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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-02 04:48:38 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Eheglück - Roman - -Author: Bianca Bobertag - -Release Date: June 29, 2020 [EBook #62491] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Bianca Bobertag - - Eheglück - - - Roman - - [Illustration] - - Berlin - - Concordia Deutsche Verlags-Anstalt - - 1900 - - - - -Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin. - - -Der kleine Martin. - - Erzählung - von - #Karl Emil Franzos#. - - #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, geb. Mk. 3,--. - -#St. Petersburger Zeitung.# (P. von Kügelgen.): »Karl Emil Franzos' neueste -Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht der Erzählerkunst -des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste, edelste, selbstloseste -Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich, zu wenig mutig und -schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte ist musterhaft erzählt, -jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern, alles greift so konsequent, so -logisch, so unabwendbar in einander, daß man den Eindruck erhält, Alles mit -eigenen Augen mit angesehen, mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.« - -#Berliner Tageblatt#: »Man kann diese Novelle wohl als ein Pendant zu dem -großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums Recht« betrachten, nur daß Franzos -diesmal uns das Kampfgebiet von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung -ist interessant und fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz -der tragischen Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute in -Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.« - -#Bohemia#: ».... Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht drückende, -die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische Umrahmung -ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert: die Erscheinung eines -gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit den Rauheiten und Roheiten -der Welt nicht fertig zu werden weiß, der aber darin, was Comte den -»_Altruismus_« nennt: in der Hinopferung für Andere, in der _herzhaften -Selbstlosigkeit_ immer wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir -beschränken uns auf diese allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen -kleinen Geschichte.« - -#Hamburger Fremdenblatt#: ».... Die hauptsächlichsten Vorzüge dieses neuen -Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen, eine scharfe Charakteristik -der Personen und der in der bewegten, dramatisch aufgebauten Handlung -verborgene _sittliche Kern_. Dem schönen Buch, einem echten Kinde der Muse -unseres Dichters, ist manche Neuauflage vorherzusagen.« - -#Berl. Börsen-Courier#: »... Die Personen, die uns der Dichter hier -vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster Anschaulichkeit. -Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt durch ihren sittlichen -Wert.« - - -Norddeutsche Leute. - - Novellen - von - #Adalbert Meinhardt#. - - #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, elegant geb. - Mk. 3,--. - -#Blätter für litterarische Unterhaltung# (1. Jan. 1897): »... Es ist nicht -Willkür, die für diese Novellen diesen Namen erfand. Vielmehr haben die -Charaktere durchgängig ein gewisses Etwas gemeinsam, was sie als Menschen -_eines_ Schlags erscheinen läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit, -mit glücklicher Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und -durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen zeichnet -uns A. Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden sind. Um so -nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo einmal ihr Gefühl -eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die über beiden Erzählungen ruht, -entspricht der künstlerischen Absicht sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen -Leute« seien als gesunde, im besten Sinne unterhaltende Lektüre -nachdrücklich empfohlen.« - -#Hamburger Correspondent.# (Nr 1, 1897): »... Zu jenen schriftstellernden -Frauen, von denen jedes neue Buch von einem weiteren geistigen Wachstum -zeugt, gehört Adalbert Meinhardt.... Man muß der Kraft der Darstellung und -Charakteristik wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen. Die -Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind, finden hier auch -eine harmonisch ausklingende Auflösung.« - -#Heimgarten.# (=XX.= 5.): »Die jugendliche Mutter und die heranblühende -Tochter lieben denselben Mann -- gewiß ein starker Konflikt, der auch -energisch gelöst wird, in feiner und vornehmer Art.... Eine Schilderung -des norddeutschen Wesens, die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf -wiedergiebt.« - -#St. Petersburger Herold.# (29. =XII.= 1896): ».... Die Novelle »To Hus is -best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst und Tiefe des Problems, wie -an Kunst und Kraft der Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite -Novelle des Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das -A. Meinhardt bisher veröffentlicht hat.« - -#Hamburger Fremdenblatt.# (25. Dez. 1896): »... wirkliche norddeutsche -Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die sie ihr eigen nennen, darum -eingeengt in ihren Ansichten und Anschauungen, rauh nach außen, aber unter -der unansehnlichen Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein -reiches Gemüt ... Das Werk sei bestens empfohlen.« - - - - - Eheglück - - - Roman - - von - - Bianca Bobertag - - [Illustration] - - Berlin - - Concordia Deutsche Verlags-Anstalt - - 1899 - - - - - Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung vorbehalten. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Salzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre noch nicht der mit modernem -Komfort eingerichtete, teure Badeort, der es heute ist. Es besaß noch keine -eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine Teppichbeete und keine -Wiesbadener Preise. Trotzdem war sein Besuch ein lebhafter und bei aller -Einfachheit der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber dem -Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das das »Orschester« genannt wurde -und in dem man eine jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen -dem Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. Es gab eine -Promenade, auf der die neuesten Pariser Moden spazieren geführt wurden, -Réunions, bei denen getanzt und musiziert wurde, und selbst eine -Leihbibliothek von etwa hundert Bänden, in der neben den Räuberromanen von -Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn und die Paalzow, Walter Scott, -eine Anzahl »Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für verwegenere -Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue zu haben waren. - -Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; die Toiletten-, -Gesundheits- und Moralitätsjury waltete damals so gut wie später ihres -Amtes, und Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, bis sie -glücklich selbst in dem großen Gerichtshof Aufnahme gefunden hatten. - -Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre -Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den -meistbesprochenen Persönlichkeiten. - -Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem -Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand, -Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren -schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen, -stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter -nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge, -ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede -Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam -musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in -aristokratischem Sinne. - -Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne -geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei, -während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der -im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große -Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte -man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt -geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am -Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war -alles. - -Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen -vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch -des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles -Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich -gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die -sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme -an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen. - -Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar -gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer -Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem -Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend, -in fröhlicher Erregung auf sie zueilte. - -»Mutter -- Konzert im weißen Lamm -- Stücke von Beethoven und -Chopin-Liedervorträge -- Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei! -Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir -gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr, -_ganz_ gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.« - -»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide -acht gute Groschen.« - -»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.« - -»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!« - -»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze -Jahr so schlimm zugebracht. -- Ach Gott!« - -»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.« - -»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die Polonaise und 'nen Walzer -erlaubst Du schon, Walzer ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige -Stillsitzen in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das schablonierte -Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig auch auswendig, die -Erzählung, wie die Mutter der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und -also, wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile und Unruhe, so -gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!« - -»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.« - -»Freut Dich denn das nicht?« - -»Nun ja -- freilich.« - -»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das Kreowski einmal an mich gemacht -hatte: »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen --« - -»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine mißtrauisch. - -»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer weiß, ob es überhaupt dieses Lied -ist; es kann auch ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß -- vielleicht.« - -»Du bist ja rot geworden.« - -»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals sehr gut. Aber das ist ja nun -so lange her, so lange, vier lange Jahre. -- Klärchen hübsch artig gewesen? -Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel eine hübsche Geschichte -erzählt?« - -Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß und küßte es, bis es wieder -hinunterstrampelte. - -Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter war keine allzu pünkliche -Mutter, nicht lieblos, aber nicht von der überströmenden Zärtlichkeit -mancher anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien ihr -mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, die irgend einen anderen -Grund hatte. - -In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und - - »Leswig-Holstein, meerumslungen - Leswig-Holstein, stammverwandt,« - -sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding jauchzend; entzückt -hob es die Großmutter auf und überschüttete es jetzt ihrerseits mit -Liebkosungen. - -»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! Und Verse über Verse weiß sie -auswendig, unser Goldkind!« - -»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte die junge Frau. - -»Bist Du es denn nicht?« - -»Ich -- na -- das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich _so_ ein Kind -habe! Bin _ich_ denn von Dummersdorf? Und Verse und Lieder -- weiß ich auch -ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter -- ich hab eben ein Gedicht gemacht. Auf -dem hübschen Aussichtspunkt saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« -- - -»So weit bist Du gegangen?« - -»Gar nicht weit.« - -»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?« - -»Na ja. Und ich glaube -- es kommt mir so vor -- als wäre es anders, als -meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns -Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?« - -»Meinetwegen, sag es.« - -Wanda Rhode sah sich um -- rechts und links war niemand zu erblicken -- -breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren: - - »Was, du heller Sommertag - Streust du so voll Prunken - Hin auf Fluß und weite Flur - Deine goldnen Funken?! - - Heller Reichtum überall, - Jauchzen und Erklingen, - Überall in Blühens Kraft - Seliges Durchdringen. - - Und bist dennoch ach! wie arm - Noch im Überfluten, - Noch in deinen unerschöpft - Goldnen Sonnengluten. - - Hab doch ich die Wälder grün - Alle rings ersonnen, - Ist doch meines Herzens Glut - Sonne licht entronnen. - - Tönt von meinem Jubel doch - Baches Rauschen wieder, - Und in Busch und Baum sind mein - All die frohen Lieder. - - Welt, du bist ein Abbild nur - Meiner Liebesfülle, - Blühst nur, daß in deinem Glanz - Sich mein Herz enthülle. - - Blühst nur, weil in dir mein Glück - Blüte sich gefunden, - Welt, du seliges Gedicht - Frohbewegter Stunden.« - -»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! _Du_ hast die Wälder ersonnen und die -Vögel singen _Deine_ Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.« - -»Es ist aber so.« - -»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?« - -»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das -Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor -Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und -so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.« - -»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. Von Ewald.« - -»Von Ewald? Na, das hat Zeit.« - -»Das hat Zeit? So?« - -»Ich dächte.« - -»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal --« - -»Nun?« - -»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre Bertha ist so -unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut wie allein -- und dann -- ich hätte -ja Holtei gern gehört, aber acht gute Groschen -- weißt Du: Registrators -gehen, so schließe Dich nur an die an.« - -»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen Klärchen aufopfern willst, so -bin ich ja desto beruhigter. Also auf Wiedersehn.« - -Und fort eilte sie. - -Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, daß sie wieder so war! Was -hatten diese vier Jahre aus ihr gemacht -- und nun war sie wieder so frisch -und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen gönnen? Da verfolgten -sie auch schon Zwei! Nun, sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu -halten. - -Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und -legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!« - -Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder -in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und _diese_ Qualen, Sorgen -und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht -- ja was wissen denn die -Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr -der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen, -sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe -hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des -Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste -an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer -Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was -hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe. - -»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und -»Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht -gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller -Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder -Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender -Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder -zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als -Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der -Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen -Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? -- -weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über -tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen -- und doch schienen -sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren -Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu -bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau -Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter -denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und -alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die -persönliche Beschäftigung damit; und das hatte _sie_, Florentine Gernoth, -erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen -läßt sich unterdrücken, das wußte sie -- und wußte nur nicht, daß, wo der -Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt -- und -sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet -werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt -war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich -offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem -Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade -da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der -Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu -erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit -bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende -Wirtschafterin. - - »Welt, du bist ein Abbild nur - Meiner Liebesfülle.« - -»Hm.« - -Neben ihr wurde es unruhig. - -»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu -dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen -es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und -bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind -aufzuheitern. - - »Das ist der Daumen, - _Der_ schüttelt die Pflaumen, - Der hebt sie auf, - Der trägt sie nach Hause, - Und der Kleine -- ißt sie alle alleine auf!« - -Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter -mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust. - -Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka« -exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem -Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich -steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten, -gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen -und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen, -breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer, -einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der -Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man -sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott -erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen -sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben. - -Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter -dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden -Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen -Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem -in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer -Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es -war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung -ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner -Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, -der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein -Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit -zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung -Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da -polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, -der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen -Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt -wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten. - -In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante -Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern -Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in -Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und -mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück -ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen -Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen: - - »Polkahöschen trägt der Kleine, - Polkajäckchen die Mama, - Polkamütze, Polkalocken, - Polkaröckchen der Papa,« - -heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre. - -Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie -hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das -»schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte. - -Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer -Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und -zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges -mehr können.