“</p>
-
-<p>„Indessen...“</p>
-
-<p>Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere
-Worte zu finden.</p>
-
-<p>„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“</p>
-
-<p>„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen
-zufielen.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“</p>
-
-<p>Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er
-gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde
-wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz
-von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen;
-dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch
-erschienen.</p>
-
-<p>Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war
-wie das Weltall selbst.</p>
-
-<p>Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so
-bedeutende Gegenstände nachzudenken.</p>
-
-<p>Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu
-zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de
-Saint-Pierres.</p>
-
-<p>Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers,
-menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam
-darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne
-des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die
-Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten;
-ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur
-tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem
-Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist,
-Wohltaten auszuteilen!</p>
-
-<p>Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder,
-und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten
-und Schönheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei,
-Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für
-sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden
-sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die
-feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen
-sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem
-Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben.</p>
-
-<p>Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu.</p>
-
-<p>Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen
-Geschmack gewisser Tiere in Entzücken.</p>
-
-<p>Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie
-traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten,
-daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß
-die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen.</p>
-
-<p>„Nie im Leben.“</p>
-
-<p>Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig.</p>
-
-<p>Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen.</p>
-
-<p>Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock
-und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den
-ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war,
-schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich
-selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor
-sich gehen konnte.</p>
-
-<p>Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie
-wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während
-der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte
-und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die
-im Dunkeln leuchteten.</p>
-
-<p>Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu
-Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte
-ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von
-Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im
-Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf,<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> um
-es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf
-die Erde.</p>
-
-<p>Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer
-Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus
-solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von
-der Frage der Art.</p>
-
-<p>Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich
-fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten
-klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu
-derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben.</p>
-
-<p>Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die
-Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel
-wegen eines Mikroskops.</p>
-
-<p>Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel,
-einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser
-vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen
-sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel
-wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen
-zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt,
-sind wohl nicht so positiver Art.</p>
-
-<p>Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn
-Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher
-Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr
-Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“
-Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs.</p>
-
-<p>Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in
-ihrer Einbildungskraft:</p>
-
-<p>Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten
-Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut.
-Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit;
-dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf
-eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die
-feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige
-Felsstücke stoben von den<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava,
-die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer
-Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da
-überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie
-Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig
-Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals
-mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt
-erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere
-mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer
-Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken
-Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den
-Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier,
-halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die
-Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter
-den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den
-Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner
-Höhle bellen machte.</p>
-
-<p>Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt,
-deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren
-Akten, dessen Apotheose der Mensch war.</p>
-
-<p>Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von
-Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher
-Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste.</p>
-
-<p>Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der
-Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an:</p>
-
-<p>„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“</p>
-
-<p>Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift
-dadurch, daß sie die Sündflut beweise.</p>
-
-<p>Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien.</p>
-
-<p>Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand,
-so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern.</p>
-
-<p>Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> von Erfolg
-gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen
-jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein.</p>
-
-<p>„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in
-Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde
-ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der
-Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe
-eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung
-eines Krokodils verzeichnet war.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung
-war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und
-fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer
-Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump,
-dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den
-Kopf, während er die Augen schloß.</p>
-
-<p>Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten.</p>
-
-<p>„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort
-Larsoneurs. Endlich kam sie.</p>
-
-<p>Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte,
-hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte
-anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und
-er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung
-ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte
-man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les
-Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise
-Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen.</p>
-
-<p>Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich
-gerne sogleich nach Villers aufgemacht.</p>
-
-<p>Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und
-sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich,
-Erkundigungen einzuziehen &mdash; und sie schrieben dem Bürgermeister des
-Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis
-Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> seine
-Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung
-unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte
-da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu
-machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag?</p>
-
-<p>Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten
-Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren
-die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie
-nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde
-beschlossen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann
-brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen
-sie zu Fuß nach Port-en-Bessin.</p>
-
-<p>Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte
-eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes
-erreichten sie den Strand.</p>
-
-<p>Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu
-den Fluten offen vor ihnen.</p>
-
-<p>Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus
-weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich
-verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine
-Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer
-rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte
-nur noch das leise Geräusch der Quellen.</p>
-
-<p>Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher
-springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen,
-ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem
-Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn
-zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre
-Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem
-kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze
-Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich
-Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer
-Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es
-war ein „Ammonites nodosus“,<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span> der an den Enden schadhaft war, aber gut
-sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir
-müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“</p>
-
-<p>Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber
-auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines
-Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der
-Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse
-wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten.</p>
-
-<p>Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten.</p>
-
-<p>Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das
-Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen.</p>
-
-<p>Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen
-Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte.</p>
-
-<p>„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit
-fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in
-gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend.</p>
-
-<p>Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die
-Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler
-Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im
-Begriff herabzugleiten.</p>
-
-<p>Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich.</p>
-
-<p>„Ihre Pässe?“</p>
-
-<p>Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben
-Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht
-herbeigeeilt war.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“</p>
-
-<p>„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete
-Pécuchet.</p>
-
-<p>Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß
-nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen.</p>
-
-<p>Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der
-unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p>
-
-<p>Bouvard sagte seufzend:</p>
-
-<p>„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“</p>
-
-<p>„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“
-erwiderte der Feldhüter.</p>
-
-<p>„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“</p>
-
-<p>Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend.</p>
-
-<p>„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“</p>
-
-<p>Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von
-Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer
-würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke;
-und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen,
-sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im
-Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den
-Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück.
-Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht
-zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der
-Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort
-angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft
-vorsichtiger zu sein.</p>
-
-<p>Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie
-neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des
-geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen
-guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen,
-eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch
-den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen
-Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock
-nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit
-langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem
-Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide
-darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie
-vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei
-Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich
-nicht überall in der Mütze vorstellen kann“,<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> scheuten sie die Kosten
-„eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem
-Hutmacher Gibus, benannt sind.“</p>
-
-<p>Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes,
-das man besuchen will, soll man können,“ &mdash; sie konnten sie. „Eine
-bescheidene Haltung bewahren,“ &mdash; das pflegten sie zu tun. „Nicht
-zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich
-schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut,
-„sich für einen Ingenieur auszugeben.“</p>
-
-<p>„Schön! Das werden wir tun!“</p>
-
-<p>So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang
-abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft.</p>
-
-<p>Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände,
-deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten,
-oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur
-Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die
-Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch
-die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah,
-was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein
-Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für
-die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden
-Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten
-nach Moränen und Muschelerde.</p>
-
-<p>Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und
-wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die
-Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen
-Unannehmlichkeiten zuziehen.</p>
-
-<p>Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber
-beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der
-Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte
-über die Menge Staub.</p>
-
-<p>Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen
-der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und
-des Gemenges ließ sie Ton und<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> Mergel, Granit und Gneis, Quarz und
-Kalkstein miteinander verwechseln.</p>
-
-<p>Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch,
-jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in
-Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich
-darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo
-eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen
-ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die
-geologischen Einteilungen glauben.</p>
-
-<p>Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen
-Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu
-Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu
-Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht
-hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le
-Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen.</p>
-
-<p>Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege,
-der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war
-gefährlich, sich dorthin zu wagen.</p>
-
-<p>Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die
-Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom,
-wenn es sein müßte“.</p>
-
-<p>Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre
-Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte
-man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so
-weit wie möglich zu gelangen.</p>
-
-<p>Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei
-braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die
-Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen.</p>
-
-<p>Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und
-fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine
-große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer
-hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu
-einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte
-mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von
-Algen auf den Fliesen einer Kirche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span></p>
-
-<p>Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im
-Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über
-den Ursprung der Welt.</p>
-
-<p>Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist.</p>
-
-<p>Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt,
-Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein
-inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes
-Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an
-alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das
-Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die
-Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar
-werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure
-verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können.</p>
-
-<p>„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet.</p>
-
-<p>Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und
-sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin.</p>
-
-<p>Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln
-schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von
-fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer
-kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie
-geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten,
-kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und
-schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam.</p>
-
-<p>Pécuchet dachte mit lauter Stimme:</p>
-
-<p>„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß
-nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur
-hervorzubrechen.“</p>
-
-<p>„Aber es nimmt doch ab.“</p>
-
-<p>„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den
-Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte
-sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben.</p>
-
-<p>„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“</p>
-
-<p>„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> Lissabon. Was
-unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen
-zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde
-bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“</p>
-
-<p>Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der
-Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg.</p>
-
-<p>„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden
-vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das
-gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig
-wie die Normandie oder auch wie Europa.“</p>
-
-<p>Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen.</p>
-
-<p>„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal
-stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten
-von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich,
-vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt,
-ist zermalmt.“</p>
-
-<p>Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald
-Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte
-ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts
-mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden
-zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In
-demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab.</p>
-
-<p>Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine
-Furcht, schrie ihm von weitem zu:</p>
-
-<p>„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“</p>
-
-<p>Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der
-Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte:</p>
-
-<p>„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht
-abgelaufen!“</p>
-
-<p>Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die
-Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem
-Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen
-herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken.</p>
-
-<p>Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an
-einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Bouvard jedenfalls
-heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen.</p>
-
-<p>Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe
-geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter
-Alabaster.</p>
-
-<p>In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut
-herankam, begann er wieder emporzuklimmen.</p>
-
-<p>Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah,
-erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto
-schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein
-Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen
-Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend,
-das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und
-unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer,
-die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die
-Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen
-seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte
-mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort
-Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle
-emporgestiegen war.</p>
-
-<p>Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr.</p>
-
-<p>Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie
-unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der
-Geologie“ betitelt war.</p>
-
-<p>Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie
-man sie zu jener Zeit auffaßte.</p>
-
-<p>Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden,
-aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an
-einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter
-enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte
-Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten
-sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit
-finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen
-Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen
-sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge,<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> und die
-Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als
-Abstraktionen.</p>
-
-<p>Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf
-dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der
-Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen
-großen Mann sank.</p>
-
-<p>Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und
-Geoffroy Saint-Hilaires bekannt.</p>
-
-<p>Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche.</p>
-
-<p>Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein
-Joch abgeschüttelt hätte.</p>
-
-<p>„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der
-Sündflut antworten würde!“</p>
-
-<p>Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des
-Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung
-eines Meßgewandes zu versammeln hatten:</p>
-
-<p>„Die Herren wünschen...?“</p>
-
-<p>„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“</p>
-
-<p>Und Bouvard begann:</p>
-
-<p>„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die
-‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein
-Himmel hat keine Katarakte!“</p>
-
-<p>Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen
-dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst
-Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie
-vertiefe.</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge
-überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein
-Wasserstand von zwei Meilen!“</p>
-
-<p>Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein
-schönes Bad!“</p>
-
-<p>„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe
-sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern,
-welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p>
-
-<p>„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“</p>
-
-<p>„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle
-Tage geschieht.“</p>
-
-<p>Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem
-Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe
-führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam
-vorwärts kam.</p>
-
-<p>Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort:</p>
-
-<p>„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre &mdash; das beweist
-uns die Wissenschaft &mdash; ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um
-die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde.</p>
-
-<p>Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande
-herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig
-vermehren.“</p>
-
-<p>Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu.</p>
-
-<p>Der Geistliche wurde ungeduldig.</p>
-
-<p>„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat?
-Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich
-weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und
-da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die
-Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der
-Wissenschaft ist!“</p>
-
-<p>Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de
-Beaumonts, antworten.</p>
-
-<p>„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé.</p>
-
-<p>Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal
-auf der Präfektur gesehen!“</p>
-
-<p>„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt
-hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen
-von manchmal dreihundert Meter.“</p>
-
-<p>Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die
-Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien
-aufgefundenen Tiere.</p>
-
-<p>Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe!
-Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span></p>
-
-<p>„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die
-gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die
-Verzeichnisse Manethos...“</p>
-
-<p>Der Graf von Faverges nahte.</p>
-
-<p>Alle verstummten bei seiner Annäherung.</p>
-
-<p>„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“</p>
-
-<p>„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé.</p>
-
-<p>„Weswegen?“</p>
-
-<p>„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“</p>
-
-<p>Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht
-hätten, religiöse Fragen zu erörtern.</p>
-
-<p>„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort:
-‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und
-in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war:
-„Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr
-zurückkehren!“</p>
-
-<p>Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem
-behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn
-die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre!</p>
-
-<p>„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche.</p>
-
-<p>Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede,
-daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der
-anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht
-waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch
-langsame Entwicklung zu entstehen.</p>
-
-<p>Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren,
-ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der
-Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“</p>
-
-<p>Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“
-Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“</p>
-
-<p>„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu
-der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab!</p>
-
-<p>Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich
-zu vergewissern, daß sie keine Affen seien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p>
-
-<p>Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer
-Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“</p>
-
-<p>„Genug!“</p>
-
-<p>„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den
-Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten:
-„Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“</p>
-
-<p>„Zur Sitzung, meine Herren!“</p>
-
-<p>Und man trat in die Sakristei.</p>
-
-<p>Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie
-es vorgehabt hatten. &mdash; Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel
-des Jesuitismus“ trage.</p>
-
-<p>Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch
-d’Orbignys auf.</p>
-
-<p>Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die
-vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator
-gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt
-verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter
-sind.</p>
-
-<p>Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in
-ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil.</p>
-
-<p>Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des
-Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe
-einen nach dem anderen streifte.</p>
-
-<p>Bouvard lauerte ihm auf, &mdash; und nachdem er ihn angehalten hatte,
-sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie
-unterbreiten.</p>
-
-<p>„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“</p>
-
-<p>„Welcher Unsinn!“</p>
-
-<p>„Eher von den Affen, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„In gerader Linie ist das unmöglich!“</p>
-
-<p>Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor
-kein sehr zuverlässiger Kunde.</p>
-
-<p>Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän
-und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute
-und die Fossilien, die ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“
-verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren,
-so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei
-erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde.</p>
-
-<p>Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten
-in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird
-man immer in Unkenntnis bleiben.</p>
-
-<p>Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen:</p>
-
-<p>„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der
-Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen
-haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht
-eine Ansammlung von Vegetabilien? &mdash; Wenn man sie auf ich weiß nicht
-wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet,
-zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen
-begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“</p>
-
-<p>Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit
-gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen
-hingab.</p>
-
-<p>Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet
-wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel
-strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer
-Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen
-Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der
-unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel
-in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren
-Geheimnisse durchdringen zu wollen, &mdash; hingerissen von ihrer Macht,
-verloren in ihre Größe.</p>
-
-<p>„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend.</p>
-
-<p>„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“</p>
-
-<p>„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln,
-mit einem Brett auf der Schulter.</p>
-
-<p>Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas
-Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar
-seitlich gekräuselt, den<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span> Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen
-Körper in pariserischer Weise.</p>
-
-<p>Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf
-sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche.</p>
-
-<p>„Mélie! bist du da, Mélie?“</p>
-
-<p>Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum
-Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu
-bedienen.</p>
-
-<p>Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von
-grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an
-ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen
-hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges.</p>
-
-<p>„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser
-herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin
-verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! &mdash; Armes
-kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“</p>
-
-<p>„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter
-Stimme in schleppendem Ton.</p>
-
-<p>Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ
-den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang.</p>
-
-<p>Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle
-vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des
-Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub
-Darstellungen von Personen.</p>
-
-<p>Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und
-Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in
-fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel
-stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren
-Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das
-war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte
-sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu
-können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr
-unpassenden Stellung wiedergab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p>
-
-<p>Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise.</p>
-
-<p>„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“</p>
-
-<p>Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen.</p>
-
-<p>Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war.</p>
-
-<p>„Gut! Kommen Sie!“</p>
-
-<p>Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin,
-Wäsche ausbreitete.</p>
-
-<p>Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel
-vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete.</p>
-
-<p>Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren
-Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das
-geneigt blieb.</p>
-
-<p>Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den
-man ihr zahlte.</p>
-
-<p>Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im
-Monat eine Pistole; &mdash; kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine
-Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen.</p>
-
-<p>Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel
-fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd
-einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen.</p>
-
-<p>„Versteht sich!“</p>
-
-<p>„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen
-der Bürgersfrau.“</p>
-
-<p>Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken
-abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen.</p>
-
-<p>Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund.</p>
-
-<p>Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine
-Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte:</p>
-
-<p>„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht!
-Übrigens hast du zu entscheiden!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p>
-
-<p>Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief
-sie an:</p>
-
-<p>„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“</p>
-
-<p>„Morgen!“</p>
-
-<p>„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“</p>
-
-<p>„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="IV">IV</h2>
-
-</div>
-
-<p>Sechs Wochen später waren sie Archäologen geworden; und ihr Haus glich
-einem Museum.</p>
-
-<p>Ein alter Holzbalken erhob sich im Vorsaal. Die geologischen Proben
-versperrten die Treppe; und eine ungeheure Kette zog sich am Boden des
-Hausflurs entlang.</p>
-
-<p>Sie hatten die Tür zwischen den beiden Zimmern, in denen sie nicht
-schliefen, ausgehängt und den äußeren Eingang zu dem zweiten
-zugenagelt, um aus den beiden Räumen ein einziges Gemach zu bilden.</p>
-
-<p>Wenn man die Schwelle überschritten hatte, stieß man gegen einen
-steinernen Trog (einen gallorömischen Sarkophag), dann wurde der Blick
-durch Metallgegenstände angezogen.</p>
-
-<p>An der gegenüberliegenden Wand sah man eine Wärmpfanne über zwei
-Feuerböcken und einer Kaminplatte, die einen mit einer Hirtin
-schäkernden Mönch darstellte. Auf kleinen Brettern erblickte man
-ringsumher Leuchter, Schlösser, Bolzen, Schrauben. Der Boden verschwand
-unter Scherben von roten Ziegeln. Die seltensten Sehenswürdigkeiten
-waren in der Mitte auf einem Tisch aufgestellt: das Gestell einer
-Haube, wie sie die Bäuerinnen der Landschaft Caux tragen, zwei
-Tonurnen, Denkmünzen, ein Fläschchen aus Opalglas. Ein gestickter
-Sessel trug auf seiner Rückenlehne ein Dreieck aus Gipüre. Ein Stück
-von einem Panzerhemd zierte die Wand zur Rechten; und darunter hielten
-lange Haken eine Hellebarde in horizontaler Lage, ein einzigartiges
-Stück.</p>
-
-<p>Das zweite Zimmer, in das man auf zwei Stufen hinabging, enthielt die
-alten, aus Paris mitgebrachten Bücher und die, welche sie bei ihrer
-Ankunft in einem Schranke<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> entdeckt hatten. Die Schranktüren waren
-entfernt. Sie nannten das die Bibliothek.</p>
-
-<p>Der Stammbaum der Familie Croixmare nahm die ganze andere Seite der
-Tür ein. In den Ecken hingen über der Wandtäfelung als Pendants das
-Pastellbild einer Dame in Louis-XV-Tracht und das Porträt von Bouvards
-Vater. Das Gesims des Spiegels zierten ein Sombrero aus schwarzem Filz
-und ein ungeheurer Überschuh, der mit Blättern gefüllt war, den Resten
-eines Nestes.</p>
-
-<p>Zwei Kokosnüsse (sie gehörten Pécuchet seit seiner Kindheit) lagen auf
-dem Kamin zu beiden Seiten einer Fayencetonne, auf der ein Bauer ritt.
-Daneben lag in einem Strohkorb ein Geldstück, das eine Ente von sich
-gegeben hatte.</p>
-
-<p>Vor der Bibliothek machte sich eine Muschelkommode mit
-Plüschverzierungen breit. Ihr Deckel trug eine Katze, die eine Maus in
-ihrem Maule hielt, &mdash; eine Versteinerung aus Saint-Allyre, &mdash; einen
-Arbeitskasten, der ebenfalls aus Muscheln war, &mdash; und auf diesem Kasten
-stand eine Kognakkaraffe, die eine Pfundbirne umschloß.</p>
-
-<p>Doch das Glanzstück, eine Statue Sankt Peters, stand in der
-Fensternische! Seine behandschuhte rechte Hand hielt den Schlüssel
-des Paradieses, der von apfelgrüner Farbe war. Sein Meßgewand, das
-mit Lilien durchwirkt war, war von himmelblauer Farbe, und seine
-leuchtend gelbe Tiara war spitz wie eine Pagode. Seine Wangen waren
-geschminkt, die Augen dick und rund, der Mund stand offen, die
-Nase war schief und aufgestülpt. Darüber hing ein aus einem alten
-Teppich hergestellter Himmel, auf dem man zwei Amoretten in einem
-Kranz von Rosen unterschied, und zu seinen Füßen erhob sich wie eine
-Säule ein Buttertopf, der folgende Worte in weißen Buchstaben auf
-schokoladefarbigem Grunde zeigte: „Angefertigt vor Seiner Königlichen
-Hoheit dem Herzog von Angoulême zu Noron d. 3. Oktober 1817.“</p>
-
-<p>Pécuchet überschaute das alles von seinem Bette aus in einer Flucht,
-und manchmal ging er sogar in Bouvards Zimmer, um es mehr aus der Ferne
-zu sehen.</p>
-
-<p>Dem Panzerhemd gegenüber blieb ein Platz leer, er war für die
-Renaissancetruhe bestimmt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span></p>
-
-<p>Sie war noch nicht fertig, Gorju arbeitete noch daran; er behobelte die
-Flächen im Backhaus, paßte sie ein, nahm sie wieder ab.</p>
-
-<p>Um elf Uhr frühstückte er, plauderte dann mit Mélie und erschien oft
-den ganzen Tag nicht wieder.</p>
-
-<p>Um Stücke in der Art dieses Möbels zu bekommen, hatten sich Bouvard und
-Pécuchet auf die Suche gemacht. Was sie mitbrachten, paßte nicht. Aber
-sie waren auf eine Menge merkwürdiger Sachen gestoßen. Der Geschmack am
-Krimskrams war ihnen gekommen, dann die Liebe zum Mittelalter.</p>
-
-<p>Zuerst besuchten sie die Kathedralen, &mdash; und die hohen Schiffe, die
-sich in dem Weihwasser der Becken spiegelten, die Glasarbeiten, die
-wie Behänge aus Edelsteinen blendeten, die Grabmäler in der Tiefe
-der Kapellen, das dämmerige Licht der Krypten, alles bis zur Kühle
-der Mauern erfüllte sie mit einem Schauer der Lust, versetzte sie in
-religiöse Erregung.</p>
-
-<p>Bald waren sie imstande, die Epochen zu unterscheiden &mdash; und voll
-Verachtung für die Erklärungen der Küster sagten sie: „Ah! eine
-romanische Apsis! Das ist aus dem zwölften Jahrhundert! Da haben wir
-wieder den Flammenstil!“</p>
-
-<p>Sie bemühten sich, die steinernen Symbole an den Kapitälen zu deuten,
-wie die beiden Greifen zu Marigny, die einen blühenden Baum anpicken.
-Pécuchet wollte in den Sängern mit grotesken Kinnladen, welche die
-Kranzgesimse von Feugerolles abschließen, eine Satire erblicken, &mdash;
-und die Überfülle des unanständigen Mannes auf einem der Fensterkreuze
-von Hérouville bewies nach Bouvards Ansicht, daß unsere Voreltern die
-zotigen Späße geliebt hätten.</p>
-
-<p>Schließlich wollten sie nicht mehr das geringste Zeichen von
-Geschmacksentartung dulden. Alles war Entartung &mdash; und sie jammerten
-über Vandalismus, schimpften über die Tünche.</p>
-
-<p>Doch der Stil eines Denkmals trifft nicht immer mit dem Datum zusammen,
-das man dafür ansetzt. Der Rundbogen herrscht noch im dreizehnten
-Jahrhundert in der Provence vor. Der Spitzbogen ist vielleicht sehr
-alt! Und manche Autoren bestreiten, daß der romanische Stil vor dem
-go<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>tischen bestanden habe. Dieser Mangel an Gewißheit ärgerte sie.</p>
-
-<p>Nach den Kirchen studierten sie die festen Burgen: diejenigen von
-Domfront und von Falaise. Unter dem Tor bewunderten sie die Nuten des
-Fallgatters, und wenn sie den Gipfel erstiegen hatten, erblickten sie
-zuerst das ganze Land, dann die Dächer der Stadt, die sich kreuzenden
-Straßen, die Karren auf dem Platze, die Frauen beim Waschen. Steil
-stürzte die Mauer bis zum Gestrüpp der Gräben herab, &mdash; und sie
-erblichen bei dem Gedanken, daß hier Menschen, auf Leitern schwebend,
-emporgeklettert seien. Sie würden sich in die unterirdischen Gewölbe
-gewagt haben; doch bildete für Bouvard sein Bauch ein Hindernis, und
-Pécuchet hatte Angst vor Schlangen.</p>
-
-<p>Sie wollten die alten Sitze, Curcy, Bully, Fontenay, Lemarmion,
-Argouge, kennenlernen. Zuweilen erhob sich im Winkel der Gebäude
-hinter dem Misthaufen ein Turm aus der Zeit der Karolinger. Die
-Küche, die Steinbänke hatte, rief Gedanken an feudale Schmausereien
-wach. Andere zeigten ein durchaus wildes Äußeres mit ihren drei noch
-deutlich erkennbaren Umfriedigungen, den Schießscharten unter der
-Treppe, den langen, spitzgedeckten Türmchen. Dann gelangte man in ein
-Gemach, wo ein Fenster aus der Zeit der Valois, fein gemeißelt wie
-eine Elfenbeinschnitzerei, die Sonne hereinscheinen ließ, die den auf
-dem Parkett ausgebreiteten Raps wärmte. Abteien dienen als Scheunen.
-Die Inschriften der Grabsteine sind verwischt. Auf den Feldern ragt
-ein einzelner Giebel empor &mdash; und ist von oben bis unten mit Efeu
-überwuchert.</p>
-
-<p>Eine Menge von Dingen erregte ihre Begierde, ein Zinntopf, ein Ring mit
-einem Straß, großgeblümter Kattun. Mangel an Geld hielt sie vom Einkauf
-ab.</p>
-
-<p>Durch eine Fügung des Himmels gruben sie in Balleroy bei einem
-Verzinner eine gotische Scheibe aus, und sie war groß genug, um in der
-Nähe des Sessels die rechte Fensterseite bis zur zweiten Scheibe zu
-bedecken. Der Kirchturm von Chavignolles zeigte sich im Hintergrunde,
-es war von prachtvoller Wirkung.</p>
-
-<p>Aus dem unteren Teile eines Schrankes verfertigte Gorju ein Betpult,
-um es unter die Scheibe zu stellen, denn er<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> schmeichelte ihrer
-Leidenschaft. Sie war so stark, daß sie den Verlust der Baudenkmäler
-bedauerten, über die man rein gar nichts weiß, &mdash; wie das Lusthaus der
-Bischöfe von Séez.</p>
-
-<p>„Bayeux,“ sagt Herr von Caumont, „soll ein Theater gehabt haben.“ Sie
-suchten seinen Platz vergeblich.</p>
-
-<p>Im Dorfe Montrecy liegt eine Wiese, berühmt durch die Münzenfunde, die
-man dort früher gemacht hat. Sie zählten auf eine schöne Ausbeute. Der
-Wächter verweigerte ihnen den Zutritt.</p>
-
-<p>Sie waren nicht glücklicher in betreff der Verbindung, welche zwischen
-einer Zisterne in Falaise und der Vorstadt von Caen bestand. Enten, die
-man dort eingelassen hatte, erschienen zu Vaucelles wieder, indem sie
-schnatterten: „Can, can, can,“ woraus der Name der Stadt entstanden ist.</p>
-
-<p>Kein Gang, kein Opfer war ihnen zu sauer.</p>
-
-<p>In der Herberge von Mesnil-Villement hatte Herr Galeron im Jahre 1816
-ein Frühstück für die Summe von vier Sous bekommen. &mdash; Sie genossen
-dasselbe Mahl und stellten mit Staunen fest, daß die Dinge sich seither
-geändert hatten!</p>
-
-<p>Wer ist der Begründer der Abtei von Sainte-Anne? Besteht eine
-Verwandtschaft zwischen Marin Onfroy, der im zwölften Jahrhundert eine
-neue Sorte Äpfel einführte, und Onfroy, dem Gouverneur von Hastings zur
-Zeit der Eroberung? Wie sich „Die arglistige Zauberin“ verschaffen, ein
-Lustspiel in Versen von einem gewissen Dutrezor, das in Bayeux entstand
-und gegenwärtig sehr selten ist? Unter Ludwig XIV. schrieb Hérambert
-Dupaty oder Dupastis Hérambert ein niemals erschienenes Werk voll von
-Anekdoten über Argentan: es handelte sich darum, diese Anekdoten wieder
-aufzufinden. Was ist aus den selbstgeschriebenen Memoiren der Frau
-Dubois de la Pierre geworden, die für die unveröffentlichte Geschichte
-des Ortes Laigle von Louis Dasprès, Vikar zu Saint-Martin, benutzt
-sind? Das alles sind Probleme, merkwürdige Punkte, die der Aufklärung
-bedürfen.</p>
-
-<p>Doch zuweilen führt ein schwacher Hinweis auf den richtigen Weg zu
-einer unschätzbaren Entdeckung.</p>
-
-<p>Also zogen sie ihre Kittel wieder an, um kein Aufsehen<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> zu erregen, und
-sich den Anschein von Hausierern gebend, sprachen sie in den Häusern
-vor und verlangten, alte Papiere zu kaufen. Man verkaufte ihnen ganze
-Stöße. Es waren Schulhefte, Rechnungen, alte Zeitungen, nichts was man
-gebrauchen konnte.</p>
-
-<p>Schließlich wandten sich Bouvard und Pécuchet an Larsoneur.</p>
-
-<p>Er steckte tief im Keltizismus, antwortete kurz auf ihre Fragen,
-stellte neue.</p>
-
-<p>Ob sie in ihrer Gegend Spuren der Hundeverehrung bemerkt hätten,
-wie man sie in Montargis findet? Und außerdem fragte er nach
-besonderen Einzelheiten über die Johannisfeuer, die Hochzeiten, nach
-volkstümlichen Sprichwörtern und so weiter? Und er bat sie sogar,
-für ihn einige jener Steinbeile zu sammeln, die man damals „Celtae“
-nannte und welche die Druiden bei „ihren verbrecherischen Sühnopfern“
-gebrauchten.</p>
-
-<p>Durch Gorju verschafften sie sich etwa ein Dutzend derselben, sandten
-ihm das kleinste; die andern bereicherten ihr Museum.</p>
-
-<p>Sie gingen gern darin herum, fegten es selbst, hatten allen ihren
-Bekannten davon gesprochen.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags fanden sich Frau Bordin und Herr Marescot ein, um es
-zu besichtigen.</p>
-
-<p>Bouvard empfing sie und begann mit der Vorführung der Gegenstände in
-der Vorhalle.</p>
-
-<p>Der Balken war nichts Geringeres als der ehemalige Galgen von Falaise,
-nach Angabe des Tischlers, der ihn verkauft hatte und der diese
-Kenntnis von seinem Großvater hatte.</p>
-
-<p>Die dicke Kette auf dem Flur stammte aus dem Verlies des Schloßturmes
-von Torteval. Nach der Ansicht des Notars glich sie den Ketten der
-Grenzsteine vor den Ehrenhöfen. Bouvard war überzeugt, daß sie ehemals
-dazu gedient hatte, Gefangene zu fesseln, und er öffnete die Tür des
-ersten Zimmers.</p>
-
-<p>„Was sollen alle diese Ziegel?“ rief Frau Bordin.</p>
-
-<p>„Um die Bäder zu erwärmen; doch ein wenig der Reihe nach, wenn ich
-bitten darf. Dies hier ist ein Grabmal, das in einer Herberge entdeckt
-wurde, wo es als Viehtrog diente.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span></p>
-
-<p>Dann nahm Bouvard die beiden Urnen in die Hand, die mit Erde &mdash; es sei
-menschliche Asche &mdash; gefüllt waren, und er brachte das Fläschchen an
-seine Augen, um zu zeigen, wie die Römer ihre Tränen darin auffingen.</p>
-
-<p>„Aber man sieht bei Ihnen nur traurige Dinge!“</p>
-
-<p>In der Tat war das etwas ernst für eine Dame, und er entnahm einer
-Schachtel mehrere Kupfermünzen und einen Silberdenar.</p>
-
-<p>Frau Bordin fragte den Notar, wieviel das wohl heute wert sei.</p>
-
-<p>Das Panzerhemd, das er betrachtete, entglitt seinen Händen; einige
-Maschen lösten sich. Bouvard verbarg sein Mißvergnügen.</p>
-
-<p>Er hatte sogar die Gefälligkeit, die Hellebarde abzunehmen, und sich
-beugend, die Arme hebend, mit dem Fuße aufstampfend, gab er sich den
-Anschein, die Kniekehlen eines Pferdes zu durchmähen, wie mit dem
-Bajonette zu stoßen, einen Feind zu töten. Innerlich fand die Witwe, er
-sei ein kräftiger Schlingel.</p>
-
-<p>Sie war von der Muschelkommode begeistert. Die Katze von Saint-Allyre
-setzte sie sehr in Staunen, die Birne in der Karaffe etwas weniger;
-dann kam man zu dem Kamin.</p>
-
-<p>„Ah! da ist ein Hut, der ausbesserungsbedürftig wäre.“</p>
-
-<p>Drei Löcher, Male von Kugeln, höhlten die Ränder.</p>
-
-<p>Er hatte dem Anführer einer Diebesbande, David de la Bazoque, unter
-dem Direktorium gehört, der durch Verrat gefangengenommen und sogleich
-getötet worden war.</p>
-
-<p>„Um so besser, da hat man gut getan,“ sagte Frau Bordin.</p>
-
-<p>Marescot lächelte vor den Gegenständen in herablassender Weise. Er
-hatte kein Verständnis für den Überschuh, der das Aushängeschild
-eines Schuhwarenhändlers gewesen war, noch begriff er, was dieses
-Fayence-Tönnchen sollte, das ein gewöhnlicher Mostbehälter war; und
-der Sankt Peter mit seiner Physiognomie eines Trunkenboldes sei, offen
-gesagt, ein kläglicher Anblick.</p>
-
-<p>Frau Bordin machte die Bemerkung:</p>
-
-<p>„Immerhin wird er Ihnen ziemlich viel gekostet haben?“</p>
-
-<p>„O! nicht allzuviel, nicht allzuviel.“</p>
-
-<p>Ein Dachdecker hatte ihn für fünfzehn Franken hergegeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span></p>
-
-<p>Dann tadelte sie als etwas Unpassendes die Entblößung der Dame mit der
-gepuderten Perücke.</p>
-
-<p>„Was ist schlimmes daran?“ fragte Bouvard, „wenn man etwas Schönes
-besitzt.“</p>
-
-<p>Und leiser fügte er hinzu:</p>
-
-<p>„Wie Sie, dessen bin ich sicher.“</p>
-
-<p>Der Notar wandte ihnen den Rücken, während er die Zweige der Familie
-Croixmare studierte. Sie gab keine Antwort, sondern fing an, mit ihrer
-langen Uhrkette zu spielen. Ihr Busen wölbte sich unter dem schwarzen
-Taffet ihrer Taille, und sie senkte, während sie die Augenbrauen leicht
-zusammenzog, das Kinn wie eine Taube, die sich bläht; dann fragte sie
-mit harmloser Miene:</p>
-
-<p>„Wie hieß die Dame?“</p>
-
-<p>„Das weiß man nicht; sie ist eine der Mätressen des Regenten, Sie
-wissen, desselben, der so viele Possen trieb.“</p>
-
-<p>„Ganz recht; die Memoiren aus der Zeit...“</p>
-
-<p>Und der Notar beklagte, ohne seinen Satz zu beenden, das Beispiel
-dieses von seinen Leidenschaften beherrschten Fürsten.</p>
-
-<p>„Aber so sind Sie alle!“</p>
-
-<p>Die beiden Männer protestierten, und ein Gespräch über die Frauen,
-über die Liebe knüpfte sich daran. Marescot versicherte, es gäbe viele
-glückliche Ehen; zuweilen habe man sogar, ohne es zu ahnen, ganz in
-seiner Nähe, was man zu seinem Glücke brauche. Die Anspielung war nicht
-mißzuverstehen. Die Wangen der Witwe bedeckten sich mit Purpur; doch
-sogleich sich fassend, sagte sie:</p>
-
-<p>„Wir sind aus dem Alter der Torheiten heraus, nicht wahr, Herr Bouvard?“</p>
-
-<p>„Eh, eh! das möchte ich doch nicht behaupten.“</p>
-
-<p>Und er bot ihr den Arm, um sie ins andere Zimmer zu führen.</p>
-
-<p>„Geben Sie acht auf die Stufen! Schön. Nun betrachten Sie die Scheibe.“</p>
-
-<p>Man sah einen scharlachroten Mantel darauf und die beiden Flügel eines
-Engels. Alles übrige verschwand unter dem Blei, das die zahlreichen
-Sprünge des Glases zusammenhielt. Der Tag neigte sich, die Schatten
-wurden länger. Frau Bordin war ernst geworden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p>
-
-<p>Bouvard entfernte sich und kam zurück, mit einer Wolldecke bekleidet,
-kniete dann vor dem Betpult nieder, die Arme nach außen, das Gesicht in
-den Händen, während die Sonne auf seinen kahlen Schädel glänzte; und er
-war sich der Wirkung bewußt, denn er sagte:</p>
-
-<p>„Sehe ich nicht aus wie ein mittelalterlicher Mönch?“</p>
-
-<p>Dann hob er den Kopf in schräger Haltung mit verzückten Augen und gab
-seinem Gesichte einen mystischen Ausdruck. Man hörte vom Flur her die
-tiefe Stimme Pécuchets:</p>
-
-<p>„Erschrick nicht, ich bin es.“</p>
-
-<p>Er trat ein, einen Helm auf dem Kopfe: eine eiserne Sturmhaube mit
-spitzen Ohrenklappen.</p>
-
-<p>Bouvard verließ das Betpult nicht. Die beiden andern verharrten
-stehend. Eine Minute verging in Verdutzung.</p>
-
-<p>Frau Bordin schien Pécuchet etwas kühl. Doch erkundigte er sich, ob sie
-alles gesehen habe.</p>
-
-<p>„Ich glaube, ja.“</p>
-
-<p>Und auf die Wand weisend:</p>
-
-<p>„Verzeihen Sie, dort wird ein Gegenstand stehen, den man in diesem
-Augenblicke repariert.“</p>
-
-<p>Die Witwe und Marescot gingen.</p>
-
-<p>Die beiden Freunde waren auf den Gedanken gekommen, einen Wettbewerb
-vorzutäuschen. Sie gingen jeder für sich auf die Streifzüge, der zweite
-machte höhere Angebote als der erste. Pécuchet hatte soeben den Helm
-erstanden.</p>
-
-<p>Bouvard beglückwünschte ihn und nahm seine Lobreden bezüglich der Decke
-entgegen.</p>
-
-<p>Mélie richtete sie mit Hilfe von Schnüren wie ein Ordensgewand her. Sie
-trugen sie abwechselnd, wenn sie Besuche empfingen.</p>
-
-<p>Es kamen zu ihnen Girbal, Foureau, der Hauptmann Heurteaux, dann
-untergeordnete Persönlichkeiten: Langlois, Beljambe, ihre Pächter, bis
-zu den Dienstboten der Nachbarn; und jedesmal begannen sie wieder ihre
-Erklärungen, zeigten die Stelle, wo die Truhe stehen sollte, gaben
-sich mit erkünstelter Bescheidenheit, baten um Nachsicht wegen des
-Platzmangels.</p>
-
-<p>Pécuchet trug an solchen Tagen eine Zuavenmütze, die<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> er noch von
-Paris her hatte, denn er glaubte sie in engerer Beziehung zu der
-künstlerischen Umwelt. In einem bestimmten Augenblick setzte er
-den Helm auf und rückte ihn tief in den Nacken, um sein Gesicht
-freizumachen. Bouvard vergaß nicht, die Hellebarde vorzuführen.
-Schließlich verständigten sie sich durch einen Blick, ob der Besuch
-verdiene, daß man ihm „den mittelalterlichen Mönch“ zeige.</p>
-
-<p>Welche Erregung, als vor ihrem Gitter der Wagen des Herrn von Faverges
-hielt. Er habe ihnen nur ein Wort zu sagen. Es handele sich um
-folgendes:</p>
-
-<p>Hurel, sein Faktotum, hatte ihm mitgeteilt, daß sie überall Dokumente
-suchten und dabei alte Papiere auf dem Gut von la Aubrye erstanden
-hatten.</p>
-
-<p>Das stimme vollkommen.</p>
-
-<p>Ob sie dabei nicht Briefe des Barons von Gonneval, ehemaligen
-Adjutanten des Herzogs von Angoulême, gefunden hätten? Denn er hatte
-in la Aubrye Aufenthalt genommen. Man wünschte die Korrespondenz aus
-Familieninteresse zu besitzen.</p>
-
-<p>Sie befand sich nicht in ihrem Hause, doch beherbergten sie eine Sache,
-die ihn interessieren werde, wenn er geruhen wolle, ihnen in ihre
-Bibliothek zu folgen.</p>
-
-<p>Niemals hatten solche Lackstiefel im Hausflur geknarrt. Sie stießen
-gegen den Sarkophag. Beinahe hätte er mehrere Ziegel zertreten, kam
-glücklich um den Sessel, stieg zwei Stufen herab, &mdash; und im zweiten
-Zimmer angekommen, zeigten sie ihm unter dem Baldachin vor dem Sankt
-Peter den Buttertopf, der in Noron hergestellt war.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet hatten geglaubt, das Datum sei in manchen Fällen
-von Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Der Edelmann besichtigte aus Höflichkeit ihr Museum. Er wiederholte:
-„Reizend! Sehr hübsch!“ wobei er sich mit dem Knauf seines
-Spazierstöckchens leichte Schläge auf den Mund gab, und gewiß sei er
-ihnen dankbar, diese Überbleibsel des Mittelalters gerettet zu haben,
-einer Zeit religiösen Glaubens und ritterlicher Aufopferung. Er liebe
-den Fortschritt und würde sich gleich ihnen solch interessanten Studien
-gewidmet haben, doch die Politik, die Kreisstände, die Landwirtschaft,
-ein wahrer Strudel halte ihn davon ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p>
-
-<p>„Übrigens würde man nach Ihnen nur eine dürftige Nachlese halten
-können, denn bald werden Sie alle Merkwürdigkeiten des Bezirks in Ihrem
-Hause vereinigt haben.“</p>
-
-<p>„Ohne uns überheben zu wollen, das denken wir,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Indessen könne man in Chavignolles zum Beispiel noch solche
-entdecken; in der Gasse am Friedhof sei seit undenklichen Zeiten ein
-Weihwasserbecken an der Mauer im Grase vergraben.</p>
-
-<p>Sie waren über die Mitteilung erfreut, dann tauschten sie einen Blick
-aus, der bedeutete, „ist es der Mühe wert?“ &mdash; doch schon öffnete der
-Graf die Tür.</p>
-
-<p>Mélie, die dahinter stand, rannte ungestüm davon.</p>
-
-<p>Da er seinen Weg durch den Hof nahm, bemerkte er Gorju, der mit
-übereinandergelegten Armen dabei war, seine Pfeife zu rauchen.</p>
-
-<p>„Sie beschäftigen diesen Burschen? Hm! wenn einmal ein Aufstand
-ausbricht, würde ich ihm nicht trauen.“</p>
-
-<p>Und Herr von Faverges stieg in seinen Tilbury.</p>
-
-<p>Warum schien sich ihre Dienstmagd vor ihm zu fürchten?</p>
-
-<p>Sie fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe auf seinem Gute
-gedient. Sie sei jenes kleine Mädchen, welches den Schnittern zu
-trinken gab, als sie vor zwei Jahren gekommen waren. Man hatte sie zur
-Aushilfe auf das Schloß genommen und fortgeschickt „wegen unwahrer
-Nachrede“.</p>
-
-<p>Doch Gorju, was konnte man ihm vorwerfen? Er war sehr geschickt und
-bezeugte ihnen unendlich viel Achtung.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen begaben sie sich mit Tagesanbruch zum Friedhofe.</p>
-
-<p>Bouvard untersuchte mit seinem Stock die bezeichnete Stelle. Er
-stieß auf einen harten Gegenstand. Sie rissen einige Nesseln aus und
-entdeckten eine Sandsteinschale, ein Taufbecken, in dem Pflanzen
-wuchsen.</p>
-
-<p>Indessen ist es eigentlich nicht Brauch, Taufbecken außerhalb der
-Kirche zu verscharren.</p>
-
-<p>Pécuchet machte eine Zeichnung davon, Bouvard die Beschreibung, und sie
-schickten das alles an Larsoneur.</p>
-
-<p>Seine Antwort kam sofort.</p>
-
-<p>„Sieg, meine teuren Kollegen! Das ist unbestreitbar ein Druiden-Gefäß.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span></p>
-
-<p>Doch sollten sie sich vorsehen. Das Beil sei zweifelhaft, &mdash; und ebenso
-in seinem wie in ihrem Interesse gab er ihnen eine Reihe von Werken an,
-die man zu Rate ziehen solle.</p>
-
-<p>Larsoneur gestand in einem Postskriptum, er habe Lust, dieses Gefäß
-kennenzulernen, was sich bald einmal machen lassen würde, wenn er seine
-Reise in die Bretagne ausführe.</p>
-
-<p>Da vergruben sich Bouvard und Pécuchet in die keltische Archäologie.</p>
-
-<p>Dieser Wissenschaft zufolge beteten die alten Gallier, unsere
-Vorfahren, Kirk und Kron, Taranis, Esus, Netalemnia, den Himmel und
-die Erde, den Wind und die Wasser an, &mdash; und über alles den großen
-Teutates, welcher der Saturn der Heiden ist. Denn als Saturn in
-Phönizien herrschte, erkor er sich eine Nymphe namens Anobret zur
-Gattin, von der er ein Kind mit Namen Jeüd hatte, &mdash; und Anobret hat
-die Züge Saras, Jeüd wurde geopfert (oder doch beinahe) wie Isaak; &mdash;
-also ist Saturn Abraham, woraus man schließen muß, daß die Religion der
-Gallier denselben Ursprung hat wie die der Juden.</p>
-
-<p>Ihr Gemeinwesen war sehr gut geordnet. Die erste Klasse von
-Leuten umfaßte das Volk, den Adel und den König, die zweite die
-Rechtsgelehrten, &mdash; und in der dritten, der höchsten, gliederten sich
-nach Taillepied „die verschiedenen Arten von Philosophen“, nämlich
-Druiden oder Saroniden, die selbst wieder in Eubages, Bardes und Vates
-eingeteilt wurden.</p>
-
-<p>Die einen verkündeten die Zukunft, andere sangen, noch andere lehrten
-Botanik, Medizin, Geschichte und Literatur, kurz „alle Künste ihrer
-Zeit“. Pythagoras und Plato waren ihre Schüler. Sie brachten den
-Griechen die Metaphysik bei, den Persern die Hexenkunst, den Etruskern
-die Opferschau, &mdash; und den Römern das Verzinnen des Kupfers und den
-Schinkenhandel.</p>
-
-<p>Doch von diesem Volke, das die Alte Welt beherrschte, sind nur noch
-Steine übriggeblieben, die entweder ganz alleinstehen oder in Gruppen
-zu dreien, oder in Galerien angeordnet sind oder Einfriedigungen bilden.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet studierten voller Eifer nachein<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>ander den Stein
-von Post zu Ussy, den Doppelstein im Guest, den Stein von Darier bei
-Aigle und andere!</p>
-
-<p>Alle diese Blöcke, von denen ihnen der eine nicht mehr sagte als der
-andere, langweilten sie bald, und eines Tages, als sie den Menhir von
-Passais gesehen hatten, waren sie im Begriff, zurückzukehren, als ihr
-Führer sie in einen Buchenhain führte, der mit Granitmassen angefüllt
-war, die Sockeln oder ungeheuren Schildkröten glichen.</p>
-
-<p>Die bedeutendste ist wie ein Becken gehöhlt. Einer der Ränder ist
-höher, und vom Boden gehen zwei Einschnitte bis zur Erde hinab; das war
-für das Abfließen des Blutes, unmöglich, daran zu zweifeln. Der Zufall
-bringt so etwas nicht hervor.</p>
-
-<p>Baumwurzeln schlangen sich um diese rohen Sockel. Es fiel ein wenig
-Regen. In der Ferne stiegen Nebelstreifen gleich großen Gespenstern.
-Es kostete geringe Mühe, sich unter dem Laubwerk Priester in goldener
-Tiara und weißem Gewande zu denken, mit ihren Menschenopfern, deren
-Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, &mdash; und am Rande des
-Beckens die den roten Strom beobachtende Priesterin, während die Menge
-ringsumher heulte zum Lärm der Cymbeln und der aus Auerochsenhorn
-gemachten Trompeten.</p>
-
-<p>Sogleich stand ihr Plan fest.</p>
-
-<p>Und in einer mondhellen Nacht nahmen sie ihren Weg zum Friedhof,
-wie Diebe im Schatten der Häuser gehend. Die Fensterläden waren
-geschlossen, und die Höfe lagen in Schweigen; nicht ein Hund bellte.</p>
-
-<p>Gorju begleitete sie; sie machten sich ans Werk. Man hörte nur die
-Steine klingen, die von dem den Grasboden höhlenden Scheit getroffen
-wurden.</p>
-
-<p>Die Nachbarschaft der Toten war ihnen unangenehm; die Uhr der Kirche
-gab ein fortwährendes Röcheln von sich, und die Rose in ihrem
-Giebelfelde sah aus wie ein Auge, das die Tempelschänder erspäht.
-Endlich brachten sie das Gefäß fort.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage gingen sie wieder zum Friedhofe, um zu sehen, welche
-Spuren ihre Tätigkeit hinterlassen.</p>
-
-<p>Der Abbé, welcher vor der Tür frische Luft schöpfte, bat sie, ihm die
-Ehre eines Besuches zu erweisen; und nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> er sie in seinen kleinen
-Saal geführt, blickte er sie in sonderbarer Weise an.</p>
-
-<p>Auf der Anrichte stand zwischen den Tellern eine Suppenschüssel, die
-mit gelben Sträußen bemalt war.</p>
-
-<p>Pécuchet rühmte sie, da er nicht wußte, was er sagen sollte.</p>
-
-<p>„Das ist ein altes Rouenner Stück,“ erwiderte der Pfarrer, „ein
-Erbstück. Die Kenner, besonders Herr Marescot, schätzen es.“</p>
-
-<p>Er selber habe, Gott sei Dank, keine Vorliebe für Sehenswürdigkeiten;
-&mdash; und da sie ihn nicht zu verstehen schienen, erklärte er, er habe
-selbst gesehen, wie sie das Taufbecken entwendeten.</p>
-
-<p>Die beiden Archäologen waren sehr verblüfft, stotterten. Der fragliche
-Gegenstand sei nicht mehr in Gebrauch.</p>
-
-<p>Gleichviel! sie müßten ihn herausgeben.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel! Aber man möge ihnen wenigstens erlauben, einen Maler
-kommen zu lassen, um ihn abzuzeichnen.</p>
-
-<p>„Einverstanden, meine Herren.“</p>
-
-<p>„Die Sache bleibt unter uns, nicht wahr?“ sagte Bouvard, „unter dem
-Siegel des Beichtgeheimnisses!“</p>
-
-<p>Der Geistliche beruhigte sie lächelnd mit einer Bewegung.</p>
-
-<p>Nicht ihn hatten sie zu fürchten, sondern vielmehr Larsoneur. Wenn
-er durch Chavignolles kommen würde, würde er nach dem Gefäß lüstern
-werden, &mdash; und seine Redereien darüber würden der Regierung zu Ohren
-kommen. Aus Vorsicht versteckten sie es im Backhaus, dann in der Laube,
-in der Hütte, in einem Schrank. Gorju war müde, es herumzuschleppen.</p>
-
-<p>Der Besitz eines solchen Stückes verknüpfte sie mit dem Keltizismus der
-Normandie.</p>
-
-<p>Sein Ursprung liegt in Ägypten. Séez im Ornekreise wird zuweilen
-Saïs, wie die Stadt des Delta, geschrieben. Die Gallier schworen beim
-Stier, was eine Verpflanzung des Apiskultes war. Der lateinische Name
-„Bellocastes“, welcher der der Bewohner von Bayeux war, kommt von Beli
-Casa, Wohnung, Heiligtum des Belus. Belus und Osiris sind die gleiche
-Gottheit. „Nichts steht dem im Wege,“ sagt Mangou de la Londe, „daß
-es bei Bayeux druidische Denkmäler gegeben habe.“ &mdash; „Dieses Land“,
-fügt Herr Roussel hinzu,<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> „ähnelt dem Lande, in welchem die Ägypter
-den Tempel des Jupiter Ammon bauten.“ Also gab es einen Tempel, und
-noch dazu einen, der Schätze beherbergte. Alle keltischen Bauwerke
-beherbergen solche.</p>
-
-<p>Im Jahre 1715 grub, so berichtet Dom Martin, ein Herr Héribel in der
-Umgegend von Bayeux mehrere mit Gebeinen gefüllte Tongefäße aus &mdash; und
-schloß (der Überlieferung und entschwundenen Autoritäten folgend), daß
-dieser Ort, eine Totenstadt, der Berg Faunus sei, wo man das goldene
-Kalb verscharrt habe.</p>
-
-<p>Indessen wurde das goldene Kalb verbrannt und verschluckt, &mdash; wofern es
-sich nicht um einen Irrtum der Bibel handelt.</p>
-
-<p>Zunächst, wo liegt der Faunusberg? Die Bücher geben es nicht an.
