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-The Project Gutenberg EBook of Die Koralle, by Georg Kaiser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Koralle
-
-Author: Georg Kaiser
-
-Release Date: August 24, 2020 [EBook #63038]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KORALLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- DIE KORALLE
-
- SCHAUSPIEL IN FÜNF AKTEN
-
-
- VON
-
- GEORG KAISER
-
-
- S. FISCHER -- VERLAG -- BERLIN
- 1917
-
-
- DEN BÜHNEN UND VEREINEN GEGENÜBER ALS MANUSKRIPT
- GEDRUCKT. ALLE RECHTE VORBEHALTEN, BESONDERS DIE DER
- ÜBERSETZUNG. DAS AUFFÜHRUNGSRECHT IST VON S. FISCHER,
- VERLAG ZU ERWERBEN. COPYRIGHT 1917 S. FISCHER, VERLAG.
-
-
-
-
-PERSONEN
-
-
- Milliardär
- Sohn
- Tochter
- Sekretär
- Museumsdirektor
- Arzt
- Kapitän
- Sängerin
- der Herr in grau
- der Mann in blau
- die Dame in schwarz
- die Tochter in schwarz
- das Fräulein in Taffet
- der erste }
- der zweite } Richter
- der Geistliche
- die beiden Diener
- der Schreiber
- die beiden Wärter
- der gelbe Heizer
- der farbige Diener
- Matrosen
-
-
-
-
-ERSTER AKT
-
-
- Ein ovaler Raum: »das heiße Herz der Erde«. In sehr heller
- Wandtäfelung liegen die Türen unsichtbar: zwei hinten, eine links.
- Nur zwei runde Sessel aus weißem Elefantenleder stehen mitten in
- großem Abstand gegenüber; der rechte mit einem Signalapparat an der
- äußeren Wange.
-
- In diesem Sessel sitzt der Sekretär: das Profil ist auf eine
- unbestimmte Art von scheuer Energie. Straffes rötliches Haar steigt
- in schmalem Streifen bis gegen das Kinn nieder. Der Körper im
- Anzug von gröbstem Stoff ist klein; doch holt er aus irgendeiner
- fortwährenden angreiferischen Bereitschaft, die mit Anstrengung
- gebändigt wird, Wucht und Bedeutung.
-
- Im andern Sessel das Fräulein in Taffet.
-
- SEKRETÄR
-
-Würden Sie nun --
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
-O ich verstehe Sie: -- mich kurz fassen. Ich bin nicht die einzige,
-die angehört sein will. Im Vorzimmer drängen sich die Menschen -- und
-vielleicht sind ihre Wünsche berechtigter. Wer will das wissen? Es gibt
-Elend an allen Ecken der Erde. Ob meine Ecke, an die das Schicksal mich
-zu stellen für passend befunden hat, eine besonders windige ist --
-
- SEKRETÄR
-
-Um das zu beurteilen, muß ich Ihr Schicksal kennen.
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
-Die Hölle, mein Herr! -- Jawohl, die Hölle. Ich verwende keinen
-extremen Ausdruck. Das ist meine Art nicht. Oder kann man das besser
-bezeichnen, wenn -- -- Man ist Mensch -- man hat eine Mutter -- an
-Gott glaubt man -- -- Nein, mein Herr, diese Fähigkeit ist mir nicht
-abhanden gekommen -- im Großen und Ganzen nicht! -- -- und -- ich kann
-es nicht laut sagen --: kaufe mir mein Brot mit meinem Leib!
-
- SEKRETÄR
-
-Suchen Sie Aufnahme in ein Asyl?
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
-Wo Blumenstöcke hinter den Fenstern leuchten --!
-
- SEKRETÄR
-
- zieht einen Schreibblock aus der Tasche und schreibt.
-
-Sie haben zwei Jahre Zeit, um über die Grundlage einer neuen Existenz
-nachzudenken.
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
-Zwei -- --
-
- SEKRETÄR
-
- gibt ihr das Papier.
-
-Jedes Magdalenenheim steht Ihnen heute offen.
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
- zugleich seine Hand fassend und küssend -- hysterisch.
-
-Ich hatte meinen Kinderglauben nicht verkauft -- Gott war mir nicht
-feil -- nun sucht er mich mit seinem Boten -- meines Gottes Bote --
-ich grüße Sie -- kniend nehmen Sie meinen glühenden Dank. Mehr --
-mehr, Gott selbst geht wieder unter uns -- wir sind alle gerettet --
-halleluja amen!
-
- SEKRETÄR
-
- drückt auf das Signalbrett.
-
- Sofort kommen von links zwei Diener -- herkulische Figuren -- in
- gelber Livree. Sie heben das Fräulein in Taffet auf und führen es
- nach der Tür zurück.
-
- DAS FRÄULEIN IN TAFFET
-
- ekstatisch.
-
-In ein Magdalenenheim -- ich werde ein neuer Mensch -- ein neuer Mensch
--- --! (Die drei ab).
-
- Der Mann in blau wird von den Dienern eingelassen und in den Sessel
- geführt. Diener ab.
-
- SEKRETÄR
-
-Würden Sie --
-
- DER MANN IN BLAU
-
- mit stoßender Sprechweise.
-
-Die Brust --
-
- SEKRETÄR
-
-Suchen Sie Aufnahme in eine Heilanstalt?
-
- DER MANN IN BLAU
-
- den Kopf in die Hände vergrabend.
-
-Weggeschickt bin ich, nachdem ich mich von Kräften gearbeitet habe! --
-Bin ich ein alter Mann? Ich stehe in den besten Jahren -- und sehe wie
-ein Greis aus. Der Anzug schlottert um mich, den ich einmal ausfüllte
-bis in die Nähte. Das System hat mich ruiniert --
-
- SEKRETÄR
-
-Sie sind Arbeiter?
-
- DER MANN IN BLAU
-
-Jeden ruiniert das System -- die unmenschliche Ausnützung der
-Leistungsfähigkeit. Der Andrang ist ja groß genug -- darum muß man
-schnell verbraucht werden, um Platz zu schaffen.
-
- SEKRETÄR
-
-Sie finden keine Beschäftigung in Fabriken?
-
- DER MANN IN BLAU
-
-Schon am Fabriktor werde ich abgewiesen. Seit zwei Wochen irre ich in
-den Straßen herum und habe das Letzte aufgezehrt, was ich hatte. Jetzt
---
-
- SEKRETÄR
-
-Wir haben Landkolonien.
-
- DER MANN IN BLAU
-
-Die haben wir -- ja. Die liegen drin im Land. Ich kann nicht so weit
-wandern.
-
- SEKRETÄR
-
-Die Kolonien sind mit der Bahn zu erreichen.
-
- DER MANN IN BLAU
-
-Ich -- habe das Fahrgeld nicht!
-
- SEKRETÄR
-
- zieht den Schreibblock und schreibt. Ihm das Blatt gebend.
-
-Zeigen Sie draußen die Anweisung.
-
- DER MANN IN BLAU
-
- liest -- sieht auf.
-
-Das ist mehr -- als das Fahrgeld! (Stammelnd.) Ich habe Frau und Kinder
--- -- ich kann sie mit mir nehmen -- -- ich wollte sie verlassen!
-
- SEKRETÄR
-
- drückt auf das Signalbrett.
-
- Die beiden Diener kommen.
-
- DER MANN IN BLAU
-
- schon nach links laufend.
-
-Meine Frau -- -- meine Kinder! (Ab.)
-
- Die Diener schließen hinter ihm die Tür -- öffnen und lassen die
- Dame in schwarz mit der Tochter ein. Die Tochter trägt einen
- Violinkasten.
-
- DIE DAME IN SCHWARZ
-
- zu den Dienern.
-
-Danke -- ich stehe.
-
- Die Diener ab.
-
- SEKRETÄR
-
- steht auf.
-
-Würden Sie --
-
- DIE DAME IN SCHWARZ
-
- ruhig.
-
-Ich entschloß mich zu diesem Gang als Mutter meiner Tochter. Vor
-einigen Monaten verlor ich meinen Mann. Er hinterließ mir so gut
-wie nichts. Es ist mir gelungen, eine Stellung zu finden, die mich
-ernährt. Allerdings würde ich niemals hinreichend verdienen, um für
-die Ausbildung meiner Tochter zu sorgen. Ich habe Grund zu der Annahme,
-daß das Talent meiner Tochter ihr eine Zukunft sichert. Ich habe davon
-abgesehen mir Atteste und Gutachten zu verschaffen. Das beste Zeugnis
-ihrer Befähigung ist ihr Spiel. Darf sie spielen?
-
- SEKRETÄR
-
-Ich denke, daß es auch Ihrer Tochter noch größeres Vergnügen nach
-vollendeter Ausbildung bereitet.
-
- DIE DAME IN SCHWARZ
-
-Darf ich aus diesen Worten --
-
- SEKRETÄR
-
- schreibt.
-
- DIE DAME IN SCHWARZ
-
- zur Tochter.
-
-Küsse die Hand.
-
- SEKRETÄR
-
- gibt der Dame in schwarz das Blatt.
-
-Erheben Sie das monatlich bis zum Schluß des Studiums.
-
- DIE DAME IN SCHWARZ
-
- ohne zu lesen.
-
-Dank wird Ihnen lästig sein, Sie hören ihn zu oft. Die Menschen müssen
-Ihnen erbärmlich erscheinen, Sie machen zuviele glücklich. Uns bleibt
-nur das Staunen vor dem Wunder: daß es jemanden gibt, der sich nicht
-vor uns verschließt, wenn wir mit unserm Kummer zu ihm kommen. Uns alle
-anzuhören, das ist größerer Mut -- als die Erfüllung unserer Bitten
-schon unsagbare Güte ist!
-
- SEKRETÄR
-
- drückt auf das Signalbrett.
-
- Die Diener kommen und führen die Dame in schwarz mit der Tochter
- weg.
-
- Auf dem Signalbrett schnarrt eine Schelle.
-
- SEKRETÄR
-
- drückt sofort nochmals auf einen anderen Taster.
-
- Nur ein Diener von links.
-
- SEKRETÄR
-
- zu ihm.
-
-Warten!
-
- Der Diener ab.
-
- Aus der Tür rechts hinten, die eine dichte Innenpolsterung zeigt,
- tritt rasch der Milliardär ein. Jene früher gegebene ausführliche
- Beschreibung des Sekretärs zielte nach dem Milliardär: der Sekretär
- ist bis auf die geringste Einzelheit nur sein Widerspiel. Noch in
- Sprache und Geste ist die Übereinstimmung vollkommen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Die Bordliste der »Meeresfreiheit«. Nach der Ausfahrt gestern
-aufgenommen und heute morgen mit Funkspruch hier gemeldet. Mein Sohn
-ist nicht unter den Passagieren genannt.
-
- SEKRETÄR
-
- liest das Blatt.
-
-Nur sein Begleiter.
-
- MILLIARDÄR
-
-Die Liste ist unvollständig!
-
- SEKRETÄR
-
-Die Bordmeldungen pflegen genau zu stimmen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wo ist mein Sohn, wenn sein Begleiter auf dem Dampfer ist? Er muß mit
-der »Meeresfreiheit« reisen. Ich habe es gewünscht. Die Zeitungen
-hatten die Namen der Passagiere, die die erste Klasse belegt haben,
-gebracht, meinen Sohn an erster Stelle!
-
- SEKRETÄR
-
-Ich glaube nicht an einen Irrtum.
-
- MILLIARDÄR
-
-Er muß an Bord sein. Es gibt nur dies Schiff, auf dem er reisen kann.
-Es war mein ausdrücklicher Auftrag, den ich dem Begleiter schickte,
-diesen schnellsten und schönsten Dampfer zu benutzen! Die Meldung ist
-fehlerhaft. Setzen Sie sich mit dem Schiffahrtskontor in Verbindung.
-Fragen Sie an, wo der Fehler gemacht ist. Ob an Bord -- oder bei der
-Herstellung der Liste!
-
- SEKRETÄR
-
- zögert.
-
- MILLIARDÄR
-
-Warten Sie am Telephon auf die Antwort.
-
- SEKRETÄR
-
-Es wird mich aufhalten --
-
- MILLIARDÄR
-
-Worin?
-
- SEKRETÄR
-
-Es ist heute der »offene Donnerstag« -- --
-
- MILLIARDÄR
-
- nachdenkend.
-
-Der »offene Donnerstag« -- --
-
- SEKRETÄR
-
- wartet.
-
- MILLIARDÄR
-
- kurz.
-
-Fragen Sie an. Ich werde solange hier sein.
-
- SEKRETÄR
-
- gibt ihm noch den Schreibblock.
-
- MILLIARDÄR
-
-Machen Sie die Auskunft dringend und kommen Sie gleich mit dem Bescheid.
-
- SEKRETÄR
-
- durch die Tür links hinten ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- setzt sich in den Sessel, drückt auf das Signalbrett.
-
- Die Diener lassen den Herrn in grau ein: von mächtigem Wuchs,
- in weitem hellgrauen Anzug, dessen Taschen mit Zeitungen und
- Broschüren vollgestopft sind. Runder roter Kopf, das Haar
- weggeschoren. Sandalen.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- nach den Dienern, die ihn in den Sessel weiterführen wollen, mit
- der Reisemütze schlagend.
-
-Langsam. Pause. Atem holen. (Da die Diener warten.) Sorgen Sie draußen
-für Ruhe -- ich nehme mir hier Zeit. (Gegen den Milliardär.) Sie wird
-mir bewilligt werden. Mit drei Worten halte ich Ihre Aufmerksamkeit
-gebannt. (Zu den Dienern.) Ich bin kein Raubtier.
-
- Die Diener auf einen bezeichnenden Wink des Milliardärs ab.
-
- MILLIARDÄR
-
-Würden Sie --
-
- DER HERR IN GRAU
-
- sich umblickend.
-
-Also dies ist der gelobte Raum -- die Quelle des großen Mitleids --
-das Heiligtum, von dem Liebe und Hilfe ausgehen -- (Mit beschreibender
-Gebärde.) Geschwungenes Rund -- bedeutsame Form -- »das heiße Herz der
-Erde«!
-
- MILLIARDÄR
-
-Äußern Sie jetzt --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Eindrucksvoll die Kahlheit: zwei Sessel -- und Platz für Klagen und
-Jammerworte. Wunderlich, daß die Täfelung nicht nachgedunkelt ist von
-den Notschreien, die gegen sie anprallen.
-
- MILLIARDÄR
-
- tastet nach dem Signalbrett.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- bemerkt es.
-
-Schellen Sie nicht nach den Dienern. Ich weiß es: dieser »offene
-Donnerstag« ist kostbar für alle, die warten. Jede vergeudete Minute
-besiegelt ein Menschenschicksal.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wobei suchen Sie meine Hilfe?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ich -- (Sich weit vorlehnend.) -- will Ihnen helfen!
-
- MILLIARDÄR
-
- greift unwillkürlich nach dem Taster.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Kein Signal. Ich bin gesund -- und was ich sage, ist lange überlegt.
-Ich habe den Stoff studiert -- verarbeitet -- und bin zu Ergebnissen
-gekommen -- zu einer Lösung von lächerlicher Einfachheit. Der ganze
-Streit -- dieser gigantische Kampf, der mit einem ungeheuren Aufwand
-von Mitteln und Gegenmitteln geführt wird -- fällt hin -- verrinnt --
-ist weg!
-
- MILLIARDÄR
-
-Was für ein Streit?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Der einzige, der dauernd tobt: zwischen arm und reich!
-
- MILLIARDÄR
-
-Den --
-
- DER HERR IN GRAU
-
--- will ich schlichten!
-
- MILLIARDÄR
-
- sieht ihn mit aufblitzendem Interesse forschend an.
-
-Warum kommen Sie zu mir?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Es hat Sie überrascht. Aber ich mußte Sie im ersten Augenblick fesseln.
-Sonst ging die Gelegenheit verloren. Ein zweites Mal hätten mich
-Ihre Diener nicht vorgelassen. Mit den beiden ist nicht zu spaßen.
-(Zeitungen und Zeitschriften aus den Taschen wühlend.) Jetzt will
-ich das, was ich vorhin auf den kürzesten Ausdruck gebracht hatte,
-entwickeln. Das ist das Material, das die erschöpfende Feststellung
-verschafft. Sozialistische Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren -- das
-ganze Arsenal des kämpfenden Proletariats. Aufrufe -- Anpreisungen von
-Mitteln, die den Erfolg verheißen -- Tarife -- Tabellen -- Statistik:
-eine Sintflut von Literatur. Literatur -- weiter nichts. Es bringt
-keinen Schritt weiter -- die Kluft klafft nur immer breiter, denn auf
-die Feindschaft bis aufs Messer ist es aufgebaut. (Alles wieder in
-die Taschen schiebend.) Schade um die Mühe. Zwecklose Wanderungen in
-Sackgassen. So wird das nichts. Verstehen Sie es?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich verstehe Sie nicht.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Was tun Sie hier? Sie schenken mit beiden Händen. Wer bittet, wird
-befriedigt. Im großen und im kleinen. Ihr Milliardenreichtum gestattet
-es. Sie machen diesen »offenen Donnerstag«. Jeder kommt und empfängt.
-Das Elend kriecht über diese Schwelle und tanzt als Glück hinaus.
-Dieser ovale Raum wird im Mund der Bedrückten zum Paradies: hier pocht
-das Herz der Erde -- heiß und erbarmend. Keine Minute stockt der
-Pulsschlag -- er spendet und spendet. Warum tun Sie das?
-
- MILLIARDÄR
-
-Mein Milliardenreichtum --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Nein!
-
- MILLIARDÄR
-
-Sondern?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ihr Reichtum ekelt Sie an!
-
- MILLIARDÄR
-
- hebt eine Hand auf.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Nicht, daß es Ihnen so bewußt wäre -- aber es gibt für mich keine
-andere Erklärung. Nehmen Sie sie von mir an. Ich habe das nicht von
-gestern auf heute gefunden. Ich bin in allen Sackgassen mühselig
-gelaufen -- bis ich hier die offene Straße entdeckte, die allein zum
-Ziel führt.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was für ein Ziel ist das?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Das Ende des Kampfes zwischen reich und arm. Was keine Partei -- keine
-Parole zuwegebringt, das machen Sie mit einem Federstrich wirklich.
-Alles andere wird dadurch überflüssig: Ihr »offener Donnerstag« --
-»das heiße Herz der Erde« -- die Versammlung des Elends im Vorzimmer.
-Es bleiben ja doch nur Tropfen, die Sie in das Meer von Jammer
-schütten. Aber mit diesem Federstrich künden Sie den ewigen Frieden an.
-Unterschreiben Sie diese Erklärung!
-
- MILLIARDÄR
-
- nimmt das Papier nicht.
-
-Was soll ich erklären?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Daß Sie die Bereicherung des Einzelnen für die unerhörteste Schmach
-ansehen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Daß ich --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie müssen es sagen. Sie -- der Milliardär der Milliardäre. In Ihrem
-Munde erhält es Gewicht. Das beleuchtet blitzklar das Schlachtfeld,
-auf dem sich die Parteien bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen.
-Das ist die weiße Parlamentärflagge, die hochgeht. Verhandlung --
-Verständigung. Der Kampf wird überflüssig, der Kriegsgrund ist
-beseitigt: Sie wollten nicht reich sein -- Sie sind nur durch die
-Umstände gezwungen, reich zu werden. Jetzt kann man über die
-Abänderung dieser Zustände beraten -- man findet die Lösung, weil man
-sie brüderlich sucht!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich bin schwerlich --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie allein sind es! -- Sie wollen schenken weil Sie müssen. Etwas in
-Ihnen zwingt Sie dazu. Jetzt tun Sie es im kleinen -- nun kennen Sie
-das größere: jetzt werden Sie mit Freuden unterschreiben!
-
- MILLIARDÄR
-
- steht auf.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie werden doch nicht die Diener rufen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich -- (Er steht nachdenkend hinter dem Sessel.)
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ich wußte es doch!
-
- MILLIARDÄR
-
--- will Ihnen eine Erklärung geben.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ihre Unterschrift!
-
- MILLIARDÄR
-
- wehrt wieder ab.
-
-Und Sie sollen mir sagen, ob ich unterschreiben kann.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie müssen es ja!
-
- MILLIARDÄR
-
- kommt in den Sessel zurück.
-
-Da Sie ja so etwas wie die Weltordnung umstürzen wollen, muß ich meine
-Weltordnung vor Ihnen aufzubauen suchen. Kennen Sie meine Anfänge?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Aus eigener Kraft!
-
- MILLIARDÄR
-
-Aus eigener Schwäche!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- sieht ihn verdutzt an.
-
- MILLIARDÄR
-
-Oder sagen wir: Furcht -- Angst. Schwäche und Furcht bedingen sich ja.
-Aber Sie werden es mit zwei, drei Worten nicht verstehen können. Mein
-Werdegang -- so sagt man ja wohl -- ist bereits in die Schulbücher
-übergegangen. Ich wiederhole also nur eine bekannte Erzählung. Ich
-gebe dieselben Daten -- nur sind meine Deutungen anderer Natur. Mein
-Vater war Arbeiter in demselben Werk, das mir jetzt gehört. Ob er einen
-Kessel geheizt hat oder Lastträger war, weiß ich nicht. Viel Geld hat
-er wohl nicht verdient, denn wir existierten erbärmlich. An einem
-Montag -- am Lohntag -- kam er nicht nachhause. Er war gekündigt, weil
-er verbraucht war -- und hatte sich mit dem letzten Geld auf den Weg
-gemacht. Uns hätte er ja nicht mehr ernähren können. An diesem Abend
-nahm sich meine Mutter das Leben. Ich hörte irgendwo im Hause einen
-Schrei -- ich lief nicht hin -- ich wußte alles -- ich war acht Jahre
-alt. In dieser Minute pflanzte sich mir das Entsetzen ein. Es stand
-vor mir wie eine graue Wand, über die ich hinweg mußte, um vor dem
-Furchtbaren zu fliehen. Das Furchtbare, das aus dem Ausbleiben des
-Vaters mit der Löhnung und dem Schrei der Mutter zusammenfloß, das
-brachte mich auf den Weg -- das trieb mich zur Flucht. Es stand hinter
-mir, wenn ich arbeitete -- ich fand Arbeit beim Werk! -- Es ließ mich
-keine Sekunde los -- ich floh und floh -- -- -- -- und fliehe, weil es
-heute noch irgendwo hinter mir dasteht!
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie haben sich verblüffend schnell hinaufgearbeitet.
-
- MILLIARDÄR
-
-Rastloser Fleiß -- rastlose Flucht. Mehr nicht. Immer weiter mußte ich,
-um den Abstand zwischen den Furchtbaren und mir zu verlängern. Es gab
-keine Gnade, das hatte ich gesehen. Es hetzte mich vorwärts. Die Angst,
-die mir in den Gliedern fror, machte mich erfinderisch. Da stehen
-Maschinen, die haben meinen Vater ausgesaugt -- die haben meine Mutter
-an den Türhaken geschnürt -- die werden mich zermalmen, wenn ich sie
-nicht unter mich zwinge. Das Werk -- mit seinen Maschinen -- mit seinen
-Menschen zwischen mich und das Furchtbare gestellt -- das hat mir die
-erste Ruhe gegeben!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- fährt sich über die Stirn.
-
-Was wollen Sie denn damit -- -- Ein Erlebnis, wie hundertmal täglich es
-vorkommt -- der Vater verschwindet -- die Mutter -- --
-
- MILLIARDÄR
-
-Mich schlug es nieder, weil ich besonders schwächlich war. Ich mußte es
-sein, sonst hätte ich besser standgehalten. Aber ich lief davon, was
-ich laufen konnte. Sagt Ihnen das genug?
-
- DER HERR IN GRAU
-
- verwirrt.
-
-Ich sträube mich --
-
- MILLIARDÄR
-
-Gegen den Schwächling vor Ihnen?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie müssen ja erbarmungslos gegen Ihre Mitmenschen sein!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wer flieht, will nicht sehen, über wen er tritt!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- sieht ihn an -- froh.
-
-Und widerlegen sich selbst: -- »das heiße Herz der Erde«!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ja -- ich will von dem Elend nichts hören, das mich an das Furchtbare
-zu stark erinnern kann. Deshalb habe ich einen Tag im Monat bestimmt:
-den »offenen Donnerstag«. So weiß ich, wann ich mich zu verstecken habe.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie sitzen doch selbst hier und hören alles an!
-
- MILLIARDÄR
-
-Irrtum --: mein Sekretär sitzt hier.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- nach einer Pause -- scharf.
-
-Ist das Ihre Weltordnung?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nicht meine -- es ist _die_ Weltordnung.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Die Klassen sind kürzer oder weiter vorgekommene Flüchtlinge?
-
- MILLIARDÄR
-
-Alle sind auf der Flucht.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und die am raschesten Fliehenden -- die --
-
- MILLIARDÄR
-
-Die verstörtesten Feiglinge --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Triumphieren!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wie meinesgleichen!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- stöhnt. Dann ironisch.
-
-So muß ich erst auf eine Menschheit hoffen, die keine Feiglinge mehr
-unter sich zählt.
-
- MILLIARDÄR
-
-Es werden immer wieder Menschen geboren, die sich tiefer erschrecken.
-Es kommt auf den Anlaß nicht mehr an. Es ist immer der Hebel gewesen,
-der sich selbst ansetzte. Fortschritt -- es gilt nicht: wohin --
-sondern: fort wovon! -- -- Wird Ihnen jetzt mehr verdächtig? Ich
-spreche Ihre Vermutungen unumwunden aus. Mir sind diese Gedankengänge
-ja geläufiger. Woher stammen die Großen, die eine Welt erobern? Aus
-dem Dunkel steigen sie herauf, weil sie aus dem Dunkel kommen. Dort
-erlebten sie das Furchtbare -- auf diese oder jene Weise. Schaurige
-Meteore sind sie, die grell aufflammen -- und fallen!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- spöttisch.
-
-Und wann -- fallen Sie?
-
- MILLIARDÄR
-
- schüttelt lächelnd den Kopf.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Wie haben Sie sich gegen das Meteorschicksal versichert?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe einen Sohn.
-
- Der Sekretär kommt zurück.
-
- MILLIARDÄR
-
- aus dem Sessel -- dem Sekretär entgegen.
-
-Ist jetzt der Irrtum berichtigt?
-
- SEKRETÄR
-
-Das Verzeichnis war vollständig.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ohne meinen Sohn?
-
- SEKRETÄR
-
-Er befindet sich nicht auf der »Meeresfreiheit«.
-
- MILLIARDÄR
-
-Aber sein Begleiter reist doch mit der »Meeresfreiheit«!
-
- SEKRETÄR
-
-Er muß sich von ihm getrennt haben.
-
- MILLIARDÄR
-
-Der keinen Schritt von seiner Seite weichen durfte?
-
- SEKRETÄR
-
- schweigt.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich will Aufklärung. Ich weiß ja in dieser Stunde nicht, wo mein
-Sohn ist! -- Setzen Sie sich mit seinem Begleiter durch Funkspruch in
-Verbindung. Er soll berichten was vorgefallen ist. Es muß doch etwas
-vorgefallen sein. Ich begreife nicht, wie er ohne meinen Sohn reisen
-konnte!
-
- SEKRETÄR
-
-Ihr Sohn ist jung --
-
- MILLIARDÄR
-
- lächelnd.
-
-Zarte Fesseln, die ihn --? Wir werden den Grund bald kennen.
-
- SEKRETÄR
-
- wieder ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- in den Sessel zurückkehrend.
-
-Habe ich Sie vorhin so stark erschüttert?
-
- DER HERR IN GRAU
-
- war beim Eintritt des Sekretärs aufgesprungen. Er starrt noch nach
- der Tür, durch die der Sekretär weggegangen ist. Dann wendet er
- sich zum Milliardär.
-
-Bin ich doppelsichtig? Sitzen Sie hier? Sind Sie nicht eben da aus der
-Tür? Haben Sie mit sich selbst gesprochen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nein, ich habe mit meinem Sekretär verhandelt.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Der Sekretär --! Sind Sie Brüder? Aber es wäre auch das --
-
- MILLIARDÄR
-
-Sie sehen, es ist möglich.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- sich in den Sessel fallen lassend.
-
-Grauenhaft!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ein Scherz, den sich die Natur vielfach leistet. Sie werden für jeden
-Menschen eine Wiederholung finden. Wenn Sie suchen, heißt es. Ich habe
-suchen lassen und und ich gebe zu, daß ich vom Glück begünstigt wurde.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Vom Glück --?
-
- MILLIARDÄR
-
-Es verschafft mir große Annehmlichkeiten. Ich kann da und dort sein,
-ohne mich selbst zu bemühen. Und auch an diesem »offenen Donnerstag«
-bin ich mit meiner gutbekannten Gestalt hier -- und angle vielleicht zu
-meiner Erholung an einem entfernten Gewässer.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Wissen Sie denn selbst noch, wer Sie sind?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich denke doch.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und sonst nimmt jeder den Sekretär für Sie?
-
- MILLIARDÄR
-
-Bis auf die beiden Diener, die über meine persönliche Sicherheit wachen.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Kein Mensch könnte den Unterschied entdecken?
-
- MILLIARDÄR
-
-Deshalb ist auch ein kleines unauffälliges Abzeichen angebracht. Eine
-Koralle, die der Sekretär an seiner Uhrkette trägt. Wer die Koralle
-hat, ist der Sekretär.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und nur die Diener wissen es?
-
- MILLIARDÄR
-
-Es sind Detektivs.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und wenn ich Ihr Geheimnis verrate?
-
- MILLIARDÄR
-
-Wer wird Ihnen glauben? Ein Märchen mehr über mich.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- schüttelt heftig den Kopf.
-
-Sie haben die Koralle nicht an der Kette -- oder, ich habe nicht darauf
-geachtet, trugen Sie vorhin --
-
- MILLIARDÄR
-
-Nein, ich habe Ihnen von Anfang an Rede gestanden. Und wenn Sie noch
-den Schluß hören wollen --
-
- DER HERR IN GRAU
-
- lachend.
-
-Das Ende Ihrer Flucht Hals über Kopf vor dem Furchtbaren! Oder gibt es
-keins?
-
- MILLIARDÄR
-
-In meinem Sohn. Ich habe auch eine Tochter, aber zum Sohn hat man die
-tiefere Beziehung. Haben Sie Kinder? Nein. Dann müssen Sie mir schon
-glauben. Im Sohn findet man seine Fortsetzung -- während er selbst
-ein Anfang ist. Das ist ein Gesetz, das im Blut liegt. Ich weiß mit
-stärkster Gewißheit, daß es besteht! -- Es wünscht doch jeder Vater:
-mein Sohn soll es einmal besser haben. Das ist so der landläufige
-Ausdruck.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Er soll das Furchtbare, wie Sie es nennen, nicht kennen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Soll ich noch mehr sagen? Das ist ja alles so verständlich.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und Sie haben ihn bewahrt?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich lasse ihn ein helles Leben leben. Er hat keine Berührung mit dem,
-was in Ihren Broschüren schreit und jammert. Ich habe ihn abseits
-geführt.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Wo halten Sie ihn versteckt?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich halte ihn nicht verborgen. Die Erde hat so viele sonnige Küsten!
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Wo man das Furchtbare verträumt!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wo man sich eine glücklichere Vergangenheit schafft.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Von der Flucht in seligem Frieden rastet!
-
- MILLIARDÄR
-
-Im Paradies!
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie haben den äußeren Doppelgänger gefunden -- den Sekretär.
-
- MILLIARDÄR
-
-Erregt es Sie noch?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Nein, es ist Methode darin.
-
- MILLIARDÄR
-
-Inwiefern?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Jetzt formen Sie sich noch den inneren Doppelgänger -- Ihren Sohn.
-
- MILLIARDÄR
-
-Vielleicht ist es meine Leidenschaft mich auszutauschen.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Wenn man so triftige Gründe hat.
-
- MILLIARDÄR
-
-So furchtsam ist.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Und so mächtig!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen Sie mir jetzt noch helfen? Mit Ihrer Erklärung, die ich
-unterschreiben soll?
-
- DER HERR IN GRAU
-
- stößt seine Zeitungen usw. noch tiefer in die Taschen, atmend.
-
-Sie haben mich verwirrt gemacht. Die Luft ist hier dick. Es preßt einem
-den Schweiß durch die Poren.
-
- MILLIARDÄR
-
-Überdenken Sie es in Ruhe.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Es ist zu toll: das »heiße Herz der Erde« -- -- der »offene Donnerstag«
--- -- -- Die Konsequenzen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Welche Konsequenzen?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Das Chaos tut sich auf!
-
- MILLIARDÄR
-
-Es ist aufgetan -- darum rette sich auf einen festen Fleck, wer kann.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- fast schreiend.
-
-Sie retten sich nicht!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe einen Sohn.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Lassen Sie mich weg. Schellen Sie nach Ihren Dienern. Ich sehe die Tür
-nicht. Schellen Sie doch!
-
- MILLIARDÄR
-
- drückt den Taster.
-
- Die beiden Diener kommen.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- mit drohender Gebärde nach dem Milliardär.
-
-Sie haben meine Welt zertrümmert -- noch unter dem Schutt begraben
-verfluche ich Sie -- -- verfluche ich Sie! (Die Diener packen ihn hart
-an und führen ihn hinaus.)
-
- SEKRETÄR
-
- tritt wieder ein.
-
-Ein Funkspruch von Ihrem Sohn.
-
- MILLIARDÄR
-
-Vom Kontinent?
-
- SEKRETÄR
-
-Nein -- von Bord.
-
- MILLIARDÄR
-
-Reist er --
-
- SEKRETÄR
-
- liest.
-
-Soeben abgefahren --
-
- MILLIARDÄR
-
-Doch mit der »Meeresfreiheit«?
-
- SEKRETÄR
-
- schüttelt den Kopf.
-
- MILLIARDÄR
-
-Verkehrt denn ein Schwesterschiff, das Luxuskabinen wie die
-»Meeresfreiheit« hat?
-
- SEKRETÄR
-
- liest weiter.
-
-Auf dem »Albatros«.
-
- MILLIARDÄR
-
-»Albatros«? -- Was ist das für ein Schiff?
-
- SEKRETÄR
-
-Ein -- Kohlendampfer.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ein -- -- Kohlendampfer -- --? Gibt er eine Erklärung?
