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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Welt in Gold - -Author: Rudolf Herzog - -Release Date: July 23, 2020 [eBook #62737] -[Most recently updated: December 26, 2020] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die - Welt in Gold - - Novelle - von - - Rudolf Herzog - - [Illustration] - - Stuttgart und Berlin 1922 - - J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger - - - - - 51.--60. Tausend - - Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten - Copyright 1911 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart - - - - - J. C. Heer - - zu eigen - - - - -[Illustration] - - -Da lag die alte, liebe Stadt zu Füßen. -- Da krochen die alten, -lieben Gassen wie ehedem den Berg hinan, wie heimliche Liebhaber auf -gewundenen Pfaden, und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs -Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und doch nur schöner geworden war. - -Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit hinaus, so weit, wie man -Gedanken senden kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont erklomm, -die Äste ihres Waldgebietes ausspannte und den ziellos schweifenden -Gedanken zurief: Bleibt hier -- nutzet den Tag! ... - -Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde Gewässer der Lahn, -und ein Frühlingswind, der nicht mehr als ein Streicheln war, trug -spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit sich und streute sie -über den Fluß. Da war's, als ob auch die alte Lahn im Brautgewande -schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam hinaufblinzelte, der -alten Stadt Marburg, aus deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk -hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock. - -Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, die sich seit -Jahrhunderten schon ihre Liebe kund taten, waren nicht älter und waren -nur schöner geworden. - -»Wie ist das möglich ...?« fragte sich der Mann am Fenster, »wie ist -das möglich? Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt und später -geglaubt, alles das wäre nur mit den leicht entzündbaren jugendlichen -Sinnen aufgenommen worden. Und nun ist das alles so geblieben und blüht -noch stärker und setzt sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch -- -über mich. Und lacht über meinen Professorentitel und über meinen -Lebensernst ... Oder ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier -- -mit Farben schmücke -- von denen meine Seele -- nichts mehr weiß?« - -Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als wäre ein Gedanke in -ihm aufgetaucht, den er sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu -verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine Versonnenheit, und die -Versonnenheit wurde zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte und -suchend durch die Gassen irrte und fand und verharrte und weiterzog und -wieder fand. - -»Der lange Ritter --! Der dicke Baum -- ›Deutschlands Eiche‹ -genannt --! Lindner, der knabenhafte ›reine Tor‹ --! Sein Gegenspiel -Werder, der große ›Amoroso‹ --! Die ganze Schar --! Und mitten darunter --- war er das nicht, Klaus Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt -begrüßte -- der übermütige Junge da mit der Mütze im Nacken, den Rock -auseinandergeschlagen, auf daß man das hehre Dreifarbenband gebührend -sehe und respektiere, dem herausfordernden Blick, der immer zum -Waffengang zu laden schien?« - -Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig und nahm Abschied. - -»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird sie besser nützen.« - -Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. Er bemerkte, daß er -hemdärmelig war. Ja, ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte -es über dem Finger auf und schob es um die Brust. »Wenn mich jetzt -Marianne sähe.« - -Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher. Hastig zog er den Rock -über, daß nur ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb. Und -unschlüssig wog er die alte Studentenmütze in der Hand. - -Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die Mütze in den Nacken. - -»Komm nur herein, Walter. Von mir aus kann's losgehen.« - -»Papa --! Nein, Papa, wie du aussiehst!« - -»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier nicht. Ich bring' dir ganz -einfach ein Opfer. Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig -bestehst. Na ja.« - -Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze des Sohnes, streifte den -schlanken Wuchs und heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge. - -»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung. Das ist kein Vorwurf. Im -Gegenteil, ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer der wohlerzogene -Junge bleibst, das Ziel des Studiums im Auge.« - -»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die Couleur darf mich nicht -stören.« - -Der Vater sah ihn noch immer an. Er horchte, als hörte er den Sohn -weitersprechen. Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme der Mutter, -Mariannens Stimme. »Die Couleur darf den Jungen nicht stören. Er geht -zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren Laufbahn einmal nützlich -sein wird.« Weshalb -- weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent -geworden? Aus Nützlichkeitsgründen? Ach nein, weil das alles einmal -für ihn untrennbar von Jugend -- Jugend, Jugend gewesen war. - -Gewesen war! ... - -Das war heute anders geworden. Wirklich? War es das wirklich? Oder nur -bei Mariannens Sohn und -- bei Mariannens Gatten? Und er spürte den -erstaunten Blick des Sohnes, daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben -habe. Da besann er sich. - -»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen die Renommistenlieder melden, -das Saufen und Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren nur noch -im Kommersbuch. Das Leben ist fortgeschritten und stellt immer höhere -Anforderungen, und ihr seid um so vieles weiter, als wir es waren.« - -»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.« - -»Wie --?« - -»Du mußt mal ein mordsfideler Student gewesen sein. Die steile Terz da -und der wilde Durchzieher querüber --« - -»Fuchs, krasser, was faselst du --? Erstens ist das keine steile Terz, -sondern ein Spicker, den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen hat, -und zweitens bitte ich, eine regelrechte Quart von einem windhündigen -Durchzieher zu unterscheiden, und drittens -- und viertens -- ist das -überhaupt nicht der Zweck unserer Unterredung. Was wollt' ich dir doch -noch sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen. Was ist das für eine -wundersame Frühlingsstimmung ... -- Mütze auf. Wir wollen gehen.« - -»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?« - -»Tante -- Werder? Ach so. Aber natürlich.« - -»Und meine Studentenbude mußt du dir auch noch ansehen. Hier, gleich -neben deinem Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.« - -Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht keine Notiz mehr zu -nehmen. Er war mit dem Sohne auf den schmalen Korridor hinausgetreten -und stand nun auf der Schwelle des kleinen, schmucken Zimmers. Sein -Blick überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene Bett, den -weißen Tisch, die weißen Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das ist -ja ein Boudoir, Walter.« - -»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder scheint es sich leben zu lassen.« - -»Junge, meine Studentenbude sah ein klein wenig anders aus. Direkt -unter dem Dach, bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus roch -nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel man zwei dutzendmal in die -Lederrollen, bis man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht -hatte. Aber schön war's doch, wenn man auch die lange Pfeife mitsamt -den Kanonenstiefeln zum Dachfenster hinausbaumeln lassen mußte -- um -Raum zu sparen.« - -Der Junge lachte. - -»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren können.« - -»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das ging da eben sehr schlecht, -und ich machte mich denn auch eines Tages auf nach Berlin, um -- hm -- -wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit zu gewinnen.« - -»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« Und der Sohn suchte die Hand -des Vaters und sah bewundernd zu ihm auf. - -Einen hastigen Blick warf der Professor zum Fenster hinaus. Da lag -Marburg. Und er wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus. - -»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau zu melden.« - -Der Junge zeigte den Weg. Ein paar Stufen führte er hinab und klopfte -an eine weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles hier ist,‹ -dachte der Professor und betrat auf ein helles »Herein« das Zimmer. Mit -rascher Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und verbeugte sich tief und -ritterlich vor der Frau, die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor -ihm stand. - -»Meine gnädige Frau --« - -»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich begierig, wie's weiter geht.« - -Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung auf. »Verzeihung, -meine gnädige Frau --« - -Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen. Den Kopf ein wenig zur -Seite geneigt, schien sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch -war es dem Manne, als säße eine durchaus nicht zum Empfang gehörige -Lustigkeit in ihren Augenwinkeln. - -»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger Zurückhaltung. - -Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür denn nur? Ihr habt mich doch -nicht vergessen und mir den Jungen geschickt. Das ist doch ein Beweis -der Wertschätzung. Und ich war nicht immer artig nach euren Begriffen. -Aber davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und nun nahm sie die -Hände aus den Schürzentäschchen und schlug sie zusammen. »Wie famos du -aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt dich mit einem Schlage, -oder du bist überhaupt nicht älter geworden.« - -Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf das Du war er nicht vorbereitet -gewesen. Und unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf seinem -Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau --« begann er noch einmal. - -»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast meinen Namen vergessen. Aber ich -nehme dir das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die mich von Herzen -freut, an ganz andere Namen gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud, -weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und -- ja, jetzt muß _ich_ wohl -um Verzeihung bitten, denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn -ich gegen die Formen verstoßen haben sollte, Herr Professor -- pardon, -Herr Geheimrat -- Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und hier in -Marburg noch so ganz in der alten Zeit steckengeblieben.« - -Da schob der Professor die Mütze in den Nacken und ging, beide Hände -ausgestreckt, auf die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud. Ich freue -mich, daß _du_ wenigstens in der alten Zeit steckengeblieben bist.« - -Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten Tag, Klaus. Also doch mal -wieder heimgefunden nach Marburg?« - -»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war die Heimat meiner Jugend.« - -»Und bringst jetzt den Jungen daher? In die alte Couleur?« - -»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger Mädchengesicht, möcht' -ich fast, ich könnt' den Jungen nicht nur in meine alte Couleur, ich -könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.« - -»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz deines hohen Fluges.« - -»Herrgott nochmal.« - -»So, und nun könntest du wohl meine Hände loslassen. Nein, nein, -verwandtschaftliche Beziehungen reden in solchen Sachen durchaus nicht -mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.« - -»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da. Bist du mit ihm zufrieden?« - -»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation und Kollegbelegen zu tun. -Und seit drei Tagen ist er erst da.« - -»Und ich bin erst seit einer halben Stunde da, und schon bist du mit -mir unzufrieden.« - -Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,« sagte sie nur. - -Da lachte auch er. - -»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung, und ihr Mädels habt -ihn aufgeschnappt.« - -»Keinen friedlichen Studenten konntest du vorüberlassen, ohne die Segel -gegen ihn zu hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen. Das -imponierte uns höheren Töchtern mächtig. Bist du immer noch so wild?« - -Der Professor suchte den scherzenden Ton beizubehalten. - -»Ordentlicher Professor an der Universität Berlin und Geheimer -Regierungsrat,« meldete er dienstlich, »außerdem« -- und es klang -eine Schärfe hinein -- »zwanzig Jahre verheiratet mit deiner Cousine -Marianne.« - -Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der sich in beschaulicher Ruhe zum -Fenster hinausgelehnt hatte, ging an dem Mann vorüber und strich ihm im -Vorbeigehen über die Augen. - -»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in Marburg. -- Walter!« - -Der Junge fuhr dienstfertig herum. »Tante Werder?« - -»Ich muß euch mal nebeneinander sehen. So -- -- Aha, die Länge ist die -gleiche. Und das dunkle Haar --« - -»Ich habe schon weiße, Traud.« - -»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen. Also das dunkle Haar -hüben wie drüben. Das Gesichtel in der jüngeren Auflage --« - -»O Gott, das Gesichtel!« - -»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem, Klaus. Ja, Walter, -vorläufig noch mehr Milch als Blut, aber verlaß dich nur auf deine -alte Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur schon sorgen.« - -Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar. - -Der Junge errötete unter der frauenhaften Liebkosung. »Erstensmal bist -du nicht alt, sondern noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich -gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen. Ich werde schon meine Zeit -anders verwenden, und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe heut, -ins Kolleg.« - -Sie streichelte noch immer sein Haar. - -»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber -- Bravheit schützt vor Jugend -nicht.« - -Da lachten sie alle drei mitsammen, und der Junge haschte nach ihrer -Hand und küßte sie in wohlerzogenem Respekt. - -»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein älterer Bruder. Forsch, was? -Gib acht, daß er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften -Marburgs vor die Klinge nimmt.« - -»Ach -- Tante! Aber er sieht wirklich anders aus als zu Hause.« - -»Das tut die gute Marburger Luft. Und nun hab' ich euch mit meinem -Schwatz lange genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu spät auf den -Berg. Du bleibst doch noch einige Tage, Klaus?« - -»Der Minister hat dringende Arbeiten für mich, sonst hätte ich -den Walter selbst hergebracht. Nun langt's nur für den Tag der -Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen nicht nehmen lassen wollte.« - -»Schade --. Aber -- der Minister und Marburger Frühling -- das reimt -sich schlecht zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen für -heute.« - -»Auf morgen, Traud. Wir werden diese Nacht sehr leise auftreten.« - -»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.« - -»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's frisch sein.« - -In der Tür wandte sich der Professor um. »Entschuldige, aber da vergaß -ich ganz, dir die schönsten Grüße von Marianne auszurichten und ihren -verbindlichen Dank für die gute Aufnahme des Jungen. Wir rechnen dir -das ganz besonders hoch an, weil -- nun, weil --« - -»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber auf die Kneipe.« Und sie -lachte ihn aus. - -Der Junge polterte schon auf der Stiege. Da trat er noch einmal ins -Zimmer und griff nach ihren Händen. - -»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir durch alle die schweren -Lebenslagen hindurch nur deine Lustigkeit bewahren können?« - -Sie sah ihm fest in die Augen. »Weil ich keine Duckmäusernatur bin.« - -»Weil dich das Leben freut?« - -»Über alles.« - -»Gib mir einen Kuß, Traud. Ich kann ihn brauchen.« - -»Mach, daß du hinauskommst.« - -Und er hörte ihr Lachen noch auf der Stiege und trug es noch im Ohr, -als er, Band um, Mütze auf, neben seinem Füchslein den Schloßberg -hinanstieg, durch den kosenden, streichelnden und schmeichelnden -Frühlingsabend, hinan zu dem hohen, freien Hang, auf dem das Haus -seiner alten Verbindung wie eine Warte der Jugend stand. ›Wie lange,‹ -dachte er, ›hab' ich dies Kosen, dies Streicheln und Schmeicheln nicht -mehr gespürt.‹ Und er tat einen tiefen, wohligen Atemzug. ›Aber heute --- spür' ich's!‹ - - - - -Da trat er mit seinem Sohn in den Kneipsaal ein, und er sah -strahlenden Auges über die Masse der Buntmützen hin, die die mächtige -hufeisenförmige Tafel dicht bekränzt hielten, und als er den Sohn -an der Fuchsenecke untergebracht wußte, schritt er hinüber zur -Tischecke der alten Herren, spähte in den bärtigen Gesichtern nach den -Gefährten der Jugend, schüttelte kräftig alle die Hände, die sich ihm -entgegenstreckten, und fiel aus voller Kehle in den Kantus ein: - - »~Gaudeamus igitur, - Juvenes dum sumus!~« - -»~Cantus ex est. Schmollis cantoribus!~« - -»~Fiducit!~« - -»Kreuzer, alter Pirat, tauchen endlich deine Segel wieder auf der Lahn -auf? Gegrüßet seist du ...« - -»Prost, langer Ritter. Ich suche dein Bäffchen und deinen Talar.« - -»Hab' beides meiner Hausehre zum Aufbügeln dagelassen. Dieweil, -juchhei -- dieweil -- juchhei -- der Herr Pastor zu Nutz und Frumm der -Dorfgemeinde eine kleine Aufbügelung in Marburg vor sich gehen läßt.« - -»Ich komme dir einen Halben, Pirat. Nichts zu flicken für einen -hilfsbedürftigen Landarzt?« - -Kreuzer blickte in das starke, gerötete Gesicht. »Der Stimme nach -- -der Melodik der Stimme nach -- ist mir, als hörte ich Deutschlands -Eiche im Wipfelrauschen. Baum?« - -»Zu dienen, Herr Geheimrat. Ich bin der Baum. Aber gestatte, daß ich -die Umarmung mit dir bildlich vollziehe. Ich stehe nicht gern auf, wenn -ich sitze.« - -»Hast du endlich das Zipperlein?« - -»Bitte -- bitte -- diese herrlichen Gliedmaßen gehören dem Wohl des -Volkes. Deshalb schone ich sie. Und wenn du die Farbe meines Antlitzes -zu einem ärgerlichen Vergleich mißbrauchen möchtest, so sage ich dir: -Wind und Wetter haben sie mir angeschmeichelt, und sie ist ehrenvoll -auf der Landstraße verdient.« - -Und eine zarte Stimme sprach: »Er opfert sich auf, unser lieber Baum. -Da ist ein Mann in seinem Klientel, den er von der Schädlichlichkeit -geistiger Getränke überzeugen muß, und es ist der Dorfwirt und nicht -unter die Erde zu bringen. Ganz erschöpft von den endlosen Debatten -sehe ich oft zur Nachtzeit unseren braven Baum in den Wagen steigen.« - -»Du aber, mein braver Lindner, steigst jetzt in die Kanne. So ist's -recht, mein guter Junge. Ich will dich lehren, neidverzerrt im Pastorat -auf der Lauer zu liegen, während ich mich bemühe, dir die faulen -Begräbnissporteln abzuknöpfen. Ah, du meldest dich reumütig mit der -neuen Blume? Prosit, da trinke ich mit.« - -»Lindner, der reine Tor? Und Pfarrherr wie der lange Ritter? Fühlst du -dich wohl auf dem Land?« - -Der Pfarrherr mit dem bärtigen Knabengesicht reichte dem Professor die -Hand. - -»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der Mensch anders als wohl fühlen, -wenn er die Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und der lange -Ritter -- und der dicke Baum -- sind das nicht auch ein paar Stücklein -Natur? Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir einen Kreis bilden, -haben wir die Jugend mitten darin eingefangen. Nämlich« -- und er -flüsterte geheimnisvoll -- »die Jugend ist nämlich das beste Stück -Natur.« - -Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische herum. Das braune Bier -schäumte über den Rand. - -»Silentium!« - -Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet. Die Narben auf seiner -Wetterseite leuchteten. Mit heller, klingender Stimme sprach er in das -Schweigen hinein. Er begrüßte die alten Herren, er begrüßte Aktive, -Inaktive und Verkehrsgäste, er begrüßte die neu angemeldeten Füchse. -Es war eine Rede, wie sie seit Jahren zum Semesteranfang gehalten -wurde, und doch wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder aus -einem frischen Munde kam und neue Begeisterung den Atem befeuerte. »Wir -singen das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die Musik spielt den -ersten Vers vor. Silentium ... das Lied steigt.« - - »Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch! - Die Philister sind uns gewogen meist, - Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt. - Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!« - -Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur Saaldecke, und die Bässe -der alten Herren malten so kräftig den Untergrund, daß die starr -ins Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten, sich aus ihrer -Unsicherheit heraustasteten, die tragende Woge des Gesanges erreichten -und plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen. Der dicke Baum -lag, die Hände über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt im -Sessel und sang auswendig. Der lange Ritter hielt das Liederbuch mit -der Linken und schlug mit der Rechten den Takt auf seines Konfraters -Lindner Knien. Der lächelte beim Singen selig, als sähe er den Himmel -offen. Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die Augen der alten -Freunde und des jungen Nachwuchses, fand nur leuchtendes Licht in -den Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm selber heiß in die -Blicke stieg, sah Buntmützen und Dreifarbenbänder, die Vergangenheit -Wiederkehr halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete, -griff mit der Hand in die Luft, als müßte er sie halten, fest, fest ... - - »Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch! - Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt, - Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert, - Frei ist der Bursch!« - -Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft! Freies Wort! Kühne -Tat! Stoßt an -- Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch. - -Und drunten Marburg zu Füßen, und droben das Schloß, und ringsherum -die ganze weite Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern, die -dennoch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt. - - »Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag, - Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach: - Frei ist der Bursch!« - -Treu? War er dem Burschenschwur treu geblieben? Ah, welche knabenhaften -Gedanken. - -Was weiß der junge Mensch, der hier trinkt und singt, vom Leben? -Seine Hoffnungen schickt er auf Rosenwolken hinaus und nennt sie -die ›unumgänglichen Forderungen‹. Und der erste, der sie im Leben -umgeht, ist er selber, und der Pfründe wegen, der Ehe wegen, all der -gebieterischen Dinge wegen, die nicht in Marburgs Mauern liegen, lernt -er um in der Algebra des Lebens. Treu! - -Und -- dennoch! - -Stunden haben, die wie das Vergessen sind -- bis auf die Stunde. - -Nichts wissen, als daß man noch da ist in schwärmender Tafelrunde. - -Daß man die schwere Süße um sich spürt der Erwartungen. - -Der Erwartungen, die wie nie auszuzählende Frühlingswunder sind und -doch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt. - -Das kam über Klaus Kreuzer, daß seine Stirn sich zusammenzog und aus -seiner Brust ein langer, stoßender Atemzug ging. Das kam über ihn, daß -seine Lippen sich zu einem harten Strich zusammenpreßten. - -»Pirat! Wen willst du vor die Klinge? Laß sie pfeifen auf Hieb und -Stich und gottselige Abfuhr! Ach, und stoß an, Bruderherz, da wir doch -so jung zusammen sind.« - -»Dein Wohlsein, Baum. Was? Rest? Wie kann man so trinken!« - -»Ist das eine Konsultation?« - -»Ich wünsche dich nicht bloßzustellen.« - -»Also du fassest das Glas hier unten -- hebst es hinten hoch -- siehst -du -- vorn läuft es von selber.« - -Der vergnügte Landarzt hatte sein Glas geleert. »Ja -- was ich noch -sagen wollte -- und für ärztliche Bemühungen bekäme ich einen Taler.« - -»Halsabschneider!« - -»Drückeberger. Kenn' ich. Nur heraus mit dem dicken Silberling. Das -wäre also der Bowlenfonds.« - -Der junge Walter Kreuzer stand, die Mütze in der Linken, am Tische der -alten Herren. Der schwere Landarzt blieb behaglich im Sessel liegen und -wandte kaum den Kopf. »Was wünschest du, mein Sohn?« - -»Gestatte, alter Herr, daß ich mich vorstelle.« - -»Wie heißest du?« - -»Walter Kreuzer, Sohn des alten Herrn Klaus Kreuzer.« - -Der Doktor streckte ihm die Hand entgegen. »Was? Zwei Kreuzerlein? -Willkommen in der Couleur. Auf daß du lange lebest, eine Zierde -unserer Farben wie dein Vater. Prosit, Fuchs. Und bleib alleweil mein -Freund.« - -Und er summte, während er das Glas gegen das Licht hob: »Was nützen -mich die Kreuzerlein -- wenn ich gestorben bin.« - -Der Fuchs hatte sich den alten Herren Pastor Ritter und Pastor Lindner -vorgestellt. Das Tonnenmützchen saß dem fröhlichen Ritter weit im -Nacken. Den Arm schlang er um die Taille des jungen Mannes. - -»Nun -- nun? Wie heißt die Parole, Fuchs? Philologie? Nimm Öl aus dem -Krüglein deines Vaters. Medizin? Der große Medizinmann Baum fährt -dich auf die Praxis, daß du deine Knöchlein besser spürst als die der -Patienten. Theologie? Komm zu mir und halte bei mir die Probepredigt, -auf daß ein jähes Erwachen in die alten Weiber fahre. Nur nicht -Juristerei.« - -»Weshalb nicht Jus, alter Herr?« - -»Dieweil die Advokaten siebenspännig in die Hölle fahren.