« - - - - -Zweites Kapitel. - - -Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung -sollte ihren Anfang nehmen. - -Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war -aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht -im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte. - -Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank -Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem -neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales -stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur -schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner -Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke -herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den -Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen. - -Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen -Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen -bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch -ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter -Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung -- nicht -nur der Frauen -- war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das -»gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen -auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und -Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem -Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein -mochten. - -Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch -gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal -fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf -Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der -Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah. - -Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt, -eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das -Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; -ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer -Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier -alten Schlages charakterisiert. - -Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu -Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier -rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung -entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines -Volkshaufens. - -Dann trat ein Geiger auf -- man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen -zu -- und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, -und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit -denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm -entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, -daß er mit Chopin befreundet sei. - -Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich -sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich -verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich -an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten -Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem -kurzen, spitzen Klange entriß. - -Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte -den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm -gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann -in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, -etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend. - -Gleich darnach begann der Gesang: - - »Ich weiß nicht, ist es Unrecht, - Ich weiß nicht, ist es Schuld, - Ist es mir Fluch des Schicksals, - Ist's neuen Glückes Huld. - - Ich frage nicht, liebst Du mich, - Bin ich Dir auch nur wert, - Noch hab ich Deiner Liebe - Verlangend je begehrt. - - Ich breite meine Arme - Zum Himmel jubelnd laut, - Wie wunschlos man zur Sonne, - Wunschlos und jubelnd schaut. - - Du bist -- und Glanz und Wonne - Umfluten strömend mich, - Ich habe Dich gefunden. - Und jauchzend lieb ich Dich.« - -Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein -Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr -in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen -vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie -keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein -nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein -an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. -Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln -hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne -Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu -heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die -Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter -das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«. - -Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold -von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er -sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre -zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als -die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle -mitzuteilen. - - »Und wär's nur Berg und Strom und Thal, - Die uns trennen so weit, so weit, - Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal, - Und die Trennung wär' Seligkeit. - - Ach! was uns trennt, ist eine Kluft, - Tiefer noch als das Meer, - Und leise nur manchmal trägt die Luft - Ein Grüßen hin und her. - - Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal, - Und das Meer zwischen Dir und mir, - Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser -Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch -rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend. - -Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die -Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen -der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den -tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit -der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und -die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, -in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden -Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie -auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, -daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer -herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen. - -»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie -chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche -Liebe.« - -»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was -mag es für ein Stück sein?« - -»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.« - -»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!« - -»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.« - -Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her -- -deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins: - - »Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit -seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und -die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, -unbeschreibliches Gefühl. - -Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und -Flügelstücke beklatscht worden waren, -- sich verschiedene Herren in der -Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das -Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher -nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und -Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, -Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu -einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in -irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte. - -Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten -Augenblicke bringen würden. - -Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie -herankommen? Und was würde er dann sagen? -- In dem Gasthofsaale mit dem -Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli --- damals noch ein vornehmes Parfüm -- schwebte etwas wie eine -Schicksalsfrage. - -Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich -Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die -vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, -Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen -tanzen wollen, mein schönes Fräulein.« - -»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.« - -»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte --- aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu -entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die -Polonaise mit mir anzuführen -- wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir -die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige -hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück. - -»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des -alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen. - -»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne -Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.« - -»Eine Frau? -- ob der Mann hier ist?« - -»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.« - -»Um so besser sogar,« -- setzte Herr Supphahn hinzu, der französische -Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte. - -Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte -seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er -merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. -- - -Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen -geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, -dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den -kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie -und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe -weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner -Sehnsucht. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar -Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso -großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei. - -»Ein freundlicher Zufall.« - -»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der -vorhergehenden Dame. - -Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch -das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte, -bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen -sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam -Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er -ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er -nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr -war. - -Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen -nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern -brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen -Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie -noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen -Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die -Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen -den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es -war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze -auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte -Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart -und gebrochen sprachen -- er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut -eines Królewicz. - -Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir -den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt -übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung -tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine -Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die -wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an -ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege. - -Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour -mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen. - -Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, -der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter -einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu -machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten. - -Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth -abzuliefern. - -»Und ich soll _Ihnen_ halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« -fragte Wanda Rhode lachend. - -»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.« - -»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum -Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu -verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie -nur glücklich das Land erreiche?« - -»Nein, das kenne ich nicht.« - -»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen -Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die -Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht -länger widerstehen und tanzte, und tanzte --« - -»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!« - -»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte: - - Bianca, Bianca, was hast Du gethan, - Du hast dein Wort ja gebrochen. - -Worauf die Schöne lachend rief: - - Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika - Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen. - -Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der -Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge -Bianca! -- Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich -Ihnen diese Herren vorstelle?« - -Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle. - -»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen -inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm -eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr -trat. - -»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?« - -»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb -meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?« - -»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank -und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und -heiter und -- ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich -manche vergnügte Stunde verlebt.« - -»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so -unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.« - -»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten. - -»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in -Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir -einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper -machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt, -und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück -haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir -vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in -seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer -aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft. - -»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre -ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das -Beben der Stimme neben ihr trank. - -»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte -mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um -mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.« - -»Sie kamen erst heut hier an?« - -»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich -überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung --« - -»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?« - -»Nein,« sagte er dumpf. - -Sie tändelte mit dem Fächer -- in diesem Tone ging es nicht weiter, so -ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, -man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete -schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken -heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht -unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene -Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten -Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie -diese --« - -»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn _Sie_ scherzen und spotten können, ich -kann es nicht.« - -Sie suchte nach einem andern Thema. - -»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper, -die Sie damals schreiben wollten?« - -»Sie erinnern sich dieses Planes?« - -»O, sehr gut, besonders _eines_ Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch -wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie. - -»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.« - -»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier -gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.« - -»Wirklich?« - -»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen -Stimmungen der Sehnsucht und -- nun ja, phantasiere ich gern auf dem -Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.« - -»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn -bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.« - -»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik --« - -»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein -wenig an mich gedacht?« - -»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten. -Was ist da weiter?« - -»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem -vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? -- ich meine in -Salzbrunn.« - -»Nein.« - -Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang, -aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um, -endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter, -die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz -zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und -kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche -Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein -tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt -hält. - -Ganz unvermittelt -- die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren -zum »Contre« angetreten -- sagte er dann: - -»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen, -daß ich jenes Lied -- ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, -öffentlich mitzuteilen wagte?« - -»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.« - -»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?« - -»Ich denke.« - -»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles -preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene -ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum -Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle, -alles ihres Ringens und Sehnens?« - -»Warum sollte ich das nicht begreifen?« - -»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.« - -»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und -dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen -hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und -Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen -vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, -die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und -was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß -von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?« - -»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner -Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein -großer Genius zu gelten.« - -»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir -denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie -nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka, -nicht wahr?« - -»Gewiß.« - -Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der -Wirbel des Reigens die Beiden. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen, -hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber -redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles -Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für -die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch -einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die -vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und -obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen -strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu -nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich -verletzt sah. - -Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die -Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr -überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch -zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung -ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, -leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften -verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil -in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit -der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete -und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser -Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für -Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der -die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die -bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und -- -vielleicht nicht ganz weise -- in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen -Schatzes verkehrend. - -Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft -eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre -inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe -von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen. -Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, -so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie -hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert -hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen -Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß -selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine. -Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der -Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß -Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber -besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der -Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr -wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches -Auge darüber wachen lassen konnte. - -Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und -hinreißt. - -In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das -bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas -Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes, -Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die -lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet -und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und -einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, -jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender -Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren -Gesichtskreis trat. - -Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren -geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein -müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu -denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie -selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau -Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des -Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte. - -Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran -gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres -Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese -Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und -die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, -ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert. - -Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen -Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht -erfüllen. - -Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor -gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume -hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu -sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus -ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt -seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und -in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie -eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres -Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe. - -Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur -dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die -stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was -immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie, -nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur -weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer -Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich. - -Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner -Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, -etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung -lag. - -Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte -instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, -das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte -sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist, -durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe -von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte, -den sie ihrer Tochter wünschte. - -Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie -hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die -in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es -handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten -Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese -Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus -nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor. - -Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in -ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen -oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in -einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu -sein scheint. - -O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen -Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese -Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen -Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz -alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend -darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege -zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein! -Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses -Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller -Gedanken und Empfindungen! - -Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den -Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, -auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis, -Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet. -Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen -die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker -erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und -Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien -herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken -von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche -Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle -diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an -denen das Herz doch noch hängt. - -Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert: -dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den -man auf Rat der Mutter eigentlich _ganz_ geheim halten soll -- aber gerade -das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem -reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten _Liebe_ beruht. - -O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder -ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, -geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke, -schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer -Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in -Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale, -die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven -Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter -hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, -alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt: -die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich -auslöscht und zugleich über sich erhöht. -- - -Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem -Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist -auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt -und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war -in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an -Pfänderspielen und den Bildern einer =laterna magica=, man machte Verse -über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu -selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur -Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die -Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken -ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht -erhitzte -- was sie freilich dann mit Heftigkeit that, -- war man äußerst -friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen -Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die -Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen -kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man -war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer -aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt -fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das -eigene Heim mit dem Gefühl, daß _seine_ Freuden über alle anderen gehn! - -Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten -vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den -Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel -den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu -verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, -die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten -Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt. - -Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten -Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages -an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse -Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese -demokratische Begeisterung wurden ihr -- ein ganz klein wenig langweilig. - -Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder -gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man -beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das -persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen -Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den -Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein -sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen -kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal -gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, -die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte, -ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie -interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren -es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren -die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden -Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das, -womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen -Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt -durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter. - -So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die -Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben -aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des -Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über -allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte. - -Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen -zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, -Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja -- um gemeinen Mangels -willen -- endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum -Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual -- die -Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte. - -Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine -Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, -eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte -ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche -Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst -wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und -quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war -es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle -die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien -vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch -das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft -hatte. - -So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend, -Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem -Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen -nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf -und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter -Wasser zu setzen. - -Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten -und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen -man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen -Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch -nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute -- die -Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle -Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -- aber man kokettierte ebenso gern. - -Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war. - -Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade -verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet -hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die -Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte -Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen -lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem -leise wallenden Nebel standen. - -Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken -ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese -Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat -er ihr in den Weg. - -»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an -den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben -Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und -papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. -Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung -erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten -Hände.« - -Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie -hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie. - -»Heiter? Glückberauscht!« - -Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete -endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike -von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für -Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler -nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine -Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien -mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu. - -Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren -Ton einzugehen. - -Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und -durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an -den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und -glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen -am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging. - -Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die -Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten. - -Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas -wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie -begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das -Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig. - -»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen -der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. -Jetzt aber -- jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles -überloht! Aus =es moll= über =es-dur= in =e-dur=. Trah -- tratatatah!! Das -müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das -Glänzende.« - -»Muß es denn herzzerreißend sein?« - -»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein -thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, -wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir -abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns -sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht -demütigen sollten.« - -Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos -zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer -leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer. - -»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie -ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die -verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn -und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen -sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden -vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei -Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf -zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute -sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren -Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind -und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht -sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und -kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden -sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern -erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit -der Glut ihres Geistes.« - -»Wundervoll!« - -Sie lachte. - -»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium -verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen -werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der -Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, -jubelnde Evangelium von der Schönheit.« - -»Sie schwärmen.« - -»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in -der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr -Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als -ihr Blutzeuge sterben wollte, -- wenn Sie es forderten?« - -Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei -für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß -sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den -Ernst zu persiflieren. - -»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! -Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht -könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen -Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und -besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre -Nähe wage.« - -Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen -Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand. - -Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus -seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor -sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das -er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und -seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der -Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem -Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, -morgen zu Gotteslästerern macht? - -Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten -die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; -schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns -angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen -wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, -Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen -ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. -- -- - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner -Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt -hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange -lustwandelten, zwischen sich das Kind führend. - -»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer -Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. _So_ will -ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.« - -»Was wirst Du Dich nur so quälen.« - -»Es soll mir Freude machen.« - -»Wie Du willst, Mutter.« - -»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie -zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß -abscheulich schmecken, ordentlich giftig.« - -»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.« - -»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.« - -»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das -Vernünftige schlechthin ist.