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Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration: - - Phot. Hugo Erfurth, Dresden. -] - - - - - Reife Früchte - - vom - - Bierbaum. - - Aus den letzten Ernten ausgewählt und mit einem - Vorspruch dargebracht - - von - - Fritz Droop. - - Mit einem Bildnis Otto Julius Bierbaums. - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - - - -Einleitung. - - -Von Zeit zu Zeit tut uns das Lachen not, das Lachen, das über den -Alltag erhebt, die Freude, die uns stärkt und befreit; es gibt keinen -besseren Arzt auf der Welt als den Humor, keinen besseren Führer durchs -Leben als die Lebensfreude! - -In der Erkenntnis dieses Grundsatzes ruht die Bedeutung Otto Julius -Bierbaums, und wenn irgend etwas die Hoffnung stärken kann, daß wir -wieder einer gesunderen künstlerischen Zeit entgegengehen, so ist es -der Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten eines Liliencron, -Bierbaum und Hartleben. Denn nicht immer war man so »tolerant«, und -noch trennen uns keine zwei Jahrzehnte von der Zeit, da man weder von -dem einen noch dem andern etwas wußte oder wissen wollte. Aber ein -ungebärdiger Überschwang und eine brausende Zuversicht zu sich selbst -gab diesen Dichtern die Kraft, sich durchzusetzen. Sie schlugen, wie -Bierbaum in einem Aufsatz über Liliencron sich einmal ausdrückt, wie -die Fohlen auf der Weide aus und vermieden es, artiger zu scheinen, -als ihnen zumute war. Auf bürgerliche Reputation kam es ihnen durchaus -nicht an, und sie empfanden es als eine große Genugtuung, wenn man mit -dem Finger der Entrüstung auf sie hinwies als auf zügellose Frevler -gegen alle Ordnung und Sitte. »Der allerorten gegen uns erhobene -Schulmeisterbakel machte uns nur noch verwegener und vergnügter, -und der Umstand, daß alle Argumente gegen uns schließlich darauf -hinausliefen, uns unsere grüne Jugend vorzuwerfen, ließ uns eben diese, -die wir als unseren Vorzug empfanden, erst recht auftrumpfen.« Sie -nannten sich Realisten, waren aber weltfremde Feinde der Realität, -Idealisten vom reinsten Wasser, mit so großer Vorliebe sie auch die -Kunstmittel des Naturalismus anwandten, um als Gegensatz zum Bilde -ihrer Sehnsucht, das rechtschaffen verschwommen war, ein Bild der -»Wirklichkeit« zu machen, von der sie in Wirklichkeit noch bitter -wenig Ahnung hatten. Es waren jene übermütig lebensfrohen Gesellen, -wie Bierbaum sie in dem jüngst erschienenen Versbuch »Maultrommel -und Flöte« so trefflich zeichnet, indem er sie als »junge Götter in -Hemdsärmeln« singen läßt: - - »Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt! - Winken auch bloß billige Pullen, - Schinken-, Wurst- und Käsestullen, - Und das Tischtuch ist ein Hemd: - Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt! - - Denn wir sind die Herren: Wir - Garnichtshaber, Garnichtswoller, - Garnichtssucher, Garnichtssoller. - König, -- heb dich weg von mir! - Denn wir sind die Herren: Wir! - - Sind die Herren Götter! Frei, - Wie sonst niemand ist auf Erden. - Sollen wir erst selig _werden_? - Nein, wir _sind's_! Hör's, Menschenbrei: - Sind die Herren Götter: frei!« - -Heute wissen wir, daß Bierbaum kein geringerer Lebenskünstler ist -als Liliencron und erkennen es deshalb als einen Zug wohltuender -Dankbarkeit, daß er zum Lobe des Dichters der »Adjutantenritte« -die ehernen Worte fand: »Da kam Liliencron, und wir vernahmen aus -seinem Munde in Versen von ganz der Art, um die wir rangen, Worte der -Bejahung des Lebens ohne Sehnsucht nach Utopien, wohl aber verklärt -durch Gesichte einer zweiten tieferen Realität: der des seherischen -Künstlers. Zum ersten Male, und das entzückte uns besonders, sahen -wir unter uns einen Dichter von ganz ursprünglicher und unverbildeter -dichterischer Veranlagung, der kein Literat war, ja das Gegenteil -eines Literaten, und der in seinen Gedichten, so voll sie der -reinsten, echtesten, kräftigsten Poesie waren, auch nicht den Dichter -hervorkehrte, dieses abstrakte X., das alles individuell Menschliche -verbirgt, sondern eine ganz deutliche Persönlichkeit bekannte. Auch -wir taten uns ja etwas darauf zugute, daß wir, nicht selten mit mehr -Selbstbewußtsein als Geschmack unserem dichterischen Ich deutliche -Persönlichkeitszüge mitgaben, wenn wir es zum Mittelpunkte einer -lyrischen Konfession machten, aber es sah dennoch fast immer recht -sehr allgemein aus, denn, so heftig wir nach dem höchsten Gute: der -Persönlichkeit trachteten, so wenig konnten wir es im allgemeinen -erreicht haben, da wir zu jung dazu waren und zu wenig wirklich erlebt -hatten. Auch waren wir zu ausschließlich Dichter und betonten diesen -Umstand sogar als etwas, das uns auszeichnete, -- eigentlich ganz wie -die von uns so sehr geschmähten ›Alten‹, die es nur in anderer Manier -und aus anderen Gründen taten.« - -Bereits vor zwanzig Jahren durfte er seine ersten Lorbeeren pflücken, -als er mit seinen warmherzigen und geistvollen Abhandlungen über -Arnold Böcklin, Detlev von Liliencron, Fritz von Uhde und Franz -Stuck die Kreise der Künstler und Literaten entzückte. Außerhalb -dieser Kreise war sein Name zunächst noch wenig bekannt, und erst -die »Studentenbeichten« trugen seinen Ruhm hinaus auf den Markt, bis -ihn der »Irrgarten der Liebe« und die vornehme Auswahl des »Seidenen -Buches« geradezu volkstümlich machten. Jedenfalls gehört Bierbaum -heute zu den meist- und bestkomponierten unter den lebenden Lyrikern; -es sei nur an die Kompositionen von Richard Strauß und Max Reger oder -an das vielgesungene Lied »Sommernacht« in der genialen Vertonung des -Königsberger Kapellmeisters Paul Scheinpflug erinnert: - - Laue Sommernacht; am Himmel - Stand kein Stern; im weiten Walde - Suchten wir uns tief im Dunkel, - Und wir fanden uns. - - Fanden uns im tiefen Walde - In der Nacht, der sternenlosen, - Hielten staunend uns im Arme - In der dunklen Nacht. - - War nicht unser ganzes Leben - So ein Tappen, so ein Suchen? - Da: in seine Finsternisse, - Liebe, fiel dein Licht. - -Bierbaums Gedichte, Lieder und Sprüche haben fast durchweg etwas -Schlichtes, Natürliches, etwas Einschmeichelndes und Herzgewinnendes, -wie es unser Volk liebt; und wenn seine Versbücher auch eine Menge -leichter Tändeleien mit sich führen, so enthalten sie doch alle eine -stattliche Anzahl Gedichte, über denen ein wirklich echter, zarter Duft -von Grazie und Anmut liegt. - -Mit dem Schauspiel »Stella und Antonie« betrat der Dichter zum ersten -Male den dornenreichen Pfad des Dramatikers. Das Stück, das an den -vornehmsten deutschen Bühnen wiederholt mit glänzendem Erfolge -aufgeführt worden ist, behandelt die Tragödie eines Mannes, der -zwischen zwei leidenschaftliche Weiber gerät, von denen sich das eine -an seine Sinne, das andere an sein Herz und seine Seele wendet; es -ist der Konflikt zwischen der wildbegehrenden Natur und der edlen -Sitte, ein heißer Kampf, in dem die Sitte siegt. Im Elberfelder -Stadttheater erzielten außerdem vor einigen Jahren zwei mit allerlei -Spitzen und Bosheiten gegen Pastor und Staatsanwalt gespickte -»Stilpe-Komödien« einen allgemeinen Heiterkeitserfolg. Weiter schrieb -er das graziös-tiefsinnige Märchenspiel »Lobetanz«, zu der Ludwig -Thuille zarte lyrische Weisen fand. Er gab Kortums »Jobsiade« mit einer -launigen Vorrede in Knittelversen neu heraus, schrieb eine willkommene -Studie und Verteidigungsschrift über Meister Hans Thoma, dichtete -als alter Korpsstudent aus Anlaß des Leipziger Universitätsjubiläums -die Studentenkomödie »Der Musenkrieg« und ist Herausgeber des seit -einigen Jahren im Verlage von Theodor Weicher (der auch die mit -handschriftlichen Selbstbiographien der Dichter und ihren Porträts -ausgestattete Sammlung »Deutsche Lyrik der Neuzeit« herausgebracht -hat) in Leipzig erscheinenden Goethe-Kalenders. Er gründete die -Monatsschrift »Insel«, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus und rief -mit Meier-Gräfe zusammen die kostbar ausgestattete Kunstzeitschrift -»Pan« ins Leben. Was er aber auch begann, geschah in einer glücklichen -Stunde, unter einem glücklichen Stern. - -Daß seine Muse auch dem Zuge der Zeit zu folgen wußte, bewies er durch -die »Empfindsame Reise im Automobil«. Mit offenen, wachen, allen -Erscheinungen des Lebens und der Natur zugewandten Sinnen reisen, -nennt er empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint ihm -als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben -zu werden. In unserer Zeit