« - -Und begütigend sprach die zarte Stimme Pastor Lindners: »Es ist seine -liebenswürdige Marotte. Er hätte selber gern Jus studiert, und nun -tröstet er sich mit einem Kraftsprüchlein.« - -»In die Kanne, lieber Lindner. So -- geschenkt. Nun wird dein -Zeigefinger wohl nicht mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen. -Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele von einem Menschen.« - -Und wieder rauschten Geigen, Bässe und Flöten von der Musikantentribüne -durch den Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in die -hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem Frühlingsmorgen entgegen, -der in der Zukunft lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht -hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend trug. - -Das Präsidium war an die alten Herren übergegangen. Der lange Ritter -hielt es in starken Händen. Scheffel regierte die Stunde, und der -Rodensteiner brauste durch den Odenwald: »Raus da, raus aus dem Haus -da, o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum stand würdevoll vor -dem Präsidentensessel, und er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den -ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg, am Rheine, am Rheine! -Und nun hatte der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner die -Kommandogewalt. - -»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme, »als ein Vorläufer. Wir -haben ihn unter uns, den wir schon liebten, als wir jung waren wie -ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen von der Fuchsentafel und -über die Mensurböden und durch die Burschenzeit ins Leben hinein. -Er war die Sonne unserer Jugend und der beste Student, den Marburgs -Mauern, Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je gesehen. Wer kann -die Sonne fangen? Es fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und -seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt, gab sie der Menschheit. -So wurde er der Stolz unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde -uns die lebendige Versicherung, daß auch wir recht getan hatten, das -Gottesgeschenk der Jugend zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf -hoher Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch geliebt von seinen -Jüngern. Silentium! Wir reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn -Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus Kreuzer.« - -Der Donner der Gläser auf den Tischplatten war verklungen. Still saß -der Professor auf seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute er über -die Buntmützen hin, als sähe er Menschen und Dinge in den Saal strömen, -die nicht mehr waren. Sprach der bärtige Mann am Präsidententisch -wirklich von ihm? Hatte es das gegeben? Soviel Sonne --? Soviel -Sonne? Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen Knabengesicht -nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem Gewordenen, der Gegenwart sprach? -Nein, nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen. Und nun -donnerte die Huldigung in sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus -der Weite zurück und sah wieder feste Linien, sah junge Gestalten, sah -junge, lachende, fragende, schwärmerische Augen auf sich gerichtet. -- -Da riß es ihn auf. - -Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe das Präsidium --« - -Da stand er am Platz des Präsidenten, an dem er -- fünfundzwanzig Jahre -waren es bald -- so oft gestanden hatte. - -»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung dargebracht, und das ist -ein Geschenk. Da bedarf es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? Nun, -dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß ich jung bleiben will, wie ich es -einmal war, wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! Und wenn -die Welt voll Teufel wär'! Nur diese eine Tugend gibt's. So wünsche -ich uns alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und nicht anders. -Ach, was wißt ihr, wie ihr den Burschensang und -klang braucht im -Leben! Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab ihn uns, damit wir -im Jagen und Drängen zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich -- -irgendwoher -- im Ohre ertönt. Daß wir vergleichen, prüfen, wägen und --- zu leicht befinden. Daß wir beschämt innehalten. Wenn's not tut: -das Steuer herumwerfen. An Bord nehmen, was hinter uns her schwimmt -mit verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, ohne den wir verloren -sind gegen den schlimmsten Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die -Blasiertheit. Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. Ein blasierter -Mensch ist ein Bankerotteur, der sich seiner Daseinsberechtigung begab, -als er die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. Laßt es -euch gesagt sein, ihr Burschen und Füchse: Die Schönheiten der Welt -sind keine Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf einer Wolke -auf der Lauer und späht durchs Fernglas, zu sehen, wer von den armen -Menschlein ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, die uns die -kurze Erdenspanne mit seinen Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie -auf, und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, und ihr behaltet eure -hellen Augen und euer klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der Jugend -auf seinen Lippen spürt, ist noch im Sterben glücklich zu schätzen. Das -ist der Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, Leute!« - -›Professor Kreuzer -- Geheimer Regierungsrat -- Mariannens Gatte --‹ -schoß es ihm durch den Kopf. - -Er lachte. - -Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, die erschlossene -Seligkeit junger Gemüter. - -Er lachte. - -Das aber war ein anderes Lachen. - -»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! Musikanten, den ersten -Vers! Silentium -- das Lied steigt.« - - »Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus, - War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus. - Und er wanderte weit - Zur Sommerzeit, - Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn. - - Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein. - Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein. - Schaut' über die Heid' - Zur Sommerzeit, - Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn. - - Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind. - Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind? - Da lachten sie beid' - Zur Sommerzeit, - Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn. - - Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug. - Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug. - Und da küßten sich beid' - Zur Sommerzeit, - Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« -- - - - - -Waren Stunden vergangen, seitdem das Lied verklungen war? - -So waren sie wie Minuten gewesen, von denen der Sekundenschlag mehr -zählte als eine Stunde. - -Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere Leinengardine zurück. Ein -dunkelblaues Dämmern füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen des -Morgenwunders. Und eine Nachtigall schlug vom blühenden Hang hinauf. -Das hatte er seit Jahren nicht mehr erlebt. - -Er stand und horchte. Und vernahm, wie die Jugendfreunde hinter ihn -traten. Da griff er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach ihren -Händen. »Kinder -- das ist zum Glücklichwerden!« - -»Alter Pirat -- du hast dein Teil geborgen.« - -»Ja, ja ... Und ihr?« - -»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen können, haben wir also -- das -große Los gezogen.« - -»Sprecht ernsthaft.« - -»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, eine fröhliche Landpraxis --- beim heiligen Veit von Staffelstein, wir sind doch keine -Duckmäusernaturen?!« - -Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? Heute? Gestern? -Ganz gleich. Es war ein Wort im Alltagsgewand und voll innerer -Köstlichkeiten. Und -- Traud hatte es gesagt. Natürlich ... - -»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? Wollen wir Überlebenden -- -ja, was wollen wir Überlebenden?« - -Seine Augen suchten das blaue Gewoge des dämmernden Tages zu -durchdringen. - -»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!« - -»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir werfen uns wie Antäos an der -Mutter Brust, neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein Schicksal -trifft.« - -»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster -- als festlich hoher Gruß, -dem Morgen zugebracht!!« - -»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit uns sprechen.« - -Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm beieinander und blickten in -die blauen, flatternden Schleier. Immer inbrünstiger wurde das Lied der -Nachtigall. Und nun kam eine Woge frischen Blütenduftes. - -Die Sonne ... - -Von den Hängen flatterten die Schleier los, über die Lahnwiesen -strichen sie hin in eiliger Flucht, die Bergkette schüttelte sie von -den Häuptern, daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder taten sich -auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, in stiller, drängender -Liebe, in lebenzeugender Sonne. - -Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und war nur schöner geworden. -- - -»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer. - -Die anderen nickten. - -»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer fort, »ich bin ein Gleichnis -und will in euer Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, was -euch not tut. Euer Leben mag älter, aber es darf nur schöner werden. -Nein -- mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr es nicht wollt. Seht -her und macht sie nach: die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut zum -Glücke ...« - -Er brach ab und starrte hinaus. Was würden die guten Kerle davon wissen -... Kaum ihre Atemzüge hörte er. - -Und in die tiefe Stille klang die Stimme des Landarztes, und über -seinem Gesichte lag ein merkwürdiger Hauch, der es verschönte und -vergeistigte. Und in die tiefe Stille hinein sagte er nur: »Es braucht -kein Geist aus dem Grabe und kein Professor aus Berlin zu kommen, um -uns das zu verkünden.« - -Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine Blicke tranken den Morgen: -»Siehst du, deshalb sind wir hier.« - -Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an sein Herz. - -So viel war er geworden und so wenig die anderen, und doch wußte er -nichts zu erwidern. - -»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme Lindners, »komme öfter -herüber von Berlin. Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft dir -nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und du bist doch erst fünfundvierzig.« - -Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, daß der Hochmut die -Segel strich, daß nichts mehr in seinem Blute war als eine grimmige -Sehnsucht. - -»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort darauf. Das mit dem Lorbeer und -den Rosen, Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner Tor konnte das -Wort prägen, dem keine Wissenschaft beikommt. Her mit den Gläsern. -Angestoßen. Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!« - -»Nach Hause jetzt.« - -»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.« - -»Burschen heraus!« - -Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden Morgen hinein, -gingen sie die krummen Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus, -vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' und Antwort, riefen sie -sich Mädchennamen zu und die Namen der Gegner, die sie auf der Mensur -bestanden hatten, die Namen der Philister, die sie gemartert, und die -Namen der herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder gemartert -hatten. - -»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du barhaupt und hemdärmelig -die Straße hinunter, ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus dem -Fenster hinter dir her, bis alle Philister aufgeregt in den Fenstern -lagen und mitschrien, und die Stadtschergen erschienen und wie -besessen die Verfolgung aufnahmen. Das ging wie die wilde Jagd den -Schloßberg hinunter und um die Elisabethenkirche herum und zurück zur -Universität, und die ganze Studentenschaft war auf den Beinen. Und -plötzlich bogst du um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, der -die Hand nach dir streckte, und sagtest: ›Pardon, mein Herr, wissen Sie -hier in der Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe hier einen -Rock zu flicken!‹ - -»Wie Lots Weib stand der Mann, und es folgte eine Tobsucht. ›Mensch, -weshalb laufen Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie -- Mensch!‹ -Und verwundert erwidertest du: ›Mein Herr, weil ich es nicht für -anständig halte, in Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹ -Verneigtest dich und warst im Schwarm der Buntmützen verschwunden.« - -»O Academia!« - -»Kinder, Kinder!« - -Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden und trugen die edle Patina der -Verklärung, und die Geschichten folgten sich. - -»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer. »Ich habe euch -versehentlich durch die halbe Stadt begleitet und muß nun wieder den -Berg hinauf. Schlaft wohl!« - -»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns im Hotel?« - -»Ich wohne bei Frau Werder.« - -»Frau -- Werder? Haben wir nicht einen Werder in der Couleur? -Natürlich! Werder, der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige -Kerl?« - -»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine meiner Frau. Deshalb wohne -ich dort. Und mein Junge hat Marburger Quartier dort bezogen.« - -»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.« - -»Auf Wiedersehen, ihr.« - - - - -Prachtvoll war die Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er -den Berg hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um -die Brust. Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen. -Weit, ganz weit dehnte er die Arme ... - -Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. Vor der weißlackierten Tür -blieb er stehen. War das nicht ein Kichern? Er klopfte. - -»Willst du wohl!« tönte eine Stimme. - -»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, Traud.« Und elastisch ging -er die Treppe weiter hinauf. - -Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die Hausfrau stand im hellen -Morgenkleid und lachte hinter ihm drein. - -»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen -- das Stelldichein mit dem Klaus -von ehedem?« - -»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.« - -»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer. - -Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, und als er um die -elfte Morgenstunde erwachte, stand der Sohn an seinem Lager. - -»Was, du bist vor mir auf?« - -»Frühschoppen, Papa.« - -»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?« - -»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen.« - -Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. »Nein, nein, auf den -einen Tag wird's wohl nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter in -Anfechtungen fällst, werde ich -- ja, ja, das werde ich -- an Mama -depeschieren, daß ich erst morgen komme.« - -»Papa! Famos, Papa!« - -»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur Toilette. Wir gehen dann -zusammen.« - -»Du -- Papa ...« - -»Was denn, mein Junge?« - -»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. Und ich habe es auch -Tante Werder schon gesagt.« Und nun war der Junge draußen. Und der -Vater sann hinter ihm her. -- -- - -Eine halbe Stunde später betrat er frisch und hoch gestreckt das -Frühstückszimmer. - -»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich nicht ein Frühaufsteher?« - -Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn. - -»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon um sechs Uhr früh auf den -Beinen warst, bist du noch immer recht rüstig.« - -»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine Tasse Kaffee bitten? Wo -steckt der Walter?« - -»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er mir mit strahlenden Augen von -_ihm_, dem herrlichsten von allen -- das solltest du nämlich sein, -Klaus -- erzählt hatte, bekam er plötzlich das zweite Gesicht und mußte -eiligst noch ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den väterlichen -Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm das Frühstück ein. - -»Leichtsinnig? Ich --? Ach, Traud, ich wollte, ich könnte es noch -einmal von Herzen sein.« - -»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter versteht. Von Zeit zu Zeit -mal über die Stränge schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner -gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger Leichtsinn für kleine -Leute und würde gar nicht zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.« - -»Kennst du _zwei_ Arten von Leichtsinn? Eine passende und eine -unpassende?« - -»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn du schon bei dem Wort bleiben -willst, so kenne ich zwei Arten.« - -Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. »Nenn sie, Traud.« - -»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja eine Lüge, wenn ich anders -sprechen wollte. Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich -aufmacht und durch die Niederungen schleicht, einerlei, ob es durch -Sumpf- und Brackwasser geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird, -und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle Miseren in lichte, -frohe Höhen zu schwingen versteht, bis die Augen der Nachstaunenden ihn -nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber die Sonne verspürt und er -Gott anders begreift und seine Welt und erkennen lernt, daß es über -jede Misere hinaus einen lachenden, blauen Himmel gibt für den, der zu -fliegen versteht.« - -»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile, »ich höre dir zu.« - -»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, und du brauchst meine -Weisheit nicht.« - -Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile: »Ich habe es einmal -gekonnt -- oder wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage nur noch -zur Schau mit den Flügeln.« - -»Weshalb?« - -»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, die sich lieber einen -Pfauhahn halten, der der allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht -werden kann, als einen Adler, der sich den Blicken der Leute entzieht.« - -»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen ganzen Geheimratsfrack voll -Orden.« - -Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah er scharf auf. - -»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« Und er erhob sich mit -verschlossenem, hochmütigem Gesicht. - -Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn lächelnd an. Bis es ihn -unruhig machte. - -»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?« - -»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner Orden sehe ... Adieu, Klaus, -und recht viel Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom Tisch, winkte -ihm zu und ging aus dem Zimmer. - -Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann sich, daß er -Gastfreundschaft in diesem Hause genoß, und meisterte seine Erregung. -Auf dem Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach ihr und zog sie -in den Nacken. Da kam Walter die Treppe hinauf. Straff ging er ihm -entgegen. »Junge, der Frühschoppen wartet, und wir wollen uns -- über -die Erdenschwere in die Lüfte schwingen.« - -»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?« - -»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen dessen machen wir jetzt den -Umweg übers Telegraphenamt.« -- -- -- - - - - -Es war Nachmittag, und Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem -Klavier und spielte sich zur Freude ein still dahinschwebendes Lied. -Ihre Augen blickten über die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte -sie sich keinen schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf -ihren schlanken Schultern. Da pochte es an die Tür. - -»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.« - -Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt, wandte sie sich um. - -»Ach, Klaus -- Du? Schon Schluß gemacht mit der Freude?« - -»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und dazu bin ich hier.« - -Sie sah ihn forschender an und erhob sich langsam. Und sah die -aufsteigende Spannung in seinen Zügen und lachte ihn aus. - -»O nein -- jetzt hast _du_ falsch geraten. Ich habe durchaus keine -Angst vor dir und unserem Alleinsein. Also?« - -Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern. »Sei nicht immer so -schrecklich selbstsicher, das sieht fast wie Koketterie aus.« - -»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur, was mich freut. Mach's -nach, Klaus.« - -»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm ganz schwer, »wenn ich dich -jetzt beim Wort nähme. Ich habe Hunger.« - -Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen und war bis vor -ihn hingetreten. »Es ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein -Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei Leichtsinn, weißt du? Und nun -sag dein Sprüchlein.« - -»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus zur Schwedenschanze. Die -anderen sind schon vorauf, und es sind Damen dabei.« - -»Nun -- und?« - -»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude gemacht. Du sitzest hier -in deinen vier Wänden. Das behagte mir nicht.« - -»Klaus -- da sind doch Professorengattinnen und hochwohlerzogene -Töchter?« - -»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.« - -»Wirklich --?« sagte sie leise. »Wirklich -- --?« Und ihre Brust hob -sich. »Gib mir mal deine Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch -deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest du eine Freude machen, und -ich« -- sie strich ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die Augen -- -»schau mich nicht so dumm an, ich hole mir meinen Hut.« - -Sie war hinaus, und er stand, hob seine Hand und ließ sie denselben -Weg über die Augen gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und blickte -sich um und horchte zugleich nach innen und nach außen. Ein leises -Singen war's. Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch durchs Zimmer -flatterte? Oder doch -- sein Blut? Und es konnte noch strömen und der -Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut? Und er horchte nach innen und -nach außen und fand keine Begründung und nur -- dies Gefühl. Da wußte -er, daß es für dies Gefühl keine Begründung gab vor lauter warmer -Menschenfreude. -- - -»Deinen Arm, Traud.« - -Sie legte ihn hinein und ging schlank und schmiegsam an seiner Seite. -Die Bürgersleute grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie grüßten -beide wieder und verfolgten schweigend ihren Weg, der sie aus der Enge -der Gassen hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen Höhen zu, -die im Gold des Ginsters standen. - -»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?« - -»Wir haben ja nichts anderes getan, als miteinander gesprochen.« - -»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton, »schweige weiter.« - -Er faßte die Hand, die in seinem Arme lag, führte sie an die Lippen und -legte sie wieder in seinen Arm zurück. »Nein -- jetzt, wo die Stimmen -einmal laut geworden sind, können wir auch bei dieser Sprache bleiben. -Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts mehr verheimlichen.« - -»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das war ja schon immer der Kummer -der Familie.« - -»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt, Traud?« - -»Ja, Klaus, das habe ich.« - -»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die er dich hineingebracht hat?« - -»Das hat doch mit der Liebe nichts zu tun.« - -»Ich meine -- es bedarf doch immer eines hohen Maßes von Achtung, um -jemanden durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten. Ich meine so, -daß man die Augen schließen kann und nichts verspürt -- als Wohlsein --« - -»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten. Das steht ja nur in deinen -dicken Büchern, und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten sie darum -doch nichts vom Selbstverständlichen.« - -»Was nennst du das Selbstverständliche, Traud?« - -»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen zu fragen, auf die es keine -Antwort gibt. _Das_ nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung? -Was heißt Achtung? Heiratest du nur die Tugenden oder auch die Fehler? -Aussondern ist nicht, und Achtung habe ich nur vor der grenzenlosen -Liebe, die sich immer wieder erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm. -Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn der Mensch ein armer -Schlucker ist oder ein Himmelsstürmer.« - -»Du -- Traud -- und so hast du immer -- gelebt?« - -Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb' ich? Nun, wenn ich also nicht -dabei gestorben bin, so weißt du die Antwort.« - -»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer hätte das vor einigen zwanzig -Jahren in dem kleinen Mädel gesucht.« - -»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und trug lange Zöpfe, bis in -die Kniekehlen. Das war meine Schwärmerei. Und noch eine andere -Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich nachträglich nicht in die -Brust zu werfen, wenn ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei -Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war ein ganz anderer, als der -nachmalige Professor und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte den -rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand, zur rechten Zeit alle -Erdenschwere zu Boden fallen zu lassen und zu seiner und der Menschheit -Freude ein echtes Sonnenkind zu sein. Und schon damals hatte ich den -Glauben an die Wunderkraft der Sonne.