« - -»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist -von einem Grafen Strachwitz.« - -»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie -auch dieses Thema wieder fallen. - -Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. -Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter -verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen. - -An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei -Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder -außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth: - -»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause -sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und -suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die -und Registrators sind die richtigen Mexikaner.« - -»Mexikaner?« - -»Nun -- Mexikaner -- Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.« - -Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, -aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die -jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, -wenn wir sie abgelegt haben. - -»Wer ist denn der Polowski?« - -»Ich meine den polnischen Musikanten.« -- Wanda schwieg verletzt. - -»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder -begegnen und ansprechen.« - -»Er mißfällt Dir natürlich?« - -»Er hat so was Unmännliches!« - -»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als -eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -- na, was war es denn noch? ja: -Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir -ist eben keiner recht.« - -Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und -Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre -Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. - -»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind. - -»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, -wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander -plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener -machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen -hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der -Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie -sie jetzt sprechen?« - -»Ja. Hörst Du's auch, Machen?« - -»Jaja. -- Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine -sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie -ist ein kleiner Phantast.« - -»Wenn man _das_ erlebte!« - -»Was, Mutter?« - -»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.« - -»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen -haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.« - -Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine -ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen -setzen,« sagte sie. - -Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank. - -»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter. - -»Eia --« - -»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter. - - »Mein dunkles Herze lieb dich, - Es lieb dich und es bicht, - Es bicht und zuckt und verbutet, -- - Aber du siehst es nicht.« - -Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von -überwältigendem Effekt war. - -»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während -sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust -drückte. - -Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und -ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie -alle beide das Kind ab. - -»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.« - -»Weiter gar nichts!« - -»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte, -ich wäre auch Schauspielerin.« - -»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.« - -»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!« - -Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine -zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz: - - »Freudvoll und leidvoll, - Gedankenvoll sein, - Langen - Und Bangen - In schwebender Pein, - Himmelhoch jauchzend, - Zum Tode betrübt, - Glücklich allein - Ist die Seele, die liebt. - -›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei. - -»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth. - -»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon -manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. -- ›Du hast doch nichts im -Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.« - -»Ach laß mich.« - - »Glücklich allein - Ist die Seele, die liebt.« - -Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf -öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.« - -»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley -- -da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich -- ihr könnt nun Raute, -mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« -Oder sonst was: - - »Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.« - -»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal -Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie -treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten -Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in -jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem -Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. -Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.« - -»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu -einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen -zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.« - -»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?« - -»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.« - -»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, -und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!« - -»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du -schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. -Geh ein Stückchen spazieren.« - -Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und -griff nach ihrem Schirm. - -»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.« - -»Da ist es zu einsam.« - -»Bäume und Sträucher thun mir nichts.« - -»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer -Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen. - -Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen -gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und -sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen -pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu -gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, -daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach, -während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog -und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser -Brunnenpromenade festzusetzen. - -Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg. - -Warum sie ihn nur liebte? - -Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche -Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und -umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich -er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas -Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt -hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes -und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete -Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein -akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch -nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und -seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben -möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie. -Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen -und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß -sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose -erhielt. - -Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren -pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der -Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen. - -Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander. -Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz -durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem -süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, -und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen, -die sie umspielten. - -Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder -seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er -indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander -unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen -herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich -breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen? - -Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu -einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten. - -»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in -der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich -hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich -- diese Stelle bekomme.« - -»Ach -- Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken. - -»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt. - -Sie schwieg und sah vor sich nieder. - -»Ich -- ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen -einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb --- Warum sagen Sie nichts?« - -»Es geht nicht.« - -»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?« - -Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht -starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark. - -»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen -- denn --« - -»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?« - -»Ich kann es Ihnen nicht sagen.« - -Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander. - -»Sagen Sie es lieber.« - -»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -- wo man so ganz -zusammenrückt -- geistig, gemütlich -- wo man seine Seele so umdreht -wie einen Handschuh -- dumm! aber es giebt solche Stunden -- wenn man -verheiratet ist -- --« - -»Gewiß, natürlich.« - -»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar -altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.« - -»Jawohl.« - -»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht --« - -»Zum Beispiel?« - -»Zum Beispiel, daß man -- um ein Haar -- um eines Andern willen -zurückgetreten wäre -- vor der Hochzeit.« - -Sie stockte. - -Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und -sah sie an. - -»Und dann -- sagt man sogar den Namen -- eben des Andern.« - -»Welchen Namen?« - -»Witold von -- -- nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem -desparaten Lachen und sprang auf. - -So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen. - -»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu. - -»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur -- Freundschaft ist -- von Ihrer -Seite -- auch dann --« - -»Dann würde ich lügen.« - -Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So -glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er. - -Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend -sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!« - -»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.« - -»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine -zu bleiben. Aber genug für heute. -- Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht -mehr.« - -Und leidenschaftlich riß sie sich los. - -In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm -wieder entfliehen. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein -Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei -Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen -Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses -Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern -besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen -Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und -zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer -Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. -Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen -und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft -stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber -erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet. - -Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen, -aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren, -der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist -zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin -flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war -die Kraft. - -Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht -größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs -lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals -innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug, -mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die -bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er -pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb -in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde -angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe, -den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der -Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren -Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und -Sorge auf sich genommen. - -Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige -finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer -Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden -mußte. - -Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu -ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber -es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um -wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten, -zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument -unerläßlich. - -Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und -Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese -Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen -lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger -einrichten, als es schon war? Das war unmöglich. - -_Dann_ also verzichten. - -Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles -Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit -- dumpfes -Tagewerk und geistiger Tod! - -Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde -zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich -eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den -geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel -sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und -- fühlte sich dabei -angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum -einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt -fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf -Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der -Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach -aus, und es verschwand. - -Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn -zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein -kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er -jedoch sogleich hätte erlegen müssen -- eine Gelegenheit, wie sie sich ihm -nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich -zermarterte er sein Gehirn -- ihm blieb nur eines übrig: der reiche -Schwiegervater. - -Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -- aber die Kälte und -der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, -hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu -hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen. - -Nun -- ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für -seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, -wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß -- - -Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen. - -Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel -trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager -und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig -und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer -Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer -scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden -Idealisten. - -Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not -und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen -Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch -eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl -Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden. - -Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als -ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat -dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals -und machte sich dann schleppenden Ganges auf. - -Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen -hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen -die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob; -vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es -so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um -die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die -übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den -Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so -arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach -Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, -in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal -bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der -jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave, -jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die -Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um -ihre Menschenrechte verkürzte. - -Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu -Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und -Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten -Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von -schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt, -die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen -und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler -Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, -planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam, -während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst -du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine -Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch -nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik -in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt. - -Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der -stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten -Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich -die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die -Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer -noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit -dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den -mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig -gespendetes Geschenk hinzuschieben -- und alles empörte sich in der Seele -des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im -Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen -der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. _Den_ Mann bitten, -diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der -Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die -Sucht, eine Rolle zu spielen -- den _bitten_ -- er konnte, _konnte_ nicht! - -Und langsam, ganz langsam drehte er um. - -Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein -Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer -kommen. - -Er sann und sann. - -Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges -Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen. -Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend -ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,« -einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem -Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber -seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten -mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, -der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er -ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: -verkaufte? -- schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann -noch das Mikroskop gebraucht?! - -Etwas anderes also! - -Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die -ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame -Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, -wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches -Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf -umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein -Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als -habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße -mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren -Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz, -in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren -und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und -Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen -Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu -lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den -Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden -enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor -schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten -Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an -den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, -die ihnen ihre Lieder entlockte. - -Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend! - -Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle -empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände -gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen -Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und -ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht -bloß ein einzelnes Subjekt -- nein! eine ganze empfindende Welt beglücken -könnte? - -Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln -ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die -Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe -mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit -unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas -bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine -Wirkung festsetzen -- müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der -Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er -nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?! - -Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den -Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde -einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das -diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen. - -Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder -betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das -von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er _wollte_ -nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit -bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das -noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die -Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm -bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und -dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen -haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu. - -»Sparsam!