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-The Project Gutenberg eBook of Die Welt in Gold, by Rudolf Herzog
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Die Welt in Gold
-
-Author: Rudolf Herzog
-
-Release Date: July 23, 2020 [eBook #62737]
-[Most recently updated: December 26, 2020]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Die
- Welt in Gold
-
- Novelle
- von
-
- Rudolf Herzog
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart und Berlin 1922
-
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-
-
-
- 51.--60. Tausend
-
- Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
- Copyright 1911 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart
-
-
-
-
- J. C. Heer
-
- zu eigen
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Da lag die alte, liebe Stadt zu Füßen. -- Da krochen die alten,
-lieben Gassen wie ehedem den Berg hinan, wie heimliche Liebhaber auf
-gewundenen Pfaden, und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs
-Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und doch nur schöner geworden war.
-
-Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit hinaus, so weit, wie man
-Gedanken senden kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont erklomm,
-die Äste ihres Waldgebietes ausspannte und den ziellos schweifenden
-Gedanken zurief: Bleibt hier -- nutzet den Tag! ...
-
-Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde Gewässer der Lahn,
-und ein Frühlingswind, der nicht mehr als ein Streicheln war, trug
-spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit sich und streute sie
-über den Fluß. Da war's, als ob auch die alte Lahn im Brautgewande
-schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam hinaufblinzelte, der
-alten Stadt Marburg, aus deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk
-hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.
-
-Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, die sich seit
-Jahrhunderten schon ihre Liebe kund taten, waren nicht älter und waren
-nur schöner geworden.
-
-»Wie ist das möglich ...?« fragte sich der Mann am Fenster, »wie ist
-das möglich? Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt und später
-geglaubt, alles das wäre nur mit den leicht entzündbaren jugendlichen
-Sinnen aufgenommen worden. Und nun ist das alles so geblieben und blüht
-noch stärker und setzt sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch --
-über mich. Und lacht über meinen Professorentitel und über meinen
-Lebensernst ... Oder ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier --
-mit Farben schmücke -- von denen meine Seele -- nichts mehr weiß?«
-
-Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als wäre ein Gedanke in
-ihm aufgetaucht, den er sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu
-verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine Versonnenheit, und die
-Versonnenheit wurde zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte und
-suchend durch die Gassen irrte und fand und verharrte und weiterzog und
-wieder fand.
-
-»Der lange Ritter --! Der dicke Baum -- ›Deutschlands Eiche‹
-genannt --! Lindner, der knabenhafte ›reine Tor‹ --! Sein Gegenspiel
-Werder, der große ›Amoroso‹ --! Die ganze Schar --! Und mitten darunter
--- war er das nicht, Klaus Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt
-begrüßte -- der übermütige Junge da mit der Mütze im Nacken, den Rock
-auseinandergeschlagen, auf daß man das hehre Dreifarbenband gebührend
-sehe und respektiere, dem herausfordernden Blick, der immer zum
-Waffengang zu laden schien?«
-
-Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig und nahm Abschied.
-
-»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird sie besser nützen.«
-
-Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. Er bemerkte, daß er
-hemdärmelig war. Ja, ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte
-es über dem Finger auf und schob es um die Brust. »Wenn mich jetzt
-Marianne sähe.«
-
-Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher. Hastig zog er den Rock
-über, daß nur ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb. Und
-unschlüssig wog er die alte Studentenmütze in der Hand.
-
-Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die Mütze in den Nacken.
-
-»Komm nur herein, Walter. Von mir aus kann's losgehen.«
-
-»Papa --! Nein, Papa, wie du aussiehst!«
-
-»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier nicht. Ich bring' dir ganz
-einfach ein Opfer. Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig
-bestehst. Na ja.«
-
-Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze des Sohnes, streifte den
-schlanken Wuchs und heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge.
-
-»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung. Das ist kein Vorwurf. Im
-Gegenteil, ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer der wohlerzogene
-Junge bleibst, das Ziel des Studiums im Auge.«
-
-»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die Couleur darf mich nicht
-stören.«
-
-Der Vater sah ihn noch immer an. Er horchte, als hörte er den Sohn
-weitersprechen. Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme der Mutter,
-Mariannens Stimme. »Die Couleur darf den Jungen nicht stören. Er geht
-zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren Laufbahn einmal nützlich
-sein wird.« Weshalb -- weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent
-geworden? Aus Nützlichkeitsgründen? Ach nein, weil das alles einmal
-für ihn untrennbar von Jugend -- Jugend, Jugend gewesen war.
-
-Gewesen war! ...
-
-Das war heute anders geworden. Wirklich? War es das wirklich? Oder nur
-bei Mariannens Sohn und -- bei Mariannens Gatten? Und er spürte den
-erstaunten Blick des Sohnes, daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben
-habe. Da besann er sich.
-
-»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen die Renommistenlieder melden,
-das Saufen und Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren nur noch
-im Kommersbuch. Das Leben ist fortgeschritten und stellt immer höhere
-Anforderungen, und ihr seid um so vieles weiter, als wir es waren.«
-
-»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.«
-
-»Wie --?«
-
-»Du mußt mal ein mordsfideler Student gewesen sein. Die steile Terz da
-und der wilde Durchzieher querüber --«
-
-»Fuchs, krasser, was faselst du --? Erstens ist das keine steile Terz,
-sondern ein Spicker, den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen hat,
-und zweitens bitte ich, eine regelrechte Quart von einem windhündigen
-Durchzieher zu unterscheiden, und drittens -- und viertens -- ist das
-überhaupt nicht der Zweck unserer Unterredung. Was wollt' ich dir doch
-noch sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen. Was ist das für eine
-wundersame Frühlingsstimmung ... -- Mütze auf. Wir wollen gehen.«
-
-»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?«
-
-»Tante -- Werder? Ach so. Aber natürlich.«
-
-»Und meine Studentenbude mußt du dir auch noch ansehen. Hier, gleich
-neben deinem Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«
-
-Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht keine Notiz mehr zu
-nehmen. Er war mit dem Sohne auf den schmalen Korridor hinausgetreten
-und stand nun auf der Schwelle des kleinen, schmucken Zimmers. Sein
-Blick überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene Bett, den
-weißen Tisch, die weißen Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das ist
-ja ein Boudoir, Walter.«
-
-»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder scheint es sich leben zu lassen.«
-
-»Junge, meine Studentenbude sah ein klein wenig anders aus. Direkt
-unter dem Dach, bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus roch
-nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel man zwei dutzendmal in die
-Lederrollen, bis man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht
-hatte. Aber schön war's doch, wenn man auch die lange Pfeife mitsamt
-den Kanonenstiefeln zum Dachfenster hinausbaumeln lassen mußte -- um
-Raum zu sparen.«
-
-Der Junge lachte.
-
-»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren können.«
-
-»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das ging da eben sehr schlecht,
-und ich machte mich denn auch eines Tages auf nach Berlin, um -- hm --
-wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit zu gewinnen.«
-
-»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« Und der Sohn suchte die Hand
-des Vaters und sah bewundernd zu ihm auf.
-
-Einen hastigen Blick warf der Professor zum Fenster hinaus. Da lag
-Marburg. Und er wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.
-
-»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau zu melden.«
-
-Der Junge zeigte den Weg. Ein paar Stufen führte er hinab und klopfte
-an eine weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles hier ist,‹
-dachte der Professor und betrat auf ein helles »Herein« das Zimmer. Mit
-rascher Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und verbeugte sich tief und
-ritterlich vor der Frau, die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor
-ihm stand.
-
-»Meine gnädige Frau --«
-
-»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich begierig, wie's weiter geht.«
-
-Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung auf. »Verzeihung,
-meine gnädige Frau --«
-
-Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen. Den Kopf ein wenig zur
-Seite geneigt, schien sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch
-war es dem Manne, als säße eine durchaus nicht zum Empfang gehörige
-Lustigkeit in ihren Augenwinkeln.
-
-»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger Zurückhaltung.
-
-Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür denn nur? Ihr habt mich doch
-nicht vergessen und mir den Jungen geschickt. Das ist doch ein Beweis
-der Wertschätzung. Und ich war nicht immer artig nach euren Begriffen.
-Aber davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und nun nahm sie die
-Hände aus den Schürzentäschchen und schlug sie zusammen. »Wie famos du
-aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt dich mit einem Schlage,
-oder du bist überhaupt nicht älter geworden.«
-
-Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf das Du war er nicht vorbereitet
-gewesen. Und unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf seinem
-Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau --« begann er noch einmal.
-
-»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast meinen Namen vergessen. Aber ich
-nehme dir das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die mich von Herzen
-freut, an ganz andere Namen gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud,
-weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und -- ja, jetzt muß _ich_ wohl
-um Verzeihung bitten, denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn
-ich gegen die Formen verstoßen haben sollte, Herr Professor -- pardon,
-Herr Geheimrat -- Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und hier in
-Marburg noch so ganz in der alten Zeit steckengeblieben.«
-
-Da schob der Professor die Mütze in den Nacken und ging, beide Hände
-ausgestreckt, auf die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud. Ich freue
-mich, daß _du_ wenigstens in der alten Zeit steckengeblieben bist.«
-
-Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten Tag, Klaus. Also doch mal
-wieder heimgefunden nach Marburg?«
-
-»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war die Heimat meiner Jugend.«
-
-»Und bringst jetzt den Jungen daher? In die alte Couleur?«
-
-»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger Mädchengesicht, möcht'
-ich fast, ich könnt' den Jungen nicht nur in meine alte Couleur, ich
-könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.«
-
-»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz deines hohen Fluges.«
-
-»Herrgott nochmal.«
-
-»So, und nun könntest du wohl meine Hände loslassen. Nein, nein,
-verwandtschaftliche Beziehungen reden in solchen Sachen durchaus nicht
-mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.«
-
-»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da. Bist du mit ihm zufrieden?«
-
-»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation und Kollegbelegen zu tun.
-Und seit drei Tagen ist er erst da.«
-
-»Und ich bin erst seit einer halben Stunde da, und schon bist du mit
-mir unzufrieden.«
-
-Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,« sagte sie nur.
-
-Da lachte auch er.
-
-»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung, und ihr Mädels habt
-ihn aufgeschnappt.«
-
-»Keinen friedlichen Studenten konntest du vorüberlassen, ohne die Segel
-gegen ihn zu hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen. Das
-imponierte uns höheren Töchtern mächtig. Bist du immer noch so wild?«
-
-Der Professor suchte den scherzenden Ton beizubehalten.
-
-»Ordentlicher Professor an der Universität Berlin und Geheimer
-Regierungsrat,« meldete er dienstlich, »außerdem« -- und es klang
-eine Schärfe hinein -- »zwanzig Jahre verheiratet mit deiner Cousine
-Marianne.«
-
-Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der sich in beschaulicher Ruhe zum
-Fenster hinausgelehnt hatte, ging an dem Mann vorüber und strich ihm im
-Vorbeigehen über die Augen.
-
-»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in Marburg. -- Walter!«
-
-Der Junge fuhr dienstfertig herum. »Tante Werder?«
-
-»Ich muß euch mal nebeneinander sehen. So -- -- Aha, die Länge ist die
-gleiche. Und das dunkle Haar --«
-
-»Ich habe schon weiße, Traud.«
-
-»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen. Also das dunkle Haar
-hüben wie drüben. Das Gesichtel in der jüngeren Auflage --«
-
-»O Gott, das Gesichtel!«
-
-»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem, Klaus. Ja, Walter,
-vorläufig noch mehr Milch als Blut, aber verlaß dich nur auf deine
-alte Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur schon sorgen.«
-
-Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar.
-
-Der Junge errötete unter der frauenhaften Liebkosung. »Erstensmal bist
-du nicht alt, sondern noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich
-gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen. Ich werde schon meine Zeit
-anders verwenden, und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe heut,
-ins Kolleg.«
-
-Sie streichelte noch immer sein Haar.
-
-»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber -- Bravheit schützt vor Jugend
-nicht.«
-
-Da lachten sie alle drei mitsammen, und der Junge haschte nach ihrer
-Hand und küßte sie in wohlerzogenem Respekt.
-
-»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein älterer Bruder. Forsch, was?
-Gib acht, daß er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften
-Marburgs vor die Klinge nimmt.«
-
-»Ach -- Tante! Aber er sieht wirklich anders aus als zu Hause.«
-
-»Das tut die gute Marburger Luft. Und nun hab' ich euch mit meinem
-Schwatz lange genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu spät auf den
-Berg. Du bleibst doch noch einige Tage, Klaus?«
-
-»Der Minister hat dringende Arbeiten für mich, sonst hätte ich
-den Walter selbst hergebracht. Nun langt's nur für den Tag der
-Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen nicht nehmen lassen wollte.«
-
-»Schade --. Aber -- der Minister und Marburger Frühling -- das reimt
-sich schlecht zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen für
-heute.«
-
-»Auf morgen, Traud. Wir werden diese Nacht sehr leise auftreten.«
-
-»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.«
-
-»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's frisch sein.«
-
-In der Tür wandte sich der Professor um. »Entschuldige, aber da vergaß
-ich ganz, dir die schönsten Grüße von Marianne auszurichten und ihren
-verbindlichen Dank für die gute Aufnahme des Jungen. Wir rechnen dir
-das ganz besonders hoch an, weil -- nun, weil --«
-
-»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber auf die Kneipe.« Und sie
-lachte ihn aus.
-
-Der Junge polterte schon auf der Stiege. Da trat er noch einmal ins
-Zimmer und griff nach ihren Händen.
-
-»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir durch alle die schweren
-Lebenslagen hindurch nur deine Lustigkeit bewahren können?«
-
-Sie sah ihm fest in die Augen. »Weil ich keine Duckmäusernatur bin.«
-
-»Weil dich das Leben freut?«
-
-»Über alles.«
-
-»Gib mir einen Kuß, Traud. Ich kann ihn brauchen.«
-
-»Mach, daß du hinauskommst.«
-
-Und er hörte ihr Lachen noch auf der Stiege und trug es noch im Ohr,
-als er, Band um, Mütze auf, neben seinem Füchslein den Schloßberg
-hinanstieg, durch den kosenden, streichelnden und schmeichelnden
-Frühlingsabend, hinan zu dem hohen, freien Hang, auf dem das Haus
-seiner alten Verbindung wie eine Warte der Jugend stand. ›Wie lange,‹
-dachte er, ›hab' ich dies Kosen, dies Streicheln und Schmeicheln nicht
-mehr gespürt.‹ Und er tat einen tiefen, wohligen Atemzug. ›Aber heute
--- spür' ich's!‹
-
-
-
-
-Da trat er mit seinem Sohn in den Kneipsaal ein, und er sah
-strahlenden Auges über die Masse der Buntmützen hin, die die mächtige
-hufeisenförmige Tafel dicht bekränzt hielten, und als er den Sohn
-an der Fuchsenecke untergebracht wußte, schritt er hinüber zur
-Tischecke der alten Herren, spähte in den bärtigen Gesichtern nach den
-Gefährten der Jugend, schüttelte kräftig alle die Hände, die sich ihm
-entgegenstreckten, und fiel aus voller Kehle in den Kantus ein:
-
- »~Gaudeamus igitur,
- Juvenes dum sumus!~«
-
-»~Cantus ex est. Schmollis cantoribus!~«
-
-»~Fiducit!~«
-
-»Kreuzer, alter Pirat, tauchen endlich deine Segel wieder auf der Lahn
-auf? Gegrüßet seist du ...«
-
-»Prost, langer Ritter. Ich suche dein Bäffchen und deinen Talar.«
-
-»Hab' beides meiner Hausehre zum Aufbügeln dagelassen. Dieweil,
-juchhei -- dieweil -- juchhei -- der Herr Pastor zu Nutz und Frumm der
-Dorfgemeinde eine kleine Aufbügelung in Marburg vor sich gehen läßt.«
-
-»Ich komme dir einen Halben, Pirat. Nichts zu flicken für einen
-hilfsbedürftigen Landarzt?«
-
-Kreuzer blickte in das starke, gerötete Gesicht. »Der Stimme nach --
-der Melodik der Stimme nach -- ist mir, als hörte ich Deutschlands
-Eiche im Wipfelrauschen. Baum?«
-
-»Zu dienen, Herr Geheimrat. Ich bin der Baum. Aber gestatte, daß ich
-die Umarmung mit dir bildlich vollziehe. Ich stehe nicht gern auf, wenn
-ich sitze.«
-
-»Hast du endlich das Zipperlein?«
-
-»Bitte -- bitte -- diese herrlichen Gliedmaßen gehören dem Wohl des
-Volkes. Deshalb schone ich sie. Und wenn du die Farbe meines Antlitzes
-zu einem ärgerlichen Vergleich mißbrauchen möchtest, so sage ich dir:
-Wind und Wetter haben sie mir angeschmeichelt, und sie ist ehrenvoll
-auf der Landstraße verdient.«
-
-Und eine zarte Stimme sprach: »Er opfert sich auf, unser lieber Baum.
-Da ist ein Mann in seinem Klientel, den er von der Schädlichlichkeit
-geistiger Getränke überzeugen muß, und es ist der Dorfwirt und nicht
-unter die Erde zu bringen. Ganz erschöpft von den endlosen Debatten
-sehe ich oft zur Nachtzeit unseren braven Baum in den Wagen steigen.«
-
-»Du aber, mein braver Lindner, steigst jetzt in die Kanne. So ist's
-recht, mein guter Junge. Ich will dich lehren, neidverzerrt im Pastorat
-auf der Lauer zu liegen, während ich mich bemühe, dir die faulen
-Begräbnissporteln abzuknöpfen. Ah, du meldest dich reumütig mit der
-neuen Blume? Prosit, da trinke ich mit.«
-
-»Lindner, der reine Tor? Und Pfarrherr wie der lange Ritter? Fühlst du
-dich wohl auf dem Land?«
-
-Der Pfarrherr mit dem bärtigen Knabengesicht reichte dem Professor die
-Hand.
-
-»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der Mensch anders als wohl fühlen,
-wenn er die Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und der lange
-Ritter -- und der dicke Baum -- sind das nicht auch ein paar Stücklein
-Natur? Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir einen Kreis bilden,
-haben wir die Jugend mitten darin eingefangen. Nämlich« -- und er
-flüsterte geheimnisvoll -- »die Jugend ist nämlich das beste Stück
-Natur.«
-
-Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische herum. Das braune Bier
-schäumte über den Rand.
-
-»Silentium!«
-
-Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet. Die Narben auf seiner
-Wetterseite leuchteten. Mit heller, klingender Stimme sprach er in das
-Schweigen hinein. Er begrüßte die alten Herren, er begrüßte Aktive,
-Inaktive und Verkehrsgäste, er begrüßte die neu angemeldeten Füchse.
-Es war eine Rede, wie sie seit Jahren zum Semesteranfang gehalten
-wurde, und doch wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder aus
-einem frischen Munde kam und neue Begeisterung den Atem befeuerte. »Wir
-singen das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die Musik spielt den
-ersten Vers vor. Silentium ... das Lied steigt.«
-
- »Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!
- Die Philister sind uns gewogen meist,
- Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.
- Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!«
-
-Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur Saaldecke, und die Bässe
-der alten Herren malten so kräftig den Untergrund, daß die starr
-ins Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten, sich aus ihrer
-Unsicherheit heraustasteten, die tragende Woge des Gesanges erreichten
-und plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen. Der dicke Baum
-lag, die Hände über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt im
-Sessel und sang auswendig. Der lange Ritter hielt das Liederbuch mit
-der Linken und schlug mit der Rechten den Takt auf seines Konfraters
-Lindner Knien. Der lächelte beim Singen selig, als sähe er den Himmel
-offen. Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die Augen der alten
-Freunde und des jungen Nachwuchses, fand nur leuchtendes Licht in
-den Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm selber heiß in die
-Blicke stieg, sah Buntmützen und Dreifarbenbänder, die Vergangenheit
-Wiederkehr halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete,
-griff mit der Hand in die Luft, als müßte er sie halten, fest, fest ...
-
- »Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch!
- Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,
- Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert,
- Frei ist der Bursch!«
-
-Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft! Freies Wort! Kühne
-Tat! Stoßt an -- Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch.
-
-Und drunten Marburg zu Füßen, und droben das Schloß, und ringsherum
-die ganze weite Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern, die
-dennoch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt.
-
- »Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag,
- Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach:
- Frei ist der Bursch!«
-
-Treu? War er dem Burschenschwur treu geblieben? Ah, welche knabenhaften
-Gedanken.
-
-Was weiß der junge Mensch, der hier trinkt und singt, vom Leben?
-Seine Hoffnungen schickt er auf Rosenwolken hinaus und nennt sie
-die ›unumgänglichen Forderungen‹. Und der erste, der sie im Leben
-umgeht, ist er selber, und der Pfründe wegen, der Ehe wegen, all der
-gebieterischen Dinge wegen, die nicht in Marburgs Mauern liegen, lernt
-er um in der Algebra des Lebens. Treu!
-
-Und -- dennoch!
-
-Stunden haben, die wie das Vergessen sind -- bis auf die Stunde.
-
-Nichts wissen, als daß man noch da ist in schwärmender Tafelrunde.
-
-Daß man die schwere Süße um sich spürt der Erwartungen.
-
-Der Erwartungen, die wie nie auszuzählende Frühlingswunder sind und
-doch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt.
-
-Das kam über Klaus Kreuzer, daß seine Stirn sich zusammenzog und aus
-seiner Brust ein langer, stoßender Atemzug ging. Das kam über ihn, daß
-seine Lippen sich zu einem harten Strich zusammenpreßten.
-
-»Pirat! Wen willst du vor die Klinge? Laß sie pfeifen auf Hieb und
-Stich und gottselige Abfuhr! Ach, und stoß an, Bruderherz, da wir doch
-so jung zusammen sind.«
-
-»Dein Wohlsein, Baum. Was? Rest? Wie kann man so trinken!«
-
-»Ist das eine Konsultation?«
-
-»Ich wünsche dich nicht bloßzustellen.«
-
-»Also du fassest das Glas hier unten -- hebst es hinten hoch -- siehst
-du -- vorn läuft es von selber.«
-
-Der vergnügte Landarzt hatte sein Glas geleert. »Ja -- was ich noch
-sagen wollte -- und für ärztliche Bemühungen bekäme ich einen Taler.«
-
-»Halsabschneider!«
-
-»Drückeberger. Kenn' ich. Nur heraus mit dem dicken Silberling. Das
-wäre also der Bowlenfonds.«
-
-Der junge Walter Kreuzer stand, die Mütze in der Linken, am Tische der
-alten Herren. Der schwere Landarzt blieb behaglich im Sessel liegen und
-wandte kaum den Kopf. »Was wünschest du, mein Sohn?«
-
-»Gestatte, alter Herr, daß ich mich vorstelle.«
-
-»Wie heißest du?«
-
-»Walter Kreuzer, Sohn des alten Herrn Klaus Kreuzer.«
-
-Der Doktor streckte ihm die Hand entgegen. »Was? Zwei Kreuzerlein?
-Willkommen in der Couleur. Auf daß du lange lebest, eine Zierde
-unserer Farben wie dein Vater. Prosit, Fuchs. Und bleib alleweil mein
-Freund.«
-
-Und er summte, während er das Glas gegen das Licht hob: »Was nützen
-mich die Kreuzerlein -- wenn ich gestorben bin.«
-
-Der Fuchs hatte sich den alten Herren Pastor Ritter und Pastor Lindner
-vorgestellt. Das Tonnenmützchen saß dem fröhlichen Ritter weit im
-Nacken. Den Arm schlang er um die Taille des jungen Mannes.