« - -»Und -- nachher?« fragte der Mann an ihrer Seite: »Und dann?« - -»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit meiner fünf Jahre älteren -Cousine Marianne, die mich ein kokettes dummes Ding schalt und dich -einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen große Fähigkeiten mit -Gottes Hilfe auf den rechten Weg gebracht werden müßten. Und das Leben -wäre kein Rosenpflücken, sondern ein Dornenweg.« - -»Und das glaubtest du?« - -»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst du von Marburg und trugst -Mariannens Ring und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes -- denn -ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen Gedichte, das du als Student -in die Welt schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten -Bände Literaturgeschichten, die dir später einen so hohen Namen -machten. -- Ja, fort warst du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest -mit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und im Ehehafen.« - -»Und du?« fragte er hastig. - -»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne sagte, ein kokettes dummes Ding, -und die Couleur hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans Werder war -nicht wie du, aber er gab sich doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir -schien er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied merkte, und -daß heißes Blut noch lange keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte -ich das heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und als der verliebte -Bursche durchs Staatsexamen fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der -ganzen Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, »er wäre auch ohne -dies und zum zweiten und dritten Male durchs Examen gefallen, denn -außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat recht wenig, und ich habe -ihn doch noch ein Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.« - -»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, Traud.« - -»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er war der geborene Zigeuner, und -weil ich ihn nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so klar. Durfte -ich ihn enttäuschen? Der Mann muß daran glauben, daß er der Führer und -Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine Liebeskraft glauben. Und -dann glauben wir auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit der Zeit -wird.« - -Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber die Sorgen, die Sorgen des -Lebens?« - -Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, und der Wald wölbte sich -über ihnen und streute aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne -Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten in den Zweigen des -Gesträuchs, und ein Regen goldener Blüten rieselte durch ihre Finger, -als wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen erzählen. - -Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte auf das Bild. - -»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Nur den Mut -braucht es.« - -»Aber leben muß man doch können, wenigstens leben!« - -»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal ordnete er Bibliotheken, -zuletzt war er Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach Hause kam -und sich ein wenig schämte, daß der Verdienst gar so mager ausgefallen -war, machte ich ihm meine strahlendsten Augen -- weißt du: so! -- als -ob ich ihn zum ersten Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was für -ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja doch noch einmal den Mond und -die Sterne vom Himmel!‹ Und dann -- ja, was tut ein Mann dann wohl? Er -gibt sich eine Haltung vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste -hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe, damit die Frau nicht -merken soll, was für ein armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst du, -Klaus, um dieser Haltung willen, die für eine Frau etwas Rührendes hat, -liebte ich ihn.« - -»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben ...« - -Sie nickte und ließ immer noch das Gold der Ginsterblüten durch ihre -Finger rieseln. - -»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte, starb er mitten aus dem -Glück heraus, obwohl kaum ein Stück Brot im Schranke war. Marianne -sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken. Marianne irrt sich. Wenn man -genauer hinblickt, sieht man auch am Dorn die Heckenrosen blühen.« - -Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte sie das Schweigen. Und -sie hob den Kopf und sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den -goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren, und daß seine Gedanken -erst weitere und immer engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung -hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll Blütengoldes über ihn -aus. - -»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun stehst du mitten im Frühling, -und im allergoldensten, du Sonntagskind!« - -»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach. - -»Das bist du und das bleibst du, und wenn du die Schultern hebst -und sie schüttelst, werden deine Krankheiten von dir abfallen wie -Einbildungen.« - -»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?« - -»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb brauchst du es mir nicht zu -sagen.« - -»Und möchtest mich gesund sehen?« - -»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.« - -Sie standen und sahen sich in die Augen. Und dann sagte der Mann leise -und stockend: »Traud, ich wollte -- du wärst meine Frau geworden.« - -Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja, Klaus, das wollte ich -auch.« - -Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die zwischen ihnen war, ihre -Augen blenden wollte und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken -tanzte. Da streckten sie suchend die Hände aus. - -»Traud ...« - -Und er wiederholte ihren Namen wie eine Bitte. - -Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre Lippen zitterten ein wenig. - -»Du ...« sagte er. -- - -Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm sein Gesicht zwischen beide -Hände und bot ihm den Mund. - -Und er fand nichts anderes als das eine Wort: »Du! ...« - -»Bist du nun zufrieden, du meine alte, liebe Mädchensehnsucht?« - -Er schüttelte den Kopf. - -Und nach einer Weile wieder: »Bist du nun zufrieden?« - -»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner einstigen -Mädchensehnsucht. Nun bist du meine Mannessehnsucht, und das ist heute, -und morgen und alle Tage wird es nun nicht mehr anders sein!« - -»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder etwas zu ersehnen hast.« - -»Traud -- ist das dein Leichtsinn?« - -»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn. Das ist der Sinn, -der das Leben leicht macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas zu -ersehnen hast, du lieber Mann, denn die Sehnsucht wird dich jung halten -und dir Träume geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft, an -Schöpfungen heranzugehen, die voll blühenden Lebens sind und nicht -voll Bücherweisheit.« - -»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug! Ich werde oft und oft kommen -müssen, um nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde noch standhält!« - -Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die schlanke Gestalt lief. - -»Komm nur, ich fürchte mich nicht.« - -Und er stand und trank mit weitgeöffneten Augen das Bild in sich hinein -und wußte, daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt vor und nahm -sie fest in beide Arme. - -»Bleibst du mir treu?« - -»Ich liebe dich!« - -»Ob du mir treu bleibst?« - -»Sorge dafür.« - -Da verstand er sie. - -»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge mehr um mich. Ich lass' von -meiner Jugend nicht mehr locker, und die Menschen sollen den Gewinn -davon haben.« - -»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach sie fröhlicher als weise!« - -Und im Wald war ein Frühlingsrauschen, und sie gingen ihm nach, -bis die Schwedenschanze sich vor ihnen hob, und bunte Mützen, -weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden und auftauchten und -verharrten. Und ein junges Lachen war um sie her. Und da unten lag -Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die Elisabethenkirche ihre -Türme zu ihnen auf, winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und dicht -im Grün des Hanges das Haus seiner alten Verbindung, die jung blieb -durch den unerschöpflichen Menschenfrühling. - - »Und da lachten sie beid', - Zur Sommerzeit, - Wenn am Walde, am Walde, - Die Heckenrosen blühn --« - -sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle Jungmännerstimmen und -helle, süßklingende Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die beiden -Menschen am Waldrande nahmen das Lied auf, und sie spürten den wilden -Rosenduft noch auf ihren Lippen, als sie lange schon im lauten, -frühlingsbewegten Kreise saßen, den Rosenduft, der aus der braunen -Dornenhecke bricht, wenn die Natur befiehlt. - -Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste Fuchs, und Mütze und Band waren -mit Anemonen dicht besteckt, und an jedem Arme führte er ein lachendes -Mädchen dem Vater zu. »Papa, du sollst entscheiden. Sie wollen beide -von mir wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide entzückend.« - -»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen Mädchen, »wir sind in -Deutschland und nicht in der Türkei!« - -»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil unterwerfen, ihr fröhlichen -Frühlingskinder?« - -»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten ihm zu beiden Seiten und -machten ihre lieblichsten Augen. - -»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus Kreuzer, »ist das Unsichtbare, -die Seele. Und die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele -sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie liegt auf den Lippen. -Dort in euren rosigen Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf, Gutes -zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat, ist die allerschönste auf der -Welt! Vorwärts, ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!« - -Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel, und die weißen Röcke -stoben um sie her wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten mit -purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein, das die Arme nach ihnen -ausbreitete und durcheinander schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort -mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch Seelenkunde treiben!« - -»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen, Klaus! Ist das nicht die -fröhlichste Wissenschaft?« - -»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen hast du!« - -»Ich bin nur der Torhüter.« - -»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?« - -»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch nur ein Mensch und muß Stunden -haben, in denen er sich mal gründlich um das Wohl der lieben Seinen -bekümmert.« - -»Traud, ich glaube -- diese Stunde ist jetzt da.« - -Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre kein Wort an ihr Ohr -gedrungen, über den Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln -zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes Lachen, und sie drängte es -zurück, daß es ihr zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich hob. - -»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts verheimlichen.« - -Da sprang sie auf und lief zu den Frauen und Mädchen und riß sie mit -zu tausend Neckereien und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer -Blicke mehr zu ihm hinüber. -- - - - - -Im purpurnen Abendschein lag Marburg. Und die Luft war so voll vom -Jubilieren der Vögel, daß die Menschen in ihrer lauten Lustigkeit -innehielten, stiller wurden und endlich schweigsam. Die purpurne Glut -aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der Himmel ihr hinhielt, -und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der Menschen. - -Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte hinter ihr her. - -»Wo bist du, Klaus?« - -»Neben dir!« - -»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird der Harmonie wegen und -lediglich der Harmonie wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte -Paare -- Wie? -- Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung? Ich habe hier die -Mamas zu vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden nur gespitzt -zum schönen Lied. Silentium! Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die -Straßen ziehen! ...‹« - -Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige Professorengattin am Arm, -setzte sich, kräftig intonierend, an die Spitze des Zuges. - - Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und - Braus, - Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus. - Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her, - Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'. - -Die Fackeln blitzten durch den Wald, und die Augen blitzten hinüber und -herüber, und junge Schultern suchten aneinander Halt beim Abstieg zur -Stadt, als könnten sie so noch einen Herzschlag lang den Zauber bannen, -der sie alle befallen hatte im Frühlingswald. - -Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend und liedersingend, -und Klaus Kreuzer und Traud Werder schritten inmitten der großen -Schar und waren still und ganz allein mit sich und freuten sich, als -sie es fühlten und einer es dem anderen immer wieder mit einem Druck -des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser waren voll von nickenden -und lachenden Mädchenköpfen, und vor den Haustüren erhoben sich die -Philister von den Bänken und zogen die Mützen und setzten sie ärgerlich -wieder auf, wenn ihnen ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen -kam im Überschwang des Jugendübermutes. - -Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße unbemerkt aus der Reihe -heraus und Klaus Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden Schwarm -an sich vorbei und atmeten tief auf. Dann standen sie vor Traud Werders -Haus, und sie schloß auf, wandte sich in der offenen Tür nach ihm um -und reichte ihm die Hand. - -»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir so viel Schönes mitgebracht, daß -ich nicht mehr allein bin.« - -Er trat zu ihr in den Hausflur. »Du willst mich fortschicken?« - -»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur fortschicken, Klaus, damit -wir nicht ins Verschwenden geraten.« - -»Traud -- wir sind ja so reich -- --« - -Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und schüttelte den Kopf. -»Nichts, nichts haben wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das, -Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die Zinsen bringen soll, an -diesem steten und immer stärker werdenden Zusammenbegehren, das die -kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht, nichts als diesen einen -allerersten Frühlingstag, der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus, ein -rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat, nimmt nicht die Blüten. -Klaus, der freut sich täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche -Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh, du lieber Mann, ich möchte -dir mehr sein als eine Episode, ich möchte dein Garten sein.« - -Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in den dunkeln Gang. »Also ich -soll warten und werben. Das ist es.« - -Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit hinein mit ruhiger Stimme: -»Ich gehöre dir.« - -Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie und -küßte jede einzelne. »Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute Nacht, und -auf morgen und all die Tage.« Und er wollte schnell an ihr vorbei. - -Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre Fröhlichkeit zurück, und sie -ergriff ihn bei den Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm -in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun soll ich hier sitzen und -meine geküßten Hände besehen, während du dort oben in eurem Hause -Lieder singst und den Becher schwingst und mit deinen Kumpanen in alten -Abenteuern schwelgst? O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig, und -wenn ich für den Handkuß aus besonderen Gründen auch sehr dankbar bin, -Bevorzugungen dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier der Mund, will -auch sein Privatissimum haben.« - -»Genug? Du --! Bevorzugungen dulde ich nicht. Diese lieben Augen -- -dieser liebe Hals --« - -Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm entschlüpfte. »Gute -Nacht -- alter Pirat!« Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe -hinaufklappern. Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht, daß er sie -mit Händen hätte greifen mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen -jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder jung geworden -- wieder -so jung geworden!« - -Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen den Freunden von -einst und den Gedanken von heut, und kein Neid kam mehr an sein -Herz heran, weil es voll war vom Köstlichsten der Erde, voll von -Erwartungen. Mit dem Sohn ging er heim und hörte lächelnd seinen -Schwärmereien zu, die er nie in dem streng erzogenen Jungen zu finden -geglaubt hätte, und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. - -»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen bist.« - -»Weshalb denn, Walter?« - -»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen habe, und das hat mich dir -soviel näher gebracht. Ich könnte dir jetzt immer alles sagen und würde -mich nur noch vor dir schämen, aber mich nicht mehr vor dir fürchten. -Wir -- zwei Männer.« - -An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir --- zwei Männer ...« - - - - -Er hatte seinen Stuhl neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie -das Morgenlicht über die Tasten rieselte und sich unter dem leisen -Anschlag ihrer Finger streicheln ließ. Und wenn sie seinen Blick -fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn lange an und nickte ihm -zu. - -»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug und holt mich nach -Berlin. Wirst du mit zum Bahnhof gehen?« - -»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar nicht.« - -»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von dir mit mir genommen. Aber -du hast recht, und es muß auch ohne das Symbol gehen!« - -Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger im leisen Anschlag durch -die Sonne gleiten und nickte ihm zu. - -»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß _ihn_ zuweilen zuhören, wenn du -spielst, und zusehen, wenn soviel Sonne im Zimmer ist.« - -»Ja, Klaus.« - -»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben, und ich saß wie -ein rechter Streber zwischen den Büchern und wurde abends von Marianne -in den Gesellschaften -- vorgezeigt. Da blieb nicht viel übrig -für den Jungen. Und doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel -Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie in jedem jungen Menschen.« - -»Er ist ja dein Sohn, Klaus.« - -»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte, daß er es wird. _Mein_ -Sohn.« - -»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen, in der sein Vater jung war -und« -- sie lächelte -- »in der er es wieder wurde.« - -Er beugte sich über sie und küßte sie aufs Haar. - -»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt du schon seine Mutter sein.« - -»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde still und feierlich in ihnen -und um sie her. - -Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände zwischen den Knien. Und begann -noch einmal, leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von uns, -so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter Haus geerbt hattest, -wahrzunehmen und den Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne -meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und du ergriffst auf diese -Weise gewiß gern die Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die -Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und Amen. Traud, ich kannte dich -ja gar nicht.« - -Sie war blaß geworden und ließ die Hände in den Schoß sinken. - -»Den verlorenen Anschluß an die Familie ...« murmelte sie. Und -plötzlich erhob sie sich mit einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme -um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein Junge gehört mir auch. -Schon als Kind habe ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude, -und die andere hat dich mir genommen, und dir hat sie deine Freude -genommen.« - -»Nicht so, Traud --« - -»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie wieder davon sprechen. Aber -geben wollen wir uns aus vollem Herzen alles das, was die anderen nicht -wollen und was uns so nötig ist wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.« - -Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen hinein sagte er: »Daß wir -noch so jung sind, Traud.« - -»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke vor uns haben, Klaus.« - -»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied. Das ist ein Dank aufs -Wiedersehen.« - -»Auf Wiedersehen, du -- --« - -Ein paar Schritte tat er und kehrte um, nahm ihr Gesicht in seine Hände -und blickte tief in ihre Augen. - -»Ich mußte noch einen Blick in meinen Garten werfen.« - -Dann ging er. - -Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen und wieder herabkommen. -Band um, Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über die Straße -schreiten, den Sohn neben sich, der seine Farben trug. Und Klaus -Kreuzer schritt zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig versammelt -und die alten Herren, die vom Feste noch übriggeblieben waren, und er -ging von einem zum anderen und schüttelte allen die Hand. - -»Wiederkommen! Wiederkommen!« - -»Ihr könnt euch darauf verlassen.« - -Und der Zug lief ein, der Abschied vom Jungen war vorbei, und er stand -am offenen Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust. - -»Abfahren!« Und der Zug zog an. - - »Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch! - Die Philister sind uns gewogen meist, - Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt. - Frei ist der Bursch -- frei ist der Bursch!« - -Das klang wie Schwerterklang und Bechersang aus einem halben Hundert -Jungmännerkehlen zu ihm auf und schwang sich hinter dem Zuge her und -rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten, daß ihm das Wasser in die Kehle -treten wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und hielt die Mütze zum -Gruß fest vor der Brust. Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat einen -Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte geradeaus. - -Da stand am Ende des Bahnsteigs eine Frau und sah ihn an mit -weitgeöffneten, hellen Augen. - -Da grüßte ihn seine Jugend, die wiedergeborene. -- - -Ernst legte er Mütze und Band ab ... Und auf der ganzen langen Fahrt -dachte er an ihre Augen, diese Augen, die ihn wieder sehend gemacht -hatten. -- -- - - - - -Spät abends kam er an und fand Marianne im Wagen vor dem Bahnhof halten. - -»Der Minister hat zweimal heute nach dir fragen lassen.« - -Er wollte eine Entschuldigung sagen, aber ein klingendes Wort lief ihm -durch den Kopf, und er mußte hinterher und es greifen und es nochmals -zum Klingen bringen. - -»Der Minister? Und Marburger Frühling? Das reimt sich schlecht -zusammen.« - -»Lieber Freund, rede, bitte, keine Torheiten. Der Minister will dich in -sein Ministerium ziehen, und es müßte doch seltsam zugehen, wenn bei -einem Wechsel Majestät --« - -»Ich pfeife auf den ganzen bureaukratischen Quark. Ich will zwischen -meiner Jugend sitzen, zu der ich gehöre, und die zerquälten Burschen zu -frischen Männern erziehen.« - -»Lieber Freund, mäßige dich, bitte, ein wenig. Ich glaube wahrhaftig, -dir spukt der Maitrank noch im Kopf.« - -»Der Maitrank.« Er lachte: »Ja, ja, da magst du wohl recht haben, -Marianne. Übrigens läßt dich der Junge grüßen.« - -»Danke. Sieht er gut aus?« - -»Äußerlich oder innerlich?« - -»Ach, laß uns doch lieber morgen miteinander reden, wenn deine -Marburger Stimmung verflogen ist.« -- - -Dann hatte ihn das tägliche Leben wieder, aber die Stimmung hielt an -und wuchs insgeheim wie ein Garten voll blühender Bäume, die der Reife -entgegenharren. Und seine Studenten merkten es am hinreißenden Ton, -der Quellen erschloß und sie hinströmen ließ über lauter sonniges -Land, als er sein neues Kolleg begann: »Über die Lebensbejahung in der -deutschen Literatur.« Donnerndes Getrampel begrüßte ihn beim Aufstieg -zum Katheder, und donnerndes Getrampel gab ihm beim Abstieg das -Geleit. Da wußte er, daß er den rechten Weg beschritten hatte, und -fuhr kraftvoll fort, seinen Studenten die fremde Schminke quälerischer -Lebensbetrachtungen aus dem Gesicht zu wischen und ihnen die Frische -und Kraft zur Lebensfreude in die aufhorchenden Seelen zu tragen. -»Nur eins ist not. Nur dies eine. Und Tod ist Wahn, wenn wir für die -Nachfolgenden goldene Spuren hinterlassen. Auf, ins Leben!