diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-03 16:54:39 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-03 16:54:39 -0800 |
| commit | 3e872c34e07f54e76f6853979448de8e3abe5beb (patch) | |
| tree | 1b47fc13549e692f499653d5be6e96a8c21d6050 /old/62645-8.txt | |
| parent | 45ea7b4eb1b67d7e11d165f3813c55e15415413b (diff) | |
Diffstat (limited to 'old/62645-8.txt')
| -rw-r--r-- | old/62645-8.txt | 6899 |
1 files changed, 0 insertions, 6899 deletions
diff --git a/old/62645-8.txt b/old/62645-8.txt deleted file mode 100644 index 7fe8efb..0000000 --- a/old/62645-8.txt +++ /dev/null @@ -1,6899 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Fritzchen, by Marie Diers - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Fritzchen - Die Geschichte einer Einsamen - -Author: Marie Diers - -Release Date: July 14, 2020 [EBook #62645] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRITZCHEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Fritzchen - - Die Geschichte einer Einsamen - - - von - - Marie Diers - - - [Illustration] - - Dresden 1907. - - Max Seyfert, Verlagsbuchhandlung. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Aus dem Dorfe Hohen-Leucken, das seinen Namen seinem höher gelegenen -Herrschaftshause zu Ehren, sonst aber nur wie zum Spotte führte, kam der -Doktor das ganze Jahr nicht heraus. Zwischen Moor und sumpfigen Wiesen lag -es arglos eingebettet, und am Abend, wenn die Nebel stiegen, wogte -eine weiße Mauer bis an die Schwellen der niedrigen Häuser. Typhus, -Schwindsucht, epidemische Hals- und Rachenkrankheiten gehörten hier mit -zu dem gewohnten Lebensbilde der Leuckener Bewohner, man begrub hier -seine kleinen Kinder, man siechte selber, man starb, ohne sich viel um die -Ursachen zu bekümmern, oder gar ihnen den Krieg zu erklären. Der Doktor, -der viele Meilen über Land durch Lehmboden, durch Sand, über schwanken -Moorgrund herkutschierte, fluchte zwar jedesmal von neuem über den -Nebelring, der dieses Dorf umzog, aber er war selbst ein Kind dieses -Landes, in dem man zwar flucht, im übrigen aber alle Unbill ruhig beläßt, -wie sie nun einmal ist, und ihr höchstens mit einem kräftigen Bittren zu -Leibe geht. - -Der baufällige Krug am Anfang des langgestreckten Dorfes wurde die ganzen -Abende nicht leer, sogar bei Tage bevölkerten ihn zweifelhafte Gestalten. -Das bißchen Bargeld, das sich der Tagelöhner und auch der Kossat -errackerte, wenn er zu Hofe ging, wurde hier wieder vertrunken. Es lag so -in der feuchten Luft und dem schlottrigen Gefühl, das man den ganzen Tag -in den Knochen hatte. Der Pastor konnte das nicht verstehen, er hatte ein -massives Haus und brauchte den ganzen Tag nicht aus seiner warmen Stube -heraus. Darin war der gnädige Herr besser, er begriff sehr gut, daß man -bisweilen »saufen« müßte, um sich aufrecht zu halten. - -Übrigens kam es ihm auch gar nicht darauf an, selbst wenn es sich gerade so -machte, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen. - -Sonst hatte er es gerade nicht nötig, ins Herrenhaus krochen die Nebel -nicht herauf. Dies lag auf einem Hügel, der überdies noch künstlich erhöht -war, und war von den Vorfahren dieser Dörfflins, die sicherlich mehr -Geld gehabt hatten, als die jetzigen, außerordentlich solide und fest -aufgeführt. Ein breiter, chaussierter Fahrweg führte aus dem armseligen -Dorfe in sanfter, bequemer Steigung bis an das Tor, ein prachtvolles -Steinmonument vergangener Jahrhunderte, von dem noch verwitterte Ritter- -und Engelfiguren und noch mehr verwitterte fromme und auch trotzige Sprüche -die späten Enkel grüßten. - -Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige -Einfahrtsrampe. - -Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur -recht ungenügend gehalten. Es war ein nüchterner und kahler Bau, an dem -nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene -Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, mußten -verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging -eine trübe und schändliche Sage um, daß der Großvater des jetzigen Herrn -v. Dörfflin aus einem zwar erklärlichen, aber wenig ehrwürdigen Grunde -einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben -habe. Aber man redete nicht laut darüber. - -Das Schloß war breit angelegt, dauerhaft, aber häßlich und unwohnlich. -Auf den breiten Treppen zog es beständig, und wer über die unendlichen -Bodenräume ging, mußte mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran -dachte, wie es sein müsse, hier zur Winterszeit in den unzähligen Kammern -zu tun zu haben. - -Frau v. Dörfflin, ein verwöhntes und verzärteltes Großstadtpüppchen, hatte -diese Zustände vier bis fünf Jahre treulich durchgemacht und dann gründlich -darüber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes -Bett tragen ließ. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre -Pflichterfüllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen -sie sich wie ein rührend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter -Körper mußte den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem -Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflänzchen in -verkehrter Pflege und löschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelöscht -waren, mit denen sie über die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte -gehen wollen. - -Herr v. Dörfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von -Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so -viel wußte, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren -Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben -konnte, gutmütig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer -starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der -ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles -geführt hätte als diese selbsterwählte, bei dem sie aus dem Husten und -Frösteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schluß doch kaum mehr -hinterließ als den halb mitleidigen Ruhm: - -»Joa, se is gaud, uns' gnä Fru. Äwer äten kann ein' doch nich, wat se -koakt.« - -Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch gründlicher zu machen, -zog sie sich ihren ältesten Jungen, ein schönes zartes Kind von fast vier -Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v. Dörfflin saß in seinem -kalten, ungemütlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht -mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur -in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mädchen, dem Fritzchen, dem -unruhigsten und wildesten aller Säuglinge, verzagt in den Wagen und in -das ewig schreiend aufgerissene Mäulchen gucken. Oder er konnte seine -Zweijährige, die artige blonde kleine Gisela, an das Händchen fassen, sich -krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar -dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverständlich waren, und -sich dann mit dem fatalen Gefühl seines Nichts wieder davon heben. - -Mit der Zeit wuchs Gras über das stille Grab der stillen törichten kleinen -Frau, und Herr v. Dörfflin ließ das Gras auch wachsen. Er »ließ« überhaupt -meist alles, und nur seine Reitknechte wußten es (weil sie es fühlten), daß -er unter Umständen auch sehr aktiv und selbsttätig sein könne. - -Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren -Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen, -wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermädchen schob es auf -den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschäl-Weiber, -und die wiederum fanden, daß das Zimmermädchen auch für den Boden nicht -zu feine Hände habe. So ging der Tanz immer fröhlich reihum, schlief auch -dazwischen monatelang ein, bis zum großen Frühjahrsreinemachen oder zu -Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin, -die hier eigentlich das Machtwort hätte sprechen müssen, hatte ein zartes -Verhältnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie fürchtete, -mit ihrem Abgang reißen könnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den -Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen müssen, als eine -allgemeine Petition deswegen an Herrn v. Dörfflin erging. - -So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern -häuften sich zerrissene und schadhafte Wäsche und Kleidungsstücke auf, die -man nur »aus der Hand« legte, um sie »nächstens« auszubessern. - -Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmütigen Gesicht nahm ihr -Kleidchen eng zusammen, wenn sie über den Boden ging, und ging dort auch -nur, wenn es durchaus nötig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da -kümmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene -Hausgerät in den Ecken. - -Fritzchen schloß Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den -Sonnenstäubchen, selbst mit zerbrochenen Stühlen und alten Bettlaken. Wenn -man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen. -Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend, -murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer großen -Gesellschaft. - -Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch -nichts anfangen. Da war sie ungebärdig, höchst unbequem zu haben, oder sie -langweilte sich und plärrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein -lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mußte man ihr ein graues -Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich -hier oben holte. - -Bis dahin war alles sehr schön. Gisela zwar zog ein Mäulchen, wenn -Fritzchen mit glühenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Härchen mit -Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurückkam. Sie hatte unterdes Perlen -aufgezogen, ihr Püppchen geputzt oder bei dem Fräulein in der Fibel -gelernt. Aber das störte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie -kannte es auch nicht anders, als daß der Papa sich nicht im geringsten -um seine Kinder kümmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch -bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene -Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden. - - * * * - -Unterdessen, ganz für sich und unabhängig von den kleinen Kinderherzen und -Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben. - -Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schönen, lustigen -Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v. Zülchow. Der hatte sein Besitztum -auf Rummelshof, das ungefähr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben -und dann als Jünglinge waren die beiden trotz großer Verschiedenheiten die -besten Kameraden gewesen. Später war das anders geworden. Die Frau, die -Herr v. Zülchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschöpf, das eine -Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v. Dörfflin hatte. Dadurch wurde -der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu -fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen -Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor. - -Jetzt als Herr v. Dörfflin ein unverhülltes Interesse an einem etwas -zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle -alte Kameradschaft mit erneuter Stärke in Fritz v. Zülchow auf. »Sieh Dich -vor, Lutz!« drängte er. »Es ist nichts damit. Ein weißes Gesicht und ein -schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.« - -»Ach was, dummes Zeug«, sagte Ludwig v. Dörfflin. - -Einmal war der Freiherr v. Zülchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur -Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah -er die Kinder hinten durch die Büsche laufen, er rief sie an. Gisela kam -gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein kräftiger, froher -und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und -Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, faßte -es, und während er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte, -erzählte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei großen Jungen, -Gregor und Hans Henning, die reiten, schießen und schwimmen könnten wie die -Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der -scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes löste und ein -süßes, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam. - -»Bring sie mal mit, die Jungens --«, sagte der kleine Mund. - -»Ja, wenn ich wiederkomme«, sagte der Freiherr, und er nahm es von jeher -ernst mit dem, was er versprach. - -Unterdes war der Vater des kleinen Mädels herangekommen. Der Fremde setzte -das Kind ab und behielt es an der Hand, als er sehr ernst, aber gedämpft -sagte: - -»Ludwig, kannst Du Dir Fräulein Wurach hier als Stiefmutter vorstellen?« - -In Herrn v. Dörfflins rundes rotes Junkergesicht kam ein ehrlich ratloser -Ausdruck. - -»Ja nu -- ja nu --«, brummte er. - -»Ich nicht«, sagte Herr v. Zülchow ziemlich hart. - -»Ja nu -- was weißt Du denn von ihr? Sie ist -- ach, was geht's Dich an. -Lassen wir das. Sowas verträgt keine Einmischungen. Du verstehst mich, -Fritz, nimm's nicht übel.« - -Als der Freiherr fort war, trank Ludwig Dörfflin die halbe Nacht durch in -Gesellschaft seines Försters, und mehr als ihm gut war. Er liebte seinen -Freund über alles, und nichts war ihm fataler, als den zu erzürnen. - -Aber das sieht doch ein Kind ein, daß man sich in Liebessachen nichts -vorreden lassen kann. Was war das für eine Anstellerei, das Fritzchen aus -dem Gebüsch zu ziehen! Als ob die Anneliese Wurach ein Drache wäre. Pfui, -pfui, solchen Engel zu beleidigen. - -Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, daß die Gläser -tanzten. - -»Märzmüller«, sagte er lärmend zu seinem Getreuen. »Sind Sie lieber ein -Packesel für andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen -die Schenkel?« - -»Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel«, sagte der grüne -Zechgenosse. - -»He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke -nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?« - -Er war noch nicht so betrunken, daß er den Untergebenen in seine Pläne -wirklich und deutlich eingeführt hätte. -- -- - -Ja, diese Pläne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb -hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hübsche, sehr gewandte -Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspächter der Gegend -zu Besuch. Keinem Haus der höheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen. -Aber Ludwig Dörfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfähig. -Daß er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall, -ein bißchen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fähigkeit, sich in -Szene zu setzen, vermißt. Auf dem Gutspächterhofe kam man ihm mit Handkuß -entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewöhnt. An Fräulein -Wurach lag es nicht, daß er die Werbung verzögerte, sondern nur an der -(unter diesen Umständen) lächerlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor -seiner Erwählten. - -Es war jetzt November geworden. Man mußte schon wissen, was der November -bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem -Rummelshofe, auf dem die Zülchows saßen. Die Winde hatten sich hier -festgesetzt in den Buschgräben und hinter den kleinen Maulwurfshügeln von -Anhöhen, an denen bergauf, bergab die Pflüger hinter dem Gespann gingen. -Die Pferde, die den offenen Rummelshöfer Herrenwagen zogen, legten sich -schief, um von dem gewalttätigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrängt zu -werden. »Haltet die Mützen fest, Jungens!« Hui, da flog dem Hans Henning -seine schon über den Graben. »Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch -Deine Nase fest!« - -Schwer, dick, massig hingen die Wolken am düsteren Himmel, der Wind kam -ihnen kaum bei. »Wenn sich das ausschüttet, ist es Schnee«, sagte der -Freiherr. »Wie lange sind wir gefahren, Jochen?« - -»Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.« - -»So. Macht auf Hin- und Rückfahrt fünf Stunden. Jungens, daß Ihr zu meinem -Patchen, dem kleinen Mädels-Fritz, gut seid! Sonst wäre es nicht fünf -Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute -nicht so ungeheuer zwölfjährig und untertertianerhaft, mein Sohn.« - -Der Gregor, ein langer, feiner, blonder Junge, wollte wohl antworten, aber -der Wind riß ihm die Worte vom Munde ab und hätte beinahe auch noch die -Nase mitgenommen. Es war eine stolze Nase -- um die von Hans Henning wäre -es nicht so schade gewesen. - -»Vater, das ist ein Wind!« prustete er nun bloß. - -Ja, der Wind, der war schon etwas für deutsche Jungens, die sich von ihm -fünf Meilen lang im offenen Wagen um die Ohren pfeifen lassen. - -»Da ist Hohen-Leucken.« - -Das Herrenhaus sah vom Hügel herunter, grau unter dem schweren, -wetterdrohenden Himmel. Die Jungen sahen es aufmerksam und mit der -ungeheuer sachlichen Abschätzung an, auf die man sich in diesem Alter so -viel zugute tut. Aber die Hauptsache an dem alten häßlichen einsamen Hause -sahen sie doch nicht: ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen, das -schon seit geschlagenen zwei Stunden durch die eine der Dachluken auf den -Weg spähte, der übers Moor ging. - -»Gisa, Gisa, sie kommen, sie kommen!« - -Des Hauses jüngstes Kind poltert die Treppe hinunter, daß man es bis ins -entfernteste Zimmer hört, stolpert, fällt, poltert weiter, schreit: »Sie -kommen, sie kommen!« - -Gisa war blutrot vor Ärger. »Dumme Jöre, man schreit nicht so! Was ist denn -dabei? Geh lieber und kämme Dich!« - -Sie liebte solch kindisches Getue nicht. Sie genierte sich wegen des dummen -Fritzchen, die feine kleine Gisela im hellblauen Kleidchen. - -Als es nun wirklich so weit war und Herr v. Zülchow mit seinen großen -Jungen in der Halle stand, steckte Fritzchen die Finger in den Mund und -hätte sich am liebsten verkrochen. Ach ja, sie war auch zu nichts zu -gebrauchen. - -Gregor war auch ganz anders, wie sie sich gedacht hatte, viel größer und -stolzer. Er sah über ihre Köpfe fort und redete zum Papa, als wäre er ein -ganz Großer. Er wäre auch am liebsten nicht mit an den Kinderkaffeetisch -gegangen, aber das war nun mal so eingerichtet. Fritzchen steckte aus -lauter Verlegenheit ein so großes Stück Kuchen in ihre volle Tasse, daß -alles überplantschte. Gisa ärgerte sich wieder, aber Hans Henning lachte -darüber. - -»Grad' wie ich's immer mach', Fritz. Kriegst Du dann auch immer Stripse auf -die Finger?« - -»Nein.« - -»Aber ich. Von Herrn Ritter. Weißt, wer das ist? Unser Hauslehrer. Weißt Du -auch, warum er immer so mager ist?« - -»Nein.« - -»Weil wir ihn immer ärgern. So sagt er. Wie findest Du das?« - -»Ach!« Sie sah auf, ganz staunende Bewunderung. Dann leiser, mit ihren -winzigen Fingerchen verstohlen auf Gregor deutend: »Der auch?« - -»Na! Und ob der nicht! Ich sage Dir, Fritz! Na, ich werd' Dir noch viel -erzählen.« - -Er sah zu dem Bruder hinüber, daß der sich auch über das liebe kleine Ding -freue. Aber der saß da und sah sehr kühl aus, ungeheuer zwölfjährig. - -Gisela machte die Wirtin. Sie hatte wunderfeine, geschickte Fingerchen -dabei. Sie war lange nicht so hübsch wie das Feuerfünkchen drüben, aber sie -sah viel aristokratischer, mädchenhafter und wohlerzogener aus. Als Gregor -trotz seiner Untertertianerwürde sechs Stücke Blechkuchen hinter sich -hatte, bequemte er sich, das kleine Fräulein anzureden, und fand ihre -Antworten und Bemerkungen über Haus, Garten und Viehstand hier, nach denen -er sich erkundigte, »gar nicht so dumm.« - -Fritzchen war ein Querkopf. Sie hätte sich an der Freundschaft mit Hans -Henning genügen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit -ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben, -bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr -amüsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal -nach Rummelshof käme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen, -rundköpfigen Jungen mit der aufgestülpten Nase, den Schelmaugen und der -Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber -sowie sie konnte, schlüpfte sie immer wieder in die Richtung, in der -sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre täppischen -Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie -doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen. - -Jetzt wußte sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Könige ihrer -Spielträume aussahen, und sie faßte eine stille und tiefe Verachtung für -die bunten Bilder aus ihren Büchern, die ihr bisher maßgebend gewesen -waren. - - * * * - -Herr v. Zülchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum -Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach draußen -laufen hörte, verschärfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, daß -sein Gesicht sich rötete. - -»Ich bin hauptsächlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig«, -sagte er. - -Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v. Dörfflin warf seine Zigarre -fort. »Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare -den Versuch!« brauste er auf. »Ich lasse mich nicht bevormunden.« - -»Ach Gott!« sagte Herr v. Zülchow tief ärgerlich. »Innere Angelegenheiten! -Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame -ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.« - -»Hast Du etwa die Ahnung?« höhnte der große Junge mit seinem -treuherzigsten, dümmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so -impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen -Disput hatte er noch nie bestehen können. - -»Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht über Dich. Als -Fräulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber -verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hübscher für sie ist, -Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich -weiß schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die -Pastorin Barthold von ihr erzählt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die -Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals über Kopf fortgekommen, -weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebäcke hatte! Nun, wenn -sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.« - -Im Lampenschein sah Fritz Zülchow jetzt das Gesicht, es sah so -jammerwürdig verblüfft und hilflos aus. »Gib mir Beweise für diese albernen -Klatschereien«, bullerte Ludwig Dörfflin heraus. - -Beweise? Ach lieber Gott, die waren nicht so schwer zu erlangen. Aber er -hatte so ein verdammtes Mitleid mit dem runden roten lieben Gesicht, das -in die freiesten und lustigsten Stunden seines Lebens hineingehörte wie die -Lichter an dem Christbaum. - -Er schwieg; ihm selber, nun er das schwere Amt hinter sich hatte, da die -Komik verflogen war, stieg Schmerz und Traurigkeit bis in die Kehle. Es -soll ja schon manchmal vorgekommen sein, daß in solcher Stunde aus einer -alten Liebe ein tödlicher Haß geworden ist. - -Ludwig Dörfflin sah auch eigentlich nicht darnach aus, als ob er solche -Lehre still in die Tasche stecken und in Tapferkeit und ehrlicher -Selbstüberwindung darüber fortkommen würde. Von solch einem Ding wie -Selbstüberwindung hatte dieser kleine trink- und hiebfeste Gutsherr sein -Lebtag noch nichts gehört, wenigstens war ihm das nur etwas für seinen -Reitknecht. - -»Soll ich lieber jetzt die Jungen rufen und fahren?« fragte Herr -v. Zülchow. - -»Ach was. Wozu? Bleibt nur ruhig!« - -Das sprach die Wirtspflicht aus ihm, die gute Manier, die den armen Kauz -auch zu schlimmster Stunde nicht verließ. Nicht einmal der Gedanke kam ihm, -sich mit dem Beleidiger seiner Dame zu schlagen. Er hatte ja recht. Jedes -Pünktchen glaubte er. Er sah Fräulein Anneliese in der allerschlechtesten -Beleuchtung, die nur möglich war. -- Aber, was nun weiter? - -Herr v. Zülchow wandte sich von dem kläglichen Bilde ab und ging hinaus, -durch eine Seitentür in den novemberkahlen Garten. Man hatte das letzte -Laub noch nicht weggeharkt, es rauschte unter seinen Füßen. Der lustige -Wind von da unten, der mit Hans Hennings Mütze über den Graben gesprungen -war, brach auch hier oben ein, über die Backsteinmauer mit ihren dürren -Efeuranken fort, durch die Stämme der alten Bäume. Er blies auch die letzte -schwere Stunde dem einsamen Wanderer vom heißen Kopfe fort. - -Nun weiß er wenigstens Bescheid, dachte der. Mag sein, daß es zwischen uns -aus ist, aber eine schreckliche und jämmerliche Zukunft habe ich diesem -Hause und den kleinen Kindern, dem kleinen Fritzel, erspart. - -Als er zurückkam, stand Ludwig Dörfflin mitten in der Stube und sah so -erhitzt und abgespannt aus, als habe er eben zu wohltätiger Körperübung -über alle Stühle gesetzt. - -»Morgen fahre ich nach Lanzow und sage ihr alles!« rief er dem Freund zu. - -Der dachte: man muß auf jeden Fall verhindern, daß er jetzt gleich mit ihr -spricht. Er ist zu unselbstständig in dieser Angelegenheit, und sie würde -ihn wieder bestricken. Ein großer Geist ist er ja nicht, aber so dumm doch -auch nicht, daß er in Wahrheit diesem Frauenzimmer mehr glauben sollte als -mir! Und auf dieses große schöne und berechtigte Vertrauen setzte er sich -so fest und solide nieder wie jetzt auf das breite braune Ledersofa, auf -dem er mit seinem Freunde schon mancher edlen Flasche den Hals gebrochen -hatte. - -Es war am Ende dann nicht so schwierig, ihn zu bewegen, diese Angelegenheit -erst einmal schriftlich anzufassen. Mit Herrn v. Zülchows Hilfe entstand -ein Brief, der deutlich genug war, selbst von Fräulein Wurach verstanden -zu werden, und der doch Lutzens gequältem Herzen die Hoffnung ließ, eine -tröstliche und alle Verleumdungen zerschmetternde Antwort zu erhalten. - - * * * - -Aber die Zeit verging, eine Antwort traf nicht ein, und in der Gegend -erzählte man, daß Fräulein Wurach abgereist sei. - -Herr v. Dörfflin war darnach eine lange Zeit blaß und schlottrig, und als -er sich wieder erholte, verfiel er aufs Trinken. - -Das Schlimmste dabei war, daß er sich genierte, mit den alten Freunden -zusammen zu sein und lieber in die weit entfernte größere Stadt fuhr, wo er -in einen Trink- und Spielklub niederen Ranges geriet. - -Sein Freund, Herr v. Zülchow, machte sich anfangs keine Gedanken hierüber. -Diese wüste Periode war vielleicht ein ganz begreiflicher Abschluß. Aber es -blieb dabei. Die schlechten Gesellen, die ihn ausbeutelten, wußten, was sie -an ihm hatten, wie Fräulein Wurach es gewußt hatte, und sie fesselten ihn -durch Schmeicheleien, auch wie sie. - -Der Rummelshöfer versuchte schriftlich und mündlich sein Möglichstes. -Aber der von Hohen-Leucken war nicht mehr für ihn zu sprechen, er wurde -beleidigend in seinen Ausfällen. Er hatte schon Schule gemacht in seiner -neuen Umgebung und hatte Ausdrücke an sich, denen man nur aus dem Wege -gehen oder sie blutig rächen mußte. - -Die große Stadt lag von Hohen-Leucken drei gute Stunden Wagenfahrt -entfernt. Die Leuckener Kutschpferde mußten sich schon an diesen Weg -gewöhnen. Oft, wenn Herr v. Dörfflin ungnädig und durch irgend etwas an -seinen Kumpanen geärgert war, konnten sie sogar ohne Rast wieder umkehren -und die drei Meilen wieder zurückjagen. Zu Hause aber mußten die Bonne und -die Mädchen nur bemüht sein, die Kinder aus der Nähe ihres Vaters fern zu -halten. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Wenn in diesem Witwerhaus schon früher ein Besuch eine Seltenheit gewesen -war, so blieb er jetzt ganz aus. Das sehnsüchtige Struwwelköpfchen brauchte -nicht mehr stundenlang aus der Dachluke zu spähen, es kam doch kein Wagen -übers Moor, der so lustige und reizvolle Fracht trug wie der Rummelshöfer -am Novembertage. - -»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen Tag für Tag -die Schwester. Die zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.« Aber sie hatte -dabei einen scharfen, unkindlichen Zug um den Mund, der von aufgeschnapptem -Mägdeklatsch herrührte. - -Fritzchen sehnte sich nur, aber Gisa litt an der Vereinsamung ihres Hauses -als unter einer Schande. - -»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen ihre Bonne, -fragte sie ihr Mädchen, das sie zu Bett brachte. - -»Sie werden schon wiederkommen«, war die eine Auskunft. Sie ging von der -Bonne aus, die es sich gern bequem machte. - -»Herr v. Zülchow ist bös mit Papa«, war die andere Auskunft. - -»Warum ist er bös?« - -»Na -- Papa ist doch manchmal grob und schimpft.« - -»Ich will ihm sagen, daß er mit Herrn v. Zülchow wieder gut sein soll.« - -»Das tu Du nur«, sagte das Mädchen und lachte. - -Fritzchen hatte eine unruhige Nacht voll wilder Träume, ein paarmal wachte -sie auf, in Schweiß gebadet. Sie hatte mit Ungeheuern gekämpft, aber das -Ungeheuer hatte plötzlich Papas Gesicht gehabt. - -Früh stand sie auf und zog sich an, schnell, schnell und im Dunkeln. -Draußen schneite es, und der Wind klapperte mit den Läden. - -Die Bonne lag noch im Bett und schlief. Plötzlich fuhr sie auf. »Fritzchen --- was willst Du?« - -»Nichts.« Damit raffte sie das Kleidchen, das sie noch nicht angezogen -hatte, zusammen und huschte hinaus, es im Korridor anzuziehen. - -Wie seltsam das Haus aussah zu dieser Zeit. Alle Türen standen auf, der -Wind fuhr klappernd durch die Gänge. Die Mägde liefen mit Besen und Eimern -herum, in den Öfen bullerte das Feuer, aber überall war es noch bitterkalt. - -»Fritzchen! Was willst Du denn?« rief Jakob, der eben die geputzten Stiefel -des Herrn in dessen Schlafstube bringen wollte. - -»Wacht Papa schon?« - -»Jawohl. Aber er liegt noch im Bett und trinkt Kaffee.« - -»Jakob, nimm mich mit 'rein!« - -»Du bist jawoll -- was würde er da für Augen machen!« - -»Laß ihn doch. Aber geh Du nur, ich komme schon mit.« - -»Na, mir kann's ja egal sein.« - -Dicht an die Beine des stämmigen Burschen geschmiegt, wie ein Mäuschen, das -sich unversehens mit einschleicht, drang der kleine Abenteurer ungekämmt, -mit hinten offenstehendem Kleidchen in das Zimmer ein. Der Papa saß -aufrecht im Bett, neben sich das Kaffeegerät und las die Zeitung. Er sah -gar nicht auf, bis ein winziges Geschöpf an seinem Bettrande auftauchte. - -»Na nu!« - -Er ließ die Zeitung fallen. Sein Gesicht erschien in dem Rahmen der weißen -Kissen noch röter als zuvor. »Was fällt Dir ein? Was willst Du hier? Ist -jemand krank?« - -»Papa -- warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« - -»Welche Jungens?« - -»Gregor und Hans Henning.« - -»Teufel!« Er nahm die Zeitung wieder auf. »Was geht's mich an? Geh' raus! --- Was geht's mich an, sage ich!« Er ließ das Blatt wieder sinken und -schrie das blasse kleine Gesicht wütend an. - -Das blieb wie es war, wich und wankte nicht. »Du sollst gut sein mit Herrn -v. Zülchow. Die Jungens sollen wiederkommen. Du sollst's machen!« - -»Was ist denn das für eine Verrücktheit! Jakob, schaff das Mädel fort! Was -sind denn das für neue Moden!« - -Jakob grinste innerlich und auch ein bißchen äußerlich. Als er die kleine -Hand anfaßte, geschah es sehr behutsam, er zupfte auch nur, ein wenig -mahnend, in der Gegend nach der Tür zu. - -»Du sollst's machen!« rief Fritzchen laut. Ihre Augen loderten, das ganze -eben noch blasse kleine Gesicht war von Glut überzogen. - -»Du sollst gut sein! Die Jungens sollen wiederkommen!« - -Da hatte Jakob sie glücklich bis an die Tür. »Papa! Du sollst's -machen!« Sie hob sich noch einmal auf die Zehen -- dann verschwand das -feuersprühende kleine Bild. - -»Nee, sowas -- nee, sowas --« murmelte Herr v. Dörfflin. Er saß noch ein -Weilchen, wie er saß, aber er las keine Zeile mehr, und auch sein Kaffee -blieb stehen. - -»Jakob, zum Donner, so gib mir doch endlich die Stiefel! Was wollte denn -das Balg? Wie kam's hier herein?« - -»Ich weiß nicht, gnädiger Herr.« - -»Ist sie denn ganz -- --« - -Unter beständigem Brummen und mancher unwirschen Frage an Jakob, die der -stets mit Unwissenheit ablehnte, zog Herr v. Dörfflin sich an. Es war noch -viel zu früh für seine Gewohnheit. In seiner Stube scheuchte er die Mädchen -heraus, schloß die Fenster, in die der Schnee wehte, und im Schein der -Küchenlampe, die das Mädchen hatte stehen lassen, schrieb er auf ein -Notizblatt: - - »Lieber Fritz, so komme doch endlich wieder und stelle Dich nicht an - wie eine alte Jungfer. - - L. D.« - -Dann steckte er den Brief in einen Umschlag, aber schickte keinen Boten -damit ab, sondern lauerte selber dem Briefträger auf, damit das alberne -Gesinde nicht mit ansähe, was er für ein weichherziger Narr war. - - * * * - -Hätte Fritz v. Zülchow das kleine mutige Ding im offenen Kleidchen und mit -seinem Struwwelköpfchen an des Vaters Bett gesehen, so hätte er wahrlich -nicht geschrieben, wie er schrieb. - - »Lieber Lutz! Du begreifst, daß Du durch Deine Auffassung von Deiner - Würde und Deines Hauses Würde, die mich auf das schmerzlichste - überrascht hat, einen so dicken Strich zwischen Dich und mich gezogen - hast, daß er nicht so einfach, wie Du meinst, übersprungen werden kann. - Es müßten andere Dinge geschehen, ehe ich wieder meinen Fuß über Deine - Schwelle setzen könnte oder Dich bitten könnte, in mein Haus, in die - Nähe meiner Frau zu kommen. Nimm die aufrichtige Versicherung meiner - tiefen Betrübnis über diese Lage der Dinge.« - -Herr v. Dörfflin wurde fahl, als er dies las. Er fiel in den Stuhl vor -seinem Schreibtisch nieder und starrte vor sich hin. Es wühlte, es wühlte -in ihm, daß er bebte. - -Ja ja -- er hat schon recht. Es ist vielleicht so. Ich hätte es auch nicht -getan, früher -- - -Fritz -- so ist's mit uns geworden -- -- - -Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die -Mützen ab, als er vorüberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das) -einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen -jämmerlichen Mut. - -Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schöner, mich in -meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl, -wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen! - -Als er zurückkam, draußen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen -Schlitten. Sie hatte ein schäbiges Mützchen auf, aber es stand ihr gut. Sie -blieb stehen und sah den Vater an. - -Da ging ihm eine heiße Welle übers Herz. »Fritzel --« sagte er unbeholfen -und streckte seine Hand aus. Sie ließ die Leine, an der sie den Schlitten -zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre großen ernsthaften Augen blickten! - -»Fritzel -- ich wollte schon -- aber er will nicht -- Fritzel --« - -»Hat er Dich abgeschlagen?« fragte sie, blaß vor Spannung. - -»Ja ja -- er hat's -- er hat's -- ja Fritzchen --« - -»Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck!« Sie glühte vor -Trotz. - -»Ich wein' doch nicht, dumme Jöre. Weinen! Noch schöner! Nee, nee, lassen -wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. -- Magst Du denn -diese Jungens -- wie heißen sie doch? -- so fürchterlich gern?« - -»Das ist nun ganz egal!« sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins -Haus. Sie wußte, daß sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Königslisten -einer großen Umänderung unterwerfen müsse. - - * * * - -Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus! -Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten -Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig -waren. - -Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte -Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was -aber hatte er jetzt? - -Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze, -seine feine stolze kleine Gisa -- die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber. -Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der -Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen -kam -- ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem -sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann. - -Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig -besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen -ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer -Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte --- so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben -ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch -gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn -setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies -alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah? - -Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte -nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen -fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine -Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die -Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe -um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und -emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht -vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr -Stolz war verwundbarer als ihr Herz. - -Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen, -das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese -Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der -Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz, -die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der -dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten? - -Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte -Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste? - -Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein -kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela -versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer -kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte -dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt. -Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern -über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde -blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in -der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig -und auch wohlwollend nach ihnen um. - - - - -Drittes Kapitel. - - -An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das -steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig -im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein -Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann, -Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb -stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom -Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche. - -»An -- -- soll's an mich --?