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-Project Gutenberg's Reife Früchte vom Bierbaum, by Otto Julius Bierbaum
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Reife Früchte vom Bierbaum
-
-Author: Otto Julius Bierbaum
-
-Editor: Fritz Droop
-
-Release Date: June 20, 2020 [EBook #62438]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REIFE FRÜCHTE VOM BIERBAUM ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration:
-
- Phot. Hugo Erfurth, Dresden.
-]
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- Reife Früchte
-
- vom
-
- Bierbaum.
-
- Aus den letzten Ernten ausgewählt und mit einem
- Vorspruch dargebracht
-
- von
-
- Fritz Droop.
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- Mit einem Bildnis Otto Julius Bierbaums.
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
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-Einleitung.
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-
-Von Zeit zu Zeit tut uns das Lachen not, das Lachen, das über den
-Alltag erhebt, die Freude, die uns stärkt und befreit; es gibt keinen
-besseren Arzt auf der Welt als den Humor, keinen besseren Führer durchs
-Leben als die Lebensfreude!
-
-In der Erkenntnis dieses Grundsatzes ruht die Bedeutung Otto Julius
-Bierbaums, und wenn irgend etwas die Hoffnung stärken kann, daß wir
-wieder einer gesunderen künstlerischen Zeit entgegengehen, so ist es
-der Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten eines Liliencron,
-Bierbaum und Hartleben. Denn nicht immer war man so »tolerant«, und
-noch trennen uns keine zwei Jahrzehnte von der Zeit, da man weder von
-dem einen noch dem andern etwas wußte oder wissen wollte. Aber ein
-ungebärdiger Überschwang und eine brausende Zuversicht zu sich selbst
-gab diesen Dichtern die Kraft, sich durchzusetzen. Sie schlugen, wie
-Bierbaum in einem Aufsatz über Liliencron sich einmal ausdrückt, wie
-die Fohlen auf der Weide aus und vermieden es, artiger zu scheinen,
-als ihnen zumute war. Auf bürgerliche Reputation kam es ihnen durchaus
-nicht an, und sie empfanden es als eine große Genugtuung, wenn man mit
-dem Finger der Entrüstung auf sie hinwies als auf zügellose Frevler
-gegen alle Ordnung und Sitte. »Der allerorten gegen uns erhobene
-Schulmeisterbakel machte uns nur noch verwegener und vergnügter,
-und der Umstand, daß alle Argumente gegen uns schließlich darauf
-hinausliefen, uns unsere grüne Jugend vorzuwerfen, ließ uns eben diese,
-die wir als unseren Vorzug empfanden, erst recht auftrumpfen.« Sie
-nannten sich Realisten, waren aber weltfremde Feinde der Realität,
-Idealisten vom reinsten Wasser, mit so großer Vorliebe sie auch die
-Kunstmittel des Naturalismus anwandten, um als Gegensatz zum Bilde
-ihrer Sehnsucht, das rechtschaffen verschwommen war, ein Bild der
-»Wirklichkeit« zu machen, von der sie in Wirklichkeit noch bitter
-wenig Ahnung hatten. Es waren jene übermütig lebensfrohen Gesellen,
-wie Bierbaum sie in dem jüngst erschienenen Versbuch »Maultrommel
-und Flöte« so trefflich zeichnet, indem er sie als »junge Götter in
-Hemdsärmeln« singen läßt:
-
- »Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt!
- Winken auch bloß billige Pullen,
- Schinken-, Wurst- und Käsestullen,
- Und das Tischtuch ist ein Hemd:
- Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt!
-
- Denn wir sind die Herren: Wir
- Garnichtshaber, Garnichtswoller,
- Garnichtssucher, Garnichtssoller.
- König, -- heb dich weg von mir!
- Denn wir sind die Herren: Wir!
-
- Sind die Herren Götter! Frei,
- Wie sonst niemand ist auf Erden.
- Sollen wir erst selig _werden_?
- Nein, wir _sind's_! Hör's, Menschenbrei:
- Sind die Herren Götter: frei!«
-
-Heute wissen wir, daß Bierbaum kein geringerer Lebenskünstler ist
-als Liliencron und erkennen es deshalb als einen Zug wohltuender
-Dankbarkeit, daß er zum Lobe des Dichters der »Adjutantenritte«
-die ehernen Worte fand: »Da kam Liliencron, und wir vernahmen aus
-seinem Munde in Versen von ganz der Art, um die wir rangen, Worte der
-Bejahung des Lebens ohne Sehnsucht nach Utopien, wohl aber verklärt
-durch Gesichte einer zweiten tieferen Realität: der des seherischen
-Künstlers. Zum ersten Male, und das entzückte uns besonders, sahen
-wir unter uns einen Dichter von ganz ursprünglicher und unverbildeter
-dichterischer Veranlagung, der kein Literat war, ja das Gegenteil
-eines Literaten, und der in seinen Gedichten, so voll sie der
-reinsten, echtesten, kräftigsten Poesie waren, auch nicht den Dichter
-hervorkehrte, dieses abstrakte X., das alles individuell Menschliche
-verbirgt, sondern eine ganz deutliche Persönlichkeit bekannte. Auch
-wir taten uns ja etwas darauf zugute, daß wir, nicht selten mit mehr
-Selbstbewußtsein als Geschmack unserem dichterischen Ich deutliche
-Persönlichkeitszüge mitgaben, wenn wir es zum Mittelpunkte einer
-lyrischen Konfession machten, aber es sah dennoch fast immer recht
-sehr allgemein aus, denn, so heftig wir nach dem höchsten Gute: der
-Persönlichkeit trachteten, so wenig konnten wir es im allgemeinen
-erreicht haben, da wir zu jung dazu waren und zu wenig wirklich erlebt
-hatten. Auch waren wir zu ausschließlich Dichter und betonten diesen
-Umstand sogar als etwas, das uns auszeichnete, -- eigentlich ganz wie
-die von uns so sehr geschmähten ›Alten‹, die es nur in anderer Manier
-und aus anderen Gründen taten.«
-
-Bereits vor zwanzig Jahren durfte er seine ersten Lorbeeren pflücken,
-als er mit seinen warmherzigen und geistvollen Abhandlungen über
-Arnold Böcklin, Detlev von Liliencron, Fritz von Uhde und Franz
-Stuck die Kreise der Künstler und Literaten entzückte. Außerhalb
-dieser Kreise war sein Name zunächst noch wenig bekannt, und erst
-die »Studentenbeichten« trugen seinen Ruhm hinaus auf den Markt, bis
-ihn der »Irrgarten der Liebe« und die vornehme Auswahl des »Seidenen
-Buches« geradezu volkstümlich machten. Jedenfalls gehört Bierbaum
-heute zu den meist- und bestkomponierten unter den lebenden Lyrikern;
-es sei nur an die Kompositionen von Richard Strauß und Max Reger oder
-an das vielgesungene Lied »Sommernacht« in der genialen Vertonung des
-Königsberger Kapellmeisters Paul Scheinpflug erinnert:
-
- Laue Sommernacht; am Himmel
- Stand kein Stern; im weiten Walde
- Suchten wir uns tief im Dunkel,
- Und wir fanden uns.
-
- Fanden uns im tiefen Walde
- In der Nacht, der sternenlosen,
- Hielten staunend uns im Arme
- In der dunklen Nacht.
-
- War nicht unser ganzes Leben
- So ein Tappen, so ein Suchen?
- Da: in seine Finsternisse,
- Liebe, fiel dein Licht.
-
-Bierbaums Gedichte, Lieder und Sprüche haben fast durchweg etwas
-Schlichtes, Natürliches, etwas Einschmeichelndes und Herzgewinnendes,
-wie es unser Volk liebt; und wenn seine Versbücher auch eine Menge
-leichter Tändeleien mit sich führen, so enthalten sie doch alle eine
-stattliche Anzahl Gedichte, über denen ein wirklich echter, zarter Duft
-von Grazie und Anmut liegt.
-
-Mit dem Schauspiel »Stella und Antonie« betrat der Dichter zum ersten
-Male den dornenreichen Pfad des Dramatikers. Das Stück, das an den
-vornehmsten deutschen Bühnen wiederholt mit glänzendem Erfolge
-aufgeführt worden ist, behandelt die Tragödie eines Mannes, der
-zwischen zwei leidenschaftliche Weiber gerät, von denen sich das eine
-an seine Sinne, das andere an sein Herz und seine Seele wendet; es
-ist der Konflikt zwischen der wildbegehrenden Natur und der edlen
-Sitte, ein heißer Kampf, in dem die Sitte siegt. Im Elberfelder
-Stadttheater erzielten außerdem vor einigen Jahren zwei mit allerlei
-Spitzen und Bosheiten gegen Pastor und Staatsanwalt gespickte
-»Stilpe-Komödien« einen allgemeinen Heiterkeitserfolg. Weiter schrieb
-er das graziös-tiefsinnige Märchenspiel »Lobetanz«, zu der Ludwig
-Thuille zarte lyrische Weisen fand. Er gab Kortums »Jobsiade« mit einer
-launigen Vorrede in Knittelversen neu heraus, schrieb eine willkommene
-Studie und Verteidigungsschrift über Meister Hans Thoma, dichtete
-als alter Korpsstudent aus Anlaß des Leipziger Universitätsjubiläums
-die Studentenkomödie »Der Musenkrieg« und ist Herausgeber des seit
-einigen Jahren im Verlage von Theodor Weicher (der auch die mit
-handschriftlichen Selbstbiographien der Dichter und ihren Porträts
-ausgestattete Sammlung »Deutsche Lyrik der Neuzeit« herausgebracht
-hat) in Leipzig erscheinenden Goethe-Kalenders. Er gründete die
-Monatsschrift »Insel«, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus und rief
-mit Meier-Gräfe zusammen die kostbar ausgestattete Kunstzeitschrift
-»Pan« ins Leben. Was er aber auch begann, geschah in einer glücklichen
-Stunde, unter einem glücklichen Stern.
-
-Daß seine Muse auch dem Zuge der Zeit zu folgen wußte, bewies er durch
-die »Empfindsame Reise im Automobil«. Mit offenen, wachen, allen
-Erscheinungen des Lebens und der Natur zugewandten Sinnen reisen,
-nennt er empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint ihm
-als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben
-zu werden. In unserer Zeit hat man das Reisen ja verlernt; man läßt
-sich transportieren. Bierbaums Ziel war, mit dem modernsten aller
-Fahrzeuge auf recht altmodische Weise zu reisen; sein Leitspruch
-hieß: »Lerne reisen ohne zu rasen«, und die achtzehn Briefe, in denen
-der Dichter seinen Freunden Detlev von Liliencron, Hans Thoma, Franz
-Stuck, Max Schillings, Fritz von Uhde, Oskar von Chelius, Ludwig
-Thuille und anderen berichtet, beweisen, daß er seinen Spruch zu
-beherzigen verstand. Bierbaum hat sehen und genießen gelernt; das
-ist's, was ihn ebensosehr zum geistvollen Plauderer und Humoristen wie
-zum Sittenschilderer und Kunstkritiker stempelt. In der soeben bei
-Georg Müller in München erschienenen »Yankeedoodle-Fahrt« hat er diese
-Fähigkeit von neuem im schönsten Lichte entwickelt.
-
-Eine besondere Betrachtung gebührt Otto Julius Bierbaum als Romancier.
-Was Schönheit und Weiberklugheit vermag, das erzählt Bibaomo,
-Baccalaureus der schönen Künste, in seinem Roman »Das schöne Mädchen
-von Pao«, in der »Schlangendame« geschieht nichts weniger, als daß
-die Serpentincancanöse Fräulein Paula Hollunder einen verbummelten
-Studenten, Herrn Ewald Brock, erzieht, bemuttert und nicht eher ruht,
-bis sie aus ihm einen wirklichen Doktor und ein braves und nützliches
-Mitglied der menschlichen Gesellschaft gemacht hat. Die landläufige
-Moral bekommt hier also einen argen Stoß; für die Überzarten,
-Zimperlichen, Prüden ist die »Schlangendame« nichts, ebensowenig wie
-der »Pankratius Graunzer«.
-
-Dasselbe gilt von »Stilpe«, dem Roman des verkommenen Genies, sowie
-von der dreibändigen Geschichte »Prinz Kuckuck, Leben, Taten,
-Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings«; beides Werke von ebenso
-groteskem Farbenspiel wie bitterem Ernst, aus denen nicht zuletzt
-der Berufserzieher eine Fülle von Anregungen und heilsamen Lehren
-ziehen kann. Was Bierbaum selbst über das Wesen des Romans denkt, hat
-er in seinem Widmungsbriefe an Holger Drachmann ausgedrückt, über
-seine besonderen Absichten mit dem Zeitroman »Prinz Kuckuck« sagt
-er in den von Professor Litzmann herausgegebenen Mitteilungen der
-Literarhistorischen Gesellschaft in Bonn:
-
-»Die Grundabsicht meiner Arbeit ist satirischer Natur, aber die Satire
-wendet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern gegen allgemeinere
-Zeiterscheinungen. Es lassen sich herausheben: Erziehungswesen,
-Übermenschentümlichkeit, Macht des Geldes (über den Besitzer wie über
-seine Umgebung), Rassenphrasen, künstlerische Galoppentwickelung,
-Erotomanieen aller Art, Snobismen auf verschiedenen Gebieten (selbst
-der Religion), Neigung zur Allüre und allem Äußerlichen. Dies alles
-wie in einem kochenden Nudeltopfe: ein ewiges Auf- und Nieder- und
-Durcheinanderwallen: eine Zeit ohne Helden und ohne Stil, aber mit
-heftig bewegter Tendenz danach.
-
-Insofern erscheint eine Hauptfigur mit Zügen ausgestattet, die nicht
-bloß individuell gedacht sind: Der Erbe, der nicht zu erwerben weiß, um
-zu besitzen. Indessen ist er doch nicht wesentlich als Typus angelegt,
-wenngleich gewisse Besonderheiten an ihm (so sein ›antisemitisches‹
-Halbjudentum, das Zufallhafte seines Reichtums und damit sein Mangel
-an Tradition) nicht ohne eine Art symbolisch allgemeiner Bedeutung
-sind. Denn neben der satirischen Absicht leitete mich das Interesse
-an gewissen psychologischen Problemen und, natürlich, die Lust am
-fabulierenden Gestalten.
-
-Darüber aber ist nun wohl vom Verfasser nichts zu sagen. Erscheint
-das psychologische Problem, erscheinen die einzelnen Gestalten nicht
-mit aller Deutlichkeit, und entbehrt die (_übrigens erfundene, nur in
-einzelnen Voraussetzungen der Anlage modifiziert dem Leben entnommene_)
-Fabel der Geschichte des Reizes überzeugender Anziehungskraft, so hilft
-kein Kommentar und Wegweiser des Autors über den Umstand weg, daß sein
-Werk verfehlt ist. --
-
-Im ersten Hefte des dritten Bandes ›Aus Kunst und Altertum‹ finden sich
-hintereinander zwei Axiome Goethes, die auf meinen Roman im allgemeinen
-wie im besonderen passen:
-
-›Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich
-die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es
-fragt sich also nur, ob er eine Weise habe; das andere wird sich schon
-finden.‹ Und:
-
-›Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in
-der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus entsteht der
-ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.‹
-
-Auf die Frage, ob ich eine Weise habe, kann nur der Roman selbst
-antworten; auf die, ob sie den anderen gefällt, nur die anderen;
-und schließlich auf die, ob sie künstlerisch wertvoll zum Ausdruck
-gebracht worden ist, mag die Kritik ihre Antwort geben. Ich glaube, daß
-Aufbau und Gliederung meiner subjektiven Epopöe für den ästhetischen
-Beurteiler literarischer Kunstwerke einiges Interesse haben werden.
-Bei aller Freiheit im einzelnen bin ich konstruktiv sehr streng zu
-Werke gegangen, -- auch in Fällen, wo man mir am Ende nachsagen wird,
-daß ich mich aus reiner Lust am Fabulieren habe gehen lassen (z. B.
-in dem Zwischenstück aus dem XVIII. Jahrhundert im dritten Bande,
-das eine Art Rück- und Wiederspiegelung des Problems sein will). Die
-Vielfältigkeit des Stiles läßt sich, denk ich, durch die Anlage des
-Ganzen rechtfertigen, das ich mit einem weitläufigen Gebäudekomplex
-nach Art des bayrischen Nationalmuseums vergleichen möchte, das, als
-Ganzes eine ästhetische Einheit, im einzelnen die verschiedensten Stile
-aufweist (in der Architektur wie in der Inneneinrichtung). Wenn es mir
-wie Meister Gabriel von Seidl gelungen ist, mit verschiedenartigen
-Mitteln ein Gebäude aufzurichten, das dennoch als organisches Gebilde
-wirkt gleich alten Bauwerken, denen die Entwickelung der Zeit eine
-Vielfältigkeit des Stiles gegeben hat, ohne ihre konstruktive Einart
-zu verwischen, so glaube ich, daß der Wechsel des Duktus kein Fehler
-meines Romanes ist. Es geschah nicht aus Lust an stilistischer
-Spielerei, sondern stellte sich wie von selbst mit dem Wechsel der
-Szenerie, der Handlung, der Zeit innerhalb meiner Geschichte ein. Wäre
-sie (vergleichsweise) ein Dom, ein Palast, ein idyllisches Landhaus,
-so möchte das Nebeneinander von Stilen schwerer zu verteidigen sein.
-Sie ist aber eine Art Museum von allerhand, höflich ausgedrückt,
-Kuriositäten der Generation, zu der ich gehöre, und so durfte ich
-meiner Empfindung nach, die Geschichte der schönen Sara im Stile der
-Krinolinenzeit, die Erlebnisse des ›Helden‹ in der Ulrikusstraße zu
-Hamburg aber im Stile des Naturalismus vom Anfang der achtziger Jahre
-erzählen usw.
-
-Das zweite Zitat aus Goethe, das, wenn ich nicht irre, bei dem
-bekannten Spielhagenschen Romane Pate gestanden hat, umschreibt das
-dominierende Problem im Leben meines sehr problematischen Wollüstlings
-aufs treffendste. Wie es mir nach Beendigung der ersten beiden Bände
-vor Augen kam, erschrak ich beinahe, als hätte ich mich selbst auf
-einem Plagiat ertappt. Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, daß das
-›Wollüstling‹ im Titel eine ironische Nuance hat ...
-
-Nur wer des Sinnes für Nuance und Ironie entbehrt, dürfte überhaupt
-gut tun, sich eine weniger problematische Lektüre zu wählen, als den
-›Prinzen Kuckuck‹. Damit ist gesagt, daß das Buch sich insbesondere
-nicht für junge Mädchen eignet, als welche fast ausnahmslos so
-glücklich sind, diesen gefährlichen Sinn nicht zu besitzen.
-
-Es soll ja überdies auch unmoralisch sein und ist bereits als
-pornographisch denunziert worden. Demnach gibt es Leute, die Bücher
-mit der ausgesprochenen _Absicht_ lesen, Anstoß zu nehmen. Es muß dies
-eine Art Perversität sein; geistiger Masochismus etwa. Denn, wenn ein
-Buch auf seinem Titel ausdrücklich bekennt, daß es vom Leben, den
-Taten, den Meinungen und der Höllenfahrt eines Wollüstlings handelt, so
-sollte ein (sozusagen) normal prüder Mensch sich hinlänglich gewarnt
-und abgestoßen fühlen, und er sollte sich den Stein des Anstoßes nicht
-geradezu ins Haus tragen. Tut er's dennoch, so wird man annehmen
-dürfen, daß ihm entweder das Ärgernisnehmen oder das Denunzieren
-vergnüglich ist. Jeder Staatsanwalt aber sollte mit Entschiedenheit
-erklären, daß die Organe des Staates nicht dazu da sind, derlei
-perversen Trieben zu dienen. Ich für mein Teil darf sagen, daß mir
-ebenso unerwünscht wie diese Art Leser die sind, denen das Wort
-Wollüstling etwa als Einladung erschienen ist. -- Im übrigen glaube
-ich, daß mein Roman eine sehr schöne Moral hat. Sie steht bei Immanuel
-Kant mit diesen schönen Worten zu lesen: ›Durch die Einschränkung der
-Selbstliebe und Niederschlagung des Eigendünkels entsteht in uns jenes
-Gefühl, welches das Moralgesetz in uns bewirkt.‹«
-
-Es kam Bierbaum bei der Niederschrift des »Prinzen Kuckuck« nicht
-allein darauf an, das Leben eines Menschen zu schildern; sein
-ungleich größeres Thema war die Zeit, in der sich der Held bewegt.
-Seltsame Gestalten tauchen vor uns auf, seltsam und doch so lebenswahr
-und psychologisch echt, und alles das ergänzt sich zu einem treuen
-Spiegelbild des unruhigen Getriebes unserer gegenwärtigen Epoche, deren
-Pulsschlag hastig und unsicher, voll Leidenschaft und Erregung ist.
-Wer die wahren Schäden unserer Zeit kennt und sich nicht fürchtet,
-dieses zu bekennen, der wird den »Prinzen Kuckuck« mit noch größerer
-Freude begrüßen, wie einst den »Stilpe«. Denn es geht, wie Felix
-Salten in der »Zeit« so treffend ausgeführt hat, von der Erzählung ein
-solcher Sturm des Geschehens, des Erfindens aus, daß es ist, als hätte
-man die Begebenheiten, die Menschen und die Schicksale eines ganzen
-Zeitalters zusammengeschüttelt, die Stoffe von zwanzig Romanen, von
-dreißig Komödien und von hundertfünfzig Novellen. Der Sohn der schönen
-Sara schreitet durch diesen Tumult von Gestalten und Ereignissen,
-durch dieses Zeitalter, welches das unserige ist. Er wächst auf,
-wandelt sich, genießt die Welt, taumelt durch die Brandung der Epoche,
-überall dort, wo sie am wildesten schäumt, ist der Liebling und der
-Narr des Glücks, und stirbt wie eine Flamme oder wie ein Gleichnis.
-Im »Prinzen Kuckuck« ist so ziemlich alles aufgefangen, was heute die
-germanisch-slawisch-gallisch-jüdische Menschheit des modernen Europa
-erlebt; ginge diese Welt jetzt durch eine Sintflut spurlos unter, sie
-fände sich mit all ihrem sonderbaren Getier in diesem Buch aufbewahrt,
-wie in Noahs Arche.
-
-Dem Roman ließ Bierbaum sehr schnell das Essaybuch »Liliencron«, die
-»Sonderbaren Geschichten« und die »Yankeedoodle-Fahrt« folgen. In
-seinem Liliencron-Buch hat Bierbaum -- neben Michael Georg Conrad
-ohne Frage der Berufenste unter allen »Biographen« Liliencrons --
-die bedeutendsten seiner zahlreichen Bekenntnisschriften über den
-Unvergeßlichen vereinigt. Nur wenigen hat sich der Dichter des
-»Poggfred« und der »Adjutantenritte« so unverhohlen mitgeteilt wie ihm;
-zudem war Bierbaum nächst dem großen Anreger und Vorkämpfer Michael
-Georg Conrad der erste, der die Bedeutung Liliencrons erkannte und mit
-glühender Begeisterung und offenem Freimut für ihn in die Schranken
-trat. Man versteht es und freut sich dessen, daß die Dankbarkeit den
-Verfasser veranlaßte, das Buch dem älteren Kameraden zuzueignen, und
-man braucht nur den Widmungsbrief an Michael Georg Conrad zu lesen,
-um den Grundakkord zu vernehmen, auf dem die Sinfonie des herrlichen
-Buches sich aufbaut: die Sinfonie der Schönheit und der Kraft.
-
-Die »Sonderbaren Geschichten« erinnern uns in der Kunst der Prosa an
-den großen Roman, ja sie übertreffen ihn darin vielleicht insofern, als
-der Reichtum der Ausdrucksmittel hier in schärferer Zucht gehalten,
-klarer disponiert ist. Ein Stück wie »Samalio Pardulus« darf als
-Wortkunstwerk einen Rang beanspruchen, der oberhalb des meisten steht,
-was die künstlerische deutsche Belletristik hervorgebracht hat. Diese
-Sprache hat nicht bloß Anschaulichkeit und Wärme, sie hat auch Rhythmus
-und zwar, daß ich nicht mißverstanden werde: ohne sogenannte poetische
-Prosa zu sein. In ihr waltet die Ökonomie der Novelle, wie im »Prinzen
-Kuckuck« der mächtige Atem des künstlerischen Romans der Sprache das
-Gesetz: die künstlerische Struktur gibt. Man muß in Deutschland immer
-wieder auf derlei hinweisen, denn der Genuß von Kunstwerken des Wortes
-hängt nicht bloß vom Verständnis des Inhaltes, sondern fast noch
-mehr davon ab, daß der Leser seinen Sinn für die Form bilde und des
-Wohlgefühls teilhaftig werde, das in der Erkenntnis von Schönheiten
-liegt, die sich nur dem offenbaren, der das innere Ohr hat. Wir
-haben das erst durch Nietzsche wieder erlangt, von dem Bierbaum als
-Künstler viel mehr beeinflußt worden ist, als von irgendeinem Lebenden;
-wie denn überhaupt seine künstlerischen Nährväter hauptsächlich in
-der Vergangenheit zu suchen sind. So steht seine Lyrik keineswegs
-wesentlich unter Liliencronschem Einflusse, sondern unter dem von
-Goethe, Claudius, Bürger. Von den Modernen hat nur der große Nietzsche
-stark auf ihn eingewirkt.
-
-Das Hauptmerkmal der »Sonderbaren Geschichten« ist ihr grotesker Zug.
-Wenn »Die Stimme des Blutes« wie »Samalio Pardulus« eine tragische,
-»Der mutige Revierförster« eine satirische Groteske ist, so findet sich
-für jedes andere Stück -- die vorliegende Auswahl bringt außer den
-beiden letzten Geschichten noch aus der Sammlung das launige Epos »Der
-heilige Mine« und die von echter Raubritterromantik getragene Erzählung
-»Annemargret und die drei Junggesellen« -- gleichfalls als Hauptzug der
-der Groteske im Sinne der Alten und der Renaissance. Es sind eigentlich
-alles Maskenspiele; aber unter der Maske, durch die Maske leuchtet
-das Leben. Alle diese »Sonderbaren Geschichten«, die sich so leicht
-lesen, sind im Grunde gar keine so leichte Ware; nur nachdenkliche
-Lektüre wird ihr gerecht. Und das ist überhaupt das unterscheidende
-Merkmal des Bierbaum der letzten Zeit, daß er zwar seine Leichtigkeit
-nicht verloren hat, auf seinen Flügeln aber mehr zur Höhe trägt, als
-früher. Auch die Gedichte von »Maultrommel und Flöte« zeigen das. Der
-Wein dieser Lyrik ist schwerer geworden, ohne an Bouquet verloren
-zu haben. Und wenn Bierbaum auch hier noch gerne tändelt, so ist es
-der frohmütige Spaß eines reifen Mannes, nicht mehr jugendliches
-Amüsement. So stehen auch die Stücke der »Yankeedoodle-Fahrt« über der
-»Empfindsamen Reise im Automobil«, weil diesmal das Gepäck reicher
-an den Reiseeffekten ist, die zur großen _Lebens_reise gehören, soll
-sie zu der höchsten Station: _Weltanschauung_ führen. Trotzdem, nein:
-eben deswegen überglänzt alle drei Bücher echter Bierbaumscher Humor.
-Nur muß man das Wort wohl etwas tiefer zu nehmen beginnen, als man es
-bisher tat oder tun dürfte. So ist der Humor der »Yankeedoodle-Fahrt«
-wenn auch nicht bitter, so doch bittersüß. Aber sauer sind die
-Früchte von diesem Baume nie; Sonne und Leben hat sie gereift, es sind
-Sonnenfrüchte.
-
- * * * * *
-
-Im Frühjahr 1910 sollte außer dem Romanfresko »Die Päpstin« eine
-Novellensammlung »Die Schatulle des Grafen Trümmel« erscheinen,
-für den Herbst hatte Bierbaum die Veröffentlichung einer großen
-Selbstbiographie geplant. Er hat die Drucklegung dieser Werke
-ebensowenig erleben sollen wie das Erscheinen seiner »Reifen Früchte«,
-auf die er sich so gefreut hatte. Sein letztes abgeschlossenes Werk
-ist eine Dichtung für die Bühne; das mit Königsbrun-Schaup zusammen
-gearbeitete Stück führt den Titel »Fortuna. Abenteuer in 5 Akten« und
-wird noch in diesem Jahre zur Aufführung gelangen.
-
-»Aus den _letzten Ernten_ ...«, so sollte es im Titel der »Reifen
-Früchte« heißen, dessen originelle Fassung des Dichters eigene Idee
-war; so war es -- schon im Herbst 1909! -- überlegt. Wer hätte
-gedacht, daß es wirklich _letzte_ Früchte sein würden? Im Dezember
-vorigen Jahres warf ein chronisches Nierenleiden den Dichter auf das
-Krankenlager, von dem er sich, allem Sträuben zum Trotz, nicht wieder
-erheben sollte, obgleich sein Zustand sich vorübergehend gebessert
-hatte. Ein Brief, den ich am 2. Februar frühmorgens von seinen
-Angehörigen aus Dresden erhielt, klang sehr besorgt. Doch fielen mir
-allerlei Sätze aus seinen eigenen letzten Briefen ein, kraftstrotzende,
-von reifem Lebenssinn und unverwüstlicher Daseinsfreude getragene
-Gedanken. Und wie ich alle Bedenken und alle Sorge um den kranken
-Freund mit dem gleichen Optimismus zu verscheuchen suche, bringt der
-Telegraph die Trauerkunde: Otto Julius Bierbaum ist gestern abend im
-Alter von 44 Jahren an Herzlähmung gestorben ...
-
-Nun ist der Mund, der so lustig plaudern und so herzhaft lachen konnte,
-für immer verstummt, wir werden seine Stimme nie mehr hören. Und wir
-hadern mit dem Geschick und können es nicht fassen, daß es gerade
-diesem Manne die Feder aus der Hand winden mußte, dem unermüdlichen
-Apostel der Schönheit, Freiheit und Freude. So steht sein Bild
-kraftvoll und edel neben dem seines Freundes Detlev, für den er immer
-so tapfer in die Bresche gesprungen war, getreu dem schönen Spruche,
-mit dem er mir, drei Tage vor seiner Erkrankung, sein herrliches
-Liliencron-Buch sandte:
-
- Wer sich für andre nicht erhitzen kann,
- Der ist vielleicht ein kluger Mann:
- Er wahrt sein Feuer
- Und wärmt sich _seine_ Hände dran.
- Mir war bei solcher Klugheit nie geheuer.
- Ein rechtes Herz brennt unklug lichterloh.
- Und seine Flamme sieht sich schöner an,
- Als der Bedachtheit glimmend nasses Stroh.
-
-Ja, lichterloh brannte sein Herz, wenn es galt, für etwas Hohes, Edles
-einzutreten, und seine Waffen waren blank und scharf. Das ist Bierbaums
--- wie auch Liliencrons -- bleibendes Verdienst: daß er die Freude
-an gesunder Sinnlichkeit und Schönheit in unser graues Alltagsleben
-trägt, ohne Sinnlichkeit mit Plumpheit, Schönheit mit Ästheterei zu
-verwechseln. Die Freude, die er verkündet, macht stark und befreit und
-erhebt. Wie sagt doch der Seher in der »Vernarrten Prinzeß«?
-
- »Wagt's immer, zu springen,
- Es muß euch gelingen,
- Was _fröhlich_ ihr schafft.
- Das grämliche Hocken
- Bringt alles ins Stocken;
- Frei wehn eure Locken,
- _Die Freude macht Kraft_!«
-
-_Danzig_, im Februar 1910.
-
- Fritz Droop.
-
-
-
-
-Reife Früchte vom Bierbaum.
-
-
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-Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir.
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-_Otto Julius Bierbaum_
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-erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grüneberg in
-Niederschlesien als der Sohn eines eingeborenen Konditors und einer
-sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei
-Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer:
-die protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen
-besonders starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her
-(in der einmal, zur Zeit Napoleons ein französischer Tambour eine
-Gastrolle gegeben haben soll), und so fand in ihm weder die süße
-noch die saure Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm
-Zeit seines Lebens von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für
-bessere Kuchen und Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen
-immer befriedigen könnte. Dieses Unvermögen kommt aber eben daher,
-weil er, statt das Süße oder das Saure oder sonst was Ordentliches zu
-lernen, sich von Jugend auf dem Laster des Versemachens und Fabulierens
-hingegeben hat. Was hat er davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget
-und die Ungnade des Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar.
-Dieses hindert ihn aber nicht daran, mit trotziger Hartnäckigkeit
-weiter zu schreiben und zwar ohne alle weise Beschränkung auf ein
-bestimmtes Fach der Dichtkunst. Nicht allein, daß er Gedichte jeder
-Art und Unart sowie Novellen, Romane, Operntexte, Dramen, Balletts,
-Reisebeschreibungen, Märchen von sich gibt; er schreibt auch noch
-allerhand Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen. Dies
-ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung
-der Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann.
-Warum, so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit
-begnügt, den »Lustigen Ehemann« zu verfassen? Wie klar und hold
-umrissen stünde dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt. Daß
-er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil
-sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich,
-Gott sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden
-Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die
-Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine
-längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man
-weiß, daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. Über
-seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. Einige
-Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
-seines Trianon-Theaters wird immer als besinnungslos rein lyrisches
-Entlastungsdokument angeführt werden können. Ob O. J. B. harmlos
-ist, muß dahin gestellt bleiben; da er es sich nicht abgewöhnen zu
-können scheint, über gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu
-werden, als da sind: Neid, Lügenhaftigkeit, Undankbarkeit, Tratsch-
-und Verleumdungssucht und aufgeblasener Dummstolz, so muß er doch wohl
-einige Bosheit im Leibe haben, und die christliche Demut, die, nicht
-zufrieden, links geohrfeigt zu werden, auch die rechte Wange hinhält,
-fehlt ihm ganz und gar. Da er lieben kann, kann er auch hassen, und wie
-die platonische Liebe, so ist auch der platonische Haß nicht seiner
-Art gemäß. Es scheint, daß er einige Laster hat. Der Trunk gehört
-nicht dazu. Auch nicht der Geiz und die Faulheit. Aber es könnte sein,
-daß man Momente von Stolz, Wollüstigkeit, Rachsucht in seinem Leben
-fände. Item: vom Heiligen ist er entfernt. Hunde, Katzen, Blumen;
-Horaz, Shakespeare, Goethe; Glück, das »wohltemperierte Klavier«,
-Mozart, archaische Skulpturen, alte italienische Maler, moderne
-Impressionisten; Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr.
-Für die größten unter den modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski
-und Nietzsche. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber als Max Klinger. --
-Alte Stile sind ihm erfreulicher als moderne. Und er ist überhaupt
-revidiert unmodern. Daher ist er ein Renegat des »Buchschmucks« und
-bereut seine Sünden auf diesem Gebiete herzlich. Was die moderne Musik
-angeht, so scheint es, daß sein Nervensystem ihr nicht gewachsen ist.
-Seine Unfähigkeit, »Farben« zu hören, ist schlechthin pathologisch und
-man muß es wohl pervers nennen, daß er die schönsten musikalischen
-Kapitel aus der ~psychopathia sexualis~ einfach nicht kapiert. Kurz:
-er ist unmusikalisch. Aber er besitzt eine Phonola und er freut sich
-dieses Automusikels täglich. Moderne Bücher liest er nicht gar viele,
-aber es gibt ein paar Autoren, von denen er keines ausläßt. Darunter
-steht in erster Linie Wedekind. Wenn er das Glück hat, einen Neuen
-für sich zu entdecken, so ist sein Vergnügen groß. Mit dem gleichen
-Vergnügen hat er entdeckt, daß er sich früher in seiner Begeisterung
-einmal bös geirrt hat. Es ist ihm, als wäre seitdem die Luft in
-seinem Leben besser geworden. In alten Briefwechseln, Tagebüchern
-und Memoiren zu lesen ist ihm die spannendste Lektüre. Den größten
-Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die Tagebücher Friedrichs von
-Gentz, den er überdies für einen der besten Prosaisten in deutscher
-Sprache hält. Dieses Interesse für einen Mann, der als charakterloser
-Sybarit bei allen deutschen Männern von Überzeugungstreue und Tugend
-hinlänglich verrufen, sicherlich jedoch so gut wie unbekannt ist,
-beweist natürlich, daß O. J. B. gleichfalls ein charakterloser Sybarit
-ist. Und er hat in der Tat einiges mit Friedrich v. Gentz gemeinsam.
-So die Passion für gutes Deutsch, die gleichzeitig auch als eine Art
-Sybaritismus bezeichnet werden kann. Ferner die Neigung, über seine
-Verhältnisse hinaus zu leben (was in mancherlei Sinne zu verstehen
-ist). Dann den Tic fürs Vornehme (gleichfalls in mehr als einem
-Betracht). Dann das Bedürfnis nach lebendiger Schönheit und lebendigem
-Geist, aber doch auch nach Bequemlichkeit. Weiter aber auch die
-Fähigkeit, stark zu arbeiten und in der Anerkennung weniger sich dafür
-belohnt zu fühlen.
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-Was ihn jedoch von Gentz unterscheidet, ist dies: Er ist durchaus kein
-Mensch und zieht die Einsamkeit der besten Gesellschaft bei weitem
-vor. Übrigens verehrt er Napoleon in demselben Grade, wie Gentz ihn
-verabscheut hat.
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-Sollte sich hier die Frage nach seinen politischen Meinungen
-aufrichten, so wäre die Antwort: Er würde vielleicht welche haben,
-wenn für ihn die Möglichkeit bestünde, sie zu betätigen. Eine
-Stimmzettelabgabe alle fünf Jahre hält er für keine Betätigung,
-und zum politischen Schriftsteller fehlt ihm der Glaube an ein in
-Deutschland realisierbares Programm. Die Mächte, die im deutschen
-Reiche Politik machen, sind, oben und unten, für freie Geister
-unzugänglich. Nur politische Temperamente von der Vehemenz und
-Aufopferungsfähigkeit Maximilian Hardens können, wenn sie wie dieser
-sehr klug und im höchsten Sinne diplomatisch begabt sind, bei uns
-wirklich wirken, ohne ein Amt oder Massen für sich zu haben.
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-Religiös ist O. J. B. Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen,
-vom Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
-Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile
-der sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens
-auf einer Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen
-Wurstigkeit, vom Taoismus die höchstangesehene Mystik ahnungsvoller
-Wortverknüpfungen in seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre
-übrigens lautet: »Halte Dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert
-Dich, in _Deinen_ Himmel zu kommen!«
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-Da ein moderner Mensch einen Sport treiben muß, so hat O. J. B.
-das Radfahren und Bilderknipsen erlernt. Da er aber ein unmodern
-moderner Mensch ist, radelt er in einem Tempo, das jeden Kinderwagen
-zum Vorfahren herausfordert, und er geht beim Photographieren allen
-poetischen Stimmungseffekten entschlossen aus dem Wege. Übrigens hat
-es bisher nur seine Frau zu bestreiten gewagt, daß er ein brillanter
-Radfahrer und absolut sicherer Photograph ist. Natürlich _sammelt_ O.
-J. B. auch. Aber es ist nicht weit her mit seinen Sammlungen, denn
-es machen ihm nur die Dinge wirklich Spaß, die er billig erworben
-zu haben glaubt, und dabei hat er sich fast ausschließlich auf
-Sammelgebiete kapriziert, wo billig schon etwas zu haben ist. Weder
-alte Bücher, noch alte Buntpapiere, noch alte Bilder, Kupferstiche,
-Möbel, Gläser, Fayencen, Porzellane sind in diesen abscheulichen
-Zeiten, wo jeder Antiquar ein Gelehrter ist, billig zu erstehen, -- von
-alten China- und Japansachen, sowie alten Stoffen ganz zu schweigen.
-Nur mit alten Büttenpapieren ist ihm hier und da ein Coup gelungen.
-Aber da er roh genug ist, die edelsten alten Erzeugnisse längst
-vermachter Bütten zu Manuskripten zu benutzen, kann auch von einer
-ordentlichen Büttenpapiersammlung nicht die Rede sein.
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-O. J. B. war merkwürdig lange jung. Ein Kindskopf ist er bis in die
-Mitte seiner dreißiger Jahre geblieben. Da kam der Ernst, -- und er
-wurde frech, obwohl er erst noch eine etwas düstere, dumpfe Zeit
-durchzumachen hatte. Augenblicklich ist er damit beschäftigt, den
-letzten Rest von Widerspruch, der ihm aus jener Zeit in der Seele
-geblieben ist, auszutreiben. Da er einen Menschen zur Seite hat, der
-sorglich gewillt und stark ist, ihm dabei zu helfen, wird es wohl
-gelingen. Schon jetzt fühlt er sich stärker denn je.
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-In einer Anwandlung von literarhistorischer Systematik hat er seine
-bisherige Entwickelung einmal schematisiert und drei Perioden
-festgestellt. Die erste nannte er »Stilpe im Irrgarten der Liebe« und
-datierte sie von 1885--1900. Er hätte sie auch »Kindskopf« nennen
-können. Sie ist im Grunde rein lyrisch, aber neben ein paar Gedichten
-ragt aus ihr der »Stilpe« auf. Die zweite nannte er »Stella und
-Antonie« und setzte sie von 1900--1905 an. Es ist seine dumpfe Zeit.
-Mit dem »Prinzen Kuckuck« ließ er eine dritte beginnen und er nannte
-sie »Grotesken«; sie nimmt sich bis jetzt etwas bunt aus. Aber es
-scheint, daß er ihr keine lange Dauer zutraut. »Wo wollen Sie denn
-eigentlich hin?« sagte der Storch zum Schmetterling, der von Blume
-zu Blume flog. »Fragen Sie die Blumen, Herr Professor!« antwortete
-der Falter; »aber eines kann ich Ihnen schon sagen: nicht in _Ihren_
-Schnabel, gefährlicher Philister, der Sie sind.«
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-[Illustration: Otto Julius Bierbaum]
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-Yankeedoodle-Fahrt.[1]
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- [1] Kapitel 1 und 2 des gleichnamigen Abschnittes aus
- »Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten«.