« - -Und eines Abends, als Marianne ohne ihn zu einer ihr wichtig -scheinenden Gesellschaft gefahren war und er sich mit dringenden -Kollegarbeiten entschuldigt hatte, saß er vor seinen Kollegheften -und schrieb. Und als er fertig geschrieben hatte, sah er, daß es ein -Gedicht geworden war. Und er nahm es und schickte es ihr, der es -gehörte. - - -Die Sonne. - - Es lief das Herz dir über schier - Und war voll Sonne nur. - Da stieg sie bis ins Auge dir - Und ließ die goldne Spur. - - Ein Weilchen standst du wie gebannt, - Als ob's dich blenden wollt' ... - Und wie du senktest scheu die Hand, - Da lag die Welt in Gold. - - Da lag die Welt in Sonnenschein, - Die gestern alt und kalt, - In Flammen stand der Blumenrain, - In Flammen stand der Wald. - - Ich kam des Wegs, du sahst mich an, - Dein Blick rief mich zurück. - War nur ein friedeloser Mann - Und ward ein Mann im Glück. - - Und ward ein Ritter hoch zu Roß - und ward des Lachens kund. - Das tat dein Herz, das überfloß, - Das tat dein Aug' und Mund. - - Und wenn im Feld die Raben schrein, - Im Zorn der Donner grollt: - Ich schau' mit deinen Augen drein -- - Da liegt die Welt in Gold. - -Traud las das Blatt, faltete es zusammen und ging durch das Haus. -Überall öffnete sie die Fensterläden und ließ an Licht und Luft -in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen schnitt sie einen -Fliederstrauß und stellte ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In -froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und als am Nachmittag die -Hausarbeit geschehen war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und -setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich meinen Ausflug,« sagte -sie, und die Töne zogen wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus, -und ihre Seele war mitten darunter und schwang sich an die Spitze -und zeigte den Weg. Und es wurde Abend und Nacht. Und sie erwachte -in ihrem Stübchen, dachte, noch halb im Traume, angestrengt hin und -her, ermunterte sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen huschte sie zu -ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes Blatt hervor und huschte -in ihre Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis es tagte, und sie -hatte alle die Zeit offenen Auges hineingeblickt. Und doch war sie -frischer und gesunder denn je, als sie sich zum neuen Tagewerk erhob -und schnell ein Frühstück für Walter rüstete, der in die Fechtstunde -mußte. - -»Heraus, Langschläfer, das Leben läuft dir weg!« - -»Ach, Tante Werder -- es ist so mollig im Bett.« - -»Draußen steht ein bildhübsch Mädchen und schaut sich nach deinem -Fenster die Augen aus.« Sie horchte und lachte: »Wie er plötzlich -herauskann und sich sputet. Man muß nur an die Stelle der Gewohnheit -die Erwartung setzen.« - -»Guten Morgen, Walter. Jetzt ist das Mädel weg. Dafür hast du aber den -ganzen Gottesmorgen gewonnen.« - -»Ach -- Tante!« - -»Tröste dich, Walter, es gibt mehr hübsche Mädel als schöne Morgen.« - -»Danke, Tante. Aber ich sammle mir doch gern meine eigenen -Erfahrungen.« Und fort war er. - -»So hab' ich's gemeint,« lachte sie vor sich hin, streckte die gesunden -Glieder und ging an ihr Tagewerk. -- -- - - - - -Das kurze Sommersemester neigte sich dem Ende zu. Und während die -Früchte zu schwellen begannen, waren die Rosen aufgesprungen, -hüllten sich die Akazien in blütenweiße Brautgewänder, prangten die -Bauerngärten im schweren Duft der Sommerblumen, blühte unablässig -die Heide. Nie war es Klaus Kreuzer, wenn er durch die Landschaft -schritt, so aufgefallen wie in diesem Jahr, dies Früchtereifen inmitten -unaufhörlichen Blühens. - -›Jahr für Jahr gibt uns die Natur dies Zeichen,‹ dachte er und ließ den -Blick auf der wechselreichen Landschaft ruhen, ›und nur wir Menschen -haben verlernt, es zu sehen und zu begreifen.‹ - -Und er las sein letztes Kolleg vor den Ferien, und es klang wie ein -Hymnus auf den Menschheitsfrühling, und die Hörer gingen still hinaus -und sammelten sich erst draußen auf dem langen, grauen Korridor und -brachten ihrem Lehrer und Glücksweiser, als er durch ihre Reihen -schritt, in stürmischen Zurufen das Echo seiner Rede wieder. - -So kam er zu Marianne und fand sie mit den strengen Zügen der Frau, -der die Jugend verronnen war unter dem einen Wunsche, über sie -hinauszugelangen. - -»Lieber Freund, ich habe heute morgen auf der Ausfahrt die Frau des -Ministers getroffen. Ich will gestehen, es geschah nicht unabsichtlich, -und wir machten unsere Spazierfahrt miteinander. Es ist eine Frau, die -Ziele hat.« - -»Es wäre besser, der Mann hätte sie.« - -»Mann und Frau sind eins, sollen es überall sein und sind es auch hier. -Exzellenz sagten mir, daß der Minister einen starken und berechtigten -Mißmut über dein Zaudern nicht unterdrücken könne, da er sich von dir -als dem ersehnten Mitarbeiter, von deiner eindringlichen Kenntnis -der gesamten Materie und deiner überzeugenden Beredsamkeit eine -beschleunigte Annahme seiner Schul- und Universitätsvorlage verspräche. -Exzellenz waren überdies so liebenswürdig, mich für die Ferien auf ihr -ostpreußisches Gut einzuladen.« - -»Da gratuliere ich. Denn das war wohl längst dein Wunsch. Im übrigen -kann von Zaudern gar keine Rede sein.« - -»Es freut mich, daß die Vernunft einmal wieder in dir gesiegt hat.« - -»Ob es in deinen Augen vernünftig ist, weiß ich nicht, denn es ist -Gefühlssache, und dies Gebiet ist von dir immer etwas stiefmütterlich -behandelt worden. Mir aber sagt mein Gefühl, daß es viel wichtiger -ist, als immer neue Schulvorlagen zu entwerfen: Männer zu haben, -die den Geist ihrer Lehrermission richtig erfassen, die sich -nicht an das alleinseligmachende Schema und die Bewältigung des -Unterrichtsgegenstandes klammern, sondern die der Jugend geben, was der -Jugend ist, die Freude am Leben und damit die Freude an der Arbeit, -die ihnen die Schönheiten des Lebens erschließt. Diese Männer sind rar -geworden im lieben Vaterland, das heute unter alt und jung so viele -Streber züchtet, und diesen Rargewordenen möchte ich helfen, sich -wieder zu ergänzen und die Mehrheit zu gewinnen, damit es wieder eine -Lust ist, zu leben.« - -Marianne saß am Fenster und zog die Sticknadel durch ein Stück bunten -Seidenzeugs. Kaum, daß sie von der schillernden Arbeit aufschaute. - -»Du widersprichst dir selbst,« sagte sie kühl, »und ich nehme es nur -als eine schöne Rednergeste. Wer mit fünfundvierzig Jahren durch sein -Streben und nur durch sein Streben --« - -»O bitte, verkleinere deinen Wert nicht. Durch _dein_ Streben wohl -zumeist.« - -»-- wer durch sein Streben so schnell zu einer so hohen Stellung kam, -der hat wohl keinen Grund, den Frondeur zu spielen. Was im übrigen -meine Mitarbeit angeht,« und nun legte sie ihre Stickerei zur Seite, -»so darf ich wohl auf etwas mehr Dankbarkeit Anspruch erheben, -denn ich habe dir durch die Festigkeit meines Charakters dein Glück -geschaffen, das du in blauen Nebeln hättest verschwimmen lassen, wenn -ich nicht mein ganzes Leben dafür eingesetzt hätte.« - -Und er schüttelte den Kopf und sagte langsam: »Ich weiß heute oft -nicht, ob du ein Recht dazu hattest, mein Leben nach deinem zu modeln, -ob überhaupt ein Mensch ein solches Recht auf seinen Mitmenschen hat. -Wer kann voraussagen, wie sich der andere in freier Luft auswächst? Ich -wäre vielleicht ein Dichter geworden, und bin ein Professor geworden. -Mein Glück? Menschenglück sieht doch ein klein wenig anders aus, als -dir es vorschwebt.« - -»Ach --,« machte sie gedehnt und erhob sich, »dann bist du wohl auch -mit der Lebensführung deines Sohnes Walter einverstanden?« - -»Walters? -- Wie kommst du auf Walter?« - -»Also du weißt nichts, bekümmerst dich um nichts; und das stellt deiner -Pädagogik, die du soeben so schön vortrugst, das beste Zeugnis aus. -Nun, ich habe es anders gemacht und in beständigem Briefwechsel mit -meiner Freundin in Marburg, der Frau des derzeitigen Dekans, gestanden -und seit kurzem erbauliche Dinge gehört. In den Kollegs sieht man den -Jungen schon längst nicht mehr, aber seine erste Mensur geschlagen hat -er schon, bevor das erste Semester zu Ende war, und mit jungen Mädchen -unternimmt er weite Fahrten ins Lahntal und in die Wälder, macht -Schulden und läßt sich wohl gar von seiner geliebten Tante Traud in -seinem Lebenswandel bestärken.« - -»Das ist nicht wahr!« - -»Bitte, brause hier nicht auf. Wenn es anders wäre, hätte Traud Werder -uns Mitteilung über den Jungen gemacht. Nichts davon ist erfolgt. -Lobesbriefe sind gekommen. Das ist eine Moral, die ich nicht billige.« - -»Traud Werder würde uns nichts verschweigen. Sie weiß, daß ich an dem -Jungen hänge.« - -»Fahr hin. Es wird dir gut tun, wieder einmal festzustellen, daß der -Blick deiner Frau weiter reicht als deine schönen Phantasien. Da ich -in den nächsten Tagen reise, so würde ich es für angebracht halten, du -nähmst den Jungen mit dir in den Sommerurlaub und in strenge Zucht. Das -Leben ist kein Rosenpflücken.« - -Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud -- das kann nicht wahr sein ...‹ - - - - -Am anderen Morgen trat er die Fahrt nach Marburg an. »Ich werde dem -Minister mitteilen,« sagte Marianne beim Abschied, »daß du deinen -Entschluß von deiner Erholung abhängig machtest.« Und er nickte und war -mit seinen Gedanken bei dem Jungen. - -Am Abend traf er in Marburg ein. Der Bahnhof lag öde und still, und er -beeilte sich, ihn zu verlassen. Geradenwegs ging er zu Traud Werders -Haus. - -»Klaus,« rief sie und stand im weißen Rahmen der Stubentür, mädchenhaft -rot und erregt vor Freude und fand nichts als seinen Namen. - -»Guten Abend, Traud,« sagte Klaus Kreuzer, beugte sich über ihre Hand -und küßte sie. »Ist Walter zu Hause?« - -»Walter?« fragte sie verwundert. »Ist etwas passiert? Aber so komm doch -herein und trag mir die Ruhe nicht heraus.« - -Er trat ein, ließ sich Hut und Mantel aus den Händen nehmen und setzte -sich. - -»Traud, du fragst mich, ob etwas passiert sei, und ich komme hierher, -um es dich zu fragen.« - -»Der Walter ist gesund wie ein Fisch im Wasser und vergnügt wie ein -Vogel in der Luft. Das Beste, was man für ein junges Gemüt nur wünschen -kann.« - -»Traud,« sagte er nach einer Pause, »Traud, du versprachst mir, auf -den Jungen zu achten, so -- als ob du seine Mutter wärst. Meinetwegen -und seinetwegen. Sonst -- sonst wäre das, was uns zusammenführte, -unser Frühlingsglaube, doch nur ein -- ein mit hübschen Unwahrheiten -aufgeputzter Egoismus. Sag selber, Traud.« - -Die mädchenhafte Röte war längst aus ihrem Gesicht geschwunden. Sie sah -ihn an und fand sich nicht zurecht in ihm und in seinen Worten. - -Aber sie sah, daß er litt, und das genügte ihr, um über ihre -Enttäuschung hinwegzukommen. - -»Klaus,« und es war der alte, lustige Ton, mit dem sie zu ihm sprach, -»Klaus, meinst du, weil sich der Walter geschlagen hat? Ja, du hast -recht, es war eine törichte Geschichte, aber gerade deshalb war sie so -lieb. Bedenke doch selbst, ein Füchslein, das sich für seine Tanzdame -schlägt. Ein Erlanger Student war ihr unhöflich begegnet. Der Walter -gab ihm Lebensregeln, der Junge, und die Couleur stellte ihn auf seine -Bitten vorzeitig heraus, weil er sich in der Fechtstunde als firmer -Schläger erwiesen hatte. Da stach der Walter zur höheren Ehre seiner -Dame den Erlanger auf ein paar fürchterliche Gesichtsquarten ab.« - -»Würdest du,« sagte Klaus Kreuzer, »würdest du, ohne mir böse zu sein, -wohl etwas weniger studentisch sprechen?« - -Sie hob den Kopf. Ihr frohes Lachen war zerflattert. Ihre Augen -blickten mit einem Male ernst und fest. - -»Nein,« erwiderte sie ruhig. »Nein, das werde ich nicht, bevor du nicht -offen erklärt hast, was dich hergeführt hat.« - -»Es ist ein Brief eingetroffen, von der Frau des Dekans. Marianne -erhielt ihn, und mich hattest du nicht vorbereitet. In dem Briefe -stand, daß Walter im Kolleg nicht zu sehen sei. Ist das wahr?« - -»Angenommen, daß es wahr sei.« - -»Daß Walter statt dessen schon seine erste Mensur geschlagen hat, -weiß ich nun. Ich billige es gerade nicht, mache ihm aber auch keine -Vorwürfe. Aber daß er, der unreife Junge, mit Mädchen in Wäldern und -Feldern herumschwärmt --« - -»Das ist wahr.« - -»-- seinen Wechsel übersteigt und Schulden macht --« - -»Ich hab' sie ihm gestrichen.« - -»Also das ist auch wahr, und wahr, wahr, daß du ihn in seinem Tun -bestärkt hast.« - -Er erhob sich und ging mit hastigen Schritten zum Fenster. - -Sie stand mit blassen Lippen im Zimmer, wartete eine Weile und sagte -laut: »Dummer Klaus!« - -»O bitte, mache dich nur lustig.« - -»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken kehrst. Ich will deine -Augen sehen. So -- ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an, und -dann frage dich selber, ob ich -- ich imstande bin, dem Menschen, den -ich am liebsten habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob du mich so -einer Tempelschändung für fähig hältst.« - -»Traud, weshalb hast du es getan?« - -»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch, wie weit, weit du schon von -der Jugend fort warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend so schwer -zurückfinden können. Und willst doch ein Menschenbildner sein, der die -Form verstehen muß, wie den Inhalt. Soll ich dich fragen, wie es mit -_dir_ stand in deinen ersten Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne -hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen blinzelte? Ob du einem -Mädchenzopf aus dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund? -Und deine paar Dukaten dir immer hübsch eingeteilt hast nach Wochen -und Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der Stunde, die gerade so -köstlich war, als könnte keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein, -Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen Leichtlebigkeit -eine Verteidigungsrede zu halten, aber um die Jungen vor der -Selbstgerechtigkeit der Älteren zu schützen, die ihre einst so süßen, -törichten Streiche vergessen haben wollen oder sie nachträglich gern -als Taten mit einem wackern Untergrund und bewußten Idealen hinstellen.« - -»Traud, ich --?« - -»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt: eigentlich ist Walter an -der Reihe, aber da ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann -ich ebensogut für ihn reden. Und das sage ich dir, die ich den Jungen -so herzlich lieb gewann, und überdies, weil es der deine ist: Erst war -er ein Kind und spielte mit Puppen. Und dann kam die Schule, und er -spielte nicht mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das Lebensstudium, das -Berufsstudium und das Studium der Menschen, die ihm darin freundlich -und feindlich begegnen. Da laß dem jungen Herzen eine Zwischenspanne, -eine kurze, sonnige, in der er noch einmal und zum letztenmal träumen -darf, er spiele und dürfe kinderselig spielen, bevor es _wieder_ zur -Schule geht. Der Verlust eines Semesters kann nachgeholt und eingeholt -werden. Dieser Spielverlust aber nie, oder doch nur auf weniger -unschuldige Weise. Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal eins. -Daran ist noch kein Mensch gestorben, oder unsere besten Männer und -Frauen lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist mancher daran und -zum Leben erwacht und hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der -Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck die Bücher vor die Nase -genommen. Du ja auch. Und --« - -»Traud -- hör mich mal an!« - -»Und wenn der Sohn dann herangewachsen ist und lebt wie sein Vater in -Amt und Würden und sitzt mit diesem Vater abends hinterm Familientisch -oder in der Studierstube, dann langweilen sich diese Menschen nicht -gegenseitig und gähnen sich an und reden höchstens von ledernen -Berufsgeschichten und den ewigen Avancementsfragen, die bis zum Tode -kein Ende finden. Sondern sie reden von -- nun, von was wohl? Von -Sonnentagen und Burschenfahrten, von Becherklang und Liedersang und -von so vielen, vielen lieben Mädels und schönen Frauen, daß es so warm -zwischen ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie und nimmer aus -der Jugend heraus; daß sie spüren: es war doch der Mühe wert, trotz -Berufs- und Familiensorgen, und der Vater sagt: Junge, das laß ich -mich eine Flasche kosten. Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine -Jugend.« - -»Traud! Traud!« - -»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein Junge einmal wird, und -deshalb und deinetwegen habe ich ihn so -- so mütterlich behandelt. Nun -schimpfe. Ich habe ein köstlich reines Gewissen.« - -Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt und seinen Mund darauf -gedrückt ... - -Ganz laut schlugen ihre Herzen. - -Und dann sagte sie nach einer langen Weile: »Du hast sie mir schon -vorhin geküßt, Klaus, und ich muß wohl sehr schöne Hände haben, daß du -mich schon wieder damit stehen lassen willst und gar nichts anderes an -mir findest.« - -»Du!« stieß er hervor und lachte ihr in die Augen. Und dann schloß sie -die Augen und spürte seinen Mund ... - -»So -- nun ruf mir mal den Walter.« - -»Er ist fort.« - -»Fort? Wohin?« - -»Ins goldne Ferienland hinein. Studenten und Studentinnen miteinander.« - -»Und du hast es ihm erlaubt?« - -»Ja, Klaus, es ist wohltuend und erzieherisch zugleich. Heut abend -wollt' ich dir's schreiben.« - -Und Klaus Kreuzer tat einen tiefen Atemzug. »Der glückliche Junge.« Und -wandte sich Traud Werder zu. - -»Da habe ich nun meinen Wandereranzug im Koffer und den Rucksack -dazu und drei -- drei goldene Ferienmonate. Wie sagtest du doch, was -dem jungen Herzen not täte vor neuer Arbeit? Ein Traum von seliger -Jugendzeit. Traud -- und mir tut er not. Heute -- oft ...« - -»Du willst mich fragen, ob ich mit dir wandern will, Klaus?« - -»Ja, Traud.« - -»Um Walter einzuholen und seine Kameraden und Kameradinnen?« - -»Nur so nahe, um die Fühlung mit der Jugend nicht zu verlieren.« - -Sie legte ihm den Arm um den Hals und sah ihn an. »Ich bin ja schon -immer mit dir gewandert. Weshalb sollte ich jetzt zurückbleiben wollen, -wo du mich brauchst ...« - -Und sie wanderten in früher Morgensonne durch die goldenen Ährenfelder -des Lahntales, die der Ernte entgegendufteten, um neuem Blühen den -Platz zu bereiten, durch die Wälder mit ihren goldenen Lichtern, durch -die Sommerwelt, weiter und weiter. -- -- -- - -[Illustration] - - - - -Rudolf Herzog - - - Das goldene Zeitalter / Roman / 20.--29. Taus. - - Der Adjutant / Roman / 23.--32. Taus. - - Der Graf von Gleichen / Ein Gegenwartsroman / 102.--121. Taus. - - Die vom Niederrhein / Roman / 166.--185. Taus. - - Das Lebenslied / Roman / 201.--220. Taus. - - Die Wiskottens / Roman / 256.--275. Taus. - - Der alten Sehnsucht Lied / Novellen / 37.--46. Taus. - - Der Abenteurer / Roman. Mit Bildnis des Verfassers / 121.--140. - Taus. - - Hanseaten / Roman / 176.--195. Taus. - - Es gibt ein Glück ... / Novellen / 62.--71. Taus. - - Die Burgkinder / Roman / 206.--223. Taus. - - Die Welt in Gold / Novelle / 51.--60. Taus. - - Das große Heimweh / Roman / 181.--200. Taus. - - Die Stoltenkamps und ihre Frauen / Roman / 216.--245. Taus. - - Jungbrunnen / Novellen / 96.--105. Taus. - - Die Buben der Frau Opterberg / Roman / 151.--170. Taus. - - Kameraden / Roman / 1.--100. Taus. - - * * * * * - - Gedichte / 11.--25. Taus. - - Wir sterben nicht! / Lieder und Balladen / 21.--23. Taus. - - Stromübergang / Dramatisches Gedicht in einem Aufzug / 1.--10. - Taus. - - Windzeit und Wolfszeit / Gedichte / 1.--25. Taus. - - Die Condottieri / Schauspiel in vier Akten / 3. Taus. - - Auf Nissenskoog / Schauspiel in vier Akten / 2. Taus. - - Herrgottsmusikanten / Lustspiel in vier Akten / 2. u. 3. Taus. - - Rudolf Herzogs Leben und Dichten / Von Prof. ~Dr.~ Johann Georg - Sprengel / Mit acht Bildnissen / 1.--5. Taus. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der - Schmutztitel wurde entfernt. - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD *** - -***** This file should be named 62737-0.txt or 62737-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/2/7/3/62737/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">51.–60. Tausend</p> - -<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br /> -Copyright 1911 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">J. C. Heer</p> - -<p class="center">zu eigen -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-009.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<h2>1</h2> -</div> - -<div><img class="imgdrop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="imgdrop">Da lag die alte, liebe Stadt zu -Füßen. – Da krochen die alten, -lieben Gassen wie ehedem den -Berg hinan, wie heimliche Liebhaber -auf gewundenen Pfaden, -und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs -Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und -doch nur schöner geworden war.</p> - -<p>Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit -hinaus, so weit, wie man Gedanken senden -kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont -erklomm, die Äste ihres Waldgebietes ausspannte -und den ziellos schweifenden Gedanken -zurief: Bleibt hier – nutzet den Tag! …</p> - -<p>Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde -Gewässer der Lahn, und ein Frühlingswind,<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -der nicht mehr als ein Streicheln war, trug -spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit -sich und streute sie über den Fluß. Da war's, -als ob auch die alte Lahn im Brautgewande -schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam -hinaufblinzelte, der alten Stadt Marburg, aus -deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk -hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.</p> - -<p>Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, -die sich seit Jahrhunderten schon ihre -Liebe kund taten, waren nicht älter und waren -nur schöner geworden.</p> - -<p>»Wie ist das möglich …?« fragte sich der -Mann am Fenster, »wie ist das möglich? -Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt -und später geglaubt, alles das wäre nur mit -den leicht entzündbaren jugendlichen Sinnen -aufgenommen worden. Und nun ist das alles -so geblieben und blüht noch stärker und setzt -sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch – -über mich. Und lacht über meinen Professorentitel<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -und über meinen Lebensernst … Oder -ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier -– mit Farben schmücke – von denen meine -Seele – nichts mehr weiß?«</p> - -<p>Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als -wäre ein Gedanke in ihm aufgetaucht, den er -sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu -verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine -Versonnenheit, und die Versonnenheit wurde -zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte -und suchend durch die Gassen irrte und fand -und verharrte und weiterzog und wieder fand.</p> - -<p>»Der lange Ritter –! Der dicke Baum – -›Deutschlands Eiche‹ genannt –! Lindner, der -knabenhafte ›reine Tor‹ –! Sein Gegenspiel Werder, -der große ›Amoroso‹ –! Die ganze Schar –! -Und mitten darunter – war er das nicht, Klaus -Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt begrüßte – -der übermütige Junge da mit der Mütze im -Nacken, den Rock auseinandergeschlagen, auf -daß man das hehre Dreifarbenband gebührend -sehe und respektiere, dem herausfordernden<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -Blick, der immer zum Waffengang zu laden -schien?«</p> - -<p>Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig -und nahm Abschied.</p> - -<p>»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird -sie besser nützen.«</p> - -<p>Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. -Er bemerkte, daß er hemdärmelig war. Ja, -ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte -es über dem Finger auf und schob es um die -Brust. »Wenn mich jetzt Marianne sähe.«</p> - -<p>Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher. -Hastig zog er den Rock über, daß nur -ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb. -Und unschlüssig wog er die alte Studentenmütze -in der Hand.</p> - -<p>Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die -Mütze in den Nacken.</p> - -<p>»Komm nur herein, Walter. Von mir aus -kann's losgehen.«</p> - -<p>»Papa –! Nein, Papa, wie du aussiehst!«</p> - -<p>»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -nicht. Ich bring' dir ganz einfach ein Opfer. -Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig -bestehst. Na ja.«</p> - -<p>Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze -des Sohnes, streifte den schlanken Wuchs und -heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge.</p> - -<p>»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung. -Das ist kein Vorwurf. Im Gegenteil, -ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer -der wohlerzogene Junge bleibst, das Ziel des -Studiums im Auge.«</p> - -<p>»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die -Couleur darf mich nicht stören.«</p> - -<p>Der Vater sah ihn noch immer an. Er -horchte, als hörte er den Sohn weitersprechen. -Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme -der Mutter, Mariannens Stimme. »Die Couleur -darf den Jungen nicht stören. Er geht -zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren -Laufbahn einmal nützlich sein wird.« Weshalb -– weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent -geworden? Aus Nützlichkeitsgründen?<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -Ach nein, weil das alles einmal für -ihn untrennbar von Jugend – Jugend, Jugend -gewesen war.</p> - -<p>Gewesen war! …</p> - -<p>Das war heute anders geworden. Wirklich? -War es das wirklich? Oder nur bei Mariannens -Sohn und – bei Mariannens Gatten? -Und er spürte den erstaunten Blick des Sohnes, -daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben -habe. Da besann er sich.</p> - -<p>»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen -die Renommistenlieder melden, das Saufen und -Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren -nur noch im Kommersbuch. Das Leben ist -fortgeschritten und stellt immer höhere Anforderungen, -und ihr seid um so vieles weiter, als -wir es waren.«</p> - -<p>»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.«</p> - -<p>»Wie –?