-
-»Nun -- nun? Wie heißt die Parole, Fuchs? Philologie? Nimm Öl aus dem
-Krüglein deines Vaters. Medizin? Der große Medizinmann Baum fährt
-dich auf die Praxis, daß du deine Knöchlein besser spürst als die der
-Patienten. Theologie? Komm zu mir und halte bei mir die Probepredigt,
-auf daß ein jähes Erwachen in die alten Weiber fahre. Nur nicht
-Juristerei.«
-
-»Weshalb nicht Jus, alter Herr?«
-
-»Dieweil die Advokaten siebenspännig in die Hölle fahren.«
-
-Und begütigend sprach die zarte Stimme Pastor Lindners: »Es ist seine
-liebenswürdige Marotte. Er hätte selber gern Jus studiert, und nun
-tröstet er sich mit einem Kraftsprüchlein.«
-
-»In die Kanne, lieber Lindner. So -- geschenkt. Nun wird dein
-Zeigefinger wohl nicht mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen.
-Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele von einem Menschen.«
-
-Und wieder rauschten Geigen, Bässe und Flöten von der Musikantentribüne
-durch den Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in die
-hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem Frühlingsmorgen entgegen,
-der in der Zukunft lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht
-hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend trug.
-
-Das Präsidium war an die alten Herren übergegangen. Der lange Ritter
-hielt es in starken Händen. Scheffel regierte die Stunde, und der
-Rodensteiner brauste durch den Odenwald: »Raus da, raus aus dem Haus
-da, o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum stand würdevoll vor
-dem Präsidentensessel, und er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den
-ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg, am Rheine, am Rheine!
-Und nun hatte der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner die
-Kommandogewalt.
-
-»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme, »als ein Vorläufer. Wir
-haben ihn unter uns, den wir schon liebten, als wir jung waren wie
-ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen von der Fuchsentafel und
-über die Mensurböden und durch die Burschenzeit ins Leben hinein.
-Er war die Sonne unserer Jugend und der beste Student, den Marburgs
-Mauern, Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je gesehen. Wer kann
-die Sonne fangen? Es fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und
-seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt, gab sie der Menschheit.
-So wurde er der Stolz unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde
-uns die lebendige Versicherung, daß auch wir recht getan hatten, das
-Gottesgeschenk der Jugend zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf
-hoher Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch geliebt von seinen
-Jüngern. Silentium! Wir reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn
-Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus Kreuzer.«
-
-Der Donner der Gläser auf den Tischplatten war verklungen. Still saß
-der Professor auf seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute er über
-die Buntmützen hin, als sähe er Menschen und Dinge in den Saal strömen,
-die nicht mehr waren. Sprach der bärtige Mann am Präsidententisch
-wirklich von ihm? Hatte es das gegeben? Soviel Sonne --? Soviel
-Sonne? Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen Knabengesicht
-nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem Gewordenen, der Gegenwart sprach?
-Nein, nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen. Und nun
-donnerte die Huldigung in sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus
-der Weite zurück und sah wieder feste Linien, sah junge Gestalten, sah
-junge, lachende, fragende, schwärmerische Augen auf sich gerichtet. --
-Da riß es ihn auf.
-
-Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe das Präsidium --«
-
-Da stand er am Platz des Präsidenten, an dem er -- fünfundzwanzig Jahre
-waren es bald -- so oft gestanden hatte.
-
-»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung dargebracht, und das ist
-ein Geschenk. Da bedarf es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? Nun,
-dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß ich jung bleiben will, wie ich es
-einmal war, wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! Und wenn
-die Welt voll Teufel wär'! Nur diese eine Tugend gibt's. So wünsche
-ich uns alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und nicht anders.
-Ach, was wißt ihr, wie ihr den Burschensang und -klang braucht im
-Leben! Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab ihn uns, damit wir
-im Jagen und Drängen zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich --
-irgendwoher -- im Ohre ertönt. Daß wir vergleichen, prüfen, wägen und
--- zu leicht befinden. Daß wir beschämt innehalten. Wenn's not tut:
-das Steuer herumwerfen. An Bord nehmen, was hinter uns her schwimmt
-mit verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, ohne den wir verloren
-sind gegen den schlimmsten Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die
-Blasiertheit. Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. Ein blasierter
-Mensch ist ein Bankerotteur, der sich seiner Daseinsberechtigung begab,
-als er die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. Laßt es
-euch gesagt sein, ihr Burschen und Füchse: Die Schönheiten der Welt
-sind keine Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf einer Wolke
-auf der Lauer und späht durchs Fernglas, zu sehen, wer von den armen
-Menschlein ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, die uns die
-kurze Erdenspanne mit seinen Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie
-auf, und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, und ihr behaltet eure
-hellen Augen und euer klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der Jugend
-auf seinen Lippen spürt, ist noch im Sterben glücklich zu schätzen. Das
-ist der Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, Leute!«
-
-›Professor Kreuzer -- Geheimer Regierungsrat -- Mariannens Gatte --‹
-schoß es ihm durch den Kopf.
-
-Er lachte.
-
-Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, die erschlossene
-Seligkeit junger Gemüter.
-
-Er lachte.
-
-Das aber war ein anderes Lachen.
-
-»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! Musikanten, den ersten
-Vers! Silentium -- das Lied steigt.«
-
- »Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus,
- War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus.
- Und er wanderte weit
- Zur Sommerzeit,
- Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
-
- Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein.
- Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein.
- Schaut' über die Heid'
- Zur Sommerzeit,
- Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
-
- Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind.
- Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind?
- Da lachten sie beid'
- Zur Sommerzeit,
- Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
-
- Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug.
- Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug.
- Und da küßten sich beid'
- Zur Sommerzeit,
- Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« --
-
-
-
-
-Waren Stunden vergangen, seitdem das Lied verklungen war?
-
-So waren sie wie Minuten gewesen, von denen der Sekundenschlag mehr
-zählte als eine Stunde.
-
-Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere Leinengardine zurück. Ein
-dunkelblaues Dämmern füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen des
-Morgenwunders. Und eine Nachtigall schlug vom blühenden Hang hinauf.
-Das hatte er seit Jahren nicht mehr erlebt.
-
-Er stand und horchte. Und vernahm, wie die Jugendfreunde hinter ihn
-traten. Da griff er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach ihren
-Händen. »Kinder -- das ist zum Glücklichwerden!«
-
-»Alter Pirat -- du hast dein Teil geborgen.«
-
-»Ja, ja ... Und ihr?«
-
-»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen können, haben wir also -- das
-große Los gezogen.«
-
-»Sprecht ernsthaft.«
-
-»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, eine fröhliche Landpraxis
--- beim heiligen Veit von Staffelstein, wir sind doch keine
-Duckmäusernaturen?!«
-
-Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? Heute? Gestern?
-Ganz gleich. Es war ein Wort im Alltagsgewand und voll innerer
-Köstlichkeiten. Und -- Traud hatte es gesagt. Natürlich ...
-
-»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? Wollen wir Überlebenden --
-ja, was wollen wir Überlebenden?«
-
-Seine Augen suchten das blaue Gewoge des dämmernden Tages zu
-durchdringen.
-
-»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«
-
-»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir werfen uns wie Antäos an der
-Mutter Brust, neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein Schicksal
-trifft.«
-
-»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster -- als festlich hoher Gruß,
-dem Morgen zugebracht!!«
-
-»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit uns sprechen.«
-
-Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm beieinander und blickten in
-die blauen, flatternden Schleier. Immer inbrünstiger wurde das Lied der
-Nachtigall. Und nun kam eine Woge frischen Blütenduftes.
-
-Die Sonne ...
-
-Von den Hängen flatterten die Schleier los, über die Lahnwiesen
-strichen sie hin in eiliger Flucht, die Bergkette schüttelte sie von
-den Häuptern, daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder taten sich
-auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, in stiller, drängender
-Liebe, in lebenzeugender Sonne.
-
-Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und war nur schöner geworden. --
-
-»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.
-
-Die anderen nickten.
-
-»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer fort, »ich bin ein Gleichnis
-und will in euer Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, was
-euch not tut. Euer Leben mag älter, aber es darf nur schöner werden.
-Nein -- mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr es nicht wollt. Seht
-her und macht sie nach: die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut zum
-Glücke ...«
-
-Er brach ab und starrte hinaus. Was würden die guten Kerle davon wissen
-... Kaum ihre Atemzüge hörte er.
-
-Und in die tiefe Stille klang die Stimme des Landarztes, und über
-seinem Gesichte lag ein merkwürdiger Hauch, der es verschönte und
-vergeistigte. Und in die tiefe Stille hinein sagte er nur: »Es braucht
-kein Geist aus dem Grabe und kein Professor aus Berlin zu kommen, um
-uns das zu verkünden.«
-
-Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine Blicke tranken den Morgen:
-»Siehst du, deshalb sind wir hier.«
-
-Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an sein Herz.
-
-So viel war er geworden und so wenig die anderen, und doch wußte er
-nichts zu erwidern.
-
-»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme Lindners, »komme öfter
-herüber von Berlin. Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft dir
-nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und du bist doch erst fünfundvierzig.«
-
-Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, daß der Hochmut die
-Segel strich, daß nichts mehr in seinem Blute war als eine grimmige
-Sehnsucht.
-
-»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort darauf. Das mit dem Lorbeer und
-den Rosen, Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner Tor konnte das
-Wort prägen, dem keine Wissenschaft beikommt. Her mit den Gläsern.
-Angestoßen. Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«
-
-»Nach Hause jetzt.«
-
-»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«
-
-»Burschen heraus!«
-
-Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden Morgen hinein,
-gingen sie die krummen Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus,
-vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' und Antwort, riefen sie
-sich Mädchennamen zu und die Namen der Gegner, die sie auf der Mensur
-bestanden hatten, die Namen der Philister, die sie gemartert, und die
-Namen der herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder gemartert
-hatten.
-
-»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du barhaupt und hemdärmelig
-die Straße hinunter, ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus dem
-Fenster hinter dir her, bis alle Philister aufgeregt in den Fenstern
-lagen und mitschrien, und die Stadtschergen erschienen und wie
-besessen die Verfolgung aufnahmen. Das ging wie die wilde Jagd den
-Schloßberg hinunter und um die Elisabethenkirche herum und zurück zur
-Universität, und die ganze Studentenschaft war auf den Beinen. Und
-plötzlich bogst du um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, der
-die Hand nach dir streckte, und sagtest: ›Pardon, mein Herr, wissen Sie
-hier in der Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe hier einen
-Rock zu flicken!‹
-
-»Wie Lots Weib stand der Mann, und es folgte eine Tobsucht. ›Mensch,
-weshalb laufen Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie -- Mensch!‹
-Und verwundert erwidertest du: ›Mein Herr, weil ich es nicht für
-anständig halte, in Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹
-Verneigtest dich und warst im Schwarm der Buntmützen verschwunden.«
-
-»O Academia!«
-
-»Kinder, Kinder!«
-
-Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden und trugen die edle Patina der
-Verklärung, und die Geschichten folgten sich.
-
-»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer. »Ich habe euch
-versehentlich durch die halbe Stadt begleitet und muß nun wieder den
-Berg hinauf. Schlaft wohl!«
-
-»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns im Hotel?«
-
-»Ich wohne bei Frau Werder.«
-
-»Frau -- Werder? Haben wir nicht einen Werder in der Couleur?
-Natürlich! Werder, der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige
-Kerl?«
-
-»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine meiner Frau. Deshalb wohne
-ich dort. Und mein Junge hat Marburger Quartier dort bezogen.«
-
-»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«
-
-»Auf Wiedersehen, ihr.«
-
-
-
-
-Prachtvoll war die Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er
-den Berg hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um
-die Brust. Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen.
-Weit, ganz weit dehnte er die Arme ...
-
-Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. Vor der weißlackierten Tür
-blieb er stehen. War das nicht ein Kichern? Er klopfte.
-
-»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.
-
-»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, Traud.« Und elastisch ging
-er die Treppe weiter hinauf.
-
-Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die Hausfrau stand im hellen
-Morgenkleid und lachte hinter ihm drein.
-
-»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen -- das Stelldichein mit dem Klaus
-von ehedem?«
-
-»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«
-
-»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.
-
-Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, und als er um die
-elfte Morgenstunde erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.
-
-»Was, du bist vor mir auf?«
-
-»Frühschoppen, Papa.«
-
-»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«
-
-»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen.«
-
-Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. »Nein, nein, auf den
-einen Tag wird's wohl nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter in
-Anfechtungen fällst, werde ich -- ja, ja, das werde ich -- an Mama
-depeschieren, daß ich erst morgen komme.«
-
-»Papa! Famos, Papa!«
-
-»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur Toilette. Wir gehen dann
-zusammen.«
-
-»Du -- Papa ...«
-
-»Was denn, mein Junge?«
-
-»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. Und ich habe es auch
-Tante Werder schon gesagt.« Und nun war der Junge draußen. Und der
-Vater sann hinter ihm her. -- --
-
-Eine halbe Stunde später betrat er frisch und hoch gestreckt das
-Frühstückszimmer.
-
-»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich nicht ein Frühaufsteher?«
-
-Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn.
-
-»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon um sechs Uhr früh auf den
-Beinen warst, bist du noch immer recht rüstig.«
-
-»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine Tasse Kaffee bitten? Wo
-steckt der Walter?«
-
-»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er mir mit strahlenden Augen von
-_ihm_, dem herrlichsten von allen -- das solltest du nämlich sein,
-Klaus -- erzählt hatte, bekam er plötzlich das zweite Gesicht und mußte
-eiligst noch ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den väterlichen
-Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm das Frühstück ein.
-
-»Leichtsinnig? Ich --? Ach, Traud, ich wollte, ich könnte es noch
-einmal von Herzen sein.«
-
-»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter versteht. Von Zeit zu Zeit
-mal über die Stränge schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner
-gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger Leichtsinn für kleine
-Leute und würde gar nicht zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«
-
-»Kennst du _zwei_ Arten von Leichtsinn? Eine passende und eine
-unpassende?«
-
-»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn du schon bei dem Wort bleiben
-willst, so kenne ich zwei Arten.«
-
-Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. »Nenn sie, Traud.«
-
-»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja eine Lüge, wenn ich anders
-sprechen wollte. Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich
-aufmacht und durch die Niederungen schleicht, einerlei, ob es durch
-Sumpf- und Brackwasser geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird,
-und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle Miseren in lichte,
-frohe Höhen zu schwingen versteht, bis die Augen der Nachstaunenden ihn
-nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber die Sonne verspürt und er
-Gott anders begreift und seine Welt und erkennen lernt, daß es über
-jede Misere hinaus einen lachenden, blauen Himmel gibt für den, der zu
-fliegen versteht.«
-
-»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile, »ich höre dir zu.«
-
-»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, und du brauchst meine
-Weisheit nicht.«
-
-Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile: »Ich habe es einmal
-gekonnt -- oder wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage nur noch
-zur Schau mit den Flügeln.«
-
-»Weshalb?«
-
-»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, die sich lieber einen
-Pfauhahn halten, der der allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht
-werden kann, als einen Adler, der sich den Blicken der Leute entzieht.«
-
-»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen ganzen Geheimratsfrack voll
-Orden.«
-
-Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah er scharf auf.
-
-»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« Und er erhob sich mit
-verschlossenem, hochmütigem Gesicht.
-
-Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn lächelnd an. Bis es ihn
-unruhig machte.
-
-»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«
-
-»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner Orden sehe ... Adieu, Klaus,
-und recht viel Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom Tisch, winkte
-ihm zu und ging aus dem Zimmer.
-
-Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann sich, daß er
-Gastfreundschaft in diesem Hause genoß, und meisterte seine Erregung.
-Auf dem Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach ihr und zog sie
-in den Nacken. Da kam Walter die Treppe hinauf. Straff ging er ihm
-entgegen. »Junge, der Frühschoppen wartet, und wir wollen uns -- über
-die Erdenschwere in die Lüfte schwingen.«
-
-»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«
-
-»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen dessen machen wir jetzt den
-Umweg übers Telegraphenamt.« -- -- --
-
-
-
-
-Es war Nachmittag, und Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem
-Klavier und spielte sich zur Freude ein still dahinschwebendes Lied.
-Ihre Augen blickten über die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte
-sie sich keinen schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf
-ihren schlanken Schultern. Da pochte es an die Tür.
-
-»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.«
-
-Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt, wandte sie sich um.
-
-»Ach, Klaus -- Du? Schon Schluß gemacht mit der Freude?«
-
-»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und dazu bin ich hier.«
-
-Sie sah ihn forschender an und erhob sich langsam. Und sah die
-aufsteigende Spannung in seinen Zügen und lachte ihn aus.
-
-»O nein -- jetzt hast _du_ falsch geraten. Ich habe durchaus keine
-Angst vor dir und unserem Alleinsein. Also?«
-
-Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern. »Sei nicht immer so
-schrecklich selbstsicher, das sieht fast wie Koketterie aus.«
-
-»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur, was mich freut. Mach's
-nach, Klaus.«
-
-»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm ganz schwer, »wenn ich dich
-jetzt beim Wort nähme. Ich habe Hunger.«
-
-Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen und war bis vor
-ihn hingetreten. »Es ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein
-Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei Leichtsinn, weißt du? Und nun
-sag dein Sprüchlein.«
-
-»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus zur Schwedenschanze. Die
-anderen sind schon vorauf, und es sind Damen dabei.«
-
-»Nun -- und?«
-
-»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude gemacht. Du sitzest hier
-in deinen vier Wänden. Das behagte mir nicht.«
-
-»Klaus -- da sind doch Professorengattinnen und hochwohlerzogene
-Töchter?«
-
-»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.«
-
-»Wirklich --?« sagte sie leise. »Wirklich -- --?« Und ihre Brust hob
-sich. »Gib mir mal deine Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch
-deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest du eine Freude machen, und
-ich« -- sie strich ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die Augen --
-»schau mich nicht so dumm an, ich hole mir meinen Hut.«
-
-Sie war hinaus, und er stand, hob seine Hand und ließ sie denselben
-Weg über die Augen gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und blickte
-sich um und horchte zugleich nach innen und nach außen. Ein leises
-Singen war's. Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch durchs Zimmer
-flatterte? Oder doch -- sein Blut? Und es konnte noch strömen und der
-Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut? Und er horchte nach innen und
-nach außen und fand keine Begründung und nur -- dies Gefühl. Da wußte
-er, daß es für dies Gefühl keine Begründung gab vor lauter warmer
-Menschenfreude. --
-
-»Deinen Arm, Traud.«
-
-Sie legte ihn hinein und ging schlank und schmiegsam an seiner Seite.
-Die Bürgersleute grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie grüßten
-beide wieder und verfolgten schweigend ihren Weg, der sie aus der Enge
-der Gassen hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen Höhen zu,
-die im Gold des Ginsters standen.
-
-»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?«
-
-»Wir haben ja nichts anderes getan, als miteinander gesprochen.«
-
-»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton, »schweige weiter.«
-
-Er faßte die Hand, die in seinem Arme lag, führte sie an die Lippen und
-legte sie wieder in seinen Arm zurück. »Nein -- jetzt, wo die Stimmen
-einmal laut geworden sind, können wir auch bei dieser Sprache bleiben.
-Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts mehr verheimlichen.«
-
-»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das war ja schon immer der Kummer
-der Familie.«
-
-»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt, Traud?«
-
-»Ja, Klaus, das habe ich.«
-
-»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die er dich hineingebracht hat?«
-
-»Das hat doch mit der Liebe nichts zu tun.«
-
-»Ich meine -- es bedarf doch immer eines hohen Maßes von Achtung, um
-jemanden durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten. Ich meine so,
-daß man die Augen schließen kann und nichts verspürt -- als Wohlsein --«
-
-»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten. Das steht ja nur in deinen
-dicken Büchern, und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten sie darum
-doch nichts vom Selbstverständlichen.«
-
-»Was nennst du das Selbstverständliche, Traud?«
-
-»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen zu fragen, auf die es keine
-Antwort gibt. _Das_ nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung?
-Was heißt Achtung? Heiratest du nur die Tugenden oder auch die Fehler?
-Aussondern ist nicht, und Achtung habe ich nur vor der grenzenlosen
-Liebe, die sich immer wieder erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm.
-Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn der Mensch ein armer
-Schlucker ist oder ein Himmelsstürmer.«
-
-»Du -- Traud -- und so hast du immer -- gelebt?«
-
-Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb' ich? Nun, wenn ich also nicht
-dabei gestorben bin, so weißt du die Antwort.«
-
-»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer hätte das vor einigen zwanzig
-Jahren in dem kleinen Mädel gesucht.«
-
-»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und trug lange Zöpfe, bis in
-die Kniekehlen. Das war meine Schwärmerei. Und noch eine andere
-Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich nachträglich nicht in die
-Brust zu werfen, wenn ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei
-Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war ein ganz anderer, als der
-nachmalige Professor und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte den
-rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand, zur rechten Zeit alle
-Erdenschwere zu Boden fallen zu lassen und zu seiner und der Menschheit
-Freude ein echtes Sonnenkind zu sein. Und schon damals hatte ich den
-Glauben an die Wunderkraft der Sonne.«
-
-»Und -- nachher?« fragte der Mann an ihrer Seite: »Und dann?«
-
-»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit meiner fünf Jahre älteren
-Cousine Marianne, die mich ein kokettes dummes Ding schalt und dich
-einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen große Fähigkeiten mit
-Gottes Hilfe auf den rechten Weg gebracht werden müßten. Und das Leben
-wäre kein Rosenpflücken, sondern ein Dornenweg.«
-
-»Und das glaubtest du?«
-
-»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst du von Marburg und trugst
-Mariannens Ring und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes -- denn
-ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen Gedichte, das du als Student
-in die Welt schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten
-Bände Literaturgeschichten, die dir später einen so hohen Namen
-machten. -- Ja, fort warst du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest
-mit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und im Ehehafen.«
-
-»Und du?« fragte er hastig.
-
-»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne sagte, ein kokettes dummes Ding,
-und die Couleur hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans Werder war
-nicht wie du, aber er gab sich doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir
-schien er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied merkte, und
-daß heißes Blut noch lange keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte
-ich das heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und als der verliebte
-Bursche durchs Staatsexamen fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der
-ganzen Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, »er wäre auch ohne
-dies und zum zweiten und dritten Male durchs Examen gefallen, denn
-außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat recht wenig, und ich habe
-ihn doch noch ein Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«
-
-»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, Traud.«
-
-»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er war der geborene Zigeuner, und
-weil ich ihn nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so klar. Durfte
-ich ihn enttäuschen? Der Mann muß daran glauben, daß er der Führer und
-Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine Liebeskraft glauben. Und
-dann glauben wir auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit der Zeit
-wird.«
-
-Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber die Sorgen, die Sorgen des
-Lebens?«
-
-Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, und der Wald wölbte sich
-über ihnen und streute aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne
-Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten in den Zweigen des
-Gesträuchs, und ein Regen goldener Blüten rieselte durch ihre Finger,
-als wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen erzählen.
-
-Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte auf das Bild.
-
-»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Nur den Mut
-braucht es.«
-
-»Aber leben muß man doch können, wenigstens leben!«
-
-»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal ordnete er Bibliotheken,
-zuletzt war er Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach Hause kam
-und sich ein wenig schämte, daß der Verdienst gar so mager ausgefallen
-war, machte ich ihm meine strahlendsten Augen -- weißt du: so! -- als
-ob ich ihn zum ersten Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was für
-ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja doch noch einmal den Mond und
-die Sterne vom Himmel!‹ Und dann -- ja, was tut ein Mann dann wohl? Er
-gibt sich eine Haltung vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste
-hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe, damit die Frau nicht
-merken soll, was für ein armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst du,
-Klaus, um dieser Haltung willen, die für eine Frau etwas Rührendes hat,
-liebte ich ihn.«
-
-»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben ...«
-
-Sie nickte und ließ immer noch das Gold der Ginsterblüten durch ihre
-Finger rieseln.