-
- SEKRETÄR
-
- zögert -- reicht ihm das Telegramm.
-
- MILLIARDÄR
-
- liest zu Ende.
-
--- -- Als Heizer! -- -- (Gegen den Sessel taumelnd.) Was bedeutet das:
-mein Sohn -- -- auf einem Kohlendampfer -- -- Heizer?!
-
-
-
-
-ZWEITER AKT
-
-
- Unter dem Sonnensegel auf der Milliardärsjacht. Hinten ein Stück
- der Reeling. Heißflimmernde Meeresstille.
-
- In weißlackierten Rohrsesseln: Milliardär, die Tochter, der
- Museumsdirektor, der Arzt, der Kapitän -- alle in weiß. Ein Neger
- stellt Eisgetränke hin.
-
- Die Stimme der Sängerin in einiger Entfernung.
-
- SÄNGERIN
-
- den letzten Ton der Arie aushaltend und dämpfend kommt hinten und
- richtet ihren Kodak auf die Gruppe. Aufhörend und zugleich knipsend.
-
-Danke. (Die anderen sehen nun erstaunt auf.) Für Reklamezwecke. Auf
-hoher See -- an Bord der glänzendsten Jacht der Welt -- und dies
-Publikum: das mußte ich auf die Platte bringen. Sämtliche Opernhäuser
-der Erde überbieten sich mit Verträgen. (Sich in einen Sessel neben den
-Milliardär niederlassend.) Wenn _Sie_ mir hingerissen zugehört haben --
-oder täusche ich mich? Sagen Sie doch die Wahrheit. Das Bild habe ich
-ja im Apparat!
-
- MILLIARDÄR
-
- etwas verlegen.
-
-Nein, nein, wirklich außerordentlich --
-
- Die anderen klatschen Beifall.
-
- SÄNGERIN
-
- photographiert schnell.
-
-Aufnahme zwei: der Applaus. (Dem Neger das Glas zurückgebend.) Heiße
-Limonade.
-
- ARZT
-
-Das wollte ich Ihnen eben empfehlen.
-
- SÄNGERIN
-
-Sehen Sie, Doktor, ich bin alles in einem: Sängerin, Impresario,
-Leibarzt.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Damit machen Sie zwei Menschen brotlos.
-
- SÄNGERIN
-
-Ist das nicht überhaupt das Geheimnis des Aufstieges?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Sie haben gesunde Nerven!
-
- SÄNGERIN
-
-Die schlechtesten?
-
- ARZT
-
-Wollen Sie mir, als Arzt, das einmal näher erklären?
-
- SÄNGERIN
-
-Ich sehe Gespenster.
-
- ARZT
-
-Was für Gespenster?
-
- SÄNGERIN
-
-Gespenster!
-
- ARZT
-
-Ja, ich habe noch keine gesehen.
-
- SÄNGERIN
-
-Weil Sie keine erregbare Natur sind. Und Künstler sind erregbare
-Naturen -- und da sehen sie Gespenster.
-
- ARZT
-
-Also nur Künstler sehen Gespenster.
-
- SÄNGERIN
-
-Wir können ja eine Umfrage veranstalten. Das ist ein unterhaltsames
-Spiel auf See. Der Reihe nach. (Zum Milliardär.) Sehen Sie Gespenster?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich glaube, wir haben nicht die Zeit mehr -- (Zum Kapitän.) Müßte jetzt
-nicht der »Albatros« gesichtet sein, Kapitän?
-
- KAPITÄN
-
-Diese Dampfer halten keine gleichmäßige Fahrt.
-
- MILLIARDÄR
-
-Bitte.
-
- KAPITÄN
-
- ab.
-
- ARZT
-
-Was für ein Schiff ist eigentlich dieser »Albatros«?
-
- MILLIARDÄR
-
-Mein Sohn hat ihn entdeckt. Er muß besondere Vorzüge haben. Vielleicht
-die Jacht eines Freundes, den er sich auf seiner Reise erworben hat.
-
- TOCHTER
-
-Wir arrangieren mit dem »Albatros« eine Wettfahrt.
-
- SÄNGERIN
-
-Fabelhaft aufregend. Soviel Films habe ich gar nicht.
-
- TOCHTER
-
-Wer verliert, wird gerammt.
-
- ARZT
-
-Mit der Besatzung?
-
- TOCHTER
-
-Fünf Minuten sind zum Einsteigen in die Motorbarkasse bewilligt. (Zum
-Milliardär.) Soll ich den Kapitän instruieren, daß er sich auf das
-Rennen vorbereitet?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Und wenn wir dem unbekannten »Albatros« unterliegen?
-
- TOCHTER
-
-Ich bleibe auf der Brücke. Ich gebe die Befehle zur Maschine hinunter.
-Es wird Dampf aufgesetzt bis zum äußersten.
-
- ARZT
-
-Bei dieser Temperatur.
-
- TOCHTER
-
-Auf der Brücke pfeift der Luftzug, in dem wir jagen.
-
- ARZT
-
-Ich dachte an den Maschinenraum.
-
- TOCHTER
-
- aufstampfend.
-
-Ich kenne nur das Verdeck!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich glaube nicht, daß der »Albatros« schneller ist als wir. Damit
-verliert der Kampf seinen Reiz.
-
- TOCHTER
-
-Wenn mein Bruder mit ihm reist?
-
- MILLIARDÄR
-
-Wir wollen es ihn entscheiden lassen, er kennt ja den »Albatros« und
-uns.
-
- KAPITÄN
-
- kommt zurück.
-
- MILLIARDÄR
-
-Gesichtet?
-
- KAPITÄN
-
-Noch nicht.
-
- MILLIARDÄR
-
- zur Tochter.
-
-Du siehst, er läuft langsam. (Zu den anderen.) Vertreiben wir uns
-wieder die Zeit.
-
- SÄNGERIN
-
-Also das Gespensterspiel.
-
- MILLIARDÄR
-
- lebhaft zum Museumsdirektor.
-
-Hat der Tintoretto wirklich keine Qualitäten?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Große -- größte.
-
- MILLIARDÄR
-
-Sie lehnten meine Schenkung ab.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
- nickt.
-
-Die Kreuztragung.
-
- SÄNGERIN
-
-Stoßen Sie sich an dem Gegenstand?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Wenn ich ihn zum Prinzip erweitere -- ja.
-
- ARZT
-
-Dann werden Sie aus der Galerie ungefähr die ganze alte Kunst
-auszuschalten haben.
-
- SÄNGERIN
-
-Dozieren Sie, Direktor, ich knipse auf dem Höhepunkt Ihres Vortrages
-Ihr Publikum.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-In diesem neuen Museum, das ich leiten soll, propagiere ich den Bruch
-mit jeder Vergangenheit.
-
- ARZT
-
-Und was bleibt übrig?
-
- SÄNGERIN
-
-Leere Wände.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Leere Wände, für deren Bedeckung ich so gut wie nichts habe.
-
- ARZT
-
-Ein originelles Museum.
-
- TOCHTER
-
-Tennishallen.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Es soll eine Verlockung zur neuen Leistung werden. Ein betonter Anfang.
-Das bedeutet durchaus keine abfällige Kritik des vorhergegangenen
--- die Anerkennung ist sogar maßlos. Wir sitzen alle noch in seinem
-Schatten. Das quält uns irgendwie. Wir müssen wieder in das volle
-Licht hinein -- und abschütteln diese Kreuztragung. So stellt es sich
-mir dar. Wie eine Kreuztragung lastet das auf uns -- diese Masse der
-Vergangenheit, von der wir nicht wegkommen ohne Gewalt und Verbrechen
--- wenn es sein muß!
-
- ARZT
-
-Ist das möglich -- ohne Selbstbetrug?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Das weiß ich nicht.
-
- ARZT
-
-Ich fürchte, die Kreuztragung ist unabwendbar.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Man muß die Zukunft fest wollen.
-
- ARZT
-
-In Ihrer Galerie mag es gelingen.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Weiter setze ich auch meine Ansprüche nicht.
-
- ARZT
-
-Im Leben, denke ich, wird niemand über seinen Schatten springen können.
-
- Ein Matrose kommt und macht dem Kapitän Meldung. Ab.
-
- KAPITÄN
-
- steht auf; zum Milliardär.
-
-Der »Albatros« ist dicht auf von steuerbord.
-
- MILLIARDÄR
-
- erregt.
-
-Schicken Sie das Motorboot hinüber! (Kapitän ab.)
-
- ARZT
-
-Da wird sich ja gleich zeigen, was an dem Märchenschiffe ist.
-
- SÄNGERIN
-
-Der Matador.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Meine Neugierde ist auf das Höchste gespannt.
-
- TOCHTER
-
-Ich funke ihm die Aufforderung zum Rennen.
-
- MILLIARDÄR
-
- hält sie zurück. Zu den anderen.
-
-Gehen Sie voran, wir folgen Ihnen nach.
-
- Sängerin, Museumsdirektor und Arzt ab.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe mit Dir etwas zu besprechen.
-
- TOCHTER
-
-Jetzt?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nur eine Frage, die ich an Dich richten will.
-
- TOCHTER
-
-Was denn?
-
- MILLIARDÄR
-
-Würdest Du Dich entschließen -- den Museumsdirektor zu heiraten?
-
- TOCHTER
-
-Das -- weiß ich nicht!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich dränge auf Deine Entscheidung, weil --
-
- TOCHTER
-
-Ich kenne ihn doch kaum.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich selbst --
-
- TOCHTER
-
-Wie kannst Du mir dann zureden?
-
- MILLIARDÄR
-
-Als er vorhin sprach, machte er mir Eindruck, wie ich ihn noch nicht
-von einem Menschen hatte.
-
- TOCHTER
-
-Er wies die Schenkung zurück. Hat Dir das imponiert?
-
- MILLIARDÄR
-
-Seine Anschauungen haben mir gefallen. Diese innere Unabhängigkeit, die
-er hat -- daß es für ihn nur die Zukunft gibt -- die die Vergangenheit
-auslöscht --
-
- TOCHTER
-
-Ich habe ihm nicht zugehört.
-
- MILLIARDÄR
-
-Du würdest mir eine Freude --
-
- TOCHTER
-
-Das macht meine Überlegung überflüssig!
-
- MILLIARDÄR
-
- schüttelt ihre Hände.
-
-Jetzt wollen wir Deinen Bruder erwarten. (Beide ab.)
-
- Schiffsglocke und hohe Sirene. Matrosen öffnen hinten die Reeling
- und winden die Schiffstreppe hinab.
-
- Alle kommen zurück, sich über die Reeling beugend: Tücherschwenken
- und Hallorufe.
-
- ARZT
-
- unter das Sonnensegel tretend.
-
-Das ist ja ein ganz schwerfälliger Kasten.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
- ihm folgend.
-
-Er macht eben seinem Namen »Albatros« Ehre.
-
- ARZT
-
-Haben Sie sonst noch Passagiere drüben entdecken können?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Das ist vielleicht der Reiz der Reise gewesen.
-
- ARZT
-
-Ich danke.
-
- SÄNGERIN
-
- tritt zu ihnen, den Kodak im Rücken haltend.
-
-Diskretion -- Familienszene!
-
- Sohn -- in einem grauen Anzug -- steigt die Schiffstreppe empor und
- wird von der Tochter stürmisch begrüßt. Kapitän steht salutierend.
-
- SOHN
-
-Ihr habt mir aufgelauert?
-
- TOCHTER
-
-Seit zwei Tagen kreuzen wir auf dieser Stelle. Die Langweile war
-fabelhaft.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich wollte Dich überraschen.
-
- SOHN
-
-Das ist Dir vollständig gelungen. Deine Gäste?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nur der engste Kreis.
-
- SOHN
-
- geht von einem zum anderen, begrüßt wortlos. Dann steht er bei
- einem Sessel.
-
- Es herrscht eine verlegene Stille.
-
- TOCHTER
-
- wirft sich in einen Sessel.
-
-Mir ist das zu feierlich.
-
- MILLIARDÄR
-
- auf die Sessel einladend.
-
-Bitte.
-
- Alle setzen sich -- Sohn folgt zögernd.
-
- KAPITÄN
-
- kommt und setzt sich.
-
- SOHN
-
- verwundert zu ihm.
-
-Fahren wir denn nicht?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe gedacht, daß wir noch drei, vier Tage auf See bleiben.
-
- SOHN
-
-Wenn es Dein Wunsch war --
-
- MILLIARDÄR
-
-Deinetwegen.
-
- SOHN
-
-Warum?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nach dieser Reise --
-
- TOCHTER
-
-Der »Albatros« -- ich habe ihn in der Aufregung nicht gesehen. Ist er
-große Klasse? Wieviel Meilen?
-
- Museumsdirektor und Arzt lachen.
-
- SOHN
-
-Was gibt es denn mit dem »Albatros«?
-
- TOCHTER
-
-Wir wollten ihn nämlich herausfordern. War er ein scharfer Gegner?
-
- SOHN
-
-Darüber lachen Sie. -- Nein, Schwester, ein Gegner in diesem Sinne ist
-der »Albatros« nicht.
-
- TOCHTER
-
- erstaunt.
-
-Warum reist Du denn nicht auf der »Meeresfreiheit«?
-
- MILLIARDÄR
-
- unruhig, ablenkend.
-
-Von Deinen Eindrücken in den großen Städten der Erde --
-
- SÄNGERIN
-
-Haben Sie überall die Oper besucht?
-
- SOHN
-
-Wir können doch den Charakter des »Albatros« feststellen: er ist ein
-Kohlendampfer! -- Kapitän, Sie müssen doch die Schiffe kennen, die
-verkehren?
-
- KAPITÄN
-
-Auf diesen »Albatros« hätte ich nicht geraten.
-
- SOHN
-
-Weshalb nicht?
-
- KAPITÄN
-
- lächelt.
-
- SOHN
-
- an die anderen.
-
-Ist das so wunderbar? Fahren nicht andere Menschen auf solchen Schiffen?
-
- KAPITÄN
-
-Für Passagiere sind sie nicht eingerichtet.
-
- SOHN
-
-Für die nicht -- aber die Matrosen, Heizer sind doch Menschen?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
- nach einer Stille.
-
-Sie verstehen sich die Genüsse mit einigem Raffinement zu verschaffen.
-
- SOHN
-
-Welche Genüsse?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-In diesem Gegensatz von Kohlendampfer und dieser Jacht bietet sich erst
-die rechte Möglichkeit ihren Luxus zu genießen.
-
- SOHN
-
-Oder zu -- -- (Abbrechend und sich an den Milliardär wendend.) Hat Dir
-mein Begleiter berichtet?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe nicht mit ihm gesprochen.
-
- SOHN
-
-Er muß doch seit zwei Tagen angekommen sein?
-
- MILLIARDÄR
-
-Zwei Tage liege ich hier draußen.
-
- SOHN
-
-Bist Du mit ihm unzufrieden? Die Schuld trage ich. Er hat sich gewiß
-jede Mühe gegeben.
-
- MILLIARDÄR
-
- ausweichend.
-
-Willst Du Dich jetzt nicht umkleiden?
-
- TOCHTER
-
-Du trägst ja einen Straßenanzug.
-
- SOHN
-
-Er schützt besser gegen Kohlenstaub, der wirbelte. Außerdem war er
-weniger auffällig -- und klugerweise paßt man sich an.
-
- MILLIARDÄR
-
-So passe Dich uns an -- und stecke Dich von Füßen bis zum Hals in weiß.
-
- SOHN
-
-Du mußt mir schon mein Vergnügen lassen.
-
- SÄNGERIN
-
- mit dem Kodak.
-
-Sehr interessante Bildwirkung.
-
- SOHN
-
-Weiter ist das für Sie nichts?
-
- ARZT
-
-Bei dieser überstiegenen Temperatur empfiehlt sich weiße Bekleidung aus
-gesundheitlichen Rücksichten.
-
- MILLIARDÄR
-
-Da hörst Du unsern besorgten Doktor.
-
- SOHN
-
- mit unterdrückter Schärfe.
-
-Würden Sie Ihrem ärztlichen Rat auch im Maschinenraum Geltung
-verschaffen?
-
- ARZT
-
-Schwerlich.
-
- SOHN
-
-Weil Sie damit nicht durchdringen. Aus Gründen der Beschäftigung mit
-schwarzer Kohle.
-
- ARZT
-
-Gewiß.
-
- SOHN
-
-Also darf die Gesundheit dort unten leiden -- und hier oben sich
-pflegen?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Sie haben wohl mehr auf Ihrer Reise gesehen, als Sie --
-
- SOHN
-
-Wenn man zum erstenmal unterwegs ist, sperrt man die Augen weiter auf.
-
- TOCHTER
-
-Bist Du mit Fürsten zusammengetroffen?
-
- SÄNGERIN
-
-Erzählen Sie doch.
-
- SOHN
-
-Täglich.
-
- TOCHTER
-
-Hast Du Freundschaft geschlossen? Besucht Dich wer?
-
- SOHN
-
-Auf meinem Kohlendampfer könnte ich Dir fünf, zehn vorstellen. Komm'
-das nächste Mal mit.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Wollen Sie nochmal --
-
- SOHN
-
-Genüsse mir raffinieren?
-
- Ein Matrose kommt, meldet dem Kapitän. Der Kapitän geht zum Arzt
- und flüstert mit ihm. Die drei ab.
-
- SOHN
-
-Fahren wir doch?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe nichts angeordnet.
-
- SOHN
-
-Warum ging der Arzt mit dem Kapitän?
-
- SÄNGERIN
-
-Vielleicht ein Unfall unter der Mannschaft.
-
- SOHN
-
-Wollen Sie nicht eine Aufnahme machen?
-
- TOCHTER
-
-Wir könnten wirklich fahren, um Luft zu bekommen. Die Hitze drückt
-unerträglich.
-
- SOHN
-
-Und wir wohnen auf dem Verdeck!
-
- SÄNGERIN
-
-Ist es anderswo kühler?
-
- SOHN
-
-Nein -- aber heißer.
-
- SÄNGERIN
-
-Gibt es das?
-
- SOHN
-
-Steigen Sie zu den Heizern hinunter!
-
- MILLIARDÄR
-
-Jetzt werde ich veranlassen, daß wir fahren!
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
- ironisch.
-
-Schonen Sie doch die Heizer.
-
- SOHN
-
-Wissen Sie, was es heißt, vor den Feuern stehen?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Ich habe die Gelegenheit nicht gesucht.
-
- SOHN
-
-Und für eine Schilderung bringen Sie keine Interesse auf?
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Durch einen Fachmann anschaulich gemacht --
-
- SOHN
-
-Ich bin Fachmann!
-
- MILLIARDÄR
-
- zur Tochter.
-
-Sage doch dem Kapitän --
-
- TOCHTER
-
-Volle Fahrt!
-
- SÄNGERIN
-
-Die Damen übernehmen das Kommando!
-
- TOCHTER
-
-Wir stellen einen neuen Rekord auf. Heute abend wird er an die
-Zeitungen gefunkt und die Welt platzt morgen vor Neid! (Mit der
-Sängerin ab.)
-
- SOHN
-
-Verhinderst Du nicht den Unfug?
-
- MILLIARDÄR
-
-Die Jacht hat ihre volle Schnelligkeit noch nicht gezeigt.
-
- SOHN
-
-Dann bitte ich Dich mich vorher von Bord zu lassen.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
-Sie sind an Schnelligkeit seit dem Kohlendampfer nicht mehr gewöhnt.
-
- SOHN
-
-An Leichtsinn!
-
- MILLIARDÄR
-
-Du hast immer Gefallen an solchen Spielen gefunden.
-
- SOHN
-
-Ich schäme mich, so spät zur Besinnung gekommen zu sein.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was heißt das?
-
- SOHN
-
-Daß ich -- -- (Nachdrücklich.) Ich kann diese Rekordfahrt nur vor den
-Kesseln mitmachen!
-
- MILLIARDÄR
-
- zum Museumsdirektor.
-
-Lassen Sie die Damen nicht auf der Brücke warten.
-
- MUSEUMSDIREKTOR
-
- Ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- langsam.
-
-Bist Du wirklich auf jenem Dampfer als Heizer gefahren?
-
- SOHN
-
-Ich war nicht ausdauernd genug -- und mußte Passagier bleiben.
-
- MILLIARDÄR
-
-Hat es Dich gereizt --
-
- SOHN
-
-Der Dampfer ist ja das Unwichtigste.
-
- MILLIARDÄR
-
-Du hast Dich auf Deiner Reise über manches gewundert?
-
- SOHN
-
-Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen. Das ganze Unrecht, das
-wir begehen, wurde mir offenbar. Wir Reichen -- und die andern, die
-ersticken in Qualm und Qual -- und Menschen sind, wie wir. Mit keinem
-Funken Recht dürfen wir das -- weshalb tun wir es? Ich frage Dich,
-warum? Sage mir eine Antwort, die Dich und mich entschuldigt?
-
- MILLIARDÄR
-
- starrt ihn an.
-
-Das fragst Du?
-
- SOHN
-
-Ich frage Dich -- und höre nicht wieder auf zu fragen. Ich bin Dir
-heute wie noch nie in meinem Leben dankbar. Du hast mir diese Reise
-geschenkt -- ohne die ich blind geblieben wäre.
-
- MILLIARDÄR
-
-Du wirst wieder vergessen.
-
- SOHN
-
-Was in mir ist -- mich erfüllt durch und durch? Erst müßte ich mich
-selbst auslöschen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was -- ist in Dir?
-
- SOHN
-
-Das Grauen vor diesem Leben mit seiner Peinigung und Unterdrückung.
-
- MILLIARDÄR
-
-Deine Reiseerlebnisse genügen nicht --
-
- SOHN
-
-Genügen nicht?
-
- MILLIARDÄR
-
-Du übertreibst flüchtige Erfahrungen.
-
- SOHN
-
-Im Blute brennen sie mir! Nach allem anderen das schlagendste Bild:
-Da am Kai liegt die »Meeresfreiheit«. Bewimpelt, Musik. Auf Deck
-spazieren die Passagiere in hellen Kleidern, schwatzen -- sind lustig.
-Wenige Meter tiefer die Hölle. Da verbrennen Menschen zuckenden Leibes
-in heißen Schächten vor fauchenden Feuerlöchern. Damit wir eine
-schnelle und flotte Fahrt haben! -- Ich hatte meinen Fuß schon auf die
-»Meeresfreiheit« gesetzt -- aber ich mußte umkehren -- und erst auf
-diesem »Albatros« schlug mein Gewissen ruhiger!
-
- MILLIARDÄR
-
-Und jetzt hast Du diese Erschütterungen überwunden?
-
- SOHN
-
-Hier erhalten sie die äußerste Steigerung! Hier -- auf Deiner
-Luxusjacht! Scham preßt mir das Blut unter die Stirn! In Sesseln liegen
-wir träge -- und jammern über die Hitze, die von der Sonne kommt.
-Eiswasser schlürfen wir und sind von keinem Staube im Halse gereizt! --
-Hier unter den weichen Sohlen Deiner weißen Schuhe brodelt das Fieber.
-Halbe Dunkelheit herrscht! -- Reiße diese Wand von Holzplanken auf --
-die so dünn ist und so grauenhaft trennt! -- und sieh hinab -- seht
-alle hinab -- und erlebt es auch: daß euch das Wort im Munde stockt,
-mit dem ihr euch vor einem da unten brüsten wollt!
-
- Arzt schlendert herein.
-
- SOHN
-
- rasch zu ihm.
-
-Was hat es gegeben, Doktor?
-
- ARZT
-
-Ein gelber Heizer ist zusammengebrochen.
-
- SOHN
-
-Tot?
-
- ARZT
-
- schüttelt den Kopf.
-
-Hitzschlag.
-
- SOHN
-
-Wohin haben Sie ihn gebracht?
-
- ARZT
-
-Ich habe ihn vor den Luftschacht unten legen lassen.
-
- SOHN
-
-Nicht auf das Verdeck geschafft?
-
- ARZT
-
-Nein.
-
- SOHN
-
- kurz.
-
-Warten Sie hier. (Ab.)
-
- ARZT
-
- läßt sich in einen Sessel fallen -- zum Neger.
-
-Eiswasser. (Zum Milliardär.) Ich finde, daß sich die Nerven
-außerordentlich bei diesem längeren Stilliegen auf See beruhigen. Ich
-möchte Ihnen das zweimonatlich je fünf Tage verordnen.
-
- MILLIARDÄR
-
- steht unbeweglich.
-
- ARZT
-
-Ich verspreche mir gute Erfolge für Sie von dieser Diät.
-
- MILLIARDÄR
-
- stumm.
-
- ARZT
-
-Allerdings wird der besondere Reiz, Ihren Sohn zu erwarten, später
-fehlen, aber Ihre Tochter wird sich erfinderisch in Überraschungen
-gemäßigterer Art zeigen. Ich werde mit ihr in diesem Sinne sprechen.
-
- Stimmen und Schritte nähern sich.
-
- ARZT
-
- stellt das Glas hin.
-
-Ein Bordspiel im Gange?
-
- Matrosen bringen den halbnackten gelben Heizer.
-
- SOHN
-
-Hierhinein!
-
- ARZT
-
- aufstehend.
-
-Was ist das?
-
- SOHN
-
-Sessel zusammenrücken. Doktor, fassen Sie an. Es geht um ein Leben.
-(Zu den Matrosen.) Niederlegen. (Zum Neger.) Eiswasser. (Zum Arzt.)
-Vorwärts, Doktor, Sie verstehen das besser als ich. Waschen Sie die
-Brust ab. (Zum Milliardär.) Du erlaubst doch, daß Dein Leibarzt hier
-Hand anlegt? (Zum Arzt.) Besteht Gefahr?
-
- KAPITÄN
-
- kommt -- gedämpft zum Milliardär.
-
-Ich habe nichts verhindern können.
-
- MILLIARDÄR
-
- schüttelt heftig den Kopf.
-
- Tochter und Sängerin kommen.
-
- SOHN
-
- zur Tochter.
-
-Willst Du uns nicht helfen, Schwester? Ein Mensch kann hier sterben!
-
- TOCHTER
-
- tritt heran.
-
- SOHN
-
-Tauche Deine Hände in das Eiswasser und lege sie ihm auf die heiße
-Brust. Es ist Deine Pflicht, zu der ich Dich aufrufe!
-
- TOCHTER
-
- tut es.
-
- SOHN
-
- außer sich zum Arzt.
-
-Doktor, Sie müssen ihn retten -- sonst bin ich ein Mörder!
-
- MILLIARDÄR
-
- starrt auf die Gruppe -- bewegt den Mund -- murmelt endlich.
-
-Das Furchtbare!
-
- SÄNGERIN
-
- stellt den Kodak ein -- zum Museumsdirektor.
-
-Solche Aufnahme habe ich noch nicht gemacht. (Sie knipst.)
-
-
-
-
-DRITTER AKT
-
-
- Quadratischer Raum, dessen Hinterwand Glas ist: Arbeitszimmer des
- Milliardärs. Rechts und links auf den Wänden, vom Fußboden bis an
- die Decke hoch, mächtige brauntonige Photographien, Fabrikanlagen
- darstellend. Breiter Schreibtisch mit Rohrsessel; ein zweiter
- Sessel seitlich. Draußen Schornsteine dicht und steil wie erstarrte
- Lavasäulen, Rauchwolkengebirge stützend.
-
- MILLIARDÄR
-
- vorm Schreibtisch.
-
-Wieviel Tote?
-
- SEKRETÄR
-
- neben dem Schreibtisch stehend.
-
-Die genaue Zahl der Opfer ließ sich nicht feststellen, da die
-Geretteten, zu Tage gebracht, davonliefen und sich bis gestern nicht
-meldeten.
-
- MILLIARDÄR
-
-Warum entfernten Sie sich?
-
- SEKRETÄR
-
-Sie müssen in der dreitägigen Eingeschlossenheit unter der Erde
-Entsetzliches erlebt haben.
-
- MILLIARDÄR
-
-Vor dem sie weiter und weiter fliehen?
-
- SEKRETÄR
-
-Sie kamen wie aus Gräbern verstört herauf, mit Schreien und Schütteln.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wer bis übermorgen sich an der Arbeitsstelle nicht einfindet, wird
-nicht wieder angenommen.
-
- SEKRETÄR
-
- Notizen machend.
-
-Bis übermorgen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wie verlief die Versammlung? Wurde ich mit Widerspruch gesehen? Ließ
-man mich ungestört sprechen?
-
- SEKRETÄR
-
-Nein.
-
- MILLIARDÄR
-
-War ich in Lebensgefahr?
-
- SEKRETÄR
-
-Allerdings.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wie schützte ich mich?
-
- SEKRETÄR
-
-Ich hatte Militär requiriert, das schußbereit sich vor mir aufstellte.
-
- MILLIARDÄR
-
-Kam es zu Zwischenfällen?
-
- SEKRETÄR
-
-Ein einzelner machte stärkere Zwischenrufe.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was sagte er?
-
- SEKRETÄR
-
-Mörder.
-
- MILLIARDÄR
-
-War er nicht zu finden?
-
- SEKRETÄR
-
-Die Menge deckte ihn.
-
- MILLIARDÄR
-
-Er muß festgestellt werden. Drohen Sie mit Maßnahmen, falls er nicht
-ausgeliefert wird.
-
- SEKRETÄR
-
- notiert.
-
- MILLIARDÄR
-
-Herrscht jetzt Ruhe?
-
- SEKRETÄR
-
-Der Schacht ist heute wieder befahren.
-
- MILLIARDÄR
-
-Welches Mittel wendete ich an?
-
- SEKRETÄR
-
-Ich kündigte die Stillegung des ganzen Betriebes an.
-
- MILLIARDÄR
-
-Danke. (Eine grüne Lampe brennt auf dem Schreibtisch auf. Milliardär
-nimmt den Hörer. Erstaunt.) Wer? -- Meine Tochter? -- Hier? --
-Ja, ich erwarte sie. (Zum Sekretär.) Vertreten Sie mich in der
-vierundzwanzigsten Fabrik. Es hat eine Explosion stattgefunden, ich
-habe mich für den Nachmittag angemeldet.
-
- SEKRETÄR
-
- notiert.
-
- MILLIARDÄR
-
-Danke.
-
- SEKRETÄR
-
- links durch eine in der Photographie unsichtbare Tür ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- steht auf, tut einige rasche Schritte gegen die Wand rechts,
- besinnt sich -- kehrt auf seinen Sessel zurück und vertieft sich in
- Arbeit.
-
- Einer der Diener öffnet rechts eine unsichtbare gepolsterte Tür.
- Tochter tritt ein. Diener ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- sich umsehend.
-
-Dein erster Besuch im väterlichen Geschäftshaus.
-
- TOCHTER
-
- sich umsehend.
-
-Ja -- zum erstenmale sehe ich das.
-
- MILLIARDÄR
-
-Eine fremde Welt! -- Ist es so dringend, daß Du es Dir nicht bis zum
-Abend vor dem Kamin aufsparen willst?
-
- TOCHTER
-
-Ich kann es Dir nur hier erklären.
-
- MILLIARDÄR
-
-Soll ich mich auf die froheste Nachricht vorbereiten?
-
- TOCHTER
-
-Welche ist das?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich bat Dich damals um etwas, als wir Deinen Bruder erwarteten. Auf der
-Jacht.
-
- TOCHTER
-
- kopfschüttelnd.
-
-An das habe ich nicht mehr gedacht.
-
- MILLIARDÄR
-
- seine Unruhe unterdrückend -- heiter.
-
-Wirklich nicht?
-
- TOCHTER
-
-Auf der Jacht gab es mir den Anstoß.
-
- MILLIARDÄR
-
-Zu Deinem hellsten Glück?
-
- TOCHTER
-
-Zu meiner unabweisbaren Pflicht!
-
- MILLIARDÄR
-
- hebt abwehrend eine Hand gegen sie hoch.
-
-Nein -- -- nicht das!
-
- TOCHTER
-
- ruhig.
-
-Als ich meine Hände von der kochenden Brust des gelben Heizers
-aufhob, waren sie gezeichnet. Das Mal ist in meinem Blut bis zum
-Herzen zurückgesunken. Ich habe nicht mehr eine Wahl. Ich fühle die
-Bestimmung. Ich unterwerfe mich auch willig. Den Platz sollst Du mir
-anweisen, wo ich es erfülle.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was willst Du tun?
-
- TOCHTER
-
-Schicke mich zu den Elendesten, die krank liegen. Die in Deinen
-Fabriken verunglückten. Ich will sie pflegen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Du weißt nicht, was Du sagst.
-
- TOCHTER
-
-Ja, Du kannst erst meiner Tat Glauben schenken. Ich will zum Schacht,
-in dem sich die Katastrophe ereignete.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was ist das für eine Katastrophe?
-
- TOCHTER
-
-Du hast den Aufruhr selbst beschwichtigt.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wer trägt Dir das zu?
-
- TOCHTER
-
-Berichte in Zeitungen sind unterdrückt. Du bist ja mächtig.
-
- MILLIARDÄR
-
- starrt sie an. -- Nach einer Pause.
-
-Laß es. (Er steht auf, tritt dicht vor sie.) Mit Worten will ich Dich
-nicht bitten. Du hast hundert Worte gegen meine. Es ist ein ungleicher
-Streit. Vater und Tochter -- damit ist der Ausgang entschieden. (Er
-nimmt ihre Hände, betrachtet sie.) Nein -- nein. So schmal -- so
-schwach. (Ihrer Widerrede kopfschüttelnd begegnend.) Ja, ja -- stark
-und hart, ich weiß allein, wozu: -- einen Turm zu stürzen -- Trümmer zu
-häufen -- Opfer zu verschütten. Soll ich Dir sagen, wer das Opfer ist?
-
- TOCHTER
-
-Ich verstehe Dich jetzt nicht.
-
- MILLIARDÄR
-
-Willst Du mich opfern?
-
- TOCHTER
-
- sieht verwundert zu ihm auf.
-
- MILLIARDÄR
-
-So kehre um. Du findest Deine Aufgabe, die Dir näher liegt. Erscheint
-sie Dir gering -- mich dünkt sie wichtig, weil sie Deinem Vater gilt.
-
- TOCHTER
-
- entzieht ihm ihre Hände.
-
-Ich habe kein Recht, während andere --
-
- MILLIARDÄR
-
-Vater und Tochter -- nicht den Streit! Nur Bitte um Bitte!