«</p> - -<p>»Du mußt mal ein mordsfideler Student -gewesen sein. Die steile Terz da und der wilde -Durchzieher querüber –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>»Fuchs, krasser, was faselst du –? Erstens -ist das keine steile Terz, sondern ein Spicker, -den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen -hat, und zweitens bitte ich, eine regelrechte -Quart von einem windhündigen Durchzieher -zu unterscheiden, und drittens – und viertens -– ist das überhaupt nicht der Zweck unserer -Unterredung. Was wollt' ich dir doch noch -sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen. -Was ist das für eine wundersame Frühlingsstimmung -… – Mütze auf. Wir wollen -gehen.«</p> - -<p>»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?«</p> - -<p>»Tante – Werder? Ach so. Aber natürlich.«</p> - -<p>»Und meine Studentenbude mußt du dir -auch noch ansehen. Hier, gleich neben deinem -Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«</p> - -<p>Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht -keine Notiz mehr zu nehmen. Er war -mit dem Sohne auf den schmalen Korridor -hinausgetreten und stand nun auf der Schwelle<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -des kleinen, schmucken Zimmers. Sein Blick -überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene -Bett, den weißen Tisch, die weißen -Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das -ist ja ein Boudoir, Walter.«</p> - -<p>»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder -scheint es sich leben zu lassen.«</p> - -<p>»Junge, meine Studentenbude sah ein klein -wenig anders aus. Direkt unter dem Dach, -bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus -roch nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel -man zwei dutzendmal in die Lederrollen, bis -man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht -hatte. Aber schön war's doch, wenn man -auch die lange Pfeife mitsamt den Kanonenstiefeln -zum Dachfenster hinausbaumeln lassen -mußte – um Raum zu sparen.«</p> - -<p>Der Junge lachte.</p> - -<p>»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren -können.«</p> - -<p>»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das -ging da eben sehr schlecht, und ich machte mich<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -denn auch eines Tages auf nach Berlin, um -– hm – wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit -zu gewinnen.«</p> - -<p>»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« -Und der Sohn suchte die Hand des Vaters und -sah bewundernd zu ihm auf.</p> - -<p>Einen hastigen Blick warf der Professor zum -Fenster hinaus. Da lag Marburg. Und er -wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.</p> - -<p>»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau -zu melden.«</p> - -<p>Der Junge zeigte den Weg. Ein paar -Stufen führte er hinab und klopfte an eine -weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles -hier ist,‹ dachte der Professor und betrat auf -ein helles »Herein« das Zimmer. Mit rascher -Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und -verbeugte sich tief und ritterlich vor der Frau, -die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor -ihm stand.</p> - -<p>»Meine gnädige Frau –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p> - -<p>»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich -begierig, wie's weiter geht.«</p> - -<p>Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung -auf. »Verzeihung, meine gnädige -Frau –«</p> - -<p>Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen. -Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schien -sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch -war es dem Manne, als säße eine durchaus -nicht zum Empfang gehörige Lustigkeit in ihren -Augenwinkeln.</p> - -<p>»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger -Zurückhaltung.</p> - -<p>Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür -denn nur? Ihr habt mich doch nicht vergessen -und mir den Jungen geschickt. Das ist doch -ein Beweis der Wertschätzung. Und ich war -nicht immer artig nach euren Begriffen. Aber -davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und -nun nahm sie die Hände aus den Schürzentäschchen -und schlug sie zusammen. »Wie famos -du aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -dich mit einem Schlage, oder du bist -überhaupt nicht älter geworden.«</p> - -<p>Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf -das Du war er nicht vorbereitet gewesen. Und -unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf -seinem Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau –« -begann er noch einmal.</p> - -<p>»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast -meinen Namen vergessen. Aber ich nehme dir -das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die -mich von Herzen freut, an ganz andere Namen -gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud, -weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und – -ja, jetzt muß <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Verzeihung bitten, -denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn -ich gegen die Formen verstoßen haben sollte, -Herr Professor – pardon, Herr Geheimrat – -Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und -hier in Marburg noch so ganz in der alten -Zeit steckengeblieben.«</p> - -<p>Da schob der Professor die Mütze in den -Nacken und ging, beide Hände ausgestreckt, auf<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud. -Ich freue mich, daß <em class="gesperrt">du</em> wenigstens in der alten -Zeit steckengeblieben bist.«</p> - -<p>Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten -Tag, Klaus. Also doch mal wieder heimgefunden -nach Marburg?«</p> - -<p>»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war -die Heimat meiner Jugend.«</p> - -<p>»Und bringst jetzt den Jungen daher? In -die alte Couleur?«</p> - -<p>»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger -Mädchengesicht, möcht' ich fast, ich könnt' -den Jungen nicht nur in meine alte Couleur, -ich könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.«</p> - -<p>»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz -deines hohen Fluges.«</p> - -<p>»Herrgott nochmal.«</p> - -<p>»So, und nun könntest du wohl meine Hände -loslassen. Nein, nein, verwandtschaftliche Beziehungen -reden in solchen Sachen durchaus nicht -mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p> - -<p>»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da. -Bist du mit ihm zufrieden?«</p> - -<p>»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation -und Kollegbelegen zu tun. Und seit drei Tagen -ist er erst da.«</p> - -<p>»Und ich bin erst seit einer halben Stunde -da, und schon bist du mit mir unzufrieden.«</p> - -<p>Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,« -sagte sie nur.</p> - -<p>Da lachte auch er.</p> - -<p>»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung, -und ihr Mädels habt ihn aufgeschnappt.«</p> - -<p>»Keinen friedlichen Studenten konntest du -vorüberlassen, ohne die Segel gegen ihn zu -hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen. -Das imponierte uns höheren Töchtern mächtig. -Bist du immer noch so wild?«</p> - -<p>Der Professor suchte den scherzenden Ton -beizubehalten.</p> - -<p>»Ordentlicher Professor an der Universität -Berlin und Geheimer Regierungsrat,« meldete -er dienstlich, »außerdem« – und es klang<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -eine Schärfe hinein – »zwanzig Jahre verheiratet -mit deiner Cousine Marianne.«</p> - -<p>Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der -sich in beschaulicher Ruhe zum Fenster hinausgelehnt -hatte, ging an dem Mann vorüber -und strich ihm im Vorbeigehen über die -Augen.</p> - -<p>»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in -Marburg. – Walter!«</p> - -<p>Der Junge fuhr dienstfertig herum. »Tante -Werder?«</p> - -<p>»Ich muß euch mal nebeneinander sehen. -So – – Aha, die Länge ist die gleiche. Und -das dunkle Haar –«</p> - -<p>»Ich habe schon weiße, Traud.«</p> - -<p>»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen. -Also das dunkle Haar hüben wie drüben. Das -Gesichtel in der jüngeren Auflage –«</p> - -<p>»O Gott, das Gesichtel!«</p> - -<p>»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem, -Klaus. Ja, Walter, vorläufig noch mehr Milch -als Blut, aber verlaß dich nur auf deine alte<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur -schon sorgen.«</p> - -<p>Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar.</p> - -<p>Der Junge errötete unter der frauenhaften -Liebkosung. »Erstensmal bist du nicht alt, sondern -noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich -gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen. -Ich werde schon meine Zeit anders verwenden, -und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe -heut, ins Kolleg.«</p> - -<p>Sie streichelte noch immer sein Haar.</p> - -<p>»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber – -Bravheit schützt vor Jugend nicht.«</p> - -<p>Da lachten sie alle drei mitsammen, und der -Junge haschte nach ihrer Hand und küßte sie -in wohlerzogenem Respekt.</p> - -<p>»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein -älterer Bruder. Forsch, was? Gib acht, daß -er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften -Marburgs vor die Klinge nimmt.«</p> - -<p>»Ach – Tante! Aber er sieht wirklich anders -aus als zu Hause.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> - -<p>»Das tut die gute Marburger Luft. Und -nun hab' ich euch mit meinem Schwatz lange -genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu -spät auf den Berg. Du bleibst doch noch einige -Tage, Klaus?«</p> - -<p>»Der Minister hat dringende Arbeiten für -mich, sonst hätte ich den Walter selbst hergebracht. -Nun langt's nur für den Tag der -Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen -nicht nehmen lassen wollte.«</p> - -<p>»Schade –. Aber – der Minister und -Marburger Frühling – das reimt sich schlecht -zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen -für heute.«</p> - -<p>»Auf morgen, Traud. Wir werden diese -Nacht sehr leise auftreten.«</p> - -<p>»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.«</p> - -<p>»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's -frisch sein.«</p> - -<p>In der Tür wandte sich der Professor um. -»Entschuldige, aber da vergaß ich ganz, dir die -schönsten Grüße von Marianne auszurichten<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -und ihren verbindlichen Dank für die gute Aufnahme -des Jungen. Wir rechnen dir das ganz -besonders hoch an, weil – nun, weil –«</p> - -<p>»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber -auf die Kneipe.« Und sie lachte ihn aus.</p> - -<p>Der Junge polterte schon auf der Stiege. -Da trat er noch einmal ins Zimmer und griff -nach ihren Händen.</p> - -<p>»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir -durch alle die schweren Lebenslagen hindurch -nur deine Lustigkeit bewahren können?«</p> - -<p>Sie sah ihm fest in die Augen. »Weil ich -keine Duckmäusernatur bin.«</p> - -<p>»Weil dich das Leben freut?«</p> - -<p>»Über alles.«</p> - -<p>»Gib mir einen Kuß, Traud. Ich kann ihn -brauchen.«</p> - -<p>»Mach, daß du hinauskommst.«</p> - -<p>Und er hörte ihr Lachen noch auf der Stiege -und trug es noch im Ohr, als er, Band um, -Mütze auf, neben seinem Füchslein den Schloßberg -hinanstieg, durch den kosenden, streichelnden<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -und schmeichelnden Frühlingsabend, hinan zu -dem hohen, freien Hang, auf dem das Haus -seiner alten Verbindung wie eine Warte der -Jugend stand. ›Wie lange,‹ dachte er, ›hab' ich -dies Kosen, dies Streicheln und Schmeicheln -nicht mehr gespürt.‹ Und er tat einen tiefen, -wohligen Atemzug. ›Aber heute – spür' ich's!‹ -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p> - -<h2>2</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">D</span>a trat er mit seinem -Sohn in den Kneipsaal ein, und er sah strahlenden Auges über die Masse -der Buntmützen hin, die die mächtige hufeisenförmige Tafel dicht -bekränzt hielten, und als er den Sohn an der Fuchsenecke untergebracht -wußte, schritt er hinüber zur Tischecke der alten Herren, spähte in den -bärtigen Gesichtern nach den Gefährten der Jugend, schüttelte kräftig -alle die Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und fiel aus voller -Kehle in den Kantus ein: -</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Gaudeamus igitur,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Juvenes dum sumus!</em>«<br /></span> -</div></div> - -<p>»<em class="antiqua">Cantus ex est. Schmollis cantoribus!</em>«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Fiducit!</em>«</p> - -<p>»Kreuzer, alter Pirat, tauchen endlich deine<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -Segel wieder auf der Lahn auf? Gegrüßet -seist du …«</p> - -<p>»Prost, langer Ritter. Ich suche dein Bäffchen -und deinen Talar.«</p> - -<p>»Hab' beides meiner Hausehre zum Aufbügeln -dagelassen. Dieweil, juchhei – dieweil -– juchhei – der Herr Pastor zu Nutz -und Frumm der Dorfgemeinde eine kleine Aufbügelung -in Marburg vor sich gehen läßt.«</p> - -<p>»Ich komme dir einen Halben, Pirat. Nichts -zu flicken für einen hilfsbedürftigen Landarzt?«</p> - -<p>Kreuzer blickte in das starke, gerötete Gesicht. -»Der Stimme nach – der Melodik der -Stimme nach – ist mir, als hörte ich Deutschlands -Eiche im Wipfelrauschen. Baum?«</p> - -<p>»Zu dienen, Herr Geheimrat. Ich bin der -Baum. Aber gestatte, daß ich die Umarmung -mit dir bildlich vollziehe. Ich stehe nicht gern -auf, wenn ich sitze.«</p> - -<p>»Hast du endlich das Zipperlein?«</p> - -<p>»Bitte – bitte – diese herrlichen Gliedmaßen -gehören dem Wohl des Volkes. Deshalb<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -schone ich sie. Und wenn du die Farbe -meines Antlitzes zu einem ärgerlichen Vergleich -mißbrauchen möchtest, so sage ich dir: Wind -und Wetter haben sie mir angeschmeichelt, und -sie ist ehrenvoll auf der Landstraße verdient.«</p> - -<p>Und eine zarte Stimme sprach: »Er opfert -sich auf, unser lieber Baum. Da ist ein Mann -in seinem Klientel, den er von der Schädlichlichkeit -geistiger Getränke überzeugen muß, und -es ist der Dorfwirt und nicht unter die Erde -zu bringen. Ganz erschöpft von den endlosen -Debatten sehe ich oft zur Nachtzeit unseren -braven Baum in den Wagen steigen.«</p> - -<p>»Du aber, mein braver Lindner, steigst jetzt -in die Kanne. So ist's recht, mein guter Junge. -Ich will dich lehren, neidverzerrt im Pastorat -auf der Lauer zu liegen, während ich mich bemühe, -dir die faulen Begräbnissporteln abzuknöpfen. -Ah, du meldest dich reumütig mit -der neuen Blume? Prosit, da trinke ich -mit.«</p> - -<p>»Lindner, der reine Tor? Und Pfarrherr<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -wie der lange Ritter? Fühlst du dich wohl auf -dem Land?«</p> - -<p>Der Pfarrherr mit dem bärtigen Knabengesicht -reichte dem Professor die Hand.</p> - -<p>»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der -Mensch anders als wohl fühlen, wenn er die -Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und -der lange Ritter – und der dicke Baum – -sind das nicht auch ein paar Stücklein Natur? -Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir -einen Kreis bilden, haben wir die Jugend mitten -darin eingefangen. Nämlich« – und er flüsterte -geheimnisvoll – »die Jugend ist nämlich das -beste Stück Natur.«</p> - -<p>Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische -herum. Das braune Bier schäumte über den -Rand.</p> - -<p>»Silentium!«</p> - -<p>Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet. -Die Narben auf seiner Wetterseite leuchteten. -Mit heller, klingender Stimme sprach er in -das Schweigen hinein. Er begrüßte die alten<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -Herren, er begrüßte Aktive, Inaktive und Verkehrsgäste, -er begrüßte die neu angemeldeten -Füchse. Es war eine Rede, wie sie seit Jahren -zum Semesteranfang gehalten wurde, und doch -wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder -aus einem frischen Munde kam und neue Begeisterung -den Atem befeuerte. »Wir singen -das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die -Musik spielt den ersten Vers vor. Silentium … -das Lied steigt.«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!<br /></span> -<span class="i0">Die Philister sind uns gewogen meist,<br /></span> -<span class="i0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.<br /></span> -<span class="i0">Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur -Saaldecke, und die Bässe der alten Herren malten -so kräftig den Untergrund, daß die starr ins -Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten, -sich aus ihrer Unsicherheit heraustasteten, die -tragende Woge des Gesanges erreichten und -plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen. -Der dicke Baum lag, die Hände<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt -im Sessel und sang auswendig. Der lange -Ritter hielt das Liederbuch mit der Linken und -schlug mit der Rechten den Takt auf seines -Konfraters Lindner Knien. Der lächelte beim -Singen selig, als sähe er den Himmel offen. -Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die -Augen der alten Freunde und des jungen Nachwuchses, -fand nur leuchtendes Licht in den -Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm -selber heiß in die Blicke stieg, sah Buntmützen und -Dreifarbenbänder, die Vergangenheit Wiederkehr -halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete, -griff mit der Hand in die Luft, -als müßte er sie halten, fest, fest …</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch!<br /></span> -<span class="i0">Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,<br /></span> -<span class="i0">Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert,<br /></span> -<span class="i0">Frei ist der Bursch!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft! -Freies Wort! Kühne Tat! Stoßt an – -Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch.</p> - -<p>Und drunten Marburg zu Füßen, und droben<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -das Schloß, und ringsherum die ganze weite -Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern, -die dennoch nur den glücklich machen, -der sich nimmer des Zählens begibt.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag,<br /></span> -<span class="i0">Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach:<br /></span> -<span class="i0">Frei ist der Bursch!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Treu? War er dem Burschenschwur treu -geblieben? Ah, welche knabenhaften Gedanken.</p> - -<p>Was weiß der junge Mensch, der hier trinkt -und singt, vom Leben? Seine Hoffnungen schickt -er auf Rosenwolken hinaus und nennt sie die -›unumgänglichen Forderungen‹. Und der erste, -der sie im Leben umgeht, ist er selber, und der -Pfründe wegen, der Ehe wegen, all der gebieterischen -Dinge wegen, die nicht in Marburgs -Mauern liegen, lernt er um in der -Algebra des Lebens. Treu!</p> - -<p>Und – dennoch!</p> - -<p>Stunden haben, die wie das Vergessen sind – -bis auf die Stunde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> - -<p>Nichts wissen, als daß man noch da ist in -schwärmender Tafelrunde.</p> - -<p>Daß man die schwere Süße um sich spürt -der Erwartungen.</p> - -<p>Der Erwartungen, die wie nie auszuzählende -Frühlingswunder sind und doch nur -den glücklich machen, der sich nimmer des -Zählens begibt.</p> - -<p>Das kam über Klaus Kreuzer, daß seine -Stirn sich zusammenzog und aus seiner Brust -ein langer, stoßender Atemzug ging. Das kam -über ihn, daß seine Lippen sich zu einem harten -Strich zusammenpreßten.</p> - -<p>»Pirat! Wen willst du vor die Klinge? Laß -sie pfeifen auf Hieb und Stich und gottselige -Abfuhr! Ach, und stoß an, Bruderherz, da -wir doch so jung zusammen sind.«</p> - -<p>»Dein Wohlsein, Baum. Was? Rest? Wie -kann man so trinken!«</p> - -<p>»Ist das eine Konsultation?«</p> - -<p>»Ich wünsche dich nicht bloßzustellen.«</p> - -<p>»Also du fassest das Glas hier unten – hebst<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -es hinten hoch – siehst du – vorn läuft es -von selber.«</p> - -<p>Der vergnügte Landarzt hatte sein Glas geleert. -»Ja – was ich noch sagen wollte – -und für ärztliche Bemühungen bekäme ich einen -Taler.«</p> - -<p>»Halsabschneider!«</p> - -<p>»Drückeberger. Kenn' ich. Nur heraus mit -dem dicken Silberling. Das wäre also der -Bowlenfonds.«</p> - -<p>Der junge Walter Kreuzer stand, die Mütze -in der Linken, am Tische der alten Herren. -Der schwere Landarzt blieb behaglich im Sessel -liegen und wandte kaum den Kopf. »Was -wünschest du, mein Sohn?«</p> - -<p>»Gestatte, alter Herr, daß ich mich vorstelle.«</p> - -<p>»Wie heißest du?«</p> - -<p>»Walter Kreuzer, Sohn des alten Herrn -Klaus Kreuzer.«</p> - -<p>Der Doktor streckte ihm die Hand entgegen. -»Was? Zwei Kreuzerlein? Willkommen in -der Couleur. Auf daß du lange lebest, eine<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -Zierde unserer Farben wie dein Vater. Prosit, -Fuchs. Und bleib alleweil mein Freund.«</p> - -<p>Und er summte, während er das Glas gegen -das Licht hob: »Was nützen mich die Kreuzerlein -– wenn ich gestorben bin.«</p> - -<p>Der Fuchs hatte sich den alten Herren Pastor -Ritter und Pastor Lindner vorgestellt. Das -Tonnenmützchen saß dem fröhlichen Ritter weit -im Nacken. Den Arm schlang er um die Taille -des jungen Mannes.</p> - -<p>»Nun – nun? Wie heißt die Parole, Fuchs? -Philologie? Nimm Öl aus dem Krüglein -deines Vaters. Medizin? Der große Medizinmann -Baum fährt dich auf die Praxis, daß -du deine Knöchlein besser spürst als die der -Patienten. Theologie? Komm zu mir und -halte bei mir die Probepredigt, auf daß ein -jähes Erwachen in die alten Weiber fahre. Nur -nicht Juristerei.«</p> - -<p>»Weshalb nicht Jus, alter Herr?«</p> - -<p>»Dieweil die Advokaten siebenspännig in die -Hölle fahren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span></p> - -<p>Und begütigend sprach die zarte Stimme -Pastor Lindners: »Es ist seine liebenswürdige -Marotte. Er hätte selber gern Jus studiert, -und nun tröstet er sich mit einem Kraftsprüchlein.«</p> - -<p>»In die Kanne, lieber Lindner. So – geschenkt. -Nun wird dein Zeigefinger wohl nicht -mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen. -Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele -von einem Menschen.«</p> - -<p>Und wieder rauschten Geigen, Bässe und -Flöten von der Musikantentribüne durch den -Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in -die hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem -Frühlingsmorgen entgegen, der in der Zukunft -lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht -hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend -trug.</p> - -<p>Das Präsidium war an die alten Herren -übergegangen. Der lange Ritter hielt es in -starken Händen. Scheffel regierte die Stunde, -und der Rodensteiner brauste durch den Odenwald: -»Raus da, raus aus dem Haus da,<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum -stand würdevoll vor dem Präsidentensessel, und -er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den -ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg, -am Rheine, am Rheine! Und nun hatte -der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner -die Kommandogewalt.</p> - -<p>»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme, -»als ein Vorläufer. Wir haben ihn unter uns, -den wir schon liebten, als wir jung waren wie -ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen -von der Fuchsentafel und über die Mensurböden -und durch die Burschenzeit ins Leben -hinein. Er war die Sonne unserer Jugend -und der beste Student, den Marburgs Mauern, -Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je -gesehen. Wer kann die Sonne fangen? Es -fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und -seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt, -gab sie der Menschheit. So wurde er der Stolz -unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde -uns die lebendige Versicherung, daß auch wir<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -recht getan hatten, das Gottesgeschenk der Jugend -zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf hoher -Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch -geliebt von seinen Jüngern. Silentium! Wir -reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn -Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus -Kreuzer.«</p> - -<p>Der Donner der Gläser auf den Tischplatten -war verklungen. Still saß der Professor auf -seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute -er über die Buntmützen hin, als sähe er Menschen -und Dinge in den Saal strömen, die nicht -mehr waren. Sprach der bärtige Mann am -Präsidententisch wirklich von ihm? Hatte es -das gegeben? Soviel Sonne –? Soviel Sonne? -Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen -Knabengesicht nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem -Gewordenen, der Gegenwart sprach? Nein, -nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen. -Und nun donnerte die Huldigung in -sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus -der Weite zurück und sah wieder feste Linien,<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -sah junge Gestalten, sah junge, lachende, fragende, -schwärmerische Augen auf sich gerichtet. – Da -riß es ihn auf.</p> - -<p>Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe -das Präsidium –«</p> - -<p>Da stand er am Platz des Präsidenten, an -dem er – fünfundzwanzig Jahre waren es -bald – so oft gestanden hatte.