-Die Eingeborenen wissen nichts darüber. Man hätte zu Nachgrabungen
-schreiten müssen, &mdash; und zu diesem Zwecke richteten sie eine
-Bittschrift an den Herrn Präfekten, auf die keine Antwort erfolgte.</p>
-
-<p>Vielleicht war der Berg Faunus verschwunden, und es war kein Hügel,
-sondern ein Tumulus. Was bedeuteten die Tumuli?</p>
-
-<p>Mehrere enthalten Skelette, die die Stellung des Fötus im Mutterleib
-zeigen. Das will besagen, daß das Grab für sie eine zweite Zeit der
-Trächtigkeit war, die sie zu einem neuen Leben vorbereitete. Also
-stellt der Tumulus das weibliche Organ dar, wie der aufrechte Stein das
-männliche Organ bedeutet.</p>
-
-<p>In der Tat hat, wo es Menhire gibt, ein unzüchtiger Kult bestanden.
-Beweis ist, was in Guérande, in Chichebouche, in Croisic, in Livarot
-vor sich ging. Ursprünglich hatten die Türme, die Pyramiden, die
-Kerzen, die Meilensteine der Wege und selbst die Bäume die Bedeutung
-des Phallus, &mdash; und für Bouvard und Pécuchet wurde alles zum Phallus.
-Sie sammelten Ortscheite von Wagen, Sesselbeine, Kellerschlösser,
-Pistille. Wenn man sie besuchte, fragten sie: „An was erinnert Sie das
-wohl?“ und vertrauten dann das Geheimnis an, und wenn man protestierte,
-zuckten sie mitleidig die Achseln.</p>
-
-<p>Eines Abends, als sie über die Dogmen der Druiden nachsannen, fand sich
-der Abbé ein, in bescheidener Haltung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span></p>
-
-<p>Sogleich zeigten sie ihm das Museum, wobei sie mit der Scheibe
-begannen; doch sie konnten es nicht erwarten, zu einer neuen Abteilung
-zu kommen, der des Phallus. Der Geistliche unterbrach sie, da er
-die Ausstellung für unpassend hielt. Er kam, um sein Taufbecken
-zurückzuverlangen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet flehten noch um vierzehn Tage, die gerade genügen
-würden, einen Abguß davon zu nehmen.</p>
-
-<p>„Je eher, desto besser,“ sagte der Abbé.</p>
-
-<p>Dann plauderte er von nebensächlichen Dingen.</p>
-
-<p>Pécuchet, der sich einen Augenblick entfernt hatte, ließ ihm ein
-Goldstück in die Hand gleiten.</p>
-
-<p>Der Priester fuhr zurück.</p>
-
-<p>„O, für Ihre Armen!“</p>
-
-<p>Und Herr Jeufroy nestelte das Goldstück errötend in seinen Priesterrock.</p>
-
-<p>Das Gefäß herausgeben, das Opfergefäß! Nie im Leben! Sie wollten sogar
-Hebräisch lernen, das die Muttersprache des Keltischen ist, sofern es
-nicht von ihm herstammt! &mdash; und sie wollten die Bretagne bereisen, &mdash;
-indem sie mit Rennes begannen, wo sie ein Zusammentreffen mit Larsoneur
-haben würden, um die in den Denkschriften der keltischen Akademie
-erwähnte Urne zu studieren, welche die Asche der Königin Artemisia
-enthalten zu haben scheint, &mdash; als der Bürgermeister, mit dem Hut auf
-dem Kopf, ohne Umstände eintrat als der ungehobelte Mensch, der er war.</p>
-
-<p>„Das hilft alles nichts, ihr Herren. Sie müssen es herausrücken!“</p>
-
-<p>„Was denn?“</p>
-
-<p>„Spaßmacher! Ich weiß genau, daß Sie es verstecken!“</p>
-
-<p>Man hatte sie verraten.</p>
-
-<p>Sie erwiderten, daß sie es mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers bei
-sich hielten.</p>
-
-<p>„Das werden wir sehen.“</p>
-
-<p>Und Foureau ging.</p>
-
-<p>Eine Stunde später war er wieder da.</p>
-
-<p>„Der Pfarrer sagt nein! Erklären Sie sich.“</p>
-
-<p>Sie blieben hartnäckig.</p>
-
-<p>Zunächst bedürfte man dieses Weihwasserbeckens nicht &mdash; das kein
-Weihwasserbecken sei. Sie würden es durch eine Menge wissenschaftlicher
-Gründe beweisen. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> schlugen sie vor, in ihrem Testamente
-anzuerkennen, daß es der Gemeinde gehöre.</p>
-
-<p>Sie erboten sich sogar, es zu kaufen.</p>
-
-<p>„Und übrigens ist es mein Eigentum!“ wiederholte Pécuchet. Die zwanzig
-Franken, die Herr Jeufroy genommen habe, seien ein Beweis des Vertrages
-&mdash; und wenn man zum Friedensrichter gehen müsse, um so schlimmer, dann
-würde er einen Meineid leisten!</p>
-
-<p>Während dieser Streitigkeiten hatte er die Suppenschüssel mehrere
-Male wiedergesehen, und in seiner Seele war der Wunsch, das brennende
-Verlangen entstanden, diese Fayence zu besitzen. Wenn man sie ihm
-abtreten wolle, würde er das Gefäß zurückgeben. Im anderen Falle nicht.</p>
-
-<p>Aus Ermüdung oder Furcht vor ärgerlichem Aufsehen gab sie Herr Jeufroy
-hin.</p>
-
-<p>Sie wurde in ihrer Sammlung untergebracht, neben der Haube der Bäuerin
-aus Caux. Das Gefäß zierte die Vorhalle der Kirche, und sie trösteten
-sich über seinen Verlust mit dem Gedanken, daß die Bewohner von
-Chavignolles seinen Wert nicht kannten.</p>
-
-<p>Doch die Suppenschüssel gab ihnen den Geschmack an Fayencen: ein neuer
-Gegenstand für Studien und Streifzüge im Lande.</p>
-
-<p>Es war zu der Zeit, wo vornehme Leute die alten Rouenner Teller
-sammelten. Der Notar besaß einige und kam daher in den Ruf eines
-Künstlers, was ihm in seinem Beruf schaden konnte; doch suchte er das
-durch ernste Seiten wieder wettzumachen.</p>
-
-<p>Als er erfuhr, daß Bouvard und Pécuchet die Suppenschüssel erworben
-hatten, ging er zu ihnen, um ihnen einen Tausch vorzuschlagen.</p>
-
-<p>Pécuchet beschied ihn abschlägig.</p>
-
-<p>„Sprechen wir nicht weiter davon!“ und Marescot besichtigte ihre
-Keramiken.</p>
-
-<p>Die sämtlichen an den Wänden aufgehangenen Stücke waren blau auf einem
-schmutzig-weißen Grunde, und einige zeigten ein Füllhorn in grünen und
-rötlichen Tönen, Barbierbecken, Teller, Untertassen, Gegenstände, auf
-die man lange Jagd gemacht und die man auf der Brust in den Falten des
-Rockes heimgetragen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span></p>
-
-<p>Marescot rühmte sie, sprach von anderen Fayencen, spanisch-arabischen,
-holländischen, englischen, italienischen; und nachdem er sie durch
-seine Kenntnisse geblendet hatte: „Wenn ich Ihre Suppenschüssel noch
-mal ansähe?“</p>
-
-<p>Er ließ sie durch Anschlagen mit dem Finger erklingen, betrachtete dann
-die beiden S, die auf den Deckel gemalt waren.</p>
-
-<p>„Das Zeichen von Rouen!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„O! o! Genau genommen hatte Rouen kein Zeichen. Als man noch nichts von
-Moutiers wußte, waren alle französischen Fayencen aus Nevers. So geht
-es ebenso heutzutage mit Rouen! Übrigens macht man sie in Elbeuf bis
-zur Vollendung nach.“</p>
-
-<p>„Nicht möglich!“</p>
-
-<p>„Man macht ja doch auch Majoliken nach! Ihr Stück ist vollständig
-wertlos, &mdash; und ich war im Begriff, eine schöne Dummheit zu begehen!“</p>
-
-<p>Als der Notar fortgegangen war, sank Pécuchet gebrochen in einen Sessel.</p>
-
-<p>„Man hätte das Becken nicht herausgeben sollen,“ sagte Bouvard, „doch
-du begeisterst dich, du erhitzest dich immer gleich!“</p>
-
-<p>„Ja, ich erhitze mich,“ und Pécuchet faßte die Suppenschüssel und
-schleuderte sie weit von sich gegen den Sarkophag.</p>
-
-<p>Bouvard, ruhiger, las die Stücke eines nach dem anderen auf; &mdash; und
-nach einiger Zeit kam ihm dieser Gedanke:</p>
-
-<p>„Es ist leicht möglich, daß Marescot uns aus Eifersucht zum besten
-gehabt hat!“</p>
-
-<p>„Wie?“</p>
-
-<p>„Nichts gibt mir die Versicherung, daß die Suppenschüssel nicht echt
-sei! während die anderen Stücke, die er anscheinend bewunderte,
-vielleicht nachgemacht sind!“</p>
-
-<p>Und der Rest des Tages verging in Zweifeln, in Bedauern.</p>
-
-<p>Das war kein Grund, die Reise in die Bretagne aufzugeben. Sie gedachten
-sogar, Gorju mitzunehmen, der ihnen bei ihren Ausgrabungen behilflich
-sein sollte.</p>
-
-<p>Seit einiger Zeit schlief er im Hause, um die Ausbesserung des Möbels
-schneller zu beendigen. Die Aussicht eines Ortswechsels paßte ihm
-nicht, und da sie von Menhiren und<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> Tumuli, die sie sehen wollten,
-sprachen, sagte er zu ihnen: „Das kenne ich besser; im Süden von Algier
-trifft man bei den Quellen des Bou-Mursoug eine Menge davon.“ Er gab
-sogar die Beschreibung eines Grabes, das zufällig in seiner Gegenwart
-geöffnet worden sei, &mdash; und das ein Skelett in der zusammengekauerten
-Haltung eines Affen, die beiden Arme um die Beine geschlungen, enthielt.</p>
-
-<p>Larsoneur, den sie hiervon in Kenntnis setzten, wollte nicht daran
-glauben.</p>
-
-<p>Bouvard vertiefte sich in den Gegenstand und widerlegte ihn.</p>
-
-<p>Wie kommt es, daß die Denkmäler der Gallier formlos sind, während
-diese selben Gallier zur Zeit des Julius Cäsar zivilisiert waren? Ohne
-Zweifel rühren sie von einem älteren Volke her.</p>
-
-<p>Eine solche Hypothese ermangelte nach Larsoneurs Ansicht des
-Patriotismus.</p>
-
-<p>Gleichviel! nichts beweise, daß diese Denkmäler Werke der Gallier
-seien. „Zeigen Sie uns einen Text!“</p>
-
-<p>Der Akademiker wurde ärgerlich, antwortete nicht mehr; &mdash; und sie waren
-recht froh darüber, so sehr langweilten die Druiden sie.</p>
-
-<p>Wenn sie nicht wußten, woran sie sich hinsichtlich der Töpferkunst und
-des Keltizismus halten sollten, so lag das an ihrer Unkenntnis der
-Geschichte, besonders der Geschichte von Frankreich.</p>
-
-<p>Das Werk von Anquetil befand sich in ihrer Bibliothek; doch die Reihe
-der tatenlosen Könige belustigte sie sehr wenig. Die Ruchlosigkeit der
-Hausmeier empörte sie keineswegs, &mdash; und sie legten Anquetil fort,
-abgestoßen durch die Abgeschmacktheit seiner Betrachtungen.</p>
-
-<p>Da fragten sie bei Dumouchel an, „welches die beste Geschichte
-Frankreichs sei?“</p>
-
-<p>Dumouchel nahm auf ihren Namen ein Abonnement in einer Leihbibliothek
-und sandte ihnen die Briefe Augustin Thierrys zusammen mit zwei Bänden
-des Herrn von Genoude.</p>
-
-<p>Das Königtum, die Religion, die Nationalversammlungen, das waren diesem
-Schriftsteller zufolge „die Grundlagen“ der französischen Nation,
-Grundlagen, die auf die Merovinger zurückgehen. Die Karolinger haben
-ihnen Abbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> getan. Die Kapetinger, im Einvernehmen mit dem Volke,
-bemühten sich, sie aufrechtzuerhalten. Unter Ludwig XIII. wurde die
-absolute Herrschaft aufgerichtet, um den Protestantismus zu besiegen,
-das letzte Aufraffen des Feudalismus &mdash; und 89 ist nur eine Rückkehr
-zur Verfassung unserer Ahnen.</p>
-
-<p>Pécuchet bewunderte diese Gedanken.</p>
-
-<p>Sie erregten Bouvards Mitleid, der Augustin Thierry zuerst gelesen
-hatte:</p>
-
-<p>„Was schwatzest du mir da von deiner französischen Nation, da kein
-Frankreich, noch eine Nationalversammlung bestand! Und die Karolinger
-haben sich nichts widerrechtlich angeeignet! Und die Könige haben die
-Kommunen nicht befreit! Lies selbst!“</p>
-
-<p>Pécuchet ergab sich vor der augenscheinlichen Wahrheit und übertraf
-Bouvard bald an wissenschaftlicher Strenge! Er würde sich ehrlos
-vorgekommen sein, wenn er „Charlemagne“ und nicht „Karl le Grand“,
-„Clovis“ anstatt „Clodowig“ gesagt hätte.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger war er von Genoude begeistert, denn er fand es
-geistvoll, die beiden Enden der französischen Geschichte miteinander zu
-verknüpfen, so daß die Mitte Füllwerk ist, &mdash; und um darüber ins klare
-zu kommen, griffen sie zu der Sammlung Buchez und Roux.</p>
-
-<p>Doch der Schwulst der Vorreden, diese Verquickung von Sozialismus und
-Katholizismus widerte sie an; die zu zahlreichen Einzelheiten hinderten
-sie an einem Gesamtüberblick.</p>
-
-<p>Sie nahmen ihre Zuflucht zu Herrn Thiers.</p>
-
-<p>Es war im Sommer des Jahres 1845; sie saßen in der Laube im Garten.
-Pécuchet, der eine kleine Bank unter den Füßen hatte, las laut mit
-seiner tiefen Stimme, ohne müde zu werden, und hielt nur ein, um mit
-den Fingern in seine Tabakdose zu greifen. Bouvard lauschte ihm, die
-Pfeife im Munde, die Beine auseinandergestreckt; oben an seiner Hose
-war ein Knopf geöffnet.</p>
-
-<p>Greise hatten ihnen von 93 erzählt, &mdash; und beinahe persönliche
-Erinnerungen belebten die platten Beschreibungen des Verfassers.
-Zu jener Zeit waren die Landstraßen voll von Soldaten, welche die
-Marseillaise sangen. Auf den Türschwellen sitzend, nähten Frauen
-Zelte aus Leinwand. Manchmal nahte ein Schwarm von Leuten in roter
-Mütze,<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf der Spitze einer Pike ein blasses Haupt neigend, dessen
-Haar herabging. Die hohe Tribüne des Konvents erschien über einer
-Staubwolke, in der wütende Gesichter Todesverwünschungen ausstießen.
-Kam man um die Mitte des Tages am Tuilerien-Bassin vorbei, so hörte
-man das Fallbeil der Guillotine, das wie die Stöße eines Rammklotzes
-dröhnte.</p>
-
-<p>Und die Brise bewegte die Weinblätter der Laube, die reife Gerste wogte
-in Zwischenräumen, eine Drossel pfiff. Während sie ihre Blicke um sich
-schweifen ließen, sogen sie diesen Frieden ein.</p>
-
-<p>Wie schade, daß man es gleich zu Anfang an gegenseitigem Verständnis
-hatte fehlen lassen. Denn hätten die Royalisten wie die Patrioten
-gedacht, hätte der Hof mehr Aufrichtigkeit gezeigt und die Gegner
-weniger Ungestüm, so wäre viel Unglück vermieden!</p>
-
-<p>Durch das viele Schwatzen darüber gerieten sie in Leidenschaft.
-Bouvard, Freigeist und Empfindungsmensch, war Anhänger der
-Konstitution, Girondist, Thermidorianer. Pécuchet, gallig und zur
-Herrschsucht neigend, gab sich als Sansculotte und selbst als Anhänger
-Robespierres zu erkennen.</p>
-
-<p>Er billigte die Verurteilung des Königs, die gewaltsamsten Beschlüsse,
-den Kult des höchsten Wesens. Bouvard zog den der Natur vor. Er würde
-mit Vergnügen das Bild einer dicken Frau gegrüßt haben, die aus ihren
-Brüsten ihren Anbetern kein Wasser, sondern edlen Burgunder spendete.</p>
-
-<p>Um ihre Argumente durch mehr Tatsachen stützen zu können, verschafften
-sie sich andere Werke: Montgaillard, Prudhomme, Gallois, Lacretelle
-und so weiter; und die Widersprüche dieser Bücher setzten sie durchaus
-nicht in Verlegenheit. Jeder entnahm ihnen, was er zur Verteidigung
-seiner Ansicht brauchte.</p>
-
-<p>So zweifelte Bouvard nicht, daß Danton hunderttausend Taler angenommen
-habe, damit er Anträge stelle, welche die Republik zugrunde richteten,
-&mdash; und nach Pécuchet hätte Vergniaud sechstausend Franken im Monat
-verlangt.</p>
-
-<p>„Nie im Leben! Erkläre mir lieber, warum Robespierres Schwester eine
-Rente von Ludwig XVIII. erhielt?“</p>
-
-<p>„Keineswegs! Das war Bonaparte, und da du die Dinge so nimmst, wer ist
-die Persönlichkeit, die mit Egalité kurze Zeit vor dessen Tode eine
-geheime Zusammenkunft hatte?<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> Ich verlange, daß man in den Memoiren
-der Campan die unterdrückten Stellen abdruckt! Das Ende des Dauphins
-scheint mir verdächtig. Die Pulvermühle von Grenelle tötete, als sie in
-die Luft flog, zweitausend Personen! Grund unbekannt, sagt man, welche
-Dummheit!“ denn Pécuchet war nahe daran, ihn zu kennen, und schob alle
-Verbrechen auf die Umtriebe der Aristokraten, das Gold der Ausländer.</p>
-
-<p>Nach Bouvards Ansicht waren „Fahr zum Himmel, Sohn des heiligen
-Ludwig“, die Jungfrauen von Verdun und die Hosen aus Menschenhaut
-überhaupt nicht zu bezweifeln. Er nahm die Angaben Prudhommes hin,
-gerade eine Million Opfer.</p>
-
-<p>Doch die Loire, die von Saumur bis Nantes in einer Länge von achtzehn
-Meilen rot von Blut war, gab ihm zu denken. Pécuchet faßte ebenfalls
-Zweifel, und Mißtrauen gegen die Historiker stellte sich bei ihnen ein.</p>
-
-<p>Für die einen ist die Revolution ein satanisches Ereignis. Andere
-stellen sie als eine hehre Ausnahme hin. Die Unterlegenen auf beiden
-Seiten sind natürlich Märtyrer.</p>
-
-<p>Thierry zeigt gelegentlich der Barbaren, wie einfältig es sei,
-nachzuforschen, ob dieser oder jener Fürst gut oder schlecht war.
-Warum dieselbe Methode nicht bei der Prüfung neuerer Epochen anwenden?
-Doch die Geschichtsschreibung soll die Moral rächen. Man ist Tacitus
-dankbar, weil er Tiberius zerrissen hat. Ob schließlich die Königin
-Liebhaber gehabt, ob Dumouriez seit Valmy zum Verrat entschlossen war,
-ob es die Bergpartei oder die Gironde war, die im Prairial anfing, und
-im Thermidor die Jakobiner oder die gemäßigte Partei, was macht das für
-den Verlauf der Revolution aus, deren Ursprünge tief liegen und deren
-Folgen unberechenbar sind?</p>
-
-<p>Sie mußte sich also erfüllen, sein was sie war, aber man denke sich
-die Flucht des Königs ohne Hindernis, Robespierre entschlüpfend oder
-Bonaparte ermordet, &mdash; Zufälle, die von einem weniger gewissenhaften
-Herbergsvater, von einer offenen Tür, einer eingeschlafenen Schildwache
-abhingen, &mdash; und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf
-genommen.</p>
-
-<p>Sie hatten über die Menschen und Tatsachen jener Zeit keine einzige
-feststehende Ansicht mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span></p>
-
-<p>Um sie objektiv zu beurteilen, hätte man alle Geschichten, alle
-Denkwürdigkeiten, alle Zeitungen und alle handschriftlichen
-Aufzeichnungen lesen müssen, denn wenn man das Geringste ausließ,
-konnte daraus ein Irrtum entstehen, welcher eine endlose Reihe anderer
-nach sich zog. Sie verzichteten darauf.</p>
-
-<p>Doch der Geschmack an der Geschichte war ihnen gekommen, das Bedürfnis
-nach Wahrheit um ihrer selbst willen.</p>
-
-<p>Vielleicht ist sie leichter in den alten Zeiten zu entdecken?
-Wenn die Verfasser weit von den Dingen entfernt sind, können sie
-leidenschaftslos von ihnen sprechen. Und sie machten sich an den guten
-Rollin.</p>
-
-<p>„Welch ein Wust von Albernheiten!“ rief Bouvard gleich beim ersten
-Kapitel.</p>
-
-<p>„Warte ein wenig,“ sagte Pécuchet, während er unten in ihrer
-Bücherei wühlte, wo die Bücher des früheren Besitzers, eines alten
-Rechtsgelehrten, eines verrückten Schöngeistes, zusammengedrängt
-standen; und nachdem er viele Romane und Theaterstücke nebst einem
-Montesquieu und einer Horazübersetzung weggerückt hatte, erreichte er,
-was er suchte: das Werk Beauforts über die römische Geschichte.</p>
-
-<p>Titus Livius schreibt die Gründung Roms dem Romulus zu. Sallust läßt
-diese Ehre den Trojanern des Äneas. Coriolan starb Fabius Pictor
-zufolge in der Verbannung, und wenn man Dionysius Glauben schenkt,
-durch die Listen des Attius Tullus. Seneka versichert, daß Horatius
-Cocles als Sieger zurückkehrte, und Dion, daß er am Beine verwundet
-war. Und La Mothe le Vayer äußert ähnliche Zweifel hinsichtlich der
-anderen Völker.</p>
-
-<p>Man ist sich nicht einig über das chaldäische Altertum, das Zeitalter
-Homers, die Existenz Zoroasters, die beiden assyrischen Reiche. Quintus
-Curtius hat Märchen erzählt. Plutarch straft Herodot Lügen. Wir würden
-von Cäsar eine andere Vorstellung haben, wenn Vercingetorix dessen
-Kommentare geschrieben hätte.</p>
-
-<p>Die alte Geschichte ist aus Mangel an Dokumenten dunkel. Die moderne
-dagegen ist überreich daran; &mdash; und Bouvard und Pécuchet machten sich
-wieder an die französische Geschichte, begannen Sismondi.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span></p>
-
-<p>Die Aufeinanderfolge so vieler Männer machte ihnen Lust, sie genauer zu
-kennen, sich mit ihnen zu befassen. Sie wollten die Quellen studieren.
-Gregor von Tours, Monstrelet, Commines, alle die, deren Namen seltsam
-oder angenehm klangen.</p>
-
-<p>Doch sie warfen die Ereignisse durcheinander aus ungenügender Kenntnis
-der Daten.</p>
-
-<p>Glücklicherweise besaßen sie die Mnemotechnik Dumouchels, einen
-Pappband in Duodez, der das Motto trug: „Durch Unterhaltung belehren.“</p>
-
-<p>Sie verband die drei Systeme Allevys, Pâris’ und Fenaigles miteinander.</p>
-
-<p>Allevy setzt für die Zahlen Figuren ein, wobei die Zahl 1 durch einen
-Turm, 2 durch einen Vogel, 3 durch ein Kamel ausgedrückt wird, und so
-weiter. Pâris beschäftigt die Einbildungskraft durch Wortspiele: ein
-mit Holzschrauben versehener Sessel ergibt: Clou, vis = Clovis; und da
-das Geräusch des Bratens „ric, ric“ macht, so rufen Weißlinge in einer
-Pfanne Chilperic ins Gedächtnis zurück. Fenaigle zerlegt die Welt in
-Häuser, die Kammern enthalten; jede Kammer hat vier Wände mit neun
-Flächen, und jede Fläche trägt ein Sinnbild. Also wird der erste König
-der ersten Dynastie in dem ersten Zimmer die erste Fläche einnehmen.
-Ein Leuchtturm auf einem Berge wird besagen, wie er hieß „Phar a mond“
-System Pâris, &mdash; und wenn man, wie Allevy rät, darunter einen Spiegel,
-der 4, einen Vogel, der 2, und einen Reifen, der 0 bedeutet, setzt, so
-erhält man 420, das Datum der Thronbesteigung dieses Fürsten.</p>
-
-<p>Der größeren Klarheit wegen nahmen sie als mnemotechnische Basis
-ihr eigenes Haus, ihren Wohnort, indem sie mit jedem seiner Teile
-eine besondere Tatsache verknüpften, &mdash; und der Hof, der Garten, die
-Umgegend, das ganze Land hatte keine andere Bedeutung, als ihrem
-Gedächtnis nachzuhelfen. Die Abgrenzungen auf den Feldern umschrieben
-gewisse Epochen, die Apfelbäume wurden zu genealogischen Bäumen, die
-Sträucher zu Schlachten, die Welt wurde Symbol. Sie suchten auf den
-Wänden eine Unmenge Dinge, die nicht da waren, sahen sie schließlich,
-aber wußten nicht mehr die Daten, die sie vorstellten.</p>
-
-<p>Zudem sind die Jahreszahlen nicht immer richtig. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> lernten aus
-einem Schulbuch, daß die Geburt Jesu um fünf Jahre früher angesetzt
-werden muß, als sie gewöhnlich angenommen wird, daß es bei den
-Griechen drei Arten der Olympiadenrechnung gab und bei den Lateinern
-acht Methoden, den Anfang des Jahres zu bestimmen. Lauter Anlässe zu
-Mißverständnissen, außer denen, die durch die Zodiaken, die Ären und
-die verschiedenen Kalender hervorgerufen werden.</p>
-
-<p>Und von der Gleichgültigkeit gegen die Daten kamen sie zur Verachtung
-der Tatsachen.</p>
-
-<p>Wichtig jedoch ist die Philosophie der Geschichte!</p>
-
-<p>Bouvard vermochte nicht die berühmte Rede Bossuets zu Ende zu lesen.</p>
-
-<p>„Der Adler von Meaux ist ein Schwindler! Er übersieht China, Indien und
-Amerika! Doch bemüht er sich, uns wissen zu lassen, daß Theodosius ‚die
-Freude der Welt war‘, daß Abraham ‚mit Königen wie mit Seinesgleichen
-umging‘, und daß die Philosophie der Griechen von den Hebräern
-herstammt. Seine Voreingenommenheit für die Hebräer fällt mir auf die
-Nerven.“</p>
-
-<p>Pécuchet teilte diese Ansichten und wollte ihn veranlassen, Vico zu
-lesen.</p>
-
-<p>„Wie kann man sagen,“ wandte Bouvard ein, „Fabeln seien wahrer als die
-Wahrheiten der Geschichtsschreiber?“</p>
-
-<p>Pécuchet versuchte, die Mythen zu erklären, wobei er sich in die
-Scienza Nuova vertiefte.</p>
-
-<p>„Willst du den Plan der Vorsehung leugnen?“</p>
-
-<p>„Ich kenne ihn nicht,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Und sie beschlossen, sich an Dumouchel zu wenden.</p>
-
-<p>Der Professor gestand, daß er jetzt an der Geschichte irre geworden sei.</p>
-
-<p>„Sie ändert sich jeden Tag. Man bestreitet die Existenz der römischen
-Könige und die Reisen des Pythagoras. Man greift Belisar, Wilhelm
-Tell und sogar den Cid an, der dank den letzten Entdeckungen ein
-gewöhnlicher Straßenräuber geworden ist. Es wäre zu wünschen, daß man
-keine Entdeckungen mehr machte, und das Institut sollte sogar eine Art
-Kanon aufstellen, der vorschreibt, was man glauben soll!“</p>
-
-<p>In einem Postskriptum gab er kritische Regeln aus der Abhandlung
-Daunous:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span></p>
-
-<p>„Als Beweis das Zeugnis der Massen anführen, schlechte Beweise; sie
-sind nicht da, wenn es gilt, Rede und Antwort zu stehen.</p>
-
-<p>Alles Unmögliche verwerfen. Man zeigte Pausanias den Stein, den Saturn
-verschlungen hatte.</p>
-
-<p>Die Architektur kann lügen; Beispiel: der Bogen des Forums, auf dem
-Titus der erste Besieger Jerusalems genannt wird, das vor ihm von
-Pompejus erobert wurde.</p>
-
-<p>Die Münzen täuschen zuweilen. Unter Karl IX. prägte man Geld mit dem
-Stempel Heinrichs II.</p>
-
-<p>Ziehen Sie die Gewandtheit der Fälscher, das Interesse der Verteidiger
-und Schmäher in Rechnung.“</p>
-
-<p>Wenige Geschichtschreiber haben nach diesen Regeln gearbeitet, sondern
-alle in Hinsicht auf einen besonderen Fall, eine Religion, eine Nation,
-eine Partei, ein System, oder um die Könige zu tadeln, das Volk zu
-beraten, Beispiele von Sittlichkeit aufzustellen.</p>
-
-<p>Die anderen, welche darauf Anspruch machen, nur zu erzählen, stehen
-nicht höher; denn man kann nicht alles sagen, es ist eine Auswahl
-nötig. Doch bei der Wahl der Dokumente wird ein gewisser Geist
-obsiegen, &mdash; und da er wechselt den Verhältnissen des Schriftstellers
-entsprechend, so wird die Geschichte zu keinem sicheren Ergebnis kommen.</p>
-
-<p>„Das ist traurig,“ dachten sie.</p>
-
-<p>Indessen könnte man einen Gegenstand wählen, die Quellen erschöpfend
-durcharbeiten, sie genau analysieren, dann das Ganze zu einer Erzählung
-verdichten, die gleichsam ein Abriß der Dinge wäre und die volle
-Wahrheit widerspiegelte. Ein solches Werk schien Pécuchet ausführbar.</p>
-
-<p>„Sollen wir nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben?“</p>
-
-<p>„Nichts ist mir lieber! Doch welche?“</p>
-
-<p>„In der Tat, welche?“</p>
-
-<p>Bouvard hatte sich gesetzt, Pécuchet ging im Museum auf und ab, als
-sein Blick auf den Buttertopf fiel, und plötzlich stehen bleibend,
-sagte er:</p>
-
-<p>„Wenn wir das Leben des Herzogs von Angoulême schrieben?“</p>
-
-<p>„Aber das war ein Einfaltspinsel,“ erwiderte Bouvard.</p>
-
-<p>„Das macht nichts! Die Nebenpersonen haben zuweilen<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> einen ungeheuren
-Einfluß, und dieser hielt vielleicht das Steuer der Dinge in den
-Händen.“</p>
-
-<p>Die Bücher würden ihnen die nötigen Aufschlüsse geben, und Herr von
-Faverges hatte deren ohne Zweifel selbst oder konnte solche durch
-Vermittlung ihm befreundeter alter Edelleute erhalten.</p>
-
-<p>Sie sannen über dieses Vorhaben nach, besprachen es und beschlossen
-schließlich, vierzehn Tage auf der Gemeindebibliothek von Caen zu
-verbringen, um dort Nachforschungen anzustellen.</p>
-
-<p>Der Bibliothekar stellte ihnen allgemeine Geschichtswerke und
-Broschüren zur Verfügung, nebst einer bunten Lithographie, welche Seine
-Hoheit den Herrn Herzog von Angoulême als Kniebild darstellte.</p>
-
-<p>Das blaue Tuch seiner Uniform verschwand unter den Epauletten, den
-Ordenssternen und dem großen roten Band der Ehrenlegion. Ein äußerst
-hoher Kragen umschloß seinen langen Hals. Sein birnenförmiger Kopf
-war von den Löckchen seines Haupthaars und seines dünnen Backenbartes
-umrahmt, und schwere Augenlider, eine sehr starke Nase und dicke Lippen
-gaben seinem Gesicht den Ausdruck unbedeutender Güte.</p>
-
-<p>Als sie ihre Aufzeichnungen gemacht hatten, entwarfen sie einen Plan:</p>
-
-<p>Geburt und Kindheit wenig merkwürdig. Einer seiner Erzieher ist der
-Abbé Guénée, der Feind Voltaires. In Turin läßt man ihn eine Kanone
-gießen, und er studiert die Feldzüge Karls VIII. Auch wird er trotz
-seiner Jugend zum Obersten eines Nobelgardenregimentes ernannt.</p>
-
-<p>1797. Seine Vermählung.</p>
-
-<p>1814. Die Engländer bemächtigen sich der Stadt Bordeaux. Er eilt
-in ihrem Rücken herbei und zeigt sich den Einwohnern in Person.
-Beschreibung der Person des hohen Herrn.</p>
-
-<p>1815. Bonaparte überrascht ihn. Sogleich ruft er den König von Spanien
-herbei, und Toulon wäre ohne Massena den Engländern zum Opfer gefallen.</p>
-
-<p>Operationen im Süden. &mdash; Er wird geschlagen, aber in Freiheit gesetzt
-gegen das Versprechen, die Kronjuwelen, die von dem Könige, seinem
-Onkel, in wilder Hast mitgeführt wurden, zurückzuerstatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span></p>
-
-<p>Nach den „hundert Tagen“ kehrt er mit seinen Eltern zurück und lebt
-ruhig. Mehrere Jahre verstreichen.</p>
-
-<p>Spanischer Krieg. &mdash; Sobald er die Pyrenäen überschritten hat, folgt
-der Sieg überall dem Enkel Heinrichs IV. Er nimmt den Trocadero,
-erreicht die Säulen des Herkules, zerschmettert die Parteien, umarmt
-Ferdinand und kehrt zurück.</p>
-
-<p>Triumphbögen, Blumen, von jungen Mädchen überreicht, Diners auf den
-Präfekturen, Te Deum in den Kathedralen. Die Pariser sind auf der Höhe
-des Wonnerausches. Die Stadt gibt ihm ein Bankett. In den Theatern
-werden Lieder zu Ehren des Helden gesungen.</p>
-
-<p>Die Begeisterung nimmt ab. Denn im Jahre 1827 mißlingt zu Cherbourg ein
-Subskriptionsball.</p>
-
-<p>Da er Großadmiral von Frankreich ist, besichtigt er die Flotte, die
-nach Algier in See sticht.</p>
-
-<p>Juli 1830. Marmont setzt ihn vom Stande der Dinge in Kenntnis. Da gerät
-er in eine solche Wut, daß er sich die Hand am Degen des Generals
-verwundet.</p>
-
-<p>Der König überträgt ihm den Oberbefehl über die sämtlichen Streitkräfte.</p>
-
-<p>Er trifft im Bois de Boulogne die Abteilungen der Linie und findet
-ihnen gegenüber kein Wort.</p>
-
-<p>Von Saint-Cloud eilt er zur Brücke von Sèvres. Kälte der Truppen. Das
-erschüttert ihn nicht. Die königliche Familie verläßt Trianon. Er setzt
-sich an den Fuß einer Eiche, entfaltet eine Karte, überlegt, steigt
-wieder aufs Pferd, kommt an Saint-Cyr vorbei und ruft den Zöglingen
-Worte der Hoffnung zu.</p>
-
-<p>Zu Rambouillet verabschieden sich die Leibgarden.</p>
-
-<p>Er schifft sich ein und ist während der ganzen Überfahrt krank.</p>
-
-<p>Man muß dabei auf die wichtige Rolle hinweisen, welche die Brücken
-spielten. Zuerst setzte er sich nutzlos auf der Innbrücke der Gefahr
-aus, er nimmt die Saint-Esprit-Brücke und die Brücke von Lauriol; in
-Lyon sind ihm zwei Brücken verhängnisvoll, und sein Glück endet vor der
-Brücke von Sèvres.</p>
-
-<p>Bild seiner Tugenden. Unnötig, seinen Mut zu rühmen, mit dem er eine
-weitsichtige Staatsklugheit verband. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> er bot jedem Soldaten
-sechzig Franken, wenn er den Kaiser verlassen wolle, und in Spanien
-versuchte er die Anhänger der Konstitution mit Geld zu bestechen.</p>
-
-<p>Seine Zurückhaltung war so groß, daß er seine Zustimmung gab zu der
-zwischen seinem Vater und der Königin von Etrurien geplanten Ehe,
-zur Bildung eines neuen Kabinetts nach den Erlassen, zur Abdankung
-zugunsten Chambords, zu allem, was man wollte.</p>
-
-<p>Doch fehlte es ihm nicht an Festigkeit. In Angers löste er die
-Infanterie der Nationalgarde auf, die aus Eifersucht auf die Kavallerie
-und vermittels eines Manövers sich zu seiner Bedeckung gemacht hatte,
-derart, daß sich Seine Hoheit im Gedränge der Fußsoldaten befanden und
-Höchstdieselben kaum weiter konnten. Doch er tadelte die Kavallerie,
-die Grund zur Unordnung gegeben, und verzieh der Infanterie, ein
-wahrhaft salomonisches Urteil.</p>
-
-<p>Seine Frömmigkeit zeigt sich in zahlreichen Andachtübungen und seine
-Milde darin, daß er die Begnadigung des Generals Debelle durchsetzte,
-welcher die Waffen gegen ihn erhoben hatte.</p>
-
-<p>Intime Einzelheiten, Züge des hohen Herrn:</p>
-
-<p>Auf dem Schloß Beauregard, wo er seine Kindheit verlebte, machte es ihm
-Vergnügen, mit seinem Bruder einen Teich zu graben, der noch zu sehen
-ist. Einmal besuchte er die Kaserne der Jäger, verlangte ein Glas Wein
-und trank es auf die Gesundheit des Königs.</p>
-
-<p>Während er spazieren ging, wiederholte er, um den Schritt zu markieren,
-für sich: „Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei!“</p>
-
-<p>Einzelne Worte von ihm haben sich erhalten:</p>
-
-<p>Zu einer Abordnung von Einwohnern von Bordeaux: „Was mich darüber
-tröstet, daß ich nicht in Bordeaux bin, ist der Umstand, daß ich mich
-in Ihrer Mitte befinde.“</p>
-
-<p>Zu den Protestanten von Nismes: „Ich bin ein guter Katholik, aber ich
-werde niemals vergessen, daß der erlauchteste meiner Ahnen Protestant
-war.“</p>
-
-<p>Zu den Zöglingen von Saint-Cyr, als alles verloren ist: „Schön, meine
-Freunde! Die Nachrichten sind gut! Es steht gut! sehr gut!“</p>
-
-<p>Nach der Abdankung Karls X.: „Da sie nichts von mir wissen wollen,
-mögen sie sehen, wie sie fertig werden!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span></p>
-
-<p>Und im Jahre 1814 bei jeder Gelegenheit in dem winzigsten Dorfe: „Kein
-Krieg mehr, keine Aushebungen, kein Staatsmonopol.“</p>
-
-<p>Sein Stil war dem, was er sagte, ebenbürtig. Seine Erlasse
-überschreiten alles.</p>
-
-<p>Der erste des Grafen von Artois begann folgendermaßen: „Franzosen, der
-Bruder Eures Königs ist angelangt!“</p>
-
-<p>Der des Fürsten: „Ich bin da. Ich bin der Sohn Eurer Könige! Ihr seid
-Franzosen!“</p>
-
-<p>Tagesbefehl, datiert Bayonne: „Soldaten, ich bin angelangt!“</p>
-
-<p>Ein anderes Mal, bei voller Auflösung: „Fahrt fort, mit der Tatkraft,
-die dem französischen Soldaten ziemt, den Kampf fortzuführen, den Ihr
-begonnen habt. Frankreich erwartet es von Euch!“</p>
-
-<p>Zuletzt in Rambouillet: „Der König ist mit der in Paris errichteten
-Regierung in Verhandlungen über ein Einvernehmen getreten, und nach
-allem steht zu erwarten, daß diese Verhandlungen ihrem Abschluß nahe
-sind.“ „Nach allem steht zu erwarten“ ist wundervoll.</p>
-
-<p>„Ein Umstand verdrießt mich,“ sagte Bouvard, „nämlich, daß man nicht
-seine Herzensangelegenheiten erwähnt!“</p>
-
-<p>Und sie notierten am Rande: „Den Liebeleien des Fürsten nachspüren!“</p>
-
-<p>Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er
-zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême.</p>
-
-<p>Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit
-noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar.</p>
-
-<p>Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder
-krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb,
-es sich brennen zu lassen?</p>
-
-<p>Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das
-Temperament, das Temperament das Individuum.</p>
-
-<p>Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine
-Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen,
-gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das
-ver<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span>zögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach
-Hause zurück.</p>
-
-<p>Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen
-die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau
-Bordin, die nach rechts und links schaute:</p>
-
-<p>„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer
-Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren
-sprechen.“</p>
-
-<p>Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man
-schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf.</p>
-
-<p>„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“</p>
-
-<p>Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin
-ausfragte.</p>
-
-<p>Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein
-befallen zu sein.</p>
-
-<p>„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe.</p>
-
-<p>Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde
-wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“</p>
-
-<p>Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd:</p>
-
-<p>„Er ist nicht da!“</p>
-
-<p>Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung
-herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie
-knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab.</p>
-
-<p>Dann gingen sie und besichtigten die Truhe.</p>
-
-<p>Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die
-Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen.</p>
-
-<p>Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard
-seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen.</p>
-
-<p>Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er
-hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine
-verirrte Kuh sie umgeworfen hatte.</p>
-
-<p>„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span></p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht.“</p>
-
-<p>„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre
-Schuld!“</p>
-
-<p>Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum
-Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit.</p>
-
-<p>Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger
-als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete
-sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das
-Mahl zu bereiten.</p>
-
-<p>Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei
-Vierteln geleert war.</p>
-
-<p>„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju.</p>
-
-<p>„Ich! trinke nie einen Tropfen.“</p>
-
-<p>Bouvard wandte ein:</p>
-
-<p>„Sie waren der einzige Mann im Hause.“</p>
-
-<p>„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick.</p>
-
-<p>Germaine fing ihn auf:</p>
-
-<p>„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“</p>
-
-<p>„Gewiß, Sie sind es!“</p>
-
-<p>„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“</p>
-
-<p>Gorju machte eine Drehung.</p>
-
-<p>„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“</p>
-
-<p>Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot,
-die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau
-Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju.</p>
-
-<p>Die Alte hielt nicht mehr an sich.</p>
-
-<p>„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch
-verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser,
-Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen
-vorzuspielen!“</p>
-
-<p>Bouvard riß die Augen auf.</p>
-
-<p>„Was für Possen!“</p>
-
-<p>„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“</p>
-
-<p>„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und
-entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab
-er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen.<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> Bouvard stellte sich
-dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine
-zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie
-zu trösten suchte.</p>
-
-<p>Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die
-Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf
-welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als
-sie Gorju rief, &mdash; und ob er Mélie entehrt habe.</p>
-
-<p>„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht,
-und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die
-Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“</p>
-
-<p>Pécuchet fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“</p>
-
-<p>Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten.
-Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die
-Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. &mdash; „Lassen wir uns ein
-paar historische Romane kommen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="V">V</h2>
-
-</div>
-
-<p>Sie lasen zunächst Walter Scott.</p>
-
-<p>Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.</p>
-
-<p>Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen
-gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister,
-Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die
-berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen
-und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der
-Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache
-der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte
-Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der
-Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande
-galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher,
-der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne
-erglänzt auf Panzerhemden,<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die
-Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die
-Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.</p>
-
-<p>Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale
-zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand
-einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte,
-gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und
-setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht
-zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm
-seiner Mütze tief in die Stirn.</p>
-
-<p>Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den
-Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit
-gegen die materiellen Dinge nachgegeben.</p>
-
-<p>Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne.
-Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie
-Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den
-Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie
-geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es
-gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht
-durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit
-zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus
-ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.</p>
-
-<p>Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren,
-konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius,
-Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.</p>
-
-<p>Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem
-Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis
-dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt,
-die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im
-fünfzehnten Jahrhundert.</p>
-
-<p>Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und
-unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen.</p>
-
-<p>In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> der Daten.
-Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und
-nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des
-Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres
-Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich,
-daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat,
-eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin
-Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war
-nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich
-von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III.
-kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das
-Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe
-der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas.</p>
-
-<p>Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer
-in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist
-um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war
-Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von
-einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian
-umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam
-fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten.</p>
-
-<p>Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte
-sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte.
-Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der
-Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt
-und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein
-philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge
-Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein
-vollständiger Mangel an Tiefe.</p>
-
-<p>Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand.</p>
-
-<p>Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen
-Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig
-wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst
-verändert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span></p>
-
-<p>Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die
-Theaterstücke.</p>
-
-<p>Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große,
-mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr
-viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare.</p>
-
-<p>Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das
-Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören
-vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines
-Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria
-Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen
-aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der
-Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht,
-anstatt zu belehren, verdummt.</p>
-
-<p>Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an
-die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die
-Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite,
-die Tendenz mitgerissen.</p>
-
-<p>Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der
-Leihbibliothek Liebesromane.</p>
-
-<p>Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“,
-„Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte,
-steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ.</p>
-
-<p>Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über
-das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein
-wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem
-bestände.</p>
-
-<p>Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch
-mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse
-Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen,
-damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von
-seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches
-Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt
-sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht.</p>
-
-<p>Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> Abenteuerromane;
-die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter,
-außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die
-Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den
-Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei.</p>
-
-<p>Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und
-nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den
-alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht
-vermutet, daß das moderne Leben so tief sei.</p>
-
-<p>„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus.</p>
-
-<p>„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet.</p>
-
-<p>„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel,
-ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es
-Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse.
-Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben!
-Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über
-das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein
-gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der
-Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe
-und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines
-jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre,
-sondern Statistik oder Ethnographie.“</p>
-
-<p>Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte
-sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las
-Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der
-Eremit der Chaussée d’Antin.“</p>
-
-<p>„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte
-Pécuchet.</p>
-
-<p>„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“</p>
-
-<p>„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich
-begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“</p>
-
-<p>Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte
-Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span></p>
-
-<p>Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin
-behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl
-von Größe.</p>
-
-<p>Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so
-ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte.
-Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art
-Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich.</p>
-
-<p>Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig
-zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt
-zu entfalten &mdash; indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine
-fallende, übte &mdash; und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem
-Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend.
-Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war
-geschlossen, und sie blökten jeder für sich.</p>
-
-<p>Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über
-Politik, die verderbten Grundsätze.</p>
-
-<p>Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig,
-und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging
-Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit
-zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme
-aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe
-wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes
-Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte,
-hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer,
-meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet
-darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille.</p>
-
-<p>Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das
-Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von
-Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang,
-und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die
-Tragödie sank in ihrer Achtung.</p>
-
-<p>Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach,
-zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und
-wie lächerlich die Vertrauten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span></p>
-
-<p>Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man
-muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben
-wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte
-vollständig in „Célimène“.</p>
-
-<p>Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig,
-die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie
-Ägisth und Agamemnon.</p>
-
-<p>Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man
-trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die
-ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer
-sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt.
-Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität
-ab.</p>
-
-<p>Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe,
-seine Jugendfrische.</p>
-
-<p>Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas
-oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein,
-sondern mußte lyrisch, regellos sein.</p>
-
-<p>Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric
-Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen
-Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte,
-denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen.</p>
-
-<p>„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte
-ihnen mit Vergnügen zu.</p>
-
-<p>Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend.</p>
-
-<p>„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“</p>
-
-<p>Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne
-Vorbereitung und ohne Kostüm spielen.</p>
-
-<p>„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“</p>
-
-<p>Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die
-Zipfelmütze und setzte sie auf.</p>
-
-<p>Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab.</p>
-
-<p>Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden
-geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel
-gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch,
-damit Frau Bordin sich setzen konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span></p>
-
-<p>Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des
-„Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu
-viel Spiel erfordern.</p>
-
-<p>„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet!“</p>
-
-<p>Bouvard erzählte die Fabel. &mdash; „Es ist eine Königin, deren Gatte von
-einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen
-Mann, &mdash; bist du bereit? Dann also los!“</p>
-
-<p class="mtop1 mbot1">„<i>Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich
-liebe ihn.</i>“</p>
-
-<p>Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen
-Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht
-auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins
-Labyrinth verlieren mögen.</p>
-
-<p>Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, &mdash; und seine zitternde
-Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner
-Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen,
-während er sich umwandte.</p>
-
-<p>Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor
-Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in
-Hemdsärmeln durch das Fenster zu.</p>
-
-<p>Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei
-der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich
-mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er,
-zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel.</p>
-
-<p>„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie
-vergiftet sich!“</p>
-
-<p>„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin.</p>
-
-<p>Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben.</p>
-
-<p>Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen:
-„Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und
-ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des
-Essigkrämers“ nannte.</p>
-
-<p>Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des
-„Tartufe“ vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span></p>
-
-<p>Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig:</p>
-
-<p>„Man muß wissen, daß Tartufe...“</p>
-
-<p>Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“</p>
-
-<p>Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht.</p>
-
-<p>„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Einerlei! nimm es!“</p>
-
-<p>Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand.</p>
-
-<p>Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu
-streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen:</p>
-
-<p class="mtop1 mbot1">„<i>Was will da Ihre Hand?</i>“</p>
-
-<p>Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme:</p>
-
-<p class="mtop1 mbot1">„<i>Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich.</i>“</p>
-
-<p>Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich
-aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu.</p>
-
-<p>Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, &mdash; und als er
-einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort.</p>
-
-<p>Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst
-galant.“</p>
-
-<p>„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“</p>
-
-<p>„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes
-von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt
-hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit
-zurückgelehntem Kopf:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><i>Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern,</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’.</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Das ähnelt mir,“ dachte sie.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><i>Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt.</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Wie komisch Sie sind!“</p>
-
-<p>Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne
-entblößte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent20"><i>Ist’s nicht süß,</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Er kniete nieder.</p>
-
-<p>„Bringen Sie es doch zu Ende!“</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><i>O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust,</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe.</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“</p>
-
-<p>„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt
-ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich.</p>
-
-<p>Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht
-bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard
-begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen.</p>
-
-<p>Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden.
-Er war noch von seiner Rezitation erregt, &mdash; und sie empfand auf dem
-Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der
-Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die
-mittelmäßigen Geister, &mdash; und durch die plumpsten Interpreten können
-Welten geoffenbart werden.</p>
-
-<p>Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf
-hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge
-hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein
-blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte
-sich herab.</p>
-
-<p>„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen
-einsog.</p>
-
-<p>„Sie strengen sich aber auch dabei an!“</p>
-
-<p>„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer
-betrifft, das besitze ich.“</p>
-
-<p>„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt,
-„daß Sie... geliebt haben... früher!“</p>
-
-<p>„Früher nur, glauben Sie!“</p>
-
-<p>Sie blieb stehen.</p>
-
-<p>„Das kann ich nicht wissen!“</p>
-
-<p>Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span></p>
-
-<p>Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang,
-nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen.</p>
-
-<p>Dann plauderten sie von der Vorstellung.</p>
-
-<p>„Wie heißt Ihr letztes Stück?“</p>
-
-<p>„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“</p>
-
-<p>„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm
-sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, &mdash; im Ernst.“</p>
-
-<p>„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard.</p>
-
-<p>„Sie?“</p>
-
-<p>„Ja! Ich!“</p>
-
-<p>„Welch ein Scherz!“</p>
-
-<p>„Nicht im allergeringsten!“</p>
-
-<p>Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die
-Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken.</p>
-
-<p>Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, &mdash; und
-sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die
-Augen auf und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Das ist vorbei!“</p>
-
-<p>Er sah sie verdutzt an.</p>
-
-<p>Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte.
-Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren
-faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande.</p>
-
-<p>„Soll ich Ihnen helfen?“</p>
-
-<p>„Nicht nötig.“</p>
-
-<p>„Warum?“</p>
-
-<p>„Ach! Sie sind zu gefährlich!“</p>
-
-<p>Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf.</p>
-
-<p>Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben.
-Bah, sie würde sich wiederfinden, &mdash; und dann sind die Frauen nicht
-alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man
-es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden &mdash;
-und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es
-aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl.</p>
-
-<p>Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju,<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> während sie
-zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben.</p>
-
-<p>Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen,
-verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju
-äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie
-und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! &mdash; derart,
-daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden
-zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht
-blendete den Handwerker.</p>
-
-<p>Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil
-erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie.</p>
-
-<p>Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der
-Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts
-Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen
-Bérangerkopf“ abzugeben.</p>
-
-<p>Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben.</p>
-
-<p>Das schwierige war, einen Stoff zu finden.</p>
-
-<p>Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die
-für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen
-Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie
-in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um
-draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten
-erschöpft heim.</p>
-
-<p>Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier
-vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der
-Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und
-gesenktem Haupte, im Sessel saß.</p>
-
-<p>Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines
-Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er
-verschwunden.</p>
-
-<p>Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs
-Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man
-entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem
-einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten
-ver<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span>geblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter
-Kriminalfälle, eine Menge Geschichten.</p>
-
-<p>Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans
-Schauspiel, sehnten sich nach Paris.</p>
-
-<p>„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu
-vergraben!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet.</p>
-
-<p>Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag
-das daran, daß sie die Regeln nicht kannten.</p>
-
-<p>Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen
-weniger aus der Mode gekommenen Werken.</p>
-
-<p>Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen
-abgefaßt werden kann; &mdash; ob die Tragödie nicht die Grenzen
-überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt;
-&mdash; ob die Helden tugendhaft sein sollen; &mdash; welche Art von Schurken
-sie verträgt; &mdash; bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt
-ist; &mdash; daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben,
-daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche,
-natürlich!</p>
-
-<p class="mtop1 mbot1"><i>Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen</i>,</p>
-
-<p class="p0">sagt Boileau.</p>
-
-<p>Wie Motive erfinden?</p>
-<p class="mtop1 mbot1"><i>Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen
-gehn, es rühren und erwärmen.</i></p>
-
-<p>Wie das Herz erwärmen?</p>
-
-<p>Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig.</p>
-
-<p>Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen
-Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire.
-Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen
-Shakespeares.</p>
-
-<p>Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen
-lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen.</p>
-
-<p>Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit!
-Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben &mdash;
-und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten
-dieser, die man als geistreich hinstellt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span></p>
-
-<p>Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen.</p>
-
-<p>Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und
-an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches.</p>
-
-<p>So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil
-der Menge unverständlich.</p>
-
-<p>Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an
-Dumouchel.</p>
-
-<p>Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die
-die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen,
-kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“.</p>
-
-<p>Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel
-Paris. &mdash; Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist
-gut, welches belustigt.</p>
-
-<p>„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das,
-was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner
-später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um
-aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen
-werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort.</p>
-
-<p>Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts.
-Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde
-nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard?
-Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la
-Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer
-Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder
-vielmehr des Stils.</p>
-
-<p>Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie
-erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel
-angegebenen Autoren.</p>
-
-<p>Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die
-Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch
-„gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne.
-„Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich
-schön im Verse aus.</p>
-
-<p>„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span></p>
-
-<p>„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“</p>
-
-<p>Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen,
-aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft,
-sondern auch ihre Sprache.</p>
-
-<p>Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung,
-und sie machten sich an das Studium der Grammatik.</p>
-
-<p>Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten
-Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten
-nicht, sich zu entscheiden.</p>
-
-<p>Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den
-Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt.</p>
-
-<p>Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem
-Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf,
-die wenig bequem zu erfassen ist.</p>
-
-<p>Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen,
-aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen
-und zuweilen von Personen gebraucht werden.</p>
-
-<p>Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? &mdash; „une
-bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, &mdash; „ne pas laisser de“ oder
-„que de“, &mdash; „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“?</p>
-
-<p>Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen
-Racine und Boileau keinen Unterschied machten; &mdash; „imposer“ oder
-„en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und
-„coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben
-von einem Frosch unterscheiden konnte.</p>
-
-<p>Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine
-Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf,
-deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen
-an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung,
-verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt
-„nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“.
-Bouhours verlangt „jérarchie<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span>“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal
-„les œils de la soupe“.</p>
-
-<p>Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“
-sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des
-haricots“, &mdash; und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von
-„Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“!</p>
-
-<p>Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals
-eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine
-geben werde.</p>
-
-<p>Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik
-Täuschung sei.</p>
-
-<p>Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle
-schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern
-man nur empfunden, beobachtet habe.</p>
-
-<p>Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten
-sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch
-die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit.
-Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen.</p>
-
-<p>Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz
-niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm
-durch ein Buch zu rächen.</p>
-
-<p>Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen
-Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als
-diese Persönlichkeit.</p>
-
-<p>Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen
-zu verschmelzen, &mdash; und dabei blieben sie stehen, gingen zu den
-folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht,
-&mdash; eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, &mdash; eine Frau, die infolge
-fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter
-Priester.</p>
-
-<p>Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden,
-die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu.</p>
-
-<p>Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die
-Farbe, &mdash; und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder
-war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p>
-
-<p>Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre
-Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor
-der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die
-Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre
-Betrachtungen mit.</p>
-
-<p>Zunächst, was ist das Schöne?</p>
-
-<p>Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt;
-für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas;
-für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das,
-was der Vernunft entspricht.</p>
-
-<p>Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den
-Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten,
-man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein
-Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem
-Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen
-Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns
-Gedanken von Niedertracht.</p>
-
-<p>Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die
-erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das
-ist das Prinzip.</p>
-
-<p>„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen
-abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen
-weniger guten Eindruck &mdash; gewöhnlich wenigstens.“</p>
-
-<p>Sie machten sich an die Frage des Erhabenen.</p>
-
-<p>Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes,
-tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein
-Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft.</p>
-
-<p>„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das
-Erhabene das Sehrschöne.“ &mdash; Wie die beiden unterscheiden?</p>
-
-<p>„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Und der Takt, woher kommt der?“</p>
-
-<p>„Vom Geschmack!“</p>
-
-<p>„Worin besteht denn der Geschmack?“</p>
-
-<p>Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungs<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span>fähigkeit, ein
-schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu
-durchschauen.</p>
-
-<p>„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, &mdash; und alles das sagt
-nicht, wie man dazu kommt.“</p>
-
-<p>Man soll das Wohlanständige beobachten, &mdash; aber das Wohlanständige
-zeigt Unterschiede, &mdash; und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird
-niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes,
-über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist
-von Geheimnissen umhüllt.</p>
-
-<p>Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so
-müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst
-wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den
-Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck
-abzugeraten, nicht wahr zu sein.</p>
-
-<p>Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die
-Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne
-Ideal keine Wahrheit; &mdash; deshalb ist der Typus von dauerhafterer
-Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche
-Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas
-Relatives, Vergängliches.</p>
-
-<p>So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer
-weniger an die Ästhetik.</p>
-
-<p>„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an
-Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“</p>
-
-<p>Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte.</p>
-
-<p>„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen,
-welche die Geschichte verlangt.“</p>
-
-<p>„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes
-und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor,
-findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten
-Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das
-Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer
-sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht
-gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span>
-Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir
-Einfaltspinsel zu sein!“</p>
-
-<p>„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Zweifel quälten ihn, &mdash; denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin
-bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der
-Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister
-sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die
-Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des
-Schönen erfassen, &mdash; und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine
-Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht.</p>
-
-<p>Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin
-der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten.</p>
-
-<p>Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken
-lassen. &mdash; Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens
-Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur
-Ruhe.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und
-schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war
-der Notar.</p>
-
-<p>Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den
-Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er,
-daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche
-Bouvard die Ecalles abzukaufen.</p>
-
-<p>Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber.</p>
-
-<p>Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, &mdash;
-da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte.</p>
-
-<p>Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer
-Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu
-feierlichen Gelegenheiten gehört.</p>
-
-<p>Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein
-würden.</p>
-
-<p>„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“</p>
-
-<p>Sie blinzelte mit den Augen: „Ach! für mich!“</p>
-
-<p>Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span></p>
-
-<p>Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, &mdash; und indem er
-sie auf den Tisch legte:</p>
-
-<p>„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, &mdash; eine
-brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“
-Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“.</p>
-
-<p>Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die
-Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun
-geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen.</p>
-
-<p>Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane.</p>
-
-<p>Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren.</p>
-
-<p>„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben
-in schmeichlerischen Farben dar!“</p>
-
-<p>„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein.</p>
-
-<p>„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“</p>
-
-<p>„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“</p>
-
-<p>„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen
-Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“</p>
-
-<p>„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte,
-das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas.</p>
-
-<p>„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung,
-verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter
-Herr...!“</p>
-
-<p>„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der
-Schwelle erschien.</p>
-
-<p>Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den
-Anwesenden.</p>
-
-<p>„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“</p>
-
-<p>Vaucorbeil gab eine Erwiderung. &mdash; „Sie sind also nicht für die
-Bildung?“</p>
-
-<p>„Aber durchaus! Erlauben Sie!“</p>
-
-<p>„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot.</p>
-
-<p>„Was ist schlimmes daran?“</p>
-
-<p>Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span> Philippe zu
-schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze
-gegen die Freiheit der Presse wiesen.</p>
-
-<p>„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu.</p>
-
-<p>Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr
-Theater!“</p>
-
-<p>„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den
-Selbstmord verherrlichen!“</p>
-
-<p>„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein.</p>
-
-<p>Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene
-Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt
-werden!</p>
-
-<p>„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr
-gespielt werde und etwas überschätzt worden sei.</p>
-
-<p>„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne
-Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der
-Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“</p>
-
-<p>„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“</p>
-
-<p>„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu
-zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung
-zu bieten.“</p>
-
-<p>Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle
-die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft,
-unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir
-Delavigne.</p>
-
-<p>Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort:</p>
-
-<p>„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“</p>
-
-<p>„Wieso, die Sprache?“</p>
-
-<p>„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut
-geschrieben seien?“</p>
-
-<p>„Gewiß, sie sind sehr interessant!“</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln, &mdash; und sie errötete über die Impertinenz.</p>
-
-<p>Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit
-zurückzukommen. Es war zu spät, um den<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span> Handel abzuschließen. Sie
-verließ das Haus am Arme Marescots.</p>
-
-<p>Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu
-bringen.</p>
-
-<p>Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt.</p>
-
-<p>„Sie vergessen mich, Doktor.“</p>
-
-<p>Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die
-unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus.</p>
-
-<p>„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde
-zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“</p>
-
-<p>Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, &mdash;
-und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“</p>
-
-<p>„Nein, wahrhaftig!“</p>
-
-<p>Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der
-Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht.
-Man liebt die Literatur nicht.</p>
-
-<p>Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten
-das allgemeine Stimmrecht.</p>
-
-<p>„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn
-er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="VI">VI</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von
-Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am
-folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei
-angeschlagen.</p>
-
-<p>Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als
-man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die
-Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die
-Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die
-Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die
-provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span>
-da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man
-müsse solche auch in Chavignolles haben.</p>
-
-<p>Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein
-patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte
-der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht
-befriedigt gewesen wäre.</p>
-
-<p>Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus,
-welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur
-„Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle.</p>
-
-<p>Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug.</p>
-
-<p>Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann
-erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und
-der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier
-Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem
-Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein.</p>
-
-<p>Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in
-welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber
-sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und
-Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil,
-Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem
-Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und
-Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen,
-einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen
-pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand,
-anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten
-die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes
-Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, &mdash; denn die Nationalgarde
-war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen,
-Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und
-Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie
-mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und
-ab ging.</p>
-
-<p>Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei
-ähnlichen Gelegenheiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span></p>
-
-<p>Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die
-Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es
-Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus
-prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm
-des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der
-Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche
-seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause
-zurückzukehren.</p>
-
-<p>Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte.
-„Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft
-erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der
-Schatten seiner Zweige! Amen!“</p>
-
-<p>Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die
-Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück.</p>
-
-<p>Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die
-einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück,
-die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank
-sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie
-öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor.</p>
-
-<p>Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution
-entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde
-sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk!
-Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn
-Pfarrer einzuholen.</p>
-
-<p>Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war
-von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor
-einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um,
-der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung
-der Leute desselben beklagte.</p>
-
-<p>Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten
-unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem
-Auge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span></p>
-
-<p>„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich
-auf!“</p>
-
-<p>„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon.</p>
-
-<p>Foureau seufzte:</p>
-
-<p>„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“</p>
-
-<p>Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt.</p>
-
-<p>Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung.</p>
-
-<p>Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man
-sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der
-ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd
-auf dem Platze stehen.</p>
-
-<p>Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen.</p>
-
-<p>Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien.</p>
-
-<p>Herr von Faverges dachte anders:</p>
-
-<p>„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns
-entfesseln! Keine Torheiten!“</p>
-
-<p>Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde.</p>
-
-<p>Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins.</p>
-
-<p>Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen.</p>
-
-<p>„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Was kümmert mich die Sklaverei.“</p>
-
-<p>„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische
-Verbrecher?“</p>
-
-<p>„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen.
-Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“</p>
-
-<p>„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt.
-„Wer ein Haus besitzt...“</p>
-
-<p>Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei
-Kommunist.</p>
-
-<p>„Ich! Kommunist!“</p>
-
-<p>Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vor<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span>schlug, einen Klub
-zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas
-werde es nie in Chavignolles geben.</p>
-
-<p>Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die
-öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt.</p>
-
-<p>Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals
-Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben.</p>
-
-<p>Gorju blickte ihn an:</p>
-
-<p>„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“</p>
-
-<p>Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der
-Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm
-einen Hasen oder ein Kaninchen ab.</p>
-
-<p>„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau.</p>
-
-<p>Noch denselben Abend begannen die Übungen.</p>
-
-<p>Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer
-blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein
-Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte.</p>
-
-<p>„Bauch herein!“</p>
-
-<p>Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das
-Kreuz.</p>
-
-<p>„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“</p>
-
-<p>Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe
-Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und
-von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte
-er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine
-Nachbarn belästigte.</p>
-
-<p>Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte
-Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd
-hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu
-sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet,
-um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während
-die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres
-Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und
-fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span> sich bei dem Krämer nieder
-und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse.</p>
-
-<p>Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter
-gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie
-wurden die Vornehmen.</p>
-
-<p>Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den
-Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik.</p>
-
-<p>Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen,
-nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon.</p>
-
-<p>Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr
-von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre
-Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten
-ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede
-Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt
-würden.</p>
-
-<p>Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht
-würde man ihn zum Abgeordneten wählen.</p>
-
-<p>Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich
-vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen
-Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich
-lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der
-Doktor war darüber entrüstet.</p>
-
-<p>In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich
-nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine
-mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen;
-welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab
-und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen.</p>
-
-<p>Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen.
-Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte,
-hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht?
-Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter
-Rücksichten begann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span></p>
-
-<p>Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber.</p>
-
-<p>„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“</p>
-
-<p>„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im
-Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie
-Verhaltungsmaßregeln für sich auf.</p>
-
-<p>Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann
-träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze
-Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der
-Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum
-Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen:</p>
-
-<p>„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“</p>
-
-<p>Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte
-ihm dar, was für Aussichten er habe.</p>
-
-<p>Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen.
-Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und
-besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern;
-das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn
-verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er
-seine Schwäche.</p>
-
-<p>Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs
-erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau
-ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab.</p>
-
-<p>Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht
-gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug
-sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen,
-erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen.</p>
-
-<p>Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab
-ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er,
-Beljambe, durchfiele.</p>
-
-<p>Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu
-verhalten.</p>
-
-<p>Es blieb also nur noch Foureau.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit
-in der Flintenangelegenheit, seinen Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span>stand gegen den Klub, seine
-rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, &mdash; und sie redeten sogar
-Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten.</p>
-
-<p>So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem
-Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren
-angehäuft hatte, &mdash; und er verhetzte gegen Foureau alle seine
-Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine
-ganze Horde.</p>
-
-<p>Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn
-Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war,
-konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben.</p>
-
-<p>Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts,
-&mdash; und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen.</p>
-
-<p>Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des
-‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung
-der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die
-des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage
-überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt.</p>
-
-<p>Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen
-versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In
-Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen.</p>
-
-<p>Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte
-Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt
-und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und
-Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich,
-daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den
-Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai:
-„Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden,
-dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“</p>
-
-<p>Die Reaktion begann.</p>
-
-<p>Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett
-Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz
-der Ansicht ist, daß sie alles<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> was in Paris vorgeht, kennt, so
-zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so
-galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht.</p>
-
-<p>Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm
-mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei.</p>
-
-<p>Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen
-die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß
-Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde.</p>
-
-<p>Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande
-umher.</p>
-
-<p>An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich
-ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von
-Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles.</p>
-
-<p>Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich,
-und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu
-leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen
-Weisung, sich nicht zu zeigen.</p>
-
-<p>Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der
-Girondisten die Scheiben erzittern; &mdash; und Männer, die einander
-untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in
-Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand.</p>
-
-<p>Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte
-ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre
-herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, &mdash; jedenfalls ein
-Maschinenwärter &mdash; trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen
-waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine
-Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt.</p>
-
-<p>Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer
-Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an.</p>
-
-<p>„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“</p>
-
-<p>Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm.</p>
-
-<p>Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> darüber
-Erwägungen anstellen würde; &mdash; und nachdem die Genossen hinausgegangen
-waren, besprach man mehrere Vorschläge.</p>
-
-<p>Der erste war, Kieselsteine anzufahren.</p>
-
-<p>Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von
-Angleville nach Tournebu zu bauen.</p>
-
-<p>Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst.</p>
-
-<p>Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit!
-(Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?)</p>
-
-<p>Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen
-Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es,
-so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem
-Entschlusse zu kommen! &mdash; Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in
-die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von
-Werkstätten für Notleidende.</p>
-
-<p>„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir
-wollen das Recht auf Arbeit.“</p>
-
-<p>Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu
-geben; man spendete ihm Beifall.</p>
-
-<p>Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin
-mitgeschleppt hatte, &mdash; und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge
-zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht
-entschlüpfen.</p>
-
-<p>„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“</p>
-
-<p>„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“</p>
-
-<p>„So wird man welche im voraus machen!“</p>
-
-<p>„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die
-Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! &mdash; und
-Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“</p>
-
-<p>Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit
-organisiert wird...“</p>
-
-<p>„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“</p>
-
-<p>Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span></p>
-
-<p>Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital
-stellen, &mdash; oder besser noch den Kredit einrichten!“</p>
-
-<p>„Auf welche Weise!“</p>
-
-<p>„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“</p>
-
-<p>„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm
-machen, diese Schwindler!“</p>
-
-<p>Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen.</p>
-
-<p>Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste
-geballt: „Komm nur näher!“</p>
-
-<p>Der Maschinenwärter wich zurück.</p>
-
-<p>Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich,
-sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man
-bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder
-zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte
-sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen.</p>
-
-<p>„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau.</p>
-
-<p>„Ich bin nicht befugt!“</p>
-
-<p>Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; &mdash; und aller
-Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als
-man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah.</p>
-
-<p>Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, &mdash; und nach Lamartines
-Vorbilde, begann er, das Volk anzureden:</p>
-
-<p>„Mitbürger!“</p>
-
-<p>Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht
-dazu angetan, Eindruck zu machen.</p>
-
-<p>Der Mann im Trikot fragte ihn:</p>
-
-<p>„Sind Sie Arbeiter?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Arbeitgeber also?“</p>
-
-<p>„Ebensowenig.“</p>
-
-<p>„Dann ziehen Sie sich zurück!“</p>
-
-<p>„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz.</p>
-
-<p>Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem
-Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span></p>
-
-<p>„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen.</p>
-
-<p>Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die
-Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen.</p>
-
-<p>Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten,
-die zum Schlosse Faverges führte.</p>
-
-<p>Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter
-auferlegte.</p>
-
-<p>Sie zerstreuten sich.</p>
-
-<p>Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an
-ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie
-am lautesten, &mdash; und bei ihrem Anblick:</p>
-
-<p>„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine
-einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen
-Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“</p>
-
-<p>„Wen denn?“</p>
-
-<p>„Den alten Gouy!“</p>
-
-<p>Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, &mdash; und habe ihn, wie es gerade
-kam, mitten auf den Rasen geworfen.</p>
-
-<p>„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“</p>
-
-<p>„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines
-Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie
-die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war
-abgebrochen, die Dahlien zerknickt &mdash; und Stücke schwarzen Düngers
-häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben
-lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres
-Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf;
-Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht.</p>
-
-<p>Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen.</p>
-
-<p>Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den
-Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> eine gescheite Frau: die
-Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range,
-achteten sie.</p>
-
-<p>Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich
-keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen.</p>
-
-<p>Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine
-Parade, zuweilen militärische Umzüge &mdash; und jede Nacht Ronden. Sie
-setzten das Dorf in Unruhe.</p>
-
-<p>Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die
-Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man
-derbe Späße, &mdash; und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen.
-Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen,
-trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür
-langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte
-Zuchtlosigkeit.</p>
-
-<p>Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der
-Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein
-Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken,
-Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von
-Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der
-Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so
-schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt.</p>
-
-<p>Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens
-oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten
-die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann
-mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte.</p>
-
-<p>Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der
-Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich.</p>
-
-<p>„Wer da?“</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger
-Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger
-bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war,
-stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und
-schrien: „Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span> Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit
-Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn
-dorthin, &mdash; und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte,
-erkannte man schließlich Gorju.</p>
-
-<p>Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen
-guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von
-Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und
-rollte die Augen wie ein Wolf.</p>
-
-<p>Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die
-Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles
-zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit
-verwandt habe.</p>
-
-<p>Das ginge sie nichts an. Er sei frei.</p>
-
-<p>Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig
-fest.</p>
-
-<p>Bouvard legte sich ins Mittel.</p>
-
-<p>„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre
-Anschauungen.“</p>
-
-<p>„Indessen...“</p>
-
-<p>„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in
-acht.“</p>
-
-<p>Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen.</p>
-
-<p>Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts
-dazu?“</p>
-
-<p>Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt
-hätte.</p>
-
-<p>Der arme Teufel lächelte bitter.</p>
-
-<p>„Ich habe Sie doch verteidigt!“</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab.</p>
-
-<p>Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem
-Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen
-Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben.</p>
-
-<p>Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein
-Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, &mdash; und da ihre Unterschrift
-durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte,
-zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span></p>
-
-<p>Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten;
-eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem
-Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen
-Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem
-Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte
-sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der
-einen Hand, eine Zeitung in der andern; &mdash; und sogleich drückte
-er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, &mdash; obwohl ihr
-Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei.</p>
-
-<p>„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“</p>
-
-<p>„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“</p>
-
-<p>„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen
-harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist,
-wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art,
-mit der man die Aufwiegler behandele.</p>
-
-<p>Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche
-Wohl als höchstes Gesetz an.</p>
-
-<p>„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so
-achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt
-entgegenstellen &mdash; wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“</p>
-
-<p>Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die
-Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern
-in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn
-alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte
-riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen.</p>
-
-<p>Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die
-Konservativen redeten jetzt wie Robespierre.</p>
-
-<p>Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die
-Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen
-gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung
-interessierten niemand, &mdash; und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von
-Chavignolles für Bonaparte.</p>
-
-<p>Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> das Volk ab, &mdash; und
-Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts.</p>
-
-<p>Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird
-es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn
-von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das
-war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der
-Präsidentenwahl.</p>
-
-<p>„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit
-des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren,
-das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden
-die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann
-man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen?
-Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist.
-Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die
-ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die
-Folge.“</p>
-
-<p>„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der
-ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde
-die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei
-unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung.</p>
-
-<p>Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das
-Gegenteil!“</p>
-
-<p>„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst.</p>
-
-<p>Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir
-haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen
-wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die
-Aristokratie auf.</p>
-
-<p>Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den
-Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß:</p>
-
-<p>„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um
-ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr.
-In beiden Fällen ist es ein Atten<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span>tat auf das Recht eines andern, ein
-Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“</p>
-
-<p>„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen.</p>
-
-<p>Bald begann die römische Expedition.</p>
-
-<p>Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der
-Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete
-sich.</p>
-
-<p>Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer
-zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des
-Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste
-war die Verteilung der Broschüren.</p>
-
-<p>Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. &mdash; Der rote Genosse.
-&mdash; Wie kommen wir aus dem Sumpf? &mdash; Wohin steuern wir?“ &mdash; Das
-Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und
-unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern.
-Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den
-Händen der Präfekten &mdash; und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie
-eingesperrt: ein ungeheurer Sieg.</p>
-
-<p>Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der
-Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf
-einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, &mdash; und
-man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte!
-Welch ein Hohn!</p>
-
-<p>Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor
-seiner Tür vorbeikamen.</p>
-
-<p>Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten
-sie ihm einen Gegenbesuch.</p>
-
-<p>Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der
-Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch
-um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen
-verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren
-Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche
-besorgte, floß durch das Haus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span></p>
-
-<p>„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“
-Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es
-demokratisieren, den Stoff befreien.“</p>
-
-<p>„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“</p>
-
-<p>„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie
-die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe.</p>
-
-<p>„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“</p>
-
-<p>Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen
-Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen.</p>
-
-<p>Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse
-der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte
-ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein
-Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache
-er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen
-Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren
-Stolz. Niemals würde er sich beugen.</p>
-
-<p>„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“</p>
-
-<p>Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete
-er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der
-Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer
-Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene
-Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen
-Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde!</p>
-
-<p>Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den
-Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch
-auszubringen!</p>
-
-<p>Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers.</p>
-
-<p>Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an
-den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme:</p>
-
-<p>„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span></p>
-
-<p>„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister.</p>
-
-<p>„Das ist Ihre Schuld!“</p>
-
-<p>„Ich habe getan, was ich konnte!“</p>
-
-<p>„Ach! Wirklich?“</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit
-nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend:</p>
-
-<p>„Ist das alles?“</p>
-
-<p>Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den
-Verweis milderte:</p>
-
-<p>„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“</p>
-
-<p>„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein.</p>
-
-<p>„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“</p>
-
-<p>„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die
-Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“</p>
-
-<p>„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester.</p>
-
-<p>Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade
-ihretwegen:</p>
-
-<p>„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“</p>
-
-<p>Petit zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“</p>
-
-<p>Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das
-Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn
-außer sich:</p>
-
-<p>„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“</p>
-
-<p>„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester,
-ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das
-Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts
-zuerteilt.“</p>
-
-<p>„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den
-Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“</p>
-
-<p>Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen
-Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht.</p>
-
-<p>Der Geistliche berührte leicht seine Schulter.</p>
-
-<p>„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein
-wenig Vernunft!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p>
-
-<p>Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit
-frommem Eifer kommunizieren.“</p>
-
-<p>„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“</p>
-
-<p>Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten
-Blitze, sein Kinn zitterte.</p>
-
-<p>„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! &mdash; Und seine Frau besorgt
-die Wäsche für die Kirche!“</p>
-
-<p>„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“</p>
-
-<p>„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“</p>
-
-<p>„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“</p>
-
-<p>„Man kann ihn versetzen!“</p>
-
-<p>Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten.
-Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen.</p>
-
-<p>Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr
-letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort
-unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben
-Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen
-die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine
-Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer
-Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack
-auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand
-bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem
-Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg
-weinte.</p>
-
-<p>„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme.</p>
-
-<p>Da brach der Vater in Schluchzen aus:</p>
-
-<p>„Ja! ja! alles, was man verlangt!“</p>
-
-<p>„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer.</p>
-
-<p>Und nachdem er sich verbeugt:</p>
-
-<p>„Meine Herren, recht guten Abend!“</p>
-
-<p>Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard
-zurück.</p>
-
-<p>„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p>
-
-<p>Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich
-zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit
-setzte sie in Schrecken.</p>
-
-<p>Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die
-Republik pfiff auf dem letzten Loch.</p>
-
-<p>Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen.
-Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder
-eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die
-klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger
-predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien
-zufrieden.</p>
-
-<p>Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück.</p>
-
-<p>Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für
-die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in
-die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher.</p>
-
-<p>Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück
-einzuladen.</p>
-
-<p>Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die
-Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht
-liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen
-auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren
-Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich
-wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das
-Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der
-mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln
-lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort
-stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm.</p>
-
-<p>Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der
-Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr
-von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne
-verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die
-Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die
-Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch
-Changarnier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span></p>
-
-<p>Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die
-Protestanten, Foureau im Interesse des Handels.</p>
-
-<p>„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel
-unsere Kathedralen...“</p>
-
-<p>„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“</p>
-
-<p>„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“</p>
-
-<p>„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche
-seufzend.</p>
-
-<p>„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und &mdash; verzeihen Sie, Herr Graf
-&mdash; die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“</p>
-
-<p>„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert!
-Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die
-Grundlagen!...“</p>
-
-<p>Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur
-das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf
-dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“</p>
-
-<p>Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen.
-Wie am Rande des Abgrundes einhalten?</p>
-
-<p>„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in
-gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er
-den Wahlzensus erhöhte.“</p>
-
-<p>„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung
-kommt von Paris.“</p>
-
-<p>„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar.</p>
-
-<p>„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu.</p>
-
-<p>Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein,
-so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten
-konnte, wenn es ihr gut schien.</p>
-
-<p>Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse,
-Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen
-behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im
-Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, &mdash; der Unterpräfekt vergaß
-nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten
-die Herren Mörder damit anfangen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p>
-
-<p>Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu
-dem stand, was man sagte, &mdash; denn man glaubt immer, daß die Worte der
-Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken
-geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah
-die Kompottschüsseln in einem Nebel.</p>
-
-<p>Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von
-Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste
-tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei,
-als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen.</p>
-
-<p>Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf
-einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen
-Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot
-gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig.</p>
-
-<p>Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die
-Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff
-Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine
-Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“</p>
-
-<p>„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt
-keinen Wert mehr auf sie.</p>
-
-<p>„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist
-ziemlich gleichgültig!“</p>
-
-<p>„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein.</p>
-
-<p>„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich
-halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß
-Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“</p>
-
-<p>Alle verlangten nach einem Retter.</p>
-
-<p>Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé
-Jeufroy sagen:</p>
-
-<p>„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn
-man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“</p>
-
-<p>„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“</p>
-
-<p>Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein
-feuchter Wind wehte; &mdash; und während sie über abgefallene Blätter
-gingen, atmeten sie wie befreit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span></p>
-
-<p>Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen
-Luft:</p>
-
-<p>„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch
-eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem
-Recht?“</p>
-
-<p>Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge
-unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe.</p>
-
-<p>Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer
-Filmer formuliert worden.</p>
-
-<p>Hier folgt sie:</p>
-
-<p>„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt.
-Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von
-Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des
-Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige
-nach dem Beispiel der Väter eingesetzt.</p>
-
-<p>Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis
-unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat
-dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen
-eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des
-Volkes, &mdash; und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der
-Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den
-König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn
-als solchen anerkennen wollten.</p>
-
-<p>Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was
-es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel,
-‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman,
-Mably und so weiter, &mdash; und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm
-die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht
-einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“</p>
-
-<p>Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus
-„Gesellschaftsvertrag“ zur Hand.</p>
-
-<p>Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf
-zurück und analysierte:</p>
-
-<p>„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich
-seiner Freiheit entäußerte.</p>
-
-<p>Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Un<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span>gleichheiten
-der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er
-besitzt.</p>
-
-<p>Wo aber ist der Beweis für den Vertrag?</p>
-
-<p>Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger
-werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man
-Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften
-haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt
-verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion
-einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“</p>
-
-<p>Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie?</p>
-
-<p>Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, &mdash; und sie verschafften sich
-die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant.</p>
-
-<p>Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre.</p>
-
-<p>An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist.
-Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut
-ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte
-Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das
-öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer
-haben, „der am meisten liebt“.</p>
-
-<p>Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der
-Welt ab.</p>
-
-<p>„Das verstehe ich nicht.“</p>
-
-<p>„Ich auch nicht!“</p>
-
-<p>Und sie machten sich an die Lehre Fouriers.</p>
-
-<p>Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich
-ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen.</p>
-
-<p>Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier
-affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das
-Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen
-der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine
-Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen.
-Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am
-Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede
-Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten,
-den Liebhaber<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das
-Bajaderentum vorgesorgt.</p>
-
-<p>„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in
-Träume von der harmonischen Welt.</p>
-
-<p>Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde
-schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben
-länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem
-Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung
-regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern
-aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch
-die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von
-den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst
-des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen
-Horizont,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die
-Lohnfrage.</p>
-
-<p>Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel
-abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer,
-daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte
-wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen
-einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol.</p>
-
-<p>„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Nicht doch!“</p>
-
-<p>„Ganz gewiß!“</p>
-
-<p>„Du redest Unsinn!“</p>
-
-<p>„Du empörst mich!“</p>
-
-<p>Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte
-nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie
-hinweisend:</p>
-
-<p>„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter,
-die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin.</p>
-
-<p>Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die
-Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht
-das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span></p>
-
-<p>„Aber Cabet ist ein Idiot!“</p>
-
-<p>„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem
-Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten.</p>
-
-<p>Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner
-zu hören.</p>
-
-<p>Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen,
-alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das
-Zeugungsgeschäft zu regeln.“</p>
-
-<p>Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er:</p>
-
-<p>„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich
-zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt
-schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet.
-Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung
-Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon
-im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können;
-aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“</p>
-
-<p>„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien
-eines solchen Herrn sich ändern wird?“</p>
-
-<p>„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr
-im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“</p>
-
-<p>„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“</p>
-
-<p>„Gewiß!“</p>
-
-<p>„Du?“</p>
-
-<p>Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine
-Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die
-Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von
-neuem:</p>
-
-<p>„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend.</p>
-
-<p>Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu.</p>
-
-<p>Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, &mdash; und man fand ihn
-schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht,
-während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht
-krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin.</p>
-
-<p>Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> war, erkannten sie,
-daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie.</p>
-
-<p>Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins,
-Einfuhr, Ausfuhrverbot.</p>
-
-<p>Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im
-Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel
-vorgeschoben &mdash; und er weckte Bouvard, der fest schlief.</p>
-
-<p>Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht
-wieder hören.</p>
-
-<p>Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben.</p>
-
-<p>Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem
-Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, &mdash; und
-zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand
-hinübergestiegen.</p>
-
-<p>Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden.</p>
-
-<p>Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum
-Krämer.</p>
-
-<p>Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents
-mitten unter den Trinkern? Gorju! &mdash; Gorju, in feiner Kleidung und die
-andern freihaltend.</p>
-
-<p>Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei.</p>
-
-<p>Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts.</p>
-
-<p>Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in
-der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand
-zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden.</p>
-
-<p>Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück
-Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg
-nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen.
-Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel
-erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“</p>
-
-<p>Frau Bordin trat ein.</p>
-
-<p>Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit.</p>
-
-<p>Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk,
-die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten.</p>
-
-<p>Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an.</p>
-
-<p>„Wie! Sie sagen nichts!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span></p>
-
-<p>„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich
-war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie
-sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit
-beleidigt.</p>
-
-<p>Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf,
-ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben.</p>
-
-<p>Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte
-anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man
-würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben.</p>
-
-<p>Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem
-gleichgültig.</p>
-
-<p>An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an.</p>
-
-<p>Der Arzt hatte sich von all dem frei gemacht. &mdash;</p>
-
-<p>„Sie tun unrecht, sich damit zu quälen!“</p>
-
-<p>Foureau kam an ihnen vorüber und sagte mit spöttischer Miene:
-„Hineingelegt, die Demokraten!“ &mdash; Und der Hauptmann an Girbals Arm
-rief von weitem: „Es lebe der Kaiser!“</p>
-
-<p>Aber Petit mußte sie verstehen, und nachdem Bouvard an die Scheibe
-geklopft, verließ der Schulmeister seine Klasse.</p>
-
-<p>Er fand es außerordentlich komisch, daß Thiers im Gefängnis saß. Das
-war eine Rache für das Volk. &mdash; „Ha! ha! meine Herren Abgeordneten, die
-Reihe ist an Ihnen!“</p>
-
-<p>Die Füsilladen auf den Boulevards fanden die Billigung der Einwohner
-von Chavignolles. Keine Gnade für die Besiegten, kein Mitleid für die
-Opfer! Sobald man sich empört, ist man ein Verbrecher.</p>
-
-<p>„Danken wir der Vorsehung!“ sagte der Pfarrer, „und nächst ihr Louis
-Bonaparte. Er umgibt sich mit den ausgezeichnetsten Männern. Der Graf
-von Faverges wird Senator werden.“</p>
-
-<p>Am folgenden Tage erhielten sie den Besuch Placquevents.</p>
-
-<p>Die Herren hätten viel geredet. Er verpflichtete sie zu schweigen.</p>
-
-<p>„Willst du meine Ansicht wissen?“ sagte Pécuchet:</p>
-
-<p>„Da die Bürger blutdürstig, die Arbeiter eifersüchtig, die
-Priester Kriecher sind, &mdash; und da dem Volk jeder Tyrann recht ist,
-vorausgesetzt, daß man ihm sein Maul im Troge läßt, so hat Napoleon
-recht getan! &mdash; Mag er es kne<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span>beln, mit Füßen treten und vertilgen! &mdash;
-Es wird nie eine genügende Strafe sein für seinen Haß gegen das Recht,
-seine Feigheit, seine Dummheit, seine Verblendung!“</p>
-
-<p>Bouvard dachte: „Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!“ Er fügte
-hinzu: „Und die Politik, eine schöne Schweinerei!“</p>
-
-<p>„Sie ist keine Wissenschaft,“ erwiderte Pécuchet. „Die Kriegskunst
-steht höher, man sieht voraus, was eintrifft; wir sollten uns daran
-machen.“</p>
-
-<p>„Nein, danke!“ erwiderte Bouvard. „Alles widert mich an. Laß uns lieber
-unsere Bude verkaufen und laß uns, zum Himmeldonnerwetter, zu den
-Wilden gehen!“</p>
-
-<p>„Wie du willst!“</p>
-
-<p>Im Hofe pumpte Mélie Wasser.</p>
-
-<p>Die hölzerne Pumpe hatte einen langen Schwengel. Um ihn hinabzudrücken,
-krümmte sie sich, &mdash; und man sah alsdann ihre blauen Strümpfe bis
-hinauf zu den Waden. Dann hob sie mit einer schnellen Bewegung ihren
-rechten Arm, während sie den Kopf ein wenig drehte, &mdash; und Pécuchet
-fühlte bei ihrem Anblick etwas ganz Ungewohntes, einen Reiz, ein
-unendliches Vergnügen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="VII">VII</h2>
-
-</div>
-
-<p>Traurige Tage begannen.</p>
-
-<p>Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner
-von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie
-erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, &mdash; und ihre Einsamkeit
-war tief, ihre Untätigkeit vollständig.</p>
-
-<p>Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An
-anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach
-Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder
-ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim;
-oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu
-lamentieren; sie verzichteten darauf.</p>
-
-<p>Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den
-Krimskrams für stumpfsinnig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span></p>
-
-<p>Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die
-Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet.</p>
-
-<p>Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet,
-wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz
-umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen,
-der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom
-Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt
-die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein
-undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt
-eine Kuh.</p>
-
-<p>Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr,
-erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche;
-geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln;
-beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer
-Anblick.</p>
-
-<p>Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen,
-ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das
-Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht
-mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader
-entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie
-zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes.</p>
-
-<p>Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht.</p>
-
-<p>Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen
-politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den
-dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen:
-„Halt!“</p>
-
-<p>Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu
-bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju;
-&mdash; und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an,
-während die Baumreihe sie von ihm schied.</p>
-
-<p>„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“</p>
-
-<p>Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören.</p>
-
-<p>„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das
-an?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span></p>
-
-<p>„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst,
-mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als
-ihre Worte.</p>
-
-<p>„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“</p>
-
-<p>Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln.</p>
-
-<p>„Die andere hat es erlaubt, was?“</p>
-
-<p>„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust.</p>
-
-<p>„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke
-Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause.</p>
-
-<p>Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben
-Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines
-Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, &mdash; kein
-Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen
-geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren
-Kopf nicht.</p>
-
-<p>Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die
-Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft
-eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte
-sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in
-der Scheune aufgesucht hatte, &mdash; so daß einmal ihr Gatte, da er einen
-Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die
-Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich
-gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine
-Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie
-hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“</p>
-
-<p>Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt.</p>
-
-<p>Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung,
-ihren Kopf zurück.</p>
-
-<p>„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß
-sehen, sprich, was willst du? &mdash; Geld? Es wird sich auftreiben lassen.
-Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider
-beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles,
-&mdash; alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn
-du nur zu mir zurückkehrst!“</p>
-
-<p>Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> Taille, um sie am
-Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie
-schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“</p>
-
-<p>Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu.</p>
-
-<p>„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen!
-Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! &mdash; Gib
-mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps
-bezahlen kann.“</p>
-
-<p>Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald
-zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt!
-denke doch! &mdash; Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La
-Croix-Janval gehen &mdash; und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen
-Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“</p>
-
-<p>„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“</p>
-
-<p>Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; &mdash; und sich an seine
-Schultern klammernd:</p>
-
-<p>„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden
-nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte
-mich!“</p>
-
-<p>Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um
-sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen
-Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, &mdash; und als sie ihn,
-heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren
-geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück.</p>
-
-<p>„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“</p>
-
-<p>Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem
-Halse hing, und es ihm nachwerfend:</p>
-
-<p>„Da! Du Lump!“</p>
-
-<p>Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend.</p>
-
-<p>Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und
-erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung
-versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter
-Gegenstand.</p>
-
-<p>Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die
-Entdeckung einer Welt, &mdash; einer ganzen Welt!<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> &mdash; sie hatte einen
-blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze,
-&mdash; und Abgründe von unendlicher Tiefe; &mdash; sie strömte Schrecken aus,
-was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu
-fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er.</p>
-
-<p>Doch verabscheute er Gorju, &mdash; und auf der Wache kostete es ihm Mühe,
-ihn nicht zu verraten.</p>
-
-<p>Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke
-Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine
-erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke
-an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange
-Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck
-war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein
-Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr.</p>
-
-<p>Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts
-ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; &mdash; wer sollte ihn jetzt
-verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu
-denken.</p>
-
-<p>Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre
-Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger
-Zahn war lose geworden, &mdash; und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne,
-kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner
-Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt,
-zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich
-während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas
-nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also
-einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen.</p>
-
-<p>Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen
-beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; &mdash; und mochte sie nun den
-Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er
-konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, &mdash; selbst
-überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm
-Fieber und Sehnen, &mdash; und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju
-herzte, verfolgte ihn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span></p>
-
-<p>Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu
-verführen.</p>
-
-<p>„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“</p>
-
-<p>„Gut! Aber wie weiter?“</p>
-
-<p>„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf
-ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die
-brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard
-erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie
-obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich
-habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei
-wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“</p>
-
-<p>Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich
-seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart
-ein.</p>
-
-<p>In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß
-von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz
-laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie
-entlassen wurde.</p>
-
-<p>Nun war Pécuchet frei!</p>
-
-<p>Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein
-Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte!</p>
-
-<p>Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters
-beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den
-Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu
-ziehen.</p>
-
-<p>Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum
-Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den
-Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe.
-„Niemals!“</p>
-
-<p>Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und
-die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte
-sie zu einem ehrbaren Wandel.</p>
-
-<p>Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße
-Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte.
-Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den
-Lippen, und er<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein
-anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte,
-nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen
-Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr.</p>
-
-<p>Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase
-Anislikör...</p>
-
-<p>Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz,
-zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk
-zu reinigen.</p>
-
-<p>Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch
-fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte,
-während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg.</p>
-
-<p>Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof.</p>
-
-<p>Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid
-eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während
-sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte.</p>
-
-<p>Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit
-„ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot
-gewesen war.</p>
-
-<p>Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche
-seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem
-Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften.</p>
-
-<p>Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr
-speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer
-Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in
-gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden,
-brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den
-Kaffee schlürften; &mdash; und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe,
-die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse,
-während sie die Nasenflügel blähte.</p>
-
-<p>Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten
-Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er,
-mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde
-böse. Er machte keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von
-wunderbarer Fülle und Festigkeit aus.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig
-ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen!</p>
-
-<p>Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete
-ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum
-ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die
-Unterhaltung.</p>
-
-<p>Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender
-Weise hartnäckig an.</p>
-
-<p>Bouvard hielt es nicht länger aus! &mdash; und auf das Parkett niederkniend,
-stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“</p>
-
-<p>Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er
-scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht
-vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn.</p>
-
-<p>Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften.
-„Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung,
-ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“</p>
-
-<p>Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie,
-sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte.</p>
-
-<p>Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, &mdash; unter dem
-Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug.</p>
-
-<p>Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen.</p>
-
-<p>Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu
-halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr
-davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist!
-Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner
-Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen.</p>
-
-<p>Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu
-machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall
-sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span></p>
-
-<p>Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem
-Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken
-standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu
-pflücken, und sagte, sie ihm überreichend:</p>
-
-<p>„Grüßen Sie Frau Bouvard!“</p>
-
-<p>„Wie! So ist es wahr?“</p>
-
-<p>„Durchaus wahr.“</p>
-
-<p>Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein
-Mann!“ &mdash; Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um
-eine Gunst bitten würde.</p>
-
-<p>„Sie ist bewilligt.“</p>
-
-<p>Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten
-Donnerstag fest.</p>
-
-<p>Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren.</p>
-
-<p>„Einverstanden.“</p>
-
-<p>Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben,
-wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den
-Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen.</p>
-
-<p>Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter
-dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden
-der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange.</p>
-
-<p>Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die
-Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen.</p>
-
-<p>„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet.</p>
-
-<p>„Ja! Ich liebe Sie!“</p>
-
-<p>„Nun gut, dann beweise es mir!“</p>
-
-<p>Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand
-ihr Korsett aufzunesteln.</p>
-
-<p>„Sie werden mir weh tun?“</p>
-
-<p>„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“</p>
-
-<p>„Wenn Herr Bouvard...“</p>
-
-<p>„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“</p>
-
-<p>Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span> fallen, die
-Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; &mdash; dann verbarg
-sie ihr Gesicht unter einem Arm, &mdash; und ein anderer hätte gemerkt, daß
-es ihr nicht an Erfahrung fehlte.</p>
-
-<p>Bald kam Bouvard zum Essen.</p>
-
-<p>Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu
-verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet
-wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die
-Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte.</p>
-
-<p>Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause.</p>
-
-<p>„Das verdammte Luder!“</p>
-
-<p>„Wer denn!“</p>
-
-<p>„Frau Bordin.“</p>
-
-<p>Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie
-heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde
-bei Marescot.</p>
-
-<p>Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die
-er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem
-Gelde eines anderen bezahlt hatte.</p>
-
-<p>„In der Tat!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich
-etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich
-entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“
-Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein
-Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen
-dicken Bauch, ich bitte dich!“</p>
-
-<p>Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten
-Beinen gehend.</p>
-
-<p>„Leidest du?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„O! ja! ich leide!“</p>
-
-<p>Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem
-Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei.</p>
-
-<p>„Du?“</p>
-
-<p>„Ja, ich!“</p>
-
-<p>„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“</p>
-
-<p>Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span></p>
-
-<p>„Das kann nur Mélie sein!“</p>
-
-<p>Bouvard war starr über die Eröffnung.</p>
-
-<p>Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen.</p>
-
-<p>Sie protestierte mit unschuldiger Miene.</p>
-
-<p>Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande
-wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen.</p>
-
-<p>Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden.</p>
-
-<p>Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er
-sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte.
-Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es
-handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock,
-beglückwünschte ihn aber zugleich.</p>
-
-<p>„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum
-hat sie mir das angetan?“</p>
-
-<p>„Du gefielst ihr.“</p>
-
-<p>„Sie hätte mich warnen sollen.“</p>
-
-<p>„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau
-Bordin.</p>
-
-<p>Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in
-Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, &mdash; so viel
-Schliche um ein Stückchen Land!</p>
-
-<p>„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“</p>
-
-<p>So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im
-kleinen Saal am Feuer saßen.</p>
-
-<p>Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife,
-&mdash; und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen.</p>
-
-<p>„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum
-Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter
-einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, &mdash; Turteltaubengirren,
-schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, &mdash; Tücke des Meeres,
-Veränderlichkeit des Mondes,“ &mdash; sie sagten alle Gemeinplätze, die man
-über die Frauen in die Welt gesetzt hat.</p>
-
-<p>Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht.
-Gewissensbisse faßten sie. &mdash; Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir
-ohne sie! &mdash; Und gerührt umarmten sie einander.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span></p>
-
-<p>Eine Gegenwirkung war nötig; &mdash; und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet
-geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil.</p>
-
-<p>Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war,
-schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur.</p>
-
-<p>Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit
-tüchtigen Eimern Wassers, &mdash; dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu
-erreichen. Man sah sie durch das Gitter; &mdash; und es gab Leute, die
-darüber entrüstet waren.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII</h2>
-
-</div>
-
-<p>Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden
-durch Turnen verbessern.</p>
-
-<p>Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen
-durch.</p>
-
-<p>Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie
-beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf
-Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen,
-diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren
-Neid.</p>
-
-<p>Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben
-wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die
-Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen,
-noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der
-zweiunddreißig Meter Höhe hätte.</p>
-
-<p>Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig
-gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente
-ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem
-Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte
-Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden.
-Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück
-und verzichtete schließlich darauf.</p>
-
-<p>Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei
-Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der
-erste unter den Achseln durchgeht,<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> der zweite über den Handgelenken
-liegt; &mdash; und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn
-erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang.</p>
-
-<p>Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus
-Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen
-Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links,
-nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten
-sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können.
-Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie
-rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie
-fürchteten, sie möchten zerspringen.</p>
-
-<p>Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden
-gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem
-linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem
-an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, &mdash; und die
-Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die
-am Horizont herumsprangen.</p>
-
-<p>Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik;
-sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder
-Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre
-erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber
-unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei.</p>
-
-<p>Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der
-Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen
-Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit
-den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum
-Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem
-Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als
-fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß.</p>
-
-<p>Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich
-beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise
-zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei
-den Übungen singen soll, und<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> Bouvard und Pécuchet wiederholten beim
-Marschieren den Gesang Nr. 9:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><i>Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden.</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><i>Freunde, die Krone und der Ruhm usw.</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Im Laufschritt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2"><i>Uns gehört das scheue Tier!</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Den hurt’gen Hirsch erjagen wir!</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Ja! Zum Sieg heran!</i></div>
- <div class="verse indent0"><i>Voran! Voran! Voran!</i></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang
-ihrer Stimmen an.</p>
-
-<p>Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als
-Rettungsmittel.</p>
-
-<p>Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken
-zu tragen, &mdash; und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen.
-Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich
-an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich
-ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur
-möglichen Vorsicht.</p>
-
-<p>Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die
-Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst
-Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte.</p>
-
-<p>Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben
-und befestigten es unter dem Schuppen.</p>
-
-<p>Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten
-erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab,
-der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt.
-Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz
-der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite
-Sprosse zu kommen.</p>
-
-<p>Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die
-Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort
-Chambray es taten? &mdash; und<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in
-seiner Anstalt einen Turm.</p>
-
-<p>Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu
-erklimmen.</p>
-
-<p>Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte,
-bekam Furcht und wurde schwindlig.</p>
-
-<p>Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für
-die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an
-die Anfangsgründe machen mußten.</p>
-
-<p>Seine Ermahnungen waren vergeblich; &mdash; und in seinem Dünkel und seiner
-Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen.</p>
-
-<p>Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich
-das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, &mdash;
-und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in
-großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich.</p>
-
-<p>Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf
-die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz
-abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase
-blutete, er war leichenblaß, &mdash; und er glaubte, sich einen Bruch
-zugezogen zu haben.</p>
-
-<p>Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben
-es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen,
-und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen
-Zeitvertreib sinnend.</p>
-
-<p>Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit
-ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein
-Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab.</p>
-
-<p>Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte
-Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er,
-„es will nicht mehr.“</p>
-
-<p>Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige
-Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang
-zu setzen.</p>
-
-<p>Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei
-Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm
-bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span></p>
-
-<p>Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er
-zog den Gehilfen damit auf.</p>
-
-<p>Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien
-und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische
-zum Drehen zu bringen, &mdash; und man entdeckte, wie man Zeisige zu
-Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe
-von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in
-seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form
-vorsetzte.</p>
-
-<p>Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort
-aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, &mdash; und besonders der Notar
-befragte sie.</p>
-
-<p>Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden
-Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein.</p>
-
-<p>War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein
-hin.</p>
-
-<p>Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer,
-der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau
-Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau
-Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person,
-deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern
-herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen
-blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war.</p>
-
-<p>Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem
-Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in
-riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch
-an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man
-wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen,
-die ein Geheimnis umschließen.</p>
-
-<p>Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände
-ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte
-nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe
-Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den
-Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich.</p>
-
-<p>„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p>
-
-<p>„Durchaus nicht!“</p>
-
-<p>„Doch!“</p>
-
-<p>„Bitte sehr, mein Herr!“</p>
-
-<p>Der Notar beruhigte sie.</p>
-
-<p>Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im
-Holze zu hören. &mdash; Es war Täuschung. Nichts regte sich.</p>
-
-<p>Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren
-und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles
-so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum?</p>
-
-<p>Zweifellos störte ihn der Teppich, &mdash; und man ging ins Eßzimmer.</p>
-
-<p>Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet,
-Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen.</p>
-
-<p>Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten,
-ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte
-noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr.</p>
-
-<p>Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme:</p>
-
-<p>„Geist, wie findest du meine Cousine?“</p>
-
-<p>Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge.</p>
-
-<p>Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben
-übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten.</p>
-
-<p>Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren
-genaues Alter anzugeben.</p>
-
-<p>Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge.</p>
-
-<p>„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal.</p>
-
-<p>„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau.</p>
-
-<p>Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger.</p>
-
-<p>Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert
-war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell
-funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar
-bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII.,
-Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer
-niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span> d’Aumale verkauft;
-Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin:</p>
-
-<p>„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“</p>
-
-<p>Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte
-seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war
-durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die
-Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen
-Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf
-die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den
-Abend, heim.</p>
-
-<p>Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich
-habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte
-nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen.</p>
-
-<p>Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander
-gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf
-einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos.</p>
-
-<p>Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der
-große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der
-Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht,
-wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein
-magnetischer Strom aus.</p>
-
-<p>Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm
-den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek,
-las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein.</p>
-
-<p>Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn.
-Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in
-der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die
-Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, &mdash; doch ist es immer
-noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und
-Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen.</p>
-
-<p>„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Wirkung zu
-unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“</p>
-
-<p>Dann, Bouvard betrachtend:</p>
-
-<p>„Ach! wie schade.“</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren
-Magnetiseur geben als dich!“</p>
-
-<p>Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen
-kräftigen Körper und einen starken Willen.</p>
-
-<p>Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte
-Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère.</p>
-
-<p>Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte
-er eines Abends in nachlässigem Tone:</p>
-
-<p>„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“</p>
-
-<p>Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden
-Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes
-Leben nichts anderes getan hätte.</p>
-
-<p>Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu
-beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen.
-Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte
-Pécuchet mit leiser Stimme:</p>
-
-<p>„Was fühlen Sie?“</p>
-
-<p>Sie erwachte.</p>
-
-<p>Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen.</p>
-
-<p>Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit
-sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster,
-der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem
-nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst
-unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster
-verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die
-Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig
-Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und
-Frostbeulen.</p>
-
-<p>Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den
-Blick, welche Art des Bestreichens anzu<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span>wenden sei, ob mit starkem
-oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal,
-transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug
-davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt,
-schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch.</p>
-
-<p>Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard
-den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée
-geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns,
-der weit herumgekommen war.</p>
-
-<p>Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher
-Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann
-Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten,
-lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt,
-von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde,
-Bouvards Anerbietungen annahm.</p>
-
-<p>Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte,
-begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf
-die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch
-Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen
-oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme
-emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man
-ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger
-Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten;
-sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen.</p>
-
-<p>Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was
-sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers.</p>
-
-<p>„Was sehen Sie da?“</p>
-
-<p>„Einen Wurm.“</p>
-
-<p>„Was muß man tun, um ihn zu töten?“</p>
-
-<p>Ihre Stirn furchte sich.</p>
-
-<p>„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“</p>
-
-<p>Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von
-Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer,
-verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span></p>
-
-<p>Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg,
-und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine
-mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne
-gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken
-ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen
-weiblichen Geschlechtes sein.</p>
-
-<p>„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei
-bekommen?“</p>
-
-<p>Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und
-etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie
-begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser;
-die Kinder freuten sich darüber.</p>
-
-<p>Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie
-zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze
-empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik
-hielt an.</p>
-
-<p>„Genug! Genug!“ schrie er.</p>
-
-<p>„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard.</p>
-
-<p>Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das
-Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien,
-durch den Lärm herbeigelockt.</p>
-
-<p>„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu
-finden.</p>
-
-<p>Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den
-Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung
-beruhten.</p>
-
-<p>Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es,
-und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie
-hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier.</p>
-
-<p>Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um
-ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in
-Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe.</p>
-
-<p>Sie eilten hin.</p>
-
-<p>Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der
-aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche
-bedeckt, eine Kuh. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr
-über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete.
-Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht
-kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte,
-wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte
-Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel.</p>
-
-<p>Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der
-eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen
-Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die
-Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der
-Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt
-zuschauten.</p>
-
-<p>Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief
-in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet:</p>
-
-<p>„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine
-Entladung.“</p>
-
-<p>Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen
-gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte.
-Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde
-später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen.</p>
-
-<p>Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält
-dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände
-einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie
-sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen
-es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen,
-magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot.</p>
-
-<p>Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen
-zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen
-alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt.</p>
-
-<p>Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> geschaffen. Sie
-reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten.
-Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf,
-und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um
-ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung
-einluden.</p>
-
-<p>Nicht einer fehlte.</p>
-
-<p>Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen
-zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie
-in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den
-Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem
-Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der
-Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor
-der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten.</p>
-
-<p>Pécuchet erschien!</p>
-
-<p>„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“</p>
-
-<p>Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen.</p>
-
-<p>Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus
-Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem
-Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch
-immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter
-Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu
-verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten,
-hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren
-Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß.</p>
-
-<p>Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine
-Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse
-ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter
-blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung
-verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel,
-einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten
-Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> ließ seine
-Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war
-dick in leinene Umschläge verpackt.</p>
-
-<p>Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und
-die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der
-Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos.</p>
-
-<p>Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf.</p>
-
-<p>„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie
-an, ich entferne mich für einen Augenblick.“</p>
-
-<p>Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest
-der Tür mit den Pfeifen.</p>
-
-<p>Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der
-Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung
-und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu
-gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken.</p>
-
-<p>Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der
-Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen
-jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen.</p>
-
-<p>Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein
-wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos
-vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch
-lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr
-Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette
-nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke
-tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der
-Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken.</p>
-
-<p>„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts
-Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der
-zu Schanden werden!“</p>
-
-<p>„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse
-Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“</p>
-
-<p>Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen;
-er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage
-wegen seines Rheumatismus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p>
-
-<p>Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit
-immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden
-Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum
-becum“.</p>
-
-<p>Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß
-daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie
-vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte.</p>
-
-<p>Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge
-durch undurchsichtige Körper wahrnahm.</p>
-
-<p>Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte.
-Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die
-Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer
-Miene.</p>
-
-<p>Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte
-gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend:</p>
-
-<p>„Lesen Sie!“</p>
-
-<p>Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den
-Kopf zurück und buchstabierte schließlich:</p>
-
-<p>„Kon &ndash; sti &ndash; tu &ndash; tion &ndash; nel.“</p>
-
-<p>Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben!</p>
-
-<p>Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die
-Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in
-Vaucorbeils Hause vorgehe.</p>
-
-<p>„Gut,“ antwortete der Doktor.</p>
-
-<p>Und seine Uhr ziehend:</p>
-
-<p>„Womit beschäftigt sich meine Frau?“</p>
-
-<p>Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene:</p>
-
-<p>„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“</p>
-
-<p>Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett,
-das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte.</p>
-
-<p>Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut
-abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks,
-oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte,
-einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span></p>
-
-<p>Vaucorbeil zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand,
-Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß
-Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos
-überstanden haben.</p>
-
-<p>Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe
-Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der
-Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen!</p>
-
-<p>„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt.</p>
-
-<p>„Keineswegs!“</p>
-
-<p>„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“</p>
-
-<p>Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten
-zum besten.</p>
-
-<p>„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war,
-wenn der Monat mit einem Freitag begann.“</p>
-
-<p>„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am
-14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest
-fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“</p>
-
-<p>Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am
-folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die
-Geschichte vom Souper Cazottes.</p>
-
-<p>Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken:</p>
-
-<p>„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“</p>
-
-<p>„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil.</p>
-
-<p>Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend.</p>
-
-<p>Marescot sprach von der delphischen Pythia.</p>
-
-<p>„Ohne allen Zweifel Miasmen.“</p>
-
-<p>„Ach! nun sind es gar Miasmen.“</p>
-
-<p>„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard.</p>
-
-<p>„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu.</p>
-
-<p>„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die
-Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“</p>
-
-<p>Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren
-Spießbürger folgten ihm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span></p>
-
-<p>„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich
-fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt
-Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen
-ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er
-erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen,
-wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert,
-und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu
-Menschenfressern werden.“</p>
-
-<p>Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren
-für die Gesellschaft.</p>
-
-<p>Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau
-Vaucorbeil schwenkend.</p>
-
-<p>Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte:</p>
-
-<p>„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“</p>
-
-<p>Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen.</p>
-
-<p>„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“</p>
-
-<p>Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten,
-wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen:</p>
-
-<p>„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“</p>
-
-<p>Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf:</p>
-
-<p>„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der
-Kirche verboten sind!“</p>
-
-<p>Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet
-plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit
-gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte:</p>
-
-<p>„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“</p>
-
-<p>„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“</p>
-
-<p>„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“</p>
-
-<p>Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal,
-spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in
-den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte
-Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die
-Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse ge<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>fühlsmäßig
-erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab,
-führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine
-Morgenröte anzeigten.</p>
-
-<p>Sie ließen sie sich zusenden.</p>
-
-<p>Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten
-Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum
-Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne
-rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen
-Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von
-ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie
-ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere
-Welten.</p>
-
-<p>Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt.
-Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel
-knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der
-Natur und die Vergnügen der Kunst genießen.</p>
-
-<p>Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt
-hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den
-Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu
-sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von
-der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen
-und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch.</p>
-
-<p>Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht
-gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung
-jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden.</p>
-
-<p>Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem
-Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter
-erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat
-Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses
-gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen.</p>
-
-<p>Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels.</p>
-
-<p>Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei
-uns.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span></p>
-
-<p>Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern
-nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen
-Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich
-in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben.</p>
-
-<p>Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit
-schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern,
-schlecht gekleideten Personen.</p>
-
-<p>Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese
-Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der
-Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der
-Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden
-Betrachtungen hin:</p>
-
-<p>Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke
-Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag
-der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt
-man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder
-belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken.</p>
-
-<p>Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das
-Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht
-nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die
-Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die
-Gespenstererscheinungen.</p>
-
-<p>Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen
-Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten
-eine physische Ursache?</p>
-
-<p>Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein
-verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so
-brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert,
-würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und
-das Weltall stände zu unserer Verfügung.</p>
-
-<p>Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen
-Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine
-Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle
-Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die
-Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p>
-
-<p>Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch
-er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich
-zugleich stellten, als ob sie darüber lachten.</p>
-
-<p>Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich.</p>
-
-<p>Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage,
-fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen
-wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte
-sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald
-vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen,
-wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte
-mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den
-Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in
-den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz
-mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte
-schließlich, sie sei verhext.</p>
-
-<p>In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig
-den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose
-in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz
-hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten
-Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit
-dem Kreis Dupotets einen Versuch machen.</p>
-
-<p>Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um
-die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen
-sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit
-priesterlicher Miene zu ihm:</p>
-
-<p>„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“</p>
-
-<p>Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine
-Augen trübten sich.</p>
-
-<p>„Ach! machen wir ein Ende!“</p>
-
-<p>Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des
-Mißbehagens zu entgehen.</p>
-
-<p>Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten
-erscheinen lassen.</p>
-
-<p>Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echi<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span>quier, die Opfer
-der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen
-sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an,
-ihn zu erzeugen.</p>
-
-<p>Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei
-unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie,
-weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während
-Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er
-Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn:</p>
-
-<p>„Was fürchtest du?“</p>
-
-<p>„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“</p>
-
-<p>Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten
-Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze
-Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von
-Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten
-sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere
-furchterfüllt, daran zu glauben.</p>
-
-<p>Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am
-Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards
-Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten
-sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen
-aus den beiden Augenhöhlen hervor.</p>
-
-<p>In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand
-dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll
-Schwefel in die Asche.</p>
-
-<p>Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen.
-Da nun dieser Tag ein Freitag war, &mdash; welcher Tag Bechet gehört, &mdash; so
-mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach
-rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte,
-begann er:</p>
-
-<p>„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“</p>
-
-<p>Er hatte das übrige vergessen.</p>
-
-<p>Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück
-Pappe aufgezeichnet hatte:</p>
-
-<p>„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war
-lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o
-Bechet!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span></p>
-
-<p>Dann die Stimme dämpfend:</p>
-
-<p>„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“</p>
-
-<p>Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu
-sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor
-einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören?
-Wenn sie sich plötzlich einstellte?</p>
-
-<p>Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine
-zersprungene Scheibe hereinkam, &mdash; und die Kerzen warfen schwankende
-Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe
-bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen
-waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht.
-Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf
-dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und
-die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte.</p>
-
-<p>Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die
-Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen
-feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu
-klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich
-wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte,
-schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse
-umher; ein Schrei erscholl; &mdash; was war das?</p>
-
-<p>Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht,
-daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine
-Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der
-Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele.</p>
-
-<p>Endlich wagten sie sich hin.</p>
-
-<p>Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend,
-auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend,
-schlug sie ein Kreuz nach dem andern.</p>
-
-<p>Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus,
-da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle.</p>
-
-<p>Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> seine Stelle,
-und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé
-Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde.</p>
-
-<p>Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden
-verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein.</p>
-
-<p>Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die
-Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel
-ins Haus genommen.</p>
-
-<p>Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn
-abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur
-aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen
-Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener
-Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war
-sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig.</p>
-
-<p>Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard
-und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf
-außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt.</p>
-
-<p>Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an.
-Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren
-gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt;
-sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine
-Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles
-bis Bretteville vergraben, &mdash; und Marcel bestürmte seine Herren mit
-Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten
-sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt.</p>
-
-<p>Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft.
-Jedoch studierten sie die Frage, &mdash; und sie erfuhren, daß ein gewisser
-Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen
-und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze
-wahlverwandt seien.</p>
-
-<p>Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen
-Versuch!</p>
-
-<p>Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, &mdash; und eines Morgens
-machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p>
-
-<p>„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„O nein! das wäre noch schöner!“</p>
-
-<p>Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die
-Straße von Chavignolles nach Bretteville! &mdash; war das die alte oder die
-neue? Es mußte die alte sein!“</p>
-
-<p>Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend,
-da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war.</p>
-
-<p>Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle
-fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise
-vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben.
-Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu
-Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum,
-um die Stelle später wiederzufinden.</p>
-
-<p>Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen,
-seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an
-den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die
-Barbée.</p>
-
-<p>Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe,
-einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; &mdash;
-und er wollte sie nicht mehr anrühren.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen
-zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte
-das Nachgraben etwas zutage; &mdash; und sie waren jedesmal äußerst
-kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während
-er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen
-aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar
-fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm
-seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn
-wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar.</p>
-
-<p>Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein
-Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte.
-Bouvard und Marcel riefen ihn an.</p>
-
-<p>Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser
-betrachten zu können, hob er dessen Mütze in<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> die Höhe, &mdash; er sah nun
-eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte:</p>
-
-<p>„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber!
-Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“</p>
-
-<p>Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher
-Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der
-er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte.</p>
-
-<p>Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die
-Augen in der Luft, &mdash; und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder.</p>
-
-<p>Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem
-geschnellten Finger an, daß sie herabfiel.</p>
-
-<p>Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder.</p>
-
-<p>„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert
-Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten,
-die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“</p>
-
-<p>Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen
-Klepper und verschwand langsam.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen
-Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man
-hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können,
-die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch
-folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich
-in der Sonne blähten.</p>
-
-<p>„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren
-Wunsch willigte.</p>
-
-<p>Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem
-Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der
-Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie
-tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende
-Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren.
-Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein
-kleines Mädchen weinte.</p>
-
-<p>Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und
-nach, aber man konnte nicht wissen, was für<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> Folgen das haben würde.
-Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter
-seine Mistgabel.</p>
-
-<p>„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“</p>
-
-<p>Sie machten sich davon.</p>
-
-<p>Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle
-Ursache zugrunde.</p>
-
-<p>Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung
-des einen auf das andere; &mdash; und wechselweise?</p>
-
-<p>Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet,
-bei Fénelon, &mdash; und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine
-Leihbibliothek.</p>
-
-<p>Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die
-Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und
-Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, &mdash; und sie
-verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen
-Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet
-aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an
-die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem
-einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato
-verwandt, &mdash; und sie diskutierten.</p>
-
-<p>„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine.</p>
-
-<p>„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß
-werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine
-Substanz, die aus reinem Denken besteht.“</p>
-
-<p>„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das
-meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“</p>
-
-<p>„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen
-zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“</p>
-
-<p>„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen
-Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich
-unkörperlich.“</p>
-
-<p>„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> müßte das
-Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken
-kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit
-anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines
-Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine
-Behauptung.“</p>
-
-<p>„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den
-Eigenschaften der Materie!“</p>
-
-<p>„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die
-Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen
-Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den
-Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“</p>
-
-<p>„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht
-wollen...“</p>
-
-<p>„Aber wenn Gott nicht existiert?“</p>
-
-<p>„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an:
-„Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben;
-secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie
-könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? &mdash; und da wir diese Idee
-haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“</p>
-
-<p>Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur
-Notwendigkeit eines Schöpfers über.</p>
-
-<p>„Wenn ich eine Uhr sehe...“</p>
-
-<p>„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“</p>
-
-<p>„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“</p>
-
-<p>Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung
-auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise
-es!“</p>
-
-<p>„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“</p>
-
-<p>„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der
-Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat,
-anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten
-sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte
-besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar.
-Der Mond, diese große Leuchte,<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß
-der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer
-Häuser bestimmt sei?“</p>
-
-<p>Pécuchet antwortete:</p>
-
-<p>„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge
-zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star
-gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich
-oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“</p>
-
-<p>Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er
-bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset.</p>
-
-<p>Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor
-Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war.</p>
-
-<p>Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie
-lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie
-begriffen dieses:</p>
-
-<p>Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache,
-ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott.</p>
-
-<p>Er allein ist Ausdehnung, &mdash; und die Ausdehnung hat keine Grenzen.
-Wodurch sollte sie begrenzt sein?</p>
-
-<p>Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche,
-denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute
-enthält sie alle.</p>
-
-<p>Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm
-eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>„Findest du das lustig?“</p>
-
-<p>„Ja, gewiß! lies nur weiter!“</p>
-
-<p>Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf
-seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen
-ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.</p>
-
-<p>Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet,
-die wieder andere enthalten.</p>
-
-<p>Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde
-darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische
-Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze
-verbunden sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span></p>
-
-<p>„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott.</p>
-
-<p>„Da hörst du’s!“ rief Bouvard.</p>
-
-<p>Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem
-Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer
-Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott.</p>
-
-<p>So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, &mdash; und
-das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer
-unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele
-verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere
-Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in
-seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken
-ist in seiner Substanz eingeschlossen.</p>
-
-<p>Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in
-einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen,
-&mdash; ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich
-herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf.</p>
-
-<p>Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie
-den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch
-bestimmt ist.</p>
-
-<p>Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die
-ontologische oder die psychologische.</p>
-
-<p>Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen,
-als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch
-gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite
-für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für
-diese.</p>
-
-<p>Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im
-Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung.</p>
-
-<p>„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach
-dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung,
-große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in
-Staunen setzte.</p>
-
-<p>Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist
-sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das
-Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon
-mitteilt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span></p>
-
-<p>Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen?
-Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn
-sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt
-werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren
-Wahrnehmungen.</p>
-
-<p>„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus
-führen.“</p>
-
-<p>Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das
-Grenzenlose darzustellen.</p>
-
-<p>„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine
-Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen
-Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“</p>
-
-<p>Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen.</p>
-
-<p>Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die
-Reflexion, &mdash; und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung
-zurück.</p>
-
-<p>Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines
-Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die
-großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke,
-das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als
-angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der
-Erfahrung vorausgehen und allgemein sind.</p>
-
-<p>„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt
-haben.“</p>
-
-<p>„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“</p>
-
-<p>„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer
-teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite
-der Fall.“</p>
-
-<p>Pécuchet war erstaunt.</p>
-
-<p>„Wo findet sich das?“</p>
-
-<p>„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch.</p>
-
-<p>„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend:
-„Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung.
-Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu
-setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span>
-die Bewegung nicht hervorbringen, &mdash; und das habe ich in deinem
-Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe
-Verbeugung machte.</p>
-
-<p>So kauten sie dieselben Argumente wieder, &mdash; jeder voll Verachtung für
-die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu
-können.</p>
-
-<p>Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig
-gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik.</p>
-
-<p>Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten
-Kram verkauft, &mdash; und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den
-Fakultäten der Seele.</p>
-
-<p>Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu
-erkennen und die zu wollen.</p>
-
-<p>Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die
-seelische Empfindung.</p>
-
-<p>Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie
-durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden.</p>
-
-<p>Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit
-dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines
-Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust
-eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“</p>
-
-<p>Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung,
-„moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen
-der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten,
-unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der
-jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“.</p>
-
-<p>In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei
-der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann.</p>
-
-<p>Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden.</p>
-
-<p>Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das
-Voraussehen den mit dem Zukünftigen.</p>
-
-<p>Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis.</p>
-
-<p>So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton
-des Verfassers, die Eintönigkeit der Wen<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span>dungen: „Wir sind bereit
-anzuerkennen, &mdash; Fort mit dem Gedanken. &mdash; Befragen wir unser
-Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der
-ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen
-hinweggingen und sich gleich an die Logik machten.</p>
-
-<p>Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und
-die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer.</p>
-
-<p>Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her.</p>
-
-<p>„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“,
-fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen
-hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt.
-„Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“,
-&mdash; Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich
-bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich
-eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das
-Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch
-welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“</p>
-
-<p>Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen
-seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter
-zu verwenden, &mdash; so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, &mdash;
-es ist Zeit zum Essen, &mdash; ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage
-förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. &mdash; Die Stunde, Nahrung
-einzunehmen, ist da. &mdash; Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“</p>
-
-<p>Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie
-die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden
-Menschenverstandes.</p>
-
-<p>Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr
-wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen,
-daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem
-alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei.</p>
-
-<p>Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen,
-und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht
-ihnen.</p>
-
-<p>Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandel<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span>bar und
-unpersönlich ist, &mdash; doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch
-werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig
-Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist.</p>
-
-<p>Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die
-Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein
-mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den
-Dingen stört.</p>
-
-<p>Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit
-herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten
-wären!</p>
-
-<p>Was die Evidenz betrifft, die von dem einen geleugnet, von dem anderen
-behauptet wird, so ist sie ihr eigenes Kriterium. Herr Cousin hat es
-bewiesen.</p>
-
-<p>„Ich sehe nur noch die Offenbarung,“ sagte Bouvard. „Doch um an sie
-zu glauben, muß man eine vorausgehende doppelte Erkenntnis annehmen:
-die des Körpers, welcher empfunden hat, und die des Geistes, welcher
-wahrgenommen hat; man muß Empfindung und Vernunft annehmen, menschliche
-und infolgedessen verdächtige Zeugnisse.“</p>
-
-<p>Pécuchet sann nach, legte die Arme übereinander. „Aber wir geraten in
-den schrecklichen Abgrund des Skeptizismus.“</p>
-
-<p>Bouvard meinte, er sei nur schwachen Hirnen schrecklich.</p>
-
-<p>„Danke für das Kompliment,“ erwiderte Pécuchet. „Indessen gibt es
-unbestreitbare Tatsachen. Man kann die Wahrheit bis zu einem gewissen
-Grade erlangen.“</p>
-
-<p>„Bis zu welchem? Ergeben zwei und zwei immer vier? Ist der Inhalt
-in irgendeiner Hinsicht geringer als das Enthaltende? Was heißt ein
-annähernd Wahres, ein Bruchteil von Gott, der Teil einer unteilbaren
-Sache?“</p>
-
-<p>„Ach! das sind nur Sophistereien!“ Und Pécuchet, verärgert, maulte drei
-Tage lang.</p>
-
-<p>Sie verbrachten sie damit, die Inhaltsverzeichnisse mehrerer Bände
-durchzugehen. Bouvard lächelte von Zeit zu Zeit, &mdash; und, die
-Unterhaltung wieder anknüpfend:</p>
-
-<p>„Es ist eben schwierig, keine Zweifel zu hegen: So sind die Beweise für
-das Dasein Gottes bei Descartes, Kant und Leibniz nicht dieselben und
-vernichten sich gegenseitig. Die Entstehung der Welt durch die Atome
-oder durch einen Geist bleibt unfaßbar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span></p>
-
-<p>Ich fühle mich zugleich als Materie und Denken, ohne doch zu wissen,
-was das eine und was das andere sei.</p>
-
-<p>Undurchdringlichkeit, Festigkeit, Schwere scheinen mir gerade so große
-Geheimnisse wie meine Seele, &mdash; und um so mehr die Vereinigung von
-Seele und Körper.</p>
-
-<p>Um sie zu erklären, hat Leibniz seine prästabilierte Harmonie erdacht,
-Malebranche die göttliche Bestimmung des menschlichen Willens, Cudworth
-einen Mittler, und Bossuet sieht darin ein beständiges Wunder, was eine
-Dummheit ist: ein beständiges Wunder wäre kein Wunder mehr.“</p>
-
-<p>„In der Tat!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Und beide gestanden, daß sie der Philosophen überdrüssig wären. So
-viele Systeme verwirren. Die Metaphysik ist zwecklos. Man kann ohne sie
-leben.</p>
-
-<p>Zudem wuchs ihre Geldverlegenheit. Sie schuldeten Beljambe drei
-Fässer Wein, Langlois zwölf Kilogramm Zucker, ihrem Schneider
-hundertundzwanzig Franken, dem Schuster sechzig. Neue Ausgaben stellten
-sich ständig ein, und Meister Gouy zahlte nicht.</p>
-
-<p>Sie begaben sich zu Marescot, damit er ihnen Geld verschaffen sollte,
-sei es durch den Verkauf der Ecalles oder durch eine Hypothek auf ihren
-Pachthof oder durch Veräußerung ihres Hauses, das mit lebenslänglichen
-Renten bezahlt werden sollte und dessen Nutznießung sie behalten
-würden. &mdash; Ein ungangbarer Weg, sagte Marescot, doch ein besseres
-Geschäft bereite sich vor und man würde sie benachrichtigen.</p>
-
-<p>Dann fiel ihnen ihr armer Garten ein. Bouvard übernahm das Ausputzen
-des Laubenganges, Pécuchet den Schnitt des Spaliers. &mdash; Marcel mußte
-die Beete umgraben.</p>
-
-<p>Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie an; der eine schloß sein
-Gartenmesser, der andere legte die Schere hin, und ganz sachte begannen
-sie auf- und abzugehen: Bouvard ohne Weste mit vorgestreckter Brust und
-bloßen Armen im Schatten der Linden; Pécuchet mit gesenktem Kopf, die
-Hände auf dem Rücken, den Schirm der Mütze aus Vorsicht in den Nacken
-gedreht, an der Mauer entlang; und sie gingen so in derselben Richtung,
-ohne auch nur Marcel zu sehen, der an der Hütte lehnend sich ausruhte
-und dabei eine Brotschnitte verzehrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span></p>
-
-<p>In dieser nachdenklichen Stimmung stellten sich Gedanken ein; sie
-redeten einander an, um sie nicht zu vergessen; und die Metaphysik kam
-wieder aufs Tapet.</p>
-
-<p>Sie stellte sich bei Gelegenheit des Regens und des Sonnenscheins,
-eines Kieselsteins in ihrem Schuh, einer Blume auf dem Rasen, bei allem
-und jedem wieder ein.</p>
-
-<p>Wenn sie eine Kerze brennen sahen, fragten sie sich, ob das Licht im
-Objekte oder in unserem Auge sei. Da die Sterne verschwunden sein
-können, wenn ihr Glanz zu uns gelangt, so bewundern wir vielleicht
-Dinge, welche nicht vorhanden sind.</p>
-
-<p>Als sie in einer Weste eine Raspailzigarette wiederfanden,
-zerbröckelten sie diese auf dem Wasser, und der Kampfer drehte sich.</p>
-
-<p>Es gibt also Bewegung in der Materie! Ein höherer Grad von Bewegung
-würde das Leben hervorrufen.</p>
-
-<p>Doch wenn die sich bewegende Materie genügte, um Wesen zu schaffen, so
-würden diese nicht so verschieden sein. Denn am Uranfang gab es weder
-Erde, noch Wasser, noch Menschen, noch Pflanzen. Was ist also diese
-ursprüngliche Materie, die man niemals gesehen hat, die nicht identisch
-ist mit den Dingen dieser Welt und sie alle hervorgebracht hat?</p>
-
-<p>Manchmal hatten sie ein Buch nötig. Dumouchel, der müde war, sie zu
-bedienen, antwortete ihnen nicht mehr, und sie verbissen sich in das
-Problem, besonders Pécuchet.</p>
-
-<p>Sein Wahrheitsbedürfnis wurde zum brennenden Durste.</p>
-
-<p>Unter dem Eindruck von Bouvards Reden ließ er vom Spiritualismus ab,
-nahm ihn bald wieder auf, um ihn dann wieder fallen zu lassen, und
-rief, den Kopf in den Händen: „O! Der Zweifel! der Zweifel! Lieber wäre
-mir das Nichts!“</p>
-
-<p>Bouvard bemerkte die Unzulänglichkeit des Materialismus und versuchte
-daran festzuhalten, wobei er übrigens erklärte, daß er den Kopf darüber
-verlöre.</p>
-
-<p>Sie begannen Vernunftschlüsse auf einer festen Basis; sie brach
-zusammen; &mdash; und plötzlich waren alle Gedanken fort, wie eine Fliege
-davonfliegt, sobald man sie fangen will.</p>
-
-<p>Während der Winterabende plauderten sie im Museum am Feuer, den Blick
-auf die Kohlen gerichtet. Der Wind,<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> der im Flur pfiff, ließ die
-Scheiben erzittern, die schwarzen Massen der Bäume wiegten sich, und
-die Melancholie der Nacht verstärkte den Ernst ihrer Gedanken.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit ging Bouvard bis ans Ende des Gemaches; dann kam
-er zurück. Die Kerzen und die Metallgeschirre an der Wand warfen
-schräge Schatten auf den Boden; und der Sankt Peter, den man im Profil
-sah, breitete über die Decke den Schattenriß seiner Nase, der einem
-ungeheueren Jagdhorn glich.</p>
-
-<p>Nur mit Mühe konnte man zwischen den Gegenständen durchkommen, und
-oft stieß sich Bouvard, wenn er nicht acht gab, an der Statue.
-Mit ihren großen Augen, der herabhängenden Lippe und ihrer
-Trunkenboldsphysiognomie war sie auch Pécuchet im Wege. Seit langer
-Zeit wollten sie sich ihrer entledigen, doch aus Lässigkeit verschoben
-sie es von einem Tage zum andern.</p>
-
-<p>Eines Abends stieß Bouvard inmitten eines Streites über die Monade mit
-seiner großen Zehe gegen die Sankt Peters, &mdash; und seinen Zorn gegen ihn
-entladend:</p>
-
-<p>„Der Kerl ist mir gräßlich, wir wollen ihn an die Luft setzen!“</p>
-
-<p>Es war zu schwierig, ihn die Treppe hinunterzuschaffen. Sie öffneten
-das Fenster und neigten ihn sachte gegen den Rand. Pécuchet versuchte
-kniend, ihn an den Fußsohlen in die Höhe zu heben, während Bouvard
-gegen die Schultern drückte. Der steinerne Biedermann wankte nicht; sie
-mußten die Hellebarde als Hebel zu Hilfe nehmen, &mdash; und endlich kamen
-sie so weit, ihn ganz niederzulegen. Dann stürzte er, nachdem er hin-
-und hergependelt hatte, ins Leere, die Tiara voran, &mdash; ein dumpfes
-Geräusch erscholl, &mdash; und am folgenden Morgen fanden sie ihn in zwölf
-Stücke zerbrochen in dem ehemaligen Kompostloch.</p>
-
-<p>Eine Stunde später trat der Notar herein mit einer guten Nachricht für
-sie. Jemand aus dem Orte würde für eine Hypothek auf ihren Pachthof
-tausend Taler vorschießen; und da sie sich freuten: „Verzeihen Sie! Man
-macht eine Bedingung dabei: daß Sie nämlich dem Geldgeber die Ecalles
-für fünfzehnhundert Franken verkaufen. Der Vorschuß wird noch heute
-bezahlt werden. Das Geld liegt bei mir im Bureau.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span></p>
-
-<p>Sie waren nicht abgeneigt, die beiden Vorschläge anzunehmen. Bouvard
-sagte schließlich: „Lieber Gott... meinetwegen!“</p>
-
-<p>„Abgemacht!“ sagte Marescot. Und er teilte ihnen den Namen der Person
-mit. Es war Frau Bordin.</p>
-
-<p>„Das dachte ich mir!“ rief Pécuchet.</p>
-
-<p>Bouvard schwieg gedemütigt.</p>
-
-<p>Sie oder jemand anders, was lag daran! Die Hauptsache war, aus der
-Verlegenheit herauszukommen.</p>
-
-<p>Nachdem das Geld erhoben war (das für die Ecalles würde später folgen),
-bezahlten sie sämtliche Rechnungen und waren auf dem Heimwege, als sie
-um die Markthallen biegend vom Vater Gouy angehalten wurden.</p>
-
-<p>Er war auf dem Wege zu ihnen, um ihnen ein Unglück anzuzeigen. In
-der vergangenen Nacht hatte der Wind zwanzig Apfelbäume in den Höfen
-umgeworfen, die Branntweinbrennerei niedergelegt, das Dach der Scheune
-fortgerissen. Sie verbrachten den Rest des Nachmittags damit, den
-Schaden festzustellen, und der folgende Tag verging mit Verhandlungen
-mit dem Zimmermann, dem Maurer und dem Dachdecker. Die Ausbesserungen
-würden sich zum mindesten auf achtzehnhundert Franken belaufen.</p>
-
-<p>Abends fand sich dann Gouy ein. Marianne habe ihm eben selbst von dem
-Verkaufe der Ecalles erzählt. Ein Stück Land von prächtigem Ertrag, das
-ihm sehr bequem gelegen sei und fast keine Bearbeitung erfordere, das
-beste Stück des ganzen Gutes! &mdash; und er verlangte einen Nachlaß.</p>
-
-<p>Die Herren beschieden ihn abschlägig. Man unterbreitete den Fall dem
-Friedensrichter, und er entschied zugunsten des Pächters. Wenn man den
-Acker auf zweitausend Franken schätzte, so brachte ihm der Verlust der
-Ecalles einen jährlichen Schaden von siebzig, und vor Gericht würde er
-sicher gewinnen.</p>
-
-<p>Ihr Besitz war geschmälert. Was tun? Und wie bald leben?</p>
-
-<p>Sie setzten sich beide voller Entmutigung zu Tisch. Marcel verstand
-nichts von der Küche; dieses Mal war sein Diner noch schlechter als
-sonst. Die Suppe glich Spülwasser, das Kaninchen schmeckte verdorben,
-die grünen Bohnen waren<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> nicht gargekocht, die Teller schmutzig, und
-beim Nachtisch platzte Bouvard los, indem er drohte, er wolle ihm das
-Ganze an den Kopf werfen.</p>
-
-<p>„Seien wir Philosophen,“ sagte Pécuchet. „Etwas weniger Geld, die
-Intrigen einer Frau, das Ungeschick eines Dienstboten, was bedeutet das
-alles? Du steckst zu tief in der Materie!“</p>
-
-<p>„Aber wenn sie mich doch quält,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Ich, ich bestreite ihr Dasein!“ erwiderte Pécuchet.</p>
-
-<p>Er hatte letzthin eine Darstellung der Philosophie Berkeleys gelesen
-und fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Ich leugne die Ausdehnung, die Zeit, den Raum, sogar die Substanz!
-Denn die wahre Substanz ist der Geist, der die Qualitäten perzipiert.“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet,“ sagte Bouvard. „Doch wenn man die Welt unterdrückt, so
-werden die Beweise für das Dasein Gottes fehlen.“</p>
-
-<p>Pécuchet widersprach lebhaft und ausführlich, obgleich er an einem
-Schnupfen litt, den das Jodkalium verursacht hatte, &mdash; und ständiges
-Fieber steigerte seine Erregung. Bouvard, der sich seinetwegen
-beunruhigte, ließ den Arzt rufen.</p>
-
-<p>Vaucorbeil verschrieb Orangensirup mit Jod und für später Sublimatbäder.</p>
-
-<p>„Wozu?“ erwiderte Pécuchet. „Den einen oder andern Tag wird die Form
-vergehen. Die Essenz geht nicht unter!“</p>
-
-<p>„Ohne Zweifel,“ sagte der Arzt, „ist die Materie unzerstörbar!
-Indessen...“</p>
-
-<p>„Aber nein! Aber nein! Das Unzerstörbare ist das Wesen. Dieser
-Leib, der da vor mir steht, der Ihrige, Doktor, hindert mich, Ihre
-Persönlichkeit zu kennen, ist sozusagen nur eine Verkleidung, oder
-vielmehr eine Maske.“</p>
-
-<p>Vaucorbeil glaubte, Pécuchet sei verrückt geworden.</p>
-
-<p>„Guten Abend! Pflegen Sie Ihre Maske!“</p>
-
-<p>Pécuchet ließ nicht ab. Er verschaffte sich eine Einführung in die
-Hegelsche Philosophie, wollte sie Bouvard auseinandersetzen.</p>
-
-<p>„Alles, was vernünftig ist, ist wirklich. Das einzig Wirkliche ist
-die Idee. Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> des Weltalls, die
-Vernunft des Menschen ist identisch mit derjenigen Gottes.“</p>
-
-<p>Bouvard stellte sich, als ob er verstehe.</p>
-
-<p>„Also ist das Absolute zugleich das Subjekt und das Objekt, die
-Einheit, in der sich alle Unterschiede zusammenfinden. So werden die
-Gegensätze überwunden. Der Schatten macht das Licht möglich, das
-mit dem Warmen vermischte Kalte bringt die Temperatur hervor, der
-Organismus erhält sich nur durch die Zerstörung des Organismus, überall
-gibt es ein Prinzip, das trennt, ein Prinzip, das vereint.“</p>
-
-<p>Sie waren auf dem künstlichen Hügel, und der Geistliche ging am Zaune
-vorbei, das Brevier in der Hand.</p>
-
-<p>Pécuchet bat ihn, einzutreten; er wollte in seiner Gegenwart den
-Vortrag über Hegel zu Ende führen, um einmal zu sehen, was der Abbé
-dazu sagen würde.</p>
-
-<p>Der Mann im Priesterrock setzte sich zu ihnen, und Pécuchet wandte sich
-dem Christentum zu.</p>
-
-<p>„Keine Religion hat so fest die Wahrheit begründet, daß die Natur nur
-ein Moment der Idee ist!“</p>
-
-<p>„Ein Moment der Idee!“ murmelte der Priester verdutzt.</p>
-
-<p>„Ja doch! Indem Gott eine sichtbare Einkleidung annahm, hat er seine
-konsubstantielle Einheit mit ihr gezeigt.“</p>
-
-<p>„Mit der Natur? O! O!“</p>
-
-<p>„Durch sein Hinscheiden hat er die Wesenheit des Todes bezeugt; also
-war der Tod in ihm, bildete, bildet einen Teil von Gott.“</p>
-
-<p>Der Geistliche runzelte die Stirn.</p>
-
-<p>„Keine Gotteslästerung! Nur zum Heile der Menschheit hat er die Leiden
-erduldet.“</p>
-
-<p>„Irrtum! Man betrachtet den Tod im Individuum, wo er ohne Zweifel ein
-Übel ist. Doch in bezug auf die Dinge ist das anders. Sie dürfen nicht
-Geist und Materie trennen!“</p>
-
-<p>„Indessen, mein Herr, vor der Schöpfung...“</p>
-
-<p>„Es hat keine Schöpfung stattgefunden. Sie ist immer dagewesen. Sonst
-wäre das ein neues Wesen, das zu dem göttlichen Gedanken hinzukommt,
-was widersinnig wäre.“</p>
-
-<p>Der Priester erhob sich, Amtsgeschäfte riefen ihn.</p>
-
-<p>„Ich schmeichle mir, ihn hineingelegt zu haben!“ sagte Pécuchet. „Noch
-ein paar Worte! Da die Existenz der Welt nur ein beständiger Durchgang
-des Lebens zum Tode<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span> und des Todes zum Leben ist, so ist, weit
-entfernt, daß alles sei, vielmehr nichts. Aber alles wird, begreifst
-du?“</p>
-
-<p>„Ja! ich begreife, oder vielmehr nein!“</p>
-
-<p>Der Idealismus brachte Bouvard schließlich zur Verzweiflung.</p>
-
-<p>„Ich will nichts mehr davon hören; das berühmte cogito macht mich
-rasend. Man nimmt die Ideen der Dinge für die Dinge selbst. Man setzt
-auseinander, wovon man sehr wenig versteht, mit Hilfe von Worten, die
-man überhaupt nicht versteht! Substanz, Ausdehnung, Kraft, Materie
-und Seele. Lauter Abstraktionen, Phantastereien. Was Gott betrifft,
-unmöglich zu wissen, wie er ist, ob er überhaupt ist! Ehemals war er
-der Urheber des Windes, des Blitzes, der Revolutionen. Gegenwärtig
-nimmt seine Macht ab. Übrigens sehe ich seinen Nutzen nicht ein.“</p>
-
-<p>„Und wo bleibt bei alledem die Moral?“</p>
-
-<p>„Ja, da ist nichts zu machen!“</p>
-
-<p>„Ihr fehlt die tatsächliche Grundlage,“ sagte sich Pécuchet im stillen.</p>
-
-<p>Und er versank in Schweigen, denn er war in eine Sackgasse geraten,
-eine Folge der Prämissen, die er selbst aufgestellt hatte. Es war für
-ihn wie eine Überraschung, wie ein vernichtender Stoß.</p>
-
-<p>Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie.</p>
-
-<p>Die Gewißheit, daß nichts existiert (so jammervoll sie auch ist), ist
-darum nicht weniger eine Gewißheit. Wenige Menschen sind fähig, sie zu
-ertragen. Diese geistige Überlegenheit erfüllte sie mit Stolz, und sie
-hätten sie öffentlich bekunden mögen: eine Gelegenheit bot sich.</p>
-
-<p>Als sie eines Morgens Tabak holten, sahen sie eine Menschenansammlung
-vor Langlois’ Tür. Man umringte die Post von Falaise, und man sprach
-von Touache, einem Sträfling, der in der Gegend vagabundierte.
-Der Wagenführer hatte ihn bei Croix-Verte zwischen zwei Gendarmen
-getroffen, und die Einwohner von Chavignolles stießen einen Seufzer der
-Erleichterung aus.</p>
-
-<p>Girbal und der Hauptmann blieben auf dem Platze; dann kam der
-Friedensrichter, der neugierig war, etwas zu erfahren, und Herr
-Marescot in Samtbarett und schafledernen Pantoffeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span></p>
-
-<p>Langlois lud sie ein, seinen Laden mit ihrer Gegenwart zu beehren.
-Sie würden es dort gemütlicher haben, und trotz der Kunden und des
-Geräusches der Klingel fuhren die Herren fort, die Schandtaten des
-Touache zu besprechen.</p>
-
-<p>„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „er hatte schlechte Triebe, das erklärt
-alles!“</p>
-
-<p>„Man bezwingt sie durch die Tugend,“ erwiderte der Notar.</p>
-
-<p>„Aber wenn man keine Tugend hat?“</p>
-
-<p>Und Bouvard bestritt mit Bestimmtheit die Willensfreiheit.</p>
-
-<p>„Indessen“, sagte der Hauptmann, „kann ich tun, was ich will! Es steht
-mir zum Beispiel frei, mein Bein zu bewegen.“</p>
-
-<p>„Nein, mein Herr, denn Sie haben einen Beweggrund, es zu bewegen!“</p>
-
-<p>Der Hauptmann suchte eine Antwort, fand keine. Doch Girbal schoß diesen
-Pfeil ab:</p>
-
-<p>„Ein Republikaner, der gegen die Freiheit spricht, das ist komisch!“</p>
-
-<p>„Das ist zum Lachen!“ sagte Langlois.</p>
-
-<p>Bouvard stellte ihm die Frage:</p>
-
-<p>„Weshalb geben Sie Ihr Vermögen nicht den Armen?“</p>
-
-<p>Der Krämer überflog unruhigen Blicks seinen ganzen Laden.</p>
-
-<p>„Ei ja! bin nicht so dumm! Ich behalte es für mich!“</p>
-
-<p>„Wenn Sie der heilige Vinzenz von Paul wären, würden Sie anders
-handeln, da Sie dann seinen Charakter hätten. Sie gehorchen dem
-Ihrigen. Also sind Sie nicht frei!“</p>
-
-<p>„Das ist Wortklauberei,“ antwortete die Versammlung im Chore.</p>
-
-<p>Bouvard ließ sich nicht stören, und auf die Wage auf dem Ladentisch
-weisend:</p>
-
-<p>„Die bleibt regungslos, solange eine der Wagschalen leer ist. Ebenso
-der Wille; und das Schwanken der Wage zwischen zwei Gewichten, die
-gleich scheinen, gibt ein Bild der Arbeit unseres Geistes, wenn er über
-die Beweggründe mit sich zu Rate geht, bis zu dem Augenblicke, wo der
-stärkere den Sieg davonträgt, ihn bestimmt.“</p>
-
-<p>„Alles das,“ sagte Girbal, „beweist nichts für Touache und hindert
-nicht, daß er ein recht lasterhafter Schurke ist.“</p>
-
-<p>Pécuchet nahm das Wort:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span></p>
-
-<p>„Die Laster sind Eigenheiten der Natur, wie die Überschwemmungen, die
-Stürme.“</p>
-
-<p>Der Notar hielt ihn an, und sich bei jedem Wort auf den Zehenspitzen in
-die Höhe hebend:</p>
-
-<p>„Ich finde Ihr System vollkommen unmoralisch. Es läßt allen
-Zügellosigkeiten freien Lauf, entschuldigt die Verbrechen, wäscht die
-Schuldigen rein.“</p>
-
-<p>„Ganz recht,“ sagte Bouvard. „Der Unglückliche, welcher seinen
-Begierden folgt, ist ebenso in seinem Recht, wie der ehrbare Mann, der
-der Vernunft Gehör gibt.“</p>
-
-<p>„Verteidigen Sie nicht die Ungeheuer!“</p>
-
-<p>„Warum Ungeheuer? Wenn ein Blinder, ein Idiot, ein Mörder geboren wird,
-so scheint uns das gegen die Ordnung, als ob uns die Ordnung bekannt
-wäre, als wenn die Natur zu einem Endzweck handelte!“</p>
-
-<p>„Dann leugnen Sie die Vorsehung?“</p>
-
-<p>„Ja, ich leugne sie!“</p>
-
-<p>„Sehen Sie vielmehr auf die Geschichte,“ rief Pécuchet. „Gedenken Sie
-der Königsmörder, der Hinmetzelungen der Völker, der Zwistigkeiten in
-den Familien, des Kummers der einzelnen.“</p>
-
-<p>„Und zu gleicher Zeit,“ fügte Bouvard hinzu &mdash; denn sie erhitzten sich
-aneinander &mdash; „sorgt diese Vorsehung für die kleinen Vögel und läßt die
-Scheren der Krebse wieder wachsen. Ja, wenn Sie unter Vorsehung ein
-Gesetz verstehen, das alles ordnet, so will ich es gelten lassen, und
-auch nur unter Vorbehalt!“</p>
-
-<p>„Indessen, mein Herr,“ sagte der Notar, „gibt es Prinzipien!“</p>
-
-<p>„Was schwatzen Sie da! Eine Wissenschaft ist nach Condillac um so
-größer, als sie ihrer nicht bedarf! Sie resümieren nur die erworbenen
-Erkenntnisse und verweisen uns auf solche Erkenntnisse, die gerade
-bestreitbar sind.“</p>
-
-<p>„Haben Sie wie wir“, fuhr Pécuchet fort, „die Geheimnisse der
-Metaphysik erforscht, durchwühlt?“</p>
-
-<p>„Allerdings nicht, meine Herren, allerdings nicht!“</p>
-
-<p>Und man ging auseinander.</p>
-
-<p>Doch Coulon zog sie beiseite und sagte ihnen in väterlichem Tone, daß
-er sicherlich nicht fromm sei und sogar die Jesuiten verabscheue.
-Indessen gehe er nicht so weit<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> wie sie! O nein! sicherlich nicht; &mdash;
-und an der Ecke auf dem Platze kamen sie an dem Hauptmann vorbei, der
-sich seine Pfeife wieder anzündete, wobei er brummte:</p>
-
-<p>„Ich tue doch, was ich will, in Teufels Namen!“</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet gaben auch bei andern Gelegenheiten ihre
-scheußlichen Paradoxe zum besten. Sie zogen die Redlichkeit der
-Menschen, die Keuschheit der Frauen, die Einsicht der Regierung, den
-gesunden Verstand des Volkes in Zweifel, kurz, sie untergruben die
-Grundlagen.</p>
-
-<p>Foureau geriet darüber in Erregung und bedrohte sie mit Gefängnis, wenn
-sie derartige Reden fortsetzten.</p>
-
-<p>Ihre augenscheinliche Überlegenheit verletzte. Da sie unmoralische
-Thesen verteidigten, mußten sie unmoralisch sein; Verleumdungen wurden
-erfunden.</p>
-
-<p>Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste,
-nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen.</p>
-
-<p>Unbedeutende Dinge betrübten sie: die Reklamen der Zeitungen, das
-Profil eines Spießbürgers, eine dumme Bemerkung, die sie zufällig
-gehört.</p>
-
-<p>Wenn sie daran dachten, was man in ihrem Dorfe redete, und sich
-vorstellten, daß es bis zum andern Ende der Welt nur neue Coulons, neue
-Marescots, neue Foureaus gäbe, fühlten sie gleichsam das ganze Gewicht
-der Erde auf sich lasten.</p>
-
-<p>Sie gingen nicht mehr aus, sahen niemand mehr bei sich.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags hörten sie in ihrem Hofe ein Zwiegespräch
-zwischen Marcel und einem Herrn in breitkrämpigem Hut und schwarzer
-Schutzbrille. Es war der Akademiker Larsoneur. Es konnte ihm nicht
-entgehen, daß man einen Vorhang zurückzog, daß Türen geschlossen
-wurden. Sein Besuch bedeutete einen Aussöhnungsversuch, und er ging
-wütend davon, indem er den Diener beauftragte, er solle seinen Herren
-sagen, sie seien ungezogene Menschen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet war es gleich. Die Welt verlor an Bedeutung für
-sie; sie sahen sie wie durch einen Nebel, der aus ihrem Gehirn kam und
-sich auf ihre Augen herabließ.</p>
-
-<p>Ist übrigens nicht alles eine Illusion, ein böser Traum? Vielleicht
-halten sich, im ganzen genommen, Glück und<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> Unglück die Wage! &mdash; Doch
-das Wohlergehen der Menschheit ist für den einzelnen kein Trost.</p>
-
-<p>„Was sind mir die andern!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Seine Verzweiflung betrübte Bouvard. Er hatte ihn dahin gebracht, und
-der Verfall ihres Heims stachelte ihren Kummer mit täglichem Ärger neu
-an.</p>
-
-<p>Um sich wieder Mut zu machen, redeten sie einander mit Vernunftgründen
-zu, schrieben sich Arbeiten vor und verfielen bald wieder in größere
-Untätigkeit, in tiefere Entmutigung.</p>
-
-<p>Am Ende der Mahlzeiten blieben sie, die Ellbogen auf den Tisch
-gestützt, sitzen und seufzten mit betrübter Miene. Marcel riß die Augen
-auf, dann kehrte er in die Küche zurück, wo er sich einsam vollfraß.</p>
-
-<p>In der Mitte des Sommers erhielten sie die Anzeige von der Verheiratung
-Dumouchels mit der verwitweten Frau Olympe-Zulma Poulet.</p>
-
-<p>„Möge Gott ihn segnen!“</p>
-
-<p>Und sie gedachten der Zeit, da sie glücklich waren.</p>
-
-<p>Warum gingen sie nicht mehr hinter den Schnittern her? Wo waren die
-Tage, an denen sie in die Höfe eintraten, überall nach Altertümern
-suchend? Nichts vermochte jetzt mehr die so angenehmen Stunden
-zurückzubringen, welche das Destillieren oder die Literatur ausgefüllt
-hatten. Ein Abgrund trennte sie davon. Etwas Unwiderrufliches war
-eingetreten.</p>
-
-<p>Sie wollten wie ehemals einen Spaziergang durch die Felder machen,
-gingen sehr weit, verirrten sich. Der Himmel war voller Schäfchen, die
-Glöckchen des Hafers schwankten im Winde, längs einer Wiese murmelte
-ein Bach, als plötzlich ein pestilenzialischer Geruch sie anhielt, und
-sie erblickten auf Kieseln zwischen Dornengestrüpp den Kadaver eines
-Hundes.</p>
-
-<p>Seine vier Glieder waren vertrocknet. Der weitgeöffnete Rachen zeigte
-unter bläulichen Lefzen elfenbeinweiße Fangzähne; die Stelle des
-Bauches nahm ein Haufen von erdiger Farbe ein, der zu zittern schien,
-so viel Ungeziefer krimmelte darauf. Es bewegte sich, vom Sonnenlichte
-getroffen, unter den summenden Fliegen in diesem unerträglichen Geruch,
-&mdash; einem scharfen und gleichsam verzehrenden Geruch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span></p>
-
-<p>Indessen faltete Bouvard die Stirn, und Tränen feuchteten seine Augen.</p>
-
-<p>Pécuchet sagte stoisch: „So werden wir eines Tages sein.“</p>
-
-<p>Der Gedanke an den Tod hatte sie gepackt. Auf dem Heimwege sprachen sie
-davon.</p>
-
-<p>Letzten Endes ist er nicht vorhanden. Man entschwindet in den Tau, in
-die Brise, in die Sterne. Man wird etwas vom Saft der Bäume, vom Glanz
-der Edelsteine, vom Gefieder der Vögel. Man gibt an die Natur zurück,
-was sie uns geliehen hat, und das Nichts, das wir vor uns haben, hat
-nichts Schrecklicheres, als das Nichts, das hinter uns liegt.</p>
-
-<p>Sie versuchten, es sich unter der Form einer undurchdringlichen Nacht,
-eines grundlosen Loches, einer dauernden Ohnmacht vorzustellen; alles
-andere war diesem eintönigen, widersinnigen und hoffnungslosen Dasein
-vorzuziehen.</p>
-
-<p>Dann ließen sie ihre ungestillten Sehnsüchte an sich vorüberziehen.