-
- TOCHTER
-
-Ich danke Dir heute für Jahre heller Jugend --
-
- MILLIARDÄR
-
-Mit heller Zukunft!
-
- TOCHTER
-
- stark.
-
-Die in meiner neuen Pflicht leuchtet! (Sie steht auf, reicht ihm die
-Hand.) Mein Entschluß ist mir so leicht geworden. Willst Du es mir
-schwer machen, wenn ich ihn ändern soll?
-
- MILLIARDÄR
-
- nimmt ihre Hand nicht.
-
-Wohin gehst Du jetzt?
-
- TOCHTER
-
-Zu meinen Schwestern und Brüdern.
-
- MILLIARDÄR
-
- tonlos.
-
-Dahin gehst Du -- --
-
- TOCHTER
-
-Wirst Du mich bei den Ärmsten der Armen kennen?
-
- MILLIARDÄR
-
- gegen den Schreibtisch gestützt.
-
-Dahin -- --
-
- TOCHTER
-
- zögert noch -- wendet sich zur Tür.
-
- Der Diener öffnet.
-
- Tochter ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- stockend -- mit scheuer Geste.
-
-Dahin -- -- dahin -- -- dahin -- -- -- -- (Dann rafft er sich auf --
-klingelt.)
-
- SEKRETÄR
-
- tritt ein.
-
- MILLIARDÄR
-
-Der Schacht soll geschlossen werden!
-
- SEKRETÄR
-
- notiert.
-
- MILLIARDÄR
-
-Nein! (Sich an die Stirn greifend.) Hier oder da -- man kann es nicht
-wegblasen -- die Macht hat keiner! (Fest zum Sekretär.) Meine Tochter
-wird sich Samariterdiensten widmen. Sie werden ihr auf dem Schacht
-begegnen und überall, wo es in meinen Fabriken Unfälle gab. Verleugnen
-Sie sie -- ich kenne meine Tochter nicht!
-
- SEKRETÄR
-
-Ist Ihre Tochter von der Koralle unterrichtet?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nein, außer den beiden Dienern niemand. (Sachlich.) Wir hatten vorhin
-unterbrochen.
-
- SEKRETÄR
-
- liest von seinem Notizblock.
-
-Am Nachmittag vertrete ich Sie in der vierundzwanzigsten Fabrik.
-
- MILLIARDÄR
-
-Morgen Mittag nehme ich an der Versammlung der Missionsgesellschaft in
-der ersten Hälfte selbst teil, in der man mich zum Ehrenpräsidenten
-ernennt. Sie kommen um 2 Uhr im Automobil. Ich werde unter dem
-Vorwande, eine Mappe zu holen, die Sitzung verlassen. Sie kehren dann
-für mich zurück und verlesen die Stiftungen, die ich mache. Ich gebe
-Ihnen die Mappe. (Er sucht sie in einer Schreibtischlade.)
-
- Die grüne Lampe flammt auf.
-
- SEKRETÄR
-
-Ein Anruf.
-
- MILLIARDÄR
-
- rasch hoch -- starrt auf die Lampe.
-
- SEKRETÄR
-
-Soll ich die Mappe nachher --
-
- MILLIARDÄR
-
- heftig.
-
-Bleiben Sie hier! -- Gehen Sie. Ja -- später.
-
- SEKRETÄR
-
- ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- nimmt langsam den Hörer auf.
-
--- -- Wer? -- -- -- -- (Er läßt ihn aus lockeren Fingern auf die
-Tischplatte fallen. Mit unsicherem Munde.) Mein -- Sohn.
-
- Der Diener läßt rechts den Sohn ein. Diener ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- richtet sich straff auf und geht ihm entgegen.
-
-Ich habe Dich in den letzten Tagen nicht gesehen.
-
- SOHN
-
-Seit --
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich frage nicht, wo Du Dich aufhältst. Die Zeit ist vorbei, wo ich Dich
-beaufsichtige. Rechtfertige Dich vor Dir selbst in jedem, was Du tust.
-Du bist erwachsen.
-
- SOHN
-
-Du machst es mir leicht --
-
- MILLIARDÄR
-
-Vielleicht war es wichtig, Dir das zu sagen. Kommst Du deshalb?
-
- SOHN
-
-Der Anlaß --
-
- MILLIARDÄR
-
-So will ich auch hier nicht in Dich dringen. Setze Dich. Es ist in
-diesem werktagstrengen Raum --
-
- SOHN
-
-Von dem Du mich eifersüchtig ferngehalten hast.
-
- MILLIARDÄR
-
-Reizt es Dich meinen Platz einzunehmen?
-
- SOHN
-
-Nicht Deinen --!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich biete ihn Dir nicht an. Ich bin noch nicht müde. Die Fäden liegen
-straff in meinen Fingern. Ich will -- ich kann arbeiten. Der Nachfolger
-meldet sich zu früh. Du wirst mich heute und morgen nicht entthronen.
-
- SOHN
-
-Die Absicht bringe ich nicht mit.
-
- MILLIARDÄR
-
-Aber es wird Dir helfen, Dir Dein Leben einzurichten.
-
- SOHN
-
-Du engst mir das Gebiet ein.
-
- MILLIARDÄR
-
-Es bleibt Dir nur diese Möglichkeit. Die Arbeit ist mein Teil.
-
- SOHN
-
-Ich weiß, wie Du fortfahren willst.
-
- MILLIARDÄR
-
-Du siehst, die Tore sind fest verrammelt.
-
- SOHN
-
-Und weil ich gezwungen bin, beruhige ich mein Gewissen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Auch Dir ist ein Zwang auferlegt!
-
- SOHN
-
-(nach einer Pause.) Willst Du mir auf Fragen, die mich brennen,
-antworten?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nachdem wir eben unsere Grenzen scharf gezogen haben -- ja.
-
- SOHN
-
-So tiefe Widersprüche klaffen in Deinem Handeln.
-
- MILLIARDÄR
-
-Mit mir hast Du Dich beschäftigt?
-
- SOHN
-
-Ich kann mich nur noch mit Dir beschäftigen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wodurch wurde ich Dir unversehens interessant?
-
- SOHN
-
-Dieser ungeheure Reichtum, den Du angesammelt hast --
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich erwähnte schon meine Arbeitskraft.
-
- SOHN
-
-Das ist nicht Arbeitskraft, das ist --
-
- MILLIARDÄR
-
-Wo liegt da das Rätsel?
-
- SOHN
-
-Hier die rücksichtslose Ausbeutung -- und dort die unbeschränkte
-Mildtätigkeit, die Du übst. Das »heiße Herz der Erde« -- -- und dieser
-Stein, den Du in Deinem Innern tragen mußt!
-
- MILLIARDÄR
-
-Das Rätsel möchte ich Dir nicht lösen.
-
- SOHN
-
-Weil Dich die Scham abhält, es Dir einzugestehen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Es soll mein Geheimnis bleiben.
-
- SOHN
-
-Ich zerre an dem Schleier, hinter dem Du Dich versteckst. Du kennst
-den Frevel Deines Reichseins und betäubst Dich mit diesem »offenen
-Donnerstag«!
-
- MILLIARDÄR
-
-Die Erklärung würde nicht genügen.
-
- SOHN
-
-Nein, diese Gaben sind lächerlich, die Du austeilst. Du bezahlst damit
-nicht das Blut --
-
- MILLIARDÄR
-
-Vergieße ich das?
-
- SOHN
-
-Nein, das sind Unglücksfälle. Aber Du drohst mit Blutvergießen, wenn
-sie einmal aufschreien!
-
- MILLIARDÄR
-
-Sahst Du das?
-
- SOHN
-
-Jetzt muß ich Dir bekennen, wozu es mich gestern fast hingerissen hat!
-
- MILLIARDÄR
-
-Was war gestern?
-
- SOHN
-
-Ich war im Hof am Schacht, als Du sprachst. Du mußtest ja selbst
-auftreten, um den Aufruhr zu unterdrücken. Ich war unten in der fahlen
-Menge -- und sah Dich oben hinter den drohenden Gewehren dastehen. So
-kalt und fern. Deine Worte klatschten wie Eisstücke auf die Versammlung
-nieder. Keiner wagte mehr einen Ausruf. Bis Du die Schließung des
-Betriebs androhtest, die Tausende -- Frauen und Kinder -- dem Hunger
-auslieferte. Da tat einer den Mund auf!
-
- MILLIARDÄR
-
-Du warst es, der --
-
- SOHN
-
-Der Mörder rief! -- Das ist noch nicht das letzte.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich hörte nichts weiter.
-
- SOHN
-
-Hätte ich vergessen können, daß da oben mein Vater stand -- (Er greift
-in die Tasche und legt einen Revolver auf den Tisch.) Ich will mich
-nicht zum zweitenmal versuchen lassen.
-
- MILLIARDÄR
-
- schiebt den Revolver beiseite.
-
-Du hättest mich nicht getroffen.
-
- SOHN
-
-Ich wollte treffen.
-
- MILLIARDÄR
-
- kopfschüttelnd, lächelnd.
-
-Mich nicht. So kann dies nicht als Schatten zwischen uns stehen. (Er
-streckt ihm die Hand hin.) Es braucht Dich nicht zu quälen.
-
- SOHN
-
- starrt ihn an.
-
-Bläst Du das fort wie ein Staubkorn, das auf Deinen Rock wehte?
-
- MILLIARDÄR
-
-Nicht auf meinen Rock.
-
- SOHN
-
-Vergessen und vergeben?
-
- MILLIARDÄR
-
-So habe ich Dir auch nichts zu vergeben.
-
- SOHN
-
-Nein, Du nicht. Das kann ja auch ein anderer nicht. Das nicht. Die Buße
-wählt man sich selbst. Ich will sie mir so schwer machen, daß ich am
-letzten Tage vielleicht die Augen wieder aufschlagen kann.
-
- MILLIARDÄR
-
-Zu mir?
-
- SOHN
-
-Nein. Du nimmst mich heute schon auf. Du willst keine Zeit verlieren.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wen setzt Du Dir zum Richter?
-
- SOHN
-
-Den letzten Deiner Arbeiter.
-
- MILLIARDÄR
-
-Was soll das heißen?
-
- SOHN
-
-Bis noch einer durch Not schuldig werden kann, stehe ich da unten!
-
- MILLIARDÄR
-
-Im Aufruhr?
-
- SOHN
-
-Im Frieden, der sich ausbreitet, wenn ich nicht mehr sein will, als
-andere!
-
- MILLIARDÄR
-
- schiebt ihm den Revolver hin.
-
-Jetzt ist es Zeit! (Er dreht das Gesicht von ihm weg.)
-
- SOHN
-
- springt auf und läuft zu ihm.
-
-Sage mir doch, warum alles so ist! -- -- Sage es mir doch!
-
- MILLIARDÄR
-
-Komm mit. (Er führt ihn vor die Photographien.) Siehst Du das? Graue
-Fabriken. Enge Höfe! (Zum großen Fenster hinten tretend.) Siehst Du
-das? Schlote -- Schlote. Wo ist Erde -- Grashalme -- Gesträuch? -- --
-Daher komme ich! -- -- Kennst Du mein Leben? -- -- Ich habe es Dir
-unterschlagen. In den Schulen wird es gelesen. -- Ich habe Dir ein
-anderes Leben gegeben. Ich habe Dich in allem ein anderes Leben leben
-lassen. Nicht meins! -- -- Aus nichts bin ich geworden, so schreiben
-sie in den Büchern! -- Aus jeder Not habe ich mich aufgeschwungen, so
-erzähle ich Dir jetzt. Ich habe es nicht vergessen. Ich habe mich keine
-Stunde einschläfern lassen. Mit diesen Bildern habe ich mich umstellt
--- diese Wand habe ich offen gehalten, damit es sich nicht verdunkeln
-kann --: es soll mich aufscheuchen aus Ermüdung und Rast. Das gellt mir
-Mahnung und Warnung ins Blut: nur nicht dahinab -- -- nicht dahinab!
-
- SOHN
-
- von ihm zurücktretend.
-
-Du -- --
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich kann Dich warnen. Mir wirst Du glauben. Mir hat es Vater und Mutter
-verschlungen -- nach mir wollte es greifen -- -- ich bin entlaufen!
-
- SOHN
-
-Du kennst -- --
-
- MILLIARDÄR
-
-Dich hat ein Augenblick verstört -- mich hat es ein Leben lang
-geschüttelt. So furchtbar ist das Leben! -- -- Willst Du dahinab?
-
- SOHN
-
-Das letzte reißt Du mir aus den Händen --
-
- MILLIARDÄR
-
-Was ist das?
-
- SOHN
-
-Was Dich entschuldigt: die Qual der anderen wäre Dir fremd!
-
- MILLIARDÄR
-
-Den Schrei trage ich in meiner Brust!
-
- SOHN
-
-Bist Du -- ein Tiger?! Mehr --: der weiß nicht, was er tut. Du kennst
-die Qual Deiner Opfer -- -- und -- -- -- -- (Er faßt den Revolver --
-legt ihn wieder hin.)
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich oder ein anderer --
-
- SOHN
-
-Jeder ist --
-
- MILLIARDÄR
-
-Sei mir dankbar.
-
- SOHN
-
-Für die Täuschung?
-
- MILLIARDÄR
-
-Daß Du nicht werden mußt, wer ich bin!
-
- SOHN
-
- ruhig.
-
-Dein Blut ist meins --
-
- MILLIARDÄR
-
-Fühlst Du es auch?
-
- SOHN
-
-Es macht die Aufgabe lohnend.
-
- MILLIARDÄR
-
-Mich vor dem Furchtbaren zu retten!
-
- SOHN
-
-Die furchtbare Begierde zu unterdrücken -- und neben dem niedrigsten
-Deiner Arbeiter auszuharren!
-
- MILLIARDÄR
-
- steht steif.
-
- SOHN
-
-Du kannst mich abweisen lassen. Ich nehme Arbeit, wo ich sie sonst
-finde.
-
- MILLIARDÄR
-
- bricht an ihm zusammen.
-
-Erbarmen -- -- Erbarmen!!
-
- SOHN
-
- kalt.
-
-Mit wem?
-
- MILLIARDÄR
-
-Erbarmen -- --!!
-
- SOHN
-
-Vielleicht wird es mein Schrei zu Dir, wenn Du mir und meinen Kameraden
-einmal das Brot verweigerst! (Er geht nach rechts. Ehe der Diener die
-Tür ganz öffnen kann, ab.)
-
- MILLIARDÄR
-
- endlich sprunghaft auf. Er sucht den Revolver -- stößt ihn in die
- Tasche.
-
-Hier nicht! -- -- Im Walddickicht! -- -- Brechendes Auge sieht grünes
-Gezweig -- -- Stück blauen Himmels flutet herab -- -- kleiner Vogel
-klingt! (Mit schrägen Blicken nach den Wänden.) Gestellt? -- --
-Abgeschnitten? -- -- Die Flucht mißlungen? -- -- Eingeholt? -- --
-(Die Arme schwenkend.) Laßt mich los -- -- faßt nicht nach mir --
--- ich fürchte mich doch vor Euch wie ein Kind!! (Keuchend an den
-Photographien entlang laufend und mit Händen anschlagend.) Ein Ausweg
--- -- ein Ausweg -- -- (Schreiend.) Ein Ausweg!!
-
- SEKRETÄR
-
- von links -- fragend.
-
- MILLIARDÄR
-
- sieht ihn an.
-
- SEKRETÄR
-
- verlegen.
-
-Die -- Mappe?
-
- MILLIARDÄR
-
- stumm.
-
- SEKRETÄR
-
-Sie wollten mir noch eine Mappe aushändigen.
-
- MILLIARDÄR
-
- an den Schreibtisch wankend und in den Sessel zusammenbrechend.
-
-Tochter und Sohn -- -- hinab -- -- hinab -- -- -- -- Mich haben meine
-Kinder verlassen!!
-
- SEKRETÄR
-
- schweigt.
-
- MILLIARDÄR
-
- zu ihm aufblickend.
-
-Verstehen Sie das, was es heißt: ein Lebenlang für seine Kinder
-arbeiten -- und sie treten vor ihren Vater hin und schlagen ihm den
-Gewinn von der Hand?
-
- SEKRETÄR
-
-Ihr Sohn --?
-
- MILLIARDÄR
-
- aufschreiend.
-
-Wer deckt jetzt zu, woher ich keuchend komme?! -- Wer hilft jetzt Berge
-in Abgründe stürzen -- um _das_ zu verdecken?!
-
- SEKRETÄR
-
- sieht ihn fragend an.
-
- MILLIARDÄR
-
-Holt mich keiner -- aus dem Dunkel meiner Vergangenheit?!
-
- SEKRETÄR
-
-Weil Ihre Leistung so riesenhaft ist, braucht man Ihre Vergangenheit
-nicht zu beschönigen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Nicht zu -- --?!
-
- SEKRETÄR
-
-Ihr Werk steht nur größer da!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich gebe es hin -- -- ich zahle mit meinem Reichtum -- -- ich
-verschenke mein Leben für ein anderes Leben!! (Inbrünstig.) Wer leiht
-mir seins, das hell ist vom ersten Tage an?! -- -- Im Sohn finde ich es
-nicht mehr -- hinab! -- -- -- -- Wo winkt nun der Tausch, um den ich
-buhlte -- im Fieber der Arbeit -- in der Wut des Erwerbs -- auf dem
-Berg meines unzählbaren Goldes?! -- -- -- -- In wen gehe ich unter --
-und verliere diese Angst und tosenden Aufruhr?! -- -- -- -- Wer hat
-ein Leben -- glatt und gut -- für meins?!!
-
- SEKRETÄR
-
- mit wachsender Ergriffenheit auf ihn niederblickend.
-
-Ihr Sohn geht andere Wege. Die Enttäuschung ist bitter wie keine.
-Aber da es sich so tausendfach wiederholt, mutet es fast wie ein
-Gesetz an. Vater und Sohn streben voneinander weg. Es ist immer ein
-Kampf auf Leben und Tod. -- -- -- -- (Nach einer Pause.) Ich habe
-mich auch gegen meinen Vater aufgelehnt. Und obwohl ich fühlte, wie
-ich ihm wehetat, mußte ich ihn verletzen. -- -- -- -- (Wieder nach
-einem Warten.) Ich erkenne jetzt noch nicht, was mich trieb. Ich
-wollte mein Leben selbst versuchen -- das wird schließlich wohl der
-Anlaß. Der Drang nach Unabhängigkeit wirkt stärker als alles andere.
-(Nun lebhafter fortfahrend.) Ich hatte ein Elternhaus, wie es selten
-zu finden ist. An eine wundervolle Jugend kann ich zurückdenken. Ich
-war einziger Sohn. Mutter und Vater teilten mir aus ihrem unendlichen
-Schatz von Liebe schrankenlos mit. In ihrer Hut sah und hörte ich
-nichts von den Widerwärtigkeiten eines groben Alltags. Es lag immer
-ein Lichtschein von Sonne in den stillen Stuben. Auch der Tod trat
-nicht zu uns. Die Eltern -- für mich leben sie heute noch. Dann zog
-ich auf die kleine Universität -- und der Trieb zur Selbständigkeit
-fing an, über mich Gewalt zu gewinnen. Ich löste mich los und ging in
-die Welt. -- -- Manche dunkle Stunde habe ich erlebt -- es warf mich
-hierhin und dorthin -- aber im Grunde konnte mich nichts erschüttern.
-Ich besaß ja das größte Gut, von dem man ohne Maß zehren kann: die
-lebendige Erinnerung an eine glückliche Jugend. Was später kam, wurden
-nur Wellen, die über einen See streichen, der klar den blauen Himmel
-spiegelt. So glatt und ungetrübt liegt meine reine Vergangenheit in mir
-ausgebreitet!
-
- MILLIARDÄR
-
- hat das Gesicht gegen ihn gehoben. Mit stärkster Gespanntheit hört
- er ihm zu.
-
- SEKRETÄR
-
- blickt vor sich hin.
-
- MILLIARDÄR
-
- sucht auf dem Tisch.
-
-Die -- -- Mappe. (Er gibt sie ihm. Hervorstoßend.) Gehen Sie!
-
- SEKRETÄR
-
- nimmt die Mappe -- wendet sich zur Tür.
-
- MILLIARDÄR
-
- zieht den Revolver aus der Tasche und drückt ab.
-
- SEKRETÄR
-
- in den Rücken getroffen -- fällt.
-
- MILLIARDÄR
-
- steht unbeweglich.
-
--- -- -- -- Mein Leben -- -- für ein anderes Leben -- -- das hell
-ist -- -- vom ersten Tage an -- -- -- -- (Langsam geht er hin, bückt
-sich zum Liegenden -- -- und streift die Koralle von der Uhrkette.
-Er hält sie auf der offenen Hand vor sich.) -- -- -- -- Dieses Leben
--- -- nach dem ich dürste -- --! -- -- jeder Tag dieses Lebens -- --
-um das ich buhle -- --! (Tief den Kopf im Nacken.) Sie sollen mich zu
-meinem Glücke zwingen -- -- -- -- sie werden mich ganz beschenken --
--- (Er streift die Koralle auf seine Kette.) -- -- -- -- wenn sie mich
-überführen müssen! -- -- -- -- (Er reißt rechts die Tür auf und schießt
-nochmal in die Luft.)
-
- Die beiden Diener stürzen herein. Einer bleibt in der Tür -- der
- andere beugt sich über den Sekretär.
-
- DER ERSTE DIENER
-
- in der Tür.
-
-Die Koralle?
-
- DER ZWEITE DIENER
-
- richtet sich auf, schüttelt den Kopf.
-
-Nehmen Sie den Sekretär fest!
-
-
-
-
-VIERTER AKT
-
-
- Untersuchungsraum: blaues Viereck mit vielen Zugängen, die Türen
- von Eisenstäben haben, hinter denen sich enge Gänge verlieren.
- Eine Bogenlampe in klarem Glas beleuchtet überall. Nur ein kleiner
- eiserner Tisch, an dem der Schreiber -- mit Augenschirm -- sitzt.
-
- Der erste Richter steht nachdenklich.
-
- Die beiden Diener links.
-
- Wärter kommt von rechts.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- zu ihm.
-
-Schalten Sie aus.
-
- WÄRTER
-
- hantiert am Schaltbrett; die Bogenlampe verlöscht. In den Ecken
- glühen matte Lampen auf.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- tritt an den Tisch, nimmt den Hörer auf.
-
-Ich bitte um Ablösung. (Zu den beiden Dienern.) Sie können jetzt --
-(Sich besinnend.) Oder warten Sie noch. (Er läßt sich vom Schreiber das
-Protokoll geben, liest -- schüttelt den Kopf. Zu den Dienern.) Niemals
-hat der Sekretär die Koralle -- (Rasch.) Es könnte doch sein, daß auch
-die Koralle gelegentlich ausgetauscht wurde, um --
-
- Der zweite Richter kommt hinten.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Kein Resultat?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- gibt ihm das Protokoll.
-
-Höchstens das, daß mir Zweifel kommen.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- liest -- läßt das Blatt sinken.
-
-Er bestreitet doch nicht, daß die Koralle bei ihm gefunden ist.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Aber er will nicht der Sekretär sein.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wie erklärt er denn die Koralle an seiner Kette? (Lesend.) Auf die
-wiederholt gestellte Frage läßt der Vernommene jedesmal die Antwort aus.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- zu den beiden Dienern.
-
-Sollte nicht zu einem besonderen Zweck auch Ihre Irreführung geplant
-gewesen sein?
-
- DER ERSTE DIENER
-
-Nein. Es wäre damit unsere Aufgabe unmöglich geworden.
-
- DER ZWEITE DIENER
-
-An der Bewachung seiner Person lag dem Getöteten viel.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Es ist ja durchsichtig. Natürlich, es geht um Kopf und Kragen. Da
-sträubt man sich ein bißchen. Aber wir haben ja die Aussage, die der
-Sohn gemacht hat. In der Unterredung, die zwischen Vater und Sohn kurz
-vorher stattgefunden hatte, entsagte der Sohn dem väterlichen Reichtum.
-Auch die Tochter hatte verzichtet. Der Sekretär hat das erregte
-Gespräch nebenan gehört und konnte der Versuchung nicht widerstehen,
-sich zum Nachfolger zu setzen. Da drückte er kurzer Hand los. Nur die
-Koralle konnte er nicht mehr austauschen. Das hätte er vielleicht noch
-gern getan. (Zu den Dienern.) Aber auf den Schuß kamen Sie schon hinzu.
-
- DER ZWEITE DIENER
-
-Ich nahm ihn fest, als er aus der Tür wollte.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wollte er flüchten?
-
- DER ERSTE DIENER
-
-Nicht wir, sondern er hatte die Tür aufgemacht.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Warum läuft er davon, wenn er sich für den ausgibt, auf den ein Angriff
-unternommen ist?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- legt das Protokoll hin.
-
-Schon dieser Fluchtversuch beweist. Die Detonation, die der Schuß
-verursachte, war zu kräftig, damit hatte er nicht gerechnet. In der
-Verwirrung hoffte er zu entkommen, doch an der Umsicht der Diener
-scheiterte die Absicht. Jetzt besinnt er sich wieder auf die Rolle, die
-er spielen wollte.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Die Ähnlichkeit ist allerdings fabelhaft. Ich habe einen solchen Fall
-von Doppelgängertum noch nicht erlebt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ja, wenn wir die Koralle nicht hätten, müßten wir unrettbar im Dunkeln
-tasten! (Nach dem Protokoll greifend.) Übrigens dieser Angriff, der vom
-vermeintlichen Sekretär verursacht sein soll, wie begründet er den?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Er schweigt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Weil er nicht stattgefunden hat.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Sie sagten doch, daß er sich an die Stelle des Getöteten setzen wollte?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- stutzt.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-So findet sich doch eine Begründung?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Die ihn zur Tötung angestiftet hat!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Er handelte also in Notwehr!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- erregt.
-
-Aber er ist doch der Sekretär!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- sich die Augen reibend.
-
-Ich bin wirklich abgespannt. Das scharfe Licht -- die Gelassenheit des
-Mannes, der sich kaum verteidigt --
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ich denke Mittel anzuwenden, die ihn beweglicher machen. Fruchtet die
-Vorlegung der Koralle nicht -- (Er nimmt sie vom Tisch auf.) Wie ein
-Blutstropfen sieht das Ding aus, der am Täter hängen blieb --! (Er legt
-sie hin. Zu den Dienern.) Ich brauche Sie nicht mehr.
-
- DER ERSTE DIENER
-
-Wann morgen?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Hoffentlich war es genug. Zehnmal dieselbe Litanei. Ich lasse Sie sonst
-bestellen.
-
- Die beiden Diener ab.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Versprechen Sie sich in dieser Nacht besseren Erfolg?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Nicht mehr als ein volles Geständnis!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- verblüfft.
-
-Wie wollen Sie ihn dazu bringen?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Er will der Milliardär sein. Gut, so führe ich ihm seine Kinder vor.
-Jetzt soll die Natur Richter spielen. Stutzt er eine Sekunde, sich
-ihnen zu nähern, die der Vater nach der Bekundung von Sohn und Tochter
-über alles liebte, so hat er soviel wie gestanden. Vor der Koralle
-kann er sich sträuben, das ist ein toter Gegenstand -- -- aber vor der
-Wucht des Anblicks von Sohn und Tochter seines Opfers wird sich kein
-Individuum behaupten. Und da er kein berufsmäßiger Verbrecher ist,
-bricht er mir in beide Knie!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Tatsächlich bin ich ausgepumpt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Strecken Sie sich auf dem Sofa aus und schlafen Sie gut. Wenn ich Sie
-stören darf, rufe ich Ihnen unsere Erlösung von der Marter dieser
-vierzehn Nächte hinüber.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Ich fahre dann gleich eine Woche aufs Land.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Und ich schreibe ein Buch für Massenauflage über den Fall!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- hinten ab.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- geht nach links und drückt auf eine Klingel neben einer Tür.
-
- Von einem Wärter geleitet, Sohn und Tochter -- in schwarz -- von
- links.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Es wird nun doch notwendig, daß ich die Gegenüberstellung ausführe.
-So gern ich Ihnen diese Peinlichkeit erspart hätte, das hartnäckige
-Ableugnen, von dem ihn mein Kollege nicht abbringen konnte, zwingt zu
-dieser Maßnahme. Ich sehe keinen anderen Weg mehr, um ein Geständnis zu
-erhalten. Und das Geständnis brauchen wir unbedingt!
-
- SOHN
-
-Geben Sie uns Anweisungen, wie wir uns verhalten.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ich beabsichtige, einen überraschenden Schlag zu tun. Zu einer
-Überlegung darf ihm nicht die mindeste Zeit gelassen werden. Ich bitte
-Sie, vollständig geräuschlos zu kommen und Ihre Anwesenheit hier nicht
-zu verraten. Vorläufig halten Sie sich dort im Hintergrund des Ganges
-auf, der Wärter bleibt in der Nähe der Tür. Das ist unauffällig. (Zum
-Wärter.) Ich werde es im Verlauf des Verhörs einrichten, daß ich auf
-diese Seite trete, sodaß der Vernommene Ihre Tür im Rücken hat. Sobald
-ich mein Taschentuch hervorziehe, lassen Sie die Dame und den Herrn ein.
-
- SOHN
-
-Mit dieser Konfrontierung ist unsere Aufgabe erfüllt?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Selbstverständlich beschränke ich auch diese auf die kürzeste Dauer.
-Versuchen Sie jedoch, ihn fest anzusehen. Das ist wichtig. Besonders
-Sie, gnädiges Fräulein, möchte ich darauf aufmerksam machen. Halten Sie
-sich aufrecht. Sie erleben vielleicht das Grauenhafteste, was einem
-widerfahren kann. Sie werden Ihren Vater zu erblicken glauben, der tot
-ist.
-
- SOHN
-
-Eine Unterscheidung muß doch möglich sein!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Dann hätten wir leichtes Spiel gehabt. Die Übereinstimmung ist
-vollkommen. Ein körperliches Merkmal existiert nicht. Die Natur spielt
-uns schon den Streich.
-
- SOHN
-
-Nur diese Koralle gibt Aufschluß?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Den unumstößlich. Darum vergessen Sie nicht, daß Sie den Sekretär vor
-sich haben!
-
- Sohn und Tochter mit dem Wärter links ab. Der Wärter kehrt hinter
- die Türstäbe zurück.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- zum ersten Wärter.
-
-Führen Sie vor.
-
- Der Wärter schaltet wieder die Bogenlampe ein. Rechts ab.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- Setzt sich eine Brille mit blauen Gläsern auf.
-
- Wärter läßt den Milliardär vor sich eintreten und bleibt an der Tür.
-
- MILLIARDÄR
-
- Seine Hände sind nach vorn mit dünnem Stahlseil geschlossen. Er
- stellt sich auf, wie er nun schon gewohnt ist, dazustehen -- ohne
- Zeichen von Erregung.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- beachtet ihn vorläufig nicht. Dann nimmt er den Revolver vom Tisch
- und tritt -- nur für die Waffe interessiert -- zum Milliardär.
-
-Wo kauft man denn diese Marke?
-
- MILLIARDÄR
-
- schweigt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Das Modell hätte ich gern. Aber ich kann mir doch nicht ein vom Gericht
-beschlagnahmtes Objekt zustecken.
-
- MILLIARDÄR
-
- lächelt dünn.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- sieht ihn an.
-
-Ein streng gehütetes Geheimnis?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ein Geschenk.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Von wem denn?
-
- MILLIARDÄR
-
- schüttelt den Kopf.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Von zarter Hand doch nicht?
-
- MILLIARDÄR
-
-Von zartester.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ach was, das ist ja unnatürlich.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ja -- unnatürlich war das.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Sollten Sie sich selbst bedienen? Wenn Sie untreu werden?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich war das Ziel.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wer wollte denn auf Sie schießen?
-
- MILLIARDÄR
-
- nickt langsam.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Rissen Sie ihm die Waffe aus der Hand?
-
- MILLIARDÄR
-
-Er legte sie auf die Schreibtischplatte nieder.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- rasch.
-
-Der Milliardär?
-
- MILLIARDÄR
-
- schweigt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- nickt befriedigt und stellt sich rechts auf.
-
-Nun wollen wir die Situation rekonstruieren. Drehen Sie sich nach mir.
-
- MILLIARDÄR
-
- tut es.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Warten Sie mal. Das Metall ist angelaufen, damals blinkte es
-jedenfalls. (Er zieht sein Taschentuch heraus und reibt die Waffe.)
-
- Der Wärter links zieht sich von der Tür zurück.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Daß das Schießzeug auf dem Tisch herumgelegen hat, ist natürlich
-Humbug. Ihre Erzählung ist ja auch reichlich verworren, es lohnt
-nicht da nachzutasten. Der Vorgang ist einfach der: unter irgendeinem
-Vorwand machen Sie sich hinter Ihrem Opfer zu schaffen -- die Waffe aus
-der Hosentasche -- genau so, wie ich hier, standen Sie bereit -- die
-Distanz ist dieselbe --
-
- Der Wärter ist mit Sohn und Tochter gekommen: die beiden stehen
- unbeweglich.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
--- und jetzt zeigen Sie mir auch Ihren Rücken!
-
- MILLIARDÄR
-
- dreht sich um: ohne zu stocken, geht er auf Sohn und Tochter zu.
-
-Kinder -- in schwarz? Ist ein Trauerfall, der uns nahegeht? -- --
-Wundert Ihr Euch, daß ich nichts davon weiß? Ja, ich habe keine
-Verbindung mit Euch. Ich werde vorläufig streng abgeschlossen gehalten.
-Ein unleidlicher Irrtum, der sich erst aufklären muß. Ich gebe mir alle
-erdenkliche Mühe, diesen schweren Verdacht zu zerstreuen. Aber die
-Gerichte sind peinlich. Jede Kleinigkeit erhält Gewicht. Eine Koralle,
-die bei mir gefunden ist -- der Revolver da, den ich bei mir getragen
-haben soll. (Zum Sohn.) Willst Du nicht seine Herkunft mit einem Wort
-feststellen?
-
- SOHN
-
- seine Erschütterungen beherrschend.
-
-Herr Richter, die Waffe ist mein Eigentum.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wie gelangt sie in den Besitz des Sekretärs?
-
- SOHN
-
-Ich legte sie vor meinen Vater auf die Tischplatte.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Das ist immerhin wertvoll. Der offen daliegende Revolver stiftete zur
-Tat an. Warum überließen Sie Ihrem Vater ihn?