-
-»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte, starb er mitten aus dem
-Glück heraus, obwohl kaum ein Stück Brot im Schranke war. Marianne
-sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken. Marianne irrt sich. Wenn man
-genauer hinblickt, sieht man auch am Dorn die Heckenrosen blühen.«
-
-Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte sie das Schweigen. Und
-sie hob den Kopf und sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den
-goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren, und daß seine Gedanken
-erst weitere und immer engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung
-hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll Blütengoldes über ihn
-aus.
-
-»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun stehst du mitten im Frühling,
-und im allergoldensten, du Sonntagskind!«
-
-»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach.
-
-»Das bist du und das bleibst du, und wenn du die Schultern hebst
-und sie schüttelst, werden deine Krankheiten von dir abfallen wie
-Einbildungen.«
-
-»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?«
-
-»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb brauchst du es mir nicht zu
-sagen.«
-
-»Und möchtest mich gesund sehen?«
-
-»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.«
-
-Sie standen und sahen sich in die Augen. Und dann sagte der Mann leise
-und stockend: »Traud, ich wollte -- du wärst meine Frau geworden.«
-
-Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja, Klaus, das wollte ich
-auch.«
-
-Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die zwischen ihnen war, ihre
-Augen blenden wollte und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken
-tanzte. Da streckten sie suchend die Hände aus.
-
-»Traud ...«
-
-Und er wiederholte ihren Namen wie eine Bitte.
-
-Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre Lippen zitterten ein wenig.
-
-»Du ...« sagte er. --
-
-Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm sein Gesicht zwischen beide
-Hände und bot ihm den Mund.
-
-Und er fand nichts anderes als das eine Wort: »Du! ...«
-
-»Bist du nun zufrieden, du meine alte, liebe Mädchensehnsucht?«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-Und nach einer Weile wieder: »Bist du nun zufrieden?«
-
-»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner einstigen
-Mädchensehnsucht. Nun bist du meine Mannessehnsucht, und das ist heute,
-und morgen und alle Tage wird es nun nicht mehr anders sein!«
-
-»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder etwas zu ersehnen hast.«
-
-»Traud -- ist das dein Leichtsinn?«
-
-»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn. Das ist der Sinn,
-der das Leben leicht macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas zu
-ersehnen hast, du lieber Mann, denn die Sehnsucht wird dich jung halten
-und dir Träume geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft, an
-Schöpfungen heranzugehen, die voll blühenden Lebens sind und nicht
-voll Bücherweisheit.«
-
-»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug! Ich werde oft und oft kommen
-müssen, um nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde noch standhält!«
-
-Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die schlanke Gestalt lief.
-
-»Komm nur, ich fürchte mich nicht.«
-
-Und er stand und trank mit weitgeöffneten Augen das Bild in sich hinein
-und wußte, daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt vor und nahm
-sie fest in beide Arme.
-
-»Bleibst du mir treu?«
-
-»Ich liebe dich!«
-
-»Ob du mir treu bleibst?«
-
-»Sorge dafür.«
-
-Da verstand er sie.
-
-»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge mehr um mich. Ich lass' von
-meiner Jugend nicht mehr locker, und die Menschen sollen den Gewinn
-davon haben.«
-
-»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach sie fröhlicher als weise!«
-
-Und im Wald war ein Frühlingsrauschen, und sie gingen ihm nach,
-bis die Schwedenschanze sich vor ihnen hob, und bunte Mützen,
-weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden und auftauchten und
-verharrten. Und ein junges Lachen war um sie her. Und da unten lag
-Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die Elisabethenkirche ihre
-Türme zu ihnen auf, winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und dicht
-im Grün des Hanges das Haus seiner alten Verbindung, die jung blieb
-durch den unerschöpflichen Menschenfrühling.
-
- »Und da lachten sie beid',
- Zur Sommerzeit,
- Wenn am Walde, am Walde,
- Die Heckenrosen blühn --«
-
-sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle Jungmännerstimmen und
-helle, süßklingende Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die beiden
-Menschen am Waldrande nahmen das Lied auf, und sie spürten den wilden
-Rosenduft noch auf ihren Lippen, als sie lange schon im lauten,
-frühlingsbewegten Kreise saßen, den Rosenduft, der aus der braunen
-Dornenhecke bricht, wenn die Natur befiehlt.
-
-Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste Fuchs, und Mütze und Band waren
-mit Anemonen dicht besteckt, und an jedem Arme führte er ein lachendes
-Mädchen dem Vater zu. »Papa, du sollst entscheiden. Sie wollen beide
-von mir wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide entzückend.«
-
-»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen Mädchen, »wir sind in
-Deutschland und nicht in der Türkei!«
-
-»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil unterwerfen, ihr fröhlichen
-Frühlingskinder?«
-
-»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten ihm zu beiden Seiten und
-machten ihre lieblichsten Augen.
-
-»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus Kreuzer, »ist das Unsichtbare,
-die Seele. Und die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele
-sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie liegt auf den Lippen.
-Dort in euren rosigen Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf, Gutes
-zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat, ist die allerschönste auf der
-Welt! Vorwärts, ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!«
-
-Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel, und die weißen Röcke
-stoben um sie her wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten mit
-purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein, das die Arme nach ihnen
-ausbreitete und durcheinander schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort
-mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch Seelenkunde treiben!«
-
-»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen, Klaus! Ist das nicht die
-fröhlichste Wissenschaft?«
-
-»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen hast du!«
-
-»Ich bin nur der Torhüter.«
-
-»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?«
-
-»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch nur ein Mensch und muß Stunden
-haben, in denen er sich mal gründlich um das Wohl der lieben Seinen
-bekümmert.«
-
-»Traud, ich glaube -- diese Stunde ist jetzt da.«
-
-Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre kein Wort an ihr Ohr
-gedrungen, über den Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln
-zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes Lachen, und sie drängte es
-zurück, daß es ihr zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich hob.
-
-»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts verheimlichen.«
-
-Da sprang sie auf und lief zu den Frauen und Mädchen und riß sie mit
-zu tausend Neckereien und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer
-Blicke mehr zu ihm hinüber. --
-
-
-
-
-Im purpurnen Abendschein lag Marburg. Und die Luft war so voll vom
-Jubilieren der Vögel, daß die Menschen in ihrer lauten Lustigkeit
-innehielten, stiller wurden und endlich schweigsam. Die purpurne Glut
-aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der Himmel ihr hinhielt,
-und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der Menschen.
-
-Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte hinter ihr her.
-
-»Wo bist du, Klaus?«
-
-»Neben dir!«
-
-»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird der Harmonie wegen und
-lediglich der Harmonie wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte
-Paare -- Wie? -- Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung? Ich habe hier die
-Mamas zu vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden nur gespitzt
-zum schönen Lied. Silentium! Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die
-Straßen ziehen! ...‹«
-
-Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige Professorengattin am Arm,
-setzte sich, kräftig intonierend, an die Spitze des Zuges.
-
- Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und
- Braus,
- Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus.
- Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her,
- Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'.
-
-Die Fackeln blitzten durch den Wald, und die Augen blitzten hinüber und
-herüber, und junge Schultern suchten aneinander Halt beim Abstieg zur
-Stadt, als könnten sie so noch einen Herzschlag lang den Zauber bannen,
-der sie alle befallen hatte im Frühlingswald.
-
-Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend und liedersingend,
-und Klaus Kreuzer und Traud Werder schritten inmitten der großen
-Schar und waren still und ganz allein mit sich und freuten sich, als
-sie es fühlten und einer es dem anderen immer wieder mit einem Druck
-des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser waren voll von nickenden
-und lachenden Mädchenköpfen, und vor den Haustüren erhoben sich die
-Philister von den Bänken und zogen die Mützen und setzten sie ärgerlich
-wieder auf, wenn ihnen ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen
-kam im Überschwang des Jugendübermutes.
-
-Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße unbemerkt aus der Reihe
-heraus und Klaus Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden Schwarm
-an sich vorbei und atmeten tief auf. Dann standen sie vor Traud Werders
-Haus, und sie schloß auf, wandte sich in der offenen Tür nach ihm um
-und reichte ihm die Hand.
-
-»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir so viel Schönes mitgebracht, daß
-ich nicht mehr allein bin.«
-
-Er trat zu ihr in den Hausflur. »Du willst mich fortschicken?«
-
-»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur fortschicken, Klaus, damit
-wir nicht ins Verschwenden geraten.«
-
-»Traud -- wir sind ja so reich -- --«
-
-Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und schüttelte den Kopf.
-»Nichts, nichts haben wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das,
-Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die Zinsen bringen soll, an
-diesem steten und immer stärker werdenden Zusammenbegehren, das die
-kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht, nichts als diesen einen
-allerersten Frühlingstag, der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus, ein
-rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat, nimmt nicht die Blüten.
-Klaus, der freut sich täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche
-Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh, du lieber Mann, ich möchte
-dir mehr sein als eine Episode, ich möchte dein Garten sein.«
-
-Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in den dunkeln Gang. »Also ich
-soll warten und werben. Das ist es.«
-
-Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit hinein mit ruhiger Stimme:
-»Ich gehöre dir.«
-
-Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie und
-küßte jede einzelne. »Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute Nacht, und
-auf morgen und all die Tage.« Und er wollte schnell an ihr vorbei.
-
-Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre Fröhlichkeit zurück, und sie
-ergriff ihn bei den Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm
-in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun soll ich hier sitzen und
-meine geküßten Hände besehen, während du dort oben in eurem Hause
-Lieder singst und den Becher schwingst und mit deinen Kumpanen in alten
-Abenteuern schwelgst? O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig, und
-wenn ich für den Handkuß aus besonderen Gründen auch sehr dankbar bin,
-Bevorzugungen dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier der Mund, will
-auch sein Privatissimum haben.«
-
-»Genug? Du --! Bevorzugungen dulde ich nicht. Diese lieben Augen --
-dieser liebe Hals --«
-
-Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm entschlüpfte. »Gute
-Nacht -- alter Pirat!« Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe
-hinaufklappern. Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht, daß er sie
-mit Händen hätte greifen mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen
-jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder jung geworden -- wieder
-so jung geworden!«
-
-Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen den Freunden von
-einst und den Gedanken von heut, und kein Neid kam mehr an sein
-Herz heran, weil es voll war vom Köstlichsten der Erde, voll von
-Erwartungen. Mit dem Sohn ging er heim und hörte lächelnd seinen
-Schwärmereien zu, die er nie in dem streng erzogenen Jungen zu finden
-geglaubt hätte, und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.
-
-»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen bist.«
-
-»Weshalb denn, Walter?«
-
-»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen habe, und das hat mich dir
-soviel näher gebracht. Ich könnte dir jetzt immer alles sagen und würde
-mich nur noch vor dir schämen, aber mich nicht mehr vor dir fürchten.
-Wir -- zwei Männer.«
-
-An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir
--- zwei Männer ...«
-
-
-
-
-Er hatte seinen Stuhl neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie
-das Morgenlicht über die Tasten rieselte und sich unter dem leisen
-Anschlag ihrer Finger streicheln ließ. Und wenn sie seinen Blick
-fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn lange an und nickte ihm
-zu.
-
-»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug und holt mich nach
-Berlin. Wirst du mit zum Bahnhof gehen?«
-
-»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar nicht.«
-
-»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von dir mit mir genommen. Aber
-du hast recht, und es muß auch ohne das Symbol gehen!«
-
-Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger im leisen Anschlag durch
-die Sonne gleiten und nickte ihm zu.
-
-»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß _ihn_ zuweilen zuhören, wenn du
-spielst, und zusehen, wenn soviel Sonne im Zimmer ist.«
-
-»Ja, Klaus.«
-
-»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben, und ich saß wie
-ein rechter Streber zwischen den Büchern und wurde abends von Marianne
-in den Gesellschaften -- vorgezeigt. Da blieb nicht viel übrig
-für den Jungen. Und doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel
-Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie in jedem jungen Menschen.«
-
-»Er ist ja dein Sohn, Klaus.«
-
-»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte, daß er es wird. _Mein_
-Sohn.«
-
-»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen, in der sein Vater jung war
-und« -- sie lächelte -- »in der er es wieder wurde.«
-
-Er beugte sich über sie und küßte sie aufs Haar.
-
-»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt du schon seine Mutter sein.«
-
-»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde still und feierlich in ihnen
-und um sie her.
-
-Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände zwischen den Knien. Und begann
-noch einmal, leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von uns,
-so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter Haus geerbt hattest,
-wahrzunehmen und den Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne
-meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und du ergriffst auf diese
-Weise gewiß gern die Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die
-Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und Amen. Traud, ich kannte dich
-ja gar nicht.«
-
-Sie war blaß geworden und ließ die Hände in den Schoß sinken.
-
-»Den verlorenen Anschluß an die Familie ...« murmelte sie. Und
-plötzlich erhob sie sich mit einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme
-um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein Junge gehört mir auch.
-Schon als Kind habe ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude,
-und die andere hat dich mir genommen, und dir hat sie deine Freude
-genommen.«
-
-»Nicht so, Traud --«
-
-»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie wieder davon sprechen. Aber
-geben wollen wir uns aus vollem Herzen alles das, was die anderen nicht
-wollen und was uns so nötig ist wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.«
-
-Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen hinein sagte er: »Daß wir
-noch so jung sind, Traud.«
-
-»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke vor uns haben, Klaus.«
-
-»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied. Das ist ein Dank aufs
-Wiedersehen.«
-
-»Auf Wiedersehen, du -- --«
-
-Ein paar Schritte tat er und kehrte um, nahm ihr Gesicht in seine Hände
-und blickte tief in ihre Augen.
-
-»Ich mußte noch einen Blick in meinen Garten werfen.«
-
-Dann ging er.
-
-Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen und wieder herabkommen.
-Band um, Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über die Straße
-schreiten, den Sohn neben sich, der seine Farben trug. Und Klaus
-Kreuzer schritt zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig versammelt
-und die alten Herren, die vom Feste noch übriggeblieben waren, und er
-ging von einem zum anderen und schüttelte allen die Hand.
-
-»Wiederkommen! Wiederkommen!«
-
-»Ihr könnt euch darauf verlassen.«
-
-Und der Zug lief ein, der Abschied vom Jungen war vorbei, und er stand
-am offenen Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust.
-
-»Abfahren!« Und der Zug zog an.
-
- »Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!
- Die Philister sind uns gewogen meist,
- Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.
- Frei ist der Bursch -- frei ist der Bursch!«
-
-Das klang wie Schwerterklang und Bechersang aus einem halben Hundert
-Jungmännerkehlen zu ihm auf und schwang sich hinter dem Zuge her und
-rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten, daß ihm das Wasser in die Kehle
-treten wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und hielt die Mütze zum
-Gruß fest vor der Brust. Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat einen
-Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte geradeaus.
-
-Da stand am Ende des Bahnsteigs eine Frau und sah ihn an mit
-weitgeöffneten, hellen Augen.
-
-Da grüßte ihn seine Jugend, die wiedergeborene. --
-
-Ernst legte er Mütze und Band ab ... Und auf der ganzen langen Fahrt
-dachte er an ihre Augen, diese Augen, die ihn wieder sehend gemacht
-hatten. -- --
-
-
-
-
-Spät abends kam er an und fand Marianne im Wagen vor dem Bahnhof halten.
-
-»Der Minister hat zweimal heute nach dir fragen lassen.«
-
-Er wollte eine Entschuldigung sagen, aber ein klingendes Wort lief ihm
-durch den Kopf, und er mußte hinterher und es greifen und es nochmals
-zum Klingen bringen.
-
-»Der Minister? Und Marburger Frühling? Das reimt sich schlecht
-zusammen.«
-
-»Lieber Freund, rede, bitte, keine Torheiten. Der Minister will dich in
-sein Ministerium ziehen, und es müßte doch seltsam zugehen, wenn bei
-einem Wechsel Majestät --«
-
-»Ich pfeife auf den ganzen bureaukratischen Quark. Ich will zwischen
-meiner Jugend sitzen, zu der ich gehöre, und die zerquälten Burschen zu
-frischen Männern erziehen.«
-
-»Lieber Freund, mäßige dich, bitte, ein wenig. Ich glaube wahrhaftig,
-dir spukt der Maitrank noch im Kopf.«
-
-»Der Maitrank.« Er lachte: »Ja, ja, da magst du wohl recht haben,
-Marianne. Übrigens läßt dich der Junge grüßen.«
-
-»Danke. Sieht er gut aus?«
-
-»Äußerlich oder innerlich?«
-
-»Ach, laß uns doch lieber morgen miteinander reden, wenn deine
-Marburger Stimmung verflogen ist.« --
-
-Dann hatte ihn das tägliche Leben wieder, aber die Stimmung hielt an
-und wuchs insgeheim wie ein Garten voll blühender Bäume, die der Reife
-entgegenharren. Und seine Studenten merkten es am hinreißenden Ton,
-der Quellen erschloß und sie hinströmen ließ über lauter sonniges
-Land, als er sein neues Kolleg begann: Ȇber die Lebensbejahung in der
-deutschen Literatur.« Donnerndes Getrampel begrüßte ihn beim Aufstieg
-zum Katheder, und donnerndes Getrampel gab ihm beim Abstieg das
-Geleit. Da wußte er, daß er den rechten Weg beschritten hatte, und
-fuhr kraftvoll fort, seinen Studenten die fremde Schminke quälerischer
-Lebensbetrachtungen aus dem Gesicht zu wischen und ihnen die Frische
-und Kraft zur Lebensfreude in die aufhorchenden Seelen zu tragen.
-»Nur eins ist not. Nur dies eine. Und Tod ist Wahn, wenn wir für die
-Nachfolgenden goldene Spuren hinterlassen. Auf, ins Leben!«
-
-Und eines Abends, als Marianne ohne ihn zu einer ihr wichtig
-scheinenden Gesellschaft gefahren war und er sich mit dringenden
-Kollegarbeiten entschuldigt hatte, saß er vor seinen Kollegheften
-und schrieb. Und als er fertig geschrieben hatte, sah er, daß es ein
-Gedicht geworden war. Und er nahm es und schickte es ihr, der es
-gehörte.
-
-
-Die Sonne.
-
- Es lief das Herz dir über schier
- Und war voll Sonne nur.
- Da stieg sie bis ins Auge dir
- Und ließ die goldne Spur.
-
- Ein Weilchen standst du wie gebannt,
- Als ob's dich blenden wollt' ...
- Und wie du senktest scheu die Hand,
- Da lag die Welt in Gold.
-
- Da lag die Welt in Sonnenschein,
- Die gestern alt und kalt,
- In Flammen stand der Blumenrain,
- In Flammen stand der Wald.
-
- Ich kam des Wegs, du sahst mich an,
- Dein Blick rief mich zurück.
- War nur ein friedeloser Mann
- Und ward ein Mann im Glück.
-
- Und ward ein Ritter hoch zu Roß
- und ward des Lachens kund.
- Das tat dein Herz, das überfloß,
- Das tat dein Aug' und Mund.
-
- Und wenn im Feld die Raben schrein,
- Im Zorn der Donner grollt:
- Ich schau' mit deinen Augen drein --
- Da liegt die Welt in Gold.
-
-Traud las das Blatt, faltete es zusammen und ging durch das Haus.
-Überall öffnete sie die Fensterläden und ließ an Licht und Luft
-in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen schnitt sie einen
-Fliederstrauß und stellte ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In
-froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und als am Nachmittag die
-Hausarbeit geschehen war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und
-setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich meinen Ausflug,« sagte
-sie, und die Töne zogen wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus,
-und ihre Seele war mitten darunter und schwang sich an die Spitze
-und zeigte den Weg. Und es wurde Abend und Nacht. Und sie erwachte
-in ihrem Stübchen, dachte, noch halb im Traume, angestrengt hin und
-her, ermunterte sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen huschte sie zu
-ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes Blatt hervor und huschte
-in ihre Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis es tagte, und sie
-hatte alle die Zeit offenen Auges hineingeblickt. Und doch war sie
-frischer und gesunder denn je, als sie sich zum neuen Tagewerk erhob
-und schnell ein Frühstück für Walter rüstete, der in die Fechtstunde
-mußte.
-
-»Heraus, Langschläfer, das Leben läuft dir weg!«
-
-»Ach, Tante Werder -- es ist so mollig im Bett.«
-
-»Draußen steht ein bildhübsch Mädchen und schaut sich nach deinem
-Fenster die Augen aus.« Sie horchte und lachte: »Wie er plötzlich
-herauskann und sich sputet. Man muß nur an die Stelle der Gewohnheit
-die Erwartung setzen.«
-
-»Guten Morgen, Walter. Jetzt ist das Mädel weg. Dafür hast du aber den
-ganzen Gottesmorgen gewonnen.«
-
-»Ach -- Tante!«
-
-»Tröste dich, Walter, es gibt mehr hübsche Mädel als schöne Morgen.«
-
-»Danke, Tante. Aber ich sammle mir doch gern meine eigenen
-Erfahrungen.« Und fort war er.
-
-»So hab' ich's gemeint,« lachte sie vor sich hin, streckte die gesunden
-Glieder und ging an ihr Tagewerk. -- --
-
-
-
-
-Das kurze Sommersemester neigte sich dem Ende zu. Und während die
-Früchte zu schwellen begannen, waren die Rosen aufgesprungen,
-hüllten sich die Akazien in blütenweiße Brautgewänder, prangten die
-Bauerngärten im schweren Duft der Sommerblumen, blühte unablässig
-die Heide. Nie war es Klaus Kreuzer, wenn er durch die Landschaft
-schritt, so aufgefallen wie in diesem Jahr, dies Früchtereifen inmitten
-unaufhörlichen Blühens.
-
-›Jahr für Jahr gibt uns die Natur dies Zeichen,‹ dachte er und ließ den
-Blick auf der wechselreichen Landschaft ruhen, ›und nur wir Menschen
-haben verlernt, es zu sehen und zu begreifen.‹
-
-Und er las sein letztes Kolleg vor den Ferien, und es klang wie ein
-Hymnus auf den Menschheitsfrühling, und die Hörer gingen still hinaus
-und sammelten sich erst draußen auf dem langen, grauen Korridor und
-brachten ihrem Lehrer und Glücksweiser, als er durch ihre Reihen
-schritt, in stürmischen Zurufen das Echo seiner Rede wieder.
-
-So kam er zu Marianne und fand sie mit den strengen Zügen der Frau,
-der die Jugend verronnen war unter dem einen Wunsche, über sie
-hinauszugelangen.
-
-»Lieber Freund, ich habe heute morgen auf der Ausfahrt die Frau des
-Ministers getroffen. Ich will gestehen, es geschah nicht unabsichtlich,
-und wir machten unsere Spazierfahrt miteinander. Es ist eine Frau, die
-Ziele hat.«
-
-»Es wäre besser, der Mann hätte sie.«
-
-»Mann und Frau sind eins, sollen es überall sein und sind es auch hier.
-Exzellenz sagten mir, daß der Minister einen starken und berechtigten
-Mißmut über dein Zaudern nicht unterdrücken könne, da er sich von dir
-als dem ersehnten Mitarbeiter, von deiner eindringlichen Kenntnis
-der gesamten Materie und deiner überzeugenden Beredsamkeit eine
-beschleunigte Annahme seiner Schul- und Universitätsvorlage verspräche.