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-I.
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- Vom Nervenseiltanzen und Tunnelfahren, vom schwimmenden Hotel
- und dem Geflügelhofe, von Lyrik, Meer und Himmel.
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-Als ich so außer mir geraten war, daß ich mich selbst mit fatalster
-Deutlichkeit betrachten konnte, fühlte ich das Bedürfnis, wieder zu mir
-selber zu kommen. Aber es ist schwer, in sein Ich zurückzukriechen,
-wenn man es einmal verlassen und dann allzuscharf von außen angesehen
-hat. Ich fuhr um mich herum wie eine vergiftete Maus, die ihr Loch
-nicht findet und dennoch immerzu dies Loch umkreist. Ein schauderhaftes
-Heimweh und ein Grauen vor der Rückkehr zugleich. Selbst meinen
-verehrtesten Feinden wünsche ich diese Sensation nicht, obwohl es mir
-nicht zweifelhaft ist, daß sie, deren Oberflächlichkeit mir in der
-Tat manchmal Übelkeit verursacht hat, ein bißchen Seelenqual zu ihrer
-Vertiefung wohl brauchen könnten.
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-Da sprach ein weiser Arzt und Seelenkenner also auf mich ein: Sie
-gehören zu jenen Akrobaten, die auf ihren eigenen Nerven seiltanzen
-und dadurch gezwungen sind, immerfort einen Punkt im Auge zu behalten,
-der in ihnen selber liegt: nämlich im eigenen Gehirne. Das tut weder
-den Nerven noch dem Gehirne gut und ist überdies eine brotlose und
-lebensgefährliche Kunst. Wenn Sie nicht binnen kurzem augenscheinlich
-verrückt werden wollen (denn eine heimliche Verrücktheit ist Ihr
-Zustand bereits), so ist es nötig, daß Sie unverzüglich eine breitere
-Basis zu gewinnen suchen, um von ihr aus Ihre Blicke in einem
-möglichst weiten Gesichtskreis umherschweifen zu lassen. Sie sind
-außer sich, weil Sie so sehr in sich sind. Das vertragen nur Heilige
-und Sie würden sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben, wenn Sie
-meinen wollten, daß Sie zur Heiligkeit angelegt wären. Dazu sind Sie
-zu korpulent und libidinos, -- wohl auch nicht unbescheiden genug.
-Leute Ihrer Konstitution sind darauf angewiesen, die Welt auf sich
-wirken zu lassen. Ihre Empfindlichkeit sträubt sich dagegen, und es
-ist gewiß, daß Sie unter den nicht immer zarten Fingern der Welt
-leiden, aber dieses Leiden ist immer noch heilsamer für Sie, als die
-selbst bereiteten Schmerzen der Heautontimorumenie. Ich rate Ihnen:
-Kaufen Sie sich einen Schiffskoffer und stellen Sie Amphitriten auf
-die Probe. Ihre Zukunft liegt auf dem Wasser, das Salzgehalt und im
-Salze Brom hat. Speien Sie sich einmal kräftig aus und trinken Sie
-so viel Sonnenlicht als möglich. Aber, ich beschwöre Sie, lassen Sie
-alles Schreibgeräte zu Hause, denn, unter uns gesagt, der Federhalter
-ist die gefährliche Balancierstange, mit der Sie sich bisher auf dem
-Nervenseile im Gleichgewicht erhalten haben.
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-Ich honorierte diese Invektionen mit zwanzig Franken und einem müden
-Lächeln, nahm den breitbeinigen Gang eines alten Seekapitäns an und
-versetzte meine ahnungslose Frau in das äußerste Erstaunen durch
-Intonierung des Liedes:
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- Auf, Matrosen, die Anker gelichtet,
- Den Kompaß gespannt und die Segel gerichtet!
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-Ihre Bemerkung, daß der Kompaß keine Flinte sei, die man spannen
-könnte, wies ich mit der Entgegnung zurück, daß nautische Details uns
-bald mehr als genug beschäftigen würden, einstweilen aber Wichtigeres
-zu erledigen sei: nämlich die Frage, ob man auf eine moderne Seereise
-einen Frack oder bloß einen Smoking mitnehmen müsse.
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-Klug und vorsorglich, wie sie ist, entschied sie sich für beides, ja
-sie wollte sogar, daß ich auch einen Zylinderhut mitnähme. »Wahnwitzige
-Idee!« grollte ich; »dir fehlt jedes Stilgefühl. Eine schottische Mütze
-oder ein Dreimaster, -- ja; niemals eine Tube!«
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-Am entsprechenden Orte wird es sich zeigen, wer von uns beiden auf der
-Höhe der Situation gewesen ist.
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-Da es uns vollkommen gleichgültig war, wohin wir reisen würden (denn
-ich hatte ja lediglich das Gebot erhalten, eine Seereise »an sich« zu
-machen), überließen wir es einem Freunde, Schiff und Ziel zu bestimmen.
-Er sandte uns eine Kabinenkarte für den Doppelschraubendampfer
-Yankeedoodle, den die berühmte Onkel Sam-Michel-Linie eben zu einer
-Orientreise in Genua bereithielt. Ein beigeschlossenes Druckheft
-schilderte die ganze Reise in äußerst lebendigen Farben, so daß mir
-sofort ganz orientalisch zumute wurde, als ich las, was alles uns
-bevorstand.
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-»Kein Zweifel,« sagte ich zu meiner Frau, »es wird äußerst lehrreich
-werden. Schade nur, daß wir uns nicht länger auf die Reise freuen
-dürfen, denn das ist doch das Schönste am Reisen: sich vorher darauf
-zu freuen.«
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-Aber es half nun nichts: kaum, daß die Koffer gepackt waren, mußten wir
-uns in den Dampfwagen setzen, der uns nach Genua transportierte. Meine
-Idiosynkrasie gegen das Eisenbahnreisen gestaltete diese Fahrt zu einer
-~via crucis~, an die ich nur mit Grauen denken kann. Kein Zweifel:
-ich bin ein arger Sünder, aber so viele Todsünden habe ich denn doch
-nicht begangen, daß ich die Höllenqualen verdient hätte, die mir in den
-endlosen Tunnels an der Riviera zuteil wurden, wo rechts und links des
-Gleises offenbar teuflische Dämonen aufgestellt waren, die, während ich
-in stinkendem Qualm fast erstickte, mit eisernen Hämmern gegen eiserne
-Wände zu schlagen schienen. Nun: wir sind nicht zum Vergnügen auf der
-Welt, und es ist gewiß in der Ordnung, daß Nerven, die für angenehme
-Sensationen besonders empfindlich sind, dafür um so heftiger unter
-unangenehmen leiden. Sela.
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-Das Gedröhne einer Kesselschmiede in den Ohren, die Lungen voller
-Ruß und im Schädel ein Gefühl, als seien sämtliche Gehirnwindungen
-mit flüssigem Blei angefüllt, begab ich mich mit meiner Frau in
-das berühmte Theater Carlo Felice, aber beileibe nicht, um uns
-Tristano e Isotta italienisch vorspielen zu lassen, sondern von
-wegen der exzellenten Küche seines Restaurants. Doch wurde uns auch
-hier ein außerordentliches Schauspiel zuteil: wir sahen einen jener
-italienischen Eßkünstler, die den illustren Fressern der Antike nichts
-nachgeben. Was dieser überlebensgroße Bauch sich alles servieren ließ,
-und mit welch andächtigem Kennerentzücken er seine Füllung zu einer Art
-gottesdienstlichen Handlung erhob, läßt sich in Kürze und auf Deutsch
-nicht schildern. Es muß genügen, zu sagen, daß es ein klassisches
-Schauspiel war, würdig, von einem Petronius der Nachwelt überantwortet
-zu werden. Denn es läßt sich von derart großen Gegenständen wohl nur in
-monumentaler Latinität handeln.
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-Als ich am nächsten Morgen den Yankeedoodle vor mir liegen sah, wie er
-unabsehbare Massen von Koffern und Menschen in sich aufnahm, mußte ich
-an den gewaltigen Speisevertilger denken, und so erübrigt es sich, zu
-bemerken, daß Yankeedoodle ein imposantes Schiff ist.
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-Wir wurden tief unten in seinem Innern verstaut und fühlten uns sehr
-winzig. Dafür erfüllte uns aber sogleich eine sehr gewisse Zuversicht
-zu dem massigen Zweischlöter. »Ich glaube kaum, daß wir mit dem
-Yankeedoodle untergehen werden,« sagte ich zu meiner Frau; »ja selbst
-meine Hoffnung auf ausgiebige Seekrankheit ist bereits ins Wanken
-geraten.«
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-»Und mir ist schon übel,« entgegnete sie.
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-Dabei stand das Schiff fest wie ein Turm.
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-Weshalb ich sagte: »Autosuggestion gilt nicht, und wenn du mit Gewalt
-seekrank wirst, um später damit zu renommieren, so kannst du sicher
-sein, daß ich deine Finten aufdecken werde.«
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-In diesem Augenblicke brüllte Yankeedoodle auf eine Weise, daß mir
-Hören und Sehen verging. Dreimal. Wie nie ein Mastodont gebrüllt hat.
-Homer hätte das hören sollen, und er hätte kein solches Wesen vom
-Gebrüll seiner verwundeten Helden gemacht.
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-»Was _hat_ er denn?« fragte ich entsetzt.
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-»Er sagt Adieu,« erklärte meine Frau ruhig, die von nun an überhaupt
-gerne so tat, als wüßte sie alles.
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-Und es war wirklich so. Immer, wenn Yankeedoodle sich anschickte, in
-See zu stechen (ein Ausdruck, der aber für solche Kolosse gar nicht
-paßt; ebensogut könnte man sagen, ein Dampfhammer sticht ins Erz),
-brüllte er so unmanierlich. Es gehört das zum guten Ton bei diesen
-Dampfgiganten. Ob es einen Zweck hat, weiß ich nicht. Vielleicht heißt
-es nicht bloß: adieu, sondern auch: Platz da! Hühneraugen weg!
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-Und richtig: wir fuhren. Doch muß ich wohl besser sagen: wir glitten
-dahin. So leise, sanft, unmerklich, daß ich fürs erste jede Hoffnung
-auf das große Speien aufgab, während meine Frau mit weiblicher
-Beharrlichkeit beteuerte, nun werde ihr aber schon _sehr_ übel.
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-Da sie offenbar nur höchst ungern von diesem Wahne lassen wollte,
-bestärkte ich sie in der Überzeugung, seekrank zu sein, indem ich ihr
-erklärte, sie sähe grasgrün aus und tue mir furchtbar leid.
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-Worauf es ihr sehr bald besser wurde.
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-Eine kleine Weile noch, und sie teilte meine Empfindung, daß
-Yankeedoodle, weit davon entfernt, ein Schiff zu sein, wie wir es uns
-gedacht hatten, einfach ein Hotel war, das sich auf Salzwasser bewegte.
-Statt Matrosen zu sehen, die an Tauen herumklettern, und Kommandorufe
-zu vernehmen von Offizieren, die Sprachrohre am Munde und Fernrohre
-vor den Augen hatten, erblickten wir Kellner, die da höflich leise
-säuselten: Bouillon gefällig? Doch lernten wir bald, sie Stewards zu
-nennen, was immerhin eine gewisse Seestimmung erzeugte.
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-Dennoch blieb eine deutliche Enttäuschung in uns zurück. Unser
-romantisches Bedürfnis wollte nicht auf seine Rechnung kommen. Wir
-hatten uns das alles viel abenteuerlicher vorgestellt. Wenn wenigstens
-ein Mastkorb dagewesen wäre, in dem sich ein Matrose befunden hätte,
-der Ahoi! rief ...
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-Statt dessen sagte ein Herr, der zwar eine Art Seemannsmütze aufhatte,
-aber den Gymnasialprofessor durchaus nicht verleugnen konnte, laut und
-vernehmlich: ~Thalatta! Thalatta!~
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-Mein Magen drehte sich um und ich mich mit ihm.
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-O Ägir, Herr der Fluten, stöhnte ich in meinem lieben Herzen, sorge
-dafür, daß ich diesem Humanisten nirgendwo benachbart werde in diesem
-schwimmenden Hotel!
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-Und ich fühlte, daß es jetzt vor allem nötig war, einen Platz auf
-dem Yankeedoodle ausfindig zu machen, wohin wir uns vor den übrigen
-Hotelgästen flüchten könnten, falls diese irgendwie nicht nach unserem
-Geschmack sein sollten.
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-Alle diese Herrschaften, sagten wir uns, sind gewiß durch Qualitäten
-ausgezeichnet, die uns fehlen, und wir wollen ohne weiteres annehmen,
-daß sie nicht bloß einer höheren Steuerklasse angehören als wir,
-sondern auch in jeder anderen bürgerlichen Hinsicht den Vorzug vor uns
-verdienen. Aber wir sind nun mal Uhunaturen, die in den Geflügelhof
-nicht passen. Zärtlich girrende Tauben, gluckende Hennen, majestätische
-Hähne sind kein Umgang für uns, geschweige denn diese stolzen Pfauen
-und Perlhühner aus Amerika, die sich, das merkten wir bald, als die
-Elite des Yankeedoodle betrachteten und von den Funktionären der O.
-S.-M.-L. auch als solche ästimiert wurden, da sie die besten Käfige
-innehatten. Alles das, gaben wir gerne zu, ist ganz in der Ordnung,
-aber diese Ordnung ist nicht die unsere. Suchen wir also einen Winkel
-aus, wo wir das prächtige Gesamtbild am wenigsten stören.
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-Wir fanden es auf dem Hinterdeck, das von allen besseren Passagieren
-streng gemieden wurde, weil es bei den gewöhnlichen Fahrten des
-Yankeedoodle, die nicht dem Vergnügen, sondern der Überfahrt nach
-Amerika dienen, als das Deck der zweiten Kajüte gilt. Für uns besaß
-es außer dem Vorzug, wenig besucht zu sein, auch noch den, zwei
-Etagen zu haben. Die obere war die schönste, denn auf ihr befand man
-sich wirklich ~en plein air~. Hier verbarg uns kein vorgespanntes
-Segeltuch Meer und Himmel, wie sonst überall auf diesem Schiffe,
-dessen Einrichtungen mehr darauf berechnet zu sein schienen, das Meer
-vergessen, als sehen zu lassen. Die begehrtesten Plätze des Hauptdecks
-(zumeist von Amerikanern besetzt), nämlich die an den Innenseiten,
-gewährten den dort in ihren Klappstühlen Ausgestreckten die Aussicht
-auf den Streifen Himmel, der zwischen dem Dach und der Segeltuchwand
-des Decks sichtbar bleibt. Weder Meer noch Küste war von dort aus zu
-sehen. Die Außenseiten des Hauptdecks sahen aber nicht einmal diesen
-Streifen Himmel, sondern nur die Kajütenwand, garniert mit horizontal
-gelagerten Amerikanern.
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-Es wollte uns anfangs nicht in den Sinn, wie gerade diese Plätze so
-sehr begehrt sein konnten, die eigentlich nichts anderes waren als
-Einzelglieder im Spalier einer Promenade; denn zwischen ihnen war
-der allgemeine Wandelgang. Wir mußten erst begreifen lernen, was wir
-Uhus nicht ohne weiteres wissen: daß das Publikum auch auf Reisen
-sich vor allem anderen für das Publikum interessiert. Die Menschen
-lieben einander zwar nur in einem sehr gemäßigten Grade, aber sie
-sind sich gegenseitig äußerst interessant, und so leben sie gerne
-in Gesellschaft, sei es auch nur, um sich innerhalb deren wieder in
-Extragesellschaften abzuspalten. Je länger wir das Wesen auf unserem
-Schiffe betrachteten, um so mehr spürten wir, daß viele geradezu
-deshalb den Yankeedoodle bestiegen hatten, um nach der vielleicht
-monoton gewordenen Gesellschaft zu Hause hier eine neue zu finden.
-Und wir merkten schließlich, obwohl wir immer nur aus der Ferne in
-dieses lebendige Netz von Gesellschaftsfäden blickten, daß nicht bloß
-die Spinne Sympathie dabei am Werke war, sondern auch mancherlei
-Berechnung, -- nicht zu vergessen die mehr oder weniger schönen Damen
-Eitelkeit und Medisance.
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-Ich kann nicht leugnen, daß, von der Ferne angesehen, dieses große
-Gesellschaftsspiel einen gewissen Reiz für mich hatte, da ich nur
-selten dazu komme, derlei zu beobachten. Einen reineren Genuß
-bereitete mir aber doch der Anblick des hohen Himmels und der weiten
-Wasserfläche, obgleich ich gestehen muß, daß eigentlich poetische
-Stimmungen ausblieben. Der Anblick war schön, -- aber nur Genuß, nicht
-Erregung. Mein Auge ließ sich's wohl sein, und mein »Herz« quittierte
-mit Dank darüber, -- aber kühl, eigentlich unbeteiligt. Ich habe es ein
-paarmal gescholten deswegen und bin mir selber sehr gram gewesen darum.
-Bist _du_ das noch, habe ich mir gesagt, der vor Zeiten sich bis zur
-wonnigsten Verrücktheit entzücken konnte vor einem Tümpel, auf dem ein
-paar Spritzer Sonnenuntergang kringelten? Dem ein schüchternes, dummes
-kleines Ding wie eine junge Birke Seligkeiten ins Herz schüttete, der
-vor einem Quellchen in die Knie sinken konnte, Verse zu stammeln,
-dessen Blicke verzückt an Wolken hingen und mit ihnen hinüberschwammen
-zu den goldberänderten Himmelsküsten einer nicht bloß äußerlich
-gesehenen, sondern innig umfaßten Schönheit, -- das ist derselbe,
-der sich hier, in einem Stuhle der Ocean-Comfort-Company liegend,
-Lichteffekte servieren läßt, wie kurz vorher Tee mit Streuselkuchen? Ei
-du satter, fauler, leerer Halunke du, mach daß du hinunterkommst auf
-das Promenadendeck und sieh, wenn die Sonne untergeht, nach der Uhr, ob
-es auch pünktlich geschehen ist! Laß dich von dem Gymnasiallehrer auf
-Ägypten, Kleinasien, Griechenland vorbereiten; du hast es nötig, denn
-wer nicht mehr fühlen kann, soll wenigstens wissen. Und wenn du auch
-dazu zu faul bist, so zeige den jungen Töchtern Germanias, die, halb
-Misses, halb Gretchen, die moderne Weiblichkeit des zahlungsfähigen
-Deutschland mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack vertreten, daß auch
-du tennis-englisch und über »Frühlings Erwachen« reden kannst. Da du
-nüchtern geworden bist, ist dein Platz bei den Nüchternen. Vielleicht
-sagen _sie_ dir etwas, da die großen Dinge dir stumm geworden sind. So
-schimpfte ich mich. Aber mit Unrecht. Denn es war nicht so, wie ich mir
-sagte. Meer und Himmel waren mir nicht stumm. Ich verstand ihre Sprache
-nicht so schnell, wie früher die von Busch, Baum, Quelle, Wolken. Und
-dies ist nicht verwunderlich. Jene Dinge, die den jungen lyrischen
-Menschen so schnell ins Gespräch zogen, sprachen _seine_ Sprache, die
-Sprache der schnellen Gefühle, naiver Lust, einfältiger Triebe. Er
-hörte und sah in allem nur sich. Wenn er niederkniete und ins Plappern
-der Quelle Verse rief, so kniete er vor sich selber und überschrie
-das murmelnde Element. Er war (Heil ihm, daß er's gewesen) frech beim
-Frohsinn, und so hatte er's wohl leicht, zu schwärmen. (Lyrik! Eine
-selbstverständliche Sache für junge Menschen, denn es ist ihr Aus- und
-Einatmen. -- In dieser Parenthese wäre noch allerhand zu bemerken.
-So dies, daß die große Seltenheit wirklicher Lyriker damit nicht im
-Widerspruche steht. Es gibt nämlich nur sehr wenige junge Menschen in
-dem Alter, wo zum Gefühle künstlerisches Vermögen tritt. Was Goethe das
-Närrische am Lyrischen nennt, ist das Kindliche. Die beiden reinsten
-Lyriker unter den heutigen Deutschen: Martin Greif und Max Dauthendey,
-sind Kindsköpfe. Auch Ludwig Finckh hat Anlage dazu. Rilke dagegen,
-dieses unheimliche Genietalent, ist ein Wunderkind. Übrigens liegt beim
-reinen Lyriker die Gefahr nahe, aus dem Kindlichen ins Kindische zu
-verfallen, sich auszuleiern. Aber wo komme ich hin!) Das schlechthin
-Große dagegen, Meer und Himmel, monoton erhaben (mit Worten aus der
-Terminologie menschlicher Kunst zu reden: Monumentalnatur) -- das
-duckt die Frechheit. Seine Sprache ist Gedröhn und Brausen: Vokabeln
-fehlen in dieser Musik voll rhythmischer Symbole. Das Herz, das hier
-nur stummen Dank hat, verdient keine Schmähung, und der Mann, der vor
-diesem Schauspiel Auge wird, ganz Auge: und klares, nicht trunkenes,
-mag sich der Zuversicht getrösten, daß dieser ruhige Genuß ruhig des
-Reichsten, das dem Menschen an äußeren Eindrücken zuteil werden kann,
-nicht bloß der Netzhaut zugute kommt, sondern zu einem inneren Schatze
-wird, auch wenn er sich nicht gerade kleinweis in lyrische Silberstücke
-ausmünzen läßt.
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-II.
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- Von meinem schlechten Charakter und der Absicht, ihn zu
- bewähren; von meinem Lordshut und Madames Patriotismus; vom
- Mauldeutschtum und dem deklassierten Ölbaum; von der Tugend
- und ihrer mangelhaften Belohnung; vom Genie der Pariser
- Putzmamsells und der bedauerlichen Unfähigkeit deutscher
- Dichter sie zu fördern; von grünen Tischen, Théodore und der
- Rache auf Ansichtspostkarten.
-
-Wer auch nur oberflächlich mit der modernen deutschen
-Literaturgeschichte bekannt ist, weiß, daß ich von schmutzigster
-Geldgier besessen bin. Im übrigen schwankt mein Charakterbild ja
-bedenklich: denn, während die einen sagen, daß ich zwar ein ganz
-passabler Lyriker sei, aber leider auch Romane schreibe, so finden
-andere, daß ich zwar im Romane gewisse Qualitäten an den Tag gelegt,
-bedauerlicherweise aber den üblen Ehrgeiz hätte, auch Verse machen
-zu wollen; und so durch alle übrigen Gattungen der ~belles lettres~
-durch, mit denen ich mich, immer einigen zum Vergnügen, anderen aber
-zur Mißlust, abgegeben habe und immerzu weiter noch abgebe. Das
-einzige, was feststeht, ist, wie ich mich nun hinlänglich überzeugt
-habe, die felsenfeste Gewißheit, daß ich ein hervorragendes Talent
-besitze, Schätze zu sammeln. So werde ich als ein zweiter Midas in
-die holzpapierene Unsterblichkeit eingehen und bin schon jetzt, wie
-mein phrygisches Urbild, durch Eselsohren entstellt -- wobei es
-dahingestellt bleibt, ob es lauter Apollos sind, die mir zu diesem
-Schmucke verholfen haben.
-
-Kein Wunder, daß ich manchmal Lust habe, diesem Zustande ein Ende
-zu machen, der immerhin etwas Peinliches hat. Nichts trägt sich
-so lästig, wie der Ruf von Talenten und Reichtümern, die man nicht
-besitzt. Und dann: man kommt sich, auch wenn man ihn nicht verbreitet
-hat, wie ein Schwindler vor.
-
-Also möchte ich ihn furchtbar gerne wahrmachen.
-
-Und so beschloß ich, in Monte Carlo hundert Franken zu setzen, um
-zehntausend zu gewinnen.
-
-»Nimm deinen großen Pompadour mit,« sagte ich zu meiner Frau, als der
-Yankeedoodle sich Villafranca näherte; »wir werden ihn nötig haben.«
-
-»Du willst also wirklich spielen!?« rief sie voller Entsetzen aus.
-
-»Ja!!« sagte ich mit zwei Ausrufezeichen.
-
-Und ich tat mein schönes Gewand an und setzte den großen grauen
-Lordshut auf, den ich in Deutschland nicht zu tragen wage, weil er
-eine Art Nabel hat, nämlich einen Filzknopf zur Kaschierung der
-Ventilöffnung. Denn es ist ein Hut, den die englischen Lords in Indien
-tragen, wo es sehr heiß ist.
-
-Auch meine Frau putzte sich so stattlich heraus, wie es dem Umstande
-angemessen erscheinen mußte, daß wir uns in den wabernden Dunstkreis
-rollenden Reichtums begeben wollten.
-
-Da hier das »Reisebureau« noch keine Macht über uns hatte (denn den Weg
-zum Spieltische würden wir, so meinte es nicht ohne psychologischen
-Scharfsinn, schon selber finden), durften wir, o Glück und Wonne, o
-Seligkeit, allein gehen. Die Prozedur der Ausbootung, vor der meine
-Frau auf recht anmutige Art Angst an den Tag legte, während ich nicht
-ganz so graziös den erfahrenen Gangwaykletterer spielte, vollzog sich
-ohne jede Fährlichkeit, obwohl ich, zu meinem nur mühsam verhehlten
-Mißvergnügen, gezwungen war, mit der Linken den zwar schönen,
-aber nicht ganz festsitzenden Lordshut zu halten, da ich doch die
-entschiedene Tendenz hatte, mit ihr Halt am Treppengeländer zu suchen.
-Aber es ging auch so, und ehe wir's uns versahen, befanden wir uns
-alle drei: die Frau, der Hut und ich, im Boot. Nervige Arme ruderten
-uns an die französische Küste. (Das muß ich einmal in einem Romane
-gelesen haben.) Da diese von Rechts wegen eine italienische Küste sein
-sollte, regte sich in meiner Frau die Patriotin, und sie hätte gar zu
-gerne gehört, daß sich der Mann mit den nervigen Armen zur ~Italia
-irredenta~ bekannt und Verwünschungen gegen die Franzmänner ausgestoßen
-hätte. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Gefühle dieser Art grün-weiß-rot
-aufleuchten zu lassen, vielmehr sagte er, und noch dazu in einem
-stark französisch unterwachsenen Italienisch, sie in Villefranche (!)
-seien allzumal höchlich zufrieden mit der Pariser Republik, denn der
-gallische Hahn füttere die Seinen besser als der savoyische Adler.
-
-»~Vergogna!~« meinte die Toskanerin, gab ihm aber doch eine gute
-Mancia, wenn auch demonstrativerweise in italienischer Münze. Worauf
-der Nervige dann endlich ~Evviva Italia!~ rief.
-
-Nach den mächtigen Befestigungen zu urteilen, mit denen die Franzosen
-den Hafen von Villafranca (das aber nur die Bücher so nennen; die
-Leute sagen alle Villefranche) umgürtet haben, gedenken sie, dieses
-schöne Stück Land gewiß nicht freiwillig wieder herzugeben. Auch
-liegt eine Menge Kriegsvolk dort in Garnison; Alpenjäger, sehr gut
-aussehende und malerisch uniformierte Leute. Indessen fand die etwas
-kordial demokratische Art, mit der sie ihre Vorgesetzten grüßen,
-durchaus nicht den Beifall zweier unserer Reisegenossen, die, wohl in
-der Meinung, daß kein Mensch in Frankreich deutsch versteht, recht
-laut und ungeniert Kritik daran übten, wobei der Ausdruck »schlappe
-Bande« noch der mildeste war. Mir kam das weder sehr klug vor, noch
-fand ich es hübsch, habe aber auch im weiteren Verlaufe unserer Reise
-noch recht oft die Beobachtung machen müssen, daß unsere Landsleute
-sich gerne darin gefallen, fremde Sitten, Gewohnheiten, Einrichtungen
-unter dem Gesichtswinkel des in Deutschland Üblichen zu beurteilen,
-zuweilen direkt mit dem Schlußtrumpf: hier sollten _wir_ Ordnung
-schaffen dürfen! Ob Geibel das gemeint hat, als er ausrief »Und es
-mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«, scheint mir
-fraglich, während ich der sehr bestimmten Überzeugung bin, daß dieses
-Wesensmachen vom deutschen Wesen sehr dazu angetan ist, das deutsche
-Wesen in Mißkredit zu bringen.
-
-Schade nur, daß der schöne Weltverstand, der bisher die Deutschen
-auszeichnete, verloren gehen muß, wenn dieses Mauldeutschtum, das
-nachgerade zum Großmauldeutschtum zu werden droht, um sich greift. Ich
-habe auf dieser Reise nicht viele Deutsche getroffen, auf die das Wort
-Goethes hätte angewendet werden dürfen, das sonst vom deutschen Geiste
-gelten durfte: »Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.« Und so
-habe ich mich manchmal gefragt: Warum reisen diese Leute eigentlich?
-Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn, zu reisen, da
-es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche
-sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder
-andere Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber,
-zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare
-Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde,
-um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat
-das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben
-ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd Schönes einzuverleiben,
-innerlich reicher zu werden aus den Schäden der Fremde, indem man an
-ihnen teilnimmt. Dies scheint aber vielen direkt unmöglich zu sein.
-Sie sehen z. B. (ich konstruiere hier nicht, sondern gebe wieder,
-was ich mit eigenen Ohren gehört habe) einen Ölbaum. »Gott, was für
-ein häßliches Ding ist das!« sagen sie, »da ist doch eine richtige
-deutsche Eiche was anderes!« Man müßte närrisch sein, wenn man das
-bestreiten oder sich durch einen Ölbaum den Geschmack an einer Eiche
-verderben lassen wollte, aber nicht weniger närrisch ist es auch (von
-dem damit bewiesenen Mangel an Schönheitsempfinden gar nicht zu reden),
-im fernen Syrierlande die deutsche Eiche heraufzubeschwören, um den
-Eindruck eines Ölbaumes zu deklassieren. Es wäre davon, als von etwas
-schlechthin Törichtem gar nicht der Rede wert, wenn sich nicht eben
-eine Art von perversem Nationalismus darin äußerte, ein häßlicher Geist
-der Selbstzufriedenheit und Ablehnung alles Fremden, das nur noch
-als kurios, nicht aber als schön anerkannt wird. Diese Art Negation
-hat etwas Freches, das ganz unleidlich gerade für den ist, der sein
-deutsches Wesen als Bejahung jeder Schönheit empfindet. Auch ist es
-gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen.
-
-Ein Rosselenker rief uns an, fragend, ob er uns für zwanzig Franken
-zweispännig nach Monaco befördern dürfte. Mein Lordshut und Madames
-Spitzenmantel hatten es ihm angetan. Aber es lag uns wahrhaftig ferne,
-unserm Spielfonds zwanzig Franken zu entziehen. Wir blieben, wie hold
-er auch lächelte, fest und warteten auf die elektrische Trambahn.
-
-Diese Charakterstärke hätte einen besseren Lohn verdient als den, der
-uns zuteil wurde. Wir mußten fast eine Stunde harren, bis ein Wagen
-kam, in dem es noch zwei freie Plätze gab, und zwar Stehplätze. Ich
-erwähne dies als Beitrag zur Morallehre. Nein, o ihr gutgläubigen
-Schwärmer, es ist nicht wahr, daß Tugend belohnt wird. Das lüsterne
-Fleisch fährt zweispännig, und der stoische Wille muß sich von
-knoblauchduftigen Nizzarden auf den Hühneraugen herumtreten lassen.
-Aber das ist richtig: hinterher ist die Genugtuung der Tugend groß, die
-achtzehn Franken für den Spieltisch gespart hat.
-
-Von der Pracht und Herrlichkeit des Kasinoplatzes auf Monte Carlo möge
-ein anderer handeln. Ich für meinen Teil finde ihn allzu prächtig und
-allzu herrlich. Mir fehlt der Sinn für Pompositäten ohne lebendigen
-Geschmack. Dagegen habe ich mit Signora recht andächtig und entzückt
-die Auslagen einiger Pariser Putzmachergeschäfte bewundert. Beim
-Andenken der verliebten kleinen Müsette! -- meine Frau hat recht: diese
-Pariser »Schurkerinnen« (so heißt in toscano-tedesco das Femininum von
-Schurke) haben mehr als Talent, haben Genie. Aus ein bißchen Sammet
-oder Seide, Spitzen oder Tüll, Stroh oder Pelz, mit ein paar Blumen,
-Schleifen, Rüschen, Federn wirken sie ästhetische Wunder. Diese Hüte
-haben den Reiz von Improvisationen geistreich geschmackvoller Menschen.
-Es haftet ihnen nichts vom Geiste der Schwere an, keine Steifheit,
-keine Absichtlichkeit. Es ist Grazie mit Witz; Esprit, der Phantasie
-hat; Geschmack, der es bis zur Poesie bringt. Ein fabelhaft sicherer
-Sinn für Form und Farbe unternimmt die frechsten Wagnisse bis hart an
-die Grenze des Möglichen, ohne jedoch etwas hervorzubringen, das nicht
-als Kunstwerk von Distinktion wirkte. Selbst das Höchste in der Kunst
-bringt er zuwege: reine Einfalt ohne Banalität. Wir sahen einen Hut,
-der eigentlich nichts war als ein umgestülpter Topf aus rotem, weißem
-und schwarzem Sammet. Es ist ganz unmöglich, zu sagen, warum dieses
-Ding nicht etwa plump oder komisch, sondern schlechterdings hinreißend
-schön aussah. Das Geheimnis seiner Schönheit lag wohl darin, daß die
-Linien seines Umrisses sowohl wie jede Falte des Stoffes von Fingern
-gebildet waren, die genialer Eingebung des Momentes folgten, nachdem
-das Ganze zuvor innerlich von der Künstlerin gesehen worden war.
-
-Es begreift sich leicht, daß meine Frau den lebhaften Wunsch hegte,
-einen solchen Hut zu besitzen, und ich noch den lebhafteren, sie in
-einem solchen Hute zu sehen. Daß aber ein deutscher Dichter, und er
-sei gleich, wie ich, noch mehr Geschäftsmann als Dichter, nicht in der
-Lage ist, seiner Frau ein derartiges Kunstwerk, die Verkörperung des
-ästhetischen Genies einer traditionell ästhetischen Rasse, zu kaufen,
-leuchtet ohne weiteres ein.
-
-Unsere Begierde, die Bank von Monte Carlo zu sprengen, wurde zur wilden
-Leidenschaft. Kaum, daß ich noch Blicke für die eleganten Ambassadricen
-der Venus von Paris hatte; kaum, daß meine Frau noch Andachtskraft für
-die Auslagen der großen Schneider aufzubringen vermochte: das Gold
-läutete uns in seinen Tempel; wir folgten der großen Glocke. (Ich rühre
-die Pauke des Pathos. Wenn sie ledern klingt -- ist es meine Schuld?)
-
-Das Leben in den Spielsälen der Monaco-Aktien-Gesellschaft, deren
-Dividenden so gewaltig sind, wie es unsere Hoffnung war, sie durch
-einen phänomenalen Gewinn zu schmälern, ist zum Glück schon so
-oft und mit so glühenden Farben geschildert worden, daß ich mir
-die Mühe ersparen kann, ein Gemälde davon zu entwerfen. Ich lasse
-es um so lieber bleiben, als ich weder die flackernden Augen der
-verzweiflungsvoll ihr Letztes auf eine Karte setzenden Spieler, noch
-das müde Lächeln der Verspieler von Riesenvermögen, noch die grausame
-Verkniffenheit in den erbarmungslosen Augen des Croupiers bemerkt habe.
-Ich sah nicht, weil ich lediglich auf die dicken Fünffrankenstücke
-guckte, die ich, gänzlich unbekannt mit den Regeln des Spieles,
-irgendwohin setzte, wo gerade Platz war. Ich hörte »~Faites votre jeu,
-messieurs~« und »~rien ne va plus~«; und die Kugeln tanzten; und es
-roch wie in einem Parfümerieladen. Und das ging eine Weile so hin, bis
-ich fünfzig Franken verloren hatte und die Stimme meiner Frau vernahm,
-die da lautete: »Du hast gar keine Ahnung von der Sache. Laß mich
-machen!«
-
-Sie hatte nämlich, während ich im Interesse unserer Finanzen rastlos
-tätig gewesen war, versucht, den Sinn der Figuren und Nummern zu
-ergründen, die auf dem grünen Tuche zu sehen waren. Und nun fing sie
-an, mit Überlegung zu tun, was ich unüberlegt getan hatte. Mit anderen
-Worten: ich hatte gespielt -- sie: berechnete.
-
-Wenn Fortuna nicht ein ganz albernes Frauenzimmer wäre, das keine
-Idee davon hat, worin ihr Wesen eigentlich beruht: nämlich im
-Unberechenbaren, das ich mit dem Instinkte des Schicksalskundigen
-kühn und groß herausgefordert hatte, so hätte sie meine Frau sofort
-durch andauerndes Einziehen ihrer Fünffrankenstücke bestrafen müssen.
-Statt dessen bereitete sie ihr den Triumph, sie die fünfzig Franken
-wiedergewinnen zu lassen, die ich verloren hatte.
-
-Ich wußte nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Denn,
-wenn es zwar erfreulich war, den Spielfonds wieder beisammen zu haben,
-so war es doch auch ärgerlich, dies mit einer Einbuße an Autorität zu
-bezahlen.
-
-Indessen: würdelos, wie man nun einmal wird, wenn man, wie ich, den
-Sinn auf das Materielle zu richten gewöhnt ist, freute ich mich
-schließlich doch, indem ich im geheimen hoffte, die verlorene Autorität
-auf anderem Wege wieder zu gewinnen.
-
-Meine Frau aber setzte mit Überlegung weiter. Einmal sogar zehn
-Franken. Und gewann immerzu. Es kam der Augenblick, wo unser Spielfonds
-verdoppelt war.
-
-»Siehst du?« sagte sie und lächelte so infam, wie ich es ihr niemals
-zugetraut hätte.
-
-»Was denn?« entgegnete ich kühl.
-
-»~Duecento lire!~« erwiderte sie, -- der Moment war zu erhaben, als daß
-sie ihn nicht toskanisch hätte verklären müssen.
-
-»Wenn's weiter nichts ist!?« warf ich verächtlich hin.
-
-Da setzte sie, gereizt und kühn, fünfzig Franken auf einmal.
-
-Ich dachte nicht anders, als sie sei im Glückstaumel übergeschnappt,
-und ergriff eines der unheimlichen Schiebestäbchen, den Wahnwitz
-aufzuhalten, die fünfzig Franken zurückzuscharren. Da krähte der
-glatzköpfige Croupier aber auch schon los: ~Rien ne va plus~, und die
-schicksalträchtige Kugel hopste wie besessen in der Roulette.
-
-»Du bist verrückt,« stöhnte ich, von dem Rechte des Ehemanns, grob zu
-sein, skrupellos Gebrauch machend.
-
-Die Kugel stand still.
-
-Mein Herz auch.
-
-Der Croupier scharrte geschickt und gelassen die Unglückshäufchen
-von Fünf- und Zehnfrankenstücken zu sich heran, denen die Kugel Pech
-gehopst hatte.
-
-Gleich wird _ihr_ Häufchen auch beim Teufel sein, dachte ich mir und
-verfluchte den weiblichen Leichtsinn.
-
-Da: ping, ping, ping, ping ließ er Goldstücke auf das Häufchen regnen;
-lauter Napoleondors; eine unglaubliche Menge.
-
-In diesem Momente bewies meine Frau wahre Seelengröße.
-
-Sie machte, ruhig, als sei es ihr ein gemeiner Anblick, Goldstücke
-dutzendweise um sich zu versammeln, ihren Pompadour auf, kramte darin
-herum, als suchte sie etwas, entnahm ihm ihr Taschentuch, wischte sich
-am Näschen, legte das Tuch hinein, placierte den geöffneten Silberbügel
-des Pompadours am Rande der Tafel und ließ mit unglaublich gut
-gespielter Gleichgültigkeit den Goldstrom hineinplätschern.
-
-Dies getan, stand sie nicht ohne Majestät auf und sagte zu mir: »Ich
-glaube, unsere letzte Trambahn muß gleich abgehn.«
-
-Es ist unglaublich, aber nichts als die reine Wahrheit: sie wollte sich
-mit ihrem Raube auf den Yankeedoodle zurückziehen.
-
-»Wir haben genug,« erklärte sie. »Ich weiß nicht wieviel ich gewonnen
-habe, aber: es ist genug. Wenn ich jetzt weiter spiele, verliere ich.«
-
-Ich hatte die dunkle Empfindung, daß sie recht hatte; daß sie wirklich
-die Stimme des Schicksals in sich vernahm: daß es also vernünftig war,
-was sie sagte. Und ich wollte sie schon am Ärmel nehmen und mit ihr
-fortgehen -- direkt zu dem himmlischen Hute drüben.
-
-Da ging ein Rauschen durch den Saal, ein Flüstern, das zu einem Surren
-von Stimmen wurde, und ein Rascheln von vielen, vielen seidenen
-Frauenkleidern.
-
-»~C'est Théodore!~« hörten wir rufen. »~Théodore! Théodore; Cinquanto
-mille! Soixante! Théodore!~«
-
-Wir sahen uns um und genossen den Anblick von gut drei Dutzend
-aufgeregter Damen verschiedenen Alters, aber gleichen Metiers, die,
-Eisenfeilspänen gleich, wenn der Magnet sie in seine Sphäre gezogen
-hat, allesamt auf einen Punkt zuschossen: in den Nebensaal zu einem
-anderen grünen Tische, wo ein unangenehm schöner junger Herr stand,
-durchaus und ausschließlich damit beschäftigt, Tausendfrankennoten in
-ein enormes Portefeuille zu stopfen.