-
- SOHN
-
-Darauf -- kann ich nicht antworten.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe Dich auch nicht verraten.
-
- SOHN
-
- scharf.
-
-Weil Sie nichts wissen können!
-
- MILLIARDÄR
-
-Kein Du? Bin ich Euch fremd geworden, weil ich verdächtigt wurde? (Mit
-eigentümlich lauerndem Ausdruck.) Glaubt Ihr denn, daß ich der Sekretär
-bin? Ihr -- meine eigenen Kinder-- seht mich für den Sekretär an?
-
- SOHN
-
- mühsam.
-
-Herr Richter, brauchen Sie meine Schwester und mich hier noch?
-
- TOCHTER
-
- schreit auf -- schlägt die Hände auf's Gesicht.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ich danke.
-
- Sohn -- die Tochter stützend -- links ab.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- hin- und hergehend.
-
-Das ist unerhört. Das ist der Gipfel der Verstocktheit! -- Schämen Sie
-sich nicht? (Verblüfft.) Lächeln Sie?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe meine Kinder gesehen --
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Stimmt Sie die Qual anderer vergnügt?
-
- MILLIARDÄR
-
--- meine Kinder haben mich nicht gesehen!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Den Mörder ihres Vaters haben sie gesehen. Der sind Sie. Sie -- sein
-Sekretär. Tischen Sie uns das alberne Märchen nicht nochmals auf. Und
-hätte die Koralle nicht die mächtige Beweiskraft, die sie hat, dies
-entlarvt Sie: die Sie mit so dreister Stirn für Ihre Kinder ausgeben,
-die stoßen Sie als einen Fremden zurück!
-
- MILLIARDÄR
-
- undurchdringlich.
-
-Das -- genügt nicht.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wissen Sie das sicher? Weil Sie kein Geständnis ablegen? Das erlassen
-wir Ihnen jetzt. Hüllen Sie sich weiter in Ihr monumentales Schweigen.
-Jetzt werden wir gesprächig! (Er winkt dem Wärter.)
-
- Wärter führt den Milliardär rechts ab.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- telephoniert.
-
-Ich bitte um Ablösung. (Laut.) Jawohl -- Ablösung! (Aufgeregt auf und
-ab. Aufstampfend.) Das ist doch --!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- rasch von hinten.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Sie glaubten wohl, sich verhört zu haben? Nein, es geht so weiter.
-Dem Mann ist nicht beizukommen. Ohne Zucken erträgt er die
-Gegenüberstellung -- und beklagt sich noch, daß man ihm das Du
-verweigert!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- liest im Protokoll.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ich denke, wir sind fertig!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Nein! -- Das lockt mich. Ich rücke ihm auf den Leib. (Sich vor die
-Stirn schlagend.) Das ist ja auch ganz einfach!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wurden Sie im Schlaf erleuchtet?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Wütend bin ich!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Erfinderisch macht dieser Zustand schwerlich.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-In den Milliardär hat er sich eingelebt.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Das steht fest.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Also muß er aus dem Milliardär wieder heraus --
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Hokuspokus eins zwei drei.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
--- und in den Sekretär hinein!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Der Kunstgriff, den Sie dazu anwenden?
-
- Wärter kommt von rechts und schaltet die Bogenlampe aus.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Er muß ganz neu geboren werden! -- Ja ja, ich lege ihn wieder in die
-Wiege und lasse ihn vergnügt strampeln und krähen. Der Milliardär ist
-noch gar nicht in seine Existenz getreten -- das ist ein späteres
-Kapitel, das ich mit keiner Silbe erwähne. Ich baue ihm sein Leben bis
-zu diesem Punkte lückenlos auf und wickle ihn in Jugenderinnerungen so
-sanft und allmählich ein, daß er ganz vergißt, warum er hier steht.
-(Nach einem Schriftstück greifend.) Das Material haben wir da -- es
-ist bis in Kleinigkeiten zusammengetragen. Seine Vergangenheit bietet
-ein auffallend helles Bild -- so ist auch der Kern nicht verhärtet.
-Der Mann wird windelweich, wenn ich ihm das Buch seiner guten Zeiten
-aufschlage!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Er hat sich vor den Kindern seines Opfers nicht gescheut --
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Kinder stehen außerhalb. Zuletzt lebt man nur sich selbst.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ich würde ja auch ungern das Protokoll ohne Ergebnis abliefern.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Mein Versuch kann, wie jeder andere bisher, scheitern -- aber in
-solchem Zurückgreifen liegt eine suggestive Kraft.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Wollen Sie die Brille?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Diesmal bei gedämpftem Licht. (Zum Wärter.) Schalten Sie nicht ein.
-Bringen Sie ihn. (Wärter rechts ab.) Schon das wird ihm eine Wohltat
-sein. Und für das andere finde ich den rechten Großmuttermärchenton.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Und der böse Wolf kommt zum Schluß.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Der muß den Mörder packen!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- hinten ab.
-
- Wärter führt den Milliardär ein.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- in das Schriftstück vertieft.
-
-Diese Tierliebhaberei ist köstlich. (Aufblickend zum Milliardär.) Hatte
-es denn das schwarze Fleckchen mitten auf der Stirn?
-
- MILLIARDÄR
-
- hebt horchend den Kopf.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- Das Hündchen, das Sie vom Ersäufen gerettet haben?
-
- MILLIARDÄR
-
- biegt sich auf.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-War der Fluß an dieser Stelle seicht? Mit zehn Jahren wagt man sich
-doch nicht weit ins Wasser.
-
- MILLIARDÄR
-
- atmet rauschend.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Das Flüßchen wird wohl keine reißende Strömung gehabt haben, das am
-Städtchen vorübertreibt. Oder gab es im Frühling Hochwasser?
-
- MILLIARDÄR
-
- wiegt eigentümlich den Oberkörper.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Dann schossen die Fluten mit allerlei Fracht von entwurzeltem Gesträuch
-und Grasbüscheln dahin. Manchmal traten sie über die Ufer und drangen
-in die Keller. Da hieß es die Vorräte bergen. Das gab immer ein
-lustiges Rettungswerk. Was da alles zum Vorschein kam! Vater und Mutter
-griffen zu -- und der Sohn leistete natürlich die wichtigste Hilfe. Er
-stand überall im Wege! Aber von Ihrer Unentbehrlichkeit waren Sie fest
-überzeugt?
-
- MILLIARDÄR
-
- nickt langsam.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Ja -- solch ein kleines Städtchen hat seine Katastrophen. Jeden Tag
-etwas anderes. Der Wind reißt einem die Mütze weg und fährt damit um
-die Ecke -- (Rasch.) Hatten Sie grüne Schulmützen?
-
- MILLIARDÄR
-
- mit rieselndem Lächeln.
-
-Ich -- --
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Erinnern Sie sich nicht mehr deutlich an die Farbe?
-
- MILLIARDÄR
-
--- -- habe so viel vergessen!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- beobachtet ihn scharf. -- Nach einer Pause.
-
-Dauert Sie das nicht? Ich meine, man denkt doch gern an freundliche
-Eindrücke, die man einmal gehabt hat. Die sind doch schließlich
-unverwüstlicher Besitz. Und gerade Sie haben doch allen Grund, sich
-an hellen Bildern der Vergangenheit zu erquicken. Ja, Sie haben eine
-beneidenswerte Jugend genossen. (Das Schriftstück aufblätternd.) Da
-liest man mit Vergnügen!
-
- MILLIARDÄR
-
- sieht hin.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Da ist alles Licht -- Sonne, Sonne -- Licht. Kein Schatten richtet
-sich auf. (Aufblickend.) Sie müssen doch Ihren Eltern unaussprechlich
-dankbar sein?
-
- MILLIARDÄR
-
- mit fast singender Stimme.
-
-Meine Eltern -- --
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Die breiteten ihre Hände über ihr einziges Kind! Haben Sie jemals einen
-Schlag erhalten?
-
- MILLIARDÄR
-
-Habe ich -- -- niemals einen Schlag erhalten?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Ja, das müssen Sie mir sagen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ja -- -- Sie müssen es mir sagen!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- sieht ihn erstaunt an. Dann humoristisch.
-
-Schlagen wir also das Buch der Vergangenheit auf. Kapitel eins:
-Elternhaus. Freundliche Kleinstadt -- in grün gebettet. Vater --
-Pfarrer. Sehen Sie ihn vor sich?
-
- MILLIARDÄR
-
- vor sich hintastend.
-
--- in grün gebettet -- -- Vater -- -- Pfarrer -- --
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Kapitel zwei: der Sohn wird geboren und ist Mittelpunkt des
-pfarrhäuslichen Lebens. Mit jeder Sorge ist man um ihn bemüht. Er
-gedeiht gesund. -- An diese früheste Kindheit werden Sie sich kaum
-erinnern?
-
- MILLIARDÄR
-
-Jetzt -- -- kenne ich sie!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Aber mit dem nächsten Abschnitt kommen Sie ins Fahrwasser. Die
-Schulzeit. Das Gymnasium ist nicht groß -- wenige Schüler, unter denen
-Sie der beste sind. Das Lernen fällt Ihnen leicht -- Sie stoßen nicht
-auf Widerstände -- und so hat auch diese Epoche keinen Stachel für Sie.
--- Oder gibt es eine dunkle Wolke?
-
- MILLIARDÄR
-
-Wenn -- -- Sie es nicht wissen!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Schön, es gibt also keine. Weiter. Damit war der Rahmen gezeichnet,
-in dem Sie sich damals bewegten. Es wurde Ihnen von Hause aus wie
-selten einem jungen Menschen leicht gemacht -- und Ihre Anlagen kamen
-den Absichten Ihrer Eltern auf halbem Wege entgegen. Sie entwickelten
-in selten hohem Maße die Fähigkeit, ein glücklicher Mensch zu sein.
-Kein schöneres Bild, als diese vollkommene Übereinstimmung von Mensch
-und Umgebung. Da gibt es kein erschütterndes Erlebnis, das das Blut
-vergiftet. Tag reiht sich an Tag wie die Blumenkette, die Kinder
-binden! -- -- -- -- (Eindringlich.) Flutet es nicht warm über Ihr
-Herz, wenn Sie dies Evangelium Ihrer Vergangenheit von mir erzählen
-hören? Es muß doch ein sehnsüchtiges Verlangen in Ihnen wach werden
--- nach diesem Paradiese, in dem Sie -- bevorzugt vor so vielen --
-wandeln durften? Behütet und geliebt -- vor jedem Stoß, den andere
-schon in diesem Alter erleiden, bewahrt. Blicken Sie nicht in einen
-kristallklaren See, dem man bis auf den Grund sieht -- und auch da
-nichts findet als runde und blanke Kiesel? -- Sagen Sie zu Ihrer
-glücklichen Vergangenheit ja -- und retten Sie sich das beste, was man
-besitzen kann!
-
- MILLIARDÄR
-
- wie unter Schauern von Glück zitternd.
-
--- -- das beste -- -- was man besitzen kann -- --
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- in Erregung geratend.
-
-Sagen Sie ja zu dieser Vergangenheit?
-
- MILLIARDÄR
-
- hinhauchend.
-
--- -- ja -- -- ja -- -- ja -- --!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Jetzt unterschreiben Sie Ihre Bekundung!
-
- MILLIARDÄR
-
- schon die Hände aufhebend.
-
-Ja!
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- zum Wärter.
-
-Befreien Sie die Hand! (Zum Milliardär.) Ihre Zustimmung hat Sie
-überführt, diese Vergangenheit gehört dem Sekretär. Sie sind der
-Sekretär. (Da der Milliardär zögert.) Ich sage Ihnen das, damit Sie die
-richtige Unterschrift leisten: die des Sekretärs!
-
- MILLIARDÄR
-
- schreibt in die Luft.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Was machen Sie denn? Sind Ihnen Ihre eigenen Schriftzüge nicht mehr
-erinnerlich?
-
- MILLIARDÄR
-
- unterschreibt.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Die Untersuchung ist abgeschlossen. Ich hoffe, daß Sie zu dem früheren
-Ableugnen Ihrer Person nicht wieder zurückkehren. Es wäre von jetzt an
-zwecklos! (Er gibt dem Wärter ein Zeichen.)
-
- MILLIARDÄR
-
- vom Wärter nach rechts geführt.
-
--- -- das beste -- -- das beste -- -- (Ab.)
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- steht noch nachdenklich. Dann telephonierend.
-
-Umfassendes Geständnis!
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- kommt hinten.
-
-Das klingt wirklich wie ein Märchen! (Er liest im Protokoll.) Das ist
-ja glatt gegangen. Hatte er denn die Falle nicht gesehen, in die Sie
-ihn lockten?
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- grübelnd.
-
-Finden Sie nicht, daß das merkwürdig ist?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Er war übermüdet.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Den Eindruck hatte ich nicht: er lebte förmlich auf, als ich ihm seine
-Vergangenheit erzählte!
-
- Wärter kommt rechts.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
- rasch.
-
-Hat er mir eine Mitteilung zu machen?
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Will er nicht schon wieder der andere sein?
-
- WÄRTER
-
-Nein.
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
-Ist er zusammengeklappt?
-
- WÄRTER
-
-Er steht aufrecht und sieht nach oben und murmelt etwas.
-
- DER ERSTE RICHTER
-
-Wie er hier stand -- -- im Traum -- --
-
- DER ZWEITE RICHTER
-
- nach einem Schweigen.
-
-Jedenfalls wird es für ihn ein scheußliches Erwachen geben!
-
-
-
-
-FÜNFTER AKT
-
-
- Kleines Hofgeviert: auf den Schachtgrund umstehender
- Gefängnismauern gesenkt. Karge Grasnarbe mit fester Eisenbank in
- der Mitte. Eine niedrige Tür links und eine schmale hohe Tür hinten.
-
- Wärter führt den Milliardär -- nun Sträfling in schwarzem
- Leinenkittel mit rotem Halsrand -- von links ein.
-
- MILLIARDÄR
-
-Der Vorhof des Todes?
-
- WÄRTER
-
-Sie haben hier noch eine Stunde.
-
- MILLIARDÄR
-
- nickt.
-
-Das letzte Stündchen hat geschlagen. (Sich umsehend.) Milde
-Gepflogenheit -- -- über Grün tappen die Füße -- -- und oben strömt
-Himmels Blau! Erst schwerste Strafe öffnet Beglückung. (Er steht
-reglos.)
-
- WÄRTER
-
-Sollen Besucher kommen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Sind Neugierige da? Ich sträube mich nicht.
-
- WÄRTER
-
- links ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- setzt sich auf die Bank.
-
- WÄRTER
-
- läßt den Herrn in grau ein. Wärter ab.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- hat eine offensichtliche Wandlung durchgemacht: Sein Anzug -- in
- Farbe wie früher -- ist von tadellosem Schnitt; helle Gamaschen
- über Lackstiefeln, grauer stumpfer Zylinder, weiße Glacés mit
- schwarzen Raupen. -- Rasch auf den Milliardär zugehend und ihm die
- Hand hinstreckend.
-
-Noch nicht zu spät. Das ist ein wahres Glück. Ich wäre gern früher
-erschienen, aber die Geschäfte --! Schwefelgrube -- wuchtige Sache.
-Ausbeute jährlich -- -- Von Rentabilität und Dividende sind Sie ja
-wohl augenblicklich einigermaßen entfernt. Das ist auch nicht der
-Gegenstand, von dem ich Sie zu unterhalten beabsichtige -- ich wollte
-Ihnen danken!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich wüßte nicht --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sie gestatten, daß ich neben Ihnen Platz nehme -- auf dem
-Armesünderbänkchen. Man hat doch wenigstens einmal ein ruhiges
-Viertelstündchen. Also von ganzem Herzen Dank -- Dank -- und Dank!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wenn Sie mir sagen würden --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ich bin der Herr in grau, dem Sie damals die Unterschrift verweigerten
-unter ein Manifest, das mit einem Schlage der Welt die Harmonie
-schenken sollte. Sie ließen sich herbei -- daß Sie sich die Zeit
-nahmen, bewundere ich heute am meisten -- ich hätte sie nicht! -- mir
-die Aussichtslosigkeit meines beglückenden Projektes zu demonstrieren.
-Ihre Argumente trafen mich wie Keulenhiebe -- und ich verließ »das
-heiße Herz der Erde«, einen Fluch nach Ihnen schleudernd, kräftig
-genug, um einen Stier zu fällen. Dämmert es?
-
- MILLIARDÄR
-
- mit dünnem Lächeln.
-
-Sie irren sich.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ich verwünschte Sie schnurstracks in den Höllenpfuhl!
-
- MILLIARDÄR
-
-Mich nicht --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Fühlten Sie sich nicht getroffen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Weil Sie jene Unterredung mit dem Milliardär hatten.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- lacht unbändig.
-
-Vor mir brauchen Sie Ihre Rolle nicht zu spielen. Stecken Sie den
-Sekretär in die Tasche. Oder haben Sie keine in diesem Schlafrock für
-die ewige Nacht? (Ihm auf die Schulter klopfend.) Sie bleiben mein Mann
-auf der Flucht vor dem Furchtbaren!
-
- MILLIARDÄR
-
- erschrocken.
-
-Sprechen Sie leise!
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Keine Angst, ich will Sie weder verraten noch befreien. Zu solcher
-Undankbarkeit hätte ich nicht den mindesten Anlaß. Sind Sie mit mir
-zufrieden?
-
- MILLIARDÄR
-
-Sie sind der einzige --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ihr Prozeß hat mir Vergnügen gemacht. Um keinen Preis hätte ich Sie
-gestört. Das war ein Geniestreich, sich in den Sekretär bugsieren zu
-lassen und den süßen Teller seiner blanken Vergangenheit zu schlecken.
-Ich habe Sie ordentlich schmatzen hören, als man Ihnen endlich die
-herrliche Mahlzeit einflößte. Ist Ihnen jetzt wohl im Magen?
-
- MILLIARDÄR
-
-Es war die Rettung --
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Als der Sohn -- diese erhoffte schönere Wiedergeburt in Friede und
-Freude -- sich abwärts bewegte!
-
- MILLIARDÄR
-
-Still davon!
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Aber Sie haben doch nichts mehr zu fürchten. Und vom festen Ufer blickt
-man doch mit einer gesunden Schadenfreude auf das tobende Meer unter
-sich zurück. Sie haben sich geborgen -- und in wenigen Minuten kann es
-Sie den Kopf nicht mehr kosten. Davor sind Sie ganz sicher!
-
- MILLIARDÄR
-
-Weshalb danken Sie mir?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Sagt Ihnen das ein flüchtiger Blick auf meinen äußeren Menschen nicht?
-
- MILLIARDÄR
-
-Sie sind mit einiger herausfordernder Feinheit gekleidet.
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Nur zur Illustrierung inneren Aufbaus. Ich bin auf der Flucht.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wovor -- Sie?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Vor Ihrer Weltordnung!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen Sie mich nicht wieder verwünschen?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ich segne Sie. Aus rosenroten Wolken haben Sie mich auf die platte
-Erde gestellt. Auf beiden Füßen wuchte ich kerzengerade. Ihr Gesetz
-herrscht: wir fliehen! Wehe dem, der strauchelt. Zertreten wird er --
-und über ihn weg tobt die Flucht. Da gibt es keine Gnade und Erbarmen.
-Voran -- voran! -- hinter uns das Chaos!
-
- MILLIARDÄR
-
-Und erreichten Sie schon einen Vorsprung?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Ein folgsamer Schüler war ich. Reichtum häufe ich und stelle diesen
-blinkenden Berg zwischen mich und die anderen. Ungeheure Energien sind
-entwickelt, wenn man das Gesetz weiß. Man rennt noch im Schlafe und mit
-fertigen Projekten springt man morgens vom Bett. Es ist die wilde Jagd.
-Gott sei Dank, daß Sie Ihr Geheimnis nicht mit hinübernehmen -- jetzt
-kann ich der Menschheit das wahre Heil verkünden!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen Sie das tun?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Es ist geschehen. Mein Abfall wirkt aufrüttelnd. Alle Verbände sind
-gesprengt, der Kampf wütet auf der ganzen Linie. Jeder gegen jeden
-schonungslos!
-
- MILLIARDÄR
-
-Und sehen Sie ein Ziel, nach dem Sie stürmen?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Lächerlich, es gibt keins!
-
- MILLIARDÄR
-
-Es gibt schon eins.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- sieht ihn verblüfft an.
-
-Foltern Sie mich nicht!
-
- MILLIARDÄR
-
-Das liegt am Anfang!
-
- DER HERR IN GRAU
-
- lacht dröhnend.
-
-Ja -- Sie sind ein Glückspilz. Sie können sich über uns lustig machen.
-Sie haben allerdings die Ursache beseitigt, die zum Rennen aufscheucht.
-Aber es bleibt ein Einzelfall: so komplette Doppelgänger können sich
-nicht alle leisten! -- Außerdem, ich will Ihnen etwas verraten. (Eine
-Geste rund um den Hals vollführend.) Die meisten würden auch die Kosten
-scheuen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Nennen Sie diesen Preis hoch?
-
- DER HERR IN GRAU
-
- aufstehend.
-
-Das veranschlagen Sie wohl am besten nach eigenem Ermessen. Zimperlich
-sind Sie ja nie gewesen, wenn man Ihnen eine Rechnung präsentierte!
--- Ich würde mich gern länger aufhalten, aber -- auch Ihre Zeit ist
-beschränkt. Jedenfalls macht es Ihnen eine kleine Freude, daß Ihre
-große Entdeckung nicht mit Ihnen verschwindet. (Er streckt ihm beide
-Hände hin.) Also Kopf hoch!
-
- MILLIARDÄR
-
-Solange es dauert.
-
- DER HERR IN GRAU
-
- lacht -- seinen Hut schwenkend.
-
-Auf Wiedersehen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wo?
-
- DER HERR IN GRAU
-
-Allerdings -- für diesen Fall hat man die Grußformel nicht gleich zur
-Hand!
-
- Wärter öffnet hinten, Herr in grau ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- sitzt unbeweglich -- das Kinn auf den Handrücken.
-
- Wärter läßt den Sohn ein. Wärter ab.
-
- SOHN
-
- zögert -- geht dann rasch zum Milliardär, streckt ihm die Hand hin.
-
-Ich bin gekommen -- um Ihnen zu verzeihen.
-
- MILLIARDÄR
-
- sieht langsam zu ihm auf.
-
- SOHN
-
-Erkennen Sie mich nicht?
-
- MILLIARDÄR
-
--- Doch.
-
- SOHN
-
-Mein Entschluß überrascht Sie. Vielleicht ist es sonderbar, daß ein
-Sohn das tut. Es ist das geringste. Ich will Sie retten.
-
- MILLIARDÄR
-
-Halten Sie Strickleiter und Steigeisen bereit?
-
- SOHN
-
-Ich will Sie als meinen Vater anerkennen!
-
- MILLIARDÄR
-
- steht auf und geht hinter die Bank.
-
- SOHN
-
-Machen Sie es mir nicht schwerer, als es mich schon drückt. Ich bin
-schuldig wie Sie. Weil ich die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Die Kugel
-hatte ich für ihn bestimmt. Wer abdrückte, blieb gleich.
-
- MILLIARDÄR
-
-Das ist mir unverständlich.
-
- SOHN
-
-Glauben Sie an meine Schuld -- und lassen Sie mich nicht in diesen
-gräßlichen Dingen wühlen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Haben Sie einmal gedacht -- was ich getan habe?
-
- SOHN
-
-Was jeder tun muß, wenn er den Wahnsinn in Macht tanzen sieht.
-
- MILLIARDÄR
-
-War Ihr Vater wahnsinnig?
-
- SOHN
-
-Macht ist Wahnsinn!
-
- MILLIARDÄR
-
-Ja -- er war mächtig.
-
- SOHN
-
-Und schuldig! Hinter Ihrer Schuld steht seine -- riesengroß und
-unauslöschlich. Sie sind sein Opfer, wie ich es bin -- wie alle mit
-irgendeinem Gedanken!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen alle töten?
-
- SOHN
-
-Sie müssen es, der Zwang ist unabweislich. Die Versuchung ist von
-denen, die sich emporwerfen, geschaffen. Mit Gewalt erheben sie sich --
-mit Gewalt werden sie heruntergerissen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Sie machen es sich leicht --
-
- SOHN
-
-Empfing ich nicht die letzte Bestätigung von Ihnen? Ich kenne Ihr Leben
--- ich habe atemlos die Berichte gelesen. Die reinste Kindheit und das
-freundlichste Jünglingsalter haben Sie gelebt -- wo zeigt sich eine
-Anlage zur Gewalttätigkeit?
-
- MILLIARDÄR
-
-Auch Sie haben die reinste Kindheit --
-
- SOHN
-
-Und griff zur Waffe. Ich wollte aus aufwallendem Gerechtigkeitsgefühl
-strafen -- Sie sich bereichern. Erst der Anblick von Gewalt riß Sie
-hin. Das Beispiel hatte Ihnen mein Vater, der immer rücksichtslos
-handelte, gegeben -- und solange es solche Beispiele gibt, werden wir
-versucht!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen Sie die bösen Beispiele ausrotten?
-
- SOHN
-
-Mit Ihrer Hilfe!
-
- MILLIARDÄR
-
-Was kann ich dazu tun?
-
- SOHN
-
-Sie sollen auf Ihren Platz, der Sie über andere stellt, verzichten und
-zu uns herabsteigen!
-
- MILLIARDÄR
-
-Dazu müßte Ihr Vater leben.
-
- SOHN
-
-Ich werde zum Richter gehen und erklären, daß ich Sie nach dieser
-Unterredung als meinen Vater erkannt habe!
-
- MILLIARDÄR
-
-Und die Koralle?
-
- SOHN
-
-Nichts darf im Wege stehen. Die Aufgabe ist ungeheuer. Es gibt kein
-Bedenken. Es dreht sich um das Schicksal der Menschheit. Wir vereinen
-uns in heißer Arbeit -- und in unserem unermüdlichen Eifer sind wir
-verbunden wie Vater und Sohn!
-
- MILLIARDÄR
-
- schüttelt den Kopf.
-
-Nein -- so kann ich mich nicht verleugnen.
-
- SOHN
-
-Wenn es um Ihr Leben geht?
-
- MILLIARDÄR
-
-Weil es um _das_ Leben geht, das Sie mir anbieten!
-
- SOHN
-
-Überwindung fordert es. Mich hat es Kämpfe gekostet, Sie aufzusuchen.
-Ich ging um der hohen Sache willen. Den Schatten meines Vaters, der
-hinter Ihnen steht, bannen Sie, wenn Sie diesem Werk dienen!
-
- MILLIARDÄR
-
-So gelingt das nicht.
-
- SOHN
-
-Ich gelobe es Ihnen --
-
- MILLIARDÄR
-
-Was?
-
- SOHN
-
-Ihnen Sohn zu sein, der seinen Vater nicht verlor!
-
- MILLIARDÄR
-
- tritt nahe vor ihn.
-
-Soll ich Ihnen meine Bedingung stellen?
-
- SOHN
-
-Jede!
-
- MILLIARDÄR
-
-Wollen Sie mir der Sohn sein, den Ihr Vater sich wünschte?
-
- SOHN
-
-Was heißt das?
-
- MILLIARDÄR
-
-Richte Du Dich wieder auf dem sonnigen Ufer ein -- dann könnte ich mich
-Deinem Wunsche fügen!
-
- SOHN
-
- starrt ihn an.
-
- MILLIARDÄR
-
-Sonst läßt sich der Schatten -- der hinter mir steht! -- nicht bannen!
-
- SOHN
-
-Wie sprechen Sie?
-
- MILLIARDÄR
-
-Wie Ihr Vater. Erschüttert Sie die erste Probe?
-
- SOHN
-
- betrachtet ihn mit scheuen Blicken.
-
- MILLIARDÄR
-
- legt ihm die Hände auf die Schultern.
-
-Es ist schön, daß Sie noch einmal gekommen sind. Gern ruht das Auge
-auf Menschen, die jung sind. Haben Sie nicht eine Schwester? Wollte
-sie mich auch als Vater annehmen? -- Lockvögel seid ihr, aber dahin
-springen keine Brücken mehr. Sie haben mich nur fester überzeugt.
-Lassen Sie mich in meinem Hof. Grünt es hier nicht? -- Suchen Sie Ihr
-Schlachtfeld. Der Frieden verleitet vielleicht zum Krieg -- aber wer
-aus dem Blutbad auftaucht, der sucht sich zu retten. Sie wollten mir
-nicht helfen -- da nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand. Dürfen
-Sie mir nun zürnen, wenn ich Ihnen die Unterstützung verweigere?
-(Er führt ihn nach links.) Schelten Sie mich in keiner Stunde Ihres
-tatenreichen Lebens -- Sie haben ja kühne Pläne -- und mißlingt
-Ihnen das eine oder das andere -- und am Ende alles! -- opfern Sie
-dem Andenken Ihres Vaters nicht mit Zorn und Vorwürfen: er hätte
-Sie vor Enttäuschungen bewahrt -- -- aus Gründen, die zu enthüllen
-begreiflicherweise hier zu weit führen würde. (Da der Geistliche kommt,
-zum Sohn.) Da sehen Sie, es fehlt uns am nötigsten: Zeit!
-
- SOHN
-
- ab.
-
- MILLIARDÄR
-
- sieht ihm noch nach.
-
- Geistlicher ist zur Bank getreten und betrachtet den Milliardär.
-
- MILLIARDÄR
-
- kehrt sich zu ihm.
-
-Der dritte und letzte Gast?
-
- GEISTLICHER
-
-Nach dem Anblick, der sich mir bot, ist meine Aufgabe schwer. Sie
-erhielten die beste Tröstung, die von Menschen zu vergeben ist: die
-Versöhnung mit dem Sohn des unglücklichen Vaters.
-
- MILLIARDÄR
-
-Nein, Sie irren: wir sind im Streit auseinander gegangen. Und wenn ich
-ihn zur Tür geleitete, so geschah es, weil ich der Kräftigere war. Ich
-stützte den Unterlegenen.
-
- GEISTLICHER
-
-Suchte er Sie nicht auf?
-
- MILLIARDÄR
-
-Er legte mir eine Schlinge, in die ich mich verfangen sollte. Aber ich
-war auf der Hut.
-
- GEISTLICHER
-
-Er hat Ihnen vergeben?
-
- MILLIARDÄR
-
-Hatte er dazu Anlaß?
-
- GEISTLICHER
-
-Sie nahmen ihm seinen Vater!
-
- MILLIARDÄR
-
- setzt sich.
-
-Glauben Sie an das Recht der Vergeltung?
-
- GEISTLICHER
-
-Der irdischen muß ihr Lauf gelassen werden.
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe nur Vergeltung geübt.
-
- GEISTLICHER
-
-Womit hatte er Sie beleidigt?
-
- MILLIARDÄR
-
-Die Wahl fällt schließlich blindlings. Dieser oder ein anderer. Man hat
-mir Mutter und Vater getötet.
-
- GEISTLICHER
-
- zuckt die Achseln.
-
-Das Leben Ihrer Eltern beschloß ein friedlicher Tod.
-
- MILLIARDÄR
-
-Warum hatte ich dann Grund zu töten?
-
- GEISTLICHER
-
-In unbegreiflicher Verwirrung streckten Sie die Hand nach fremdem
-Reichtum.
-
- MILLIARDÄR
-
- nickt.
-
-In unbegreiflicher Verwirrung -- das stempelt eure Weisheit. Ich lehne
-mich nicht mehr auf. Ihr wölbt den Himmel über mich, unter dem ich
-freudig atmen soll. Überreich beschenkt ihr mich!
-
- GEISTLICHER
-
- nach einer Pause.
-
-Sie haben den Wunsch nach der Koralle geäußert, ich bringe sie Ihnen.
-
- MILLIARDÄR
-
- nimmt und betrachtet sie.
-
- GEISTLICHER
-
-Sie können mich abweisen -- oder Ihr Ohr meinen Worten verschließen.
-
- MILLIARDÄR
-
-Sprechen Sie.
-
- GEISTLICHER
-
- setzt sich zu ihm.
-
-Von der Zuflucht, die uns geöffnet ist, wenn wir aus diesem Leben, das
-wie ein Haus mit schwarzen Fenstern ist, treten --
-
- MILLIARDÄR
-
-Erzählen Sie von diesem Haus mit schwarzen Fenstern.
-
- GEISTLICHER
-
-Könnte das Licht breiteren Einlaß finden --
-
- MILLIARDÄR
-
- nickt.
-
-Das ist es.
-
- GEISTLICHER
-
-Aber es gibt kein Zuspät. In einer Sekunde kann der unendliche Schatz
-erworben werden!
-
- MILLIARDÄR
-
-Was ist das für ein Schatz?
-
- GEISTLICHER
-
-Das neue Sein hinter dieser Frist!
-
- MILLIARDÄR
-
-Liegt es in der Zukunft?
-
- GEISTLICHER
-
-Die aufnimmt, wer mit demütigem Finger klopft!
-
- MILLIARDÄR
-
- kopfschüttelnd.
-
-Es bleibt der alte Irrtum.
-
- GEISTLICHER
-
-Gültige Verheißungen sind uns gegeben!
-
- MILLIARDÄR
-
-Flucht in das Himmelreich. Das wird keine Erlösung von Kreuz und Essig.
-Am Ende findet man es nicht -- im Anfang steht es da: das Paradies!
-
- GEISTLICHER
-
-Wir sind vertrieben --
-
- MILLIARDÄR
-
-Verdunkelt das die Erkenntnis? -- -- Ich will Sie nicht erschüttern und
-Ihnen Ihr Werkzeug aus den Händen schlagen. Aber die tiefste Wahrheit
-wird nicht von Ihnen und den Tausenden Ihresgleichen verkündet -- die
-findet immer nur ein einzelner. Dann ist sie so ungeheuer, daß sie
-ohnmächtig zu jeder Wirkung wird! -- Sie suchen eine Zuflucht -- ich
-könnte Ihnen sagen, daß Sie einen falschen Weg einschlagen. Das Ziel
-überspringt Sie hundertmal -- und jedesmal versetzt es Ihnen einen
-Keulenschlag in den Rücken. Weiter rast Ihre Flucht zur Zuflucht. Sie
-kommen niemals an. Dahinaus nicht -- dahinaus nicht!