« - -Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte. - -Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger -flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es. -Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm. - -»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.« - -»Gregor --?« - - »Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt - gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen. - Wir bitten Sie, zu eilen. - - Hochachtend Gregor v. Zülchow.« - -»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da -hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd -gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie -heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens, -Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande -des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt -gesehen. - -Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an -seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem -Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen -daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten -Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen -ausrichten. - -Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten -zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand -in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er -jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche -erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. -- Aber _er_, mit -_seiner_ Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes -willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte -- jetzt wußte -er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte -auftauchen sehen -- und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht -- ach ja, -aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch -dasselbe Gesicht! - -Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen -Sterbelager in die Knie. - -»Fritz -- Fritze -- vergib mir das --« - -»Ja -- aber tausendmal, mein alter Lutz --« - -Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v. Zülchow und Ihr -großen, langen Menschen, Ihr könnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt -nichts mit ihm versäumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach -der Stadt hin -- zurück, hin -- zurück -- -- pfui, dies Lotterleben, wie -ist es mir verhaßt, wie ist es mir zuwider! - -»Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!« - -»Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich -Dir nie böse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut -mir leid, daß ich so hart war. Laß, heul doch nicht, alter Bursche! Wir -sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine -Jungens öfter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, daß ich Dir -vertraue!« - -»Ja, ja!« schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit -Herrn v. Zülchows Bettzipfel die Augen. - -»Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier -schwöre ich Dir, daß alles aus ist mit dem schlechten Leben. -- Ach, ich -möchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und -gut und groß. Was liegt an mir altem Sünder, altem Lumpen --?« - -Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und führte ihn fort. Um Frau -v. Zülchows willen war das dringend nötig. Man konnte diesen fremden, etwas -verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lärmen lassen, als -sei er der einzige Zugehörige. - -Der arme Herr Ludwig ließ sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er -scheu in des Jünglings eisiges Gesicht. - -»Ich weiß«, sagte er bedrückt, »ich war wohl zu laut --?« - -»Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir müssen ihn allein haben. -Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin? Sie haben ja Abschied genommen.« - -»Allein haben --. Ja, Ihr seid die Glücklichen --« murmelte der verstörte -Mensch. Aber das schmale kühle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht. - -»Herr Gregor, lassen Sie mich hier!« flehte er plötzlich außer sich. »Ich -geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lärm. Lassen Sie mich hier an -der Tür sitzen, ich werde mich nicht rühren. Und wenn, können Sie mich ja -noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater über alles -lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau -Mutter kannte, die nun den größten Platz und das größte Recht bei ihm hat. -Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier. -Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell -- kennst Du mich -noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier -doch nicht so ganz ohne jedes Recht.« - -»Wie Sie es wünschen, Herr v. Dörfflin«, sagte Gregor v. Zülchow, holte ihm -einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tür hinter sich -zu. - -Der Mann und der Hund saßen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne daß -sich jemand um die beiden kümmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie -saßen auf der Schwelle und hörten den harten Todeskampf des Mannes, der -ihnen beiden der Liebste war. - -Am anderen Vormittag um neun war es vorüber. Unter den Dienstboten, die -hereingeführt wurden, war auch Herr v. Dörfflin. Aber er kehrte nach dem -ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tür schon wieder um, -liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefährten -dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt -zurück, den einst so wohl vertrauten Weg. - -Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lüsten -dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Büschel grauer Haare. - - * * * - -Das kleine Fritzchen hat einst geweint, daß »die Jungens« nicht wieder -kamen. Nun sind sie plötzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine -Jungens mehr. - -Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er -studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn ungläubig an. _Der_ -will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemütliche Pastor -unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v. Zülchow im -Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So müssen Pastoren doch immer -aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube? - -Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verächtlich aus. »Gott, -was für 'ne Idee! Der wird doch natürlich Professor oder Hofprediger oder -so etwas.« - -Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwölf -geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum -und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Gerümpel, die -Sonnenstäubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten -Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar. - -Ach Gregor! Welch ein Held war er doch! - -Der Jüngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor -Jahren angesehen hatte. Was wollte er überhaupt in Hohen-Leucken? Er stand -mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an -allen Menschen und Dingen vorbei, als wären sie Luft. - -Herr v. Dörfflin -- na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's -so gewollt, da fährt man eben mal herüber, zeigt sich, steht ein Stündchen -hier herum, dann ist es aber auch übergenug. - -»Hans, laß den Wagen wieder vorfahren, ja?« - -Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das -geschah ihm überhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes -Gewissen hatte. »Ich habe Jochen gesagt, daß er ausspannen soll --« -stotterte er betreten. - -Über Gregors weiße Stirn flog eine zornige Röte. Wenn schon einmal -ausgespannt war, mußte auch gefüttert werden. Da konnte man sich noch ein -gutes Stündchen hier um die Ohren schlagen. - -»Tollpatsch!« Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber -nicht viel aus. Er war an kräftigere Dinge als an Benennungen gewöhnt und -hatte sich für solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen. - -»Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?« - -Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die, -welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das -fortwährende Abreißen der Unterhaltung in eine amüsante Zwiesprache, die -selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und kräftig wie der Stoß -von unten war. - -»Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weißt Du noch? Damals warst Du ein -wilder Käfer im roten Kleidchen.« - -»Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.« - -»Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.« - -»Du willst Offizier werden?« - -»Na, natürlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.« - -»Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?« - -»Na, weißt Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der -wird nochmal ein Licht. Aber ich! -- Na, ich möcht' gar nicht so sein.« - -Fritzchen war wieder oben im Blättergewirr. - -»Möchtest Du fliegen können, Hans Henning?« - -»Fliegen? Nein. Wozu?« - -»Ich möchte. Über die Bäume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein, -bis in die Sonne. Ich möchte mal sehen, wie es da ist!« - -»Da verbrennst Du ja. Oder nein -- Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber -wenn Du fliegst, Fritz, muß ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht -allein zu den Trampeltieren da oben lassen.« - -»Was für Trampeltiere?« - -»Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama läßt es -heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.« -- -- - -Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die -sandige Dorfstraße dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mütze leuchtete -noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut -- nun -fort -- -- - -»Du, Gisa -- wir sollen nach Rummelshof kommen!« - -Gisa war wieder so hübsch und fein angezogen, daß man ihr Kleid jetzt bald -lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden. - -»Ja, ja -- aber das ist ja doch nur alles Schein«, sagte sie bitter. Es -war beinahe, als kämpfe sie mit Tränen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das -Alleroberflächlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine -Verachtung zu verbergen weiß. - -»Schein --?« sprach Fritzchen verständnislos nach. Nein, sie war noch zu -dumm, es ließ sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. -- Aber wozu -auch bereden. Es war schon, wie es war. - -Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre -nach Rummelshof abging. Die Blätter, in die das Fritzchen auf der Schaukel -hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um -das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger -als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und -Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder saß mürrisch und -reizbar den Kindern gegenüber am Tisch. - -»Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet«, sagte Gisela. »Dann muß Papa -mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.« - -»Ach --« staunte Fritzchen nur ganz verblüfft. Ja, das Fritzchen kann schon -hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der großen Welt. Für die ist -es in Hohen-Leucken noch immer gut genug. - -Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur für seltsame Gebilde -sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs -Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stübchen und unten den -großen runden Schulraum. Der war gut für die Geographie, aber schlecht für -Fräulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da -konnte der schönste Schnupfen nichts dagegen tun. -- Fritzchen wußte auch, -warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch -gerade an dem Südfenster stehen mußte. Hier ging der Weg übers Moor. Es -fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal -- und -es würde wieder -- -- und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens -zu Hause waren, dann -- dann -- dann fuhr man dort selber entlang -- -- - -»Fritzchen, träum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!« - -»Ja -- ja!« - -Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der -Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren -dem Baron Laue das Gut Böllingen abgenommen, der Baron hat fort müssen, -erzählten die Mädchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin -geworden sein, und seine Töchter arbeiten in Geschäften. Mit Herrn Schultze -verkehrt kein Mensch. »Das gehört sich so«, hat Fritzchen von klein auf -gehört. Es gehört sich auch wirklich so. - -Weißt Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der -Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal für tolle Kapriolen! Er weiß -nicht, wohin, so fährt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je -gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind. - -Aber die Wolken sind doch noch mächtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie -lagern übereinander, man meint, sie wären aus blaugrauem Granit und sind -doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weiße Massen, erst -waren sie zusammengeballt, aber der Wind läßt sie nicht, schon sind sie -auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach. - -Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne -Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies -Fließende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue! - -Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja -Märchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare -Spiele. Mit ihm allein, für es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin? -- - -»Aber Fritzchen, Du träumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thème? -Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir -die doppelte Arbeit auf!« - -Ach, Fräulein Miller -- sehen _Sie_ denn die Wolken nicht? Freilich, -Fräulein Miller trägt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Fräulein! - -»Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!« - -Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, daß es auch -die dreifache Arbeit leicht gemacht hätte. - -Und zu Weihnachten geht's übers Moor! - -»Weeste, der Weg übers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr' -Du man die Fräuleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle -drin wie die Dummen.« Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten -Halbchaise vor der Rampe hielt. - -Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher, -klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrießliche -Gesicht. - -»Auch noch!« fuhr er den Jakob an. »An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast -schön predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fällt's nicht ein, -mögen die Racker sich ins Zeug legen.« - -Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes -Jahr lang gewundert, daß sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu -machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch. -Der Jakob war ein Pessimist. - -Fräulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch -auch einmal einen Weihnachtsspaß haben. Aber der Papa blieb zu Hause in -seiner verräucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen. - -»Adieu, Papa!« Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so -etwas im Gefühl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefühl, aber etwas anderes: -es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, während sie in lauter -Lust und Seligkeit hinauskutschierte. - -»Adieu, Kinder. Grüßt -- -- nein, laßt lieber. Bedankt Euch auch bei Frau -Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde dürfen -nicht so lange stehen.« - -Fritzchen drehte sich in der Tür noch einmal um. Was macht er nun alle die -Stunden über? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch -auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch -nicht. - -»Papa, ich erzähl' Dir alles, wenn ich zurückkomme!« - -»Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde --« - -»Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?« - -Was war das für eine Fahrt. Fräulein Miller wollte, daß man das Fensterchen -vom Verdeck herunterließe, um sich vor Regen und Schnee zu schützen, und -Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles draußen war so wild -und lustig! - -»Laßt mich auf dem Bock sitzen!« - -»I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur -still.« - -Es ging Schritt für Schritt. Der Boden schwankte unter den Rädern. Fräulein -Miller ängstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich -jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher -grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen. - -Fritzchen sah und hörte das alles nur halb. »Nun ist's so weit, nun ist's -so weit!« - -»Du bist noch sehr kindisch!« sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb -widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man müsse sich solches nie merken -lassen, sobald man »erwachsen« sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost -für Fräulein Miller. - -»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen, Fräulein Miller«, sagte -Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schüttelei von fast drei Stunden. -»Da ist die Mauer -- da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.« - -Fräulein Miller erholte sich. »Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht -die Rückfahrt!« - -»Wir haben Mondschein«, sagte Gisela. - -Fritzchen aber dachte: Nacht und Rückfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja -noch hundert Jahre hin! - -Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte -auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener -Chaise mit ihrem Inhalt an? - -Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus. -Hier war alles anders als zu Hause, ach, so groß und schön und fein! -Einen Augenblick herrschte das jähe, wilde Gefühl in ihr, auszureißen, -fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie fürchtete den Schall -der eigenen Schritte. - -»Gisa« --, sie wollte sich der an die Hand hängen, die schüttelte sie ab. -»Laß das!« Möglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie -mit Augen gesehen, so tat sie. - -Da stand eine große, feine, stolze Dame. Sie begrüßte Fräulein Miller, -die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mädchen die Hand. Fritzchen -blickte auf und vergaß alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor. - -»Wo ist Gregor?« fragte die schöne, stolze Frau. - -»Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.« - -»Nun, Ihr kleinen Fräulein, so richtige Spielgefährten kann ich Euch hier -gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er -wird sich nach Kräften bemühen, Euch gut zu unterhalten.« - -Und so weiter, was eine liebenswürdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar -kleine Mädel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut hätten fortbleiben -können. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen -Dörfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik -in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tönen aus einer anderen Welt. -Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft über allem? O -- so schön hatten doch -alle Träume ihr dieses hier nicht gezeigt. - -Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den -eine derbe Küchenfaust gerührt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus -Holz? Ging man hier überhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete, -stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den -irdischen, gewöhnlichen Gesetzen? - -Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die überirdische -Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun -- das ging -keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der -Gefühle auch ihre Tasse gerade halten? - -»Fritzchen!« Armes Fräulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm, -immer an solchen Unband gekettet und für ihn verantwortlich zu sein. - -»Was das wohl tut!« sagte Hans Henning ungeheuer verächtlich und warf mit -der Miene eines Großfürsten seine Serviette auf den Fleck. »Nun brauchst Du -es nicht mehr zu sehen, Fritz.« Im Grunde fand er es reizend, daß sie immer -noch ihre Tasse übergoß. - -Der Glanz dieser, seiner Welt umfloß auch Hans Henning. Sein rotblondes -Haar, militärisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine -unverschämt lustigen Augen -- alles war mit von dem Zauber umsponnen und -verklärt. Auch er war ein Held, aber natürlich einer niederen Grades. -Gregor und die Mutter -- die, ach die -- -- - -Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mädchenherzen. Auch -Gisela wurde rot vor Erwartung und Bängnis. Ach sie war auch nur ein armes, -sehnsüchtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre -- daran änderte -das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts. - -Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen -hin, wie sie ihm gerade kamen, und ließ die kleinen Mädchen aus -Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je -blaue Augen einen kälteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden -gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen! - -Was tut es? Er ist doch schön und gut! - -Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? -- Nein, das sagt -man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der -großen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, übermütig -seligem Mündchen ganz flüchtig geküßt. - -Hinten in einem großen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt -wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen -schmücken ihn. Frau v. Zülchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat -ihn doch für ihre Jungens, vornehmlich für den »noch so kindischen Hans« -zurecht gemacht. Gregor hätte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade -in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so stärker auf die beiden -Schwestern. - -Was ist es nur für ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt! - -Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch -nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl, -es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, große unverständliche -Bücher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen angähnen -müßten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon -spitzbübisch den Schatten an der Wand küßt. - -Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und -plötzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zähne entgegen. O -diese Lust, diese Lust, solchen Triumph über ihn zu haben! Sie suchte immer -wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja, -ja, er glaubte, das wäre seiner, und er ahnte nicht, was der für Streiche -hinter seinem Rücken trieb! - -Alle Abende war hier ein Familienstündchen Mode. Frau v. Zülchow saß im -Zimmer bei verhängter Lampe, ihre Jungens bei ihr (früher hatte ihr Fritz -nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des -Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstündchen, aber die -Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum -konnten sie daran teilnehmen. - -Das Zimmer der Baronin im gedämpften Licht des gelben Lampenschleiers -erschien Fritzchen wie ein Märchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher -und auch gut ausgestatteter Raum, mit schönen hellen Möbeln, Pflanzen, -Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das -konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die -Freifrau an, die an dem kleinen Kamin saß und von dem flackernden Feuer -magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schönste -und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persönchen so viel -wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte. - -Fräulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie saß -irgendwo im Dunkeln. Für Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin -gerückt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner -Mutter zu Füßen. - -Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und -das Fritzchen hörte von da an nur noch Töne -- kaum Worte. Aber auch das -war schön. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schöne, -feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer, -als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen -täppischen Hund abtut, den man im übrigen aber sehr gern hat. - -»Ach -- Hans« darin war immer so ein bißchen liebevoller Spott. Was der -Junge doch immer für Unsinn treibt -- so ähnlich. Dagegen: - -»Ja Gregor. Meinst Du nicht auch -- wie denkst Du darüber --« - -Dann kamen große Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es -war ein gar wunderbares Gespräch! - -Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, daß sie solchen Mut hatte! -Es war aber schön von ihr. Von der Notlüge, und daß die ihre Berechtigung -habe. Aber da sagte Gregor: - -»Nein, Fräulein v. Dörfflin, sie hat niemals Berechtigung!« Und darnach -sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v. Zülchow -wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei, -so daß der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein -gehauen. - -Er sagte, jede Lüge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er würde sich vor -sich selber schämen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem -feigen Mittel greifen würde. - -»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise. - -Ihr Sohn entgegnete ihr hart: »Auch um der Not anderer Leute willen lasse -ich mich nicht zerbrechen.« - -Noch viel leiser sagte sie: »Gregor -- das tote Prinzip und das lebendige -Leben! Vielleicht -- nach zwanzig Jahren -- der Gang über diese Erde ist -weit und lang -- --« - -Es klang so rührend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber -Fritzchens Herz empörte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest! -Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! Laß Dich nicht rühren! - -Freilich, Helden lassen sich auch nicht rühren. In diesem, in Fritzchens -Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er ließ -nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Härte. - -Was -- darauf kam es für Fritzchen nicht mehr an. Sie glühte, sie bebte, -sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut. - -»Ich werde nie wieder lügen -- und ob mein Leben oder das Leben anderer -Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Fräulein Miller) davon -abhängt.« - -Diese beiden waren sehr ahnungslos, daß eben ein feuriges Gelöbnis abgelegt -wurde, das unter allerhand wunderbaren Umständen ihnen das Leben kosten -konnte! -- - -Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange, -traumesheiße Rückfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der -leichten trügerischen Schneedecke des heimatlichen Moores. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Gisela saß beim Pastor und sagte: »Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa, -daß er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fünfzehn Jahre, -und Sie meinen doch auch, daß ich einmal fortmüsse.« - -»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann -unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube -hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde -war beendigt, und folgte ihm mit den Augen. - -Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal -schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie -still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last! - -Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner -Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus -Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen -Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden. - -»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«, sagte der alte Pastor. Er -nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm -nicht werden, fürchte ich.« - -»Ach!« sagte Gisela wegwerfend. - -»Ich meine --« sagte er hastig -- »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein -Pensionsleben ist teuer --« - -»Ach so --!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird -es wohl nicht zu scheitern brauchen!« - -»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder -hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht -sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt -haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine -Ehre und Pflicht vergißt? - -Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen -und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße -über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch -auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von -allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und -Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr -v. Dörfflin war seit langen Jahren -- seit den sechs verfluchten Jahren --- weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen -schlecht bestellten Gewissens! - -Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen -wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. -- Na ja!) Die Luft war voll -Zigarrenrauch und Weindunst. - -»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich. - -Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht -vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder -sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines -Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine -Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber -dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen -der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der -selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen -ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige -Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann, -der Gerechte, sitzt unten. - -Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich -schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber -natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie -auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen -für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« - -»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.« - -»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.« - -Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's -Tor, auf die Dorfstraße. -- Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen -Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der -kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt, -dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen -weißen Haaren spielt. - -Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun -wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in -die Region des Herrenhauses hinaufsteigst! - -_Der_ Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten -alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere -Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein -weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar -mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ -- und daß in diesem -speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht -diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich -war. -- -- - -Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten, -aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem -Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von -notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe. - -Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist -morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ -sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle. - -Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue, -unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal! -Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich -geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen. - -Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und -Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu -Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt. -Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war -eigentlich dabei? - -Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog -an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre -Träume. - -Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein -Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem -Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken. - -»Papa!« - -»Was gibt's?« - -Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas -nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm -reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb -verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder -der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein -braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn. - -Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre -vielleicht für beide Teile das Beste. - -»Was willst Du? Was stierst Du mich an?« - -»Papa -- ich meine nur -- nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?« - -Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot -über und über. - -»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt? -Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer -hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?« - -»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen. - -»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte -er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was -sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten, -zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem -Papier ein grollendes Gemurr heraus. - -»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder -- Na ja, -überall neue Moden --« - -Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa, -wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös -zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares. - -Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der -Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus -dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des -struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und -doch nicht da -- und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern -scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine -ausfüllende Antwort verlangt -- und eine erwachende junge Menschenseele -schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug, -Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis. - -Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen -und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die -große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer -geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch -wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet -eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das -ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die -Hitze nur dumpf, lastend und ermattend. - -Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken -aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren -Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du -mir die liebe Gisa ersetzen?« - -Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein -brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still, -aber dunkel. - -Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen -Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen. -Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß -französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf -solche Steine wären. - -Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es -doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich -spannendes Kraftgefühl! - -Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie -auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer -feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen -Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am -Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal -im Rummelshof und seinen Bewohnern sah? - -Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es -Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie -dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an, -immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa. - -»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!« - -»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.