-
-»Redner wird beglückwünscht,« sagte ich zu meiner Frau.
-
-»Glaubst du wirklich, daß er fünfzig-, sechzigtausend Lire gewonnen
-hat?« sagte sie.
-
-»Nach der Ovation zu urteilen, die ihm Fortunas Cousine, die
-eifersüchtige Venus, bringt, gewiß. Du kannst dich darauf verlassen,
-daß er diesen Tag nicht als Einsiedler beschließen wird,« sagte ich.
-
-»Diese Unanständigkeiten interessieren mich gar nicht,« sagte sie.
-
-»Ich finde es gar nicht unanständig, sechzigtausend Franken zu
-gewinnen, und bin jeden Augenblick zu der gleichen Unanständigkeit
-bereit,« sagte ich.
-
-»Ich auch,« sagte sie, und ging in den Nebensaal zu dem anderen grünen
-Tische.
-
-Sie hatte es sehr bald heraus, daß es dort in Einsatz, Gewinn und
-Verlust erheblich anders kleckte, als bei unserer zahmen Roulette.
-
-»Ich glaube,« sagte sie, »wir versuchen es einmal hier.«
-
-»Aber,« sagte ich, »ich denke, du hast kein Glück mehr?«
-
-»Dort!« sagte sie; »hier ist es etwas anderes. Wie du siehst, muß man
-hier mindestens zwanzig Lire setzen.«
-
-Ich sah ein, daß das in der Tat etwas ganz anderes war, und erhob
-keinen eheherrlichen Einspruch. Nur machte ich zur Bedingung, daß auch
-ich in Théodores Spuren wandeln durfte.
-
-»Doppelt genäht hält besser, weißt du ...«
-
-»Ja, wenn du nur eine Ahnung vom Nähen hättest.«
-
-»Ich? Bitte: Im ~Trente et quarante~ habe ich vor zehn Jahren einmal
-zweihundert Franken gewonnen.«
-
-»Und sie wieder verloren, weil du nicht zur rechten Zeit aufhörtest.«
-
-»Aber heute habe ich zwei große Beispiele vor mir: dich und Théodore.«
-
-»Wenn du mir versprichst, aufzuhören, sobald du fünftausend, -- nein:
-viertausend, -- nein: wenn du dreitausend Franken gewonnen hast ...«
-
-»Selbstredend.«
-
-Sie ließ mich einen Griff in den Pompadour tun, und ich begab mich mit
-einer Faust voller Goldstücke zur anderen Seite des Tisches.
-
-Ich war wirklich vom Glück begünstigt: eben, als ich erschien, stand
-eine dicke Dame auf und fluchte etwas Polnisches.
-
-Hast du verloren, mein Täubchen, dacht' ich mir, so ist die
-Wahrscheinlichkeit um so größer, daß ich auf diesem Platz gewinnen
-werde.
-
-Ach, -- ich bin immer ein schlechter Mathematiker gewesen: auch diese
-Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmte nicht.
-
-Andere Leute gewinnen wenigstens anfangs und verlieren das Gewonnene
-nur infolge ihrer Willensschwäche, weil sie nicht aufzuhören wissen und
-blind und blöde die Schwelle überschreiten, die aus dem Gewinnen ins
-Verlieren führt: ich aber verlor von Anfang an, unaufhörlich, immerzu,
-ohne Unterlaß und Unterbrechung.
-
-Da ich von Mal zu Mal die Einsätze verdoppelte, ging es sehr schnell;
-ich darf wohl sagen: rapid. Die Sache hatte nicht den mindesten
-psychologischen Witz. Es war eine ganz blödsinnige Wiederholung von
-Niederträchtigkeiten.
-
-Angeekelt von einem Schicksal, das keine Nuancen kennt, schob ich den
-Stuhl zurück, aufzustehen. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn
-nicht der Schatten eines Napoleondors war mehr in meinem Besitze.
-
-Ich hörte im zermarterten Geiste bereits die Reprimanden von Madame
-und trug Bedenken, mich der großen Gewinnerin zu nähern, als ich,
-aufstehend und mich umwendend, sie mir gegenübersah.
-
-Ich senkte den Blick.
-
-Als ich ihn erhob, sah ich, daß der ihrige noch nicht den Mut
-aufgebracht hatte, sich zu erheben.
-
-Ich wußte genug.
-
-»Hast du noch Geld zur Trambahn?« fragte ich.
-
-»Wir können sogar noch Abendbrot essen,« sagte sie, »und ein paar
-Ansichtspostkarten wegschicken.«
-
-»Es gibt welche mit Schmähungen auf Albert I., Honoré Charles, Fürsten
-von Monaco,« sagte ich.
-
-»Die nehmen wir,« sagte sie.
-
-
-
-
-Die Liaisons der schönen Sara.[2]
-
- [2] Anfangskapitel des »Prinzen Kuckuck«, unter diesem Titel als
- Erzählung für sich zuerst in der »Neuen Rundschau« erschienen.
-
- F. D.
-
-
-Es war um die Zeit der unumschränkten Herrschaft der Kaiserin Eugenie
-über die Modemagazine der alten und der neuen Welt, als Madame
-Sara Asher, die junge Witwe des alten Mister Leon Asher (Felle und
-Pelzwarenkonfektion, Neuyork) zum ersten Male seit ihrer Kindheit ihre
-kleinen Füße wieder auf europäischen Boden setzte.
-
-Europa war damals kleine, auf hohen Stöckeln balancierende Füße
-gewöhnt, und auch die hohen bis zur Mitte der Waden reichenden
-Juchtenstiefelchen mit goldenen Schnürenquasten, die Madame Sara
-trug und geschickt in ihrer ganzen Pracht zu zeigen keineswegs
-ermangelte, waren keine Sensation für den alten Erdteil, der damals
-auf üppige Eleganz gestimmt war und noch nicht den kategorischen
-Imperativ der bismarckschen Kürassierstiefel erfahren hatte. Selbst
-Madame Ashers lilafarbenes Krinolinkleid, diese prachtvolle Glocke
-mit dem prachtvolleren Schwengelpaar der beiden in weißseidenen
-Strümpfen steckenden Beine war nicht imstande, besonderen Eindruck
-auf einen Kontinent zu machen, der mit jedem neuerscheinenden Pariser
-Modejournale neue Glockenwunder erlebte und neben einer Kaiserin der
-Mode ein paar hundert Modeköniginnen besaß, deren jede den raffinierten
-Sinn dieser Verheimlichung der weiblichen Beine wohl begriffen hatte.
-Trotzdem drehte sich schon auf dem Jungfernstieg zu Hamburg mancher
-elegante Kommerz interessiert nach der schönen Jüdin um, und wer sich
-des damals noch seltenen Vorzugs rühmen durfte, mit einem Monokel
-begabt zu sein (dessen rand- und bandlose Vollkommenheit freilich noch
-nicht erreicht war), ließ hinter dessen Fensterglase Blicke blitzen,
-die rückhaltlose Anerkennung sowohl wie den Wunsch verrieten, dieser
-nach jeder Richtung hin wohlgebauten Dame einmal an einem Orte zu
-begegnen, wo sich Beziehungen leicht und mühelos anknüpfen lassen.
-
-Noch größer aber war ihr Erfolg in Leipzig, wohin sie sich auf mehrere
-Wochen begeben mußte, weil mit der Verwandtschaft des seligen Leon noch
-einige Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen waren. Der Brühl, wo diese
-Verwandtschaft in einer zwar nicht wohlriechenden, dafür aber um so
-lukrativeren Sphäre von »Rauchwaren« hauste, geriet in beträchtliche
-Aufregung, und es gab wahrhaftig mehr als einen unbeweibten
-Rauchwarenhändler, der stürmisch bereit war, der schönen und reichen
-Sara nicht bloß seine kostbarsten Eisbärenfelle, sondern auch sein
-liebefühlendes Herz nebst allen Geschäftsbüchern zu Füßen zu legen.
-
-Indessen, Madame Sara hatte offenbar wenig Sinn für die
-hingebungsvollen Gefühle verwandter und befreundeter Firmen. Sie
-war keineswegs in der Absicht nach Leipzig gereist, weiterhin auf
-ehelicher Grundlage in Pelz und Pelzkonfektion zu machen. Sie hatte an
-ihrem einen Rauch- und Pelzwarenhändler schon völlig genug gehabt und
-war im Grunde froh, daß ihre Ehefirma durch den Tod gelöscht worden
-war. Denn der alte dürre Leon, diese zweibeinige Rechenmaschine, der
-man sie in sehr jungen Jahren beigegeben hatte, war ganz und gar nicht
-ihr Geschmack gewesen. Für seine löblichen Qualitäten als Kaufmann
-und Familienvater hatte sie kein Organ besessen, aber ein um so
-schärferes Auge für das, was ihm als Menschen im allgemeinen und als
-Mann im besonderen an den Eigenschaften fehlte, für die es ihr an Organ
-keineswegs gebrach.
-
-Mochte er ein Charakter gewesen sein: _sie_ war vor allem ein
-Temperament. Er war einer der aus dem Osten Europas gekommenen Juden
-gewesen, von denen sie zu sagen pflegte, selbst ihr Schatten färbe noch
-ab, und der Geist des Ghettos stöhne in ihren schönsten Reden (und
-das und nichts anderes sei das Mauscheln), während sie die Tochter
-eines sehr westlichen, nämlich spanischen Juden war (eines jüdischen
-Granden, wie sie sagte) und einer Kreolin. Freilich war auch der Vater
-dieser Kreolin bestimmt ein Jude gewesen, und das indianische Blut
-in ihrer Herkunft mütterlicherseits begegnete in der Verwandtschaft
-auf dem Brühl unverhohlenem Zweifel, aber es lag ihr auch ganz fern,
-ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme zu leugnen. Sie war vielmehr
-stolz darauf und sprach es bei jeder Gelegenheit recht hochmütig
-aus, daß sie sich als Aristokratin fühle, eben weil sie Jüdin sei,
-und noch dazu spanische Jüdin. Es war das, wie ihre Schönheit, ihr
-Geist und ihr Temperament, ein Erbteil ihres Vaters, der zwei
-Haupteigenschaften besessen hatte: Stolz und Phantasie. Aus einem
-reichen Hause stammend, hatte er sich, von der Lust nach Unabhängigkeit
-und Abenteuern getrieben, von seiner orthodoxen und streng in sich
-abgeschlossenen Familie gelöst und war in die Welt hinausgezogen.
-Lange hatte er in Italien gelebt, mit der inbrünstigen Andacht eines
-Psalmoden die früheste, halb byzantinische Kunst verehrend und immer
-den stolzen Plan hegend, der Verkündiger dieser Kunst zu sein. Dann
-hatte ihn die deutsche Kunstgelehrsamkeit, wenn nicht abgekühlt, so
-ernüchtert, und er war in das Getriebe der revolutionären Bewegung,
-gleichzeitig aber in den Aufruhr der Liebe zu seiner »Kreolin«
-geraten, die er als Tänzerin in Dresden kennen gelernt hatte. So kam
-es, daß die »spanische Sara« (wie man sie nicht ohne Respekt auf
-dem Brühl nannte) zu ihrem Leidwesen in Deutschland geboren worden
-war. Indessen konnte sie keine Erinnerung daran haben, da ihr Vater
-schon vor dem tollen Jahre Deutschland verlassen und mit Frankreich
-vertauscht hatte. Aber auch dieses Land genügte seinem revolutionären
-Sinne nicht, und er wanderte mit Weib und Kind nach Amerika aus, wo es
-ihm indessen erst recht nicht gelang, zur Harmonie zu kommen. Immer
-die größten Pläne, bald wissenschaftlicher, bald poetischer, bald
-politischer Natur wälzend und sich aus einem Lager der Meinungen immer
-wieder in ein anderes begebend, immer wieder abgestoßen durch das,
-was er Philistertum nannte, und überall abstoßend durch seinen Stolz
-und sein Weiterhinausbegehren, endete er als vollkommener Einsiedler
-der Gedanken, als geborener ~précurseur~, wie er sich selbst nannte.
-Seine Frau war ihm weggestorben, als Sara noch nicht zehn Jahre
-alt war. Diese war nun sein einziger Umgang, und in ihrer Erziehung
-ging er völlig auf. Er brachte ihr, einem höchst aufgeweckten Kinde,
-früher, als ihr gut sein konnte, nicht nur seine reichen Kenntnisse
-in Sprachen, Kunst und Literaturgeschichte, sondern auch seine ganze
-Weltauffassung bei, die schließlich immer mehr Nihilismus geworden war.
-Eine rasche Krankheit raffte ihn weg, kurz bevor sie das fünfzehnte
-Jahr erreicht hatte. Da er ihr fast nichts hinterließ, mußte sie
-es als ein großes Glück betrachten, daß der alte reiche Leon Asher
-sich ihrer annahm. Das Wohlleben in seinem Hause gefiel ihr, und so
-sagte sie nicht nein, als der Fünfzigjährige die Sechzehnjährige zur
-Frau begehrte. Sie gebar ihm in drei Ehejahren zwei Söhne. Als er
-starb, hatte sie das Gefühl: jetzt beginne ich zu leben. Kaum, daß
-das Trauerjahr vorüber war, übergab sie ihre zwei Kinder, zu denen
-sie auch nicht die geringste mütterliche Zuneigung empfand, einer
-Schwester des Verstorbenen und unternahm die Reise nach Europa, zwar
-unter dem Vorwande, nur Erbschaftsangelegenheiten betreiben zu wollen,
-aber mit der bestimmten Absicht, in Europa zu bleiben und dort ihr
-Leben in aller Freiheit einer reichen jungen Witwe zu genießen. Die
-aufs Geistige gewandten revolutionären Lehren ihres Vaters hatten bei
-ihr eine sehr deutliche Wendung aufs Sinnliche genommen, doch besaß
-sie einen gewissen sehr günstigen Dämpfer in ihrer wohlfundierten
-ästhetischen Bildung.
-
-Aber der Brühl zu Leipzig konnte freilich keine Landschaft nach ihrem
-Sinne sein. Sie nahm nur schnell ein kleines Verhältnis mit einem
-hübschen, aber allzuwenig interessanten Korpsstudenten mit; dann
-reiste sie nach Dresden. Der Galerie wegen, meinte sie, doch dachte sie
-wohl auch an anderes.
-
-Ihr Vater, kein Freund des deutschen Wesens, hatte ihr von Dresden
-berichtet als der einzigen deutschen Stadt mit galanter Kultur. Er
-hatte dies freilich nicht ganz in dem Sinne gemeint, in dem es sich
-bei ihr festgesetzt hatte. Aber es war in diesem Falle gewesen, wie
-auch sonst: sie hatte, indem sie eine allgemein gefaßte Meinung ihres
-Vaters in ihre Auffassungssphäre übernahm, sie zwar allzu wörtlich
-aus dem Allgemeinen einer männlichen Erfahrung in das Besondere ihrer
-weiblichen Gefühls- und Anschauungswelt übersetzt, aber im wesentlichen
-deckten sich Original und Übersetzung doch.
-
-Der Vater Saras hatte Dresden mit den Augen des Kunstgelehrten und
-Kunsthistorikers angesehen. Er war italienischen und französischen
-Einflüssen in der Kunst und Kultur der sächsischen Residenzstadt
-nachgegangen und dabei auch italienischem und französischem Blute
-begegnet. Dies mußte ihn, den unter Romanen geborenen, wie etwas
-Heimatliches berühren. Und seine Phantasie half nach. In jedem
-schwarzen oder braunen Auge einer Dresdnerin erblickte er ein
-lebendiges Denkmal längst verwehter Schäferstunden französischer
-Soldaten und italienischer Künstler, wenn es auch vielleicht in
-Wahrheit slawisches Braun und Schwarz war. Und dann kam hinzu, daß
-er seine eigene Liebe in dieser Stadt erlebt hatte. Hier hatte das
-Wochenbett seiner Frau, hier die Wiege Saras gestanden; und beide
-Betten, das große und das kleine, hatte er mit alten Meißner Figürchen
-umgeben, kleinen Kunstwerken, auf die das Wort einer galanten Kultur
-wirklich zutraf. Alles dies lebte in Sara nach, unbewußt, halb bewußt,
-ganz bewußt.
-
-Als sie der hübsche, aber leider von Korpsinteressen völlig absorbierte
-Kurt von Kantern, die stahlblaue Lausitzer-Mütze tief, wie es damals
-Mode war, in die Stirn gezogen, einmal gefragt hatte: »Aber warum denn
-gerade nach Dresden, Madame? Auf Ehre -- Dresden ist ein langstieliges
-Kaffeedorf!« hatte sie geantwortet: »Für Korpsstudenten -- mag sein.
-Korpsstudenten interessieren sich nicht für Meißner Porzellan.
-Korpsstudenten sind tapfere Ritter, aber keine Kavaliere im Sinne der
-galanten Zeit. Sie müssen zu viel Bier trinken und zu oft pauken. Das
-ist gewiß reizend -- für Korpsstudenten. Ich aber habe schon genug
-von steilen Terzen und Hakenquarten. Ich möchte nicht gerne Anlaß
-zur Eifersucht haben, und am wenigsten Anlaß zur Eifersucht auf die
-Kneipe. Ich möchte mich in Jünglinge verlieben, die auf der ganzen Welt
-nichts kennen und wollen als mich, oder in Männer, die sich in meiner
-Gesellschaft von großen Dingen ausruhen.«
-
-Davon begriff der hübsche Lausitzer-Senior nicht gar viel; die schöne
-Sara aber hatte damit immerhin etwas von der Oberfläche ihrer Instinkte
-verraten.
-
- * * * * *
-
-In Dresden logierte sie sich nahe dem Zwinger in einem höchst soliden
-und von der besten Gesellschaft frequentierten Hotel ein, wo sie schon
-bei der Ankunft nicht geringen Eindruck machte; einmal durch die
-große Anzahl der von ihr mitgeführten sehr umfangreichen und schweren
-Lederkoffer und dann durch ihre Jungfer, eine äußerst häßliche und, wie
-es schien, taube Negerin, die von ihr Lala genannt wurde und ihrer
-Herrin sklavisch anhänglich war.
-
-Dieses Verhältnis führte sich in erster Linie darauf zurück, daß Lala
-mit ihrer Herrin zusammen aufgewachsen war, am Äußeren der Erziehung
-mit anteilnehmend, so daß sie gleich dieser Deutsch, Englisch,
-Französisch und Italienisch verstand, aber vom Vater Saras doch immer
-auf dem Stand einer durchaus willenlosen und sklavisch abhängigen
-Dienerin niedergehalten. Sie hatte nie einen Pfennig Lohn erhalten und
-nie daran gedacht, dergleichen als etwas ihr Zukommendes zu betrachten.
-»Du bist Saras dunkle Schwester,« hatte ihr der Alte gesagt, »und
-gehörst zu ihr, wie ihr Schatten. Und wie ihr Schatten sollst du sein:
-stumm, taub -- für die anderen. Aber Sara wird keine Geheimnisse vor
-ihrer dunklen Schwester haben, und Saras Schatten wird Saras Schicksal
-teilen. Sara wird für ihn denken und Sara wird für ihn sorgen. So ist
-es die Bestimmung und so das Glück der dunklen Schwester.« Der Alte
-hatte wohl gewußt, warum er in Bildern zu der kleinen, verprügelt und
-halb verhungert in sein Haus gekommenen Negerin gesprochen hatte. Ihre
-wie aus einer Schicht braunen Öls stumpf leuchtenden schwarzen Augen
-hatten ihm die unklar träumende Seele dieses Wesens offenbart, das
-treu wie ein Hund und zu allem Guten und Bösen abzurichten war. Der
-Alte sorgte dafür, daß nichts in ihr helle wurde, als das Gefühl für
-die Erhabenheit Saras über ihr. Und dieses Gefühl wurde immer mehr zu
-einer demütigen Anbetung, je reifer die Schönheit Saras wurde. Wie Sara
-selbst, ohne Religion aufgewachsen, hatte sie, aus einem mystischen
-Bedürfnisse ihres dunklen Wesens heraus, Sara zu einem Idol nach
-der Art derer gemacht, die ihre schwarzen Vorfahren angebetet haben
-mochten. Das war keine gute Göttin, kein lieber Gott, das war nur eben
-das höhere Wesen, die Macht, die Lenkung. Und es war die Schönheit, die
-Helle.
-
-Lala wurde zur Dichterin, wenn sie ihre Gefühle für Sara aussprach.
-
-Wie Sara zum Führen eines Tagebuches angehalten worden war, so auch
-sie, aber sie schrieb nur Dinge hinein, die Sara betrafen, und jede
-Seite begann mit der Überschrift: »Heute sprach die helle Schwester
-dies.« Dann folgte etwa: »Hole das grüne Kleid, Lala. Tat es die dunkle
-Schwester. Sprach später die helle Schwester: Ich liebe noch immer den
-jungen Mann. Bring ihm den Brief. Tat es die dunkle Schwester. Und der
-junge Mann lächelte, denn die helle Schwester liebt ihn. Und kam zur
-Nacht nicht heim. Sanft sei ihr Glück wie der Mond, und heiß wie die
-Sonne. Die dunkle Schwester kennt die Liebe nicht, aber sie hat alles
-mit von der hellen Schwester. Und es ist gut für sie. Alles ist gut, so
-dunkel und gut.«
-
-In diesem seltsamen Tagebuche bediente sich Lala derselben
-Geheimschrift, die sie mit Sara von Saras Vater erlernt hatte. Doch
-hatte sie sich noch einige Sigel dazu erfunden. So für die Worte:
-»Heute sprach die helle Schwester« einen Kreis, durch den ein Pfeil
-wagrecht ging und für die Worte: »Tat es die dunkle Schwester« einen
-Halbmond, durch den ein Pfeil senkrecht ging.
-
-Ihre Taubheit war Verstellung zu dem Zwecke, die Äußerungen fremder
-Leute über ihre Herrin vernehmen zu können, ohne daß diese sich
-dessen versahen. So hatte sie schon während der Ehe Saras der hellen
-Schwester wertvolle Spionendienste unter der Verwandtschaft des
-ahnungslosen Mister Leon Asher geleistet. Sara selbst pflegte ihre
-Dienerin auch ihren nächsten Bekannten und Vertrauten gegenüber als
-harmlose Idiotin hinzustellen, was um so weniger auf Mißtrauen stieß,
-als die primitiven Umgangsformen zwischen Herrin und Dienerin, wie das
-gegenseitig angewandte Du, ohnehin den Eindruck machten, als seien sie
-auf kindliche Zurückgebliebenheit des Verstandes der seltsamen braunen
-»Jungfer« zurückzuführen.
-
- * * * * *
-
-Nachdem Madame Sara in den besten Geschäften der Pragerstraße nach
-den besten Pariser Modellen ihre zwar ohnehin reiche, aber doch noch
-nicht ganz auf der Höhe des europäischen Geschmackes befindliche
-Garderobe ergänzt hatte und es nun an türkischen Schals, spanischen
-Mantillen, kleinen koketten Federhütchen, knisternden Reifröcken
-und durchbrochenen Halbhandschuhen mit den elegantesten Dresdener
-Madams mehr als aufnehmen konnte, fand sie es für angezeigt, ihre
-Antrittsvisite bei der berühmtesten, ob auch ganz altmodisch
-gekleideten Dresdnerin zu machen, deren erlauchte italienische Herkunft
-zweifellos ist: bei der Sixtinischen Madonna.
-
-Gleich den meisten anderen Fremden durchschritt auch sie (doch war es
-mehr ein Durchwogen) alle übrigen Säle der Galerie, ohne den an ihren
-Wänden prangenden Kostbarkeiten mehr als einen vorüberstreifenden Blick
-zu gönnen, mit dem Ausdruck der von Sehnsucht beflügelten Wisserin der
-höchsten Gnade, bis sie zu dem gebenedeiten Raume gelangte, wo die
-himmlischen Augen der Mutter und des Kindes leuchten, vor denen Papst
-und Heilige knien.
-
-Die schöne Jüdin, froh, dort niemand zu treffen, ließ sich mit einem
-knisternden Aufbauschen ihres dunkelgrün seidenen Reifrockes in
-einem Fauteuil dem Bilde gegenüber nieder, erhob ihren schönen, mit
-vollgerundeten, schwermütig schwankenden Schmachtlocken frisierten Kopf
-zu dem Gemälde und führte das goldene Lorgnon an die dunklen und durch
-unterlegtes Beinschwarz noch mehr gehobenen Augen.
-
-Ein wunderlicher Gegensatz, wie von Gavarni mit verruchter
-Raffiniertheit erfunden, diese beiden Frauenbilder einander
-~vis-à-vis~: das lebendige, als ob es ein zwar amüsantes, aber freches
-Gespenst des Lebens wäre, und das aus der Kunst geborene, das fast
-noch mehr wie Leben strahlte: als Lebensleuchten selber aus tiefster,
-innigster Einfalt.
-
-Madame Sara empfand selbst so etwas und zog ein Spiegelchen aus ihrem
-perlengestickten Ridikül, sich darin zu betrachten.
-
-Warum schminken wir uns eigentlich so absurd, dachte sie für sich.
-Warum diese Masse Rot auf so viel Creme-Weiß. -- Nun ja, wir sind keine
-Göttinnen ... Und doch ... es wird einem wunderlich zumute.
-
-Und sie sah wieder die Madonna an.
-
-Und dachte weiter: -- Wer hat mehr Ursache, stolz zu sein, als wir
-Jüdinnen? -- Die schönste Römerin war dem größten Künstler Italiens
-gerade gut genug, eine Jüdin darzustellen ... -- Religion?
-
-Sie lächelte.
-
-Wer hier die Liebe nicht sieht, hat keine Augen. -- Freilich: der
-Papst, die Heiligen, die Engel ... ~Enfin!~ Künstler können sich was
-herausnehmen ... Künstler! Ah! ... Zweierlei gibt's: Künstler und
-Helden -- oder, ohne Romantik gesprochen, Soldaten -- d. h. Offiziere.
-
-In diesem Augenblicke wurden ihre Gedanken durch das bestimmte Gefühl
-unterbrochen, daß hinter ihr ein Mann stehen müsse. Eine kleine Wendung
-ihres Kopfes, ein Blick nach hinten, ~colla coda dell' occhio~,
-genügte, ihr zu zeigen, daß ihr Gefühl sich nicht getäuscht hatte.
-
-Eine Weile später würde sie ihn auch mit der Nase haben wahrnehmen
-können, denn der Herr, der jetzt schräg hinter Madame stand und
-keinen Blick von ihr wandte, wie wenn er nicht der Sixtinerin wegen
-gekommen wäre, sondern wegen der Amerikanerin, dieser Herr, ein
-straff aufrechter Vierziger mit blonden Koteletten in der Mode der
-Zeit, einem rosigen Teint, sehr hellbraunen Augen und einem Anzuge,
-dessen sich der Empereur in Paris nicht hätte zu schämen brauchen,
-liebte offenbar die starken Gerüche. Damals war unter den vornehmen
-Mitgliedern der Herrenwelt ein Parfüm bevorzugt, das heute zu den
-Lehrlingen im Kellnergewerbe herabgesunken ist: Jockey-Klub. Doch
-war dieses Odeur damals noch nicht so degeneriert wie heute, wo es
-aus den zusammengegossenen Neigen anderer Extrakte hergestellt zu
-werden scheint. Es war vielmehr in der Blüte seiner Kraft und duftete
-restlos die große Seele dessen aus, der seine Erfindung inspiriert
-hatte: des Prinzen von Wales, dem bei seiner Inspiration nichts
-Geringeres vorgeschwebt hatte, als eine Erhebung des Stallgeruchs zum
-Odeur, -- Rennpferd-Stallgeruchs, versteht sich. Frisches Heu und
-Juchtenleder als Dominante. Ein wirkliches ~Odeur de chevalier~, viel
-sagend und viel versprechend für geistreiche Nasen von Damen mit
-Temperamentsphantasie.
-
-Der schönen Sara, die allzulange Ledergerüche hatte erdulden müssen,
-die nicht raffiniert und nicht nobilisiert waren, fehlte es an
-dieser Phantasie keineswegs, und so kam es, daß ihre Geruchsnerven
-in der bestimmten Ahnung vibrierten, der Herr hinter ihr könne eine
-Bedeutung für sie haben. Und so ließ sie mit scheinbarer Nachlässigkeit
-ihr winziges Spitzentaschentuch fallen, dessen Parfüm etwa als
-Komplementär-Geruch zu jenem ~Odeur de chevalier~ hätte bezeichnet
-werden dürfen. Sofort machte der Herr mit den Koteletten ein paar
-schnelle federnde Schritte nach vorn, bückte sich zu dem winzigen
-weißen Häufchen aus Seide, Spitzen und Duft nieder, ergriff das zarte
-Gewebe und überreichte es Madame mit einer Verbeugung, die zugleich
-ritterlich und galant, die beste Welt verriet.
-
-Ah, machte Sara mit vollendet gespielter Überraschung, das heißt
-mit einem Tone der Überraschung, dem man es anhören konnte, daß die
-Überraschung gespielt war. Der Herr mit den hellbraunen Augen verstand
-sich auf Tonnuancen aus Frauenmunde und wußte auch die richtigen
-Folgerungen daraus zu ziehen und sich den Folgerungen entsprechend
-mit Delikatesse zu benehmen. Aber hier hätte es der Erfahrung und
-Sicherheit eines Meisters in der Kunst der Anknüpfung mit Damen nicht
-einmal bedurft, denn angesichts ganz großer Gegenstände der Kunst
-oder Natur ist es selbst für Anfänger leicht, den Faden zu einem
-Gespräch anzuspinnen und fest zu drehen. Was so hoch über der gemeinen
-Konvenienz steht, wie die Sixtinische Madonna, verleiht mit der Macht
-von Souveränen auch das Recht, sich in seiner Gegenwart zeitweilig über
-konventionelle Schranken wegzusetzen.
-
-So waren Weltdame und Weltmann bald in einem angenehm bewegten
-Gespräch, das bei Raffael begonnen hatte, über die Kunst im allgemeinen
-anmutig weggeschaukelt war und sich schließlich behaglich über Fragen
-des gesellschaftlichen Lebens in Dresden ausbreitete.
-
-Der Umstand, daß auch der Herr als Fremder in Dresden weilte, ergab
-eine willkommene Erleichterung der gegenseitigen Aussprache. Eine
-Reisebekanntschaft, sogleich als Reisebekanntschaft determiniert, wird
-von Leuten von Welt, die sonst zumeist gezwungen sind, sich in festen
-Zirkeln zu bewegen, immer als eine angenehme Bescherung des Zufalls
-gerne begrüßt. Man lernt sich schnell kennen, kommt einander, wenn
-Sympathie im Spiele ist, sehr schnell nahe, bleibt aber doch immer
-Passagier, und es genügt, eines Tages zu sagen: Morgen mit dem Frühzuge
-reise ich weg. Nicht einmal das Stammbuchblatt früherer Zeiten ist
-auszufüllen:
-
- Fällt Dein Blick auf diese Seite,
- Wenn Du jene umgewandt,
- Denk an mich mit Gunst und sage:
- Diesen hab ich auch gekannt.
-
-Fürst Wladimir Golkow, russischer Kavallerie-General außer Dienst,
-Kommandeur des Sankt-Georgsordens für besondere Bravour im Krimkriege,
-besaß viel Neigung zu derlei Bekanntschaften, zumal wenn es sich um
-schöne Partnerinnen handelte, und er lebte recht eigentlich solcher
-Reisebekanntschaften wegen immer auf Reisen. Doch war Dresden, das zu
-jener Zeit von Russen überhaupt bevorzugt wurde, der Ort, zu dem er
-von Zeit zu Zeit immer wieder zurückkehrte. Daher er hier eine feste
-Wohnung unterhielt, eine kleine Villa in einem großen Garten der
-Neustadt.
-
-Heute knattert auch durch dieses damals noch ganz ländlich stille
-Viertel der elektrische Trambahnwagen; die großen Gärten sind
-parzelliert, und in jedem der neuen kleinen Gärten steht, die
-dumm-moderne Front zur Straße gewendet, ein kleiner Steinkäfig mit
-Stuckornamenten, in dem ein Dresdner Partikulier wohnt, dem es gerade
-recht ist, daß er seinem Nachbar in die Fenster gucken und riechen
-kann, was der Herr Rechnungsrat nebenan heute zu Mittage hat. Damals
-aber war das eine vornehme Gegend. Wenige, aber große, mit alten Bäumen
-bestandene Gärten, und tief im Grün des Gartens, von der Straße kaum
-sichtbar, ein altes Herrenhaus mit französischem Doppeldach, ohne
-viel Schmuck, und ganz gewiß ohne angeklebten Schmuck, aber von guten
-architektonischen Verhältnissen, behaglich geschmackvoll.
-
-Ein solches Haus in solchem Garten hatte sich »der Russe«, wie er in
-der Gegend kurz genannt wurde, erworben und ganz nach seinem Sinne mit
-Möbeln aus der Zeit des ersten Kaiserreichs ausgestattet, die damals
-bloß als altmodisch, aber noch nicht für »antik« galten. Sie sagten ihm
-in ihrer strengen und etwas steifen Pracht viel mehr zu, als die mit
-Rokoko-Verzierungen recht oberflächlich spielenden Möbel des zweiten
-Kaiserreichs, die ihm den Eindruck von Unsolidität und Weichlichkeit
-machten. Er aber liebte die gerade Linie, sparsamen, zurückhaltenden
-Schmuck aus echtem Material und eine gewisse Massigkeit. Das grazilere
-»Damen-Empire«, die feinbeinigen Tischchen und wie aus Gitterwerk
-zierlich konstruierten Sofachen fand man bei ihm nicht, wohl aber
-gewaltige, wenn auch durch die Kunst der Verhältnisse nicht plump
-erscheinenden Tische und wahrhaft überlebensgroße Prachtkanapees.
-Die östliche Herkunft und den früheren Beruf des Besitzers verrieten
-kostbare persische Teppiche, turkestanische Vorhangstoffe und wertvolle
-Waffen der verschiedensten Art: Säbel, Degen, Pistolen, Gewehre, die,
-weit zahlreicher als Bilder, an den Wänden hingen. Doch fehlte es auch
-an Bildern nicht völlig, und diese ließen gleichfalls gewisse Schlüsse
-auf die Neigungen ihres Besitzers zu. Da waren bunte, edelsteinbeladene
-russische Heiligenbilder, byzantinische Madonnen neben tibetanischen
-Malereien auf Seide, die schauderhafte Götzen, überladen mit Attributen
-der Grausamkeit und Wollust, darstellten, aber es gebrach auch nicht
-an allerhand nackten Damen antikmythologischer und ganz und gar
-moderner Herkunft. Diese letzteren aber waren nicht so sehr durch
-klassische Schönheit wie durch Fülle ausgezeichnet. Auch plastische
-Kunstwerke waren vorhanden, doch gewahrte man weniger echte Bronzen,
-als Erzeugnisse des berühmten russischen Phosphor-Eisenwerkes bei
-Jekaterinburg, die nichts so gerne darstellen, wie reitende Kosaken.
-
-Auch von diesen Dingen war bereits in Gegenwart der Sixtinischen
-Madonna die Rede, und es war nicht bloß höfliche Vorheuchelung, wenn
-Madame Sara erklärte, daß alles Russische sie besonders interessiere.
-
-»Rußland, verzeihen Sie, Fürst, hat für uns Amerikaner den Reiz
-kostbarer Barbarei. Gilt uns Europa als die alte, schon etwas
-lahmgewordene Kultur, so Rußland als der große Rachen, der diese Kultur
-einmal verschlingen und, wenn er imstande ist, sie zu verdauen, aus
-ihr ein neues Gebilde von halb asiatischem Charakter erstehen lassen
-wird.«
-
-»Ich verstehe, Madame. Wir Russen sind für Sie die Europäer ~à la
-tartare~. Ein bißchen Politur über dicker Roheit. Nun ja, gottlob,
-es ist etwas Wahres daran. Unsere Kraft liegt in Asien, im Urgebiet
-des Menschen, das schon mehr Kulturen sterben sah, als je in Europa
-entstanden sind. Dort ist viel verfault und daher, dank der Düngung
-durch Jahrtausende der beste Humus für eine neue, für unsere Kultur.
--- Was Sie in Amerika verflucht schnell und, entschuldigen Sie, etwas
-oberflächlich gemacht haben, machen wir verflucht langsam, daher
-aber um so gründlicher. Sie haben auf ein neues Land den äußerst
-schnell alt gewordenen europäischen Liberalismus gepfropft, aber
-dieses Wunderkind wird wie alle Wunderkinder früher sterben, als es
-Nachkommen hervorbringen konnte. Wir aber gehen auf das echte Urwesen
-des Menschen zurück, das sich, wenn Sie wollen, barbarisch geworden,
-im Osten erhalten hat und zu alt ist, als daß es die Kinderei des
-Liberalismus hätte mitmachen können. Panslavismus heißt Asiatismus,
-heißt Mystizismus. Revanche für Marathon und Salamis ist das letzte
-Ziel der russischen Politik.«
-
-»Oh! Oh! Sie springen weit und überspringen viel, Fürst!«
-
-»Das kommt, weil wir Russen an große Ausdehnungen gewöhnt sind.«
-
-»Wie wir Amerikaner.«
-
-»Aber Sie springen an der Longe Europas in der Manege des Liberalismus.
-Zirkuskünste! Bei uns aber ist Freiheit und Größe! Nur bei uns!«
-
-»Freiheit? Existiert das Wort im Russischen?«
-
-»Nicht im Sinne der kümmerlichen ~Liberté~, aus der die ruchlos
-idiotische ~Égalité~ hervorgegangen ist, aber im großen Ursinne der
-Brüderlichkeit eines ganzen Volkes, das sich als Familie fühlt und mit
-tiefem Instinkte den fürchterlichen Unsinn des Individualismus erkannt
-hat, den wir den griechischen Windbeuteln und den einzigen entarteten
-Orientalen verdanken: den Juden.«
-
-Bei diesem Worte fühlte die kluge Sara, der dieses Gespräch ein seltsam
-aus Ärger und Respekt gemischtes Vergnügen bereitet hatte, daß jetzt
-der Moment gekommen war, wo es sich entscheiden mußte, ob sich mehr und
-Besseres aus ihm entwickeln sollte, als Gespräche.
-
-Und sie sagte mit einem Lächeln, das schlechterdings bezaubernd war in
-seiner Mischung aus ein bißchen Demut mit viel Stolz: »Sehen Sie mir es
-nicht an, daß ich Jüdin bin, Fürst?«
-
-Auch der Kommandeur des Sankt-Georgsordens empfand sehr schnell die
-Bedeutung dieses Momentes. Er, der in der Tat längst und keineswegs
-mit Mißfallen die jüdische Herkunft seiner schönen Partnerin bemerkt
-hatte, ergriff ihre linke Hand und zog sie an die Lippen, indem er
-sprach: »Ich verstehe mich auf Frauenschönheit, Madame, und ich müßte
-nicht tatarisches Blut in mir haben, wenn ich sie nicht zu schätzen
-und -- abzuschätzen wüßte. Meine Liebe für den Orient ist nicht bloß
-platonisch-politischer Natur. Mag ich auch die Juden für entartete
-Orientalen mit dem denkbar schlechtesten Einfluß auf die menschliche
-Kultur halten -- die Jüdinnen sind mir immer besonders verehrungswürdig
-erschienen, und ich möchte mich ihrem Einflusse keineswegs entziehen,
--- zumal, wenn er über ein Lächeln verfügt, wie Sie.«
-
-Madame Sara hörte den Unterton von paschahafter Überlegenheit aus
-diesen Worten wohl heraus, aber er mißfiel ihr durchaus nicht. Im
-Gegenteil: Sie ahnte aus ihm etwas, das sie innerlich höchst angenehm
-aufschauern ließ.
-
-Und sie wiederholte ihr Lächeln, indem sie die Demut darin zur Balance
-mit dem Stolze steigerte. Und sagte: »Auch die Ironie in Ihren Worten
-entzückt mich, Fürst, -- nicht bloß die Schmeichelei. Sie haben eine
-mir sehr zusagende Manier der galanten Huldigung, und ich würde es
-vielleicht auf einen Versuch ankommen lassen wollen, zu erfahren, ob
-Sie jetzt bloß -- höflich gewesen sind.«
-
-Der Versuch wurde gemacht, wurde wiederholt, und es war bald kein
-Zweifel mehr daran erlaubt, daß Fürst Golkow eine mehr als platonische
-Neigung für schöne Jüdinnen hatte.
-
-Schon nach wenigen Wochen war Madame Sara im ~buen retiro~ des Fürsten
-wie zu Hause, und sie lernte den Zusammenhang begreifen, der zwischen
-den byzantinischen Madonnen, den tibetanischen Verzückungsgreueln und
-den Kosaken aus russischem Weicheisen bestand. -- --
-
-Wie ihr das neu war nach ihren Erfahrungen mit dem seligen Asher und
-dem Intermezzo mit dem hübschen Leipziger Korpsburschen!
-
-Sie lernte mit großem Interesse das erotische Gruseln kennen und
-entbrannte in heftigster Leidenschaft zu ihrem Tataren, wie sie nun den
-Fürsten gerne nannte. Indessen: den Kopf verlor sie dabei doch nicht.
-Wie gerne sie auch ihrem erotischen Mystagogen auf den dämmerigen
-Wegen in das mystische Paradies folgte, und wie gelehrig sie sich auch
-aus angeborenem Talente benahm, -- sie verfiel ihm nicht so ganz, wie
-es den Anschein hatte, und wie er es nach dem Anschein gerne glaubte.
-Sie exaltierte sich nicht aus Berechnung; das hatte ihr Temperament
-nicht nötig. Sie spielte auch nicht aus Berechnung die Liebessklavin;
-diese Rolle war ihr im gegebenen Momente Natur. Aber beides, die
-Exaltation und die demütige Unterwerfung unter den Herrn der Liebe,
-nahm sie nicht dauernd ein; -- sie blieb über der Sache, die für sie
-nicht Liebe, sondern Sensation war, aber sie wußte sich klüglich den
-Anschein zu geben, als sei sie nicht bloß in seinen Armen sein.