-
- GEISTLICHER
-
-So sprechen Sie zu mir: was gibt Ihnen -- ich muß es ja so ausdrücken
--- diese feierliche Ruhe?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ich habe das Paradies, das hinter uns liegt, wieder erreicht. Ich bin
-durch seine Pforte mit einem Gewaltstreich -- denn die Engel zu beiden
-Seiten tragen auch Flammenschwerter! -- geschritten und stehe mitten
-auf holdestem Wiesengrün. Oben strömt Himmelsblau!
-
- GEISTLICHER
-
-Denken Sie jetzt an Ihre freundliche Kindheit?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ist es nicht einfach zu finden? Deckt es sich nicht mit schon gesagten
-Worten: werdet wie die Kinder? Zur Weisheit braucht es ja nur ein
-Wortspiel.
-
- GEISTLICHER
-
-Warum können wir Menschen nicht Kinder bleiben?
-
- MILLIARDÄR
-
-Das Rätsel lösen Sie heute und morgen nicht!
-
- GEISTLICHER
-
- blickt vor sich hin.
-
- MILLIARDÄR
-
--- -- -- -- Sehen Sie das?
-
- GEISTLICHER
-
-Die Koralle, nach der Sie zuletzt verlangten.
-
- MILLIARDÄR
-
-Wissen Sie, wie das vom Boden des Meeres wächst? Bis an die Fläche
-des Wassers -- höher reckt sie sich nicht. Da steht sie, von Strömen
-umspült -- geformt und immer verbunden in Dichtigkeit des Meeres.
-Fische sind kleine Ereignisse, die milde toben. Lockt das nicht?
-
- GEISTLICHER
-
-Was meinen Sie?
-
- MILLIARDÄR
-
-Ein wenig die Kapsel lüften, die das Rätsel verschließt. Was wird das
-beste? Nicht aufzutauchen und in den Sturm verschleppt zu werden, der
-an die Küsten fährt. Da brüllt Tumult und zerrt uns in die Raserei des
-Lebens. Angetriebene sind wir alle -- Ausgetriebene von unserm Paradies
-der Stille. Losgebrochene Stücke vom dämmernden Korallenbaum -- mit
-einer Wunde vom ersten Tag an. Die schließt sich nicht -- die brennt
-uns -- unser fürchterlicher Schmerz hetzt uns die Laufbahn! -- -- -- --
-Was halten Sie in der Hand? (Er hebt die Hand des Geistlichen mit dem
-schwarzen Kreuz hoch.) Das betäubt nur den Schmerz. (Er hält die rote
-Koralle in seinen beiden Händen vor seine Brust.) Das befreit vom Leid!
-
- Die hohe schmale Tür wird hinten geöffnet.
-
- MILLIARDÄR
-
- steht auf.
-
- GEISTLICHER
-
-Ich -- kann Sie nicht begleiten!
-
- MILLIARDÄR
-
- geht sicheren Schrittes auf die Tür zu.
-
-
- _ENDE_
-
-
-
-
-WERKE VON GEORG KAISER
-
-
-DIE JÜDISCHE WITWE
-
-Biblische Komödie in fünf Akten
-
-
-KÖNIG HAHNREI
-
-Drama in fünf Akten
-
-
-DIE BÜRGER VON CALAIS
-
-Bühnenspiel in drei Akten
-
-
-EUROPA
-
-Spiel und Tanz in fünf Aufzügen
-
-
-VON MORGENS BIS MITTERNACHTS
-
-Stück in zwei Teilen
-
-
-DIE SORINA
-
-Komödie in drei Akten
-
-
-DIE VERSUCHUNG
-
-Tragödie in fünf Akten
-
-
-_Weimar._ -- _Druck von R. Wagner Sohn._
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | auf's -- aufs |
- | meines -- meins |
- | seines -- seins |
- | unserem -- unserm |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 9 »Mench« in »Mensch« geändert. |
- | S. 13 »heutemorgen« in »heute morgen« geändert. |
- | S. 37 »weißlakierten« in »weißlackierten« geändert. |
- | S. 40 »garnicht« in »gar nicht« geändert. |
- | S. 61 »gechafft« in »geschafft« geändert. |
- | S. 92 »bischen« in »bißchen« geändert. |
- | S. 112 »Ableugen« in »Ableugnen« geändert. |
- | S. 112 »erinnnerlich« in »erinnerlich« geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Koralle, by Georg Kaiser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KORALLE ***
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Koralle, by Georg Kaiser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Koralle
-
-Author: Georg Kaiser
-
-Release Date: August 24, 2020 [EBook #63038]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KORALLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 120px;">
-<img src="images/signet.png" width="120" height="118" alt="" />
-</div>
-
-
-
-
-
-<h1 class="pagebreak">DIE KORALLE</h1>
-
-<p class="center">SCHAUSPIEL IN FÜNF AKTEN</p>
-
-
-<p class="center p6">VON</p>
-
-<p class="center big120">GEORG KAISER</p>
-
-
-<p class="center p6">S. FISCHER &mdash; VERLAG &mdash; BERLIN<br />
-1917
-</p>
-
-
-
-
-<p class="pagebreak center p6">
-DEN BÜHNEN UND VEREINEN GEGENÜBER ALS MANUSKRIPT<br />
-GEDRUCKT. ALLE RECHTE VORBEHALTEN, BESONDERS DIE DER<br />
-ÜBERSETZUNG. DAS AUFFÜHRUNGSRECHT IST VON S. FISCHER,<br />
-VERLAG ZU ERWERBEN. COPYRIGHT 1917 S. FISCHER, VERLAG.<br />
-</p>
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">PERSONEN</h2>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="1" cellspacing="0" summary="Personen">
-<tr><td align="left">Milliardär</td></tr>
-<tr><td align="left">Sohn</td></tr>
-<tr><td align="left">Tochter</td></tr>
-<tr><td align="left">Sekretär</td></tr>
-<tr><td align="left">Museumsdirektor</td></tr>
-<tr><td align="left">Arzt</td></tr>
-<tr><td align="left">Kapitän</td></tr>
-<tr><td align="left">Sängerin</td></tr>
-<tr><td align="left">der Herr in grau</td></tr>
-<tr><td align="left">der Mann in blau</td></tr>
-<tr><td align="left">die Dame in schwarz</td></tr>
-<tr><td align="left">die Tochter in schwarz</td></tr>
-<tr><td align="left">das Fräulein in Taffet</td></tr>
-<tr><td align="left">der erste</td><td rowspan="2"><big>}</big></td><td rowspan="2">Richter</td></tr>
-<tr><td align="left">der zweite</td></tr>
-<tr><td align="left">der Geistliche</td></tr>
-<tr><td align="left">die beiden Diener</td></tr>
-<tr><td align="left">der Schreiber</td></tr>
-<tr><td align="left">die beiden Wärter</td></tr>
-<tr><td align="left">der gelbe Heizer</td></tr>
-<tr><td align="left">der farbige Diener</td></tr>
-<tr><td align="left">Matrosen</td></tr>
-</table></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>ERSTER AKT</h2>
-
-
-<p class="directive">Ein ovaler Raum: »das heiße Herz der Erde«. In sehr heller
-Wandtäfelung liegen die Türen unsichtbar: zwei hinten, eine
-links. Nur zwei runde Sessel aus weißem Elefantenleder
-stehen mitten in großem Abstand gegenüber; der rechte mit
-einem Signalapparat an der äußeren Wange.</p>
-
-<p class="directive">In diesem Sessel sitzt der Sekretär: das Profil ist auf eine unbestimmte
-Art von scheuer Energie. Straffes rötliches Haar
-steigt in schmalem Streifen bis gegen das Kinn nieder. Der
-Körper im Anzug von gröbstem Stoff ist klein; doch holt er aus
-irgendeiner fortwährenden angreiferischen Bereitschaft, die mit
-Anstrengung gebändigt wird, Wucht und Bedeutung.</p>
-
-<p class="directive">Im andern Sessel das Fräulein in Taffet.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Würden Sie nun &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p>O ich verstehe Sie: &mdash; mich kurz fassen. Ich bin nicht
-die einzige, die angehört sein will. Im Vorzimmer
-drängen sich die Menschen &mdash; und vielleicht sind ihre
-Wünsche berechtigter. Wer will das wissen? Es gibt
-Elend an allen Ecken der Erde. Ob meine Ecke, an
-die das Schicksal mich zu stellen für passend befunden
-hat, eine besonders windige ist &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Um das zu beurteilen, muß ich Ihr Schicksal kennen.</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p>Die Hölle, mein Herr! &mdash; Jawohl, die Hölle. Ich verwende
-keinen extremen Ausdruck. Das ist meine Art
-nicht. Oder kann man das besser bezeichnen, wenn &mdash;
-&mdash; Man ist Mensch &mdash; man hat eine Mutter &mdash; an
-Gott glaubt man &mdash; &mdash; Nein, mein Herr, diese Fähigkeit
-ist mir nicht abhanden gekommen &mdash; im Großen
-und Ganzen nicht! &mdash; &mdash; und &mdash; ich kann es nicht laut
-sagen &mdash;: kaufe mir mein Brot mit meinem Leib!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Suchen Sie Aufnahme in ein Asyl?</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p>Wo Blumenstöcke hinter den Fenstern leuchten &mdash;!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">zieht einen Schreibblock aus der Tasche und schreibt.</p>
-
-<p>Sie haben zwei Jahre Zeit, um über die Grundlage
-einer neuen Existenz nachzudenken.</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p>Zwei &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">gibt ihr das Papier.</p>
-
-<p>Jedes Magdalenenheim steht Ihnen heute offen.</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p class="directive">zugleich seine Hand fassend und küssend &mdash; hysterisch.</p>
-
-<p>Ich hatte meinen Kinderglauben nicht verkauft &mdash; Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-war mir nicht feil &mdash; nun sucht er mich mit seinem
-Boten &mdash; meines Gottes Bote &mdash; ich grüße Sie &mdash;
-kniend nehmen Sie meinen glühenden Dank. Mehr &mdash;
-mehr, Gott selbst geht wieder unter uns &mdash; wir sind
-alle gerettet &mdash; halleluja amen!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">drückt auf das Signalbrett.</p>
-
-<p>Sofort kommen von links zwei Diener &mdash; herkulische Figuren &mdash;
-in gelber Livree. Sie heben das Fräulein in Taffet auf und
-führen es nach der Tür zurück.</p>
-
-<p class="actor">DAS FRÄULEIN IN TAFFET</p>
-
-<p class="directive">ekstatisch.</p>
-
-<p>In ein Magdalenenheim &mdash; ich werde ein neuer
-Mensch &mdash; ein neuer Mensch &mdash; &mdash;! <span class="directive">Die drei ab</span>.</p>
-
-<p class="directive">Der Mann in blau wird von den Dienern eingelassen und in
-den Sessel geführt. Diener ab.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Würden Sie &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p class="directive">mit stoßender Sprechweise.</p>
-
-<p>Die Brust &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Suchen Sie Aufnahme in eine Heilanstalt?</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p class="directive">den Kopf in die Hände vergrabend.</p>
-
-<p>Weggeschickt bin ich, nachdem ich mich von Kräften
-gearbeitet habe! &mdash; Bin ich ein alter Mann? Ich stehe
-in den besten Jahren &mdash; und sehe wie ein Greis aus.<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-Der Anzug schlottert um mich, den ich einmal ausfüllte
-bis in die Nähte. Das System hat mich ruiniert &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Sie sind Arbeiter?</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p>Jeden ruiniert das System &mdash; die unmenschliche Ausnützung
-der Leistungsfähigkeit. Der Andrang ist ja
-groß genug &mdash; darum muß man schnell verbraucht
-werden, um Platz zu schaffen.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Sie finden keine Beschäftigung in Fabriken?</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p>Schon am Fabriktor werde ich abgewiesen. Seit zwei
-Wochen irre ich in den Straßen herum und habe das
-Letzte aufgezehrt, was ich hatte. Jetzt &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Wir haben Landkolonien.</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p>Die haben wir &mdash; ja. Die liegen drin im Land. Ich
-kann nicht so weit wandern.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Die Kolonien sind mit der Bahn zu erreichen.</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p>Ich &mdash; habe das Fahrgeld nicht!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">zieht den Schreibblock und schreibt. Ihm das Blatt gebend.</p>
-
-<p>Zeigen Sie draußen die Anweisung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p class="directive">liest &mdash; sieht auf.</p>
-
-<p>Das ist mehr &mdash; als das Fahrgeld! <span class="directive">Stammelnd.</span> Ich habe
-Frau und Kinder &mdash; &mdash; ich kann sie mit mir nehmen &mdash;
-&mdash; ich wollte sie verlassen!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">drückt auf das Signalbrett.</p>
-
-<p class="directive">Die beiden Diener kommen.</p>
-
-<p class="actor">DER MANN IN BLAU</p>
-
-<p class="directive">schon nach links laufend.</p>
-
-<p>Meine Frau &mdash; &mdash; meine Kinder! <span class="directive">Ab.</span></p>
-
-<p class="directive">Die Diener schließen hinter ihm die Tür &mdash; öffnen und lassen
-die Dame in schwarz mit der Tochter ein. Die Tochter trägt
-einen Violinkasten.</p>
-
-<p class="actor">DIE DAME IN SCHWARZ</p>
-
-<p class="directive">zu den Dienern.</p>
-
-<p>Danke &mdash; ich stehe.</p>
-
-<p class="directive">Die Diener ab.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">steht auf.</p>
-
-<p>Würden Sie &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DIE DAME IN SCHWARZ</p>
-
-<p class="directive">ruhig.</p>
-
-<p>Ich entschloß mich zu diesem Gang als Mutter meiner
-Tochter. Vor einigen Monaten verlor ich meinen
-Mann. Er hinterließ mir so gut wie nichts. Es ist mir
-gelungen, eine Stellung zu finden, die mich ernährt.
-Allerdings würde ich niemals hinreichend verdienen,<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-um für die Ausbildung meiner Tochter zu sorgen. Ich
-habe Grund zu der Annahme, daß das Talent meiner
-Tochter ihr eine Zukunft sichert. Ich habe davon abgesehen
-mir Atteste und Gutachten zu verschaffen.
-Das beste Zeugnis ihrer Befähigung ist ihr Spiel. Darf
-sie spielen?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ich denke, daß es auch Ihrer Tochter noch größeres
-Vergnügen nach vollendeter Ausbildung bereitet.</p>
-
-<p class="actor">DIE DAME IN SCHWARZ</p>
-
-<p>Darf ich aus diesen Worten &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">schreibt.</p>
-
-<p class="actor">DIE DAME IN SCHWARZ</p>
-
-<p class="directive">zur Tochter.</p>
-
-<p>Küsse die Hand.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">gibt der Dame in schwarz das Blatt.</p>
-
-<p>Erheben Sie das monatlich bis zum Schluß des Studiums.</p>
-
-<p class="actor">DIE DAME IN SCHWARZ</p>
-
-<p class="directive">ohne zu lesen.</p>
-
-<p>Dank wird Ihnen lästig sein, Sie hören ihn zu oft.
-Die Menschen müssen Ihnen erbärmlich erscheinen, Sie
-machen zuviele glücklich. Uns bleibt nur das Staunen
-vor dem Wunder: daß es jemanden gibt, der sich
-nicht vor uns verschließt, wenn wir mit unserm Kummer
-zu ihm kommen. Uns alle anzuhören, das ist größerer<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-Mut &mdash; als die Erfüllung unserer Bitten schon unsagbare
-Güte ist!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">drückt auf das Signalbrett.</p>
-
-<p class="directive">Die Diener kommen und führen die Dame in schwarz mit der
-Tochter weg.</p>
-
-<p class="directive">Auf dem Signalbrett schnarrt eine Schelle.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">drückt sofort nochmals auf einen anderen Taster.</p>
-
-<p class="directive">Nur ein Diener von links.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">zu ihm.</p>
-
-<p>Warten!</p>
-
-<p class="directive">Der Diener ab.</p>
-
-<p class="directive">Aus der Tür rechts hinten, die eine dichte Innenpolsterung zeigt,
-tritt rasch der Milliardär ein. Jene früher gegebene ausführliche
-Beschreibung des Sekretärs zielte nach dem Milliardär: der
-Sekretär ist bis auf die geringste Einzelheit nur sein Widerspiel.
-Noch in Sprache und Geste ist die Übereinstimmung vollkommen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die Bordliste der »Meeresfreiheit«. Nach der Ausfahrt
-gestern aufgenommen und heute morgen mit
-Funkspruch hier gemeldet. Mein Sohn ist nicht unter
-den Passagieren genannt.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">liest das Blatt.</p>
-
-<p>Nur sein Begleiter.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die Liste ist unvollständig!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Die Bordmeldungen pflegen genau zu stimmen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wo ist mein Sohn, wenn sein Begleiter auf dem Dampfer
-ist? Er muß mit der »Meeresfreiheit« reisen. Ich
-habe es gewünscht. Die Zeitungen hatten die Namen
-der Passagiere, die die erste Klasse belegt haben, gebracht,
-meinen Sohn an erster Stelle!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ich glaube nicht an einen Irrtum.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Er muß an Bord sein. Es gibt nur dies Schiff, auf
-dem er reisen kann. Es war mein ausdrücklicher Auftrag,
-den ich dem Begleiter schickte, diesen schnellsten
-und schönsten Dampfer zu benutzen! Die Meldung
-ist fehlerhaft. Setzen Sie sich mit dem Schiffahrtskontor
-in Verbindung. Fragen Sie an, wo der Fehler gemacht
-ist. Ob an Bord &mdash; oder bei der Herstellung der Liste!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">zögert.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Warten Sie am Telephon auf die Antwort.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Es wird mich aufhalten &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Worin?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Es ist heute der »offene Donnerstag« &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nachdenkend.</p>
-
-<p>Der »offene Donnerstag« &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">wartet.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">kurz.</p>
-
-<p>Fragen Sie an. Ich werde solange hier sein.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">gibt ihm noch den Schreibblock.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Machen Sie die Auskunft dringend und kommen Sie
-gleich mit dem Bescheid.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">durch die Tür links hinten ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">setzt sich in den Sessel, drückt auf das Signalbrett.</p>
-
-<p class="directive">Die Diener lassen den Herrn in grau ein: von mächtigem Wuchs,
-in weitem hellgrauen Anzug, dessen Taschen mit Zeitungen und
-Broschüren vollgestopft sind. Runder roter Kopf, das Haar weggeschoren.
-Sandalen.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">nach den Dienern, die ihn in den Sessel weiterführen wollen,
-mit der Reisemütze schlagend.</p>
-
-<p>Langsam. Pause. Atem holen. <span class="directive">Da die Diener warten.</span><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-Sorgen Sie draußen für Ruhe &mdash; ich nehme mir hier
-Zeit. <span class="directive">Gegen den Milliardär.</span> Sie wird mir bewilligt werden.
-Mit drei Worten halte ich Ihre Aufmerksamkeit gebannt.
-<span class="directive">Zu den Dienern.</span> Ich bin kein Raubtier.</p>
-
-<p class="directive">Die Diener auf einen bezeichnenden Wink des Milliardärs ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Würden Sie &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">sich umblickend.</p>
-
-<p>Also dies ist der gelobte Raum &mdash; die Quelle des großen
-Mitleids &mdash; das Heiligtum, von dem Liebe und Hilfe
-ausgehen &mdash; <span class="directive">Mit beschreibender Gebärde.</span> Geschwungenes
-Rund &mdash; bedeutsame Form &mdash; »das heiße Herz der
-Erde«!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Äußern Sie jetzt &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Eindrucksvoll die Kahlheit: zwei Sessel &mdash; und Platz
-für Klagen und Jammerworte. Wunderlich, daß die
-Täfelung nicht nachgedunkelt ist von den Notschreien,
-die gegen sie anprallen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">tastet nach dem Signalbrett.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">bemerkt es.</p>
-
-<p>Schellen Sie nicht nach den Dienern. Ich weiß es:
-dieser »offene Donnerstag« ist kostbar für alle, die<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-warten. Jede vergeudete Minute besiegelt ein Menschenschicksal.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wobei suchen Sie meine Hilfe?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ich &mdash; <span class="directive">Sich weit vorlehnend.</span> &mdash; will Ihnen helfen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">greift unwillkürlich nach dem Taster.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Kein Signal. Ich bin gesund &mdash; und was ich sage, ist
-lange überlegt. Ich habe den Stoff studiert &mdash; verarbeitet
-&mdash; und bin zu Ergebnissen gekommen &mdash; zu
-einer Lösung von lächerlicher Einfachheit. Der ganze
-Streit &mdash; dieser gigantische Kampf, der mit einem ungeheuren
-Aufwand von Mitteln und Gegenmitteln
-geführt wird &mdash; fällt hin &mdash; verrinnt &mdash; ist weg!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was für ein Streit?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Der einzige, der dauernd tobt: zwischen arm und reich!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Den &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>&mdash; will ich schlichten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn mit aufblitzendem Interesse forschend an.</p>
-
-<p>Warum kommen Sie zu mir?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Es hat Sie überrascht. Aber ich mußte Sie im ersten
-Augenblick fesseln. Sonst ging die Gelegenheit verloren.
-Ein zweites Mal hätten mich Ihre Diener nicht
-vorgelassen. Mit den beiden ist nicht zu spaßen.
-<span class="directive">Zeitungen und Zeitschriften aus den Taschen wühlend.</span> Jetzt
-will ich das, was ich vorhin auf den kürzesten Ausdruck
-gebracht hatte, entwickeln. Das ist das Material, das
-die erschöpfende Feststellung verschafft. Sozialistische
-Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren &mdash; das ganze Arsenal
-des kämpfenden Proletariats. Aufrufe &mdash; Anpreisungen
-von Mitteln, die den Erfolg verheißen &mdash;
-Tarife &mdash; Tabellen &mdash; Statistik: eine Sintflut von Literatur.
-Literatur &mdash; weiter nichts. Es bringt keinen
-Schritt weiter &mdash; die Kluft klafft nur immer breiter,
-denn auf die Feindschaft bis aufs Messer ist es aufgebaut.
-<span class="directive">Alles wieder in die Taschen schiebend.</span> Schade um
-die Mühe. Zwecklose Wanderungen in Sackgassen.
-So wird das nichts. Verstehen Sie es?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich verstehe Sie nicht.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Was tun Sie hier? Sie schenken mit beiden Händen.
-Wer bittet, wird befriedigt. Im großen und im kleinen.
-Ihr Milliardenreichtum gestattet es. Sie machen diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-»offenen Donnerstag«. Jeder kommt und empfängt.
-Das Elend kriecht über diese Schwelle und tanzt als
-Glück hinaus. Dieser ovale Raum wird im Mund der
-Bedrückten zum Paradies: hier pocht das Herz der
-Erde &mdash; heiß und erbarmend. Keine Minute stockt
-der Pulsschlag &mdash; er spendet und spendet. Warum
-tun Sie das?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mein Milliardenreichtum &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Nein!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sondern?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ihr Reichtum ekelt Sie an!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hebt eine Hand auf.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Nicht, daß es Ihnen so bewußt wäre &mdash; aber es gibt
-für mich keine andere Erklärung. Nehmen Sie sie von
-mir an. Ich habe das nicht von gestern auf heute
-gefunden. Ich bin in allen Sackgassen mühselig gelaufen
-&mdash; bis ich hier die offene Straße entdeckte, die
-allein zum Ziel führt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was für ein Ziel ist das?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Das Ende des Kampfes zwischen reich und arm. Was
-keine Partei &mdash; keine Parole zuwegebringt, das machen
-Sie mit einem Federstrich wirklich. Alles andere wird
-dadurch überflüssig: Ihr »offener Donnerstag« &mdash; »das
-heiße Herz der Erde« &mdash; die Versammlung des Elends
-im Vorzimmer. Es bleiben ja doch nur Tropfen, die
-Sie in das Meer von Jammer schütten. Aber mit diesem
-Federstrich künden Sie den ewigen Frieden an. Unterschreiben
-Sie diese Erklärung!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nimmt das Papier nicht.</p>
-
-<p>Was soll ich erklären?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Daß Sie die Bereicherung des Einzelnen für die unerhörteste
-Schmach ansehen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Daß ich &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie müssen es sagen. Sie &mdash; der Milliardär der Milliardäre.
-In Ihrem Munde erhält es Gewicht. Das beleuchtet
-blitzklar das Schlachtfeld, auf dem sich die
-Parteien bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen.
-Das ist die weiße Parlamentärflagge, die hochgeht.
-Verhandlung &mdash; Verständigung. Der Kampf wird überflüssig,
-der Kriegsgrund ist beseitigt: Sie wollten nicht
-reich sein &mdash; Sie sind nur durch die Umstände ge<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>zwungen,
-reich zu werden. Jetzt kann man über die
-Abänderung dieser Zustände beraten &mdash; man findet
-die Lösung, weil man sie brüderlich sucht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich bin schwerlich &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie allein sind es! &mdash; Sie wollen schenken weil Sie
-müssen. Etwas in Ihnen zwingt Sie dazu. Jetzt tun
-Sie es im kleinen &mdash; nun kennen Sie das größere: jetzt
-werden Sie mit Freuden unterschreiben!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht auf.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie werden doch nicht die Diener rufen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich &mdash; <span class="directive">Er steht nachdenkend hinter dem Sessel.</span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ich wußte es doch!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>&mdash; will Ihnen eine Erklärung geben.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ihre Unterschrift!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">wehrt wieder ab.</p>
-
-<p>Und Sie sollen mir sagen, ob ich unterschreiben kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie müssen es ja!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">kommt in den Sessel zurück.</p>
-
-<p>Da Sie ja so etwas wie die Weltordnung umstürzen
-wollen, muß ich meine Weltordnung vor Ihnen aufzubauen
-suchen. Kennen Sie meine Anfänge?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Aus eigener Kraft!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Aus eigener Schwäche!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn verdutzt an.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Oder sagen wir: Furcht &mdash; Angst. Schwäche und Furcht
-bedingen sich ja. Aber Sie werden es mit zwei, drei
-Worten nicht verstehen können. Mein Werdegang &mdash;
-so sagt man ja wohl &mdash; ist bereits in die Schulbücher
-übergegangen. Ich wiederhole also nur eine bekannte
-Erzählung. Ich gebe dieselben Daten &mdash; nur sind meine
-Deutungen anderer Natur. Mein Vater war Arbeiter
-in demselben Werk, das mir jetzt gehört. Ob er einen
-Kessel geheizt hat oder Lastträger war, weiß ich nicht.
-Viel Geld hat er wohl nicht verdient, denn wir existierten
-erbärmlich. An einem Montag &mdash; am Lohntag
-&mdash; kam er nicht nachhause. Er war gekündigt,
-weil er verbraucht war &mdash; und hatte sich mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-letzten Geld auf den Weg gemacht. Uns hätte er ja
-nicht mehr ernähren können. An diesem Abend nahm
-sich meine Mutter das Leben. Ich hörte irgendwo im
-Hause einen Schrei &mdash; ich lief nicht hin &mdash; ich wußte
-alles &mdash; ich war acht Jahre alt. In dieser Minute
-pflanzte sich mir das Entsetzen ein. Es stand vor mir
-wie eine graue Wand, über die ich hinweg mußte, um
-vor dem Furchtbaren zu fliehen. Das Furchtbare, das
-aus dem Ausbleiben des Vaters mit der Löhnung und
-dem Schrei der Mutter zusammenfloß, das brachte mich
-auf den Weg &mdash; das trieb mich zur Flucht. Es stand
-hinter mir, wenn ich arbeitete &mdash; ich fand Arbeit beim
-Werk! &mdash; Es ließ mich keine Sekunde los &mdash; ich floh
-und floh &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und fliehe, weil es heute noch
-irgendwo hinter mir dasteht!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie haben sich verblüffend schnell hinaufgearbeitet.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Rastloser Fleiß &mdash; rastlose Flucht. Mehr nicht. Immer
-weiter mußte ich, um den Abstand zwischen den
-Furchtbaren und mir zu verlängern. Es gab keine
-Gnade, das hatte ich gesehen. Es hetzte mich vorwärts.
-Die Angst, die mir in den Gliedern fror, machte
-mich erfinderisch. Da stehen Maschinen, die haben
-meinen Vater ausgesaugt &mdash; die haben meine Mutter
-an den Türhaken geschnürt &mdash; die werden mich zermalmen,
-wenn ich sie nicht unter mich zwinge. Das
-Werk &mdash; mit seinen Maschinen &mdash; mit seinen Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-zwischen mich und das Furchtbare gestellt &mdash; das hat
-mir die erste Ruhe gegeben!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">fährt sich über die Stirn.</p>
-
-<p>Was wollen Sie denn damit &mdash; &mdash; Ein Erlebnis, wie
-hundertmal täglich es vorkommt &mdash; der Vater verschwindet
-&mdash; die Mutter &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mich schlug es nieder, weil ich besonders schwächlich
-war. Ich mußte es sein, sonst hätte ich besser standgehalten.
-Aber ich lief davon, was ich laufen konnte.
-Sagt Ihnen das genug?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">verwirrt.</p>
-
-<p>Ich sträube mich &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Gegen den Schwächling vor Ihnen?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie müssen ja erbarmungslos gegen Ihre Mitmenschen
-sein!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wer flieht, will nicht sehen, über wen er tritt!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn an &mdash; froh.</p>
-
-<p>Und widerlegen sich selbst: &mdash; »das heiße Herz der
-Erde«!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ja &mdash; ich will von dem Elend nichts hören, das mich
-an das Furchtbare zu stark erinnern kann. Deshalb
-habe ich einen Tag im Monat bestimmt: den »offenen
-Donnerstag«. So weiß ich, wann ich mich zu verstecken
-habe.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie sitzen doch selbst hier und hören alles an!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Irrtum &mdash;: mein Sekretär sitzt hier.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">nach einer Pause &mdash; scharf.</p>
-
-<p>Ist das Ihre Weltordnung?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nicht meine &mdash; es ist <em class="gesperrt">die</em> Weltordnung.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Die Klassen sind kürzer oder weiter vorgekommene
-Flüchtlinge?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Alle sind auf der Flucht.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und die am raschesten Fliehenden &mdash; die &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die verstörtesten Feiglinge &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Triumphieren!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wie meinesgleichen!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">stöhnt. Dann ironisch.</p>
-
-<p>So muß ich erst auf eine Menschheit hoffen, die keine
-Feiglinge mehr unter sich zählt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es werden immer wieder Menschen geboren, die sich
-tiefer erschrecken. Es kommt auf den Anlaß nicht
-mehr an. Es ist immer der Hebel gewesen, der sich
-selbst ansetzte. Fortschritt &mdash; es gilt nicht: wohin &mdash;
-sondern: fort wovon! &mdash; &mdash; Wird Ihnen jetzt mehr
-verdächtig? Ich spreche Ihre Vermutungen unumwunden
-aus. Mir sind diese Gedankengänge ja geläufiger.
-Woher stammen die Großen, die eine Welt erobern?
-Aus dem Dunkel steigen sie herauf, weil sie aus dem
-Dunkel kommen. Dort erlebten sie das Furchtbare &mdash;
-auf diese oder jene Weise. Schaurige Meteore sind sie,
-die grell aufflammen &mdash; und fallen!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">spöttisch.</p>
-
-<p>Und wann &mdash; fallen Sie?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt lächelnd den Kopf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Wie haben Sie sich gegen das Meteorschicksal versichert?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe einen Sohn.</p>
-
-<p class="directive">Der Sekretär kommt zurück.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">aus dem Sessel &mdash; dem Sekretär entgegen.</p>
-
-<p>Ist jetzt der Irrtum berichtigt?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Das Verzeichnis war vollständig.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ohne meinen Sohn?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Er befindet sich nicht auf der »Meeresfreiheit«.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Aber sein Begleiter reist doch mit der »Meeresfreiheit«!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Er muß sich von ihm getrennt haben.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Der keinen Schritt von seiner Seite weichen durfte?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">schweigt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich will Aufklärung. Ich weiß ja in dieser Stunde nicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-wo mein Sohn ist! &mdash; Setzen Sie sich mit seinem Begleiter
-durch Funkspruch in Verbindung. Er soll berichten
-was vorgefallen ist. Es muß doch etwas vorgefallen
-sein. Ich begreife nicht, wie er ohne meinen
-Sohn reisen konnte!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ihr Sohn ist jung &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">lächelnd.</p>
-
-<p>Zarte Fesseln, die ihn &mdash;? Wir werden den Grund
-bald kennen.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">wieder ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">in den Sessel zurückkehrend.</p>
-
-<p>Habe ich Sie vorhin so stark erschüttert?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">war beim Eintritt des Sekretärs aufgesprungen. Er starrt noch
-nach der Tür, durch die der Sekretär weggegangen ist. Dann
-wendet er sich zum Milliardär.</p>
-
-<p>Bin ich doppelsichtig? Sitzen Sie hier? Sind Sie nicht
-eben da aus der Tür? Haben Sie mit sich selbst gesprochen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nein, ich habe mit meinem Sekretär verhandelt.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Der Sekretär &mdash;! Sind Sie Brüder? Aber es wäre
-auch das &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sie sehen, es ist möglich.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">sich in den Sessel fallen lassend.</p>
-
-<p>Grauenhaft!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ein Scherz, den sich die Natur vielfach leistet. Sie
-werden für jeden Menschen eine Wiederholung finden.
-Wenn Sie suchen, heißt es. Ich habe suchen lassen und
-und ich gebe zu, daß ich vom Glück begünstigt wurde.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Vom Glück &mdash;?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es verschafft mir große Annehmlichkeiten. Ich kann
-da und dort sein, ohne mich selbst zu bemühen. Und
-auch an diesem »offenen Donnerstag« bin ich mit meiner
-gutbekannten Gestalt hier &mdash; und angle vielleicht zu
-meiner Erholung an einem entfernten Gewässer.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Wissen Sie denn selbst noch, wer Sie sind?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich denke doch.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und sonst nimmt jeder den Sekretär für Sie?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Bis auf die beiden Diener, die über meine persönliche
-Sicherheit wachen.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Kein Mensch könnte den Unterschied entdecken?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Deshalb ist auch ein kleines unauffälliges Abzeichen
-angebracht. Eine Koralle, die der Sekretär an seiner
-Uhrkette trägt. Wer die Koralle hat, ist der Sekretär.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und nur die Diener wissen es?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es sind Detektivs.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und wenn ich Ihr Geheimnis verrate?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wer wird Ihnen glauben? Ein Märchen mehr über
-mich.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">schüttelt heftig den Kopf.</p>
-
-<p>Sie haben die Koralle nicht an der Kette &mdash; oder, ich
-habe nicht darauf geachtet, trugen Sie vorhin &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nein, ich habe Ihnen von Anfang an Rede gestanden.