-Exzellenz waren überdies so liebenswürdig, mich für die Ferien auf ihr
-ostpreußisches Gut einzuladen.«
-
-»Da gratuliere ich. Denn das war wohl längst dein Wunsch. Im übrigen
-kann von Zaudern gar keine Rede sein.«
-
-»Es freut mich, daß die Vernunft einmal wieder in dir gesiegt hat.«
-
-»Ob es in deinen Augen vernünftig ist, weiß ich nicht, denn es ist
-Gefühlssache, und dies Gebiet ist von dir immer etwas stiefmütterlich
-behandelt worden. Mir aber sagt mein Gefühl, daß es viel wichtiger
-ist, als immer neue Schulvorlagen zu entwerfen: Männer zu haben,
-die den Geist ihrer Lehrermission richtig erfassen, die sich
-nicht an das alleinseligmachende Schema und die Bewältigung des
-Unterrichtsgegenstandes klammern, sondern die der Jugend geben, was der
-Jugend ist, die Freude am Leben und damit die Freude an der Arbeit,
-die ihnen die Schönheiten des Lebens erschließt. Diese Männer sind rar
-geworden im lieben Vaterland, das heute unter alt und jung so viele
-Streber züchtet, und diesen Rargewordenen möchte ich helfen, sich
-wieder zu ergänzen und die Mehrheit zu gewinnen, damit es wieder eine
-Lust ist, zu leben.«
-
-Marianne saß am Fenster und zog die Sticknadel durch ein Stück bunten
-Seidenzeugs. Kaum, daß sie von der schillernden Arbeit aufschaute.
-
-»Du widersprichst dir selbst,« sagte sie kühl, »und ich nehme es nur
-als eine schöne Rednergeste. Wer mit fünfundvierzig Jahren durch sein
-Streben und nur durch sein Streben --«
-
-»O bitte, verkleinere deinen Wert nicht. Durch _dein_ Streben wohl
-zumeist.«
-
-»-- wer durch sein Streben so schnell zu einer so hohen Stellung kam,
-der hat wohl keinen Grund, den Frondeur zu spielen. Was im übrigen
-meine Mitarbeit angeht,« und nun legte sie ihre Stickerei zur Seite,
-»so darf ich wohl auf etwas mehr Dankbarkeit Anspruch erheben,
-denn ich habe dir durch die Festigkeit meines Charakters dein Glück
-geschaffen, das du in blauen Nebeln hättest verschwimmen lassen, wenn
-ich nicht mein ganzes Leben dafür eingesetzt hätte.«
-
-Und er schüttelte den Kopf und sagte langsam: »Ich weiß heute oft
-nicht, ob du ein Recht dazu hattest, mein Leben nach deinem zu modeln,
-ob überhaupt ein Mensch ein solches Recht auf seinen Mitmenschen hat.
-Wer kann voraussagen, wie sich der andere in freier Luft auswächst? Ich
-wäre vielleicht ein Dichter geworden, und bin ein Professor geworden.
-Mein Glück? Menschenglück sieht doch ein klein wenig anders aus, als
-dir es vorschwebt.«
-
-»Ach --,« machte sie gedehnt und erhob sich, »dann bist du wohl auch
-mit der Lebensführung deines Sohnes Walter einverstanden?«
-
-»Walters? -- Wie kommst du auf Walter?«
-
-»Also du weißt nichts, bekümmerst dich um nichts; und das stellt deiner
-Pädagogik, die du soeben so schön vortrugst, das beste Zeugnis aus.
-Nun, ich habe es anders gemacht und in beständigem Briefwechsel mit
-meiner Freundin in Marburg, der Frau des derzeitigen Dekans, gestanden
-und seit kurzem erbauliche Dinge gehört. In den Kollegs sieht man den
-Jungen schon längst nicht mehr, aber seine erste Mensur geschlagen hat
-er schon, bevor das erste Semester zu Ende war, und mit jungen Mädchen
-unternimmt er weite Fahrten ins Lahntal und in die Wälder, macht
-Schulden und läßt sich wohl gar von seiner geliebten Tante Traud in
-seinem Lebenswandel bestärken.«
-
-»Das ist nicht wahr!«
-
-»Bitte, brause hier nicht auf. Wenn es anders wäre, hätte Traud Werder
-uns Mitteilung über den Jungen gemacht. Nichts davon ist erfolgt.
-Lobesbriefe sind gekommen. Das ist eine Moral, die ich nicht billige.«
-
-»Traud Werder würde uns nichts verschweigen. Sie weiß, daß ich an dem
-Jungen hänge.«
-
-»Fahr hin. Es wird dir gut tun, wieder einmal festzustellen, daß der
-Blick deiner Frau weiter reicht als deine schönen Phantasien. Da ich
-in den nächsten Tagen reise, so würde ich es für angebracht halten, du
-nähmst den Jungen mit dir in den Sommerurlaub und in strenge Zucht. Das
-Leben ist kein Rosenpflücken.«
-
-Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud -- das kann nicht wahr sein ...‹
-
-
-
-
-Am anderen Morgen trat er die Fahrt nach Marburg an. »Ich werde dem
-Minister mitteilen,« sagte Marianne beim Abschied, »daß du deinen
-Entschluß von deiner Erholung abhängig machtest.« Und er nickte und war
-mit seinen Gedanken bei dem Jungen.
-
-Am Abend traf er in Marburg ein. Der Bahnhof lag öde und still, und er
-beeilte sich, ihn zu verlassen. Geradenwegs ging er zu Traud Werders
-Haus.
-
-»Klaus,« rief sie und stand im weißen Rahmen der Stubentür, mädchenhaft
-rot und erregt vor Freude und fand nichts als seinen Namen.
-
-»Guten Abend, Traud,« sagte Klaus Kreuzer, beugte sich über ihre Hand
-und küßte sie. »Ist Walter zu Hause?«
-
-»Walter?« fragte sie verwundert. »Ist etwas passiert? Aber so komm doch
-herein und trag mir die Ruhe nicht heraus.«
-
-Er trat ein, ließ sich Hut und Mantel aus den Händen nehmen und setzte
-sich.
-
-»Traud, du fragst mich, ob etwas passiert sei, und ich komme hierher,
-um es dich zu fragen.«
-
-»Der Walter ist gesund wie ein Fisch im Wasser und vergnügt wie ein
-Vogel in der Luft. Das Beste, was man für ein junges Gemüt nur wünschen
-kann.«
-
-»Traud,« sagte er nach einer Pause, »Traud, du versprachst mir, auf
-den Jungen zu achten, so -- als ob du seine Mutter wärst. Meinetwegen
-und seinetwegen. Sonst -- sonst wäre das, was uns zusammenführte,
-unser Frühlingsglaube, doch nur ein -- ein mit hübschen Unwahrheiten
-aufgeputzter Egoismus. Sag selber, Traud.«
-
-Die mädchenhafte Röte war längst aus ihrem Gesicht geschwunden. Sie sah
-ihn an und fand sich nicht zurecht in ihm und in seinen Worten.
-
-Aber sie sah, daß er litt, und das genügte ihr, um über ihre
-Enttäuschung hinwegzukommen.
-
-»Klaus,« und es war der alte, lustige Ton, mit dem sie zu ihm sprach,
-»Klaus, meinst du, weil sich der Walter geschlagen hat? Ja, du hast
-recht, es war eine törichte Geschichte, aber gerade deshalb war sie so
-lieb. Bedenke doch selbst, ein Füchslein, das sich für seine Tanzdame
-schlägt. Ein Erlanger Student war ihr unhöflich begegnet. Der Walter
-gab ihm Lebensregeln, der Junge, und die Couleur stellte ihn auf seine
-Bitten vorzeitig heraus, weil er sich in der Fechtstunde als firmer
-Schläger erwiesen hatte. Da stach der Walter zur höheren Ehre seiner
-Dame den Erlanger auf ein paar fürchterliche Gesichtsquarten ab.«
-
-»Würdest du,« sagte Klaus Kreuzer, »würdest du, ohne mir böse zu sein,
-wohl etwas weniger studentisch sprechen?«
-
-Sie hob den Kopf. Ihr frohes Lachen war zerflattert. Ihre Augen
-blickten mit einem Male ernst und fest.
-
-»Nein,« erwiderte sie ruhig. »Nein, das werde ich nicht, bevor du nicht
-offen erklärt hast, was dich hergeführt hat.«
-
-»Es ist ein Brief eingetroffen, von der Frau des Dekans. Marianne
-erhielt ihn, und mich hattest du nicht vorbereitet. In dem Briefe
-stand, daß Walter im Kolleg nicht zu sehen sei. Ist das wahr?«
-
-»Angenommen, daß es wahr sei.«
-
-»Daß Walter statt dessen schon seine erste Mensur geschlagen hat,
-weiß ich nun. Ich billige es gerade nicht, mache ihm aber auch keine
-Vorwürfe. Aber daß er, der unreife Junge, mit Mädchen in Wäldern und
-Feldern herumschwärmt --«
-
-»Das ist wahr.«
-
-»-- seinen Wechsel übersteigt und Schulden macht --«
-
-»Ich hab' sie ihm gestrichen.«
-
-»Also das ist auch wahr, und wahr, wahr, daß du ihn in seinem Tun
-bestärkt hast.«
-
-Er erhob sich und ging mit hastigen Schritten zum Fenster.
-
-Sie stand mit blassen Lippen im Zimmer, wartete eine Weile und sagte
-laut: »Dummer Klaus!«
-
-»O bitte, mache dich nur lustig.«
-
-»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken kehrst. Ich will deine
-Augen sehen. So -- ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an, und
-dann frage dich selber, ob ich -- ich imstande bin, dem Menschen, den
-ich am liebsten habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob du mich so
-einer Tempelschändung für fähig hältst.«
-
-»Traud, weshalb hast du es getan?«
-
-»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch, wie weit, weit du schon von
-der Jugend fort warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend so schwer
-zurückfinden können. Und willst doch ein Menschenbildner sein, der die
-Form verstehen muß, wie den Inhalt. Soll ich dich fragen, wie es mit
-_dir_ stand in deinen ersten Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne
-hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen blinzelte? Ob du einem
-Mädchenzopf aus dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund?
-Und deine paar Dukaten dir immer hübsch eingeteilt hast nach Wochen
-und Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der Stunde, die gerade so
-köstlich war, als könnte keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein,
-Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen Leichtlebigkeit
-eine Verteidigungsrede zu halten, aber um die Jungen vor der
-Selbstgerechtigkeit der Älteren zu schützen, die ihre einst so süßen,
-törichten Streiche vergessen haben wollen oder sie nachträglich gern
-als Taten mit einem wackern Untergrund und bewußten Idealen hinstellen.«
-
-»Traud, ich --?«
-
-»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt: eigentlich ist Walter an
-der Reihe, aber da ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann
-ich ebensogut für ihn reden. Und das sage ich dir, die ich den Jungen
-so herzlich lieb gewann, und überdies, weil es der deine ist: Erst war
-er ein Kind und spielte mit Puppen. Und dann kam die Schule, und er
-spielte nicht mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das Lebensstudium, das
-Berufsstudium und das Studium der Menschen, die ihm darin freundlich
-und feindlich begegnen. Da laß dem jungen Herzen eine Zwischenspanne,
-eine kurze, sonnige, in der er noch einmal und zum letztenmal träumen
-darf, er spiele und dürfe kinderselig spielen, bevor es _wieder_ zur
-Schule geht. Der Verlust eines Semesters kann nachgeholt und eingeholt
-werden. Dieser Spielverlust aber nie, oder doch nur auf weniger
-unschuldige Weise. Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal eins.
-Daran ist noch kein Mensch gestorben, oder unsere besten Männer und
-Frauen lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist mancher daran und
-zum Leben erwacht und hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der
-Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck die Bücher vor die Nase
-genommen. Du ja auch. Und --«
-
-»Traud -- hör mich mal an!«
-
-»Und wenn der Sohn dann herangewachsen ist und lebt wie sein Vater in
-Amt und Würden und sitzt mit diesem Vater abends hinterm Familientisch
-oder in der Studierstube, dann langweilen sich diese Menschen nicht
-gegenseitig und gähnen sich an und reden höchstens von ledernen
-Berufsgeschichten und den ewigen Avancementsfragen, die bis zum Tode
-kein Ende finden. Sondern sie reden von -- nun, von was wohl? Von
-Sonnentagen und Burschenfahrten, von Becherklang und Liedersang und
-von so vielen, vielen lieben Mädels und schönen Frauen, daß es so warm
-zwischen ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie und nimmer aus
-der Jugend heraus; daß sie spüren: es war doch der Mühe wert, trotz
-Berufs- und Familiensorgen, und der Vater sagt: Junge, das laß ich
-mich eine Flasche kosten. Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine
-Jugend.«
-
-»Traud! Traud!«
-
-»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein Junge einmal wird, und
-deshalb und deinetwegen habe ich ihn so -- so mütterlich behandelt. Nun
-schimpfe. Ich habe ein köstlich reines Gewissen.«
-
-Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt und seinen Mund darauf
-gedrückt ...
-
-Ganz laut schlugen ihre Herzen.
-
-Und dann sagte sie nach einer langen Weile: »Du hast sie mir schon
-vorhin geküßt, Klaus, und ich muß wohl sehr schöne Hände haben, daß du
-mich schon wieder damit stehen lassen willst und gar nichts anderes an
-mir findest.«
-
-»Du!« stieß er hervor und lachte ihr in die Augen. Und dann schloß sie
-die Augen und spürte seinen Mund ...
-
-»So -- nun ruf mir mal den Walter.«
-
-»Er ist fort.«
-
-»Fort? Wohin?«
-
-»Ins goldne Ferienland hinein. Studenten und Studentinnen miteinander.«
-
-»Und du hast es ihm erlaubt?«
-
-»Ja, Klaus, es ist wohltuend und erzieherisch zugleich. Heut abend
-wollt' ich dir's schreiben.«
-
-Und Klaus Kreuzer tat einen tiefen Atemzug. »Der glückliche Junge.« Und
-wandte sich Traud Werder zu.
-
-»Da habe ich nun meinen Wandereranzug im Koffer und den Rucksack
-dazu und drei -- drei goldene Ferienmonate. Wie sagtest du doch, was
-dem jungen Herzen not täte vor neuer Arbeit? Ein Traum von seliger
-Jugendzeit. Traud -- und mir tut er not. Heute -- oft ...«
-
-»Du willst mich fragen, ob ich mit dir wandern will, Klaus?«
-
-»Ja, Traud.«
-
-»Um Walter einzuholen und seine Kameraden und Kameradinnen?«
-
-»Nur so nahe, um die Fühlung mit der Jugend nicht zu verlieren.«
-
-Sie legte ihm den Arm um den Hals und sah ihn an. »Ich bin ja schon
-immer mit dir gewandert. Weshalb sollte ich jetzt zurückbleiben wollen,
-wo du mich brauchst ...«
-
-Und sie wanderten in früher Morgensonne durch die goldenen Ährenfelder
-des Lahntales, die der Ernte entgegendufteten, um neuem Blühen den
-Platz zu bereiten, durch die Wälder mit ihren goldenen Lichtern, durch
-die Sommerwelt, weiter und weiter. -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Rudolf Herzog
-
-
- Das goldene Zeitalter / Roman / 20.--29. Taus.
-
- Der Adjutant / Roman / 23.--32. Taus.
-
- Der Graf von Gleichen / Ein Gegenwartsroman / 102.--121. Taus.
-
- Die vom Niederrhein / Roman / 166.--185. Taus.
-
- Das Lebenslied / Roman / 201.--220. Taus.
-
- Die Wiskottens / Roman / 256.--275. Taus.
-
- Der alten Sehnsucht Lied / Novellen / 37.--46. Taus.
-
- Der Abenteurer / Roman. Mit Bildnis des Verfassers / 121.--140.
- Taus.
-
- Hanseaten / Roman / 176.--195. Taus.
-
- Es gibt ein Glück ... / Novellen / 62.--71. Taus.
-
- Die Burgkinder / Roman / 206.--223. Taus.
-
- Die Welt in Gold / Novelle / 51.--60. Taus.
-
- Das große Heimweh / Roman / 181.--200. Taus.
-
- Die Stoltenkamps und ihre Frauen / Roman / 216.--245. Taus.
-
- Jungbrunnen / Novellen / 96.--105. Taus.
-
- Die Buben der Frau Opterberg / Roman / 151.--170. Taus.
-
- Kameraden / Roman / 1.--100. Taus.
-
- * * * * *
-
- Gedichte / 11.--25. Taus.
-
- Wir sterben nicht! / Lieder und Balladen / 21.--23. Taus.
-
- Stromübergang / Dramatisches Gedicht in einem Aufzug / 1.--10.
- Taus.
-
- Windzeit und Wolfszeit / Gedichte / 1.--25. Taus.
-
- Die Condottieri / Schauspiel in vier Akten / 3. Taus.
-
- Auf Nissenskoog / Schauspiel in vier Akten / 2. Taus.
-
- Herrgottsmusikanten / Lustspiel in vier Akten / 2. u. 3. Taus.
-
- Rudolf Herzogs Leben und Dichten / Von Prof. ~Dr.~ Johann Georg
- Sprengel / Mit acht Bildnissen / 1.--5. Taus.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der
- Schmutztitel wurde entfernt.
-
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Die Welt in Gold, by Rudolf Herzog.
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold;'>The Project Gutenberg eBook of Die Welt in Gold, by Rudolf Herzog</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Die Welt in Gold</div>
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Rudolf Herzog</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Release Date: July 23, 2020 [eBook #62737]<br />
-[Most recently updated: December 26, 2020]</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Language: German</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team</div>
-<div style='margin-top:2em;margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/title.jpg" alt="Titelseite" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die<br />
-Welt in Gold</h1>
-
-<p class="center">Novelle</p>
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center larger">Rudolf Herzog</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart und Berlin 1922</p>
-
-<p class="center">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">51.&ndash;60. Tausend</p>
-
-<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br />
-Copyright 1911 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">J. C. Heer</p>
-
-<p class="center">zu eigen
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-009.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-<h2>1</h2>
-</div>
-
-<div><img class="imgdrop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="imgdrop">Da lag die alte, liebe Stadt zu
-Füßen. &ndash; Da krochen die alten,
-lieben Gassen wie ehedem den
-Berg hinan, wie heimliche Liebhaber
-auf gewundenen Pfaden,
-und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs
-Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und
-doch nur schöner geworden war.</p>
-
-<p>Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit
-hinaus, so weit, wie man Gedanken senden
-kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont
-erklomm, die Äste ihres Waldgebietes ausspannte
-und den ziellos schweifenden Gedanken
-zurief: Bleibt hier &ndash; nutzet den Tag!&nbsp;…</p>
-
-<p>Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde
-Gewässer der Lahn, und ein Frühlingswind,<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-der nicht mehr als ein Streicheln war, trug
-spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit
-sich und streute sie über den Fluß. Da war's,
-als ob auch die alte Lahn im Brautgewande
-schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam
-hinaufblinzelte, der alten Stadt Marburg, aus
-deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk
-hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.</p>
-
-<p>Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge,
-die sich seit Jahrhunderten schon ihre
-Liebe kund taten, waren nicht älter und waren
-nur schöner geworden.</p>
-
-<p>»Wie ist das möglich&nbsp;…?« fragte sich der
-Mann am Fenster, »wie ist das möglich?
-Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt
-und später geglaubt, alles das wäre nur mit
-den leicht entzündbaren jugendlichen Sinnen
-aufgenommen worden. Und nun ist das alles
-so geblieben und blüht noch stärker und setzt
-sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch &ndash;
-über mich. Und lacht über meinen Professorentitel<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-und über meinen Lebensernst … Oder
-ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier
-&ndash; mit Farben schmücke &ndash; von denen meine
-Seele &ndash; nichts mehr weiß?«</p>
-
-<p>Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als
-wäre ein Gedanke in ihm aufgetaucht, den er
-sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu
-verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine
-Versonnenheit, und die Versonnenheit wurde
-zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte
-und suchend durch die Gassen irrte und fand
-und verharrte und weiterzog und wieder fand.</p>
-
-<p>»Der lange Ritter &ndash;! Der dicke Baum &ndash;
-›Deutschlands Eiche‹ genannt&nbsp;&ndash;! Lindner, der
-knabenhafte ›reine Tor‹&nbsp;&ndash;! Sein Gegenspiel Werder,
-der große ›Amoroso‹&nbsp;&ndash;! Die ganze Schar&nbsp;&ndash;!
-Und mitten darunter &ndash; war er das nicht, Klaus
-Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt begrüßte &ndash;
-der übermütige Junge da mit der Mütze im
-Nacken, den Rock auseinandergeschlagen, auf
-daß man das hehre Dreifarbenband gebührend
-sehe und respektiere, dem herausfordernden<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-Blick, der immer zum Waffengang zu laden
-schien?«</p>
-
-<p>Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig
-und nahm Abschied.</p>
-
-<p>»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird
-sie besser nützen.«</p>
-
-<p>Er trat einen Schritt vom Fenster zurück.
-Er bemerkte, daß er hemdärmelig war. Ja,
-ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte
-es über dem Finger auf und schob es um die
-Brust. »Wenn mich jetzt Marianne sähe.«</p>
-
-<p>Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher.
-Hastig zog er den Rock über, daß nur
-ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb.
-Und unschlüssig wog er die alte Studentenmütze
-in der Hand.</p>
-
-<p>Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die
-Mütze in den Nacken.</p>
-
-<p>»Komm nur herein, Walter. Von mir aus
-kann's losgehen.«</p>
-
-<p>»Papa&nbsp;&ndash;! Nein, Papa, wie du aussiehst!«</p>
-
-<p>»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-nicht. Ich bring' dir ganz einfach ein Opfer.
-Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig
-bestehst. Na ja.«</p>
-
-<p>Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze
-des Sohnes, streifte den schlanken Wuchs und
-heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge.</p>
-
-<p>»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung.
-Das ist kein Vorwurf. Im Gegenteil,
-ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer
-der wohlerzogene Junge bleibst, das Ziel des
-Studiums im Auge.«</p>
-
-<p>»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die
-Couleur darf mich nicht stören.«</p>
-
-<p>Der Vater sah ihn noch immer an. Er
-horchte, als hörte er den Sohn weitersprechen.
-Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme
-der Mutter, Mariannens Stimme. »Die Couleur
-darf den Jungen nicht stören. Er geht
-zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren
-Laufbahn einmal nützlich sein wird.« Weshalb
-&ndash; weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent
-geworden? Aus Nützlichkeitsgründen?<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-Ach nein, weil das alles einmal für
-ihn untrennbar von Jugend &ndash; Jugend, Jugend
-gewesen war.</p>
-
-<p>Gewesen war!&nbsp;…</p>
-
-<p>Das war heute anders geworden. Wirklich?
-War es das wirklich? Oder nur bei Mariannens
-Sohn und &ndash; bei Mariannens Gatten?
-Und er spürte den erstaunten Blick des Sohnes,
-daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben
-habe. Da besann er sich.</p>
-
-<p>»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen
-die Renommistenlieder melden, das Saufen und
-Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren
-nur noch im Kommersbuch. Das Leben ist
-fortgeschritten und stellt immer höhere Anforderungen,
-und ihr seid um so vieles weiter, als
-wir es waren.«</p>
-
-<p>»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.«</p>
-
-<p>»Wie&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Du mußt mal ein mordsfideler Student
-gewesen sein. Die steile Terz da und der wilde
-Durchzieher querüber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»Fuchs, krasser, was faselst du&nbsp;&ndash;? Erstens
-ist das keine steile Terz, sondern ein Spicker,
-den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen
-hat, und zweitens bitte ich, eine regelrechte
-Quart von einem windhündigen Durchzieher
-zu unterscheiden, und drittens &ndash; und viertens
-&ndash; ist das überhaupt nicht der Zweck unserer
-Unterredung. Was wollt' ich dir doch noch
-sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen.