</p> - -<p>»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung -dargebracht, und das ist ein Geschenk. Da bedarf -es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? -Nun, dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß -ich jung bleiben will, wie ich es einmal war, -wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! -Und wenn die Welt voll Teufel wär'! Nur -diese eine Tugend gibt's. So wünsche ich uns -alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und -nicht anders. Ach, was wißt ihr, wie ihr den -Burschensang und -klang braucht im Leben! -Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab -ihn uns, damit wir im Jagen und Drängen -zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich –<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -irgendwoher – im Ohre ertönt. Daß wir -vergleichen, prüfen, wägen und – zu leicht befinden. -Daß wir beschämt innehalten. Wenn's -not tut: das Steuer herumwerfen. An Bord -nehmen, was hinter uns her schwimmt mit -verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, -ohne den wir verloren sind gegen den schlimmsten -Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die Blasiertheit. -Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. -Ein blasierter Mensch ist ein Bankerotteur, der -sich seiner Daseinsberechtigung begab, als er -die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. -Laßt es euch gesagt sein, ihr Burschen -und Füchse: Die Schönheiten der Welt sind keine -Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf -einer Wolke auf der Lauer und späht durchs -Fernglas, zu sehen, wer von den armen Menschlein -ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, -die uns die kurze Erdenspanne mit seinen -Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie auf, -und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, -und ihr behaltet eure hellen Augen und euer<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der -Jugend auf seinen Lippen spürt, ist noch im -Sterben glücklich zu schätzen. Das ist der -Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, -Leute!«</p> - -<p>›Professor Kreuzer – Geheimer Regierungsrat -– Mariannens Gatte –‹ schoß es ihm -durch den Kopf.</p> - -<p>Er lachte.</p> - -<p>Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, -die erschlossene Seligkeit junger Gemüter.</p> - -<p>Er lachte.</p> - -<p>Das aber war ein anderes Lachen.</p> - -<p>»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! -Musikanten, den ersten Vers! Silentium – -das Lied steigt.«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus,<br /></span> -<span class="i0">War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus.<br /></span> -<span class="i0">Und er wanderte weit<br /></span> -<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span> -<span class="i0">Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein.<br /></span> -<span class="i0">Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein.<br /></span> -<span class="i0">Schaut' über die Heid'<br /></span> -<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span> -<span class="i0">Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind.<br /></span> -<span class="i0">Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind?<br /></span> -<span class="i0">Da lachten sie beid'<br /></span> -<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span> -<span class="i0">Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug.<br /></span> -<span class="i0">Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug.<br /></span> -<span class="i0">Und da küßten sich beid'<br /></span> -<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span> -<span class="i0">Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« –<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p> - -<h2>3</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">W</span>aren Stunden vergangen, -seitdem das Lied verklungen war? -</p> - -<p>So waren sie wie Minuten gewesen, von -denen der Sekundenschlag mehr zählte als eine -Stunde.</p> - -<p>Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere -Leinengardine zurück. Ein dunkelblaues Dämmern -füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen -des Morgenwunders. Und eine Nachtigall -schlug vom blühenden Hang hinauf. Das hatte -er seit Jahren nicht mehr erlebt.</p> - -<p>Er stand und horchte. Und vernahm, wie -die Jugendfreunde hinter ihn traten. Da griff -er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach -ihren Händen. »Kinder – das ist zum Glücklichwerden!«</p> - -<p>»Alter Pirat – du hast dein Teil geborgen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> - -<p>»Ja, ja … Und ihr?«</p> - -<p>»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen -können, haben wir also – das große Los -gezogen.«</p> - -<p>»Sprecht ernsthaft.«</p> - -<p>»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, -eine fröhliche Landpraxis – beim heiligen Veit -von Staffelstein, wir sind doch keine Duckmäusernaturen?!«</p> - -<p>Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? -Heute? Gestern? Ganz gleich. Es war ein -Wort im Alltagsgewand und voll innerer Köstlichkeiten. -Und – Traud hatte es gesagt. -Natürlich …</p> - -<p>»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? -Wollen wir Überlebenden – ja, was wollen -wir Überlebenden?«</p> - -<p>Seine Augen suchten das blaue Gewoge des -dämmernden Tages zu durchdringen.</p> - -<p>»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«</p> - -<p>»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir -werfen uns wie Antäos an der Mutter Brust,<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein -Schicksal trifft.«</p> - -<p>»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster -– als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!!«</p> - -<p>»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit -uns sprechen.«</p> - -<p>Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm -beieinander und blickten in die blauen, flatternden -Schleier. Immer inbrünstiger wurde das -Lied der Nachtigall. Und nun kam eine Woge -frischen Blütenduftes.</p> - -<p>Die Sonne …</p> - -<p>Von den Hängen flatterten die Schleier los, -über die Lahnwiesen strichen sie hin in eiliger -Flucht, die Bergkette schüttelte sie von den Häuptern, -daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder -taten sich auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, -in stiller, drängender Liebe, in lebenzeugender -Sonne.</p> - -<p>Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und -war nur schöner geworden. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></p> - -<p>»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.</p> - -<p>Die anderen nickten.</p> - -<p>»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer -fort, »ich bin ein Gleichnis und will in euer -Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, -was euch not tut. Euer Leben mag -älter, aber es darf nur schöner werden. Nein -– mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr -es nicht wollt. Seht her und macht sie nach: -die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut -zum Glücke …«</p> - -<p>Er brach ab und starrte hinaus. Was würden -die guten Kerle davon wissen … Kaum ihre -Atemzüge hörte er.</p> - -<p>Und in die tiefe Stille klang die Stimme des -Landarztes, und über seinem Gesichte lag ein -merkwürdiger Hauch, der es verschönte und vergeistigte. -Und in die tiefe Stille hinein sagte -er nur: »Es braucht kein Geist aus dem Grabe -und kein Professor aus Berlin zu kommen, -um uns das zu verkünden.«</p> - -<p>Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -Blicke tranken den Morgen: »Siehst du, deshalb -sind wir hier.«</p> - -<p>Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an -sein Herz.</p> - -<p>So viel war er geworden und so wenig die -anderen, und doch wußte er nichts zu erwidern.</p> - -<p>»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme -Lindners, »komme öfter herüber von Berlin. -Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft -dir nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und -du bist doch erst fünfundvierzig.«</p> - -<p>Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, -daß der Hochmut die Segel strich, daß -nichts mehr in seinem Blute war als eine -grimmige Sehnsucht.</p> - -<p>»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort -darauf. Das mit dem Lorbeer und den Rosen, -Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner -Tor konnte das Wort prägen, dem keine Wissenschaft -beikommt. Her mit den Gläsern. Angestoßen. -Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p> - -<p>»Nach Hause jetzt.«</p> - -<p>»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«</p> - -<p>»Burschen heraus!«</p> - -<p>Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden -Morgen hinein, gingen sie die krummen -Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus, -vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' -und Antwort, riefen sie sich Mädchennamen -zu und die Namen der Gegner, die sie auf der -Mensur bestanden hatten, die Namen der Philister, -die sie gemartert, und die Namen der -herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder -gemartert hatten.</p> - -<p>»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du -barhaupt und hemdärmelig die Straße hinunter, -ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus -dem Fenster hinter dir her, bis alle Philister -aufgeregt in den Fenstern lagen und mitschrien, -und die Stadtschergen erschienen und wie besessen -die Verfolgung aufnahmen. Das ging -wie die wilde Jagd den Schloßberg hinunter<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -und um die Elisabethenkirche herum und zurück -zur Universität, und die ganze Studentenschaft -war auf den Beinen. Und plötzlich bogst du -um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, -der die Hand nach dir streckte, und sagtest: -›Pardon, mein Herr, wissen Sie hier in der -Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe -hier einen Rock zu flicken!‹</p> - -<p>»Wie Lots Weib stand der Mann, und es -folgte eine Tobsucht. ›Mensch, weshalb laufen -Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie – -Mensch!‹ Und verwundert erwidertest du: ›Mein -Herr, weil ich es nicht für anständig halte, in -Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹ -Verneigtest dich und warst im Schwarm der -Buntmützen verschwunden.«</p> - -<p>»O Academia!«</p> - -<p>»Kinder, Kinder!«</p> - -<p>Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden -und trugen die edle Patina der Verklärung, -und die Geschichten folgten sich.</p> - -<p>»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer.<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -»Ich habe euch versehentlich durch die halbe -Stadt begleitet und muß nun wieder den Berg -hinauf. Schlaft wohl!«</p> - -<p>»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns -im Hotel?«</p> - -<p>»Ich wohne bei Frau Werder.«</p> - -<p>»Frau – Werder? Haben wir nicht einen -Werder in der Couleur? Natürlich! Werder, -der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige -Kerl?«</p> - -<p>»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine -meiner Frau. Deshalb wohne ich dort. -Und mein Junge hat Marburger Quartier -dort bezogen.«</p> - -<p>»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«</p> - -<p>»Auf Wiedersehen, ihr.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p> -<h2>4</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">P</span>rachtvoll war die -Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er den Berg -hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um die Brust. -Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen. Weit, ganz -weit dehnte er die Arme … -</p> - -<p>Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. -Vor der weißlackierten Tür blieb er stehen. -War das nicht ein Kichern? Er klopfte.</p> - -<p>»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.</p> - -<p>»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, -Traud.« Und elastisch ging er die Treppe -weiter hinauf.</p> - -<p>Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die -Hausfrau stand im hellen Morgenkleid und -lachte hinter ihm drein.</p> - -<p>»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -– das Stelldichein mit dem Klaus von ehedem?«</p> - -<p>»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«</p> - -<p>»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.</p> - -<p>Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, -und als er um die elfte Morgenstunde -erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.</p> - -<p>»Was, du bist vor mir auf?«</p> - -<p>»Frühschoppen, Papa.«</p> - -<p>»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«</p> - -<p>»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl -nicht ankommen.«</p> - -<p>Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. -»Nein, nein, auf den einen Tag wird's wohl -nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter -in Anfechtungen fällst, werde ich – ja, ja, das -werde ich – an Mama depeschieren, daß ich -erst morgen komme.«</p> - -<p>»Papa! Famos, Papa!«</p> - -<p>»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur -Toilette. Wir gehen dann zusammen.«</p> - -<p>»Du – Papa …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<p>»Was denn, mein Junge?«</p> - -<p>»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. -Und ich habe es auch Tante Werder schon -gesagt.« Und nun war der Junge draußen. -Und der Vater sann hinter ihm her. – –</p> - -<p>Eine halbe Stunde später betrat er frisch und -hoch gestreckt das Frühstückszimmer.</p> - -<p>»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich -nicht ein Frühaufsteher?«</p> - -<p>Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete -ihn.</p> - -<p>»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon -um sechs Uhr früh auf den Beinen warst, bist -du noch immer recht rüstig.«</p> - -<p>»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine -Tasse Kaffee bitten? Wo steckt der Walter?«</p> - -<p>»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er -mir mit strahlenden Augen von <em class="gesperrt">ihm</em>, dem -herrlichsten von allen – das solltest du nämlich -sein, Klaus – erzählt hatte, bekam er plötzlich -das zweite Gesicht und mußte eiligst noch -ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -väterlichen Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm -das Frühstück ein.</p> - -<p>»Leichtsinnig? Ich –? Ach, Traud, ich -wollte, ich könnte es noch einmal von Herzen -sein.«</p> - -<p>»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter -versteht. Von Zeit zu Zeit mal über die Stränge -schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner -gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger -Leichtsinn für kleine Leute und würde gar nicht -zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«</p> - -<p>»Kennst du <em class="gesperrt">zwei</em> Arten von Leichtsinn? Eine -passende und eine unpassende?«</p> - -<p>»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn -du schon bei dem Wort bleiben willst, so kenne -ich zwei Arten.«</p> - -<p>Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. -»Nenn sie, Traud.«</p> - -<p>»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja -eine Lüge, wenn ich anders sprechen wollte. -Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich -aufmacht und durch die Niederungen schleicht,<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -einerlei, ob es durch Sumpf- und Brackwasser -geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird, -und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle -Miseren in lichte, frohe Höhen zu schwingen -versteht, bis die Augen der Nachstaunenden -ihn nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber -die Sonne verspürt und er Gott anders begreift -und seine Welt und erkennen lernt, daß es über -jede Misere hinaus einen lachenden, blauen -Himmel gibt für den, der zu fliegen versteht.«</p> - -<p>»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer -Weile, »ich höre dir zu.«</p> - -<p>»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, -und du brauchst meine Weisheit nicht.«</p> - -<p>Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer -Weile: »Ich habe es einmal gekonnt – oder -wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage -nur noch zur Schau mit den Flügeln.«</p> - -<p>»Weshalb?«</p> - -<p>»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, -die sich lieber einen Pfauhahn halten, der der -allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span> -werden kann, als einen Adler, der sich den -Blicken der Leute entzieht.«</p> - -<p>»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen -ganzen Geheimratsfrack voll Orden.«</p> - -<p>Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah -er scharf auf.</p> - -<p>»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« -Und er erhob sich mit verschlossenem, -hochmütigem Gesicht.</p> - -<p>Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn -lächelnd an. Bis es ihn unruhig machte.</p> - -<p>»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«</p> - -<p>»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner -Orden sehe … Adieu, Klaus, und recht viel -Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom -Tisch, winkte ihm zu und ging aus dem -Zimmer.</p> - -<p>Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann -sich, daß er Gastfreundschaft in diesem Hause -genoß, und meisterte seine Erregung. Auf dem -Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach -ihr und zog sie in den Nacken. Da kam Walter<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -die Treppe hinauf. Straff ging er ihm entgegen. -»Junge, der Frühschoppen wartet, und -wir wollen uns – über die Erdenschwere in -die Lüfte schwingen.«</p> - -<p>»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«</p> - -<p>»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen -dessen machen wir jetzt den Umweg übers -Telegraphenamt.« – – –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> -<h2>5</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">E</span>s war Nachmittag, und -Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem Klavier und spielte sich -zur Freude ein still dahinschwebendes Lied. Ihre Augen blickten über -die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte sie sich keinen -schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf ihren schlanken -Schultern. Da pochte es an die Tür. -</p> - -<p>»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.«</p> - -<p>Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt, -wandte sie sich um.</p> - -<p>»Ach, Klaus – Du? Schon Schluß gemacht -mit der Freude?«</p> - -<p>»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und -dazu bin ich hier.«</p> - -<p>Sie sah ihn forschender an und erhob sich -langsam. Und sah die aufsteigende Spannung -in seinen Zügen und lachte ihn aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p> - -<p>»O nein – jetzt hast <em class="gesperrt">du</em> falsch geraten. Ich -habe durchaus keine Angst vor dir und unserem -Alleinsein. Also?«</p> - -<p>Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern. -»Sei nicht immer so schrecklich selbstsicher, das -sieht fast wie Koketterie aus.«</p> - -<p>»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur, -was mich freut. Mach's nach, Klaus.«</p> - -<p>»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm -ganz schwer, »wenn ich dich jetzt beim Wort -nähme. Ich habe Hunger.«</p> - -<p>Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen -und war bis vor ihn hingetreten. »Es -ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein -Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei -Leichtsinn, weißt du? Und nun sag dein -Sprüchlein.«</p> - -<p>»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus -zur Schwedenschanze. Die anderen sind schon -vorauf, und es sind Damen dabei.«</p> - -<p>»Nun – und?«</p> - -<p>»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -gemacht. Du sitzest hier in deinen vier Wänden. -Das behagte mir nicht.«</p> - -<p>»Klaus – da sind doch Professorengattinnen -und hochwohlerzogene Töchter?«</p> - -<p>»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.«</p> - -<p>»Wirklich –?« sagte sie leise. »Wirklich – –?« -Und ihre Brust hob sich. »Gib mir mal deine -Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch -deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest -du eine Freude machen, und ich« – sie strich -ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die -Augen – »schau mich nicht so dumm an, ich -hole mir meinen Hut.«</p> - -<p>Sie war hinaus, und er stand, hob seine -Hand und ließ sie denselben Weg über die Augen -gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und -blickte sich um und horchte zugleich nach innen -und nach außen. Ein leises Singen war's. -Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch -durchs Zimmer flatterte? Oder doch – sein -Blut? Und es konnte noch strömen und der<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut? -Und er horchte nach innen und nach außen -und fand keine Begründung und nur – dies -Gefühl. Da wußte er, daß es für dies Gefühl -keine Begründung gab vor lauter warmer -Menschenfreude. –</p> - -<p>»Deinen Arm, Traud.«</p> - -<p>Sie legte ihn hinein und ging schlank und -schmiegsam an seiner Seite. Die Bürgersleute -grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie -grüßten beide wieder und verfolgten schweigend -ihren Weg, der sie aus der Enge der Gassen -hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen -Höhen zu, die im Gold des Ginsters -standen.</p> - -<p>»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?«</p> - -<p>»Wir haben ja nichts anderes getan, als -miteinander gesprochen.«</p> - -<p>»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton, -»schweige weiter.«</p> - -<p>Er faßte die Hand, die in seinem Arme -lag, führte sie an die Lippen und legte sie<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -wieder in seinen Arm zurück. »Nein – jetzt, -wo die Stimmen einmal laut geworden sind, -können wir auch bei dieser Sprache bleiben. -Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts -mehr verheimlichen.«</p> - -<p>»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das -war ja schon immer der Kummer der Familie.«</p> - -<p>»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt, -Traud?«</p> - -<p>»Ja, Klaus, das habe ich.«</p> - -<p>»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die -er dich hineingebracht hat?«</p> - -<p>»Das hat doch mit der Liebe nichts zu -tun.«</p> - -<p>»Ich meine – es bedarf doch immer eines -hohen Maßes von Achtung, um jemanden -durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten. -Ich meine so, daß man die Augen -schließen kann und nichts verspürt – als Wohlsein –«</p> - -<p>»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten. -Das steht ja nur in deinen dicken Büchern,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten -sie darum doch nichts vom Selbstverständlichen.«</p> - -<p>»Was nennst du das Selbstverständliche, -Traud?«</p> - -<p>»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen -zu fragen, auf die es keine Antwort gibt. <em class="gesperrt">Das</em> -nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung? -Was heißt Achtung? Heiratest du nur -die Tugenden oder auch die Fehler? Aussondern -ist nicht, und Achtung habe ich nur vor -der grenzenlosen Liebe, die sich immer wieder -erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm. -Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn -der Mensch ein armer Schlucker ist oder ein -Himmelsstürmer.«</p> - -<p>»Du – Traud – und so hast du immer – -gelebt?«</p> - -<p>Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb' -ich? Nun, wenn ich also nicht dabei gestorben -bin, so weißt du die Antwort.«</p> - -<p>»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -hätte das vor einigen zwanzig Jahren in dem -kleinen Mädel gesucht.«</p> - -<p>»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und -trug lange Zöpfe, bis in die Kniekehlen. Das -war meine Schwärmerei. Und noch eine andere -Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich -nachträglich nicht in die Brust zu werfen, wenn -ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei -Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war -ein ganz anderer, als der nachmalige Professor -und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte -den rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand, -zur rechten Zeit alle Erdenschwere zu -Boden fallen zu lassen und zu seiner und der -Menschheit Freude ein echtes Sonnenkind zu -sein. Und schon damals hatte ich den Glauben -an die Wunderkraft der Sonne.«</p> - -<p>»Und – nachher?« fragte der Mann an -ihrer Seite: »Und dann?«</p> - -<p>»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit -meiner fünf Jahre älteren Cousine Marianne, -die mich ein kokettes dummes Ding schalt und<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -dich einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen -große Fähigkeiten mit Gottes Hilfe auf den -rechten Weg gebracht werden müßten. Und -das Leben wäre kein Rosenpflücken, sondern ein -Dornenweg.«</p> - -<p>»Und das glaubtest du?«</p> - -<p>»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst -du von Marburg und trugst Mariannens Ring -und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes – -denn ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen -Gedichte, das du als Student in die Welt -schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten -Bände Literaturgeschichten, die dir später einen -so hohen Namen machten. – Ja, fort warst -du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest mit -fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und -im Ehehafen.