« - -Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste -Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl -vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden. - -Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. -- Was hatte doch einmal -Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt? - -Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an -allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein -als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte -Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in -Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen -könnte. - -Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es -gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller -- ach, um die hätte es sich -wohl kaum gelohnt, und der Papa -- - -War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin -mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute -mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem -waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer -vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus -heulten. - -Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war, -ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten -die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl. -Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in -Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre. - -In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein -durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern, -Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas -nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer. - -Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie -trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich -wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für -sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern -und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen, -feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann -- das -waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum -bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten. - -»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte -da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider -- und -das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem -Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst -neue und schönere -- - -Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint -oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel, -die wir uns aufstellen können. - -Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch -dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den -ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran. - -Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt -und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so -hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung -oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in -Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört -hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein -Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in -dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen -nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst -vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder -und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle, -hochmütige Erscheinung. - -Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden, -daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute -ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher -Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus. - -Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und -unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen -Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten -Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen -Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt -wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und -langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht, -wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an. -Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das -obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe, -am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche. -Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst -etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen -nur ein wenig, als er herankam. - -»Na -- Fritz? Fritzel -- was machst denn für Sachen?« - -Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie -fühlte die Berührung als etwas Gutes. - -»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.« - -Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand -zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder -nach unten kommen«, sagte er. - -Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür -bewegte. - -»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.« - -»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.« - -Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war -es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten -Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran -lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen -selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn -sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß -außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des Vaters Stube erhellt war und die -schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte -und von schimmernden Helden bekämpft wurde. - - * * * - -Ja -- ihr schimmernder Held -- wo blieb er? - -Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen, -denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja -dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl -überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude -und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der -Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte. - -Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich -vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das -Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit -- so alt wie die -Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen -Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar -verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und -Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen. - -Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging -in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den -Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn -durchwühlten. - -Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr -v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch -mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch -freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der -Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?« - -Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen -Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht? - -Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal -herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm -Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du -reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel -hast! -- ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann -könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen -ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen -Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle -Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein -Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher -Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht. - -Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es -hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang. -Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an --- aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden -will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei -es vor anderen, sei es vor sich selbst. - -»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. _Er_ hatte -große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in -die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre -war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder -abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben. - -Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte -sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit -ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich -das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen -bunten Geschichte. - -Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten, -lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen -Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen, -Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie -nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ -sie dann wieder beiseite liegen. - -Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder -waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen -wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie -war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren -und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien, -geistreich wie sie alle. - -Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig -den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida --« so hieß Fritzchen -plötzlich -- »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und -Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als -sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten. - -»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela. - -Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch -die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt -sein! - -Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder -Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im -Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese -äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte, -nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit -auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch -Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt. - -Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement -der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der -Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit -noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und -Verirrtheit blieb. - -Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und -fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da -erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in -einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht -ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel. -Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll -glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden -Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden -wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der -Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen -Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten. - -»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das -nicht?« - -Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit -uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.« - -Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der -kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken -- aber -sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und -wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten -sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil -sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte. - -Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein -unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und -strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik -um diese Rolle. - -Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes -Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte: -glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran -konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich -hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig -fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden? - -Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen -war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb -des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich -zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen -Welt ins Vaterhaus zurück. - - * * * - -Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für -immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt. - -Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer -wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute -schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht --- nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich -sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was -hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie -riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie -rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus -allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht -noch am Fenster -- alles ist, wie es war -- ach Fritz, Fritz, was tut man -mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte! - -»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?« - -Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen -abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen? - -»Nichts, Fritz.« - -Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was -weiß ein siebzehnjähriges Geblüt von dem Nichts, in das ein armseliges, -verloddertes Leben versinkt? - -Fräulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen. -Sie war nie eine liebenswürdige, weitherzige Gefährtin gewesen, aber nun -fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollständig erwachsen sein. -Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn für -erwachsen nehmen konnte. - -Also sprach auch Fräulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem -klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Anstoß an allem, -besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die -versunkene Herrlichkeit klagte. - -Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu -sein. Ihre kühlen, schlanken Hände waren so weiß, ihr blondes schlichtes -Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch -verstand sie, sich prächtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen -eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und -ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube? - -Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden -könnte! Aber das zu wünschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter -saß noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer über das -Moor. - -Wißt Ihr denn, wie der Sumpf blühen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr -Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter dem -alten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt -Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die -Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige? - -»Gisa, willst Du mit an den alten Graben?« - -»Was willst Du da?« - -»Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.« - -Die Frage war recht überflüssig. Gisa -- Gisa sollte in den durchlöcherten -Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen -- -Fritzchen nannte das nämlich landen! -- an einer sumpfigen Stelle, wo man -nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schließlich auf eine -feste Grasfläche gelangen konnte -- und das alles, um schließlich ein paar -Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen -Bunde. »Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.« - -Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch -die höchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen -grübelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fühlte sich brennend -verantwortlich, ihn zu zerstreuen. - -»Gisa, soll ich Wilhelm sagen, daß er anspannt? Ich kutschiere Dich über -die Felder.« - -»Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur über die Felder? -Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergnügen.« - -»O, jetzt weiß ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?« - -Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. »Bei wem hast Du es -denn gelernt?« - -»Bei mir selbst, natürlich.« - -»So? Und welches Pferd hast Du dazu?« - -»Ach, Möt. Eigentlich heißt es Erdmuthe. Papa hat sie mal als -zurückgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel. -Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe -ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! Über den Graben hinter dem -Böllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitkönntest. Du -nimmst vorläufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm -und hat keine Mucken.« - -»Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier hätte! Aber auch dann! Es -muß doch schrecklich stuckern! Nein, laß mich nur. Das ist alles nichts für -mich. Aber da nun die Leute wissen, daß ich wieder hier bin, muß sich doch -am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Räubernest.« - -Fritzchen schlich sich zum Papa. »Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst -Du es nicht machen, daß manchmal wieder Besuch herkommt?« - -»Ja, wie soll ich das machen?« - -»Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.« - -Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blühten die -alten Linden und ihr Duft strömte in die beiden offenen Fenster herein. -Herr v. Dörfflin war in Joppe und Reitstiefeln, er wollte auf die Entenjagd -gehen. Was ist es für ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur -Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebräunt, -unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefühl des Nichts. - -»Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.« - -Am Abend kam er zurück, und beim Abendessen warf er hin, als mache er -eine Bemerkung über das Wetter: »Morgen kommt Hans Henning v. Zülchow. Die -Tannenwalder wollen nächste Woche auch einmal kommen.« - -Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkömmliche -Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich -jetzt in das väterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich -Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht -vielversprechend an. - -Fritzchen blieb der Mund offen stehen. »Wie hast Du das so schnell gemacht, -Papa?« - -Diese Fragerei paßte ihm nicht. »Ich hab' gar nichts gemacht!« schnauzte -er sie an. »Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder -See geht. Der Zülchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf -Entenjagd.« - -So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie hütete -ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Küche, die Enten zu sehen, -die der Herr geschossen hatte. - -»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell. - - * * * - -Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an. - -Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten -waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei -junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte -Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen. -Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten -Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender -Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz -Besonderem zu verleihen. - -Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen -die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr -und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das -Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch -gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz -entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch. -Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut -schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein. -Nachher -- lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn -Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und -seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr -festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen. - -Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile -und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den -Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller -Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht -mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und -Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte -danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken. - -Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und -Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine -Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin -sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz -entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die -etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im -nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel -und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau -v. Pohle, war energisch und trotz aller Weltförmigkeit voll tiefer, ruhiger -Güte. Ein stürmisches Leben hatte sie hart geschüttelt, so daß sie nicht -mit den Ansprüchen eines verwöhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das -nüchterne, häßliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war, -die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Töchter, die -stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen -und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt -einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu -ziehen. - -Fritzchen begriff es schlecht, was für sie da kam. Sie hatte bisher auch -nur dürftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war -ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand, -die sie behütet hatte, als sie ihren Träumen bis in die Wolken nachlief, -oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde über Gräben und Brachen nachjagte --- die ihr gegeben hätte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den -wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt hätte, die sie -geführt hätte, als die Wege sich verwirrten? - -Immer sich selbst war dieser junge Vogel überlassen worden. Nun duckt er -sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen möchte. Er haßt -die Käfige, die er vom vorigen Winter her kennt. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in -Fleisch und Blut vor ihr da. - -In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer -Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit -wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie -Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit -kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders -aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr. - -Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war, -hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau -v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand -es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber -betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn -Hans Henning, dem jungen Offizier. - -Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu -geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht -sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger und starker Junge, mit -der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig -philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und -stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und -Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den -Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe -war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal -lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es -war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines -Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter -hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer -klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig. - -Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie -bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde -der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht -recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe -in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über -seine Untaten leuchten zu lassen. - -Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all -ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes -Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier. - -Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof. - -Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren -Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft -war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten -Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie -eine Königsmutter aus. - -Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in -das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem -ersten Besuch seit Jahresfrist kam. - -Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein -Erstaunen: Ach -- so sieht er aus? Das ist er? - -Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden -zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein -Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt, -zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und -Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur -und schaust -- und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt -jählings mit einem Wirbel wieder ein. -- - -»Gnädiges Fräulein --« - -Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in -einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habe schon -die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.« - -»Ja gewiß --«, stammelte Fritzchen. - -Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen, -wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu -aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer! - -Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in -ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit -Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden, -aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war -in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu -Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen -all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese -eingefangen und mit hergebracht. - -Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie -ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande -brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen -Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte. - -Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich -vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen -Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen -hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales, -bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den -düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille. - -Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den -Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte, -lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt -hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels, -der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe -zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning -oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief, -Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das -bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie -nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz. - -Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr -ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen -wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt. - -Beim Abendessen wurden pompöse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen -Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils -der Mutter, teils seiner allerdings stark verheißungsvollen Karriere wegen -in Szene setzte. Fritzchen hätte zu jedem Toast jauchzen mögen, nur war -ihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter -seiner tadellosen Maske der Höflichkeit ein wenig gelangweilt und -leicht angewidert aus. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das nicht jeder -vierundzwanzigjährige Junge hat. - -Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war für die junge Welt -ein großes Entzücken. Aber Gregor gehörte nicht zu der jungen Welt, er -stand und saß bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans -Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die für allen -Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste -Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken, -die Spiel-, Sprüh- und Lärmgeister des Feuers wecken, daß sie hoch in den -stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstürzen, ihm, dem Herrn des -Tages zur Ehre! - -Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit -glühenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben -nach. »Heil Gregor!« rief ihr Herz. O, hätte sie es nur laut rufen dürfen. - -»Seht die beiden Feuergeister!« wurde gerufen. Damit meinte man Hans -Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der -selige Narr, strahlte. »Hören Sie das, Fräulein Fritz?« - -Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und -Raketen auf. Man könnte sich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hängen, -um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren -Verheißungen betören zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hören, was -ihr feuriges Spielzeug sie lehren möchte. - -Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und -tappend suchen die Gäste in den Steigen des großen Gartens sich den Weg, -um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister -haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun -doch nicht nur für alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes. - -»Fräulein Fritz«, sagte Hans Henning. »Ich glaube gar, Sie haben sich die -Finger verbrannt.« - -»Ja, das habe ich!« sagte sie mit der Verzückung eines Märtyrers. - -»Ach! Tut es Ihnen weh?« - -»Ja, fürchterlich!« - -Er geriet gebührendermaßen außer sich. »Wir müssen sofort Öl anwenden!« -rief er. - -»Nehmen Sie bitte meinen Arm, Fräulein Fritzchen. Sie stolpern sonst über -die eingeschlagenen Pflöcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!« - -Sie ließ ihn jammern, und überlegte dabei, wie es anzustellen wäre, daß -Gregor ihre Verletzung sähe. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt, -daß sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden gut hätte ertragen -können, ohne umzufallen. Ja, sie wünschte sich nichts heißer als das. - -Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder -an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastür, durch die sie gehen -mußte! - -»Fräulein v. Dörfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt«, sagte Hans in -aufgeregtem Ton zu ihm. - -»Verbrannt«, rief Gregor. »Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich -einmal sehen, gnädiges Fräulein? Da muß aber gleich für Hilfe gesorgt -werden.« - -Fritzchen reichte ihm mit einem entzückten Lachen ihre Hände hin, die -Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wünschte sich, daß ihre -ganzen Hände verbrannt sein möchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu -sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich -sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, geküßt, -getröstet, bedauert bis zur Unerträglichkeit. Selbst Hans Henning -hatten sie von ihr fortgedrängt, und in dieser Kohorte gelangte sie -ins Schlafzimmer, Öl, Watte, Läppchen waren da, Frau v. Zülchow, die -Königin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener -Hand. - -Solche Anstellerei um das bißchen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt. - -Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da draußen im Garten und als man -die Terrasse heraufkam? - -Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zwei verbundene Hände, das sieht -entsetzlich großartig aus und muß unendliches Mitleid wecken! - -Förmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den -hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, daß -sie um seinetwillen leide, faßte ihre Hand und berührte mit den Lippen -die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glücksgefühl so -übermächtig in ihr, daß sie am liebsten die Arme ausgebreitet hätte und ihm -um den Hals geflogen wäre. - - * * * - -Eine lange Rückfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die -eintönig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dämmernden Strahlen -umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den -Horizont. - -Man hatte die große Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den -Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch -die Glasfenster die grauen Felder vorübergleiten. Fritzchen saß auf dem -Rücksitz; sie hätte ihren heißen Kopf gerne draußen in der kühlen Nachtluft -gebadet, aber auch daß sie dies nicht konnte, bedrückte sie heute nicht. -Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurückgezogen ins -Dunkel, hörte sie, was Frau v. Pohle und Gisa miteinander sprachen. - -Frau v. Pohle sagte: »Welch ein eigentümlicher frühreifer Mensch dieser -älteste Sohn ist!« - -Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die -Annahme, daß jeder unbedingt Ja sagen müsse. Aber Frau v. Pohle zögerte. - -»Gefallen? Liebe Gisela, ich möchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig -Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor, -wie ein künstliches, wunderschönes Gebäude aus Eis, das aber nur in einer -Eisatmosphäre existieren kann. Vor der Sonne müßte er schmelzen.« - -Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde. - -»Aber Frau v. Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine -Freunde --« - -»Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphäre nicht. -Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fühlt -er sie selber wohl am wenigsten.« - -»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über -Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie -gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?« - -»Hofprediger?« - -»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die -jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie -vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen -gehört und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm große Avancen machen, -man spricht in der ganzen Residenz davon.« - -»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte -die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den -Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller -Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant« -machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um -einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten -zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt -das Leben doch nicht mit sich spielen!« - -Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen -und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute -gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren -klang es wie süße, rauschende Musik. - -»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«, -sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich -des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts -oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als -frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und -setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!« - -»Ach -- Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend, in dem üblichen Ton, in dem -man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten -des Hauses und den Reitknechten im Stall. - -Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief -sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die -Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn -ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja -- Gregor! heißt es, -und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier -wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert. -Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll, -eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im -Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans. -Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu -machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird -- ach ja, -da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran -vorbeidrücken, denke ich.« - -»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie -zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte. -»Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas -vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch -Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse -kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!« - -Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier -stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn. - -Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche, -aber das Rad fuhr über einen Stein, da fiel sie unrühmlich auf ihren Sitz. -Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu: - -»Ich verlache jede Beschuldigung über ihn!« - -»Aber Fritzchen! Wie ungezogen!« rief Gisela entsetzt. »Wie kannst Du so zu -Frau v. Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!« - -»Lassen Sie doch, Kind«, sprach Frau v. Pohle. »Liebes Fritzchen, ich habe -nicht gedacht, Ihr Herz zu kränken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer -alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen, -was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwätz war.« - -»Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien!« rief Gisela, noch immer -aufgeregt vor Entrüstung. »Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja -grenzenlos, Frida!« - -»Was kümmert's mich!