-Was ist das für eine wundersame Frühlingsstimmung
-… &ndash; Mütze auf. Wir wollen
-gehen.«</p>
-
-<p>»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?«</p>
-
-<p>»Tante &ndash; Werder? Ach so. Aber natürlich.«</p>
-
-<p>»Und meine Studentenbude mußt du dir
-auch noch ansehen. Hier, gleich neben deinem
-Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«</p>
-
-<p>Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht
-keine Notiz mehr zu nehmen. Er war
-mit dem Sohne auf den schmalen Korridor
-hinausgetreten und stand nun auf der Schwelle<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-des kleinen, schmucken Zimmers. Sein Blick
-überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene
-Bett, den weißen Tisch, die weißen
-Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das
-ist ja ein Boudoir, Walter.«</p>
-
-<p>»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder
-scheint es sich leben zu lassen.«</p>
-
-<p>»Junge, meine Studentenbude sah ein klein
-wenig anders aus. Direkt unter dem Dach,
-bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus
-roch nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel
-man zwei dutzendmal in die Lederrollen, bis
-man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht
-hatte. Aber schön war's doch, wenn man
-auch die lange Pfeife mitsamt den Kanonenstiefeln
-zum Dachfenster hinausbaumeln lassen
-mußte &ndash; um Raum zu sparen.«</p>
-
-<p>Der Junge lachte.</p>
-
-<p>»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren
-können.«</p>
-
-<p>»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das
-ging da eben sehr schlecht, und ich machte mich<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-denn auch eines Tages auf nach Berlin, um
-&ndash; hm &ndash; wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit
-zu gewinnen.«</p>
-
-<p>»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.«
-Und der Sohn suchte die Hand des Vaters und
-sah bewundernd zu ihm auf.</p>
-
-<p>Einen hastigen Blick warf der Professor zum
-Fenster hinaus. Da lag Marburg. Und er
-wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.</p>
-
-<p>»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau
-zu melden.«</p>
-
-<p>Der Junge zeigte den Weg. Ein paar
-Stufen führte er hinab und klopfte an eine
-weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles
-hier ist,‹ dachte der Professor und betrat auf
-ein helles »Herein« das Zimmer. Mit rascher
-Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und
-verbeugte sich tief und ritterlich vor der Frau,
-die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor
-ihm stand.</p>
-
-<p>»Meine gnädige Frau&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich
-begierig, wie's weiter geht.«</p>
-
-<p>Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung
-auf. »Verzeihung, meine gnädige
-Frau&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen.
-Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schien
-sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch
-war es dem Manne, als säße eine durchaus
-nicht zum Empfang gehörige Lustigkeit in ihren
-Augenwinkeln.</p>
-
-<p>»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger
-Zurückhaltung.</p>
-
-<p>Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür
-denn nur? Ihr habt mich doch nicht vergessen
-und mir den Jungen geschickt. Das ist doch
-ein Beweis der Wertschätzung. Und ich war
-nicht immer artig nach euren Begriffen. Aber
-davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und
-nun nahm sie die Hände aus den Schürzentäschchen
-und schlug sie zusammen. »Wie famos
-du aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-dich mit einem Schlage, oder du bist
-überhaupt nicht älter geworden.«</p>
-
-<p>Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf
-das Du war er nicht vorbereitet gewesen. Und
-unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf
-seinem Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau&nbsp;&ndash;«
-begann er noch einmal.</p>
-
-<p>»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast
-meinen Namen vergessen. Aber ich nehme dir
-das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die
-mich von Herzen freut, an ganz andere Namen
-gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud,
-weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und &ndash;
-ja, jetzt muß <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Verzeihung bitten,
-denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn
-ich gegen die Formen verstoßen haben sollte,
-Herr Professor &ndash; pardon, Herr Geheimrat &ndash;
-Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und
-hier in Marburg noch so ganz in der alten
-Zeit steckengeblieben.«</p>
-
-<p>Da schob der Professor die Mütze in den
-Nacken und ging, beide Hände ausgestreckt, auf<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud.
-Ich freue mich, daß <em class="gesperrt">du</em> wenigstens in der alten
-Zeit steckengeblieben bist.«</p>
-
-<p>Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten
-Tag, Klaus. Also doch mal wieder heimgefunden
-nach Marburg?«</p>
-
-<p>»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war
-die Heimat meiner Jugend.«</p>
-
-<p>»Und bringst jetzt den Jungen daher? In
-die alte Couleur?«</p>
-
-<p>»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger
-Mädchengesicht, möcht' ich fast, ich könnt'
-den Jungen nicht nur in meine alte Couleur,
-ich könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.«</p>
-
-<p>»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz
-deines hohen Fluges.«</p>
-
-<p>»Herrgott nochmal.«</p>
-
-<p>»So, und nun könntest du wohl meine Hände
-loslassen. Nein, nein, verwandtschaftliche Beziehungen
-reden in solchen Sachen durchaus nicht
-mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da.
-Bist du mit ihm zufrieden?«</p>
-
-<p>»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation
-und Kollegbelegen zu tun. Und seit drei Tagen
-ist er erst da.«</p>
-
-<p>»Und ich bin erst seit einer halben Stunde
-da, und schon bist du mit mir unzufrieden.«</p>
-
-<p>Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,«
-sagte sie nur.</p>
-
-<p>Da lachte auch er.</p>
-
-<p>»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung,
-und ihr Mädels habt ihn aufgeschnappt.«</p>
-
-<p>»Keinen friedlichen Studenten konntest du
-vorüberlassen, ohne die Segel gegen ihn zu
-hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen.
-Das imponierte uns höheren Töchtern mächtig.
-Bist du immer noch so wild?«</p>
-
-<p>Der Professor suchte den scherzenden Ton
-beizubehalten.</p>
-
-<p>»Ordentlicher Professor an der Universität
-Berlin und Geheimer Regierungsrat,« meldete
-er dienstlich, »außerdem« &ndash; und es klang<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-eine Schärfe hinein &ndash; »zwanzig Jahre verheiratet
-mit deiner Cousine Marianne.«</p>
-
-<p>Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der
-sich in beschaulicher Ruhe zum Fenster hinausgelehnt
-hatte, ging an dem Mann vorüber
-und strich ihm im Vorbeigehen über die
-Augen.</p>
-
-<p>»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in
-Marburg. &ndash; Walter!«</p>
-
-<p>Der Junge fuhr dienstfertig herum. »Tante
-Werder?«</p>
-
-<p>»Ich muß euch mal nebeneinander sehen.
-So &ndash;&nbsp;&ndash; Aha, die Länge ist die gleiche. Und
-das dunkle Haar&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich habe schon weiße, Traud.«</p>
-
-<p>»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen.
-Also das dunkle Haar hüben wie drüben. Das
-Gesichtel in der jüngeren Auflage&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O Gott, das Gesichtel!«</p>
-
-<p>»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem,
-Klaus. Ja, Walter, vorläufig noch mehr Milch
-als Blut, aber verlaß dich nur auf deine alte<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur
-schon sorgen.«</p>
-
-<p>Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar.</p>
-
-<p>Der Junge errötete unter der frauenhaften
-Liebkosung. »Erstensmal bist du nicht alt, sondern
-noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich
-gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen.
-Ich werde schon meine Zeit anders verwenden,
-und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe
-heut, ins Kolleg.«</p>
-
-<p>Sie streichelte noch immer sein Haar.</p>
-
-<p>»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber &ndash;
-Bravheit schützt vor Jugend nicht.«</p>
-
-<p>Da lachten sie alle drei mitsammen, und der
-Junge haschte nach ihrer Hand und küßte sie
-in wohlerzogenem Respekt.</p>
-
-<p>»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein
-älterer Bruder. Forsch, was? Gib acht, daß
-er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften
-Marburgs vor die Klinge nimmt.«</p>
-
-<p>»Ach &ndash; Tante! Aber er sieht wirklich anders
-aus als zu Hause.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>»Das tut die gute Marburger Luft. Und
-nun hab' ich euch mit meinem Schwatz lange
-genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu
-spät auf den Berg. Du bleibst doch noch einige
-Tage, Klaus?«</p>
-
-<p>»Der Minister hat dringende Arbeiten für
-mich, sonst hätte ich den Walter selbst hergebracht.
-Nun langt's nur für den Tag der
-Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen
-nicht nehmen lassen wollte.«</p>
-
-<p>»Schade&nbsp;&ndash;. Aber &ndash; der Minister und
-Marburger Frühling &ndash; das reimt sich schlecht
-zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen
-für heute.«</p>
-
-<p>»Auf morgen, Traud. Wir werden diese
-Nacht sehr leise auftreten.«</p>
-
-<p>»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.«</p>
-
-<p>»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's
-frisch sein.«</p>
-
-<p>In der Tür wandte sich der Professor um.
-»Entschuldige, aber da vergaß ich ganz, dir die
-schönsten Grüße von Marianne auszurichten<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-und ihren verbindlichen Dank für die gute Aufnahme
-des Jungen. Wir rechnen dir das ganz
-besonders hoch an, weil &ndash; nun, weil&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber
-auf die Kneipe.« Und sie lachte ihn aus.</p>
-
-<p>Der Junge polterte schon auf der Stiege.
-Da trat er noch einmal ins Zimmer und griff
-nach ihren Händen.</p>
-
-<p>»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir
-durch alle die schweren Lebenslagen hindurch
-nur deine Lustigkeit bewahren können?«</p>
-
-<p>Sie sah ihm fest in die Augen. »Weil ich
-keine Duckmäusernatur bin.«</p>
-
-<p>»Weil dich das Leben freut?«</p>
-
-<p>»Über alles.«</p>
-
-<p>»Gib mir einen Kuß, Traud. Ich kann ihn
-brauchen.«</p>
-
-<p>»Mach, daß du hinauskommst.«</p>
-
-<p>Und er hörte ihr Lachen noch auf der Stiege
-und trug es noch im Ohr, als er, Band um,
-Mütze auf, neben seinem Füchslein den Schloßberg
-hinanstieg, durch den kosenden, streichelnden<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-und schmeichelnden Frühlingsabend, hinan zu
-dem hohen, freien Hang, auf dem das Haus
-seiner alten Verbindung wie eine Warte der
-Jugend stand. ›Wie lange,‹ dachte er, ›hab' ich
-dies Kosen, dies Streicheln und Schmeicheln
-nicht mehr gespürt.‹ Und er tat einen tiefen,
-wohligen Atemzug. ›Aber heute &ndash; spür' ich's!‹
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p>
-
-<h2>2</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">D</span>a trat er mit seinem
-Sohn in den Kneipsaal ein, und er sah strahlenden Auges über die Masse
-der Buntmützen hin, die die mächtige hufeisenförmige Tafel dicht
-bekränzt hielten, und als er den Sohn an der Fuchsenecke untergebracht
-wußte, schritt er hinüber zur Tischecke der alten Herren, spähte in den
-bärtigen Gesichtern nach den Gefährten der Jugend, schüttelte kräftig
-alle die Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und fiel aus voller
-Kehle in den Kantus ein:
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»<em class="antiqua">Gaudeamus igitur,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Juvenes dum sumus!</em>«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»<em class="antiqua">Cantus ex est. Schmollis cantoribus!</em>«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Fiducit!</em>«</p>
-
-<p>»Kreuzer, alter Pirat, tauchen endlich deine<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-Segel wieder auf der Lahn auf? Gegrüßet
-seist du&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Prost, langer Ritter. Ich suche dein Bäffchen
-und deinen Talar.«</p>
-
-<p>»Hab' beides meiner Hausehre zum Aufbügeln
-dagelassen. Dieweil, juchhei &ndash; dieweil
-&ndash; juchhei &ndash; der Herr Pastor zu Nutz
-und Frumm der Dorfgemeinde eine kleine Aufbügelung
-in Marburg vor sich gehen läßt.«</p>
-
-<p>»Ich komme dir einen Halben, Pirat. Nichts
-zu flicken für einen hilfsbedürftigen Landarzt?«</p>
-
-<p>Kreuzer blickte in das starke, gerötete Gesicht.
-»Der Stimme nach &ndash; der Melodik der
-Stimme nach &ndash; ist mir, als hörte ich Deutschlands
-Eiche im Wipfelrauschen. Baum?«</p>
-
-<p>»Zu dienen, Herr Geheimrat. Ich bin der
-Baum. Aber gestatte, daß ich die Umarmung
-mit dir bildlich vollziehe. Ich stehe nicht gern
-auf, wenn ich sitze.«</p>
-
-<p>»Hast du endlich das Zipperlein?«</p>
-
-<p>»Bitte &ndash; bitte &ndash; diese herrlichen Gliedmaßen
-gehören dem Wohl des Volkes. Deshalb<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-schone ich sie. Und wenn du die Farbe
-meines Antlitzes zu einem ärgerlichen Vergleich
-mißbrauchen möchtest, so sage ich dir: Wind
-und Wetter haben sie mir angeschmeichelt, und
-sie ist ehrenvoll auf der Landstraße verdient.«</p>
-
-<p>Und eine zarte Stimme sprach: »Er opfert
-sich auf, unser lieber Baum. Da ist ein Mann
-in seinem Klientel, den er von der Schädlichlichkeit
-geistiger Getränke überzeugen muß, und
-es ist der Dorfwirt und nicht unter die Erde
-zu bringen. Ganz erschöpft von den endlosen
-Debatten sehe ich oft zur Nachtzeit unseren
-braven Baum in den Wagen steigen.«</p>
-
-<p>»Du aber, mein braver Lindner, steigst jetzt
-in die Kanne. So ist's recht, mein guter Junge.
-Ich will dich lehren, neidverzerrt im Pastorat
-auf der Lauer zu liegen, während ich mich bemühe,
-dir die faulen Begräbnissporteln abzuknöpfen.
-Ah, du meldest dich reumütig mit
-der neuen Blume? Prosit, da trinke ich
-mit.«</p>
-
-<p>»Lindner, der reine Tor? Und Pfarrherr<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
-wie der lange Ritter? Fühlst du dich wohl auf
-dem Land?«</p>
-
-<p>Der Pfarrherr mit dem bärtigen Knabengesicht
-reichte dem Professor die Hand.</p>
-
-<p>»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der
-Mensch anders als wohl fühlen, wenn er die
-Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und
-der lange Ritter &ndash; und der dicke Baum &ndash;
-sind das nicht auch ein paar Stücklein Natur?
-Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir
-einen Kreis bilden, haben wir die Jugend mitten
-darin eingefangen. Nämlich« &ndash; und er flüsterte
-geheimnisvoll &ndash; »die Jugend ist nämlich das
-beste Stück Natur.«</p>
-
-<p>Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische
-herum. Das braune Bier schäumte über den
-Rand.</p>
-
-<p>»Silentium!«</p>
-
-<p>Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet.
-Die Narben auf seiner Wetterseite leuchteten.
-Mit heller, klingender Stimme sprach er in
-das Schweigen hinein. Er begrüßte die alten<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-Herren, er begrüßte Aktive, Inaktive und Verkehrsgäste,
-er begrüßte die neu angemeldeten
-Füchse. Es war eine Rede, wie sie seit Jahren
-zum Semesteranfang gehalten wurde, und doch
-wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder
-aus einem frischen Munde kam und neue Begeisterung
-den Atem befeuerte. »Wir singen
-das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die
-Musik spielt den ersten Vers vor. Silentium …
-das Lied steigt.«</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!<br /></span>
-<span class="i0">Die Philister sind uns gewogen meist,<br /></span>
-<span class="i0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.<br /></span>
-<span class="i0">Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur
-Saaldecke, und die Bässe der alten Herren malten
-so kräftig den Untergrund, daß die starr ins
-Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten,
-sich aus ihrer Unsicherheit heraustasteten, die
-tragende Woge des Gesanges erreichten und
-plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen.
-Der dicke Baum lag, die Hände<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt
-im Sessel und sang auswendig. Der lange
-Ritter hielt das Liederbuch mit der Linken und
-schlug mit der Rechten den Takt auf seines
-Konfraters Lindner Knien. Der lächelte beim
-Singen selig, als sähe er den Himmel offen.
-Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die
-Augen der alten Freunde und des jungen Nachwuchses,
-fand nur leuchtendes Licht in den
-Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm
-selber heiß in die Blicke stieg, sah Buntmützen und
-Dreifarbenbänder, die Vergangenheit Wiederkehr
-halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete,
-griff mit der Hand in die Luft,
-als müßte er sie halten, fest, fest&nbsp;…</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch!<br /></span>
-<span class="i0">Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,<br /></span>
-<span class="i0">Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert,<br /></span>
-<span class="i0">Frei ist der Bursch!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft!
-Freies Wort! Kühne Tat! Stoßt an &ndash;
-Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch.</p>
-
-<p>Und drunten Marburg zu Füßen, und droben<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-das Schloß, und ringsherum die ganze weite
-Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern,
-die dennoch nur den glücklich machen,
-der sich nimmer des Zählens begibt.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag,<br /></span>
-<span class="i0">Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach:<br /></span>
-<span class="i0">Frei ist der Bursch!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Treu? War er dem Burschenschwur treu
-geblieben? Ah, welche knabenhaften Gedanken.</p>
-
-<p>Was weiß der junge Mensch, der hier trinkt
-und singt, vom Leben? Seine Hoffnungen schickt
-er auf Rosenwolken hinaus und nennt sie die
-›unumgänglichen Forderungen‹. Und der erste,
-der sie im Leben umgeht, ist er selber, und der
-Pfründe wegen, der Ehe wegen, all der gebieterischen
-Dinge wegen, die nicht in Marburgs
-Mauern liegen, lernt er um in der
-Algebra des Lebens. Treu!</p>
-
-<p>Und &ndash; dennoch!</p>
-
-<p>Stunden haben, die wie das Vergessen sind &ndash;
-bis auf die Stunde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Nichts wissen, als daß man noch da ist in
-schwärmender Tafelrunde.</p>
-
-<p>Daß man die schwere Süße um sich spürt
-der Erwartungen.</p>
-
-<p>Der Erwartungen, die wie nie auszuzählende
-Frühlingswunder sind und doch nur
-den glücklich machen, der sich nimmer des
-Zählens begibt.</p>
-
-<p>Das kam über Klaus Kreuzer, daß seine
-Stirn sich zusammenzog und aus seiner Brust
-ein langer, stoßender Atemzug ging. Das kam
-über ihn, daß seine Lippen sich zu einem harten
-Strich zusammenpreßten.</p>
-
-<p>»Pirat! Wen willst du vor die Klinge? Laß
-sie pfeifen auf Hieb und Stich und gottselige
-Abfuhr! Ach, und stoß an, Bruderherz, da
-wir doch so jung zusammen sind.«</p>
-
-<p>»Dein Wohlsein, Baum. Was? Rest? Wie
-kann man so trinken!«</p>
-
-<p>»Ist das eine Konsultation?«</p>
-
-<p>»Ich wünsche dich nicht bloßzustellen.«</p>
-
-<p>»Also du fassest das Glas hier unten &ndash; hebst<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-es hinten hoch &ndash; siehst du &ndash; vorn läuft es
-von selber.«</p>
-
-<p>Der vergnügte Landarzt hatte sein Glas geleert.
-»Ja &ndash; was ich noch sagen wollte &ndash;
-und für ärztliche Bemühungen bekäme ich einen
-Taler.«</p>
-
-<p>»Halsabschneider!«</p>
-
-<p>»Drückeberger. Kenn' ich. Nur heraus mit
-dem dicken Silberling. Das wäre also der
-Bowlenfonds.«</p>
-
-<p>Der junge Walter Kreuzer stand, die Mütze
-in der Linken, am Tische der alten Herren.
-Der schwere Landarzt blieb behaglich im Sessel
-liegen und wandte kaum den Kopf. »Was
-wünschest du, mein Sohn?«</p>
-
-<p>»Gestatte, alter Herr, daß ich mich vorstelle.«</p>
-
-<p>»Wie heißest du?«</p>
-
-<p>»Walter Kreuzer, Sohn des alten Herrn
-Klaus Kreuzer.«</p>
-
-<p>Der Doktor streckte ihm die Hand entgegen.
-»Was? Zwei Kreuzerlein? Willkommen in
-der Couleur. Auf daß du lange lebest, eine<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-Zierde unserer Farben wie dein Vater. Prosit,
-Fuchs. Und bleib alleweil mein Freund.«</p>
-
-<p>Und er summte, während er das Glas gegen
-das Licht hob: »Was nützen mich die Kreuzerlein
-&ndash; wenn ich gestorben bin.«</p>
-
-<p>Der Fuchs hatte sich den alten Herren Pastor
-Ritter und Pastor Lindner vorgestellt. Das
-Tonnenmützchen saß dem fröhlichen Ritter weit
-im Nacken. Den Arm schlang er um die Taille
-des jungen Mannes.</p>
-
-<p>»Nun &ndash; nun? Wie heißt die Parole, Fuchs?
-Philologie? Nimm Öl aus dem Krüglein
-deines Vaters. Medizin? Der große Medizinmann
-Baum fährt dich auf die Praxis, daß
-du deine Knöchlein besser spürst als die der
-Patienten. Theologie? Komm zu mir und
-halte bei mir die Probepredigt, auf daß ein
-jähes Erwachen in die alten Weiber fahre. Nur
-nicht Juristerei.«</p>
-
-<p>»Weshalb nicht Jus, alter Herr?«</p>
-
-<p>»Dieweil die Advokaten siebenspännig in die
-Hölle fahren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>Und begütigend sprach die zarte Stimme
-Pastor Lindners: »Es ist seine liebenswürdige
-Marotte. Er hätte selber gern Jus studiert,
-und nun tröstet er sich mit einem Kraftsprüchlein.«</p>
-
-<p>»In die Kanne, lieber Lindner. So &ndash; geschenkt.
-Nun wird dein Zeigefinger wohl nicht
-mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen.
-Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele
-von einem Menschen.«</p>
-
-<p>Und wieder rauschten Geigen, Bässe und
-Flöten von der Musikantentribüne durch den
-Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in
-die hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem
-Frühlingsmorgen entgegen, der in der Zukunft
-lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht
-hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend
-trug.</p>
-
-<p>Das Präsidium war an die alten Herren
-übergegangen. Der lange Ritter hielt es in
-starken Händen. Scheffel regierte die Stunde,
-und der Rodensteiner brauste durch den Odenwald:
-»Raus da, raus aus dem Haus da,<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum
-stand würdevoll vor dem Präsidentensessel, und
-er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den
-ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg,
-am Rheine, am Rheine! Und nun hatte
-der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner
-die Kommandogewalt.</p>
-
-<p>»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme,
-»als ein Vorläufer. Wir haben ihn unter uns,
-den wir schon liebten, als wir jung waren wie
-ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen
-von der Fuchsentafel und über die Mensurböden
-und durch die Burschenzeit ins Leben
-hinein. Er war die Sonne unserer Jugend
-und der beste Student, den Marburgs Mauern,
-Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je
-gesehen. Wer kann die Sonne fangen? Es
-fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und
-seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt,
-gab sie der Menschheit. So wurde er der Stolz
-unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde
-uns die lebendige Versicherung, daß auch wir<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-recht getan hatten, das Gottesgeschenk der Jugend
-zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf hoher
-Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch
-geliebt von seinen Jüngern. Silentium! Wir
-reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn
-Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus
-Kreuzer.«</p>
-
-<p>Der Donner der Gläser auf den Tischplatten
-war verklungen. Still saß der Professor auf
-seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute
-er über die Buntmützen hin, als sähe er Menschen
-und Dinge in den Saal strömen, die nicht
-mehr waren. Sprach der bärtige Mann am
-Präsidententisch wirklich von ihm? Hatte es
-das gegeben? Soviel Sonne&nbsp;&ndash;? Soviel Sonne?
-Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen
-Knabengesicht nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem
-Gewordenen, der Gegenwart sprach? Nein,
-nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen.
-Und nun donnerte die Huldigung in
-sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus
-der Weite zurück und sah wieder feste Linien,<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-sah junge Gestalten, sah junge, lachende, fragende,
-schwärmerische Augen auf sich gerichtet. &ndash; Da
-riß es ihn auf.</p>
-
-<p>Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe
-das Präsidium&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Da stand er am Platz des Präsidenten, an
-dem er &ndash; fünfundzwanzig Jahre waren es
-bald &ndash; so oft gestanden hatte.</p>
-
-<p>»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung
-dargebracht, und das ist ein Geschenk. Da bedarf
-es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben?
-Nun, dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß
-ich jung bleiben will, wie ich es einmal war,
-wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben!
-Und wenn die Welt voll Teufel wär'! Nur
-diese eine Tugend gibt's. So wünsche ich uns
-alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und
-nicht anders. Ach, was wißt ihr, wie ihr den
-Burschensang und -klang braucht im Leben!
-Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab
-ihn uns, damit wir im Jagen und Drängen
-zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-irgendwoher &ndash; im Ohre ertönt. Daß wir
-vergleichen, prüfen, wägen und &ndash; zu leicht befinden.
-Daß wir beschämt innehalten. Wenn's
-not tut: das Steuer herumwerfen. An Bord
-nehmen, was hinter uns her schwimmt mit
-verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz,
-ohne den wir verloren sind gegen den schlimmsten
-Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die Blasiertheit.
-Nur diese Sünde gibt's, und keine andere.
-Ein blasierter Mensch ist ein Bankerotteur, der
-sich seiner Daseinsberechtigung begab, als er
-die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte.
-Laßt es euch gesagt sein, ihr Burschen
-und Füchse: Die Schönheiten der Welt sind keine
-Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf
-einer Wolke auf der Lauer und späht durchs
-Fernglas, zu sehen, wer von den armen Menschlein
-ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte,
-die uns die kurze Erdenspanne mit seinen
-Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie auf,
-und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag,
-und ihr behaltet eure hellen Augen und euer<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der
-Jugend auf seinen Lippen spürt, ist noch im
-Sterben glücklich zu schätzen. Das ist der
-Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf,
-Leute!«</p>
-
-<p>›Professor Kreuzer &ndash; Geheimer Regierungsrat
-&ndash; Mariannens Gatte&nbsp;&ndash;‹ schoß es ihm
-durch den Kopf.</p>
-
-<p>Er lachte.</p>
-
-<p>Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung,
-die erschlossene Seligkeit junger Gemüter.</p>
-
-<p>Er lachte.</p>
-
-<p>Das aber war ein anderes Lachen.</p>
-
-<p>»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium!
-Musikanten, den ersten Vers! Silentium &ndash;
-das Lied steigt.«</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus,<br /></span>
-<span class="i0">War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus.<br /></span>
-<span class="i0">Und er wanderte weit<br /></span>
-<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn am Walde &ndash; die Heckenrosen blühn.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein.<br /></span>
-<span class="i0">Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein.<br /></span>
-<span class="i0">Schaut' über die Heid'<br /></span>
-<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn am Walde &ndash; die Heckenrosen blühn.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind.<br /></span>
-<span class="i0">Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind?<br /></span>
-<span class="i0">Da lachten sie beid'<br /></span>
-<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn am Walde &ndash; die Heckenrosen blühn.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug.<br /></span>
-<span class="i0">Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug.<br /></span>
-<span class="i0">Und da küßten sich beid'<br /></span>
-<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.«&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p>
-
-<h2>3</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">W</span>aren Stunden vergangen,
-seitdem das Lied verklungen war?
-</p>
-
-<p>So waren sie wie Minuten gewesen, von
-denen der Sekundenschlag mehr zählte als eine
-Stunde.</p>
-
-<p>Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere
-Leinengardine zurück. Ein dunkelblaues Dämmern
-füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen
-des Morgenwunders. Und eine Nachtigall
-schlug vom blühenden Hang hinauf. Das hatte
-er seit Jahren nicht mehr erlebt.</p>
-
-<p>Er stand und horchte. Und vernahm, wie
-die Jugendfreunde hinter ihn traten. Da griff
-er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach
-ihren Händen. »Kinder &ndash; das ist zum Glücklichwerden!«</p>
-
-<p>»Alter Pirat &ndash; du hast dein Teil geborgen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, ja … Und ihr?«</p>
-
-<p>»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen
-können, haben wir also &ndash; das große Los
-gezogen.«</p>
-
-<p>»Sprecht ernsthaft.«</p>
-
-<p>»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei,
-eine fröhliche Landpraxis &ndash; beim heiligen Veit
-von Staffelstein, wir sind doch keine Duckmäusernaturen?!«</p>
-
-<p>Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann?
-Heute? Gestern? Ganz gleich. Es war ein
-Wort im Alltagsgewand und voll innerer Köstlichkeiten.
-Und &ndash; Traud hatte es gesagt.
-Natürlich&nbsp;…</p>
-
-<p>»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim?
-Wollen wir Überlebenden &ndash; ja, was wollen
-wir Überlebenden?«</p>
-
-<p>Seine Augen suchten das blaue Gewoge des
-dämmernden Tages zu durchdringen.</p>
-
-<p>»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«</p>
-
-<p>»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir
-werfen uns wie Antäos an der Mutter Brust,<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein
-Schicksal trifft.«</p>
-
-<p>»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster
-&ndash; als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!!«</p>
-
-<p>»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit
-uns sprechen.«</p>
-
-<p>Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm
-beieinander und blickten in die blauen, flatternden
-Schleier. Immer inbrünstiger wurde das
-Lied der Nachtigall. Und nun kam eine Woge
-frischen Blütenduftes.</p>
-
-<p>Die Sonne&nbsp;…</p>
-
-<p>Von den Hängen flatterten die Schleier los,
-über die Lahnwiesen strichen sie hin in eiliger
-Flucht, die Bergkette schüttelte sie von den Häuptern,
-daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder
-taten sich auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht,
-in stiller, drängender Liebe, in lebenzeugender
-Sonne.</p>
-
-<p>Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und
-war nur schöner geworden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.</p>
-
-<p>Die anderen nickten.</p>
-
-<p>»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer
-fort, »ich bin ein Gleichnis und will in euer
-Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt,
-was euch not tut. Euer Leben mag
-älter, aber es darf nur schöner werden. Nein
-&ndash; mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr
-es nicht wollt. Seht her und macht sie nach:
-die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut
-zum Glücke&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er brach ab und starrte hinaus. Was würden
-die guten Kerle davon wissen … Kaum ihre
-Atemzüge hörte er.</p>
-
-<p>Und in die tiefe Stille klang die Stimme des
-Landarztes, und über seinem Gesichte lag ein
-merkwürdiger Hauch, der es verschönte und vergeistigte.
-Und in die tiefe Stille hinein sagte
-er nur: »Es braucht kein Geist aus dem Grabe
-und kein Professor aus Berlin zu kommen,
-um uns das zu verkünden.«</p>
-
-<p>Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-Blicke tranken den Morgen: »Siehst du, deshalb
-sind wir hier.«</p>
-
-<p>Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an
-sein Herz.</p>
-
-<p>So viel war er geworden und so wenig die
-anderen, und doch wußte er nichts zu erwidern.</p>
-
-<p>»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme
-Lindners, »komme öfter herüber von Berlin.
-Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft
-dir nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und
-du bist doch erst fünfundvierzig.«</p>
-
-<p>Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ,
-daß der Hochmut die Segel strich, daß
-nichts mehr in seinem Blute war als eine
-grimmige Sehnsucht.</p>
-
-<p>»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort
-darauf. Das mit dem Lorbeer und den Rosen,
-Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner
-Tor konnte das Wort prägen, dem keine Wissenschaft
-beikommt. Her mit den Gläsern. Angestoßen.
-Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>»Nach Hause jetzt.«</p>
-
-<p>»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«</p>
-
-<p>»Burschen heraus!«</p>
-
-<p>Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden
-Morgen hinein, gingen sie die krummen
-Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus,
-vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red'
-und Antwort, riefen sie sich Mädchennamen
-zu und die Namen der Gegner, die sie auf der
-Mensur bestanden hatten, die Namen der Philister,
-die sie gemartert, und die Namen der
-herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder
-gemartert hatten.</p>
-
-<p>»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du
-barhaupt und hemdärmelig die Straße hinunter,
-ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus
-dem Fenster hinter dir her, bis alle Philister
-aufgeregt in den Fenstern lagen und mitschrien,
-und die Stadtschergen erschienen und wie besessen
-die Verfolgung aufnahmen. Das ging
-wie die wilde Jagd den Schloßberg hinunter<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span>
-und um die Elisabethenkirche herum und zurück
-zur Universität, und die ganze Studentenschaft
-war auf den Beinen. Und plötzlich bogst du
-um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann,
-der die Hand nach dir streckte, und sagtest:
-›Pardon, mein Herr, wissen Sie hier in der
-Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe
-hier einen Rock zu flicken!‹</p>
-
-<p>»Wie Lots Weib stand der Mann, und es
-folgte eine Tobsucht. ›Mensch, weshalb laufen
-Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie &ndash;
-Mensch!‹ Und verwundert erwidertest du: ›Mein
-Herr, weil ich es nicht für anständig halte, in
-Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹
-Verneigtest dich und warst im Schwarm der
-Buntmützen verschwunden.«</p>
-
-<p>»O Academia!«</p>
-
-<p>»Kinder, Kinder!«</p>
-
-<p>Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden
-und trugen die edle Patina der Verklärung,
-und die Geschichten folgten sich.</p>
-
-<p>»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer.<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-»Ich habe euch versehentlich durch die halbe
-Stadt begleitet und muß nun wieder den Berg
-hinauf. Schlaft wohl!«</p>
-
-<p>»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns
-im Hotel?«</p>
-
-<p>»Ich wohne bei Frau Werder.«</p>
-
-<p>»Frau &ndash; Werder? Haben wir nicht einen
-Werder in der Couleur? Natürlich! Werder,
-der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige
-Kerl?«</p>
-
-<p>»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine
-meiner Frau. Deshalb wohne ich dort.
-Und mein Junge hat Marburger Quartier
-dort bezogen.«</p>
-
-<p>»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen, ihr.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p>
-<h2>4</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">P</span>rachtvoll war die
-Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er den Berg
-hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um die Brust.
-Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen. Weit, ganz
-weit dehnte er die Arme&nbsp;…
-</p>
-
-<p>Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt.
-Vor der weißlackierten Tür blieb er stehen.
-War das nicht ein Kichern? Er klopfte.</p>
-
-<p>»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.</p>
-
-<p>»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen,
-Traud.« Und elastisch ging er die Treppe
-weiter hinauf.</p>
-
-<p>Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die
-Hausfrau stand im hellen Morgenkleid und
-lachte hinter ihm drein.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-&ndash; das Stelldichein mit dem Klaus von ehedem?«</p>
-
-<p>»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«</p>
-
-<p>»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.</p>
-
-<p>Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf,
-und als er um die elfte Morgenstunde
-erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.</p>
-
-<p>»Was, du bist vor mir auf?«</p>
-
-<p>»Frühschoppen, Papa.«</p>
-
-<p>»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«</p>
-
-<p>»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl
-nicht ankommen.«</p>
-
-<p>Ein Lächeln huschte um des Professors Mund.
-»Nein, nein, auf den einen Tag wird's wohl
-nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter
-in Anfechtungen fällst, werde ich &ndash; ja, ja, das
-werde ich &ndash; an Mama depeschieren, daß ich
-erst morgen komme.«</p>
-
-<p>»Papa! Famos, Papa!«</p>
-
-<p>»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur
-Toilette. Wir gehen dann zusammen.«</p>
-
-<p>»Du &ndash; Papa&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>»Was denn, mein Junge?«</p>
-
-<p>»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich.
-Und ich habe es auch Tante Werder schon
-gesagt.« Und nun war der Junge draußen.
-Und der Vater sann hinter ihm her.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später betrat er frisch und
-hoch gestreckt das Frühstückszimmer.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich
-nicht ein Frühaufsteher?«</p>
-
-<p>Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete
-ihn.</p>
-
-<p>»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon
-um sechs Uhr früh auf den Beinen warst, bist
-du noch immer recht rüstig.«</p>
-
-<p>»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine
-Tasse Kaffee bitten? Wo steckt der Walter?«</p>
-
-<p>»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er
-mir mit strahlenden Augen von <em class="gesperrt">ihm</em>, dem
-herrlichsten von allen &ndash; das solltest du nämlich
-sein, Klaus &ndash; erzählt hatte, bekam er plötzlich
-das zweite Gesicht und mußte eiligst noch
-ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-väterlichen Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm
-das Frühstück ein.</p>
-
-<p>»Leichtsinnig? Ich&nbsp;&ndash;? Ach, Traud, ich
-wollte, ich könnte es noch einmal von Herzen
-sein.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter
-versteht. Von Zeit zu Zeit mal über die Stränge
-schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner
-gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger
-Leichtsinn für kleine Leute und würde gar nicht
-zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«</p>
-
-<p>»Kennst du <em class="gesperrt">zwei</em> Arten von Leichtsinn? Eine
-passende und eine unpassende?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn
-du schon bei dem Wort bleiben willst, so kenne
-ich zwei Arten.«</p>
-
-<p>Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand.
-»Nenn sie, Traud.«</p>
-
-<p>»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja
-eine Lüge, wenn ich anders sprechen wollte.
-Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich
-aufmacht und durch die Niederungen schleicht,<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-einerlei, ob es durch Sumpf- und Brackwasser
-geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird,
-und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle
-Miseren in lichte, frohe Höhen zu schwingen
-versteht, bis die Augen der Nachstaunenden
-ihn nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber
-die Sonne verspürt und er Gott anders begreift
-und seine Welt und erkennen lernt, daß es über
-jede Misere hinaus einen lachenden, blauen
-Himmel gibt für den, der zu fliegen versteht.«</p>
-
-<p>»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer
-Weile, »ich höre dir zu.«</p>
-
-<p>»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen,
-und du brauchst meine Weisheit nicht.«</p>
-
-<p>Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer
-Weile: »Ich habe es einmal gekonnt &ndash; oder
-wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage
-nur noch zur Schau mit den Flügeln.«</p>
-
-<p>»Weshalb?«</p>
-
-<p>»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen,
-die sich lieber einen Pfauhahn halten, der der
-allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-werden kann, als einen Adler, der sich den
-Blicken der Leute entzieht.«</p>
-
-<p>»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen
-ganzen Geheimratsfrack voll Orden.«</p>
-
-<p>Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah
-er scharf auf.</p>
-
-<p>»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.«
-Und er erhob sich mit verschlossenem,
-hochmütigem Gesicht.</p>
-
-<p>Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn
-lächelnd an. Bis es ihn unruhig machte.</p>
-
-<p>»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«</p>
-
-<p>»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner
-Orden sehe … Adieu, Klaus, und recht viel
-Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom
-Tisch, winkte ihm zu und ging aus dem
-Zimmer.</p>
-
-<p>Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann
-sich, daß er Gastfreundschaft in diesem Hause
-genoß, und meisterte seine Erregung. Auf dem
-Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach
-ihr und zog sie in den Nacken. Da kam Walter<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-die Treppe hinauf. Straff ging er ihm entgegen.
-»Junge, der Frühschoppen wartet, und
-wir wollen uns &ndash; über die Erdenschwere in
-die Lüfte schwingen.«</p>
-
-<p>»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«</p>
-
-<p>»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen
-dessen machen wir jetzt den Umweg übers
-Telegraphenamt.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p>
-<h2>5</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">E</span>s war Nachmittag, und
-Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem Klavier und spielte sich
-zur Freude ein still dahinschwebendes Lied. Ihre Augen blickten über
-die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte sie sich keinen
-schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf ihren schlanken
-Schultern. Da pochte es an die Tür.
-</p>
-
-<p>»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.«</p>
-
-<p>Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt,
-wandte sie sich um.</p>
-
-<p>»Ach, Klaus &ndash; Du? Schon Schluß gemacht
-mit der Freude?«</p>
-
-<p>»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und
-dazu bin ich hier.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn forschender an und erhob sich
-langsam. Und sah die aufsteigende Spannung
-in seinen Zügen und lachte ihn aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»O nein &ndash; jetzt hast <em class="gesperrt">du</em> falsch geraten. Ich
-habe durchaus keine Angst vor dir und unserem
-Alleinsein. Also?«</p>
-
-<p>Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern.
-»Sei nicht immer so schrecklich selbstsicher, das
-sieht fast wie Koketterie aus.«</p>
-
-<p>»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur,
-was mich freut. Mach's nach, Klaus.«</p>
-
-<p>»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm
-ganz schwer, »wenn ich dich jetzt beim Wort
-nähme. Ich habe Hunger.«</p>
-
-<p>Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen
-und war bis vor ihn hingetreten. »Es
-ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein
-Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei
-Leichtsinn, weißt du? Und nun sag dein
-Sprüchlein.«</p>
-
-<p>»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus
-zur Schwedenschanze. Die anderen sind schon
-vorauf, und es sind Damen dabei.«</p>
-
-<p>»Nun &ndash; und?«</p>
-
-<p>»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-gemacht. Du sitzest hier in deinen vier Wänden.
-Das behagte mir nicht.«</p>
-
-<p>»Klaus &ndash; da sind doch Professorengattinnen
-und hochwohlerzogene Töchter?«</p>
-
-<p>»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.«</p>
-
-<p>»Wirklich&nbsp;&ndash;?« sagte sie leise. »Wirklich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«
-Und ihre Brust hob sich. »Gib mir mal deine
-Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch
-deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest
-du eine Freude machen, und ich« &ndash; sie strich
-ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die
-Augen &ndash; »schau mich nicht so dumm an, ich
-hole mir meinen Hut.«</p>
-
-<p>Sie war hinaus, und er stand, hob seine
-Hand und ließ sie denselben Weg über die Augen
-gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und
-blickte sich um und horchte zugleich nach innen
-und nach außen. Ein leises Singen war's.
-Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch
-durchs Zimmer flatterte? Oder doch &ndash; sein
-Blut? Und es konnte noch strömen und der<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut?
-Und er horchte nach innen und nach außen
-und fand keine Begründung und nur &ndash; dies
-Gefühl. Da wußte er, daß es für dies Gefühl
-keine Begründung gab vor lauter warmer
-Menschenfreude.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Deinen Arm, Traud.«</p>
-
-<p>Sie legte ihn hinein und ging schlank und
-schmiegsam an seiner Seite. Die Bürgersleute
-grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie
-grüßten beide wieder und verfolgten schweigend
-ihren Weg, der sie aus der Enge der Gassen
-hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen
-Höhen zu, die im Gold des Ginsters
-standen.</p>
-
-<p>»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?«</p>
-
-<p>»Wir haben ja nichts anderes getan, als
-miteinander gesprochen.«</p>
-
-<p>»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton,
-»schweige weiter.«</p>
-
-<p>Er faßte die Hand, die in seinem Arme
-lag, führte sie an die Lippen und legte sie<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span>
-wieder in seinen Arm zurück. »Nein &ndash; jetzt,
-wo die Stimmen einmal laut geworden sind,
-können wir auch bei dieser Sprache bleiben.
-Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts
-mehr verheimlichen.«</p>
-
-<p>»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das
-war ja schon immer der Kummer der Familie.«</p>
-
-<p>»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt,
-Traud?«</p>
-
-<p>»Ja, Klaus, das habe ich.«</p>
-
-<p>»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die
-er dich hineingebracht hat?«</p>
-
-<p>»Das hat doch mit der Liebe nichts zu
-tun.«</p>
-
-<p>»Ich meine &ndash; es bedarf doch immer eines
-hohen Maßes von Achtung, um jemanden
-durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten.
-Ich meine so, daß man die Augen
-schließen kann und nichts verspürt &ndash; als Wohlsein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten.
-Das steht ja nur in deinen dicken Büchern,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten
-sie darum doch nichts vom Selbstverständlichen.«</p>
-
-<p>»Was nennst du das Selbstverständliche,
-Traud?«</p>
-
-<p>»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen
-zu fragen, auf die es keine Antwort gibt. <em class="gesperrt">Das</em>
-nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung?
-Was heißt Achtung? Heiratest du nur
-die Tugenden oder auch die Fehler? Aussondern
-ist nicht, und Achtung habe ich nur vor
-der grenzenlosen Liebe, die sich immer wieder
-erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm.
-Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn
-der Mensch ein armer Schlucker ist oder ein
-Himmelsstürmer.«</p>
-
-<p>»Du &ndash; Traud &ndash; und so hast du immer &ndash;
-gelebt?«</p>
-
-<p>Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb'
-ich? Nun, wenn ich also nicht dabei gestorben
-bin, so weißt du die Antwort.«</p>
-
-<p>»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-hätte das vor einigen zwanzig Jahren in dem
-kleinen Mädel gesucht.«</p>
-
-<p>»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und
-trug lange Zöpfe, bis in die Kniekehlen. Das
-war meine Schwärmerei. Und noch eine andere
-Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich
-nachträglich nicht in die Brust zu werfen, wenn
-ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei
-Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war
-ein ganz anderer, als der nachmalige Professor
-und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte
-den rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand,
-zur rechten Zeit alle Erdenschwere zu
-Boden fallen zu lassen und zu seiner und der
-Menschheit Freude ein echtes Sonnenkind zu
-sein. Und schon damals hatte ich den Glauben
-an die Wunderkraft der Sonne.«</p>
-
-<p>»Und &ndash; nachher?« fragte der Mann an
-ihrer Seite: »Und dann?«</p>
-
-<p>»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit
-meiner fünf Jahre älteren Cousine Marianne,
-die mich ein kokettes dummes Ding schalt und<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-dich einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen
-große Fähigkeiten mit Gottes Hilfe auf den
-rechten Weg gebracht werden müßten. Und
-das Leben wäre kein Rosenpflücken, sondern ein
-Dornenweg.«</p>
-
-<p>»Und das glaubtest du?«</p>
-
-<p>»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst
-du von Marburg und trugst Mariannens Ring
-und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes &ndash;
-denn ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen
-Gedichte, das du als Student in die Welt
-schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten
-Bände Literaturgeschichten, die dir später einen
-so hohen Namen machten. &ndash; Ja, fort warst
-du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest mit
-fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und
-im Ehehafen.«</p>
-
-<p>»Und du?« fragte er hastig.</p>
-
-<p>»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne
-sagte, ein kokettes dummes Ding, und die Couleur
-hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans
-Werder war nicht wie du, aber er gab sich<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir schien
-er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied
-merkte, und daß heißes Blut noch lange
-keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte ich das
-heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und
-als der verliebte Bursche durchs Staatsexamen
-fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der ganzen
-Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu,
-»er wäre auch ohne dies und zum zweiten und
-dritten Male durchs Examen gefallen, denn
-außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat
-recht wenig, und ich habe ihn doch noch ein
-Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«</p>
-
-<p>»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein,
-Traud.«</p>
-
-<p>»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er
-war der geborene Zigeuner, und weil ich ihn
-nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so
-klar. Durfte ich ihn enttäuschen? Der Mann
-muß daran glauben, daß er der Führer und
-Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine
-Liebeskraft glauben. Und dann glauben wir<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit
-der Zeit wird.«</p>
-
-<p>Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber
-die Sorgen, die Sorgen des Lebens?«</p>
-
-<p>Sie standen im blühenden Gold der Sträucher,
-und der Wald wölbte sich über ihnen und streute
-aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne
-Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten
-in den Zweigen des Gesträuchs, und ein Regen
-goldener Blüten rieselte durch ihre Finger, als
-wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen
-erzählen.</p>
-
-<p>Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte
-auf das Bild.</p>
-
-<p>»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich
-zu sein. Nur den Mut braucht es.«</p>
-
-<p>»Aber leben muß man doch können, wenigstens
-leben!«</p>
-
-<p>»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal
-ordnete er Bibliotheken, zuletzt war er
-Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach
-Hause kam und sich ein wenig schämte, daß<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-der Verdienst gar so mager ausgefallen war,
-machte ich ihm meine strahlendsten Augen &ndash;
-weißt du: so! &ndash; als ob ich ihn zum ersten
-Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was
-für ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja
-doch noch einmal den Mond und die Sterne
-vom Himmel!‹ Und dann &ndash; ja, was tut ein
-Mann dann wohl? Er gibt sich eine Haltung
-vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste
-hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe,
-damit die Frau nicht merken soll, was für ein
-armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst
-du, Klaus, um dieser Haltung willen, die für
-eine Frau etwas Rührendes hat, liebte ich ihn.«</p>
-
-<p>»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie nickte und ließ immer noch das Gold
-der Ginsterblüten durch ihre Finger rieseln.</p>
-
-<p>»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte,
-starb er mitten aus dem Glück heraus, obwohl
-kaum ein Stück Brot im Schranke war.