« - -Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der -dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht. - -Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre -Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können. - -Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas -von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so -sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur -Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, -aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um -ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf -diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen. - -Aber _sie_ war so sparsam. - -Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die -fest verschlossen war. - -Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr -belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem -Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht -ergriff ihn. - -Wie sehr er sie liebte! - -Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem -Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, -die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie -teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher -Bedrängnis er sich befand. - -Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm -zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für -ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach! -dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung, -über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu -den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei -eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen, -um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender -Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er -nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl -sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr -nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo -sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe -ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis -oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre -Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch -ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden, -zwischen Wissenschaft und Poesie. - -Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn -zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, -daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend, -in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten -Oberfläche blieb. - -Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie -später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch -keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch -nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man -hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich -wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner -Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer -eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo -die schönsten Begriffe krepieren. - -Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten -seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an -sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann -bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle -oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen -wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf -Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein -Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es -war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend -bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes -gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt -blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich -- das Urbild der -Schwäche. - -Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus -das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten, -zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer -allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, -- daß -sie eine Person war, auf die er _alle Rechte_ habe, physische, seelische, -materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben. -Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso -tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte -Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch -Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle -- begriff -er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe -zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen. - -Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und -ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des -Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß -des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach, -aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben -stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und -dreiunddreißig Thaler Silbergeld. - -Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von -den bisherigen auffallend unterschied. - -Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was -für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei -seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der -Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden -der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und -humorvoll. - -_Dieser_ Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen -Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange -und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen -Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er -enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der -ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das -Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt -oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet -mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar -von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und -Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte -ihm durchaus. - -Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt -war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. -Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der -einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen -Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, -bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht -mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken -können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und -phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der -Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war -ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie _einmal_ das Glück dichterischen -Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen -auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer -Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr -zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den -Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig -übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem -Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht -in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das -dichterische Gesetz und verfuhr darnach. - -Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. -Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang -einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte -eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und -trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden -vor: - - Klingende Weisen, tönet - Über mir! Duftet, o Rosen! - Schatten der Dämm'rung, versöhnet - Grelle des Tags! Mit losen - Duftigen Schleiern decket - Angst und lastende Plage, - All was die Seele schrecket: - Not und ringende Klage. - Ganz mit duftigem Schleier, - Wallend in seliger Fülle, - Mir zur einsamen Feier - Holden Abends umhülle - Dämmerung den grämlichen Tag! - - Höher als strebende Mühen, - Höher als alles Vollbringen, - Stolz in der Tugend Erglühen, - Höher als Kraft und Gelingen, - Froher als heitere Feste, - Jubelnder als das Entzücken - Fröhlich gescharter Gäste, - Glänzend in all ihrem süßen - Elende wandelt in Wonne, - Wandelt auf seligen Füßen, - Leuchtender noch, als die Sonne, - Liebe den blumigen Pfad. - - Klingende Weisen, tönet - Über mir! Duftet, o Rosen! - Schatten der Dämmerung, versöhnet - Grelle des Tags mit losen - Duftigen Schleiern, denn selig - Öffnen sich schimmernde Pfade! - Über mir unwiderstehlich - Himmlisches Wolkengestade! - Und meine Seele, der Sonne - Gleich, der einsam beglückten, - Wandelt in jauchzender Wonne - Wolkenhin, wo Entzückten - Liebe schmücket den Pfad. - -Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, -Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda -versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn -endgültig verabschiedete. - -Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich -bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur -wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern --- wie sie nun einmal war -- wegen der geistreichen schriftstellerischen -Leistung, die er nebenher bedeutete. - -Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die -Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, -verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das -ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten -Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige -Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor -Freude machen mußten. - -Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit -ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete. - -Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter -Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, -war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner -Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen -Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau -Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die -Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz -mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit -Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster -besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war -ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen -durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren -finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen -war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über -umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die -die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen -konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe. - -Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder -zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. -In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des -Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von -einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den -blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur -gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere -Augen und frischere Lippen und war -- ach! so unglaublich schön, schöner -als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen. - -Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,« -rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame -Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und -damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, -das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des -Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte. - -»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr -ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die -junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth. - -»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht -besonders gut aus.« - -»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen -wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein -geliebtes kleines Mädel?« - -Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an. -»Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?« - -»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!« - -Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben. - -»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals. - -»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche -Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹« - -»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich -aufmunternd an. - -Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und -verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es: - -»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.« - -Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese -Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in -ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich -Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte: - -»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht -leiden.« - -Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind -in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. -Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm -umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn -noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und -rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war. - -Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend -weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln -und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete -alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von -einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein -Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es -war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem -sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen -Provinzen, die es ausmachten. - -Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her, -fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den -Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne, -von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe, -und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und -seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten: - - »Du bist ja hold den Gimpeln - Und heilest Gimpelschmerz,« - --- von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife, -langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule -gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse: - - »Kleid eine Säule -- - Sie steht wie ein Fräule.« - -Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen -Vers zu dichten. - -Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken, -der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem -Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um -den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen -den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika. - -»Die Kolmeika?« fragte er. - -»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf! - - Die Kolmeika tanz ich gern - Mit dem gewissen jungen Herrn, - Doch am liebsten ist es mir - Mit dem schönen Gard'off'zier.« - -»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend. - -»Ach, da war ein Graf Borinski -- der tanzte das zum Küssen. Ein netter -Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich -Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor -unsern Fenstern getoggenburgert. - - Und so saß er, eine Leiche, - Eines Morgens da, juchhe!« - -Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses, -fieberiges Lachen. - -»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf, -suchte da und dort: »Die Tasche?« - -»Die legt' ich ins Schlafkabinett« -- - -»Ach dort!« und rannte hinaus. - -Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen -Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt -war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die -Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre -drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen -wieder gestorben. - -Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein -dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame -Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das -eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise -als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, -spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie -grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie -dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre -eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft -und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen -Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper -hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera. - -Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! -Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven -verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich -mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. -Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der -schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr -eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, -als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen. - -Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände -nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und -des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu -zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte. - -Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren -Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu -qualifizieren. - -Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -- dieses Glas, das sie -Ewald mitgebracht -- und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch -hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt -- dieses Glas -- -- da in der -Handtasche! So! - -Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen -Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den -gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben -brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, -die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein: - - »-- und Glanz und Wonne - Umfluten strömend mich, - Ich habe Dich gefunden, - Und jauchzend lieb' ich Dich.