-Bouvard hatte sich immer Pferde, Equipagen, edle Burgundergewächse und
-schöne, willfährige Frauen in glänzender Wohnung gewünscht. Pécuchets
-Ehrgeiz stand nach philosophischem Wissen. Nun kann das größte der
-Probleme, dasjenige, das alle andern umschließt, innerhalb einer Minute
-gelöst sein. Wann denn wird sie kommen? &mdash; „Man kann geradesogut gleich
-ein Ende machen.“</p>
-
-<p>„Wie du willst,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Und sie prüften die Frage des Selbstmordes.</p>
-
-<p>Was ist Schlimmes dabei, eine Last abzuwerfen, die einen erdrückt? und
-eine Handlung zu begehen, die niemand Schaden bringt? Wenn sie Gott
-beleidigte, würden wir dann die Macht dazu haben? Sie ist keineswegs
-Feigheit, was man auch sage, &mdash; und die Vermessenheit, das, was die
-Menschen am höchsten schätzen, sogar zum eigenen Nachteil zu verhöhnen,
-ist schön.</p>
-
-<p>Sie beratschlagten über die Todesart.</p>
-
-<p>Vergiftungen sind mit Schmerzen verbunden. Es gehört viel Mut dazu,
-sich die Kehle abzuschneiden. Die Erstickungsversuche führen oft nicht
-zum Ziel.</p>
-
-<p>Schließlich trug Pécuchet zwei Taue von ihren gymnastischen Übungen
-auf den Boden. Nachdem er sie dann an denselben Querbalken des Daches
-geknüpft, ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> einen Henkersknoten herabhängen und schob zwei
-Stühle darunter, damit man die Stricke erreichen konnte.</p>
-
-<p>Man entschloß sich zu dieser Todesart.</p>
-
-<p>Sie fragten sich, welch einen Eindruck das im Orte machen würde, wo
-dann ihre Bücher, ihr Geschreibsel, ihre Sammlungen bleiben würden. Der
-Gedanke an den Tod bewirkte bei ihnen eine Rührung, die ihrer eigenen
-Person galt. Jedoch gaben sie ihren Vorsatz nicht auf, und dadurch, daß
-sie davon sprachen, gewöhnten sie sich an den Gedanken.</p>
-
-<p>Am Abend des 24. Dezember, zwischen zehn und elf Uhr, gaben sie sich im
-Museum, jeder in verschiedener Kleidung, ihren Gedanken hin. Bouvard
-hatte über seine Trikotweste eine Bluse gezogen; und Pécuchet trug seit
-drei Monaten aus Sparsamkeit beständig das Mönchsgewand.</p>
-
-<p>Da sie heftigen Hunger hatten (denn Marcel, der mit Tagesanbruch
-fortgegangen war, war nicht zurückgekehrt), hielt es Bouvard aus
-Gesundheitsrücksichten für angebracht, ein Fläschchen Branntwein zu
-leeren, und Pécuchet, Tee zu nehmen.</p>
-
-<p>Als er den Teekessel emporhob, verspritzte er Wasser auf das Parkett.</p>
-
-<p>„Wie ungeschickt!“ rief Bouvard.</p>
-
-<p>Dann wollte er, da er den Aufguß zu schwach fand, ihn noch durch zwei
-Löffel verstärken.</p>
-
-<p>„Das wird ungenießbar werden,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Durchaus nicht!“</p>
-
-<p>Und da jeder die Dose zu sich zog, fiel das Präsentierbrett zur
-Erde; eine der Tassen war zerbrochen, die letzte des schönen
-Porzellanservices.</p>
-
-<p>Bouvard erblich. &mdash; „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“</p>
-
-<p>„In der Tat, ein großes Unglück!“</p>
-
-<p>„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“</p>
-
-<p>„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu.</p>
-
-<p>„Ah! Du willst mich beleidigen!“</p>
-
-<p>„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“</p>
-
-<p>Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard
-ebenfalls. Sie schrien beide zu<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> gleicher Zeit, der eine wütend vor
-Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte
-nur noch ein Röcheln hervor.</p>
-
-<p>„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“</p>
-
-<p>Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu.</p>
-
-<p>Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter
-ihm her, kam auf den Speicher.</p>
-
-<p>Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der
-Stühle, den Strick in der Hand.</p>
-
-<p>Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt.</p>
-
-<p>„Warte auf mich!“</p>
-
-<p>Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend:</p>
-
-<p>„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“</p>
-
-<p>„Ei ja! das ist richtig!“</p>
-
-<p>Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen.</p>
-
-<p>Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz
-wie Tinte war.</p>
-
-<p>Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den
-Nebeln des Horizontes.</p>
-
-<p>Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten
-sich und liefen alle auf die Kirche zu.</p>
-
-<p>Neugierde trieb sie dorthin.</p>
-
-<p>Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den
-Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel
-ab.</p>
-
-<p>Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der
-ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden
-buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des
-Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über
-die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der
-Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner
-hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche
-die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren
-Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span>
-Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem
-Leibe, die Ohren aufgerichtet.</p>
-
-<p>Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre
-Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie
-Wogen, die sich glätten.</p>
-
-<p>Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des
-Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren
-Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit
-blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude
-versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des
-Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte
-Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit
-seines Herzens.</p>
-
-<p>Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines
-Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.</p>
-
-<p>Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen
-empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt
-zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und
-Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in
-ihrer Seele.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="IX">IX</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem
-Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach
-Branntwein riechend und in unsauberem Zustande.</p>
-
-<p>Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in
-der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten;
-&mdash; er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte
-um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren
-verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur
-Nachsicht.</p>
-
-<p>Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten
-umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben.</p>
-
-<p>War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte?<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> Bouvard war
-weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während
-sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der
-sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen.</p>
-
-<p>Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen
-Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter,
-die ihm zuhörte, &mdash; oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln,
-die Netze zogen, &mdash; dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens,
-während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, &mdash;
-schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf
-die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die
-Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der
-Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet,
-gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine
-Forderung als nur die der Reinheit des Herzens.</p>
-
-<p>Über die Wunder erstaunte ihre Vernunft nicht, seit ihrer Kindheit
-waren sie ihnen vertraut. Die Tiefe des heiligen Johannes entzückte
-Pécuchet und machte ihn fähig, die „Nachfolge Jesu-Christi“ besser zu
-verstehen.</p>
-
-<p>In diesem Buche gibt es keine Vergleiche, keine Blumen, keine Vögel;
-sondern Klagen, ein Zurückziehen der Seele in sich selbst. Bouvard
-wurde traurig, während er in diesen Seiten blätterte, die bei
-nebeldüsterem Wetter tief in einem Kloster zwischen einem Glockenturm
-und einem Grabe geschrieben zu sein schienen. Unser irdisches Leben
-erscheint darin so jammervoll, daß man, seiner vergessend, sich Gott
-zuwenden muß; &mdash; und die beiden Biedermänner empfanden nach all ihren
-Enttäuschungen das Bedürfnis, einfach zu sein, irgend etwas zu lieben,
-ihren Geist auszuruhen.</p>
-
-<p>Sie machten sich an das Buch Jesus Sirach, an Jesaias und Jeremias.</p>
-
-<p>Doch die Bibel mit ihren löwenstimmigen Propheten, den Donnerlauten
-in den Wolken, all dem Schluchzen der Hölle, und mit ihrem Gott, der
-Reiche zerstreut wie der Wind die Wolken, flößte ihnen Furcht ein.</p>
-
-<p>Sie lasen des Sonntags um die Stunde des Nachmittagsgottesdienstes,
-wenn die Glocke läutete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span></p>
-
-<p>Eines Tages gingen sie zur Messe und besuchten sie dann häufiger. Es
-war eine Zerstreuung am Ende der Woche. Der Graf und die Gräfin von
-Faverges grüßten sie von weitem, was bemerkt wurde. Der Friedensrichter
-sagte zu ihnen, mit den Augen blinzelnd: „Ausgezeichnet! Ich kann
-Sie dazu nur beglückwünschen!“ Alle Bürgerfrauen sandten ihnen jetzt
-geweihtes Brot.</p>
-
-<p>Der Abbé Jeufroy machte ihnen einen Besuch; sie erwiderten ihn; man
-verkehrte miteinander, und der Priester vermied es, von Religion zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Seine Zurückhaltung setzte sie in Erstaunen, so daß Pécuchet ihn mit
-gleichgültiger Miene fragte, wie man es machen müsse, um gläubig zu
-werden.</p>
-
-<p>„Befolgen Sie zunächst die Vorschriften der Kirche.“</p>
-
-<p>Und sie machten sich daran, die Vorschriften der Kirche zu befolgen,
-der eine hoffnungerfüllt, der andere aus Trotz, denn Bouvard war
-überzeugt, daß er niemals gläubig werden würde. Einen Monat lang wohnte
-er regelmäßig dem Gottesdienste bei, wollte sich jedoch im Gegensatz zu
-Pécuchet nicht dem Fasten anbequemen.</p>
-
-<p>War es eine hygienische Maßregel? Man weiß, was die Hygiene wert ist.
-Eine Sache der Konvenienz? Nieder mit der Konvenienz! Ein Zeichen der
-Unterwerfung unter die Kirche? Auch darauf pfiff er! Kurz, er erklärte
-diese Maßregel für verrückt, pharisäisch und dem Geiste des Evangeliums
-widersprechend.</p>
-
-<p>Am Karfreitag der vorhergehenden Jahre hatten sie gegessen, was
-Germaine ihnen auftrug.</p>
-
-<p>Doch dieses Mal hatte Bouvard sich ein Beefsteak bestellt. Er setzte
-sich an den Tisch, zerschnitt das Fleisch; &mdash; und Marcel betrachtete
-ihn entrüstet, während Pécuchet mit ernster Miene seinen Stockfisch
-abhäutete.</p>
-
-<p>Bouvard hielt eine Zeitlang die Gabel in der einen, das Messer in der
-andern Hand. Dann entschloß er sich, einen Bissen an die Lippen zu
-bringen. Plötzlich begannen seine Hände zu zittern, sein dickes Gesicht
-erblaßte, sein Kopf fiel nach hinten.</p>
-
-<p>„Ist dir schlecht?“</p>
-
-<p>„Nein! Doch!“ &mdash; und er machte ein Geständnis. Infolge seiner Erziehung
-(es war das stärker als er), konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> er an diesem Tage kein Fleisch
-essen, weil er fürchtete, davon zu sterben.</p>
-
-<p>Ohne seinen Sieg zu mißbrauchen, machte Pécuchet ihn sich zunutze, um
-auf seine Weise zu leben.</p>
-
-<p>Eines Tages kam er heim, auf dem Gesichte den Ausdruck einer wirklichen
-Freude, und, das Wort wagend, sagte er, daß er soeben gebeichtet habe.</p>
-
-<p>Da sprachen sie über die Bedeutung der Beichte.</p>
-
-<p>Bouvard ließ die Beichte der ersten Christen, die öffentlich war,
-gelten: heute wird sie einem zu leicht gemacht. Indessen leugnete er
-nicht, daß dieses Befragen unserer selbst ein Element des Fortschritts
-sei, daß es eine moralische Gärung hervorrufe.</p>
-
-<p>Pécuchet, der nach Vollendung strebte, suchte nach seinen Lastern; die
-Hochmutsanwandlungen waren seit langem verschwunden. Sein Sinn für
-Arbeit bewahrte ihn vor Faulheit; was die Gefräßigkeit betraf, so war
-niemand mäßiger. Zuweilen ließ er sich vom Zorne fortreißen.</p>
-
-<p>Er schwor bei sich, das abzulegen.</p>
-
-<p>Dann mußte man Tugenden erwerben; in erster Linie die Demut, &mdash; das
-heißt, sich jedes Verdienstes für unfähig, der geringsten Belohnung für
-unwürdig halten, seinen Geist opfern und sich so erniedrigen, daß man
-wie der Schmutz der Straße mit Füßen getreten wird. Er war noch weit
-entfernt von dieser Verfassung.</p>
-
-<p>Er ermangelte einer anderen Tugend: der Keuschheit. &mdash; Denn innerlich
-bedauerte er, daß Mélie nicht mehr da war, und das Pastellbild der Dame
-in Louis XV.-Tracht störte ihn durch das Dekolleté.</p>
-
-<p>Er schloß es in einen Schrank, und seine Schamhaftigkeit wurde so groß,
-daß er sogar fürchtete, seine eigene Blöße zu sehen, und er legte sich
-in seiner Unterhose schlafen.</p>
-
-<p>So viel Vorsichtsmaßregeln gegen die Wollust entwickelten sie.
-Besonders des Morgens hatte er heftige Kämpfe zu bestehen, wie deren
-der heilige Paulus, der heilige Benedikt und der heilige Hieronymus in
-sehr vorgeschrittenem Alter hatten; dann hatten sie sich sogleich an
-wütende Bußübungen gemacht. Der Schmerz ist eine Sühne, ein Heilmittel
-und ein Weg, eine Ehrerbietung vor Jesus Chri<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span>stus. Jede Liebe fordert
-Opfer, und welches wäre schwerer als das unseres Leibes.</p>
-
-<p>Um sich zu kasteien, verzichtete Pécuchet auf den Likör nach den
-Mahlzeiten, beschränkte sich auf vier Prisen täglich und setzte bei
-großer Kälte keine Mütze auf.</p>
-
-<p>Eines Tages stellte Bouvard, als er den Wein anband, eine Leiter gegen
-die Mauer der Terrasse am Hause, &mdash; und zufällig fiel sein Blick in
-Pécuchets Zimmer.</p>
-
-<p>Sein Freund, bis zum Gürtel nackt, versetzte sich mit der Klopfpeitsche
-sanfte Schläge auf die Schultern, zog dann in steigender Erregung seine
-Hose aus, peitschte seine Hinterbacken und fiel atemlos auf einen Stuhl.</p>
-
-<p>Bouvard war verwirrt, wie bei der Entdeckung eines Geheimnisses, das
-verborgen bleiben muß.</p>
-
-<p>Seit einiger Zeit sahen ihm die Scheiben reinlicher aus, hatten die
-Servietten weniger Löcher, war das Essen besser; &mdash; Veränderungen, die
-man dem Eingreifen der Reine, der Magd des Herrn Pfarrers, verdankte.</p>
-
-<p>Sie verband das Kirchliche mit den Küchenangelegenheiten, war kräftig
-wie ein Ackerknecht und opferfreudig, wenn auch unehrerbietig. Sie
-verschaffte sich Eingang in die Haushaltungen, gab Ratschläge, wurde
-dort zur Herrscherin. Pécuchet setzte volles Vertrauen in ihre
-Erfahrung.</p>
-
-<p>Einmal führte sie ihm einen feisten Menschen mit kleinen, geschlitzten
-Augen und einer Hakennase zu. Es war Herr Gouttman, Händler in
-Devotionalien &mdash; und er packte ihrer einige, die in Schachteln
-verschlossen waren, unter dem Schuppen aus: Kreuze, Münzen und
-Rosenkränze von allen Größen, Leuchter für Kapellen, tragbare Altäre,
-Sträuße aus Flittergold und Darstellungen des Herzen Jesu auf blauer
-Pappe, heilige Josephs mit rotem Bart, Kalvarienberge aus Porzellan.
-Pécuchet hätte sie gern gehabt. Der Preis allein hielt ihn zurück.</p>
-
-<p>Gouttman verlangte kein Geld. Er zog Tauschgeschäfte vor, und nachdem
-sie ins Museum emporgestiegen, bot er für das alte Eisen und das ganze
-Blei einen Vorrat seiner Waren an.</p>
-
-<p>Sie schienen Bouvard scheußlich. Doch Pécuchets Blick, Reines dringende
-Bitten und der Wortschwall des Trödlers überzeugten ihn schließlich.
-Als Gouttman ihn so nach<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span>giebig sah, wollte er noch die Hellebarde dazu
-haben; Bouvard, müde, ihre Handhabung zu zeigen, gab sie hin. Nachdem
-alles abgeschätzt worden war, schuldeten die Herren noch hundert
-Franken. Man einigte sich auf vier Dreimonatswechsel, &mdash; und sie
-wünschten sich Glück zu dem vorteilhaften Geschäft.</p>
-
-<p>Ihre Erwerbungen wurden auf sämtliche Zimmer verteilt. Eine mit Heu
-gefüllte Krippe und eine Kirche aus Kork zierten das Museum.</p>
-
-<p>Auf Pécuchets Kamin stand ein Johannes der Täufer aus Wachs; auf dem
-Flur reihten sich die Bilder der bischöflichen Berühmtheiten, und unten
-im Treppenhause sah man unter einer Kettenlampe eine heilige Jungfrau
-in azurfarbenem Mantel mit einer Sternenkrone. Marcel reinigte diese
-Herrlichkeiten und dachte, es könne im Paradiese nichts Schöneres geben.</p>
-
-<p>Wie schade, daß der Sankt Peter zerbrochen war, wie schön würde er sich
-in der Vorhalle ausgenommen haben! Pécuchet blieb zuweilen vor der
-ehemaligen Kompostgrube stehen, in der man die Tiara, eine Sandale und
-den Zipfel eines Ohres erkennen konnte; gab Seufzer von sich und setzte
-dann die Gartenarbeit fort; denn jetzt verband er körperliche Arbeiten
-mit religiösen Übungen, grub, mit dem Mönchsgewand bekleidet, die Erde
-um, während er sich mit dem heiligen Bruno verglich. Diese Verkleidung
-mochte eine Lästerung sein; er legte sie ab.</p>
-
-<p>Doch er nahm, ohne Zweifel durch den häufigen Verkehr mit dem Pfarrer,
-geistliche Manieren an. Er hatte dasselbe Lächeln, dieselbe Stimme,
-und er steckte mit frostiger Miene seine beiden Hände bis zu den
-Handgelenken in die Ärmel. Es kam der Tag, wo das Krähen des Hahnes ihm
-unangenehm wurde, wo die Rosen ihn anekelten; er ging nicht mehr aus
-und hatte grimmige Blicke für die Natur.</p>
-
-<p>Bouvard ließ sich in die Marienandachten führen. Die Kinder, die Hymnen
-sangen, die Fliedersträuße, die Girlanden aus Grün ließen ihm wie das
-Gefühl einer unvergänglichen Jugend. Gott offenbarte sich seinem Herzen
-durch die Form der Nester, die Klarheit der Quellen, die Wohltat der
-Sonne, und die Frömmigkeit seines Freundes schien ihm überspannt,
-langweilig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span></p>
-
-<p>„Warum seufzest du bei den Mahlzeiten?“</p>
-
-<p>„Wir sollen mit Seufzen essen,“ antwortete Pécuchet, „denn auf diese
-Weise hat der Mensch seine Unschuld verloren,“ ein Satz, den er im
-„Handbuch des Seminaristen“, zwei Duodezbänden, die ihm Herr Jeufroy
-geliehen, gelesen hatte, und er trank Saletter Wasser, gab sich hinter
-verschlossenen Türen Stoßgebeten hin, hoffte in die Brüderschaft des
-heiligen Franziskus einzutreten.</p>
-
-<p>Um die Gabe der Standhaftigkeit zu erlangen, beschloß er, eine
-Wallfahrt zur heiligen Jungfrau zu machen.</p>
-
-<p>Die Wahl des Ortes bereitete ihm Verlegenheit. Sollte er zur Mutter
-Gottes von Fourvières, von Chartres, von Embrun, von Marseille oder von
-Auray gehen? Die zu la Délivrande, die näher war, tat dieselben Dienste.</p>
-
-<p>„Du wirst mich begleiten!“</p>
-
-<p>„Da wäre ich ein rechter Einfaltspinsel!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Er konnte schließlich noch gläubig zurückkehren, wies das nicht zurück
-und gab aus Gefälligkeit nach.</p>
-
-<p>Die Wallfahrten müssen zu Fuß gemacht werden. Doch dreiundvierzig
-Kilometer würden hart sein; und da die Postkutschen der andächtigen
-Betrachtung nicht günstig sind, nahmen sie einen Einspänner, der sie
-nach einer Fahrt von zwölf Stunden vor dem Wirtshaus absetzte.</p>
-
-<p>Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten, zwei Kommoden, die zwei in
-kleinen, ovalen Waschbecken stehende Wasserkannen trugen, und der
-Wirt belehrte sie, daß dies das „Zimmer der Kapuziner“ unter der
-Schreckensherrschaft gewesen sei. Man hatte darin die Jungfrau von la
-Délivrande mit so viel Vorsicht verborgen, daß die guten Patres darin
-heimlich die Messe lasen.</p>
-
-<p>Das machte Pécuchet Vergnügen, und er las laut einen Bericht über die
-Kapelle, den er unten in der Küche gefunden hatte.</p>
-
-<p>Sie ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts von dem heiligen Regnobert,
-dem ersten Bischof von Lisieux, oder von dem heiligen Ragnebert, der im
-siebenten Jahrhundert lebte, oder von Robert dem Prachtliebenden in der
-Mitte des elften gegründet worden.</p>
-
-<p>Die Dänen, die Normannen und besonders die Protestanten<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> haben sie zu
-verschiedenen Zeiten gebrandschatzt und verwüstet.</p>
-
-<p>Gegen 1112 wurde die ursprüngliche Statue durch einen Hammel entdeckt,
-der mit dem Fuße aufstampfte und dadurch auf einem Anger den Ort angab,
-wo sie lag, und an dieser Stelle errichtete der Graf Balduin ein
-Heiligtum.</p>
-
-<p>Ihre Wunder sind ohne Zahl. Ein Kaufmann aus Bayeux, der in
-sarazenischer Gefangenschaft war, rief sie an: seine Ketten fallen
-und er entschlüpft. Ein Geizhals entdeckt in seinem Speicher eine
-Herde Ratten, ruft die Jungfrau zu Hilfe, und die Ratten entfernen
-sich. Ein alter Materialist in Versailles bereute seine Sünden auf
-dem Totenbette, nachdem er mit einer Medaille in Berührung gekommen
-war, die eine Nachbildung der Statue gestreift hatte. &mdash; Sie gab dem
-Herrn Adeline die Sprache wieder, die er infolge von Gotteslästerungen
-verloren hatte; und unter ihrem Schutz hatten Herr und Frau von
-Becqueville die Kraft, im Ehestande keusch zu leben.</p>
-
-<p>Unter denjenigen, die sie von unheilbaren Krankheiten befreit hat,
-nennt man Fräulein von Palfresne, Anne Lirieux, Marie Duchemin,
-François Dufai und Frau von Jumillac, geborene von Osseville.</p>
-
-<p>Bedeutende Persönlichkeiten haben sie aufgesucht: Ludwig XI., Ludwig
-XIII., zwei Töchter Gastons von Orleans, der Kardinal Wiseman,
-Samirrhi, der Patriarch von Antiochien; der Bischof Véroles, der
-apostolische Vikar der Mandschurei; und der Erzbischof von Quélen kam,
-ihr für die Bekehrung des Fürsten von Talleyrand Dank zu sagen.</p>
-
-<p>„Sie könnte dich auch bekehren!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Bouvard, der schon im Bette lag, gab eine Art Grunzen von sich und
-schlief vollends ein.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen um sechs Uhr gingen sie in die Kapelle.</p>
-
-<p>Man war beim Neubau einer zweiten; Leinwand und Bretterverschläge
-sperrten das Schiff ab, und das im Rokokostil gehaltene Bauwerk mißfiel
-Bouvard, besonders der Altar aus rotem Marmor mit seinen korinthischen
-Pilastern.</p>
-
-<p>Die Wunder wirkende Statue stand in einer Nische links im Chor, mit
-einem Flittergewande umhüllt; der Küster kam, er hatte für jeden
-von ihnen eine Kerze. Er steckte<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span> sie auf eine Art Egge, die über
-der Balustrade angebracht war, verlangte drei Franken, machte eine
-Verbeugung und verschwand.</p>
-
-<p>Dann betrachteten sie die Weihgeschenke.</p>
-
-<p>Inschriften auf Tafeln bezeugten die Dankbarkeit der Gläubigen. Man
-bewundert zwei kreuzweise übereinandergelegte Degen, die ein ehemaliger
-Schüler der Polytechnischen Hochschule geschenkt hat, Brautbuketts,
-Kriegsmedaillen, silberne Herzen und in einem Winkel am Boden einen
-Wald von Krücken.</p>
-
-<p>Aus der Sakristei trat ein Priester, der das Gefäß mit der heiligen
-Hostie trug.</p>
-
-<p>Nachdem er einige Minuten unten vor dem Altar verweilt hatte, stieg er
-die drei Stufen empor, sprach das Oremus, den Introitus und das Kyrie,
-das der Chorknabe kniend in einem Atem hersagte.</p>
-
-<p>Der Teilnehmer waren wenige, zwölf bis fünfzehn alte Weiber. Man hörte
-das Klappern ihrer Rosenkränze und das Geräusch eines Hammers, der
-gegen die Steine klopfte. Pécuchet, der sich über seinen Betstuhl
-neigte, antwortete auf die Amen. Während der Verwandlung flehte er zur
-Mutter Gottes, sie möge ihm beständigen und unwandelbaren Glauben geben.</p>
-
-<p>Bouvard, der in einem Stuhle neben ihm saß, nahm Pécuchets Gebetbuch
-und verweilte bei der Litanei der Jungfrau.</p>
-
-<p>„Du Allerreinste, Du Allerkeuscheste, Ehrwürdige, Liebenswerte,
-Mächtige, Gütige, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Tor des Morgens.“</p>
-
-<p>Die Worte der Anbetung, diese Überschwenglichkeiten erhoben ihn zu ihr,
-die durch so viel Ehrerbietung gefeiert wird.</p>
-
-<p>Er träumte sie, wie man sie auf den Kirchengemälden darstellt, auf
-einer Anhäufung von Wolken, Engel zu ihren Füßen, den Gottessohn an der
-Brust, &mdash; Mutter der zärtlichen Liebe, die in aller Trübsal auf Erden
-angerufen wird, &mdash; Ideal der in den Himmel versetzten Frau; denn aus
-ihrem Schoße hervorgegangen, steigert der Mensch seine Liebe zu ihr zur
-Schwärmerei und sehnt sich nur noch, an ihrem Herzen zu ruhen.</p>
-
-<p>Als die Messe zu Ende war, gingen sie an den Läden ent<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span>lang, die sich
-auf dem Platze an die Kirchenmauer lehnen. Man sieht dort Bilder,
-Weihwasserkessel, goldgeränderte Urnen, Christusbilder aus Kokosnuß,
-elfenbeinerne Rosenkränze; und das Sonnenlicht, das auf das Glas der
-Einrahmungen fiel, blendete ihre Augen, ließ die ganze Roheit der
-Malerei, die Häßlichkeit der Zeichnungen hervortreten. Bouvard, der
-diese Dinge zu Hause scheußlich fand, zeigte hier Nachsicht für sie.
-Er kaufte eine kleine Jungfrau aus blauem Porzellan. Pécuchet begnügte
-sich mit einem Rosenkranz, den er zur Erinnerung mitnahm.</p>
-
-<p>Die Verkäufer schrien:</p>
-
-<p>„Herbei! Herbei! Für fünf Franken, für drei Franken, für sechzig
-Centimes, für zwei Sous, weist unsere Muttergottes nicht ab.“</p>
-
-<p>Die beiden Pilger schlenderten umher, ohne etwas zu wählen. Unhöfliche
-Bemerkungen wurden laut.</p>
-
-<p>„Was wollen sie, diese Kerle!“</p>
-
-<p>„Es sind vielleicht Türken!“</p>
-
-<p>„Eher Protestanten!“</p>
-
-<p>Eine große Frau zupfte Pécuchet am Rocke; ein Alter mit einer Brille
-legte ihm die Hand auf die Schulter; alle kreischten zugleich;
-dann verließen sie ihre Buden, stellten sich um sie herum, wurden
-zudringlicher mit ihren Bitten und heftiger mit ihren Beleidigungen.</p>
-
-<p>Bouvard hielt es nicht mehr aus.</p>
-
-<p>„Laßt uns in Ruhe, zum Teufel!“</p>
-
-<p>Der Schwarm zerstreute sich.</p>
-
-<p>Doch eine dicke Frau folgte ihnen eine Zeitlang auf dem Platze und
-schrie, daß es sie gereuen würde.</p>
-
-<p>Als sie ins Wirtshaus zurückkamen, fanden sie im Café Gouttman. Sein
-Geschäft rief ihn in diese Gegenden, und er plauderte mit einem
-Menschen, der auf dem Tische vor ihnen liegende Geschäftspapiere
-durchsah.</p>
-
-<p>Dieser Mensch trug eine Ledermütze und eine sehr weite Hose; seine
-Gesichtsfarbe war rot und seine Gestalt schlank trotz seiner grauen
-Haare; er hatte etwas von einem pensionierten Offizier und einem
-Schauspieler zugleich.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit fluchte er; doch beruhigte er sich sogleich auf ein
-leiser gesprochenes Wort Gouttmans und nahm dann ein anderes Papier
-vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span></p>
-
-<p>Bouvard, der ihn beobachtete, näherte sich ihm nach Verlauf einer
-Viertelstunde.</p>
-
-<p>„Barberou, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Bouvard!“ rief der Mann in der Mütze. Und sie umarmten sich.</p>
-
-<p>Barberou hatte in den letzten zwanzig Jahren alle möglichen
-Vermögenslagen durchgemacht.</p>
-
-<p>Herausgeber einer Zeitung, Versicherungsbeamter, Direktor eines
-Austernparks. „Ich werde Ihnen das erzählen,“ &mdash; schließlich sei er zu
-seinem ersten Berufe zurückgekehrt und reise für ein Haus in Bordeaux,
-und Gouttman, der die Diözese „bearbeitete“, brachte für ihn Wein bei
-den Geistlichen unter, &mdash; „doch erlauben Sie, in einer Minute gehöre
-ich Ihnen!“</p>
-
-<p>Er hatte seine Rechnungsauszüge wieder vorgenommen und sprang plötzlich
-von der Bank auf: „Wie, zwei Tausend?“</p>
-
-<p>„Ganz gewiß!“</p>
-
-<p>„Nein, das ist zu stark!“</p>
-
-<p>„Sie meinen?“</p>
-
-<p>„Ich meine, daß ich selbst bei Hérambert gewesen bin,“ erwiderte
-Barberou wütend. „Die Rechnung lautet über vier Tausend; schwindeln Sie
-mir doch nichts vor!“</p>
-
-<p>Der Trödler kam nicht aus der Fassung. „Na, sie entlastet Sie! Was
-wollen sie mehr?“</p>
-
-<p>Barberou erhob sich; sein Gesicht war zuerst blaß, dann wurde es
-violett, und Bouvard und Pécuchet glaubten, er wolle Gouttman
-erdrosseln.</p>
-
-<p>Er setzte sich wieder, legte die Arme übereinander. „Sie sind ein ganz
-gemeiner Schurke, das ist sicher!“</p>
-
-<p>„Keine Beleidigungen, Herr Barberou; da sind Zeugen; seien Sie
-vorsichtig!“</p>
-
-<p>„Ich werde Sie verklagen!“</p>
-
-<p>„Ach, Unsinn!“ Nachdem Gouttman dann seine Brieftasche zugeschnallt
-hatte, lüpfte er seinen Hut: „Auf Wiedersehen!“ Und er ging hinaus.</p>
-
-<p>Barberou erklärte den Tatbestand: für eine Forderung Gouttmans
-von tausend Franken, die sich infolge wucherischer Machenschaften
-verdoppelt hatte, habe er diesem für dreitausend Franken Wein
-geliefert. Damit sollten ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span> nach Deckung seiner Schuld noch tausend
-Franken Überschuß verbleiben; statt dessen schuldete er dreitausend.
-Seine Chefs würden ihn entlassen, man würde ihn verklagen, „Lump!
-Räuber! dreckiger Jude! und der Kerl ißt in den Pfarrhäusern zu
-Mittag! Übrigens, alles was mit den Pfaffen in Berührung kommt...!“ Er
-schimpfte auf die Priester und schlug so heftig auf den Tisch, daß die
-Statuette beinahe umgefallen wäre.</p>
-
-<p>„Sachte!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Sieh da, was ist das?“ Und nachdem er die kleine Jungfrau von ihrer
-Hülle befreit hatte: „Ein Kinkerlitzchen vom Wallfahrtsmarkt! Gehört
-das Ihnen?“</p>
-
-<p>Anstatt zu antworten, lächelte Bouvard in zweideutiger Weise.</p>
-
-<p>„Es gehört mir!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Sie betrüben mich,“ erwiderte Barberou, „doch darüber sollen Sie das
-Nötige von mir erfahren, seien Sie unbesorgt!“ Und da man Philosoph
-sein soll und die Traurigkeit zu nichts nützt, lud er sie zum Frühstück
-ein.</p>
-
-<p>Die drei setzten sich zum Essen nieder.</p>
-
-<p>Barberou war liebenswürdig, gedachte der alten Zeit, faßte das
-bedienende Mädchen um die Taille, wollte Bouvards Bauch messen. Er
-wolle sie bald besuchen und ihnen ein spaßiges Buch mitbringen.</p>
-
-<p>Der Gedanke an seinen Besuch machte ihnen mittelmäßige Freude. Sie
-plauderten eine Stunde lang darüber im Wagen beim Trab der Pferde. Dann
-schloß Pécuchet die Augen. Auch Bouvard schwieg. Innerlich neigte er
-der Religion zu.</p>
-
-<p>Herr Marescot war am Abend vorher dagewesen, um ihnen eine wichtige
-Mitteilung zu machen. &mdash; Weiter konnte Marcel nichts sagen.</p>
-
-<p>Der Notar konnte sie erst drei Tage später bei sich sehen; &mdash; und
-sogleich legte er die Angelegenheit dar. Frau Bordin schlug Herrn
-Bouvard vor, ihm den Gutshof für eine Rente von siebentausend
-fünfhundert Franken abzukaufen.</p>
-
-<p>Seit ihrer Jugend betrachtete sie ihn mit gierigen Augen, kannte die
-angrenzenden Grundstücke, seine Nachteile und Vorzüge; und dieser
-Wunsch war wie ein Krebs, der sie verzehrte. Denn die gute Frau liebte
-als wahre Normännin<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> das „Gut“ über alles, weniger wegen der Sicherheit
-der Kapitalsanlage als um des Glückes willen, den ihr gehörigen Boden
-unter den Füßen zu fühlen. In der Hoffnung auf diesen da hatte sie
-Feststellungen gemacht, eine tägliche Überwachung ausgeführt, lange
-Zeit gespart, und sie erwartete mit Ungeduld Bouvards Antwort.</p>
-
-<p>Er kam in Verlegenheit, denn er wollte nicht, daß Pécuchet eines Tages
-mittellos sei; doch man mußte die Gelegenheit ergreifen, &mdash; die eine
-Wirkung der Wallfahrt war. &mdash; Die Vorsehung zeigte sich ihnen zum
-zweiten Male günstig.</p>
-
-<p>Sie machten ein Angebot unter folgenden Bedingungen: die Rente, die
-nicht siebentausend fünfhundert, sondern sechstausend betragen sollte,
-müsse auf den Überlebenden übergehen. Marescot wies darauf hin, daß der
-eine von schwacher Gesundheit sei. Die Anlagen des andern machten ihn
-für Schlagfluß empfänglich, und Frau Bordin, von ihrer Leidenschaft
-hingerissen, unterzeichnete den Kontrakt.</p>
-
-<p>Bouvard wurde melancholisch davon. Jemand wünschte seinen Tod, und
-diese Überlegung gab ihm ernste Gedanken, Gedanken von Gott und
-Ewigkeit.</p>
-
-<p>Drei Tage darauf lud sie Herr Jeufroy zu einem Festmahl ein, das er
-jährlich einmal seinen Amtsbrüdern gab.</p>
-
-<p>Das Diner begann gegen zwei Uhr nachmittags, um gegen elf Uhr abends zu
-endigen.</p>
-
-<p>Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten. Der Abbé Pruneau
-verfaßte während des Mahles ein Akrostichon. Herr Bougon zeigte
-Kartenkunststücke, und Cerpet, ein junger Vikar, sang eine kleine
-Romanze mit galantem Einschlag. Solch ein Kreis zerstreute Bouvard. Er
-war am folgenden Tage weniger düster.</p>
-
-<p>Der Pfarrer besuchte ihn häufig. Er stellte die Religion in anmutigen
-Farben dar. Was setzte man übrigens aufs Spiel? &mdash; und bald willigte
-Bouvard ein, zum Tisch des Herrn zu kommen. Pécuchet wollte zugleich
-mit ihm am Abendmahl teilnehmen.</p>
-
-<p>Der große Tag nahte.</p>
-
-<p>Die Kirche war wegen der Firmelung voll von Menschen. Die Bürger und
-Bürgerinnen drängten sich in ihren Bänken,<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> und das geringe Volk stand
-dahinter oder auf der Empore über der Tür.</p>
-
-<p>Was jetzt vor sich gehen sollte, war unbegreiflich, dachte Bouvard,
-doch die Vernunft reicht nicht aus, gewisse Dinge zu verstehen. Sehr
-große Männer haben dieses Wunder gläubig hingenommen. Geradesogut
-konnte er es tun, und in einer Art Betäubung betrachtete er den Altar,
-das Weihrauchfaß, die Leuchter, während der Kopf ihm etwas leer war,
-denn er hatte nichts gegessen, und er empfand eine sonderbare Schwäche.</p>
-
-<p>Pécuchet geriet beim Nachsinnen über die Passion Jesu-Christi in
-Liebesbegeisterung. Er hätte dem Herren seine Seele darbringen mögen,
-die der andern, &mdash; und dazu die Verzückungen, die Visionen, die
-Erleuchtungen der Heiligen, alle Wesen, das ganze Weltall. Obgleich er
-mit Inbrunst betete, schienen ihm die verschiedenen Teile der Messe ein
-wenig lang.</p>
-
-<p>Endlich knieten die kleinen Knaben auf der ersten Stufe des Altars
-nieder, wobei ihre Anzüge einen schwarzen Streifen bildeten, den
-blondes oder braunes Haar in ungleicher Linie überragte. Die kleinen
-Mädchen ersetzten sie; Schleier wallten unter ihren Kränzen herab; von
-weitem hätte man sie für weiße Wolken halten können, die sich in der
-Tiefe des Chors aneinanderreihten.</p>
-
-<p>Dann kamen die großen Leute an die Reihe.</p>
-
-<p>Der erste auf der Evangelienseite des Altars war Pécuchet, doch, ohne
-Zweifel aus zu großer Erregung, schwankte sein Kopf nach rechts und
-nach links. Der Pfarrer hatte Mühe, ihm die Hostie in den Mund zu
-stecken, und während er sie empfing, verdrehte er die Augen.</p>
-
-<p>Bouvard dagegen öffnete den Mund so weit, daß seine Zunge wie eine
-Fahne über seine Unterlippe herabhing. Als er sich erhob, stieß er Frau
-Bordin. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte; ohne zu wissen warum,
-errötete er.</p>
-
-<p>Nach Frau Bordin kommunizierten zusammen Fräulein von Faverges, die
-Gräfin, ihre Gesellschafterin und ein Herr, den man in Chavignolles
-nicht kannte.</p>
-
-<p>Die beiden letzten waren Placquevent und Petit, der Lehrer; &mdash; da
-erschien plötzlich Gorju.</p>
-
-<p>Er trug seinen kleinen Backenbart nicht mehr; und er<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> suchte seinen
-Platz auf, indem er die Arme in sehr erbaulicher Weise über der Brust
-gekreuzt hielt.</p>
-
-<p>Der Pfarrer sprach zu den kleinen Knaben, sie möchten späterhin Sorge
-tragen, es nicht wie Judas zu machen, der seinen Gott verriet, und
-sich immer das Kleid der Unschuld rein erhalten. Pécuchet gedachte des
-seinigen mit Reue; doch man rückte die Stühle; die Mütter beeilten
-sich, ihre Kinder zu umarmen.</p>
-
-<p>Die Mitglieder des Kirchspiels beglückwünschten sich gegenseitig beim
-Ausgang. Einige weinten. Während Frau von Faverges auf ihren Wagen
-wartete, wandte sie sich Bouvard und Pécuchet zu und stellte ihren
-zukünftigen Schwiegersohn vor: „Herr Baron von Mahurot, Ingenieur!“ Der
-Graf machte ihnen Vorwürfe, weil sie sich nicht sehen ließen. Er würde
-die kommende Woche wieder zurück sein. „Merken Sie es sich, ich bitte
-Sie!“ Die Kutsche war angekommen, die Schloßdamen fuhren ab, und die
-Menge zerstreute sich.</p>
-
-<p>In ihrem Hofe fanden sie mitten auf dem Rasen ein Paket. Der
-Briefträger hatte es, da das Haus verschlossen war, über die Mauer
-geworfen. Es war das Werk, das Barberou versprochen hatte: Kritik des
-Christentums, von Louis Hervieu, einem ehemaligen Schüler der Ecole
-normale. Pécuchet wies es von sich. Bouvard verzichtete darauf, es
-kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Man hatte ihm wiederholt gesagt, das Sakrament würde ihn verwandeln:
-mehrere Tage hindurch wartete er auf ein neues Sprießen in seiner
-Seele. Doch er blieb immer derselbe, und schmerzliches Staunen ergriff
-ihn.</p>
-
-<p>Wie! Der Leib Gottes vermischt sich mit unserm Leib und bringt keine
-Wirkung darin hervor! Der Gedanke, der die Welten regiert, erleuchtet
-unsern Geist nicht! Die höchste Gewalt überläßt uns der Ohnmacht!</p>
-
-<p>Herr Jeufroy, der ihn beruhigte, empfahl ihm den Katechismus des Abbé
-Gaume.</p>
-
-<p>Dagegen hatte Pécuchets Frömmigkeit Fortschritte gemacht. Er hätte
-unter beiderlei Gestalt kommunizieren mögen, sang Psalmen, während er
-im Hausflur herumging, hielt die Einwohner von Chavignolles an, um
-mit ihnen Glaubensfragen zu erörtern und sie zu bekehren. Vaucor<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span>beil
-lachte ihm ins Gesicht, Girbal zuckte die Achseln, und der Hauptmann
-nannte ihn Tartüff. Man fand jetzt, daß sie zu weit gingen.</p>
-
-<p>Eine ausgezeichnete Gewohnheit besteht darin, die Dinge als ebensoviele
-Symbole zu betrachten. Wenn der Donner grollt, so soll man sich das
-Jüngste Gericht vorstellen; vor einem wolkenlosen Himmel kann man
-an den Aufenthalt der Seligen denken; man sage sich während seiner
-Spaziergänge, daß jeder Schritt dem Tode entgegenführt. Pécuchet
-beobachtete diese Methode. Wenn er seine Kleider nahm, gedachte er der
-fleischlichen Hülle, mit der die zweite Person der Dreifaltigkeit sich
-umkleidet hat; das Ticken der Uhr vergegenwärtigte ihm die Schläge
-seines Herzens, ein Nadelstich die Nägel des Kreuzes; doch es war
-vergebens, daß er stundenlang auf den Knien lag, daß er noch häufiger
-fastete und seine Einbildungskraft anstrengte, die Loslösung vom Ich
-wollte nicht eintreten; unmöglich, zur vollkommenen Vergeistigung zu
-gelangen.</p>
-
-<p>Er nahm seine Zuflucht zu mystischen Schriftstellern: zur heiligen
-Therese, zu Johannes vom Kreuz, Ludwig von Granada, Simpoli und
-von neueren zu dem Bischof Chaillot. Anstatt der Erhabenheiten,
-die er erwartete, traf er nur Plattheiten, einen sehr nachlässigen
-Stil, nichtssagende Bilder und eine Unmenge Vergleiche, die dem
-Steinschneidergewerbe entnommen waren.</p>
-
-<p>Er erfuhr jedoch, daß es eine aktive und eine passive Reinigung gibt,
-ein inneres und ein äußeres Schauen, vier Arten von Gebeten, neun
-Vollkommenheiten in der Liebe, sechs Stufen der Demut, und daß das
-Verwunden der Seele sich kaum vom geistigen Diebstahl unterscheidet.</p>
-
-<p>Einige Punkte setzten ihn in Verlegenheit.</p>
-
-<p>„Wie kommt es, daß man Gott für die Wohltat des Daseins danken muß,
-wo doch das Fleisch verdammt ist? Wie die Mitte halten zwischen der
-Furcht, die zum Heile unerläßlich ist, und der Hoffnung, die es nicht
-weniger ist? Was ist das Kennzeichen der Gnade?“ und so weiter.</p>
-
-<p>Herrn Jeufroys Antworten waren einfach:</p>
-
-<p>„Quälen Sie sich nicht. Will man allem auf den Grund kommen, so gerät
-man auf eine schiefe Ebene.“</p>
-
-<p>Die „Katechismuslehre nach der Firmelung“ von Gaume<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> hatte Bouvard so
-angewidert, daß er zu dem Bande von Louis Hervieu griff. Es war eine
-kurze Zusammenfassung der modernen Exegese. Die Regierung hatte ihn
-verboten. Barberou hatte ihn gekauft, weil er Republikaner war.</p>
-
-<p>Er weckte Zweifel in Bouvards Geist, und zwar zuerst über die
-Erbsünde. „Wenn Gott den Menschen sündig geschaffen hat, dürfte er
-ihn nicht bestrafen, und das Böse ist älter als der Sündenfall, da es
-ja schon Vulkane, reißende Tiere gab. Kurz, dieses Dogma wirft meine
-Anschauungen von Gerechtigkeit über den Haufen!“</p>
-
-<p>„Was wollen Sie?“ sagte der Pfarrer, „das ist eine von jenen
-Wahrheiten, über die alle Welt sich einig ist, ohne daß man dafür
-Beweise geben könnte. Und wir selbst rechnen den Kindern die Sünden
-ihrer Väter an. So rechtfertigen Sitten und Gesetze diesen Ratschluß
-der Vorsehung, den man in der Natur wiederfindet.“</p>
-
-<p>Bouvard schüttelte den Kopf. Er hatte auch Zweifel an der Hölle.</p>
-
-<p>„Denn jede Züchtigung muß auf Besserung des Schuldigen abzielen, was
-bei einer ewigen Strafe unmöglich wird; und wie viele müssen sie
-erdulden! Denken Sie doch, alle die Alten, die Juden, die Muselmanen,
-die Götzendiener, die Häretiker und die ohne Taufe verschiedenen
-Kinder, diese von Gott erschaffenen Kinder, und zu welchem Zweck? um
-sie für eine Sünde zu bestrafen, die sie nicht begangen haben!“</p>
-
-<p>„Das ist die Ansicht des heiligen Augustin,“ fügte der Geistliche
-hinzu, „und Sankt Fulgentius dehnt die Verdammung bis auf den Foetus
-aus. Die Kirche hat allerdings in dieser Hinsicht nichts entschieden.
-Eine Bemerkung jedoch: es ist nicht Gott, sondern der Sünder selbst,
-welcher sich verdammt, und da die Versündigung unendlich ist, denn Gott
-ist unendlich, so muß die Strafe unendlich sein! Ist das alles, mein
-Herr?“</p>
-
-<p>„Erklären Sie mir die Dreieinigkeit,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Mit Vergnügen. Bedienen wir uns eines Vergleiches: die drei Seiten des
-Dreiecks, oder besser noch unsere Seele, die umfaßt: Sein, Erkennen und
-Wollen; was man Vermögen beim Menschen nennt, ist Person bei Gott. Das
-ist das ganze Geheimnis.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span></p>
-
-<p>„Aber die drei Seiten des Dreiecks sind nicht jede ein Dreieck; diese
-drei Vermögen der Seele ergeben nicht drei Seelen, und Ihre Personen
-der Dreifaltigkeit sind drei Gottheiten.“</p>
-
-<p>„Lästern Sie nicht!“</p>
-
-<p>„Dann gibt es nur eine Person, einen Gott, eine Substanz, der drei
-Arten des Seins eigen sind!“</p>
-
-<p>„Lassen Sie uns anbeten, ohne zu begreifen,“ sagte der Pfarrer.</p>
-
-<p>„Schön,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Er hatte Furcht, für gottlos zu gelten, im Schlosse mit bösen Augen
-angesehen zu werden.</p>
-
-<p>Sie gingen jetzt dreimal in der Woche gegen fünf im Winter dorthin,
-und die Tasse Tee erwärmte sie angenehm. Der Herr Graf erinnerte
-durch seine Manieren „an den Chic des ehemaligen Hofes“; die Gräfin,
-die friedfertig und fett war, zeigte auf allen Gebieten große
-Urteilsfähigkeit. Fräulein Yolande, ihre Tochter, war der vollkommene
-„Typus des jungen Mädchens“, der Engel der Keepsakes, und Frau von
-Noares, ihre Gesellschafterin, ähnelte Pécuchet, denn sie hatte dessen
-spitze Nase.</p>
-
-<p>Als sie zum erstenmal in den Salon traten, verteidigte Frau von Noares
-jemand.</p>
-
-<p>„Ich versichere Ihnen, er ist verwandelt; sein Geschenk beweist es.“</p>
-
-<p>Dieser jemand war Gorju. Er hatte soeben den zukünftigen Ehegatten
-einen gotischen Betstuhl überreicht. Man brachte ihn herbei. Die Wappen
-der beiden Familien prangten darauf in farbigem Relief. Herr von
-Mahurot schien davon befriedigt, und Frau von Noares sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Werden Sie sich meines Schützlings erinnern?“</p>
-
-<p>Dann brachte sie zwei Kinder herbei, einen Knaben von etwa zwölf Jahren
-und seine Schwester, die vielleicht zehn Jahre alt war. Durch die
-Löcher ihrer Lumpen sahen ihre von Kälte geröteten Glieder. Der Knabe
-trug alte Pantoffeln an den Füßen, das Mädchen hatte nur noch einen
-Holzschuh. Ihre Stirnen verschwanden unter ihrem Haar, und sie blickten
-mit brennenden Augen um sich wie junge, verängstigte Wölfe.</p>
-
-<p>Frau von Noares erzählte, sie habe die Kinder am Morgen<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span> auf der
-Landstraße getroffen. Placquevent wußte nichts Genaueres über sie.</p>
-
-<p>Man fragte sie nach ihrem Namen.</p>
-
-<p>„Viktor, Viktorine.“</p>
-
-<p>Wo ihr Vater sei?</p>
-
-<p>„Im Gefängnis.“</p>
-
-<p>Und was er vorher machte?</p>
-
-<p>„Nichts.“</p>
-
-<p>Ihre Heimat?</p>
-
-<p>„Saint-Pierre.“</p>
-
-<p>Aber welches Saint-Pierre?</p>
-
-<p>Statt jeder Antwort sagten die beiden Kleinen schnüffelnd:</p>
-
-<p>„Weiß nicht, weiß nicht.“</p>
-
-<p>Frau von Noares legte dar, wie gefährlich es sein würde, sie sich
-selbst zu überlassen; sie rührte die Gräfin, nahm den Grafen bei der
-Ehre, wurde von der Komtesse unterstützt, zeigte hartnäckigen Eifer,
-hatte Erfolg. Die Frau des Feldhüters sollte die Kinder in Obhut
-nehmen. Später würde man Beschäftigung für sie finden, und da sie weder
-lesen noch schreiben konnten, so wollte Frau von Noares sie selbst
-unterrichten, um sie auf die Katechismusstunde vorzubereiten.</p>
-
-<p>Wenn Herr Jeufroy in das Schloß kam, holte man die beiden Bälge;
-er befragte sie, dann trug er vor, wobei er mit Rücksicht auf den
-Zuhörerkreis gewählt sprach.</p>
-
-<p>Als er einmal über die Patriarchen geredet hatte, verunglimpfte Bouvard
-sie gehörig, während er mit dem Pfarrer und Pécuchet fortging.</p>
-
-<p>Jakob habe sich durch Spitzbubenstreiche ausgezeichnet, David durch
-Mordtaten, Salomo durch seine Ausschweifungen.</p>
-
-<p>Der Abbé antwortete ihm, man müsse tiefer sehen. Abrahams Opfer sei ein
-Symbol der Passion; Jakob ein anderes für den Messias, wie Joseph, wie
-die eherne Schlange, wie Moses.</p>
-
-<p>„Glauben Sie,“ sagte Bouvard, „daß er den Pentateuch geschrieben hat?“</p>
-
-<p>„Ja, ohne Zweifel!“</p>
-
-<p>„Doch man erzählt seinen Tod darin; dieselbe Beobachtung gilt für
-Josua, und der Verfasser der Richter belehrt<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> uns, daß zu der Zeit,
-deren Geschichte er schreibt, Israel noch keine Könige hatte. Das Werk
-wurde also unter den Königen geschrieben. Auch die Propheten setzen
-mich in Erstaunen!“</p>
-
-<p>„Jetzt wird er wohl gar die Existenz der Propheten leugnen!“</p>
-
-<p>„Keineswegs! Doch ihr überhitzter Geist sah Jehova unter verschiedenen
-Formen, als Feuer, als Busch, als Greis, als Taube, und sie waren der
-erhaltenen Offenbarung nicht gewiß, da sie immer ein Zeichen verlangen.“</p>
-
-<p>„So! Und wo haben Sie diese schönen Sachen entdeckt?...“</p>
-
-<p>„Bei Spinoza.“</p>
-
-<p>Der Pfarrer fuhr auf.</p>
-
-<p>„Haben Sie ihn gelesen?“</p>
-
-<p>„Gott behüte mich!“</p>
-
-<p>„Indessen, mein Herr, die Wissenschaft...“</p>
-
-<p>„Mein Herr, es gibt keine Wissenschaft ohne Christentum.“</p>
-
-<p>Die Wissenschaft machte ihn sarkastisch.</p>
-
-<p>„Kann sie eine Ähre wachsen lassen, Ihre Wissenschaft? Was wissen wir?“
-sagte er.</p>
-
-<p>Doch er wußte, daß die Welt für uns geschaffen ist; er wußte, daß die
-Erzengel über den Engeln stehen, er wußte, daß der menschliche Körper
-so wiederauferstehen wird, wie er gegen das dreißigste Jahr ist.</p>
-
-<p>Seine priesterliche Sicherheit fiel Bouvard auf die Nerven. Da er zu
-Louis Hervieu kein Vertrauen hatte, schrieb er an Varlot, und Pécuchet,
-der besser unterrichtet war, ersuchte Herrn Jeufroy, ihm gewisse
-Stellen der Heiligen Schrift zu erklären.</p>
-
-<p>Die sechs Tage der Genesis sollen sechs große Zeiträume bedeuten.