«</p> - -<p>»Und du?« fragte er hastig.</p> - -<p>»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne -sagte, ein kokettes dummes Ding, und die Couleur -hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans -Werder war nicht wie du, aber er gab sich<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir schien -er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied -merkte, und daß heißes Blut noch lange -keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte ich das -heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und -als der verliebte Bursche durchs Staatsexamen -fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der ganzen -Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, -»er wäre auch ohne dies und zum zweiten und -dritten Male durchs Examen gefallen, denn -außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat -recht wenig, und ich habe ihn doch noch ein -Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«</p> - -<p>»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, -Traud.«</p> - -<p>»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er -war der geborene Zigeuner, und weil ich ihn -nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so -klar. Durfte ich ihn enttäuschen? Der Mann -muß daran glauben, daß er der Führer und -Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine -Liebeskraft glauben. Und dann glauben wir<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit -der Zeit wird.«</p> - -<p>Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber -die Sorgen, die Sorgen des Lebens?«</p> - -<p>Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, -und der Wald wölbte sich über ihnen und streute -aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne -Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten -in den Zweigen des Gesträuchs, und ein Regen -goldener Blüten rieselte durch ihre Finger, als -wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen -erzählen.</p> - -<p>Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte -auf das Bild.</p> - -<p>»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich -zu sein. Nur den Mut braucht es.«</p> - -<p>»Aber leben muß man doch können, wenigstens -leben!«</p> - -<p>»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal -ordnete er Bibliotheken, zuletzt war er -Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach -Hause kam und sich ein wenig schämte, daß<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -der Verdienst gar so mager ausgefallen war, -machte ich ihm meine strahlendsten Augen – -weißt du: so! – als ob ich ihn zum ersten -Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was -für ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja -doch noch einmal den Mond und die Sterne -vom Himmel!‹ Und dann – ja, was tut ein -Mann dann wohl? Er gibt sich eine Haltung -vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste -hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe, -damit die Frau nicht merken soll, was für ein -armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst -du, Klaus, um dieser Haltung willen, die für -eine Frau etwas Rührendes hat, liebte ich ihn.«</p> - -<p>»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben …«</p> - -<p>Sie nickte und ließ immer noch das Gold -der Ginsterblüten durch ihre Finger rieseln.</p> - -<p>»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte, -starb er mitten aus dem Glück heraus, obwohl -kaum ein Stück Brot im Schranke war. -Marianne sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken.<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -Marianne irrt sich. Wenn man genauer -hinblickt, sieht man auch am Dorn die -Heckenrosen blühen.«</p> - -<p>Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte -sie das Schweigen. Und sie hob den Kopf und -sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den -goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren, -und daß seine Gedanken erst weitere und immer -engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung -hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll -Blütengoldes über ihn aus.</p> - -<p>»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun -stehst du mitten im Frühling, und im allergoldensten, -du Sonntagskind!«</p> - -<p>»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach.</p> - -<p>»Das bist du und das bleibst du, und wenn -du die Schultern hebst und sie schüttelst, werden -deine Krankheiten von dir abfallen wie Einbildungen.«</p> - -<p>»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?«</p> - -<p>»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb -brauchst du es mir nicht zu sagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Und möchtest mich gesund sehen?«</p> - -<p>»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.«</p> - -<p>Sie standen und sahen sich in die Augen. -Und dann sagte der Mann leise und stockend: -»Traud, ich wollte – du wärst meine Frau -geworden.«</p> - -<p>Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja, -Klaus, das wollte ich auch.«</p> - -<p>Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die -zwischen ihnen war, ihre Augen blenden wollte -und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken -tanzte. Da streckten sie suchend die Hände -aus.</p> - -<p>»Traud …«</p> - -<p>Und er wiederholte ihren Namen wie eine -Bitte.</p> - -<p>Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre -Lippen zitterten ein wenig.</p> - -<p>»Du …« sagte er. –</p> - -<p>Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm -sein Gesicht zwischen beide Hände und bot ihm -den Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> - -<p>Und er fand nichts anderes als das eine -Wort: »Du! …«</p> - -<p>»Bist du nun zufrieden, du meine alte, liebe -Mädchensehnsucht?«</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf.</p> - -<p>Und nach einer Weile wieder: »Bist du nun -zufrieden?«</p> - -<p>»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner -einstigen Mädchensehnsucht. Nun bist du meine -Mannessehnsucht, und das ist heute, und morgen -und alle Tage wird es nun nicht mehr anders -sein!«</p> - -<p>»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder -etwas zu ersehnen hast.«</p> - -<p>»Traud – ist das dein Leichtsinn?«</p> - -<p>»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn. -Das ist der Sinn, der das Leben leicht -macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas -zu ersehnen hast, du lieber Mann, denn die -Sehnsucht wird dich jung halten und dir Träume -geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft, -an Schöpfungen heranzugehen, die voll<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -blühenden Lebens sind und nicht voll Bücherweisheit.«</p> - -<p>»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug! -Ich werde oft und oft kommen müssen, um -nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde -noch standhält!«</p> - -<p>Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die -schlanke Gestalt lief.</p> - -<p>»Komm nur, ich fürchte mich nicht.«</p> - -<p>Und er stand und trank mit weitgeöffneten -Augen das Bild in sich hinein und wußte, -daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt -vor und nahm sie fest in beide Arme.</p> - -<p>»Bleibst du mir treu?«</p> - -<p>»Ich liebe dich!«</p> - -<p>»Ob du mir treu bleibst?«</p> - -<p>»Sorge dafür.«</p> - -<p>Da verstand er sie.</p> - -<p>»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge -mehr um mich. Ich lass' von meiner Jugend -nicht mehr locker, und die Menschen sollen den -Gewinn davon haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach -sie fröhlicher als weise!«</p> - -<p>Und im Wald war ein Frühlingsrauschen, -und sie gingen ihm nach, bis die Schwedenschanze -sich vor ihnen hob, und bunte Mützen, -weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden -und auftauchten und verharrten. Und ein junges -Lachen war um sie her. Und da unten lag -Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die -Elisabethenkirche ihre Türme zu ihnen auf, -winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und -dicht im Grün des Hanges das Haus seiner -alten Verbindung, die jung blieb durch den -unerschöpflichen Menschenfrühling.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und da lachten sie beid',<br /></span> -<span class="i0">Zur Sommerzeit,<br /></span> -<span class="i0">Wenn am Walde, am Walde,<br /></span> -<span class="i0">Die Heckenrosen blühn –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle -Jungmännerstimmen und helle, süßklingende -Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die -beiden Menschen am Waldrande nahmen das<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -Lied auf, und sie spürten den wilden Rosenduft -noch auf ihren Lippen, als sie lange schon -im lauten, frühlingsbewegten Kreise saßen, den -Rosenduft, der aus der braunen Dornenhecke -bricht, wenn die Natur befiehlt.</p> - -<p>Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste -Fuchs, und Mütze und Band waren mit Anemonen -dicht besteckt, und an jedem Arme führte -er ein lachendes Mädchen dem Vater zu. »Papa, -du sollst entscheiden. Sie wollen beide von mir -wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide -entzückend.«</p> - -<p>»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen -Mädchen, »wir sind in Deutschland -und nicht in der Türkei!«</p> - -<p>»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil -unterwerfen, ihr fröhlichen Frühlingskinder?«</p> - -<p>»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten -ihm zu beiden Seiten und machten ihre lieblichsten -Augen.</p> - -<p>»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus -Kreuzer, »ist das Unsichtbare, die Seele. Und<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele -sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie -liegt auf den Lippen. Dort in euren rosigen -Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf, -Gutes zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat, -ist die allerschönste auf der Welt! Vorwärts, -ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!«</p> - -<p>Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel, -und die weißen Röcke stoben um sie her -wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten -mit purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein, -das die Arme nach ihnen ausbreitete und durcheinander -schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort -mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch -Seelenkunde treiben!«</p> - -<p>»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen, -Klaus! Ist das nicht die fröhlichste Wissenschaft?«</p> - -<p>»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen -hast du!«</p> - -<p>»Ich bin nur der Torhüter.«</p> - -<p>»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch -nur ein Mensch und muß Stunden haben, in -denen er sich mal gründlich um das Wohl der -lieben Seinen bekümmert.«</p> - -<p>»Traud, ich glaube – diese Stunde ist -jetzt da.«</p> - -<p>Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre -kein Wort an ihr Ohr gedrungen, über den -Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln -zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes -Lachen, und sie drängte es zurück, daß es ihr -zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich -hob.</p> - -<p>»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts -verheimlichen.«</p> - -<p>Da sprang sie auf und lief zu den Frauen -und Mädchen und riß sie mit zu tausend Neckereien -und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer -Blicke mehr zu ihm hinüber. –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p> -<h2>6</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">I</span>m purpurnen Abendschein -lag Marburg. Und die Luft war so voll vom Jubilieren der Vögel, daß die -Menschen in ihrer lauten Lustigkeit innehielten, stiller wurden und endlich -schweigsam. Die purpurne Glut aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der -Himmel ihr hinhielt, und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der -Menschen. -</p> - -<p>Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte -hinter ihr her.</p> - -<p>»Wo bist du, Klaus?«</p> - -<p>»Neben dir!«</p> - -<p>»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird -der Harmonie wegen und lediglich der Harmonie -wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte -Paare – Wie? – Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung? -Ich habe hier die Mamas zu<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden -nur gespitzt zum schönen Lied. Silentium! -Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die -Straßen ziehen! …‹«</p> - -<p>Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige -Professorengattin am Arm, setzte sich, kräftig -intonierend, an die Spitze des Zuges.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und Braus,<br /></span> -<span class="i0">Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus.<br /></span> -<span class="i0">Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her,<br /></span> -<span class="i0">Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'.<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Fackeln blitzten durch den Wald, und -die Augen blitzten hinüber und herüber, und -junge Schultern suchten aneinander Halt beim -Abstieg zur Stadt, als könnten sie so noch einen -Herzschlag lang den Zauber bannen, der sie alle -befallen hatte im Frühlingswald.</p> - -<p>Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend -und liedersingend, und Klaus Kreuzer -und Traud Werder schritten inmitten der großen<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -Schar und waren still und ganz allein mit sich -und freuten sich, als sie es fühlten und einer -es dem anderen immer wieder mit einem Druck -des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser -waren voll von nickenden und lachenden Mädchenköpfen, -und vor den Haustüren erhoben sich die -Philister von den Bänken und zogen die Mützen -und setzten sie ärgerlich wieder auf, wenn ihnen -ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen -kam im Überschwang des Jugendübermutes.</p> - -<p>Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße -unbemerkt aus der Reihe heraus und Klaus -Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden -Schwarm an sich vorbei und atmeten tief auf. -Dann standen sie vor Traud Werders Haus, -und sie schloß auf, wandte sich in der offenen -Tür nach ihm um und reichte ihm die Hand.</p> - -<p>»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir -so viel Schönes mitgebracht, daß ich nicht mehr -allein bin.«</p> - -<p>Er trat zu ihr in den Hausflur. »Du willst -mich fortschicken?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> - -<p>»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur -fortschicken, Klaus, damit wir nicht ins Verschwenden -geraten.«</p> - -<p>»Traud – wir sind ja so reich – –«</p> - -<p>Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände -und schüttelte den Kopf. »Nichts, nichts haben -wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das, -Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die -Zinsen bringen soll, an diesem steten und immer -stärker werdenden Zusammenbegehren, das die -kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht, -nichts als diesen einen allerersten Frühlingstag, -der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus, -ein rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat, -nimmt nicht die Blüten. Klaus, der freut sich -täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche -Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh, -du lieber Mann, ich möchte dir mehr sein als -eine Episode, ich möchte dein Garten sein.«</p> - -<p>Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in -den dunkeln Gang. »Also ich soll warten und -werben. Das ist es.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<p>Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit -hinein mit ruhiger Stimme: »Ich gehöre dir.«</p> - -<p>Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre -Hände und küßte sie und küßte jede einzelne. -»Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute -Nacht, und auf morgen und all die Tage.« -Und er wollte schnell an ihr vorbei.</p> - -<p>Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre -Fröhlichkeit zurück, und sie ergriff ihn bei den -Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm -in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun -soll ich hier sitzen und meine geküßten Hände -besehen, während du dort oben in eurem Hause -Lieder singst und den Becher schwingst und mit -deinen Kumpanen in alten Abenteuern schwelgst? -O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig, -und wenn ich für den Handkuß aus besonderen -Gründen auch sehr dankbar bin, Bevorzugungen -dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier -der Mund, will auch sein Privatissimum -haben.«</p> - -<p>»Genug? Du –! Bevorzugungen dulde ich<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -nicht. Diese lieben Augen – dieser liebe -Hals –«</p> - -<p>Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm -entschlüpfte. »Gute Nacht – alter Pirat!« -Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe hinaufklappern. -Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht, -daß er sie mit Händen hätte greifen -mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen -jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder -jung geworden – wieder so jung geworden!«</p> - -<p>Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen -den Freunden von einst und den Gedanken von -heut, und kein Neid kam mehr an sein Herz -heran, weil es voll war vom Köstlichsten der -Erde, voll von Erwartungen. Mit dem Sohn -ging er heim und hörte lächelnd seinen Schwärmereien -zu, die er nie in dem streng erzogenen -Jungen zu finden geglaubt hätte, und unterbrach -ihn nicht ein einziges Mal.</p> - -<p>»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen -bist.«</p> - -<p>»Weshalb denn, Walter?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen -habe, und das hat mich dir soviel näher gebracht. -Ich könnte dir jetzt immer alles sagen -und würde mich nur noch vor dir schämen, aber -mich nicht mehr vor dir fürchten. Wir – zwei -Männer.«</p> - -<p>An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer -seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir – zwei -Männer …«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p> -<h2>7</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">E</span>r hatte seinen Stuhl -neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie das Morgenlicht über die -Tasten rieselte und sich unter dem leisen Anschlag ihrer Finger streicheln -ließ. Und wenn sie seinen Blick fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn -lange an und nickte ihm zu. -</p> - -<p>»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug -und holt mich nach Berlin. Wirst -du mit zum Bahnhof gehen?«</p> - -<p>»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar -nicht.«</p> - -<p>»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von -dir mit mir genommen. Aber du hast recht, -und es muß auch ohne das Symbol gehen!«</p> - -<p>Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger -im leisen Anschlag durch die Sonne gleiten und -nickte ihm zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<p>»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß <em class="gesperrt">ihn</em> -zuweilen zuhören, wenn du spielst, und zusehen, -wenn soviel Sonne im Zimmer ist.«</p> - -<p>»Ja, Klaus.«</p> - -<p>»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben, -und ich saß wie ein rechter Streber -zwischen den Büchern und wurde abends von -Marianne in den Gesellschaften – vorgezeigt. -Da blieb nicht viel übrig für den Jungen. Und -doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel -Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie -in jedem jungen Menschen.«</p> - -<p>»Er ist ja dein Sohn, Klaus.«</p> - -<p>»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte, -daß er es wird. <em class="gesperrt">Mein</em> Sohn.«</p> - -<p>»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen, -in der sein Vater jung war und« – -sie lächelte – »in der er es wieder wurde.«</p> - -<p>Er beugte sich über sie und küßte sie aufs -Haar.</p> - -<p>»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt -du schon seine Mutter sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p> - -<p>»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde -still und feierlich in ihnen und um sie her.</p> - -<p>Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände -zwischen den Knien. Und begann noch einmal, -leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von -uns, so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter -Haus geerbt hattest, wahrzunehmen und den -Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne -meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und -du ergriffst auf diese Weise gewiß gern die -Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die -Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und -Amen. Traud, ich kannte dich ja gar -nicht.«</p> - -<p>Sie war blaß geworden und ließ die Hände -in den Schoß sinken.</p> - -<p>»Den verlorenen Anschluß an die Familie …« -murmelte sie. Und plötzlich erhob sie sich mit -einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme -um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein -Junge gehört mir auch. Schon als Kind habe -ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude,<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -und die andere hat dich mir genommen, und -dir hat sie deine Freude genommen.«</p> - -<p>»Nicht so, Traud –«</p> - -<p>»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie -wieder davon sprechen. Aber geben wollen wir -uns aus vollem Herzen alles das, was die -anderen nicht wollen und was uns so nötig ist -wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.«</p> - -<p>Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen -hinein sagte er: »Daß wir noch so jung sind, -Traud.«</p> - -<p>»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke -vor uns haben, Klaus.«</p> - -<p>»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied. -Das ist ein Dank aufs Wiedersehen.«</p> - -<p>»Auf Wiedersehen, du – –«</p> - -<p>Ein paar Schritte tat er und kehrte um, -nahm ihr Gesicht in seine Hände und blickte -tief in ihre Augen.</p> - -<p>»Ich mußte noch einen Blick in meinen -Garten werfen.«</p> - -<p>Dann ging er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen -und wieder herabkommen. Band um, -Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über -die Straße schreiten, den Sohn neben sich, der -seine Farben trug. Und Klaus Kreuzer schritt -zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig -versammelt und die alten Herren, die vom Feste -noch übriggeblieben waren, und er ging von -einem zum anderen und schüttelte allen die Hand.</p> - -<p>»Wiederkommen! Wiederkommen!«</p> - -<p>»Ihr könnt euch darauf verlassen.«</p> - -<p>Und der Zug lief ein, der Abschied vom -Jungen war vorbei, und er stand am offenen -Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust.</p> - -<p>»Abfahren!« Und der Zug zog an.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!<br /></span> -<span class="i0">Die Philister sind uns gewogen meist,<br /></span> -<span class="i0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.<br /></span> -<span class="i0">Frei ist der Bursch – frei ist der Bursch!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Das klang wie Schwerterklang und Bechersang -aus einem halben Hundert Jungmännerkehlen -zu ihm auf und schwang sich hinter dem<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -Zuge her und rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten, -daß ihm das Wasser in die Kehle treten -wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und -hielt die Mütze zum Gruß fest vor der Brust. -Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat -einen Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte -geradeaus.</p> - -<p>Da stand am Ende des Bahnsteigs eine -Frau und sah ihn an mit weitgeöffneten, hellen -Augen.</p> - -<p>Da grüßte ihn seine Jugend, die wiedergeborene. –</p> - -<p>Ernst legte er Mütze und Band ab … Und -auf der ganzen langen Fahrt dachte er an ihre -Augen, diese Augen, die ihn wieder sehend gemacht -hatten. – –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p> -<h2>8</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">S</span>pät abends kam er an -und fand Marianne im Wagen vor dem Bahnhof halten. -</p> - -<p>»Der Minister hat zweimal heute nach dir -fragen lassen.«</p> - -<p>Er wollte eine Entschuldigung sagen, aber -ein klingendes Wort lief ihm durch den Kopf, -und er mußte hinterher und es greifen und es -nochmals zum Klingen bringen.</p> - -<p>»Der Minister? Und Marburger Frühling? -Das reimt sich schlecht zusammen.«</p> - -<p>»Lieber Freund, rede, bitte, keine Torheiten. -Der Minister will dich in sein Ministerium -ziehen, und es müßte doch seltsam zugehen, -wenn bei einem Wechsel Majestät –«</p> - -<p>»Ich pfeife auf den ganzen bureaukratischen -Quark. Ich will zwischen meiner Jugend sitzen, -zu der ich gehöre, und die zerquälten Burschen -zu frischen Männern erziehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p> - -<p>»Lieber Freund, mäßige dich, bitte, ein wenig. -Ich glaube wahrhaftig, dir spukt der Maitrank -noch im Kopf.«</p> - -<p>»Der Maitrank.« Er lachte: »Ja, ja, da -magst du wohl recht haben, Marianne. Übrigens -läßt dich der Junge grüßen.«</p> - -<p>»Danke. Sieht er gut aus?«</p> - -<p>»Äußerlich oder innerlich?