-Und wenn Sie noch den Schluß hören wollen &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">lachend.</p>
-
-<p>Das Ende Ihrer Flucht Hals über Kopf vor dem Furchtbaren!
-Oder gibt es keins?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>In meinem Sohn. Ich habe auch eine Tochter, aber
-zum Sohn hat man die tiefere Beziehung. Haben Sie
-Kinder? Nein. Dann müssen Sie mir schon glauben.
-Im Sohn findet man seine Fortsetzung &mdash; während er
-selbst ein Anfang ist. Das ist ein Gesetz, das im Blut
-liegt. Ich weiß mit stärkster Gewißheit, daß es besteht!
-&mdash; Es wünscht doch jeder Vater: mein Sohn soll
-es einmal besser haben. Das ist so der landläufige
-Ausdruck.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Er soll das Furchtbare, wie Sie es nennen, nicht kennen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Soll ich noch mehr sagen? Das ist ja alles so verständlich.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und Sie haben ihn bewahrt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich lasse ihn ein helles Leben leben. Er hat keine
-Berührung mit dem, was in Ihren Broschüren schreit
-und jammert. Ich habe ihn abseits geführt.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Wo halten Sie ihn versteckt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich halte ihn nicht verborgen. Die Erde hat so viele
-sonnige Küsten!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Wo man das Furchtbare verträumt!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wo man sich eine glücklichere Vergangenheit schafft.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Von der Flucht in seligem Frieden rastet!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Im Paradies!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie haben den äußeren Doppelgänger gefunden &mdash; den
-Sekretär.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Erregt es Sie noch?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Nein, es ist Methode darin.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Inwiefern?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Jetzt formen Sie sich noch den inneren Doppelgänger &mdash;
-Ihren Sohn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vielleicht ist es meine Leidenschaft mich auszutauschen.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Wenn man so triftige Gründe hat.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So furchtsam ist.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Und so mächtig!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen Sie mir jetzt noch helfen? Mit Ihrer Erklärung,
-die ich unterschreiben soll?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">stößt seine Zeitungen usw. noch tiefer in die Taschen, atmend.</p>
-
-<p>Sie haben mich verwirrt gemacht. Die Luft ist hier
-dick. Es preßt einem den Schweiß durch die Poren.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Überdenken Sie es in Ruhe.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Es ist zu toll: das »heiße Herz der Erde« &mdash; &mdash; der
-»offene Donnerstag« &mdash; &mdash; &mdash; Die Konsequenzen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Welche Konsequenzen?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Das Chaos tut sich auf!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es ist aufgetan &mdash; darum rette sich auf einen festen
-Fleck, wer kann.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">fast schreiend.</p>
-
-<p>Sie retten sich nicht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe einen Sohn.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Lassen Sie mich weg. Schellen Sie nach Ihren Dienern.
-Ich sehe die Tür nicht. Schellen Sie doch!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">drückt den Taster.</p>
-
-<p class="directive">Die beiden Diener kommen.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">mit drohender Gebärde nach dem Milliardär.</p>
-
-<p>Sie haben meine Welt zertrümmert &mdash; noch unter dem
-Schutt begraben verfluche ich Sie &mdash; &mdash; verfluche ich
-Sie! <span class="directive">Die Diener packen ihn hart an und führen ihn hinaus.</span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">tritt wieder ein.</p>
-
-<p>Ein Funkspruch von Ihrem Sohn.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vom Kontinent?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Nein &mdash; von Bord.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Reist er &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">liest.</p>
-
-<p>Soeben abgefahren &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Doch mit der »Meeresfreiheit«?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Verkehrt denn ein Schwesterschiff, das Luxuskabinen
-wie die »Meeresfreiheit« hat?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">liest weiter.</p>
-
-<p>Auf dem »Albatros«.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>»Albatros«? &mdash; Was ist das für ein Schiff?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ein &mdash; Kohlendampfer.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ein &mdash; &mdash; Kohlendampfer &mdash; &mdash;? Gibt er eine Erklärung?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">zögert &mdash; reicht ihm das Telegramm.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">liest zu Ende.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Als Heizer! &mdash; &mdash; <span class="directive">Gegen den Sessel taumelnd.</span> Was
-bedeutet das: mein Sohn &mdash; &mdash; auf einem Kohlendampfer
-&mdash; &mdash; Heizer?!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>ZWEITER AKT</h2>
-
-
-<p class="directive">Unter dem Sonnensegel auf der Milliardärsjacht. Hinten ein
-Stück der Reeling. Heißflimmernde Meeresstille.</p>
-
-<p class="directive">In weißlackierten Rohrsesseln: Milliardär, die Tochter, der Museumsdirektor,
-der Arzt, der Kapitän &mdash; alle in weiß. Ein
-Neger stellt Eisgetränke hin.</p>
-
-<p class="directive">Die Stimme der Sängerin in einiger Entfernung.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p class="directive">den letzten Ton der Arie aushaltend und dämpfend kommt
-hinten und richtet ihren Kodak auf die Gruppe. Aufhörend
-und zugleich knipsend.</p>
-
-<p>Danke. <span class="directive">Die anderen sehen nun erstaunt auf.</span> Für Reklamezwecke.
-Auf hoher See &mdash; an Bord der glänzendsten
-Jacht der Welt &mdash; und dies Publikum: das mußte ich
-auf die Platte bringen. Sämtliche Opernhäuser der
-Erde überbieten sich mit Verträgen. <span class="directive">Sich in einen Sessel
-neben den Milliardär niederlassend.</span> Wenn <em class="gesperrt">Sie</em> mir hingerissen
-zugehört haben &mdash; oder täusche ich mich?
-Sagen Sie doch die Wahrheit. Das Bild habe ich ja
-im Apparat!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">etwas verlegen.</p>
-
-<p>Nein, nein, wirklich außerordentlich &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Die anderen klatschen Beifall.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p class="directive">photographiert schnell.</p>
-
-<p>Aufnahme zwei: der Applaus. <span class="directive">Dem Neger das Glas
-zurückgebend.</span> Heiße Limonade.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Das wollte ich Ihnen eben empfehlen.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Sehen Sie, Doktor, ich bin alles in einem: Sängerin,
-Impresario, Leibarzt.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Damit machen Sie zwei Menschen brotlos.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Ist das nicht überhaupt das Geheimnis des Aufstieges?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Sie haben gesunde Nerven!</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Die schlechtesten?</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Wollen Sie mir, als Arzt, das einmal näher erklären?</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Ich sehe Gespenster.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Was für Gespenster?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Gespenster!</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ja, ich habe noch keine gesehen.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Weil Sie keine erregbare Natur sind. Und Künstler
-sind erregbare Naturen &mdash; und da sehen sie Gespenster.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Also nur Künstler sehen Gespenster.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Wir können ja eine Umfrage veranstalten. Das ist ein
-unterhaltsames Spiel auf See. Der Reihe nach. <span class="directive">Zum
-Milliardär.</span> Sehen Sie Gespenster?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich glaube, wir haben nicht die Zeit mehr &mdash; <span class="directive">Zum
-Kapitän.</span> Müßte jetzt nicht der »Albatros« gesichtet sein,
-Kapitän?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p>Diese Dampfer halten keine gleichmäßige Fahrt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Bitte.</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Was für ein Schiff ist eigentlich dieser »Albatros«?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mein Sohn hat ihn entdeckt. Er muß besondere Vorzüge
-haben. Vielleicht die Jacht eines Freundes, den
-er sich auf seiner Reise erworben hat.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wir arrangieren mit dem »Albatros« eine Wettfahrt.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Fabelhaft aufregend. Soviel Films habe ich gar nicht.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wer verliert, wird gerammt.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Mit der Besatzung?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Fünf Minuten sind zum Einsteigen in die Motorbarkasse
-bewilligt. <span class="directive">Zum Milliardär.</span> Soll ich den Kapitän instruieren,
-daß er sich auf das Rennen vorbereitet?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Und wenn wir dem unbekannten »Albatros« unterliegen?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich bleibe auf der Brücke. Ich gebe die Befehle zur
-Maschine hinunter. Es wird Dampf aufgesetzt bis zum
-äußersten.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Bei dieser Temperatur.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Auf der Brücke pfeift der Luftzug, in dem wir jagen.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ich dachte an den Maschinenraum.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">aufstampfend.</p>
-
-<p>Ich kenne nur das Verdeck!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich glaube nicht, daß der »Albatros« schneller ist als
-wir. Damit verliert der Kampf seinen Reiz.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wenn mein Bruder mit ihm reist?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wir wollen es ihn entscheiden lassen, er kennt ja den
-»Albatros« und uns.</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">kommt zurück.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Gesichtet?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p>Noch nicht.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">zur Tochter.</p>
-
-<p>Du siehst, er läuft langsam. <span class="directive">Zu den anderen.</span> Vertreiben
-wir uns wieder die Zeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Also das Gespensterspiel.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">lebhaft zum Museumsdirektor.</p>
-
-<p>Hat der Tintoretto wirklich keine Qualitäten?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Große &mdash; größte.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sie lehnten meine Schenkung ab.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">nickt.</p>
-
-<p>Die Kreuztragung.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Stoßen Sie sich an dem Gegenstand?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Wenn ich ihn zum Prinzip erweitere &mdash; ja.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Dann werden Sie aus der Galerie ungefähr die ganze
-alte Kunst auszuschalten haben.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Dozieren Sie, Direktor, ich knipse auf dem Höhepunkt
-Ihres Vortrages Ihr Publikum.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>In diesem neuen Museum, das ich leiten soll, propagiere
-ich den Bruch mit jeder Vergangenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Und was bleibt übrig?</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Leere Wände.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Leere Wände, für deren Bedeckung ich so gut wie
-nichts habe.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ein originelles Museum.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Tennishallen.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Es soll eine Verlockung zur neuen Leistung werden.
-Ein betonter Anfang. Das bedeutet durchaus keine
-abfällige Kritik des vorhergegangenen &mdash; die Anerkennung
-ist sogar maßlos. Wir sitzen alle noch in seinem
-Schatten. Das quält uns irgendwie. Wir müssen
-wieder in das volle Licht hinein &mdash; und abschütteln
-diese Kreuztragung. So stellt es sich mir dar. Wie
-eine Kreuztragung lastet das auf uns &mdash; diese Masse
-der Vergangenheit, von der wir nicht wegkommen
-ohne Gewalt und Verbrechen &mdash; wenn es sein muß!</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ist das möglich &mdash; ohne Selbstbetrug?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Das weiß ich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ich fürchte, die Kreuztragung ist unabwendbar.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Man muß die Zukunft fest wollen.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>In Ihrer Galerie mag es gelingen.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Weiter setze ich auch meine Ansprüche nicht.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Im Leben, denke ich, wird niemand über seinen Schatten
-springen können.</p>
-
-<p class="directive">Ein Matrose kommt und macht dem Kapitän Meldung. Ab.</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">steht auf; zum Milliardär.</p>
-
-<p>Der »Albatros« ist dicht auf von steuerbord.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">erregt.</p>
-
-<p>Schicken Sie das Motorboot hinüber! <span class="directive">Kapitän ab.</span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Da wird sich ja gleich zeigen, was an dem Märchenschiffe
-ist.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Der Matador.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Meine Neugierde ist auf das Höchste gespannt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich funke ihm die Aufforderung zum Rennen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hält sie zurück. Zu den anderen.</p>
-
-<p>Gehen Sie voran, wir folgen Ihnen nach.</p>
-
-<p class="directive">Sängerin, Museumsdirektor und Arzt ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe mit Dir etwas zu besprechen.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Jetzt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nur eine Frage, die ich an Dich richten will.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Was denn?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Würdest Du Dich entschließen &mdash; den Museumsdirektor
-zu heiraten?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Das &mdash; weiß ich nicht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich dränge auf Deine Entscheidung, weil &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich kenne ihn doch kaum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich selbst &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wie kannst Du mir dann zureden?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Als er vorhin sprach, machte er mir Eindruck, wie ich
-ihn noch nicht von einem Menschen hatte.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Er wies die Schenkung zurück. Hat Dir das imponiert?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Seine Anschauungen haben mir gefallen. Diese innere
-Unabhängigkeit, die er hat &mdash; daß es für ihn nur die
-Zukunft gibt &mdash; die die Vergangenheit auslöscht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich habe ihm nicht zugehört.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du würdest mir eine Freude &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Das macht meine Überlegung überflüssig!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt ihre Hände.</p>
-
-<p>Jetzt wollen wir Deinen Bruder erwarten. <span class="directive">Beide ab.</span></p>
-
-<p class="directive">Schiffsglocke und hohe Sirene. Matrosen öffnen hinten die Reeling
-und winden die Schiffstreppe hinab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Alle kommen zurück, sich über die Reeling beugend: Tücherschwenken
-und Hallorufe.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p class="directive">unter das Sonnensegel tretend.</p>
-
-<p>Das ist ja ein ganz schwerfälliger Kasten.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">ihm folgend.</p>
-
-<p>Er macht eben seinem Namen »Albatros« Ehre.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Haben Sie sonst noch Passagiere drüben entdecken
-können?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Das ist vielleicht der Reiz der Reise gewesen.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ich danke.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p class="directive">tritt zu ihnen, den Kodak im Rücken haltend.</p>
-
-<p>Diskretion &mdash; Familienszene!</p>
-
-<p class="directive">Sohn &mdash; in einem grauen Anzug &mdash; steigt die Schiffstreppe empor
-und wird von der Tochter stürmisch begrüßt. Kapitän steht
-salutierend.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ihr habt mir aufgelauert?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Seit zwei Tagen kreuzen wir auf dieser Stelle. Die
-Langweile war fabelhaft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich wollte Dich überraschen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Das ist Dir vollständig gelungen. Deine Gäste?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nur der engste Kreis.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">geht von einem zum anderen, begrüßt wortlos. Dann steht er
-bei einem Sessel.</p>
-
-<p class="directive">Es herrscht eine verlegene Stille.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">wirft sich in einen Sessel.</p>
-
-<p>Mir ist das zu feierlich.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">auf die Sessel einladend.</p>
-
-<p>Bitte.</p>
-
-<p class="directive">Alle setzen sich &mdash; Sohn folgt zögernd.</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">kommt und setzt sich.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">verwundert zu ihm.</p>
-
-<p>Fahren wir denn nicht?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe gedacht, daß wir noch drei, vier Tage auf
-See bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wenn es Dein Wunsch war &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Deinetwegen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Warum?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nach dieser Reise &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Der »Albatros« &mdash; ich habe ihn in der Aufregung
-nicht gesehen. Ist er große Klasse? Wieviel Meilen?</p>
-
-<p class="directive">Museumsdirektor und Arzt lachen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was gibt es denn mit dem »Albatros«?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wir wollten ihn nämlich herausfordern. War er ein
-scharfer Gegner?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Darüber lachen Sie. &mdash; Nein, Schwester, ein Gegner
-in diesem Sinne ist der »Albatros« nicht.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">erstaunt.</p>
-
-<p>Warum reist Du denn nicht auf der »Meeresfreiheit«?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">unruhig, ablenkend.</p>
-
-<p>Von Deinen Eindrücken in den großen Städten der
-Erde &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Haben Sie überall die Oper besucht?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wir können doch den Charakter des »Albatros« feststellen:
-er ist ein Kohlendampfer! &mdash; Kapitän, Sie
-müssen doch die Schiffe kennen, die verkehren?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p>Auf diesen »Albatros« hätte ich nicht geraten.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Weshalb nicht?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">lächelt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">an die anderen.</p>
-
-<p>Ist das so wunderbar? Fahren nicht andere Menschen
-auf solchen Schiffen?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p>Für Passagiere sind sie nicht eingerichtet.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Für die nicht &mdash; aber die Matrosen, Heizer sind doch
-Menschen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">nach einer Stille.</p>
-
-<p>Sie verstehen sich die Genüsse mit einigem Raffinement
-zu verschaffen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Welche Genüsse?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>In diesem Gegensatz von Kohlendampfer und dieser
-Jacht bietet sich erst die rechte Möglichkeit ihren Luxus
-zu genießen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Oder zu &mdash; &mdash; <span class="directive">Abbrechend und sich an den Milliardär wendend.</span>
-Hat Dir mein Begleiter berichtet?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe nicht mit ihm gesprochen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Er muß doch seit zwei Tagen angekommen sein?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Zwei Tage liege ich hier draußen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Bist Du mit ihm unzufrieden? Die Schuld trage ich.
-Er hat sich gewiß jede Mühe gegeben.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">ausweichend.</p>
-
-<p>Willst Du Dich jetzt nicht umkleiden?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Du trägst ja einen Straßenanzug.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Er schützt besser gegen Kohlenstaub, der wirbelte.
-Außerdem war er weniger auffällig &mdash; und klugerweise
-paßt man sich an.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So passe Dich uns an &mdash; und stecke Dich von Füßen
-bis zum Hals in weiß.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du mußt mir schon mein Vergnügen lassen.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p class="directive">mit dem Kodak.</p>
-
-<p>Sehr interessante Bildwirkung.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Weiter ist das für Sie nichts?</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Bei dieser überstiegenen Temperatur empfiehlt sich
-weiße Bekleidung aus gesundheitlichen Rücksichten.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Da hörst Du unsern besorgten Doktor.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">mit unterdrückter Schärfe.</p>
-
-<p>Würden Sie Ihrem ärztlichen Rat auch im Maschinenraum
-Geltung verschaffen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Schwerlich.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Weil Sie damit nicht durchdringen. Aus Gründen der
-Beschäftigung mit schwarzer Kohle.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Gewiß.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Also darf die Gesundheit dort unten leiden &mdash; und
-hier oben sich pflegen?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Sie haben wohl mehr auf Ihrer Reise gesehen, als Sie &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wenn man zum erstenmal unterwegs ist, sperrt man
-die Augen weiter auf.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Bist Du mit Fürsten zusammengetroffen?</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Erzählen Sie doch.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Täglich.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Hast Du Freundschaft geschlossen? Besucht Dich wer?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Auf meinem Kohlendampfer könnte ich Dir fünf, zehn
-vorstellen. Komm' das nächste Mal mit.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Wollen Sie nochmal &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Genüsse mir raffinieren?</p>
-
-<p class="directive">Ein Matrose kommt, meldet dem Kapitän. Der Kapitän geht
-zum Arzt und flüstert mit ihm. Die drei ab.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Fahren wir doch?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe nichts angeordnet.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Warum ging der Arzt mit dem Kapitän?</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Vielleicht ein Unfall unter der Mannschaft.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wollen Sie nicht eine Aufnahme machen?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wir könnten wirklich fahren, um Luft zu bekommen.
-Die Hitze drückt unerträglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und wir wohnen auf dem Verdeck!</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Ist es anderswo kühler?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nein &mdash; aber heißer.</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Gibt es das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Steigen Sie zu den Heizern hinunter!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Jetzt werde ich veranlassen, daß wir fahren!</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">ironisch.</p>
-
-<p>Schonen Sie doch die Heizer.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wissen Sie, was es heißt, vor den Feuern stehen?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Ich habe die Gelegenheit nicht gesucht.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und für eine Schilderung bringen Sie keine Interesse auf?</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Durch einen Fachmann anschaulich gemacht &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich bin Fachmann!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">zur Tochter.</p>
-
-<p>Sage doch dem Kapitän &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Volle Fahrt!</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p>Die Damen übernehmen das Kommando!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wir stellen einen neuen Rekord auf. Heute abend
-wird er an die Zeitungen gefunkt und die Welt platzt
-morgen vor Neid! <span class="directive">Mit der Sängerin ab.</span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Verhinderst Du nicht den Unfug?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die Jacht hat ihre volle Schnelligkeit noch nicht gezeigt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Dann bitte ich Dich mich vorher von Bord zu lassen.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p>Sie sind an Schnelligkeit seit dem Kohlendampfer nicht
-mehr gewöhnt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>An Leichtsinn!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du hast immer Gefallen an solchen Spielen gefunden.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich schäme mich, so spät zur Besinnung gekommen
-zu sein.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was heißt das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Daß ich &mdash; &mdash; <span class="directive">Nachdrücklich.</span> Ich kann diese Rekordfahrt
-nur vor den Kesseln mitmachen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">zum Museumsdirektor.</p>
-
-<p>Lassen Sie die Damen nicht auf der Brücke warten.</p>
-
-<p class="actor">MUSEUMSDIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">langsam.</p>
-
-<p>Bist Du wirklich auf jenem Dampfer als Heizer gefahren?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich war nicht ausdauernd genug &mdash; und mußte Passagier
-bleiben.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Hat es Dich gereizt &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Der Dampfer ist ja das Unwichtigste.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du hast Dich auf Deiner Reise über manches gewundert?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen.
-Das ganze Unrecht, das wir begehen, wurde mir offenbar.
-Wir Reichen &mdash; und die andern, die ersticken
-in Qualm und Qual &mdash; und Menschen sind, wie wir.
-Mit keinem Funken Recht dürfen wir das &mdash; weshalb
-tun wir es? Ich frage Dich, warum? Sage mir eine
-Antwort, die Dich und mich entschuldigt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">starrt ihn an.</p>
-
-<p>Das fragst Du?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich frage Dich &mdash; und höre nicht wieder auf zu fragen.
-Ich bin Dir heute wie noch nie in meinem Leben
-dankbar. Du hast mir diese Reise geschenkt &mdash; ohne
-die ich blind geblieben wäre.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du wirst wieder vergessen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was in mir ist &mdash; mich erfüllt durch und durch? Erst
-müßte ich mich selbst auslöschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was &mdash; ist in Dir?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Das Grauen vor diesem Leben mit seiner Peinigung
-und Unterdrückung.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Deine Reiseerlebnisse genügen nicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Genügen nicht?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du übertreibst flüchtige Erfahrungen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Im Blute brennen sie mir! Nach allem anderen das
-schlagendste Bild: Da am Kai liegt die »Meeresfreiheit«.
-Bewimpelt, Musik. Auf Deck spazieren die Passagiere
-in hellen Kleidern, schwatzen &mdash; sind lustig. Wenige
-Meter tiefer die Hölle. Da verbrennen Menschen
-zuckenden Leibes in heißen Schächten vor fauchenden
-Feuerlöchern. Damit wir eine schnelle und flotte Fahrt
-haben! &mdash; Ich hatte meinen Fuß schon auf die »Meeresfreiheit«
-gesetzt &mdash; aber ich mußte umkehren &mdash; und
-erst auf diesem »Albatros« schlug mein Gewissen ruhiger!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Und jetzt hast Du diese Erschütterungen überwunden?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Hier erhalten sie die äußerste Steigerung! Hier &mdash;
-auf Deiner Luxusjacht! Scham preßt mir das Blut
-unter die Stirn! In Sesseln liegen wir träge &mdash; und
-jammern über die Hitze, die von der Sonne kommt.
-Eiswasser schlürfen wir und sind von keinem Staube
-im Halse gereizt! &mdash; Hier unter den weichen Sohlen
-Deiner weißen Schuhe brodelt das Fieber. Halbe
-Dunkelheit herrscht! &mdash; Reiße diese Wand von Holzplanken
-auf &mdash; die so dünn ist und so grauenhaft
-trennt! &mdash; und sieh hinab &mdash; seht alle hinab &mdash; und
-erlebt es auch: daß euch das Wort im Munde stockt,
-mit dem ihr euch vor einem da unten brüsten wollt!</p>
-
-<p class="directive">Arzt schlendert herein.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">rasch zu ihm.</p>
-
-<p>Was hat es gegeben, Doktor?</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ein gelber Heizer ist zusammengebrochen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Tot?</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p class="directive">schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p>Hitzschlag.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wohin haben Sie ihn gebracht?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ich habe ihn vor den Luftschacht unten legen lassen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nicht auf das Verdeck geschafft?</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">kurz.</p>
-
-<p>Warten Sie hier. <span class="directive">Ab.</span></p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p class="directive">läßt sich in einen Sessel fallen &mdash; zum Neger.</p>
-
-<p>Eiswasser. <span class="directive">Zum Milliardär.</span> Ich finde, daß sich die Nerven
-außerordentlich bei diesem längeren Stilliegen auf See
-beruhigen. Ich möchte Ihnen das zweimonatlich je
-fünf Tage verordnen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht unbeweglich.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Ich verspreche mir gute Erfolge für Sie von dieser Diät.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">stumm.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p>Allerdings wird der besondere Reiz, Ihren Sohn zu
-erwarten, später fehlen, aber Ihre Tochter wird sich<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-erfinderisch in Überraschungen gemäßigterer Art zeigen.
-Ich werde mit ihr in diesem Sinne sprechen.</p>
-
-<p class="directive">Stimmen und Schritte nähern sich.</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p class="directive">stellt das Glas hin.</p>
-
-<p>Ein Bordspiel im Gange?</p>
-
-<p class="directive">Matrosen bringen den halbnackten gelben Heizer.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Hierhinein!</p>
-
-<p class="actor">ARZT</p>
-
-<p class="directive">aufstehend.</p>
-
-<p>Was ist das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Sessel zusammenrücken. Doktor, fassen Sie an. Es
-geht um ein Leben. <span class="directive">Zu den Matrosen.</span> Niederlegen.
-<span class="directive">Zum Neger.</span> Eiswasser. <span class="directive">Zum Arzt.</span> Vorwärts, Doktor,
-Sie verstehen das besser als ich. Waschen Sie die Brust
-ab. <span class="directive">Zum Milliardär.</span> Du erlaubst doch, daß Dein Leibarzt
-hier Hand anlegt? <span class="directive">Zum Arzt.</span> Besteht Gefahr?</p>
-
-<p class="actor">KAPITÄN</p>
-
-<p class="directive">kommt &mdash; gedämpft zum Milliardär.</p>
-
-<p>Ich habe nichts verhindern können.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt heftig den Kopf.</p>
-
-<p class="directive">Tochter und Sängerin kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">zur Tochter.</p>
-
-<p>Willst Du uns nicht helfen, Schwester? Ein Mensch
-kann hier sterben!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">tritt heran.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Tauche Deine Hände in das Eiswasser und lege sie
-ihm auf die heiße Brust. Es ist Deine Pflicht, zu der
-ich Dich aufrufe!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">tut es.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">außer sich zum Arzt.</p>
-
-<p>Doktor, Sie müssen ihn retten &mdash; sonst bin ich ein Mörder!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">starrt auf die Gruppe &mdash; bewegt den Mund &mdash; murmelt endlich.</p>
-
-<p>Das Furchtbare!</p>
-
-<p class="actor">SÄNGERIN</p>
-
-<p class="directive">stellt den Kodak ein &mdash; zum Museumsdirektor.</p>
-
-<p>Solche Aufnahme habe ich noch nicht gemacht. <span class="directive">Sie
-knipst.</span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>DRITTER AKT</h2>
-
-
-<p class="directive">Quadratischer Raum, dessen Hinterwand Glas ist: Arbeitszimmer
-des Milliardärs. Rechts und links auf den Wänden, vom Fußboden
-bis an die Decke hoch, mächtige brauntonige Photographien,
-Fabrikanlagen darstellend. Breiter Schreibtisch mit
-Rohrsessel; ein zweiter Sessel seitlich. Draußen Schornsteine
-dicht und steil wie erstarrte Lavasäulen, Rauchwolkengebirge
-stützend.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">vorm Schreibtisch.</p>
-
-<p>Wieviel Tote?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">neben dem Schreibtisch stehend.</p>
-
-<p>Die genaue Zahl der Opfer ließ sich nicht feststellen,
-da die Geretteten, zu Tage gebracht, davonliefen und
-sich bis gestern nicht meldeten.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Warum entfernten Sie sich?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Sie müssen in der dreitägigen Eingeschlossenheit unter
-der Erde Entsetzliches erlebt haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vor dem sie weiter und weiter fliehen?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Sie kamen wie aus Gräbern verstört herauf, mit Schreien
-und Schütteln.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wer bis übermorgen sich an der Arbeitsstelle nicht
-einfindet, wird nicht wieder angenommen.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">Notizen machend.</p>
-
-<p>Bis übermorgen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wie verlief die Versammlung? Wurde ich mit Widerspruch
-gesehen? Ließ man mich ungestört sprechen?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>War ich in Lebensgefahr?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Allerdings.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wie schützte ich mich?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ich hatte Militär requiriert, das schußbereit sich vor mir
-aufstellte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Kam es zu Zwischenfällen?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ein einzelner machte stärkere Zwischenrufe.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was sagte er?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Mörder.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>War er nicht zu finden?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Die Menge deckte ihn.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Er muß festgestellt werden. Drohen Sie mit Maßnahmen,
-falls er nicht ausgeliefert wird.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">notiert.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Herrscht jetzt Ruhe?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Der Schacht ist heute wieder befahren.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Welches Mittel wendete ich an?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ich kündigte die Stillegung des ganzen Betriebes an.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Danke. <span class="directive">Eine grüne Lampe brennt auf dem Schreibtisch auf.
-Milliardär nimmt den Hörer. Erstaunt.</span> Wer? &mdash; Meine
-Tochter? &mdash; Hier? &mdash; Ja, ich erwarte sie. <span class="directive">Zum Sekretär.</span>
-Vertreten Sie mich in der vierundzwanzigsten Fabrik.
-Es hat eine Explosion stattgefunden, ich habe mich für
-den Nachmittag angemeldet.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">notiert.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Danke.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">links durch eine in der Photographie unsichtbare Tür ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht auf, tut einige rasche Schritte gegen die Wand rechts, besinnt
-sich &mdash; kehrt auf seinen Sessel zurück und vertieft sich in
-Arbeit.</p>
-
-<p class="directive">Einer der Diener öffnet rechts eine unsichtbare gepolsterte Tür.
-Tochter tritt ein. Diener ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sich umsehend.</p>
-
-<p>Dein erster Besuch im väterlichen Geschäftshaus.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">sich umsehend.</p>
-
-<p>Ja &mdash; zum erstenmale sehe ich das.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Eine fremde Welt! &mdash; Ist es so dringend, daß Du es
-Dir nicht bis zum Abend vor dem Kamin aufsparen
-willst?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich kann es Dir nur hier erklären.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Soll ich mich auf die froheste Nachricht vorbereiten?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Welche ist das?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich bat Dich damals um etwas, als wir Deinen Bruder
-erwarteten. Auf der Jacht.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">kopfschüttelnd.</p>
-
-<p>An das habe ich nicht mehr gedacht.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">seine Unruhe unterdrückend &mdash; heiter.</p>
-
-<p>Wirklich nicht?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Auf der Jacht gab es mir den Anstoß.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Zu Deinem hellsten Glück?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Zu meiner unabweisbaren Pflicht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hebt abwehrend eine Hand gegen sie hoch.</p>
-
-<p>Nein &mdash; &mdash; nicht das!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">ruhig.</p>
-
-<p>Als ich meine Hände von der kochenden Brust des
-gelben Heizers aufhob, waren sie gezeichnet. Das
-Mal ist in meinem Blut bis zum Herzen zurückgesunken.
-Ich habe nicht mehr eine Wahl. Ich fühle die Bestimmung.
-Ich unterwerfe mich auch willig. Den Platz
-sollst Du mir anweisen, wo ich es erfülle.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was willst Du tun?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Schicke mich zu den Elendesten, die krank liegen. Die
-in Deinen Fabriken verunglückten. Ich will sie pflegen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du weißt nicht, was Du sagst.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ja, Du kannst erst meiner Tat Glauben schenken. Ich
-will zum Schacht, in dem sich die Katastrophe ereignete.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was ist das für eine Katastrophe?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Du hast den Aufruhr selbst beschwichtigt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wer trägt Dir das zu?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Berichte in Zeitungen sind unterdrückt. Du bist ja
-mächtig.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">starrt sie an. &mdash; Nach einer Pause.</p>
-
-<p>Laß es. <span class="directive">Er steht auf, tritt dicht vor sie.</span> Mit Worten will
-ich Dich nicht bitten. Du hast hundert Worte gegen
-meine. Es ist ein ungleicher Streit. Vater und Tochter &mdash;
-damit ist der Ausgang entschieden. <span class="directive">Er nimmt ihre Hände,
-betrachtet sie.</span> Nein &mdash; nein. So schmal &mdash; so schwach.
-<span class="directive">Ihrer Widerrede kopfschüttelnd begegnend.</span> Ja, ja &mdash; stark
-und hart, ich weiß allein, wozu: &mdash; einen Turm zu
-stürzen &mdash; Trümmer zu häufen &mdash; Opfer zu verschütten.
-Soll ich Dir sagen, wer das Opfer ist?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich verstehe Dich jetzt nicht.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Willst Du mich opfern?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">sieht verwundert zu ihm auf.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So kehre um. Du findest Deine Aufgabe, die Dir<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-näher liegt. Erscheint sie Dir gering &mdash; mich dünkt
-sie wichtig, weil sie Deinem Vater gilt.</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">entzieht ihm ihre Hände.</p>
-
-<p>Ich habe kein Recht, während andere &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vater und Tochter &mdash; nicht den Streit! Nur Bitte um
-Bitte!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Ich danke Dir heute für Jahre heller Jugend &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mit heller Zukunft!</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">stark.</p>
-
-<p>Die in meiner neuen Pflicht leuchtet! <span class="directive">Sie steht auf, reicht
-ihm die Hand.</span> Mein Entschluß ist mir so leicht geworden.
-Willst Du es mir schwer machen, wenn ich ihn ändern soll?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nimmt ihre Hand nicht.</p>
-
-<p>Wohin gehst Du jetzt?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Zu meinen Schwestern und Brüdern.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">tonlos.</p>
-
-<p>Dahin gehst Du &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p>Wirst Du mich bei den Ärmsten der Armen kennen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">gegen den Schreibtisch gestützt.</p>
-
-<p>Dahin &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">zögert noch &mdash; wendet sich zur Tür.</p>
-
-<p class="directive">Der Diener öffnet.</p>
-
-<p class="directive">Tochter ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">stockend &mdash; mit scheuer Geste.</p>
-
-<p>Dahin &mdash; &mdash; dahin &mdash; &mdash; dahin &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Dann rafft
-er sich auf &mdash; klingelt.</span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">tritt ein.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Der Schacht soll geschlossen werden!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">notiert.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nein! <span class="directive">Sich an die Stirn greifend.</span> Hier oder da &mdash; man
-kann es nicht wegblasen &mdash; die Macht hat keiner!