« entgegnete Fritzchen trotzig. - -Frau v. Pohle dachte: Jawohl -- Dich, starkes, junges Herz, kümmert's in -der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht -derer, die Dich tadeln. Glückauf, Du freie Menschenseele! - -Aber sie sagte das nicht. Für alle ihre Predigten war ihre Zuhörerschaft in -der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug. - -Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz -dieses Bild tragen mag, Du schönes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages -siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Aber es ist ein undankbares Amt, Prophet zu sein. - -Fritzchen schloß ihre Blumenblätter fester um sich zusammen. -- Hier war -eine Gelegenheit, so groß und stark, so weit und sonnig, eine Mutter zu -haben, eine edle Freundin, ein fröhliches und doch weises Herz, stets -aufmerksam und zur Stelle. - -Nein, Fritzchen will das nicht. Sie geht in ihre Turmstube und spricht -mit den Wolken, die über das Moor gehen. Das sind ihre Freunde und -Gesellschafter. - -Sie gehen massig, grauschwarz, mit hellen, blendenden Rändern. Unten sind -es nur noch ziehende Schneeberge. Sie ziehen vorüber, andere kommen und -ziehen auch. Schon wieder ist das Bild verändert. Die Sonne kämpft mit der -schwarzen Wand, sie kämpft umsonst, sie erlischt. Horch, wie der Wind in -Stößen kommt! - -Dies Kind kennt die Wolken wie keines und den Wind ebenso. Ist es nicht mit -ihm um die Wette geritten über die bräunliche Ebene? - -Vielleicht ist es Gregor v. Zülchows eigenes Leben, sein kräftigstes, -schönstes Leben, das da mit fliegendem Haar auf der schwarzen Möt über den -Graben setzt hinter dem Böllinger Kreuzweg! Halt fest! -- Oder läßt er es -vorbei? - -Nun ja, der Hans muß ja auch etwas haben, wenn er Hofprediger wird! - -Gregor steht am Graben neben dem Kreuzweg. Welcher Teufel oder welcher -Engel führte ihn hierher, da der Wind sauste und dies tolle, herrliche Bild -heranführte? - -Er stand still, am Fußsteige neben einem Baum. - -»Hussa, Möt!« - -Er aber war nicht mehr als ein Baum am Wege. Herrin, Königin in diesem -Bilde war sie, die daher kam, sie, die Schwester und Braut des Sturmwinds! - -Sie war vorüber, ohne ihn gesehen zu haben! - -Wer sieht die Bäume an, wenn er mit den Wolken Haschen spielt? Er stand und -sah ihr nach, der Staub flog hinter ihr auf. - - * * * - -Hans Henning kam zu seiner Mutter, die mit Gregor auf der Veranda saß. -Morgen hieß es für beide Söhne wieder scheiden. Hans Henning mußte, Gregor -wollte, so war es schon manch liebes Mal gewesen. - -Der Abend dämmerte. Der Himmel stand regendrohend über den Bäumen des -Gartens, sie raunten leise wie in bangem Vorgefühl. So bange war auch -der Baronin zu Mut. Ach, dies immer neue Scheideweh! Und wer hielt des -Scheidenden Herz, daß ihr wenigstens das blieb? - -Ja, Gregor lieben, das hieß, täglich sterben. Liebte sie diesen Sohn am -höchsten auf der Welt, so litt sie auch um ihn am tiefsten. Er rächte -unbewußt den anderen, den Übersehenen, den immer matt und halb Geliebten. - -Wie war dieses Jüngeren Herz jetzt voll! Stand es nicht auf seiner Stirn -geschrieben, auf seinem Mund, seinen Augen, seinen Händen, in jeder -Bewegung, die er tat? Aber man hatte keine Zeit, diese Ziffern zu lesen. Es -war ja nur Hans! - -Die Mutter sprach mit Gregor. Sie tippte an etwas, das auch sie hatte von -fern nur läuten hören, ohne daß er ein Wort darüber verloren hatte: an -seine Hofprediger-Aussichten. - -»Gregor -- ist etwas daran? Ist das möglich?« - -Wie kalt und stolz blickten die blauen Augen! »Möglich? Ja, Mama. Aber -lassen wir das, Du erfährst jede Tatsache, sobald sie vollendet ist!« - -Gewiß, gewiß, sie erfuhr jede vollendete Tatsache. Das war die Speise, die -ihr bester Sohn ihr gab, wenn ihr Mutterherz verhungern wollte. - -Hans Henning aber brannte das Herz in der Brust. Ach, er wollte etwas -anderes geben, als eine vollendete Tatsache. Ihn riß es, vor der Mutter -hinzuknien, den Blondkopf in ihren Schoß zu legen. Mutter, bist Du -zufrieden und froh, wenn ich mir das Fritzchen hole? - -Leg' mir Deine kühle, weiße Hand auf, Mutter. Ich will reiten, morgen früh, -ehe wir reisen, und das Fritzchen im Garten, oder in der Wiese oder in der -Turmstube suchen und es nach seinen verbrannten Fingerchen fragen. Und dann -auch noch nach etwas anderem. Gib mir einen Kuß, liebe Mutter, ich brauche -sehr viel Mut. Mein kleiner Fritz träumt und fabuliert noch gar soviel, der -merkt noch gar nichts von dem großen wilden Strom. Mutter, Du bist so klug, -sage mir doch, ob es schon Zeit ist, sie aufzuwecken, oder ob es noch zu -früh ist --. - -»Lieber Gregor, wenn Du hin und wieder ein klein wenig mehr schreiben -könntest -- ich meine natürlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast -- aber -manchmal ein bißchen ausführlicher, weißt Du. Ich kann mir oft so gar kein -Bild von Deinem Leben machen. Nur so manchmal erzählen: Ich war dort -oder dort, und wir haben dies und das gesprochen. Oder von dem, was Dich -innerlich beschäftigt, Gregor, daß ich ein ganz klein wenig teilnehmen -kann --« - -Gregor lächelte. Es war ein flüchtiges, durchaus höfliches Lächeln, aber -seine Mutter fürchtete sich davor. Auch jetzt wieder stieg es ihr heiß in -die Wangen. - -»So wird es sich schwer machen lassen, liebe Mama. Es fehlt die Zeit und -die Unbeschäftigtheit, auf Deine Ideen einzugehen. Aber ich will möglichst -daran denken.« - -Er stand auf und sah über die Brüstung auf den umzogenen Himmel. In der -Ferne wetterleuchtete es. Er dachte an ein anderes fernes Wetterleuchten, -das an ihm vorbeigefahren war, heute am Kreuzweg, wo der breite Graben war. - -Hans Henning sagte leise: »Mutter!« - -Die fuhr aus schwerem Sinnen auf. »Ja, was willst Du?« - -Der Ton der Frage war scharf und klar. Er klang nach einer Antwort wie die: -»Mir fehlt noch Geld, Mutter.« Oder: »Ich brauche noch dies und das, wenn -ich in die Garnison zurückkomme.« Aber nimmermehr nach einer so leisen, -unbeholfenen Bitte: »Mutter, gib mir Rat. Ich bin Dein dummer, kleiner -Junge und weiß nicht, wie ich mein Glück anfassen soll.« - -Er war neben sie getreten, auch sie stand auf. Die Luft wehte kühler und -schärfer, sie zog fröstelnd ihr leichtes Tuch über den Schultern zusammen. -Sie war sehr groß, schlank und von stolzer Haltung wie ihr anderer Sohn. - -Als Hans nicht gleich antwortete, sagte sie nervös: »Nun, was gibt's denn? -Sprich doch schnell.« - -In dem großen Jungen stieg eine jähe Bitterkeit auf. Noch nie hatte er -empfunden wie heute, daß seine Mutter eigentlich niemals Zeit für ihn -hatte. »Sprich schnell!« Ja, so war es immer gewesen. Ihm war ja auch sonst -damit gedient, lang schleppende Auseinandersetzungen waren wahrlich nicht -sein Fach. - -Heute abend hätten sie vielleicht doch gepaßt. Oder auch nicht. Vielleicht -hätten drei Worte es getan, aber davon konnte er im voraus nichts wissen. -Doch dazu muß man stillsitzen und Zeit haben. Aber wer hat für ihn Zeit, er -ist ja nur der Hans. - -»Laß nur, Mama. Es war nichts.« - -Sie sah schon wieder von ihm fort. »Kommst Du mit herein, Gregor?« bat sie. - -Der kam von der Brüstung der Veranda, wo er in die Blitze gesehen hatte. - -»Das Gewitter kommt nicht herauf«, sagte er in einem beruhigenden Tone. - -Wen beruhigte er denn? Die Mutter und Hans hatten andere Dinge im Kopf, als -ein Gewitter, das kommen könnte. Ach ja, es ist ein wunderlich trauriges -Ding um solch einsames Nebeneinander, wo der eine Blitze sieht, der andere -aber in den Blitzen ein schönes wildes Kind, oder wo eine arme Seele stumm -ihr Leid anschaut, und es nicht verstehen kann. -- - -Hans Henning sah den beiden nach, wie sie durch die Glastüren gingen. Der -helle Schein der Zimmerlampen überströmte sie. Da ging die kurze Bitterkeit -in dem Jüngling unter. - -Wem gab er denn Schuld, wenn er nur der dumme, lustige, beiseite geschobene -Hans war? Wollte er mit dem Bruder hadern, weil er größer war, oder mit der -Mutter, weil sie das fühlte und sah? - -Such' Dir doch Deine Wege selber, Narr. Wer heißt Dich, noch an der Mutter -Schürzenband zu hängen? - -Er blieb auf der dunklen Veranda allein. Die Bäume rauschten stärker, -Träume umfingen ihn. -- Morgen in der Frühe, Du, mein wilder kleiner Vogel, -werde ich Dich da fangen können? O, habe nicht Angst, ich will Dein feines -Gefieder nicht zerdrücken und verletzen. Wie wir gelacht und fabuliert -haben als Kinder, so wollen wir es weiter tun. Weißt Du noch die Schaukel -in Eurem Garten, Fritz? Du wolltest ja immer so gerne fliegen. O, Du mein -Prinzeßchen, ich könnte die Welt zerschlagen, um sie nach Deinem Gefallen -aufzubauen. Und weißt Du noch, wie wir gestern abend die Feuergeister -waren? Liebling, kleiner, Deine verbrannten Fingerchen möchte ich -wiedersehen! - -Sieh mal die Blitze da hinten, wie sie den Himmel aufreißen. Wollen wir -hineingehen, Frida? Ach, wie ist das Glück so bange -- ich habe es nie -gewußt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Hans, sage mal, was treibst Du hier draußen! Mama ist schon zu Bett. Seit -einer Stunde sitzest Du hier!« - -Hans Henning fuhr auf. »Seit seiner Stunde --?« - -»Junge, fehlt Dir etwas? Wie Deine Hände heiß sind! Warum kamst Du nicht -mit herein?« - -»Ich -- weiß nicht. Ich habe mich wohl hier verträumt.« - -»Hans -- sag mir mal die Wahrheit. Du bist wohl verliebt?« - -Sie standen jetzt beide beieinander. Es war zu dunkel, als daß sie ihre -Gesichter sehen konnten. Wie stark der Wind gewachsen war! Es war ein -Sausen und Brausen in den Bäumen des Gartens. - -»Ich bin Dein Bruder, mein Junge«, sagte Gregor. »Du kannst Dich mir -vertrauen.« - -»Ja!« rief Hans Henning aus. Es war ein Ton des lautersten Frohlockens. - -»Gregor -- ich -- siehst Du --« - -Nein, es ging doch nicht. Hans sah verzweifelt zur Seite. Wie macht man es -denn, daß man so etwas sagt? - -»Es ist wohl Frida Dörfflin, um die es sich handelt«, sagte Gregor in -völliger Gelassenheit. - -Hans Henning antwortete nicht, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Wie hatte -die Nennung dieses Namens ihn durchschnitten! Wie konnte es nur so unsinnig -weh tun, den Namen so kühl wie geschäftsmäßig nennen zu hören. - -Gregor genügte wohl diese stumme Antwort. Er schwieg einen Moment. - -»Das Kind!« sagte er dann in wegwerfendem Ton. - -Hans Henning schoß das Blut wild ins Gesicht. - -»Was meinst Du damit? Ich lasse nicht an ihr rühren.« - -»Wer tut denn das?« sagte Gregor nachlässig. »Meinst Du etwa, sie sei kein -Kind mehr? Verstehst Du Dich so wenig auf Menschenaugen? Bei diesem Mädchen -ist alles noch Klarheit, Harmlosigkeit und ein vollständiges Spielen dem -Leben gegenüber. Ich spreche das nicht als Tadel aus, sondern nenne es -einen Vorzug.« - -»Ich habe das auch schon gedacht«, murmelte Hans. Da stand er ja mit einem -Male mitten in Frage und Antwort, Bitte und Rat, wie er es sich noch vorhin -so sehr gewünscht hatte. Nur daß es nicht die Mutter war. Aber vielleicht -wußte Gregor noch mehr von diesen Dingen. - -»Ich dachte sonst -- ich wollte morgen, vor der Abreise --«, stotterte der -große Junge. »Ich will ja auch gar nichts an ihr zerstören, Gregor. Ich -will ihr gar nicht viel von Liebe vorschwatzen. Nur wissen -- ob sie mein -Kamerad sein will -- diese Ungewißheit, Gregor, die ist ja zu gräßlich --« - -Gregor wandte sich ab und ging mit starken Schritten zweimal die Veranda -auf und nieder. Dann blieb er vor Hans stehen, und als er sprach, klang -seine Stimme wie geschliffener Stahl. - -»Ihr seid beide noch Kinder. Durchbrich diesen Zustand nicht aus Übermut. -Du schadest ihr und Eurem ganzen Verhältnis, Du veranlassest sie, sich zu -verschenken, ehe sie sich kennt. Glaubst Du nicht, Hans, daß das eine Sünde -an ihrem Geist und Wesen ist? Lerne warten, mein Junge, überlaß diese Sache -der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen.« - -»Ist das so --?« stotterte Hans. - -»Ja, Hans Henning, das ist so!« sagte Gregor. - -Sein Ton legte sich wie eine eiskalte Hand dem Jüngling aufs Herz. -- Hatte -er vielleicht doch nur nach Hilfe verlangt, um die Antwort zu hören, die er -wünschte? - -Oder ahnte sein erwachtes Herz das Schwert in des Bruders weisem und -wohlbegründetem Rat? Seine Lippen bebten, als er sagte: »Ich danke Dir. Ich -will jetzt schlafen gehen!« - -Er ging. Die Sporen klirrten leise. In dem erleuchteten Zimmer sah er im -Spiegel sein Bild vorübergleiten. -- »Überlaß es der Zeit --« - -Vielleicht hat er recht, und ich handle verrucht, seine Worte zu verachten. -Vielleicht bin ich ein Narr, wenn ich es nicht tue. Ich bin nicht weiter -als zuvor. - -Überlaß es der Zeit! - -Ja, Du kaltes Herz, Dir steht es wohl an, so zu sprechen. -- Aber hat ein -heißes Herz mehr Recht und weiteren Blick? - -Das wird heute eine friedvolle Nacht! - -Gregor stand noch draußen. Das Gewitter hatte sich verzogen oder war -landeinwärts niedergegangen. Es blitzte nicht mehr. Nur ein leichter Regen, -durch den Wind hin- und hergetrieben, sprühte durch die Bogenöffnung der -Veranda und tanzte oben auf dem Glasdach. Die Luft war stark abgekühlt. - -Er stand eine kurze Weile und sah hinaus. Noch lagen seine eigenen -klingenden Worte ihm im Ohr. »Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von -selber aufbrechen.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Als er nach oben kam, fand er die Verbindungstür nach Hans Hennings -Schlafzimmer geschlossen. Der Knabe grollt, dachte er, weil ich ihm sein -Spielzeug fortnahm. Aber es ist nun einmal so. Ich tat recht, den Fuß -darauf zu setzen. Das alles muß erst werden, und die Zeit ist mächtig. -Gute Nacht, mein trotziger Junge, es kann sein, daß wir uns noch einmal an -dieser Stelle treffen. - -Vielleicht! Wer weiß es? - -Er legte noch die letzte Hand an seinen Koffer. Den Rock, den er heute -getragen hatte, zog er aus und packte ihn dazu. Dabei nahm er seine -Brieftasche heraus und öffnete sie. Nur eine Kerze brannte auf dem Tische. -An die Fenster trieb der Regen und die seitwärts geschlossenen Läden -klapperten im Wind. - -Gregor trat an das Licht und sah auf das Mädchenbild nieder, das er in -Händen hielt. Es war ein feines Gesicht mit nervösem Mund und großen Augen: -Prinzessin Maria, sie hatte es ihm selber geschenkt. - -Nun beginnt das wieder! dachte der junge Pfarrer. Ja, die Erde ist weit, -und wir haben Zeit zu vielen Dingen. Aber sie sollen mir alle dem größesten -dienen! - - * * * - -Hans Henning hatte nicht aus Groll und Trotz die Verbindungstür zugemacht. -Aber er empfand ein unklares, quälendes Gefühl der Furcht dem Bruder -gegenüber, ein eisiges Widerstreben und Ablehnen, das er früher nie gekannt -hatte. Eine Art Mißtrauen, das er sich dennoch nicht erklären konnte. -Es wäre ihm fürchterlich gewesen, ihn heute noch sehen oder sprechen zu -müssen. - -Aber was nun weiter? Er hat gesprochen wie einer, der die Menschen und -Dinge kennt. Ach ja, er wußte immer von jeher Bescheid. - -Tue ab diesen miserablen Wust eigenen Wünschens und Parteinahme für Dich -selbst! sagte Hans Henning zu sich und drückte die heiße Stirn an die -beregnete Fensterscheibe. Mach's gefällig ein bißchen klar in Dir, oder Du -bist ein Hund! Es kommt hierbei doch auf das Wohl, das Glück und die Seele -meines kleinen Fritz an -- sonst auf nichts. Und warum wollte ich sie -fragen? Um mich zu beruhigen! - -Also gut. Gregor hat recht. Gregor hat recht. Ganz egal, wie's mir eingeht -oder einleuchtet, Gregor und die Vernunft haben recht. - -Ach ja. Man muß auch manchmal Steine auf der Brust haben, das wird wohl -nicht anders gehen. - -Ich reite also morgen früh nicht. Nein -- nicht. Laß es doch brennen. - -Nein, jetzt nicht wieder anders denken. Ruhe!! Ich reite nicht. - -Aber eins kann ich doch noch. - -Er ging an einen alten Sekretär, schloß ihn auf, und aus dem -hintersten Geheimfach, das wohl sonst schon Gott mochte wissen, welchen -Familiengeheimnissen gedient hatte, holte er ein altes, verblichenes -Kinderbildchen hervor. So hatte der Fritz ausgesehen, als er ihn zum ersten -Male sah. - -Hans hatte das Bild in einer Rumpelkammer auf Hohen-Leucken gefunden und -ohne Gewissensbisse gestohlen. Wie zärtlich er es liebte! Es war sein -kostbarster Schatz. - -Die Augen sahen etwas trotzig und düster drein. Es war dem kleinen Kopf wie -eine arge Zumutung erschienen, sich so dem Photographen hinzustellen. -Sogar der süße Kindermund schien leise zu zucken. Das Hälschen, die runden -kleinen Arme waren bloß, ein einfaches schottisches Kleidchen hing bis auf -die Knie nieder. - -»Damals hast Du die Tasse auch schon übergeschwappt, Fritz!« sagte Hans -Henning. - -Er küßte das liebe kleine Bild. - -»Leb wohl, mein Liebling. Du mußt noch ein bißchen wachsen. Hörst Du, -Unband, wachse schnell. Sonst halte ich das Warten doch nicht aus.« - -Tür an Tür waren sie miteinander, und jeder hielt ein Bild. Der Hans mit -seiner einzigen armen, starken jungen Liebe, dieser Hans, der nicht warten -konnte, der mit seiner wilden, herrlichen Ungeduld rang wie mit einem -durchgehenden Pferde -- und der andere, der durch Blumenbeete ging und zu -den Knospen sagte: Blüht nur erst auf, dann werden wir sehen. Es ist Zeit -da zu vielen Dingen -- -- - - - - -Achtes Kapitel. - - --- -- -- -- Fritzchen saß bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im -Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf -dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden -auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig, -geschäftig und faul gewesen, wie die anderen Mägde auf Hohen-Leucken auch. -Jetzt hatte sie einen Hofgänger geheiratet, hatte vier lebendige und -zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als könne sie es kaum -abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und -Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von -keinem freudigen Strahl erhellt wurde. - -Sie kannte aus ihrem trübseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da -liefen diese Mädchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu -husten, und dann sahen sie mit heißen, starren, verzweifelten Augen aus -ihren bunten Federkissen heraus. - -Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertänig und voll -schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Fräulein, das sie zu besuchen -und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzählten ihr geläufig -von der Engelsgüte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch, -hörte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und -niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhüllt in das junge Gesicht. - -»Wissen Sie noch, Fräulein«, sagte Hede Marusch, »als man mir meinen -lütten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee, -Fräulein, man soll sich das nicht wünschen. Das Grab ist kalt, und all die -Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm. -Und gucken Sie mal, die da --« sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett -standen. »Wenn's mir auch noch so warm wäre, davon will ich ja gar nichts -sagen -- aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter -- und es geht ihnen -so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern -- --« - -Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus. - -Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenüber aufgewachsen, in der -Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer -armen Erde in dichtgedrängter Fülle saß. Da verlernt man es, oder gewöhnt -es sich gar nicht erst an, schöne Worte zu machen. Man könnte sie ja billig -haben, wenn man sie wollte, und würde sich selbst wahrscheinlich recht -getröstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafür verloren. Sie kannte -hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen, -daß Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die süßesten Worte sagte, doch starr -daran festhalten würde, daß ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre -Kinder in der Armeleutshütte, in der das Elend die Menschen hart machte, -eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen würden. - -»Arme Hede!« sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die -magere, weiß-gelbe Hand. »Du hast es schwer auf dieser Erde!« - -»Ja, da haben gnädiges Fräulein wohl recht«, klagte die arme Person. »Was -ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schläge, wenn wir noch lütt -sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir groß sind und Hunger und Krankheit noch -obendrein. Gnädiges Fräulein brauchen nicht weinen, die können wohl lachen. -Da oben im Schloß tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage -da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und daß -die lütten Jören dableiben müssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn -ich nur einmal könnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen, -gnädiges Fräulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum -lieben Gott. Aber der hört nicht zu, der hört bloß auf die Reichen.« - -Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte -Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz -unten und hört das Stöhnen der ärmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann -nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite. - -Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl -ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und -Stöße und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser erträgt. Es mochte -wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu -bändigen verstand. - -Dafür war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und -schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und großen Eindrücken -gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der -armen Kreatur seine Hand auf und sagt: »Glaube nur und ergib Dich. Die -Liebe ist größer als alle Not.« - -Für Fritzchen Dörfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der -alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet -und gehandelt als das törichte, wilde Kind. Ein Gefäß mit Balsam hatte er -stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um. - -»Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und -Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot -bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmächtig und allgegenwärtig, -und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im -Dorf, nicht Deine allein. Was ist das für eine Ordnung in dieser Welt.« - -»O Gott, gnädiges Fräulein«, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt -kam. »Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufsätzig. Heute abend soll -sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer, -aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie -unbußfertig, so fährt sie in die Hölle. Gnädiges Fräulein sind noch jung -und schön, aber wir Alten müssen das bedenken.« - -»Das ist feige!« sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete -sich mit blitzenden Augen auf. »Aus Angst sich vor dem Mächtigen ducken! -Maruschen, ich sag' Euch: Ich möchte lieber in die Hölle, als mich schlagen -lassen und noch dazu Demut heucheln!« - -»O Gott, gnädiges Fräulein!« - -»Jawohl, Mutter, Fräulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch -nicht heucheln und schön tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will -lieber zur Hölle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und -die beiden Lütten es schlecht kriegen --« - -Sie saß hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen -Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten. -Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schönheit. Fritzchen -stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts. - -Aber die Alte jammerte: »Hede! Hede!« und die beiden Kinder fingen laut zu -heulen an. - -»Heult nicht!« sagte Frida v. Dörfflin mit starker Stimme. - -Sie sah sich in dem niedrigen bedrückten Raum um, in dem einem das Atmen -verging, und in dem das Elend hauste. Es würde noch viel nackter hausen, -wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein würde. - -Gebt mir erst eine Auflösung zu diesen grausigen Rätseln, und ich will Euch -auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz. - -Sie hat recht, daß sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will! - -Frida kam wieder dicht an das Bett. »Hede«, sagte sie, »ich habe Achtung -vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich -sage, Du hast einen großen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen, -das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, weiß ich nicht. Vielleicht -bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll -nichts daran ändern, daß ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.« - -Die Kranke faßte mit beiden Händen nach der Mädchenhand, die sich ihr bot. -Ihr abgezehrtes Gesicht glühte unheimlich. - -»Ich krieg' keine Angst, Fräulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub' -auch, daß nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir -schon nichts passieren. Mir ist so leicht, daß ich nu nicht immer mehr -beten brauch', während die Lütten doch in Jammer geraten.« - -»O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich!« jammerte die alte Frau. »Es geht zu -Ende mit Dir! O Gott, gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich!« - -»Ich kann mich nicht erbarmen«, sagte Fritzchen. - -Draußen fuhr eine Kutsche vorüber, man erkannte sie nicht durch die -beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst stürzte -alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorüberfuhr, heute -wendete kaum das Jüngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht. - -»Fräulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht«, schrie Hede qualvoll auf, -als das Mädchen eine Bewegung machte. »Nee, nee, allein bleiben kann ich -nicht! Ich muß die Hand von Fräulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee, -hierbleiben müssen Sie --« - -Das waren ihre letzten bewußten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium. - -Das Schloßkind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier, -und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte -hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen -Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie -heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das -Ewige, Unerfaßliche anrennt, als einziger Halt und Hort der geängstigten -fliehenden Seele. - -Die heißen feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre -Worte von Teufeln, Höllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch -den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem -Schloßfräulein. - -»Ach, süßestes, gnädigstes Fräulein, helfen Sie ihr doch -- helfen Sie ihr -doch -- erbarmen Sie sich.« - -Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber -das Delirium ging weiter, die verkrallten, heißen Finger ließen sie los, -Hede Marusch wußte von ihrer Gegenwart nichts mehr. - -Da stand Fritzchen auf. »Ich will Euch zum Trost den Pastor holen«, -sagte sie. »Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar -Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.« - -»Lebe wohl, meine arme Hede!« - -Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut -und Kartoffeln lagen, und stand draußen. Es regnete jetzt nicht. Still, -tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstraße lag das letzte nasse -Laub. - -Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewöhnlich zu Pferde saß, ein -rundes Mützchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glühten, ihr war, -als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe -obgesiegt. - -»Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wäre sie sowieso nicht -gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.« - -Sie ging die öde Straße entlang zwischen den kleinen Häusern und bog um die -Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hörte der holprige Steindamm -auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mußte -erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshöfer Livree, es -waren die Rummelshöfer Rappen. - -Sie erblaßte vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und -bei dem Pastor? -- Der Kutscher grüßte sie, sie brachte die Frage nicht -heraus, die ihr in der Kehle würgte. Einen Moment riß es an ihr, umzukehren -und davonzulaufen, sie fühlte sich plötzlich so unfähig, ein Gesicht -und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am -Sterbebett gerüttelte und durchglühte Stimmung paßte jetzt nicht zu solchem -neuen Eindruck. - -In einem Gefühl der Schwäche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer. -Von den Zweigen fielen ein paar naßkalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte -an Hede Marusch. »Ich muß die Arznei holen«, sie straffte sich, öffnete das -Holzpförtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus. - -Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die große Kuhschelle, die an der -Haustür hing und ohrenzerreißend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat, -abnehmen lassen. Er war hinfälliger geworden und konnte den Lärm nicht mehr -vertragen. Fritzchen wußte das noch nicht. Als der Lärm ausblieb, wurde ihr -unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie fürchtete sich vor dem Hall -der eigenen Schritte. Auf Fußspitzen schlich sie und klopfte an. - -»Noch nicht«, sagte des Pastors Stimme drinnen. »Setz' Dich auf einen Stuhl -und warte ein Weilchen.« Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind. - -Aber dem Schloßfräulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf -einen Brettstuhl, unweit der Tür, strich das nasse, wirre Haar glatt und -wartete. - -Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor. - -Es berührte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als könne es -auf der Welt überhaupt nicht anders sein, als daß draußen die Rummelshöfer -Kutsche stände, sie hier auf dem Brettstuhl säße und drinnen Gregor sprach. - -Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Dörfflin wenigstens hatte jeden -Maßstab für die Zeit verloren. Es war ja das Schönste im ganzen Leben so: -still dazusitzen, müde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen, -die die herrlichste auf der ganzen Erde war. -- -- - -Irgendwo klappte eine Tür, des Pastors Mamsell stand plötzlich da. Eine -Frau hatte er schon längst nicht mehr. Sie blieb mit offenem Munde stehen, -als sie Frida sah. - -»Herr Gott, das Fräulein vom Schloß! Und hier im Flur! Und so kalt! -Herrjeh, weiß denn der Pastor das?« - -»Still, Reuter! Es ist jemand drin.« - -»Und wenn auch! Und wenn auch der Kaiser! Das gnädige Fräulein darf hier -nicht so sitzen. Drüben ist man bloß nicht geheizt. Nee, das geht aber ganz -und gar nicht.« - -Sie war schon an der Tür, mit Eisenfäusten schlug sie daran. »Herr Pastor! -Fräulein v. Dörfflin sitzt hier draußen und wartet. Im Flur! Machen Sie -doch man bloß auf!« - -Fritzchen war empört zugesprungen, aber es war schon zu spät. Alles war -jetzt das Werk eines Augenblicks. Ein »Ach!« von innen, ein eilfertiges -Heranschlurfen, Aufriegeln, Aufstoßen der Tür. -- »Aber Fritzchen, daß Du -es bist, ahnte ich ja nicht --« Das Auftauchen eines Gesichts, eine Gestalt -im Hintergrund, vom Sofatisch her -- -- - -»Das ist die Schuld von der Reuter«, sagte Fritzchen in trotzigem Ton. »Ich -kann und will noch warten --« - -»Meinetwegen auf keinen Fall«, sagte Gregor v. Zülchow und stand auf. »Wir -sind ohnedies fertig. Es tut mir außerordentlich leid, gnädiges Fräulein.« - -»Komm herein, liebes Fritzchen«, sagte der alte Herr. - -Es war eine seltsame Stimmung im Raum. Gregors Gesicht war bleich und hatte -einen finstern Ausdruck. Der Pastor sah rot und sehr erregt aus. - -»Was wolltest Du von mir?« fragte er. - -»Geben Sie mir beruhigende Tropfen für Hede Marusch mit«, sagte Fritzchen, -immer noch in demselben, etwas steifnackigen Ton, in dem sie angefangen -hatte, zu sprechen. »Sie ist jetzt ohne Besinnung und wird wohl sterben!« - -»Ach, Kind, warst Du bei ihr? Das ist gut von Dir. So schnell geht es mit -ihr zu Ende? Ich wollte ihr heute noch das Abendmahl geben, dann will ich -doch lieber gleich --« - -»Sie will es nicht mehr, selbst wenn sie bei Bewußtsein wäre«, sagte -Fritzchen mit klingender Stimme. »Vielleicht fordert sie es sich noch in -der Angst, aber was hat das für Wert! Was hat dies Ducken, Betteln und -Winseln überhaupt für Wert!« - -»Frida!« rief der alte Herr in großer Bekümmernis. »Ich will nicht glauben, -daß Du so zu ihr gesprochen hast.« - -»Doch!« rief das wilde Kind. Ihre roten Lippen zuckten vor Kriegslust. - -»Das hast Du getan? Und gerade bei der? Meine ganze schwere Arbeit wieder -zerstört? O Kind, Gott vergebe Dir Deine Unwissenheit und Deinen Trotz -und Deine fürchterliche Vermessenheit. -- O sieh, mir fehlen die Worte für -Dich! Und das unglückliche Geschöpf, das Du in die Verdammnis getrieben -hast, und das Dich verklagen wird vor Gottes Richterstuhl --« - -»So sagen Sie mir das eine!« rief Frida in ausbrechender Heftigkeit, »warum -Gott sich immer nur Sklaven wünscht und lieber eine geheuchelte Demut will -als eine gerade und offene Rebellion?« - -Ihre Worte klangen und verhallten, dann wurde es seltsam stumm im Raum. Der -alte Pastor griff hinter sich an eine Stuhllehne, als müsse er sich halten, -und tappte sich mühsam bis zu dem Rohrsessel vor seinem alten gelben -Schreibtisch. Er kehrte sein Gesicht Herrn v. Zülchow zu, der stumm dem -wunderlichen Auftritte zugesehen hatte. - -»Das ist es, was ich hinterlasse --«, sagte er in gebrochenem Ton. »Das -habe ich als Resultat meines ganzen Lebens erreicht. Jetzt seh' ich's: -ich war immer ein unnützer Knecht. Sie werden mehr erreichen mit Gottes -Hilfe --« - -Er bedeckte das Gesicht mit der Hand, und es schien, als ob er schluchze. - -Gregor v. Zülchow sah das Kind an, das den Jammer dieses Greises -verschuldet hatte. Wie es dastand, war es zugleich schön und wild, ein Bild -des rücksichtslosen Lebens. - -»Seien Sie doch nicht betrübt«, sagte sie. »Sie haben hier das ganze Reich -erobert und Gott zu Füßen gelegt. Die Kirche ist immer voll, die Leute -beten und glauben Ihnen alles aufs Wort. Was tut da ein schwarzes Schaf! -Verdammen Sie es, aber seien Sie nicht plötzlich so verzweifelt. Herr -v. Zülchow, helfen Sie ihm!« - -»Das ist das Ende. So ist das Ende --« murmelte Pastor Baumann. - -»Seit wann wollen wir denn glänzende Früchte sehen?« sagte der junge -Hofprediger. Es war ein herber Ton in seinen Worten. »Kampf ist unser -Weg, und auch das Ende ist kein Friede. Wollte ich ein vollkommenes Erbe -antreten, ein geglättetes Reich? Legen Sie ruhig Ihr Handwerkszeug aus den -Händen, Sie haben getan, was Sie konnten, und ich werde tun, was ich kann.« - -»Ja -- ja -- ich danke Ihnen --«, sagte der alte Pastor. Er strich sich -über Stirn und Augen, dann griff er in ein Fach zur linken Hand. »Hier, -Frida. Die alte Marusch soll der Hede davon jede Viertelstunde sechs -Tropfen geben. Jede Viertelstunde sechs Tropfen. Aber gib's nur ab, halte -Dich dort nicht mehr auf. Es ist nicht gut, ich verbiete es Dir. Ich will -mir nur Stiefel und den Talar anziehen, dann komme ich hin. Sag' den Leuten -das. Nun geh. -- Versprichst Du mir, so zu tun?« - -»Ja.« - -Er hielt ihre Hand fest, die sich nach dem Fläschchen streckte. »Lebe wohl, -Fritzchen. Armes Kind. Du hast keine Mutter gehabt. So wild aufgewachsen -wie ein Füllen, nicht wie eine kostbare Seele, die behütet werden muß. Lebe -wohl, ich kann Dir jetzt nichts mehr sein. Ein andrer wird mir diese Sorge -abnehmen. Nun geh. Die Zeit drängt, sie drängt, sie drängt --« - -»Ich werde mitgehen«, sagte Gregor. »Für heute leben Sie wohl, Herr -Pfarrer, und vielen herzlichen Dank. Auf Wiedersehen, es ist ja noch -manches zu erledigen.« - -»Auf Wiedersehen!« sagte der alte Mann. - -Draußen im Vorgarten sagte Gregor: »Wollen wir hinauf fahren? Ich muß noch -zu Ihrem Herrn Vater. Oder gehen Sie lieber?« - -»Ich gehe lieber«, sagte Fritzchen. »Ich muß Luft haben.« - -»Wo wohnt die Kranke, von der Sie sprachen?« - -»Bald um die Ecke herum, das fünfte Haus.« - -»Tragen Sie öfter die Fackel der Empörung in die Sterbestuben?« fragte er -spöttisch. - -»Es war das erste Mal, aber vielleicht nicht das letzte.« - -Er blieb einen Augenblick stehen und sah sie an. Das rotbraune Haar hing -ihr schon wieder über die Schläfen und über die Ohren. Die Wangen blühten, -das ganze Bild in der braunen Jacke, dem kurzen Rock, den derben Stiefeln, -blühte. - -Du bist bizarr und rebellisch, dachte er, aber Du bist voller Kraft und -Leben wie der Sturmvogel über dem toten Moor! - -»Wenn es wieder geschieht, werden Sie einen anderen Feind finden, als den -guten alten Herrn da hinten im Schlafrock.« - -»Wen denn?« fragte sie mit einer aufblitzenden Ahnung im Gesicht. - -»Mich -- wenn Ihr Vater nicht nein dazu sagt.« - -»Wie kann das geschehen?« - -In der Stube des Pastors war es dämmerig gewesen, hier sah sie im fahlen -Tagesschein ihm zum ersten Male ins Gesicht. Es war verändert in den kurzen -Monaten seit dem Sommer, es sah schärfer und älter aus mit harten Linien. - -»Was ist geschehen?« rief sie mit plötzlicher Angst. - -Er lächelte flüchtig. Dir, Du wildes Kind, soll ich hier auf der Dorfstraße -erzählen, was mir geschehen ist? dachte er. -- Aber bei Gott, ich glaube, -ich erzähle es Dir früher als all den anderen Leuten, die mir mit dem -verbrieften Recht auf Vertrauen zu Leibe gehen. - -»Hier wohnt die Hede Marusch«, sagte Fritzchen. - -»Ich will Posten stehen, damit Sie gleich wieder herauskommen«, sagte er -lächelnd. - -Im Hausflur hörte sie schon das wüste Schreien der armen Hede. Sie stand -in der Stubentür und sah einige Augenblicke den Todeskampf mit an. Wie eine -starke Woge stürzte sich alles über ihr Herz. Der Tod hier drinnen und das -Leben da draußen -- - -Sie kam wie schwindelnd heraus. - -Der junge Geistliche bot ihr seinen Arm. »Wollen wir nicht lieber doch -fahren? Es geht ja nun gleich so stark bergan.