-
-Auch beim Fürsten war es nicht Liebe im wahren mystischen Sinne des
-Wortes, nicht die ganze innere Verknüpfung seines Wesens mit dem
-ihren. Er entzückte sich an ihr zu Schwelgereien seiner wunderlich
-verstiegenen und alle Abgründe aufsuchenden Erotik. Er genoß in ihr --
-Asien und meinte in ihr -- das Judentum zu unterwerfen. Aber es ging
-ihm wie manchen großen Herrn, die, gerade wenn sie am unumschränktesten
-zu herrschen glauben, um ihr eigentliches Herrschertum betrogen werden.
-Die schöne Jüdin wurde ihm zum Bedürfnis, und sie zwang ihm leise eine
-Monogamie auf, die ganz und gar nicht in seinem Wesen lag.
-
-Ein solcher Zustand aus wirklicher Liebe ist Glück. Beim Fürsten
-war es eine Folge von Rauschzuständen, denen es am Intermezzo des
-Katzenjammers nicht fehlte. Trotzdem dachten beide nicht daran, die so
-intim gewordene Reisebekanntschaft durch eine Abreise zu lösen.
-
-Madame Sara fühlte sich in Dresden durchaus und in jeder Richtung
-wohl. Sie war durch den Fürsten, soweit er selbst gesellschaftliche
-Beziehungen pflegte, in die Gesellschaft gekommen, -- nicht so sehr in
-die der ansässigen Kreise, als in die der Fremden von Distinktion. Und,
-wo sie erschien, machte sie Aufsehen, gefiel sie. Das tat ihr wohl und
-machte ihr Vergnügen, zumal, da sie an Schönheit, Geist und Eleganz
-keine Rivalin fand.
-
-Es dauerte nicht lange, und sie war umworben. Ein Attaché der
-französischen Gesandtschaft gefiel ihr, aber seine Gespräche waren
-zu pariserisch glatt. Sie war tiefere Paradoxe gewöhnt als die, die
-Monsieur le Comte de Brottignolles aus dem Figaro schöpfte, den sie
-selber las. Auch ein junger sehr reicher Engländer, der immer vorgab,
-sich zum Studium der deutschen Sprache in Dresden aufzuhalten, aber nie
-ein deutsches Wort über seine wunderbar rasierten britischen Lippen
-brachte, machte in seiner blonden Gesundheit einen gewissen Eindruck
-auf sie. Er war nicht parfümiert und roch doch gut. Alles war gut
-ausgearbeitet und doch strotzend an ihm. Kurz: ein Triumph der Hygiene.
-Aber er war gar zu englisch, zu insular, und man konnte mit ihm
-schlechterdings nur über Dinge reden, die augenscheinlich vernünftig
-waren. Und, um Leitartikel miteinander auszutauschen, dazu, meinte
-Madame Sara, unterhält sich eine junge Frau nicht mit einem jungen
-Manne. Überdies hatte sie die Empfindung, daß er grausam tugendhaft sei
-und sich darauf noch etwas einbilde.
-
-Der Fürst, dem es nicht entgehen konnte, daß seine Sulamitin auch
-anderen gefiel, beobachtete mit großem Vergnügen das Vergebliche aller
-Versuche der anderen, ihr nahe zu kommen, und legte das wohlgefällig
-als Beweis seiner festen Alleinherrschaft aus. Irgendwie erstaunlich
-fand er es nicht, denn es gehörte zu seiner Überzeugung von den
-Vorzügen der östlichen Menschen, daß dort die Männer zwar polygam, die
-Weiber aber monogam veranlagt seien. »Sogar die Jüdinnen,« hatte er
-einmal zu Sara gesagt, »die überhaupt noch echte Orientalinnen sind,
-weshalb sie sich in ihren schönen Exemplaren auch überall gleichen,
-während der amerikanische Jude ganz wie ein Amerikaner aussieht, der
-französische Jude ganz wie ein Franzose.« Auch gegenüber solchen Reden
-hatte Sara das unterwürfige Lächeln der Favoritin, aber in ihrem Innern
-sah es dabei gar nicht unterwürfig aus, und im Tagebuche Lalas gab es
-eine Stelle, die lautete so: »Sprach die helle Schwester: Je gescheiter
-ein Mann ist, um so leichter kann ihn eine Frau betrügen.«
-
- * * * * *
-
-Eines Morgens wurde Madame Sara, die erst sehr spät von einem Besuche
-bei ihrem Tataren nach Hause gekommen war und unerquicklich geträumt
-hatte, durch rasendes Klavierspielen und eine fürchterliche Art von
-Gesang geweckt. Beides wurde offenbar direkt über ihr verübt. Sie
-schellte Lala herbei und rief ihr entgegen: »Was ist denn das! Wer
-wohnt denn über uns?«
-
-»Oh!« antwortete Lala mit großem Ernste, »du wirst ihn lieben. Er ist
-so häßlich wie ich, aber du wirst ihn lieben. Er ist anders. Er ist gut
-und verrückt. Er hat zu mir gesagt: ›Ei du Scheusälchen‹!«
-
-Madame Sara, eben noch recht ärgerlich, mußte lachen, und sie sagte:
-»Mir scheint, Lala: du liebst ihn. Dann muß ich zurücktreten.«
-
-Aber Lala verstand solche Scherze nicht. Sie sagte: »Oh, es ist wahr.
-Er ist ganz für dich. Er ist ganz anders und ganz für dich, und er wird
-dich lieben.«
-
-»Dann soll er vor allem mit diesem schrecklichen Klavierpauken aufhören
-und mit dem noch schrecklicheren Gesingse!«
-
-»Lala geht zu ihm.«
-
-Und Lala ging hinauf, und augenblicklich wurde es ruhig.
-
-Nach einer Weile kam die dunkle Schwester mit einem Billett zurück, auf
-dem folgende Worte standen:
-
- »Wenn Orpheus sang, schwieg selbst das Federvieh,
- Doch Orpheus selber, lehrt Mythologie,
- Orpheus schwieg nie.
-
-Aber Orpheus hat auch nicht das Glück gehabt, Madame Sara Asher Neuyork
-(siehe Fremdenbuch) zu sehen, wie der ganz ergebenst endesunterfertigte
-Musikante und Poet, der zwar nicht leben kann, wenn er nicht den Flügel
-bearbeitet und seine unsterblichen Melodien den Morgenwinden mitteilen
-darf, aber lieber aufs Leben zu verzichten gewillt ist, als daß er
-der schönsten aller Damen ärgerlich sein möchte. -- Es liegt also bei
-Madame, zu entscheiden, ob ich leben oder sterben soll. -- Ich werde
-mir erlauben, selbst um die Entscheidung anzufragen, wenn Madame die
-Gnade haben will, mir dafür eine Stunde zu bestimmen.
-
-Der ich bin der schönsten Dame alleruntertänigster Diener und Knecht
-~Sturmius de Musis~.«
-
-»Du scheinst recht zu haben, Lala, er ist entschieden verrückt,« sagte
-Sara, als sie unter Lächeln das Billett gelesen hatte. »Aber er ist ein
-amüsanter Narr. Du kannst ihm also sagen, daß ich um ein Uhr für ihn
-zu sprechen bin.«
-
-Punkt ein Uhr überbrachte Lala ihrer Herrin eine Visitenkarte, die
-den wirklichen Namen des ~Maestro Sturmius de Musis~ aufwies, einen
-alten deutschen Adelsnamen, der eben an allen Plakattafeln der Stadt
-über einer Konzertanzeige zu lesen war. »Ich lasse bitten!« sagte sehr
-freundlich Madame Sara, musterte schnell noch einmal ihre raffiniert
-halb auf Empfang, halb auf Negligé gestimmte Toilette und ließ sich,
-gelb auf rosa, in einen üppig gepolsterten Armstuhl sinken.
-
-Kaum, daß sie noch einen Wurf alter Brabanter Spitzen über türkischen
-Pantöffelchen zur Geltung hatte kommen lassen können, stand der
-Flügelgewaltige auch schon in der Türe.
-
-Er sah, oberflächlich angesehen, recht unscheinbar aus. Klein und
-mager, wie er war, verschwand er fast in dem überlangen, schwarzen,
-noch etwas biedermeierisch geschnittenen Bratenrocke, den er zu
-breit karierten hellen Nankinghosen trug. Ein nicht recht eleganter
-Umlegekragen gestattete einem hellroten seidenen Schlips, weiter
-hervorzuzipfeln, als es die Mode erlaubte, und ließ einen keineswegs
-schönen, allzulangen und sehr sehnigen Hals frei, der zu allem Überfluß
-noch von einem überlebensgroßen Adamsapfel belebt wurde. Dieser
-fleißig auf- und niedersteigende Knollen hätte bei jedem anderen die
-Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrenzlos in Anspruch genommen. Bei
-Madame Saras Besucher vergaß man ihn bald, wenn man einmal den Kopf
-angesehen hatte. Vor allem: er war zu groß. Er paßte nicht zum Körper.
-Er wirkte als Kopf an sich. Und dann: er war grausam häßlich, weil
-er auch in sich keine anständigen Verhältnisse hatte. Ein Hohn auf
-das Gesetz vom goldenen Schnitt. Die Stirn, über zwei dicken blonden
-Raupen, den Augenbrauen, ansetzend, hörte scheinbar überhaupt nicht
-auf. Dafür war die Nase zu kurz geraten, und sie erschien außerdem
-noch kürzer, als sie schon war, weil sie sich in optischer Verkürzung
-präsentierte, nämlich mehr nach aufwärts als nach abwärts tendierend.
-Dafür war wieder der Raum zwischen Nase und Mund viel zu ausgedehnt.
-Zwar war er mit einem hellblonden, in Spitzen gedrehten starken
-Schnurrbart bestanden, aber es wäre für zwei solcher Schnurrbärte Platz
-gewesen. Der Mund, obwohl zu breit und schmallippig, war geistreich.
-Nur entblößte er leider wahre Nagetierzähne, breite, gelbliche Schaber.
-Und dann war kein Kinn da, sondern nur ein Zwickelbart, ein gesteifter
-pharaonischer Zwickelbart, der im Verein mit dem breiten Mund und der
-gewaltigen Malmfläche sofort die Idee wachrief: Nußknacker. Die stark
-hervortretenden oberen Backenknochen unterstützten die Idee wirksam,
-während die ungeheuren Ohren die Gedanken mehr ins Gebiet der Zoologie
-riefen. Zornig trompetende Elefanten, wenn sie die Ohren abstehen
-lassen, erfreuen sich ähnlicher Seitenornamente. Sein Haupthaar litt
-unter dem Größenwahn seiner Stirn. Man konnte eigentlich nur vom
-Hinterhaupthaar reden. Doch ersetzte es an Länge, was ihm an Terrain
-versagt war. Es fiel beträchtlich über den Rand des Rockkragens herab,
-war aber säuberlich gerade geschnitten.
-
-Ein solcher Kopf hätte wohl Entsetzen erregen müssen, wenn in ihm nicht
-zwei Augen gewesen wären, so voll Geist, Güte, Glut und Leben, daß
-man in ihrem Anblicke alles übrige vergaß und sofort die Empfindung
-gewann: dieser Mann hat es nicht nötig, äußerlich schön zu sein; er hat
-alle Schönheit innerlich, das heißt: er ist ein wunderbar guter und
-wunderbar geistvoller Mensch, ein geniales Herz und ein genialer Kopf.
-Seine Häßlichkeit, statt zu verstimmen oder gar Mitleid hervorzurufen,
-machte heiter, steckte mit Heiterkeit an, von den Augen her, um die
-herum ein lebhaftes und doch nicht zuckendes Muskelspiel fröhlicher
-Laune war, witzig und dionysisch zugleich, kindlich und faunisch,
-gemütlich und enthusiastisch.
-
-Wenn er aber gar den Mund auftat und in seiner, Konsonanten und
-Vokale wunderlich zusammenquetschenden Sprache zu reden begann, war
-es, als ob alle guten Geister des Lebens mobil gemacht worden wären
-gegen Langeweile, Dumpfheit und Verdrossenheit. Er brauchte gar
-nichts Besonderes zu sagen: alles klang originell, denn ein jeder
-fühlte unbedingt: dieser Mensch spricht sich unverstellt aus, jedes
-Wort ist getragen von einem Impuls, keines schielt nach verborgenen
-Absichten, und wäre es auch nur die Absicht, originell zu wirken.
-Anderseits mochte manches anfangs närrisch klingen, aber bald merkte
-man, daß es nur närrisch geklungen hatte, weil es gar tief natürlich
-gewesen war, kindliche Weisheit, die sich nicht gut in konventionellen
-Schablonen ausdrücken kann, und die sich ganz naiv primitiver Mittel
-bedient. Dabei war Meister Sturmius alles andere eher als ein rohes
-Naturprodukt. Er war nicht nur sehr gebildet, äußerst belesen, ja im
-Umkreise seiner künstlerischen Interessen beinahe gelehrt; er hatte
-auch als Erbgabe seines alten Geschlechtes einen sehr sicheren Fond
-überkommener Kultur. Wenn er sich zuweilen recht ungeniert betrug,
-die Mode nach seinem Geschmacke modelte, die Konvention nach seinem
-Sinne bog, so war es kein wüstes Durchbrechen von Schranken, sondern
-immer ein elegantes Drüberwegsetzen mit dem leisesten Takte für das Wo,
-Wie, Wann und Wieweit. Nur in seiner Kunst war er ein rücksichtsloser
-Draufgänger, und er pflegte das so zu entschuldigen: Alles, was
-in meiner Familie früher Ritterliches, Räuberisches, Mörderisches
-passiert ist mit Schild und Schwert und Spieß, üb' ich aufs neue aus im
-Kampfe für die Kunst gegen die Philister. Alle meine raubritterlichen
-Vorfahren haben nicht so viel Eisen zerhauen, wie ich Flügel, und ich
-will doch sehen, ob ich nicht mehr Kunstphilister zur Strecke bringe,
-als sie Krämer. Sturmius, mein erlauchter Ahne, hat seinen Bruder
-Arbogast mit einem alten Streitkolben erschlagen, weil er nicht Martin
-Luthern anhangen wollte; -- so würde auch ich meinen Bruder umbringen,
-wenn er nicht an Richard Wagner und die Musik der Zukunft glaubte. Es
-ist ein großes Glück für meinen Bruder, daß ich keinen habe.
-
-Madame Sara, die keinen schlechten Blick für Menschen hatte, erkannte
-schon an der Art des Eintretens, daß ihr Gast trotz seines allzu
-subjektiven Bratenrockes ein Mann von Welt war, denn er kam ohne jede
-Spur von Befangenheit auf sie zu und küßte ihr die Hand wie einer, der
-gewöhnt ist, mit Schönheiten des Salons umzugehen. Dabei überstrahlte
-sie sein Blick ebenso verehrungsvoll wie munter, und sie fand, daß
-dieser Musikus, ästhetisch genommen, zwar ein Scheusal sei, aber ein
-höchst interessantes, ja -- reizendes Scheusal. Naiv treulos, wie sie
-war, dachte sie sofort vergleichend an ihren Tataren, und diesmal
-schien es ihr, als sei der »andere«, das heißt der neuauftauchende,
-vielleicht ... nun: weiter dachte sie nicht. Und sie sprach: »Sie haben
-wirklich meine Entscheidung über Leben und Tod, Herr von ...«
-
-Aber Meister Sturmius fiel ihr ins Wort, ehe sie seinen Namen hatte
-aussprechen können: »Haben Sie die Gnade, mich nicht bei meinem in
-die Register des Staates eingetragenen Namen zu nennen, Madame! Auf
-die Gefahr hin, daß Sie mich sogleich ersuchen werden, Ihr Zimmer zu
-verlassen, bitte ich Sie, mich mit dem Vornamen anzureden, den in den
-Zeiten, da meine Familie noch katholisch war, die Erstgeborenen unseres
-Hauses trugen, und den ich mir selbst für den Verkehr mit Göttinnen
-beigelegt habe: Sturmius!«
-
-Madame Sara lachte belustigt auf: »Sturmius? Steht der Name wirklich
-im Kalender? Ist er nicht von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erfunden
-worden?«
-
-»Es hat so viel Sturmiusse meines Namens gegeben, daß wir sie numeriert
-haben, Madame. Der letzte war der vierzehnte und trug den Namen
-Judenschreck, nicht, weil er das Volk Gottes haßte, sondern weil er
-sehr kreditbedürftig war.«
-
-»Das Volk Gottes? Wie meinen Sie das?«
-
-»Wie es in der Bibel steht. Denn die Juden sind wirklich die
-Auserwählten ihres Gottes, den sie bei uns importiert haben. Es war ihr
-erster großer Importartikel und ist ihr bestes Geschäft geblieben bis
-auf den heutigen Tag. Wir haben ihn teuer bezahlt.«
-
-»Sie sprechen nicht sehr respektvoll vom lieben Gott.«
-
-»Der Gott der Juden heißt Jehova.«
-
-Madame Sara war ärgerlich. Was sollte das alles? Wußte er nicht, daß
-ihr Name jüdisch war? Sah er nicht, daß er eine Jüdin vor sich hatte?
-
-Sie sprach: »Es ist nicht gescheit, daß Sie Ihre Richterin über Tod und
-Leben beleidigen, Herr von ...«
-
-»Bitte: Sturmius!« -- »Wenn ich nun eine _fromme_ Jüdin wäre ...?« --
-»Sie sind überhaupt keine Jüdin.« -- »Doch, und ich bin stolz darauf.«
--- »Sie sind ebensowenig eine Jüdin, wie Christus ein Jude war.« --
-»Was war Christus denn?« -- »Christus.« -- »Das verstehe ich nicht.«
-
-»Christus war die Liebe, war nichts als Liebe, war ganz und gar Liebe.
-Daher war er weder Jude noch sonst etwas, und darum gehört er allen,
-nicht bloß uns Christen, sondern auch den Juden und Heiden. Und so ist
-es mit jedem Menschen, der etwas ganz Seltenes ist. So ist mein Freund
-Richard Wagner ganz Genie, und darum ist er kein Deutscher, sondern
-Richard Wagner, darum gehört er nicht bloß uns, die wir seine Jünger
-sind, sondern auch den Juden und Heiden der Musik.«
-
-»Und ich?«
-
-»Madame! Dinge, die ich nur auf fünfzeiligem Papier oder nur aus
-dem Flügel ausdrücken kann, erdreiste ich mich nicht, in Worte zu
-fassen. -- Haben Sie die Gnade und erlauben Sie mir, weiterzuleben,
-weiterzumusizieren, -- und ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu hören,
-was Sie sind.«
-
-»Sie sind ein wunderlicher Heiliger.«
-
-»Weder heilig noch wunderlich. Nur Musikant und ein Stück Poet. Doch
-bin ich leider nicht groß genug, um nicht nebenbei ein deutscher
-Querkopf und als solcher zum Beispiel ein hitziger Judenfresser zu
-sein.«
-
-»Das ist amüsant.« -- »Für mich sehr.« -- »Also ist es Ihnen nicht
-ernst damit?« -- »Ich brauche meinen Ernst für meine Kunst. Juden
-fresse ich zur Erholung.« -- »Haben Sie Mendelssohn schon gefressen?«
--- »Der ist mir zu musikalisch.« -- »Und Meyerbeer?« -- »Den habe ich
-gefressen.«
-
-Und Meister Sturmius lachte über den Doppelsinn seiner Antwort selber
-so herzlich auf, daß sein Gelächter ansteckend wirkte und auch Madame
-Sara schallend lachen mußte.
-
-»Aber Sie stehen ja noch immer, Sturmius,« nahm, durch das gemeinsame
-Gelächter in eine übermütige Laune geraten, Madame Sara das Wort,
-»setzen Sie sich, Meister!«
-
-»Nicht ›Meister‹,« erwiderte der, indem er sich setzte. »Es gibt nur
-einen Meister, und der sitzt jetzt in der Schweiz über Partituren
-zu Werken, die die Pforten der Ewigkeit aufreißen werden. Ich bin
-nur Sturmius der Jünger: Ihr Sturmius, Madame, wie seiner, denn die
-Schönheit ist der Nachfolge so würdig, wie das Genie. -- Gestatten Sie
-mir, daß ich Ihnen die Schleppe trage, als Ihr musikalischer Page.«
-
-»Das würde wohl unschicklich sein bei der Krinolinenmode,« meinte
-Madame Sara, und Sturmius schüttelte sich aufs neue vor Lachen, und
-wiederum mußte Madame Sara einfallen, und es dauerte eine ganze Weile,
-bis sie sich beruhigt hatte, um sagen zu können: »Mein Gott, was für
-Kinder wir sind, wir schreien miteinander vor Lachen, als kennten wir
-uns von Jugend auf. Das ganze Hotel werden wir skandalisieren.«
-
-»Wenn es auf mich ankäme,« antwortete Sturmius, »ich hätte nichts
-dagegen, wenn es die ganze Stadt wäre.«
-
-Da dachte Madame Sara zum zweitenmal an ihren Tataren und sagte: »Das
-wollen wir bleiben lassen, Sturmius. Ich bin mehr für Ausschluß der
-Öffentlichkeit bei Privatvergnügen.«
-
-Und sie lachte wieder, -- aber schon etwas leiser.
-
- * * * * *
-
-Der von Sara beliebte Modus wurde beibehalten. Selbst im Hotel wurde,
-dank des virtuosen Aufpassens von Lala, die ~entente intime~ zwischen
-erstem und zweitem Stock nicht bemerkt, die sich aus der ~entente
-cordiale~ sehr bald entwickelte und den asiatischen Beziehungen Madame
-Saras an Intensität nichts nachgab.
-
-Die schöne Jüdin war sehr glücklich mit ihren beiden verliebten
-Antisemiten, deren Rassenhaß sie auf so angenehme Weise ~ad absurdum~
-führte, und die ihr dafür so viel Glut und Verehrung entgegenbrachten,
-daß in der Tat für die ganze übrige Judenheit nur recht wenig Liebe
-mehr übrig bleiben konnte. Der kleine Gott hatte wirklich gut für ihr
-großes Herz gesorgt. Es waren nicht bloß zwei Männer, die sie umfingen,
--- es waren zwei Rassen, zwei Weltanschauungen, die ihr huldigten.
-Und das ergab auch in ~puncto puncti~ zwei angenehm verschiedene
-Gebarungen. Alles Mystische, Auto- und Theokratische lag dem Jünger
-der Zukunftsmusik aus altem germanischen Adelsstamme gänzlich fern. Er
-zündete keine Lampe in Rubingläsern an vor byzantinischen Madonnen,
-um Dämmerstimmungen auf dem Grenzgebiete zwischen Religion und Erotik
-zu Explosionen heftigster Liebesherrschsucht und wollüstigster
-Liebesuntertänigkeit zu steigern. Den Tribut, den er der schönen Frau
-mit allen Sinnen leidenschaftlich darbrachte, war völlig frei von
-asiatischen Ingredienzien. Seine Leidenschaft war klarer, frischer,
-heiterer. Er liebte nicht _zum_ ersten Male, aber er liebte wie
-_beim_ ersten Male: jungenhaft mit der bald drolligen, bald rührenden
-Überschwenglichkeit eines jungen Studenten, -- nur kam, wenn es ans
-Sprechen ging, ein reicher erfahrener Geist hinzu und, wenn er seine
-Entzückung musikalisch äußerte, eine meisterhafte Kunst.
-
-Für eine Virtuosin der Liebe, als welche sich Madame Sara bald fühlen
-durfte, war diese Nuance ein wunderbarer Genuß, der durch die äußere
-Häßlichkeit nur noch erhöht wurde.
-
-»Welches Glück,« sagte sie einmal zu ihm, als er in seinem
-gelbseidenen, blau und grün geblümten Schlafrock vor ihr herumsprang
-und aus allen Winkeln der Welt- und Naturgeschichte Epitheta zum Preise
-ihrer Schönheit zusammensuchte, -- »welches Glück, mein Sturmius, daß
-du kein schöner Tenor bist, sondern ein häßlicher, der häßlichste aller
-Musikanten. Wie schrecklich, wenn du eine Adlernase hättest.«
-
-»Schweig! Es ist nicht zum Ausdenken!« rief Sturmius und schüttelte die
-Fäuste.
-
-»Stell dir das groteske Elend vor, wenn du Locken hättest, Sturmius!«
-
-»Absurditäten stelle ich mir nicht vor, Madonna! Es wäre aber mehr als
-absurd, es wäre in der Tat verhängnisvoll. Denn, hätte ich Locken und
-eine Adlernase, was wäre die Folge? Ich würde Lala lieben und nicht
-dich, denn Künstler lieben immer den Gegensatz. Was deine Schönheit
-liebt, o Perle von Juda, ist meine Scheusäligkeit. Ich bin ein
-verhuzelter, verkrumpelter Germane, ein stark Shakespearescher Witz
-des einäugigen Wotan, der übrigens auch kein Apollo ist. -- Darum
-liebe ich dich, die strahlende, gliederherrliche Jüdin, Jehovas seliges
-Meisterstück.«
-
-»Denke dir: Wenn ich ein Kind von dir bekäme,« sagte nach einer
-nachdenklichen Pause Madame Sara.
-
-»Dann lerne ich,« antwortete Sturmius, »auf meine alten Tage beten, daß
-es ein Sohn sei und keine Tochter. Denn er wird trotz deiner Schönheit
-ein häßliches Kind sein.«
-
-Madame Sara dachte wieder eine Weile nach, dann sprach sie: »Auch ich
-will, daß es ein Sohn sei. Es ist nicht gut, wenn zwei so verliebte
-Gegensätze ein Mädchen in die Welt setzen.«
-
-»Du redest so mütterlich, meine Halskette, -- hast du einen _Grund_, so
-mütterlich zu reden?«
-
-»Ich fürchte: Ja.«
-
-»Du -- fürchtest?«
-
-»Ja ich fürchte. Ich will kein Kind. Schon der Gedanke irritiert mich.
-Ich käme mir degradiert vor. Eine Liebe, die -- Folgen ... das ist doch
--- gemein.«
-
-»Ja gnädige Frau, es ist gemein.«
-
-»Laß mich mit Schillerschen Doppelsinnigkeiten zufrieden, Sturmius; du
-weißt, für Schiller habe ich kein Organ.«
-
-»Ich weiß, er ist für dich der Dichter der deutschen Turnvereine
-und Liedertafeln, und meine braune Venus von Jerusalem ahnt mit
-gutem Instinkte, daß vor dem Erze seiner Jamben einmal das Reich der
-Krinoline in den Staub sinken wird.«
-
-»Wenn du von Bismarck reden willst, Sturmius, geh' ich.«
-
-»So will ich von Bismarck spielen.«
-
-Und Sturmius setzte sich an den Flügel und phantasierte über Beethovens
-Eroica.
-
-Die Gleichgültigkeit, mit der Sturmius die Andeutung Saras aufgenommen
-hatte, beleidigte diese gar nicht. Sie fühlte dabei nur, daß der
-Maestro sie ebensowenig »liebte«, wie sie ihn, das heißt, daß ihr
-Verhältnis beiderseitig frei von aller Sentimentalität war -- dies Wort
-ohne jede Abschätzigkeit gebraucht. Und das war ihr im höchsten Grade
-sympathisch.
-
-Sie empfand es ganz deutlich: der häßliche Komponist huldigte ihrer
-Schönheit mit höchster Leidenschaft, ohne auch nur im geringsten im
-Gemüte beteiligt zu sein. Und nicht anders stand es um ihre Neigung
-zu ihm, nur daß sie seiner genialen Männlichkeit huldigte. Sein
-künstlerisches Temperament und sein scharfer Geist flößten ihr tiefsten
-Respekt ein, und sie empfand es als wollüstige Auszeichnung, daß er sie
-einer in glühende Erotik verdichteten Verehrung für würdig erachtete,
-die seiner Hingabe an die Kunst kaum etwas nachgab. Daß dieser Zustand
-nicht andauern würde, wußte sie wohl, und auch das war ihr recht. Sie
-hatte durch den gleichzeitigen Umgang mit den beiden Männern die feste
-Überzeugung gewonnen, daß sie sich nur in der Abwechslung ganz wohl
-fühlte.
-
-Wie sehr sie sich dadurch von der ungeheuren Mehrzahl der Frauen
-unterschied, war ihr keineswegs unklar, und sie hatte auch Verstand
-genug, einzusehen, wie weit sie damit von der herrschenden Moral
-abrückte. Mit Sturmius konnte sie darüber von der Leber wegreden, und
-das erschien ihr als großer Vorzug des deutschen Künstlers vor dem
-russischen General, dessen Qualitäten auf einem ganz entgegengesetzten
-Gebiete lagen. Sie waren ihr nicht weniger gemäß, ja sie lagen
-ihrem eigenen Wesen als Frau näher. Aber sie war doch nicht so
-ganz Orientalin, wie der Verehrer Asiens glaubte, sie war viel
-differenzierter, westlicher, als er ahnte, dem gegenüber sie sich
-von vornherein viel weniger enthüllt hatte, als dem Deutschen. Er
-kannte in ihr nur die Sulamitin, wie er sie sich ins alte Testament
-hineinkonstruiert hatte, aber sie war, ihm unbewußt, gleichzeitig gar
-sehr modern, im Sinne der Emanzipation des Fleisches durch das Gehirn,
-wie sie Heinrich Heine gepredigt hatte, den Fürst Golkow nicht anders
-zu nennen pflegte, als das »Genie der jüdischen Entartung.«
-
-»Dieser Auswurf des Orients, dieser Teufel in Judengestalt, ist von
-der Vorsehung dazu bestimmt gewesen, das ganze Talent seiner Rasse
-zu keinem anderen Zwecke zu verkörpern als zu dem: Die Deutschen zu
-demoralisieren und dadurch reif zum Untergange durch das Slaventum zu
-machen. Goethe, auch ein gefallener Engel, ist ihm darin vorangegangen,
-aber längst nicht mit so diabolischem Erfolg, denn Goethe war ein
-ästhetischer Hellene. Heine, indessen, war Juden-Grieche. Goethe
-konnte, bei allem Hellenentum, noch ein Gretchen fabulieren. Heine
-hat dieses Gretchen vergiftet, indem er es emanzipierte. -- Und
-dieses Volk, diese Deutschen, erst durch Rom verdorben, dann durch
-Luther um jedes Gefühl der Religion gebracht, dann durch Kant bis
-zur Gasflüssigkeit in reine Vernunft aufgelöst, dann durch Goethe
-in griechische Formen vereist, durch Schiller aber wieder durch
-heiße Phrasen aufgetaut, daß sie wie Brei auseinander flossen, und
-schließlich von Heine mit allen Gärungsstoffen aus dem Sumpfe jüdischer
-Entartung durchsetzt, -- dieses Volk von lauter Individuen will --
-einig, will ein ganzes werden. Es hat niemals ein lächerlicheres
-politisches Phänomen gegeben, und auch Herr von Bismarck wird beim
-besten Willen nicht imstande sein, aus dieser Fata Morgana ein Gebilde
-von Realität zu machen.«
-
-Auf solchen Umwegen pflegte der Verehrer Asiens auf die heilige Allianz
-zu kommen, die für ihn der letzte Gipfel europäischer, -- nämlich
-asiatischer Politik war.
-
-Zuweilen machte sich Madame Sara das Vergnügen, diese Gedankengänge,
-die sie nur mäßig interessierten, vor Sturmius auszubreiten, der sich
-darüber schief lachen wollte.
-
-»O du güldne Posaune von Jericho,« rief er dann wohl aus, »o du lustig
-schmetternde! Nie bist du reizender, als wenn dein schöner Mund so
-greulichen Unsinn tönt!«
-
-Dagegen nahm er ihre eigenen Ergüsse über ihre Ansichten von Liebe ohne
-Sentimentalität ernst.
-
-»Solche Ansichten stehen dir zu Gesicht, und bei schönen Frauen kommt
-alles darauf an, wie es ihnen steht. Es wäre schlimm, wenn unsere
-deutschen Hausmütter so dächten; es wäre entsetzlich. Aber diese Gefahr
-ist nicht vorhanden. Fest steht und treu die Wacht am Ehebett. Du aber
-darfst und sollst verruchte Maximen haben. Eine Schönheit wie die deine
-würde gegen den Stil sündigen, wollte sie moralisch sein. Auch die
-große Dame von Babylon hat ihre Existenzberechtigung, und wir Künstler
-verdanken ihr unsere besten Informationen. Ach, es sind in eurem
-herrlichen alten Buche wundervolle Stellen darüber! Heute darf man so
-etwas nur in Musik sagen, -- und das wird jetzt in Triebschen von dem
-größten aller Propheten besorgt.«
-
-Und nun sollte Madame Sara ein Kind bekommen, von dem sie nicht wußte:
-ist es von dem, dessen Seele in Asien wohnt, oder von dem, der das Heil
-der Zukunft von Bismarck und Richard Wagner erwartet.
-
-Im Brennpunkte der Leidenschaft zweier Gegenpole stehend und sich
-jedem, dem einen wie dem anderen, mit gleicher Leidenschaft zuwendend,
-hatte sie zuweilen das Gefühl eines Verhängnisses über sich, das ihr
-manchmal grell, manchmal düster, kaum je einmal in einem ruhigen Lichte
-erschien.
-
-Doch kam das nicht häufig über sie.
-
-Klar war ihr das eine: das Kind durfte ihr nicht unbequem werden, und
-von ihrer Mutterschaft durfte niemand erfahren, schon wegen der Gesetze
-ihres Staates nicht, das für eine Witwe, welche außerehelich gebiert,
-sehr fatale vermögensrechtliche Folgen festsetzte.
-
-In Lalas Tagebuch stand, als der Dresdner Aufenthalt zu sieben Monaten
-gediehen war, dieses: »Sprach die helle Schwester: Laß uns das Kind in
-einen Binsenkorb tun, wie Mose, und den Wellen eines Flusses übergeben.
-Und Geld dazu und von den Vätern Geschenke. Hat es Glück, so wird die
-Tochter Pharaos es finden und zu Ehren aufziehen. Wir aber wollen es
-nur von weitem verfolgen und ihm beistehen, wenn es nottut.«
-
-So alttestamentlich ging es indessen nicht zu.
-
-Als die Zeit herangekommen war, daß es für Sara nötig schien, sich
-zurückzuziehen, nahm sie freundlich und gelassen von ihren beiden
-Dresdner Freunden Abschied.
-
-Rührendes ereignete sich dabei nicht.
-
-»Da du nicht wünschst, daß ich für unser Kind sorge, so darf ich dich
-nur bitten, ihm ein kleines Andenken stiften zu dürfen,« sagte Fürst
-Golkow, -- »diese Bronze eines mit vorgelegter Lanze dahinstürmenden
-Kosaken. Es möge ein Symbol für sein Leben sein -- zumal wenn es ein
-Junge ist.«
-
-Maestro Sturmius aber bat sie, dem Kinde zum Andenken an seinen
-»ausgezeichneten aber leider mehr musikalischen als moralischen Papa«
-seinen schönsten seidenen Schlafrock mit auf den Lebensweg zu geben.
-»Denn,« so fügte er hinzu, »es gibt in jedem Menschenleben Augenblicke,
-wo ein seidener Schlafrock einem härenen Gewande vorzuziehen ist.
-
- Denn Seide kühlt und Seide wärmt,
- Und hat sich jemand abgehärmt,
- Dieweil das Leben Härten hat:
- Das seidne Lotterkleid ist glatt.«
-
-Sollte man finden, daß diese Erzählung eigentlich keinen rechten Schluß
-hat, so würde man mir damit nicht zu nahe treten, denn ich habe diese
-Empfindung selber gehabt. So sehr, daß ich einen ganzen Roman dazu als
-Schluß geschrieben habe: den Roman des Sohnes der schönen Sara, der
-zwar einen seidenen Schlafrock und einen reitenden Kosaken, aber keinen
-genau bestimmbaren Vater hatte, und der »Prinz Kuckuck« genannt wurde,
-weil er zeitlebens in fremden Nestern hauste.
-
-
-
-
-Samalio Pardulus.
-
-
-Johannes Pauli, der ein Jude war, ehe er ein Barfüßermönch wurde,
-erzählt in seinem Buche »Schimpf und Ernst« die sonderbar düstre
-Geschichte eines Malers, der ein Monstrum war: halb Mensch, halb Roß,
-hausend im wilden Walde, aber mit hoher Kunst gar wunderbar begabt.
-Doch, wie seine Farben auch leuchteten, und wie meisterlich immer seine
-Zeichnung ging: was er gestaltete, hatte die scheusälige Grimasse
-seines Urhebers. Nicht einmal den Heiland vermochte er anders als
-mißgestalt zu schaffen, dermaßen, daß man ihn eher für einen Teufel
-als den Sohn Gottes habe ansehen müssen. Daher denn Christus selber
-ergrimmte und dem malenden Ungetüm erschien, ihm seine Schönheit zu
-zeigen und ihm ins Gemüt zu reden.
-
-Daß er dabei gesprochen hat, wie es der Barfüßer berichtet: nämlich
-nicht anders als wie ein junger Herr, der, von seiner Schönheit
-eingenommen, die Leistungen seines Photographen nicht vorteilhaft genug
-findet, ist schwer zu glauben. Eher hat noch die Antwort des schlimmen
-Malers glaubliche Haltung: daß er nichts als Vergeltung übe an dem,
-der zuerst ihn als Scheusal geschaffen habe. »Wahrlich, wäre ich es
-mächtig, dir Härteres anzutun, als böse Bilder -- ich tät's mit Lust.«
-
-Da ergrimmte der Herr, nach des Mönchs Bericht, in großem Zorne und
-stieß mit seinen Händen das Malgerüst um, auf dem Samalio Pardulus
-stand, daß es ihn unter sich erschlug, und sprach: ~Talem perpetrat
-verdictam, qui per ipsam perdit vitam.~
-
- * * * * *
-
-Hat dieser Johannes seinen Jesus recht gekannt? Hat er um den Maler
-Bescheid gewußt? Nein: er wußte weder von Gott noch von der Kunst.
-
-Die Geschichte von Samalio Pardulus nach den Quellen und nach dem
-Geiste ist so:
-
-Ja: Er war ein wildhäßlicher Mensch: über die Maßen lang und dürr, dazu
-schiefschulterig und lahm; und hatte einen lächerlich spitzen Kopf
-voll krausborstiger schwarzer Haare, die bis tief in die faltige Stirn
-hineingewachsen waren; aber keinen Bart um die schmalen, gleichsam
-verwelkten Lippen, und auch die gelben, schlotterigen Wangen waren ganz
-bloß, wie bei einem Kinde. Dafür lagen wie zwei dicke Raupen, die sich
-ineinander verbissen haben, dichte, stachelige Brauen über den kugelig
-hervorstehenden braungrünen Augen, und seine knochigen, langen Hände
-waren dicht behaart. Auch aus den viel zu großen und abstehenden, dabei
-pergamentfarbenen Ohren wuchsen Haarbüschel heraus, und nicht minder
-aus den abscheulich weiten Öffnungen der Nase, die im übrigen übermäßig
-lang und an der Spitze schnabelartig überhangend war. Ein Roßmensch
-war er aber nun doch nicht und lebte auch nicht eigentlich im Walde,
-sondern in einer der Burg an Burg, Turm an Turm wie aus Zyklopenquadern
-zusammengehäuften Städte des Albanergebirgs: zu jener Zeit, da es
-niemals Frieden gab, sondern immer der Krieg den Rachen offen hatte,
-sei es, daß unter den Geschlechtern Streit war, oder zwischen diesen
-und den Bürgerlichen.
-
-Indessen lebte man darum keineswegs traurig, sondern, ob auch in steter
-Unsicherheit, mutig, ja lustig dahin, immer darauf gefaßt, dem Leben
-schnell Lebewohl sagen zu müssen, aber entschlossen, bis zum Ende des
-großen Abenteuers frisch und derb zuzulangen nach allem, was Gott oder
-Teufel auftafelte. Zwischen Laster und Tugend, Tod und Wollust, Kampf
-und Schmaus aber gingen in Kapuzen und Sutanen Mönche und Priester
-dunkel umher und hatten für alles ihre lauten und leisen Worte, und in
-den Kirchen knieten Freund und Feind nebeneinander, mit den Nüstern
-schwülen süßen Weihrauch atmend, mit den Ohren Geheimnisse vernehmend
-aus herrischen, aber wie auf Wolken göttlicher Verheißung schwebenden
-Tönen, und mit den Augen umfangend die königlich strenge, jedoch auch
-mütterliche, jedoch auch bräutliche Schönheit der goldumloderten
-Madonna.
-
-Samalio Pardulus, seinem eigentlichen Namen nach der Sproß des ältesten
-und mächtigsten Geschlechtes der Stadt, das sich auf altrömischen
-Ursprung zurückführte, war weder bei den Rittern noch bei den
-Geistlichen, weder bei den Kämpfen noch bei den Schmäusen: war auch in
-der Kirche nicht zu sehen. Er nahm nicht teil am Leben seiner Tage, war
-im Gefühle tot für alles, was jenen Menschen Glück oder Unglück hieß.
-Und hatte auch nicht Freude an sich selbst.
-
-Kannte nur _eine_ Lust: allein zu sein und um sich herum eine neue Welt
-zu bilden aus Gestalten seiner Einbildung, der eine starke Kraft zu
-Gebote stand, sich in Bildern darzustellen.
-
-Das Handwerk hatte er von einem Manne aus Florenz gelernt, der, aus
-der Heimat um Parteifeindschaft willen vertrieben, der Geheimschreiber
-seines Vaters geworden war: ein schweigsamer Mensch, dessen Augen
-voller Klage und Heimsucht waren. Was dieser mit Pinsel und Farbe
-vermochte, hatte er auch bald vermocht. Aber er wollte mehr. Denn
-jener, der das Malen nur erlernt hatte, um sich, da er noch reich und
-ein großer Herr gewesen war, müßige Stunden zu vertreiben, malte nur,
-was die Meister seiner Vaterstadt schon einmal gemalt hatten, und er
-gedachte gar nicht, es ihnen gleich zu tun, oder gar mehr als sie.