« - -Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken? -Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug --- indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.« - -Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war -sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von -dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen -gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem -in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit -und Verlangen nach ihr. - -Wo blieb sie nur?! - -»Wanda?« - -»Ja.« - -Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat -sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in -heftiges Schluchzen aus. - -»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?« - -»Nichts.« - -»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte -er zärtlich. - -Da hielt sie nicht länger zurück. - -Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit -unsäglicher Qual und Bitterkeit. - -»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht -wieder!« - -Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum -Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? -Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas, -in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr -alles zu Liebe zu thun, _nichts_ waren -- gegen den Willen der Natur! Was -sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet -gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz -- so gern -er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen -Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn -- vielleicht, daß er -dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das -Unabänderliche erleichtert hätten! - -Aber so fand er sie nicht. - -Wanda schluchzte weiter. - -»Fort! wieder fort möcht' ich!« - -»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch --« - -»Nichts weiß sie. Nichts!« - -Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch -die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte -hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe -auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut, -alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein -lautloses Verstehen und süßes Begreifen war. - -Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als -ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, -blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur -an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von -uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns -gereicht! - -Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke. - -Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe -vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten -Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen -und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen -Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die -Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt -hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete. - -Ehelos durch das Leben gehen -- nein, das war das Entsetzlichste. Das war -noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte -ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem -unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus -dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der -Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu -schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten -und barmherzigen Gottes nennen! - -Gleichviel: es war so. - -»Ewald!« - -»Wanda.« - -Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte -völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, -weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden -wollte. - -Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr, -in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem -Leben, das nun einmal ihr Leben war und -- ist es nun so, daß Liebe -im menschlichen Gemüt überhaupt etwas _für sich_ ist, eine subjektive -Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben -diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann -- war es, daß speziell -in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war, -eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war -- als der Doktor -sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es, -daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der -sie leidenschaftlich umschloß. -- - - * * * * * - -Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen: -Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal -- -Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche -bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein -Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige -oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche -Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit -zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als -Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der -Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen -frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt, -flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam. - -Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die -sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen -Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das -_andere_ etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen -wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu -freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen -- verzeihe mir« -- oder zu -heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern --« der -Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen. - -Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener -werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb -- und sie warf -die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe. - -»Kreowski?« - -Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete -Pollacke‹ war dort?« - -»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös. - -»Ja.« - -»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß -er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen -Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht -er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche -Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.« - -»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in -Schnurröcken herumlaufen.« - -»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie -gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie. - -»Ich weiß bloß, daß der Mensch -- Musikant war er ja wohl -- trotz seines -›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich -Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah -und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.« - -»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.« - -»Das fehlte gerade noch!« - -Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie -hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den -Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre -Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher -Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die -sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn -sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen. - -Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden, -bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen. - -Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war, -wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine -sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing. - -In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches -Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so -fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte, -an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit -ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, -Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die -ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts: -nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische -Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch -den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über -Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am -unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines -Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in -das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht -zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein -Individuum zu treffen. - -Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch -- es -war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt -gewesen zu sein. - -Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches -gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für -die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der -dahinter stand. - -Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer -Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches -Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr -dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten? - -Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese -Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich -an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur -erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode -patriotisch sein, warum national empfinden sollen? - -»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt. - -»Aber _Du_ hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte -nur -- noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.« - -»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.« - -Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der -Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum -Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen -- das Resultat der -bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Es war eine Woche später. - -Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man -es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig -und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von -schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und -Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend -etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit. - -Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst -und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge -Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte, -amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten -Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen -sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der -Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so -übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen -Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach -Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der -Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet. - -Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen. - -»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren -gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.« - -Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld -abtrug. - -Das kleine Clärchen jauchzte. - -Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken -ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle -einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des -Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler -Friedrich Wilhelms =IV.=, eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit -dem Kopfe Friedrich Wilhelms =III.= und der Bezeichnung auf dem Revers: -»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von -einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für -den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem -Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln -wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht, -Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir -geschenkt haben wollen« -- da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt -davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues« -verzichtet. - -Sie mußte noch jetzt darüber lachen. - -So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig -zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen -Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich -entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar -zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor -dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben -im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern -verdienen. - -Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht -schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt -- dem, der es unter Mühen -erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück -metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in -seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm -rauben, heißt ein kleiner Mord. - -Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das -Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen, -ist verhängnisvoll. - -Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den -Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen -bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des -Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin, -wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das -Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch -mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse. - -»Schö--ner, grü--ner -- schö-- --« - -»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich -mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel -aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es -nicht!« - -Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. -- -- -- - -Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem -Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen -hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau -aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und -Stock hin und ging hinein. - -»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es -ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen -- alles!« - -»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß, -aber ganz ruhig. - -Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt -aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins -Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff -und ging. - -»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? -- Mein -Gott -- Du -- Du sollst ja alles wieder haben --« - -»Also Du?« - -»Ja -- ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! -- Wanda!!« - -Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein -gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen -und endliches Verzeihen. Und -- wartete vergebens. - -Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde -Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine -furchtbare stumme Sprache. -- Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges -Wort nur, aber ein sehr böses. - -Er stampfte mit dem Fuße auf. - -»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht -zustand, daß ich -- nach dem Gesetz -- jedes gute Recht habe an allem, -was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht -ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich -durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte. - -»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch -gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?« - -»Aber -- aber Du sollst es ja wieder haben -- dieses Geld!« - -»Dann wäre es -- nach dem Gesetz -- ein Geschenk, was Du mir damit -machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses -Geld.« - -Damit ging sie hinaus. - -Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach. -Sie liebte ihn also nicht? - -War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht! - -Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu -beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz -war. - -Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe -anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen. - -Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt -die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele -erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem -Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt? -Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu -entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale -und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit -ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas, -wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie -gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene -Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und -schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr -verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern? - -Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn -nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »_Nein_« sein -könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit, -die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung -geringer schätzt als sich selbst. - -Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub, -sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, -wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie -segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher -Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller -Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art -Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten. - -Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie. - -Ja, das sei es gewesen. - -Sie antwortete nichts darauf. - -Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause; -denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen -wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu -begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut -und ging. - -Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann -niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und -Sprunghafte ihres Wesens. -- -- - -Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele, -als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen -lasse. - -Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt -Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das -Verzeihen nicht schimpflich sein soll. -- -- - -In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen -Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für -Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von -dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so -erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um -sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im -moralischen Leben an ihn herandrängte. - -In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter -Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn -gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben -sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein -verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das -wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann -fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf -und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft -bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe -seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen -dagegen zu bedeuten! - -Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren -und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem -Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das -verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so --- -- so -- - -Er wußte nicht was -- seine Gedanken packten den Gott schon wieder. - -So verflatterte