-Der Raub der kostbaren Gefäße, den die Juden bei den Ägyptern
-vollführten, soll als geistiger Reichtum verstanden werden, als Kunst,
-deren Geheimnis sie entwendet hatten. Jesaias entblößt sich nicht
-vollständig, denn „nudus“ bedeutet im Lateinischen nackt bis zu den
-Hüften; so rät Virgil, sich bei der Landarbeit zu entblößen, und dieser
-Schriftsteller würde keine das Schamgefühl verletzende Vorschrift
-gegeben haben! Es hat nichts Außergewöhnliches, daß Ezechiel ein Buch
-verschlingt; sagt man nicht, eine Broschüre, eine Zeitung verschlingen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span></p>
-
-<p>Aber wenn man in allem eine bildliche Ausdrucksweise sieht, was wird
-dann aus den Tatsachen? Der Abbé behauptete indessen, es handele sich
-um wirklich geschehene Dinge.</p>
-
-<p>Diese Art der Auslegung schien Pécuchet unredlich. Er setzte
-seine Nachforschungen fort und kam mit einer Zusammenstellung von
-Widersprüchen in der Bibel.</p>
-
-<p>Der Exodus erzählt uns, daß vierzig Jahre lang in der Wüste geopfert
-wurde; nach Amos und Jeremias fanden keine Opfer statt. Die Bücher der
-Chronika und das Buch Esra stimmen nicht überein in betreff der Zählung
-des Volkes. Im Deuteronomium sieht Moses den Herrn von Angesicht zu
-Angesicht; dem Exodus zufolge konnte er ihn niemals sehen. Wo bleibt da
-die göttliche Eingebung?</p>
-
-<p>„Nur ein Grund mehr, an sie zu glauben,“ erwiderte lächelnd Herr
-Jeufroy. „Betrüger brauchen Leute, die ihr Treiben begünstigen; ehrlich
-Überzeugte kümmern sich nicht um die Meinung anderer. Halten wir uns in
-unsern Verlegenheiten an die Kirche. Sie ist stets unfehlbar.“</p>
-
-<p>Von wem hängt die Unfehlbarkeit ab?</p>
-
-<p>Die Konzile zu Basel und Konstanz sprechen sie den Konzilen zu. Aber
-oft weichen die Konzile voneinander ab; ein Beweis dafür ist, wie es
-Athanasius und Arius erging: die zu Florenz und im Lateran weisen sie
-dem Papste zu. Doch Hadrian VI. erklärt, daß der Papst sich wie jeder
-andere irren könne.</p>
-
-<p>Das sind Rabulistereien! Sie ändern nichts an dem ununterbrochenen
-Fortbestehen der kirchlichen Lehre.</p>
-
-<p>Das Werk Hervieus hebt ihre Wandlungen hervor; die Taufe war ehemals
-den Erwachsenen vorbehalten. Die letzte Ölung wurde erst im neunten
-Jahrhundert ein Sakrament; die wirkliche Gegenwart wurde im achten
-beschlossen, das Fegefeuer im fünfzehnten anerkannt, die unbefleckte
-Empfängnis ist von gestern.</p>
-
-<p>Und Pécuchet wußte schließlich nicht mehr, was er von Jesus denken
-sollte. Drei der Evangelisten machen einen Menschen aus ihm. An einer
-Stelle bei Sankt Johannes scheint er sich Gott gleichzusetzen, an einer
-anderen ebendort sich als ihm untergeordnet zu betrachten.</p>
-
-<p>Der Abbé führte dagegen den Brief des Königs Abgar,<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> die Akten des
-Pilatus und das Zeugnis der Sibyllen, „dessen Kern wahr ist“, ins
-Treffen. Er fand die Jungfrau bei den Galliern wieder, die Verkündigung
-eines Erlösers in China, die Dreifaltigkeit überall, das Kreuz auf der
-Mütze des Groß-Lama, in Ägypten in der Hand der Götter; &mdash; und er wies
-sogar einen Stich vor, der einen Nilmesser darstellte; das war jedoch
-nach Pécuchets Ansicht ein Phallus.</p>
-
-<p>Herr Jeufroy fragte seinen Freund Pruneau heimlich um Rat, der ihm
-Beweise aus Büchern suchte. Ein Kampf der Gelahrtheit entspann
-sich; und von Eigenliebe gepeitscht, stürzte Pécuchet sich in die
-Transzendentalphilosophie, in die Mythologie.</p>
-
-<p>Er verglich die Jungfrau mit der Isis, das Heilige Abendmahl mit dem
-Haoma der Perser, Bacchus mit Moses, die Arche Noah mit dem Schiff
-des Xithuros; die Ähnlichkeiten bewiesen für ihn die Identität der
-Religionen.</p>
-
-<p>Doch es kann nicht mehrere Religionen geben, da es nur einen Gott gibt,
-&mdash; und wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war, rief der Mann im
-Priesterrock: „Das ist ein Mysterium!“</p>
-
-<p>Was bedeutet dieses Wort? Mangel an Wissen; recht schön. Aber wenn es
-etwas bezeichnet, das auszusprechen schon einen Widerspruch in sich
-schließt, so ist es eine Dummheit, &mdash; und Pécuchet ließ Herrn Jeufroy
-nicht mehr los. Er überraschte ihn in seinem Garten, erwartete ihn vor
-seinem Beichtstuhl, stöberte ihn in der Sakristei auf.</p>
-
-<p>Der Priester ersann Listen, ihm zu entgehen.</p>
-
-<p>Als er eines Tages von Sassetot zurückkam, wo er jemandem die
-letzte Ölung erteilt hatte, ging Pécuchet ihm entgegen, so daß die
-Unterhaltung unvermeidlich wurde.</p>
-
-<p>Es war an einem Abend gegen Ende August. Der scharlachfarbene Himmel
-wurde düster, und eine schwere Wetterwolke ballte sich daran, die unten
-einen glatten Rand hatte und oben in Spiralen auslief.</p>
-
-<p>Pécuchet sprach zuerst von gleichgültigen Dingen; dann sagte er,
-nachdem er das Wort Märtyrer hatte fallen lassen:</p>
-
-<p>„Wieviel gab es deren nach Ihrer Meinung?“</p>
-
-<p>„Etwa zwanzig Millionen zum mindesten.“</p>
-
-<p>„Ihre Zahl ist so groß nicht, sagt Origenes.“</p>
-
-<p>„Origenes ist, wie Sie wissen, nicht glaubwürdig.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span></p>
-
-<p>Ein weiter ausholender Windstoß fuhr vorüber; das Gras der Gräben und
-die zum Horizonte verlaufenden zwei Reihen Ulmen neigten sich unter ihm.</p>
-
-<p>Pécuchet fuhr fort: „Man rechnet zu den Märtyrern viele gallische
-Bischöfe, die im Kampf gegen die Barbaren gefallen sind, was nicht mehr
-zur Sache gehört.“</p>
-
-<p>„Wollen Sie die Kaiser verteidigen?“</p>
-
-<p>Nach Pécuchets Ansicht hatte man sie verleumdet. „Die Geschichte von
-der thebanischen Legion ist eine Fabel. Ich bestreite ebenso die
-Existenz der Symphorosa und ihrer sieben Söhne, die der Felicitas
-und ihrer sieben Töchter und alles, was über die sieben Jungfrauen
-von Ankyra erzählt wird, die noch mit siebzig Jahren dazu verurteilt
-wurden, genotzüchtigt zu werden, und ebenso unglaubwürdig ist die
-Geschichte von den elftausend Jungfrauen der heiligen Ursula, deren
-eine Gefährtin Undecimilla hieß, wobei ein Name mit einer Zahl
-gleichgesetzt wird; mehr noch, was die zehn Märtyrer von Alexandria
-angeht.“</p>
-
-<p>„Indessen!... Indessen finden sie sich bei Autoren, die glaubwürdig
-sind.“</p>
-
-<p>Wassertropfen fielen. Der Pfarrer öffnete seinen Regenschirm; &mdash; und
-als Pécuchet darunter war, wagte er zu behaupten, daß die Katholiken
-mehr Juden, Moslemiten, Protestanten und Freidenker zu Märtyrern
-gemacht hätten, als früher alle Römer.</p>
-
-<p>Der Geistliche widersprach heftig: „Aber von Nero bis zu Cäsar Galba
-zählt man zehn Verfolgungen!“</p>
-
-<p>„Schön! Und die Blutbäder unter den Albigensern? und die
-Bartholomäusnacht? und die Widerrufung des Ediktes von Nantes?“</p>
-
-<p>„Ohne Zweifel sind das bedauerliche Ausschreitungen, doch werden Sie
-diese Leute da nicht dem heiligen Stephanus, dem heiligen Laurentius,
-Cyprian, Polykarp, einer Unmenge von Missionaren an die Seite stellen
-wollen.“</p>
-
-<p>„Verzeihung! Ich erinnere Sie an Hypathia, Hieronymus von Prag,
-Johannes Huß, Bruno, Vanini, Anne Dubourg!“</p>
-
-<p>Der Regen wurde stärker, die Wasserstrahlen schossen so heftig herab,
-daß sie vom Boden zurücksprangen wie kleine weiße Raketen. Pécuchet und
-Herr Jeufroy gingen langsam, einer gegen den andern gedrückt, und der
-Pfarrer sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span></p>
-
-<p>„Nach schrecklichen Martern warf man sie in siedende Kessel!“</p>
-
-<p>„Die Inquisition wandte ebenfalls die Tortur an, und sie briet die
-Leute recht ordentlich!“</p>
-
-<p>„Man stellte vornehme Frauen in den Lupanaren aus!“</p>
-
-<p>„Glauben Sie, daß die Dragoner Ludwigs XIV. sich sittsam benahmen?“</p>
-
-<p>„Und vergessen Sie nicht, daß die Christen nichts gegen den Staat
-unternommen hatten!“</p>
-
-<p>„Die Hugenotten ebensowenig!“</p>
-
-<p>Der Wind jagte, fegte den Regen durch die Luft. Er klatschte auf die
-Blätter, bildete am Rande des Weges ein Rinnsal, und der schmutzig
-graue Himmel schien in die kahlen Felder überzugehen, die abgeerntet
-dalagen. Nirgends ein Dach. Nur in der Ferne die Hütte eines Hirten.</p>
-
-<p>An Pécuchets dünnem Mantel war kein Faden mehr trocken. Das Wasser floß
-ihm den Rücken herab, drang in seine Stiefel, seine Ohren, seine Augen,
-trotz des Schirmes der Amoros-Mütze; der Pfarrer, der den unteren Teil
-seines Priesterrocks über den Arm geschlagen hatte, setzte dadurch
-seine Beine dem Regen aus; und die Ecken seines Dreispitzes spien das
-Wasser auf seine Schultern wie Traufrinnen einer Kirche.</p>
-
-<p>Man mußte haltmachen, und dem Unwetter den Rücken wendend, standen sie
-Gesicht gegen Gesicht, Leib gegen Leib, indem sie mit vier Händen den
-schwankenden Schirm hielten.</p>
-
-<p>Herr Jeufroy hatte seine Verteidigung der Katholiken nicht unterbrochen.</p>
-
-<p>„Haben sie Ihre Protestanten gekreuzigt, wie man es mit dem heiligen
-Simeon tat, oder einen Menschen von zwei Tigern zerreißen lassen, wie
-es mit dem heiligen Ignatius geschah?“</p>
-
-<p>„Aber rechnen Sie es für nichts, daß so viele Frauen von ihren
-Ehegatten getrennt, so viele Kinder ihren Müttern entrissen wurden! Und
-das Wandern der Armen in die Verbannung über Schneefelder, an Abgründen
-vorbei! Man sperrte sie scharenweise in die Gefängnisse; kaum waren sie
-tot, so wurden sie durch den Schmutz geschleift.“</p>
-
-<p>Der Abbé lächelte höhnisch: „Sie wollen mir nicht übel<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span>nehmen, wenn
-ich nichts davon glaube! Und unsere Märtyrer sind weniger zweifelhaft.
-Die heilige Blandina wurde nackt in einem Netz einer wütenden Kuh
-vorgeworfen. Die heilige Julia verendete unter Hieben, die man ihr gab.
-Dem heiligen Taracus, dem heiligen Probus und dem heiligen Andronikus
-hat man die Zähne mit einem Hammer ausgeschlagen, die Seiten mit
-eisernen Zinken zerfleischt, die Hände mit glühenden Nägeln durchbohrt,
-die Haut vom Schädel gerissen.“</p>
-
-<p>„Sie übertreiben,“ sagte Pécuchet. „Das Ende der Märtyrer wurde in
-jenen Zeiten rednerisch ausgeschmückt.“</p>
-
-<p>„Wieso rednerisch?“</p>
-
-<p>„Aber ja doch, mein Herr, während ich dagegen Ihnen Geschichte erzähle.
-In Irland schlitzten die Katholiken schwangeren Frauen den Leib auf, um
-die Kinder herauszunehmen.“</p>
-
-<p>„Niemals.“</p>
-
-<p>„Und sie den Schweinen vorzuwerfen!“</p>
-
-<p>„Gehen Sie!“</p>
-
-<p>„In Belgien begruben sie sie bei lebendigem Leibe!“</p>
-
-<p>„Welch ein Unsinn!“</p>
-
-<p>„Man kennt ihre Namen!“</p>
-
-<p>„Und trotzdem,“ wandte der Priester ein, während er seinen Schirm im
-Zorn schüttelte, „kann man sie nicht Märtyrer nennen. Außerhalb der
-Kirche keine Märtyrer.“</p>
-
-<p>„Ein Wort noch. Wenn der Wert des Märtyrers von der Lehre abhängt, wie
-kann er dazu dienen, deren Vorzüglichkeit zu beweisen?“</p>
-
-<p>Der Regen ließ nach; bis zum Dorfe sprachen sie nicht mehr.</p>
-
-<p>Doch auf der Schwelle des Pfarrhauses sagte der Abbé:</p>
-
-<p>„Sie tun mir leid! Wirklich, Sie tun mir leid!“</p>
-
-<p>Pécuchet erzählte seinen Streit sogleich Bouvard. Das Gezänk hatte ihn
-in eine religionsfeindliche Stimmung versetzt, und eine Stunde darauf
-saßen sie vor einem Reisigfeuer und lasen den „Pfarrer Meslier“. Die
-plumpen Verneinungen des Buches mißfielen ihm; dann blätterte er,
-da er sich vorwarf, möglicherweise Helden verkannt zu haben, in der
-„Biographie“ die Geschichte der erlauchtesten Märtyrer durch.</p>
-
-<p>Welchen Lärm das Volk machte, wenn sie die Arena be<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span>traten! Und wenn
-die Löwen und Jaguare nicht wild genug waren, so reizte man die
-Tiere durch Bewegung und Zuruf, vorzugehen. Man sah die Christen
-blutüberströmt lächelnd dastehen, den Blick zum Himmel erhoben; die
-heilige Perpetua knotete ihr Haar wieder, um keine Betrübnis zu
-zeigen. Pécuchet wurde nachdenklich. Das Fenster stand offen, die
-Nacht war ruhig, zahlreiche Sterne glänzten. In ihrer Seele mußten
-Dinge vorgehen, die wir uns nicht vorstellen können, eine Freude,
-eine göttliche Verzückung! Und Pécuchet sagte unter der Gewalt des
-Nachsinnens darüber, daß er das begriffe, daß er wie sie gehandelt
-haben würde.</p>
-
-<p>„Du?“</p>
-
-<p>„Ganz gewiß!“</p>
-
-<p>„Ohne Scherz! Glaubst du, ja oder nein?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht.“</p>
-
-<p>Er zündete eine Kerze an; dann fielen seine Blicke auf das Kruzifix im
-Alkoven:</p>
-
-<p>„Wieviel Betrübte haben bei jenem ihre Zuflucht gesucht!“</p>
-
-<p>Und nach einer Pause:</p>
-
-<p>„Man hat seinen Charakter entstellt! Daran ist Rom schuld: die Politik
-des Vatikans!“</p>
-
-<p>Aber Bouvard bewunderte die Kirche wegen ihrer Pracht er hätte als
-Kardinal im Mittelalter leben mögen.</p>
-
-<p>„Ich würde mich im Purpur gut ausgenommen haben, das mußt du zugeben!“</p>
-
-<p>Die vor die Kohlen gelegte Mütze Pécuchets war noch nicht trocken.
-Während er sie glattstrich, fühlte er einen Gegenstand in ihrem Futter,
-und eine Münze des heiligen Joseph fiel zur Erde. Sie waren verwirrt,
-die Tatsache schien ihnen unerklärlich.</p>
-
-<p>Frau von Noares wollte von Pécuchet wissen, ob er nicht eine
-Veränderung wahrgenommen habe, ein Glück, und sie verriet sich durch
-ihre Fragen. Sie hatte ihm einst, während er Billard spielte, die Münze
-in die Mütze genäht.</p>
-
-<p>Allem Anschein nach liebte sie ihn; sie hätten sich heiraten können:
-sie war Witwe, und er ahnte nichts von dieser Liebe, die vielleicht das
-Glück seines Lebens gewesen wäre.</p>
-
-<p>Obwohl er sich religiöser gab als Bouvard, hatte sie ihn dem heiligen
-Joseph geweiht, dessen Beistand für Bekehrungen ausgezeichnet ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span></p>
-
-<p>Niemand kannte wie sie alle Rosenkränze und den Ablaß, der mit
-ihnen verbunden ist, die Wirkung der Reliquien, die Heilkräfte der
-wundertätigen Quellen. Ihre Uhr saß an einem Kettchen, das die Fesseln
-Sankt Peters berührt hatte.</p>
-
-<p>Unter ihren Berlocken leuchtete eine goldene Perle, die der
-nachgebildet war, welche in der Kirche zu Allouagne eine Träne unseres
-Herrn enthält; ein Ring an ihrem kleinen Finger umschloß Haare des
-Pfarrers von Ars, und da sie Heilkräuter für die Kranken sammelte, so
-glich ihr Zimmer einer Sakristei und einem Apothekerlaboratorium.</p>
-
-<p>Sie verbrachte ihre Zeit mit Briefschreiben, Besuchen bei Armen, Lösen
-von wilden Ehen, Austeilen von Herz-Jesu-Photographien. Ein Herr
-wollte ihr „Märtyrerpaste“ schicken, eine Mischung aus Osterwachs und
-menschlichem Staub, den man in den Katakomben gesammelt hatte und der
-in verzweifelten Fällen in Form von Pflaster oder Pillen angewandt
-wird. Sie versprach Pécuchet davon.</p>
-
-<p>Er schien entsetzt über einen solchen Materialismus.</p>
-
-<p>Am Abend brachte ihm ein Diener aus dem Schlosse einen Tragkorb voll
-kleiner Bücher, die von frommen Worten des großen Napoleon, Witzworten
-des Pfarrers in den Herbergen, von dem schrecklichen Ende gottloser
-Menschen handelten. Frau von Noares kannte das alles auswendig, dazu
-eine Unmenge von Wundern.</p>
-
-<p>Sie erzählte deren sinnlose, Wunder ohne Zweck, als wenn Gott sie
-getan hätte, um die Welt in Staunen zu setzen. Ihre eigene Großmutter
-hatte Pflaumen, die mit einem Tuch bedeckt waren, in einen Schrank
-geschlossen, und als man den Schrank ein Jahr später öffnete, sah man
-ihrer dreizehn auf dem Tuche, die ein Kreuz bildeten.</p>
-
-<p>„Erklären Sie mir das.“</p>
-
-<p>Diese Wendung folgte stets ihren Geschichten, die sie mit dem Starrsinn
-eines Esels verfocht. Übrigens war sie eine gute Frau und von heiterem
-Gemüt.</p>
-
-<p>Einmal jedoch „fuhr sie aus der Haut“. Bouvard bestritt ihr gegenüber
-das Wunder von Pezilla: eine Kompottschale, in der man während der
-Revolution Hostien verborgen, hatte sich ganz von selbst vergoldet.</p>
-
-<p>„Vielleicht war auf dem Grund etwas gelbe Farbe, die von der
-Feuchtigkeit herrührte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p>
-
-<p>„Aber nein! und nochmals nein! Die Vergoldung kam durch die Berührung
-mit dem Leibe Christi.“</p>
-
-<p>Und zum Beweise führte sie die schriftliche Beglaubigung der Bischöfe
-an.</p>
-
-<p>„Das ist derselbe Fall, sagt man, wie mit einem Schilde, einem... einem
-Palladium in der Diözese zu Perpignan. Fragen Sie doch Herrn Jeufroy!“</p>
-
-<p>Bouvard geriet außer sich, und nachdem er seinen Louis Hervieu wieder
-durchgelesen hatte, nahm er Pécuchet mit.</p>
-
-<p>Der Geistliche beendigte gerade sein Diner. Reine lud zum Sitzen ein
-und holte auf einen Wink zwei kleine Gläser, die sie mit Rosolio-Likör
-füllte.</p>
-
-<p>Darauf legte Bouvard dar, was ihn hergeführt hatte.</p>
-
-<p>Der Abbé gab keine offene Antwort.</p>
-
-<p>„Alles ist bei Gott möglich, und die Wunder sind ein Beweis für die
-Wahrheit der Religion.“</p>
-
-<p>„Aber es gibt doch Gesetze.“</p>
-
-<p>„Das ändert nichts daran. Er durchbricht sie, um zu unterweisen, zu
-bessern.“</p>
-
-<p>„Wie können Sie wissen, ob er sie durchbricht?“ erwiderte Bouvard.
-„Solange die Natur ihren alten Weg geht, denkt man nicht daran; doch in
-einer außerordentlichen Erscheinung sehen wir die Hand Gottes.“</p>
-
-<p>„Sie kann darin wirksam sein,“ sagte der Geistliche, „und wenn ein
-Ereignis durch Zeugen bekräftigt wird?“</p>
-
-<p>„Die Zeugen fallen auf alles herein, gibt es doch falsche Wunder.“</p>
-
-<p>Der Priester wurde rot.</p>
-
-<p>„Gewiß... zuweilen.“</p>
-
-<p>„Wie sie von den echten unterscheiden? Und wenn die echten, die als
-Beweise gelten müssen, selbst der Beweise nötig haben, wozu deren tun?“</p>
-
-<p>Reine mischte sich ein, und gleich ihrem Herrn einen Predigerton
-annehmend, sagte sie, man müsse sich unterwerfen.</p>
-
-<p>„Das Leben ist eine Durchgangszeit, aber der Tod ist ewig!“</p>
-
-<p>„Kurz,“ fügte Bouvard hinzu, indem er den Rosolio hinuntergoß, „die
-früheren Wunder sind nicht besser bewiesen als die heutigen; die der
-Christen wie die der Heiden werden mit gleichen Gründen verteidigt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p>
-
-<p>Der Pfarrer warf seine Gabel auf den Tisch.</p>
-
-<p>„Jene waren falsch, sag ich noch einmal! Es gibt keine Wunder außerhalb
-der Kirche!“</p>
-
-<p>„Sieh da,“ sagte sich Pécuchet im stillen, „das ist dasselbe Argument
-wie bei den Märtyrern: die Lehre stützt sich auf die Tatsachen und die
-Tatsachen stützen sich auf die Lehre.“</p>
-
-<p>Nachdem Herr Jeufroy ein Glas Wasser getrunken hatte, fuhr er fort:</p>
-
-<p>„Trotzdem Sie sie leugnen, glauben Sie daran. Die Welt, die durch zwölf
-Fischer bekehrt wird, das ist, so scheint mir, ein herrliches Wunder!“</p>
-
-<p>„Keineswegs!“</p>
-
-<p>Pécuchet erklärte das auf andere Weise.</p>
-
-<p>„Der Monotheismus kommt von den Hebräern, die Dreieinigkeit von den
-Indern, der Logos gehört Plato und die jungfräuliche Mutter Asien.“</p>
-
-<p>Gleichviel! Herr Jeufroy hielt am Übernatürlichen fest, wollte nicht
-zugeben, daß das Christentum den geringsten menschlichen Daseinsgrund
-habe, obgleich er bei allen Völkern Vorboten oder Entstellungen
-desselben sah. Die spottsüchtige Gottlosigkeit des achtzehnten
-Jahrhunderts, die hätte er geduldet; doch die moderne Kritik mit ihrer
-Höflichkeit brachte ihn außer sich.</p>
-
-<p>„Mir ist ein lästernder Atheist lieber als ein spitzfindiger Skeptiker!“</p>
-
-<p>Dann blickte er sie in herausfordernder Weise an, als wenn er sie
-verabschieden wolle.</p>
-
-<p>Pécuchet ging in melancholischer Stimmung nach Hause. Er hatte darauf
-gehofft, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen.</p>
-
-<p>Bouvard gab ihm diese Stelle aus Louis Hervieu zu lesen:</p>
-
-<p>„Um den trennenden Abgrund zu ermessen, stelle man ihre Axiome einander
-gegenüber:</p>
-
-<p>Die Vernunft sagt euch: Das Ganze umschließt den Teil; und der Glaube
-antwortet euch: Durch die Transsubstantiation hatte Jesus, während er
-mit seinen Jüngern das Abendmahl aß, seinen Körper in der Hand und sein
-Haupt im Munde.“</p>
-
-<p>„Die Vernunft sagt euch: Man ist nicht verantwortlich<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span> für anderer
-Verbrechen; und der Glaube antwortet: Durch die Erbsünde.“</p>
-
-<p>„Die Vernunft sagt euch: Drei ist drei; und der Glaube erklärt: Drei
-ist eins.“</p>
-
-<p>Sie verkehrten nicht mehr mit dem Abbé.</p>
-
-<p>Es war zur Zeit des Italienischen Krieges.</p>
-
-<p>Die gutgesinnten Leute zitterten für den Papst. Man schimpfte auf
-Emanuel. Frau von Noares stand nicht an, seinen Tod zu wünschen.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet protestierten nur schüchtern. Wenn die Tür des
-Salons sich vor ihnen öffnete und sie sich im Vorüberschreiten in den
-hohen Spiegeln sahen und durch die Fenster die Alleen erblickten, wo
-die rote Weste eines Dieners sich von dem Grün abhob, empfanden sie ein
-Wohlgefühl; und der Luxus dieser Sphäre machte sie gegen das, was man
-dort sagte, nachsichtig.</p>
-
-<p>Der Graf lieh ihnen die sämtlichen Werke des Herrn De Maistre. Er
-trug die darin enthaltenen Grundsätze in vertraulichem Kreise vor:
-vor Hurel, dem Pfarrer, dem Friedensrichter, dem Notar und dem
-Baron, seinem zukünftigen Schwiegersohn, der von Zeit zu Zeit für
-vierundzwanzig Stunden im Schloß zu Besuch weilte.</p>
-
-<p>„Das Schrecklichste,“ sagte der Graf, „ist der Geist von 89! Zuerst
-bestreitet man das Dasein Gottes; dann kritisiert man die Regierung;
-dann kommt die Freiheit; die Freiheit für Beschimpfungen, für
-Auflehnung, für Sinnenlust oder besser gesagt, die Freiheit alles
-drunter und drüber gehen zu lassen, so daß schließlich die Religion und
-die Staatsgewalt die Freiheitsschwärmer, die Häretiker ächten müssen.
-Die Folge war allerdings, daß man über Verfolgung zeterte, als wenn
-die Henker die Verbrecher verfolgten. Ich sage kurz: Kein Staat ohne
-Gott! Denn das Gesetz kann nur geachtet werden, wenn es von oben kommt,
-und gegenwärtig handelt es sich nicht um die Italiener, sondern darum,
-ob die Revolution oder der Papst, Satan oder Jesus Christus den Sieg
-davonträgt.“</p>
-
-<p>Herr Jeufroy gab seine Zustimmung durch kurze Zwischenrufe zu erkennen,
-Hurel durch ein Lächeln, der Friedensrichter durch Wiegen des Kopfes.
-Bouvard und Pécuchet blickten zur Decke; Frau von Noares, die Gräfin
-und<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span> Yolande machten Arbeiten für die Armen, und Herr von Mahurot sah,
-neben seiner Braut sitzend, die Zeitungen durch.</p>
-
-<p>Dann traten Pausen ein, in denen jeder in die Untersuchung eines
-Problems vertieft schien. Napoleon III. war kein Retter mehr, und er
-gab sogar ein bedauerliches Beispiel, indem er die Maurer Sonntags an
-den Tuilerien arbeiten ließ.</p>
-
-<p>„Das sollte nicht erlaubt sein,“ war die ständige Redensart des Herrn
-Grafen.</p>
-
-<p>Wirtschaftspolitik, schöne Künste, Literatur, Geschichte,
-wissenschaftliche Doktrinen, über alles entschied er in seiner
-Eigenschaft als Christ und Familienvater, und wollte Gott, daß die
-Regierung in dieser Hinsicht dieselbe Strenge zeigte, die er in seinem
-Hause walten ließ! Die Regierung allein hat zu entscheiden, inwieweit
-die Wissenschaft gefährlich ist; zu weit verbreitet, erregt sie beim
-Volke verhängnisvollen Ehrgeiz. Es war glücklicher, dieses arme Volk,
-als die vornehmen Herren und die Bischöfe den Absolutismus des Königs
-mäßigten. Jetzt beuteten die Industriellen es aus. Es wird in Sklaverei
-verfallen.</p>
-
-<p>Und alle beklagten den Verlust des alten Regimes: Hurel aus
-Unterwürfigkeit, Coulon aus Unwissenheit, Marescot als Künstler.</p>
-
-<p>Als Bouvard glücklich wieder zu Hause war, stärkte er sich an
-Lamettrie, Holbach usw.; und Pécuchet sagte einem Glauben Valet, der
-ein Mittel der Regierung geworden war. Herr von Mahurot hatte am
-Abendmahl teilgenommen, um dadurch einen vorteilhafteren Eindruck auf
-„die Damen“ zu machen, und wenn er zum Gottesdienste ging, so geschah
-es wegen der Dienstboten.</p>
-
-<p>Er war Mathematiker und Verehrer der Künste, spielte Walzer auf dem
-Klavier, bewunderte Töpffer und zeichnete sich durch eine Art vornehmer
-Skepsis aus. Was man über Mißbräuche der Feudalen, die Inquisition und
-die Jesuiten erzähle, seien Vorurteile, und er pries den Fortschritt,
-obschon er alles verachtete, was nicht Edelmann oder auf der
-Polytechnischen Hochschule gewesen war.</p>
-
-<p>Auch Herr Jeufroy mißfiel ihnen. Er glaubte an Zauberei, machte
-Scherze über die heidnischen Götter, versicherte,<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> daß alle Sprachen
-vom Hebräischen abgeleitet wären; seine Rhetorik beschränkte sich auf
-hergebrachte Wendungen; unfehlbar kam der zu Tode gehetzte Hirsch,
-Honig und Wermut, Gold und Blei, Spezereien, Urnen und der Vergleich
-der Seele des Christen mit dem Soldaten, die angesichts der Sünde sagen
-muß: „Hier ist kein Zugang für dich!“</p>
-
-<p>Um seinen Vorträgen zu entgehen, gingen sie so spät wie möglich ins
-Schloß.</p>
-
-<p>Eines Tages jedoch trafen sie ihn dort.</p>
-
-<p>Seit einer Stunde wartete er auf seine beiden Schüler. Plötzlich trat
-Frau von Noares ein.</p>
-
-<p>„Die Kleine ist verschwunden. Ich bringe Viktor. Ach! der Unselige!“</p>
-
-<p>Sie hatte in seiner Tasche einen silbernen Fingerhut gefunden, der seit
-drei Tagen vermißt wurde; dann von Schluchzen erstickt:</p>
-
-<p>„Das ist nicht alles! Das ist nicht alles! Während ich ihn schalt, hat
-er mir sein Hinterteil gezeigt.“</p>
-
-<p>Und ehe der Graf und die Gräfin zu Worte gekommen waren:</p>
-
-<p>„Übrigens bin ich schuld; verzeihen Sie mir!“</p>
-
-<p>Sie hatte ihnen verborgen, daß die beiden Waisen die Kinder des Touache
-wären, der jetzt im Zuchthaus saß.</p>
-
-<p>Was tun?</p>
-
-<p>Wenn der Graf sie fortschickte, waren sie verloren, und die Tat der
-Nächstenliebe würde ihm als eine Laune ausgelegt werden.</p>
-
-<p>Herr Jeufroy war nicht überrascht. Da der Mensch von Natur verderbt
-ist, muß man ihn züchtigen, um ihn zu bessern.</p>
-
-<p>Bouvard war anderer Ansicht. Milde sei besser.</p>
-
-<p>Aber der Graf erging sich noch einmal über die eiserne Faust, die bei
-Kindern wie für Völker unerläßlich sei. Diese hier steckten voller
-Laster; das kleine Mädchen sei lügnerisch, der Schlingel roh. Diesen
-Diebstahl wollte man schließlich entschuldigen; die Unverschämtheit
-niemals; die Erziehung mußte die Schule der Achtung sein.</p>
-
-<p>Also sollte Sorel, der Waldhüter, dem jungen Manne sogleich eine
-tüchtige Tracht Prügel verabfolgen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p>
-
-<p>Herr von Mahurot, der ihm etwas mitzuteilen hatte, übernahm den
-Auftrag. Im Vorzimmer griff er nach einer Flinte und rief Viktor, der
-mit gesenktem Kopf im Hofe stehen geblieben war.</p>
-
-<p>„Folge mir!“ sagte der Baron.</p>
-
-<p>Da der Weg zum Waldhüter wenig von der Richtung auf Chavignolles
-abführte, begleiteten Herr Jeufroy, Bouvard und Pécuchet den Baron.</p>
-
-<p>Hundert Schritte vom Schlosse bat er sie, nicht mehr zu sprechen,
-solange man am Gehölz entlang ginge.</p>
-
-<p>Das Gelände fiel bis zum Flußufer ab, wo sich große Felsblöcke erhoben.
-Der Fluß bildete goldene Flächen in der untergehenden Sonne. Auf der
-anderen Seite bedeckte sich das Grün der Hügel mit Dunkel. Ein scharfer
-Wind blies.</p>
-
-<p>Kaninchen kamen aus ihrem Bau und fraßen den Rasen ab.</p>
-
-<p>Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter, und die Kaninchen sprangen
-auf, überschlugen sich. Viktor stürzte sich darauf, um sie zu fassen,
-und keuchte, in Schweiß gebadet.</p>
-
-<p>„Du gehst schön mit deinen Sachen um!“ sagte der Baron.</p>
-
-<p>Seine zerfetzte Bluse war blutbefleckt.</p>
-
-<p>Der Anblick des Blutes widerstrebte Bouvard. Seiner Ansicht nach durfte
-man kein Blut vergießen.</p>
-
-<p>Herr Jeufroy erwiderte:</p>
-
-<p>„Die Umstände erfordern es zuweilen. Wenn der Schuldige nicht das
-seinige hergibt, so ist das eines andern nötig, eine Wahrheit, welche
-uns die Geschichte des Erlösers lehrt.“</p>
-
-<p>Nach Bouvards Ansicht hatte sie zu nichts genützt, da fast alle
-Menschen trotz des Opfers unseres Herrn verdammt seien.</p>
-
-<p>„Aber er erneuert es täglich im Abendmahl.“</p>
-
-<p>„Und das Wunder vollzieht sich durch Worte, auch wenn der Priester noch
-so unwürdig ist.“</p>
-
-<p>„Darin liegt das Geheimnis, mein Herr.“</p>
-
-<p>Indessen heftete Viktor die Augen auf die Flinte, versuchte sogar, sie
-zu berühren.</p>
-
-<p>„Davon bleiben mit den Pfoten!“</p>
-
-<p>Und Herr von Mahurot schlug einen Pfad durchs Gehölz ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span></p>
-
-<p>Der Geistliche hatte Pécuchet auf der einen, Bouvard auf der andern
-Seite, und er sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Achtung, Sie wissen, Debetur pueris.“</p>
-
-<p>Bouvard versicherte ihm, daß er sich vor dem Schöpfer demütige, aber
-er sei entrüstet, daß man einen Menschen aus ihm mache. „Man fürchtet
-seine Rache, man müht sich ihm zu Ehren ab, er hat alle Tugenden, einen
-Arm, ein Auge, eine Politik, eine Wohnung. Vater unser, der du bist im
-Himmel, was soll das heißen?“</p>
-
-<p>Und Pécuchet fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Die Welt hat sich erweitert, die Erde bildet nicht mehr den
-Mittelpunkt. Sie rollt unter einer unendlichen Anzahl ihresgleichen
-dahin. Viele übertreffen sie an Größe, und diese Herabsetzung unseres
-Erdballs ergibt eine erhabenere Vorstellung von Gott.“</p>
-
-<p>Also mußte die Religion sich ändern. Das Paradies mit seinen Seligen,
-die immer in Betrachtung versunken sind, immer singen und von oben auf
-die Marter der Verdammung herabschauen, ist etwas Kindisches. Wenn man
-daran denkt, daß das Christentum einen Apfel zur Grundlage hat!</p>
-
-<p>Der Pfarrer wurde ärgerlich.</p>
-
-<p>„Bestreiten Sie lieber gleich die Offenbarung, das ist einfacher.“</p>
-
-<p>„Wie kann Gott gesprochen haben?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Beweisen Sie, daß er nicht gesprochen hat!“ sagte Jeufroy.</p>
-
-<p>„Noch einmal, wer bestätigt Ihnen das?“</p>
-
-<p>„Die Kirche!“</p>
-
-<p>„Ein schönes Zeugnis!“</p>
-
-<p>Das Gespräch langweilte Herrn von Mahurot, und er sagte im
-Dahinschreiten:</p>
-
-<p>„Hören Sie doch auf den Pfarrer, er versteht das besser als Sie!“</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet verständigten sich durch Zeichen, daß sie einen
-anderen Weg einschlagen wollten, dann sagten sie am grünen Kreuz:</p>
-
-<p>„Recht guten Abend!“</p>
-
-<p>„Diener!“ sagte der Baron.</p>
-
-<p>Alles das würde Herrn von Faverges wiedererzählt werden,<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> und ein Bruch
-würde vielleicht die Folge sein. Um so schlimmer. Sie fühlten sich von
-diesen Aristokraten verachtet. Man lud sie nie zum Diner ein, und sie
-hatten Frau von Noares mit ihren ewigen Ermahnungen satt.</p>
-
-<p>Sie konnten jedoch den De Maistre nicht behalten, und etwa vierzehn
-Tage später machten sie wieder einen Besuch im Schloß im Glauben, sie
-würden nicht empfangen werden.</p>
-
-<p>Man nahm sie an.</p>
-
-<p>Die ganze Familie war im Boudoir versammelt. Hurel mit einbegriffen,
-und, was seltsam war, auch Foureau.</p>
-
-<p>Die Zucht hatte Viktor nicht gebessert. Er weigerte sich, seinen
-Katechismus zu lernen, und Viktorine gebrauchte schmutzige Worte. Kurz
-und gut, den Jungen würde man ins Korrektionshaus stecken, das kleine
-Mädchen in ein Kloster geben.</p>
-
-<p>Foureau hatte die nötigen Schritte übernommen, und er war im Begriff zu
-gehen, als die Gräfin ihn zurückrief.</p>
-
-<p>Man erwartete Herrn Jeufroy, um gemeinsam das Datum der Trauung
-festzusetzen, die viel früher auf dem Bürgermeisteramt als in der
-Kirche stattfinden sollte: man wollte zeigen, daß man der Ziviltrauung
-Hohn sprach.</p>
-
-<p>Foureau versuchte, sie zu verteidigen. Der Graf und Hurel griffen sie
-an. Was war die Behörde im Vergleich zum Priesteramt! &mdash; und der Baron
-würde sich nicht für verheiratet gehalten haben, wenn er nur vor einer
-dreifarbigen Schärpe getraut worden wäre.</p>
-
-<p>„Bravo!“ sagte Jeufroy, der eintrat. „Da die Ehe von Jesus eingesetzt
-ist...“</p>
-
-<p>Pécuchet unterbrach ihn: „In welchem Evangelium? In den apostolischen
-Zeiten dachte man so gering von ihr, daß Tertullian sie dem Ehebruch
-gleichsetzt.“</p>
-
-<p>„Ach! das wäre noch schöner!“</p>
-
-<p>„Aber ja! und sie ist kein Sakrament! Das Sakrament bedarf eines
-Symbols. Nennen Sie mir das Symbol der Ehe!“ Der Pfarrer antwortete
-vergebens, daß sie das Bündnis Gottes mit der Kirche darstelle. „Sie
-begreifen das Christentum nicht mehr! und das Gesetz...“</p>
-
-<p>„Es zeigt seine Spur,“ sagte Herr von Faverges; „ohne das Christentum
-würde es die Polygamie zulassen!“</p>
-
-<p>Eine Stimme erwiderte: „Was wäre schlimmes dabei?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span></p>
-
-<p>Es war Bouvard, der halb von einem Vorhang verborgen war.</p>
-
-<p>„Man kann mehrere Frauen haben wie die Patriarchen, die Mormonen, die
-Muselmanen, und trotzdem ein Ehrenmann sein!“</p>
-
-<p>„Nie und nimmer!“ rief der Priester. „Das Wesen des Ehrenmannes besteht
-darin, daß er jedem gibt, was er ihm schuldet. Wir schulden Gott
-Verehrung. Nur der Christ verdient den Namen Ehrenmann.“</p>
-
-<p>„Nicht mehr als andere,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Der Graf, der in dieser Entgegnung ein Attentat auf seinen Glauben sah,
-begann dessen Lob zu singen. Er habe die Sklaven befreit.</p>
-
-<p>Bouvard führte Stellen an, die das Gegenteil beweisen.</p>
-
-<p>„Sankt Paulus empfiehlt ihnen, ihren Herren wie Jesus zu gehorchen. &mdash;
-Sankt Ambrosius nennt die Knechtschaft eine Gabe Gottes.</p>
-
-<p>Der Levitikus, der Exodus und die Konzilien haben sie sanktioniert. &mdash;
-Bossuet stellt sie unter die Rechte der Menschen. &mdash; Und der Bischof
-Bouvier billigt sie.“</p>
-
-<p>Der Graf wandte ein, daß das Christentum nichtsdestoweniger die
-Zivilisation gefördert habe.</p>
-
-<p>„Und die Faulheit, indem es aus der Armut eine Tugend machte!“</p>
-
-<p>„Aber die Moral des Evangeliums lassen Sie doch wohl gelten?“</p>
-
-<p>„Nun, so gar moralisch ist diese Moral gerade nicht! Die Arbeiter der
-letzten Stunde werden ebenso bezahlt wie die der ersten. Man gibt dem,
-der hat, und nimmt dem, der nichts hat. Was die Lehre betrifft, einen
-Backenstreich zu empfangen, ohne ihn zu erwidern, und sich bestehlen zu
-lassen, so ermutigt sie die Frechen, die Feiglinge und die Schurken.“</p>
-
-<p>Die Entrüstung wurde noch größer, als Pécuchet erklärt hatte, daß ihm
-der Buddhismus ebenso lieb sei!</p>
-
-<p>Der Priester fing an zu lachen: „Ha, ha, ha! Der Buddhismus!“</p>
-
-<p>Frau von Noares rang die Hände: „Der Buddhismus!“</p>
-
-<p>„Wie..., der Buddhismus!“ wiederholte der Graf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span></p>
-
-<p>„Kennen Sie ihn?“ sagte Pécuchet zu Herrn Jeufroy, der sich in seinen
-Worten verfing.</p>
-
-<p>„Schön! Hören Sie! Besser als das Christentum und vor ihm hat er die
-Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt. Seine Regeln sind streng,
-seine Anhänger zahlreicher als die gesamte Christenheit, und was die
-Inkarnation betrifft, so gibt es bei Wischnu nicht eine, sondern neun!
-Also urteilen Sie selbst!“</p>
-
-<p>„Lügen von Reisenden,“ sagte Frau von Noares.</p>
-
-<p>„Die von den Freimaurern verbreitet werden,“ fügte der Pfarrer hinzu.</p>
-
-<p>Und alle sprachen zugleich: „Weiter doch, fahren Sie fort! &mdash; Sehr
-hübsch! &mdash; Ich finde das köstlich. &mdash; Nicht möglich!“ So daß Pécuchet
-aus der Haut fuhr und erklärte, er werde Buddhist werden!</p>
-
-<p>„Sie beleidigen christliche Frauen!“ sagte der Baron. Frau von Noares
-sank in einen Sessel. Die Gräfin und Yolande schwiegen. Der Graf rollte
-die Augen; Hurel wartete auf Weisungen. Der Abbé las in seinem Brevier,
-um seine Fassung nicht zu verlieren.</p>
-
-<p>Dieser Anblick beruhigte Herrn von Faverges, und die beiden
-Biedermänner betrachtend, sagte er: „Wer selbst kein makelloses Leben
-führt, der sollte, ehe er das Evangelium angreift, gut zu machen
-suchen, was...“</p>
-
-<p>„Gut zu machen suchen?“</p>
-
-<p>„Kein makelloses Leben?“</p>
-
-<p>„Genug! meine Herren! Sie werden mich verstehen!“ Dann sich an Foureau
-wendend: „Sorel ist benachrichtigt! Gehen Sie zu ihm!“ Und Bouvard und
-Pécuchet verließen das Haus ohne zu grüßen.</p>
-
-<p>Am Ende der Allee ließen sie alle drei ihren Groll aus: „Man behandelt
-mich wie einen Dienstboten,“ brummte Foureau, &mdash; und da die anderen ihm
-zustimmten, empfand er für sie trotz der Erinnerung an die Hämorrhoiden
-etwas wie Sympathie.</p>
-
-<p>Chausseearbeiter waren auf der Strecke beschäftigt. Der Mann, der sie
-beaufsichtigte, kam herbei; es war Gorju. Man begann ein Gespräch. Er
-überwachte das Aufschütten des Weges, dessen Anlage 1848 beschlossen
-war, und er verdankte die Stellung Herrn Ingenieur von Mahurot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span></p>
-
-<p>„Derselbe, der Fräulein von Faverges heiraten wird! Sie kommen wohl von
-dorther?“</p>
-
-<p>„Zum letzten Male!“ sagte Pécuchet schroff.</p>
-
-<p>Gorju machte ein Gesicht, als wenn er von nichts wüßte. „Ein
-Zerwürfnis! So, so!“</p>
-
-<p>Und wenn sie seine Miene hätten sehen können, als sie ihm den Rücken
-wandten, so hätten sie gemerkt, daß er den Grund witterte.</p>
-
-<p>Etwas weiter blieben sie vor einem umgitterten Stück Land mit
-Hundezwingern darauf stehen; daneben lag ein kleines Haus aus roten
-Ziegeln.</p>
-
-<p>Viktorine stand auf der Schwelle. Hundegebell ertönte. Die Frau des
-Hüters erschien.</p>
-
-<p>Da sie wußte, weshalb der Bürgermeister gekommen war, rief sie Viktor
-herbei.</p>
-
-<p>Alles war im voraus fertiggemacht, und die Habseligkeiten der Kinder
-lagen in zwei Taschentüchern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren.</p>
-
-<p>„Gute Reise!“ rief sie ihnen nach, überglücklich, dieses Ungeziefer
-loszuwerden.</p>
-
-<p>War es ihre Schuld, daß sie die Kinder eines Sträflings waren? Sie
-schienen doch ganz sanft zu sein und sich nicht einmal zu sorgen, wohin
-man sie bringen würde.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet betrachteten sie, wie sie vor ihnen dahinschritten.</p>
-
-<p>Viktorine summte undeutliche Worte vor sich hin, während sie ihr Tuch
-am Arme hielt wie eine Modistin, die eine Schachtel trägt. Zuweilen
-wandte sie sich um, und angesichts ihrer blonden Löckchen und ihrer
-reizenden Gestalt tat es Pécuchet leid, daß er nicht solch ein Kind
-hatte. Würde sie unter anderen Lebensbedingungen aufwachsen, so würde
-sie später entzückend werden. Welch ein Glück, sie heranwachsen zu
-sehen, jeden Tag ihr Vogelgezwitscher zu hören, sie so oft er wollte zu
-umarmen, &mdash; und ein Gefühl der Rührung stieg in ihm empor, feuchtete
-seine Wimpern und machte sein Herz ein wenig schwer.</p>
-
-<p>Viktor hatte sein Gepäck wie ein Soldat über den Rücken gelegt. Er
-pfiff, warf Steine nach den Krähen in den Furchen, lief unter die
-Bäume, um sich Stöcke zu schneiden; Foureau rief ihn zurück; und
-Bouvard, der ihn festhielt,<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> fühlte mit Wonne in seiner Hand diese
-gesunden und kräftigen Kinderfinger. Der arme kleine Teufel verlangte
-nur, sich frei entwickeln zu können wie eine Pflanze in frischer Luft!
-Und er sollte zwischen Mauern bei Schulstunden, Strafen und einer Menge
-von Dummheiten verkommen! Bouvard wurde von einem aufsässigen Mitleid
-erfaßt, einer Entrüstung gegen das Schicksal, einem jener Wutanfälle,
-in denen man die Obrigkeit vernichten möchte. „Lauf!“ sagte er,
-„vergnüge dich! Nütze die freie Zeit!“</p>
-
-<p>Der Bengel rannte davon.</p>
-
-<p>Seine Schwester und er sollten im Wirtshaus übernachten, &mdash; und bei
-Tagesanbruch sollte der Bote von Falaise Viktor mitnehmen, um ihn
-in der Strafanstalt zu Beaubourg abzuliefern; &mdash; eine Nonne des
-Waisenhauses zu Grand-Camp sollte Viktorine in Empfang nehmen.</p>
-
-<p>Nachdem Foureau diese Einzelheiten erzählt hatte, vertiefte er sich
-in seine Gedanken. Doch Bouvard wollte wissen, wieviel der Unterhalt
-dieser beiden Bälge kosten konnte.</p>
-
-<p>„Pah!... Eine Angelegenheit von dreihundert Franken vielleicht! Der
-Graf hat mir fünfundzwanzig Franken für die ersten Auslagen überwiesen!
-Welch ein Knicker!“</p>
-
-<p>Und Foureau, noch mit dem Groll über die Verachtung seiner Schärpe im
-Herzen, beschleunigte seine Schritte, ohne ein Wort zu sagen.</p>
-
-<p>Bouvard murmelte: „Sie tun mir leid. Ich möchte mich wohl mit ihnen
-befassen!“ &mdash; „Ich auch,“ sagte Pécuchet. Beiden war derselbe Gedanke
-gekommen.</p>
-
-<p>Es gab wohl Hindernisse?</p>
-
-<p>„Nicht die geringsten,“ erwiderte Foureau. Übrigens hatte er als
-Bürgermeister das Recht, Findelkinder wem ihm gut schien anzuvertrauen.
-&mdash; Und nach langem Zögern: „Schön, gut! Nehmen Sie sie mit! Das wird
-ihn ärgern.“</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet nahmen sie mit.</p>
-
-<p>Als sie nach Hause kamen, fanden sie Marcel, wie er unten im
-Treppenhause vor der Madonna kniete und mit Inbrunst betete. Den
-Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, den Mund mit der
-Hasenscharte weit aufgesperrt, so hatte er das Aussehen eines
-verzückten Fakirs.</p>
-
-<p>„Was für ein stumpfsinniger Kerl!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p>
-
-<p>„Warum? Vielleicht erlebt er Dinge, um die du ihn beneiden würdest,
-wenn du sie sähest. Gibt es nicht zwei vollständig verschiedene Welten?
-Der Inhalt eines Vernunftschlusses hat weniger Gewicht als die Art und
-Weise, wie man schließt. Was tut der Glaube! Die Hauptsache ist, daß
-man glaubt.“</p>
-
-<p>So wies Pécuchet Bouvards Bemerkung zurück.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="X">X</h2>
-
-</div>
-
-<p>Sie verschafften sich mehrere Werke über Erziehung, und der Weg,
-den sie einzuschlagen hatten, stand für sie fest. Man mußte jeden
-metaphysischen Gedanken fernhalten, die Experimentalmethode anwenden
-und dem Gang der Natur folgen. Da die beiden Zöglinge vergessen
-sollten, was sie gelernt hatten, so war Eile nicht vonnöten.</p>
-
-<p>Obwohl sie eine kräftige Konstitution hatten, wollte Pécuchet sie
-in spartanischer Weise abhärten, an das Ertragen von Hunger und
-Durst, an die Unbilden der Witterung gewöhnen, und sie sollten sogar
-durchlöchertes Schuhwerk tragen, um gegen Erkältungen gefeit zu sein.
-Dem widersetzte sich Bouvard.</p>
-
-<p>Die dunkle Kammer hinten am Flur wurde ihr Schlafzimmer. Die
-Ausstattung bestand in zwei Gurtbetten, zwei kleinen Lagerstätten,
-einem Kruge; das Guckfenster saß über ihren Köpfen, und Spinnen liefen
-an den Gipswänden entlang.</p>
-
-<p>Oft kam ihnen das Innere einer Hütte, in der man sich zankte, in die
-Erinnerung zurück.</p>
-
-<p>Ihr Vater war eines Nachts mit blutigen Händen zurückgekehrt. Einige
-Zeit darauf waren die Gendarmen gekommen. Dann hatten sie in einem
-Walde gewohnt. Männer, die Holzschuhe machten, küßten ihre Mutter.