-Indem er malte, dachte er an Florenz und schuf sich ein blasses Abbild
-des Schönen, daraus er vertrieben worden war. Samalio Pardulus aber
-(wir wissen nicht, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hat) hatte
-keine Kunst fremder Meister gesehen (denn die schlechten Bilder in
-den Kirchen und Häusern seiner Stadt waren nicht meisterlich), und so
-gedachte er an nichts Fremdes: nur an das, was in ihm selber war und
-das er innerlich sah als etwas ganz ihm Eigenes, nicht zugespiegelt
-aus fremder Kunst, am wenigsten der seines Lehrers. Seine innerlichen
-Gesichte aus sich herauszustellen, die schwankenden fest, die
-verwehenden dauerhaft zu machen, war sein Begehren.
-
-»Daß ich Genossen hätte, male ich,« sagte er einmal zu seinem Lehrer,
-»ich male, daß ich nicht ganz allein sei. Könnte ich nicht malen, so
-würde ich mit Huren Kinder machen: aber mit den schamlosesten und
-wüstesten. Ja mit Tieren, wenn es die Natur zuließe. Nur, daß ein
-anderes Volk um mich herum wäre als dieses, das mir greulich fremd
-ist.«
-
-Messer Giacomo, der weder solche Worte vernommen, noch Bilder
-gesehen hatte, wie die seines wüsten Schülers, und dem es eine Art
-schreckhaften Ergötzens war, in der Langenweile seiner Verbannung
-sich mit dem »~mostro~« zu beschäftigen, schrieb in seinem (übrigens
-langweiligen, weil gar zu eintönigen) ~diario~, das man später im
-Archive des Schlosses Certaldo alto aufgefunden hat, als das alte
-Gemäuer in den Besitz des Staates überging, getreulich alles auf, was
-er »~nella selva~«: im Walde draußen beim »~centauro~«, wie er seinen
-Schüler nannte, sah und hörte. Es scheint, daß er später in seine
-Heimat zurückgekehrt ist und in jenem Schlosse zwischen Florenz und
-Siena seine Tage beschlossen hat. Unter den über dem Schloßportale
-heute noch sichtbaren Wappen der verschiedenen Geschlechter, die
-einander im Besitze von Certaldo alto folgten, befindet sich auch das
-seine. Weiter wissen wir nichts von ihm. Wenn aus dem übrigen seines
-Tagebuches nicht hervorginge, daß er ein grundnüchterner Mann gewesen
-ist, der sich nicht mit Phantasiebeschäftigungen abgab, sondern, seine
-kleine Pinselliebhaberei abgerechnet, ganz in den realen Interessen
-aufging, die ihn zum tätigen Parteimann machten, so könnte man
-glauben, er habe sich diesen Samalio Pardulus erfunden, gewissermaßen,
-um sich auch als Poeten zu versuchen. Aber die Art, wie er den
-Äußerungen des seltsamen Menschen (gemalten wie gesprochenen) immer
-den Kommentar eines unerschütterlich mittelmäßigen Besserwissertums
-und biederer Philistrosität anhängt, läßt diesen Verdacht nicht
-aufkommen. Wir dürfen, wie wunderlich auch das meiste erscheinen mag,
-was er berichtet, mit Sicherheit annehmen, daß der Herr von Certaldo
-alto den »Zentauren« wirklich und leibhaftig gekannt, jene wilden
-Bilder gesessen und alle die Worte vernommen hat, die er, stets mit
-Äußerungen des Entsetzens, mitteilte.
-
-Wir folgen seinen Aufzeichnungen in allem wesentlich getreu und nehmen
-nur da das Recht in Anspruch, aus seinen tadelnden Kommentaren das Bild
-des »Scheusals« in einem Sinne zu ergänzen, der mit Messer Giacomos
-Meinungen nichts gemein hat.
-
-Einiges sei in wörtlicher Übertragung hergestellt. So, was der Toskaner
-über Samalios Kunst und Wesen im allgemeinen sagt: »Es ist ein
-sonderbares Ding um die Kunst dieses ungebärdigen Menschen. Sie ist
-voller Lästerung des Lebens, das in ihr nicht von Gott zu sein scheint,
-sondern vom Teufel. Malt er den Wald (wie er insonders gerne und nicht
-ohne Geschick tut), so ist es, als ob die Bäume ein jeder dämonisch
-besessen wären; kein Pflanzenwesen, sondern ein Tier, und alle zusammen
-sind wie eine Versammlung von Gespenstern, daß man sich fürchtet, in
-das Dunkel hineinzusehen, das wie aus ihnen innerst herauskommt: aber
-nicht schwarz, sondern bräunlich. Er hat, genau wie sie um sein Kastell
-im Felsgebirg stehen, Pinien gemalt, als welche doch freundliche
-Bäume sind, von edler Liniatur und eigentlich wohltätig, da sie von
-oben Schatten geben, aber, des fehlenden Unterästichts halber, der
-Luft den Weg nicht sperren. Bei ihm aber sind sie Ungetüme, die mit
-borstigen Schädeln widereinander rennen. Nicht so, als ob er ihnen
-Gesichter malte. Das wäre am Ende lustig. Sondern es sind Schädel
-von Riesen, die noch niemand sah, von Riesenwesen aus Baumart und
-doch tierisch. Sie sind bös und alle untereinander feind. Es ist, als
-ob sie sich gegeneinander stemmten mit diesen wilden Köpfen, daß
-sie so, ihre Kräfte vereinigend, mächtig würden, ihre Stämme aus
-dem Erdreich zu reißen. -- Nicht anders macht er es mit Tieren und
-Menschen. Gott schuf sie, wie wir alle sie sehen. Dieser Ungestalte
-bildet sie ungestalt. Seine Pferde sind langhaarig wie Ziegen, und man
-möchte zugleich glauben, daß sie auch von Ebern stammten. Nie malt
-er sie anders als rot und schwarz gefleckt. Doch eine Schimmelstute
-hat er gemalt, das schamloseste, das je erdacht worden ist: ein Pferd
-mit Menschenhaut, ganz ohne Haar, bis auf eine Stelle, die er zum
-Mittelpunkte des Bildes gemacht hat. Das Tier, das Menschentier, biegt
-den Hals in einer schmerzhaft-unmöglichen Linie um und wendet so dem
-erschreckten Betrachter seinen Kopf zu, der zwar der Kopf eines Pferdes
-ist, aber so mit den Zügen eines Weibes vergattet, daß man die Augen
-niederschlagen muß. Denn es lacht auf eine schändliche, buhlerische und
-doch höchst klägliche Art. Es hat entzündete blaue Augen. Dafür hat er
-ein Weib gemalt mit dem Fell einer blau und schwarz gestreiften Katze.
-Dieses Weib reitet auf einem Manne, der das Zottelhaar eines weißen
-Schäferhundes hat und vorstehende Raffzähne gleich dieser Hundeart. Es
-reitet verkehrt auf ihm, sich mit beiden Händen an die buschige Rute
-ankrallend. Und der Hund-Mann hebt den Kopf nach Art eines heulenden
-Rüden, der die Matz wittert.
-
-Fragte ich ihn, was alles dies bedeute.
-
-Antwortete er: »Nicht weniger und nicht mehr als das, was eure Welt
-ist: meine.«
-
-Sagte ich ihm: »Das heißt Gott höhnen.«
-
-Antwortete er: »Niemand höhnt Gott mehr, als Gott sich selber
-verhöhnte, wie er den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf. Schaut
-mich an und sprecht: Sieht so Gott aus?«
-
-Schwieg ich aus höflicher Rücksicht.
-
-Lachte er (was nun bei ihm Lachen heißt: ein Zucken um die Mundwinkel)
-und sprach: »Oder, wenn _ihr_ ins Glas seht: seht ihr _Gott_
-gespiegelt?«
-
-Entgegnete ich (mit gerechtem Fuge streng): »Nicht also ist jenes
-Wort der Schrift gemeint. Gott ist das vollkommen Schöne: wir nur
-unvollkommene Abbilder, verzerrt obendrein durch die Erbsünde und den
-Fluch darauf.«
-
-Lachte er nochmals (und ganz abscheulich), also sprechend: »So wäre
-Gott ein Stümper oder hätte getan, was ich tue.«
-
-Ging im Gemach herum und rieb sich die Hände, daß es knackte, wie
-Holzscheite. Blieb plötzlich stehen und sah mich mit verkniffenen Augen
-an. Und schrie: »Der Fluch! Die Sünde! Was heißen diese Worte? Daß er
-Fratzen braucht, sich zu vergnügen: Euer schöner Gott! Denn (und das
-sprach er leise, gar ernsthaft) als Stümper ist er nicht zu denken.«
-
-Warf sich ins Gestühl und starrte ins Deckengebälk, dorthin, wo der
-greuliche Leuchter hängt, den er in der Grabhöhle der Heiden gefunden
-hat: ist als eine große Sonnenblume gebildet, aber jedes Blatt hat die
-Form der weiblichen Scham, daß jede Kerze, darein gesteckt, zum Phallus
-wird.
-
-Saß lange schweigend, bis er sprach: »Nein, kein Stümper. Sondern
-wahrlich Gott: wahrlich Künstler. Und wir bloß Affen seiner Kunst. Aber
-(und dies rief er wieder laut, hell, wütig, indem er aufsprang): Alles
-dürfen wir, was er darf: alles. Und sind ihm um so ähnlicher, je mehr
-wir die göttliche Freude an der Fratze haben: diese Freude des großen
-Zorns, aus dem allein die Lust des Schaffens kommt. Denn die Liebe ist
-das Ekelhafte, ist das Sichbegnügen mit dem, was da: was langweilig,
-immer das gleiche, verflucht und noch einmal und in alle Ewigkeit
-verflucht das gleiche ist. Vulva und Phallus. Das ist für die Herde:
-im Schweinekoben und im Fürstenbette dasselbe. Aber einigen ist es
-gegeben, sich wie Gott selber zu vergnügen, weil sich Gott in ihnen am
-meisten vergnügt, da sie die vollkommensten Fratzen seiner selbst sind.
-Das sind die Künstler. Sie wissen, daß Gott die Welt nicht aus Liebe
-erschaffen hat, sondern aus Not ... Gott! Was ist Gott? Was ... wäre
-Gott? Gott wäre die Einsamkeit.«
-
-Trat ganz nahe an mich heran, und seine Augen waren fürchterlich, als
-er sprach: »Vernehmet, Mann aus Toskana, und bewahrt es wohl, denn es
-ist die Wahrheit: Gott war tot, als er die Welt schuf. Als er lebte,
-war nichts um ihn: Er war das All, die unbewegte Leere, das vollkommene
-Nichts, das ist: das einzig mögliche vollkommene. Doch wäre er nicht
-Gott: nicht Geist gewesen, wenn ihm diese Ewigkeit, diese scheußlich
-vollkommene Ewigkeit genügt hätte. Es kam die Not des Wollens über ihn,
-und er beschloß, zu sterben, daß aus seinem Tode die Welt, aus seiner
-Einsamkeit die Vielheit des Lebens würde: nicht anders, als wie aus
-einem Leichnam Würmer werden.«
-
-Ich entsetzte mich über diesen Unflat schändlicher Einbildung, schlug
-dreimal das Kreuz und erhob mich, zu gehen. Er aber legte seine beiden
-harten Hände auf meine Schultern, daß mir nicht anders war, als wenn
-Satanas mich verderben wollte, und drückte mich ins Gestühl.
-
-Und sprach: »Höret nur weiter! Es ist nicht gut, die Wahrheit halbet
-zu vernehmen. Auch ist nicht gottlos, was ich Euch sage. Denn seht: ob
-Gott auch tot ist: die Welt ist dennoch göttlich, da sie von ihm ist.
-Zwar sind die Kreaturen nur Würmer, die von seinem Tode leben, aber es
-ist doch göttliche Nahrung, die sie erhält.«
-
-Ich raffte mich auf und verwies ihm sein Gerede, indem ich ihn einen
-heidnischen Sophisten hieß.
-
-Er schüttelte den Kopf: »Was mich von Eurer Art Christen unterscheidet
-ist nur, daß ich von Gott einen zu göttlichen Begriff habe, um
-vermeinen zu können, daß diese langweilige Welt des ewig Gleichen sein
-Leben umfassen oder ausdrücken könnte. Ich denke von Gott so hoch, daß
-mir sein Totes noch göttlich genug deucht für unsereins, ja als das
-einzig Göttliche, das wir vertragen können. Gott und Welt: Einsamkeit
-und Leben verträgt sich unmöglich. Und seht doch: Ist das nicht
-christlich gedacht, daß er für uns starb? Und was sage ich mit den
-Würmern anders als dies: daß er uns die Erbsünde vermacht hat?«
-
-»Ihr spottet,« rief ich laut, »und spottet Euch um die ewige Seligkeit!«
-
-»Damit ist es freilich nichts,« sagte er ernsthaft, »denn Gott hat sie
-selber aufgegeben: auch er vermochte es nicht, sie zu ertragen. Das war
-ja seine Not, die ihn zu sterben, als Gott zu sterben und im Gewürme
-weiterzuleben zwang. Die große Not der Langenweile war es. Jetzt ist er
-ihrer ledig. Der tote Gott vergnügt sich in der Vielheit von Fratzen,
-in denen er lebt: und wenn es auch gewiß ein zorniges Vergnügen ist,
-so ist es ebendarum göttlich. -- Hier, bei mir (er wies um sich), hier
-in mir (er schlug sich auf die Brust) ist ihm am wohlsten. Denn meine
-Welt ist nach seinem Rezept gemacht, und ich sterbe gleich ihm einen
-Tod der zornigsten Not.«
-
-Indem er dieses sagte, war mir, als ob in seinen Augen etwas glömme:
-ich weiß nicht, war es Wahnsinn oder Begeisterung.
-
-Die Madonna sei ihm gnädig! Er spricht nie von ihr, und, ob er sich mit
-seinem Malgeräte auch an allem vergreift, was uns heilig, ihm aber nur
-ein Anlaß zu schändlicher Fratzerei ist: sie malt er nie.«
-
- * * * * *
-
-Das Kastell, in dem Samalio die meisten seiner Tage und Nächte
-verbrachte, lag abseits der Stadt auf gewachsenem Fels, in den
-Terrassen eingehauen waren. Aber bis nahe dorthin, wo der Stein sich
-nackt emporhob aus dem Erdreich, stand starker Wald: Steineichen,
-Pinien; auch Zypressen und Kastanien. Es waren mächtige, herrische
-Bäume, die es nicht duldeten, daß Kleines neben ihnen aufkam. Nur der
-Blitz durfte die Riesen fällen oder das Alter. Dann wuchs aus ihrer
-Fäulnis das Neue. Es gab allerlei wildes Getier dort: vornehmlich
-Wildkatzen und Luchse, am allermeisten aber Geier und Eulen. Nachts,
-so berichtet der Toskaner, war es lauter um das Schloß, als bei Tage.
-Denn, so sagt er: »Da es dunkelte, wachten die Räuber auf, denen
-tagsüber selbst der finstere Wald zu helle war, und riefen einander
-oder kreischten auf beim Mord: der Luchs, heulend wie ein Wolf, der
-rote Wildkilling, tückisch jaulend; aber am fürchterlichsten die große
-Ohreule mit ihrem tiefen u-hu, das wie Klage tut, aber Blutgier ist.«
-
-Doch behagte gerade dieses Nachtkonzert der Unholde dem Mißgestalteten,
-der von sich behauptete, gleich Luchsen, Katzen, Eulen nachts besser zu
-sehen als bei Tage, weshalb er sich erst bei Tagesgrauen zur Ruhe begab
-und bis zum hohen Mittag schlief.
-
-»Die braune Nacht,« so sagte er, »hat tiefere Farben, als der milchige
-Tag. Sie schillert nicht, sie glüht. Ihr Braun ist eigentlich altes
-Gold, gemischt mit dem Rot geronnenen Blutes. Auch ist ein tiefes
-Veilchenblau dabei. Zuweilen haben alle Konturen tief purpurne,
-zuweilen tief orangenfarbene Lichtabgrenzungen. Auch Schatten gibt es
-noch in der dunkelsten Nacht: sie sind das Wunderbarste an Farbe; aber
-auf der Palette gibt es dieses Braun der tiefsten: ganz schon geistigen
-Tiefe nicht. Es ist, als ob die Nacht dieses Braun träumte.«
-
-Er malte nur in diesen, nur von ihm gesehenen Nachtfarben, und so darf
-man es dem Toskaner glauben, daß Samalios Bilder waren »wie aus einer
-anderen Welt, die das Licht nicht von unserer Sonne hat: man mußte
-glauben, sie hatten es aus den Augen dieses Nachtmenschen, der, obzwar
-bei Tage (doch nur in der Dämmerung) malend, immer nur nächtige Bilder
-schuf, als ob es keinen Tag gäbe. Indessen waren unter seinen Tafeln
-solche, in denen eine unbeschreibliche dunkle Glut bebte, vergleichbar
-dem Lichte, das in manche Edelsteine eingeschlossen zu sein scheint,
-die noch im Finstern leuchten.«
-
-Danach könnte man meinen, daß Messer Giacomo die Bilder Samalios in den
-Farben schön gefunden habe. Doch weit gefehlt. Er nennt ihre Farben
-bald »höllisch«, bald »grausam«, dann einmal »blutrünstig«, wieder
-einmal »schändlich geil«, einmal sogar »himmelschreiend bäuerisch und
-barbarisch, ohne jedes Gefühl für Feinheit und Würde«. Sie »tun dem
-gebildeten Auge weh und rufen Angst und Schrecken hervor, anstatt daß
-sie erheitern«.
-
-Der Toskaner hatte von sich aus zweifellos recht, aber ebenso
-zweifellos ist, daß Samalio nicht gemalt hat, um Messer Giacomo zu
-erheitern. Es lag ihm nicht einmal daran, daß der Herr von Certaldo
-alto sie ansah. Wir wissen es von diesem selbst, daß er stets ungeladen
-das Kastell besuchte. »Ritt wieder einmal zur Zentaurenburg, um mir
-die Grillen zu vertreiben. Wurde übel empfangen, sah aber doch Neues.
-Wie immer: Greuel über Greuel. Die große Tafel aber will er noch immer
-nicht zeigen.«
-
-Von dieser wird noch zu handeln sein.
-
-Vorerst möge aus des Toskaners Aufzeichnungen zusammengestellt werden,
-was etwa weiter dazu dienen kann, uns einen Begriff vom Wesen und Leben
-dieses wunderbaren Menschen zu vermitteln.
-
-Aus diesen Notizen fügt sich das Bild eines Précurseurs des
-Rinascimento, jedoch ohne die bewußte Tendenz zur Antike.
-
-Alle geistigen Strömungen bereiten sich vor: versuchen sich
-gewissermaßen in unzeitgemäßen einzelnen. Ehe sie zum Schicksale einer
-Zeit: ehe sie Epoche werden, treten sie gewissermassen als Ferment in
-den Schicksalen einzelner auf, die damit zur Einsamkeit verurteilt
-sind und, meist ohne jede sichtliche positive Wirkung, eine Bestimmung
-erfüllen, deren Sinn wir nicht begreifen.
-
-Er hat dies selbst gefühlt. Eines Abends sagte er zu seinem Lehrer,
-der ihm berichtet hatte, daß das Volk ihn für einen Zauberer hielte:
-»Bin ich etwa keiner? Lebe ich nicht das Kommende voraus? Ist es nicht
-Zauberei, daß ich bin, als wäre ich mein Urenkel?«
-
-»Wie das?« fragte der Toskaner.
-
-Und Samalio antwortet: »Jeder von Euch hat den Glauben des anderen;
-jeder von Euch ist Nachbar: Stütze und gestützt; keiner von Euch ist
-frei: eine Kraft für sich. Ihr seid alle durcheinander bestimmt und
-findet das füglich. Selbst die gewalttätigen, die sich Herren heißen,
-handeln mit Rücksicht auf andere, sei es auch nur, daß sie über andere
-herrschen wollen. Für mich gibt es keine anderen. Ich kenne Euch nicht.
-Ich kenne nur mich. Ich bin so weit von Euch entfernt, wie von den
-Menschen, die den Turm von Babel bauten. Ich habe einmal davon gehört
-(als ich ein Kind war), daß es Menschen gibt außer mir, aber ich habe
-einsehen gelernt, daß das ein Irrtum ist. Dieses Märchen ist nur wahr
-für die, die keine Wirklichkeit in sich haben. Wer sich begriffen hat,
-weiß, daß er allein ist.«
-
-»Als ich dies hörte,« fügt hier der Toskaner bei, »war mir einen
-Augenblick wahrlich zumute, als sei dieser Wahnsinn Wahrheit. Daran
-waren die (Gott verzeih' mir die Sünde) verfluchten Augen des Scheusals
-schuld, deren Blicke mich wie glitzernde Fäden umspannen. Ganz
-sicherlich: er ist mit dem Bösen im Bunde. -- Aber ich machte mich frei
-und rief: Wie? Denkt doch an Euren Vater, an Eure Mutter!«
-
-Darauf hat Samalio erwidert: »Vater und Mutter sind nicht außer mir,
-sondern in mir, und nicht nur sie, sondern alle, von denen sie gekommen
-sind. Und nicht nur die, sondern alle Menschen, die je waren. Dies
-eben ist es, Mann: wer wirklich Einer ist, ist Alle, -- und braucht
-darum Keinen.«
-
-Trotzdem berichtet Messer Giacomo, daß Samalio »von einer entsetzlichen
-Liebe« geplagt worden sei.
-
-»Alle wissen es,« schreibt er, »und alle verabscheuen ihn darum noch
-mehr als um seiner Scheußlichkeit willen: daß er in unziemlicher Liebe
-entbrannt ist gegen seine leibliche Schwester Bianca Maria, die so
-schön, wie er häßlich ist. Sie wäre wert, daß man nach ihrem Antlitz
-die Madonna malte, denn auf ihm ist alle Holdseligkeit und Schöne
-vereinigt. Zweierlei nimmt mich wunder: daß diese beiden Geschwister
-sind, und daß er, das Ungetüm, es wagt, seine Blicke zu ihr zu erheben,
-deren Schönheit ihn, meine ich, doch eher mit Haß und Neid erfüllen
-müßte. Gepriesen sei Gott, daß das engelhafte Mädchen ihn verabscheut.
-Man sagt (und ich erachte es nicht für unmöglich, obwohl es nur ein
-Gerede ohne sichern Anhalt ist), daß er sie nachts in ihrer Kammer
-überfallen habe: doch ohne seinen nichtswürdigen Zweck zu erreichen,
-denn sie habe ihm mit dem großen Kruzifix, das über ihrem Bette hängt,
-einen Streich quer über die Stirne versetzt, wovon er (was ich selber
-wohl gesehen habe) eine tiefe Wunde davontrug. Und folgenden Tages
-(was wiederum zutrifft) sei er aus der Stadt gewichen, und seither
-rührt sein dauernder Aufenthalt draußen im Walde. Sie aber ist seitdem
-verzagt und seltsam schüchtern, derart, daß sie aller Männer Antlitz
-flieht; und hat sich ohne Widerrede auf Geheiß ihres Vaters einem
-Edelherrn aus der Nachbarschaft verlobt, dessen Antrag sie vorher
-zurückgewiesen.«
-
-Es findet sich (begreiflicherweise; denn darüber hat Samalio sicherlich
-nie gesprochen) in dem Tagebuche des Toskaners keine Äußerung des
-Malers über seine Schwester. Doch ergeben sich bei genauerem Zusehen
-Zusammenhänge, die dem Berichterstatter offenbar nicht zum Bewußtsein
-gekommen sind.
-
-Wir finden folgendes: »Fragte ich den Zentauren, warum er nicht die
-Madonna malte.«
-
-Antwort: »Weil es unmöglich ist.«
-
-Wiederfrage: »Haben es doch schon Tausende getan?«
-
-Antwort: »Weil sie sie nie gesehen haben.«
-
-Ich: »So hättet am Ende Ihr sie gesehen?«
-
-Er: »Wohl.«
-
-Tat ich erstaunt und fragte: »Ei: im Traume?«
-
-Antwortete er: »Es ist kein Unterschied zwischen dem, was ihr in Traum
-und Wirklichkeit spaltet.«
-
-Sagte ich: »Nun: man träumt im Schlafe und sieht wach.«
-
-Betrachtete er mich erstaunt: »Und der Unterschied?«
-
-Ich konnte es ihm nicht erklären, oder, wie ich besser sage: er stellte
-sich an, als begriffe er nicht, was doch auf der Hand liegt (wie es
-denn immer seine Art ist, Selbstverständliches unverständlich zu
-nennen). Also blieb mir verhohlen, wie das mit der Madonna gemeint.«
-
-Ein andermal: »Fand ihn vor einem gar schändlichen Bilde. War der
-Christ am Kreuze zwischen den beiden Schächern. Es graute mir, als
-ich sah, daß er sich selbst als den Gekreuzigten gemalt hat, aber, so
-dies möglich, noch scheusäliger, als er wahrlich ist. Und war über und
-über voll Blutrunst. Hing ihm aus der Wunde vom Spieße des Lanzknechts
-geronnenes Blut traubendick und von der Schulterwunde wie rote
-Maiskolben. Saß im Brusthaar wie Grind. Hatte sich im Schamtuch ekel
-gesackt. War wie der geschundene Marsyas.«
-
-»Dies ist nicht Jesus,« schrie ich auf, »dies ist der Teufel Oberster,
-den Ihr vor dem Spiegel gemalt!«
-
-Denn ich war sehr zornig. Er aber schien keineswegs beleidigt, sondern
-lächelte und sprach: »Wisset Ihr nicht, da Ihr ja doch auch mit Farb
-und Pinsel hantiert: daß jeglicher nichts malen kann, als sich selbst?
-Wenn ich spreche, so bin _ich_ der Ton; wenn ich sehe, ist's _mein_
-Gesicht; mal ich, so kommt nichts auf die Tafel als immer _ich_. Da
-ich nur ich sein kann, was könnte anderes von mir kommen als ich? --
-Christus! Wer ist das? Immer der, der ihn fühlt, von ihm redet, ihn
-malt. Was schüttelt Ihr Euch und tut entsetzt? Kennt Ihr die Schrift
-nicht? Wisset Ihr nicht, daß er sich allen gegeben hat? Nun: so auch
-mir. Und dieser da (er wies zur Tafel) ist wahrlich der meine, so ganz
-und gar, daß wir beide ein und derselbe sind.«
-
-Daß ich es gestehe: ich bebte vor großem Zorn, und ich rief: »Von
-Sinnen seid Ihr, und ich müßte Euch vors geistliche Gericht bringen,
-wüßte ich nicht, daß Wahnsinn aus Euch phantasiert.« Er fuhr sich durch
-sein stachelig Haar und murmelte etwas, wovon ich nichts verstand als:
-Noch nicht, noch nicht!
-
-Dann sagte er, ganz ruhig: »Mensch! Mensch! Weißt du nicht, daß alles
-Große Wahnsinn ist? Als die Liebe Wahnsinn wurde, schlug man sie ans
-Kreuz. Holla! Seitdem ist sie tot. Nun ist Raum für den Zorn ...
-Doch das versteht Ihr nicht. Sonst würdet Ihr's aus meinem Bilde
-lesen, darauf es deutlicher steht als auf allen anderen Tafeln des
-~crucifixus~. Doch steht es auf allen: selbst den ganz lästerlichen:
-die da lächeln.«
-
-Mit einem Male schien es, als wollte er mir zu Leibe. Er schritt auf
-mich zu, die kleinen Augen so verkniffen, daß die Blicke aus einem
-Schlitze schossen, stieß mir die Faust auf die Brust und schrie: »Tolle
-Hunde haben mehr Gefühl für das Opfer auf Golgatha als Ihr, die Ihr
-aus einem Löwen ein Lamm gemacht habt. Es tut Euch wohl, sein blutiges
-Vließ zu krauen. Es tut Euch wohl, Wasser aus den Augen zu lassen über
-den, der Blut aus seinem Leibe ließ für Euch. Es tut Euch wohl, aus dem
-Größten eine Puppe gemacht zu haben, damit Ihr spielen könnt!«
-
-Ich wollte gehen. Aber er hielt mich fest. Und schleppte mich zu dem
-großen verhangenen Bilde. Dort ließ er mich los und stieß mich in einen
-Stuhl.
-
-Und sprach: »Hast du vernommen, daß nachts Geister kommen, mich zu
-besuchen?«
-
-Ich hatte es vernommen und antwortete so, fügte aber hinzu, daß ich es
-nicht glaubte.
-
-»Es ist!« rief er.
-
-Ich schlug das Kreuz.
-
-»Laßt den Gestus!« sagte er ruhig. »Der Geist, der zu mir kommt, ist
-nicht höllisch. Christus selber ist hier jede Nacht und mit ihm die
-Madonna.«
-
-Gott verzeihe es mir und alle seine Heiligen, daß ich dem Scheusal
-nicht in seine Lästerfratze spie, sondern bloß, aber unerschrocken,
-sagte: Das lügt Ihr!
-
-Da sah er mich groß an und ergriff den Zipfel des Vorhanges und sprach:
-»Knie nieder!«
-
-Ich glaubte nicht anders, als er wollte mich heißen, den Teufel anbeten
-und weigerte mich des.
-
-»Knie!« knurrte er und griff nach dem Dolche.
-
-»Die Sünde kommt auf Euch,« stöhnte ich und ließ mich auf die Knie
-nieder, Gottes Hilfe herbeirufend durch fleißiges Kreuzschlagen.
-
-Als ich die Ringe des Vorhanges kreischen hörte, senkte ich den
-Kopf und schloß die Augen feste, ja nichts zu sehen. Und war des
-Bestimmtesten entschlossen, nicht freiwillig Kopf und Blick zu erheben.
-
-Mir ist, als hätte ich lange so auf den Knien gelegen, die Augen also
-feste zugedrückt, daß vor den geschlossenen goldene Sterne und Scheiben
-tanzten. Auch rann mir Schweiß von der Stirne über die Lider, und es
-war, als wollte er mir die aufbeizen, da er in die Augen drang mit
-seiner Schärfe.
-
-Dies weiß ich jetzt. Da ich aber voller Ängste lag, glaubte ich, es
-fräße höllisches Feuer an ihnen. Und ich wimmerte sehr.
-
-Erst als ich seine Schritte von mir gehen hörte, wurde mir etwas
-mutiger. Ich hob den Kopf, jedoch nach rückwärts gewandt, dorthin,
-wo der Schreckliche nun in einem Stuhle saß und über mich weg zu dem
-Bilde blickte: die rechte Hand über die Augen schirmend, wie Maler ihre
-Tafeln aus der Ferne anzusehen pflegen.
-
-Und er murmelte, als sei ich gar nicht da:
-
-»Es will nicht glühen, wie in der Nacht. Die Purpurspitzen ihrer Brüste
-sind noch tot. Das Fleisch ist viel zu hell. Im Haar zu wenig Brand
-noch. Als meine Hand darüber fuhr, hat es geknistert. Das dort ist
-Werg, nicht Leben. Sonst ... ist ... sie ... schön.«
-
-Er atmete schwer und laut und ließ die Hand sinken. Und merkte nun
-mich, stand auf und schritt schnell her, griff über mich weg und riß
-den Vorhang wieder vor das Bild.
-
-»Steh auf!« herrschte er mich an. »Danke deinem Gotte, daß er dich
-davor bewahrt hat, das zu sehen, was meine schamlose Raserei dir
-enthüllt hat. Denn wisse: auf dieser Tafel ist die Madonna in Wahrheit,
-vom nackten Leben leibhaft, geisthaft hergerissen mit der Brunst meines
-Auges. Würdest du sie gesehen haben, hätten dich diese meine Hände
-erwürgt. Und nun geh und schrei es auf den Gassen aus, daß Samalio
-Pardulus die Madonna nackt gemalt hat, reitend auf einem Zentauren mit
-den Zügen ihres Sohnes, der ihr Bruder ist. Und daß er mit ihr wegsetzt
-vom steinigen Felsen Golgatha über einen Abgrund voller Blut, aus dem
-die Spitzen von Domen ragen zu einem Schlosse von veilchenfarbenem
-Amethystquarz, bewacht von den Tieren der Apokalypse, und daß dieses
-Schloß der Sarg Gottes ist, in dem Samalius wohnt und wacht, daß keine
-Würmer zu ihm kommen.«
-
-Man darf es dem Florentiner glauben, daß er nach diesen »Worten das
-Weite gesucht hat, wie einer, dem der Böse auf den Fersen ist.«
-Trotzdem hat er nicht den Angeber gespielt und seine Erlebnisse
-niemandem vertraut, als den Blättern seines Buches.
-
-Aber auch ohne seine Mithilfe wurde es ruchbar, daß nächtlicherweile
-Unheimliches sich begab auf dem Schlosse im Walde.
-
-Da Samalio nachts niemand bei sich hatte als einen alten halbblinden
-und ganz stummen Diener, so konnten die Gerüchte nicht aus dem Schlosse
-kommen. Sie entstanden in der Stadt selbst, im Hause der Eltern des
-Malers.
-
-Seit diese wegen der bevorstehenden Hochzeit der Tochter zu mächtigen
-Verwandten des Bräutigams nach Rom gereist waren, ging es im
-Palazzo Nacht für Nacht um. Unnötig, all das zu erzählen, was die
-erschrockene Dienerschaft allnächtlich gesehen und gehört haben wollte.
-Übereinstimmend wurde dies berichtet:
-
-Allabendlich, sobald es ganz finster geworden war (man befand sich
-im Dezember, und es war ein nebliges Wetter ohne Mondschein), kam
-den steilsten Steg zur Stadt heran, den sonst nur die Ziegenhirten
-nahmen, ein riesiges schwarzes Pferd, auf dem ein hagerer Mann saß,
-gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem schwarzbärtigen Kopfe einen
-breitkrempigen Kegelhut. Man hätte, wäre nicht der Bart gewesen (und
-das andere, das nur Gespenstern eigen ist), meinen können, es sei
-Samalio. Doch war es sicherlich ein Gespenst, denn aus dem Mantel,
-daher, dorther, und von seinen Schultern leuchteten gelbe Lichter, und
-grüne Lichter liefen neben dem Pferde. Der Wachtturm des Hauses, das
-wie alle Häuser der adeligen Geschlechter mehr eine Burg als ein Palast
-war, stand auf der Stadtmauer, und auf seinem Umgang befand sich, wie
-auf den eigentlichen Mauertürmen, die ganze Nacht hindurch ein Wächter.
-Nur er konnte die Erscheinung verfolgen, sobald sie der Mauer nahe
-gekommen war. Denn die übrigen Fenster des Palastes, der von der Mauer
-etwas abstand, gewährten keinen Blick dorthin. Auch hätten wohl weder
-Männer noch Frauen den Fürwitz gewagt, das Gespenst nahe zu betrachten,
-da es schon entsetzlich genug anzusehen war, wie sich, sobald Pferd
-und Mann in das Schattenbereich der Mauer gekommen waren, die gelben
-Lichter aus dem Mantel und von den Schultern des Mannes in die Lüfte
-erhoben und das Haus zu umschwirren begannen, während die grünen
-Lichter in weiten Bogen den Raum vor dem Turm umkreisten. Aus dem
-Wächter war nichts herauszubringen als das eine: Der Mann im schwarzen
-Mantel schritt durch das geschlossene Turmtor, ohne daß sich dessen
-Angeln drehten. Als er aber das erste Mal gekommen sei, habe er ihm
-folgendes gesagt: Mein Anblick tötet dich. Ich schone dich, solange du
-allein wachst. Erblicke ich dich mit Kameraden, so bist du wie sie des
-Todes. Daher sich niemand herbeidrängte, dem Wächter Gesellschaft zu
-leisten. Auch hütete sich im Hause ein jeder wohl, die Augen aufzutun,
-solange »der Schwarze« darin war. Der Wachthund, ein riesiges Tier, war
-am Morgen nach dem ersten Erscheinen mit durchbissener Kehle gefunden
-worden. Das Gespenst blieb stets nur ganz kurze Zeit im Palast. Seine
-Anwesenheit machte sich lediglich durch ein sonderbar tappendes
-Geräusch von vielen Schritten, wie von Kindern, die ein Mann begleitet,
-merkbar. Kaum, daß dieses Geräusch vorüber war, konnten die Mutigeren
-von ihren Fenstern aus Pferd, Reiter und Lichter im Walde verschwinden
-sehen: in der Richtung zum Waldschlosse Samalios.
-
-Messer Giacomo, der nicht im Palast wohnte, sondern ein kleineres Haus
-in der Mitte der Stadt angewiesen erhalten hatte, berichtet alles
-dies vom Hörensagen nach Erzählungen der Dienerschaft. Da er es für
-angebracht hielt, einen reitenden Boten nach Rom zu senden, um die
-Herrschaft von dem unheimlichen Wesen zu unterrichten, aber nicht ohne
-die Meinung der Tochter des Hauses handeln wollte, der er überdies
-Schutz und Beistand bei so schreckhaften Umständen anzutragen sich
-verpflichtet glaubte (denn alle oberen Hausbediensteten waren mit auf
-der Reise), so begab er sich zu Maria Bianca:
-
-»Ich fand das edle Fräulein,« so schreibt er, »gegen alle Erwartung
-heitern Sinnes, obgleich sehr blaß und trotz des Lächelns in den
-schönen Augen, gleichsam wie eine Kranke, welche die Tröster trösten
-will. Sie scherzte über das Gerede des Gesindes und sprach: Ich habe
-wahrlich keine Furcht vor dem Gespenste: so wenig, daß ich meine
-Kammerfrau, die früher bei mir schlief, aus meinem Schlafzimmer getan
-habe. Das alles sind nur Torheiten, und es ist nicht wert, darüber zu
-sprechen, geschweige denn einen Boten aufs Pferd zu setzen. -- Auf
-so bestimmte Meinung des gnädigen Fräuleins hin unterließ ich die
-Botschaft.«
-
-Nach seinem letzten, schreckhaften Besuche bei Samalio indessen
-überkam ihn doch aufs neue Angst, zumal von Bauern aus der Umgebung
-des Waldschlosses schon früher aufgetauchte Gerüchte bestätigt worden
-waren, es ginge auch dort Absonderliches vor: mit seltsam singenden
-Stimmen und einer sonst nie wahrgenommenen bunten Helligkeit hinter
-den Fenstern. Und er ging nochmals zu Maria Bianca. Er schreibt
-(mit zitternden Händen, wie er vorausschickt): »Was habe ich sehen
-müssen! Schlimmeres als eine Kranke. Ihre Augen leuchteten wie im
-Fieber und sie entsetzten mich, da ich sah, daß sie jetzt denen des
-Ungeheuers gleichen. Sie ist ganz verändert und dennoch so schön wie
-je. Aber anders. Gott verzeihe mir den Frevel, daß ich so denke und
-es hinschreibe: Ihre Schönheit ist schamlos worden. Wie das? Wie darf
-ich so Unmögliches denken? Jedoch: ich sah es. Mit diesen Augen sah
-ich den gleißenden Wurm in ihren Augen. Und wenn alle Heiligen um
-mich her stünden, und alle ihre Martern mich bedrohten, und alle ihre
-Seligkeiten mich zurückschreckten vor jedem unbedachten Wort, -- ich
-muß es sagen (und schrecke doch zusammen, wie ich es nun schreibe),
-sie hat den verruchten Stolz der großen Huren im Blick. So brennen
-die Lippen keiner Keuschen. Keine reine Jungfrau liegt so im Gestühl.
-Selbst in ihrer Stimme ist nicht Unschuld mehr. Es ist eine bebende,
-wollustnachzitternde Reife in ihr, die wie eine schamlose Offenbarung
-des Geheimsten ist. Da ist Sättigung und Begierde, aber etwas Drohendes
-und doch Verzweifeltes ist dabei. Ich suche vergeblich, es in Worte zu
-fassen. Die toskanische Sprache, reich genug wie wir wissen, Himmel und
-Hölle zu malen, scheint unvermögend, diesen Triumph voller Qual, dieses
-Beben aus erfülltem Stolz auszunennen. -- O, ich konnte wohl alle meine
-Fragen und Berichte, derentwegen ich gekommen war, für mich behalten,
-denn ich wußte auf einmal alles: Nicht törichtes Geschwätz der
-Gesindestuben ist dieser Spuk, der sich hier begibt und dort erzeugt
-wird: ist Wahrheit, furchtbare, schändliche, höllische Wahrheit. Das
-Ungeheuer drüben, unvermögend, diesen Engel blutschänderisch selbst zu
-gewinnen, hat sich mit der Hölle verbündet, ihr den Inkubus zu senden,
-und dem ganzen Teufel gelang, was dem halben mißlingen mußte. Der Engel
-ist gefallen: eine Teufelshure richtet sich auf im verfluchten Stolze
-der Wollust. In diesem Hause wohnt die geile Pest der Hölle, gesandt
-von jenem Scheusal, das durch den Anblick einer reinen Schönheit zum
-Wahnsinn und vom Wahnsinn zum Frevel aller Frevel getrieben wurde:
-zur Zauberei. -- Wie groß ist doch die Macht des Bösen! Als sie
-mich anlächelte und mit einem seltsam vollen Tone von scheinbarer
-Sorglosigkeit sagte: »Nicht doch, Messer Giacomo, bei meinem Bruder
-sind so wenig höllische Geister wie hier, und es tut wahrlich nicht
-not, die Eltern zu erschrecken,« da war ich einen Augenblick selber im
-Netze des Teufels und gedachte wiederum, die Botschaft sein zu lassen.
-Aber siehe, der Böse verrät sich schließlich doch: Denn es kamen noch
-die Worte (gewiß aus widerwilligem Mund, denn ich sah, daß er bebte):
-Das Schicksal ist weder aufzuhalten noch zu beschleunigen. Es erfüllt
-sich, wenn es zeitig ist. -- Ich verbeugte mich, nahm Urlaub und ging.