« - -»Nein, nicht in die Kutsche, das ist so eng.« - -Ja, Du brauchst viel Raum, Du unbändiger Vogel! dachte er. -- Aber siehe, -ich brauche ihn auch und muß und kann ihn doch entbehren. -- - -So führte Gregor v. Zülchow das Fritzchen Dörfflin am Arm durch das -Steintor in ihres Vaters Hause. - - * * * - -Die Kutsche fuhr fort. Herr v. Dörfflin ging ins Wohnzimmer, fand dort -niemand, fragte nach Gisela und Fritzchen. Die eine sollte in ihrem Zimmer -sein, das nach dem Garten lag, die andere hatte man in die Turmstube gehen -sehen. »Holt sie her.« Gisela kam, Fritzchen nicht. »Warum nicht, Jakob?« -»Sie will nicht«, sagte Jakob. Er war immer für das Prägnante und alt -genug, sich das zu leisten. - -»Was willst Du uns denn sagen, Papa?« drängte Gisela. Sie hatte in einem -ganz entlegenen Winkel des weitläufigen Hauses gesessen und von dem -aufregenden Besuch erst eben durch Jakob gehört. - -»Nein, Fritzchen muß dabei sein«, beharrte Herr v. Dörfflin mit seinem -rötesten und eigensinnigsten Gesicht. - -Herr Gott im Himmel! dachte Gisela, plötzlich wie entgeistert. Was kann das -sein -- hat Gregor Zülchow vielleicht wegen Fritzchen -- - -Ihr wich das Blut aus dem Gesicht. - -»Na --«, sagte Herr v. Dörfflin mürrisch -- »dann will ich mal nach oben -klappern und dem dummen Balg meine Meinung sagen. Das sind mir ja neue -Moden! Kinder müssen gehorchen, und wenn's durch Feuer und Wasser geht. Na --- ich werd's ihr schon einfüllen!« - -Eine mühselige Steigerei über die enge krumme Treppe. Alle Augenblicke -blieb er stehen und pustete. Donner, und hier war er doch in früheren -Jahren wie ein Jagdhund auf und ab gerannt. Ja, ja, man wird immer älter -und dicker und jedes Jahr geht's schwerer und hat weniger Zweck. - -Als er ganz oben war, war's gar zu Ende mit seinem Selbstgefühl. Er hatte -vergessen, daß er dem Fritzchen das vierte Gebot einpauken wollte. -Ach Gott, dies bißchen kümmerliche Leben! Wozu schleppt man nur diesen -ungefügen Ballen, der nicht einmal die Turmstiege hinauf kam, noch immer -durch die Welt? - -Fritzchen hatte das Pusten und Poltern gehört, sie stand schon in der -offenen Tür ihres Schlafstübchens, zu dem noch eine weitere Stiege über die -Schulstube hinaus führte. - -»Papa, Du kommst hier herauf?« - -»Na, was soll ich denn sonst. Laß mich doch die Stiege steigen, denkst -wohl, ich kann's nicht mehr. Wollt Euch nur sagen -- puh --« - -»Setz' Dich doch, Papa.« - -»Ach was. Wollt Euch sagen, der Zülchow -- der war eben hier -- komische -Geschichte -- will hier -- hier im Dorf Pfarrer werden -- na meinetwegen -mag er, wenn Baumann einpacken will --« - -»Papa!« Gisela war im Ernst besorgt um seinen Verstand. »Du machst doch nur -Spaß. Der Freiherr v. Zülchow ist Hofprediger -- Du weißt doch --« - -»Was geht's mich an. Weiß der Kuckuck, was da für Geschichten brodeln. Er -will hier Hals über Kopf Pastor werden. Nee, nee, Gisela, ich bin nicht -verrückt, wenn Du mich auch so anguckst. Er mag's vielleicht sein. Na, -meinetwegen, ich geh doch nicht in die Kirche, ist mir zu feucht, hab' -ohnedies das Reißen. So -- das war's. Nun kann ich ja wieder 'runter.« - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Die Kutsche fuhr in die Rummelshöfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der -Diener, stand draußen. »Der Herr Baron möchten doch gleich zur Frau Baronin -kommen.« - -»Ja, ja, ich weiß.« - -Er war erst heute morgen nach nächtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen -und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt. - -Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm -graute davor. - -In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen für -ihren vergötterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch -lag -- vielleicht absichtlich? -- noch die Depesche, in der er vor etwa -acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte. - -Unfähig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Händen, nach Luft -ringend, ging Frau v. Zülchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender -Anblick. - -»Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir -schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?« - -»Laß es Dir von der Welt erzählen, Mutter. Sie weiß es vielleicht besser -als ich.« - -Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. »O Du! Von der Welt erzählen! -Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem -Geschwätz mußte ich mir Kunde holen über Dich und Dein Leben. Gregor -- -es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe -meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwährenden -Entsagungsschmerzen. Ich wußte Dich glücklich und nahm still das geringe -Teil, das Du für mich abfallen ließest. -- Aber das war zur Zeit Deines -Glücks und Hochgangs. Jetzt -- da plötzlich alles zusammenbricht, da -Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im -Moordorf da drüben -- da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite. -Frage die Welt! Gregor, das ist empörend! Hier, ich, ich habe Dich geboren -und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Händen getragen, -verwöhnt, überschüttet -- ich habe --« - -»Laß das, ich weiß es alles«, sagte Gregor und stand auf. Es war ein -gequälter Zug in seinem Gesicht. »Glaubst Du, ich habe nie gesehen, daß ich -Dein Schoßkind war? Wir, Deine Söhne, wir wissen es alle beide. Ob es recht -oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt -auch gar nicht an. Hast Du meine Zurückhaltung zu Zeiten meines Glückes -ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ändern. Was -daran zu wissen ist, weiß alle Welt, wozu es noch erörtern, es macht mich -überdrüssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, daß Du mir -vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so -wirst Du die guten und die schlechten Gerüchte von selber auseinander -halten können. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und -keines Rühmens wert.« - -Sonst hatte die Kälte seines Wesens sie bezaubert, trotz des Leidens, das -sie ihr auflud. Heute reizte sie sie nur. - -»Genug der Worte!« rief sie außer sich. »Ich will keine Predigt von Dir, -wenigstens heute nicht. Du bist mir schuldig, mir Rede zu stehen. Bei -Deiner Kindespflicht und Mannesehre rufe ich Dich an. Ich stehe auch im -Namen Deines Vaters hier. Ja -- überdrüssig mag es Dir wohl sein, aber ich -kann Dir diesen Überdruß nicht ersparen, mein Sohn!« - -Sie war so schön und hatte eine solche große, stolze Gestalt, daß auch -dieser Zorn- und Grollausbruch einen majestätischen Anflug hatte. Aber um -Gregors Mund ging ein leises, böses Zucken. Innerlich lachte er verächtlich -über das, was er als Komödie empfand, um eine mütterliche Neugier, -Eifersucht und Empfindlichkeit zu bemänteln. - -Er lehnte sich an das Fensterbrett und kreuzte die Arme. »Gut, Mama, wenn -Du es so wichtig nimmst, will ich Dir antworten. Was wolltest Du erfahren? -Ohne Zweifel weißt Du schon das meiste.« - -»Ich weiß nichts«, sagte sie und setzte sich in einen Lehnstuhl. Mit einem -Tüchlein trocknete sie das brennende Gesicht, kühlte die heißen Augen. »Es -handelt sich um die Prinzessin Maria, nicht wahr, Gregor?« - -»Ich denke«, sagte er kühl. - -»Ihr wart -- viel zusammen --? Ihr -- hattet miteinander ein -- ein -- eine -Verständigung?« - -»Ich weiß nicht, was Du damit meinst. Sie ist ein kluges und feines -Mädchen, wir haben über des Lebens größeste Fragen miteinander gesprochen. -Dann kam auf ihrer Seite das Persönliche. Sie war ein verwöhntes Kind.« - -Er schwieg wieder. Seine Mutter sah nicht, daß sie ihn quälte. Auch ihm war -unter diesen Trümmern ein Reich begraben worden, das wohl größer war, als -sie je ermessen konnte. Aber sie stieß und zerrte ihn weiter. - -»Hast Du ihr -- Gregor -- hast Du ihr von Liebe gesprochen? Ging es -soweit?« - -»Mutter --«, sagte er mit eiskalten Augen. »Dieses sind Fragen, deren -Beantwortung Du in besserer Stunde selbst verurteilen würdest. -- Verzeih -mir, aber ich würde Dich und mich erniedrigen, wenn ich über den Inhalt -jener Stunde plaudern könnte. Wenn Du noch weiteres willst, so ist es dies: -die Prinzessin hat ihrem Vater selber Mitteilung gemacht. Nicht als Buße, -sondern in einer törichten Hoffnung. Dann kam ein Sturm, der sehr kurz und -stark vorüberbrauste. -- -- Es haben oft in einem Konflikt alle recht, aber -einer muß die Zeche bezahlen. Das ist nun einmal so.« - -»Und der eine mußtest Du sein!« - -»Gewiß. Übrigens trägt hier doch jeder seinen Teil.« - -»Und jetzt gehst Du als armseliger Dorfpastor unter das Patronat dieses -Dörfflin? Gregor, Du warst nie unüberlegt, aber dies ist unermeßlich -überstürzt. War es Dir so schnell um eine andere Stelle zu tun?« - -»Ja!« sagte er. - -Eine bange, schwere Pause trat ein, sie sah ihn an und erschauerte. - -Du, mein Sohn -- dachte sie -- jetzt habe ich an Dir gerissen, wie nur -eine verzweifelte Mutter es vermag. Was hat es genützt? Tropfen hast Du in -meinen leeren Becher fallen lassen: Da stehst Du und siehst an mir vorbei -ins Leere. War es die Wahrheit, was Du sagtest? Oder ein Teil der Wahrheit --- oder vielleicht nur ihr Schein? - -Und muß ich mich hier vor Dir winden im irren Fragen, Forschen, Verzweifeln -und hoffnungslos in Dein Gesicht sehen? - -Bin ich dazu Mutter geworden? - - * * * - -Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete -sich von seiner Gemeinde. »Es ist gut, Kinder, daß ich gehe. Einen zweiten -Winter auf Eurem windigen Kirchhof überstände ich wohl nicht mehr. Und ich -muß noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern -aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten -Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen -Anlaß zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein, -die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.« - -Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er -von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und -schüttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen -Türen soll der gehen? - -»O nee, o nee --« sagten die Leute, »dat ward jawoll nu all verkiehrt!« Sie -kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Tränen ward dem guten -alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und -jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben. - -Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entblätterten Ahornen und -Lindenbäumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar -Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v. Dörfflin schickte Maler, -Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hände, die sich Pastor Baumann in -seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewünscht hätte. Hier das -Loch in der Diele, über das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach, -in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden -Öfen, die schiefe Gartentüre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer, -alles ward gründlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben -wurden erneuert, es roch bis auf die Straße hinaus nach Lack, Terpentin und -vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein -ging das Klopfen, Hämmern und all das vielfältige Geräusch neu aufbauenden -Lebens. - -Dann kam das Fräulein vom Schloß, Fräulein Fritzchen, und ging durch alle -Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes -Mützchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu -Raum, übersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war -Licht und Klang. - -»Paß up!« sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten -sich zu. - --- -- Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war -gefallen. Es waren Gregors Möbel gekommen in einem großen geschlossenen -Möbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte -sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zülchow -vorgefahren, hatte auf die respektvollen Grüße nicht gedankt, nicht -gelächelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab, -wie sie die Möbel gestellt wünschte, er schrieb beständig auf, während -sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den -Räumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte -begonnen. Es war auch ein Dienstmädchen eingetroffen, eine ältere, tüchtige -Person, Frau v. Zülchows bestes »Stück.« Wenn es nach ihr gegangen wäre, -hätte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es -ging nicht nach ihr. - -Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen -Wägelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen -Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Geräusch -der Räder fast unhörbar), dachten, er würde das Gespann behalten, es -war Stallung genug da von einer, früher mit der Pfarre verbundenen -Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder -zurück. - -Gregor stand auf der Schwelle der Gartentür, und mit einem langen -Blick umfaßte er das graugelbe Häuschen, den kahlen Garten, in dem eine -Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darüber türmten. -Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat -an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glühte es, wie ein -kleiner Feuerschein im Innern. - -Er stand lange still, obwohl ihn fröstelte. Dann schüttelte er die -Schultern, als schüttle er etwas ab, und trat ins Haus. - -Dunkel und kalt. Er hatte es ja nicht anders gewollt, nicht einmal dem -Dienstmädchen seine Ankunft gemeldet. Nicht mit Pomp sollte dies neue Leben -wieder anfangen, davon war viel und zuviel dagewesen. - -»Hier rechts die Amtsstube, sie wird erwärmt sein.« Er klinkte die Tür auf. -Im Ofen bullerte wirklich das Feuer, das Eisentürchen stand auf, eine junge -Gestalt im runden Mützchen kniete davor und stocherte in den Flammen. - -»Justine, nun brennt's«, sagte sie. »In einer halben Stunde schrauben Sie -zu, dann wird es hier warm.« - -»Ich danke Ihnen, Fräulein v. Dörfflin«, sagte der Pfarrer. - -Sie fuhr herum. »Sie sind's? Ja, wie kommt denn das? Heute schon? Und alles -ist noch kalt!« - -Sie war aufgesprungen. -- Das ist nun doch ein Willkommen geworden! dachte -er. - -»Ich habe Sie auch gar nicht kommen hören«, sagte sie. - -»Das macht der Schnee«, gab er zur Antwort. - -»Ich begrüße Sie hier!« sagte sie mit einer schönen Feierlichkeit, und -reichte ihm die Hand, die noch ganz heiß vom Ofenfeuer war. - -»Danke, Fräulein v. Dörfflin.« Er fühlte, wie das stürmische Leben bis in -die Fingerspitzen hinein in seiner kalten Hand glühte. - -»Aber warum bemühen Sie sich um meinen Ofen?« fragte er in demselben herben -Ton, den sie schon einmal von ihm gehört hatte. - -»Weil es mir Freude macht«, sagte sie einfach. - -Du freies Seelchen! dachte er staunend. - -»Jetzt soll Justine mit der Lampe kommen und den Tisch decken!« rief sie -voller Eifer. »Es ist noch nicht alles so, wie es müßte, aber es wird schon -gehen. Ich freue mich so, daß ich heute schon auf den Gedanken kam, zu -heizen, sonst wäre hier alles finster und eisig gewesen.« - -»Ja, das hatte ich mir eigentlich so ausgesucht«, entgegnete er. »Aber es -geht auch so!« - -Sie konnte seine Züge nicht mehr erkennen, aber in seiner Stimme lachte es, -das machte sie selig. - -»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Ich sage es im Vorbeigehen der Justine.« - -Ihm schwebte es auf den Lippen, ihr zu sagen, ihm bei dem Abendessen -Gesellschaft zu leisten. Sie war ja doch der freie Vogel hier im Schloß und -Dorf -- sie war keine Prinzessin mit einem Krönchen im Haar, das ja -nicht verschoben werden durfte. Sie hatte ihm den Ofen geheizt und weder -gezittert, noch sich geschämt, als er sie ertappte. - -Solch ein frischklares junges Kind, das tat gut nach all den wirren -schwülen Tagen. - -Warum sollte sie nicht mit an seinem Tisch sitzen, dieses freie Herz? - -Ja, der Vogel war wohl frei, aber der Jäger nicht. - -Er ließ ihre Hand los. »Auf Wiedersehen und Dank.« - -»Gute Nacht, Herr Pfarrer.« - -Sie war schon in der Tür, da wandte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht -war jetzt ganz unkenntlich in der Dunkelheit, aber ihre Stimme klang -schwer. - -»Es ist für Sie -- kein leichter Tausch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen sein -wird. Sie müssen so viel vermissen, nicht nur im Hause, sondern auch in -der Gemeinde. Unsere Bauern sind sehr dumm, und sie sind durch alle die -Krankheiten auch sehr heruntergekommen. Und Sie waren immer so verwöhnt. -Ich kann das ja nicht durchsehen, aber es ist gewiß viel Stärke nötig --« - -»Ich bin ein Diener der Kirche!« sagte er mit starker Stimme und mit -jener klingenden Kälte im Ton, die von jeher zu seinem Wesen gehörte. »Es -existiert für mich nicht die Frage nach bequem oder unbequem, sondern ganz -andere Gesichtspunkte kommen hier in Frage. Ich hatte Grund, diesen Weg zu -wählen. Glauben Sie mir das.« - -»Ja«, sagte sie still und fest. »Ich habe es immer geglaubt. Muß man denn -immer wissen: Warum und wozu und woher und alles? Jeder hat doch seinen Weg -für sich, den er im Grunde nur allein kennt. Das ist ja so langweilig und -unnütz, wenn alle die anderen Leute daran herumzupfen und fragen und reden, -was gar nicht dazu paßt.« - -»So ist es, mein guter Kamerad!« rief er froh. - -Er kam zu ihr, und sie, in ihrem inneren Jubel, hob die Arme auf zu ihm. Da -nahm er erschüttert ihren heißen jungen Kopf in seine Hände und sah ihr in -die Augen. - -»Jetzt sind wir verbündet, mein Kamerad!« rief er voller Übermut. - -»Ja!! Auf Tod und Leben!« -- -- -- -- -- - -Dann wandte sie sich um, die Tür klappte, ihre Schritte klangen auf der -Steintreppe und verhallten im weichen stillen Schnee. - -Nun hatte sie es doch vergessen, der Justine von Lampe und Abendbrot zu -sagen. - -Es war schon recht. Er blieb allein in der dunklen Stube mit dem -Feuerschein, der auf die Diele fiel. - -Das war ein Nachhausekommen! dachte er. - -Eines Tages wird dieses herrliche Kind zu meinen Füßen sitzen, und -ich werde ihr meine Prinzessinnen-Liebe erzählen, all den flirrenden, -glitzernden Kram ihr zeigen, der die Augen blendet. Meine große Eitelkeit -und des Fürstenkindes arme Menschlichkeit. Mein kleiner junger Kamerad, der -soll das alles sehen und wissen. Er ist weiser als wir alle, weil er frei -und kühn ist. Seine dumme kleine Mädchenliebe will ich nicht, ich habe -genug von diesen Tränken. Aber ich will und liebe sein kluges Herz. - -Er zog ein elektrisches Lämpchen aus der Tasche und beleuchtete den Raum, -in dem er stand. Da war der Schreibtisch, Stühle mit Lederpolster, -lichte Gardinen von schönem Fall. Vielleicht sah alles bei Tage hier -unharmonischer aus bei den kleinen Fenstern, der nicht sehr hohen Decke und -den niedrigen Türen. Hohe, leere Büchergestelle waren an der Wand, seine -Bücher hatte er nicht auspacken lassen. Ein breites Sofa, ein moderner -Eichentisch mit glatten Linien und allerhand Beiwerk füllte den Raum. - -Alles sprach eine Sprache. Wie laut sie tönte in der tiefen Stille, von -rauschenden Tagen! Auf diesem Divan hatte das blasse Fürstenkind gesessen. -»Gregor, ich kann nicht ohne Dich leben. Nimm mich mit und sei es ins -ärmste Haus --« - -Sein Mund verzog sich, noch immer hielt er das elektrische Lämpchen in die -Höhe. Durchlaucht, es ist besser so. -- - -Du blasses Gebilde, verzärteltes Herz, unter dies Dach will ich Dein weißes -Gesichtchen nicht haben. Hier will ich einen Strom von Sonne und Herbheit -und Kraft und Kälte. Alles, was die Glieder wieder stark macht nach dem -lauen Rosenwasser. - -Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht. - - * * * - -Die Dorfkirche war überfüllt, selbst in den Gängen standen die Leute. Auch -Herr v. Dörfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bißchen -komisch zu Mut, daß er der Patronatsherr sein sollte von dem ältesten Sohne -seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Würde, die ihm zukam, -zu markieren. Er rückte nach rechts und links und machte beklommene Augen, -als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine -Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit -der goldenen Brille vor den blauen Augen. - -Zu Hause bei ihm, im Eßzimmer, hatte es einen kleinen Strauß gegeben. -Gisela fand es nicht richtig, daß Fritzchen auch zur Kirche ginge. »Sonst -ist immer nur höchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze -Familie an. Das ist ja unerhört, das fällt ja rasend auf.« - -Fritzchen sagte: »Aber Gisa, natürlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen -Menschen soll ich es verbergen, daß ich Gregor Zülchow lieber anhöre als -den alten Baumann?« - -»Aber so begreife doch!« schalt Gisa. - -Frau v. Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natürlich, daß bei einem -Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v. Dörfflin half -ihr auch. Wenn er schon gehen müßte, sollte Fritzchen auch, das war ihm -gemütlicher. - -So saß alles in gespannter Erwartung. - -Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum -schallte! Die Leute sahen sich an und schüttelten leise die Köpfe. Nein, -das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v. Dörfflin rutschte -von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der -Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen, -heute eine Moralische zu kriegen. - -Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis. - --- -- -- »die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis, -welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die -irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel --« - -Er stand auf der Kanzel. Über ihm und zu seinen Seiten waren die -pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein -längstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb -ein wirres Schneegestöber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde. - -Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht, -kein Helfer und Tröster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde -auf den harten Bänken da unten und in den steinkalten Gängen. - -Er mochte wohl ein Führer sein, denn er wußte den Weg, aber er sah sich -nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten, -ob sie hilfsbedürftige Hände ausstreckten, was ging es ihn an. Er war -von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen -fürchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen. - -Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie -der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und nützlich war. -Es seufzten keine Klagen über ihre Verderbtheit, es fielen keine groben -Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf, -voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein -beängstigendes Spiel mit blanken Schwertern. - -Noch war es eine Predigt für den Hof und die Hofkreise, und einige halb -mitleidige, hingeworfene Erklärungen, die er seinen Auseinandersetzungen -anhing, um sie den Köpfen da unten verständlich zu machen, änderten nicht -viel. - -Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von -ihm ausging. Die Not ihres Völkchens, das da stand und harrte und nun -glänzende Steine statt einfachen, kräftigen Brots empfing, ging ihr zu -Herzen. - -Wie hatte sie sich oft über den alten Baumann empört mit seinen -Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mühsal und mit -seinen Keulenschlägen! Hier war nichts von dem, sondern eine Fülle von -Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblüffend glänzende -Form für den alten, ihr längst unscheinbar gewordenen Inhalt. - -Es ging dem Mädchen wunderlich. Was hätte sie sich Schöneres wünschen -können? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden. -Alte, auswendig gelernte Worte erschienen plötzlich in neuer Beleuchtung, -wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach -- so ist es gemeint? -Ein Ahnen von dem ewig Gültigen in der alten Form, die von trotzigen Händen -als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde -Seele. - -Aber all das flog nur vorüber, vom Bewußtsein kaum aufgenommen, wie die -Flocken des Schneegestöbers draußen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb -das armselige Dorfvolk da unten, das ängstlich, leer und enttäuscht zu der -Kanzel aufsah. - -Was sollte das werden an den Krankenbetten, bei Geburt und Tod, bei all den -tausendfältigen Nöten des Leibes und der Seele? Man mußte nur wissen, was -hier in den entlegenen Dörfern der Pastor bedeutete. - -Immer war des alten Mannes Sorgen und Mühen für seine Gemeinde als -etwas Selbstverständliches hingenommen. Jetzt ging sein Geist durch die -dichtgedrängte atemlose Kirche. - -Wird der da mit der Brille, zu meinem Lisching kommen, wenn es Krämpfe hat? -Wird er unserm Jochen den Kopf zurechtsetzen, wenn er Späne macht und nicht -arbeiten will? Wird der uns oll Mudder trösten in ihrem Husten? Wird der -bei unsern »Kinddöps« sitzen und lustige Toaste ausbringen? - -Ich bin sein Kamerad und wir haben einen Bund gemacht! dachte Fritzchen. -Der Gedanke durchglühte sie wie edler Wein, sie gab ihn weiter als ein -stummes Versprechen an die Menge unten. - -Ihr Herz hatte keine Furcht mehr vor dem fremden Manne. - - * * * - -An demselben Nachmittag kam er zu ihnen aufs Schloß. Er hatte noch über -Land in zwei Filialkirchen zu predigen gehabt, ein Wagen vom Gut hatte ihn -nach alter Überlieferung gefahren. - -Er war das nicht gewöhnt, der Hofprediger, in Wetter und Wind, wirbelnden -Schnee ums Gesicht zwei Stunden weit auf schlechten Landwegen zu fahren, -um dann abermals in einer ungeheizten Kirche zu predigen. Ihn fror, und -der Kopf schmerzte ihn. Außerdem saß ihm ein fades Gefühl in der Brust. -Die Leute glaubten mit Unrecht, daß er zu hochmütig sei, um verständlich -zu reden, er hatte sich Mühe gegeben, sich ihnen anzupassen, aber Ton und -Äußeres für einen Landpfarrer war ihm nicht gegeben. Er sah die gespannten -Gesichter enttäuscht und leer werden. Er wußte auch: Heute sind die Kirchen -voll, bald werde ich vor leeren Bänken reden können. - -Ich glaubte mit meinem Geschick schalten zu können, aber da stehe ich -unversehens an meiner Grenze. - -Der Schulz im nächsten Dorf, ein auf seine Bildung stolzer Herr, sah -ihn mit unverhohlener und etwas frecher Neugier an. Es fielen ein paar -zudringliche Worte, ob dem Herrn Pastor die Luft in der Residenz nicht -zuträglich gewesen sei, man höre ja so oft von dumpfer Großstadtluft. -Der Schulz im dritten Dorf und der Förster waren bäurischer, aber um so -deutlicher. Sie fragten geradezu, wie der Herr Pastor solchen schlechten -Tausch machen könne. - -In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt für die außerordentlich feine -und kühle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen -Landbären verfing das nicht. Denen mußte man klobig kommen, wenn sie -verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rückfahrt an. - --- -- -- Es laufen die Gerüchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. Überall, -wo er künftig hinkommen wird, sind sie schon längst vor ihm dagewesen. Im -öden Weg, wo die Wolken über den grauen Himmel jagen und die Schneewehen -über die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kältet und -einförmig die kämpfenden Pferdeköpfe da vorne nicken, da horcht man auf die -Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen. - -»Gregor v. Zülchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals über Kopf -niedergelegt.« »Ja, oder vielmehr, er mußte sie niederlegen.« »Wie lange -hat er sie denn gehabt?« »Sechs ganze Wochen.« »Nein, kaum fünf.« »Er soll -der Allerhöchsten Entschließung zuvorgekommen sein.« »Die Prinzessin Maria -soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr?« »Na, man konnte das -ja voraussehen.« »Der Vater ist außer sich, eine wilde Szene mit dem -Hofprediger hat stattgefunden.« »Ach, das ist Gerücht.« »Nicht mehr als -alles andere. Jeder weiß, wie die Prinzessin ihn vergöttert hat.« -»Dieser kühle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht -zutrauen.« »Ja, das ist leicht gesagt --« - -»Haben Sie gehört, daß er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist?« »Ist denn -Baumann pensioniert?« »Er muß doch wohl.« »Wie lächerlich! Warum gerade in -Hohen-Leucken?« »Ja, das ist unbegreiflich!« - -So durchschüttelt, durchfroren, nervös unter dem Gefühl eines verfehlten -Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut -und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshöfer -Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer -Askese schob er ihn ungekostet fort. - -Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden. - -Am liebsten wäre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schloß -gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum -nicht, weil er in seiner verquälten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und -seinem klaren Gesicht sehnte. Er hätte gern mit seiner Schwäche verächtlich -gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er -hatte mit Herrn v. Dörfflin besprochen, daß er heute kommen werde, und nun -drehte sich die Geschichte herum, und ein nachträgliches Absagen wäre erst -recht Schwäche gewesen. - --- Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie -sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten für den -verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen über das Kraut- und -Rübenfeld dieser Erde. Man streift überall so ein weniges an die Spitzen -und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf, -sprüht, gaukelt und berührt doch kein Ding so nah, daß es stechen könnte. - -Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat. -Ist denn das schon so lange her, daß man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja -eben zehn Jahre über den wüsten Schneeweg gefahren. - -Er war schon so nervös empfindlich geworden, daß er bestimmt erwartete, -wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte -Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind über seine wunde Haut. Er war drin -im Ton, ohne es zu merken. - -Frau v. Pohle schloß sich an. Sie wußte, wie man in Gesellschaft spricht, -und erwartete zudem nichts anderes von dem Manne, den sie als Modeprediger -empfand und dessen Kommen aufs Dorf sie entweder für eine spielerische -Laune oder für irgend einen Verlegenheitscoup nahm. Sie hatte keine große -Sympathie für ihn und bestärkte ihn absichtlich in dem leichten Ton, um -Fritzchens willen. - -Verdirb Dir nicht länger Deine hellen jungen Augen an diesem Trugbild der -Herrlichkeit! dachte sie bei sich im Herzen. - -Herr v. Dörfflin spielte eine Null. Das war nicht gut für ihn, noch für -seinen Gutspfarrer. Diese Einführung war die allerschlechteste: Mit der -Weltdame des Hauses im Gesellschaftston verkehren und rechts und links jede -tiefere, kräftigere Saite unangeschlagen zu lassen. - -Fritzchen aber saß in der tiefen Fensterecke, sprach gar nicht mit, sondern -sah nach ihren Freunden, den Wolken. - -Es hatte aufgehört zu schneien. Eine dunstige gelbgraue Schicht umschloß -den Horizont. Darüber zogen wie ungeordnete Scharen, die sich eine neue -Heimat suchten, zerrissene und geballte, dünne und massige Wolkengebilde. - -Seine Stimme klang im Raum, aber so, wie sie klang, hatte sie keine Macht -über dies unabhängige Herz. Es ging davon, zu den Wolken hinauf. Nicht -betrübt, nicht im Groll, aber in einer Träumerei, die vielleicht die -schlechteste Huldigung war, die jemals dem Freiherrn und Pfarrer Gregor -v. Zülchow dargebracht war. - -Ein paarmal sah er zu ihr hin. Welch ein Kind sie doch noch war, sich -abseits zu setzen und aus dem Fenster zu gucken. Er lächelte. Er dachte an -den Wein, den er fortgeschoben hatte -- - -Gisela sprach von seiner Predigt. Sie hatte gut aufgemerkt und spielte -mit religiösen Schlagworten wie mit einer ganz besonders graziösen, -gesellschaftlichen Attraktion. Diese Handhabung war er gewöhnt. Ganz wie -etwas Selbstverständliches sprach sie es aus, daß er sich in die ländliche -Stille zurückgezogen habe, um ungestört für seine Professur zu arbeiten. - -»Ich bewundere Ihren Scharfblick!« sagte er ernst mit einer Verbeugung. - -In Wahrheit war ihm diese Lösung nicht fremd, er hatte sie schon vor -diesem Sonntag erwogen, und die heutige Erkenntnis, wie schlecht er für das -Predigtamt tauge, wenn er es nicht als glänzende Draperie für seine -Person gebrauchte, hatte ihm den Gedanken befestigt, diese neue und -aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen, die ihm in ihrer -herben und erlösenden Asketenhaftigkeit heute doch schon phantastisch -vorkam. - -Es ist ein anderes Ding, nach ein paar rauschvollen Monaten, in denen man -sein heiliges Amt in Eitelkeit und Genußsucht entweihte, sich von der -Welt abzukehren und mit einem strengen Leben, das ohne Lohn nur dem Dienst -geweiht ist, die innere Ehre vor sich selber herzustellen -- oder: an -einem falschen Platz mit ungenügender Kraft und verzagendem Willen eine -aussichtslose Arbeit zu tun. - -Gregor v. Zülchow -- der Sohn eines alten Herrenhauses unter alten, -rauschenden Bäumen am stillen See, der Sohn eines strengen, kräftigen -Vaters und einer feinen, phantastischen Mutter, Gregor, der Schüler der -Gottesweisheit, jung eingeführt in das Ringen, Sehnen und Suchen der -Kreatur, berufen, ein Führer zu sein aus dem sichtbaren, greifbaren -Tagesleben heraus -- der konnte wohl eine Entsühnung finden, die feurig, -phantastisch und töricht war, und die der fade, eisige, nüchterne Mensch in -ihm verneinen mußte, sobald es ging. - -Darum hatte Gisela, das Weltkind, recht. - -Aber es hatte doch noch jemand anders recht! - -Ein Wort hatte Fritzchen geweckt. Sie kam mit einem jähen Ruck in die -Gegenwart, in das Zimmer, in dem die anderen saßen, zurück. Sie wandte sich -herum. - -»Sie wollen hier nur für die Professur arbeiten?« rief sie. - -»Ich kann heute noch keine Auskunft darüber geben«, sagte er kühl -ablehnend. - -Da sprang sie auf, so daß die anderen erschraken. »Es ist nicht möglich, -daß Sie Ihr Amt hier nur als Übergang auffassen!« Sie stand schon vor -ihm, die beiden geballten Hände vor der Brust zusammengedrückt. Ihr ganzer -Anblick war eine stürmische Bitte: Laß es nicht möglich sein! - -»Aber Fritzchen!« rief Gisela. - -»Na nu, Fritz!« sagte Herr v. Dörfflin. - -Frau v. Pohle dachte: Wieviel verlorene Liebesmüh'! - -Gregors Lächeln war verflogen, er sah voll Ernst und Überraschung in das -ungestüme, ehrliche Gesicht. Wie seltsam dieser volle, starke Ton in das -halbe Gezwitscher klang, das bisher den Raum gefüllt hatte! - -»Übergang ist alles, auch unser bestes«, sagte er, halb unbewußt die -Worte formend und doch mit einem tiefen Interesse und einer Gier auf ihre -Erwiderung. - -Ihre Augen wurden ungeduldig. »Wir wissen es dann aber nicht, während wir -drin sind«, sagte sie zu ihm. - -»Du verstehst einfach nichts davon, Frida!« sagte Gisela mißächtlich. -»Wie kannst Du abmessen, was für Herrn Baron v. Zülchow die entsprechende -Laufbahn ist!« - -»Ich weiß aber, daß man sein Wort halten muß!« rief Fritzchen flammend. -»Und das haben Sie den Leuten hier im Dorf gegeben. Alle warten auf Sie, -Sie haben es getan!« - -Er stand auf. Was war es, das ihn anrief? Sein eignes stärkeres, edleres, -freieres Herz! Halte auch Dir Dein Wort! Laß Dir genügen an der armen, -herben, unberühmten Arbeit. In dem Kind ruft Gott Dich an. - -Unter dem Durcheinander von Stimmen, das sich jetzt erhob, da Gisela und -auch der Gutsherr und auch Frau v. Pohle alle etwas eilig und heftig zu -sagen hatten, auf das er nicht hörte und das er nicht verstand, sah er dem -jungen Geist in die Augen, mit dem er jählings eine Verwandtschaft entdeckt -hatte, von der er bisher nichts wußte. - -»Es ist vielleicht nicht alles so, wie Sie denken«, sagte er zu ihr. -»Sie schlagen wohl manchmal das Fenster ein, wo Sie zur Tür hineingehen -könnten --« - -Ihm war, als müsse er sich wehren gegen diese Überfülle von Leben und -Forderung, die hier auf ihn einstürmte. - --- Es geht ein Wanderer am Meeresstrande, da kommt der wilde Seewind und -fährt ihm in den Mantel, und der Wanderer wehrt sich verdrießlich und -wickelt den Mantel fester. - -Es ist aber noch ein Stück Jungenstollheit in ihm, das hat plötzlich, er -weiß nicht wie, einen Bund mit dem Seewind gemacht. Das möchte am liebsten -den dummen, lästigen Mantel von sich werfen und mit dem Winde um die Wette -jagen und tollen. Aber schau: der Mantel ist wertvoll und sehr notwendig! - -Gregor v. Zülchow machte ein kühles Gesicht. Mein Seewind, ich habe doch -wohl keine Zeit für Dich. - -Er nahm Abschied. Da, wie er schon draußen war, ohne Besinnen, ohne Fragen, -ohne ein Tuch umzubinden, jagte das Fritzchen hinter ihm drein. - -»Aber Frida, wohin willst Du? Bleib' hier!« schrie Gisela außer sich. - -»So laß sie doch!« sagte Herr v. Dörfflin barsch, obwohl er nicht wußte, -was sie vorhatte und ob es etwas taugte, was sie vorhatte. - -Am Ende ist Herr v. Dörfflin, der arme alte Junker, doch der einzige auf -der Welt, der den richtigen Instinkt in dieser Sache hat. »Laß sie doch«, -das ist heute noch das beste für solch windwildes Herz. Laß sie nur, -sie muß doch ihre eignen Wege laufen. Sie an Rockzipfeln festhalten, ist -verlorene Mühe. Laß sie hineinlaufen in ihr Glück und ihr Unheil, in ihr -Feuer und Wasser, in all ihr eigenstes, lebendigstes Leben! - -Der Wind pfiff um die Hausecke und Vaters zwei große Jagdhunde fuhren mit -wildem Freudengeheul auf sie ein, daß sie sie beinahe umwarfen. Gregor -blieb erstarrt stehen. - -Wollte es ihn doch nicht loslassen? - -»Sie haben gesagt, ich wäre Ihr Kamerad!