-Sie war gestorben; ein Wägelchen hatte die Kinder fortgebracht. Man
-schlug sie viel; es ging ihnen erbärmlich. Dann sahen sie in der
-Erinnerung den Feldhüter wieder, Frau von Noares, Sorel; und ohne sich
-nach dem Grunde zu fragen, waren sie in diesem neuen Hause glücklich.
-Auch war ihr Erstaunen schmerzlich, als nach Verlauf von acht Monaten
-der Unter<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span>richt wieder begann. Bouvard befaßte sich mit der Kleinen,
-Pécuchet mit dem Jungen.</p>
-
-<p>Viktor konnte die Buchstaben unterscheiden, doch wollte es ihm nicht
-gelingen, Silben zu bilden. Er stotterte sie hervor, blieb plötzlich
-stecken und sah aus wie ein Idiot. Viktorine stellte Fragen. Woher
-kommt es, daß ch in „orchestre“ wie q und in „archéologique“ wie k
-gesprochen wird? Zuweilen muß man zwei Vokale verbinden, zu andern
-Malen sie abtrennen. Das alles hat keinen Sinn. Sie war entrüstet.</p>
-
-<p>Die Lehrer unterrichteten zur selben Stunde, jeder in seinem Zimmer,
-und da die Verbindungswand dünn war, bildeten diese vier Stimmen,
-eine dünne, eine tiefe und zwei hohe, eine scheußliche Katzenmusik.
-Um dem ein Ende zu machen und die beiden Bälge durch den Wetteifer
-anzustacheln, kamen sie auf den Gedanken, sie zusammen im Museum
-arbeiten zu lassen, und der Schreibunterricht begann.</p>
-
-<p>Die beiden Schüler schrieben jeder an einem Ende des Tisches eine
-Vorlage ab; aber ihre Körperhaltung war schlecht. Man mußte sie
-aufrichten, ihre Blätter fielen zur Erde, ihre Federn spalteten sich,
-das Tintenfaß fiel um.</p>
-
-<p>An gewissen Tagen ging es mit Viktorine die ersten drei Minuten gut,
-dann zeichnete sie Kritzeleien, und, von Entmutigung erfaßt, verharrte
-sie, den Blick zur Decke gerichtet. Viktor zögerte nicht einzuschlafen,
-wobei er sich mitten auf den Schreibtisch flegelte.</p>
-
-<p>Vielleicht litten sie? Eine zu starke Anspannung ist für junge Gehirne
-schädlich.</p>
-
-<p>„Machen wir eine Pause,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Nichts ist stumpfsinniger als auswendig lernen zu lassen; wenn man
-jedoch das Gedächtnis nicht übt, verliert es sich, und sie trichterten
-ihnen die ersten Fabeln Lafontaines ein. Die Kinder fanden Geschmack an
-der Ameise, die aufspeichert, an dem Wolf, der das Lamm frißt, an dem
-Löwen, der alle Teile für sich nimmt.</p>
-
-<p>Als sie kühner geworden waren, verwüsteten sie den Garten. Aber welch
-einen Zeitvertreib sollte man ihnen geben?</p>
-
-<p>Im „Emile“ rät Jean-Jacques dem Erzieher, den Zögling sein Spielzeug
-selbst machen zu lassen, indem er ihm etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> dabei hilft, ohne daß das
-Kind es merkt. Bouvard war nicht imstande, einen Reifen herzustellen;
-Pécuchet brachte es nicht fertig, einen Ball zu nähen. Sie gingen zu
-den belehrenden Spielen über, wie dem Ausschneiden. Pécuchet zeigte
-ihnen sein Mikroskop. Nachdem Bouvard eine Kerze angezündet hatte,
-bildete er mit dem Schatten seiner Finger auf der Wand den Umriß eines
-Hasen oder eines Schweins. Die Zuschauer hatten bald genug davon.</p>
-
-<p>Einige Verfasser preisen als Vergnügen ein ländliches Frühstück; einen
-Ausflug im Boot; war das, offen gesagt, tunlich? Und Fénelon empfiehlt
-von Zeit zu Zeit eine „harmlose Unterhaltung“. Unmöglich, auch nur eine
-einzige zu erfinden.</p>
-
-<p>Sie nahmen die Lehrstunden wieder auf, und die facettierten Kugeln, die
-Linienblätter, das zusammensetzbare Alphabet, das alles hatte keinen
-Erfolg, als sie auf eine List verfielen.</p>
-
-<p>Da Viktor zur Leckerei neigte, zeigte man ihm den Namen eines
-Gerichtes; bald las er fließend im „Französischen Koch“. Viktorine, die
-gefallsüchtig war, sollte ein Kleid bekommen, wenn sie darum an die
-Schneiderin schriebe. In weniger als drei Wochen vollbrachte sie dieses
-Wunder. Es hieß ihren Fehlern schmeicheln, was ein verderbliches, aber
-erfolgreiches Mittel war.</p>
-
-<p>Was sollte man ihnen jetzt, da sie lesen und schreiben konnten,
-beibringen? Neue Verlegenheit.</p>
-
-<p>Die Mädchen brauchen nicht gelehrt zu sein wie die Knaben. Gleichviel!
-Gewöhnlich erzieht man sie in wahrem Stumpfsinn, denn ihr ganzer
-geistiger Ballast beschränkt sich auf mystische Albernheiten.</p>
-
-<p>Ist es richtig, ihnen Sprachen beizubringen?</p>
-
-<p>„Spanisch und Italienisch“, so behauptet der Schwan von Cambray,
-„führen nur dazu, gefährliche Werke zu lesen.“ Dieser Einwand
-schien ihnen dumm. Indessen würde Viktorine mit diesen Sprachen
-nichts anzufangen wissen, während Englisch verbreiteter ist.
-Pécuchet studierte seine Regeln; er zeigte gravitätisch, wie ein th
-ausgesprochen wird. „Sieh, so, the, the, the!“ Doch bevor man an den
-Unterricht eines Kindes geht, muß man dessen Fähigkeiten kennen.
-Man erschließt sie durch die Phrenologie. Sie vertieften<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span> sich in
-diese Wissenschaft; wollten dann, was sie behauptet, an sich selbst
-nachweisen. Bouvard zeigte die Buckel des Wohlwollens, der Phantasie,
-der Ehrfurcht und der Liebesenergie, vulgo Erotismus.</p>
-
-<p>An Pécuchets Schläfenbein wurden philosophische Veranlagung und
-Enthusiasmus festgestellt, wozu sich der Geist der List gesellte.</p>
-
-<p>In der Tat, so waren ihre Charaktere. Noch mehr überraschte sie,
-daß sich bei dem einen wie bei dem andern der Hang zur Freundschaft
-erkennen ließ, und, entzückt über die Entdeckung, umarmten sie gerührt
-einander.</p>
-
-<p>Dann dehnten sie ihre Untersuchungen auf Marcel aus. Sein größter
-Fehler war ihnen recht wohl bekannt; es war sein außerordentlicher
-Appetit. Nichtsdestoweniger waren Bouvard und Pécuchet erschrocken, als
-sie oberhalb der Ohrmuschel in der Höhe des Auges den Nahrungstrieb
-feststellten. Mit den Jahren würde ihr Diener vielleicht wie die Frau
-in der Salpêtrière werden, die täglich acht Pfund Brot aß, einmal
-vierzehn Teller Suppe und ein anderes Mal sechzig Schalen Kaffee
-vertilgte. Das würde über ihre Kräfte gehen.</p>
-
-<p>Die Schädel ihrer Schüler hatten nichts Merkwürdiges; gewiß faßten sie
-die Sache nicht richtig an; ein sehr einfaches Mittel brachte ihnen
-größere Erfahrung.</p>
-
-<p>An den Markttagen schlichen sie sich unter die Bauern auf dem
-Platze, zwischen die Hafersäcke, die Käsekörbe, die Kälber, die
-Pferde, ohne des Gedränges zu achten; und wenn sie einen Jungen bei
-seinem Vater fanden, so erboten sie sich, ihm den Schädel zu einem
-wissenschaftlichen Zweck zu betasten.</p>
-
-<p>Die meisten gaben überhaupt keine Antwort; andere, die glaubten, es
-handle sich um eine Salbe gegen den Grind, schlugen ärgerlich ab;
-einige ließen sich aus Gleichgültigkeit unter die Vorhalle der Kirche
-führen, wo man ungestörter sein würde.</p>
-
-<p>Eines Morgens, als Bouvard und Pécuchet dort ihre Untersuchungen
-begannen, erschien plötzlich der Pfarrer, und als er sah, was sie
-machten, erhob er gegen die Phrenologie den Vorwurf, daß sie zum
-Materialismus und Fatalismus führe.</p>
-
-<p>Der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, sie brauchen ihre Verbrechen nur
-auf das Schuldkonto ihrer Buckel zu setzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span></p>
-
-<p>Bouvard wandte ein, daß das Organ für die Tat geneigt mache, ohne
-indessen dazu zu zwingen. Wenn ein Mensch den Keim eines Lasters in
-sich trage, sei damit noch nicht gesagt, daß er lasterhaft sein wird.</p>
-
-<p>„Übrigens bewundere ich die Orthodoxen; sie behaupten das Vorhandensein
-angeborener Ideen und wollen von den Trieben nichts wissen. Welch ein
-Widerspruch!“</p>
-
-<p>Doch nach Herrn Jeufroys Ansicht leugnete die Phrenologie die göttliche
-Allmacht, und es sei ungehörig, sie im Schatten des heiligen Ortes, gar
-angesichts des Altars, auszuüben.</p>
-
-<p>„Nein, nicht hier! Ich bitte Sie, nicht hier!“</p>
-
-<p>Sie ließen sich bei dem Friseur Ganot nieder. Um jedes Bedenken zu
-besiegen, verstanden sich Bouvard und Pécuchet dazu, auf eigene Kosten
-die Eltern rasieren oder frisieren zu lassen.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags kam der Doktor, um sich das Haar schneiden zu lassen.
-Während er sich in den Sessel setzte, sah er im Spiegel, wie die beiden
-Phrenologen mit ihren Fingern auf den Kinderköpfen herumfuhren.</p>
-
-<p>„Sind Sie jetzt bei diesem Unsinn angelangt?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Warum Unsinn?“</p>
-
-<p>Vaucorbeil lächelte verächtlich, dann versicherte er, es gäbe im Gehirn
-keineswegs mehrere Organe.</p>
-
-<p>So verdaue der eine Mensch ein Nahrungsmittel, welches einem andern
-nicht bekommt. Solle man deshalb im Magen ebensoviele Mägen annehmen
-als es Geschmäcker gibt? Indessen lasse eine Arbeit von einer anderen
-ausruhen, eine geistige Anstrengung nähme nicht zugleich alle
-Fähigkeiten in Anspruch, jede habe einen besonderen Sitz.</p>
-
-<p>„Die Anatomen haben ihn nicht gefunden,“ sagte Vaucorbeil.</p>
-
-<p>„Weil sie nicht richtig seziert haben,“ erwiderte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Na ja; sie zerlegen in Schnitte, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang
-der Teile,“ sagte Pécuchet, eine Stelle aus einem Buche zitierend,
-deren er sich erinnerte.</p>
-
-<p>„Das ist dummes Geschwätz,“ rief der Arzt. „Der Schädel modelt sich
-nicht nach dem Gehirn, das Äußere nicht nach dem Innern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span></p>
-
-<p>Gall irrt, und ich wette, daß Sie die Richtigkeit seiner Lehre nicht
-erweisen können, wenn Sie aufs Geratewohl drei Personen im Laden
-vornehmen.“</p>
-
-<p>Die erste war eine Bäuerin mit blauen Glotzaugen.</p>
-
-<p>Pécuchet sagte, sie beobachtend:</p>
-
-<p>„Sie hat ein gutes Gedächtnis.“</p>
-
-<p>Ihr Gatte bestätigte es und bot sich selbst zur Untersuchung an.</p>
-
-<p>„O! Ihr, mein Guter, Ihr seid schwer zu leiten.“</p>
-
-<p>Die anderen sagten aus, daß es auf der Welt keinen größeren Starrkopf
-gäbe.</p>
-
-<p>Der dritte Versuch wurde mit einem Knaben angestellt, der von seiner
-Großmutter begleitet war.</p>
-
-<p>Pécuchet erklärte, er müsse die Musik lieben.</p>
-
-<p>„Das kann man wohl sagen,“ sagte die gute Frau; „zeig das gerade diesen
-Herren doch mal.“</p>
-
-<p>Der Junge zog eine Maultrommel aus seiner Bluse und begann
-hineinzublasen.</p>
-
-<p>Man hörte ein Krachen; es war die Tür, die der davoneilende Doktor
-heftig zuschlug.</p>
-
-<p>Sie zweifelten nicht mehr an sich selbst, riefen ihre Zöglinge und
-begannen die Untersuchung ihrer Hirnschalen von neuem.</p>
-
-<p>Diejenige Viktorinens war im großen ganzen glatt, was ein Zeichen von
-Gleichgewicht war; aber ihr Bruder hatte einen beklagenswerten Schädel:
-eine starke Erhöhung im Winkel des Scheitelbeinansatzes ließ das
-Organ der Zerstörung, des Mordes erkennen, und weiter unten war eine
-Anschwellung, das Zeichen der Begehrlichkeit, des Diebstahls. Bouvard
-und Pécuchet waren acht Tage lang darob bekümmert.</p>
-
-<p>Aber man mußte genau auf den Sinn der Worte achten: was man Kampflust
-nennt, schließt die Verachtung des Todes ein. Wenn dadurch Mordtaten
-vollbracht werden, so kann auch manches Menschenleben dadurch gerettet
-werden. Der Erwerbssinn umfaßt die Schlauheit der Betrüger und den
-Eifer der Kaufleute. Die Unehrerbietigkeit läuft dem kritischen Geiste
-parallel, die List der Umsicht. Stets teilt sich ein Instinkt in
-zwei Richtungen: in eine schlechte und eine gute. Man kann die eine
-unterdrücken,<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> indem man die andere pflegt, und vermittels dieser
-Methode kann ein kühnes Kind es bis zum General bringen, das sonst ein
-Raubmörder geworden wäre. Der Feigling wird nur noch Vorsicht zeigen,
-der Geizhals Sparsamkeit, der Verschwender Großmut.</p>
-
-<p>Ein glänzender Traum beschäftigte sie: wenn sie die Erziehung ihrer
-Zöglinge zu einem guten Ende geführt hätten, wollten sie später eine
-Anstalt gründen, deren Zweck es sein sollte, den Verstand zu bilden,
-schädliche Charakteranlagen zu bekämpfen, das Gemüt zu veredeln. Sie
-sprachen schon von Geldzeichnungen und dem Gebäude.</p>
-
-<p>Ihr Triumph bei Ganot hatte sie berühmt gemacht, und es kamen Leute,
-die wissen wollten, was für Chancen sie im Leben hätten.</p>
-
-<p>Es marschierten ihrer von allen Arten auf: Schädel von Kugel-, Birnen-
-und Zuckerhutform, viereckige, hohe, zusammengedrückte, abgeplattete,
-solche mit Rinderschnauzen, Vogelgesichtern, Schweinsaugen; doch
-eine solche Menge Menschen störte den Friseur bei seiner Arbeit. Die
-Ellbogen streiften den Glasschrank, der die Parfumerien enthielt;
-man brachte die Kämme in Unordnung, der Waschtisch zerbrach, und der
-Friseur setzte alle Wißbegierigen an die Luft, indem er Bouvard und
-Pécuchet bat, ihnen nachzufolgen, ein Ultimatum, in das sie sich ohne
-Murren fügten, denn sie waren die Schädelbeobachtung ein wenig leid
-geworden.</p>
-
-<p>Als sie am folgenden Morgen an dem Gärtchen des Hauptmanns vorbeikamen,
-bemerkten sie ihn im Gespräch mit Girbal, Coulon, dem Feldhüter und
-dessen jüngstem Sohn Zéphyrin, der als Chorknabe angezogen war. Sein
-Gewand war ganz neu; er spazierte darin umher, bevor es wieder in die
-Sakristei wanderte, und man bewunderte ihn darin.</p>
-
-<p>Neugierig zu erfahren, was sie von seinem Sohne dächten, bat
-Placquevent die Herren, den Schädel seines Jungen zu untersuchen.</p>
-
-<p>Die Stirnhaut sah aus, als ob sie gespannt wäre; eine dünne, an der
-Spitze recht knorpelige Nase senkte sich schräg auf schmale Lippen; das
-Kinn war spitz, der Blick unstät, die rechte Schulter zu hoch.</p>
-
-<p>„Nimm deine Mütze ab,“ sagte der Vater zu ihm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span></p>
-
-<p>Bouvard fuhr mit seinen Händen in das strohgelbe Haar des Knaben; dann
-kam Pécuchet an die Reihe, und mit leiser Stimme teilten sie einander
-ihre Beobachtungen mit: „Lebenstrieb ausgeprägt. Ha, ha! Gefallsucht!
-Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden! Liebestrieb gleich Null.“</p>
-
-<p>„Nun?“ sagte der Feldhüter.</p>
-
-<p>Pécuchet öffnete seine Schnupftabakdose und nahm eine Prise.</p>
-
-<p>„Meiner Treu,“ erwiderte Bouvard, „das ist nicht weit her.“</p>
-
-<p>Placquevent errötete vor gekränkter Eigenliebe.</p>
-
-<p>„Er wird trotzdem tun, was ich will.“</p>
-
-<p>„O! o!“</p>
-
-<p>„Aber ich bin sein Vater, zum Teufel! und ich habe wohl das Recht...“</p>
-
-<p>„Bis zu einem gewissen Grade,“ erwiderte Pécuchet.</p>
-
-<p>Girbal unterbrach:</p>
-
-<p>„Die väterliche Autorität ist unbestreitbar.“</p>
-
-<p>„Aber wenn der Vater ein Idiot ist?“</p>
-
-<p>„Tut nichts“, sagte der Hauptmann, „deswegen ist seine Gewalt nicht
-weniger absolut.“</p>
-
-<p>„Im Interesse der Kinder,“ fügte Coulon hinzu.</p>
-
-<p>Nach Bouvards und Pécuchets Auffassung waren die Kinder den Urhebern
-ihrer Tage nichts schuldig, dagegen waren die Eltern ihren Sprößlingen
-gegenüber zur Ernährung, Erziehung, zu entgegenkommender Behandlung,
-kurz zu allem verpflichtet.</p>
-
-<p>Die Bürger erhoben gegen diese unmoralische Anschauung Einspruch. Sie
-verletzte Placquevent wie eine Beleidigung.</p>
-
-<p>„Zudem sind die nett, die Sie auf der Landstraße auflesen; sie werden
-es weit bringen! Nehmen Sie sich in acht!“</p>
-
-<p>„In acht wovor?“ fragte Pécuchet scharf.</p>
-
-<p>„O! ich habe keine Angst vor Ihnen!“</p>
-
-<p>„Ich ebensowenig vor Ihnen!“</p>
-
-<p>Coulon trat vermittelnd dazwischen, brachte den Feldhüter zur Mäßigung
-und veranlaßte ihn, fortzugehen.</p>
-
-<p>Ein paar Minuten sagte niemand ein Wort. Dann sprach man von den
-Dahlien des Hauptmanns, der seinen Besuch nicht fortließ, ohne sie eine
-nach der andern gezeigt zu haben.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet waren auf dem Heimwege, als sie hundert Schritte
-vor sich Placquevent erblickten; neben ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> hob Zéphyrin die Arme wie
-als Schild, um sich gegen Ohrfeigen zu schützen.</p>
-
-<p>Was sie soeben gehört hatten, verkörperte unter anderen Formen die
-Ideen des Herrn Grafen; aber das Beispiel ihrer Zöglinge sollte
-beweisen, wie sehr die Freiheit dem Zwange überlegen ist. Ein wenig
-Zucht war indessen notwendig.</p>
-
-<p>Pécuchet nagelte einen Stundenplan für die Vorträge in das Museum;
-man wollte ein Tagebuch führen, in dem abends alles, was die Kinder
-tagsüber getan hatten, aufgezeichnet werden sollte, um am nächsten
-Morgen wieder durchgelesen zu werden. Alles sollte nach Glockenzeichen
-vor sich gehen. Wie Dupont von Nemours wollten sie zuerst in
-väterlicher Weise ermahnen, dann in militärischer, und das Du wurde
-untersagt.</p>
-
-<p>Bouvard versuchte, Viktorine Rechenunterricht zu geben. Manchmal
-verrechneten sie sich und lachten beide darüber; dann küßte sie ihn auf
-den Hals an der Stelle, wo kein Bart war, und bat, fortgehen zu dürfen;
-er entließ sie.</p>
-
-<p>Pécuchet mochte, wenn die Zeit der Lehrstunden nahte, das
-Glockenzeichen geben, so oft er wollte, und militärische Befehle aus
-dem Fenster herausschreien, der Schlingel kam nicht. Seine Halbstrümpfe
-hingen ihm immer auf die Knöchel; er steckte seine Finger selbst
-bei Tisch in die Nase und hielt seine Gase nicht an sich. Broussais
-widerrät, in dieser Beziehung Verweise zu geben, „denn man muß dem
-Antrieb eines erhaltenden Instinktes gehorchen.“</p>
-
-<p>Viktorine und ihr Bruder bedienten sich eines scheußlichen
-Kauderwelsch. Sie sagten: „mé itou“ statt „moi aussi“, „bère“ statt
-„boire“, „al“ statt „elle“, ein „devientiau“, „de l’iau“; doch da
-die Grammatik für Kinder unverständlich ist und sie diese kennen,
-sobald sie richtig zu sprechen vermögen, so überwachten die beiden
-Biedermänner die Gespräche der Kinder in einer Weise, daß es ihnen
-allen eine Last war.</p>
-
-<p>In der Geographie gingen ihre Ansichten auseinander. Bouvard meinte,
-es sei logischer, mit der Gemeinde anzufangen, Pécuchet, mit der
-Gesamtheit der Welt.</p>
-
-<p>Mit einer Gießkanne und Sand wollte er zeigen, was ein Fluß, eine
-Insel, ein Meerbusen sei, und er opferte sogar drei Beete für die
-drei Erdteile; aber das, worauf es ankam, fand in Viktors Kopf keinen
-Eingang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span></p>
-
-<p>In einer Januarnacht führte Pécuchet ihn ins freie Feld. Während sie
-dahingingen, sang er das Lob der Astronomie; sie sei den Seeleuten
-auf ihren Reisen nützlich; Christoph Columbus hätte ohne sie seine
-Entdeckung nicht gemacht. Wir schulden Copernikus, Galilei und Newton
-Dank.</p>
-
-<p>Es fror stark, und am schwarzblauen Himmel glitzerten eine Unmenge von
-Sternen. Pécuchet hob die Augen empor.</p>
-
-<p>„Was, wo ist der große Bär?“</p>
-
-<p>Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, stand er an einer andern
-Stelle; schließlich erkannte er ihn, dann zeigte er den Polarstern, der
-immer im Norden steht und nach dem man sich orientiert.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen stellte er in die Mitte des Salons einen Sessel und
-begann, um ihn herumzuwalzen.</p>
-
-<p>„Denke dir, dieser Sessel sei die Sonne und ich sei die Erde; sie
-bewegt sich in dieser Weise.“</p>
-
-<p>Viktor betrachtete ihn voll Staunen.</p>
-
-<p>Dann nahm Pécuchet eine Apfelsine, steckte ein Stäbchen hinein, das
-die Pole andeuten sollte, und zog um sie mit Kohle einen Kreis, der
-den Äquator bedeuten sollte. Darauf führte er die Apfelsine um eine
-Kerze herum und wies darauf hin, daß nicht alle Punkte der Oberfläche
-gleichzeitig erhellt seien, wodurch die klimatischen Unterschiede
-hervorgerufen würden; und um den Wechsel der Jahreszeiten zu erklären,
-neigte er die Apfelsine; denn die Erde hält sich nicht gerade, was
-Ursache der Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden ist.</p>
-
-<p>Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich
-um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang
-fest umschließe.</p>
-
-<p>Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor
-von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen
-nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den
-Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles
-würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden.</p>
-
-<p>Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf
-den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch
-Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an
-die allgemeine<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span> Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist,
-darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte
-kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische,
-der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt.
-Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das
-Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von
-Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des
-heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“
-des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von
-„A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“.</p>
-
-<p>Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander.
-Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und
-die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth.</p>
-
-<p>Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor
-vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik
-Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen!
-Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen
-erlernen. Er sollte also lesen.</p>
-
-<p>Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun
-hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu
-geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte.</p>
-
-<p>Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei
-Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas
-und Rahmen das Museum schmücken sollten.</p>
-
-<p>Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück
-Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach
-einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich
-unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber
-die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel
-herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als
-ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er
-erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst
-besteht aus drei<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span> Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der
-feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich.
-Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister
-hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken
-Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf
-die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam
-niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers.</p>
-
-<p>Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins.
-Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete,
-hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz
-hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten
-Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und
-Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte
-Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu
-erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß
-sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei
-beibringen.</p>
-
-<p>Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge
-eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem
-die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen.
-Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber
-das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem
-Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes
-gemein.</p>
-
-<p>Eines Tages fragte Viktorine: „Woher kommt es, daß das Holz brennt?“
-Ihre Lehrmeister tauschten verlegene Blicke aus, da die Theorie der
-Verbrennung über ihr Wissen hinausging.</p>
-
-<p>Ein anderes Mal sprach Bouvard von der Suppe bis zum Käse von den
-Bestandteilen der Ernährung und schüchterte die beiden Kleinen mit
-Faserstoff, Kasein, Fett und Glutin ein.</p>
-
-<p>Dann wollte Pécuchet ihnen erklären, wie sich das Blut erneuert, und er
-verhedderte sich, als er vom Kreislauf sprach.</p>
-
-<p>Das Dilemma ist recht unbequem; geht man von den Tatsachen aus, so
-erheischt die einfachste zu verwickelte<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span> Gründe, und stellt man
-zunächst die Prinzipien auf, so beginnt man mit dem Absoluten, dem
-Glauben.</p>
-
-<p>Wozu sich entschließen? Die beiden Unterrichtsmethoden, die
-rationalistische und die empirische, verbinden? Aber ein doppeltes
-Mittel, das demselben Zweck dienen soll, ist das Gegenteil von Methode!
-Na, um so schlimmer!</p>
-
-<p>Um die Kinder in die Naturgeschichte einzuführen, unternahmen sie
-einige wissenschaftliche Spaziergänge.</p>
-
-<p>„Da siehst du“, sagten sie, auf einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen
-zeigend, „Tiere mit vier Füßen; man nennt sie Vierfüßler. Gewöhnlich
-haben die Vögel Federn, die Reptilien Schuppen, und die Schmetterlinge
-gehören der Klasse der Insekten an.“ Sie hatten ein Netz, um sie
-einzufangen, und während Pécuchet das Tierchen vorsichtig hielt, zeigte
-er ihnen die vier Flügel, die sechs Füße, die beiden Fühler und den
-harten Rüssel, durch den es den Nektar der Blumen schlürft.</p>
-
-<p>Er sammelte Heilkräuter an den Rändern der Gräben, nannte ihre Namen,
-und wenn er sie nicht wußte, so erfand er welche, um seine Autorität
-nicht zu schädigen. Übrigens sind die Namen in der Botanik das
-Unwichtigste.</p>
-
-<p>Er schrieb folgenden Lehrsatz an die Tafel: Jede Pflanze hat Blätter,
-einen Kelch und eine Blumenkrone, die einen Fruchtknoten oder eine
-Fruchthülle umschließt; darin ist der Same enthalten. Dann befahl er
-seinen Zöglingen, im Felde zu botanisieren und die erstbesten Blumen zu
-pflücken.</p>
-
-<p>Viktor brachte ihm Butterblumen, Viktorine Büschel der Erdbeerstaude;
-er suchte vergeblich nach einer Fruchthülle.</p>
-
-<p>Bouvard, der Pécuchets Kenntnissen mißtraute, stöberte die ganze
-Bibliothek durch und entdeckte im „Redouté des Dames“ die Zeichnung
-einer Iris, bei der die Fruchtknoten nicht in der Blumenkrone lagen,
-sondern unterhalb der Blütenblätter im Stengel.</p>
-
-<p>In ihrem Garten wuchsen Klebe und Waldmeister, der in Blüte stand;
-diese Rubiazeen hatten keinen Kelch; so war der an die Tafel
-geschriebene Lehrsatz falsch.</p>
-
-<p>„Das ist eine Ausnahme,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Zufällig aber fanden sie im Grase eine Sherardia, und sie hatte einen
-Kelch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span></p>
-
-<p>„O weh! wenn sogar die Ausnahmen nicht stimmen, was soll man glauben?“</p>
-
-<p>Eines Tages hörten sie auf einem ihrer Spaziergänge Pfauen schreien,
-warfen einen Blick über die Mauer, und im ersten Augenblicke erkannten
-sie ihren Pachthof nicht wieder. Die Scheune hatte ein Schieferdach,
-es waren neue Gattertore da, eine Steinauflage deckte die Wege. Vater
-Gouy erschien: „Nicht möglich, Sie sind es?“ Was hatte sich in den drei
-Jahren nicht alles ereignet, unter anderm der Tod seiner Frau. Was ihn
-selbst beträfe, so trotze seine Gesundheit allen Stürmen. „Kommen Sie
-doch einen Augenblick herein.“</p>
-
-<p>Es war Anfang April, und in den drei Obsthöfen reihten die blühenden
-Apfelbäume ihre weißen und rosigen Ballen in einer Flucht aneinander;
-der seidigblaue Himmel zeigte nicht eine Wolke; Tischtücher,
-Laken, Servietten hingen herab, senkrecht durch Holzklammern an
-aufgespannten Leinen festgehalten. Vater Gouy hob sie hoch, um
-darunter durchzukriechen, als sie plötzlich Frau Bordin erblickten,
-die barhäuptig und in einer Hausjacke war, und Marianne, die ihr ein
-schweres Wäschebündel nach dem andern reichte. „Ihre Dienerin, meine
-Herren! Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären! Ich muß mich setzen, ich
-bin wie zerschlagen.“</p>
-
-<p>Der Pächter bot der ganzen Gesellschaft einen Trunk an.</p>
-
-<p>„Jetzt nicht,“ sagte sie, „ich bin zu warm.“</p>
-
-<p>Pécuchet nahm an und verschwand mit Vater Gouy, Marianne und Viktor in
-der Richtung der Vorratskammer.</p>
-
-<p>Bouvard setzte sich neben Frau Bordin auf die Erde.</p>
-
-<p>Er empfing pünktlich seine Rente, konnte sich nicht beklagen und war
-ihr nicht mehr gram.</p>
-
-<p>Das Licht fiel voll auf ihr Profil; ihr dunkles glattgescheiteltes
-Haar war auf der einen Seite herabgefallen, und die kleinen Löckchen
-im Nacken klebten an ihrer bernsteinfarbenen Haut, die feucht von
-Schweiß war. Ihre beiden Brüste hoben sich bei jedem Atemzuge. Der Duft
-des Rasens vermischte sich mit dem angenehmen Geruch ihres gesunden
-Fleisches, und Bouvard fühlte ein Wiedererwachen seiner Sinne, das
-ihn mit Freude erfüllte. Da sagte er ihr Schmeichelhaftes über ihre
-Besitzung.</p>
-
-<p>Sie war entzückt und sprach von ihren Plänen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p>
-
-<p>Um die Höfe zu vergrößern, wollte sie die Erdwälle niederlegen lassen.</p>
-
-<p>Gerade in dem Augenblicke erklomm Viktorine deren Böschung und pflückte
-Primeln, Hyazinthen und Veilchen, ohne Furcht vor einer alten Mähre,
-die am Fuße das Gras abfraß.</p>
-
-<p>„Sie ist niedlich, nicht wahr?“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>„Ja, das ist etwas Nettes, ein kleines Mädchen!“</p>
-
-<p>Und die Witwe stieß einen Seufzer aus, der den langen Kummer eines
-ganzen Lebens in sich zu schließen schien.</p>
-
-<p>„Sie hätten Kinder haben können.“</p>
-
-<p>Sie senkte den Kopf.</p>
-
-<p>„Es hat nur an Ihnen gelegen.“</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>Er warf ihr einen Blick zu, daß sie errötete, wie unter der Empfindung
-einer brutalen Zärtlichkeit; doch sie sagte sogleich, sich mit dem
-Taschentuche Luft zufächelnd:</p>
-
-<p>„Sie haben den Anschluß verpaßt, mein Lieber.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe nicht.“</p>
-
-<p>Und ohne aufzustehen, näherte er sich ihr.</p>
-
-<p>Sie schaute ihn lange von Kopf bis zu Fuß an; dann sagte sie lächelnd,
-mit feuchten Augen:</p>
-
-<p>„Es war Ihre Schuld.“</p>
-
-<p>Die Laken rings schlossen sie wie die Vorhänge eines Bettes ein.</p>
-
-<p>Er neigte sich, auf seinen Ellbogen gestützt, und streifte ihre Knie
-mit seinem Gesichte.</p>
-
-<p>„Warum? Wieso? Warum?“</p>
-
-<p>Und da sie schwieg und er in einer Stimmung war, wo die Schwüre einem
-leicht werden, versuchte er, sich zu rechtfertigen, klagte sich der
-Torheit, der Vermessenheit an:</p>
-
-<p>„Verzeihung! Es soll wie früher sein! Wollen Sie?“</p>
-
-<p>Und er hatte ihre Hand ergriffen, die sie in der seinigen ließ.</p>
-
-<p>Ein plötzlicher Windstoß hob die Laken, und sie sahen zwei Pfauen,
-ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen hielt sich regungslos mit
-eingeknickten Beinen, das Hinterteil emporgestreckt. Das Männchen
-spazierte um es herum, schlug sein Rad, blähte sich, gluckste, sprang
-dann darauf, indem es sein Gefieder niederschlug; seine Federn<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span>
-bedeckten das Weibchen wie eine Laube, und die beiden Vögel erzitterten
-in demselben Liebesschauer.</p>
-
-<p>Bouvard fühlte ihn in der Handfläche Frau Bordins. Sie machte sich
-hastig frei. Vor ihnen stand mit offenem Munde und wie versteinert der
-kleine Viktor und schaute zu; etwas weiter lag Viktorine in der vollen
-Sonne auf dem Rücken und sog den Duft all der Blumen ein, die sie
-gepflückt hatte.</p>
-
-<p>Der alte Gaul, durch die Pfauen erschreckt, zerriß ausschlagend eine
-der Leinen, verwickelte sich mit den Beinen hinein und zog, während er
-in den drei Höfen herumgaloppierte, die Wäsche mit sich.</p>
-
-<p>Auf das wütende Geschrei Frau Bordins eilte Marianne herbei. Der Vater
-Gouy verfluchte sein Pferd: „Schuft von einem Gaul! Schindmähre!
-Spitzbube!“ &mdash; versetzte ihm Fußtritte in den Leib und Schläge mit dem
-Peitschenstiel auf die Ohren.</p>
-
-<p>Bouvard war entrüstet, daß man ein Pferd schlug.</p>
-
-<p>Der Bauer antwortete:</p>
-
-<p>„Das darf ich: es gehört mir!“</p>
-
-<p>Das sei kein Grund.</p>
-
-<p>Und Pécuchet, der dazukam, fügte hinzu, daß auch die Tiere ihre Rechte
-hätten, denn sie hätten eine Seele wie wir, vorausgesetzt, daß die
-unsrige überhaupt existiere.</p>
-
-<p>„Sie sind ein gottloser Mensch!“ rief Frau Bordin.</p>
-
-<p>Dreierlei versetzte sie in Ärger: die neu zu waschende Wäsche, die
-Beleidigung dessen, was sie glaubte, und die Furcht, soeben in einer
-verdächtigen Situation gesehen worden zu sein.</p>
-
-<p>„Ich hätte Sie für vorurteilsloser gehalten!“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Sie erwiderte in verweisendem Tone:</p>
-
-<p>„Ich liebe die lockeren Vögel nicht!“</p>
-
-<p>Und Gouy machte die Herren für die Beschädigung seines Pferdes
-verantwortlich, das aus den Nüstern blutete. Er brummte ganz leise:</p>
-
-<p>„Verdammte Unglückskerle! Ich wollte es anbinden, da kamen sie.“</p>
-
-<p>Die beiden Biedermänner gingen achselzuckend davon.</p>
-
-<p>Viktor fragte sie, warum sie sich mit Gouy gezankt hätten.</p>
-
-<p>„Er mißbraucht seine Kraft, das ist unrecht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span></p>
-
-<p>„Warum ist das unrecht?“</p>
-
-<p>Sollten die Kinder keine Vorstellung von Gerechtigkeit haben?
-Vielleicht.</p>
-
-<p>Und noch denselben Abend begann Pécuchet, während er Bouvard zur
-Rechten, vor sich ein paar Aufzeichnungen und gegenüber die beiden
-Zöglinge hatte, einen Kursus der Moral.</p>
-
-<p>Diese Wissenschaft lehrt uns die Grundsätze, nach denen wir unser
-Handeln einzurichten haben.</p>
-
-<p>Es hat zwei Motive: das Vergnügen und das Interesse; und ein drittes
-gebieterischeres: die Pflicht.</p>
-
-<p>Die Pflichten zerfallen in zwei Klassen: erstens in solche gegen uns
-selbst, die darin bestehen, unsern Körper zu pflegen, uns vor allerlei
-Unbill zu schützen. Die Kinder begriffen das vollkommen. Zweitens in
-Pflichten gegen die andern, das heißt, man soll stets ohne Falsch,
-gütig und sogar brüderlich sein, denn das Menschengeschlecht bildet
-nur eine große Familie. Oft sagt uns etwas zu, das unsern Mitmenschen
-schadet; das Interesse ist vom Guten verschieden, denn der Begriff des
-Guten läßt sich auf keinen andern Begriff zurückführen. Die Kinder
-verstanden nicht. Er verschob die Strafen, die die Verletzung der
-Pflichten nach sich zieht, auf das nächste Mal.</p>
-
-<p>Bei alledem habe er, so meinte Bouvard, das Gute nicht definiert.</p>
-
-<p>„Wie willst du es definieren? Man fühlt es.“</p>
-
-<p>Dann würden die moralischen Unterweisungen nur moralischen Leuten
-zukommen, und Pécuchets Vorlesung wurde nicht fortgesetzt.</p>
-
-<p>Sie ließen ihre Zöglinge die kleinen Geschichten lesen, die darauf
-abzielen, Liebe zur Tugend zu erwecken. Sie langweilten Viktor tödlich.</p>
-
-<p>Um seine Einbildungskraft anzuregen, hing Pécuchet an die Wände
-seines Zimmers Bilder, die das Leben des ordentlichen Menschen und
-das des liederlichen darstellten. Der erstere, Adolf, umarmte seine
-Mutter, lernte eifrig Deutsch, half einem Blinden und kam auf die
-polytechnische Hochschule.</p>
-
-<p>Der liederliche, Eugen, fing mit Ungehorsam gegen seinen Vater an,
-hatte Streit in einem Café, schlug seine Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span> stürzte vollständig
-betrunken hin, zerschlug einen Schrank und ein letztes Bild zeigte ihn
-im Zuchthaus, wo ein Herr der von einem Knaben begleitet war, auf ihn
-weisend sagte:</p>
-
-<p>„Hier siehst du, mein Sohn, die Gefahren eines schlechten
-Lebenswandels.“</p>
-
-<p>Doch für die Kinder ist die Zukunft nicht vorhanden. Man speiste
-sie vergeblich bis zum Überdruß mit dem Grundsatz: „daß die Arbeit
-ehrenvoll sei und daß der Reichtum nicht immer glücklich mache.“
-Sie hatten Arbeiter gekannt, die keineswegs geehrt wurden, und sie
-gedachten des Schlosses, wo das Leben angenehm schien.</p>
-
-<p>Die Qualen des Gewissens wurden ihnen mit solchen Übertreibungen
-ausgemalt, daß sie die Aufschneiderei witterten und bei allem übrigen
-Mißtrauen zeigten.</p>
-
-<p>Man versuchte, sie bei der Ehre zu fassen, durch den Gedanken an die
-öffentliche Meinung und das Gefühl für Auszeichnung, indem man ihnen
-die großen Menschen rühmte, besonders die, welche ihren Mitmenschen von
-Nutzen gewesen waren, wie Belzunce, Franklin, Jacquard! Viktor bezeugte
-nicht die geringste Neigung, es ihnen gleichzutun.</p>
-
-<p>Als er eines Tages eine Addition ohne Fehler ausgeführt hatte, nähte
-Bouvard ihm ein Band an seine Jacke, welches das Ehrenkreuz bedeuten
-sollte. Viktor brüstete sich damit; doch als er den Tod Heinrichs IV.
-vergessen hatte, setzte ihm Pécuchet eine Eselsmütze auf. Viktor begann
-mit solcher Heftigkeit und so lange wie ein Esel zu schreien, daß man
-ihm die papiernen Ohren abnehmen mußte.</p>
-
-<p>Seine Schwester war gleich ihm stolz auf Lob, aber gleichgültig gegen
-Tadel.</p>
-
-<p>Um ihr Gefühl zu wecken, gab man ihnen eine schwarze Katze, für die
-sie sorgen sollten; man händigte ihnen zwei, drei Sous ein, damit sie
-Almosen gaben. Sie fanden diese Forderung ungerecht; dieses Geld gehöre
-ihnen.</p>
-
-<p>Auf den Wunsch ihrer Erzieher nannten sie Bouvard „Onkelchen“ und
-Pécuchet „Alterchen“, doch sie duzten sie, und die Unterrichtsstunden
-vergingen gewöhnlich zur Hälfte mit Streitigkeiten.</p>
-
-<p>Viktorine mißbrauchte Marcel für ihre Launen, kletterte auf seinen
-Rücken, zog ihn an den Haaren.</p>
-
-<p>Um über seine Hasenscharte zu spotten, sprach sie wie<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span> er durch die
-Nase, und der arme Kerl wagte nicht, sich zu beklagen, so sehr liebte
-er das kleine Mädchen. Eines Abends ertönte seine heisere Stimme sehr
-laut. Bouvard und Pécuchet gingen in die Küche herunter. Die beiden
-Zöglinge beobachteten den Kamin, und Marcel schrie händeringend:</p>
-
-<p>„Hol sie heraus! Das ist zu arg! Das ist zu arg!“</p>
-
-<p>Der Deckel des Topfes sprang ab, als wäre eine Granate geplatzt. Ein
-graues Etwas sauste bis zur Decke empor, drehte sich dann wie rasend um
-die eigene Achse und stieß dabei ein schreckliches Geheul aus.</p>
-
-<p>Man erkannte die Katze, die ganz eingefallen und haarlos war. Ihr
-Schwanz glich einem Seil, und die Augen standen ihr riesengroß aus dem
-Kopfe hervor. Sie waren milchfarbig, wie entleert, und sandten doch
-Blicke.</p>
-
-<p>Das entsetzliche Tier heulte immer noch, sprang in den Kamin,
-verschwand und fiel dann als leblose Masse in die Asche.</p>
-
-<p>Es war Viktor, der diese Scheußlichkeit begangen hatte, und die beiden
-Biedermänner zogen sich bleich vor Entsetzen und Schauder zurück. Auf
-die Vorwürfe, die man ihm machte, antwortete er wie der Feldhüter
-hinsichtlich seines Sohnes und wie der Pächter in betreff seines
-Pferdes:</p>
-
-<p>„Was denn! Sie gehört doch mir.“ Er sagte es ungeniert, wie
-selbstverständlich und mit der Ruhe eines befriedigten Triebes.</p>
-
-<p>Das kochende Wasser des Topfes war auf dem Boden umhergespritzt;
-Pfannen, Feuerzange und Leuchter lagen auf den Fliesen.</p>
-
-<p>Es dauerte einige Zeit, bis Marcel die Küche gesäubert hatte, und seine
-Herren und er verscharrten die arme Katze im Garten unter der Pagode.</p>
-
-<p>Dann sprachen Bouvard und Pécuchet eingehend miteinander über Viktor.
-Das väterliche Blut schlug durch. Was tun? Ihn Herrn von Faverges
-zurückgeben oder ihn anderen anvertrauen, wäre ein Eingeständnis ihrer
-Unfähigkeit gewesen. Vielleicht würde er sich bessern.</p>
-
-<p>Gleichviel! Die Hoffnung war zweifelhaft; die Liebe war verschwunden.
-Wie schön wäre es jedoch gewesen, an seiner Seite einen Jüngling
-zu haben, der nach unseren Gedanken fragt, dessen Fortschritte man
-beobachtet, der später zu<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span> einem Bruder wird; doch Viktor fehlte es an
-Klugheit und noch mehr an Herz! Und Pécuchet, der sein eines Knie mit
-beiden Händen umspannt hielt, seufzte.</p>
-
-<p>„Die Schwester taugt ebensowenig,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und
-fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte;
-und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben
-gestorben.</p>
-
-<p>Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung
-ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht
-moralisch oder unmoralisch sein.</p>
-
-<p>Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um
-Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie
-bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie
-in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist.
-Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen;
-möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von
-einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird
-schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit
-bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit
-zurückführen.</p>
-
-<p>Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution
-konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm
-willkommen sein.</p>
-
-<p>Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung;
-Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm
-kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die
-Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück
-gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier,
-Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er
-plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn
-verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe
-gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu
-beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er
-beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel
-taugte nichts.</p>
-
-<p>Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span> von Wut
-behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand
-sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek
-eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet
-dazukam:</p>
-
-<p>„Meine Kokosnuß!“</p>
-
-<p>Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach
-Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen
-in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr
-an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den
-Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung
-zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen.</p>
-
-<p>Bouvard machte ihm Vorwürfe.</p>
-
-<p>„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der
-Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“</p>
-
-<p>Pécuchet wandte ein, körperliche Züchtigungen seien zuweilen
-unerläßlich. Pestalozzi wandte sie an, und der berühmte Melanchthon
-gesteht, daß er ohne sie nichts gelernt haben würde. &mdash; Doch haben
-grausame Bestrafungen zum Selbstmord getrieben, man liest von solchen
-Beispielen. Viktor hatte den Eingang zu seinem Zimmer verbarrikadiert.
-&mdash; Bouvard verhandelte durch die Tür, und um sie aufzubekommen,
-versprach er ihm eine Pflaumentorte.</p>
-
-<p>Von nun an wurde es schlimmer mit dem Jungen.</p>
-
-<p>Blieb ein von dem Bischof Dupanloup empfohlenes Mittel: „der strenge
-Blick“. Sie versuchten, ihren Gesichtern einen schrecklichen Ausdruck
-zu geben, und hatten nicht den geringsten Erfolg damit.</p>
-
-<p>„Wir können es nur noch mit der Religion versuchen,“ sagte Bouvard.</p>
-
-<p>Pécuchet protestierte. Sie hätten die Religion aus ihrem Programm
-gestrichen.</p>
-
-<p>Doch die Vernunft befriedigt nicht alle Bedürfnisse. Das Herz und
-die Phantasie wollen mehr. Vielen Seelen ist das Übernatürliche
-unentbehrlich, und sie beschlossen, die Kinder in die Katechismusstunde
-zu schicken.</p>
-
-<p>Reine erbot sich, sie dorthin zu bringen. Sie kam wieder ins Haus und
-verstand, durch einnehmende Manieren sich beliebt zu machen.</p>
-
-<p>Viktorine wurde plötzlich anders; sie zeigte sich zurück<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span>haltend,
-wurde süßlich, lag vor der Madonna auf den Knien, bewunderte das Opfer
-Abrahams und hatte ein verächtliches Hohnlächeln, wenn von Protestanten
-die Rede war.</p>
-
-<p>Sie erklärte, man habe ihr aufgegeben zu fasten. Bouvard und Pécuchet
-erkundigten sich: es war nicht wahr. Am Fronleichnamstage verschwanden
-Levkojen von einem Beete, die nachher den Altar schmückten; sie
-leugnete in frecher Weise, sie abgeschnitten zu haben. Ein anderes Mal
-entwendete sie Bouvard zwanzig Sous, die sie beim Abendgottesdienst in
-die Schale des Küsters legte.</p>
-
-<p>Sie schlossen daraus, daß Moral und Religion verschiedene Dinge
-seien; wenn die letztere keinen tieferen Grund hat, ist sie von
-untergeordneter Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Eines Abends, während sie speisten, trat Herr Marescot ins Zimmer; im
-selben Augenblick entschlüpfte Viktor.</p>
-
-<p>Der Notar, der es ablehnte, sich zu setzen, erzählte, was ihn herführe:
-der junge Touache habe seinen Sohn beinahe zu Tode geprügelt.</p>
-
-<p>Da man um Viktors Herkunft wußte und er unangenehm war, nannten ihn
-die anderen Bengel Zuchthäusler, und soeben hatte er den jungen Herrn
-Marescot in unverschämter Weise verhauen. Der Körper des teuren Arnold
-zeigte die Spuren davon. „Seine Mutter ist in Verzweiflung, sein Anzug
-in Fetzen, seine Gesundheit geschädigt! Was soll daraus werden?“</p>
-
-<p>Der Notar forderte eine scharfe Züchtigung, und unter anderm sollte
-Viktor nicht mehr die Katechismusstunde besuchen, um neue Zusammenstöße
-zu vermeiden!</p>
-
-<p>Obwohl Bouvard und Pécuchet durch den hochfahrenden Ton verletzt waren,
-versprachen sie alles, was er wünschte, gaben klein bei.</p>
-
-<p>War Viktor dem Antriebe des Ehr- oder dem des Rachegefühls gefolgt? Auf
-jeden Fall war er kein Feigling.</p>
-
-<p>Doch seine Roheit erschreckte sie; die Musik würde seine Sitten
-mildern; Pécuchet kam auf den Gedanken, ihn die Anfangsgründe des
-Gesanges zu lehren.</p>
-
-<p>Es machte Viktor große Mühe, die Noten fließend zu lesen und die
-Ausdrücke Adagio, Presto, Sforzando nicht miteinander zu verwechseln.</p>
-
-<p>Sein Lehrer mühte sich ab, ihm die Tonleiter zu er<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span>klären, den
-Dreiklang, die diatonische, die chromatische Leiter und die beiden
-Arten von Intervallen, die sogenannte große und kleine Terz.</p>
-
-<p>Viktor mußte sich ganz gerade hinsetzen, die Brust heraus- und die
-Schultern zurücknehmen und den Mund weit öffnen; und um ihn durch
-Beispiel zu unterrichten, gab Pécuchet selbst die Töne mit falscher
-Stimme an; Viktor brachte die seinige nur mit Mühe aus der Kehle, so
-preßte er sie zusammen; wenn der Takt mit einer Pause begann, sang er
-sogleich los, oder er kam zu spät.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger machte sich Pécuchet an den zweistimmigen Gesang.
-Anstatt des Bogens nahm er ein Stöckchen und bewegte seinen Arm
-gebieterisch hin und her, als wenn er ein Orchester dirigiert hätte;
-aber von zwei Verrichtungen in Anspruch genommen, kam er aus dem Takt,
-sein Irrtum veranlaßte neue Fehler beim Schüler, und während sie die
-Augenbrauen runzelten und die Halsmuskeln anspannten, fuhren sie aufs
-Geratewohl fort, bis sie unten auf der Seite angelangt waren.</p>
-
-<p>Schließlich sagte Pécuchet zu Viktor: „Du wirst sobald noch nicht in
-den Gesangvereinen glänzen.“ Und er gab den Musikunterricht auf.</p>
-
-<p>Locke hat übrigens vielleicht recht: „Die Musik führt in so liederliche
-Gesellschaft, daß man besser tut, sich mit etwas anderm zu befassen.“</p>
-
-<p>Ohne einen Schriftsteller aus Viktor machen zu wollen, hielten sie es
-für angebracht, wenn er verstände, einen ordentlichen Brief zuwege zu
-bringen. Eine Überlegung hielt sie zurück: man kann den Briefstil nicht
-erlernen, denn er gehört ausschließlich den Frauen.</p>
-
-<p>Sie gedachten sodann, ihm ausgewählte Stücke aus der Literatur ins
-Gedächtnis zu trichtern und, da sie in Verlegenheit waren, was sie
-wählen sollten, zogen sie das Werk der Frau Campan zu Rate. Sie
-empfiehlt die Eliacin-Szene, die Chöre aus Esther, Jean-Baptiste
-Rousseau ganz.</p>
-
-<p>Das alles ist etwas veraltet. Was die Romane anlangt, so untersagt sie
-deren Lektüre, da sie die Welt in zu günstigen Farben malen.</p>
-
-<p>Indessen gestattet sie „Clarissa Harlowe“ und den „Familienvater“ von
-Miß Opy. &mdash; Wer ist diese Miß Opy?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S. 300]</span></p>
-
-<p>Sie konnten ihren Namen in der „Biographie Michaud“ nicht entdecken.
-Blieben die Märchen. „Sie werden sich Hoffnung auf Diamantenpaläste
-machen,“ sagte Pécuchet. Die Literatur entwickelt den Geist, aber sie
-erhitzt die Leidenschaften.</p>
-
-<p>Viktorine wurde wegen der ihrigen aus der Katechismusstunde gewiesen.