-<span class="directive">Fest zum Sekretär.</span> Meine Tochter wird sich Samariterdiensten
-widmen. Sie werden ihr auf dem Schacht
-begegnen und überall, wo es in meinen Fabriken
-Unfälle gab. Verleugnen Sie sie &mdash; ich kenne meine
-Tochter nicht!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ist Ihre Tochter von der Koralle unterrichtet?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nein, außer den beiden Dienern niemand. <span class="directive">Sachlich.</span>
-Wir hatten vorhin unterbrochen.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">liest von seinem Notizblock.</p>
-
-<p>Am Nachmittag vertrete ich Sie in der vierundzwanzigsten
-Fabrik.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Morgen Mittag nehme ich an der Versammlung der
-Missionsgesellschaft in der ersten Hälfte selbst teil, in
-der man mich zum Ehrenpräsidenten ernennt. Sie
-kommen um 2 Uhr im Automobil. Ich werde unter
-dem Vorwande, eine Mappe zu holen, die Sitzung
-verlassen. Sie kehren dann für mich zurück und verlesen
-die Stiftungen, die ich mache. Ich gebe Ihnen
-die Mappe. <span class="directive">Er sucht sie in einer Schreibtischlade.</span></p>
-
-<p class="directive">Die grüne Lampe flammt auf.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ein Anruf.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">rasch hoch &mdash; starrt auf die Lampe.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Soll ich die Mappe nachher &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">heftig.</p>
-
-<p>Bleiben Sie hier! &mdash; Gehen Sie. Ja &mdash; später.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nimmt langsam den Hörer auf.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Wer? &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Er läßt ihn aus lockeren Fingern
-auf die Tischplatte fallen. Mit unsicherem Munde.</span> Mein &mdash;
-Sohn.</p>
-
-<p class="directive">Der Diener läßt rechts den Sohn ein. Diener ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">richtet sich straff auf und geht ihm entgegen.</p>
-
-<p>Ich habe Dich in den letzten Tagen nicht gesehen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Seit &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich frage nicht, wo Du Dich aufhältst. Die Zeit ist
-vorbei, wo ich Dich beaufsichtige. Rechtfertige Dich
-vor Dir selbst in jedem, was Du tust. Du bist erwachsen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du machst es mir leicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vielleicht war es wichtig, Dir das zu sagen. Kommst
-Du deshalb?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Der Anlaß &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So will ich auch hier nicht in Dich dringen. Setze Dich.
-Es ist in diesem werktagstrengen Raum &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Von dem Du mich eifersüchtig ferngehalten hast.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Reizt es Dich meinen Platz einzunehmen?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nicht Deinen &mdash;!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich biete ihn Dir nicht an. Ich bin noch nicht müde.
-Die Fäden liegen straff in meinen Fingern. Ich will &mdash;
-ich kann arbeiten. Der Nachfolger meldet sich zu früh.
-Du wirst mich heute und morgen nicht entthronen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Die Absicht bringe ich nicht mit.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Aber es wird Dir helfen, Dir Dein Leben einzurichten.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du engst mir das Gebiet ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es bleibt Dir nur diese Möglichkeit. Die Arbeit ist
-mein Teil.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich weiß, wie Du fortfahren willst.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du siehst, die Tore sind fest verrammelt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und weil ich gezwungen bin, beruhige ich mein Gewissen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Auch Dir ist ein Zwang auferlegt!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p><span class="directive">nach einer Pause.</span> Willst Du mir auf Fragen, die mich
-brennen, antworten?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nachdem wir eben unsere Grenzen scharf gezogen
-haben &mdash; ja.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>So tiefe Widersprüche klaffen in Deinem Handeln.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mit mir hast Du Dich beschäftigt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich kann mich nur noch mit Dir beschäftigen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wodurch wurde ich Dir unversehens interessant?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Dieser ungeheure Reichtum, den Du angesammelt hast &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich erwähnte schon meine Arbeitskraft.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Das ist nicht Arbeitskraft, das ist &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wo liegt da das Rätsel?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Hier die rücksichtslose Ausbeutung &mdash; und dort die
-unbeschränkte Mildtätigkeit, die Du übst. Das »heiße
-Herz der Erde« &mdash; &mdash; und dieser Stein, den Du in
-Deinem Innern tragen mußt!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Das Rätsel möchte ich Dir nicht lösen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Weil Dich die Scham abhält, es Dir einzugestehen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es soll mein Geheimnis bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich zerre an dem Schleier, hinter dem Du Dich versteckst.
-Du kennst den Frevel Deines Reichseins und
-betäubst Dich mit diesem »offenen Donnerstag«!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die Erklärung würde nicht genügen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nein, diese Gaben sind lächerlich, die Du austeilst.
-Du bezahlst damit nicht das Blut &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Vergieße ich das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nein, das sind Unglücksfälle. Aber Du drohst mit
-Blutvergießen, wenn sie einmal aufschreien!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sahst Du das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Jetzt muß ich Dir bekennen, wozu es mich gestern
-fast hingerissen hat!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was war gestern?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich war im Hof am Schacht, als Du sprachst. Du mußtest
-ja selbst auftreten, um den Aufruhr zu unterdrücken.
-Ich war unten in der fahlen Menge &mdash; und
-sah Dich oben hinter den drohenden Gewehren dastehen.<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-So kalt und fern. Deine Worte klatschten
-wie Eisstücke auf die Versammlung nieder. Keiner
-wagte mehr einen Ausruf. Bis Du die Schließung des
-Betriebs androhtest, die Tausende &mdash; Frauen und
-Kinder &mdash; dem Hunger auslieferte. Da tat einer den
-Mund auf!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Du warst es, der &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Der Mörder rief! &mdash; Das ist noch nicht das letzte.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich hörte nichts weiter.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Hätte ich vergessen können, daß da oben mein Vater
-stand &mdash; <span class="directive">Er greift in die Tasche und legt einen Revolver auf
-den Tisch.</span> Ich will mich nicht zum zweitenmal versuchen
-lassen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schiebt den Revolver beiseite.</p>
-
-<p>Du hättest mich nicht getroffen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich wollte treffen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">kopfschüttelnd, lächelnd.</p>
-
-<p>Mich nicht. So kann dies nicht als Schatten zwischen
-uns stehen. <span class="directive">Er streckt ihm die Hand hin.</span> Es braucht
-Dich nicht zu quälen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">starrt ihn an.</p>
-
-<p>Bläst Du das fort wie ein Staubkorn, das auf Deinen
-Rock wehte?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nicht auf meinen Rock.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Vergessen und vergeben?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So habe ich Dir auch nichts zu vergeben.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nein, Du nicht. Das kann ja auch ein anderer nicht.
-Das nicht. Die Buße wählt man sich selbst. Ich will
-sie mir so schwer machen, daß ich am letzten Tage
-vielleicht die Augen wieder aufschlagen kann.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Zu mir?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nein. Du nimmst mich heute schon auf. Du willst
-keine Zeit verlieren.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wen setzt Du Dir zum Richter?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Den letzten Deiner Arbeiter.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was soll das heißen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Bis noch einer durch Not schuldig werden kann, stehe
-ich da unten!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Im Aufruhr?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Im Frieden, der sich ausbreitet, wenn ich nicht mehr
-sein will, als andere!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schiebt ihm den Revolver hin.</p>
-
-<p>Jetzt ist es Zeit! <span class="directive">Er dreht das Gesicht von ihm weg.</span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">springt auf und läuft zu ihm.</p>
-
-<p>Sage mir doch, warum alles so ist! &mdash; &mdash; Sage es mir
-doch!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Komm mit. <span class="directive">Er führt ihn vor die Photographien.</span> Siehst Du
-das? Graue Fabriken. Enge Höfe! <span class="directive">Zum großen Fenster
-hinten tretend.</span> Siehst Du das? Schlote &mdash; Schlote. Wo
-ist Erde &mdash; Grashalme &mdash; Gesträuch? &mdash; &mdash; Daher
-komme ich! &mdash; &mdash; Kennst Du mein Leben? &mdash; &mdash; Ich
-habe es Dir unterschlagen. In den Schulen wird es
-gelesen. &mdash; Ich habe Dir ein anderes Leben gegeben.
-Ich habe Dich in allem ein anderes Leben leben lassen.
-Nicht meins! &mdash; &mdash; Aus nichts bin ich geworden, so
-schreiben sie in den Büchern! &mdash; Aus jeder Not habe
-ich mich aufgeschwungen, so erzähle ich Dir jetzt. Ich
-habe es nicht vergessen. Ich habe mich keine Stunde
-einschläfern lassen. Mit diesen Bildern habe ich mich<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-umstellt &mdash; diese Wand habe ich offen gehalten, damit
-es sich nicht verdunkeln kann &mdash;: es soll mich aufscheuchen
-aus Ermüdung und Rast. Das gellt mir Mahnung
-und Warnung ins Blut: nur nicht dahinab &mdash; &mdash;
-nicht dahinab!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">von ihm zurücktretend.</p>
-
-<p>Du &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich kann Dich warnen. Mir wirst Du glauben. Mir
-hat es Vater und Mutter verschlungen &mdash; nach mir
-wollte es greifen &mdash; &mdash; ich bin entlaufen!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du kennst &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Dich hat ein Augenblick verstört &mdash; mich hat es ein
-Leben lang geschüttelt. So furchtbar ist das Leben!
-&mdash; &mdash; Willst Du dahinab?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Das letzte reißt Du mir aus den Händen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was ist das?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was Dich entschuldigt: die Qual der anderen wäre
-Dir fremd!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Den Schrei trage ich in meiner Brust!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Bist Du &mdash; ein Tiger?! Mehr &mdash;: der weiß nicht, was
-er tut. Du kennst die Qual Deiner Opfer &mdash; &mdash;
-und &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Er faßt den Revolver &mdash; legt ihn wieder hin.</span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich oder ein anderer &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Jeder ist &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sei mir dankbar.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Für die Täuschung?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Daß Du nicht werden mußt, wer ich bin!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">ruhig.</p>
-
-<p>Dein Blut ist meins &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Fühlst Du es auch?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Es macht die Aufgabe lohnend.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mich vor dem Furchtbaren zu retten!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Die furchtbare Begierde zu unterdrücken &mdash; und neben
-dem niedrigsten Deiner Arbeiter auszuharren!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht steif.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du kannst mich abweisen lassen. Ich nehme Arbeit,
-wo ich sie sonst finde.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">bricht an ihm zusammen.</p>
-
-<p>Erbarmen &mdash; &mdash; Erbarmen!!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">kalt.</p>
-
-<p>Mit wem?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Erbarmen &mdash; &mdash;!!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Vielleicht wird es mein Schrei zu Dir, wenn Du mir
-und meinen Kameraden einmal das Brot verweigerst!
-<span class="directive">Er geht nach rechts. Ehe der Diener die Tür ganz öffnen
-kann, ab.</span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">endlich sprunghaft auf. Er sucht den Revolver &mdash; stößt ihn in
-die Tasche.</p>
-
-<p>Hier nicht! &mdash; &mdash; Im Walddickicht! &mdash; &mdash; Brechendes
-Auge sieht grünes Gezweig &mdash; &mdash; Stück blauen Himmels
-flutet herab &mdash; &mdash; kleiner Vogel klingt! <span class="directive">Mit
-schrägen Blicken nach den Wänden.</span> Gestellt? &mdash; &mdash; Abgeschnitten?
-&mdash; &mdash; Die Flucht mißlungen? &mdash; &mdash; Eingeholt?
-&mdash; &mdash; <span class="directive">Die Arme schwenkend.</span> Laßt mich los &mdash; &mdash;
-faßt nicht nach mir &mdash; &mdash; ich fürchte mich doch vor
-Euch wie ein Kind!! <span class="directive">Keuchend an den Photographien entlang<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-laufend und mit Händen anschlagend.</span> Ein Ausweg &mdash; &mdash;
-ein Ausweg &mdash; &mdash; <span class="directive">Schreiend.</span> Ein Ausweg!!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">von links &mdash; fragend.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn an.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">verlegen.</p>
-
-<p>Die &mdash; Mappe?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">stumm.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Sie wollten mir noch eine Mappe aushändigen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">an den Schreibtisch wankend und in den Sessel zusammenbrechend.</p>
-
-<p>Tochter und Sohn &mdash; &mdash; hinab &mdash; &mdash; hinab &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-Mich haben meine Kinder verlassen!!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">schweigt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">zu ihm aufblickend.</p>
-
-<p>Verstehen Sie das, was es heißt: ein Lebenlang für
-seine Kinder arbeiten &mdash; und sie treten vor ihren Vater
-hin und schlagen ihm den Gewinn von der Hand?</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ihr Sohn &mdash;?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">aufschreiend.</p>
-
-<p>Wer deckt jetzt zu, woher ich keuchend komme?! &mdash;
-Wer hilft jetzt Berge in Abgründe stürzen &mdash; um
-<em class="gesperrt">das</em> zu verdecken?!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn fragend an.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Holt mich keiner &mdash; aus dem Dunkel meiner Vergangenheit?!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Weil Ihre Leistung so riesenhaft ist, braucht man Ihre
-Vergangenheit nicht zu beschönigen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nicht zu &mdash; &mdash;?!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p>Ihr Werk steht nur größer da!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich gebe es hin &mdash; &mdash; ich zahle mit meinem Reichtum
-&mdash; &mdash; ich verschenke mein Leben für ein anderes
-Leben!! <span class="directive">Inbrünstig.</span> Wer leiht mir seins, das hell ist
-vom ersten Tage an?! &mdash; &mdash; Im Sohn finde ich es
-nicht mehr &mdash; hinab! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Wo winkt nun der
-Tausch, um den ich buhlte &mdash; im Fieber der Arbeit &mdash;
-in der Wut des Erwerbs &mdash; auf dem Berg meines
-unzählbaren Goldes?! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; In wen gehe ich
-unter &mdash; und verliere diese Angst und tosenden Aufruhr?!<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Wer hat ein Leben &mdash; glatt und
-gut &mdash; für meins?!!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">mit wachsender Ergriffenheit auf ihn niederblickend.</p>
-
-<p>Ihr Sohn geht andere Wege. Die Enttäuschung ist
-bitter wie keine. Aber da es sich so tausendfach
-wiederholt, mutet es fast wie ein Gesetz an. Vater
-und Sohn streben voneinander weg. Es ist immer
-ein Kampf auf Leben und Tod. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Nach einer
-Pause.</span> Ich habe mich auch gegen meinen Vater aufgelehnt.
-Und obwohl ich fühlte, wie ich ihm wehetat,
-mußte ich ihn verletzen. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Wieder nach
-einem Warten.</span> Ich erkenne jetzt noch nicht, was mich
-trieb. Ich wollte mein Leben selbst versuchen &mdash; das
-wird schließlich wohl der Anlaß. Der Drang nach Unabhängigkeit
-wirkt stärker als alles andere. <span class="directive">Nun lebhafter
-fortfahrend.</span> Ich hatte ein Elternhaus, wie es selten
-zu finden ist. An eine wundervolle Jugend kann ich
-zurückdenken. Ich war einziger Sohn. Mutter und
-Vater teilten mir aus ihrem unendlichen Schatz von
-Liebe schrankenlos mit. In ihrer Hut sah und hörte
-ich nichts von den Widerwärtigkeiten eines groben
-Alltags. Es lag immer ein Lichtschein von Sonne in
-den stillen Stuben. Auch der Tod trat nicht zu uns.
-Die Eltern &mdash; für mich leben sie heute noch. Dann
-zog ich auf die kleine Universität &mdash; und der Trieb
-zur Selbständigkeit fing an, über mich Gewalt zu gewinnen.
-Ich löste mich los und ging in die Welt. &mdash; &mdash;
-Manche dunkle Stunde habe ich erlebt &mdash; es warf<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-mich hierhin und dorthin &mdash; aber im Grunde konnte
-mich nichts erschüttern. Ich besaß ja das größte Gut,
-von dem man ohne Maß zehren kann: die lebendige
-Erinnerung an eine glückliche Jugend. Was später
-kam, wurden nur Wellen, die über einen See streichen,
-der klar den blauen Himmel spiegelt. So glatt und
-ungetrübt liegt meine reine Vergangenheit in mir ausgebreitet!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hat das Gesicht gegen ihn gehoben. Mit stärkster Gespanntheit
-hört er ihm zu.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">blickt vor sich hin.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sucht auf dem Tisch.</p>
-
-<p>Die &mdash; &mdash; Mappe. <span class="directive">Er gibt sie ihm. Hervorstoßend.</span>
-Gehen Sie!</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">nimmt die Mappe &mdash; wendet sich zur Tür.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">zieht den Revolver aus der Tasche und drückt ab.</p>
-
-<p class="actor">SEKRETÄR</p>
-
-<p class="directive">in den Rücken getroffen &mdash; fällt.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht unbeweglich.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Mein Leben &mdash; &mdash; für ein anderes Leben
-&mdash; &mdash; das hell ist &mdash; &mdash; vom ersten Tage an &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-<span class="directive">Langsam geht er hin, bückt sich zum Liegenden &mdash; &mdash; und streift<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-die Koralle von der Uhrkette. Er hält sie auf der offenen Hand
-vor sich.</span> &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Dieses Leben &mdash; &mdash; nach dem ich
-dürste &mdash; &mdash;! &mdash; &mdash; jeder Tag dieses Lebens &mdash; &mdash;
-um das ich buhle &mdash; &mdash;! <span class="directive">Tief den Kopf im Nacken.</span> Sie
-sollen mich zu meinem Glücke zwingen &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-sie werden mich ganz beschenken &mdash; &mdash; <span class="directive">Er streift die
-Koralle auf seine Kette.</span> &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; wenn sie mich überführen
-müssen! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Er reißt rechts die Tür auf
-und schießt nochmal in die Luft.</span></p>
-
-<p class="directive">Die beiden Diener stürzen herein. Einer bleibt in der Tür &mdash;
-der andere beugt sich über den Sekretär.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE DIENER</p>
-
-<p class="directive">in der Tür.</p>
-
-<p>Die Koralle?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE DIENER</p>
-
-<p class="directive">richtet sich auf, schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p>Nehmen Sie den Sekretär fest!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>VIERTER AKT</h2>
-
-
-<p class="directive">Untersuchungsraum: blaues Viereck mit vielen Zugängen, die
-Türen von Eisenstäben haben, hinter denen sich enge Gänge
-verlieren. Eine Bogenlampe in klarem Glas beleuchtet überall.
-Nur ein kleiner eiserner Tisch, an dem der Schreiber &mdash; mit
-Augenschirm &mdash; sitzt.</p>
-
-<p class="directive">Der erste Richter steht nachdenklich.</p>
-
-<p class="directive">Die beiden Diener links.</p>
-
-<p class="directive">Wärter kommt von rechts.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">zu ihm.</p>
-
-<p>Schalten Sie aus.</p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p class="directive">hantiert am Schaltbrett; die Bogenlampe verlöscht. In den
-Ecken glühen matte Lampen auf.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">tritt an den Tisch, nimmt den Hörer auf.</p>
-
-<p>Ich bitte um Ablösung. <span class="directive">Zu den beiden Dienern.</span> Sie
-können jetzt &mdash; <span class="directive">Sich besinnend.</span> Oder warten Sie noch.
-<span class="directive">Er läßt sich vom Schreiber das Protokoll geben, liest &mdash; schüttelt
-den Kopf. Zu den Dienern.</span> Niemals hat der Sekretär
-die Koralle &mdash; <span class="directive">Rasch.</span> Es könnte doch sein, daß auch
-die Koralle gelegentlich ausgetauscht wurde, um &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Der zweite Richter kommt hinten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Kein Resultat?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">gibt ihm das Protokoll.</p>
-
-<p>Höchstens das, daß mir Zweifel kommen.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">liest &mdash; läßt das Blatt sinken.</p>
-
-<p>Er bestreitet doch nicht, daß die Koralle bei ihm gefunden
-ist.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Aber er will nicht der Sekretär sein.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wie erklärt er denn die Koralle an seiner Kette? <span class="directive">Lesend.</span>
-Auf die wiederholt gestellte Frage läßt der Vernommene
-jedesmal die Antwort aus.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">zu den beiden Dienern.</p>
-
-<p>Sollte nicht zu einem besonderen Zweck auch Ihre
-Irreführung geplant gewesen sein?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE DIENER</p>
-
-<p>Nein. Es wäre damit unsere Aufgabe unmöglich geworden.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE DIENER</p>
-
-<p>An der Bewachung seiner Person lag dem Getöteten viel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Es ist ja durchsichtig. Natürlich, es geht um Kopf und
-Kragen. Da sträubt man sich ein bißchen. Aber wir
-haben ja die Aussage, die der Sohn gemacht hat. In
-der Unterredung, die zwischen Vater und Sohn kurz
-vorher stattgefunden hatte, entsagte der Sohn dem
-väterlichen Reichtum. Auch die Tochter hatte verzichtet.
-Der Sekretär hat das erregte Gespräch nebenan gehört
-und konnte der Versuchung nicht widerstehen,
-sich zum Nachfolger zu setzen. Da drückte er kurzer
-Hand los. Nur die Koralle konnte er nicht mehr austauschen.
-Das hätte er vielleicht noch gern getan. <span class="directive">Zu
-den Dienern.</span> Aber auf den Schuß kamen Sie schon hinzu.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE DIENER</p>
-
-<p>Ich nahm ihn fest, als er aus der Tür wollte.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wollte er flüchten?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE DIENER</p>
-
-<p>Nicht wir, sondern er hatte die Tür aufgemacht.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Warum läuft er davon, wenn er sich für den ausgibt,
-auf den ein Angriff unternommen ist?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">legt das Protokoll hin.</p>
-
-<p>Schon dieser Fluchtversuch beweist. Die Detonation,
-die der Schuß verursachte, war zu kräftig, damit hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-er nicht gerechnet. In der Verwirrung hoffte er zu
-entkommen, doch an der Umsicht der Diener scheiterte
-die Absicht. Jetzt besinnt er sich wieder auf die Rolle,
-die er spielen wollte.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Die Ähnlichkeit ist allerdings fabelhaft. Ich habe einen
-solchen Fall von Doppelgängertum noch nicht erlebt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ja, wenn wir die Koralle nicht hätten, müßten wir
-unrettbar im Dunkeln tasten! <span class="directive">Nach dem Protokoll greifend.</span>
-Übrigens dieser Angriff, der vom vermeintlichen Sekretär
-verursacht sein soll, wie begründet er den?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Er schweigt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Weil er nicht stattgefunden hat.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Sie sagten doch, daß er sich an die Stelle des Getöteten
-setzen wollte?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">stutzt.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>So findet sich doch eine Begründung?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Die ihn zur Tötung angestiftet hat!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Er handelte also in Notwehr!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">erregt.</p>
-
-<p>Aber er ist doch der Sekretär!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">sich die Augen reibend.</p>
-
-<p>Ich bin wirklich abgespannt. Das scharfe Licht &mdash; die
-Gelassenheit des Mannes, der sich kaum verteidigt &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ich denke Mittel anzuwenden, die ihn beweglicher
-machen. Fruchtet die Vorlegung der Koralle nicht &mdash;
-<span class="directive">Er nimmt sie vom Tisch auf.</span> Wie ein Blutstropfen sieht
-das Ding aus, der am Täter hängen blieb &mdash;! <span class="directive">Er legt
-sie hin. Zu den Dienern.</span> Ich brauche Sie nicht mehr.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE DIENER</p>
-
-<p>Wann morgen?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Hoffentlich war es genug. Zehnmal dieselbe Litanei.
-Ich lasse Sie sonst bestellen.</p>
-
-<p class="directive">Die beiden Diener ab.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Versprechen Sie sich in dieser Nacht besseren Erfolg?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Nicht mehr als ein volles Geständnis!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">verblüfft.</p>
-
-<p>Wie wollen Sie ihn dazu bringen?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Er will der Milliardär sein. Gut, so führe ich ihm
-seine Kinder vor. Jetzt soll die Natur Richter spielen.
-Stutzt er eine Sekunde, sich ihnen zu nähern, die der
-Vater nach der Bekundung von Sohn und Tochter über
-alles liebte, so hat er soviel wie gestanden. Vor der
-Koralle kann er sich sträuben, das ist ein toter Gegenstand
-&mdash; &mdash; aber vor der Wucht des Anblicks von
-Sohn und Tochter seines Opfers wird sich kein Individuum
-behaupten. Und da er kein berufsmäßiger
-Verbrecher ist, bricht er mir in beide Knie!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Tatsächlich bin ich ausgepumpt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Strecken Sie sich auf dem Sofa aus und schlafen Sie
-gut. Wenn ich Sie stören darf, rufe ich Ihnen unsere
-Erlösung von der Marter dieser vierzehn Nächte hinüber.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Ich fahre dann gleich eine Woche aufs Land.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Und ich schreibe ein Buch für Massenauflage über
-den Fall!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">hinten ab.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">geht nach links und drückt auf eine Klingel neben einer Tür.</p>
-
-<p class="directive">Von einem Wärter geleitet, Sohn und Tochter &mdash; in schwarz &mdash;
-von links.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Es wird nun doch notwendig, daß ich die Gegenüberstellung
-ausführe. So gern ich Ihnen diese Peinlichkeit
-erspart hätte, das hartnäckige Ableugnen, von dem ihn
-mein Kollege nicht abbringen konnte, zwingt zu dieser
-Maßnahme. Ich sehe keinen anderen Weg mehr, um
-ein Geständnis zu erhalten. Und das Geständnis
-brauchen wir unbedingt!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Geben Sie uns Anweisungen, wie wir uns verhalten.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ich beabsichtige, einen überraschenden Schlag zu tun.
-Zu einer Überlegung darf ihm nicht die mindeste Zeit
-gelassen werden. Ich bitte Sie, vollständig geräuschlos
-zu kommen und Ihre Anwesenheit hier nicht zu verraten.
-Vorläufig halten Sie sich dort im Hintergrund
-des Ganges auf, der Wärter bleibt in der Nähe der
-Tür. Das ist unauffällig. <span class="directive">Zum Wärter.</span> Ich werde es<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-im Verlauf des Verhörs einrichten, daß ich auf diese
-Seite trete, sodaß der Vernommene Ihre Tür im
-Rücken hat. Sobald ich mein Taschentuch hervorziehe,
-lassen Sie die Dame und den Herrn ein.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Mit dieser Konfrontierung ist unsere Aufgabe erfüllt?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Selbstverständlich beschränke ich auch diese auf die
-kürzeste Dauer. Versuchen Sie jedoch, ihn fest anzusehen.
-Das ist wichtig. Besonders Sie, gnädiges
-Fräulein, möchte ich darauf aufmerksam machen.
-Halten Sie sich aufrecht. Sie erleben vielleicht das
-Grauenhafteste, was einem widerfahren kann. Sie
-werden Ihren Vater zu erblicken glauben, der tot ist.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Eine Unterscheidung muß doch möglich sein!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Dann hätten wir leichtes Spiel gehabt. Die Übereinstimmung
-ist vollkommen. Ein körperliches Merkmal
-existiert nicht. Die Natur spielt uns schon den Streich.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nur diese Koralle gibt Aufschluß?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Den unumstößlich. Darum vergessen Sie nicht, daß
-Sie den Sekretär vor sich haben!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Sohn und Tochter mit dem Wärter links ab. Der Wärter kehrt
-hinter die Türstäbe zurück.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">zum ersten Wärter.</p>
-
-<p>Führen Sie vor.</p>
-
-<p class="directive">Der Wärter schaltet wieder die Bogenlampe ein. Rechts ab.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">Setzt sich eine Brille mit blauen Gläsern auf.</p>
-
-<p class="directive">Wärter läßt den Milliardär vor sich eintreten und bleibt an
-der Tür.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">Seine Hände sind nach vorn mit dünnem Stahlseil geschlossen.
-Er stellt sich auf, wie er nun schon gewohnt ist, dazustehen &mdash;
-ohne Zeichen von Erregung.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">beachtet ihn vorläufig nicht. Dann nimmt er den Revolver vom
-Tisch und tritt &mdash; nur für die Waffe interessiert &mdash; zum Milliardär.</p>
-
-<p>Wo kauft man denn diese Marke?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schweigt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Das Modell hätte ich gern. Aber ich kann mir doch
-nicht ein vom Gericht beschlagnahmtes Objekt zustecken.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">lächelt dünn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn an.</p>
-
-<p>Ein streng gehütetes Geheimnis?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ein Geschenk.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Von wem denn?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Von zarter Hand doch nicht?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Von zartester.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ach was, das ist ja unnatürlich.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ja &mdash; unnatürlich war das.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Sollten Sie sich selbst bedienen? Wenn Sie untreu
-werden?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich war das Ziel.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wer wollte denn auf Sie schießen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nickt langsam.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Rissen Sie ihm die Waffe aus der Hand?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Er legte sie auf die Schreibtischplatte nieder.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">rasch.</p>
-
-<p>Der Milliardär?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schweigt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">nickt befriedigt und stellt sich rechts auf.</p>
-
-<p>Nun wollen wir die Situation rekonstruieren. Drehen
-Sie sich nach mir.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">tut es.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Warten Sie mal. Das Metall ist angelaufen, damals
-blinkte es jedenfalls. <span class="directive">Er zieht sein Taschentuch heraus und
-reibt die Waffe.</span></p>
-
-<p class="directive">Der Wärter links zieht sich von der Tür zurück.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Daß das Schießzeug auf dem Tisch herumgelegen hat,
-ist natürlich Humbug. Ihre Erzählung ist ja auch reichlich<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-verworren, es lohnt nicht da nachzutasten. Der
-Vorgang ist einfach der: unter irgendeinem Vorwand
-machen Sie sich hinter Ihrem Opfer zu schaffen &mdash;
-die Waffe aus der Hosentasche &mdash; genau so,
-wie ich hier, standen Sie bereit &mdash; die Distanz ist
-dieselbe &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Der Wärter ist mit Sohn und Tochter gekommen: die beiden
-stehen unbeweglich.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>&mdash; und jetzt zeigen Sie mir auch Ihren Rücken!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">dreht sich um: ohne zu stocken, geht er auf Sohn und Tochter zu.</p>
-
-<p>Kinder &mdash; in schwarz? Ist ein Trauerfall, der uns nahegeht?
-&mdash; &mdash; Wundert Ihr Euch, daß ich nichts davon
-weiß? Ja, ich habe keine Verbindung mit Euch. Ich
-werde vorläufig streng abgeschlossen gehalten. Ein unleidlicher
-Irrtum, der sich erst aufklären muß. Ich gebe
-mir alle erdenkliche Mühe, diesen schweren Verdacht
-zu zerstreuen. Aber die Gerichte sind peinlich. Jede
-Kleinigkeit erhält Gewicht. Eine Koralle, die bei mir
-gefunden ist &mdash; der Revolver da, den ich bei mir getragen
-haben soll. <span class="directive">Zum Sohn.</span> Willst Du nicht seine
-Herkunft mit einem Wort feststellen?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">seine Erschütterungen beherrschend.</p>
-
-<p>Herr Richter, die Waffe ist mein Eigentum.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wie gelangt sie in den Besitz des Sekretärs?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich legte sie vor meinen Vater auf die Tischplatte.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Das ist immerhin wertvoll. Der offen daliegende Revolver
-stiftete zur Tat an. Warum überließen Sie
-Ihrem Vater ihn?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Darauf &mdash; kann ich nicht antworten.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe Dich auch nicht verraten.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">scharf.</p>
-
-<p>Weil Sie nichts wissen können!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Kein Du? Bin ich Euch fremd geworden, weil ich
-verdächtigt wurde? <span class="directive">Mit eigentümlich lauerndem Ausdruck.</span>
-Glaubt Ihr denn, daß ich der Sekretär bin? Ihr &mdash;
-meine eigenen Kinder&mdash; seht mich für den Sekretär an?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">mühsam.</p>
-
-<p>Herr Richter, brauchen Sie meine Schwester und mich
-hier noch?</p>
-
-<p class="actor">TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">schreit auf &mdash; schlägt die Hände auf's Gesicht.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ich danke.</p>
-
-<p class="directive">Sohn &mdash; die Tochter stützend &mdash; links ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">hin- und hergehend.</p>
-
-<p>Das ist unerhört. Das ist der Gipfel der Verstocktheit!
-&mdash; Schämen Sie sich nicht? <span class="directive">Verblüfft.</span> Lächeln Sie?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe meine Kinder gesehen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Stimmt Sie die Qual anderer vergnügt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>&mdash; meine Kinder haben mich nicht gesehen!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Den Mörder ihres Vaters haben sie gesehen. Der
-sind Sie. Sie &mdash; sein Sekretär. Tischen Sie uns das
-alberne Märchen nicht nochmals auf. Und hätte die
-Koralle nicht die mächtige Beweiskraft, die sie hat,
-dies entlarvt Sie: die Sie mit so dreister Stirn für Ihre
-Kinder ausgeben, die stoßen Sie als einen Fremden
-zurück!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">undurchdringlich.</p>
-
-<p>Das &mdash; genügt nicht.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wissen Sie das sicher? Weil Sie kein Geständnis ablegen?
-Das erlassen wir Ihnen jetzt. Hüllen Sie sich
-weiter in Ihr monumentales Schweigen. Jetzt werden
-wir gesprächig! <span class="directive">Er winkt dem Wärter.</span></p>
-
-<p class="directive">Wärter führt den Milliardär rechts ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">telephoniert.</p>
-
-<p>Ich bitte um Ablösung. <span class="directive">Laut.</span> Jawohl &mdash; Ablösung!
-<span class="directive">Aufgeregt auf und ab. Aufstampfend.</span> Das ist doch &mdash;!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">rasch von hinten.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Sie glaubten wohl, sich verhört zu haben? Nein, es
-geht so weiter. Dem Mann ist nicht beizukommen.
-Ohne Zucken erträgt er die Gegenüberstellung &mdash; und
-beklagt sich noch, daß man ihm das Du verweigert!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">liest im Protokoll.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ich denke, wir sind fertig!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Nein! &mdash; Das lockt mich. Ich rücke ihm auf den Leib.