« sagte Fritzchen trotzig. Sie -hatte die Hand auf den Kopf der braunen Leda gelegt, der Wind riß an ihrem -Kleid und ihrem Haar, aber sie merkte es nicht, sie war mit dem Winde -aufgewachsen wie mit den Hunden. - -Ja -- solche Kameradschaft, ist sie wirklich für Gregor v. Zülchow, den -Weltmann und Professor? - -Durch die kahlen Bäume und durch das hallende Steintor fährt der Junker -Wind, er fährt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der -Mann noch kostbarer als der Mantel? -- - -»Du wildes Leben -- schöner Sturmvogel!« sagte Gregor laut. - -Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie -weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge -Pfarrer mit dem schmalen, kühnen Gesicht, und die Augen waren heiß geworden -hinter der goldenen Brille. - -»Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben!« sagte Fritzchen. Es war -keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des -Hundes. Aber sie schien plötzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die -Stirn edler, der Mund stolzer. - -Sie näherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein -herrlicheres Bild der Selbstübergabe gesehen. Es war so herrlich, daß er -für einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht. - -Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Die kahlen Bäume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch -ein gelbbraunes Blatt, das bei dem großen Begräbnis übersehen wurde, in -den Ästen. Die Weidenbäume streckten ihre dürren Ruten gen Himmel, und der -Schnee lag wie ein weißes Tuch, von keinem Menschenfuß betreten. - -Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag -Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der -Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein. - -Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene -Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, daß sie nun nicht -mehr allein war im Leben, und eine große Freude, so hell wie die Sonne am -Himmel. Aber beides so tief und still, daß kein Wort, kaum ein Gedanke es -berührte. - -Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frühen Morgen herum. -Sie hatte die rote Sonne über den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich -durch angewehte Wälle hindurchgearbeitet, jetzt stand die Sonne hoch und -sie waren am klaren eisbezogenen See. - -Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie -laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebüsch, jeder Knick und Graben, der See, -der da hinten durch allerlei Gräben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof -in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier -am Ufer und querfeldein, rechts und links, über den Sandhügel weg, am Moor -entlang. - -Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See -noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und -auf der in wärmerer Zeit die Wäsche geklopft wird, daß der Schall von der -Waldwand zurückkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu -geworden in dieser einen stillen, großen Nacht. -- - -Wohl ist es die schönste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisfläche, -Sonne und Schnee und die große Einsamkeit um sich her. - -Der Hundekopf drängte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. »Ja, Leda, Du -weißt.« - -Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das -Winterbild um sie her. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel -ihn eine schwere, wie tote Müdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und -hell gewesen, sondern voller Stürme und Unruhe. - -Ich habe Dich lieb -- und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles -- -und Du bist mir nichts. Ich will Dich -- und ich will Dich nicht! - -Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den -Sturm, der über die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen -seinen Registern zu leben und zu klingen. - -Gregor! rief es in seinem Herzen: Hüte Dich! Um das Feuer einer Mußestunde -verleugne nicht die feinen und kühlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir -nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber -seine Gemeinschaft müßtest Du vielleicht zu teuer bezahlen. - -Ach -- ob ich ihn verstehe! - -Ob ich je eine schönere Stunde hatte und beglückter fühlte, als einmal hier -in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte -- als -gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind. - -Weißt Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind? - -Suchst Du noch etwas Stolzeres und Süßeres für Dich im Leben? Da -- Herz! -Wirf den Mantel weg! - -Es kroch schon der erste graue Dezemberschein über die weißen Felder, als -der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel. - -Wie weit ist das Fritzchen schon über die Felder gelaufen mit ihrer Leda, -ihrer Liebe und ihrer großen schönen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis -gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht. - -Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkältet. Um Gottes -willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es -ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er -wohl von klein auf etwas verzärtelt, aber, das gehört sich auch so. Er ist -doch ein gar zu feiner Herr! - -Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne daß er es merkt. Wie ein -Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefügen Buchenkloben. - -Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein -helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er -doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorüber. -Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm. - -Hell ist das Leben und sein Tag, man überwindet auch seine Tiefgänge. -Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Süßigkeiten -nicht ernster, als Dir und ihnen taugt. - -Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur -Toilette, und ging dann in sein Eßzimmer, das nach hinten hinaus zum Garten -lag. Das Frühstück stand wie durch unsichtbare Geisterhände gebracht -auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback, -eigengebackenes Weißbrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkäse, -alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinem Platz, auch ein Brief aus -Rummelshof und einige Geschäftssachen aus der Residenz. - -Wie die Sonne draußen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden -Sternchen funkelte! Wie die Bäume feierlich standen, die Zweige gesenkt -unter der weichen, weißen Last. Durch die unberührte weiße Decke lief nur -eine winzige Spur von einem Kätzchen oder Hasen. - --- Ich will Dich doch! sagte der aufblühende, starke, lebendige Mensch in -ihm. Er ließ den Frühstückstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen -und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende -Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner -Angst und Deinem Vorbeidrücken! Packe es an, da wo es am tollsten schäumt! - -Danach kam einer seiner vielen überlichten Momente. Er sah sich selbst wie -eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten -Zuschauers. Er wußte, er konnte auch diese -- diese Sache auf die eine -Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen, -erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm möglich und begründet. Er -war der Mensch der bewußten Zwiespältigkeit, weil seine Intelligenz weit -über seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit -klug und unschlüssig, fein und schwach, kalt und nervös. Es bedurfte bei -ihm nur des bewußten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite -zur Geltung und Herrschaft zu bringen. - -Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mächtig, weil -das Wissen ihm den Schlüssel zu der Gewalt über sich, das Leben und seine -Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmächtig waren. - -Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte. - -Das war fade, aber praktisch. - --- Nachdem er diesen Überblick über sich selbst wieder einmal -gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den -Frühstückstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so -daß sich vor alle Gegenstände ein Flimmern zog, erst allmählich erkannte er -alles wieder richtig. - -Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch -dabei sah er sich selber heute zu. - -Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben -beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die -Heiligen sind oft nur die Toten. - - * * * - -Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten -Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in -ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt -an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten -Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit -diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte. - -Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte -Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst -nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter -Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe. - -»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« -- das war alles, was sie überstürzt -hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben -Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am -Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter -und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das -Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab. - -Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte -wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich -ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf: - -»Solch verrückter alter Herd!« - -Was für eine Stimme? - -Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die -Alte stotternd sagte: »Das ist -- das ist man bloß das Fräulein Fritzchen, -Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch -immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in -der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter --« - -»Was tut denn das Fräulein hier?« rief er aus. - -»Ach Gott, Herr Pastor, man bloß die Supp'. Sie macht mir die Supp' von -Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte -dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt. -Dann qualmt er bloß und kochen tut's nicht.« - -Gregor war aufgestanden und stieß die wacklige Brettertür auf. Da war eine -große, niedrige Küche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen über -dem Abwaschfaß. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehüllt, stand --- -- wer war es? - -Wollte er, der Spieler in dem großen Krieg der Erde, wieder fortschieben, -wieder umrütteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, daß dies seine kleine -Braut war, die da stand, in der gräßlichen Küchenschürze der Frau Küstern, -mit rauchgeschwärzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht! - -Da stand er, so erfaßt und überschüttet von Glück, wie er noch nie gewesen -war. - -Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd -und beleuchteten ihr Gesicht. Da wußte sie nichts mehr von Qualm und -Ärgernis. - -»Jetzt ist die Suppe fertig!« sagte sie, und weiter nichts. Sie goß sie in -eine irdene Schale und goß einiges vorbei. Die Schürze der Frau Küstern -war heute schwärzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche -machte. - -Er kam zu ihr. Der junge, heiße, verantwortungslose Mensch, der in sich -drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da faßte er das -Bild seines Glückes, das schönste, beste Bild, das es für ihn geben konnte, -um, drückte es an sich und küßte es auf den Mund. - -»Mein Fritz -- mein süßes Leben!« murmelte er. - -Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem -Herd, das war ein heißes, jauchzendes Bild! - -»O lieber, lieber Gregor --«, sagte sie. - -Es war so weich, so hold und demütig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen -stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch. - -»Ich kann Dich nicht anrühren, ich bin überall schwarz.« - -»So gib mir davon ab!« sagte er voller Übermut. - -Er umschloß sie und drückte ihr heißes, tolles, geliebtes Köpfchen an seine -Schulter, küßte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten! -Was soll alles andere! - -Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann -hob sie ihr Köpfchen auf, legte es etwas hintenüber an seine Schulter und -küßte ihn von selbst auf den Mund. - -»Lieber Gregor --«, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und -Erde umfassen kann, war darin. - --- -- »Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott«, stöhnte es aus der Kammer. - -»Ich muß ihr ihre Suppe bringen«, sagte Fritzchen. »Gib mir, bitte, einen -Blechlöffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.« - -Sie hatte mit beiden Händen die heiße Schüssel zu halten. Als er den Löffel -hineinlegte, wuschelte sie für einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und -küßte seinen Rockärmel. - -»Nachher gießen wir das Feuer zusammen aus, ja?« bat sie. - -Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen? - -»Ja, Frida! Komm bald zurück!« - -Er blieb an der Feuerstelle allein. Über dem Herd war ein mächtiger -Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der -selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet. - -Ach, was hat das Leben doch für süße Stunden! - -Drinnen hörte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang. - -Es stand mitten in der Küche ein dicker, blaugetünchter Pfeiler, der die -Decke stützte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige -Geräte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme -stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst -sah, als sie zurückkam. - -Da kam der tolle Übermut ihres Glückes über sie. - -»Der da ist mein Bundesgenosse, viel länger schon als Du!« sagte sie. - -»Wer?« - -»Der da, der sich bewegt.« - -»Mein Schatten?« - -»Den hab' ich heimlich geküßt, in Rummelshof, als ich noch klein war.« - -»Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich«, sagte Gregor. Er war beinah -eifersüchtig auf den Schatten früherer Zeiten. - -Draußen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen -heraus. Als der Küster die Küche betrat, fand er den Herrn Pastor und -das Schloßfräulein einig und eifrig bemüht, das Feuer auf seinem Herde -auszugießen. - -Er tat aufs äußerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er -dachte: Hier gießt ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken. -Na, mög' es euch viel Glück bringen! - - - - -Elftes Kapitel. - - -Sie traten beide zusammen auf die Dorfstraße. Es war hier draußen noch -vollkommen hell. Hinten um eine Scheunenecke herum schneeballierten sich -die letzten der Schulkinder, unterm Arm ihren zerplieserten Katechismus und -ihre Rechenbücher. - -»Kommst Du mit nach oben?« fragte Fritzchen. - -Über den alten Kirchhof, der mitten im Dorf lag und nicht mehr benutzt -wurde, mit seinen eingefallenen Holzkreuzen, versunkenen Gräbern und -der bröckligen Mauer, auf der das junge Geschlecht Haschen und Anschlag -spielte, ging jetzt der Blick durch kahle Bäume auf den Hügel mit dem -Herrenhaus. Es lag still und grau unter seiner Schneekappe, trotzig und -häßlich in seiner nüchternen Einfachheit. - -Da stand der Mensch, der große Gaben hatte und eine kleine Kraft, der -viele Kräfte hatte und eine matte Hand, und es packte ihn wieder sein alter -verfluchter Zweifel. Der Zauber der schummrigen Küche, des Feuers im Herd, -des Feuers im Herzen sank herab. - -»Geh mit mir durchs Steintor und dann kehr um«, sagte Fritzchen. Sie wollte -noch nicht Papa und Gisela und tausenderlei Geschwätz da mit hinein haben, -aber sie wollte durchs Steintor mit ihm gehen, wie schon einmal. - -Sie war in einem schottischen Kleid mit einem hellgrauen Tüchelchen um die -Schultern. So lief sie oft, wenn sie es eilig hatte, vom Schloß ins Dorf. -Ihr Gesicht war so schön in seiner Freiheit und Kühnheit wie je, ihr Mund -so weich, ihre Stimme so ganz voll von Klang -- aber es berückte ihn nicht -mehr. Er erschrak vor sich selbst, als er das leise pressende Gefühl von -Überlast und Abwehr in sich empfand. - -Wenn er aber jetzt nicht wollte noch mochte wie sie, so war er ihr doch -kein ebenbürtiger Gegner. Was sollte er ihr sagen, daß er sie nicht ans -Steintor bringen wollte? Was sollte er ihr dafür anführen, daß sie ihn noch -nicht -- oder gar nicht -- Du nennen dürfe? - -Es war schon einmal so, daß ich mich verspielte -- dachte er in dumpfer -Not. Bin ich denn ein Narr, so wollte ich lieber ein ganzer sein, dem seine -Narrheit süß bleibt bis ans Ende. - -»So wollen wir gehen«, sagte er. - -Fritzchen fühlte seine plötzliche Verstimmung, die sie sich nicht erklären -konnte. Sie wollte ihn fragen, aber es war ein eisiger und abweisender -Ausdruck in seinem Gesicht, der ihr jählings die ganze Furcht und Scheu -ihrer Kinderzeit zurückbrachte. Sie lachte selbst darüber. »Wie bin ich -dumm!« Leicht schüttelte sie das dunkle Grauen von sich ab und fing an, ihm -zu erzählen, wie sie heute früh über die weißen Schneefelder gelaufen war -und am See gestanden hatte, mit Leda. - -Sie sagte nicht, daß dies ihre Brautfeier gewesen sei, aber er fühlte es. - -Trotzdem -- denn das lächerliche Menschenherz hat immer neue Schutzmittel -für sich selbst und das liebe Wohl bereit -- empfand er dafür kein -quälendes Mitleid mit ihr, sondern eher eine Art Unwillen und Haß gegen -ihre frohe, stolze, klare Sicherheit. - -Hinter ihnen knirschte der Schnee, an einem hervorspringenden Stein klang -es, das Schnauben eines Pferdes ertönte. Es war ein Reiter, der auf der -Mitte der Fahrstraße in raschem Tempo dahersetzte. Sie traten beiseite, ihn -vorüber zu lassen, da war er auch schon vom Pferde. - -Hans Henning in Joppe und hohen Stiefeln, frisch und warm vom scharfen Ritt -in der Winterluft. - -»Na, Junge, wo kommst Du her?« - -»Ja, ja, für Weihnachten noch ein bißchen früh, was?« Er begrüßte Fritzchen -voller Freude. »Daß ich Sie aber auch gleich hier mit meinem Bruder treffen -muß! Ich wollte Dir nämlich unversehens ins Haus brechen, Gregor.« - -»Aber wie kommt das?« - -»Ach, ein kleines liebenswürdiges Malheur. Da, sieh, meine linke Hand ist -neulich beim Reiten verknaxelt. Habe dafür vier Wochen Urlaubszeit. Muß -alle Tage zum Doktor und massieren lassen. Scheußliche Geduldsprobe, aber -im übrigen bin ich gar nicht böse. Wo kommt Ihr denn her und wo wollt Ihr -hin?« - -Sie gaben beide keine rechte Antwort. Fritzchen dachte: Ich will ihm alles -sagen! Sie öffnete schon den Mund, aber plötzlich durchfuhr sie ein neuer -seltsamer Gedanke. - -Diese Sache gehörte nicht ihr allein. Gregor mußte es auch wollen. Und -Gregor -- - -Sie sah ihn an. Es war noch immer das wunderlich fremde Gesicht, das er -hatte, als ob er eine Maske trüge. - -Eine Angst überfiel sie. Was war das mit ihm? Wo war er? Was dachte er? - -Sie schloß den Mund wieder. Sie fror, und ein unbestimmtes Bangen -schüttelte sie. - -»Wir waren bei der kranken Küsterfrau«, sagte Gregor endlich, als das -Schweigen anfing, auffallend zu werden. »Ich habe auch noch andere -Krankenbesuche vor. Willst Du auf mich warten, Hans. In einer guten halben -Stunde bin ich da.« - -»Natürlich, gern. Unterdes begleite ich Fräulein v. Dörfflin, wenn ich -darf.« - -So kam es nun. Gregor ging nun doch nicht mit bis zum Steintor. Er küßte -die kleine kalte Mädchenhand, die in der Kälte rot wurde und nicht einmal -einen Handschuh anhatte. - -Hans Henning und das Pferd kamen mit. - -»Tut Ihre Hand weh?« fragte Fritzchen. Aber ihre Stimme war so beschwert, -als könne sie den eigenen Klang nicht tragen. Nach all dem Jubel rang ihr -ein Weinen in der Brust. - -»Nun ja, das geht an«, sagte der junge Mensch und sah mit schiefem Mund auf -das umwickelte Bündel, das er in einer schwarzen Binde trug. »Es ist nur -gut, daß Sie nicht sahen, wie plumpsackmäßig ich vom Pferde kam. Es -sollte schnell gehen, ehe Sie sich umkehrten, und wurde dafür ein schöner -Kladderadatsch!« - -»Ja, ich erinnere mich, daß ich umsah, weil es so plumpste«, sagte -Fritzchen, aber in ihrem Lächeln war ein Schatten, der dem Hans auffiel, -wie ihm, seit er die beiden getroffen, eigentlich alles auffiel. - -Es war zuviel, daß er sie gleich getroffen hatte. Nur ihr Haus zu sehen, -hatte er heute gedacht, oder, bei großem Glück, irgendwo einen Schimmer von -ihr. Nun war sie da und war sonderbar verändert. Ihm kam vor, als ob sie -noch gewachsen wäre, oder ihre Augen waren größer oder ihr Mund oder ihre -Stirn anders. Jedenfalls etwas war geschehen, etwas Großes und Starkes. - -Im Dorfe sprachen sie gar nicht mehr miteinander, aber als sie den -ansteigenden Weg hinaufschritten, an einer ganz bestimmten Stelle, an -einem Heckbusch, den das Pferd streifte und der eine Last von Schnee leise -rutschend abgleiten ließ, überfiel ihn plötzlich ein Gedanke, so jäh und -leuchtend, daß ihm für einen Moment der Atem aussetzte und er stehen blieb. - -Ein Sommerabend zog im Fluge an ihm vorbei. Da hatte er mit zentnerschwerem -Herzen sein Glücksköfferchen wieder eingepackt. - -»Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen --« - -Sehen vielleicht so -- die aufgeblühten Rosen aus? - -Warum noch dies ewige Zagen und Beben? Ein Kind geht nicht und blickt -nicht, wie sie es tut! Jetzt ab und los! Jetzt frage ich nicht mehr herum -bei Mutter und großen Brüdern. Hei, wie der Schnee voll Blumen steht! Seht -Ihr's nicht? Fitzliputzli, mein Brauner, mein braver Junge -- was? Das war -ein Reiten heut! Du weißt von den Blumen auf dem Schnee, ja? - -Er hatte die Zügel durch den lahmen Arm gezogen. Mit der rechten Hand griff -er sich jetzt, weil er kaum wußte, wohin mit seinen Gliedern, so grundlos -und wildfroh an den Kopf, daß sich die Mütze ihm verschob und er ein -lächerlich lustiges und verwegenes Aussehen bekam. - -»Fräulein Fritzchen, kennen Sie noch meinen Fitzliputzli?« - -So fängt man gewöhnlich keine Liebeserklärungen an, aber es kommt manchmal -nicht auf den Anfang an, wenn der Schluß nur taugt. Aber hier war der -Schluß noch schlechter wie der Anfang. - -»Ja«, sagte sie, »den kenn' ich natürlich noch. Er hat sich doch immer mit -Möt gebissen, als wir zusammen ritten.« - -»Hat er das? Ja, richtig! Dann ist er ein ganz dummer Affe. Ein Pferd muß -seines Herrn Gefühle nachfühlen. Das vergeb' ich ihm nie. Ich werde von -nun an auf Frithjof reiten, den hat Gregor früher gehabt, der ist -feinfühliger.« - -Warum ist sie so still geworden, das wilde Ding? dachte er. - -»Wenn Sie wissen wollen, an was ich die ganze Zeit gedacht habe, als -ich fort war, auch als ich mir das Handgelenk verknaxte, auch wenn der -Schinderhannes, der Doktor, mich massiert -- dann will ich es Ihnen sagen.« - -»An was denn?« fragte Fritzchen. - -»An mein Liebstes auf der Welt, und ob mein Wunsch in Erfüllung geht!« -sagte der schöne, freie Junge. Er stand und sah sie an, so stolz und selig, -wie kein König seine Krone ansehen kann. - -»An mich --?« sagte sie. - -Er sah den Weg hinan, hinab, er lag leer und still in der fallenden -Dämmerung. - -»Sie haben es geraten --«, sagte er leise. - -Er hatte sie Du nennen wollen, und wagte es doch noch nicht. - -Sie dünkte ihn so heilig wie lieb. - -Sie aber stand und starrte. Vielleicht hätte sie ihn noch vor kurzem nicht -so schnell verstanden, wie sie nun tat. - -»Was soll das?« rief sie aus. »Ich gehöre ja Gregor.« - -»Gregor --?« - -Er sprach es nach, noch ehe er es gefaßt hatte. - -»Ja«, sagte sie. - -An dieser Stelle des Weges begann rechts die Mauer des Herrengartens. Sie -hatte der Löcher und Lücken viel, dürres Gras hing aus den Ritzen, und wo -es nur irgend ging, hatte sich der Schnee eingenistet. - -Fritzchen, wie im Traum, fuhr mit der Hand über die Mauer, spielte mit dem -Schnee, formte Kügelchen daraus und wußte dabei nicht, was sie tat. - -Hans Henning fühlte plötzlich, als ob sich alles um ihn drehe. Damit er -einen Halt habe, lehnte er sich an das Pferd. Er sah es, und es brannte -sich in sein Herz ein, als das grausigste Bild seines Lebens: Fritzchen -an der Mauer stehend und die kleinen Schneebällchen formend, die sie dann -wieder an die Mauer zurückwarf. Er folgte jeder Bewegung und wußte schon -immer im voraus, wie jeder neue kleine Ball aussehen würde. - -Dann kam jäh ein rasender Sturm über ihn. Blutrot färbte sich sein -Gesicht. Er stürzte vor, so ruckhaft, daß das Pferd, aufgeschreckt, einen -Seitensprung machte und an dem Zügel riß, der um den lahmen Arm geschlungen -war. Ein wilder körperlicher Schmerz raste durch das kranke Handgelenk, -aber er fühlte es nur so fernab, wie in der Narkose. Er packte Fritzchens -Hand, die wieder eine der verfluchten Schneekügelchen zwischen den -Fingern hatte, schüttelte sie so heftig, als käme es darauf an, den Schnee -herauszuschütteln, als sei der die Ursache des ganzen Entsetzens. - -»Laß los! Laß los!« - -»Laß Du los!« sagte Fritzchen in großem Zorn. Sie nannten sich Du, es kam -von selbst, wie sie sich früher genannt hatten. »Was willst Du von mir?« - -Der Schnee war heraus -- was nun noch? Hans Henning gab ihre Hand nicht -frei. - -»Das ist ja Unsinn, das ist ja Wahnsinn! Wie kommst Du zu Gregor? Was will -er von Dir? Er weiß es ja! Er weiß es ja!« - -Sie sah sein entstelltes, wild gerötetes Gesicht, die Augen, den -knirschenden Mund, im nächsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer -werfen und erwürgen -- sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine -Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben. - -Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz überlegt. - -Sie meinte damit ihr schönes, einsames Traumleben, ihr plötzliches Glück, -die Betrübnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer. -Es erschien ihr alles so außerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe -verwunderlich, daß sie das nicht schon vorher gewußt hatte, daß so ihr Weg -und dessen Ende sein würde. - -Aber es war dann doch die Täuschung einer über das Maß hinaus gespannten -Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das -Blut vergießt, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequälter -Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als -zur guten Manier gehört, der aber schließlich doch noch Du und ich -unterscheiden konnte. - -Er ließ sie los. Es wäre für ihn schöner gewesen, jetzt einfach das Letzte -zu tun und mitsamt seinem lieben Mädchen hier am Weg rasch und wild zu -sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war für ihn jetzt nicht -mehr viel wert, was nun noch kommen konnte. - -Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja -auch nichts mehr in Frage, es war eine zu müde Sache, jetzt noch den Mund -aufzutun. Er ließ sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fühlte -wieder, etwas bewußter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wüteten, -schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor -sich den Weg hinab. - -Das Pferd stieß an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege -stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans -Henning faßte das Pferd kürzer, damit es nicht noch einmal daran streife, -denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch hätte -abgleiten können. Das wäre schrecklich gewesen. Weiter wußte er nichts. - -Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die -Dorfstraße entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und -stand vor seines Bruders Hause. - - * * * - -Justine stand vor der Haustür und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte -das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der -Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter. - -»Herrjeh, der Herr Baron! Nein, aber so 'ne Überraschung! Der Herr Pastor -ist noch im Dorfe, aber er kommt gewiß sogleich.« - -»Ich werde warten«, sagte Baron Hans. - -»Ja, natürlich. O Gott, wird er sich freuen!« - -Sie kam herunter, ihm das Pferd abzunehmen und ihn hereinzulassen. Aber sie -hatte seine Meinung nicht verstanden. - -»Ich will hier warten«, sagte Hans Henning. - -»Aber doch man nicht draußen, im Schnee.« - -»Ja. Es ist gut, Justine, lassen Sie nur.« - -Man sieht nicht gern das Trübe, wenn man selber froh gestimmt ist, darum -kostete es der Justine erst einen kleinen inneren Ruck, ehe sie sagen -konnte: »Aber, Herr Baron sehen so anders aus -- ist was passiert?« Jetzt -sah sie auch den verbundenen Arm. - -Der Hans machte eine so wütend ungeduldige Schulterbewegung, daß ihr jedes -weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie öffnete zwar noch einmal den Mund, -sie wollte doch noch etwas sagen vom Arm und dem Pferde oder dem Kaffee -und sonst etwas Tüchtiges und Richtiges, aber sie war im Dienst alt genug -geworden, um Herrenlaunen zu kennen, sie klappte den Mund wieder zu und -schlich bedrückt hinein. Doch dann ging drinnen ein wildes Kaffeemahlen -los, an dem sie sich tröstete und erhob. - -Hans Henning stand draußen und dachte nur das eine: Ich muß Gregor -sprechen. Aber danach war alles stumpf und dumpf in ihm. Nur sein Arm und -Gelenk wütete wie wahnsinnig. - -Er streifte den Zügel über eine Zaunlatte an der hölzernen Pforte und -strich und drückte leise an dem Arm, um die Schmerzen etwas zu mäßigen. Es -half nicht viel, es schien sogar immer grimmiger zu werden. Er hatte eine -Anwandlung von Ohnmacht und lehnte sich gegen die Mauer. - -Gregor kam, ihm war zu unruhig zumute, um lange in Krankenstuben -auszuhalten. Da fand er seinen jungen Bruder an der Gartenmauer, er regte -sich nicht, als er näher kam. Er hatte den Kopf etwas hintenüber angelehnt -wie ein halb Ohnmächtiger, und Gregor sah trotz der Dämmerung, daß das -Gesicht totenähnlich blaß war. - -»Hans! Warum stehst Du hier draußen? Ist Dir schlecht, Junge?« - -Hans Henning öffnete die Augen, mit einer großen Willensanstrengung -sammelte er sich. Das große Schmerzgefühl innen und außen verzog seinen -Mund, so daß er wunderlich fremd für den Bruder aussah. - -»Hans, ist Deine Hand so schlimm? Komm herein!« - -»Laß das!« - -Mit einer Kraft, die in gar keinem Verhältnis zu der hilflosen Stellung -war, in der Gregor ihn gefunden hatte, stieß er mit der gesunden Faust den -Bruder zurück, der ihn anfassen wollte, um ihn zu geleiten. - -»Denkst Du, ich gehe in Dein Haus?« - -Er stand jetzt ganz aufrecht, und sein Gesicht fing an, wie im Fieber zu -glühen. - -»Rühr' mich nicht an! Viel haben wir nicht mehr miteinander zu tun. Weißt -Du noch, im Sommer auf der Veranda? Herrgott, Mensch, da hast Du Dir wohl -selbst den Weg freihalten wollen? _So_ bist Du? _So_ bist Du? Und ich -Schaf, ich Esel, ich Narr! Natürlich -- wenn der Hofprediger kommt -- mehr -als ich hast Du ja immer gegolten. Meinetwegen, nehmt doch dem Hans seine -Blume weg, was braucht er eine Blume! -- Du! Weißt Du, was heute passiert -ist? Zwei Menschen hab' ich verloren, die mir die liebsten waren. Na, man -immer zu, was macht das auch aus --« - -Er ging zur Seite, wo das Pferd stand. Der körperliche Schmerz ließ ihn -einen Augenblick taumeln, dann hielt er sich am Pferderücken und versuchte -aufzusteigen. - -Gregor hatte wie erstarrt gestanden, jetzt stürzte er ihm nach. »Hans, Du -bist ja von Sinnen. Du darfst so nicht fort. Um Gotteswillen, Dir passiert -ein Unglück, mein Junge. Sei doch nicht so außer Dir, laß uns über die -Sache reden. Steige nicht auf, Hans, ich lasse Dich so nicht fort --« - -»Du läßt mich nicht?« hohnlachte der andere. »Von jetzt ab wirst Du mir -wohl nichts mehr zu lassen oder nicht zu lassen haben. Das ist vorbei, -Bruder Pfaff!« - -Die Wut spannte seine Sehnen. Er, der noch eben halb bewußtlos an der Mauer -gelehnt hatte, flog mit einem einzigen Schwung in den Sattel. Dabei hatte -er sich ohne Besinnen auf die linke Hand gestemmt. Ein wilder Fluch und -Aufschrei entfuhr ihm, er riß den Zügel so heftig von der Latte, daß das -Leder zerriß, das Pferd setzte in die Höhe und im Galopp flog es mit seinem -verzweifelten Reiter davon. Noch von fern, auf der Dorfstraße hörte man hin -und wieder einen kurzen, klingenden Ton vom Hufschlag. - -Da stand der andere! Da stand er in seiner ganzen Herrlichkeit! - -»Hans!« rief er noch einmal in die leere Luft. - -Leer, still, tot. Tiefe, regungslose Winterstille hier, wo noch eben die -wilden Worte brausten. War das noch einmal ein Hufschlag? Vorbei -- -- -jetzt mußte er schon zum Dorfe hinaus sein. - -Der wahnsinnige Junge! Es muß ihn jemand aufhalten! Wie sah er denn aus? -Er stürzt ja. Aber wer will diesem Sturmritt nach? Nur für den Fall, daß er -gestürzt ist und irgendwo liegt -- - -»He, Michael Krauthammer!« - -Da hinten, wo die Dorfstraße weiter läuft, guckt ein altes Bäuerlein über -den Zaun. Es ist taub und versteht nicht. Gregor winkt wie ein Rasender, da -klettert es über die Latten und kommt gelaufen, daß der lockere Schnee an -der Oberfläche in kleinen Ballen hinter ihm auffliegt. - -»Michael, ist Dein Schimmel im Stalle?« Er muß mit voller Lunge schreien, -sonst kann er es sechzehnmal sagen. - -»Jawohl, Herr Pastuhr. Jawohl, jawohl.« - -»Willst Du mich fahren, in dieser Minute nach Rummelshof?« - -»Nach Rummelshof? Jawohl. Morgen früh, Herr Pastuhr?« - -»Rasender Unsinn! Jetzt! Sofort, auf die Minute. Jetzt!« - -»Jetzt? Aber -- nun ja --«, er wiegt das graue Köpfchen. »Nu ja, Herr -Pastuhr, zu gern will ich das. Nur mein' Kaffig erst austrinken, der steht -in der Röhre.« - -Ja ja, laß Deinen Führer nur erst seinen Kaffig noch austrinken. So -schnell, wie Dein wilder Bruder kommst Du doch nicht fort. Nur sachte, -kühler Gregor, es ziemt sich nicht für Dich, überzukochen. Fahr Du sachte -der wilden Spur nach, lies die zerbrochenen Leute auf, das ist ja ein -heiliges Amt. Oder ist das vielleicht noch heiliger, die Leute erst zu -zerbrechen? - -Er stand im Stall, im Mist und legte selbst dem Schimmel das Geschirr auf. -Das Bäuerchen weinte beinahe, weil es so schnell fertig sein sollte. Aber -den Kaffig wenigstens, den ließ es sich doch nicht nehmen. - -Wenn ich aufs Gut ginge, bekäme ich schneller ein Fuhrwerk, dachte Gregor. -Aber ich gehe nicht da hin, und mittlerweile ist's ja auch hier so weit. - -Er saß auf dem Strohsacke des Leiterschlittens, und als eben das gemütliche -Getrotte losgehen sollte, riß er dem Alten die Leine fort. »Es handelt sich -um Tod und Leben!« schrie er ihn an, »hier heißt's Galopp.« - -»O je, o je!« schluchzte das Männchen. »Dat end't jawoll nich gaud!« - -Der Schimmel bekam die Peitsche, er dachte, das wäre ein Mißverständnis, -aber es war keins. Sie sauste wieder und wieder. Da wurde ihm so -himmelangst wie seinem alten Herrn, und der Schlitten flog durchs Dorf und -draußen über den höckrigen Weg. - -Auf freiem Felde war es noch wieder ein Stückchen heller als im Dorfe. -Gregor spähte den flachen Weg entlang übers Moor. Jawohl, es flogen Krähen -auf, wenn er nach denen suchte. Da tanzten in der Luft auch schon wieder -Schneeflocken. - -»Dat ward jawoll 'n Gestiewe«, klagte Michael Krauthammer besorgt. »Am End' -finden wir unsern Weg noaher nich wedder.« - -Gregor antwortete nicht. Die freie Luft hier draußen auf der raschen Fahrt -tat ihm gut. Ihm wurde klarer im Kopfe. - -Sie hat dem tollen Jungen unsere Sache verraten! dachte er voll wilden -Zornes. Was fällt ihr ein? Wer gab ihr das Recht? Ja, so ist sie: mit -dem Kopf durch alle Wände, unbekümmert, rücksichtslos. Was macht ihr mein -Wunsch und Wille aus? Was macht ihr das Unheil aus, das sie stiftet? Sollte -ich mein Lebelang mich mit dem Löschen abgeben, wo sie Feuer angelegt -hat? -- - -Eintönig klapperten ein paar klanglose Schellen am Sielengeschirr des -Schimmels. Hin und wieder flog der Schlitten über eine Unebenheit des Weges -heftig zur Seite, daß die Männer sich an dem Leitergerüst halten mußten. - -»Wi smieten üm, Herr Pastuhr!« gellte das Männchen. - -»Und wenn auch, das macht nicht viel aus«, sagte Gregor unwirsch. -»Höchstens hält's uns auf.« - -Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen. Der Weg war so überweht vom -Schnee, daß man seine Tücken nicht sehen konnte. Dazu schneite es immer -heftiger und wurde rasch Nacht. - -»Sind da nicht Tappen vom Pferd? Ja, da ist er geritten. Aber wer kann's -erkennen. Eine Laterne hast Du wohl natürlich nicht mit?« - -»Wat sall ick hem?« - -Schafskopf! dachte Gregor, aber er sagte es nicht laut, weil das nicht die -geistliche Amtssprache ist. - -Je weiter der Weg und näher das Ziel, um so steinerner und kälter wurde das -Herz in ihm. Die rasch aufgefahrene Angst um den Bruder, die ihm wie -mit eisernen Händen das Herz gepackt hatte, ließ nach, je mehr die -Wahrscheinlichkeit eines Unglücksfalles sank. Er hörte auf, das Pferd zu -peitschen und zu jagen. Als er durch das Schneetreiben die Lichter von -Rummelshof sah, erwog er schon, ob er nicht umkehren solle. Was er -wollte, hatte er ja getan: dem Hans auf die Spuren gesehen, ob ihm nichts -zugestoßen sei. - -Dennoch war die Beruhigung zu unsicher. Er konnte auf einem anderen Wege -übers Moor geritten sein. So fuhr er weiter. - -Es war nicht tot zu machen, daß er vor einer Stunde mit einer wahnsinnigen -Angst im Herzen im Pferdestall des alten Krauthammer gestanden hatte. -Gregor v. Zülchow hatte nicht viele Stunden wie diese gehabt, sie zuckte -ihm noch im Blute. - -Aber wer wenig Perlen hat, stellt sich um die, die er hat, auch ganz -besonders gefährlich an. Gregor setzte den wilden Herzschlag, die tolle -Fahrt, die Not dieser Stunde dem Bruder Hans dick unterstrichen aufs Konto. -Da! das zahle Du mir erst mal wieder heraus! - -So klapperte er auf seinem Bauernschlitten auf den Hof seiner Väter ein. -Er fuhr auf den Laternenschein zu, der durch entlaubtes Gebüsch von den -Stallgebäuden her kam. Da stand ein Knecht und rieb Hans Hennings Pferd ab. - -»Na also --«, sagte Gregor nur. Er tat keine weitere Frage und wandte den -Schlitten wieder um. - -»Herr Pastuhr, Sei führen ja wedder rut!