hat man das Reisen ja verlernt; man läßt -sich transportieren. Bierbaums Ziel war, mit dem modernsten aller -Fahrzeuge auf recht altmodische Weise zu reisen; sein Leitspruch -hieß: »Lerne reisen ohne zu rasen«, und die achtzehn Briefe, in denen -der Dichter seinen Freunden Detlev von Liliencron, Hans Thoma, Franz -Stuck, Max Schillings, Fritz von Uhde, Oskar von Chelius, Ludwig -Thuille und anderen berichtet, beweisen, daß er seinen Spruch zu -beherzigen verstand. Bierbaum hat sehen und genießen gelernt; das -ist's, was ihn ebensosehr zum geistvollen Plauderer und Humoristen wie -zum Sittenschilderer und Kunstkritiker stempelt. In der soeben bei -Georg Müller in München erschienenen »Yankeedoodle-Fahrt« hat er diese -Fähigkeit von neuem im schönsten Lichte entwickelt. - -Eine besondere Betrachtung gebührt Otto Julius Bierbaum als Romancier. -Was Schönheit und Weiberklugheit vermag, das erzählt Bibaomo, -Baccalaureus der schönen Künste, in seinem Roman »Das schöne Mädchen -von Pao«, in der »Schlangendame« geschieht nichts weniger, als daß -die Serpentincancanöse Fräulein Paula Hollunder einen verbummelten -Studenten, Herrn Ewald Brock, erzieht, bemuttert und nicht eher ruht, -bis sie aus ihm einen wirklichen Doktor und ein braves und nützliches -Mitglied der menschlichen Gesellschaft gemacht hat. Die landläufige -Moral bekommt hier also einen argen Stoß; für die Überzarten, -Zimperlichen, Prüden ist die »Schlangendame« nichts, ebensowenig wie -der »Pankratius Graunzer«. - -Dasselbe gilt von »Stilpe«, dem Roman des verkommenen Genies, sowie -von der dreibändigen Geschichte »Prinz Kuckuck, Leben, Taten, -Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings«; beides Werke von ebenso -groteskem Farbenspiel wie bitterem Ernst, aus denen nicht zuletzt -der Berufserzieher eine Fülle von Anregungen und heilsamen Lehren -ziehen kann. Was Bierbaum selbst über das Wesen des Romans denkt, hat -er in seinem Widmungsbriefe an Holger Drachmann ausgedrückt, über -seine besonderen Absichten mit dem Zeitroman »Prinz Kuckuck« sagt -er in den von Professor Litzmann herausgegebenen Mitteilungen der -Literarhistorischen Gesellschaft in Bonn: - -»Die Grundabsicht meiner Arbeit ist satirischer Natur, aber die Satire -wendet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern gegen allgemeinere -Zeiterscheinungen. Es lassen sich herausheben: Erziehungswesen, -Übermenschentümlichkeit, Macht des Geldes (über den Besitzer wie über -seine Umgebung), Rassenphrasen, künstlerische Galoppentwickelung, -Erotomanieen aller Art, Snobismen auf verschiedenen Gebieten (selbst -der Religion), Neigung zur Allüre und allem Äußerlichen. Dies alles -wie in einem kochenden Nudeltopfe: ein ewiges Auf- und Nieder- und -Durcheinanderwallen: eine Zeit ohne Helden und ohne Stil, aber mit -heftig bewegter Tendenz danach. - -Insofern erscheint eine Hauptfigur mit Zügen ausgestattet, die nicht -bloß individuell gedacht sind: Der Erbe, der nicht zu erwerben weiß, um -zu besitzen. Indessen ist er doch nicht wesentlich als Typus angelegt, -wenngleich gewisse Besonderheiten an ihm (so sein ›antisemitisches‹ -Halbjudentum, das Zufallhafte seines Reichtums und damit sein Mangel -an Tradition) nicht ohne eine Art symbolisch allgemeiner Bedeutung -sind. Denn neben der satirischen Absicht leitete mich das Interesse -an gewissen psychologischen Problemen und, natürlich, die Lust am -fabulierenden Gestalten. - -Darüber aber ist nun wohl vom Verfasser nichts zu sagen. Erscheint -das psychologische Problem, erscheinen die einzelnen Gestalten nicht -mit aller Deutlichkeit, und entbehrt die (_übrigens erfundene, nur in -einzelnen Voraussetzungen der Anlage modifiziert dem Leben entnommene_) -Fabel der Geschichte des Reizes überzeugender Anziehungskraft, so hilft -kein Kommentar und Wegweiser des Autors über den Umstand weg, daß sein -Werk verfehlt ist. -- - -Im ersten Hefte des dritten Bandes ›Aus Kunst und Altertum‹ finden sich -hintereinander zwei Axiome Goethes, die auf meinen Roman im allgemeinen -wie im besonderen passen: - -›Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich -die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es -fragt sich also nur, ob er eine Weise habe; das andere wird sich schon -finden.‹ Und: - -›Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in -der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus entsteht der -ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.‹ - -Auf die Frage, ob ich eine Weise habe, kann nur der Roman selbst -antworten; auf die, ob sie den anderen gefällt, nur die anderen; -und schließlich auf die, ob sie künstlerisch wertvoll zum Ausdruck -gebracht worden ist, mag die Kritik ihre Antwort geben. Ich glaube, daß -Aufbau und Gliederung meiner subjektiven Epopöe für den ästhetischen -Beurteiler literarischer Kunstwerke einiges Interesse haben werden. -Bei aller Freiheit im einzelnen bin ich konstruktiv sehr streng zu -Werke gegangen, -- auch in Fällen, wo man mir am Ende nachsagen wird, -daß ich mich aus reiner Lust am Fabulieren habe gehen lassen (z. B. -in dem Zwischenstück aus dem XVIII. Jahrhundert im dritten Bande, -das eine Art Rück- und Wiederspiegelung des Problems sein will). Die -Vielfältigkeit des Stiles läßt sich, denk ich, durch die Anlage des -Ganzen rechtfertigen, das ich mit einem weitläufigen Gebäudekomplex -nach Art des bayrischen Nationalmuseums vergleichen möchte, das, als -Ganzes eine ästhetische Einheit, im einzelnen die verschiedensten Stile -aufweist (in der Architektur wie in der Inneneinrichtung). Wenn es mir -wie Meister Gabriel von Seidl gelungen ist, mit verschiedenartigen -Mitteln ein Gebäude aufzurichten, das dennoch als organisches Gebilde -wirkt gleich alten Bauwerken, denen die Entwickelung der Zeit eine -Vielfältigkeit des Stiles gegeben hat, ohne ihre konstruktive Einart -zu verwischen, so glaube ich, daß der Wechsel des Duktus kein Fehler -meines Romanes ist. Es geschah nicht aus Lust an stilistischer -Spielerei, sondern stellte sich wie von selbst mit dem Wechsel der -Szenerie, der Handlung, der Zeit innerhalb meiner Geschichte ein. Wäre -sie (vergleichsweise) ein Dom, ein Palast, ein idyllisches Landhaus, -so möchte das Nebeneinander von Stilen schwerer zu verteidigen sein. -Sie ist aber eine Art Museum von allerhand, höflich ausgedrückt, -Kuriositäten der Generation, zu der ich gehöre, und so durfte ich -meiner Empfindung nach, die Geschichte der schönen Sara im Stile der -Krinolinenzeit, die Erlebnisse des ›Helden‹ in der Ulrikusstraße zu -Hamburg aber im Stile des Naturalismus vom Anfang der achtziger Jahre -erzählen usw. - -Das zweite Zitat aus Goethe, das, wenn ich nicht irre, bei dem -bekannten Spielhagenschen Romane Pate gestanden hat, umschreibt das -dominierende Problem im Leben meines sehr problematischen Wollüstlings -aufs treffendste. Wie es mir nach Beendigung der ersten beiden Bände -vor Augen kam, erschrak ich beinahe, als hätte ich mich selbst auf -einem Plagiat ertappt. Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, daß das -›Wollüstling‹ im Titel eine ironische Nuance hat ... - -Nur wer des Sinnes für Nuance und Ironie entbehrt, dürfte überhaupt -gut tun, sich eine weniger problematische Lektüre zu wählen, als den -›Prinzen Kuckuck‹. Damit ist gesagt, daß das Buch sich insbesondere -nicht für junge Mädchen eignet, als welche fast ausnahmslos so -glücklich sind, diesen gefährlichen Sinn nicht zu besitzen. - -Es soll ja überdies auch unmoralisch sein und ist bereits als -pornographisch denunziert worden. Demnach gibt es Leute, die Bücher -mit der ausgesprochenen _Absicht_ lesen, Anstoß zu nehmen. Es muß dies -eine Art Perversität sein; geistiger Masochismus etwa. Denn, wenn ein -Buch auf seinem Titel ausdrücklich bekennt, daß es vom Leben, den -Taten, den Meinungen und der Höllenfahrt eines Wollüstlings handelt, so -sollte ein (sozusagen) normal prüder Mensch sich hinlänglich gewarnt -und abgestoßen fühlen, und er sollte sich den Stein des Anstoßes nicht -geradezu ins Haus tragen. Tut er's dennoch, so wird man annehmen -dürfen, daß ihm entweder das Ärgernisnehmen oder das Denunzieren -vergnüglich ist. Jeder Staatsanwalt aber sollte mit Entschiedenheit -erklären, daß die Organe des Staates nicht dazu da sind, derlei -perversen Trieben zu dienen. Ich für mein Teil darf sagen, daß mir -ebenso unerwünscht wie diese Art Leser die sind, denen das Wort -Wollüstling etwa als Einladung erschienen ist. -- Im übrigen glaube -ich, daß mein Roman eine sehr schöne Moral hat. Sie steht bei Immanuel -Kant mit diesen schönen Worten zu lesen: ›Durch die Einschränkung der -Selbstliebe und Niederschlagung des Eigendünkels entsteht in uns jenes -Gefühl, welches das Moralgesetz in uns bewirkt.