--- Der Bote ist auf dem Wege. Wär' ich bei besseren Kräften, ritte
-ich selbst. Denn es ist wahrlich besser, im Sattel zu sitzen und auf
-unsicheren Straßen Tag und Nacht zu reiten, als hier zu sein, wo sich
-so Schreckliches begibt und noch Entsetzlicheres vorbereitet.«
-
-Folgt ein Gebet zu allen Heiligen und ein Spruch zur Abwehr der Dämonen.
-
-Aus den weiteren Aufzeichnungen des Florentiners ergibt sich dies:
-
-Die Eltern schickten den reitenden Boten sofort mit der Anzeige zurück,
-daß sie sich unverweilt auf die Rückreise begeben würden. Diese
-Botschaft, mündlich gefaßt, erging an die Tochter und kam zu später
-Abendstunde an. Das Gesinde, sehr erfreut darüber, benachrichtigte
-sogleich Messer Giacomo, der sich auf der Stelle in den Palast begab,
-am Morgen des folgenden Tages gleich zur Stelle zu sein. Maria Bianca,
-statt ihn vorzulassen, ließ ihm sagen, er habe sich übel um ihre
-Eltern verdient gemacht. Wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er sich
-stille halten und seinen Fürwitz nicht weiter treiben. Er schloß sich
-erschreckt in sein Zimmer ein. Kaum eine Stunde später begab sich das
-Übliche. Nur, wie die Dienerschaft erklärte, heftiger, lauter als
-sonst. Man hörte das Fräulein stöhnen und eine heisere Mannesstimme.
-Türen fielen ins Schloß, ein gräßlicher tierischer Laut fauchte heulend
-auf und ging in ein wütendes Wimmern über, das lange anhielt. Es schien
-aus dem Schlafzimmer des Fräuleins zu kommen.
-
-Der ›Inkubus!‹ dachte sich Giacomo und schlug, solange es erklang, das
-Kreuz. Endlich ward es still, aber niemand wagte sich aus seinem Zimmer.
-
-Am frühen Morgen schon kam die Herrschaft an. Die Nebel hatten sich
-noch nicht gehoben. In den Korridoren des Palastes lag dämmeriger
-Halbschein. Der Vater befahl eine Laterne und begab sich, wie er ging
-und stand, im Reisepelze zum Zimmer Maria Biancas, denn er hatte der
-ungewiß enthaltenen Botschaft entnommen, daß sie krank sei von dem
-Spuke. Messer Giacomo, in dessen Ohren noch immer das gräßliche Wimmern
-klang, führte die ganz erschöpfte und geängstigte alte Dame. Die
-Dienerschaft drängte hinterdrein.
-
-Ein paar Schritte vor der Tür machte der Graf halt und wandte sich an
-Giacomo: »Ihr habt mir nicht alles gemeldet. Es steht schlimmer. Warum
-kommt sie uns nicht entgegen?«
-
-»O mein Gott,« seufzte die Gräfin und schritt am Grafen vorbei zur Tür.
-
-»Nicht doch, nicht doch!« bat Messer Giacomo. »Nicht hinein!«
-
-»Sagt alles,« befahl der Graf.
-
-Der Florentiner trat nahe an ihn heran und flüsterte: »Es ist unmöglich
-zu sagen. Ich kann nur bitten, schlagt das Kreuz und laßt mich
-vorangehen.«
-
-Der Graf sah ihn groß an. »Ins Schlafzimmer meiner Tochter? Seid Ihr
-von Sinnen?«
-
-Messer Giacomo rang die Hände und flüsterte noch leiser: »Sie ...
-schämt sich nicht mehr.«
-
-Der Graf hob die rechte Faust -- und ließ sie schlaff sinken. Dann
-winkte er der Dienerschaft zurückzubleiben und stöhnte: »Wenn Ihr die
-Wahrheit gesagt habt, töte ich sie, habt Ihr gelogen, töte ich Euch.«
-
-Er griff nach seinem Dolche und tat einen Schritt voran.
-
-Die Gräfin hatte indessen ihr Ohr an die Türe gelegt und gebot mit der
-Hand Schweigen. »Mir ist, ich höre sie röcheln.«
-
-Sie klopfte leise an die Türe.
-
-Ein sonderbares Knurren wurde vernehmbar.
-
-»Der Inkubus,« schrie Messer Giacomo auf und wandte sich wie zur Flucht
-um. Der Graf packte ihn beim Handgelenk und zwang ihn zur Tür. »Öffnet!
-Und sei's mit Gewalt!« Giacomo drückte auf die Klinke. Die Türe tat
-sich auf.
-
-Das Zimmer war ganz dunkel. Nur am Fenster glomm etwas Leuchtendes,
-wie wenn das Licht des Morgens aus zwei Löchern durch die vorgezogene
-schwere Samtgardine bräche.
-
-»Da ... da ... dort sitzt er!« stöhnte Giacomo und bekreuzte sich.
-
-In diesem Augenblicke flogen die zwei hellen Punkte in einem großen
-Bogen durch das Zimmer über die Köpfe der Eingetretenen hinweg --
-hinaus. Gleich darauf erhob sich, während die drei, von Entsetzen
-gepackt, am Türpfosten Halt suchten, im Korridor Geschrei und Gekreisch
-der Dienerschaft, überschrillt von einem langgezogenen wütenden Geheul,
-das dann in Fauchen überging und schließlich knurrend zu verröcheln
-schien. Dann hörte man das Gesinde die Treppe hinabpoltern und die
-Treppentüre zuschlagen.
-
-Der Graf kam zuerst zu sich. Er ging zum Fenster und riß die Gardinen
-auseinander. Das Zimmer war leer. Das Bett hinter den geschlossenen
-Vorhängen unberührt.
-
-»Wo ist sie?« stöhnte die Gräfin auf und sank vor dem Bett zusammen.
-
-Der Graf sah Messer Giacomo fragend an.
-
-Der flüsterte, mit dem Kopf zur Türe: »Das war sie ... die Hexe.«
-
-»Licht!« schrie der Graf den Korridor hinaus.
-
-Niemand kam.
-
-»Sie fürchten sich. Wer fürchtete sich hier nicht?« murmelte der
-Florentiner.
-
-»Was könnte ich noch zu fürchten haben,« murmelte tonlos der Graf und
-schritt zur Türe.
-
-Links neben der Tür stand am Boden die Laterne. Er hob sie hoch. Ihre
-Verrahmung und die ausgeschnittene Ornamentierung der Haube warfen
-ein Rankennetz von Schatten an Decke und Wand. Da die Hand des Grafen
-zitterte und die Laterne sich in der Handhabe drehte, war es ein
-huschender Tanz von Schatten und Licht. Da fiel aus der größten Scheibe
-ein gelber Schein auf etwas Geducktes, Schwarzes in einer Ecke.
-
-Der Graf ging unsicheren Schrittes darauf los, machte das Zeichen des
-Kreuzes und murmelte: »Bist du es?«
-
-Das Wesen, nun wieder verschattet, duckte sich noch mehr zusammen und
-knurrte tückisch.
-
-Da ergriff den Greis eine wahnsinnige Wut. Er riß den Dolch aus der
-Scheide und warf sich mit dem ganzen Gewichte seines Körpers vornüber
-auf das Dunkle, den Dolch voran. Er fühlte einen heißen Hauch in
-seinem Gesicht und heißes Blut über der Faust. Wild packte er mit
-beiden Händen zu, und zwischen seinen eingekrallten Fingern verreckte
-eine riesige Wildkatze. Er trug sie, die Hände weit vor sich gestreckt,
-keuchend zum Zimmer und warf den noch zuckenden Leib auf das Bett Maria
-Biancas. Dann kniete er nieder, schlug die blutigen Hände vors Gesicht
-und betete -- für die Seele seiner Tochter.
-
-Die Gräfin lag ohnmächtig vor dem Bett. Auf ihre Stirn tropfte das Blut
-des Tieres.
-
-Messer Giacomo schreibt: »Auch ich hatte schier die Besinnung verloren.
-Das Herz saß mir im Halse. Ich fühlte sein Pulsen im Hirn. Vor meinen
-Augen war ein roter Dampf. Ich weiß nicht: war das das Blut, das mir
-so heftig zusetzte, oder höllische Vortäuschung. Durch das rote Dunkel
-hindurch sah ich die Augen des Teufeltieres verlöschen: und es waren
-genau die Augen Maria Biancas. Ihr letzter Blick, voller Wut, galt mir.
-Ich wehrte dem Bösen mit dem Kreuze und kniete gleichfalls nieder, für
-die arme Seele zu beten. Dann trugen wir, der Graf und ich, die edle
-Dame in ihr Gemach, beide im Herzen dankbar, daß sie nicht zu sich kam.
-Darauf erzählte ich dem unglücklichen Vater alles, was ich wußte. Wer
-etwa Zweifel daran gehegt hätte, daß der aus altrömischem Heldenblute
-stammte, der würde sich jeglichen Zweifels daran wohl begeben haben
-angesichts der Größe und Festigkeit, mit der der Graf nach Anhörung
-meines Berichtes nichts weiter sagte als: »So bleibt mir nur noch
-übrig, auch ihn auszutilgen.«
-
-Er ließ für sich, Giacomo und zehn Knechte satteln, setzte, für den
-Fall, daß er im Kampfe mit dem Zauberer zu Tode kommen sollte, sein
-Testament auf, sein ganzes Vermögen der Kirche vermachend, tauchte
-Schwert und Dolch in geweihtes Wasser und ritt langsam mit seinen
-Begleitern zum Walde. Rechts von ihm ritt Messer Giacomo, links der
-Turmwächter. Dieser, sonst der Mutigste unter allen Dienern des Grafen,
-wankte schier im Sattel und war entstellt von Angst und Grauen. Sein
-Gebieter sprach ihm Mut zu, aber je näher sie dem Schlosse kamen, um so
-unsteter wurde sein Blick, um so blasser sein Gesicht.
-
-Wie sie des Schlosses ansichtig wurden, das im fahlen Lichte eines
-sonnenlosen Tages dastand, wie aus glanzlosem Blei, graubläulich,
-gleichsam tückisch, hieß der Graf alle von den Pferden steigen und
-niederknien zu beten. Dann, als sie wieder im Sattel saßen, mußten
-sie die Schwerter ziehen, sie steil gerade vor sich halten als
-Kreuzeszeichen und die Hymne singen:
-
- Wir ziehen aus, zu streiten
- Für Jesu Christ,
- Der unserm tapfern Reiten
- Unsichtbar Führer ist,
- Seine Fahne, schneeweiß,
- Kyrieeleis,
- Wird uns zum Sieg geleiten.
-
-»Es war uns allen,« schreibt der Toskaner, »ausgenommen den alten
-Herrn, wie ich anbetrachtlich des Funkelns in seinem Aug', glaube,
-nicht gar mutig zu Sinne. Aber das Lied, wie es aus uns drang, umgab
-uns gleichsam mit dem Atem tapferer Erzengel. Als wir vor dem Tore
-hielten, sah ich, daß alle Knechte wacker rote Wangen hatten, bis auf
-den Wächter.«
-
-Da das Tor verschlossen war (wie auch alle Fenster, die Läden
-vorhatten), schlug der Graf mit dem Knaufe seines Schwertes daran und
-rief: Im Namen des Dreieinigen, öffne!
-
-Statt der Antwort erfolgte ein harsches, gaumiges Röcheln. Dann
-klirrten Schlüssel, die Türflügel kreischten in den Angeln, und aus
-der Öffnung trat der alte Diener, sogleich in die Knie sinkend und
-beide Arme ausbreitend. In seinem qualvoll aufgerissenen Munde sah man
-die schwere Zunge wie im Krampfe zucken, während im Gaumen wieder die
-entsetzlichen nach Ausdruck ringenden Laute röchelten. In den blinden
-Augen lag leer, grau der Widerschein des dunstigen Himmels.
-
-Der Florentiner berichtet: »Obgleich der Erbarmungswürdige weder mit
-dem Munde noch mit den Augen zu sprechen vermochte, verstanden wir ihn
-doch alle gleich und wußten, daß das Scheusal tot war.«
-
-Der Graf winkte den Knechten, zurückzubleiben und gebot dem Stummen,
-ihn und Giacomo zur Leiche zu führen. Der aber warf sich lang auf die
-Erde bin, als ob er sich mit den Händen in sie einkrallen wollte.
-
-»Da wußten wir,« schreibt Giacomo, »daß uns noch Schlimmeres
-bevorstand, etwas, das selbst den entsetzte, den Blindheit davor
-bewahrt hatte, es sehen zu müssen.«
-
-»Ich möchte es Euch, Messer Giacomo,« sagte der Graf, »gerne ersparen,
-mich zu begleiten. Aber, seht, mich wandelt jetzt Furcht an, da ich
-mich doch nicht davor gefürchtet habe, den zu töten, der das Leben von
-mir hatte. O mein Gott, warum begnadigst du mich nicht mit Blindheit!
-Furchtbares zu tun, hat für den Edlen keinen Schrecken, wenn Not und
-Pflicht gebietet. Aber es gibt Dinge von einem Antlitz, dessen Ahnung
-schon auch den Tapfersten zur Flucht scheucht. Doch es muß geschehen.
-Ich muß mit diesen Augen sehen, was mein Herz schon weiß. Messer
-Giacomo, die Sünde braucht den Teufel nicht. Wenn Ihr Euch jetzt noch
-vor höllischen Geistern fürchtet, so sage ich Euch: Ihr könnt ruhig mit
-mir gehen. Wenn Ihr aber dem Grauen nicht gewachsen seid, das von der
-verfluchten Natur ausgeht, aus der wir alle sind, so sage ich Euch:
-Laßt es mich allein ertragen, der ich es muß, weil ich mit meinem Blute
-daran schuldig bin.«
-
-Der Florentiner, der diese Worte so berichtet, fügt hinzu: »Auch
-jetzt, da ich dies mit Besonnenheit aufzeichne, verstehe ich es
-nicht, geschweige denn, daß ich es verstand, als ich es vernahm. Der
-Böse, dessen augenscheinliches Werk mein armer edler Herr von jenem
-Augenblick an leugnete, hat ihn verwirrt. Gelobt sei Gott dafür, daß er
-wenigstens meinen Geist vor Verdunklung schützte.«
-
-Die beiden gingen durch dunkle Korridore, dunkle Treppen hinauf zu dem
-großen Turmgemache, das Giacomo als Werkstatt des Malers kannte, und wo
-er mit Recht vermutete, daß sie seine Leiche finden würden.
-
-Lassen wir ihn berichten: »Ich schritt voraus und hob den ledernen
-Vorhang auseinander, daß der Graf eintreten konnte. Er ging aber
-nicht mit mir ins Zimmer, sondern hielt sich rechts und links mit der
-Hand am Türvorhang fest. Ich hörte, wie sein Atem ging, und war froh,
-dies Leben zu hören, denn es kam nun das schwerste Grauen von allem
-über mich, so, daß ich nicht mit Schritten zu gehen wagte, sondern,
-keinen Fuß hebend, mich gleichsam füßlings über den Teppich vorwärts
-tastete. Da stieß ich mit den Knien gegen etwas Weiches an und bog mich
-behutsam darüber, die suchenden Hände vorstreckend. Nie vordem habe
-ich gewußt, daß das furchtbarste Grauen, das der Mensch empfinden kann,
-in den Fingerspitzen wohnt. Alle Qual der Furcht, des Entsetzens, das
-sich gleichsam zurücksträubt und doch wie eine willenlose Last langsam,
-fürchterlich langsam und dennoch unabwendbar, vorwärts wuchtet, saß
-knäuelhaft, wie geduckt zusammengerollt unter meinen Fingernägeln,
-die mir (doch war das sicherlich Blendwerk) zu leuchten schienen.
-Dies alles währte kaum die Dauer eines Atemzuges und war dem Gefühle
-nach eine Ewigkeit -- bis der Augenblick kam, da die Qual gleichsam
-in die Wut umschlug, sich selber ein Ende machen zu wollen, und sei
-es durch noch Schlimmeres. Ich warf mich vornüber und flog mit einem
-grauenhaften Schrei zurück. Meine Hände hatten zwei nackte, schauerlich
-kalte Frauenbrüste gefühlt, mein warmer Mund einen kalten berührt.
-
-Ich taumelte bis zum Vorhang zurück und keuchte: »Die Hexe! Dort!«
-
-Der Graf drängte mich beiseite und murmelte: »Ich wußte es.« Dann,
-ein paar Schritte vorwärts tuend, lauter: »Ich bitte Euch, laßt Licht
-herein. Ich fühle die beiden, und es verlangt mich nun sie zu sehen.«
-Er schien ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem nicht mehr. Ein Knarren
-verriet mir, daß er auf einen Stuhl getroffen war, in den er sich
-niedergelassen hatte.
-
-Ich tastete mich die Wand entlang zum Fenster, um ja nicht beim
-Durchschreiten des Zimmers nochmals in Berührung mit einem der beiden
-verfluchten Leiber zu kommen. Denn noch immer rann ein schaudervolles,
-eisiges Entsetzen durch meine Adern. So voller Grausen war ich und
-gleichsam angstbeflissen, daß, als des Grafen Hand an der Seite der
-Stuhlwange herabglitt, ich beim Hören des leisen, schürfenden Tones
-zusammenknickte, für einen Augenblick nicht anders vermeinend, als es
-sei ein Seufzer aus toten Lippen.
-
-Endlich war ich beim Fenster angelangt und fühlte die Quaste der
-Vorhangschnur in meiner Hand. Ich brauchte meine ganze Kraft zu der
-geringen Arbeit, die Gardine sich teilen zu lassen: so völlig erschöpft
-war ich. Um aber das Fenster und den einen Laden zu öffnen, bedurfte
-ich der Hilfe des Gebets. Ich rief laut die Madonna an, mir beizustehen.
-
-Da hörte ich einen greulichen Fluch. War da mein alter, edler, frommer
-Herr, der über die Reinste der Reinen das schmutzigste Wort spie?
-
-Wollte Gott, ich dürfte noch glauben, daß er der Satan selber war, wie
-ich es damals glaubte. --
-
-Ich riß Fenster und Läden auf, indem ich, ohne mich umzuwenden, schrie:
-»Fleuch hinaus, Geist der Finsternis! Weiche, weiche, weiche von uns,
-Fürst der Hölle!« Und legte meine Stirn aufs Fensterbrett, nochmals
-zu beten. Der feuchte, kalte Wind aus dem Walde strich mir übers Haar
-und weckte mich gleichsam aus dem wohltätigen Schlummer der Andacht,
-die mich aber doch so weit gestärkt hatte, daß ich spürte, es sei
-geraten, mich diesem Luftstrome nicht länger auszusetzen. Ich wandte
-mich um, vermied es aber wohl, dorthin zu blicken, wo ich die beiden
-Leichen vermutete. Doch sah ich den Grafen. Er saß in dem flammrot
-seidenen hochlehnigen Stuhle des Malers, den ich wohl kannte mit seinen
-goldeingewirkten Zeichen einer fremden heidnischen Schrift. Steif
-angelehnt saß er, ganz regungslos; auch die Arme und Hände, gerade
-hingelegt auf die Armlehnen, rührten sich nicht im mindesten. Man hätte
-meinen können, er sei tot.
-
-Nur die Augen lebten. Lebten gierig.
-
-Und es waren die Augen des Scheusals.
-
-Mir war, als starrten diese selben Augen überall her: kalt glühend
-durch das kalt graue Morgenlicht. Sie glotzten kugelig von den Buckeln
-der kupfernen Wandleuchter, blinzelten verkniffen aus allen Facetten
-der Gläser und Flaschen auf dem Kredenzbord, schossen blitzende Blicke
-von den Spitzen der Degen, Dolche, Hellebarden an der Wand, lauerten
-tückisch in allen Falten der Vorhänge.
-
-Ich sah wohl, daß der Böse sich nicht hatte bannen lassen durch meine
-Gebete, und bald mußte ich es auch hören.
-
-Denn er sprach aus dem Grafen wie folgt: »Ihr mußtet sterben, um mich
-fühlen zu lassen, wie verwandt ich euch bin. Mit meinem Blute habt ihr:
-mein Blut hat in euch gesündigt. Wie dürfte ich verdammen, da ich, ob
-auch mit Grauen, verstehe? Der Tod ist ein mächtiger Lehrer. Ich habe
-die Hölle verlernt vor seinem Grauen. Sie ist nicht hinter dem Tode,
-ist vor ihm: in diesem Leben, das kraft heiliger Gesetze verbietet,
-wozu der unheilige Geist treibt, der in unseren Adern glüht. Ich habe
-ihn stets gebändigt. Und durfte wohl stolz darauf sein: denn mein
-ganzes Leben hat sich dem Gesetze geopfert. Aber siehe, mein Blut hat
-sich gerächt: mein Opfer war unnütz und ein frommer Frevel. Ich durfte
-rein bleiben, weil diese da alle meine Unreine in sich nahmen. Wo ist
-da Gott? Wo ist da Teufel? Ich sehe, daß ihr sehr elend und von aller
-Heiligkeit ausgeschlossen wart: Verworfene vor allen Menschen; und
-doch überkommt mich der Glaube, daß euer Leben völliger war als das
-meine, und euer Tod freier und stolzer als der der Frommen, doch noch
-im letzten Augenblicke um Vorteil handeln. Ihr seid in einer großen
-Gewißheit dahingegangen nach großen Sünden; ich aber, der Fromme,
-bleibe voller Zweifel hier und fürchte, daß ich weder selig noch
-unselig sterben kann.«
-
-Selbst die Stimme, in der dies sprach, war nicht des Grafen Stimme. Sie
-hatte einen vollen, zuversichtlichen, tapferen Ton gehabt. Was hier
-klang, war wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Es war, als schwebte
-er nicht durch die Luft, sondern er glitte von den Lippen, rönne über
-Kinn und Brust, tropfte den Stuhl hinab zum Teppich, kröche über diesen
-weg zu den beiden.
-
-Mir aber gruben sich die Worte, wie matt sie auch klangen, mit einer
-magischen Gewalt ein, so daß ich sie zu jeder Stunde wiederholen
-könnte, wie ich sie jetzt gleichsam unter dem Diktate des Satans
-niedergeschrieben habe. (Ich wage es, die Wahrheit zu sagen, in diesem
-Augenblick nicht, hinter mich zu blicken, denn ich weiß: in dem Bilde
-des heidnischen Ahnherrn dieser nun erloschenen Familie, das ich selber
-nach einer alten Tafel im Palaste hier auf die Wand übertragen habe,
-stehen jene beiden Augen. Ich weiß es, denn ich fühle ihren Blick als
-einen dumpfen Druck am Nacken.)
-
-Immer noch starr geradeaus schauend, wandte sich der Graf nun in seinem
-alten, nur etwas müderen Tone mit diesen Worten an mich: »Seht Ihr, wie
-schön sie ist, Messer Giacomo?«
-
-Antwortete ich: »Nein, Herr. Gott verhüte, daß ich meine Blicke zu
-diesem Greuel wende. Die Hexe ist nackt.«
-
-Sprach er, nicht zornig, aber gestrenge: »Laßt dieses Torenwort und
-sprecht mit Achtung von meiner Tochter. Nackt ist sie, aber so schön,
-daß nichts Schamloses an ihrer Nacktheit ist. Auch ist sie tot, und nur
-im Lebendigen ist Sünde und der Schatten der Sünde: Scham oder Unscham.
-Ich sehe sie an wie ein Werk des Meißels, den der Tod geführt hat, und
-ich denke zurück an meine jungen Tage, da ich mich nächtens mit einer
-Fackel in den Keller schlich, wo in einer Ecke die Madonna der Heiden
-stand, zu der meine Ahnen einst gebetet haben: Frau Venus. Doch diese
-hier ist schöner. Ich denke mir: Sie wurde so schön, weil meine Jugend
-unter jenem Venusstern stand. Die Göttin, deren Bild ich mit eigener
-Hand zerschlug, als der Geist des Gesetzes von mir Besitz ergriffen
-hatte, hat sich gerächt, indem sie aus meinem Blute ihr schöneres Bild
-gestaltete. Glaubt nur, Messer Giacomo, die Götter der Heiden sind
-nicht tot. Sie leben in unserem Blute, und aus unserem Blute leben sie
-immer aufs neue auf in sichtbarlicher Nachgestalt. Der Schatten des
-Kreuzes ist doch nur ein Schatten, der sich nach der alten Sonne drehen
-muß. Ihr blickt noch immer nicht hin?«
-
-»Da sei Gott vor!« antwortete ich bestimmt.
-
-Er aber sprach: »Ihr tut mir leid. Dieser Anblick, vor dem auch ich
-mich gefürchtet habe vor wenigen Minuten noch, und es ist seitdem
-doch eine Fülle von Zeit verstrichen, reicher als mein ganzes armes
-Leben in heiliger Finsternis -- dieser Anblick ist kein Schrecken:
-ist klare, ruhige, wohl feierliche, aber nicht gestrenge Offenbarung.
-Mein schönes Kind liegt auf dem Ruhebette, wie es von Venus erschaffen
-ward. Der rechte Arm ruht unter dem Haupte, die linke Hand im Haar des
-Bruders, meines häßlichen Kindes, das, vor dem schönen niederkniend,
-den selbstgerufenen Tod erwartet hat. Er trägt einen Mantel aus dunkel
-veilchenblauem Sammet und auf dem Haupte einen Dornenkranz. Ihr wendet
-Euch ab und seid empört. Mir selber tat der Anblick weh, denn es
-dünkte mich unwürdig, gleich einem Schauspieler in den Tod zu gehen,
-Großes nachäffend. Doch weiß ich es besser, seitdem mich das Bild,
-vor dem sie gestorben sind, belehrt hat, daß er nicht als Mime starb,
-sondern als Maler. Auf diesem Bilde sind die Farben noch feucht an
-dem Kopfe mit der Dornenkrone, und es ist, als ob die Blutstropfen
-lebendig herunterrönnen aus dem krausen Haar über die gelben Wangen.
-Er hat sich die Dornen ins Haupt gestoßen, dieses Blut fließen zu
-sehen, aber mehr noch zur Aufgeißelung der Kraft, die auch äußerlich
-fühlen wollte, was sie innerlich ergriffen hatte. -- Ihr wißt, daß
-es mir immer zuwider war, ihn die Kunst des Malens wie etwas treiben
-zu sehen, das mehr ist als vornehmer Zeitvertreib. Daß ich es Euch
-gestehe: Ich verachtete ihn darum, und er war mir seiner Kunst wegen
-noch abscheulicher als wegen seiner Häßlichkeit und düsteren Art. Nun
-lehrt mich dieser Morgen, mit dem eine helle Nacht für mich anbricht,
-auch dies: daß Kunst, mit diesem Stolze heroischer Hingabe ausgeübt, zu
-den größten Menschendingen gehört, zu denen, die über alle Tiefen und
-Nebel hinwegtragen, wie dieser zentaurische Christus die nackte Madonna
-hinwegträgt vom Felsen des Todes über qualmige Städte zur Festung
-Einsamkeit. -- Ich will, hört mich wohl: Ich will in diesem Hause meine
-Tage beschließen und auf diesem Lager sterben vor diesem Bild, das dann
-wie alles andere von der Hand meines Sohnes mit meinem Leichnam zu
-den Leibern meiner Kinder eingegraben werden soll in den Fels dieses
-Berges. Immer und immer will ich es sehen, wie ihre linke Hand in
-das blutige Haar des Christus-Zentauren greift, dessen blutrünstiges
-Antlitz sich ihr in schmerzlichster: seligster Liebe zuwendet. Ihre
-holden, gütigen, mutigen, aller Liebe vollen Augen sollen auch mir
-hinüberleuchten zu jener Ruhe, die Gott selber bewacht.«
-
-Kaum daß der Graf geendet hatte, drang Gemurmel und Schrittgestampf vom
-Gange her in den Saal, und die Stimme eines Knechtes bat um Einlaß.
-
-Der alte Herr erhob sich ruhig, löste seinen Pelzmantel von den
-Schultern und legte ihn über die Toten. Dann zog er den Vorhang vor das
-Bild und rief mit seiner alten Stimme des Befehlensgewohnten gebietend:
-»Tretet still herein!«
-
-Sogleich verstummte Gemurmel und Gestampf. Die Knechte traten gebückt
-ins Gemach, vor sich her den Wächter schiebend, der gefesselt war und
-vor dem Grafen in die Knie sank.
-
-»Geht,« befahl der Herr den übrigen, und dem Knienden: »Steh auf und
-sprich!«
-
-Der erhob sich und murmelte: »Ich wollte fliehen, Herr, weil ich
-mitschuldig war an dem Schrecklichen, und will nun alles eingestehen.«
-
-Der Graf legte ihm eine Hand auf die Schulter und ergriff mit der
-anderen die gefesselten Hände des Wächters. Und sprach: »Ich weiß. Doch
-niemand außer dir und mir soll wissen, denn dieser (und er wies auf
-mich) sieht nicht mit sehenden Augen und wird auch die anderen heilsam
-blind machen. Du aber sollst zu keinem Menschen mehr reden, sondern mit
-mir eingeschlossen bleiben in diesem Hause. Die Leichen meiner Kinder
-im Felsen zu begraben, soll deine erste Arbeit sein; deine letzte: mit
-meinem Leichnam dasselbe zu tun. Dann sollst du dieses Schloß besitzen
-mit allem, was darin ist.«
-
-Der Wächter, diesen Spruch so wenig begreifend wie ich, der ich aber
-längst die Besessenheit des Grafen erkannt hatte, beugte sich stumm
-über die Hand seines Gebieters und küßte sie.
-
-Mir blieb nichts mehr zu tun übrig, als um Urlaub zu bitten für immer
-und zu fragen, welche Botschaft ich der Gräfin bringen solle.
-
-Die Antwort war: »Sag meiner Gattin, daß sie mir willkommen ist, wenn
-sie sich stark genug fühlt, mit mir bei den Dämonen zu hausen. Niemand
-weiß ja über diese so gut Bescheid, wie Ihr. Wie ich sie kenne, wird
-sie es vorziehen, sich in den Schutz der anderen Madonna zu begeben.
-Und sagt ihr, wenn sie Euch dies kundgibt, von mir, daß sie recht
-daran tut und daß es mich beruhigen wird, sie in dem besten Schutze zu
-wissen, darin sich ein Mutterherz ausruhen kann. Ich weiß, sie wird für
-mich beten. Sagt Ihr auch das. Und fügt von mir noch dies hinzu: daß
-ich ihr ehrerbietig und mit dem ganzen Reste von Liebe dafür danke, den
-ich für Lebendiges noch fühlen kann.« Obwohl ich dank der Klarheit, die
-sich immer mehr in mir ausbreitete, sehr wohl begriff, daß das Gütige
-und Wahre in diesen Worten keineswegs ein Zeichen etwa aufdämmernder
-Vernunft, sondern nichts als spöttische Verstellung des Teufels war,
-der diesen Geist völlig verwirrt hatte, mußte ich mich doch, mehr
-unbewußt als mit Fleiße, gleichfalls auf die Hand des Unglückseligen
-beugen. Meine Lippen fühlten, daß sie ganz kalt war.
-
-Ich ritt mit den Knechten im schnellsten Galopp zur Stadt. Der Nebel
-hatte sich gehoben. Als ich mich, wir mochten etwa zwei Bogenschüsse
-weit geritten sein, umwandte, sah ich das Schloß im hellsten
-Sonnenlichte über dem schwarzen Walde gleichsam höhnisch leuchten.
-
-Morgen geleite ich die Gräfin nach Rom ins Kloster. Dort will ich auf
-bessere Zeiten warten, daß ich nach Toskana zurückkehren kann.
-
-Zum Danke für meine Rettung aus der grausamen Gefahr, gleich meinem
-edlen alten Herrn in die Verstrickung des Teufels zu fallen, habe ich
-heute gelobt, nie wieder einen Pinsel zur Hand nehmen. Die Kunst ist
-die schlimmste Schlinge des Bösen.«
-
-
-
-
-Annemargret und die drei Junggesellen.
-
-Nebst einem Vorwort von den Raubrittern und dem Segen der Aufklärung.
-
-
-Eine äußerst dunkle Zeit das Mittelalter!
-
-Eine äußerst unmoralische Gesellschaft die Raubritter!
-
-Es ist ja wahr: unsere Gardekavallerieoffiziere stammen meistens von
-ihnen ab. Aber auch sie müssen heutzutage so viele Examina machen,
-daß wir mit Genugtuung konstatieren können: die Wurzelbürste der
-allgemeinen Bildung hat sie bürgerlich moralisiert, und kein ehrsamer
-Zivilist braucht sich mehr vor ihnen zu fürchten. Ja: sie selber weinen
-nun viel Druckerschwärze über die schlechten Sitten ihrer Vorfahren
-und sind gar sehr betrübt darüber, daß in ihren Familien solche Sachen
-passiert sind.
-
-Was für Sachen! Ah: was für Sachen! Man möchte wirklich manchmal daran
-zweifeln, daß unsere heutigen lieben glatten Herren von, auf und zu die
-richtigen Nachkommen dieser unmoralischen Rauhbeine sind, die solche
-Sachen gemacht haben.
-
-Denn, um das gelindeste Wort zu brauchen: _saftige_ Kumpane sind sie
-gewesen, diese Herren von Eisenbeiß auf Eisensteiß, und rund um sie
-herum war nicht der Exerzierplatz, nicht das Bureau, sondern der dicke,
-dunkle Wald.
-
-Der gehörte ihnen; den hatten sie lieb. Aber die Städte und die Städter
-konnten sie nicht leiden.
-
-Was da in engen Gassen herumkroch, war ihnen ein übel tugendhaft
-Gesindel: einzeln feig, in Masse frech; geschäftig und geschwätzig;
-krummbucklig und scheelsüchtig; krittlich und profitlich; in allen
-Dingen nach der Elle gerichtet und abgemessen; eingepackt in
-Sippschaften und Zünfte; klettentreu zusammengefilzt und miteinander
-verbacken in Schmutz und Schweiß und schmieriger Biederkeit.
-
-Sie dagegen, die edlen Herren vom spitzen Sporn und Stegreif, die
-Junker Schlagdrauf, Greifzu, Haltfest, fühlten sich als Einzelne,
-Eigene, Freie, und es schien ihnen ihr gutes Recht zu sein, die Säcke
-der Krämer in ihre Kammern zu leeren, obwohl es die Obrigkeit nicht
-guthieß.
-
-Denn die Obrigkeit konnten sie auch nicht leiden, außer wenn sie selber
-Obrigkeit waren.
-
-Man ersieht aus alledem, wie ungebildet die Raubritter gewesen sind.
-
-Hätten sie Schulbildung genossen gehabt, so würden sie sich ohne
-weiteres haben sagen müssen, daß das so auf die Dauer nicht fortgehen
-konnte, und daß sie sich mit einem solchen Betragen für alle Zeit in
-der Weltgeschichte ein miserables Renommee schaffen mußten. So ist es
-auch gekommen. Die Tugend hat gesiegt; überall herrscht Ordnung und
-Gesetz; jede Körperverletzung wird unnachsichtig bestraft; wer seinen
-Mitbürger an seinem Eigentum schädigt, kommt, mit oder ohne Wappen,
-hinter Schloß und Riegel: und die ganze gebildete Menschheit hat alle
-Ursache, jene abscheulichen Zeiten höchst verächtlich zu finden, mit
-sich aber sehr zufrieden zu sein.
-
-Nur Degenerierte und Dichter (was auf eins hinausläuft) sind imstande,
-an diesem Chorus der Freude nicht mit teilzunehmen. Sie allein vermögen
-es auch, dem Raubrittertume noch einigen Geschmack abzugewinnen.
-
-Es muß da irgendeine Verwandtschaft bestehen. Vielleicht war das
-Raubrittertum eine Art angewandter Lyrik? Vielleicht ist Lyrik eine Art
-verhindertes Raubrittertum? Wie es auch sei: dem tüchtigen Bürger sind
-beide gleich unsympathisch, und dieser Umstand beweist allein schon,
-daß sie irgendwie zusammengehören.
-
-Da mir an meiner Reputation gelegen ist, und da ich nicht wünsche, daß
-die Geheimrätin X. und der Schuhmachermeister Y. sich darauf einigen,
-mich für einen verspäteten Raubritter zu halten, darf ich nicht
-unterlassen, hier zu erklären, daß ich nicht zu jenen Raubritterpoeten
-gehöre, daß ich, wie sehr auch der Anschein gegen mich sprechen mag, im
-Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte bin, und daß ich mit der kleinen
-Geschichte von Annemargret und den drei Junggesellen keineswegs das
-abscheuliche Ziel verfolge, zum Mädchenraub aufzufordern.
-
-Diese Geschichte ist vielmehr durchaus moralischer Natur und beweist
-aufs klarste, daß das Mittelalter wirklich finster war.
-
-Stellen Sie sich vor, sie spielte nicht damals, sondern heute. Würde
-sie mit Mord und Totschlag endigen? O nein! Es gäbe ein niedliches
-kleines viereckiges Verhältnis; nichts weiter: wie es sich für
-anständige junge Leute aus guter Familie ziemt, schickt und paßt.
-
-In Wahrheit hat sie sich auch so begeben, und Annemargret fährt heute
-auf Gummirädern. Ich habe sie erst gestern Unter den Linden gesehn.
-
-Seien wir stolz! Seien wir heiter! Es lebe die Aufklärung.
-
-
-Und nun die Geschichte.
-
-Es waren einmal drei junge Junggesellen, recht adelige Burschen:
-nämlich Söhne eines alten Raubritters.
-
-Der war aber tot und lag mit seiner Frau, der weiland Raubritterin, in
-seinem Erbbegräbnisse tief im Walde. Sein Wappen, ein behelmter Wolf,
-der eine dreigespaltene Zunge sehr rot und im zierlichsten heraldischen
-Schnörkelschwunge aus dem raffzähnigen Rachen bleckte, lag in Stein
-gehauen über ihm; und das war gut, denn damit war die Sicherheit
-gegeben, daß der alte Raubritter den Landfrieden, den er dem Tode hatte
-schwören müssen, auch wirklich hielt. Es wäre ihm schon zuzutrauen
-gewesen, daß er auch noch als Gerippe auf Krämer ausgeritten wäre.
-
-Seine drei Söhne: Welf, Ralph und Rolf, besorgten das ja auch, aber
-doch nicht mit der ganzen väterlichen Leidenschaft. Sie taten es
-nur berufshalber und wenn die Münze ausging, nicht aus Sport und
-innerlichem Bedürfnis. Die Jagd war ihnen vergnüglicher, und sie
-hetzten den Bären lieber als den Juden.
-
-So lebten sie recht angenehm bewegt in ihrem alten Schlosse am Walde,
-tranken sowohl roten als auch weißen Wein in beträchtlichen Mengen und
-aßen vielen saftigen Braten dazu, den ihnen ihre alte Haushälterin,
-die ehr- und tugendgeachtete Jungfrau Barbara, genannt das Reibeisen,
-gar vorzüglich am Spieße zu braten verstand.
-
-Aber eines Tages, gerade, als sie einen Rehrücken am Spieße hatte und
-emsig drehte, sagte sie plötzlich ohne ersichtliche Ursache: Mein
-Jesus, Barmherzigkeit! fiel hin und war tot. Der Rehrücken verbrannte,
-der Brandgeruch, erst ganz angenehm, dann schon mehr unlieblich, stieg
-bis ins Turmgemach, wo Welf, Ralph und Rolf sich eben die Würfelknochen
-unter erklecklichen Flüchen ins Gesicht schmissen, und lockte die
-Brüder zur Küche.
-
-Da wurden sie sehr traurig, als sie das Reibeisen tot auf dem
-Steinboden liegen sahen, schlugen hastige Kreuze und fluchten
-mörderlich.
-
-»Wer soll uns nun kochen und braten!« rief Welf.
-
-»Sie konnte es so schön knusperich!« klagte Ralph.
-
-»Und dennoch blieb er innen saftig!« bemerkte Rolf.
-
-»Du mußt jetzt den Spieß drehen!« entschieden Welf und Ralph, die
-beiden ältesten, indem sie sich zu Rolf, dem jüngsten, wandten.
-
-»Ich werde euch den Spieß in den Bauch rennen!« bemerkte dieser
-gelassen.
-
-Darauf prügelten sie sich eine Weile mit Hingebung.
-
-Aber damit war die Dienstbotenfrage nicht erledigt.
-
-Da kam Welf'n ein guter Gedanke: »Laßt uns eine Köchin aufheben!«
-
-»Ha!« riefen die anderen und umarmten ihn, »_das_ ist eine _Idee_!«
-
-»Legen wir uns an den Kreuzweg am Unkenteich, wenn die Dorfdirnen zur
-heiligen Urschel paternostern gehen!« schrie Welf, der entschieden der
-Taktiker unter den dreien war.
-
-»Ha!« riefen die anderen, »das ist _wieder_ eine Idee!«
-
-»Machen wir aber schnell, denn ich bin hungrig!« brüllte Welf mit
-ritterlichem Ungestüm.
-
-»Los!« brüllten die anderen.
-
-Und sie stiegen in die Rüstkammer, schnallten sich die Harnische um,
-ergriffen die gewaltigen Schlachtschwerter, vergaßen auch nicht die
-dicken Streitkolben, setzten sich die Helme mit den Wolfsrachen aufs
-lockige Haupt und schwangen sich auf die ebenso mutigen wie dicken
-Rosse.
-
-Hei, wie wieherten die, als es im Donnersaus über die Zugbrücke ging
-und dann am Walde entlang zum Unkenteiche!
-
-Der alte Christoph, der einzige Knecht, der den dreien nicht
-davongelaufen war (weil er Rheumatismus hatte und nicht laufen konnte)
-und der nun alle männlichen Ämter bekleidete, die es auf einer
-rechtschaffenen Ritterburg gibt, zog die Zugbrücke wieder hoch und
-knurrte in seinen grauen Bart: Wenn sich wenigstens einer von den
-dreien den Hals brechen wollte!