-Marianne sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken.<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-Marianne irrt sich. Wenn man genauer
-hinblickt, sieht man auch am Dorn die
-Heckenrosen blühen.«</p>
-
-<p>Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte
-sie das Schweigen. Und sie hob den Kopf und
-sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den
-goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren,
-und daß seine Gedanken erst weitere und immer
-engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung
-hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll
-Blütengoldes über ihn aus.</p>
-
-<p>»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun
-stehst du mitten im Frühling, und im allergoldensten,
-du Sonntagskind!«</p>
-
-<p>»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach.</p>
-
-<p>»Das bist du und das bleibst du, und wenn
-du die Schultern hebst und sie schüttelst, werden
-deine Krankheiten von dir abfallen wie Einbildungen.«</p>
-
-<p>»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?«</p>
-
-<p>»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb
-brauchst du es mir nicht zu sagen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Und möchtest mich gesund sehen?«</p>
-
-<p>»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.«</p>
-
-<p>Sie standen und sahen sich in die Augen.
-Und dann sagte der Mann leise und stockend:
-»Traud, ich wollte &ndash; du wärst meine Frau
-geworden.«</p>
-
-<p>Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja,
-Klaus, das wollte ich auch.«</p>
-
-<p>Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die
-zwischen ihnen war, ihre Augen blenden wollte
-und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken
-tanzte. Da streckten sie suchend die Hände
-aus.</p>
-
-<p>»Traud&nbsp;…«</p>
-
-<p>Und er wiederholte ihren Namen wie eine
-Bitte.</p>
-
-<p>Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre
-Lippen zitterten ein wenig.</p>
-
-<p>»Du&nbsp;…« sagte er.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm
-sein Gesicht zwischen beide Hände und bot ihm
-den Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>Und er fand nichts anderes als das eine
-Wort: »Du!&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Bist du nun zufrieden, du meine alte, liebe
-Mädchensehnsucht?«</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>Und nach einer Weile wieder: »Bist du nun
-zufrieden?«</p>
-
-<p>»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner
-einstigen Mädchensehnsucht. Nun bist du meine
-Mannessehnsucht, und das ist heute, und morgen
-und alle Tage wird es nun nicht mehr anders
-sein!«</p>
-
-<p>»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder
-etwas zu ersehnen hast.«</p>
-
-<p>»Traud &ndash; ist das dein Leichtsinn?«</p>
-
-<p>»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn.
-Das ist der Sinn, der das Leben leicht
-macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas
-zu ersehnen hast, du lieber Mann, denn die
-Sehnsucht wird dich jung halten und dir Träume
-geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft,
-an Schöpfungen heranzugehen, die voll<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-blühenden Lebens sind und nicht voll Bücherweisheit.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug!
-Ich werde oft und oft kommen müssen, um
-nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde
-noch standhält!«</p>
-
-<p>Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die
-schlanke Gestalt lief.</p>
-
-<p>»Komm nur, ich fürchte mich nicht.«</p>
-
-<p>Und er stand und trank mit weitgeöffneten
-Augen das Bild in sich hinein und wußte,
-daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt
-vor und nahm sie fest in beide Arme.</p>
-
-<p>»Bleibst du mir treu?«</p>
-
-<p>»Ich liebe dich!«</p>
-
-<p>»Ob du mir treu bleibst?«</p>
-
-<p>»Sorge dafür.«</p>
-
-<p>Da verstand er sie.</p>
-
-<p>»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge
-mehr um mich. Ich lass' von meiner Jugend
-nicht mehr locker, und die Menschen sollen den
-Gewinn davon haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach
-sie fröhlicher als weise!«</p>
-
-<p>Und im Wald war ein Frühlingsrauschen,
-und sie gingen ihm nach, bis die Schwedenschanze
-sich vor ihnen hob, und bunte Mützen,
-weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden
-und auftauchten und verharrten. Und ein junges
-Lachen war um sie her. Und da unten lag
-Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die
-Elisabethenkirche ihre Türme zu ihnen auf,
-winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und
-dicht im Grün des Hanges das Haus seiner
-alten Verbindung, die jung blieb durch den
-unerschöpflichen Menschenfrühling.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und da lachten sie beid',<br /></span>
-<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn am Walde, am Walde,<br /></span>
-<span class="i0">Die Heckenrosen blühn&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle
-Jungmännerstimmen und helle, süßklingende
-Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die
-beiden Menschen am Waldrande nahmen das<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
-Lied auf, und sie spürten den wilden Rosenduft
-noch auf ihren Lippen, als sie lange schon
-im lauten, frühlingsbewegten Kreise saßen, den
-Rosenduft, der aus der braunen Dornenhecke
-bricht, wenn die Natur befiehlt.</p>
-
-<p>Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste
-Fuchs, und Mütze und Band waren mit Anemonen
-dicht besteckt, und an jedem Arme führte
-er ein lachendes Mädchen dem Vater zu. »Papa,
-du sollst entscheiden. Sie wollen beide von mir
-wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide
-entzückend.«</p>
-
-<p>»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen
-Mädchen, »wir sind in Deutschland
-und nicht in der Türkei!«</p>
-
-<p>»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil
-unterwerfen, ihr fröhlichen Frühlingskinder?«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten
-ihm zu beiden Seiten und machten ihre lieblichsten
-Augen.</p>
-
-<p>»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus
-Kreuzer, »ist das Unsichtbare, die Seele. Und<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele
-sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie
-liegt auf den Lippen. Dort in euren rosigen
-Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf,
-Gutes zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat,
-ist die allerschönste auf der Welt! Vorwärts,
-ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!«</p>
-
-<p>Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel,
-und die weißen Röcke stoben um sie her
-wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten
-mit purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein,
-das die Arme nach ihnen ausbreitete und durcheinander
-schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort
-mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch
-Seelenkunde treiben!«</p>
-
-<p>»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen,
-Klaus! Ist das nicht die fröhlichste Wissenschaft?«</p>
-
-<p>»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen
-hast du!«</p>
-
-<p>»Ich bin nur der Torhüter.«</p>
-
-<p>»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch
-nur ein Mensch und muß Stunden haben, in
-denen er sich mal gründlich um das Wohl der
-lieben Seinen bekümmert.«</p>
-
-<p>»Traud, ich glaube &ndash; diese Stunde ist
-jetzt da.«</p>
-
-<p>Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre
-kein Wort an ihr Ohr gedrungen, über den
-Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln
-zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes
-Lachen, und sie drängte es zurück, daß es ihr
-zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich
-hob.</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts
-verheimlichen.«</p>
-
-<p>Da sprang sie auf und lief zu den Frauen
-und Mädchen und riß sie mit zu tausend Neckereien
-und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer
-Blicke mehr zu ihm hinüber.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p>
-<h2>6</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">I</span>m purpurnen Abendschein
-lag Marburg. Und die Luft war so voll vom Jubilieren der Vögel, daß die
-Menschen in ihrer lauten Lustigkeit innehielten, stiller wurden und endlich
-schweigsam. Die purpurne Glut aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der
-Himmel ihr hinhielt, und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der
-Menschen.
-</p>
-
-<p>Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte
-hinter ihr her.</p>
-
-<p>»Wo bist du, Klaus?«</p>
-
-<p>»Neben dir!«</p>
-
-<p>»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird
-der Harmonie wegen und lediglich der Harmonie
-wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte
-Paare &ndash; Wie? &ndash; Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung?
-Ich habe hier die Mamas zu<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden
-nur gespitzt zum schönen Lied. Silentium!
-Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die
-Straßen ziehen!&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige
-Professorengattin am Arm, setzte sich, kräftig
-intonierend, an die Spitze des Zuges.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und Braus,<br /></span>
-<span class="i0">Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus.<br /></span>
-<span class="i0">Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her,<br /></span>
-<span class="i0">Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die Fackeln blitzten durch den Wald, und
-die Augen blitzten hinüber und herüber, und
-junge Schultern suchten aneinander Halt beim
-Abstieg zur Stadt, als könnten sie so noch einen
-Herzschlag lang den Zauber bannen, der sie alle
-befallen hatte im Frühlingswald.</p>
-
-<p>Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend
-und liedersingend, und Klaus Kreuzer
-und Traud Werder schritten inmitten der großen<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-Schar und waren still und ganz allein mit sich
-und freuten sich, als sie es fühlten und einer
-es dem anderen immer wieder mit einem Druck
-des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser
-waren voll von nickenden und lachenden Mädchenköpfen,
-und vor den Haustüren erhoben sich die
-Philister von den Bänken und zogen die Mützen
-und setzten sie ärgerlich wieder auf, wenn ihnen
-ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen
-kam im Überschwang des Jugendübermutes.</p>
-
-<p>Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße
-unbemerkt aus der Reihe heraus und Klaus
-Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden
-Schwarm an sich vorbei und atmeten tief auf.
-Dann standen sie vor Traud Werders Haus,
-und sie schloß auf, wandte sich in der offenen
-Tür nach ihm um und reichte ihm die Hand.</p>
-
-<p>»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir
-so viel Schönes mitgebracht, daß ich nicht mehr
-allein bin.«</p>
-
-<p>Er trat zu ihr in den Hausflur. »Du willst
-mich fortschicken?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur
-fortschicken, Klaus, damit wir nicht ins Verschwenden
-geraten.«</p>
-
-<p>»Traud &ndash; wir sind ja so reich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände
-und schüttelte den Kopf. »Nichts, nichts haben
-wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das,
-Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die
-Zinsen bringen soll, an diesem steten und immer
-stärker werdenden Zusammenbegehren, das die
-kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht,
-nichts als diesen einen allerersten Frühlingstag,
-der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus,
-ein rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat,
-nimmt nicht die Blüten. Klaus, der freut sich
-täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche
-Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh,
-du lieber Mann, ich möchte dir mehr sein als
-eine Episode, ich möchte dein Garten sein.«</p>
-
-<p>Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in
-den dunkeln Gang. »Also ich soll warten und
-werben. Das ist es.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p>
-
-<p>Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit
-hinein mit ruhiger Stimme: »Ich gehöre dir.«</p>
-
-<p>Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre
-Hände und küßte sie und küßte jede einzelne.
-»Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute
-Nacht, und auf morgen und all die Tage.«
-Und er wollte schnell an ihr vorbei.</p>
-
-<p>Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre
-Fröhlichkeit zurück, und sie ergriff ihn bei den
-Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm
-in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun
-soll ich hier sitzen und meine geküßten Hände
-besehen, während du dort oben in eurem Hause
-Lieder singst und den Becher schwingst und mit
-deinen Kumpanen in alten Abenteuern schwelgst?
-O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig,
-und wenn ich für den Handkuß aus besonderen
-Gründen auch sehr dankbar bin, Bevorzugungen
-dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier
-der Mund, will auch sein Privatissimum
-haben.«</p>
-
-<p>»Genug? Du&nbsp;&ndash;! Bevorzugungen dulde ich<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-nicht. Diese lieben Augen &ndash; dieser liebe
-Hals&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm
-entschlüpfte. »Gute Nacht &ndash; alter Pirat!«
-Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe hinaufklappern.
-Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht,
-daß er sie mit Händen hätte greifen
-mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen
-jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder
-jung geworden &ndash; wieder so jung geworden!«</p>
-
-<p>Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen
-den Freunden von einst und den Gedanken von
-heut, und kein Neid kam mehr an sein Herz
-heran, weil es voll war vom Köstlichsten der
-Erde, voll von Erwartungen. Mit dem Sohn
-ging er heim und hörte lächelnd seinen Schwärmereien
-zu, die er nie in dem streng erzogenen
-Jungen zu finden geglaubt hätte, und unterbrach
-ihn nicht ein einziges Mal.</p>
-
-<p>»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen
-bist.«</p>
-
-<p>»Weshalb denn, Walter?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen
-habe, und das hat mich dir soviel näher gebracht.
-Ich könnte dir jetzt immer alles sagen
-und würde mich nur noch vor dir schämen, aber
-mich nicht mehr vor dir fürchten. Wir &ndash; zwei
-Männer.«</p>
-
-<p>An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer
-seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir &ndash; zwei
-Männer&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p>
-<h2>7</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">E</span>r hatte seinen Stuhl
-neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie das Morgenlicht über die
-Tasten rieselte und sich unter dem leisen Anschlag ihrer Finger streicheln
-ließ. Und wenn sie seinen Blick fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn
-lange an und nickte ihm zu.
-</p>
-
-<p>»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug
-und holt mich nach Berlin. Wirst
-du mit zum Bahnhof gehen?«</p>
-
-<p>»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar
-nicht.«</p>
-
-<p>»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von
-dir mit mir genommen. Aber du hast recht,
-und es muß auch ohne das Symbol gehen!«</p>
-
-<p>Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger
-im leisen Anschlag durch die Sonne gleiten und
-nickte ihm zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß <em class="gesperrt">ihn</em>
-zuweilen zuhören, wenn du spielst, und zusehen,
-wenn soviel Sonne im Zimmer ist.«</p>
-
-<p>»Ja, Klaus.«</p>
-
-<p>»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben,
-und ich saß wie ein rechter Streber
-zwischen den Büchern und wurde abends von
-Marianne in den Gesellschaften &ndash; vorgezeigt.
-Da blieb nicht viel übrig für den Jungen. Und
-doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel
-Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie
-in jedem jungen Menschen.«</p>
-
-<p>»Er ist ja dein Sohn, Klaus.«</p>
-
-<p>»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte,
-daß er es wird. <em class="gesperrt">Mein</em> Sohn.«</p>
-
-<p>»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen,
-in der sein Vater jung war und« &ndash;
-sie lächelte &ndash; »in der er es wieder wurde.«</p>
-
-<p>Er beugte sich über sie und küßte sie aufs
-Haar.</p>
-
-<p>»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt
-du schon seine Mutter sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde
-still und feierlich in ihnen und um sie her.</p>
-
-<p>Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände
-zwischen den Knien. Und begann noch einmal,
-leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von
-uns, so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter
-Haus geerbt hattest, wahrzunehmen und den
-Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne
-meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und
-du ergriffst auf diese Weise gewiß gern die
-Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die
-Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und
-Amen. Traud, ich kannte dich ja gar
-nicht.«</p>
-
-<p>Sie war blaß geworden und ließ die Hände
-in den Schoß sinken.</p>
-
-<p>»Den verlorenen Anschluß an die Familie&nbsp;…«
-murmelte sie. Und plötzlich erhob sie sich mit
-einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme
-um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein
-Junge gehört mir auch. Schon als Kind habe
-ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude,<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-und die andere hat dich mir genommen, und
-dir hat sie deine Freude genommen.«</p>
-
-<p>»Nicht so, Traud&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie
-wieder davon sprechen. Aber geben wollen wir
-uns aus vollem Herzen alles das, was die
-anderen nicht wollen und was uns so nötig ist
-wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.«</p>
-
-<p>Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen
-hinein sagte er: »Daß wir noch so jung sind,
-Traud.«</p>
-
-<p>»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke
-vor uns haben, Klaus.«</p>
-
-<p>»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied.
-Das ist ein Dank aufs Wiedersehen.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen, du&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein paar Schritte tat er und kehrte um,
-nahm ihr Gesicht in seine Hände und blickte
-tief in ihre Augen.</p>
-
-<p>»Ich mußte noch einen Blick in meinen
-Garten werfen.«</p>
-
-<p>Dann ging er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen
-und wieder herabkommen. Band um,
-Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über
-die Straße schreiten, den Sohn neben sich, der
-seine Farben trug. Und Klaus Kreuzer schritt
-zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig
-versammelt und die alten Herren, die vom Feste
-noch übriggeblieben waren, und er ging von
-einem zum anderen und schüttelte allen die Hand.</p>
-
-<p>»Wiederkommen! Wiederkommen!«</p>
-
-<p>»Ihr könnt euch darauf verlassen.«</p>
-
-<p>Und der Zug lief ein, der Abschied vom
-Jungen war vorbei, und er stand am offenen
-Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust.</p>
-
-<p>»Abfahren!« Und der Zug zog an.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!<br /></span>
-<span class="i0">Die Philister sind uns gewogen meist,<br /></span>
-<span class="i0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.<br /></span>
-<span class="i0">Frei ist der Bursch &ndash; frei ist der Bursch!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Das klang wie Schwerterklang und Bechersang
-aus einem halben Hundert Jungmännerkehlen
-zu ihm auf und schwang sich hinter dem<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-Zuge her und rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten,
-daß ihm das Wasser in die Kehle treten
-wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und
-hielt die Mütze zum Gruß fest vor der Brust.
-Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat
-einen Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte
-geradeaus.</p>
-
-<p>Da stand am Ende des Bahnsteigs eine
-Frau und sah ihn an mit weitgeöffneten, hellen
-Augen.</p>
-
-<p>Da grüßte ihn seine Jugend, die wiedergeborene.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ernst legte er Mütze und Band ab … Und
-auf der ganzen langen Fahrt dachte er an ihre
-Augen, diese Augen, die ihn wieder sehend gemacht
-hatten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
-<h2>8</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">S</span>pät abends kam er an
-und fand Marianne im Wagen vor dem Bahnhof halten.
-</p>
-
-<p>»Der Minister hat zweimal heute nach dir
-fragen lassen.«</p>
-
-<p>Er wollte eine Entschuldigung sagen, aber
-ein klingendes Wort lief ihm durch den Kopf,
-und er mußte hinterher und es greifen und es
-nochmals zum Klingen bringen.</p>
-
-<p>»Der Minister? Und Marburger Frühling?
-Das reimt sich schlecht zusammen.«</p>
-
-<p>»Lieber Freund, rede, bitte, keine Torheiten.
-Der Minister will dich in sein Ministerium
-ziehen, und es müßte doch seltsam zugehen,
-wenn bei einem Wechsel Majestät&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich pfeife auf den ganzen bureaukratischen
-Quark. Ich will zwischen meiner Jugend sitzen,
-zu der ich gehöre, und die zerquälten Burschen
-zu frischen Männern erziehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>»Lieber Freund, mäßige dich, bitte, ein wenig.
-Ich glaube wahrhaftig, dir spukt der Maitrank
-noch im Kopf.«</p>
-
-<p>»Der Maitrank.« Er lachte: »Ja, ja, da
-magst du wohl recht haben, Marianne. Übrigens
-läßt dich der Junge grüßen.«</p>
-
-<p>»Danke. Sieht er gut aus?«</p>
-
-<p>»Äußerlich oder innerlich?«</p>
-
-<p>»Ach, laß uns doch lieber morgen miteinander
-reden, wenn deine Marburger Stimmung
-verflogen ist.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann hatte ihn das tägliche Leben wieder,
-aber die Stimmung hielt an und wuchs insgeheim
-wie ein Garten voll blühender Bäume,
-die der Reife entgegenharren. Und seine Studenten
-merkten es am hinreißenden Ton, der
-Quellen erschloß und sie hinströmen ließ über
-lauter sonniges Land, als er sein neues Kolleg
-begann: Ȇber die Lebensbejahung in der deutschen
-Literatur.« Donnerndes Getrampel begrüßte
-ihn beim Aufstieg zum Katheder, und
-donnerndes Getrampel gab ihm beim Abstieg<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-das Geleit. Da wußte er, daß er den rechten
-Weg beschritten hatte, und fuhr kraftvoll fort,
-seinen Studenten die fremde Schminke quälerischer
-Lebensbetrachtungen aus dem Gesicht zu
-wischen und ihnen die Frische und Kraft zur
-Lebensfreude in die aufhorchenden Seelen zu
-tragen. »Nur eins ist not. Nur dies eine.
-Und Tod ist Wahn, wenn wir für die Nachfolgenden
-goldene Spuren hinterlassen. Auf,
-ins Leben!«</p>
-
-<p>Und eines Abends, als Marianne ohne ihn
-zu einer ihr wichtig scheinenden Gesellschaft
-gefahren war und er sich mit dringenden Kollegarbeiten
-entschuldigt hatte, saß er vor seinen
-Kollegheften und schrieb. Und als er fertig
-geschrieben hatte, sah er, daß es ein Gedicht
-geworden war. Und er nahm es und schickte
-es ihr, der es gehörte.</p>
-
-<h3>Die Sonne.</h3>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es lief das Herz dir über schier<br /></span>
-<span class="i0">Und war voll Sonne nur.<br /></span>
-<span class="i0">Da stieg sie bis ins Auge dir<br /></span>
-<span class="i0">Und ließ die goldne Spur.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ein Weilchen standst du wie gebannt,<br /></span>
-<span class="i0">Als ob's dich blenden wollt'&nbsp;…<br /></span>
-<span class="i0">Und wie du senktest scheu die Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Da lag die Welt in Gold.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Da lag die Welt in Sonnenschein,<br /></span>
-<span class="i0">Die gestern alt und kalt,<br /></span>
-<span class="i0">In Flammen stand der Blumenrain,<br /></span>
-<span class="i0">In Flammen stand der Wald.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich kam des Wegs, du sahst mich an,<br /></span>
-<span class="i0">Dein Blick rief mich zurück.<br /></span>
-<span class="i0">War nur ein friedeloser Mann<br /></span>
-<span class="i0">Und ward ein Mann im Glück.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und ward ein Ritter hoch zu Roß<br /></span>
-<span class="i0">und ward des Lachens kund.<br /></span>
-<span class="i0">Das tat dein Herz, das überfloß,<br /></span>
-<span class="i0">Das tat dein Aug' und Mund.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wenn im Feld die Raben schrein,<br /></span>
-<span class="i0">Im Zorn der Donner grollt:<br /></span>
-<span class="i0">Ich schau' mit deinen Augen drein&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Da liegt die Welt in Gold.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Traud las das Blatt, faltete es zusammen
-und ging durch das Haus. Überall öffnete sie
-die Fensterläden und ließ an Licht und Luft
-in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen
-schnitt sie einen Fliederstrauß und stellte
-ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und
-als am Nachmittag die Hausarbeit geschehen
-war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und
-setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich
-meinen Ausflug,« sagte sie, und die Töne zogen
-wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus,
-und ihre Seele war mitten darunter und
-schwang sich an die Spitze und zeigte den Weg.