‹« - -Es kam Bierbaum bei der Niederschrift des »Prinzen Kuckuck« nicht -allein darauf an, das Leben eines Menschen zu schildern; sein -ungleich größeres Thema war die Zeit, in der sich der Held bewegt. -Seltsame Gestalten tauchen vor uns auf, seltsam und doch so lebenswahr -und psychologisch echt, und alles das ergänzt sich zu einem treuen -Spiegelbild des unruhigen Getriebes unserer gegenwärtigen Epoche, deren -Pulsschlag hastig und unsicher, voll Leidenschaft und Erregung ist. -Wer die wahren Schäden unserer Zeit kennt und sich nicht fürchtet, -dieses zu bekennen, der wird den »Prinzen Kuckuck« mit noch größerer -Freude begrüßen, wie einst den »Stilpe«. Denn es geht, wie Felix -Salten in der »Zeit« so treffend ausgeführt hat, von der Erzählung ein -solcher Sturm des Geschehens, des Erfindens aus, daß es ist, als hätte -man die Begebenheiten, die Menschen und die Schicksale eines ganzen -Zeitalters zusammengeschüttelt, die Stoffe von zwanzig Romanen, von -dreißig Komödien und von hundertfünfzig Novellen. Der Sohn der schönen -Sara schreitet durch diesen Tumult von Gestalten und Ereignissen, -durch dieses Zeitalter, welches das unserige ist. Er wächst auf, -wandelt sich, genießt die Welt, taumelt durch die Brandung der Epoche, -überall dort, wo sie am wildesten schäumt, ist der Liebling und der -Narr des Glücks, und stirbt wie eine Flamme oder wie ein Gleichnis. -Im »Prinzen Kuckuck« ist so ziemlich alles aufgefangen, was heute die -germanisch-slawisch-gallisch-jüdische Menschheit des modernen Europa -erlebt; ginge diese Welt jetzt durch eine Sintflut spurlos unter, sie -fände sich mit all ihrem sonderbaren Getier in diesem Buch aufbewahrt, -wie in Noahs Arche. - -Dem Roman ließ Bierbaum sehr schnell das Essaybuch »Liliencron«, die -»Sonderbaren Geschichten« und die »Yankeedoodle-Fahrt« folgen. In -seinem Liliencron-Buch hat Bierbaum -- neben Michael Georg Conrad -ohne Frage der Berufenste unter allen »Biographen« Liliencrons -- -die bedeutendsten seiner zahlreichen Bekenntnisschriften über den -Unvergeßlichen vereinigt. Nur wenigen hat sich der Dichter des -»Poggfred« und der »Adjutantenritte« so unverhohlen mitgeteilt wie ihm; -zudem war Bierbaum nächst dem großen Anreger und Vorkämpfer Michael -Georg Conrad der erste, der die Bedeutung Liliencrons erkannte und mit -glühender Begeisterung und offenem Freimut für ihn in die Schranken -trat. Man versteht es und freut sich dessen, daß die Dankbarkeit den -Verfasser veranlaßte, das Buch dem älteren Kameraden zuzueignen, und -man braucht nur den Widmungsbrief an Michael Georg Conrad zu lesen, -um den Grundakkord zu vernehmen, auf dem die Sinfonie des herrlichen -Buches sich aufbaut: die Sinfonie der Schönheit und der Kraft. - -Die »Sonderbaren Geschichten« erinnern uns in der Kunst der Prosa an -den großen Roman, ja sie übertreffen ihn darin vielleicht insofern, als -der Reichtum der Ausdrucksmittel hier in schärferer Zucht gehalten, -klarer disponiert ist. Ein Stück wie »Samalio Pardulus« darf als -Wortkunstwerk einen Rang beanspruchen, der oberhalb des meisten steht, -was die künstlerische deutsche Belletristik hervorgebracht hat. Diese -Sprache hat nicht bloß Anschaulichkeit und Wärme, sie hat auch Rhythmus -und zwar, daß ich nicht mißverstanden werde: ohne sogenannte poetische -Prosa zu sein. In ihr waltet die Ökonomie der Novelle, wie im »Prinzen -Kuckuck« der mächtige Atem des künstlerischen Romans der Sprache das -Gesetz: die künstlerische Struktur gibt. Man muß in Deutschland immer -wieder auf derlei hinweisen, denn der Genuß von Kunstwerken des Wortes -hängt nicht bloß vom Verständnis des Inhaltes, sondern fast noch -mehr davon ab, daß der Leser seinen Sinn für die Form bilde und des -Wohlgefühls teilhaftig werde, das in der Erkenntnis von Schönheiten -liegt, die sich nur dem offenbaren, der das innere Ohr hat. Wir -haben das erst durch Nietzsche wieder erlangt, von dem Bierbaum als -Künstler viel mehr beeinflußt worden ist, als von irgendeinem Lebenden; -wie denn überhaupt seine künstlerischen Nährväter hauptsächlich in -der Vergangenheit zu suchen sind. So steht seine Lyrik keineswegs -wesentlich unter Liliencronschem Einflusse, sondern unter dem von -Goethe, Claudius, Bürger. Von den Modernen hat nur der große Nietzsche -stark auf ihn eingewirkt. - -Das Hauptmerkmal der »Sonderbaren Geschichten« ist ihr grotesker Zug. -Wenn »Die Stimme des Blutes« wie »Samalio Pardulus« eine tragische, -»Der mutige Revierförster« eine satirische Groteske ist, so findet sich -für jedes andere Stück -- die vorliegende Auswahl bringt außer den -beiden letzten Geschichten noch aus der Sammlung das launige Epos »Der -heilige Mine« und die von echter Raubritterromantik getragene Erzählung -»Annemargret und die drei Junggesellen« -- gleichfalls als Hauptzug der -der Groteske im Sinne der Alten und der Renaissance. Es sind eigentlich -alles Maskenspiele; aber unter der Maske, durch die Maske leuchtet -das Leben. Alle diese »Sonderbaren Geschichten«, die sich so leicht -lesen, sind im Grunde gar keine so leichte Ware; nur nachdenkliche -Lektüre wird ihr gerecht. Und das ist überhaupt das unterscheidende -Merkmal des Bierbaum der letzten Zeit, daß er zwar seine Leichtigkeit -nicht verloren hat, auf seinen Flügeln aber mehr zur Höhe trägt, als -früher. Auch die Gedichte von »Maultrommel und Flöte« zeigen das. Der -Wein dieser Lyrik ist schwerer geworden, ohne an Bouquet verloren -zu haben. Und wenn Bierbaum auch hier noch gerne tändelt, so ist es -der frohmütige Spaß eines reifen Mannes, nicht mehr jugendliches -Amüsement. So stehen auch die Stücke der »Yankeedoodle-Fahrt« über der -»Empfindsamen Reise im Automobil«, weil diesmal das Gepäck reicher -an den Reiseeffekten ist, die zur großen _Lebens_reise gehören, soll -sie zu der höchsten Station: _Weltanschauung_ führen. Trotzdem, nein: -eben deswegen überglänzt alle drei Bücher echter Bierbaumscher Humor. -Nur muß man das Wort wohl etwas tiefer zu nehmen beginnen, als man es -bisher tat oder tun dürfte. So ist der Humor der »Yankeedoodle-Fahrt« -wenn auch nicht bitter, so doch bittersüß. Aber sauer sind die -Früchte von diesem Baume nie; Sonne und Leben hat sie gereift, es sind -Sonnenfrüchte. - - * * * * * - -Im Frühjahr 1910 sollte außer dem Romanfresko »Die Päpstin« eine -Novellensammlung »Die Schatulle des Grafen Trümmel« erscheinen, -für den Herbst hatte Bierbaum die Veröffentlichung einer großen -Selbstbiographie geplant. Er hat die Drucklegung dieser Werke -ebensowenig erleben sollen wie das Erscheinen seiner »Reifen Früchte«, -auf die er sich so gefreut hatte. Sein letztes abgeschlossenes Werk -ist eine Dichtung für die Bühne; das mit Königsbrun-Schaup zusammen -gearbeitete Stück führt den Titel »Fortuna. Abenteuer in 5 Akten« und -wird noch in diesem Jahre zur Aufführung gelangen. - -»Aus den _letzten Ernten_ ...«, so sollte es im Titel der »Reifen -Früchte« heißen, dessen originelle Fassung des Dichters eigene Idee -war; so war es -- schon im Herbst 1909! -- überlegt. Wer hätte -gedacht, daß es wirklich _letzte_ Früchte sein würden? Im Dezember -vorigen Jahres warf ein chronisches Nierenleiden den Dichter auf das -Krankenlager, von dem er sich, allem Sträuben zum Trotz, nicht wieder -erheben sollte, obgleich sein Zustand sich vorübergehend gebessert -hatte. Ein Brief, den ich am 2. Februar frühmorgens von seinen -Angehörigen aus Dresden erhielt, klang sehr besorgt. Doch fielen mir -allerlei Sätze aus seinen eigenen letzten Briefen ein, kraftstrotzende, -von reifem Lebenssinn und unverwüstlicher Daseinsfreude getragene -Gedanken. Und wie ich alle Bedenken und alle Sorge um den kranken -Freund mit dem gleichen Optimismus zu verscheuchen suche, bringt der -Telegraph die Trauerkunde: Otto Julius Bierbaum ist gestern abend im -Alter von 44 Jahren an Herzlähmung gestorben ... - -Nun ist der Mund, der so lustig plaudern und so herzhaft lachen konnte, -für immer verstummt, wir werden seine Stimme nie mehr hören. Und wir -hadern mit dem Geschick und können es nicht fassen, daß es gerade -diesem Manne die Feder aus der Hand winden mußte, dem unermüdlichen -Apostel der Schönheit, Freiheit und Freude. So steht sein Bild -kraftvoll und edel neben dem seines Freundes Detlev, für den er immer -so tapfer in die Bresche gesprungen war, getreu dem schönen Spruche, -mit dem er mir, drei Tage vor seiner Erkrankung, sein herrliches -Liliencron-Buch sandte: - - Wer sich für andre nicht erhitzen kann, - Der ist vielleicht ein kluger Mann: - Er wahrt sein Feuer - Und wärmt sich _seine_ Hände dran. - Mir war bei solcher Klugheit nie geheuer. - Ein rechtes Herz brennt unklug lichterloh. - Und seine Flamme sieht sich schöner an, - Als der Bedachtheit glimmend nasses Stroh. - -Ja, lichterloh brannte sein Herz, wenn es galt, für etwas Hohes, Edles -einzutreten, und seine Waffen waren blank und scharf. Das ist Bierbaums --- wie auch Liliencrons -- bleibendes Verdienst: daß er die Freude -an gesunder Sinnlichkeit und Schönheit in unser graues Alltagsleben -trägt, ohne Sinnlichkeit mit Plumpheit, Schönheit mit Ästheterei zu -verwechseln. Die Freude, die er verkündet, macht stark und befreit und -erhebt. Wie sagt doch der Seher in der »Vernarrten Prinzeß«? - - »Wagt's immer, zu springen, - Es muß euch gelingen, - Was _fröhlich_ ihr schafft. - Das grämliche Hocken - Bringt alles ins Stocken; - Frei wehn eure Locken, - _Die Freude macht Kraft_!