« - -Laß das Bäuerchen schreien, so viel es will. Es hat hier wohl auf einen -heißen Grog gehofft. - -»Da, Michel, nun kannst Du auch wieder fahren.« - -»O je, o je -- nee, de Geschicht' begriep ick mien Läwdag nich --« - -»Ich habe Dich nicht umgeschmissen, nun schmeiß Du mich auch nicht um«, -sagte Gregor. Er hatte nicht Lust, um diese Sache nun noch naß zu werden. - -Wenn der dumme Junge zur Ruhe gekommen ist, wird sich schon alles -arrangieren, dachte er. - - * * * - -Danach kam der Dienstag Morgen. Die Sonne schien wieder, aber blaß aus -blassem, nichtssagendem Himmel. Der Ostwind strich scharf durch die kahlen -Bäume, in der Nacht war der Schnee von gestern abend festgefroren. - -Gregor hatte einen schweren Kopf. Er saß am Schreibtisch, um eine -wissenschaftliche Arbeit für eines der theologischen Blätter zu beenden, -für die er hin und wieder schrieb. Aber er konnte heute nicht. Man räumt -auch erst bei sich zu Hause auf, ehe man anderen Leuten die Stühle und -Tische für dieses Lebens Gebrauch zurechtstellt. - -Aber er hatte von dieser unpersönlichen Arbeit Klärung und Beruhigung -erwartet, die blieb nun völlig aus. - -Daß ich mich mit dem Kinde nicht verbinden kann, ist mir jetzt ohne -Zweifel, dachte er. Es ist meine Schmach und Erniedrigung, daß ich dies -für ein paar tolle Viertelstunden vergaß. Ein boshaftes Geschick oder eine -absonderliche Schwäche meiner Nerven ließ mich zweimal in derselben Sache -einen so argen Fehlgriff tun. Bei der kleinen Durchlaucht war es vielleicht -schlechter, berechnender. Ich hätte schon ihr Gemahl werden wollen, was tat -mir ihr süßes Schmachten zu Leide? Bei diesem Kinde -- ach, da kann ich -nur bitten: Erscheine mir nicht! Bleib fern, damit ich so stark und kühl -bleibe, wie ich muß. - -Die Sache ist nicht am Ende. O, wäre sie es! Was steht noch alles bevor! -Ich kann es nicht vermeiden, was nun kommt. Sie glaubt an mich. Sie kennt -keine Schwäche und keine Kälte. Sie ist in jeder Stunde das, was sie -wirklich ist, nicht nur ein abgeblitzter Funke ihrer selbst. - -Was noch bevorsteht, ist dieses: Ich muß sie an die Hand nehmen -- ich -sie! und das ist mein Büßen -- und sie durch das dunkle Tal menschlicher -Kompliziertheiten führen, das sie noch nie gesehen hat. Ich muß das Grauen -und die Verachtung in ihren Augen wecken. Das muß ich tun. Sie muß mich -als Schwächling und Egoisten sehen. Wenn sie weniger unwissend, stark und -einfach wäre, könnte sie auch die feineren Fäden sehen. So wird sie es -nicht, und es ist nicht meine Sache, es sie zu lehren. Ich kann an ihrer -Verachtung und ihrem Grauen nichts ändern. - -Hans Henning -- das ist Art von ihrer Art. -- Warum soll das nicht werden? - -Er stand auf, ging durchs Zimmer und setzte sich wieder. Am blassen Himmel -war die Sonne fortgegangen, man sah kaum wohin, so gleichförmig fade und -weißgrau legten sich die Wolkenstreifen darüber. - -Warum soll das nicht werden? - -So laß sie beide doch -- und gib der Vernunft Raum und sei kein Narr, der -eine schlechte Tat auf die andere häuft. - -Ja ja, so ist es gut. Keiner braucht sich dabei das Genick zu brechen. - -Aber ich, der ich nur die Hand zu öffnen brauche, wo andere kämpfen und -ringen, ich soll als der einzig Hungrige vom Tische aufstehen? -- - -Ich _will_ es ja so! Ich _will_ den Wein nicht. Warum kann man ihn nicht -umstoßen, daß auch andere nicht zu trinken brauchen? Das Königlichste auf -Erden ist Verschwendung. - -Was ist das? Bewegt sich da etwas in der Ofenecke hinter dem Schlot? Diener -der Kirche, kennst Du denn nicht die grinsende Fratze? - -»Was wäre es gewesen, wenn jemand gestern vom Pferde gefallen wäre -- --?« - -Weg Satanas! Du hast gesprochen, nicht ich! - -Satanas -- ja kommst Du jetzt da herum? Bist licht und schön und frei von -Gang und hast ein rotbraunes Struwwelköpfchen? - -Geist, zerrinne wieder! O Du mein liebes Gesicht -- erscheine mir nicht! -Erscheine mir nicht! - -Die Gartenpforte klinkt. Der Schnee knirscht unter den Tritten. - -Jag sie doch hinaus, wenn Du Angst hast! - -Nein, nein. Die Entscheidung soll kommen. - -Fritzchen, ja -- so etwas wagst Du wieder? Das tut keine sittsame Jungfrau, -Du wildes, unbedachtes Kind! - -O Gregor, das starke Herz, das Männerherz! Reiße es rasch heraus, in den -Winkel damit, sonst -- -- rasch! - -Da klopft es schon. - -Da steht sie in der Tür. Wie ist sie blaß geworden in dieser einen -schlimmen Nacht! - -»Gregor«, sagte sie leise, »ich suche Dich.« Es war ein krankes, bittendes -Lächeln um ihren Mund, das machte sie für ihn noch schöner, als sie je -zuvor in ihrer lachenden Kraft gewesen war. - -Er stand ihr gegenüber -- ihr Sklave. - -»Nein!! Es kommt die Reue!« rief er jählings so wild, daß sie -zusammenschrak. Er hatte es nur sich sagen wollen, nun hatte er es auch ihr -gesagt. - -»Die Reue?« fragte sie zitternd und bange. - -»Du bist ein Kind und weißt nichts von mir und Dir!« rief er in demselben -wilden, starken Tone. »Geh hinaus von hier, geh! Es kommt nichts wie -Unglück hierbei heraus. Ich weiß das, ich wußte das immer, aber ich hatte -es in einer törichten Stunde vergessen.« - -Damit war sein hoher, starker Ton erschöpft. Er sah, wie sie fahl bleich -geworden war. Sie bot einen solchen Anblick, daß er glaubte, sie werde im -nächsten Moment umsinken. Er eilte herbei, ihr einen Stuhl zu geben. - -»Nein, danke«, sagte sie, stützte sich aber doch auf die Lehne und sah ihn -mit den Augen an, die übergroß in dem blassen Gesichtchen standen. - -»Du hast mich also nicht lieb?« fragte sie in einem seltsam hohen, wie -fragend klingenden Tonfall. - -Er spielte jetzt wahrlich nicht. Es war eine Schmerzüberwindung, wie dieser -Mensch sie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht vollbracht hatte. -Er gab der Wahrheit, die über Ja und Nein steht, die Ehre und sagte hart -und stark wie klingender Stahl: - -»Nein.« - -Ihre Blicke verwirrten sich einen Moment und wurden völlig leer, so daß -ihn ein kurzes Grausen und gleich darauf ein unendliches Mitleid faßte. Er -griff nach ihrer Hand und zog sie sanft an sich. - -Die Versuchung für ihn war überwunden. - -»Es war eine sehr süße und holde Täuschung«, sagte er. »Wir kommen beide -wohl darüber fort.« - -Was hatte er ihr doch erklären wollen von der komplizierten Maschinerie -seines Seelenlebens? Ach, vor diesen Augen versagen noch ganz andere -und viel einfachere Erklärungen. Da steht der schlichte, große, starke -Menschenjammer vor dem ganzen Prunk der analytischen Erklärungskunst, und -die Kunst fällt zusammen und wird zum Häuflein Schmutz. - -Das Leben aber wendet sich und geht hinaus. - -»Adieu, Gregor.« - -Sie geht hinaus. Es sind nur Minuten verstrichen, wieder klinkt das -Gartentor. Sie trägt den Kopf geneigt, wie ein freier Vogel, den man -angeschossen hat, sie schleppt ihre Füße. - -Ach ja, das wird ein saurer Gang. - -Er, der Pfarrer, steht in seinem Zimmer. Er ist nicht zum Sklaven und zum -Verräter der eigenen Kraft geworden. Er hat gebüßt, was zu büßen war. - -Jetzt schließt er seinen ehrlichen Bund mit der Einsamkeit und mit der -Kälte. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf? - -Sie kommt in ihrem Schloßhof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit -seinen vielen Fenstern. - -Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage? -Einfach weiterleben hinter diesen Mauern? - -Es zuckt ihr in den Füßen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht -wieder hier hinein! - -Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war. -Übers Moor? Oder an den See? - -An den See? Weißt Du noch? - -Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drückt sie die beiden Fäuste vor die -Augen. Schwarz -- schwarz -- schwarz -- - -Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste! - -Hinein. - -Wie die Haustür knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der -Treppe. - -Jakob? Gibt es denn noch Menschen? - -»Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gnädiges Fräulein?« sagt Jakob, der alte -Schelm. - -Sie steht in der Schulstube und weiß nicht, wie sie hereinkam. Es ist -eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern. - -Da bleibt sie stehen, mitten im Raum, und schreit laut auf. -- -- - -Das hat geholfen. Das starre, steife Entsetzen ist gelöst. Sie atmet -wieder. - -Sie weiß plötzlich alles -- sie lächelt -- sie glaubt plötzlich nichts. -Welch ein Schreckbild hat sie geängstigt! - -Sie geht an ihren alten zerschnitzten, staubigen Fenstertisch. Ein halb -zerrissener Zettel liegt herum, sie nimmt ihn und schreibt darauf mit -Bleistift. - -»Ich habe Dich nicht verstanden. Meintest Du so, daß wir uns nichts mehr -angingen? Aber das gibt es ja nicht. Du kannst mich doch nicht den einen -Tag lieb haben und den anderen nicht? Bist Du mir über etwas böse, das ich -getan habe? Warum sagtest Du das nicht --« - -Plötzlich hielt sie inne. Sie fühlte es im Nacken, es stand jemand in der -Tür. Mit einem Erbeben des Grauens kehrte sie sich um. - -Da war er. -- Schwarz, stumm, mit demselben eiskalten Gesicht von gestern, -von der Dorfstraße her, mit einem geisterhaft schrecklichen Blick durch die -Brillengläser. Er rührte sich nicht, er öffnete nur langsam die Lippen -- -er würde ihr antworten -- - -»Nein! Nein! Ich will nichts! Ich will nichts!« schrie sie wie von Sinnen. -Sie sprang auf, der Stuhl fiel um, sie stolperte über eins der Holzbeine, -die ganze Stube drehte sich, er mit, sie fühlte ein namenloses Entsetzen, -wie einen Fall in eine unendliche Leere -- - -»Geh fort! Geh fort --« - -Dann wurde es Nacht und stumm. - --- -- -- Es stand niemand in der Tür. Nur die acht Fenster, von dem -einförmigen grauen Weiß des sonnenlosen Schneetages gefüllt, sahen auf das -bewußtlose Kind am Fußboden. - - * * * - --- Aber es kamen Schritte. Frau v. Pohle suchte nach Fritzchen. Sie hatte -im Vorbeigehen Jakob gefragt, der kratzte sich im Kopf. - -»Mit der ist wohl was los, gnädige Frau. Die guckte mich eben an, als ob -sie ihren Klug nicht hätte. Am End' ist sie krank, sie ist wohl zu Bett -gegangen.« - -Im Bett war sie nicht. In der Schulstube war sie. - -Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der -Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem -umgestürzten Stuhle lag. - -Sie kniete neben ihr. »Fritzchen!« Aber sie konnte den starken jungen -Körper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu -holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische. - -Sie nahm und las ihn und fühlte einen Moment, wie das Herz in ihr still -stand. Ihr Gesicht bedeckte sich mit brennender Röte der Not, der Scham, -um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor -ihren Füßen lag. - -Den Zettel steckte sie zu sich. - -Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschönes -Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzenskälte. O Gott, o Du Gott der -Gerechtigkeit, triff ihn! Höre mich! Mann und Kinder und all mein -Lebensglück hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wüste. Ich will nichts -für mich. Aber höre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte -ihn, den Vernichter!! - - * * * - -Es kam über Nacht ein Westwind übers Land in großen, langen Stößen. Die -Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder -wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dächern und rutschte von den -Bäumen. Große häßliche löcherige Vertiefungen fraß das laue Naß in die -zarte weiße Schneedecke. Auf der Dorfstraße patschten die Pferdehufe, -schlammten die Räder. - -Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von draußen herein, -wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten -war, aber hier auf dem höckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an -das Verdeckleder hinan. - -Überall steckten besorgte Gesichter aus den Türen und hinter dem -Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt. - -»Was ist denn los?« »Fräulein Fritzchen ist krank.« »Na nu! Uns' Fräulein? -Aber nee!« - -Es wußte es niemand, was in Wahrheit geschehen war, außer Frau v. Pohle -- -und vielleicht noch einem, wenn man es dem zufällig im Dorfe erzählte. Aber -mit dem redet man doch nicht wie mit einem gewöhnlichen Menschen. - -Frau v. Pohle sagte dem Doktor, daß Fritzchen gestern in Ohnmacht gefallen -sei, eine unruhige fieberische Nacht gehabt habe und heute sehr matt und -beängstigend teilnahmslos daläge. Sie sah auch den Doktor, dessen Assistent -sie manches Mal im Dorf gewesen war, leer und gleichgültig an, erwiderte -seine Begrüßung nicht und gab ihm keine Antwort. - -»Laßt mich doch schlafen«, war das einzige, was sie in einer Art von müder -Verzweiflung sagte. - -»Sie muß einen kolossalen Nervenschok gehabt haben«, sagte der Doktor. »Sie -haben keine Ahnung, gnädige Frau?« - -»Nein, nein«, sagte Frau v. Pohle, aber so hastig, daß er ihr die Lüge von -der Stirn ablas. - -»Mit Vater -- Schwester -- es ist nichts passiert?« fragte er. - -»O, nicht im geringsten.« - -»Es wird sich augenblicklich nicht viel tun lassen«, sagte er. -- »Sie muß -sich gesund schlafen. Aber sowie sie wieder auf ihren Füßen stehen kann, -muß sie eine Luftveränderung haben.« - -»Jawohl, eine Luftveränderung!« rief Frau v. Pohle in lebhafter Zustimmung. - -Na, da kann man sich's ja schon denken, Ihr Heimlichtuer! dachte der alte -Doktor bei sich. Lieber Gott, menschliche Sachen. Zwanzig Lenze zählt das -Wurm. Sowas geht vorüber. - -»Und mal ein bißchen tanzen, Menschen sehen, Theater, Musik, all solch' ein -Kram. Sie verstehen mich, gnädige Frau, sorgen Sie dafür.« - -»Soviel ich kann!« sagte Frau v. Pohle. - -Im Fortfahren dachte der Doktor: Ob es nicht der hochnäsige Laffe im Talar -ist, der auch hier das Unheil angerichtet hat? Möge ihn der Teufel holen! - -Der Fluch des kräftigen alten Doktors und das Gebet der feinen alten Dame -schloß eine seltsame Verbrüderung. Es haben schon andere Throne gewackelt, -als man sie niederbetete und niederfluchte. Denn auf Erden sind Mächte am -Werk, die mächtiger sind als der Westwind über den Schneemassen. - -Der Westwind ging um das Pfarrhaus und rüttelte an der Haustür und den -Läden. Ein Reitpferd stand draußen angebunden, es war ungeduldig und -stampfte, daß der Schmutz hoch aufspritzte. Ein Mann kam aus dem Hause in -hohen Stiefeln, er ging durch den Garten, setzte sich zu Pferde und ritt -davon. Nur der Wind war noch in der Straße. Er trieb den Regen durch die -Luft und riß den letzten Schnee von den Bäumen. - -Jawohl, es ist auch eine Lust, Schönheit zu zerstören! Der Wind löst die -weiße Decke auf und stößt die phantastischen Kronen von den Mauerköpfen. -Ihr habt genug bewundert! Hussa, merkt Ihr, wie es trieft, leckt, pfeift, -klappert, und wie alle Herrlichkeit zufließt? - -Der Pfarrer steht im Zimmer und liest einen Brief. »Mein Gregor, denke -Dir, seit gestern ist Hans fort. Ich glaubte, er wäre zum Arzt geritten, -es hatte sich mit seiner Hand so außerordentlich verschlimmert. Ich wartete -ängstlich auf seine Rückkehr und schickte ihm dann einen Boten nach. -Sein Pferd hat er eingestellt und nur dem Wirt -- denk' Dir, Gregor, dem -Hotelwirt! -- den Bescheid für mich hinterlassen, daß er schreiben würde. -Er war schon vorher so seltsam, sonst würde ich mich ja nicht ängstigen. -Und dann der kranke Arm. Bei dem Arzt ist er gar nicht gewesen! Lieber -Gregor, wenn Du Zeit hast, komm herüber. Laß mir durch den Boten sagen, ob -ich Dir den Wagen schicken soll. Oder wenn Du Nachricht von Hans hast, gib -sie ihm gleich mit.« - -»Der Wagen soll kommen!« hatte Gregor bestellt. - -Er kannte seine Mutter, sie hatte nicht gewagt, den gleich mitzuschicken. -Was sollte er auch dort? Ihr sagen, daß er etwas mehr wisse, als sie -- und -daß auch er eine unbestimmte Angst in sich hege? - -Aber er konnte drüben wohl noch Näheres erfahren, er konnte des wütenden -Jungen Spuren verfolgen. Das würde nicht allzu schwer sein. Er konnte ihn -in seinem sinnlosen Hinausstürmen aufhalten und ihm sagen: Du hast keinen -Schmerz und keine Bitterkeit nötig. Was Du für meine Rechte hieltest, -übergehe ich alles Dir. Und das Weitere besorge Du Dir selbst. - -Wie ist solche närrische Verzweiflung doch noch voll Glück, Kraft, -klopfendem Leben. Um eines kleinen Mädchens willen sich Herz und Genick -zerbrechen, die Welt einschlagen und nichts sehen, hören, fühlen außerdem, -das ist wild und frisch wie Jagdlust und ein scharfes Reiten. - -Sieh, wie ist der Schnee getaut seit gestern. Wo ist die leuchtende -Herrlichkeit hin? Der Wind pfeift und der Regen rinnt, es wird eine -schlimme Fahrt übers Moor. - -Justine sagt, es ist Krankheit im Schloß. Es ist schon möglich, daß es hier -an zwei Enden auf Tod und Leben geht. Laß es gehen, laß es ziehen, rinnen -und vorüberpfeifen, wie der Westwind, der den Schnee zerschmilzt. Ich stehe -daneben! - -Stolzer Mensch, der also sprechen kann! Tausendmal armer Mensch, der also -sprechen muß! Es gibt ein Königtum unter den Menschen, das ihre Fesseln -nicht trägt, nicht den Schutz ihres Daches und die Wärme ihres Herdes -teilt. Das selbst von dem Schmerz, der ihm Fessel sein könnte, unabhängig -ist. - -Der Ärmste ist zugleich der Mächtigste. König Gregor, es beneiden Dich wohl -wenige um Deine Krone. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -Damals war die Stunde noch nicht gekommen, daß Fritzchen ihre alte Heimat -verließ. Es ging nicht. So wie der Doktor und Frau v. Pohle sich das -zurecht gestellt hatten, ließen sich dieses Kindes Wege nicht ordnen. - -Frau v. Pohle hatte heftige Szenen mit dem Papa wegen der -»Luftveränderung«. Der Papa wurde zum ersten Male ausfallend gegen die -feine alte Dame. Fritzchen kroch nicht an ihn heran, um Schutz zu suchen, -sie fühlte sich nicht von ihm beschützt. Sie stand blaß und still und kalt -und sagte: »Ich reise nicht fort.« - -Als sie kaum aufgestanden war, ging sie nach oben, sie wußte, daß sie hier -einen Zettel geschrieben hatte. Er war fort. - -Hatte Gregor wirklich in der Tür gestanden? Oder hatte sie Geister gesehen? - -Sie fragte nicht. Ein kaltes Schauern ergriff sie. Nicht mehr daran denken! -Schon wieder kam das Gefühl des Entsetzens über sie, das mit diesem Raum -verbunden war. Da stürzte sie hinaus und zitterte an allen Gliedern. Es war -vorbei für sie mit der Turmstube auf immer. - --- Das Grausen verließ sie lange nicht. Sie konnte sich Gregor nicht anders -denken als mit dem toten kalten Angesicht und dem Gespensterblick -hinter den Brillengläsern. Sie zürnte ihm nicht, sie suchte nicht nach -Erklärungen, und niemals, zu keiner Stunde, hoffte sie auf ihn und die -Wiederkehr von Liebe und Glück. - -Nichts -- nichts. Sie graute sich nur. Diese Trennung war in Wirklichkeit -auf Tod und Leben gegangen. - -Aber sie wollte nicht fort. Nicht aus Liebe oder Hoffnung oder Kraft -geschah das, sondern aus der großen Lähmung heraus, die diesen freigebornen -und abgeschossenen Vogel befallen hatte. - -Am Sonntag hörte sie die Kirchenglocken läuten. Gisela kam in Hut und -Mantel herein, heute war sie die einzige aus der Familie, die ging. - -War das erst der vorige Sonntag, als sie alle dort gewesen waren? _Der_ -Sonntag -- das war erst eine Woche her --? - -Fritzchen saß im allgemeinen Wohnzimmer. Sie staunte nur und dabei fror -sie über und über trotz des warmen Raumes. Sie war in ein großes Tuch -gewickelt. Wenn sie unter den anderen war, dann graute ihr nicht, nur -allein mußte man sie nicht lassen. - -Herr v. Dörfflin ging an ihr vorbei und streichelte ihr mit seiner breiten -Hand über den Kopf. »Fritz, was ist's mit Dir? Wo tut's Dir weh?« - -»Weh? Gar nicht«, sagte Fritzchen, verwundert über diese Frage. - -»Du wirst hier gesund, ja? Du läufst nicht fort?« brummelte er weiter. - -»Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.« - -Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges. - -Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers -vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen -Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige, -etwas weichliche Schwärmerei für sie, die zwar von seinem Vater, der -mißlichen Geldverhältnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzücken -betrachtet, jedoch immerhin, aus Gründen einer Adelsverbindung durchaus -gutgeheißen wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und -ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine -Wünsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine -sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend, -um nicht eine solche Einführung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu -müssen. - -Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung -und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens -wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich -stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden -Rummelshöfer Söhne unter sich und ihre Schwester zu verteilen. Wie -- daran -war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so daß nirgends -Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten. - -Sie war ein gar kühles, weltförmiges Menschenkind, in dessen geschickten -Händen viel Unmögliches möglich wurde. Aber sie hatte auch ihre -Abhängigkeiten, die sie armselig, bedürftig und ohnmächtig machten. Gregor, -in seiner dörflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich -sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und -Glänzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld. - -Wer zählt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten -Mädchens, das zwischen der Frage: ob Schultze -- ob Zülchow in grausamer -Schwebe hängt, während schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben -auf dem Dache die schimmernde, flüchtige Taube sitzt? - -Auch der Sperling hat Flügel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand -- mahnte -das geängstigte Herz. - -Wie sie dies Hohen-Leucken haßte in seiner kahlen Öde, wo man angewiesen -war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht, -kein keckes Wagen und Tändeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und -Ungunst stattfinden konnte! Hier saß nur ein braver, langweiliger Freier -in schwerfälligem Ernst: Nimmst Du mich -- oder nimmst Du mich nicht? -Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles, -prächtiges, vielleicht trügerisches Licht. - -Sie fing an, nervös zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub, -Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch -nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen. - -Ja -- das sind auch Kämpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere -auf jener. Tränen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende -auch ein Sein. - -Im ganzen war es eine brillante Unterhaltung, leicht, graziös, mit -geistreichem Geblitzel, wie immer, wenn Gisela regierte. Melitta Schultze -war klug und lustig, sie sekundierte vorzüglich. Gisela war gar nicht -hübsch, sie hatte ein langes kaltes Gesicht und einen verkniffenen Mund, -aber sie verstand es so pompös, etwas aus sich zu machen, daß viele Männer -schwuren, sie sei eine Schönheit. - -Ein ganz klein bißchen feiner Klatsch lief zuweilen auch mit unter, aber -nur wie ein Körnchen Paprika. Gisela verpfefferte ihre Gerichte niemals. -Heute gab es eine wirkliche plumpe Neuigkeit. - -»Der jüngste Zülchow ist verschwunden.« - -»Ach! Was heißt das: Verschwunden?« - -»Nein, in der Tat, mein gnädigstes Fräulein. Es sollen schon -Nachforschungen angestellt sein, der Bruder hat auch bei seinem Regiment -vergeblich angefragt.« - -Man lachte darüber. Der eifrige Bericht klang so ein bißchen kindlich. Herr -Leopold war mit seiner Neuigkeit hereingefallen und schämte sich. - -Fritzchen hörte das alles mit an. Sie saß bald am Ofen, bald am Fenster, -bald mit am Kaffeetisch. Sie sprach nicht mit, sie war blaß und ruhelos. -Melitta versuchte ein paarmal, mit ihr zu reden, aber sie gab kaum eine -Antwort, so traumhaft dumpf war ihr zu Mut. Die anderen beiden beachteten -sie nicht viel. Herr v. Dörfflin hatte über Kopfweh geklagt und war -fortgegangen. - -»Was soll denn mit Hans Henning sein?« fragte sie plötzlich und blieb -hinter einem Stuhle stehen. Die Frage klang wie im Zorn gerufen. - -Herr Schultze sah sie beinahe erschrocken an. »Ach, jedenfalls nichts. So -ein Streich, wie ein junger Mensch mal macht.« - -Wie aus unendlicher Vergangenheit stieg das Bild des stürmischen Jungen vor -ihr auf. Sie mußte sich erst wieder zurechtfinden. Der erste Klang aus der -alten lebendigen Welt! - -Hans Henning -- ja -- an der Gartenmauer -- - -»Er hatte eine verstauchte Hand --«, sagte sie langsam, wie suchend. - -»Nun, das hindert nicht am Streichemachen«, sagte Gisela, und die drei -lachten. - -Dem Mädchen wurde es plötzlich heiß in dem wollenen Tuch. Sie streifte es -von sich, ging hin und her, ging zum Fenster und zurück. So war sie schon -die ganze Zeit über gelaufen, aber in dumpfer Ruhelosigkeit. Jetzt bebte -und klopfte alles in ihr. Eine unklare Angst hatte sie überfallen, es war -nicht mehr das Grauen von vordem, sondern ein lebendiges, wildes Empfinden, -so, als müsse im nächsten Moment die Tür aufgehen und ein Bote des -Schreckens dort erscheinen. - -Es geschieht etwas! Es geschieht etwas! hämmerte es in ihr. - -Sie stand und starrte die Tür an: Jetzt muß es kommen! - -Es kam etwas. Die Tür ging auf. Es war Jakob in seiner Sonntagslivree. -Leise, wie ein Schatten, die anderen sahen oder beachteten ihn gar nicht. -Seine und Fritzchens Augen trafen sich unmittelbar bei seinem Eintritt. Er -winkte ihr nur zu, sie verstand sofort. Es war gekommen! - -Draußen in der Halle sagte er zu ihr: »Der gnädige Herr ist unwohl -geworden. Ich weiß nicht, was das ist, es sieht ganz doll aus.« Er war -selber bleich und schlotterte an den Gliedern. - -»Wo ist er? Schnell --« - -Sie war schon davon, aufs Geratewohl in der Richtung seines Zimmers, er -schoß ihr nach und hielt sie am Ärmel fest. - -»Gnädiges Fräulein -- Fräulein Fritzchen, ich denke -- kriegen Fräulein -Fritzchen man keinen Schreck -- es ist am Ende wohl ein bißchen schlimm --« - -»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Fritzchen. - -Es war so schlimm, wie es sein konnte. Herr v. Dörfflin war vom Sofa -gefallen, auf das er sich wohl vorhin gelegt hatte. Er lag unten auf der -Erde. Jakob hatte den Knall gehört, war herbeigestürzt, hatte sich -die Sache angesehen, seinen Herrn ein bißchen herumgedreht und war -davongelaufen. Es war doch eine grauliche Sache! - -Fritzchen kniete neben ihm. - -»Sofort den Doktor holen, Jakob. Sag's draußen. Und dann faß mit an, wir -müssen Papa zu Bett bringen.« - -Sie beugte sich tief über ihn. »Papa!« - -Es kam keine Antwort zurück, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war -wunderlich entstellt. Aber er lebte noch. - -Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren -Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zügen, mit der anderen Hand tastete sie -ihm nach dem Puls, befühlte die feuchtkalte Stirn. - -»Papa, mein Papa --«, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht -nieder. - -Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch -alle Räume. Es kam Hilfe, mehr als nötig war. Draußen wurde nach dem -Schultzeschen Wagen gerufen. - -»Ein Schlaganfall --«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder --« - -Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im -Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen, -die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut -sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da -läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um -aus Frau v. Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das -Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da -hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O -schrecklich, schrecklich. - -Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude -am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere -Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich -nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme -Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte -(viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges -Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!« - -Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann -getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders. -Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn -vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein -paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger -Herr.« - -Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein! - -Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was -nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte -Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze -Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute -auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor -tat. - -Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja -- das ist -eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm -es morgen, bei dieser Konstitution.« - -Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum. -Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den -Wagenlaternen des Doktors. - -»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der -Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es -wohl noch aus.« - -Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen -armseligen Erdensohn brach an. - -Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht, -und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese -verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie -zu Gisela. - -»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas -sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz -ehrlich. - --- Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der -Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf -seiner Bettkante und hält seine Hände, streichelt sein Gesicht. Manchmal -ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten -Geist. - -Nur eine verhängte Lampe brennt. - -Mein Vater -- was war denn unser Leben miteinander? - -Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir -sein müssen. - -Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr. -Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die -häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt -und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch -Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und -Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors -Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt! - -Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte. - -Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem -Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein -Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von -zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird, -viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die -niemand verlangte und niemand angerufen hat. - -Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser, -ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloße Dabeisein -- das alles ist -in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit -über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So -groß und so klein das Leben -- so groß und so klein sind seine Formen. -Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben. - -Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den -jungen, heißen, lebendigen Lippen küßte sie die zerfallende Form. - -»Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.« - -Es kam schon jemand, aber der störte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten -schon ihren großen Bund geschlossen und saßen friedlich Hand in Hand. - -»Fritzchen --«, sagte leise die Eingetretene, Frau v. Pohle, »es ist Ihnen -vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen. -Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist -schon hier und wartet.« - -Es war Morgen geworden, obwohl draußen noch Finsternis lag. Sie sah im -schwachen Lampenschein die dämmernden Züge. »Er versteht ja doch nichts -mehr, ich werde den Pfarrer zurückhalten.« - -Fritzchen sah zu ihr auf, sie ließ die sterbenden Hände nicht los. Ihr -Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar -und groß aus. »Der Pfarrer kann kommen«, sagte sie. - -Frau v. Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie -das Kind dort nicht war. Sie wußte auch nicht, ob sie recht oder unrecht -tat, sie konnte jetzt nichts als den großen, stillen Augen gehorchen und -ihren Willen tun. - -Überall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte -Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrühe den nächtlich dunklen Weg -hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grüßte. - -Er wartete in Herrn v. Dörfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im -Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch -eine Sprache dies alles führte! - -Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte, -war die Erschütterung übermächtig über sie gekommen. Es war wohl keine -Spielerei, daß sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten -Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht -mitgefunden werden könnte. Aber sie hätte auch Pastor Baumann holen lassen. - -Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr -zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte, -bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen -leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen. - -Gregor dachte nicht an sie. - -Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem -Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß, -dort zu weilen. - -Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett? - -Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der -Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines -Befehles. - -Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht. - -Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das -Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht. - -Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr -reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte -nun zu gehen. - -Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter -Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von -dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der -Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit -und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine -Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das -das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt. - -Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei -der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf -angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott! -laß uns Dich schauen! Mensch -- wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin -ich? - -Er hörte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner -dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine große, -starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so heiß, -so voll und groß geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend, -in so starken Tönen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein -dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekümmert und ohne -Zurückhaltung verschwenderisch ausgeströmt. - -Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei. - -Dies war die größte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung, -von der hinaus keine Reue führte. - -Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fühlten -alle, ob groß, ob gering, ob armselig, ob in der Fülle des eigenen -Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit. - -Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewußt, in die Knie -gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke. - -Ja -- wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott, -ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine -Fehler herzählte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur -Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mächtigkeit, von -den Grenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung -unterworfen? - -Schauer der Ewigkeit. -- Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde? - -»Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?