-Und es wurde Abend und Nacht. Und sie
-erwachte in ihrem Stübchen, dachte, noch halb
-im Traume, angestrengt hin und her, ermunterte
-sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen
-huschte sie zu ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes
-Blatt hervor und huschte in ihre
-Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis
-es tagte, und sie hatte alle die Zeit offenen
-Auges hineingeblickt. Und doch war sie frischer
-und gesunder denn je, als sie sich zum neuen
-Tagewerk erhob und schnell ein Frühstück für
-Walter rüstete, der in die Fechtstunde mußte.</p>
-
-<p>»Heraus, Langschläfer, das Leben läuft dir
-weg!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, Tante Werder &ndash; es ist so mollig im
-Bett.«</p>
-
-<p>»Draußen steht ein bildhübsch Mädchen und
-schaut sich nach deinem Fenster die Augen aus.«
-Sie horchte und lachte: »Wie er plötzlich herauskann
-und sich sputet. Man muß nur an die
-Stelle der Gewohnheit die Erwartung setzen.«</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Walter. Jetzt ist das Mädel
-weg. Dafür hast du aber den ganzen Gottesmorgen
-gewonnen.«</p>
-
-<p>»Ach &ndash; Tante!«</p>
-
-<p>»Tröste dich, Walter, es gibt mehr hübsche
-Mädel als schöne Morgen.«</p>
-
-<p>»Danke, Tante. Aber ich sammle mir doch
-gern meine eigenen Erfahrungen.« Und fort
-war er.</p>
-
-<p>»So hab' ich's gemeint,« lachte sie vor sich
-hin, streckte die gesunden Glieder und ging an
-ihr Tagewerk.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p>
-
-<h2>9</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">D</span>as kurze Sommersemester
-neigte sich dem Ende zu. Und während die Früchte zu schwellen begannen, waren
-die Rosen aufgesprungen, hüllten sich die Akazien in blütenweiße Brautgewänder,
-prangten die Bauerngärten im schweren Duft der Sommerblumen, blühte unablässig
-die Heide. Nie war es Klaus Kreuzer, wenn er durch die Landschaft schritt, so
-aufgefallen wie in diesem Jahr, dies Früchtereifen inmitten unaufhörlichen
-Blühens.
-</p>
-
-<p>›Jahr für Jahr gibt uns die Natur dies
-Zeichen,‹ dachte er und ließ den Blick auf der
-wechselreichen Landschaft ruhen, ›und nur wir
-Menschen haben verlernt, es zu sehen und zu
-begreifen.‹</p>
-
-<p>Und er las sein letztes Kolleg vor den Ferien,
-und es klang wie ein Hymnus auf den Menschheitsfrühling,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-und die Hörer gingen still hinaus
-und sammelten sich erst draußen auf dem langen,
-grauen Korridor und brachten ihrem Lehrer
-und Glücksweiser, als er durch ihre Reihen
-schritt, in stürmischen Zurufen das Echo seiner
-Rede wieder.</p>
-
-<p>So kam er zu Marianne und fand sie mit
-den strengen Zügen der Frau, der die Jugend
-verronnen war unter dem einen Wunsche, über
-sie hinauszugelangen.</p>
-
-<p>»Lieber Freund, ich habe heute morgen auf
-der Ausfahrt die Frau des Ministers getroffen.
-Ich will gestehen, es geschah nicht unabsichtlich,
-und wir machten unsere Spazierfahrt miteinander.
-Es ist eine Frau, die Ziele hat.«</p>
-
-<p>»Es wäre besser, der Mann hätte sie.«</p>
-
-<p>»Mann und Frau sind eins, sollen es überall
-sein und sind es auch hier. Exzellenz sagten
-mir, daß der Minister einen starken und berechtigten
-Mißmut über dein Zaudern nicht
-unterdrücken könne, da er sich von dir als dem
-ersehnten Mitarbeiter, von deiner eindringlichen<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-Kenntnis der gesamten Materie und deiner
-überzeugenden Beredsamkeit eine beschleunigte
-Annahme seiner Schul- und Universitätsvorlage
-verspräche. Exzellenz waren überdies so liebenswürdig,
-mich für die Ferien auf ihr ostpreußisches
-Gut einzuladen.«</p>
-
-<p>»Da gratuliere ich. Denn das war wohl
-längst dein Wunsch. Im übrigen kann von
-Zaudern gar keine Rede sein.«</p>
-
-<p>»Es freut mich, daß die Vernunft einmal
-wieder in dir gesiegt hat.«</p>
-
-<p>»Ob es in deinen Augen vernünftig ist, weiß
-ich nicht, denn es ist Gefühlssache, und dies
-Gebiet ist von dir immer etwas stiefmütterlich
-behandelt worden. Mir aber sagt mein Gefühl,
-daß es viel wichtiger ist, als immer neue
-Schulvorlagen zu entwerfen: Männer zu haben,
-die den Geist ihrer Lehrermission richtig erfassen,
-die sich nicht an das alleinseligmachende
-Schema und die Bewältigung des Unterrichtsgegenstandes
-klammern, sondern die der Jugend
-geben, was der Jugend ist, die Freude am<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-Leben und damit die Freude an der Arbeit,
-die ihnen die Schönheiten des Lebens erschließt.
-Diese Männer sind rar geworden im lieben
-Vaterland, das heute unter alt und jung so
-viele Streber züchtet, und diesen Rargewordenen
-möchte ich helfen, sich wieder zu ergänzen und
-die Mehrheit zu gewinnen, damit es wieder
-eine Lust ist, zu leben.«</p>
-
-<p>Marianne saß am Fenster und zog die Sticknadel
-durch ein Stück bunten Seidenzeugs. Kaum,
-daß sie von der schillernden Arbeit aufschaute.</p>
-
-<p>»Du widersprichst dir selbst,« sagte sie kühl,
-»und ich nehme es nur als eine schöne Rednergeste.
-Wer mit fünfundvierzig Jahren durch
-sein Streben und nur durch sein Streben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O bitte, verkleinere deinen Wert nicht.
-Durch <em class="gesperrt">dein</em> Streben wohl zumeist.«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;wer durch sein Streben so schnell zu
-einer so hohen Stellung kam, der hat wohl
-keinen Grund, den Frondeur zu spielen. Was
-im übrigen meine Mitarbeit angeht,« und nun
-legte sie ihre Stickerei zur Seite, »so darf ich<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-wohl auf etwas mehr Dankbarkeit Anspruch
-erheben, denn ich habe dir durch die Festigkeit
-meines Charakters dein Glück geschaffen, das
-du in blauen Nebeln hättest verschwimmen
-lassen, wenn ich nicht mein ganzes Leben dafür
-eingesetzt hätte.«</p>
-
-<p>Und er schüttelte den Kopf und sagte langsam:
-»Ich weiß heute oft nicht, ob du ein
-Recht dazu hattest, mein Leben nach deinem
-zu modeln, ob überhaupt ein Mensch ein solches
-Recht auf seinen Mitmenschen hat. Wer kann
-voraussagen, wie sich der andere in freier Luft
-auswächst? Ich wäre vielleicht ein Dichter
-geworden, und bin ein Professor geworden.
-Mein Glück? Menschenglück sieht doch ein
-klein wenig anders aus, als dir es vorschwebt.«</p>
-
-<p>»Ach&nbsp;&ndash;,« machte sie gedehnt und erhob sich,
-»dann bist du wohl auch mit der Lebensführung
-deines Sohnes Walter einverstanden?«</p>
-
-<p>»Walters? &ndash; Wie kommst du auf Walter?«</p>
-
-<p>»Also du weißt nichts, bekümmerst dich um
-nichts; und das stellt deiner Pädagogik, die du<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-soeben so schön vortrugst, das beste Zeugnis
-aus. Nun, ich habe es anders gemacht und
-in beständigem Briefwechsel mit meiner Freundin
-in Marburg, der Frau des derzeitigen
-Dekans, gestanden und seit kurzem erbauliche
-Dinge gehört. In den Kollegs sieht man den
-Jungen schon längst nicht mehr, aber seine
-erste Mensur geschlagen hat er schon, bevor
-das erste Semester zu Ende war, und mit
-jungen Mädchen unternimmt er weite Fahrten
-ins Lahntal und in die Wälder, macht Schulden
-und läßt sich wohl gar von seiner geliebten
-Tante Traud in seinem Lebenswandel bestärken.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht wahr!«</p>
-
-<p>»Bitte, brause hier nicht auf. Wenn es
-anders wäre, hätte Traud Werder uns Mitteilung
-über den Jungen gemacht. Nichts davon
-ist erfolgt. Lobesbriefe sind gekommen.
-Das ist eine Moral, die ich nicht billige.«</p>
-
-<p>»Traud Werder würde uns nichts verschweigen.
-Sie weiß, daß ich an dem Jungen hänge.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Fahr hin. Es wird dir gut tun, wieder
-einmal festzustellen, daß der Blick deiner Frau
-weiter reicht als deine schönen Phantasien. Da
-ich in den nächsten Tagen reise, so würde ich
-es für angebracht halten, du nähmst den Jungen
-mit dir in den Sommerurlaub und in strenge
-Zucht. Das Leben ist kein Rosenpflücken.«</p>
-
-<p>Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud &ndash;
-das kann nicht wahr sein&nbsp;…‹</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p>
-
-<h2>10</h2>
-</div>
-
-<p>
-<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">A</span>m anderen Morgen trat
-er die Fahrt nach Marburg an. »Ich werde dem Minister mitteilen,« sagte
-Marianne beim Abschied, »daß du deinen Entschluß von deiner Erholung abhängig
-machtest.« Und er nickte und war mit seinen Gedanken bei dem Jungen.
-</p>
-
-<p>Am Abend traf er in Marburg ein. Der
-Bahnhof lag öde und still, und er beeilte sich,
-ihn zu verlassen. Geradenwegs ging er zu
-Traud Werders Haus.</p>
-
-<p>»Klaus,« rief sie und stand im weißen Rahmen
-der Stubentür, mädchenhaft rot und erregt
-vor Freude und fand nichts als seinen
-Namen.</p>
-
-<p>»Guten Abend, Traud,« sagte Klaus Kreuzer,
-beugte sich über ihre Hand und küßte sie. »Ist
-Walter zu Hause?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>»Walter?« fragte sie verwundert. »Ist etwas
-passiert? Aber so komm doch herein und trag
-mir die Ruhe nicht heraus.«</p>
-
-<p>Er trat ein, ließ sich Hut und Mantel aus
-den Händen nehmen und setzte sich.</p>
-
-<p>»Traud, du fragst mich, ob etwas passiert
-sei, und ich komme hierher, um es dich zu
-fragen.«</p>
-
-<p>»Der Walter ist gesund wie ein Fisch im
-Wasser und vergnügt wie ein Vogel in der
-Luft. Das Beste, was man für ein junges
-Gemüt nur wünschen kann.«</p>
-
-<p>»Traud,« sagte er nach einer Pause, »Traud,
-du versprachst mir, auf den Jungen zu achten,
-so &ndash; als ob du seine Mutter wärst. Meinetwegen
-und seinetwegen. Sonst &ndash; sonst wäre
-das, was uns zusammenführte, unser Frühlingsglaube,
-doch nur ein &ndash; ein mit hübschen Unwahrheiten
-aufgeputzter Egoismus. Sag selber,
-Traud.«</p>
-
-<p>Die mädchenhafte Röte war längst aus ihrem
-Gesicht geschwunden. Sie sah ihn an und<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-fand sich nicht zurecht in ihm und in seinen
-Worten.</p>
-
-<p>Aber sie sah, daß er litt, und das genügte
-ihr, um über ihre Enttäuschung hinwegzukommen.</p>
-
-<p>»Klaus,« und es war der alte, lustige Ton,
-mit dem sie zu ihm sprach, »Klaus, meinst du,
-weil sich der Walter geschlagen hat? Ja, du
-hast recht, es war eine törichte Geschichte, aber
-gerade deshalb war sie so lieb. Bedenke doch
-selbst, ein Füchslein, das sich für seine Tanzdame
-schlägt. Ein Erlanger Student war ihr
-unhöflich begegnet. Der Walter gab ihm Lebensregeln,
-der Junge, und die Couleur stellte ihn auf
-seine Bitten vorzeitig heraus, weil er sich in der
-Fechtstunde als firmer Schläger erwiesen hatte.
-Da stach der Walter zur höheren Ehre seiner
-Dame den Erlanger auf ein paar fürchterliche
-Gesichtsquarten ab.«</p>
-
-<p>»Würdest du,« sagte Klaus Kreuzer, »würdest
-du, ohne mir böse zu sein, wohl etwas
-weniger studentisch sprechen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Sie hob den Kopf. Ihr frohes Lachen war
-zerflattert. Ihre Augen blickten mit einem Male
-ernst und fest.</p>
-
-<p>»Nein,« erwiderte sie ruhig. »Nein, das
-werde ich nicht, bevor du nicht offen erklärt
-hast, was dich hergeführt hat.«</p>
-
-<p>»Es ist ein Brief eingetroffen, von der Frau
-des Dekans. Marianne erhielt ihn, und mich
-hattest du nicht vorbereitet. In dem Briefe
-stand, daß Walter im Kolleg nicht zu sehen sei.
-Ist das wahr?«</p>
-
-<p>»Angenommen, daß es wahr sei.«</p>
-
-<p>»Daß Walter statt dessen schon seine erste
-Mensur geschlagen hat, weiß ich nun. Ich
-billige es gerade nicht, mache ihm aber auch
-keine Vorwürfe. Aber daß er, der unreife
-Junge, mit Mädchen in Wäldern und Feldern
-herumschwärmt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das ist wahr.«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;seinen Wechsel übersteigt und Schulden
-macht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich hab' sie ihm gestrichen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Also das ist auch wahr, und wahr, wahr,
-daß du ihn in seinem Tun bestärkt hast.«</p>
-
-<p>Er erhob sich und ging mit hastigen Schritten
-zum Fenster.</p>
-
-<p>Sie stand mit blassen Lippen im Zimmer,
-wartete eine Weile und sagte laut: »Dummer
-Klaus!«</p>
-
-<p>»O bitte, mache dich nur lustig.«</p>
-
-<p>»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken
-kehrst. Ich will deine Augen sehen. So &ndash;
-ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an,
-und dann frage dich selber, ob ich &ndash; ich imstande
-bin, dem Menschen, den ich am liebsten
-habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob
-du mich so einer Tempelschändung für fähig
-hältst.«</p>
-
-<p>»Traud, weshalb hast du es getan?«</p>
-
-<p>»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch,
-wie weit, weit du schon von der Jugend fort
-warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend
-so schwer zurückfinden können. Und willst doch
-ein Menschenbildner sein, der die Form verstehen<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-muß, wie den Inhalt. Soll ich dich
-fragen, wie es mit <em class="gesperrt">dir</em> stand in deinen ersten
-Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne
-hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen
-blinzelte? Ob du einem Mädchenzopf aus
-dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund?
-Und deine paar Dukaten dir immer
-hübsch eingeteilt hast nach Wochen und
-Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der
-Stunde, die gerade so köstlich war, als könnte
-keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein,
-Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen
-Leichtlebigkeit eine Verteidigungsrede zu
-halten, aber um die Jungen vor der Selbstgerechtigkeit
-der Älteren zu schützen, die ihre
-einst so süßen, törichten Streiche vergessen haben
-wollen oder sie nachträglich gern als Taten
-mit einem wackern Untergrund und bewußten
-Idealen hinstellen.«</p>
-
-<p>»Traud, ich&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt:
-eigentlich ist Walter an der Reihe, aber da<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann
-ich ebensogut für ihn reden. Und das sage
-ich dir, die ich den Jungen so herzlich lieb
-gewann, und überdies, weil es der deine ist:
-Erst war er ein Kind und spielte mit Puppen.
-Und dann kam die Schule, und er spielte nicht
-mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das
-Lebensstudium, das Berufsstudium und das
-Studium der Menschen, die ihm darin freundlich
-und feindlich begegnen. Da laß dem jungen
-Herzen eine Zwischenspanne, eine kurze, sonnige,
-in der er noch einmal und zum letztenmal
-träumen darf, er spiele und dürfe kinderselig
-spielen, bevor es <em class="gesperrt">wieder</em> zur Schule geht. Der
-Verlust eines Semesters kann nachgeholt und
-eingeholt werden. Dieser Spielverlust aber nie,
-oder doch nur auf weniger unschuldige Weise.
-Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal
-eins. Daran ist noch kein Mensch gestorben,
-oder unsere besten Männer und Frauen
-lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist
-mancher daran und zum Leben erwacht und<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der
-Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck
-die Bücher vor die Nase genommen. Du ja
-auch. Und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Traud &ndash; hör mich mal an!«</p>
-
-<p>»Und wenn der Sohn dann herangewachsen
-ist und lebt wie sein Vater in Amt und Würden
-und sitzt mit diesem Vater abends hinterm
-Familientisch oder in der Studierstube, dann
-langweilen sich diese Menschen nicht gegenseitig
-und gähnen sich an und reden höchstens von
-ledernen Berufsgeschichten und den ewigen
-Avancementsfragen, die bis zum Tode kein
-Ende finden. Sondern sie reden von &ndash; nun,
-von was wohl? Von Sonnentagen und Burschenfahrten,
-von Becherklang und Liedersang
-und von so vielen, vielen lieben Mädels und
-schönen Frauen, daß es so warm zwischen
-ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie
-und nimmer aus der Jugend heraus; daß sie
-spüren: es war doch der Mühe wert, trotz Berufs-
-und Familiensorgen, und der Vater sagt:<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-Junge, das laß ich mich eine Flasche kosten.
-Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine
-Jugend.«</p>
-
-<p>»Traud! Traud!«</p>
-
-<p>»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein
-Junge einmal wird, und deshalb und deinetwegen
-habe ich ihn so &ndash; so mütterlich behandelt.
-Nun schimpfe. Ich habe ein köstlich
-reines Gewissen.«</p>
-
-<p>Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt
-und seinen Mund darauf gedrückt&nbsp;…</p>
-
-<p>Ganz laut schlugen ihre Herzen.</p>
-
-<p>Und dann sagte sie nach einer langen Weile:
-»Du hast sie mir schon vorhin geküßt, Klaus, und
-ich muß wohl sehr schöne Hände haben, daß
-du mich schon wieder damit stehen lassen willst
-und gar nichts anderes an mir findest.«</p>
-
-<p>»Du!« stieß er hervor und lachte ihr in die
-Augen. Und dann schloß sie die Augen und
-spürte seinen Mund&nbsp;…</p>
-
-<p>»So &ndash; nun ruf mir mal den Walter.«</p>
-
-<p>»Er ist fort.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>»Fort? Wohin?«</p>
-
-<p>»Ins goldne Ferienland hinein. Studenten
-und Studentinnen miteinander.«</p>
-
-<p>»Und du hast es ihm erlaubt?«</p>
-
-<p>»Ja, Klaus, es ist wohltuend und erzieherisch
-zugleich. Heut abend wollt' ich dir's
-schreiben.«</p>
-
-<p>Und Klaus Kreuzer tat einen tiefen Atemzug.
-»Der glückliche Junge.« Und wandte
-sich Traud Werder zu.</p>
-
-<p>»Da habe ich nun meinen Wandereranzug
-im Koffer und den Rucksack dazu und drei &ndash;
-drei goldene Ferienmonate. Wie sagtest du
-doch, was dem jungen Herzen not täte vor
-neuer Arbeit? Ein Traum von seliger Jugendzeit.
-Traud &ndash; und mir tut er not. Heute &ndash;
-oft&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Du willst mich fragen, ob ich mit dir wandern
-will, Klaus?«</p>
-
-<p>»Ja, Traud.«</p>
-
-<p>»Um Walter einzuholen und seine Kameraden
-und Kameradinnen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>»Nur so nahe, um die Fühlung mit der
-Jugend nicht zu verlieren.«</p>
-
-<p>Sie legte ihm den Arm um den Hals und
-sah ihn an. »Ich bin ja schon immer mit
-dir gewandert. Weshalb sollte ich jetzt zurückbleiben
-wollen, wo du mich brauchst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Und sie wanderten in früher Morgensonne
-durch die goldenen Ährenfelder des Lahntales,
-die der Ernte entgegendufteten, um neuem
-Blühen den Platz zu bereiten, durch die Wälder
-mit ihren goldenen Lichtern, durch die Sommerwelt,
-weiter und weiter.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-114.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Rudolf Herzog</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>Das goldene Zeitalter / Roman /
-20.&ndash;29. Taus.</p>
-
-<p>Der Adjutant / Roman / 23.&ndash;32. Taus.</p>
-
-<p>Der Graf von Gleichen / Ein Gegenwartsroman /
-102.&ndash;121. Taus.</p>
-
-<p>Die vom Niederrhein / Roman /
-166.&ndash;185. Taus.</p>
-
-<p>Das Lebenslied / Roman / 201.&ndash;220. Taus.</p>
-
-<p>Die Wiskottens / Roman / 256.&ndash;275. Taus.</p>
-
-<p>Der alten Sehnsucht Lied / Novellen /
-37.&ndash;46. Taus.</p>
-
-<p>Der Abenteurer / Roman. Mit Bildnis des
-Verfassers / 121.&ndash;140. Taus.</p>
-
-<p>Hanseaten / Roman / 176.&ndash;195. Taus.</p>
-
-<p>Es gibt ein Glück&nbsp;… / Novellen /
-62.&ndash;71. Taus.</p>
-
-<p>Die Burgkinder / Roman / 206.&ndash;223. Taus.</p>
-
-<p>Die Welt in Gold / Novelle / 51.&ndash;60. Taus.</p>
-
-<p>Das große Heimweh / Roman /
-181.&ndash;200. Taus.</p>
-
-<p>Die Stoltenkamps und ihre Frauen / Roman /
-216.&ndash;245. Taus.</p>
-
-<p>Jungbrunnen / Novellen / 96.&ndash;105. Taus.</p>
-
-<p>Die Buben der Frau Opterberg / Roman /
-151.&ndash;170. Taus.</p>
-
-<p>Kameraden / Roman / 1.&ndash;100. Taus.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gedichte / 11.&ndash;25. Taus.</p>
-
-<p>Wir sterben nicht! / Lieder und Balladen /
-21.&ndash;23. Taus.</p>
-
-<p>Stromübergang / Dramatisches Gedicht in
-einem Aufzug / 1.&ndash;10. Taus.</p>
-
-<p>Windzeit und Wolfszeit / Gedichte /
-1.&ndash;25. Taus.</p>
-
-<p>Die Condottieri / Schauspiel in vier Akten /
-3. Taus.</p>
-
-<p>Auf Nissenskoog / Schauspiel in vier Akten /
-2. Taus.</p>
-
-<p>Herrgottsmusikanten / Lustspiel in vier Akten /
-2. u. 3. Taus.</p>
-
-<p>Rudolf Herzogs Leben und Dichten / Von
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Johann Georg Sprengel / Mit
-acht Bildnissen / 1.&ndash;5. Taus.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-<p>Zur besseren Navigation wurden unsichtbare Kapitelüberschriften eingefügt.</p>
-</div>
-
-<div style='display:block;margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD ***</div>
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-</div>
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation&rsquo;s web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-For additional contact information:
-</div>
-
-<div style='display:block;margin-top:1em;margin-bottom:1em; margin-left:2em;'>
-Dr. Gregory B. Newby<br />
-Chief Executive and Director<br />
-gbnewby@pglaf.org
-</div>
-
-<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&trade; depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&trade; electronic works.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&trade; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&trade; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&trade; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-This Web site includes information about Project Gutenberg&trade;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</body>
-</html>
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