« - -_Danzig_, im Februar 1910. - - Fritz Droop. - - - - -Reife Früchte vom Bierbaum. - - - - -Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir. - - -_Otto Julius Bierbaum_ - -erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grüneberg in -Niederschlesien als der Sohn eines eingeborenen Konditors und einer -sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei -Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: -die protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen -besonders starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her -(in der einmal, zur Zeit Napoleons ein französischer Tambour eine -Gastrolle gegeben haben soll), und so fand in ihm weder die süße -noch die saure Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm -Zeit seines Lebens von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für -bessere Kuchen und Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen -immer befriedigen könnte. Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, -weil er, statt das Süße oder das Saure oder sonst was Ordentliches zu -lernen, sich von Jugend auf dem Laster des Versemachens und Fabulierens -hingegeben hat. Was hat er davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget -und die Ungnade des Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar. -Dieses hindert ihn aber nicht daran, mit trotziger Hartnäckigkeit -weiter zu schreiben und zwar ohne alle weise Beschränkung auf ein -bestimmtes Fach der Dichtkunst. Nicht allein, daß er Gedichte jeder -Art und Unart sowie Novellen, Romane, Operntexte, Dramen, Balletts, -Reisebeschreibungen, Märchen von sich gibt; er schreibt auch noch -allerhand Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen. Dies -ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung -der Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. -Warum, so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit -begnügt, den »Lustigen Ehemann« zu verfassen? Wie klar und hold -umrissen stünde dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt. Daß -er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil -sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, -Gott sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden -Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die -Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine -längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man -weiß, daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. Über -seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. Einige -Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm -seines Trianon-Theaters wird immer als besinnungslos rein lyrisches -Entlastungsdokument angeführt werden können. Ob O. J. B. harmlos -ist, muß dahin gestellt bleiben; da er es sich nicht abgewöhnen zu -können scheint, über gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu -werden, als da sind: Neid, Lügenhaftigkeit, Undankbarkeit, Tratsch- -und Verleumdungssucht und aufgeblasener Dummstolz, so muß er doch wohl -einige Bosheit im Leibe haben, und die christliche Demut, die, nicht -zufrieden, links geohrfeigt zu werden, auch die rechte Wange hinhält, -fehlt ihm ganz und gar. Da er lieben kann, kann er auch hassen, und wie -die platonische Liebe, so ist auch der platonische Haß nicht seiner -Art gemäß. Es scheint, daß er einige Laster hat. Der Trunk gehört -nicht dazu. Auch nicht der Geiz und die Faulheit. Aber es könnte sein, -daß man Momente von Stolz, Wollüstigkeit, Rachsucht in seinem Leben -fände. Item: vom Heiligen ist er entfernt. Hunde, Katzen, Blumen; -Horaz, Shakespeare, Goethe; Glück, das »wohltemperierte Klavier«, -Mozart, archaische Skulpturen, alte italienische Maler, moderne -Impressionisten; Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. -Für die größten unter den modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski -und Nietzsche. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber als Max Klinger. -- -Alte Stile sind ihm erfreulicher als moderne. Und er ist überhaupt -revidiert unmodern. Daher ist er ein Renegat des »Buchschmucks« und -bereut seine Sünden auf diesem Gebiete herzlich. Was die moderne Musik -angeht, so scheint es, daß sein Nervensystem ihr nicht gewachsen ist. -Seine Unfähigkeit, »Farben« zu hören, ist schlechthin pathologisch und -man muß es wohl pervers nennen, daß er die schönsten musikalischen -Kapitel aus der ~psychopathia sexualis~ einfach nicht kapiert. Kurz: -er ist unmusikalisch. Aber er besitzt eine Phonola und er freut sich -dieses Automusikels täglich. Moderne Bücher liest er nicht gar viele, -aber es gibt ein paar Autoren, von denen er keines ausläßt. Darunter -steht in erster Linie Wedekind. Wenn er das Glück hat, einen Neuen -für sich zu entdecken, so ist sein Vergnügen groß. Mit dem gleichen -Vergnügen hat er entdeckt, daß er sich früher in seiner Begeisterung -einmal bös geirrt hat. Es ist ihm, als wäre seitdem die Luft in -seinem Leben besser geworden. In alten Briefwechseln, Tagebüchern -und Memoiren zu lesen ist ihm die spannendste Lektüre. Den größten -Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die Tagebücher Friedrichs von -Gentz, den er überdies für einen der besten Prosaisten in deutscher -Sprache hält. Dieses Interesse für einen Mann, der als charakterloser -Sybarit bei allen deutschen Männern von Überzeugungstreue und Tugend -hinlänglich verrufen, sicherlich jedoch so gut wie unbekannt ist, -beweist natürlich, daß O. J. B. gleichfalls ein charakterloser Sybarit -ist. Und er hat in der Tat einiges mit Friedrich v. Gentz gemeinsam. -So die Passion für gutes Deutsch, die gleichzeitig auch als eine Art -Sybaritismus bezeichnet werden kann. Ferner die Neigung, über seine -Verhältnisse hinaus zu leben (was in mancherlei Sinne zu verstehen -ist). Dann den Tic fürs Vornehme (gleichfalls in mehr als einem -Betracht). Dann das Bedürfnis nach lebendiger Schönheit und lebendigem -Geist, aber doch auch nach Bequemlichkeit. Weiter aber auch die -Fähigkeit, stark zu arbeiten und in der Anerkennung weniger sich dafür -belohnt zu fühlen. - -Was ihn jedoch von Gentz unterscheidet, ist dies: Er ist durchaus kein -Mensch und zieht die Einsamkeit der besten Gesellschaft bei weitem -vor. Übrigens verehrt er Napoleon in demselben Grade, wie Gentz ihn -verabscheut hat. - -Sollte sich hier die Frage nach seinen politischen Meinungen -aufrichten, so wäre die Antwort: Er würde vielleicht welche haben, -wenn für ihn die Möglichkeit bestünde, sie zu betätigen. Eine -Stimmzettelabgabe alle fünf Jahre hält er für keine Betätigung, -und zum politischen Schriftsteller fehlt ihm der Glaube an ein in -Deutschland realisierbares Programm. Die Mächte, die im deutschen -Reiche Politik machen, sind, oben und unten, für freie Geister -unzugänglich. Nur politische Temperamente von der Vehemenz und -Aufopferungsfähigkeit Maximilian Hardens können, wenn sie wie dieser -sehr klug und im höchsten Sinne diplomatisch begabt sind, bei uns -wirklich wirken, ohne ein Amt oder Massen für sich zu haben. - -Religiös ist O. J. B. Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, -vom Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom -Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile -der sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens -auf einer Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen -Wurstigkeit, vom Taoismus die höchstangesehene Mystik ahnungsvoller -Wortverknüpfungen in seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre -übrigens lautet: »Halte Dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert -Dich, in _Deinen_ Himmel zu kommen!« - -Da ein moderner Mensch einen Sport treiben muß, so hat O. J. B. -das Radfahren und Bilderknipsen erlernt. Da er aber ein unmodern -moderner Mensch ist, radelt er in einem Tempo, das jeden Kinderwagen -zum Vorfahren herausfordert, und er geht beim Photographieren allen -poetischen Stimmungseffekten entschlossen aus dem Wege. Übrigens hat -es bisher nur seine Frau zu bestreiten gewagt, daß er ein brillanter -Radfahrer und absolut sicherer Photograph ist. Natürlich _sammelt_ O. -J. B. auch. Aber es ist nicht weit her mit seinen Sammlungen, denn -es machen ihm nur die Dinge wirklich Spaß, die er billig erworben -zu haben glaubt, und dabei hat er sich fast ausschließlich auf -Sammelgebiete kapriziert, wo billig schon etwas zu haben ist. Weder -alte Bücher, noch alte Buntpapiere, noch alte Bilder, Kupferstiche, -Möbel, Gläser, Fayencen, Porzellane sind in diesen abscheulichen -Zeiten, wo jeder Antiquar ein Gelehrter ist, billig zu erstehen, -- von -alten China- und Japansachen, sowie alten Stoffen ganz zu schweigen. -Nur mit alten Büttenpapieren ist ihm hier und da ein Coup gelungen. -Aber da er roh genug ist, die edelsten alten Erzeugnisse längst -vermachter Bütten zu Manuskripten zu benutzen, kann auch von einer -ordentlichen Büttenpapiersammlung nicht die Rede sein. - -O. J. B. war merkwürdig lange jung. Ein Kindskopf ist er bis in die -Mitte seiner dreißiger Jahre geblieben. Da kam der Ernst, -- und er -wurde frech, obwohl er erst noch eine etwas düstere, dumpfe Zeit -durchzumachen hatte. Augenblicklich ist er damit beschäftigt, den -letzten Rest von Widerspruch, der ihm aus jener Zeit in der Seele -geblieben ist, auszutreiben. Da er einen Menschen zur Seite hat, der -sorglich gewillt und stark ist, ihm dabei zu helfen, wird es wohl -gelingen. Schon jetzt fühlt er sich stärker denn je. - -In einer Anwandlung von literarhistorischer Systematik hat er seine -bisherige Entwickelung einmal schematisiert und drei Perioden -festgestellt. Die erste nannte er »Stilpe im Irrgarten der Liebe« und -datierte sie von 1885--1900. Er hätte sie auch »Kindskopf« nennen -können. Sie ist im Grunde rein lyrisch, aber neben ein paar Gedichten -ragt aus ihr der »Stilpe« auf. Die zweite nannte er »Stella und -Antonie« und setzte sie von 1900--1905 an. Es ist seine dumpfe Zeit. -Mit dem »Prinzen Kuckuck« ließ er eine dritte beginnen und er nannte -sie »Grotesken«; sie nimmt sich bis jetzt etwas bunt aus. Aber es -scheint, daß er ihr keine lange Dauer zutraut. »Wo wollen Sie denn -eigentlich hin?« sagte der Storch zum Schmetterling, der von Blume -zu Blume flog. »Fragen Sie die Blumen, Herr Professor!« antwortete -der Falter; »aber eines kann ich Ihnen schon sagen: nicht in _Ihren_ -Schnabel, gefährlicher Philister, der Sie sind.« - -[Illustration: Otto Julius Bierbaum] - - - - -Yankeedoodle-Fahrt.[1] - - [1] Kapitel 1 und 2 des gleichnamigen Abschnittes aus - »Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten«. - - -I. - - Vom Nervenseiltanzen und Tunnelfahren, vom schwimmenden Hotel - und dem Geflügelhofe, von Lyrik, Meer und Himmel. - -Als ich so außer mir geraten war, daß ich mich selbst mit fatalster -Deutlichkeit betrachten konnte, fühlte ich das Bedürfnis, wieder zu mir -selber zu kommen. Aber es ist schwer, in sein Ich zurückzukriechen, -wenn man es einmal verlassen und dann allzuscharf von außen angesehen -hat. Ich fuhr um mich herum wie eine vergiftete Maus, die ihr Loch -nicht findet und dennoch immerzu dies Loch umkreist. Ein schauderhaftes -Heimweh und ein Grauen vor der Rückkehr zugleich. Selbst meinen -verehrtesten Feinden wünsche ich diese Sensation nicht, obwohl es mir -nicht zweifelhaft ist, daß sie, deren Oberflächlichkeit mir in der -Tat manchmal Übelkeit verursacht hat, ein bißchen Seelenqual zu ihrer -Vertiefung wohl brauchen könnten. - -Da sprach ein weiser Arzt und Seelenkenner also auf mich ein: Sie -gehören zu jenen Akrobaten, die auf ihren eigenen Nerven seiltanzen -und dadurch gezwungen sind, immerfort einen Punkt im Auge zu behalten, -der in ihnen selber liegt: nämlich im eigenen Gehirne. Das tut weder -den Nerven noch dem Gehirne gut und ist überdies eine brotlose und -lebensgefährliche Kunst. Wenn Sie nicht binnen kurzem augenscheinlich -verrückt werden wollen (denn eine heimliche Verrücktheit ist Ihr -Zustand bereits), so ist es nötig, daß Sie unverzüglich eine breitere -Basis zu gewinnen suchen, um von ihr aus Ihre Blicke in einem -möglichst weiten Gesichtskreis umherschweifen zu lassen. Sie sind -außer sich, weil Sie so sehr in sich sind. Das vertragen nur Heilige -und Sie würden sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben, wenn Sie -meinen wollten, daß Sie zur Heiligkeit angelegt wären. Dazu sind Sie -zu korpulent und libidinos, -- wohl auch nicht unbescheiden genug. -Leute Ihrer Konstitution sind darauf angewiesen, die Welt auf sich -wirken zu lassen. Ihre Empfindlichkeit sträubt sich dagegen, und es -ist gewiß, daß Sie unter den nicht immer zarten Fingern der Welt -leiden, aber dieses Leiden ist immer noch heilsamer für Sie, als die -selbst bereiteten Schmerzen der Heautontimorumenie. Ich rate Ihnen: -Kaufen Sie sich einen Schiffskoffer und stellen Sie Amphitriten auf -die Probe. Ihre Zukunft liegt auf dem Wasser, das Salzgehalt und im -Salze Brom hat. Speien Sie sich einmal kräftig aus und trinken Sie -so viel Sonnenlicht als möglich. Aber, ich beschwöre Sie, lassen Sie -alles Schreibgeräte zu Hause, denn, unter uns gesagt, der Federhalter -ist die gefährliche Balancierstange, mit der Sie sich bisher auf dem -Nervenseile im Gleichgewicht erhalten haben. - -Ich honorierte diese Invektionen mit zwanzig Franken und einem müden -Lächeln, nahm den breitbeinigen Gang eines alten Seekapitäns an und -versetzte meine ahnungslose Frau in das äußerste Erstaunen durch -Intonierung des Liedes: - - Auf, Matrosen, die Anker gelichtet, - Den Kompaß gespannt und die Segel gerichtet! - -Ihre Bemerkung, daß der Kompaß keine Flinte sei, die man spannen -könnte, wies ich mit der Entgegnung zurück, daß nautische Details uns -bald mehr als genug beschäftigen würden, einstweilen aber Wichtigeres -zu erledigen sei: nämlich die Frage, ob man auf eine moderne Seereise -einen Frack oder bloß einen Smoking mitnehmen müsse. - -Klug und vorsorglich, wie sie ist, entschied sie sich für beides, ja -sie wollte sogar, daß ich auch einen Zylinderhut mitnähme. »Wahnwitzige -Idee!« grollte ich; »dir fehlt jedes Stilgefühl. Eine schottische Mütze -oder ein Dreimaster, -- ja; niemals eine Tube!« - -Am entsprechenden Orte wird es sich zeigen, wer von uns beiden auf der -Höhe der Situation gewesen ist. - -Da es uns vollkommen gleichgültig war, wohin wir reisen würden (denn -ich hatte ja lediglich das Gebot erhalten, eine Seereise »an sich« zu -machen), überließen wir es einem Freunde, Schiff und Ziel zu bestimmen. -Er sandte uns eine Kabinenkarte für den Doppelschraubendampfer -Yankeedoodle, den die berühmte Onkel Sam-Michel-Linie eben zu einer -Orientreise in Genua bereithielt. Ein beigeschlossenes Druckheft -schilderte die ganze Reise in äußerst lebendigen Farben, so daß mir -sofort ganz orientalisch zumute wurde, als ich las, was alles uns -bevorstand. - -»Kein Zweifel,« sagte ich zu meiner Frau, »es wird äußerst lehrreich -werden. Schade nur, daß wir uns nicht länger auf die Reise freuen -dürfen, denn das ist doch das Schönste am Reisen: sich vorher darauf -zu freuen.