ihm der Konflikt. - -In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab -Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die -moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung -vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. -- -- - -Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor -hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie -brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während -dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein -Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum -etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn -er den Grund dieses Jubels geahnt hätte. - -Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt: -dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die -Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben -wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit -zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze -gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne -auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber -sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun -plötzlich von ihr? - -Ah -- Verse! Verse und Melodieen! - - Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt - Und thät sie still begraben -- - Die Ruhe, die sie mir geraubt, - Die wollt' ich wieder haben. - - Doch wie sie war drei Tage tot, - Ich bin über Feld gegangen, - Meine Liebe kam, war frisch und rot - Und küßte mich auf die Wangen. - - Nun ging es über Berg und Thal, - Das war ein fröhlich Gewander, - Sie sprach zu mir: sterb ich einmal, - So sterben wir miteinander. - - * * * - - Am Waldrand, dort wo die enge Welt - Von blühenden Hecken ist rings umstellt, - Dort unter den alten Rüstern, - Wo Gras und Blumen flüstern, - - Möcht ich noch einmal Dir allein, - Wenn der ersten Sterne lichter Schein - Die Augen der Müden segnen, - Allein Dir noch einmal begegnen. - - Und sähe die Dämm'rung um uns her - Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer, - Sähe den Himmel sich dehnen - Und sähe doch nichts vor Thränen, - - Und sähe nur Dich, _nur Dich_ allein! -- - Ach, einmal nach all der Entsagungspein, - Dem tödlich schweren Verwinden - Möcht' ich Dich wiederfinden. - - * * * - - Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel, - Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder, - Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder - Silberne Flügel. - - Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte - Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte, - Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte - Nebelgeleuchte. - - Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen - Horizontes Rand und die grüne Breite, - Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite - Schweigendes Blühen. - - Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen - Silberflüglig sie, in das Glutgetauche, - Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche - Ruhet geborgen. - - Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen - Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle - Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle - Dir zu erglühen. - - Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen - Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen, - Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen, - Scheuchst Du die losen, - - Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir, - Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel, - Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel - Kehren zurück mir. - - Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen - Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen: - Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen - Schmeichelnd gezogen. - -Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen -beigelegt. - -Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die -Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen -Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt -und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das -in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur _einen_ verwehten Ton der -Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich -jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim -und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie -- und einem -unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in -der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der -Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer -kann! - -Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck -daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen -Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, -eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit, -eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will, -eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in -der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. -- -- - -Doch still -- während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und -sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging. - -Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen -Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, -da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß -neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er -klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine -Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe. - -Da lachte sie hell, laut -- aus _ihrer_ intelligiblen Welt heraus. - - * * * * * - -Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen -Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, -da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, -da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon -frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der -Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von -Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und -die Winde nicht mehr so warm. - -Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und -Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. -Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, -nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit -Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp -von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und -unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege -hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während -unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr -entstürzten. - -Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte -fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck -ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren -Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, -als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft -und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr -entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde -Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem -Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen -sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab -ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des -Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische -Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach -dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste -sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute -künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester -Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, -der zugleich Wunsch und Erfüllung ist. - -Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! -- wo die Sonne -goldigen Flor zwischen die Stämme wob -- regte sich's dort nicht? Raschelte -nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige? - -Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre -Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr -Herz? - -Und lag sie -- jetzt -- wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern -Herzen? - - - - -Elftes Kapitel. - - -Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang -Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. -Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht -den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere -Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin. - -Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes -geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei -lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche -Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode -hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und -demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter -gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda -machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich -unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, -krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: -Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und -verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter -machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit -Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. -Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später -hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann -alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur -Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, -der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen -Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, _so_ hatte sich eine -Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! _So_ suchte -sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! _Das_ war das Resultat ihres -harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun -neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete. - -Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch -keine für Rhode nehmen. - -Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer -Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen -- pfui! -Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade -in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem -haushälterischen Sinn zu treffen -- thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und -wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener -unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer -erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige -Interessen solidarische nannte. - -Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier -über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern -und Scherzen -- wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes -Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge! - -So auch hier. - -Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der -hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so -nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern -ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob -Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine -Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem -Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen -- ob -am Ende -- Jesus, das fehlte nun grade noch! - -Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von -Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu -waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie -zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu -dürfen. - -Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand. - -»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda -hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.« - -»Jetzt?« - -»Ja. - - Die Mädchen nah'n im Flittertand - Mit bunter Bänder Wallen, - Ach! wer giebt ein Festgewand, - Dem Liebsten zu gefallen! - --- oder auch: - - Und den goldgestickten Schleier - Legt sie an, das Glanzgeschmeide, - Zu des Tages hoher Feier - Rauscht ihr Gang von stolzer Seide. - --- kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio! --- Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie -küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung. - -Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber -da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein -Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub -sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren. - -Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind -nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und -eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, -der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine -politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß -er bisweilen abends zu Hause sei. - -In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die -Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. -Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar -Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. -So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu -bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr -gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen -Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er -sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, -um irgend welche Lappalien einzukaufen. - -Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme -eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende -Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr -Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich -monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes -kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre -Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel -und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu -und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht. - -»Beten, mein Clärchen!« - -Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, -den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der -Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über -alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die -Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein. - -»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, -schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann -feierlich: - - »Mein dunkles Herze lieb' Dich, - Es lieb' Dich und es bicht --« - -»Schon gut, schon gut!« - -»Amen, gute Nacht, Großel.« - -Und da schlief sie auch schon. - -»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf -das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, -mein Gott, behüte sie vor -- vor --« - -Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott. - -Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe -Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem -Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende -Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, -öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe -Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die -Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb. - -Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, -sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn -sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war -gegangen, ihren Liebhaber zu treffen. - -Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte -vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches -Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes. - -Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- -und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher -Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente -eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man -in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen -könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines -Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter -- aber der Mann verstand -es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome -herzustellen. Der Thor! - -Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen -legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen -Strom herzustellen. Ach -- sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es -selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der -Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche -Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe -versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war -das die Meinung von Madame Gernoth. -- - -Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles -rückhaltlos mitteilte? - -Sie stand auf, zögerte -- und ließ es. - -Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden -Schwiegermutter. - -Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum -ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der -seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn -ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie. - -Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor -Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es -verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten -Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen -worden war. - -Die Hälfte der Schuld lag auf ihm -- mochte er ihren Fluch tragen. - -Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt -geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die -Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, -der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, -Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte -noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der -Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. -Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer -vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die -Begegnung verabredet. - -Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei -Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. -Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden -Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt -in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen -Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die -großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende -Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen -Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die -gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- -und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige -Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber. - -Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt -überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven. - -Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen -Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, -so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, -mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt. - -Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß -gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, -kam er ihr entgegen. - -»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie -poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege -durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man -geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke -eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und -versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie -sie das Glück und der Glanz des Lebens sei. - -Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht -in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme -Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren. - -»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er. - -»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem -Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?« - -»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück -spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an -mich zu denken?« - -»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er -bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen -- -das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich -zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt -nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, -immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.« - -»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen -erfinden könnte. Dich zu ehren -- aber nun ist meine Phantasie zu arm. -Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor -mir gestammelt. Du über alles Geliebte.