-
-Dann ging er hin und wunderte sich, daß das alte Reibeisen tot war.
-
-Unterdessen lagen die drei Junker hinter den Kreuzwegbuchen am
-Unkenteiche und ließen die Weiblichkeit des Dorfes Sankt Ursula Revue
-passieren, die in die Kapelle zum Rosenkranz ging.
-
-Es waren aber meistens alte Weiblein, die da mit dem Rosenkranz
-vorbeihumpelten, und die drei hatten auf dem Hinritt beschlossen, keine
-Alte zu fangen. Denn, wie Rolf sehr richtig bemerkt hatte: Eine Alte
-stirbt bald, und dann haben wir gleich wieder Wechsel. Und sich ewig an
-neue Köchinnen gewöhnen müssen, ist lästig.
-
-Eine Junge also! Den Spieß drehen und Betten machen kann schließlich
-jede, und die richtige Reibeisentradition wollen wir ihr schon
-beibringen.
-
-Aber, wie nun auch Junge vorüberkamen, setzten sie doch ihren Gäulen
-nicht sogleich die Zinken ein und fuhren drauflos, sondern es gab über
-jede ein kritisches Gewispere und mancherlei Aussetzungen hinter den
-Buchen;
-
-Zu dick!
-
-Zu dürr!
-
-Läuft über die große Zeh!
-
-Zu braun!
-
-Zu blaß!
-
-Hat scheelen Blick!
-
-Hat keine Brust!
-
-Watschelt!
-
-Zu lang!
-
-Zu kurz!
-
-Krummbein!
-
-Schiefmaul!
-
-Knollnase!
-
-Satthals!
-
-Pinkel im Gesicht!
-
-Leberfleckig!
-
-Warzenacker!
-
-Und so, streng kritisch, immerfort, daß man hätte meinen sollen, es
-handele sich hier gar nicht darum, eine Köchin zu rauben, sondern eine
-künftige Burgherrin für Wolfsturm.
-
-Da kam aber eine, in einem kurzen, roten Rock mit schwarzem Mieder, aus
-dem, um einen vollen, weißen Arm, die weißen Hemdärmel sauber blitzten:
-und die gefiel allen dreien offenbar ganz über die Maßen wohl. Sie
-hatte ein frisches, rundes Gesicht, mit ein Paar allerliebsten,
-lachenden Augen darin, die schwarz und funkelnd waren wie reife
-Brombeeren. Schwarz und glänzend war auch das volle Haar, das in einem
-dichten Kranze doppelt ums Hinterhaupt ging. Dazu wohlbeschlagen im
-Mieder, kräftig im Gehwerk, kurz: nett ganz und gar und etwa achtzehn
-Jahre alt.
-
-»Die!« stieß Welf hastig hervor.
-
-»Ha!« stieß Ralph nach.
-
-»Los!« kommandierte Rolf.
-
-Und, heissa, heidi, klapp, klapp, klapp! brachen die Gäule aus dem
-Unterholz und sperrten den Weg.
-
-»Jesusmariaundjos...!« schrie die Kleine auf und guckte erstaunt die
-Geharnischten an.
-
-»Halt!« donnerten die drei Junker.
-
-»I steh ja schon!« antwortete das Mädchen und zog trotzig die Lippen
-hoch. »Was soll i denn noch?!«
-
-Viel Furcht hatte der Balg nicht.
-
-»Aufs Pferd zu mir!« schrien die grimmigen Brüder.
-
-»Auf alle drei Pferd?« antwortete das Mädchen und lächelte dazu.
-
-»Auf _mein_ Pferd!« brüllte jeder einzelne und preschte vor.
-
-Das Mädchen ließ den Rosenkranz fallen und flüchtete hinter einen Baum.
-So, einstweilen sicher, drehte sie den drei Gaulgebietern himmlisch
-vergnügt eine Nase.
-
-»Kommst vor!?« drohte Welf.
-
-»Kommst her!?« drohte Ralph.
-
-»Wart Balg!« rief Rolf, sprang vom Pferde, packte das Ding, hob's in
-den Sattel, sprang nach und sauste davon, gerade wie die beiden anderen
-abgesprungen waren.
-
-Die kletterten, unsäglich fluchend, wieder aufs Schlachtroß und
-galoppierten, Pferdenase an Pferdenase, hinter dem Flüchtigen drein,
-der in einer Weise lachte, daß sich die ältesten Eichen nicht
-erinnerten, je ein solches Lachen gehört zu haben.
-
-An der Zugbrücke, die der alte Christoph natürlich wieder nicht
-rechtzeitig hochgezogen hatte, trafen sich die drei.
-
-Das mindeste, was Welf und Ralph vorhatten, war, den schnöden Rolf
-ans Brückentor zu nageln. Die Schwerter hatten sie schon heraus und
-fluchen taten sie auch, wie es der Situation angemessen war. Aber Rolf
-war nicht geneigt, sich annageln zu lassen. Er zog gleichfalls blank,
-warf den Gaul herum und legte aus. Dazu brüllte er gewaltig, und, da
-die beiden anderen nicht weniger brüllten, so gab es einen richtigen
-Raubritterspektakel.
-
-Das paßte der Kleinen aber gar nicht. Sie hielt sich beide Ohren zu
-und schrie in das Getöse: »Ob ihr gleich stille seid?! Wenn ihr euch
-erstechen wollt, so laßt mich wenigstens vorher in die Burg!«
-
-Da sanken den dreien die Schwerter.
-
-Richtig! Darauf kam's ja am Ende bloß an: daß die Kleine in die Burg
-kam.
-
-Schlump! fuhren die Klingen in die Scheiden, und Hahaha! und Hohoho!
-lachten die Reisigen, daß den Rossen ganz übel im Bauch wurde von der
-Erschütterung.
-
-Die Kleine aber sprang vom Pferde, schüttelte die zerknillten Röcke,
-rieb sich ein bißchen in der Gegend, die den Sattel gefühlt hatte, und
-rief: »Also gut, ihr unverschämten Junker, jetzt geh' ich in eure Burg.
-Da mag's nett aussehen! Na, ich bin bloß gespannt, was ich da drinnen
-soll, in dem alten Wolfszwinger.«
-
-»Braten, Jungfer, hahaha!«
-
-»Betten machen, hohoho!«
-
-»Strümpfe stopfen! Wämser flicken!«
-
-»Weiter nichts? Das kann ich gut und noch viel mehr.«
-
-Mit diesen Worten schritt die kecke, kleine Bestie über die Zugbrücke,
-als hätte sie zeitlebens keine andere Schwelle gekannt, zupfte den
-alten Christoph, der völlig Glasaugen gekriegt hatte vor blödem
-Staunen, am Bart, ging, während die zwölf Hufe über die Brücke
-donnerten, geradeswegs zum inneren Burghofe, guckte sich gelassen um
-und rief: »Ja so! Wieviel Lohn krieg ich denn?«
-
-»Einen Dukaten für den Braten!« lachte Welf.
-
-»Zwölf Batzen fürs Schüsselauskratzen!« lachte Ralph.
-
-»Zehn Groschen für die süße Goschen!« lachte Rolf.
-
-Mit der zufriedenen Heiterkeit, die sich nach wohlgetanen Werken bei
-allen Menschen von frisch zugreifender Sinnesart einzustellen pflegt,
-sprangen die drei jungen Junggesellen von ihren Pferden, griffen,
-hübsch einer nach dem andern, dem Mädchen unters Kinn und fragten:
-»Jetzt aber: wie heißt die Jungfer!«
-
-»Annemargret, wie sie geht und steht, die die Betten macht und den
-Bratspieß dreht.«
-
-»Ich weiß noch einen Reim drauf!« erklärte Rolf.
-
-»Na?«
-
-»Die mit dem Junker ins Be...«
-
-Aber da hatte er auch schon einen derartigen Klapps auf dem Munde, daß
-er einstweilen das Reimen sein ließ.
-
-Klappse, die der eine kriegt, stimmen die andern heiter. Das war auch
-schon in den alten Raubritterzeiten so. Und deshalb ist es kein Wunder,
-daß Welf und Ralph sich jenes Mal vor Lachen so weit bogen, als ihre
-Harnische zuließen, während sich Rolf unterm Schnurrbarte rieb und
-etwas unwirsch bemerkte: »Racker verdammter!«
-
-Indessen war Annemargret aber schon in der Küche verschwunden, und aus
-allerlei Geräuschen konnten die drei Brüder entnehmen, daß das resolute
-kleine Mädchen bereits dabei war, die so jäh unterbrochene Tätigkeit
-der seligen Barbara aufzunehmen.
-
- * * * * *
-
-Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten
-einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, daß es im
-Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete
-Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn
-Annemargret war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht
-überlegen. Vielleicht _machte_ sie den Braten nicht gerade besser als
-die am Bratspieß selig Entschlafene, aber, daß er besser _schmeckte_,
-daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt
-ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in
-Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten,
-kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller
-von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man
-sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein
-versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es
-von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist.
-
-Vielleicht war Barbara das bessere Gemüt, die frommere Seele gewesen:
-aber so aufbetten wie Annemargret hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert
-hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß
-der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen,
-das Leintuch glattgebreitet wurde -- wenn nur immer der Schlaftrunk
-handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen
-Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man
-auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte
-und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins
-Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz
-gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche
-Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich
-gefallen ließ, daß die Lederwämse Nähte in den Wolfsturmschen Farben,
-blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die
-geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge
-getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms
-waren. Annemargret hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten
-und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen
-lassen -- lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden
-Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte
-Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben
-worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen
-Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten
-früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte.
-
-Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime
-wirklich behaglich fühlte.
-
-Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber
-unentbehrliche Mädchen.
-
-Da Annemargret die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war,
-eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und
-Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu
-fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgendeinem Herzoge drohte,
-der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargret selber recht
-schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei
-Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen
-angeborenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden,
-sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden
-Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das
-Wolfssturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu
-versprechen, zu verheißen und zuzusagen.
-
-Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe
-von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich
-damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten
-nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch,
-daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein,
-Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitige -- womit
-denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent
-nicht mehr existierte.
-
-Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber.
-
-Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie
-Mandelöl.
-
-Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen.
-
-Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere
-Hantierung.
-
-Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein
-vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf,
-der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die
-große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber -- sang.
-
-Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte
-stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen,
-gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime
-auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des
-Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab.
-
-Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den
-Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walter von der
-Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Bein. Doch gehörte
-das eine Beinpaar der Annemargret. Auch dichtete und sang er in
-dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum
-poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung
-des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung
-auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit
-dienlichen Stellen, Gleichklangsstudien unter Zugrundelegung des
-Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest
-aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen.
-
-Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in
-praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin
-von Wolfsturm klarzumachen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen
-würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit
-Wölfen und Bären Stelldicheins hatten.
-
-Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug
-auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch,
-in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und
-wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er
-mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns
-Hirschen lüstete.
-
-Derlei Reden, hin und her geschleudert wie Jagdspieße, trübten den
-Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargret
-so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor
-wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen
-geblieben.
-
-Aber, ei, wie war Margretlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn
-die anderen draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch
-mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war.
-
-Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel
-zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand
-sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefüge Ding im Arm,
-das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von
-Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und
-flüsterte: »Lieb's Welfle du, was bist du stark!«
-
-Ralph aber kriegte sein Teil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort,
-wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen,
-saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven
-Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so
-nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm
-wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang,
-wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist du g'schmeidi!«
-
-So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margretenkorbe und lachte
-heimlich die anderen aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner
-wußte, daß _ein_ Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin
-es nur einzuteilen weiß.
-
-Ein bißchen dumm waren die drei jungen Junggesellen schon, wie man
-sieht. Aber was will man bei so ungenügenden Volksschulverhältnissen,
-wie sie in den Raubritterzeiten herrschten, anders verlangen? Es war
-halt das finstre Mittelalter.
-
-Also: gut ging's im allgemeinen. Es kriegte jeder sein Annemargretisch
-Teil, und, ein paar Verdachtswolken abgerechnet, die sich hier und da
-über dem Haupte Rolfs gleich schwarzen Kutteln himmlischer Riesenkühe
-zusammenzogen, trübte nichts die verliebte Selbstsicherheit jedes
-einzelnen.
-
-Ralph blies bereits schelmische Triller auf der Klappentrompete, Welf
-verübte ganz virtuos leidenschaftliche Donnerwetter der Liebe auf
-der Kesselpauke, und Rolf hatte ungefähr sämtliche Reime beisammen,
-die die deutsche Sprache auf et hergibt. Es wurde fast idyllisch auf
-Wolfsturm und sämtliche Bewohner dieses adeligen Sitzes, Christoph und
-die gewaltigen Streitrosse nicht ausgenommen, setzten einigermaßen Fett
-an.
-
-Da kam das Schicksal in Ritterstiefeln und trat alles entzwei.
-
-Es war ein schöner, klarer Herbsttag und die Weinlese eben vorüber.
-
-Welf saß oben auf dem Geländer des Turmumgangs und guckte aus.
-Plötzlich rief er in den Hof hinab, wo Margaret eben die drei Paar
-Ritterstiefel im Brunnentrog spülte: »Ralph und Rolf: wo stecken die
-Junker!?«
-
-»Im Keller und klopfen die Tonnen ab, wieviel noch Wein drinnen.«
-
-»Ha, das ist gut, bei meiner Seel'! Ruf sie herauf!«
-
-Annemargret schickte ein gutes Blickchen empor, das mit
-eisengepanzerter Kußfaust sehr ritterlich erwidert ward, beugte sich
-zu einer allerliebsten Rundung zusammen, daß Welf beim Anblick der
-kühn ausgebogenen Hinterfülle vor Entzücken stöhnte und rief mit süßer
-Stimme ins dunkle Kellerloch: »Junkerchen, herauf! Der Welf hat was!«
-
-Ralph und Rolf traten gebückt aus der niederen Kellertür und schrien
-zum Turm: »Hallo, was ist?«
-
-»Gewimmt[3] ist! Die Bauern fahren das Praschlett[4] zur Stadt.«
-
- [3] Tirolisch für Weinlesen.
-
- [4] Die Maische.
-
-»Alle Teufel und Satansbrut!« rief Ralph -- »schon?«
-
-»Ei freilich! Es ist die Zeit! Ihr ließt wohl alles den Krämern in die
-Löcher fahren, säß ich nicht hier und guckte aus. Wie steht's in den
-Tonnen?«
-
-»Nieder!« antwortete Rolf. »Die Traminerin klingt hohl wie deine Pauke.«
-
-»Und den Malvasier kann eine junge Katze auslecken,« fügte Ralph hinzu.
-
-»So denn mit Eilen in Stiefel und Sattel und hurtig Ersatz geschafft!«
-
-Welf schwang sich vom Gelände und polterte die Treppe herab.
-
- »Her die Stiefel, Annemargret,
- Her die Stiefel, eh es zu spät!«
-
-sang anmutigen Eifers voll der nie um Reime verlegene Rolf.
-
-»Sind alle noch naß!« gab die zurück.
-
-»Was schiert mich das!?« reimte Rolf entgegen und fuhr in die
-patschnassen Lederhöhlen.
-
-Indessen brüllte Ralph nach den Pferden, rumorte Welf im Waffengelasse,
-klirrte Christoph mit den Zaumketten, klapperten die Gäule aus dem
-Stalle, lachte und kicherte Margret. Kurz: Wolfsturm machte mobil.
-
-Wie die drei glücklich im Sattel saßen und den Schlußtrunk genommen
-hatten, den Annemargret jedem erst annippen mußte, ehe sie ihn dem vom
-Gaul Gebeugten in die Eisenpfote gab, wurde der Kriegsplan gemacht.
-
-»Ich reit auf die Traminer!« erklärte Welf.
-
-»Ich hol' den süßen von Margreid!« entschied sich Ralph.
-
-»Ich will mich hinter Urschel nach Schilcher[5] umtun!« gab Rolf kund.
-
- [5] Schillerwein, halb weiß, halb rot.
-
-Aber Annemargret protestierte: »Nix hinter Urschl! Urschl hat's
-schriftlich! Ihr seid mir die Nettern!«
-
-»Ho, die Urschl-Margret, hohohoho!« lachten die drei.
-
-»Also reit ich anderswohin auf den Schilcher, daß uns Annemargretlein
-nit sauer wird, die Urschlerin!« erklärte Rolf. »Bleibt sie uns dann
-süß?«
-
-»Süß allen dreien!« lachte das Mädchen und stemmte die Arme in die
-Seiten, fest und keck wie eine flinke Bäuerin.
-
-»Fallt's mir fei' mit ins Praschletschaff«[6], fügte sie hinzu, wie die
-Junker abritten.
-
- [6] Maischbottich.
-
-Dann stand sie noch lange und blickte den nach drei Richtungen
-auseinandersprengenden von der Mauer aus nach und ließ jedem ihr
-Tüchlein zuwehen, wenn er sich umwandte und ihr mit der gepanzerten
-Faust winkte.
-
-Sind doch alle drei recht liebe Junker, dachte sie sich. Jeder hat was
-besonders Liebes. Der Welf ist wie ein Bär so kräftig und grimmig. Huh,
-wie er zupackt! Schier blaue Flecke gibt's und ist doch gar lieb. Der
-Ralph ist nicht so ganz stark, aber hitzig. Küßt er, ist's wie ein Biß,
-und der Atem geht einem aus vor lauter Schönsein. Aber der Rolf hat
-was gar Zart's und Fein's und kann reden, daß man die Augen zumachen
-muß, -- so lieblich schwatzt er. Wenn er so leise um die Hüften greift,
-geht's kitzlich überallhin, als wenn jed's Blutströpfel im Leibe lachen
-sollt'. Lacht auch jed's. -- So ist's mit allen dreien, wundergut in
-Heimlichkeit. Möcht' keinen missen. Muß aber immer fein schlau und
-achtsam sein. Hu, wenn der eine mich mit dem anderen säh. Das gäb böses
-Getu.
-
-So sinnierte sie aufs angenehmste vor sich hin. Dann ging sie aufbetten.
-
-Wie sie mit den Junkerbetten fertig war, dachte sie sich: Will doch
-heut die dreie mit dem Wein im Putz überraschen! Und ging in ihre
-Kammer, den Sonntagsstaat anzulegen.
-
-Schon damals, in den wilden Raubritterzeiten, zogen sich hübsche
-Mädchen gerne aus und an, und, wenn die Spiegel auch gar klein und
-trübe waren, sie sahen sich doch gern darin. Es war also das Anziehen
-eine liebliche Beschäftigung für die Kleine, und als sie ihre Röcke von
-sich hatte und im kurzärmeligen Leinenhemdchen dastand, da drehte sie
-sich wohl viele Male vor dem Spiegel hin und her und betrachtete sich
-selber mit viel Aufmerksamkeit, Ernst und Genugtuung.
-
-Da, plötzlich ging die Kammertür auf, und Junker Rolf stand auf der
-Schwelle.
-
-Aber nicht lange. Denn kaum hatte er das Mädchen in dieser auch für
-Junker besonders lieblichen Verfassung gesehen, da war er mit einem
-Satze bei ihr und umfing sie mit den geharnischten Armen.
-
-»Hu, bist du kalt!« rief sie erschrocken aus, die über der Kälte dieser
-eisernen Umarmung ganz vergessen hatte, daß sie sich erst schämen mußte.
-
-Aber auch ihm war das Eisen jetzt unbequem. Hastig entschiente er
-sich, und krach, bumm, knirr flogen die Harnischteile von ihm, und er
-stand im Lederwamse. Es ging viel schneller als sonst mit dem alten
-Christoph.
-
-Nun war es gar nicht mehr kalt, wie er sie umfing.
-
-Eine Weile hatten die Lippen mehr zu tun, als zu reden.
-
-Dann aber fragte Margret: »Ja, aber, daß ich das Pferd nicht auf der
-Brücke gehört hab'! Und wo ist denn das Praschlet?«
-
-»Draußen angebunden das Pferd! Praschlet mögen die anderen bringen!
-Du bist mir lieber, als aller Wein! Du, mein rotweißer Schilcher und
-süßer Malvasier! Lieb's Ding im Rock, viel lieber noch im Hemd! Du! Du!
-Du! Oh, was du weiß und weich bist! Dräng dich, drück dich, leg dich
-mir nah! O du mein Wein von Ursula! Du heiße, weiße, voll und rund!
-Gib deinen Mund! Gib deinen Mund! Und wieder, wieder! Gretlein, mein
-Mädlein!«
-
-Sie aber sagte nichts und küßte bloß.
-
-Da: Treppengepolter. Da: Rasseln vor der Tür. Da: krach eine Faust
-wider das Türgetäfel.
-
-Rolf sprang auf und sprang zur Tür, -- g'rad vor die Brust Welfs, der
-sie eben aufgerissen hatte.
-
-Ein Heulen wie aus Wolfsrachen, ein Stoß mit der geschienten Faust vor
-Rolfs Brust. Der taumelt zurück, bückt sich, sucht sein Schwert.
-
-Aber schon wirft sich, mit beiden Fäusten sein Schwert nach unten
-stoßend, Welf über ihn und rennt dem Gebückten den Stahl durch den
-Rücken.
-
-Starr saß Annemargret im Hemd auf dem Bett und hielt kindängstlich die
-Finger an den Mund.
-
-Jetzt ... kommt ... das Schwert ... zu mir ...
-
-Welf zog das Schwert aus dem verröchelnden Leibe, warf es nieder und
-stellte sich vor der Starrenden schnaufend auf.
-
-»Dich ... drossl' ich ... so ...«
-
-Er streckte die auseinandergekrallten Eisenfinger nach ihrem Hals.
-
-Sie sank vom Bett und kniete vor ihm bettelnd nieder.
-
-»Lieb's Welfle, stark's, sei gut ...!«
-
-Und nimmt die beiden eisernen Hände und legt sie sich auf die
-hochgehende Brust und lächelt.
-
-»Du! ... Du! ...«
-
-Er hebt sie hoch auf und wirft sie aufs Bett, und nimmt sie wieder hoch
-und preßt sie wütend, klammernd an sich, und nimmt sie wie ein Kind auf
-den Arm und trägt sie in der Kammer herum und schluchzt und brummt und
-küßt sie und erdrosselt sie halb vor Grimm und Liebe.
-
-»Heioh! Heioh! Der Süße von Margreid! Zehn Yrn[7] und gutgemessen!
-Heioh Margret, für dich der Süße von Margreid!«
-
- [7] Altes Tiroler Weinmaß.
-
-Ralph hielt im Burghofe neben einem Parschletfuder, das zwei geknebelte
-Knechte eben eingeführt hatten.
-
-»Für dich der Süße von Margreid! Da, schau Margret!« schrie Welf und
-trat mit dem Mädchen auf dem Arm ans Fenster.
-
-»Was tust du da!« brüllte Ralph, bebend vor Zorn, als er das sah.
-
-»_Meine_ Margret! _Meine_ Margret!« brüllte Welf. »Willst du sie auch
-noch? So komm und hol sie.«
-
-Mit einem Satze sprang Ralph vom Pferde und die Treppe hinauf.
-
-Welf setzte Margret aufs Bett, hob sein Schwert auf und stürzte hinaus.
-
-Draußen auf der Treppe rasselten sie aneinander. Brüllen. Fluchen.
-Schnaufen. Gepolter. Ein Schrei.
-
-Ralph rollte, erschlagen, die Treppe hinunter.
-
-»Hahahaha! Hahahaha; Annemargret, jetzt sind wir allein! Geh in den
-Keller und hol, was noch im Fasse ist! Ei, geh immer im Hemd! Sollst
-mir fürder im Hemde gehn! Denn so hab ich dich doppelt lieb, du mollig
-Ding!«
-
-Annemargretlein -- lächelte und ging. Mit beiden Händen den Humpen
-tragend kam sie wieder.
-
-»Trink an, mein Schätzel!«
-
-Sie nippte und bot ihm den Humpen. Er nahm einen langen Zug.
-
-»Nun lös mir die Riemen und nimm mir die Schienen ab ... So, mein liebs
-Ding ... Und küsse mich auch! ... So, mein liebs Ding! ... Und setz
-dich mir auf den Schoß! ... So, mein liebs Ding! ... Ei, ist es nicht
-besser zu zweit? ... Sag's, mein liebs Ding!«
-
-»Ja ...«
-
- * * * * *
-
-Nun lagen Ralph und Rolf draußen im wilden Walde bei ihrem Vater, dem
-alten Raubritter, im Erbbegräbnis, und die ehrsame Steinmetzzunft der
-Nachbarschaft hatte Arbeit, ihnen das Wappen auf ihren Grabplatten
-auszuhauen. Das Blut auf der Treppe und in Margrets Kammer war zwar
-nicht so leicht abzuscheuern, aber man sah es bei der Dunkelheit, wie
-sie in Raubritterburgen gewöhnlich herrschte, auch nicht eben sehr, und
-überdies war Margret ausquartiert.
-
-Somit wäre also alles gut gewesen, und es blieb eigentlich nur noch
-die Fahrt zum Heiligen Grabe übrig, die Welf, um nicht unliebsames
-Aufsehen zu erregen, doch wohl unternehmen mußte. Denn, wenn auch
-die Polizei damals zu wünschen übrigließ, wenn es sich um ritterliche
-Familienangelegenheiten handelte, so hatte der Beichtstuhl doch seine
-Prinzipien, und _alles_ ließ sich am Ende nicht mit ein paar Messen
-oder auch Stiftungen abmachen. Aber es hatte ja Zeit.
-
-Indessen kam es böser.
-
-Zuerst kam Welf bloß unter den Pantoffel.
-
-Das war nicht angenehm, ließ sich aber doch ertragen, denn Welf
-war sehr verliebt, und Annemargret ließ es an nichts fehlen, diese
-Verliebtheit immer warm zu erhalten.
-
-Aber eine Weile hin, und sie kriegte Launen.
-
-Und das war schlimmer. Denn Unfriede in der Liebe geht auf die Nerven
--- sogar bei raubritterlichen Junkern, denen selbst ein paar eilige
-Brudermorde noch lange keine Nervenzustände zuziehen. Das Schmollen
-bald und bald Zanken, das Kammertürverriegeln und Beichtevorschützen
-und dann wieder das Gebettel: »Geh, ein Ringlein ins Ohr, ein Kettlein
-um'n Hals, ein seiden Fürtüchel, ein Paar rote Schuh! ...« Hol's der
-Teufel und sein schwänzig Gesinde!
-
-Indessen: man ritt halt öfter auf die Krämer; man wetterte mal und
-brüllte sich aus; tat dann auch wieder recht fein und lieblich um den
-Balg, und schließlich war der am guten Ende auch wieder fein, und es
-schmeckte die Liebe um so süßer, wenn vorher der Zank recht sauer
-geschmeckt hatte.
-
-Aber eines Tages, just, als es anfing kalt zu werden und Welf die
-Fenster mit Moos ausfütterte, kam Annemargret, ein Bündel in der Hand,
-auf ihn zu und sagte ganz kurz: »Junker, i geh!«
-
-»_Was_ tust du!! ...?«
-
-»Aufkünden tu i. Heim mag i.«
-
-»Wa ... as?? ...!«
-
-»Ja, sell.[8] Is mir zu öd hierheroben jetzt.«
-
- [8] Das.
-
-»Wa ... as??? ...!«
-
-»Früher, wo ihr dreie ward, is ja gangen. Hättst halt nit den Ralph
-derschlagen und den Rolf. Die Langweil hab i.«
-
-Dem Junker schwollen die Schläfenadern.
-
-»Also, ich allein bin dir nicht genug. -- Du ... du ... ha!« --
-
-»So is.«
-
-»Also die andern fehlen dir!!?«
-
-»Freili!«
-
-Sie ließ die Schürzenbänder wirbeln und legte den Kopf auf die Seite.
-Das war ihre Trotzpose.
-
-Da ging dem Junker Welf der Ritterzorn durch, und er gab ihr eine
-Ohrfeige, daß die Trotzpose auf die andere Seite verlegt wurde. Ein
-Glück, daß er die Eisenhandschuhe nicht anhatte. Es langte auch so.
-
-»Jetzt geh i erscht recht!« sagte sie, heulte gar nicht mal erst lange,
-nahm ihr Bündel auf, drehte sich um, daß die Röcke flogen, und ging.
-
-Welf war ganz starr. Dann überlegte er sich, ob es nicht das beste
-wäre, sie auch totzuschlagen. Aber da er zum Überlegen immer sehr viel
-Zeit brauchte, war sie schon zum Tore hinaus, als er damit fertig
-war. Übrigens hatte er sich auch anders entschieden. Er war keines
-heroischen Entschlusses fähig. Wie vor den Kopf geschlagen saß er da
-und riß das Moos in Flocken. Dann sprang er plötzlich auf, stieß ein
-Fenster ein und brüllte hinaus: »Luder! Luder!«
-
-Einen eisernen Topf, der gerade neben ihm stand, schmiß er in
-gewaltigem Bogen hinter ihr drein.
-
-Sie aber stand jenseits der Zugbrücke und drehte ihm eine lange Nase.
-
-»Bhütigod, grimms Welfle, verkühl di nit!«
-
-Welf tat einen grausamen Fluch, reckte die Arme, haute aufs
-Fensterbrett, brüllte, daß die Scheiben klirrten, riß sich am Bart und
-rannte in die Waffenkammer. Rasend rührte er dort das Instrument seiner
-Leidenschaft und paukte in Donnerwirbeln seinen Ingrimm aus.
-
-Wie er nicht mehr konnte, sank er auf die Rüstbank nieder und fühlte
-sich leichter.
-
-Und siehe: es ward ihm weich zu Sinne, und in seinem Gemüt war eine
-welke Empfänglichkeit für christliche Gedanken.
-
-»Christoph!« rief er, und in seiner Stimme klang seltsame Milde.
-
-»Ja, Herr!« antwortete der.
-
-»Haben wir noch einen Pilgermantel mit Muscheln?«
-
-»Ja, aber recht schäbig sieht er aus, sind die Motten drin, und ein
-paar Muscheln gehen ab.«
-
-»Macht nichts! Bürste ihn aus und nähe die Muscheln fest. Ich walle
-nach Jerusalem!«
-
-»Wo ... hin!?«
-
-»Frage nicht -- bürste!«
-
-Christoph sperrte den Mund auf und wunderte sich. Dann bürstete er den
-Pilgermantel derer von Wolfsturm und freute sich, daß er nun auf eine
-Weile keine Stiefeln mehr zu putzen haben würde.
-
-Erst drei Paar, dann ein Paar, dann kein Paar!
-
-So steht Gott seinen treuen Knechten bei und verhilft ihnen zu einem
-ruhigen Alter.
-
-
-
-
-Der mutige Revierförster.
-
-
-König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
-immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
-mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
-Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel
-Mühe und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
-
-Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
-weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
-nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
-sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die
-sich durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe
-oder durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem
-Charakter in der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme
-des Titels von Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner
-ernsthaften Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich
-Reputierliche besaßen.
-
-Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl
-bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die
-Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
-Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint,
-dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
-Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen
-und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien
-den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und
-Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
-
-Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
-sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
-Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem
-in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht
-auch noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines
-Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte
-ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden
-wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
-Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
-Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
-ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
-ein scharmanter König geworden war.
-
-Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des
-Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und
-Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung
-jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten
-Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im
-schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von
-denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der
-Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter
-allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu
-folgen.
-
-Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
-kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
-Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
-keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
-die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
-zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
-ist schwach.
-
-Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender
-Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der
-genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
-seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
-Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder
-nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme
-durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu
-bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem
-angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
-kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.
-
-Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen,
-wenn der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
-Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
-auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
-Gefühl zu verletzen, um einen ~dolus eventualis~ auf dem besonders
-heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt
-sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den betreffenden (in
-den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder Dichter) beiseite
-und flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): »Sie, Ihr
-Hosentürl ist offen,« oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
-orientierenden Blicke: »Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.« Ja,
-es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu
-frivolen Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: »Sie,
-verlier'n S' fei' nix!«
-
-Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man
-kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
-keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die
-es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über
-welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
-eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
-höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
-Baron von Bemsl, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet
-höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
-schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
-königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
-erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten: dieser Fall sei von
-einer Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge,
-sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte
-er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie
-über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin
-(er liebte dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht
-entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu
-beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen
-brauche.
-
-»Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts
-wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« bemerkte der
-Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes
-jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte _äußerst_ schnell
-eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges
-eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier
-weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht
-auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus
-dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte Gegend
-fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn
-sämtlich, ich sage Ihnen: _sämtlich_ nicht ins _Gesicht_ sehen,
-sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist von
-einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst
-dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen
-_selber_ handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort
-versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte
-Würde des Königstums zu retten! ~Hic Rhodus! Hic salta!~ Walten Sie
-Ihres Amtes!«
-
-Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte,
-in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die
-plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser
-grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die
-ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
-aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
-wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
-inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
-Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig
-zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine
-Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel
-gehörte in _sein_ Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.
-
-Sollte er vielleicht doch? ... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
-Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König
-herantreten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: »Majestät
-haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...«
-
-Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das _geht_ ja doch
-nicht! Niemals noch, solange es Zeremonienmeister gibt, haben
-Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
-
-In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,
-zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor seiner Majestät
-postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,
-_scheinbar_ die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung
-tatsächlich unterlassen hatte.
-
-Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt
-hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person
-Hand anlegend, den Mangel ~brevi manu~ reparieren können -- eine
-Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen
-wäre.
-
-Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem
-Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der
-Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
-immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
-klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle
-dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er
-seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu
-lassen. --
-
-Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
-
-An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz
-aussichtslos; das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber
-vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch
-sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen,
-mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder
-einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das
-unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm.
-
-Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach
-schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
-Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft
--- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche
-Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
-
-Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste
-Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.
-Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum
-saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
-
-Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
-Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts
-trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem
-er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas
-Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen
-Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,
-allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
-retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
-Punkt ...
-
-»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.
-
-»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte
-der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
-Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen
-durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...
-abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu
-weit weg von seinem Ressort.
-
-»Versteh' schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseitn
-zuweripürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus
-fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in _der_
-Art, daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!
-... Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«
-
-Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß
-seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
-Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig
-nachdenkt und zu allem entschlossen ist.
-
-Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der
-Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis
-machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter
-ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und
-führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen,
-das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er
-bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle
-Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen
-Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
-
-Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus
-seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
-Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün
-gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
-seinen Hut wieder auf und stand stramm.
-
-Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König
-Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund
-in etwas besonderem haben müsse, und fragte mit dem huldvollen Tone,
-der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine
-Mühe und Übung scheut: »Na, Meier, was gibt's?«
-
-(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
-Ruck, und er sah sich direkt ~vis-à-vis~ dem Rachen des Ungeheuers,
-das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
-überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre mit einer
-unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch
-den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von
-dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
-
-Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
-Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt:« »Ich
-möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«
-
-Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein
-Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,
-Meier.«
-
-Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's
-denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln
-zumachten?«
-
-Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn
-dieser rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte
-dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte,
-es sei durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte.
-Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
-dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
-
-Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten
-mit Hämmern inne und lachten mit.
-
-Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
-Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,
-in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre
-ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und
-verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze
-seiner Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren
-Vergleich gewählt.
-
-König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre
-anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß
-sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
-aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie
-nicht in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit
-wandte er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk! ... Es ist eine
-schöne Sache um das Volk! ...«
-
-Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
-versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in
-weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
-
- Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
- In dieser gnadenvollen Stund',
- Wo uns das Glück geschieht,
- Das seinen König Leberecht
- Das biedre Landvolk, treu und echt,
- In seiner Nähe sieht.
-
- Es steht sein hochberühmter Thron
- Seit mehr als tausend Jahren schon
- In unserer Mitte fest.
- Drum lieben wir ihn auch so sehr,
- Wie wenn er unser Vater wär',
- Der keinen je verläßt.
-
- Er weiß, daß in der Landwirtschaft
- Beruht des Staates stärkste Kraft,
- Drum liebt ihn für und für
- Der schwergeprüfte Bauersmann
- Und hält als treuer Untertan
- Ihm _offen jede Tür_.
-
-Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine
-Ideenassoziation ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur
-Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die
-Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des
-Nährstandes seine besondere Huld zuwendete.
-
-
-
-
-Der heilige Mime.
-
-
- Gelasimus ein Mime war,
- Wie alle anderen Mimen waren:
- Des Ernstes und der Tugend völlig bar,
- Jedoch in allen Lastern schauderhaft erfahren.
- Nicht auf der Bühne nur: alltags sogar
- Tät er mit Schminke, Lippenrot nicht sparen
- Und kräuselte sein lichtgefärbtes Haar.
- Kurz: allen Frommen war Gelasimi Gebaren
- Ein Ärgernis, und jeglichem war klar,
- Er werde als ein feister Höllenbraten
- Dereinst dem Teufel in die Faust geraten.
-
- Jedoch, was tat das dem Gelasimo?
- Er war ein Heide, und als Heide so
- Von Grund verstockt, daß es ihm doppelt freute,
- Ein Lasterknecht und Wollüstling zu sein,
- Weil er dadurch des Anstoßes ein Stein
- War auf dem Wege aller frommen Leute.
-
- Auch waren die in jener bösen Zeit
- (Als Diokletian, der Schändliche, regierte)
- In so verachtet schwacher Minderheit,
- Daß ihr Gemurmel niemanden genierte.
- Zeus saß als Sonnengott im Tempel breit
- Zu Baalbek, den noch nicht das Kreuzbild zierte:
- Zu Baalbek in der alten Götzenstadt,
- Da dies Mirakel sich begeben hat.
-
- Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken,
- Wo niedre Beduinenhütten sich
- Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken,
- Aus dem sich, schön und ungeheuerlich,
- Gewaltige Säulen quadermächtig recken:
- Des Tempels Reste, der versank, verblich.
- Doch damals stand er noch und um ihn her
- Die große Stadt des großen Jupiter.
-
- Man ging auf Straßen, die gepflastert waren,
- (Wo mag das Pflaster hingekommen sein?)
- Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren,
- Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein).
- Man schob sich, drängte sich mit Legionaren
- Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein,
- Flanierten zwischen Juden und Phönikern
- Und andern Volksgenossen: _noch_ antikern.
-
- Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie!
- Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah
- Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh
- In wilden Kämpfen sich verbluten; ja,
- Man hatte den Genuß, am Kreuze die
- Gepfählt zu sehn, die »~Christo gloria~«
- Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater.
- Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater.
-
- Davon im feinsten war Gelasimus
- (Als erster Held versteht sich) engagiert.
- Auch war er Regisseur (Präpositus),
- In allen Bombenwirkungen versiert.
- Bei jeder Premiere hat am Schluß
- Man ihn hervorgerufen: applaudiert,
- Bis er erschien und sich mit edler Neigung
- Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung.
-
- Kein Wunder: wenn man solche Beine hat,
- Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer,
- Daß jede Dame in der großen Stadt,
- Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer
- Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt
- Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer.
- Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote
- Dreihundert Briefe, meistens rosarote.
-
- Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit
- Der ersten Schwellung gruben um die Wette
- In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid
- Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette
- Aus Alabaster lag, gebenedeit
- Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette,
- Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen
- Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen.
-
- Und auch die Rezensenten wagten's, ihm
- Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher.
- Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim
- (Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer).
- So kam's wie's mußte: unser Gelasim
- Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher.
- Man durfte wirklich bald schon denen glauben,
- Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben.
-
- Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur
- Noch von Äthiopiern in Sänften tragen,
- Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr,
- So war's vierspännig und im Muschelwagen;
- Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour
- Ließ er vergeblich warten und ihr sagen:
- Er habe heute Besseres zu tun,
- Doch morgen werd' er dazusein geruhn.
-
- Natürlich wählte er die Stücke aus,
- In denen er dem Publikum sich zeigte,
- Und strich und änderte: es war ein Graus,
- Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte.
- Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »~Laus
- Imperatori~«. Das Gehirn erweichte
- Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden
- Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden.
-
- Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht):
- Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser
- Beim Publikum in großer Liebe steht;
- Jedoch gefällt es -- durch. Wie Wind und Wasser
- Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht,
- Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er:
- »Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm:
- »~Laus~ zieht nicht -- leer!« Das kränkte Gelasim.
-
- ~Laus~ zieht nicht! dachte düster er bei sich:
- Das Edelste, das ich zu geben habe,
- Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich?
- Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe?
- Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich:
- Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe.
- Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt.
- O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant!
-
- Gelasimus, beleidigt im Genie,
- Verfiel in ungewohnte böse Laune.
- Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie
- Saß faltig über jeder Augenbraune.
- Schon floh der Mime zur Philosophie,
- Und bald erhob sich ringsum das Geraune:
- Gelasimus der Schöne hat den Spleen:
- Er abonniert das Weisheitsmagazin.
-
- Man lächelte, und hinter den Kulissen
- (Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt,
- Es keine gab) ward mancher Witz gerissen;
- Denn Mimen waren immer medisant,
- Perfid, gemein und kalauerbeflissen:
- Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt.
- Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten,
- In einem Nervensanatorium enden.
-
- Der Herr Direktor machte _keine_ Witze.
- Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus
- Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze,
- Und all sein Zorn galt dem Autor der »~Laus~«.
- »Du hast den Orden, ich die leeren Sitze.
- Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus.
- »Beschränke dich auf deine schönen Waden
- Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.«
-
- So lernte Gelasim die Wahrheit kosten,
- Daß jeder hohe Sessel wacklig ist,
- Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten,
- Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist.
- Am liebsten hätt' er den verlornen Posten
- Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist,
- Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern
- Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern.
-
- Und er ging in sich und begann zu grübeln:
- Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit?
- Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln,
- Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht;
- Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln.
- Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit?
- Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten,
- So frequentier' ich gern die heiligen Stätten.
-
- Er tat's. Fort von den Philosophen ging er
- Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand,
- Als Tempelspender und als Opferbringer;
- Bei allen Göttern ward er Supplikant.
- Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger
- Für all das Vieh, von Gelasim gesandt.
- Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen
- Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen.