« - -Aber es half nun nichts: kaum, daß die Koffer gepackt waren, mußten wir -uns in den Dampfwagen setzen, der uns nach Genua transportierte. Meine -Idiosynkrasie gegen das Eisenbahnreisen gestaltete diese Fahrt zu einer -~via crucis~, an die ich nur mit Grauen denken kann. Kein Zweifel: -ich bin ein arger Sünder, aber so viele Todsünden habe ich denn doch -nicht begangen, daß ich die Höllenqualen verdient hätte, die mir in den -endlosen Tunnels an der Riviera zuteil wurden, wo rechts und links des -Gleises offenbar teuflische Dämonen aufgestellt waren, die, während ich -in stinkendem Qualm fast erstickte, mit eisernen Hämmern gegen eiserne -Wände zu schlagen schienen. Nun: wir sind nicht zum Vergnügen auf der -Welt, und es ist gewiß in der Ordnung, daß Nerven, die für angenehme -Sensationen besonders empfindlich sind, dafür um so heftiger unter -unangenehmen leiden. Sela. - -Das Gedröhne einer Kesselschmiede in den Ohren, die Lungen voller -Ruß und im Schädel ein Gefühl, als seien sämtliche Gehirnwindungen -mit flüssigem Blei angefüllt, begab ich mich mit meiner Frau in -das berühmte Theater Carlo Felice, aber beileibe nicht, um uns -Tristano e Isotta italienisch vorspielen zu lassen, sondern von -wegen der exzellenten Küche seines Restaurants. Doch wurde uns auch -hier ein außerordentliches Schauspiel zuteil: wir sahen einen jener -italienischen Eßkünstler, die den illustren Fressern der Antike nichts -nachgeben. Was dieser überlebensgroße Bauch sich alles servieren ließ, -und mit welch andächtigem Kennerentzücken er seine Füllung zu einer Art -gottesdienstlichen Handlung erhob, läßt sich in Kürze und auf Deutsch -nicht schildern. Es muß genügen, zu sagen, daß es ein klassisches -Schauspiel war, würdig, von einem Petronius der Nachwelt überantwortet -zu werden. Denn es läßt sich von derart großen Gegenständen wohl nur in -monumentaler Latinität handeln. - -Als ich am nächsten Morgen den Yankeedoodle vor mir liegen sah, wie er -unabsehbare Massen von Koffern und Menschen in sich aufnahm, mußte ich -an den gewaltigen Speisevertilger denken, und so erübrigt es sich, zu -bemerken, daß Yankeedoodle ein imposantes Schiff ist. - -Wir wurden tief unten in seinem Innern verstaut und fühlten uns sehr -winzig. Dafür erfüllte uns aber sogleich eine sehr gewisse Zuversicht -zu dem massigen Zweischlöter. »Ich glaube kaum, daß wir mit dem -Yankeedoodle untergehen werden,« sagte ich zu meiner Frau; »ja selbst -meine Hoffnung auf ausgiebige Seekrankheit ist bereits ins Wanken -geraten.« - -»Und mir ist schon übel,« entgegnete sie. - -Dabei stand das Schiff fest wie ein Turm. - -Weshalb ich sagte: »Autosuggestion gilt nicht, und wenn du mit Gewalt -seekrank wirst, um später damit zu renommieren, so kannst du sicher -sein, daß ich deine Finten aufdecken werde.« - -In diesem Augenblicke brüllte Yankeedoodle auf eine Weise, daß mir -Hören und Sehen verging. Dreimal. Wie nie ein Mastodont gebrüllt hat. -Homer hätte das hören sollen, und er hätte kein solches Wesen vom -Gebrüll seiner verwundeten Helden gemacht. - -»Was _hat_ er denn?« fragte ich entsetzt. - -»Er sagt Adieu,« erklärte meine Frau ruhig, die von nun an überhaupt -gerne so tat, als wüßte sie alles. - -Und es war wirklich so. Immer, wenn Yankeedoodle sich anschickte, in -See zu stechen (ein Ausdruck, der aber für solche Kolosse gar nicht -paßt; ebensogut könnte man sagen, ein Dampfhammer sticht ins Erz), -brüllte er so unmanierlich. Es gehört das zum guten Ton bei diesen -Dampfgiganten. Ob es einen Zweck hat, weiß ich nicht. Vielleicht heißt -es nicht bloß: adieu, sondern auch: Platz da! Hühneraugen weg! - -Und richtig: wir fuhren. Doch muß ich wohl besser sagen: wir glitten -dahin. So leise, sanft, unmerklich, daß ich fürs erste jede Hoffnung -auf das große Speien aufgab, während meine Frau mit weiblicher -Beharrlichkeit beteuerte, nun werde ihr aber schon _sehr_ übel. - -Da sie offenbar nur höchst ungern von diesem Wahne lassen wollte, -bestärkte ich sie in der Überzeugung, seekrank zu sein, indem ich ihr -erklärte, sie sähe grasgrün aus und tue mir furchtbar leid. - -Worauf es ihr sehr bald besser wurde. - -Eine kleine Weile noch, und sie teilte meine Empfindung, daß -Yankeedoodle, weit davon entfernt, ein Schiff zu sein, wie wir es uns -gedacht hatten, einfach ein Hotel war, das sich auf Salzwasser bewegte. -Statt Matrosen zu sehen, die an Tauen herumklettern, und Kommandorufe -zu vernehmen von Offizieren, die Sprachrohre am Munde und Fernrohre -vor den Augen hatten, erblickten wir Kellner, die da höflich leise -säuselten: Bouillon gefällig? Doch lernten wir bald, sie Stewards zu -nennen, was immerhin eine gewisse Seestimmung erzeugte. - -Dennoch blieb eine deutliche Enttäuschung in uns zurück. Unser -romantisches Bedürfnis wollte nicht auf seine Rechnung kommen. Wir -hatten uns das alles viel abenteuerlicher vorgestellt. Wenn wenigstens -ein Mastkorb dagewesen wäre, in dem sich ein Matrose befunden hätte, -der Ahoi! rief ... - -Statt dessen sagte ein Herr, der zwar eine Art Seemannsmütze aufhatte, -aber den Gymnasialprofessor durchaus nicht verleugnen konnte, laut und -vernehmlich: ~Thalatta! Thalatta!~ - -Mein Magen drehte sich um und ich mich mit ihm. - -O Ägir, Herr der Fluten, stöhnte ich in meinem lieben Herzen, sorge -dafür, daß ich diesem Humanisten nirgendwo benachbart werde in diesem -schwimmenden Hotel! - -Und ich fühlte, daß es jetzt vor allem nötig war, einen Platz auf -dem Yankeedoodle ausfindig zu machen, wohin wir uns vor den übrigen -Hotelgästen flüchten könnten, falls diese irgendwie nicht nach unserem -Geschmack sein sollten. - -Alle diese Herrschaften, sagten wir uns, sind gewiß durch Qualitäten -ausgezeichnet, die uns fehlen, und wir wollen ohne weiteres annehmen, -daß sie nicht bloß einer höheren Steuerklasse angehören als wir, -sondern auch in jeder anderen bürgerlichen Hinsicht den Vorzug vor uns -verdienen. Aber wir sind nun mal Uhunaturen, die in den Geflügelhof -nicht passen. Zärtlich girrende Tauben, gluckende Hennen, majestätische -Hähne sind kein Umgang für uns, geschweige denn diese stolzen Pfauen -und Perlhühner aus Amerika, die sich, das merkten wir bald, als die -Elite des Yankeedoodle betrachteten und von den Funktionären der O. -S.-M.-L. auch als solche ästimiert wurden, da sie die besten Käfige -innehatten. Alles das, gaben wir gerne zu, ist ganz in der Ordnung, -aber diese Ordnung ist nicht die unsere. Suchen wir also einen Winkel -aus, wo wir das prächtige Gesamtbild am wenigsten stören. - -Wir fanden es auf dem Hinterdeck, das von allen besseren Passagieren -streng gemieden wurde, weil es bei den gewöhnlichen Fahrten des -Yankeedoodle, die nicht dem Vergnügen, sondern der Überfahrt nach -Amerika dienen, als das Deck der zweiten Kajüte gilt. Für uns besaß -es außer dem Vorzug, wenig besucht zu sein, auch noch den, zwei -Etagen zu haben. Die obere war die schönste, denn auf ihr befand man -sich wirklich ~en plein air~. Hier verbarg uns kein vorgespanntes -Segeltuch Meer und Himmel, wie sonst überall auf diesem Schiffe, -dessen Einrichtungen mehr darauf berechnet zu sein schienen, das Meer -vergessen, als sehen zu lassen. Die begehrtesten Plätze des Hauptdecks -(zumeist von Amerikanern besetzt), nämlich die an den Innenseiten, -gewährten den dort in ihren Klappstühlen Ausgestreckten die Aussicht -auf den Streifen Himmel, der zwischen dem Dach und der Segeltuchwand -des Decks sichtbar bleibt. Weder Meer noch Küste war von dort aus zu -sehen. Die Außenseiten des Hauptdecks sahen aber nicht einmal diesen -Streifen Himmel, sondern nur die Kajütenwand, garniert mit horizontal -gelagerten Amerikanern. - -Es wollte uns anfangs nicht in den Sinn, wie gerade diese Plätze so -sehr begehrt sein konnten, die eigentlich nichts anderes waren als -Einzelglieder im Spalier einer Promenade; denn zwischen ihnen war -der allgemeine Wandelgang. Wir mußten erst begreifen lernen, was wir -Uhus nicht ohne weiteres wissen: daß das Publikum auch auf Reisen -sich vor allem anderen für das Publikum interessiert. Die Menschen -lieben einander zwar nur in einem sehr gemäßigten Grade, aber sie -sind sich gegenseitig äußerst interessant, und so leben sie gerne -in Gesellschaft, sei es auch nur, um sich innerhalb deren wieder in -Extragesellschaften abzuspalten. Je länger wir das Wesen auf unserem -Schiffe betrachteten, um so mehr spürten wir, daß viele geradezu -deshalb den Yankeedoodle bestiegen hatten, um nach der vielleicht -monoton gewordenen Gesellschaft zu Hause hier eine neue zu finden. -Und wir merkten schließlich, obwohl wir immer nur aus der Ferne in -dieses lebendige Netz von Gesellschaftsfäden blickten, daß nicht bloß -die Spinne Sympathie dabei am Werke war, sondern auch mancherlei -Berechnung, -- nicht zu vergessen die mehr oder weniger schönen Damen -Eitelkeit und Medisance. - -Ich kann nicht leugnen, daß, von der Ferne angesehen, dieses große -Gesellschaftsspiel einen gewissen Reiz für mich hatte, da ich nur -selten dazu komme, derlei zu beobachten. Einen reineren Genuß -bereitete mir aber doch der Anblick des hohen Himmels und der