« - -»Das ist das liebste, was ich höre.« - -Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung -schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, -an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. -Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu -übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt -und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht -von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch -genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke -Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige -Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres -Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher -gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen -Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft -geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging. - -Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen -anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf -Beethoven. - -»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, --- »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause -- wie hübsch, -wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug -oben -- und Du wärest geschlagen.« - -Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle -wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la -- la -- la -- -lalala, lala.« - -Da standen sie vor seinem Hause. - -Sie zuckte an seinem Arm: - -»Zeig mir den Klavierauszug.« - -»Wirklich?« - -»Was ist da auch Schlimmes!« - -»Wanda --« - -»Du willst wohl nicht?« - -Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich: - -»Ein Mann -- sagt da nicht nein.« - -Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.« - -»Hm, -- Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?« - -»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube, -das ist ein Abenteuer, wie?« - -»Ja, es ist eins.« - -»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein -kleines Abenteuer zu erleben.« - -Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen -sind finster --« - -»Das seh ich wohl.« - -»Halte Dich ganz fest an mich.« - -»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die -Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er -eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er -sie an sich und küßte sie heftig. - -Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig: -»Mache Licht.« - -Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe; -und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher. - -Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that, -war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, -als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war, -stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und -betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen, -die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine -Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod -Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken. - -Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht -finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um -und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war, -eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist -so blaß,« sagte sie. - -»Ja, mein Gott« -- und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem -Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich -- ja -- ich werde das jetzt -spielen. Siehst Du: Beethoven.« - -»Ich bin geschlagen.« - -»Soll ich spielen?« - -»Aber natürlich.« - -Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand, -stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber -- damit -Du Dich überzeugst,« sagte er heiser. - -»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.« - -»So?« - -»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische -Wirtschaft.« Sie lachte leise. - -Er lächelte mit schmerzlicher Ironie. - -»Man muß heiraten -- nicht wahr? -- man sollte -- -- hier ist die Stelle!« - -»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden -Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend, -schwellend, jubelnd, groß und edel. - -Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz -verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es -war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die -grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute, -war eine Pause zwischen ihnen. - -»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden, -ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.« - -»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze -Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes -Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen. - -Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie, -fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu -treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich, -Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir -sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie. - -Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte -den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du -- bist zu mir gekommen -- Du --« - -»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich. - -Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?« - -»Ich lieb' Dich sehr.« - -Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine -heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.« - -Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende -Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, -das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.« - -»Laß'? -- ja -- laß' nur, gieb -- Deinen Hut -- und das auch -- das -- Du -mein, mein, mein!« - -»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!« - -»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du -- wirst mir angehören, ganz mir, -mir, süßestes Weib!« - -Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff -nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die -dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr -den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese -- Bestien, ob -sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!« - -Jetzt -- rechts oder links? -- rechts -- dort die Hausthür -- -- Gottlob, -sie war gerettet! - -Gerettet -- ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier -abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die -Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte -er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie -der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das, -was die Ehe nicht war. - -Und dann -- überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein -Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre -vielleicht eines Tages -- nicht heute, nicht morgen -- doch wer kann -für alle Zeiten gut für sich sagen? -- _vielleicht_ -- diesem Begehren -gewichen -- - -Nein! nein! gewiß nicht! nie! - -Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich, -weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie -gewandelt, unter ihr fortgezogen! - - -- -- -- -- -- - -Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den -Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und -in die Schneenacht hinaussah. - -Er sah blaß und aufgeregt aus. - -»Ich habe keine Ruhe -- es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen -- -und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort -- wohin geht sie, -da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?« - -»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine -hart, »es hängt fertig im Schrank.« - -»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche -Augen, Mama? Sprechen Sie doch.« - -Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie -dann. - -»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu -wissen, was Sie wissen.« - -»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch -Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen, -darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem -Musiker Kreowski.« - -»Nein!« schrie er. - -»Ja.« - -»Seit wann?« - -Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär -und sagte: »Seit Sie -- das Geld hier herausgenommen haben.« - -Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch -nicht wahr,« sagte er endlich gequält. - -»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich -glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.« - -»Ich gehe,« sagte er heiser. - -»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich -möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern -einem, der fühlt, daß er --« - -»Mitschuldiger ist. Ich begreife.« - -Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt -und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er. - -Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte -unter seinen Tritten. - -»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie -ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln, -mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen -Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder -eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und -zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen -Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche, -alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art -Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern -entgegen -- -- bis -- wohin? - -Bis -- bis --? Er mochte es nicht ausdenken? - -Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre .... - -Nein, nein -- das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit -hatte er sie nicht verloren! - -»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum -Herzen schossen. »Gott im Himmel -- das nicht!« - -Da war der Eisberg -- da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen; -wohin sich wenden? - -Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße herunter fliehen. »Wanda!« - -»Ah! -- Du?« - -»Was thust Du hier?« - -»Ich bin auf dem Nachhausewege.« - -»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an -Dir.« - -Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen. -»Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.« - -»Dieser unverschämte Mensch, dieser --« - -»Kreowski?« - -»Woher weißt Du --?« - -»Genug, ich _weiß_, daß Du mit diesem Manne -- ein -- ist es denn wirklich -wahr?« - -»Nun -- ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm -- ja! Man will eben -auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man -- doch eigentlich -- keinen -Mann hat!« - -»Du hast keinen?« - -»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und -- und -- na ja, -prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch -und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun -- -- ach!« - -»Sprich doch bloß, sprich!« - -»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven -- und sind gerade vor -seiner Wohnung -- und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie -nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann -- wird er eben unverschämt! -Wo ich mit keiner Seele an so was -- Greuliches gedacht hab! -- Jesus -- -_das_, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch -Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!« - -Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind. -»Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich. - -Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter -sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten -den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe. - -Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit. -Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die -angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße -einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite -hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute -miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. -- - -Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten -pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und -braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben -sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre -Thränen. - -Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf -seine Zärtlichkeit zu reagieren. - -Endlich sagte er weich: - -»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß -einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte -ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines -Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken -Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es -nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn -- -beinahe -- zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und -ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda -- und war der Mann -sehr dumm oder -- sehr schlecht?« - -»Sehr dumm.« - -»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein -Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen -Schmuck seines Lebens -- Wanda?« - -Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht. -Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit -einem _Versprechen_ die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der -egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu -verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes -in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie -einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes -Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit -nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit -des Empfindens. - -»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von -ihrem Schweigen verletzt. - -Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte -ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann: - -»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß -ehrlich gemeint, schließlich -- war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne -mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute -Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel -doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und -den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen -kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.« - -»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch -einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine -Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir -nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die -Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und -Aufschluchzen. »Wanda!« - -»Ach, es ist zu, zu gräßlich!« - -»Was?« - -Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in -eine Ferne, die nicht da war. - -»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles -wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!« - -Sie lächelte trübe. - -»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor -Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!« - -Da sprach sie. - -»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles -verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge -Seligkeit --« - -»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste! -Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?« - -»Weil -- ach Gott! -- weil -- _das_ wieder ist ... Alle diese Qualen, diese -Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt -doch nicht seinen Peiniger und Verderber!« - -»Deinen Peiniger --« - -»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo -die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens -diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich -lieber vorher stürbe!« - -»Also das ist es? -- Und das ist Dir so schrecklich?« - -»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben! -Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!« - -Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte -sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen -und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl -und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen. - -Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung -sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, -da lauert es -- und kommt heran -- immer näher -- _das_ -- und das andere -Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, --- -- der Tod! Und da wieder -- da! -- die Sehnsucht nach Glück und Leben, -nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen -- und nach Liebe, Liebe, _Liebe_!« - -»Wanda!« - -»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du? -meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir -nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner -Sehnsucht?« -- - -Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr -Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm -Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte. - -»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen -aufzulehnen,« sagte er. - -»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der -Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft -geschlagen hat!« - -»Du bist schrecklich.« - -»Ich? nein. Jener!« - -Er war allein. - -Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz, -stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich -hinter ihr geschlossen. - -Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen -und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen -Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und -an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual -herumrätselt, um nur einen, _einen_ Strahl zu erhaschen von dem ewigen -Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte. - -Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte, -in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen -blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß, -das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber -genannt. - -Was war nun das Leben? - -Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl -von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein -Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen! - -Es blieb dunkel. -- - -Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein feiner scharfer Geruch -verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er ging dorthin -und beugte sich über den aufgestellten Apparat. - -»Ah -- die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt sich Strom. Es wird -gut werden!« Und damit überkam ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. -»Alles wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes werden und -herrlichen Gelingens.« - -Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen Bequemlichkeitsliebe, des -Ruhebedürfnisses; obgleich er ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes -Gottvertrauen und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in der Welt. - - -Adolf Niese, Saalfeld i. Th. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 20: - "aus" eingefügt - (einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog) - - Seite 32: - "Rythmus" geändert in "Rhythmus" - (sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend) - - Seite 34: - "weifelhaft" geändert in "zweifelhaft" - (die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft) - - Seite 40: - "ebenbürtg" geändert in "ebenbürtig" - (geistig war er ihr durchaus ebenbürtig) - - Seite 42: - "," eingefügt - (Teilnahme, Verständnis) - - Seite 49: - "Réuinon" geändert in "Réunion" - (dämmerte der Morgen nach jener Réunion) - - Seite 52: - "ge-gewesen" geändert in "gewesen" - (und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen) - - Seite 52: - "leichtbe-bewegten" geändert in "leichtbewegten" - (ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer) - - Seite 62: - "verlästert" geändert in "verlästerst" - (obgleich Du das Theater immer verlästerst) - - Seite 76: - "," entfernt hinter "schlanke" - (ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt) - - Seite 82: - "daß" geändert in "das" - (dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - -***** This file should be named 62491-0.txt or 62491-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/9/62491/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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