-<span class="directive">Sich vor die Stirn schlagend.</span> Das ist ja auch ganz einfach!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wurden Sie im Schlaf erleuchtet?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Wütend bin ich!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Erfinderisch macht dieser Zustand schwerlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>In den Milliardär hat er sich eingelebt.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Das steht fest.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Also muß er aus dem Milliardär wieder heraus &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Hokuspokus eins zwei drei.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>&mdash; und in den Sekretär hinein!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Der Kunstgriff, den Sie dazu anwenden?</p>
-
-<p class="directive">Wärter kommt von rechts und schaltet die Bogenlampe aus.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Er muß ganz neu geboren werden! &mdash; Ja ja, ich lege
-ihn wieder in die Wiege und lasse ihn vergnügt
-strampeln und krähen. Der Milliardär ist noch gar
-nicht in seine Existenz getreten &mdash; das ist ein späteres
-Kapitel, das ich mit keiner Silbe erwähne. Ich baue
-ihm sein Leben bis zu diesem Punkte lückenlos auf
-und wickle ihn in Jugenderinnerungen so sanft und
-allmählich ein, daß er ganz vergißt, warum er hier
-steht. <span class="directive">Nach einem Schriftstück greifend.</span> Das Material
-haben wir da &mdash; es ist bis in Kleinigkeiten zusammengetragen.
-Seine Vergangenheit bietet ein auffallend<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-helles Bild &mdash; so ist auch der Kern nicht verhärtet.
-Der Mann wird windelweich, wenn ich ihm das Buch
-seiner guten Zeiten aufschlage!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Er hat sich vor den Kindern seines Opfers nicht gescheut &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Kinder stehen außerhalb. Zuletzt lebt man nur sich
-selbst.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ich würde ja auch ungern das Protokoll ohne Ergebnis
-abliefern.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Mein Versuch kann, wie jeder andere bisher, scheitern
-&mdash; aber in solchem Zurückgreifen liegt eine suggestive
-Kraft.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Wollen Sie die Brille?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Diesmal bei gedämpftem Licht. <span class="directive">Zum Wärter.</span> Schalten
-Sie nicht ein. Bringen Sie ihn. <span class="directive">Wärter rechts ab.</span> Schon
-das wird ihm eine Wohltat sein. Und für das andere
-finde ich den rechten Großmuttermärchenton.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Und der böse Wolf kommt zum Schluß.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Der muß den Mörder packen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">hinten ab.</p>
-
-<p class="directive">Wärter führt den Milliardär ein.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">in das Schriftstück vertieft.</p>
-
-<p>Diese Tierliebhaberei ist köstlich. <span class="directive">Aufblickend zum Milliardär.</span>
-Hatte es denn das schwarze Fleckchen mitten auf der
-Stirn?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hebt horchend den Kopf.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">Das Hündchen, das Sie vom Ersäufen gerettet haben?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">biegt sich auf.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>War der Fluß an dieser Stelle seicht? Mit zehn Jahren
-wagt man sich doch nicht weit ins Wasser.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">atmet rauschend.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Das Flüßchen wird wohl keine reißende Strömung
-gehabt haben, das am Städtchen vorübertreibt. Oder
-gab es im Frühling Hochwasser?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">wiegt eigentümlich den Oberkörper.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Dann schossen die Fluten mit allerlei Fracht von entwurzeltem
-Gesträuch und Grasbüscheln dahin. Manchmal
-traten sie über die Ufer und drangen in die Keller.
-Da hieß es die Vorräte bergen. Das gab immer ein
-lustiges Rettungswerk. Was da alles zum Vorschein
-kam! Vater und Mutter griffen zu &mdash; und der Sohn
-leistete natürlich die wichtigste Hilfe. Er stand überall
-im Wege! Aber von Ihrer Unentbehrlichkeit waren
-Sie fest überzeugt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nickt langsam.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Ja &mdash; solch ein kleines Städtchen hat seine Katastrophen.
-Jeden Tag etwas anderes. Der Wind reißt einem
-die Mütze weg und fährt damit um die Ecke &mdash; <span class="directive">Rasch.</span>
-Hatten Sie grüne Schulmützen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">mit rieselndem Lächeln.</p>
-
-<p>Ich &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Erinnern Sie sich nicht mehr deutlich an die Farbe?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; habe so viel vergessen!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">beobachtet ihn scharf. &mdash; Nach einer Pause.</p>
-
-<p>Dauert Sie das nicht? Ich meine, man denkt doch
-gern an freundliche Eindrücke, die man einmal gehabt<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-hat. Die sind doch schließlich unverwüstlicher Besitz.
-Und gerade Sie haben doch allen Grund, sich an hellen
-Bildern der Vergangenheit zu erquicken. Ja, Sie haben
-eine beneidenswerte Jugend genossen. <span class="directive">Das Schriftstück
-aufblätternd.</span> Da liest man mit Vergnügen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht hin.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Da ist alles Licht &mdash; Sonne, Sonne &mdash; Licht. Kein Schatten
-richtet sich auf. <span class="directive">Aufblickend.</span> Sie müssen doch Ihren
-Eltern unaussprechlich dankbar sein?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">mit fast singender Stimme.</p>
-
-<p>Meine Eltern &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Die breiteten ihre Hände über ihr einziges Kind! Haben
-Sie jemals einen Schlag erhalten?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Habe ich &mdash; &mdash; niemals einen Schlag erhalten?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Ja, das müssen Sie mir sagen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ja &mdash; &mdash; Sie müssen es mir sagen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn erstaunt an. Dann humoristisch.</p>
-
-<p>Schlagen wir also das Buch der Vergangenheit auf.
-Kapitel eins: Elternhaus. Freundliche Kleinstadt &mdash;
-in grün gebettet. Vater &mdash; Pfarrer. Sehen Sie ihn
-vor sich?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">vor sich hintastend.</p>
-
-<p>&mdash; in grün gebettet &mdash; &mdash; Vater &mdash; &mdash; Pfarrer &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Kapitel zwei: der Sohn wird geboren und ist Mittelpunkt
-des pfarrhäuslichen Lebens. Mit jeder Sorge
-ist man um ihn bemüht. Er gedeiht gesund. &mdash; An
-diese früheste Kindheit werden Sie sich kaum erinnern?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Jetzt &mdash; &mdash; kenne ich sie!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Aber mit dem nächsten Abschnitt kommen Sie ins
-Fahrwasser. Die Schulzeit. Das Gymnasium ist nicht
-groß &mdash; wenige Schüler, unter denen Sie der beste
-sind. Das Lernen fällt Ihnen leicht &mdash; Sie stoßen nicht
-auf Widerstände &mdash; und so hat auch diese Epoche
-keinen Stachel für Sie. &mdash; Oder gibt es eine dunkle
-Wolke?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wenn &mdash; &mdash; Sie es nicht wissen!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Schön, es gibt also keine. Weiter. Damit war der
-Rahmen gezeichnet, in dem Sie sich damals bewegten.<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-Es wurde Ihnen von Hause aus wie selten einem
-jungen Menschen leicht gemacht &mdash; und Ihre Anlagen
-kamen den Absichten Ihrer Eltern auf halbem Wege
-entgegen. Sie entwickelten in selten hohem Maße
-die Fähigkeit, ein glücklicher Mensch zu sein. Kein
-schöneres Bild, als diese vollkommene Übereinstimmung
-von Mensch und Umgebung. Da gibt es kein erschütterndes
-Erlebnis, das das Blut vergiftet. Tag
-reiht sich an Tag wie die Blumenkette, die Kinder
-binden! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <span class="directive">Eindringlich.</span> Flutet es nicht warm
-über Ihr Herz, wenn Sie dies Evangelium Ihrer Vergangenheit
-von mir erzählen hören? Es muß doch
-ein sehnsüchtiges Verlangen in Ihnen wach werden &mdash;
-nach diesem Paradiese, in dem Sie &mdash; bevorzugt vor
-so vielen &mdash; wandeln durften? Behütet und geliebt
-&mdash; vor jedem Stoß, den andere schon in diesem Alter
-erleiden, bewahrt. Blicken Sie nicht in einen kristallklaren
-See, dem man bis auf den Grund sieht &mdash;
-und auch da nichts findet als runde und blanke
-Kiesel? &mdash; Sagen Sie zu Ihrer glücklichen Vergangenheit
-ja &mdash; und retten Sie sich das beste, was man besitzen
-kann!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">wie unter Schauern von Glück zitternd.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; das beste &mdash; &mdash; was man besitzen kann &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">in Erregung geratend.</p>
-
-<p>Sagen Sie ja zu dieser Vergangenheit?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">hinhauchend.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; ja &mdash; &mdash; ja &mdash; &mdash; ja &mdash; &mdash;!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Jetzt unterschreiben Sie Ihre Bekundung!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schon die Hände aufhebend.</p>
-
-<p>Ja!</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">zum Wärter.</p>
-
-<p>Befreien Sie die Hand! <span class="directive">Zum Milliardär.</span> Ihre Zustimmung
-hat Sie überführt, diese Vergangenheit gehört
-dem Sekretär. Sie sind der Sekretär. <span class="directive">Da der Milliardär
-zögert.</span> Ich sage Ihnen das, damit Sie die richtige
-Unterschrift leisten: die des Sekretärs!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schreibt in die Luft.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Was machen Sie denn? Sind Ihnen Ihre eigenen
-Schriftzüge nicht mehr erinnerlich?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">unterschreibt.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Die Untersuchung ist abgeschlossen. Ich hoffe, daß Sie
-zu dem früheren Ableugnen Ihrer Person nicht wieder
-zurückkehren. Es wäre von jetzt an zwecklos! <span class="directive">Er
-gibt dem Wärter ein Zeichen.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">vom Wärter nach rechts geführt.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; das beste &mdash; &mdash; das beste &mdash; &mdash; <span class="directive">Ab.</span></p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">steht noch nachdenklich. Dann telephonierend.</p>
-
-<p>Umfassendes Geständnis!</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">kommt hinten.</p>
-
-<p>Das klingt wirklich wie ein Märchen! <span class="directive">Er liest im Protokoll.</span>
-Das ist ja glatt gegangen. Hatte er denn die Falle
-nicht gesehen, in die Sie ihn lockten?</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">grübelnd.</p>
-
-<p>Finden Sie nicht, daß das merkwürdig ist?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Er war übermüdet.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Den Eindruck hatte ich nicht: er lebte förmlich auf,
-als ich ihm seine Vergangenheit erzählte!</p>
-
-<p class="directive">Wärter kommt rechts.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">rasch.</p>
-
-<p>Hat er mir eine Mitteilung zu machen?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Will er nicht schon wieder der andere sein?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p>Ist er zusammengeklappt?</p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p>Er steht aufrecht und sieht nach oben und murmelt
-etwas.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE RICHTER</p>
-
-<p>Wie er hier stand &mdash; &mdash; im Traum &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE RICHTER</p>
-
-<p class="directive">nach einem Schweigen.</p>
-
-<p>Jedenfalls wird es für ihn ein scheußliches Erwachen
-geben!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>FÜNFTER AKT</h2>
-
-
-<p class="directive">Kleines Hofgeviert: auf den Schachtgrund umstehender Gefängnismauern
-gesenkt. Karge Grasnarbe mit fester Eisenbank
-in der Mitte. Eine niedrige Tür links und eine schmale hohe
-Tür hinten.</p>
-
-<p class="directive">Wärter führt den Milliardär &mdash; nun Sträfling in schwarzem
-Leinenkittel mit rotem Halsrand &mdash; von links ein.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Der Vorhof des Todes?</p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p>Sie haben hier noch eine Stunde.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nickt.</p>
-
-<p>Das letzte Stündchen hat geschlagen. <span class="directive">Sich umsehend.</span>
-Milde Gepflogenheit &mdash; &mdash; über Grün tappen die
-Füße &mdash; &mdash; und oben strömt Himmels Blau! Erst
-schwerste Strafe öffnet Beglückung. <span class="directive">Er steht reglos.</span></p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p>Sollen Besucher kommen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sind Neugierige da? Ich sträube mich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p class="directive">links ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">setzt sich auf die Bank.</p>
-
-<p class="actor">WÄRTER</p>
-
-<p class="directive">läßt den Herrn in grau ein. Wärter ab.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">hat eine offensichtliche Wandlung durchgemacht: Sein Anzug
-&mdash; in Farbe wie früher &mdash; ist von tadellosem Schnitt; helle
-Gamaschen über Lackstiefeln, grauer stumpfer Zylinder, weiße
-Glacés mit schwarzen Raupen. &mdash; Rasch auf den Milliardär zugehend
-und ihm die Hand hinstreckend.</p>
-
-<p>Noch nicht zu spät. Das ist ein wahres Glück. Ich
-wäre gern früher erschienen, aber die Geschäfte &mdash;!
-Schwefelgrube &mdash; wuchtige Sache. Ausbeute jährlich
-&mdash; &mdash; Von Rentabilität und Dividende sind Sie ja
-wohl augenblicklich einigermaßen entfernt. Das ist
-auch nicht der Gegenstand, von dem ich Sie zu unterhalten
-beabsichtige &mdash; ich wollte Ihnen danken!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich wüßte nicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sie gestatten, daß ich neben Ihnen Platz nehme &mdash;
-auf dem Armesünderbänkchen. Man hat doch wenigstens
-einmal ein ruhiges Viertelstündchen. Also
-von ganzem Herzen Dank &mdash; Dank &mdash; und Dank!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wenn Sie mir sagen würden &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ich bin der Herr in grau, dem Sie damals die Unterschrift
-verweigerten unter ein Manifest, das mit einem
-Schlage der Welt die Harmonie schenken sollte. Sie
-ließen sich herbei &mdash; daß Sie sich die Zeit nahmen,
-bewundere ich heute am meisten &mdash; ich hätte sie
-nicht! &mdash; mir die Aussichtslosigkeit meines beglückenden
-Projektes zu demonstrieren. Ihre Argumente trafen
-mich wie Keulenhiebe &mdash; und ich verließ »das heiße
-Herz der Erde«, einen Fluch nach Ihnen schleudernd,
-kräftig genug, um einen Stier zu fällen. Dämmert es?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">mit dünnem Lächeln.</p>
-
-<p>Sie irren sich.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ich verwünschte Sie schnurstracks in den Höllenpfuhl!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Mich nicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Fühlten Sie sich nicht getroffen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Weil Sie jene Unterredung mit dem Milliardär hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">lacht unbändig.</p>
-
-<p>Vor mir brauchen Sie Ihre Rolle nicht zu spielen.
-Stecken Sie den Sekretär in die Tasche. Oder haben
-Sie keine in diesem Schlafrock für die ewige Nacht?
-<span class="directive">Ihm auf die Schulter klopfend.</span> Sie bleiben mein Mann
-auf der Flucht vor dem Furchtbaren!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">erschrocken.</p>
-
-<p>Sprechen Sie leise!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Keine Angst, ich will Sie weder verraten noch befreien.
-Zu solcher Undankbarkeit hätte ich nicht den
-mindesten Anlaß. Sind Sie mit mir zufrieden?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sie sind der einzige &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ihr Prozeß hat mir Vergnügen gemacht. Um keinen
-Preis hätte ich Sie gestört. Das war ein Geniestreich,
-sich in den Sekretär bugsieren zu lassen und den süßen
-Teller seiner blanken Vergangenheit zu schlecken. Ich
-habe Sie ordentlich schmatzen hören, als man Ihnen
-endlich die herrliche Mahlzeit einflößte. Ist Ihnen
-jetzt wohl im Magen?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es war die Rettung &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Als der Sohn &mdash; diese erhoffte schönere Wiedergeburt
-in Friede und Freude &mdash; sich abwärts bewegte!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Still davon!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Aber Sie haben doch nichts mehr zu fürchten. Und
-vom festen Ufer blickt man doch mit einer gesunden
-Schadenfreude auf das tobende Meer unter sich zurück.
-Sie haben sich geborgen &mdash; und in wenigen Minuten
-kann es Sie den Kopf nicht mehr kosten. Davor
-sind Sie ganz sicher!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Weshalb danken Sie mir?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Sagt Ihnen das ein flüchtiger Blick auf meinen äußeren
-Menschen nicht?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sie sind mit einiger herausfordernder Feinheit gekleidet.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Nur zur Illustrierung inneren Aufbaus. Ich bin auf der
-Flucht.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wovor &mdash; Sie?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Vor Ihrer Weltordnung!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen Sie mich nicht wieder verwünschen?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ich segne Sie. Aus rosenroten Wolken haben Sie mich
-auf die platte Erde gestellt. Auf beiden Füßen wuchte
-ich kerzengerade. Ihr Gesetz herrscht: wir fliehen!
-Wehe dem, der strauchelt. Zertreten wird er &mdash; und
-über ihn weg tobt die Flucht. Da gibt es keine
-Gnade und Erbarmen. Voran &mdash; voran! &mdash; hinter
-uns das Chaos!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Und erreichten Sie schon einen Vorsprung?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Ein folgsamer Schüler war ich. Reichtum häufe ich
-und stelle diesen blinkenden Berg zwischen mich und
-die anderen. Ungeheure Energien sind entwickelt,
-wenn man das Gesetz weiß. Man rennt noch im
-Schlafe und mit fertigen Projekten springt man morgens
-vom Bett. Es ist die wilde Jagd. Gott sei Dank,
-daß Sie Ihr Geheimnis nicht mit hinübernehmen &mdash;
-jetzt kann ich der Menschheit das wahre Heil verkünden!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen Sie das tun?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Es ist geschehen. Mein Abfall wirkt aufrüttelnd. Alle
-Verbände sind gesprengt, der Kampf wütet auf der
-ganzen Linie. Jeder gegen jeden schonungslos!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Und sehen Sie ein Ziel, nach dem Sie stürmen?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Lächerlich, es gibt keins!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Es gibt schon eins.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn verblüfft an.</p>
-
-<p>Foltern Sie mich nicht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Das liegt am Anfang!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">lacht dröhnend.</p>
-
-<p>Ja &mdash; Sie sind ein Glückspilz. Sie können sich über
-uns lustig machen. Sie haben allerdings die Ursache
-beseitigt, die zum Rennen aufscheucht. Aber es bleibt
-ein Einzelfall: so komplette Doppelgänger können sich
-nicht alle leisten! &mdash; Außerdem, ich will Ihnen etwas
-verraten. <span class="directive">Eine Geste rund um den Hals vollführend.</span> Die
-meisten würden auch die Kosten scheuen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nennen Sie diesen Preis hoch?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">aufstehend.</p>
-
-<p>Das veranschlagen Sie wohl am besten nach eigenem
-Ermessen. Zimperlich sind Sie ja nie gewesen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-man Ihnen eine Rechnung präsentierte! &mdash; Ich würde
-mich gern länger aufhalten, aber &mdash; auch Ihre Zeit ist
-beschränkt. Jedenfalls macht es Ihnen eine kleine
-Freude, daß Ihre große Entdeckung nicht mit Ihnen
-verschwindet. <span class="directive">Er streckt ihm beide Hände hin.</span> Also
-Kopf hoch!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Solange es dauert.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p class="directive">lacht &mdash; seinen Hut schwenkend.</p>
-
-<p>Auf Wiedersehen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wo?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR IN GRAU</p>
-
-<p>Allerdings &mdash; für diesen Fall hat man die Grußformel
-nicht gleich zur Hand!</p>
-
-<p class="directive">Wärter öffnet hinten, Herr in grau ab.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sitzt unbeweglich &mdash; das Kinn auf den Handrücken.</p>
-
-<p class="directive">Wärter läßt den Sohn ein. Wärter ab.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">zögert &mdash; geht dann rasch zum Milliardär, streckt ihm die Hand hin.</p>
-
-<p>Ich bin gekommen &mdash; um Ihnen zu verzeihen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht langsam zu ihm auf.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Erkennen Sie mich nicht?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>&mdash; Doch.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Mein Entschluß überrascht Sie. Vielleicht ist es sonderbar,
-daß ein Sohn das tut. Es ist das geringste. Ich
-will Sie retten.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Halten Sie Strickleiter und Steigeisen bereit?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich will Sie als meinen Vater anerkennen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht auf und geht hinter die Bank.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Machen Sie es mir nicht schwerer, als es mich schon
-drückt. Ich bin schuldig wie Sie. Weil ich die Waffe
-auf ihn gerichtet hatte. Die Kugel hatte ich für ihn
-bestimmt. Wer abdrückte, blieb gleich.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Das ist mir unverständlich.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Glauben Sie an meine Schuld &mdash; und lassen Sie mich
-nicht in diesen gräßlichen Dingen wühlen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Haben Sie einmal gedacht &mdash; was ich getan habe?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was jeder tun muß, wenn er den Wahnsinn in Macht
-tanzen sieht.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>War Ihr Vater wahnsinnig?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Macht ist Wahnsinn!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ja &mdash; er war mächtig.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und schuldig! Hinter Ihrer Schuld steht seine &mdash; riesengroß
-und unauslöschlich. Sie sind sein Opfer, wie ich
-es bin &mdash; wie alle mit irgendeinem Gedanken!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen alle töten?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Sie müssen es, der Zwang ist unabweislich. Die Versuchung
-ist von denen, die sich emporwerfen, geschaffen.
-Mit Gewalt erheben sie sich &mdash; mit Gewalt werden
-sie heruntergerissen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sie machen es sich leicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Empfing ich nicht die letzte Bestätigung von Ihnen?
-Ich kenne Ihr Leben &mdash; ich habe atemlos die Berichte<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-gelesen. Die reinste Kindheit und das freundlichste
-Jünglingsalter haben Sie gelebt &mdash; wo zeigt sich eine
-Anlage zur Gewalttätigkeit?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Auch Sie haben die reinste Kindheit &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und griff zur Waffe. Ich wollte aus aufwallendem
-Gerechtigkeitsgefühl strafen &mdash; Sie sich bereichern.
-Erst der Anblick von Gewalt riß Sie hin. Das Beispiel
-hatte Ihnen mein Vater, der immer rücksichtslos
-handelte, gegeben &mdash; und solange es solche Beispiele
-gibt, werden wir versucht!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen Sie die bösen Beispiele ausrotten?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Mit Ihrer Hilfe!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was kann ich dazu tun?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Sie sollen auf Ihren Platz, der Sie über andere stellt,
-verzichten und zu uns herabsteigen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Dazu müßte Ihr Vater leben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich werde zum Richter gehen und erklären, daß ich
-Sie nach dieser Unterredung als meinen Vater erkannt
-habe!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Und die Koralle?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Nichts darf im Wege stehen. Die Aufgabe ist ungeheuer.
-Es gibt kein Bedenken. Es dreht sich um das
-Schicksal der Menschheit. Wir vereinen uns in heißer
-Arbeit &mdash; und in unserem unermüdlichen Eifer sind
-wir verbunden wie Vater und Sohn!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p>Nein &mdash; so kann ich mich nicht verleugnen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wenn es um Ihr Leben geht?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Weil es um <em class="gesperrt">das</em> Leben geht, das Sie mir anbieten!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Überwindung fordert es. Mich hat es Kämpfe gekostet,
-Sie aufzusuchen. Ich ging um der hohen Sache
-willen. Den Schatten meines Vaters, der hinter Ihnen
-steht, bannen Sie, wenn Sie diesem Werk dienen!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>So gelingt das nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich gelobe es Ihnen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ihnen Sohn zu sein, der seinen Vater nicht verlor!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">tritt nahe vor ihn.</p>
-
-<p>Soll ich Ihnen meine Bedingung stellen?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Jede!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wollen Sie mir der Sohn sein, den Ihr Vater sich
-wünschte?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was heißt das?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Richte Du Dich wieder auf dem sonnigen Ufer ein &mdash;
-dann könnte ich mich Deinem Wunsche fügen!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">starrt ihn an.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sonst läßt sich der Schatten &mdash; der hinter mir steht! &mdash;
-nicht bannen!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Wie sprechen Sie?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wie Ihr Vater. Erschüttert Sie die erste Probe?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">betrachtet ihn mit scheuen Blicken.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">legt ihm die Hände auf die Schultern.</p>
-
-<p>Es ist schön, daß Sie noch einmal gekommen sind.
-Gern ruht das Auge auf Menschen, die jung sind.
-Haben Sie nicht eine Schwester? Wollte sie mich auch
-als Vater annehmen? &mdash; Lockvögel seid ihr, aber dahin
-springen keine Brücken mehr. Sie haben mich nur
-fester überzeugt. Lassen Sie mich in meinem Hof.
-Grünt es hier nicht? &mdash; Suchen Sie Ihr Schlachtfeld.
-Der Frieden verleitet vielleicht zum Krieg &mdash; aber
-wer aus dem Blutbad auftaucht, der sucht sich zu
-retten. Sie wollten mir nicht helfen &mdash; da nahm ich
-mein Schicksal selbst in die Hand. Dürfen Sie mir nun
-zürnen, wenn ich Ihnen die Unterstützung verweigere?
-<span class="directive">Er führt ihn nach links.</span> Schelten Sie mich in keiner
-Stunde Ihres tatenreichen Lebens &mdash; Sie haben ja
-kühne Pläne &mdash; und mißlingt Ihnen das eine oder das
-andere &mdash; und am Ende alles! &mdash; opfern Sie dem Andenken
-Ihres Vaters nicht mit Zorn und Vorwürfen:
-er hätte Sie vor Enttäuschungen bewahrt &mdash; &mdash; aus
-Gründen, die zu enthüllen begreiflicherweise hier zu
-weit führen würde. <span class="directive">Da der Geistliche kommt, zum Sohn.</span>
-Da sehen Sie, es fehlt uns am nötigsten: Zeit!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">sieht ihm noch nach.</p>
-
-<p>Geistlicher ist zur Bank getreten und betrachtet den Milliardär.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">kehrt sich zu ihm.</p>
-
-<p>Der dritte und letzte Gast?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Nach dem Anblick, der sich mir bot, ist meine Aufgabe
-schwer. Sie erhielten die beste Tröstung, die
-von Menschen zu vergeben ist: die Versöhnung mit
-dem Sohn des unglücklichen Vaters.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Nein, Sie irren: wir sind im Streit auseinander gegangen.
-Und wenn ich ihn zur Tür geleitete, so geschah
-es, weil ich der Kräftigere war. Ich stützte
-den Unterlegenen.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Suchte er Sie nicht auf?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Er legte mir eine Schlinge, in die ich mich verfangen
-sollte. Aber ich war auf der Hut.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Er hat Ihnen vergeben?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Hatte er dazu Anlaß?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Sie nahmen ihm seinen Vater!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">setzt sich.</p>
-
-<p>Glauben Sie an das Recht der Vergeltung?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Der irdischen muß ihr Lauf gelassen werden.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe nur Vergeltung geübt.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Womit hatte er Sie beleidigt?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Die Wahl fällt schließlich blindlings. Dieser oder ein
-anderer. Man hat mir Mutter und Vater getötet.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p class="directive">zuckt die Achseln.</p>
-
-<p>Das Leben Ihrer Eltern beschloß ein friedlicher Tod.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Warum hatte ich dann Grund zu töten?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>In unbegreiflicher Verwirrung streckten Sie die Hand
-nach fremdem Reichtum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nickt.</p>
-
-<p>In unbegreiflicher Verwirrung &mdash; das stempelt eure
-Weisheit. Ich lehne mich nicht mehr auf. Ihr wölbt
-den Himmel über mich, unter dem ich freudig atmen
-soll. Überreich beschenkt ihr mich!</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p class="directive">nach einer Pause.</p>
-
-<p>Sie haben den Wunsch nach der Koralle geäußert,
-ich bringe sie Ihnen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nimmt und betrachtet sie.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Sie können mich abweisen &mdash; oder Ihr Ohr meinen
-Worten verschließen.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Sprechen Sie.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p class="directive">setzt sich zu ihm.</p>
-
-<p>Von der Zuflucht, die uns geöffnet ist, wenn wir aus
-diesem Leben, das wie ein Haus mit schwarzen Fenstern
-ist, treten &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Erzählen Sie von diesem Haus mit schwarzen Fenstern.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Könnte das Licht breiteren Einlaß finden &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">nickt.</p>
-
-<p>Das ist es.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Aber es gibt kein Zuspät. In einer Sekunde kann der
-unendliche Schatz erworben werden!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Was ist das für ein Schatz?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Das neue Sein hinter dieser Frist!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Liegt es in der Zukunft?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Die aufnimmt, wer mit demütigem Finger klopft!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">kopfschüttelnd.</p>
-
-<p>Es bleibt der alte Irrtum.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Gültige Verheißungen sind uns gegeben!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Flucht in das Himmelreich. Das wird keine Erlösung
-von Kreuz und Essig. Am Ende findet man es nicht
-&mdash; im Anfang steht es da: das Paradies!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Wir sind vertrieben &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Verdunkelt das die Erkenntnis? &mdash; &mdash; Ich will Sie nicht
-erschüttern und Ihnen Ihr Werkzeug aus den Händen
-schlagen. Aber die tiefste Wahrheit wird nicht von
-Ihnen und den Tausenden Ihresgleichen verkündet &mdash;
-die findet immer nur ein einzelner. Dann ist sie so
-ungeheuer, daß sie ohnmächtig zu jeder Wirkung wird!
-&mdash; Sie suchen eine Zuflucht &mdash; ich könnte Ihnen sagen,
-daß Sie einen falschen Weg einschlagen. Das Ziel
-überspringt Sie hundertmal &mdash; und jedesmal versetzt
-es Ihnen einen Keulenschlag in den Rücken. Weiter
-rast Ihre Flucht zur Zuflucht. Sie kommen niemals
-an. Dahinaus nicht &mdash; dahinaus nicht!</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>So sprechen Sie zu mir: was gibt Ihnen &mdash; ich muß
-es ja so ausdrücken &mdash; diese feierliche Ruhe?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ich habe das Paradies, das hinter uns liegt, wieder
-erreicht. Ich bin durch seine Pforte mit einem Gewaltstreich
-&mdash; denn die Engel zu beiden Seiten tragen
-auch Flammenschwerter! &mdash; geschritten und stehe mitten
-auf holdestem Wiesengrün. Oben strömt Himmelsblau!</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Denken Sie jetzt an Ihre freundliche Kindheit?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ist es nicht einfach zu finden? Deckt es sich nicht
-mit schon gesagten Worten: werdet wie die Kinder?
-Zur Weisheit braucht es ja nur ein Wortspiel.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Warum können wir Menschen nicht Kinder bleiben?</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Das Rätsel lösen Sie heute und morgen nicht!</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p class="directive">blickt vor sich hin.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Sehen Sie das?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Die Koralle, nach der Sie zuletzt verlangten.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Wissen Sie, wie das vom Boden des Meeres wächst?
-Bis an die Fläche des Wassers &mdash; höher reckt sie sich
-nicht. Da steht sie, von Strömen umspült &mdash; geformt
-und immer verbunden in Dichtigkeit des Meeres.
-Fische sind kleine Ereignisse, die milde toben. Lockt
-das nicht?</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Was meinen Sie?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p>Ein wenig die Kapsel lüften, die das Rätsel verschließt.
-Was wird das beste? Nicht aufzutauchen und in den
-Sturm verschleppt zu werden, der an die Küsten fährt.
-Da brüllt Tumult und zerrt uns in die Raserei des
-Lebens. Angetriebene sind wir alle &mdash; Ausgetriebene
-von unserm Paradies der Stille. Losgebrochene Stücke
-vom dämmernden Korallenbaum &mdash; mit einer Wunde
-vom ersten Tag an. Die schließt sich nicht &mdash; die
-brennt uns &mdash; unser fürchterlicher Schmerz hetzt uns
-die Laufbahn! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Was halten Sie in der Hand?
-<span class="directive">Er hebt die Hand des Geistlichen mit dem schwarzen Kreuz hoch.</span>
-Das betäubt nur den Schmerz. <span class="directive">Er hält die rote Koralle
-in seinen beiden Händen vor seine Brust.</span> Das befreit
-vom Leid!</p>
-
-<p class="directive">Die hohe schmale Tür wird hinten geöffnet.</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">steht auf.</p>
-
-<p class="actor">GEISTLICHER</p>
-
-<p>Ich &mdash; kann Sie nicht begleiten!</p>
-
-<p class="actor">MILLIARDÄR</p>
-
-<p class="directive">geht sicheren Schrittes auf die Tür zu.</p>
-
-
-<p class="center p2"><span class="gesperrt">ENDE</span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2 title="Werbung">WERKE VON GEORG KAISER</h2>
-
-
-<p class="center p4">DIE JÜDISCHE WITWE</p>
-
-<p class="directive">Biblische Komödie in fünf Akten</p>
-
-
-<p class="actor">KÖNIG HAHNREI</p>
-
-<p class="directive">Drama in fünf Akten</p>
-
-
-<p class="actor">DIE BÜRGER VON CALAIS</p>
-
-<p class="directive">Bühnenspiel in drei Akten</p>
-
-
-<p class="actor">EUROPA</p>
-
-<p class="directive">Spiel und Tanz in fünf Aufzügen</p>
-
-
-<p class="actor">VON MORGENS BIS MITTERNACHTS</p>
-
-<p class="directive">Stück in zwei Teilen</p>
-
-
-<p class="actor">DIE SORINA</p>
-
-<p class="directive">Komödie in drei Akten</p>
-
-
-<p class="actor">DIE VERSUCHUNG</p>
-
-<p class="directive">Tragödie in fünf Akten</p>
-
-
-<p class="directive p6"><em class="gesperrt">Weimar.</em> &mdash; <em class="gesperrt">Druck von R. Wagner Sohn.</em></p>
-
-
-
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen
-gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>anderen -- andern</li>
-<li>auf's -- aufs</li>
-<li>meines -- meins</li>
-<li>seines -- seins</li>
-<li>unserem -- unserm</li>
-</ul>
-
-
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 9 »Mench« in »Mensch« geändert.</li>
-<li>S. 13 »heutemorgen« in »heute morgen« geändert.</li>
-<li>S. 37 »weißlakierten« in »weißlackierten« geändert.</li>
-<li>S. 40 »garnicht« in »gar nicht« geändert.</li>
-<li>S. 61 »gechafft« in »geschafft« geändert.</li>
-<li>S. 92 »bischen« in »bißchen« geändert.</li>
-<li>S. 112 »Ableugen« in »Ableugnen« geändert.</li>
-<li>S. 112 »erinnnerlich« in »erinnerlich« geändert.</li>
-</ul>
-
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Koralle, by Georg Kaiser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KORALLE ***
-
-***** This file should be named 63038-h.htm or 63038-h.zip *****
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-</html>
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