weiten -Wasserfläche, obgleich ich gestehen muß, daß eigentlich poetische -Stimmungen ausblieben. Der Anblick war schön, -- aber nur Genuß, nicht -Erregung. Mein Auge ließ sich's wohl sein, und mein »Herz« quittierte -mit Dank darüber, -- aber kühl, eigentlich unbeteiligt. Ich habe es ein -paarmal gescholten deswegen und bin mir selber sehr gram gewesen darum. -Bist _du_ das noch, habe ich mir gesagt, der vor Zeiten sich bis zur -wonnigsten Verrücktheit entzücken konnte vor einem Tümpel, auf dem ein -paar Spritzer Sonnenuntergang kringelten? Dem ein schüchternes, dummes -kleines Ding wie eine junge Birke Seligkeiten ins Herz schüttete, der -vor einem Quellchen in die Knie sinken konnte, Verse zu stammeln, -dessen Blicke verzückt an Wolken hingen und mit ihnen hinüberschwammen -zu den goldberänderten Himmelsküsten einer nicht bloß äußerlich -gesehenen, sondern innig umfaßten Schönheit, -- das ist derselbe, -der sich hier, in einem Stuhle der Ocean-Comfort-Company liegend, -Lichteffekte servieren läßt, wie kurz vorher Tee mit Streuselkuchen? Ei -du satter, fauler, leerer Halunke du, mach daß du hinunterkommst auf -das Promenadendeck und sieh, wenn die Sonne untergeht, nach der Uhr, ob -es auch pünktlich geschehen ist! Laß dich von dem Gymnasiallehrer auf -Ägypten, Kleinasien, Griechenland vorbereiten; du hast es nötig, denn -wer nicht mehr fühlen kann, soll wenigstens wissen. Und wenn du auch -dazu zu faul bist, so zeige den jungen Töchtern Germanias, die, halb -Misses, halb Gretchen, die moderne Weiblichkeit des zahlungsfähigen -Deutschland mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack vertreten, daß auch -du tennis-englisch und über »Frühlings Erwachen« reden kannst. Da du -nüchtern geworden bist, ist dein Platz bei den Nüchternen. Vielleicht -sagen _sie_ dir etwas, da die großen Dinge dir stumm geworden sind. So -schimpfte ich mich. Aber mit Unrecht. Denn es war nicht so, wie ich mir -sagte. Meer und Himmel waren mir nicht stumm. Ich verstand ihre Sprache -nicht so schnell, wie früher die von Busch, Baum, Quelle, Wolken. Und -dies ist nicht verwunderlich. Jene Dinge, die den jungen lyrischen -Menschen so schnell ins Gespräch zogen, sprachen _seine_ Sprache, die -Sprache der schnellen Gefühle, naiver Lust, einfältiger Triebe. Er -hörte und sah in allem nur sich. Wenn er niederkniete und ins Plappern -der Quelle Verse rief, so kniete er vor sich selber und überschrie -das murmelnde Element. Er war (Heil ihm, daß er's gewesen) frech beim -Frohsinn, und so hatte er's wohl leicht, zu schwärmen. (Lyrik! Eine -selbstverständliche Sache für junge Menschen, denn es ist ihr Aus- und -Einatmen. -- In dieser Parenthese wäre noch allerhand zu bemerken. -So dies, daß die große Seltenheit wirklicher Lyriker damit nicht im -Widerspruche steht. Es gibt nämlich nur sehr wenige junge Menschen in -dem Alter, wo zum Gefühle künstlerisches Vermögen tritt. Was Goethe das -Närrische am Lyrischen nennt, ist das Kindliche. Die beiden reinsten -Lyriker unter den heutigen Deutschen: Martin Greif und Max Dauthendey, -sind Kindsköpfe. Auch Ludwig Finckh hat Anlage dazu. Rilke dagegen, -dieses unheimliche Genietalent, ist ein Wunderkind. Übrigens liegt beim -reinen Lyriker die Gefahr nahe, aus dem Kindlichen ins Kindische zu -verfallen, sich auszuleiern. Aber wo komme ich hin!) Das schlechthin -Große dagegen, Meer und Himmel, monoton erhaben (mit Worten aus der -Terminologie menschlicher Kunst zu reden: Monumentalnatur) -- das -duckt die Frechheit. Seine Sprache ist Gedröhn und Brausen: Vokabeln -fehlen in dieser Musik voll rhythmischer Symbole. Das Herz, das hier -nur stummen Dank hat, verdient keine Schmähung, und der Mann, der vor -diesem Schauspiel Auge wird, ganz Auge: und klares, nicht trunkenes, -mag sich der Zuversicht getrösten, daß dieser ruhige Genuß ruhig des -Reichsten, das dem Menschen an äußeren Eindrücken zuteil werden kann, -nicht bloß der Netzhaut zugute kommt, sondern zu einem inneren Schatze -wird, auch wenn er sich nicht gerade kleinweis in lyrische Silberstücke -ausmünzen läßt. - - -II. - - Von meinem schlechten Charakter und der Absicht, ihn zu - bewähren; von meinem Lordshut und Madames Patriotismus; vom - Mauldeutschtum und dem deklassierten Ölbaum; von der Tugend - und ihrer mangelhaften Belohnung; vom Genie der Pariser - Putzmamsells und der bedauerlichen Unfähigkeit deutscher - Dichter sie zu fördern; von grünen Tischen, Théodore und der - Rache auf Ansichtspostkarten. - -Wer auch nur oberflächlich mit der modernen deutschen -Literaturgeschichte bekannt ist, weiß, daß ich von schmutzigster -Geldgier besessen bin. Im übrigen schwankt mein Charakterbild ja -bedenklich: denn, während die einen sagen, daß ich zwar ein ganz -passabler Lyriker sei, aber leider auch Romane schreibe, so finden -andere, daß ich zwar im Romane gewisse Qualitäten an den Tag gelegt, -bedauerlicherweise aber den üblen Ehrgeiz hätte, auch Verse machen -zu wollen; und so durch alle übrigen Gattungen der ~belles lettres~ -durch, mit denen ich mich, immer einigen zum Vergnügen, anderen aber -zur Mißlust, abgegeben habe und immerzu weiter noch abgebe. Das -einzige, was feststeht, ist, wie ich mich nun hinlänglich überzeugt -habe, die felsenfeste Gewißheit, daß ich ein hervorragendes Talent -besitze, Schätze zu sammeln. So werde ich als ein zweiter Midas in -die holzpapierene Unsterblichkeit eingehen und bin schon jetzt, wie -mein phrygisches Urbild, durch Eselsohren entstellt -- wobei es -dahingestellt bleibt, ob es lauter Apollos sind, die mir zu diesem -Schmucke verholfen haben. - -Kein Wunder, daß ich manchmal Lust habe, diesem Zustande ein Ende -zu machen, der immerhin etwas Peinliches hat. Nichts trägt sich -so lästig, wie der Ruf von Talenten und Reichtümern, die man nicht -besitzt. Und dann: man kommt sich, auch wenn man ihn nicht verbreitet -hat, wie ein Schwindler vor. - -Also möchte ich ihn furchtbar gerne wahrmachen. - -Und so beschloß ich, in Monte Carlo hundert Franken zu setzen, um -zehntausend zu gewinnen. - -»Nimm deinen großen Pompadour mit,« sagte ich zu meiner Frau, als der -Yankeedoodle sich Villafranca näherte; »wir werden ihn nötig haben.« - -»Du willst also wirklich spielen!?« rief sie voller Entsetzen aus. - -»Ja!!« sagte ich mit zwei Ausrufezeichen. - -Und ich tat mein schönes Gewand an und setzte den großen grauen -Lordshut auf, den ich in Deutschland nicht zu tragen wage, weil er -eine Art Nabel hat, nämlich einen Filzknopf zur Kaschierung der -Ventilöffnung. Denn es ist ein Hut, den die englischen Lords in Indien -tragen, wo es sehr heiß ist. - -Auch meine Frau putzte sich so stattlich heraus, wie es dem Umstande -angemessen erscheinen mußte, daß wir uns in den wabernden Dunstkreis -rollenden Reichtums begeben wollten. - -Da hier das »Reisebureau« noch keine Macht über uns hatte (denn den Weg -zum Spieltische würden wir, so meinte es nicht ohne psychologischen -Scharfsinn, schon selber finden), durften wir, o Glück und Wonne, o -Seligkeit, allein gehen. Die Prozedur der Ausbootung, vor der meine -Frau auf recht anmutige Art Angst an den Tag legte, während ich nicht -ganz so graziös den erfahrenen Gangwaykletterer spielte, vollzog sich -ohne jede Fährlichkeit, obwohl ich, zu meinem nur mühsam verhehlten -Mißvergnügen, gezwungen war, mit der Linken den zwar schönen, -aber nicht ganz festsitzenden Lordshut zu halten, da ich doch die -entschiedene Tendenz hatte, mit ihr Halt am Treppengeländer zu suchen. -Aber es ging auch so, und ehe wir's uns versahen, befanden wir uns -alle drei: die Frau, der Hut und ich, im Boot. Nervige Arme ruderten -uns an die französische Küste. (Das muß ich einmal in einem Romane -gelesen haben.) Da diese von Rechts wegen eine italienische Küste sein -sollte, regte sich in meiner Frau die Patriotin, und sie hätte gar zu -gerne gehört, daß sich der Mann mit den nervigen Armen zur ~Italia -irredenta~ bekannt und Verwünschungen gegen die Franzmänner ausgestoßen -hätte. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Gefühle dieser Art grün-weiß-rot -aufleuchten zu lassen, vielmehr sagte er, und noch dazu in einem -stark französisch unterwachsenen Italienisch, sie in Villefranche (!) -seien allzumal höchlich zufrieden mit der Pariser Republik, denn der -gallische Hahn füttere die Seinen besser als der savoyische Adler. - -»~Vergogna!~« meinte die Toskanerin, gab ihm aber doch eine gute -Mancia, wenn auch demonstrativerweise in italienischer Münze. Worauf -der Nervige dann endlich ~Evviva Italia!