-Man hatte sie überrascht, wie sie den Sohn des Notars küßte, und Reine
-verstand keinen Spaß: ihr Gesicht unter ihrer Haube mit den großen
-Röhrenfalten war ernst.</p>
-
-<p>Wie konnte man nach einem solchen Skandal ein so verdorbenes junges
-Mädchen behalten?</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet erklärten den Pfarrer für ein altes Roß. Seine
-Magd verteidigte ihn brummend: „Man kennt Sie! Man kennt Sie!“ Sie
-gaben’s ihr zurück, und sie ging, während sie die Augen schrecklich
-rollte.</p>
-
-<p>Viktorine hatte sich in der Tat in Arnold verliebt, so reizend fand sie
-ihn in seinem gestickten Kragen, seiner Samtweste, mit seinem angenehm
-duftenden Haar, und sie brachte ihm Sträuße mit bis zu dem Augenblick,
-wo sie durch Zéphyrin angezeigt wurde.</p>
-
-<p>Wie lächerlich war dieses Abenteuer; die beiden Kinder waren ja
-vollständig unschuldig!</p>
-
-<p>Sollte man sie über das Geheimnis der Zeugung belehren? „Ich sähe
-nichts Schlimmes darin,“ sagte Bouvard. Der Philosoph Basedow erklärte
-es seinen Zöglingen, wobei er jedoch nur auf die Schwangerschaft und
-die Geburt genauer einging.</p>
-
-<p>Pécuchet dachte anders. Viktor begann ihn zu beunruhigen.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte ihn im Verdacht, eine böse Angewohnheit zu haben.
-Weshalb nicht? Es gibt ernste Männer, die sie ihr ganzes Leben hindurch
-behalten, und man behauptet, daß der Herzog von Angoulême sich ihr
-hingab.</p>
-
-<p>Er fragte seinen Zögling in einer Weise, daß er ihm die Augen öffnete,
-und bald darauf sah er seinen Argwohn bestätigt.</p>
-
-<p>Da nannte er ihn Verbrecher und wollte ihn zur Heilung Tissot
-lesen lassen. Dieses Meisterwerk wirkte nach Bouvards Ansicht eher
-verderblich als nutzbringend. Besser sei, ihm ein poetisches Gefühl
-einzuflößen. Aimé Martin berichtet, daß eine Mutter in einem ähnlichen
-Falle ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S. 301]</span> Sohne die „Neue Héloise“ zu lesen gab, und um der Liebe
-würdig zu werden, begab sich der junge Mensch schleunigst auf den Pfad
-der Tugend.</p>
-
-<p>Doch Viktor war nicht fähig, eine Sophie zu erträumen.</p>
-
-<p>„Wie wär’s, wenn wir ihn in ein Bordell führten?“</p>
-
-<p>Pécuchet gab seinen Abscheu gegen die öffentlichen Dirnen zu erkennen.</p>
-
-<p>Bouvard hielt das für dumm und sprach sogar davon, dieserhalb eine
-Reise nach le Havre zu machen.</p>
-
-<p>„Was fällt dir ein? Man könnte uns hineingehen sehen!“</p>
-
-<p>„Na, schön! Kaufe ihm ein Schutzmittel!“</p>
-
-<p>„Aber der Bandagist dächte vielleicht, es sei für mich,“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Ein aufregendes Vergnügen wie die Jagd tat ihm not; sie würde die
-Ausgabe für eine Flinte, für einen Hund mit sich bringen; sie zogen
-vor, ihn zu ermüden, und unternahmen es, mit ihm in der Gegend
-umherzustreifen.</p>
-
-<p>Der Schlingel entschlüpfte ihnen, obwohl sie einander ablösten: sie
-waren wie erschlagen, und am Abend hatten sie nicht mehr die Kraft, die
-Zeitung zu halten.</p>
-
-<p>Während sie auf Viktor warteten, plauderten sie mit den
-Vorübergehenden, und aus Bedürfnis, ihren Lehrtrieb zu betätigen,
-versuchten sie, den Leuten hygienische Maßregeln beizubringen,
-beklagten den Verlust der Abwässer, die Vergeudung des Düngers,
-wetterten gegen den Aberglauben, das Anbringen eines Drosselskelettes
-in der Scheune, eines geweihten Buchsbaumes hinten im Stall, gegen den
-Sack mit Würmern auf den Füßen der Fieberkranken.</p>
-
-<p>Sie besuchten sogar die Ammen, und sie entrüsteten sich über die Art,
-wie sie die Säuglinge behandelten; einige ernährten sie mit Grieß,
-wodurch die Kinder aus Schwäche zugrunde gingen; andere stopften sie
-mit Fleisch, noch ehe sie sechs Monate alt waren, und die Kleinen
-starben an Verdauungsstörungen; manche reinigten sie mit ihrem eigenen
-Speichel, alle behandelten sie roh.</p>
-
-<p>Wenn sie über der Tür eine gekreuzigte Eule bemerkten, so traten sie in
-den Hof und sagten:</p>
-
-<p>„Das ist unrecht von Ihnen &mdash; diese Tiere leben von Ratten, Feldmäusen;
-im Magen eines Käuzchens hat man eine Menge Raupenlarven gefunden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S. 302]</span></p>
-
-<p>Die Dörfler kannten sie, denn sie hatten sie zuerst als Ärzte, dann
-nach alten Möbeln fahndend, schließlich beim Steinesuchen gesehen, und
-sie antworteten:</p>
-
-<p>„Gehen Sie, Sie Spaßmacher! Wollen Sie doch nicht klüger sein als wir.“</p>
-
-<p>Ihre Überzeugung geriet ins Wanken; denn die Sperlinge reinigen die
-Gemüsegärten, aber zugleich fressen sie die Kirschen ab. Die Eulen
-verschlingen die Insekten und ebenso die Fledermäuse, die nützlich
-sind, &mdash; und wenn die Maulwürfe die Schnecken fressen, wühlen sie
-andrerseits die Erde auf. Eines stand für sie fest, nämlich, daß man
-alles Wild ausrotten müsse, da es dem Ackerbau schade.</p>
-
-<p>Eines Abends gingen sie durch den Wald von Faverges; sie kamen vor das
-Haus, wo Sorel am Wege zwischen drei Männern gestikulierte.</p>
-
-<p>Der erste war ein gewisser Dauphin, ein Schuhflicker, klein, mager,
-mit tückischem Gesichtsausdruck. Der zweite, der alte Aubain, der
-Botendienste in den Dörfern tat, trug einen alten gelben Rock zu einer
-Hose aus blauem Zwillich. Der dritte, Eugen, Diener bei Herrn Marescot,
-zeichnete sich durch einen Bart aus, der wie die Bärte der Beamten
-geschnitten war.</p>
-
-<p>Sorel zeigte ihnen eine Schlinge aus Kupferdraht, die an einem
-Seidenfaden saß; letzterer wurde von einem Ziegel festgehalten; &mdash;
-man nenne das eine Dohne, &mdash; und er hatte den Schuhflicker beim Legen
-derselben gefunden.</p>
-
-<p>„Sie sind Zeugen, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Eugen nickte in zustimmender Weise, und der alte Aubain erwiderte:</p>
-
-<p>„Wenn Sie es sagen.“</p>
-
-<p>Was Sorel in Wut setzte, war die Frechheit, daß man eine Schlinge so
-nahe bei seiner Wohnung gelegt habe; der Lump bilde sich ein, daß man
-nicht auf den Gedanken komme, an dieser Stelle so etwas zu vermuten.</p>
-
-<p>Dauphin nahm eine weinerliche Miene an:</p>
-
-<p>„Ich trat darauf, ich wollte sie sogar zerreißen.“ Man beschuldige ihn
-immer, man hasse ihn, er sei sehr unglücklich!</p>
-
-<p>Ohne zu antworten, hatte Sorel ein Notizbuch, eine Feder und Tinte aus
-der Tasche gezogen, um ein Protokoll aufzunehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S. 303]</span></p>
-
-<p>„O! nicht doch!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>Bouvard fügte hinzu: „Lassen Sie ihn laufen, er ist ein ordentlicher
-Kerl!“</p>
-
-<p>„Der, ein Wilddieb!“</p>
-
-<p>„Und wenn das wirklich der Fall wäre?“ Und sie begannen, die
-Wilddieberei zu verteidigen: „Zunächst steht fest, daß die Kaninchen
-die jungen Sprossen abnagen, die Hasen das Getreide verderben,
-ausgenommen die Schnepfe vielleicht ...“</p>
-
-<p>„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.“ Und der Waldhüter schrieb mit
-zusammengebissenen Zähnen.</p>
-
-<p>„Welch ein Starrsinn!“ murmelte Bouvard.</p>
-
-<p>„Noch ein Wort, und ich hole die Gendarmen.“</p>
-
-<p>„Sie sind ein ungeschliffener Mensch!“ sagte Pécuchet.</p>
-
-<p>„Und ich schere mich den Teufel um Sie,“ erwiderte Sorel.</p>
-
-<p>Bouvard, sich vergessend, nannte ihn Tölpel, Lakai, und Eugen sagte
-immerfort: „Ruhe! Ruhe! Achten wir das Gesetz!“ während der alte
-Aubain, drei Schritte davon auf einem Steinhaufen sitzend, stöhnte.</p>
-
-<p>Durch die Stimmen erregt, kamen alle Hunde der Meute aus ihren Hütten;
-man sah ihre funkelnden Augen, ihre schwarzen Schnauzen durch das
-Gitter, und bald hierhin, bald dorthin rennend, bellten sie schrecklich.</p>
-
-<p>„Ärgern Sie mich nicht länger,“ schrie ihr Herr, „oder ich lasse sie
-auf Ihre Hosen los!“</p>
-
-<p>Die beiden Freunde entfernten sich, trotz alledem befriedigt, weil sie
-den Fortschritt, die Zivilisation unterstützt hatten.</p>
-
-<p>Sogleich am folgenden Tage erhielten sie eine Vorladung vor das
-Polizeigericht wegen Beleidigung des Waldhüters, der auf hundert
-Franken Buße angetragen habe, vorbehaltlich eines Antrages seitens des
-Staatsanwalts wegen der durch sie begangenen Übertretungen: „Kosten 6
-Frank 75 Cents. Tiercelin, Gerichtsvollzieher.“</p>
-
-<p>Was sollte dabei der Staatsanwalt? Der Kopf schwindelte ihnen; dann
-beruhigten sie sich und bereiteten ihre Verteidigung vor.</p>
-
-<p>Am vorgeschriebenen Tage begaben sich Bouvard und Pécuchet eine Stunde
-zu früh auf das Bürgermeisteramt.<span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S. 304]</span> Niemand zeigte sich. &mdash; Stühle und
-drei Sessel standen um einen ovalen Tisch, der mit einer Decke bedeckt
-war; in die Mauer war eine Nische zur Einsetzung eines Ofens gebrochen,
-und die Büste des Kaisers, die auf einem Sockel stand, schaute auf das
-Ganze herab.</p>
-
-<p>Sie durchstreiften das Haus bis zum Boden, wo eine Löschpumpe, mehrere
-Fahnen und in einem Winkel auf der Erde noch andere Gipsbüsten lagen:
-der große Napoleon ohne Diadem, Ludwig XVIII. mit Epauletten über dem
-Frack, Karl X., der an seiner herabhängenden Lippe zu erkennen war,
-Ludwig Philipp mit geschweiften Augenbrauen und einer spitz gekämmten
-Tolle; sein Nacken berührte die schräge Neigung des Daches; und
-alle Büsten waren von Fliegen und Staub beschmutzt. Dieser Anblick
-verstimmte Bouvard und Pécuchet. Ein Gefühl des Mitleids für die
-Regierungen ergriff sie, als sie in den großen Saal zurückkehrten.</p>
-
-<p>Hier fanden sie Sorel und den Feldhüter; der eine hatte sein Schildchen
-am Arm, der andere trug ein Käppi. Etwa ein Dutzend Personen plauderten
-miteinander; sie waren angezeigt, weil sie nicht genügend gefegt oder
-weil sie ihre Hunde hatten herumlaufen lassen, weil die Laterne am
-Wagen gefehlt oder weil sie während der Messe die Schankwirtschaft
-offen gehalten hatten.</p>
-
-<p>Endlich kam Coulon in einer Amtsrobe aus schwarzer Sarsche und einem
-runden Barett, das einen unteren Rand aus Samt hatte. Sein Schreiber
-setzte sich zu seiner Linken, der Bürgermeister in der Schärpe nahm
-rechts von ihm Platz, und bald darauf wurde die Angelegenheit Sorel
-gegen Bouvard und Pécuchet aufgerufen.</p>
-
-<p>Louis Martial Eugène Lenepveur, Kammerdiener in Chavignolles
-(Calvados), benutzte seine Eigenschaft als Zeuge, alles darzulegen, was
-er über eine Unmenge von Dingen wußte, die nichts mit dem Streit zu tun
-hatten.</p>
-
-<p>Nicolas Juste Aubain, Tagelöhner, fürchtete, Sorels Mißfallen zu
-erregen und andrerseits den Herren zu schaden; er hatte grobe Worte
-gehört, zweifelte jedoch daran; er berief sich auf seine Taubheit.</p>
-
-<p>Der Friedensrichter ließ ihn sich wieder setzen; dann wandte er sich an
-den Waldhüter:</p>
-
-<p>„Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S. 305]</span></p>
-
-<p>„Ganz gewiß.“</p>
-
-<p>Dann fragte Coulon die beiden Angeschuldigten, was sie zu sagen hätten.</p>
-
-<p>Bouvard bestritt, Sorel beleidigt zu haben; er habe vielmehr
-durch seine Parteinahme für den Wilderer das Interesse unserer
-Felder gewahrt; er erinnerte an die Mißbräuche der Feudalzeit, die
-vernichtenden Jagden der vornehmen Herren.</p>
-
-<p>„Einerlei! die Übertretung...“</p>
-
-<p>„Ich muß Sie unterbrechen,“ rief Pécuchet. „Die Worte Übertretung,
-Verbrechen und Vergehen sind ohne Wert. Die strafbaren Vorgänge so
-klassifizieren, heißt, von einer willkürlichen Basis ausgehen.</p>
-
-<p>Ebensogut könnte man den Bürgern sagen: ‚Kümmert euch nicht um den
-Wert eurer Handlungen, er wird nur durch die Strafen der Regierung
-bestimmt.‘ Übrigens erscheint mir das Strafgesetzbuch als ein
-unsinniges, der Grundsätze bares Werk.“</p>
-
-<p>„Das mag sein!“ erwiderte Coulon.</p>
-
-<p>Und er wollte sein Urteil sprechen; doch Foureau als Vertreter der
-Staatsanwaltschaft erhob sich. Man habe den Waldhüter bei Ausübung
-seiner Amtsbefugnisse beleidigt. Wenn man die Eigentumsrechte nicht
-mehr achte, so sei alles verloren.</p>
-
-<p>„Kurz, möge es dem Herrn Friedensrichter gefallen, das Höchstmaß der
-Strafe anzuwenden.“</p>
-
-<p>Sie betrug zehn Franken als Buße an Sorel.</p>
-
-<p>„Bravo!“ rief Bouvard.</p>
-
-<p>Coulon war noch nicht zu Ende:</p>
-
-<p>„Verurteilt sie außerdem zu fünf Frank Geldstrafe als schuldig der von
-dem Staatsanwalt geltend gemachten Übertretung.“</p>
-
-<p>Pécuchet wandte sich an die Zuhörer:</p>
-
-<p>„Die Geldstrafe ist eine Bagatelle für den Reichen, aber ein Unglück
-für den Armen. Mir macht sie nichts!“</p>
-
-<p>Und er sah aus, als mache er sich über den Gerichtshof lustig.</p>
-
-<p>„Wirklich,“ sagte Coulon, „ich wundere mich, daß Leute von Verstand...“</p>
-
-<p>„Sie überhebt das Gesetz der Mühe, welchen zu haben!<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S. 306]</span>“ erwiderte
-Pécuchet. „Der Friedensrichter verwaltet sein Amt auf unbegrenzte
-Lebenszeit, während der Richter des Oberappellationsgerichtes nur bis
-zum fünfundsiebenzigsten Jahre für amtsfähig gilt und derjenige der
-ersten Instanz nur bis zum siebenzigsten.“</p>
-
-<p>Doch auf ein Zeichen Foureaus trat Placquevent vor. Sie protestierten.</p>
-
-<p>„Ja, wenn Sie im Wettbewerb ernannt würden!“</p>
-
-<p>„Oder durch die Kreisstände.“</p>
-
-<p>„Oder von einer Kommission von Sachverständigen auf Grund einer
-zuverlässigen Liste.“</p>
-
-<p>Placquevent trieb sie vorwärts, &mdash; und sie gingen hinaus unter den
-Hohnrufen der übrigen Angeschuldigten, die glaubten, sich durch diese
-Gemeinheit dem Richter angenehm zu machen.</p>
-
-<p>Um sich ihre Entrüstung vom Herzen zu reden, gingen sie am Abend zu
-Beljambe; sein Café war leer; die Honoratioren waren gewohnt, gegen
-zehn Uhr von dort fortzugehen. Man hatte die Lampe herabgeschraubt; die
-Wände und der Zahltisch lagen im Nebel, &mdash; eine Frau kam. Es war Mélie.</p>
-
-<p>Sie zeigte keine Verwirrung &mdash; und lächelnd schenkte sie ihnen zwei
-Seidel ein. Pécuchet, der sich unbehaglich fühlte, verließ die
-Wirtschaft schnell.</p>
-
-<p>Bouvard ging allein wieder hin, belustigte einige Bürger durch
-Spötteleien über den Bürgermeister und kam von dieser Zeit an häufiger
-in die Kneipe.</p>
-
-<p>Sechs Wochen später wurde Dauphin aus Mangel an Beweisen
-freigesprochen. Wie schändlich! Man hielt jetzt dieselben Zeugen für
-verdächtig, welche gegen sie als belastend gegolten hatten.</p>
-
-<p>Und ihre Wut kannte keine Grenzen, als das Verkehrssteueramt sie
-benachrichtigte, daß sie die Strafe zu zahlen hätten. Bouvard griff das
-Verkehrssteueramt als eine für das Eigentum schädliche Einrichtung an.</p>
-
-<p>„Sie irren sich!“ sagte der Steuereinnehmer.</p>
-
-<p>„Ich dächte gar! Es muß ein Drittel der öffentlichen Lasten tragen!“</p>
-
-<p>„Ich möchte ein weniger lästiges Steuerverfahren, ein besseres
-Katasterwesen, Veränderungen an der Einrichtung<span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[S. 307]</span> des Pfandbriefrechts;
-und außerdem sollte man die Bank von Frankreich abschaffen, die das
-Vorrecht des Wuchers hat.“</p>
-
-<p>Girbal zeigte sich dem nicht gewachsen, sank in der Meinung der anderen
-und erschien nicht mehr.</p>
-
-<p>Bouvard indessen sagte dem Wirt zu; er zog Leute herbei und plauderte
-gemütlich mit der Magd, während er auf die Stammgäste wartete.</p>
-
-<p>Er äußerte sonderbare Gedanken über den Elementarunterricht. Wenn man
-die Schule verließ, sollte man seiner Ansicht nach imstande sein,
-Kranke zu pflegen, die wissenschaftlichen Entdeckungen zu verstehen,
-sich für die Künste zu interessieren. Die Forderungen seines Programms
-brachten ihn mit Petit in Streit; und er verletzte den Hauptmann durch
-die Behauptung, daß die Soldaten, anstatt ihre Zeit mit Übungen zu
-verlieren, besser täten, Gemüse zu bauen.</p>
-
-<p>Als die Frage des Freihandels aufs Tapet kam, brachte er Pécuchet
-mit; und den ganzen Winter hindurch gab es im Café drohende Blicke,
-verächtliche Haltungen, Beleidigungen und Schimpfen nebst Faustschlägen
-auf die Tische, daß die Seidel tanzten.</p>
-
-<p>Langlois und die übrigen Kaufleute verteidigten den nationalen
-Handel; Oudot, Spinnereibesitzer, und Mathieu, Goldwarenfabrikant,
-die einheimische Industrie; die Gutsbesitzer und die Pächter die
-einheimische Landwirtschaft, wobei jeder für sich Vorrechte zum
-Nachteil der Mehrheit verlangte. Bouvards und Pécuchets Reden
-beunruhigten.</p>
-
-<p>Da man ihnen vorwarf, nichts von der Praxis zu verstehen, es auf
-Gleichmacherei und Sittenlosigkeit abgesehen zu haben, entwickelten
-sie folgende drei Anschauungen: den Familiennamen durch eine
-Stammrollennummer zu ersetzen; die Franzosen in Rangklassen
-einzuteilen, und um seinen Rang zu behaupten, solle man sich von Zeit
-und Zeit einem Examen unterziehen; Wegfall der Bestrafungen wie der
-Auszeichnungen, aber für alle Dörfer eine besondere Chronik, die auf
-die Nachwelt übergehen sollte.</p>
-
-<p>Man wollte von ihrem System nichts wissen. Sie schrieben einen Artikel
-darüber für die Zeitung von Bayeux, setzten ein Schreiben an den
-Präfekten auf, richteten eine Eingabe an die Kammern, eine Denkschrift
-an den Kaiser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[S. 308]</span></p>
-
-<p>Die Zeitung druckte ihren Artikel nicht ab.</p>
-
-<p>Der Präfekt würdigte sie keiner Antwort.</p>
-
-<p>Die Kammern blieben stumm, und sie warteten lange auf einen
-Briefumschlag aus den Tuilerien.</p>
-
-<p>Womit beschäftigte sich denn der Kaiser? Ohne Zweifel mit Frauen.</p>
-
-<p>Foureau riet ihnen auf Veranlassung des Unterpräfekten zu größerer
-Zurückhaltung.</p>
-
-<p>Sie kehrten sich weder an den Unterpräfekten, noch an den Präfekten,
-noch an die Räte der Präfektur, ja nicht einmal an den Staatsrat.
-Die Verwaltungsgerichtsbarkeit sei etwas Ungeheuerliches, denn durch
-Gunstbezeugungen und Drohungen übe die Verwaltung eine ungerechte
-Herrschaft über ihre Beamten aus. Kurz, sie wurden lästig, und die
-Honoratioren schärften Beljambe ein, diese beiden Menschen fernzuhalten.</p>
-
-<p>Da brannten Bouvard und Pécuchet vor Verlangen, sich durch ein Werk
-auszuzeichnen, das ihre Mitbürger blenden sollte, und sie fanden nichts
-anderes als Verschönerungsprojekte für Chavignolles.</p>
-
-<p>Drei Viertel der Häuser sollten abgerissen werden; man würde inmitten
-des Ortes einen monumentalen Platz anlegen, ein Spital in der Richtung
-auf Falaise, ein Schlachthaus am Wege nach Caen und in der „Kuhgasse“
-eine bunt gehaltene romanische Kirche bauen.</p>
-
-<p>Pécuchet verfertigte mit chinesischer Tusche eine Zeichnung, wobei
-er nicht vergaß, den Wald gelb, die Bauten rot und die Wiesen grün
-auszumalen, denn die Bilder eines idealen Chavignolles verfolgten ihn
-bis in seine Träume; er wälzte sich schlaflos auf seiner Matratze.</p>
-
-<p>Eines Nachts wurde Bouvard davon wach.</p>
-
-<p>„Bist du krank?“</p>
-
-<p>Pécuchet stammelte:</p>
-
-<p>„Haussmann läßt mich nicht schlafen.“</p>
-
-<p>Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Dumouchel, der nach den
-Preisen der Seebäder an der normännischen Küste fragte.</p>
-
-<p>„Er möge sich trollen mit seinen Bädern. Haben wir denn Zeit, Briefe zu
-schreiben?“</p>
-
-<p>Und nachdem sie sich eine Meßkette, ein Winkelmaß,<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[S. 309]</span> eine Wasserwage und
-eine Bussole verschafft hatten, begannen neue Studien.</p>
-
-<p>Sie drangen in die Grundstücke ein; oft waren die Bürger überrascht,
-dort diese beiden Männer zu sehen, die Absteckpfähle einpflanzten.</p>
-
-<p>Bouvard und Pécuchet sprachen mit ruhiger Miene über ihre Pläne und
-das, was sich daraus ergeben würde.</p>
-
-<p>Die Einwohner wurden unruhig, denn schließlich konnte vielleicht die
-Behörde ihre Anschauung teilen.</p>
-
-<p>Manchmal trieb man sie in grober Weise fort.</p>
-
-<p>Viktor erkletterte die Mauern und stieg in die Dachgiebel, um ein
-Signal anzubringen, bezeigte guten Willen und sogar einen gewissen
-Eifer.</p>
-
-<p>Sie waren auch mit Viktorine zufriedener.</p>
-
-<p>Wenn sie Wäsche bügelte, bewegte sie ihr Eisen auf dem Brett, während
-sie mit zarter Stimme sang; sie zeigte Interesse für die Wirtschaft,
-machte Bouvard eine Mütze, und ihre Nähte trugen ihr die Komplimente
-Romiches ein.</p>
-
-<p>Romiche war einer jener Schneider, die auf die Gutshöfe gehen, um die
-Kleider auszubessern. Man behielt ihn vierzehn Tage im Hause.</p>
-
-<p>Er war bucklig und hatte rotumränderte Augen, glich jedoch diese
-körperlichen Mängel durch eine närrische Laune wieder aus. Während die
-Herren abwesend waren, belustigte er Marcel und Viktorine durch spaßige
-Erzählungen, streckte seine Zunge bis zum Kinn heraus, ahmte den
-Kuckuck nach, führte sich als Bauchredner vor und legte sich am Abend,
-um die Kosten der Herberge zu sparen, im Waschhaus schlafen.</p>
-
-<p>Nun holte Bouvard eines Morgens, da er fror, zu sehr früher Stunde dort
-Hobelspähne, um sein Feuer anzuzünden.</p>
-
-<p>Ein Anblick ließ ihn erstarren.</p>
-
-<p>Hinter den Trümmern der Truhe schliefen Romiche und Viktorine auf einer
-Matratze.</p>
-
-<p>Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und seine andere Hand, lang
-wie die eines Affen, hielt ihr Knie umfaßt; seine Lieder waren halb
-geschlossen, sein Gesicht noch von einem Krampf der Lust verzogen. Sie
-lächelte, auf dem Rücken liegend. Ihre offenstehende Nachtjacke zeigte
-ihren kindlichen Busen, der von den Liebkosungen des Buckligen<span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[S. 310]</span> rot
-gefleckt war; ihre blonden Haare hingen gelöst, und die Morgendämmerung
-warf über beide ein fahles Licht.</p>
-
-<p>Bouvard war es im ersten Augenblick gewesen, als empfange er einen
-Stoß mitten vor die Brust. Dann hinderte ihn die Scham, auch nur die
-leiseste Bewegung zu machen; schmerzliche Gedanken ergriffen ihn.</p>
-
-<p>„So jung noch, und doch schon eine Verlorene!“</p>
-
-<p>Dann weckte er Pécuchet und teilte ihm kurz alles mit.</p>
-
-<p>„O, der Elende!“</p>
-
-<p>„Wir können nichts daran ändern! Beruhige dich.“</p>
-
-<p>Und lange Zeit hindurch seufzten sie, einander gegenüber sitzend:
-Bouvard ohne Rock und mit verschränkten Armen; Pécuchet am Rande seines
-Lagers, mit bloßen Füßen und in der Nachtmütze.</p>
-
-<p>Romiche sollte an jenem Tage abreisen, da er seine Arbeit beendet
-hatte. Sie bezahlten ihn in hochfahrender Weise, ohne ein Wort zu sagen.</p>
-
-<p>Doch die Vorsehung zürnte ihnen.</p>
-
-<p>Marcel führte sie kurze Zeit darauf in Viktors Zimmer und zeigte ihnen
-unten in dessen Kommode ein Zwanzig-Frank-Stück. Der Schlingel habe ihn
-beauftragt, es ihm einzuwechseln.</p>
-
-<p>Woher rührte es? Sicherlich aus einem Diebstahl, der während ihrer
-Vermessungen begangen war. Doch um es zurückzugeben, hätte man den
-Bestohlenen kennen müssen, und wenn man ihn aufforderte, sich zu
-melden, so würde es aussehen, als wären sie mitschuldig.</p>
-
-<p>Schließlich riefen sie Viktor und befahlen ihm, die Schublade zu
-öffnen; der Napoleon war verschwunden. Der Bengel tat, als ob er nicht
-verstehe.</p>
-
-<p>Soeben jedoch hatten sie es gesehen, dieses Geldstück, und Marcel war
-keiner Lüge fähig. Die Geschichte regte ihn so auf, daß er einen Brief
-an Bouvard seit dem Morgen in seiner Tasche vergessen hatte:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="mleft2">„Sehr geehrter Herr!</p>
-
-<p>Da ich fürchte, daß Herr Pécuchet krank ist, wende ich mich an Ihre
-Liebenswürdigkeit...“</p>
-
-</div>
-
-<p>„Von wem ist denn die Unterschrift?“</p>
-
-<p>„Olympe Dumouchel, geborene Charpeau.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[S. 311]</span></p>
-
-<p>Sie und ihr Gatte fragten an, in welchem Badeorte, Courseulles,
-Langrune oder Lucques, sich die beste Gesellschaft, die am wenigsten
-laute, finde, und ferner wollten sie alle Beförderungswege, den Preis
-der Wäsche und so weiter wissen.</p>
-
-<p>Ihre Wut über diese Belästigung entlud sich gegen Dumouchel; dann
-tauchte die Ermüdung sie in eine noch tiefere Mutlosigkeit.</p>
-
-<p>Sie dachten an all die Last, die sie sich gemacht hatten; so viel
-Lehrstunden, so viel Sorgfalt und so viel Ängste.</p>
-
-<p>„Und wenn man denkt,“ sagten sie, „daß wir einst eine Hilfslehrerin aus
-ihr machen wollten! Und aus ihm letzthin einen Bauführer!“</p>
-
-<p>„Ach, welche Enttäuschung!“</p>
-
-<p>„Wenn sie lasterhaft ist, so ist nicht ihre Lektüre daran schuld.“</p>
-
-<p>„Um ihn zu einem ehrbaren Menschen zu machen, hatte ich ihn mit dem
-Leben Cartouches bekannt gemacht.“</p>
-
-<p>„Vielleicht hat ihnen die Familie, die Sorge einer Mutter gefehlt?“</p>
-
-<p>„Ich ersetzte sie ihnen!“ wandte Bouvard ein.</p>
-
-<p>„Ach!“ fuhr Pécuchet fort. „Aber es gibt Naturen, die des moralischen
-Sinnes bar sind, &mdash; und die Erziehung ist da ohne Einfluß.“</p>
-
-<p>„Ach ja, es ist etwas Schönes um die Erziehung!“</p>
-
-<p>Da die beiden Waisen kein Handwerk verstanden, würde man ihnen zwei
-Stellen als Dienstboten suchen; &mdash; und dann in Gottes Namen! sie würden
-sich nicht mehr um sie kümmern. &mdash; Und von nun an ließen „Onkelchen“
-und „Alterchen“ sie in der Küche essen.</p>
-
-<p>Doch bald langweilten sie sich; ihr Geist bedurfte einer Arbeit, ihr
-Dasein eines Zwecks.</p>
-
-<p>Was beweist übrigens ein Mißerfolg? Was bei Kindern fehlgeschlagen war,
-konnte bei Männern mehr Erfolg haben. Und sie kamen auf den Gedanken,
-Vorlesungen für Erwachsene zu halten.</p>
-
-<p>Ihre Ideen konnten sie nur in einem Vortrag darlegen. Der große Saal
-des Wirtshauses eignete sich vorzüglich dazu.</p>
-
-<p>Beljambe als Beigeordneter hatte Angst, sich bloßzustellen, und gab
-zuerst eine abschlägige Antwort; dann wurde er<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a>[S. 312]</span> andern Sinnes, da er
-dachte, er könne dabei verdienen, und benachrichtigte sie davon durch
-seine Magd.</p>
-
-<p>Bouvard küßte sie in übermäßiger Freude auf beide Backen.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister war abwesend; der andere Beigeordnete, Herr Marescot,
-der ganz von seinem Bureau in Anspruch genommen war, würde sich wenig
-um den Vortrag kümmern; so konnte er stattfinden, und der Trommler
-kündigte ihn für den folgenden Sonntag um drei Uhr an.</p>
-
-<p>Erst am Abend vorher dachten sie an ihren Anzug.</p>
-
-<p>Pécuchet hatte, dem Himmel sei Dank, einen alten Frack mit Samtkragen,
-zwei weiße Halsbinden und schwarze Handschuhe aufbewahrt. Bouvard legte
-seinen blauen Rock an, eine Nankingweste, Kastorschuhe; und sie waren
-sehr erregt, als sie das Dorf durchschritten und im Wirtshaus zum
-Goldenen Kreuz ankamen....</p>
-
-<p class="mtop2"><i>Hier bricht das Manuskript Gustave Flauberts ab.</i></p>
-
-<p><i>Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug des Plans, der sich in
-seinen Papieren gefunden hat und der den Schluß des Werkes andeutet.</i></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[S. 313]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vortrag"><em class="gesperrt">Vortrag</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Wirtshaus zum Goldenen Kreuz, &mdash; zwei hölzerne Seitengalerien im
-ersten Stock mit vorspringendem Balkon &mdash; Hauptgebäude im Hintergrunde
-&mdash; Café zu ebener Erde, Speisesaal, Billard; Türen und Fenster stehen
-offen.</p>
-
-<p>Menge: Honoratioren, Leute aus dem Volke.</p>
-
-<p>Bouvard: „Es handelt sich zunächst darum, die Nützlichkeit unseres
-Projektes zu zeigen, unsere Studien geben uns das Recht, das Wort zu
-nehmen.“</p>
-
-<p class="mtop2">Rede Pécuchets, pedantisch.</p>
-
-<p class="mtop2">Dummheiten der Regierung und der Verwaltung, &mdash; zu viel Steuern,
-Ersparnisse nach zwei Richtungen anstreben; Unterdrückung des Budgets
-des Kultus und desjenigen der Armee.</p>
-
-<p>Man wirft ihm Gottlosigkeit vor.</p>
-
-<p>„Das Gegenteil ist richtig; aber wir bedürfen einer religiösen
-Erneuerung.“</p>
-
-<p>Foureau kommt dazu und will die Versammlung auflösen.</p>
-
-<p>Bouvard erregt Heiterkeit auf Kosten des Bürgermeisters, indem er an
-dessen dumme Prämien für Eulen erinnert. &mdash; Entgegnung.</p>
-
-<p>„Wenn man die Tiere töten soll, die den Pflanzen schaden, müßte man
-auch das Vieh töten, das Gras frißt.“</p>
-
-<p class="mtop2">Foureau verläßt den Saal.</p>
-
-<p class="mtop2">Rede Bouvards, &mdash; ungezwungen.</p>
-
-<p>Vorurteile: Zölibat der Priester, Bedeutungslosigkeit des Ehebruchs, &mdash;
-Emanzipation der Frau:</p>
-
-<p>„Ihre Ohrringe sind das Zeichen ihrer ehemaligen Knechtschaft.“</p>
-
-<p class="mtop2">Menschengestüt.</p>
-
-<p class="mtop2">Man hält Bouvard und Pécuchet den schlechten Wandel ihrer Zöglinge
-entgegen. &mdash; Wozu auch die Kinder eines Sträflings annehmen?</p>
-
-<p>Theorie der Rehabilitierung. Sie würden sich mit Touache an denselben
-Tisch setzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[S. 314]</span></p>
-
-<p>Foureau, der zurückgekehrt ist, liest, um sich an Bouvard zu rächen,
-eine Eingabe von ihm an den Gemeinderat vor, worin er die Errichtung
-eines Bordells in Chavignolles verlangt. &mdash; (Gründe Robins.)</p>
-
-<p>Der Vortrag wird inmitten des größten Tumultes abgebrochen.</p>
-
-<p class="mtop2">Während Bouvard und Pécuchet nach Hause gehen, bemerken sie Foureaus
-Diener, der in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Falaise
-davonreitet.</p>
-
-<p>Sie legen sich sehr ermüdet nieder, ohne die Komplotte zu ahnen, die
-gesponnen werden; &mdash; die Motive darlegen, welche der Pfarrer, der Arzt,
-der Bürgermeister, Marescot, das Volk, alle Welt haben, ihnen feind zu
-sein.</p>
-
-<p class="mtop2">Am folgenden Morgen sprechen sie beim Frühstück über ihren Vortrag.</p>
-
-<p>Pécuchet sieht schwarz in die Zukunft der Menschheit.</p>
-
-<p>Der moderne Mensch ist minderwertig und zur Maschine geworden.</p>
-
-<p>Schließliche Anarchie des Menschengeschlechts (Büchner I und II).</p>
-
-<p>Unmöglichkeit des Friedens (id.).</p>
-
-<p>Barbarei infolge von übermäßigem Individualismus und dem Wahnsinn, in
-den die Wissenschaft verfallen ist.</p>
-
-<p>Drei Hypothesen: erstens: der pantheistische Radikalismus wird
-jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher
-Despotismus wird daraus hervorgehen; zweitens: wenn der theistische
-Absolutismus triumphiert, so unterliegt der Liberalismus, der seit
-der Reformation die Menschheit durchdrungen hat, und es erfolgt ein
-allgemeiner Umsturz; drittens: wenn die Zuckungen, in denen seit 89
-die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine
-oder die andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken
-uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird kein Ideal,
-keine Religion, keine Moral mehr geben.</p>
-
-<p>Amerika wird die Erde erobert haben.</p>
-
-<p>Zukunft der Literatur.</p>
-
-<p>Allgemeine Verlümmelung: überall wird es hergehen wie bei einem
-Arbeitersaufgelage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[S. 315]</span></p>
-
-<p>Ende der Welt, weil der Wärmevorrat aufhört.</p>
-
-<p class="mtop2">Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit rosig. Der moderne Mensch ist
-auf dem Wege des Fortschritts.</p>
-
-<p>Europa wird durch Asien verjüngt werden. Da es ein historisches Gesetz
-ist, daß die Zivilisation vom Orient zum Okzident kommt &mdash; Rolle Chinas
-&mdash;, so werden die beiden Menschheiten schließlich ineinander aufgehen.</p>
-
-<p>Künftige Erfindungen: Arten zu reisen, Ballon. &mdash; Unterseeboote mit
-Scheiben, bei beständiger Ruhe, denn die Bewegtheit des Meeres ist nur
-auf der Oberfläche. &mdash; Man wird Fische und Landschaften auf dem Grunde
-des Ozeans vorbeiziehen sehen. &mdash; Gezähmte Tiere. &mdash; Alle Kulturen.</p>
-
-<p>Zukunft der Literatur (Gegenteil der industriellen Literatur). Künftige
-Wissenschaften. &mdash; Die magnetische Kraft regulieren.</p>
-
-<p>Paris wird ein Wintergarten werden. &mdash; Spaliere mit Früchten auf dem
-Boulevard! Die Seine filtriert und warm, &mdash; Unmenge von künstlichen
-Edelsteinen &mdash; verschwenderisch angebrachte Vergoldungen &mdash; Erleuchtung
-der Häuser, &mdash; man wird das Licht aufspeichern, denn es gibt Körper,
-die diese Eigenschaft besitzen, wie der Zucker, das Fleisch gewisser
-Mollusken und der Bologneser Phosphor. Man wird angehalten werden,
-die Vorderseite der Häuser mit einer phosphoreszierenden Masse
-anzustreichen, und ihre Strahlung wird die Straße erleuchten.</p>
-
-<p>Verschwinden des Bösen infolge Verschwindens des Mangels. Die
-Philosophie wird zur Religion werden.</p>
-
-<p>Geistesgemeinschaft aller Völker. Öffentliche Feste.</p>
-
-<p>Man wird auf die Sterne gehen &mdash; und wenn die Erde verbraucht sein
-wird, wird die Menschheit nach den Sternen auswandern.</p>
-
-<p>Kaum hat er geendet, da erscheinen die Gendarmen. &mdash; Ankunft der
-Gendarmen.</p>
-
-<p>Bei ihrem Anblick Aufregung der Kinder, hervorgerufen durch ihre vagen
-Erinnerungen.</p>
-
-<p>Trostlosigkeit Marcels.</p>
-
-<p>Erregung Bouvards und Pécuchets. &mdash; Will man Viktor verhaften?</p>
-
-<p>Die Gendarmen zeigen einen Verhaftungsbefehl vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[S. 316]</span></p>
-
-<p>Der Grund ist der Vortrag. Man beschuldigt sie, die Religion, die
-öffentliche Ordnung angegriffen, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt
-aufgereizt zu haben, usw.</p>
-
-<p>Plötzliche Ankunft von Herrn und Frau Dumouchel mit ihrem Gepäck; sie
-wollen ins Seebad. Dumouchel hat sich nicht verändert, die gnädige Frau
-trägt eine Brille und verfaßt Fabeln. &mdash; Ihre Verdutzung.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister, der weiß, daß die Gendarmen bei Bouvard und Pécuchet
-sind, kommt, durch ihre Gegenwart ermutigt.</p>
-
-<p>Gorju, der sieht, daß die Obrigkeit und die öffentliche Meinung gegen
-sie sind, will daraus Gewinn schlagen und begleitet Foureau. Da er
-Bouvard für den reicheren der beiden hält, wirft er ihm vor, Mélie
-früher verführt zu haben.</p>
-
-<p>„Ich, niemals!“</p>
-
-<p>Und Pécuchet zittert.</p>
-
-<p>„Und ihr sogar eine Krankheit gelassen zu haben.“</p>
-
-<p>Bouvard protestiert.</p>
-
-<p>„Wenn er ihr nicht wenigstens für das Kind, das sie erwartet, eine
-Rente zahlen will, denn sie ist schwanger.“</p>
-
-<p>Dieser zweiten Beschuldigung liegt der vertrauliche Verkehr Bouvards im
-Café zugrunde.</p>
-
-<p class="mtop2">Das Publikum nimmt allmählich das Haus ein.</p>
-
-<p>Barberou, der durch eine geschäftliche Angelegenheit in die Gegend
-gerufen worden, hat soeben im Wirtshaus erfahren, was vor sich geht,
-und kommt dazu.</p>
-
-<p>Er hält Bouvard für schuldig, nimmt ihn beiseite und redet ihm zu,
-nachzugeben, eine Rente zu zahlen.</p>
-
-<p class="mtop2">Es kommen der Arzt, der Graf, Reine, Frau Bordin, Frau Marescot unter
-ihrem Sonnenschirm und andere Honoratioren. Die Bengel des Dorfes
-lärmen draußen vor dem Gitter, werfen Steine in den Garten. (Er ist
-jetzt gut gehalten, und die Bevölkerung ist darauf eifersüchtig.)</p>
-
-<p>Foureau will Bouvard und Pécuchet ins Gefängnis stecken.</p>
-
-<p>Barberou legt sich ins Mittel, und wie er verwenden sich<span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[S. 317]</span> Marescot, der
-Arzt und der Graf mit einem beleidigenden Mitleid für sie.</p>
-
-<p class="mtop2">Den Verhaftungsbefehl motivieren. Bei Empfang von Foureaus Brief hat
-der Unterpräfekt ihnen einen Verhaftungsbefehl gesandt, um ihnen Angst
-zu machen, dazu einen Brief an Marescot und an Faverges geschrieben,
-worin er sagt, man solle sie in Ruhe lassen, wenn sie Reue zeigten.</p>
-
-<p>Auch Vaucorbeil sucht sie zu verteidigen.</p>
-
-<p>„Man müßte sie vielmehr ins Irrenhaus stecken; sie sind verrückt. &mdash;
-Ich werde deshalb an den Präfekten schreiben.“</p>
-
-<p>Alle beruhigen sich.</p>
-
-<p>Bouvard wird Mélie eine Rente aussetzen.</p>
-
-<p>Man kann ihnen die Erziehung der Kinder nicht lassen. &mdash; Sie zeigen
-sich widerspenstig, doch da sie die Waisen nicht gesetzmäßig adoptiert
-haben, nimmt der Bürgermeister sie ihnen.</p>
-
-<p>Die Kinder zeigen eine empörende Gefühllosigkeit. &mdash; Bouvard und
-Pécuchet weinen darüber.</p>
-
-<p>Herr und Frau Dumouchel gehen.</p>
-
-<p class="mtop2">So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen.</p>
-
-<p class="mtop2">Sie haben kein Interesse mehr am Leben.</p>
-
-<p>Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie
-verheimlichen ihn einer vor dem anderen. &mdash; Von Zeit zu Zeit lächeln
-sie, wenn er ihnen kommt, &mdash; dann sprechen sie ihn schließlich
-gleichzeitig aus:</p>
-
-<p class="mtop2">Abschreiben wie einst.</p>
-
-<p class="mtop2">Anfertigung eines Schreibtisches mit doppeltem Pult. &mdash; (Sie wenden
-sich deshalb an einen Tischler. Gorju, der von ihrer Erfindung gehört
-hat, erbietet sich, ihn anzufertigen. &mdash; An die Truhe erinnern.)</p>
-
-<p>Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und
-so weiter.</p>
-
-<p class="mtop2">Sie machen sich ans Werk.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[S. 318]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_UEbersetzers">Nachwort des Übersetzers</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es war am 8. Mai 1880. Flaubert hatte die Tage gezählt bis zur
-Beendigung von „Bouvard und Pécuchet“, da nahm ihm der Tod die Feder
-aus der Hand.</p>
-
-<p>Aufgeschlagen lag das Manuskript dieses Werkes auf seinem Schreibtisch,
-als sein großes edles Herz den letzten Schlag tat. Es ist das
-literarische Testament Flauberts. Es ist die Rache, die er an seinem
-Jahrhundert nahm.</p>
-
-<p>All den Ingrimm, die Wut, die Galle, die er seiner Zeit gern
-ins Gesicht gespien, hatte er ein ganzes langes Leben hindurch
-hinabgewürgt. Es war ein heroischer Verzicht, &mdash; der Kunst zuliebe.
-Denn er verachtete das Schaffen aus Affekt, fand es klein und
-erbärmlich, sein persönliches Leid in das Werk zu tragen.</p>
-
-<p>„Je prépare mon vomissement“, so nennt er es, als er an die Vorarbeiten
-zu diesem letzten Werke geht. Was es bis zum Platzen erfüllt und ihm
-einen so bitteren Geschmack gibt, ist das persönliche, das besondere
-Leid seiner Seele: die Dummheit zu sehen und sie nicht ertragen zu
-können.</p>
-
-<p>Wenn es das leidvollste, das bitterste und schwärzeste aller seiner
-Werke geworden ist, so ist es zugleich auch das klarste, hellste,
-geistigste, nüchternste, in dem eine dünne, harte, trockene Luft weht,
-die ganz erfüllt ist von glühendem Erkenntnisdrang.</p>
-
-<p>Mit unerhörter Elastizität spannt sich sein Geist durch die
-Jahrhunderte des menschlichen Gedankens. Denn hier wollte er &mdash; ein
-geradezu wahnwitziges Unterfangen &mdash; das gesamte Wissen seiner Zeit zu
-kritischer Revue aufmarschieren lassen.</p>
-
-<p>Jedes seiner Werke war für Flaubert wie eine lange Seereise, mit
-Stürmen, Bedrängnissen, Qualen, Todesnöten, aber auch mit tiefen
-Entzückungen und Erholungen in glühender Lichtfülle und mit blendenden
-Visionen wunderbarer Landstriche. Dieses hier war die einsamste,
-grausigste Fahrt in die Polargegend des Gedankens. Er wußte: niemand
-würde<span class="pagenum"><a id="Seite_319"></a>[S. 319]</span> ihm folgen wollen in diese Nacht voll eisigen Nebels; doch den
-Rückkehrenden würden sie alle mit Kot bewerfen.</p>
-
-<p>Oft hatte er geäußert, daß dies Werk ihn töten würde, &mdash; und er behält
-recht. Einmal muß er die übermenschliche Anstrengung unterbrechen, um
-sich an den „Drei Erzählungen“ zu erholen. Dann aber hält er aus bis
-zuletzt.</p>
-
-<p>In „Bouvard und Pécuchet“ legt Flaubert die Axt an die gesamte
-Geisteskultur seiner Zeit. So entsteht das radikalste Werk, das
-die moderne französische Literatur kennt. Ein Fragezeichen steht
-hinter allen Denkresultaten. Mit unheimlicher Lautlosigkeit stürzen
-Gedankenkatarakte in das Nichts.</p>
-
-<p>Von schwindelnder Höhe zeigt er uns, ganz in der Tiefe, mit fast
-unwahrscheinlicher Deutlichkeit das koboldartige Treiben der Spießer.
-Und während er ihre winzigen Gestalten so saftstrotzend auf die Beine
-stellt, fallen ihre Schatten riesengroß in die Unendlichkeit des
-Weltenraums.</p>
-
-<p>Er schuf in dieser eisigen Satire ein neues Genre: die Komik der Ideen.
-Systeme der Wissenschaft führen einen Faschingstanz auf, bis das
-Gebäude in Flammen steht und sie selbst mit in Rauch aufgehen.</p>
-
-<p>Doch in diesem aus Glut und Eis gemischten Werke wollte Flaubert
-nicht etwa den Geist treffen, sondern all das Unzulängliche, Halbe,
-Platte, Gemeine, Muffige und Stickige seiner anmaßlichen, dünkelhaften
-Äußerung, kurz das, was er unter der „Dummheit des Spießers“ verstand,
-die er haßte mit dem Haß des Gequälten und die ihn doch wieder anzog in
-ihrer Monumentalität und Ungeheuerlichkeit.</p>
-
-<p>Trotz der Grimasse ist kein Zweifel: hinter dem Werke steht ein
-unendlich großer, reicher, tiefer Mensch, der in seiner Größe das Werk
-noch weit überschattet.</p>
-
-<p>Wenige Tage vor seinem Tode schreibt Flaubert seiner Nichte mit
-Beziehung auf „Bouvard und Pécuchet“: „Ich hatte recht!... Meine
-Auskunft stammt von dem Professor der Botanik am Botanischen Garten,
-und ich hatte recht, weil das Schöne immer das Wahre ist, und weil man
-sich in einem gewissen Stadium der Intelligenz (sofern man Methode hat)
-überhaupt nicht irrt. Die Wirklichkeit beugt sich zwar niemals dem
-Ideale, aber sie bestätigt es.“</p>
-
-<p class="s2 center">*</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="chapter">
-<p class="s2 center mtop3"><span class="bb"><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">E</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">T</span></span></p>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop1"><i><span class="mleft0_3">Ä</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">Y</span><span class="mleft0_3">P</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span></i></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Einzige autorisierte deutsche Ausgabe,</em><br />
-besorgt von E. W. Fischer. Mit 16 Wiedergaben der photographischen
-Aufnahmen von Maxime du Camp, dem Reisegefährten Flauberts.</p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Umschlagzeichnung von Emil Orlik<br />
-In Leinenbroschur und<br />
-Halbpergament</em></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Die Zeit</em>: „Alle anderen Ägyptenreisenden, ihre Bücher
-bezeugen es, blicken von der Kunst auf die Landschaft. Flaubert
-blickt von der Landschaft auf die Kunst. Darum ist Ägypten in
-diesen flüchtigen Notizen das Land, die Menschen, die Standbilder,
-der Mythos, das ganze Ägypten. &mdash; Was das Geheimnis Flauberts ist,
-sein Auge, auch hier strahlt es, durchdringt es alles Sichtbare.“
-</p>
-
-<p class="right mright2">(Oskar Manrus Fontana)</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">E</span></i></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von E. W. Fischer. 2. Tausend<br />
-In Pappband und Ganzleinen</em></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Das Tagebuch</em>: „Die Briefe sind wundervoll: farbig, witzig,
-sachlich, warm, persönlich. Manche, zum Beispiel die Briefe aus
-Jerusalem, gehören in die Sammlung klassischer Briefe.“</p>
-
-<p class="right mright2">(Stephan Großmann)</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">E</span></i></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von E. W. Fischer. In Vorbereitung</em></p>
-
-<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">Ä</span><span class="mleft0_3">M</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">E</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">Ü</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span></i></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">3 Bände. Übersetzt von E. W. Fischer. 3. Tausend<br />
-In Pappbänden und in Halbleder</em></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Berliner Börsen-Curier</em>: „Vielleicht sind diese 1600
-Seiten das Herrlichste von Flaubert, &mdash; wahrscheinlich aber das
-Herrlichste nur für den, der seine Werke gelesen hat. Denn die
-Werke erschließen den Sinn des Epos, das hier in unerhörtem
-Reichtum objektiver und subjektiver Gegenwart, mit restlosem
-Temperament des Geistes, der Seele, des Auges einen großen
-bewunderungs- und liebenswürdigen Menschen entfaltet.“</p>
-
-<p class="right mright2">(Oskar Loerke)</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">W</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">L</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">M</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">T</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">D</span></i></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von Else von Hollander<br />
-Mit einem Essay von Heinrich Mann. 5. Tausend</em><br />
-(22. Band der Liebhaber-Bibliothek) Vergriffen</p>
-
-<p class="s3 center mtop2"><i><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">E</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">N</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">T</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">U</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">N</span>
-&ensp; <span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">M</span>
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-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Übersetzt von Else von Hollander</em><br />
-Mit 12 Lithographien von Max Kaus. 3. Tausend. In Halbleinen<br />
-(Der Graphischen Bücher 1. Band)</p>
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-<p class="s3 center mtop2"><span class="bt">GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG POTSDAM</span></p>
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-</div>
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-End of Project Gutenberg's Bouvard und Pécuchet, by Gustave Flaubert
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOUVARD UND PÉCUCHET ***
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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