«</p> - -<p>»Ach, laß uns doch lieber morgen miteinander -reden, wenn deine Marburger Stimmung -verflogen ist.« –</p> - -<p>Dann hatte ihn das tägliche Leben wieder, -aber die Stimmung hielt an und wuchs insgeheim -wie ein Garten voll blühender Bäume, -die der Reife entgegenharren. Und seine Studenten -merkten es am hinreißenden Ton, der -Quellen erschloß und sie hinströmen ließ über -lauter sonniges Land, als er sein neues Kolleg -begann: »Über die Lebensbejahung in der deutschen -Literatur.« Donnerndes Getrampel begrüßte -ihn beim Aufstieg zum Katheder, und -donnerndes Getrampel gab ihm beim Abstieg<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -das Geleit. Da wußte er, daß er den rechten -Weg beschritten hatte, und fuhr kraftvoll fort, -seinen Studenten die fremde Schminke quälerischer -Lebensbetrachtungen aus dem Gesicht zu -wischen und ihnen die Frische und Kraft zur -Lebensfreude in die aufhorchenden Seelen zu -tragen. »Nur eins ist not. Nur dies eine. -Und Tod ist Wahn, wenn wir für die Nachfolgenden -goldene Spuren hinterlassen. Auf, -ins Leben!«</p> - -<p>Und eines Abends, als Marianne ohne ihn -zu einer ihr wichtig scheinenden Gesellschaft -gefahren war und er sich mit dringenden Kollegarbeiten -entschuldigt hatte, saß er vor seinen -Kollegheften und schrieb. Und als er fertig -geschrieben hatte, sah er, daß es ein Gedicht -geworden war. Und er nahm es und schickte -es ihr, der es gehörte.</p> - -<h3>Die Sonne.</h3> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es lief das Herz dir über schier<br /></span> -<span class="i0">Und war voll Sonne nur.<br /></span> -<span class="i0">Da stieg sie bis ins Auge dir<br /></span> -<span class="i0">Und ließ die goldne Spur.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Weilchen standst du wie gebannt,<br /></span> -<span class="i0">Als ob's dich blenden wollt' …<br /></span> -<span class="i0">Und wie du senktest scheu die Hand,<br /></span> -<span class="i0">Da lag die Welt in Gold.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Da lag die Welt in Sonnenschein,<br /></span> -<span class="i0">Die gestern alt und kalt,<br /></span> -<span class="i0">In Flammen stand der Blumenrain,<br /></span> -<span class="i0">In Flammen stand der Wald.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich kam des Wegs, du sahst mich an,<br /></span> -<span class="i0">Dein Blick rief mich zurück.<br /></span> -<span class="i0">War nur ein friedeloser Mann<br /></span> -<span class="i0">Und ward ein Mann im Glück.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und ward ein Ritter hoch zu Roß<br /></span> -<span class="i0">und ward des Lachens kund.<br /></span> -<span class="i0">Das tat dein Herz, das überfloß,<br /></span> -<span class="i0">Das tat dein Aug' und Mund.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wenn im Feld die Raben schrein,<br /></span> -<span class="i0">Im Zorn der Donner grollt:<br /></span> -<span class="i0">Ich schau' mit deinen Augen drein –<br /></span> -<span class="i0">Da liegt die Welt in Gold.<br /></span> -</div></div> - -<p>Traud las das Blatt, faltete es zusammen -und ging durch das Haus. Überall öffnete sie -die Fensterläden und ließ an Licht und Luft -in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen -schnitt sie einen Fliederstrauß und stellte -ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und -als am Nachmittag die Hausarbeit geschehen -war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und -setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich -meinen Ausflug,« sagte sie, und die Töne zogen -wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus, -und ihre Seele war mitten darunter und -schwang sich an die Spitze und zeigte den Weg. -Und es wurde Abend und Nacht. Und sie -erwachte in ihrem Stübchen, dachte, noch halb -im Traume, angestrengt hin und her, ermunterte -sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen -huschte sie zu ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes -Blatt hervor und huschte in ihre -Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis -es tagte, und sie hatte alle die Zeit offenen -Auges hineingeblickt. Und doch war sie frischer -und gesunder denn je, als sie sich zum neuen -Tagewerk erhob und schnell ein Frühstück für -Walter rüstete, der in die Fechtstunde mußte.</p> - -<p>»Heraus, Langschläfer, das Leben läuft dir -weg!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p> - -<p>»Ach, Tante Werder – es ist so mollig im -Bett.«</p> - -<p>»Draußen steht ein bildhübsch Mädchen und -schaut sich nach deinem Fenster die Augen aus.« -Sie horchte und lachte: »Wie er plötzlich herauskann -und sich sputet. Man muß nur an die -Stelle der Gewohnheit die Erwartung setzen.«</p> - -<p>»Guten Morgen, Walter. Jetzt ist das Mädel -weg. Dafür hast du aber den ganzen Gottesmorgen -gewonnen.«</p> - -<p>»Ach – Tante!«</p> - -<p>»Tröste dich, Walter, es gibt mehr hübsche -Mädel als schöne Morgen.«</p> - -<p>»Danke, Tante. Aber ich sammle mir doch -gern meine eigenen Erfahrungen.« Und fort -war er.</p> - -<p>»So hab' ich's gemeint,« lachte sie vor sich -hin, streckte die gesunden Glieder und ging an -ihr Tagewerk. – –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<h2>9</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">D</span>as kurze Sommersemester -neigte sich dem Ende zu. Und während die Früchte zu schwellen begannen, waren -die Rosen aufgesprungen, hüllten sich die Akazien in blütenweiße Brautgewänder, -prangten die Bauerngärten im schweren Duft der Sommerblumen, blühte unablässig -die Heide. Nie war es Klaus Kreuzer, wenn er durch die Landschaft schritt, so -aufgefallen wie in diesem Jahr, dies Früchtereifen inmitten unaufhörlichen -Blühens. -</p> - -<p>›Jahr für Jahr gibt uns die Natur dies -Zeichen,‹ dachte er und ließ den Blick auf der -wechselreichen Landschaft ruhen, ›und nur wir -Menschen haben verlernt, es zu sehen und zu -begreifen.‹</p> - -<p>Und er las sein letztes Kolleg vor den Ferien, -und es klang wie ein Hymnus auf den Menschheitsfrühling,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -und die Hörer gingen still hinaus -und sammelten sich erst draußen auf dem langen, -grauen Korridor und brachten ihrem Lehrer -und Glücksweiser, als er durch ihre Reihen -schritt, in stürmischen Zurufen das Echo seiner -Rede wieder.</p> - -<p>So kam er zu Marianne und fand sie mit -den strengen Zügen der Frau, der die Jugend -verronnen war unter dem einen Wunsche, über -sie hinauszugelangen.</p> - -<p>»Lieber Freund, ich habe heute morgen auf -der Ausfahrt die Frau des Ministers getroffen. -Ich will gestehen, es geschah nicht unabsichtlich, -und wir machten unsere Spazierfahrt miteinander. -Es ist eine Frau, die Ziele hat.«</p> - -<p>»Es wäre besser, der Mann hätte sie.«</p> - -<p>»Mann und Frau sind eins, sollen es überall -sein und sind es auch hier. Exzellenz sagten -mir, daß der Minister einen starken und berechtigten -Mißmut über dein Zaudern nicht -unterdrücken könne, da er sich von dir als dem -ersehnten Mitarbeiter, von deiner eindringlichen<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -Kenntnis der gesamten Materie und deiner -überzeugenden Beredsamkeit eine beschleunigte -Annahme seiner Schul- und Universitätsvorlage -verspräche. Exzellenz waren überdies so liebenswürdig, -mich für die Ferien auf ihr ostpreußisches -Gut einzuladen.«</p> - -<p>»Da gratuliere ich. Denn das war wohl -längst dein Wunsch. Im übrigen kann von -Zaudern gar keine Rede sein.«</p> - -<p>»Es freut mich, daß die Vernunft einmal -wieder in dir gesiegt hat.«</p> - -<p>»Ob es in deinen Augen vernünftig ist, weiß -ich nicht, denn es ist Gefühlssache, und dies -Gebiet ist von dir immer etwas stiefmütterlich -behandelt worden. Mir aber sagt mein Gefühl, -daß es viel wichtiger ist, als immer neue -Schulvorlagen zu entwerfen: Männer zu haben, -die den Geist ihrer Lehrermission richtig erfassen, -die sich nicht an das alleinseligmachende -Schema und die Bewältigung des Unterrichtsgegenstandes -klammern, sondern die der Jugend -geben, was der Jugend ist, die Freude am<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -Leben und damit die Freude an der Arbeit, -die ihnen die Schönheiten des Lebens erschließt. -Diese Männer sind rar geworden im lieben -Vaterland, das heute unter alt und jung so -viele Streber züchtet, und diesen Rargewordenen -möchte ich helfen, sich wieder zu ergänzen und -die Mehrheit zu gewinnen, damit es wieder -eine Lust ist, zu leben.«</p> - -<p>Marianne saß am Fenster und zog die Sticknadel -durch ein Stück bunten Seidenzeugs. Kaum, -daß sie von der schillernden Arbeit aufschaute.</p> - -<p>»Du widersprichst dir selbst,« sagte sie kühl, -»und ich nehme es nur als eine schöne Rednergeste. -Wer mit fünfundvierzig Jahren durch -sein Streben und nur durch sein Streben –«</p> - -<p>»O bitte, verkleinere deinen Wert nicht. -Durch <em class="gesperrt">dein</em> Streben wohl zumeist.«</p> - -<p>»– wer durch sein Streben so schnell zu -einer so hohen Stellung kam, der hat wohl -keinen Grund, den Frondeur zu spielen. Was -im übrigen meine Mitarbeit angeht,« und nun -legte sie ihre Stickerei zur Seite, »so darf ich<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -wohl auf etwas mehr Dankbarkeit Anspruch -erheben, denn ich habe dir durch die Festigkeit -meines Charakters dein Glück geschaffen, das -du in blauen Nebeln hättest verschwimmen -lassen, wenn ich nicht mein ganzes Leben dafür -eingesetzt hätte.«</p> - -<p>Und er schüttelte den Kopf und sagte langsam: -»Ich weiß heute oft nicht, ob du ein -Recht dazu hattest, mein Leben nach deinem -zu modeln, ob überhaupt ein Mensch ein solches -Recht auf seinen Mitmenschen hat. Wer kann -voraussagen, wie sich der andere in freier Luft -auswächst? Ich wäre vielleicht ein Dichter -geworden, und bin ein Professor geworden. -Mein Glück? Menschenglück sieht doch ein -klein wenig anders aus, als dir es vorschwebt.«</p> - -<p>»Ach –,« machte sie gedehnt und erhob sich, -»dann bist du wohl auch mit der Lebensführung -deines Sohnes Walter einverstanden?«</p> - -<p>»Walters? – Wie kommst du auf Walter?«</p> - -<p>»Also du weißt nichts, bekümmerst dich um -nichts; und das stellt deiner Pädagogik, die du<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -soeben so schön vortrugst, das beste Zeugnis -aus. Nun, ich habe es anders gemacht und -in beständigem Briefwechsel mit meiner Freundin -in Marburg, der Frau des derzeitigen -Dekans, gestanden und seit kurzem erbauliche -Dinge gehört. In den Kollegs sieht man den -Jungen schon längst nicht mehr, aber seine -erste Mensur geschlagen hat er schon, bevor -das erste Semester zu Ende war, und mit -jungen Mädchen unternimmt er weite Fahrten -ins Lahntal und in die Wälder, macht Schulden -und läßt sich wohl gar von seiner geliebten -Tante Traud in seinem Lebenswandel bestärken.«</p> - -<p>»Das ist nicht wahr!«</p> - -<p>»Bitte, brause hier nicht auf. Wenn es -anders wäre, hätte Traud Werder uns Mitteilung -über den Jungen gemacht. Nichts davon -ist erfolgt. Lobesbriefe sind gekommen. -Das ist eine Moral, die ich nicht billige.«</p> - -<p>»Traud Werder würde uns nichts verschweigen. -Sie weiß, daß ich an dem Jungen hänge.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Fahr hin. Es wird dir gut tun, wieder -einmal festzustellen, daß der Blick deiner Frau -weiter reicht als deine schönen Phantasien. Da -ich in den nächsten Tagen reise, so würde ich -es für angebracht halten, du nähmst den Jungen -mit dir in den Sommerurlaub und in strenge -Zucht. Das Leben ist kein Rosenpflücken.«</p> - -<p>Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud – -das kann nicht wahr sein …‹</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p> - -<h2>10</h2> -</div> - -<p> -<span class="dropcap" style="font-size: 1.50em">A</span>m anderen Morgen trat -er die Fahrt nach Marburg an. »Ich werde dem Minister mitteilen,« sagte -Marianne beim Abschied, »daß du deinen Entschluß von deiner Erholung abhängig -machtest.« Und er nickte und war mit seinen Gedanken bei dem Jungen. -</p> - -<p>Am Abend traf er in Marburg ein. Der -Bahnhof lag öde und still, und er beeilte sich, -ihn zu verlassen. Geradenwegs ging er zu -Traud Werders Haus.</p> - -<p>»Klaus,« rief sie und stand im weißen Rahmen -der Stubentür, mädchenhaft rot und erregt -vor Freude und fand nichts als seinen -Namen.</p> - -<p>»Guten Abend, Traud,« sagte Klaus Kreuzer, -beugte sich über ihre Hand und küßte sie. »Ist -Walter zu Hause?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p> - -<p>»Walter?« fragte sie verwundert. »Ist etwas -passiert? Aber so komm doch herein und trag -mir die Ruhe nicht heraus.«</p> - -<p>Er trat ein, ließ sich Hut und Mantel aus -den Händen nehmen und setzte sich.</p> - -<p>»Traud, du fragst mich, ob etwas passiert -sei, und ich komme hierher, um es dich zu -fragen.«</p> - -<p>»Der Walter ist gesund wie ein Fisch im -Wasser und vergnügt wie ein Vogel in der -Luft. Das Beste, was man für ein junges -Gemüt nur wünschen kann.«</p> - -<p>»Traud,« sagte er nach einer Pause, »Traud, -du versprachst mir, auf den Jungen zu achten, -so – als ob du seine Mutter wärst. Meinetwegen -und seinetwegen. Sonst – sonst wäre -das, was uns zusammenführte, unser Frühlingsglaube, -doch nur ein – ein mit hübschen Unwahrheiten -aufgeputzter Egoismus. Sag selber, -Traud.«</p> - -<p>Die mädchenhafte Röte war längst aus ihrem -Gesicht geschwunden. Sie sah ihn an und<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -fand sich nicht zurecht in ihm und in seinen -Worten.</p> - -<p>Aber sie sah, daß er litt, und das genügte -ihr, um über ihre Enttäuschung hinwegzukommen.</p> - -<p>»Klaus,« und es war der alte, lustige Ton, -mit dem sie zu ihm sprach, »Klaus, meinst du, -weil sich der Walter geschlagen hat? Ja, du -hast recht, es war eine törichte Geschichte, aber -gerade deshalb war sie so lieb. Bedenke doch -selbst, ein Füchslein, das sich für seine Tanzdame -schlägt. Ein Erlanger Student war ihr -unhöflich begegnet. Der Walter gab ihm Lebensregeln, -der Junge, und die Couleur stellte ihn auf -seine Bitten vorzeitig heraus, weil er sich in der -Fechtstunde als firmer Schläger erwiesen hatte. -Da stach der Walter zur höheren Ehre seiner -Dame den Erlanger auf ein paar fürchterliche -Gesichtsquarten ab.«</p> - -<p>»Würdest du,« sagte Klaus Kreuzer, »würdest -du, ohne mir böse zu sein, wohl etwas -weniger studentisch sprechen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<p>Sie hob den Kopf. Ihr frohes Lachen war -zerflattert. Ihre Augen blickten mit einem Male -ernst und fest.</p> - -<p>»Nein,« erwiderte sie ruhig. »Nein, das -werde ich nicht, bevor du nicht offen erklärt -hast, was dich hergeführt hat.«</p> - -<p>»Es ist ein Brief eingetroffen, von der Frau -des Dekans. Marianne erhielt ihn, und mich -hattest du nicht vorbereitet. In dem Briefe -stand, daß Walter im Kolleg nicht zu sehen sei. -Ist das wahr?«</p> - -<p>»Angenommen, daß es wahr sei.«</p> - -<p>»Daß Walter statt dessen schon seine erste -Mensur geschlagen hat, weiß ich nun. Ich -billige es gerade nicht, mache ihm aber auch -keine Vorwürfe. Aber daß er, der unreife -Junge, mit Mädchen in Wäldern und Feldern -herumschwärmt –«</p> - -<p>»Das ist wahr.«</p> - -<p>»– seinen Wechsel übersteigt und Schulden -macht –«</p> - -<p>»Ich hab' sie ihm gestrichen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Also das ist auch wahr, und wahr, wahr, -daß du ihn in seinem Tun bestärkt hast.«</p> - -<p>Er erhob sich und ging mit hastigen Schritten -zum Fenster.</p> - -<p>Sie stand mit blassen Lippen im Zimmer, -wartete eine Weile und sagte laut: »Dummer -Klaus!«</p> - -<p>»O bitte, mache dich nur lustig.«</p> - -<p>»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken -kehrst. Ich will deine Augen sehen. So – -ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an, -und dann frage dich selber, ob ich – ich imstande -bin, dem Menschen, den ich am liebsten -habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob -du mich so einer Tempelschändung für fähig -hältst.«</p> - -<p>»Traud, weshalb hast du es getan?«</p> - -<p>»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch, -wie weit, weit du schon von der Jugend fort -warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend -so schwer zurückfinden können. Und willst doch -ein Menschenbildner sein, der die Form verstehen<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -muß, wie den Inhalt. Soll ich dich -fragen, wie es mit <em class="gesperrt">dir</em> stand in deinen ersten -Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne -hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen -blinzelte? Ob du einem Mädchenzopf aus -dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund? -Und deine paar Dukaten dir immer -hübsch eingeteilt hast nach Wochen und -Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der -Stunde, die gerade so köstlich war, als könnte -keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein, -Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen -Leichtlebigkeit eine Verteidigungsrede zu -halten, aber um die Jungen vor der Selbstgerechtigkeit -der Älteren zu schützen, die ihre -einst so süßen, törichten Streiche vergessen haben -wollen oder sie nachträglich gern als Taten -mit einem wackern Untergrund und bewußten -Idealen hinstellen.«</p> - -<p>»Traud, ich –?«</p> - -<p>»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt: -eigentlich ist Walter an der Reihe, aber da<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann -ich ebensogut für ihn reden. Und das sage -ich dir, die ich den Jungen so herzlich lieb -gewann, und überdies, weil es der deine ist: -Erst war er ein Kind und spielte mit Puppen. -Und dann kam die Schule, und er spielte nicht -mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das -Lebensstudium, das Berufsstudium und das -Studium der Menschen, die ihm darin freundlich -und feindlich begegnen. Da laß dem jungen -Herzen eine Zwischenspanne, eine kurze, sonnige, -in der er noch einmal und zum letztenmal -träumen darf, er spiele und dürfe kinderselig -spielen, bevor es <em class="gesperrt">wieder</em> zur Schule geht. Der -Verlust eines Semesters kann nachgeholt und -eingeholt werden. Dieser Spielverlust aber nie, -oder doch nur auf weniger unschuldige Weise. -Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal -eins. Daran ist noch kein Mensch gestorben, -oder unsere besten Männer und Frauen -lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist -mancher daran und zum Leben erwacht und<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der -Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck -die Bücher vor die Nase genommen. Du ja -auch. Und –«</p> - -<p>»Traud – hör mich mal an!«</p> - -<p>»Und wenn der Sohn dann herangewachsen -ist und lebt wie sein Vater in Amt und Würden -und sitzt mit diesem Vater abends hinterm -Familientisch oder in der Studierstube, dann -langweilen sich diese Menschen nicht gegenseitig -und gähnen sich an und reden höchstens von -ledernen Berufsgeschichten und den ewigen -Avancementsfragen, die bis zum Tode kein -Ende finden. Sondern sie reden von – nun, -von was wohl? Von Sonnentagen und Burschenfahrten, -von Becherklang und Liedersang -und von so vielen, vielen lieben Mädels und -schönen Frauen, daß es so warm zwischen -ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie -und nimmer aus der Jugend heraus; daß sie -spüren: es war doch der Mühe wert, trotz Berufs- -und Familiensorgen, und der Vater sagt:<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -Junge, das laß ich mich eine Flasche kosten. -Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine -Jugend.«</p> - -<p>»Traud! Traud!«</p> - -<p>»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein -Junge einmal wird, und deshalb und deinetwegen -habe ich ihn so – so mütterlich behandelt. -Nun schimpfe. Ich habe ein köstlich -reines Gewissen.«</p> - -<p>Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt -und seinen Mund darauf gedrückt …</p> - -<p>Ganz laut schlugen ihre Herzen.</p> - -<p>Und dann sagte sie nach einer langen Weile: -»Du hast sie mir schon vorhin geküßt, Klaus, und -ich muß wohl sehr schöne Hände haben, daß -du mich schon wieder damit stehen lassen willst -und gar nichts anderes an mir findest.«</p> - -<p>»Du!« stieß er hervor und lachte ihr in die -Augen. Und dann schloß sie die Augen und -spürte seinen Mund …</p> - -<p>»So – nun ruf mir mal den Walter.«</p> - -<p>»Er ist fort.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p> - -<p>»Fort? Wohin?«</p> - -<p>»Ins goldne Ferienland hinein. Studenten -und Studentinnen miteinander.«</p> - -<p>»Und du hast es ihm erlaubt?«</p> - -<p>»Ja, Klaus, es ist wohltuend und erzieherisch -zugleich. Heut abend wollt' ich dir's -schreiben.«</p> - -<p>Und Klaus Kreuzer tat einen tiefen Atemzug. -»Der glückliche Junge.« Und wandte -sich Traud Werder zu.</p> - -<p>»Da habe ich nun meinen Wandereranzug -im Koffer und den Rucksack dazu und drei – -drei goldene Ferienmonate. Wie sagtest du -doch, was dem jungen Herzen not täte vor -neuer Arbeit? Ein Traum von seliger Jugendzeit. -Traud – und mir tut er not. Heute – -oft …«</p> - -<p>»Du willst mich fragen, ob ich mit dir wandern -will, Klaus?«</p> - -<p>»Ja, Traud.«</p> - -<p>»Um Walter einzuholen und seine Kameraden -und Kameradinnen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span></p> - -<p>»Nur so nahe, um die Fühlung mit der -Jugend nicht zu verlieren.«</p> - -<p>Sie legte ihm den Arm um den Hals und -sah ihn an. »Ich bin ja schon immer mit -dir gewandert. Weshalb sollte ich jetzt zurückbleiben -wollen, wo du mich brauchst …«</p> - -<p>Und sie wanderten in früher Morgensonne -durch die goldenen Ährenfelder des Lahntales, -die der Ernte entgegendufteten, um neuem -Blühen den Platz zu bereiten, durch die Wälder -mit ihren goldenen Lichtern, durch die Sommerwelt, -weiter und weiter. – – –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-114.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Rudolf Herzog</p> - -<div class="hang"> - -<p>Das goldene Zeitalter / Roman / -20.–29. Taus.</p> - -<p>Der Adjutant / Roman / 23.–32. Taus.</p> - -<p>Der Graf von Gleichen / Ein Gegenwartsroman / -102.–121. Taus.</p> - -<p>Die vom Niederrhein / Roman / -166.–185. Taus.</p> - -<p>Das Lebenslied / Roman / 201.–220. Taus.</p> - -<p>Die Wiskottens / Roman / 256.–275. Taus.</p> - -<p>Der alten Sehnsucht Lied / Novellen / -37.–46. Taus.</p> - -<p>Der Abenteurer / Roman. Mit Bildnis des -Verfassers / 121.–140. Taus.</p> - -<p>Hanseaten / Roman / 176.–195. Taus.</p> - -<p>Es gibt ein Glück … / Novellen / -62.–71. Taus.</p> - -<p>Die Burgkinder / Roman / 206.–223. Taus.</p> - -<p>Die Welt in Gold / Novelle / 51.–60. Taus.</p> - -<p>Das große Heimweh / Roman / -181.–200. Taus.</p> - -<p>Die Stoltenkamps und ihre Frauen / Roman / -216.–245. Taus.</p> - -<p>Jungbrunnen / Novellen / 96.–105. Taus.</p> - -<p>Die Buben der Frau Opterberg / Roman / -151.–170. Taus.</p> - -<p>Kameraden / Roman / 1.–100. Taus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gedichte / 11.–25. Taus.</p> - -<p>Wir sterben nicht! / Lieder und Balladen / -21.–23. Taus.</p> - -<p>Stromübergang / Dramatisches Gedicht in -einem Aufzug / 1.–10. Taus.</p> - -<p>Windzeit und Wolfszeit / Gedichte / -1.–25. Taus.</p> - -<p>Die Condottieri / Schauspiel in vier Akten / -3. Taus.</p> - -<p>Auf Nissenskoog / Schauspiel in vier Akten / -2. Taus.</p> - -<p>Herrgottsmusikanten / Lustspiel in vier Akten / -2. u. 3. Taus.</p> - -<p>Rudolf Herzogs Leben und Dichten / Von -Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Johann Georg Sprengel / Mit -acht Bildnissen / 1.–5. Taus.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> -<p>Zur besseren Navigation wurden unsichtbare Kapitelüberschriften eingefügt.</p> -</div> - -<div style='display:block;margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN GOLD ***</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This file should be named 62737-h.htm or 62737-h.zip</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This and all associated files of various formats will be found in https://www.gutenberg.org/6/2/7/3/62737/</div> -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller;'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation’s principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation’s web site and -official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -For additional contact information: -</div> - -<div style='display:block;margin-top:1em;margin-bottom:1em; margin-left:2em;'> -Dr. Gregory B. Newby<br /> -Chief Executive and Director<br /> -gbnewby@pglaf.org -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -This Web site includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/62737-h/images/cover.jpg b/old/62737-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0cf20ad..0000000 --- a/old/62737-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62737-h/images/drop-d.png b/old/62737-h/images/drop-d.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 1b1fb4f..0000000 --- a/old/62737-h/images/drop-d.png +++ /dev/null diff --git a/old/62737-h/images/illu-009.jpg b/old/62737-h/images/illu-009.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9295562..0000000 --- a/old/62737-h/images/illu-009.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62737-h/images/illu-114.jpg b/old/62737-h/images/illu-114.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7d79ffc..0000000 --- a/old/62737-h/images/illu-114.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62737-h/images/signet.jpg b/old/62737-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6a83e67..0000000 --- a/old/62737-h/images/signet.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62737-h/images/title.jpg b/old/62737-h/images/title.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9988ed5..0000000 --- a/old/62737-h/images/title.jpg +++ /dev/null |