-
- Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden
- Der Götter, die er flehentlich erbat.
- Er durfte sich im Venustempel baden;
- Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat;
- Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen;
- Trug Amulette im Sakralformat.
- Half alles nichts. Es blieb die alte Leier:
- In seinem Herzen brauten Nebelschleier.
-
- Da, eines Tags, nach endlos langer Probe
- Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm,
- Bescheiden wartend vor der Garderobe,
- Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim!
- Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe
- Verfaßt vom Patriarchen Joachim!«
- Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen!
- Bringt keinen Liebesbrief -- bringt ein Traktätchen!
-
- Da war sie auch schon weg. Im Korridore
- Sah Gelasim nur einen Schleier wehn
- Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore.
- Er blieb betroffen eine Weile stehn.
- »Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore ...
- So einen Flor hat man hier nie gesehn,«
- Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer
- Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.«
-
- Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen,
- Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch
- Von unheimlichen Mächten: namenlosen.
- Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch.
- Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen,
- Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch.
- Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen
- Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen.
-
- Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette
- (Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt:
- ~Palaestra Gelasimusarum~); hätte
- Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt.
- Doch heute war es eine Unruhstätte,
- Um die herum ein Heer Dämonen stand,
- Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen
- Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen.
-
- Der Mime sprang empor, und in die Tolle
- Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur.
- »Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle,
- »Ich lese keine Pöbelliteratur!
- Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle,
- Erlöse mich von dieser Sekatur!
- Der Geist der Katakomben sei vertrieben
- Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!«
-
- Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße
- Ins Studium. Er lebte, was er las:
- Denn es begab sich wunderlicherweise,
- Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas
- Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise
- Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß,
- Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben,
- Christum zu lästern, Jupitern zu loben.
-
- Er hatte einen Feldherrn zu tragieren,
- Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war,
- Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren
- Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar:
- Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren,
- Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar
- Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern
- Den Weg zurück zu seinen alten Göttern.
-
- Das schmeckte! Und der Mime deklamierte
- Sich alle Wirrung aus der bangen Brust;
- Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte,
- Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt.
- Gelasimus der Heide triumphierte
- Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt,
- Er selber habe wie sein Held gefunden
- Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden.
-
- Am nächsten Morgen salbte er und schminkte
- Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll
- Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte
- Er allen Mädchen, heitrer Laune voll,
- In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte
- Erobererair, das jeder haben soll,
- Der Frauen gefallen will und Massen lenken,
- Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken.
-
- Auch auf der Probe war er ganz der alte:
- Die Verse strömten wie ein Wasserfall;
- Im Volksgetümmel seine Stimme schallte
- Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall;
- Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte,
- Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall,
- Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!«
- Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen.
-
- Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen:
- »Du hast dich wieder, o Gelasime!
- Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen:
- So schlechthin göttlich sah ich keinen je.
- Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen,
- Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe
- Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale.
- Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.«
-
- Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen
- Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien
- Der Schmeichelei (den werten Mimennasen
- Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien,
- Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen,
- Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn
- Zur Garderobe, wo er sich die Schminke
- Vom Antlitz wusch. -- Da drückt es auf die Klinke.
-
- Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen
- Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn.
- Indes stand angelweit die Türe offen,
- Und draußen hörte einen Schritt er gehn.
- Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen
- Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn:
- Drei Spannen weit vor ihm im Korridore
- Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore.
-
- Welch Angesicht! Die stygische Proserpine,
- Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus,
- Erschütterte nicht so durch Blick und Miene,
- Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus.
- »Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene
- Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß
- Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend,
- Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend.
-
- Der Mime bückte tief sich zu den grauen
- Staubvioletten Blüten. Kniend nahm
- Er das Geschenk, wie keines je von Frauen,
- So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam.
- Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen,
- Mit Wollust eine wundersame Scham.
- Er schämte sich der Freude am Applause,
- Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause.
-
- Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte
- Des großen Patriarchen Joachim
- Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte
- Zum Evangeljum öffneten vor ihm.
- Genug: zu des Direktors Grimm und Torte
- Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim,
- Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte:
- »Derlei zu spielen bin ich außerstande.«
-
- Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte;
- Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium«
- Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte,
- Denn schnuppe war durchaus dem Publikum,
- Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte
- Zur großen ~Lis contra Gelasimum~.
- Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten,
- Zu spielen -- eventuell mit Brachialgewalten.
-
- Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen
- Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert.
- Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen
- Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert,
- In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen
- Hieß es: »~Avanti!~ Und: Stichwort pariert!«
- Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen;
- Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen?
-
- Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben
- Ward nie vernommen, wie es da erscholl.
- Die Riesenmenge hatte sich erhoben
- Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll
- Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben
- Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll
- Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden
- Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden.
-
- Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde
- Zu pressen, lag auf der bewegten Brust
- Das Händepaar. Es irrten in der Runde
- Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt.
- Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde
- Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt!
- Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe
- Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe.
-
- Wohl hätte er sie jetzt entlassen _wollen_:
- Er _konnte_ nicht. Die Zunge war ihm schwer.
- Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen,
- Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her.
- Noch ein Moment, und alle Donner rollen,
- Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr,
- Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen!
- Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen.
-
- Da -- welche Wandlung! Wie von innren Sonnen
- Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund:
- Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen:
- Der Feldherr tut die Seligkeiten kund
- Von Christi Lehre. Balsamüberronnen
- Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund
- Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen
- Von dieser Sprache süßen Dämmernissen.
-
- Was war geschehn? Was öffnete die Tore
- Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts,
- Als daß er auf der mittleren Empore
- Das stille Leuchten sah des Angesichts
- Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore.
- Doch darin war die Fülle allen Lichts
- Für seiner Seele bange Dunkelheiten:
- Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten!
-
- Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte
- Was in der Rolle des Bekehrten stand.
- Als ob der Heiland in ihm selber webte
- Der Dichterworte leuchtendes Gewand,
- Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte
- Und hob und trug: In der Verheißung Land.
- Doch als die Rolle abwich von den Pfaden
- Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden.
-
- Es war nicht einer, der die ~scène à faire~
- Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt:
- Die große Szene zu der Götter Ehre,
- In der der dumpfe Katakombenwust
- Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere.
- Man freute sich darauf mit um so größerer Lust,
- Als man bereits die allzu süße, matte
- Kreuzlimonade etwas über hatte.
-
- Es waren ja Heiden: Heiden im Theater!
- O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn!
- Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater.
- Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! --
- Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater
- Der Liebe betete, ihm beizustehn.
- Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte
- Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte.
-
- Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten,
- Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß
- Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten
- Von unterirdischen Gräbern stand. Getos
- Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten,
- Zurückzukehren in der Götter Schoß. --
- Dies war der Auftakt. -- Stille nun. -- Dann wollte
- Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte.
-
- Er aber kniete nieder. Und er legte
- Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt,
- Indes die Lippen im Gebet er regte.
- Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt,
- Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte
- Nicht eine Miene, bis er tief gebückt,
- Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend,
- Die ganze Seele in den Kuß hingebend.
-
- Das Publikum, durch diese Pantomime
- Vor Staunen fast um den Verstand gebracht,
- Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9]
- Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!«
- Der Dichter war's. Doch nun, ~ottave rime~,
- Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht.
- Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen,
- Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen.
-
- [9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont.
- Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem.
-
- Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter
- Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln,
- Lief durch die Massen
- Die steinernen Gassen
- Der Sitze entlang, von den Senatoren-
- Subsellien bis zu den höchsten Emporen,
- Ein Surren und Summen,
- Ein Schurren und Brummen,
- Ein flirrendes Flüstern,
- Ein Schnauben aus Nüstern,
- Ein heißes Hauchen,
- Ein pfeifendes Pfauchen,
- Ein Schnarren und Schnarchen,
- Ein Knarren und Knarchen,
- Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre:
- Von allerhand widrigen Tönen kurzum
- Ein höllisches Pandämonium.
-
- So stimmen im Orchester disharmonisch
- Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger,
- Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger
- Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch
- Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja:
- Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch
- Frau Musika.
-
- Als Hofkapellmeister Seiner Majestät
- Des Publikums in diesem Fall fungierte
- Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte
- In Baalbeks Sittlichkeitssozietät,
- Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte,
- Sondern auch Schutz der Religiosität.
- »Silentium!« krähte der Dürre schrill.
- Und gleich war's still.
-
- Sodann hub an
- Der magere Mann:
- »Verruchter Bube, was ficht dich an,
- Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen?
- Bestellt zum Dienste der Kamönen,
- Hast das Theater du entweiht
- Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit.
-
- Du hast's gewagt, dich zu bekennen
- Zu einer Lehre, die so niedrig ist,
- Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen,
- Sie einen Juden namens Christ
- Als Gott verehrt, den römische Justiz
- Verurteilt hat zum Malefiz-
- Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven
- Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven.
-
- Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn!
- Im Niedrigen das Göttliche zu sehn,
- Die ewigen, großen
- Götter vom Thron
- Herabzustoßen
- Und, Blasphemie, als Gottes Sohn
- An ihre Stelle einen Schwerverbrecher,
- Bestraft nach heiligem römischen Recht,
- Zu setzen: Was bisher auch frecher
- Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht:
- Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht,
- Ward so der heiligen Wahrheit Majestät
- Nicht ins Gesicht gespien!
-
- (Hier machte eine Pause,
- Begierig nach Applause,
- Der orthodoxe Mann.
- Der setzte prompt und pünktlich ein
- Mit Bravorufen, Toben, Schrein.
- Doch als das Publikum genug geschrien,
- Fing er aufs neue an:)
-
- »Du liegst noch immer auf den Knien?
- Steh auf, ich sage dir, steh auf!
- Dem Trotzigen wird nicht verziehn,
- Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf,
- Stößt sie auf Störrischkeit:
- Nur wenn zur rechten Zeit
- Der Sünder in sich gehet,
- Geschied's vielleicht,
- Daß sie, erweicht,
- Wenn er recht innig flehet,
- Ihm gnädiglich verzeiht.«
- (Dies sagte er in jenem Ton,
- Der, salbenseimig, allen Pfaffen,
- Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen,
- Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.)
-
- Und es ward totenstill. Das Publikum
- Zwang seine Gier zurück: aus _Spannung_ stumm,
- Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben.
- Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben,
- Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm.
- Die Tausende waren eins: _ein Vieh_ geworden.
- Und dieses Vieh, geeint aus Wut,
- War geil auf Blut
- Und leckte
- Die Lippen schon und bleckte
- Die Zähne zum ersehnten Morden.
-
- Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah,
- Und wie sein Atem keuchte:
- Für unsern Knieer war es gar nicht da.
- Er sah nur Licht und Leuchte:
- _Ihr_ Herz: wie aus Rubinenglas
- Ein Kelch es ihm bedeuchte,
- Voll von dem Blute Golgathas.
-
- Und horch, es hob ein Zwiegesang
- Aus seinem Mund und ihrem sich,
- Geschwisterlich,
- Als wie aus einem Munde;
- Der klang nicht klagend, klang nicht bang,
- Klang selig, selig, selig, klang
- Wie zehrende Liebeskunde:
- »Mein Herzverlangen!
- Mein Armumfangen!
- Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm!
- Ich atme dich aus, ich atme dich ein,
- Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein!
- (Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam,
- Von Jesus mir gegeben
- Zum bittern Tod,
- Vielsüßerm Leben!
- Halleluja!
- Der Hochzeit entgegen
- Auf blutigen Wegen
- Leidselig zu gehn,
- Gib, gib deine Hände!
- Wir werden ihn sehn:
- An Weges Ende
- Wird Jesus stehn!
- Halleluja!
- Wird Jesus stehn
- Mit seinem Hochzeitssegen.
- Jesus! Liebe!
- Jesus! Liebe!
- ~Soli Christo gloria!~«
-
- Kaum, daß der beiden Gloria verklungen,
- Hat sich ein ungeheurer Unheilston
- Dem Tausendmäulerungetüm entrungen:
- Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon.
- Und: Die von Christus eben noch gesungen,
- War'n auch bei ihm im Paradiese schon:
- Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen.
- Genaures wußte niemand auszusagen.
-
- Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine:
- Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt;
- _Zwei_ lebende Körper einst: als Leiche _eine_,
- Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt.
- Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine
- Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt
- Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden.
- Er war prinzipiell für offizielles Morden.
-
- Die Menge selber, wie sie sich gespalten
- In Individuen: keine Bestie nun,
- Nein, lauter Biederleute: ungehalten
- War sie nicht minder ob so wüstem Tun.
- Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten:
- »Wo blieb denn unser Polizeitribun?«
- Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause,
- Und sehr bewegt verlief die Vesperjause.
-
- Indessen senkte sich violenfarben
- Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein;
- Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben
- Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein;
- Die bunten Lupanarlaternen warben
- Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein,
- Und mancher starke Geist, in Liebeshitze,
- Verübte auf die toten Christenschweine Witze.
-
- So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen,
- Beschreiten eine Erde wir aus Dreck.
- Nur die Gedanken und Gefühle fliegen.
- Hermann Conradi proklamierte keck:
- »Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!«
- Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck?
- Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone,
- Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne?
-
- Wie wird das Leben heute überstunken!
- So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt.
- Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken.
- Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast.
- Geheimnisvoll bedienen uns die Funken
- Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt
- Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung.
- Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung.
-
- Genug davon! Mich als Savonarola
- Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern.
- Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola
- Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn,
- Die zum Erbrechen auf der Pianola
- Choräle treten, schlecht und subaltern,
- Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder,
- Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder.
-
- Sie preisen Christum hunderttausendzeilig;
- Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt;
- Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig,
- Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt.
- Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig
- Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt.
- Er aber nähme an den weißen Bäffchen
- Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen.
-
- Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue,
- Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog
- Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue,
- Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog:
- Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue
- Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog.
- Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen,
- Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen.
-
- Auch unser liebes Christentum. Wer immer
- Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm,
- Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer
- Aus Jesu Herzen. Völlig legitim
- Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer
- Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim,
- So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste,
- Und sei auch Wahn dabei das allermeiste.
-
- Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet,
- Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt;
- Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet
- Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert,
- Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet --
- Ist mehr als alle faule Wahrheit wert.
- Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet:
- Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet.
-
- So ward ein Mime heilig, weil am Ende
- Von vieler Eitelkeit und Narretei
- Sein Leben er wie eine Opferspende
- An Gott gab. Ganz egal, ob der der rechte sei,
- Ob ein Idol gewesen. Seine Hände
- Wusch Herr Pilatus, dem das Volksgeschrei
- Wie aufgewirbelter Schmutz vorkam, und fragte,
- Worauf kein Gott: jedoch die Zeit bald Antwort sagte.
-
- _Wahr ist, was wirkt._ Der große Baal war Wahrheit;
- Der große Zeus desgleichen; Jahve auch;
- Und Christus, kommend aus der großen Klarheit,
- Das jene tot, hat mit der Liebe Hauch,
- Der problematischen, in Offenbarheit
- Ins Nichts vertrieben ihrer Opfer Rauch.
- _Wahr ist der Geist, der wirkend souveräne._
- Dogma ist Aas. Wer liebt das? Die Hyäne.
-
- Gelasimus, den heiligen Mimen, haben
- Die Christen Baalbeks noch in gleicher Nacht
- In Mariamna feierlich begraben.
- Auch jene haben sie dorthin gebracht,
- Die ihn erfüllte mit des Glaubens Gaben.
- Doch ihres Namens wurde nicht gedacht.
- Vergessen ist sie: eine Namenlose.
- Denn Gelasim besaß die größere Pose.
-
- So schließt denn leider diese Novellette
- Moralisch zwar, doch etwas angeeckt:
- Selbst in Legenden geht's wie beim Ballette
- Nicht nach Verdienst bloß zu, nein, nach Effekt:
- Wer vorne tanzt, der nur wird vom Parkette
- Beopernguckt und mit Applaus bedeckt.
- Ob Heiligen-, ob braune Kassenscheine:
- Die Hintergrundtalente kriegen keine.
-
- Gleichviel: Jungfrauen mit der Gloriole
- Gibt's ohnehin schon eine große Schar,
- Indes ein Mime mit der Tänzersohle
- Als Heiliger ein großes Novum war:
- Die Kirche brauchte ihn zum Seelenwohle
- Der Mimenschaft, die, wäre sie heiligenbar,
- Am Ende in Verlegenheiten käme,
- Wen sie beim Herrgott sich zum Fürsprech nähme.
-
- Zwar sagt man, daß sie nicht sehr häufig beten,
- Die untenher das Licht der Rampe trifft,
- Daß sie, gottloser fast noch als Poeten,
- Voll sind von aller Skeptizismen Gift.
- Das ist Verleumdung: Fehlen die Moneten,
- Ist man viel frömmer als im Damenstift,
- Im Reich der Schminke. Und sie fehlen häufig:
- Drum ist den Mimen Beten sehr geläufig.
-
- Wenn sich der Monat neigt zum kahlen Ende,
- Hat Gelasim unendlich viel zu tun,
- Am Anfang weniger. Dann läßt die Hände
- Gemütlich er im heiligen Schoße ruhn
- Und überdenkt die eigene Legende:
- Es ist, wie's war, war ehedem, wie nun:
- Der Mensch hat's mit dem Beten nicht sehr eilig --
- Ich wurde selbst auch Ultimo erst heilig.
-
-
-
-
-Gedichte.
-
-
-Flußfahrt im Frühling
-
- Welch ein Ziehen! Welch ein Gleiten!
- Zwischen Schilf und alten Weiden,
- Die sich beugen, die sich neigen,
- Fahren wir -- wohin? ... wohin?
- Laßt das Fragen! Laßt uns schweigen!
- Welle mag den Weg uns zeigen,
- Führerin und Trägerin.
-
- Wie im Leben hingetrieben,
- Schwankend, schwebend, fortgezogen,
- Wollen wir des Flusses Bogen
- Träumend folgen und ihn lieben,
- Der uns so ins Weite trägt.
-
- -- Wird es helle sein am Ziele?
- Dunkel? -- Wehe dem, der frägt!
- Fragen gibt es allzuviele,
- Antwort eine nur. -- Es regt
- Hohl sich unter unserm Kiele.
-
- Laßt um unsere heißen Hände
- Diese kühlen Fluten streichen.
- Nixenseelchen, nehmt's als Zeichen
- Unserer stillen Liebe an!
- -- Ach, wen eure Liebe fände:
- Tiefstes wüßte wohl der Mann ...
- Doch er schwiege bis ans Ende.
-
- Aber wir ... nein! --: Laßt uns sagen,
- Was durch unsre Seele geht!
- Wind und Wasser sollen's tragen,
- Daß es durch den Frühling weht:
- Frisches, fröhliches Behagen,
- Lust am Nachten und am Tagen
- Leben, das in Blüten steht.
-
-
-Der stille alte Goethe.
-
- Auf meinem grünen Kachelofen in meinem grünen Schlafkabinette,
- Schräg gegenüber meinem gelben Messingbette,
- Steht Christian Rauchs kleine Goethestatuette.
- Von der grünen Tapete bekommt sie einen grünen Schein.
- Sie ist bloß aus Gips, und Frau Lisette
- Findet, daß sie kein Verhältnis zum Ofen hätte:
- Sie sei zu klein.
- Aber, seh ich sie an, fällt mir allerhand ein,
- Was ich (nicht im Schlafzimmer) zu tun noch hätte:
- Der stille alte Goethe mahnt, tätig zu sein.
-
-
-Des Helden Not.
-
- Feinde ringsum!
- Hör, wie sie toben!
- Unten und oben
- Fall'n sie dich an.
- Recke dich, Mann!
- Steh nicht so stumm!
- Ach, laß sie rasen,
- Trommeln und blasen!
- Dieses Gedräue
- Bringt mich nicht um:
- Aber die Reue,
- Die macht mich stumm.
-
-
-Erde, liebe Erde ...
-
- Wie eine Blüte im Mai
- Blättert sich auf der Tag,
- Zeigt seine nackende Schönheit der Sonne.
- Sehen, o zaubrisches Glück! Gottselige Wonne,
- Dies Atmen! Der Herzensschlag!
- Schmerzen und Lüste herbei!
-
- Ich will euch ans Herz nehmen, ans Herz drücken;
- Dornen und Dolche sollen mich entzücken:
- Alles was ist, ist schön und recht.
- Erde, liebe Erde, ich bin dein Knecht.
-
-
-Südtiroler Herbst.
-
- Gelbleuchtend steht (wie Kapuzinerkresse)
- Der Latemar. Ein buntes Pantherfell
- Liegt rot-gelb-braun der Mendel um die Flanken.
- Die Rebenbogen sind von Trauben leer.
- Aus Riesenbottichen trieft rote Maische,
- Von feisten Rindern langsam heimgeführt
- Zum kühlen Keller auf staubweißen Straßen,
- Vorbei an Kruzifixen wunderlich geschmückt:
- Dort wo die Nägel durch die Heilandshände
- Kalt in das schwarze Marterholz sich bohren,
- Hängt, rechts und links dem vorgesenkten Haupte,
- Prall, Beer' an Beere innig so gedrängt,
- Als sei es _eine_ ungeheure Frucht:
- Je eine schwere Traube. Durch die Krone
- Von Dornen windet sich, Korallen gleich,
- Aus Vogelbeeren eine rote Kette,
- Und dunkelgelbe Kolben Türkenkorns
- Umrahmen samengolden diesen Gott
- Des liebehingegebenen Schmerzenglücks.
- Es ist, als wär' es ein verstellter Pan.
-
-
-Erzählung.
-
- Ein Mädchen besaß ich, fein wie ein Figürchen
- Auf Rokokotischen galanter Marquisen;
- Es war wohl auch wirklich verwandt mit diesen:
- Halb war es ein Nobelchen, halb ein Hürchen.
-
- Ich fand sie entzückend mit ihrem Geschwänzel,
- Getrippel, Geäugel, Gelächel, Geplapper.
- Ich war so ein junger mutwilliger Tapper,
- Mein Gehen war auch noch Gehüpf und Getänzel.
-
- Auch war ich ein Träumer und Wolkenbeschauer;
- Ich sah um die Dinge noch goldene Ränder.
- Der Mond war mein Krongut; in meinem Kalender
- Hatte der Frühling zwölf Monate Dauer.
-
- So waren wir also ein passendes Pärchen.
- Sie tanzte, ich dichtete, Gott blies die Flöte
- Und freute sich selber der purpurnen Röte
- Des Himmels, in dem wir das munterste Märchen
-
- Und aller Romane verliebtesten lebten:
- Von Träumen getragen, von Liedern belogen,
- In goldener Nußschale schwimmend auf Wogen
- Und Wolken, die rosig ins Nichts verschwebten.
-
- ... Ins Nichts verschwebten; verrannen; vergingen;
- Zerflossen, zerrissen -- ins Nichts, in die Leere ...
- Uns aber erfaßte die irdische Schwere
- Und zerrte uns nieder mit würgenden Schlingen.
-
- Da half uns kein Gott. Es verstummte die Flöte
- Des Märchenpapas und Idyllenrhapsoden.
- Wir fielen auf dornigen, steinigen Boden,
- Und zwischen uns saß eine zankende Kröte:
-
- Die kahle Enttäuschung. Es lehrte ihr Zanken
- Unlieblich uns beide einander erkennen.
- Es war wie ein Aneinanderverbrennen
- Bis tief auf den grundallerletzten Gedanken.
-
- An jenes Schmarotzen im Märchengelände. --
- Wir haben die Hand uns zum Abschied gegeben
- Wie Fremde. Nie sah ich sie wieder im Leben.
- Und kännte sie nicht, auch wenn ich sie fände.
-
-
-Der Verliebte.
-
- Was mir Busch und Bäume sagen
- Und die Blumen bunt und licht,
- Ach, ich muß es in mir tragen,
- Weitersagen darf ich's nicht.
-
- Denn ich müßte tief verzagen,
- Fänd' es gute Stätte nicht,
- Was mir Busch und Bäume sagen
- Und die Blumen bunt und licht.
-
-
-Seele!
-
- Singe, solange du Atem hast!
- Singe, solange du Seele bist!
- Einst, es naht sich der Würger schon,
- Ringst du ein letztes Mal nach Luft,
- Und deine Seele gehört
- Dir nicht mehr. Wer weiß
- Wem.
-
-
-Grabschrift für meinen Vater.
-
- Ein Herz, das viel gelitten,
- Ein Mund, der gern gelacht,
- Ein Kämpfer, der gestritten
- Mit böser Übermacht,
- Ein Mann mit regen Händen,
- Ein guter, treuer Mann:
- Wohl Dem, der wie Er enden
- Mit reiner Seele kann.
-
-
-Lyrikerasten.
-
- Sahst du, o Freund, die holden Knaben,
- Die an der Kranzler-Ecke stehn,
- Aus Seide rote Schlipse haben
- Und lächelnd auf und nieder gehn?
-
- Sie spitzen die gefärbten Lippen
- Und äugeln sonderbar lasziv,
- Und, kommst du ihnen nah, so tippen
- Sie dich wohl an und legen schief
-
- Das Köpfchen mit gebrannten Haaren,
- Und ihre Blicke himmeln dich
- Sehnsüchtig an. Kurz, ihr Gebaren
- Ist immerhin absonderlich.
-
- _Abscheulich_, meinst du? Laß das Zanken!
- Es ist nicht schön; ich geb' es zu;
- Wir wollen unserm Schöpfer danken,
- Daß wir nicht so sind, ich und du;
-
- Doch nicht uns besser dünken, meinen,
- Es müßten alle sein wie wir.
- Hat nun die Liebe mehr als _einen_
- Ausweg -- jenun: so gönn' ihn ihr.
-
- Selbst das muß man mit Gleichmut tragen,
- Daß derlei Knaben (es ist bös)
- Auf ihre Art die Leier schlagen,
- So scheußlich süß, so sirupös,
-
- Und daß es Mode wird, zu schminken
- Die Lippen selbst der Poesie.
- Auch diese Mode wird versinken,
- Absurditäten dauern nie.
-
- Das Zeug schmeckt bald auch denen fade,
- Die jetzt dran schlecken: Zuckerkant,
- Lakritzensaft und Limonade
- Wird auf die Dauer degoutant.
-
-
-Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel).
-
- Es war einmal ein
- -- Hastunichgesehn! --
- Es war einmal ein Schwein.
- Das war gewöhnlich
- -- Hastunichgesehn! --
- Gewöhnlich nicht sehr rein.
-
- Im gleichen Hofe
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Da schlug sein Rad ein Pfau;
- Der war so schön wie
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Nicht einmal seine Frau.
-
- Das Schwein das grunzte
- -- Hastunichgesehn! --
- Und wälzte sich im Dreck.
- Der Pfau der kreischte
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Und sah beleidigt weg.
-
- Da kam ein Fleischer
- -- Hastunichgesehn! --
- Und schlachtete das Schwein.
- Das kommt davon, sprach
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Der Pfau, wenn man nicht rein.
-
- Mir kann so etwas
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Mein Lebtag nicht geschehn,
- Weil ich so rein und
- -- Herrgottnocheinmal! --
- So schön bin anzusehn.
-
- Da kam ein Bauer
- -- Hastunichgesehn! --
- Und riß dem armen Vieh
- Die Federn aus, daß
- -- Herrgottnocheinmal! --
- Es wie am Spieße schrie.
-
- Die Fabel lehrt uns,
- -- Leider ist es wahr! --
- Das Leben ist nicht fein.
- Der Dreck macht fett, doch
- -- Leider ist es wahr! --
- Schlachtet man drum das Schwein.
-
- Doch Schönheit leidet
- -- Leider ist es wahr! --
- Viel mehr als Todespein.
- Sie wird lebendig
- -- Leider ist es wahr! --
- Gerupft, weil sie zu rein.
-
-
-Wegweiser.
-
- Folg dir in dich!
- Und wenn du auch erschrickst
- Vor den Gestalten, die du dort erblickst:
- Folg dir in dich!
-
- Hast du nur dich
- Und hältst du dich recht fest,
- So bist du stark, ob alles dich verläßt:
- Hast du nur dich!
-
-
-Gott sei Dank!
-
- Viele Feinde hab' ich,
- Gott sei Dank!
- Manche Maulschell' gab ich,
- Gott sei Dank!
-
- Manchen Puff bekam ich,
- Gott sei Dank!
- Manchen Graben nahm ich,
- Gott sei Dank!
-
- Selten nur mal fiel ich,
- Gott sei Dank!
- Will ich treffen, ziel' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Schönes, o, das seh' ich,
- Gott sei Dank!
- Stinkt es wo, da geh' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Wie ich lebe, leb' ich,
- Gott sei Dank!
- Will ich nehmen, geb' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Irrtum den beklag' ich,
- Gott sei Dank!
- Meine Fehler trag' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Größe respektier' ich,
- Gott sei Dank!
- Dünkel ignorier' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Witzigen Tadel leid' ich,
- Gott sei Dank!
- Plumpes Lob vermeid' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Was mich fördert, lern' ich,
- Gott sei Dank!
- Leeres Stroh entfern' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Wer mich kränkt, den kränk' ich,
- Gott sei Dank!
- Wer mir schenkt, dem schenk' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Schwächliches bereu' ich,
- Gott sei Dank!
- Starkem halte Treu' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meine Frau verehr' ich,
- Gott sei Dank!
- Von ihrer Liebe zehr' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meine Gaben pfleg' ich,
- Gott sei Dank!
- Auch die Triebe heg' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Viele Lüste büßt' ich,
- Gott sei Dank!
- Laster die versüßt' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meine Kunst, die kann ich,
- Gott sei Dank!
- Halbem Glück entrann ich,
- Gott sei Dank!
-
- Dumpfes Sehnen haß ich,
- Gott sei Dank!
- Den Moment erfaß ich,
- Gott sei Dank!
-
- Fiel ich mal: bald stand ich,
- Gott sei Dank!
- Stets mich wieder fand ich,
- Gott sei Dank!
-
- Manchen Unsinn trieb ich,
- Gott sei Dank!
- Manchen Lufthieb hieb ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meinen Sinnen trau' ich,
- Gott sei Dank!
- Auf meinen Glauben bau' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meinem Freund gehör' ich,
- Gott sei Dank!
- Auf die Freundschaft schwör' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Meine Feinde haß ich,
- Gott sei Dank!
- Falsche Freunde laß ich,
- Gott sei Dank!
-
- Echte Hoheit krön' ich,
- Gott sei Dank!
- Gerngroßtum verhöhn' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Ruhe, Klarheit such' ich,
- Gott sei Dank!
- Aller Trübe fluch' ich,
- Gott sei Dank!
-
- Viele Verse mach' ich,
- Gott sei Dank!
- Schimpft man drüber, lach' ich,
- Gott sei Dank!
-
-
-Unser Schloß.
-
- Ich träumte mich in einen tiefen Wald ...
- Ich wanderte dem Lied der Vögel nach;
- Auf schmalen Wegen über Wurzeln weg
- Schritt ich und strauchelte doch nie: es war
- Im Gehn ein Schweben. -- Eine Stimme sang
- Ganz leise in mir: Siehe, heute noch
- Bist du zu Hause ... Immer grüner ward
- Es rings um mich, und alles fiel von mir,
- Das mich bebürdet. Und der Welt Geräusch
- Verhallte hinter mir. Die Vögel selbst
- Verstummten. Nur das leise Wipfelwehn
- Umrauschte mich: dies süße Schlummerlied
- Der großen Stille, das die Träume ruft,
- Die samtenen Nachtfalter: braun und schwarz
- Mit goldenen Fühlern, die wie Palmen sind
- Aus seidenen Rispen, und mit blinden Augen,
- Die mehr erblicken, als jemals der Tag
- In seiner harten Grelle zeigt ... Da stand
- Ein kleines Schloß an einem Teich vor mir.
- Drei große schwarze Schwäne glitten sanft
- Auf seinem Spiegel, drauf der Abendschein
- Gelb lag gleich einem welken Rosenblatt.
- Das Schloß war ganz aus amethystnem Quarz,
- Violenblau, goldäderig, gebaut;
- Die Türen bronzen, grünlich-schwarz: als Schild
- Das Bild der Sonne drauf: _Ihr_ Bild, die mich
- (Ich fühlt' es nun) in diesen Zauber rief.
- --: Wo bist du? sagt' ich leise vor mich hin.
- --: Lädst du mich ein in unser Glück, das wir,
- In unsrer Herzen Gleichklang wortelos
- Uns ganz verstehend, Tag für Tag
- Aufrecht im Glauben suchen: niemals ganz
- Verzagend, ob auch manches Mal
- Im Düster irrend: -- hast du mir erbaut
- Dies Schloß aus hellem Gold und Veilchenblau?
- -- Da taten sich die Bronzeflügel auf,
- Den Sonnenschild zerteilend, und sie stand:
- Minerva mit dem Speere, im Geviert
- Des hohen Eingangs, aber lächelnd wie
- Die Liebesgöttin und die Mutter Gottes da:
- Und ihre Blicke überstrahlten mich
- Wie aller Menschenliebe Inbegriff.
-
-
-Die Reise ohne Fahrplan.
-
- In diese rätselhafte Welt
- Sind wir alle als Rätsel gestellt;
- Bilden Scharaden.
- Wer sucht den Sinn, wer findet Verstand
- In diesem wimmelnden Allerhand?
- Wer kann uns erraten?
-
- Wir selber? Kaum. Wir tauschen nichts als Zeichen,
- Andeutungen geheimnisvoller Art;
- Ziehn uns Signale auf und stellen Weichen,
- Daß keiner stören mag des andern Fahrt,
- Die ach auf sträflich unsoliden Speichen
- Uns an ein Loch führt, keinem noch erspart:
- An den bekannten Tunneleingang, der,
- Wenn wir es könnten, längst vermauert wär'.
-
- Vielleicht studiert ein Gott das wirre Wesen,
- Wie ein Professor dies und das studiert:
- Bakterien, unters Mikroskop gelesen;
- Zahlenkolumnen, mächtig aufmarschiert;
- Vokabeln eines Dichters; welche Spesen
- Im Haushalt der Natur die Kraft summiert.
- Wer weiß, was einen Gott dran interessiert, --
- Bis er, gelangweilt, mit dem Sturmesbesen
- Das rätselhafte Zeug beiseite wischt:
- Daß Laus wie Elefant zugleich verschwinden,
- Die ganze Weltgeschichte Kehricht ist,
- Napoleon nicht und Goethe mehr zu finden
- Im großen schwarzen Weltentintengischt,
- Durch das die Zeit sich ruhig weiterfrißt.
-
- Doch kann's auch sein: Es kennt die Hieroglyphen
- Der Irgendwer, der diese Rätsel schrieb,
- Die nebenbei auch uns ins Leben riefen.
- Wer weiß, vielleicht sind wir ihm wirklich lieb,
- Und, was uns weh tut, jeder Schicksalshieb,
- Will uns, prost Mahlzeit, will uns bloß vertiefen.
- Es kann ja sein. Was kann nicht sein auf Erden?
- Wir können in der Tat noch alle Engel werden.
-
- Weiß Gott: Gott weiß es! Unser ist allein
- Die Pflicht, ihm ein gefüger Stoff zu sein,
- Auf daß uns selbst die wunderliche Erde
- Kein Nadelkissen oder Kantenstein,
- Sondern ein Garten voller Früchte werde.
- Und geht es dann ins Tunnelloch hinein,
- Soll wenigstens die Lebewohlgebärde
- Den weiter Rätselnden kein schlechter Anblick sein.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
-Reife Früchte vom Bierbaum.
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 3
-
- Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir 19
-
- Yankeedoodle-Fahrt 27
-
- Die Liaisons der schönen Sara 52
-
- Samalio Pardulus 90
-
- Annemargret und die drei Junggesellen 131
-
- Der mutige Revierförster 157
-
- Der heilige Mime 169
-
- Gedichte:
-
- Flußfahrt im Frühling 191
-
- Der stille alte Goethe 192
-
- Des Helden Not 192
-
- Erde, liebe Erde 193
-
- Südtiroler Herbst 193
-
- Erzählung 194
-
- Der Verliebte 195
-
- Seele! 196
-
- Grabschrift für meinen Vater 196
-
- Lyrikerasten 196
-
- Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel) 197
-
- Wegweiser 199
-
- Gott sei Dank! 199
-
- Unser Schloß 203
-
- Die Reise ohne Fahrplan 204
-
-
-
-
-Von Otto Julius Bierbaum erschienen folgende Werke:
-
-
-Lyrik:
-
- Erlebte Gedichte. Gustav Schuhr Verlag, Berlin, 1892. Jetzt im
- Inselverlag Leipzig.
-
- Nehmt, Frouwe, diesen Kranz. Gustav Schuhr, Berlin, 1894. Jetzt
- Inselverlag.
-
- Irrgarten der Liebe (34. Tausend). Inselverlag, 1901.
-
- Dann als »Neubestellter Irrgarten der Liebe«. (Neu angeordnet
- und vermehrt). Ders. Verlag, 1906. (35. bis 40. Tausend.)
-
- Das seidene Buch. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1903.
-
- Maultrommel und Flöte. Georg Müller, München 1907.
-
-
-Erzählendes:
-
- Studentenbeichten. Novellen. Schuster u. Loeffler, Berlin, 1.
- Reihe 1891, 2. Reihe 1897. (1. Reihe 8. Aufl., 2. Reihe 6.
- Aufl.)
-
- Die Schlangendame. Novelle. Derselbe Verlag, 1893. (6. Aufl.)
-
- Die Freiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen
- Herrn Pankrazius Graunzer. Ders. Verlag, 1895. (6. Aufl.)
-
- Stilpe. Roman aus der Froschperspektive. Derselbe Verlag, 1897.
- (8. Aufl.)
-
- Das schöne Mädchen von Pao. Chinesischer Roman. Derselbe
- Verlag, 1899. (3. Aufl.) (Große Künstlerausgabe mit
- Illustrationen von B. Lyers, 1909, im Verlage von Georg
- Müller.)
-
- Kaktus. Künstlergeschichten. (3. Aufl.) Derselbe Verlag, 1899.
-
- Annemargret und die drei Junggesellen. Novellen. Inselverlag,
- Leipzig, 1902. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die
- »Sonderbaren Geschichten«.)
-
- Die Haare der heiligen Fringilla und andere Geschichten. Albert
- Langen, München, 1903. (Verschiedentlich neu aufgelegt.)
-
- Das höllische Automobil. Novellen. Wiener Verlag, Wien,
- 1904. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die »Sonderbaren
- Geschichten«.)
-
- Zäpfel Kerns Abenteuer. Kinderbuch. Georg Müller, München,
- 1906. Jetzt bei Schaffstein & Co., Köln. (Neue Aufl. 1910.)
-
- Prinz Kuckuck. Zeitroman in 3 Bdn. Georg Müller, München,
- 1906/07. 12. Aufl.
-
- Sonderbare Geschichten. 3 Bde. Derselbe Verlag, 1908.
-
-
-Dramatisches:
-
- Lobetanz. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille).
- Genossenschaft »Pan«, Berlin, dann Schuster & Loeffler,
- Berlin, 1895, jetzt Georg Müller, München.
-
- Gugeline. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille).
- Inselverlag, Leipzig, 1899.
-
- Pan im Busch. Tanzspiel (komp. v. Felix Mottl). Inselverlag,
- 1899.
-
- Stella und Antonie. Schauspiel. Albert Langen München, 1903.
-
- Die vernarrte Prinzeß (komp. von O. von Chelius). Derselbe
- Verlag, 1904.
-
- Zwei Stilpekomödien. (Das Cénacle der Maulesel und die
- Schlangendame.) Georg Müller, München, 1905.
-
- Zwei Münchener Faschingsspiele (Fastnachts-Festspiele.) Albert
- Langen, München, 1905.
-
- Der Bräutigam wider Willen. (Komödie nach Dostojewski.) Wiener
- Verlag, Wien, 1906.
-
- Der Musenkrieg. Studentenkomödie für Musik. Karl Curtius,
- Berlin, 1907.
-
-
-Kritisches:
-
- Die zweite Münchener Jahresausstellung Arnold Böcklin. ~Dr.~ E.
- Albert & Co., München, 1890/91, vergriffen.
-
- Detlev von Liliencron. Wilh. Friedrich, Leipzig, 1892,
- vergriffen.
-
- Fritz von Uhde. ~Dr.~ E. Albert & Co., München, 1893,
- vergriffen.
-
- Franz Stuck (Prachtwerk). Derselbe Verlag, 1893, vergriffen.
-
- Aus beiden Lagern. Über das erste Ausstellungsjahr in München.
- Karl Schüler, München, 1893, vergriffen.
-
- Franz Stuck. In der Monographienreihe von Velhagen & Klasing,
- Bielefeld, 1899. (Neue Auflage 1909.)
-
- Hans Thoma. In der »Kunst« von Marquardt & Co., Berlin, 1903.
- (3. Aufl. 1909.)
-
- Fritz v. Uhde. In der »Kunst unserer Zeit«. Hanfstängl,
- München, 1905, als Buch gänzlich umgearbeitet bei Georg
- Müller, 1908.
-
- Liliencron. Ein Essaybuch. Verlag von Georg Müller, München.
-
-
-Verschiedenes:
-
- Der bunte Vogel von 1897. Kalenderbuch, Gedichte und allerhand
- Prosa. Schuster & Loeffler, Berlin, 1896, jetzt Georg Müller,
- München.
-
- Der bunte Vogel von 1899. Derselbe Verlag, 1898, jetzt Georg
- Müller, München.
-
- Eine empfindsame Reise im Automobil. Reiseberichte. Marquardt &
- Co., Berlin, 1903.
-
- Dasselbe, erweitert unter dem Titel »Mit der Kraft«. Derselbe
- Verlag, 1906.
-
- Die Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten. Georg
- Müller, München, 1910.
-
-
-Demnächst erscheint:
-
- Fortuna. Ein Abenteuer in 5 Akten (mit Königsbrun-Schaup).
- Verlag von Georg Müller, München.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 21: achaische → archaische
- Mozart, {archaische} Skulpturen
-
- S. 101: Mißgestalten → Mißgestalteten
- dieses Nachtkonzert der Unholde dem {Mißgestalteten}
-
- S. 185: sehrende → zehrende
- Wie {zehrende} Liebeskunde
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Reife Früchte vom Bierbaum, by Otto Julius Bierbaum
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REIFE FRÜCHTE VOM BIERBAUM ***
-
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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