« - -Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den -Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe. -Still war das Leben hier im Raum. - -Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie -waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heißen Kämpfer um Mein -und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche -Not lag hinter ihnen. Als zwei erlöste Geister grüßten sie sich. - -Sie gaben sich die Hände und blickten sich lange an. Dann schieden sie. - -Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle -- Hölle, wo ist Dein Sieg? - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es -mit starkem Takt, mit Gewirr, Getön und Geklapper wieder ein. - -Ludwig v. Dörfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war -der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles -drohte zusammenzufallen. - -Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im -Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld? - -Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen beängstigende Schreiben -ein. Hypotheken, Ablösung, Kündigung, fällige Zinsen -- was schwirrte da -alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der -Inspektor und redete von rückständigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war -Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr? - -Von solchen Geschäften verstand Frau v. Pohle auch so gut wie gar nichts; -die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. »Ja, ja, so geht's öfter -mit plötzlichen Todesfällen«, sagte Herr v. Leisewitz-Deechow, den Frau -v. Pohle in ihrer Angst am Begräbnistage um Rat anging. Er hatte wohl -nicht viel Lust, in diesen Kram die Hände zu stecken. »Nehmen Sie einen -gerichtlichen Verwalter für die Sache«, schlug er vor. - -Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schränken liegen die -Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch? - -Jeder Briefträger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen -groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau -v. Pohle schläft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl -eine Zwangsversteigerung dabei heraus. - -Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn -einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht! - -Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck -- und die wirrtolle -Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der -kräftige Ruck? - -Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr -v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben -Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch -festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem -Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre -Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen: - -»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch. -Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und -schaffe da erst Ordnung drein.« - -Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer -nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben. - -Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich -aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und -sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt. - -Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich -mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor -Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein -Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf -ihn wartete. - -Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein -ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und -seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und -erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch -seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen. - -Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner -Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können. -Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein -Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen -Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und -dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe, -rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb -den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den -Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all -sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest. - -Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch. -Danach wurde es auch Fritzchen klar. - -Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein -Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen -dürfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrängt, den Abend -in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v. Pohle hatte für sich und die -beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich -jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen. - -»Gisa«, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grünen Zimmer waren, »Du -wirst den Sohn von da drüben heiraten sollen.« - -Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fühlte alle diese Tage selbst -eine Qual und Empörung über den Zwang, der sie in etwas hineinreißen -wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen -gewesen war. - -»Sollen?« erwiderte sie. »Man wirbt um mich, das ist gewiß.« - -Ihre Art war erkünstelt, sie hätte gern Kälte und Hoheit gefühlt und -gezeigt. Aber sie fühlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht -- was -dann? - -»Tu es nicht!« rief Fritzchen. - -Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie. - -»Gisa -- fort müssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es -wird, weiß ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!« - -Matt -- nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela: -»Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht -das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar -arme Mädchen sein, Fritz.« - -»Ja. Laß das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mädchen haben -auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu -heiraten, ist das doch immer noch.« - -»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts -gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen -vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon -etwas verstünden oder nur angenommen würden.« - -»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden -Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf -aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das -wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber -einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn -Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst -Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch -- Gisa, ich -will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte -und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch -noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, _das_ wäre die ärgste Rache, -die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und -Schlechteste, was es auf Erden gibt --« - -»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt -Du, Kind --« - -»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu -nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst -Du selber sehen --« - -»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der -Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die -Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der -Fülle seiner Ahnungen heraus. - -»Ach, Herr Schultze --«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte -sich aus der Umschlingung der Schwester los. - -Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das -sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen -müssen, so prangte es aus ihm heraus. - -Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte -er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in -schönster Ordnung. - -»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße --« Er kam ins Stottern, -es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her. -Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt -der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht -und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen -und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben. - -Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm -an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser -Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand: -Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was -man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle -alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein -Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen, -so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten -Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel. -Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir -sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen, -daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme -ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet -doch -- Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu -aufzubauen. -- »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut. - -Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche -Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch -bis zum äußersten. - -Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man -braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als -Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle -bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch -zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine -ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt -habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische -lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle, -wie sie waren. - -Folgendes war das Bild dieses Abends. - -Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen, -sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold, -die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen -schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich -kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über -dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der -Tiefe kein Herzklopfen machend. - -Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am -Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft -herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um -irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem -ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den -Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins -kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige, -gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging! - -Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes -Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört -alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein -Leben lebst. - --- -- Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch. - -Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas -gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung -doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit -wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das -Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu -sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine -auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen, -sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die -Hauptsache, die Erklärung, war geschehen. - -So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack -einher! - -Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische, -beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren -Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße -Gisela --«, flüsterte er. - -Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen über -das Gesicht. - -Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein. -Gut, daß die Entscheidung vorüber war. - -»Noch nichts sagen!« bat sie ihn. - -»Aber bald -- bald!« flehte er dagegen. - -Frau v. Pohle sah sich nach ihnen um. - -»Na ja!« dachte sie nur. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Schloß Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde, -die Leute, der alte klobige Turm -- das hat aufgehört zu existieren. Es ist -wie ein Bild, das im Nebel zergeht. - -Es wird Sommer über dem Moor, das Gras steht hoch, die Käfer schwirren, -der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde -- kommt -denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehört wie Gras -und Käfer? - -Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin -abgezäunt. Darin spielen weißbeschuhte Herren und junge Damen den halben -Tag. Es sind jetzt überall neue große Fensterscheiben eingesetzt, der Turm -dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung. - -Wie heißt die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder -Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im -Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, daß -man sich persönlich um die Leute kümmert. Früher ist es nichts großes -gewesen, wenn das Fräulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat und selber -am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie -Märchen erzählen. - -Der Jakob kann einem leid tun. Ein Höhenmensch war er ja gerade nicht, aber -doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel, -aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlässig, wie ein -alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun -war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte -ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte -als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich -von seiner alten Mutter füttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen -wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war -auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag. - -Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Töchter gehen mit -ihren Freundinnen die Dorfstraße entlang und stoßen sich an. - -»Da wohnt »er«!« - -Das ist nämlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante -Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der -Backfische wird das besonders erwähnt. - -Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und -hellblauen und weißen Backfische sind vollzählig. Ein paar junge Herrchen -aus Eifersuchtsgründen sind auch regelmäßig dabei. Das ist ein Zublinzeln -und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehen und Schmachten, daß die Leute -heraufsehen und sich wundern. - -Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld! - -Wenn ihm übel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang über -die Felder. Er kommt dann auch jedesmal über den Böllinger Kreuzweg, wo -Möt über den Graben setzte. Möt ist jetzt zahm geworden und geht im -Ackergeschirr. - -Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Stürmen und tollen -Sprüngen unserer schönen Zeit? - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft. - -Kennst Du den Rausch der Selbstüberwindung? Kennst Du den Triumph, der -höher ist als alle Kränze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei -wird? - -Königlich ist die Unabhängigkeit von den eigenen Wünschen. Sie ist -mächtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter -den Füßen. - -Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich -nach ihm die Hälse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt -kennen sie nicht, und kennten sie sie, so würde ihnen grauen vor ihrer -übermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit. - - * * * - -Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf -dem schmalen Wege nicht folgen. Sie saß in ihrem leeren Hause und hielt nur -abgerissene Fäden in ihrer Hand. - -Die beiden Söhne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte, -wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei, -ausgestoßen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren, -unendlichen, stummen Weite. Tränen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn -nach den Schmerzen der Zurückbleibenden da unten im Tal? - -Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun -war dies Leben müde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung für den -zweiten der Söhne auf. - -Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen -und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernüchterung auf sie. -Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs äußerste. Er habe den Abschied -schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach -Jahresfrist oder etwas später werde er kommen und das Gut übernehmen. -Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so, -verschafft, er bitte, sie ihm zurückzuerstatten. -- Weiter nichts. -Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen -angegeben, jegliche Möglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rückkehr -total abgeschnitten. - -Frau v. Zülchow fragte: »Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?« - -»Ja«, entgegnete er. »Aber es war ein Mißverständnis von ihm.« - -Ein feines, brennendes Rot überzog ihr Gesicht, als sie mit großer -Überwindung, und doch getrieben von ihrer Begier, nicht außen zu stehen, -fragte: »Ist es -- Gregor, Du mußt diese Frage verstehen -- handelt es sich -um die jüngste Dörfflin hierbei?« - -»Ja, Mama«, sagte Gregor ruhig. - -Sie wollte noch Tausendfaches fragen, aber sie wußte nicht wie, und sie -blieb stumm. Das hatte sie jetzt gelernt in ihrer schweren Zeit. - -Abgerissene Fäden hielt sie in der Hand. Auch der Hans, dessen Liebe und -fröhlicher Gegenwart sie so sicher, fast gleichgültig sicher gewesen war, -hatte den seinen abgerissen. Der Mann, ihr Gatte, der ihr ganz zugehört -hatte, war tot. Wo war all der Besitz hin, in dem man einst wie in einem -blühenden Ährenfeld stand? - -Sehnsucht nach Hans -- das war jetzt wohl noch das einzige, was Sinn und -Lebenszweck hatte. Diese Tränen brannten wenigstens das Herz nicht aus. Sie -suchte die Erinnerungen an Hans zusammen, die Kinderbildchen und ähnlichen -Kram. Sie saß stundenlang und grübelte, um sich seine Worte, Handlungen, -Bewegungen ins Gedächtnis zurückzurufen und konnte es kaum fassen, wie -verschwenderisch sie früher gewesen war. - - * * * - -Gisela v. Dörfflin gab es nicht mehr. Dafür eine junge Frau Schultze auf -Gut Böllingen. Der Papa hatte seinem Sohn das Gut und auch die Zuckerfabrik -überlassen und war mit Frau und Tochter zu einem seiner anderen -Fabriketablissements übergesiedelt. Nun konnte das junge Paar nach einer -oberitalienischen Hochzeitsreise »in ungestörtem Zusammensein seine -Flitterwochen verleben.« - -Süße Zeit. Gisela fand sie auch süß genug. Ach, man mag die Seele -aufspannen, wie man will, die sieben fetten Jahre nach den sieben mageren -Jahren sind doch nicht nur ein Tand, den man sich ohne Zucken vom Ärmel -schütteln kann. Fritzchen weiß so etwas noch nicht, es liegt auch zum -großen Teil an ihrer mangelnden Weltbildung. - -Reisen -- reisen! wohin man will, immer in die besten Hotels, immer an -gebückten Kellnerhäuptern vorüber. Kunstschätze, Naturschätze sehen, ohne -auch nur an das Geld denken zu brauchen. Einkaufen nach Belieben und mehr -als man beliebt, so beflissen kommt Leopold jedem Wunsch zuvor. Die ganze -Welt in ihrer Schönheit steht plötzlich offen. Liebe Seele, es ist doch -noch eine große Frage, ob Dein Handel so schlecht war und ob der Einsatz -nicht reichlich den Gewinn lohnte! - -Ja, Gisela Schultze muß ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz -gilt. -- -- -- - -Insofern hatte Frau v. Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig -auf, und der Verkäufer weiß schon so ungefähr, was seine Ware wert ist. - -Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v. Pohle abgehen, die Rolle in diesem -Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, war -aus. Sie mußte sich eine neue Stellung suchen, das war für sie wohl eine -leichtere Aufgabe als für ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in -der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen -hatte beides nicht. - -Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben? -Inmitten ihres großen Schmerzes lachte Frau v. Pohle laut bei diesem -Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mühsal kann -sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr, -aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht. - -Das war Frau v. Pohles Zuversicht und Stärkung in den schweren Tagen, als -der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat. - -Herr v. Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die kränklich, -halbblind und hilfsbedürftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte -eben eine trubulöse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden. -Herr v. Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn -Schultzes rührige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn -gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemühen und -verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die -ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafür sehr starke Anforderungen stellte, -von denen er freilich nichts wußte. Sollte aber Fritzchen für ihre alten -Tage sichergestellt sein, so mußte sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo -sie Geld her bekam. - -Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die -oft aus der einfachen Gegensätzlichkeit entspringen. Daß Gisela solchen -unwürdigen, armseligen Entschluß gefaßt hatte, straffte _ihr_ das Herz. -Nun gerade! Sie hätte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewütigen -Wallung. - -Aber der öde Werktag mit seiner unfruchtbaren Mühe hatte etwas -Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heißen Sommer, dann im kalten -Winter, wenn sie spät abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren -Stube saß, todmüde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom -ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwätz -- wollte ihr der Wundermut oft -elend zusammensinken. Aber der große Sturm, der sie wachgerüttelt hatte, -ließ sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen. - -Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen -und Zermalmenden gegenüber, war das Grauen vor dem Tode über sie gefallen. -Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmächtige Leben es besiegt. - -Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg? - -Es ist keine Zeit da für andere Dinge. Unsere Wünsche, unsere Sehnsucht, -unsere Schmerzen verstummen alle vor dem großen klaren Gesicht des Lebens. - -Das war die große Befreiung, die für diese arme Seele gekommen war. Nun -brauchte sie keine Erfüllung mehr, noch Schutz, noch Hilfe, noch Trost. Sie -hatte das Entsetzen verloren, nun sah sie in reinerem Licht unvergänglich -und unverlierbar den wieder, dem ihr Herz seine junge starke Liebe gegeben -hatte, jene stolze Liebe, die unabhängig ist vom Ja und Nein der Tatsachen, -vom Echo des eigenen Schalls. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Es ging mehr als ein Jahr herum. - -Auch in der eisigklaren Region des Weltüberwinders, der in sich das Herz -erfrieren ließ, um der Schmerzen spotten zu können, gab es noch Stufen der -Entwicklung und Klärung. - -Wohl ist die Askese stark wie süßer Wein, aber Rausch ist nicht -Wirklichkeit, und nur die Wirklichkeit befreit. - -Pfarrer Gregor hörte auf, sein Leben hier auf dem Dorfe als seinen Zweck -und Abschluß anzusehen, wie man aufhört, Arznei zu trinken, wenn die -Gesundheit kommt. - -Er war ein ungenügender Dorfprediger, das Volk verhungerte bei seiner -nutzlosen Mühe. Sein Weg im Leben lag wo anders, da wo er seine Gaben und -Kräfte in Wahrheit nutzbar machen konnte. Er arbeitete an einem Werk, -das ihm die Professur einbringen würde, wie er, gestützt durch seine -Verbindungen, ziemlich sicher annehmen konnte. - -Es war ein kühles, frisches Arbeiten. Er war erlöst von der Zwiespältigkeit -in sich, von der Welt der Leidenschaften, von Liebe und Haß. Er stand, -abgelöst von der Welt, wie ein hoher Berg mit Schnee auf dem Gipfel. So -hatte er seines Wesens Art gefunden. - -Da kam ein leuchtender Septembertag. Gregor hatte fast die ganze Nacht -gearbeitet, bis zum Morgen ein halb Fünf, als es schon hell zu werden -begann. Da war sein Werk fertig und vollendet! - -Er hatte sich niedergelegt und zwei Stunden fest und tief geschlafen. - -Er erwachte. Die Sonne schien ihm bis auf das Bett, ein hohes Glücksgefühl -war in ihm. Er kleidete sich an und ging hinaus. - -Weit und klar dehnte sich der Horizont. Es war eine Frische über dem Lande, -die wie lauter Lebensodem in die Lungen drang. Er schritt durchs Dorf, er -sah die Menschen nicht, die ihn grüßten. - -Und wieder kam er über den Böllinger Kreuzweg, aber er wußte nichts -mehr von Möt und von dem wildschönen Bilde, das einstmals hier an ihm -vorbeigebraust war. - -In der Morgensonne, von Tau übersät, blinkte das Moor. Dahinten lief der -Fahrweg nach Rummelshof. - --- Rummelshof, Hohen-Leucken, die Mutter, Hans, Prinzeß Maria und Fritzchen --- es sind alles zerflossene Bilder. Sie mußten zerfließen, damit das klare -reine Bild des abgelösten Lebens entstand. - -Er ging lange umher, bewegt von seinem Siege, und doch schon zu frei, -um noch stolz zu sein. Schon war das Errungene, das Gewordene: Das -Selbstverständliche. - --- -- -- Was war es an der Zeit? Vielleicht schon gegen Mittag, er hatte -seine Uhr vergessen. - -Da kam jemand über das Stoppelfeld daher, im Lauf. Wer läuft denn so? Vor -Jahren hat es so einen gegeben. Jawohl, der ist nun wieder zurück: Hans -Henning. - -Er blieb stehen. Willst Du zu mir? Es ist jetzt nicht mehr viel zu holen, -von Bruder zu Bruder. Es ist mittlerweile der Frost übers Land gegangen. - -»Steh still! Steh still!« rief der von weitem. Nun ja, er stand ja schon -lange still. »Laufe doch nicht so! Ich warte ja!« - -Es stand ein alter Weidenbaum am Feldweg, der war von oben bis unten -aufgeschlissen, und die Hütekinder spielten darin Verstecken zur -Sommerszeit. Es war an diesem Weidenbaum, daß sich die Brüder trafen. - -»So bist Du jetzt zurück, Hans?« - -Hans Henning war rot im Gesicht wie gesotten und er mußte nach Atem ringen, -da er still stand. Er war sehr verändert, mager und verbrannt. Das Haar -war lang gewachsen, und um den Mund hatte er einen wunderlich wilden Zug. -Gregor sah auf die linke Hand, die so seltsam niederhing. »Hans, was ist -mit der?« - -»Lahm geblieben von damals her. Rede nicht davon, ich habe andere Dinge -vor.« - -»Hans, wir wollen uns doch erst begrüßen.« - -»Jawohl!« rief der andere überlaut in einem unheimlichen Ton. »Ich will -Dich schon begrüßen, aber nicht mit Händedruck. Sage mir -- wo hast Du Dein -Weib?« - -»Mein Weib?« - -»Wo hast Du Dein Weib -- -- Schuft! Bin ich darum im Jammer in die Welt -gerannt als lächerlicher elender Liebhaber, dessen Schatz schon einem -andern gehörte, daß ich nun wiederkomme und finde sie als Dienstmagd -wieder, in einem Loch von Stube -- und der edle Herr, der sie geküßt hat --- -- Gregor, mit welchem Recht hast Du sie geküßt?« - -Gregor trat einen Schritt zurück, seine Augen wurden nach dem ersten -Aufleuchten wieder um einen Schein kälter. Was warf sich ihm hier von neuem -in seinen Weg? - -»Ich brauche auch keine Antwort!« rief der andere mit wildem Lachen. »Ich -wollte Dich nur noch einmal wiedersehen -- Dich Teufel, der mein und meines -kleinen Fritz Leben zerstört hat --« - -Er verstummte einen Augenblick, überwältigt von alten Gefühlen. »Ich suche -Dich schon lange --«, sagte er mit wankender Stimme. »Ich mußte Dir doch -erzählen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie -eine leere Nußschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den -Dragonern, den ich traf, hat es mir erzählt, wo sie ist und -- was sie ist. -Willst Du's auch hören? Die Dienerin eines alten, grämlichen, kleinlichen -Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr -anbieten konnte -- na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit -der einen Hand anbieten -- Aber wem erzähle ich das, Du kaltes Gesicht --!« - -Gregors Ausdruck riß alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut über -den Jungen. »Du Gesicht -- Du Gesicht -- ich will Dich lehren, zu -blicken -- --« - -Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der -taumelte zurück und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen -Seiten. - -»Ei ja!« rief Hans Henning laut gellend. »Das kann ich doch noch mit der -einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gottähnlichkeit bange?« - -Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurück, der wie ein Trunkener -taumelte und sich Stirn und Augen mit den Händen bedeckte. - -»Jetzt habe ich genug --«, sagte Hans Henning mit veränderter, schwerer -Stimme. »Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem -Leben das Anständigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr. -Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.« - -Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hände von der dröhnenden -Stirn, von den matten Augen, die der Gläser beraubt waren, und sah ihm -nach. - -Er fühlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen -Wucht das Leben über ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswüste -zurückließ. - -Bange vor der Gottähnlichkeit -- hatte Hans gesagt. O ja, dies Bangen -wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen -Königsstunden -- eine niemals ganz verlöschende Erinnerung an das Leben, -das er verraten und verleugnet hat. - -»Vielleicht hättest Du noch besser treffen sollen, mein wilder Hans!« -dachte er. - -Dann wandte er sich und ging in entgegengesetzter Richtung davon. - - * * * - -Vor Zeiten gab es einmal eine verqualmte Herrenstube in einem -windverlorenen alten Haus. Da saß ein rotes, rundes, schläfriges Gesicht -und blinzelte verstohlen seine junge Gefährtin an. Jetzt ist kein Qualm -in der Stube, auch kein rotes Junkergesicht, und der wilde Wind kann hier -nicht herein. Aber Frida v. Dörfflin hört ihn doch, wie er über das Moor -pfeift, und weiß, was er ihr zu sagen hat. - -O Du webende, wogende, wallende Phantasie! Bist Du noch dieselbe, die -in der Turmstube mit am Fenster stand, als die Wolken gingen? Zeige Dein -Gesicht! - -Die Frage kommt zurück: Bist denn Du noch dieselbe, Du Ungestüm? - -Das wird ein wunderbares Wiedersehen! Sie sind ja beide miteinander -gegangen, denselben, steilen, schaurigen, mächtigen Weg, ohne sich -anzusehen. Jetzt stehen sie staunend: Wie bist Du anders und doch so -bekannt! - -Die Finger werden steif vor Kälte hier in der schlechten kleinen Stube, und -der Kopf tut weh vor Müdigkeit. Aber das kommt alles kaum zum Bewußtsein. -Ja, das hat sich der alte Junker auch wohl kaum gedacht, daß sein Fritzchen -so verfroren und müde vom Dienst über denselben wunderlichen Schreibereien -sitzen würde, die ihn einst ungerechterweise gegen Fräulein Miller -aufbrachten. - -Als der Winter zu Ende ging, war es mit Fridas überlasteten Körperkräften -auch am Rande. Sie fiel am hellen Tage vor Erschöpfung fast in Ohnmacht. -Sie war mager geworden, und ihre Kopfschmerzen quälten sie. Schon die -letzten vierzehn Tage über hatte sie abends sogleich zu Bett gehen müssen, -ob es ihr gleich schwerer fiel als die sauerste Arbeit. - -Frau v. Leisewitz war halbblind und hörte nur durch andere Leute, daß ihre -Gesellschafterin sehr elend aussähe. Das ärgerte sie. Es ärgerte sie auch, -daß Fritzchen vergeßlich und langsam geworden war, es ärgerte sie mit -Recht wegen des hohen Gehaltes. Sie ließ sich über diese Dinge aus in einem -bissigen Ton. - -Da wachte der junge Menschengeist auf, der Winters über unter einem Bann -weltentrückter Träumerei gestanden hatte. Da sah er, wo er war und wo sein -Weg im Leben lief. - -Er konnte nicht Frau v. Leisewitz dienen, und der großen stummen Macht -seiner Tage, der Königin Phantasie. - -Fritzchen fühlte sanft und reuig gegen die wütige alte Dame. Die war -so hilflos und war so gründlich mit ihr hereingefallen! Als es an das -Gehaltauszahlen kam, erschrak sie fast über die Hunderte, die sich vor -ihr aufbauten. Sie wollte nicht so viel, das war ja wie ein Hohn auf ihre -verträumte Lässigkeit. Frau v. Leisewitz fand dies verspätete Sträuben -geschmacklos. Herr v. Leisewitz-Deechow bekam einen Brief seiner Cousine -und konnte sich zum zweiten Male in der Dörfflinschen Sache verlegen den -Kopf krauen. - -Fritzchen blieb in Berlin, mietete sich eine kleine hochgelegene Stube, -packte ihre Sächelchen in die verquollene Kommode, die nie ganz zuging, -schlief sich aus und fand sich dann allein mit ihrer rätselhaften -Gefährtin. - - * * * - -Flatternde Vögel flogen aus der kleinen Schreibstube und setzten sich den -Leuten auf die Köpfe, auf die Hände und auf die Herzen. An manchem flogen -sie auch vorbei, ohne daß er sich umsah. Das waren die Träume, Gedanken -und Gestalten von Fritzchen v. Dörfflin, die unter Wolken und Winden -aufgewachsen und durch ein starkes Leben und ein starkes Sterben mitten -hindurchgegangen war. - -Es waren gewißlich viele, an denen die Vögel vorbeiflogen und denen sich -das Umsehen danach nicht lohnte. Was lag ihnen an Wolken und Winden und dem -alten Sang von Tod und Auferstehung? - -Aber es gab viele verlorene Wanderer im Erdenleben, die froh und bang ihre -Straße zogen, denen flog plötzlich so ein freier Vogel auf die Hand. Sie -sahen ihn an und sagten: »Dich kenne ich doch schon lange und wußte nur -nicht, wie Du heißest.« - -Aus diesen Leuten kam allmählich Fritzchens neue Welt zusammen. - -Eines Tages nahm sie ihre Sachen wieder aus der verquollenen Kommode heraus -und zog in ein anderes Haus, und als ein paar Jahre vorüber waren, wußten -es eine ganze Menge Leute, daß der kleine Märchenfritz ein heißes, stolzes -Künstlerblut in sich hatte. - -Eine feine alte Dame, die wieder in einem verwaisten Haushalt das Zepter -führte, sagte bei Tisch, als man begeistert von Frida v. Dörfflin und ihren -Büchern sprach, ganz ruhig: »Das habe ich schon längst gewußt!« und bildete -sich so viel darauf ein wie alle Leute, die etwas, »schon längst« gewußt -haben. Am Ende aber kam es so weit, daß sie auch einen Umzug machen konnte -und zu ihrem Fritzchen als treue und parteiisch verblendete Mutter ging. - -Sie nannte es Du, wie sie es seither in allen ihren Gedankengesprächen -genannt hatte, und sagte zu ihm: »Es ist hohe Zeit, daß jemand nach Dir -sieht!« Damit meinte sie noch etwas ganz Besonderes. - -In der ersten Zeit versuchte sie es auch noch mit Predigen: »Du bist ein -phantastischer Narr! Steht Dir nicht die Welt, da sie am schönsten ist, -weit offen? Du hast starke und feine Menschen zu Freunden. Was kostet es -Dich, dies fließende, ziehende Leben voll schöner Bilder festzuhalten und -es zu einem einzigen mächtigen Bilde zu verdichten, indem es in den Rahmen -des Weibtums, des Muttertums eingeschlossen wird?« - -Fritzchen sagte nicht viel dazu, führte keine Dispute, sich zu verteidigen -und andere Leute zu überzeugen. Sie sah nur aus so wundersam erstaunten -Augen auf diese Darlegungen. Da wurde plötzlich Frau v. Pohle ganz von -selbst nachdenklich. Es kam ihr ein Wort in den Sinn, das ließ sie nicht -los. - -»Du hörest sein Sausen wohl, aber Du weißt nicht, von wannen er kommt und -wohin er fährt.« - -Ihr wildes Fritzchen war am Ende auch so ein Bote Gottes über den Feldern. -Dem kann man wohl nicht die üblichen Straßen und Wege zeigen, der geht, -wie er gehen muß. Vielleicht war ihre arme junge Liebe, so traurig und -kümmerlich sie aussah, doch zu groß und stark und mächtig gewesen, als daß -ihre Kraft jemals sterben oder durch eine neue ersetzt werden konnte. - -Ach ja, man soll nur aufhören, alle Leute mit einem Maß zu messen. Der -liebe Gott spricht doch zu einem jeden in einer besonderen Sprache. - -Noch einmal in ihrem Leben sah Fritzchen die Felder von Hohen-Leucken -und das Moor wieder, und das hochgelegene Herrenhaus, das durch die Bäume -blickte. Sie kam von einem Besuch bei Gisela und ging allein über das Feld. - -Ihr Bruder, der Wind, ging über die Stätte. Da breitete sie die Arme aus, -als wollte sie ihn umfangen. - -»Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft!« - -Höher als alle Vernunft -- -- sang der Wind über dem Moor. - -[Illustration] - - -Druck von Petzschke & Gretschel, Dresden-A. 27 - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung gesperrter Schrift: _gesperrt_. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 12: - "Struwelköpfchen" geändert in "Struwwelköpfchen" - (ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen) - - Seite 21: - "Aukunft" geändert in "Auskunft" - (war die andere Auskunft) - - Seite 33: - "sie" geändert in "Sie" - (Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin?) - - Seite 73: - "." eingefügt - (mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen Bunde.) - - Seite 86: - "selbst" geändert in "Selbst" - (Selbst Hans Henning hatten sie von ihr fortgedrängt) - - Seite 93: - "," entfernt hinter "Fritzchen" - (Nein, Fritzchen will das nicht.) - - Seite 111: - "einen" geändert in "einem" - (in dem einem das Atmen verging) - - Seite 112: - "kam" geändert in "kaum" - (heute wendete kaum das Jüngste der Kinder) - - Seite 135: - "Nachhausekommn" geändert in "Nachhausekommen" - (Das war ein Nachhausekommen! dachte er.) - - Seite 145: - "eine" geändert in "einer" - (aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen) - - Seite 159: - "russigen" geändert in "rußigen" - (Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf.) - - Seite 164: - "verkraxelt" geändert in "verknaxelt" - (meine linke Hand ist neulich beim Reiten verknaxelt) - - Seite 178: - "," geändert in "." - (Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen.) - - Seite 203: - "kam" geändert in "käm" - (Wäre es heute nicht gekommen, so käm es morgen) - - Seite 223: - "," eingefügt - (»Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?«) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Fritzchen, by Marie Diers - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRITZCHEN *** - -***** This file should be named 62645-8.txt or 62645-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/6/4/62645/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