~ rief. - -Nach den mächtigen Befestigungen zu urteilen, mit denen die Franzosen -den Hafen von Villafranca (das aber nur die Bücher so nennen; die -Leute sagen alle Villefranche) umgürtet haben, gedenken sie, dieses -schöne Stück Land gewiß nicht freiwillig wieder herzugeben. Auch -liegt eine Menge Kriegsvolk dort in Garnison; Alpenjäger, sehr gut -aussehende und malerisch uniformierte Leute. Indessen fand die etwas -kordial demokratische Art, mit der sie ihre Vorgesetzten grüßen, -durchaus nicht den Beifall zweier unserer Reisegenossen, die, wohl in -der Meinung, daß kein Mensch in Frankreich deutsch versteht, recht -laut und ungeniert Kritik daran übten, wobei der Ausdruck »schlappe -Bande« noch der mildeste war. Mir kam das weder sehr klug vor, noch -fand ich es hübsch, habe aber auch im weiteren Verlaufe unserer Reise -noch recht oft die Beobachtung machen müssen, daß unsere Landsleute -sich gerne darin gefallen, fremde Sitten, Gewohnheiten, Einrichtungen -unter dem Gesichtswinkel des in Deutschland Üblichen zu beurteilen, -zuweilen direkt mit dem Schlußtrumpf: hier sollten _wir_ Ordnung -schaffen dürfen! Ob Geibel das gemeint hat, als er ausrief »Und es -mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«, scheint mir -fraglich, während ich der sehr bestimmten Überzeugung bin, daß dieses -Wesensmachen vom deutschen Wesen sehr dazu angetan ist, das deutsche -Wesen in Mißkredit zu bringen. - -Schade nur, daß der schöne Weltverstand, der bisher die Deutschen -auszeichnete, verloren gehen muß, wenn dieses Mauldeutschtum, das -nachgerade zum Großmauldeutschtum zu werden droht, um sich greift. Ich -habe auf dieser Reise nicht viele Deutsche getroffen, auf die das Wort -Goethes hätte angewendet werden dürfen, das sonst vom deutschen Geiste -gelten durfte: »Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.« Und so -habe ich mich manchmal gefragt: Warum reisen diese Leute eigentlich? -Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn, zu reisen, da -es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche -sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder -andere Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber, -zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare -Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde, -um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat -das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben -ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd Schönes einzuverleiben, -innerlich reicher zu werden aus den Schäden der Fremde, indem man an -ihnen teilnimmt. Dies scheint aber vielen direkt unmöglich zu sein. -Sie sehen z. B. (ich konstruiere hier nicht, sondern gebe wieder, -was ich mit eigenen Ohren gehört habe) einen Ölbaum. »Gott, was für -ein häßliches Ding ist das!« sagen sie, »da ist doch eine richtige -deutsche Eiche was anderes!« Man müßte närrisch sein, wenn man das -bestreiten oder sich durch einen Ölbaum den Geschmack an einer Eiche -verderben lassen wollte, aber nicht weniger närrisch ist es auch (von -dem damit bewiesenen Mangel an Schönheitsempfinden gar nicht zu reden), -im fernen Syrierlande die deutsche Eiche heraufzubeschwören, um den -Eindruck eines Ölbaumes zu deklassieren. Es wäre davon, als von etwas -schlechthin Törichtem gar nicht der Rede wert, wenn sich nicht eben -eine Art von perversem Nationalismus darin äußerte, ein häßlicher Geist -der Selbstzufriedenheit und Ablehnung alles Fremden, das nur noch -als kurios, nicht aber als schön anerkannt wird. Diese Art Negation -hat etwas Freches, das ganz unleidlich gerade für den ist, der sein -deutsches Wesen als Bejahung jeder Schönheit empfindet. Auch ist es -gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen. - -Ein Rosselenker rief uns an, fragend, ob er uns für zwanzig Franken -zweispännig nach Monaco befördern dürfte. Mein Lordshut und Madames -Spitzenmantel hatten es ihm angetan. Aber es lag uns wahrhaftig ferne, -unserm Spielfonds zwanzig Franken zu entziehen. Wir blieben, wie hold -er auch lächelte, fest und warteten auf die elektrische Trambahn. - -Diese Charakterstärke hätte einen besseren Lohn verdient als den, der -uns zuteil wurde. Wir mußten fast eine Stunde harren, bis ein Wagen -kam, in dem es noch zwei freie Plätze gab, und zwar Stehplätze. Ich -erwähne dies als Beitrag zur Morallehre. Nein, o ihr gutgläubigen -Schwärmer, es ist nicht wahr, daß Tugend belohnt wird. Das lüsterne -Fleisch fährt zweispännig, und der stoische Wille muß sich von -knoblauchduftigen Nizzarden auf den Hühneraugen herumtreten lassen. -Aber das ist richtig: hinterher ist die Genugtuung der Tugend groß, die -achtzehn Franken für den Spieltisch gespart hat. - -Von der Pracht und Herrlichkeit des Kasinoplatzes auf Monte Carlo möge -ein anderer handeln. Ich für meinen Teil finde ihn allzu prächtig und -allzu herrlich. Mir fehlt der Sinn für Pompositäten ohne lebendigen -Geschmack. Dagegen habe ich mit Signora recht andächtig und entzückt -die Auslagen einiger Pariser Putzmachergeschäfte bewundert. Beim -Andenken der verliebten kleinen Müsette! -- meine Frau hat recht: diese -Pariser »Schurkerinnen« (so heißt in toscano-tedesco das Femininum von -Schurke) haben mehr als Talent, haben Genie. Aus ein bißchen Sammet -oder Seide, Spitzen oder Tüll, Stroh oder Pelz, mit ein paar Blumen, -Schleifen, Rüschen, Federn wirken sie ästhetische Wunder. Diese Hüte -haben den Reiz von Improvisationen geistreich geschmackvoller Menschen. -Es haftet ihnen nichts vom Geiste der Schwere an, keine Steifheit, -keine Absichtlichkeit. Es ist Grazie mit Witz; Esprit, der Phantasie -hat; Geschmack, der es bis zur Poesie bringt. Ein fabelhaft sicherer -Sinn für Form und Farbe unternimmt die frechsten Wagnisse bis hart an -die Grenze des Möglichen, ohne jedoch etwas hervorzubringen, das nicht -als Kunstwerk von Distinktion wirkte. Selbst das Höchste in der Kunst -bringt er zuwege: reine Einfalt ohne Banalität. Wir sahen einen Hut, -der eigentlich nichts war als ein umgestülpter Topf aus rotem, weißem -und schwarzem Sammet. Es ist ganz unmöglich, zu sagen, warum dieses -Ding nicht etwa plump oder komisch, sondern schlechterdings hinreißend -schön aussah. Das Geheimnis seiner Schönheit lag wohl darin, daß die -Linien seines Umrisses sowohl wie jede Falte des Stoffes von Fingern -gebildet waren, die genialer Eingebung des Momentes folgten, nachdem -das Ganze zuvor innerlich von der Künstlerin gesehen worden war. - -Es begreift sich leicht, daß meine Frau den lebhaften Wunsch hegte, -einen solchen Hut zu besitzen, und ich noch den lebhafteren, sie in -einem solchen Hute zu sehen. Daß aber ein deutscher Dichter, und er -sei gleich, wie ich, noch mehr Geschäftsmann als Dichter, nicht in der -Lage ist, seiner Frau ein derartiges Kunstwerk, die Verkörperung des -ästhetischen Genies einer traditionell ästhetischen Rasse, zu kaufen, -leuchtet ohne weiteres ein. - -Unsere Begierde, die Bank von Monte Carlo zu sprengen, wurde zur wilden -Leidenschaft. Kaum, daß ich noch Blicke für die eleganten Ambassadricen -der Venus von Paris hatte; kaum, daß meine Frau noch Andachtskraft für -die Auslagen der großen Schneider aufzubringen vermochte: das Gold -läutete uns in seinen Tempel; wir folgten der großen Glocke. (Ich rühre -die Pauke des Pathos. Wenn sie ledern klingt -- ist es meine Schuld?) - -Das Leben in den Spielsälen der Monaco-Aktien-Gesellschaft, deren -Dividenden so gewaltig sind, wie es unsere Hoffnung war, sie durch -einen phänomenalen Gewinn zu schmälern, ist zum Glück schon so -oft und mit so glühenden Farben geschildert worden, daß ich mir -die Mühe ersparen kann, ein Gemälde davon zu entwerfen. Ich lasse -es um so lieber bleiben, als ich weder die flackernden Augen der -verzweiflungsvoll ihr Letztes auf eine Karte setzenden Spieler, noch -das müde Lächeln der Verspieler von Riesenvermögen, noch die grausame -Verkniffenheit in den erbarmungslosen Augen des Croupiers bemerkt habe. -Ich sah nicht, weil ich lediglich auf die dicken Fünffrankenstücke -guckte, die ich, gänzlich unbekannt mit den Regeln des Spieles, -irgendwohin setzte, wo gerade Platz war. Ich hörte »~Faites votre jeu, -messieurs~« und »~rien ne va plus~«; und die Kugeln tanzten; und es -roch wie in einem Parfümerieladen. Und das ging eine Weile so hin, bis -ich fünfzig Franken verloren hatte und die Stimme meiner Frau vernahm, -die da lautete: »Du hast gar keine Ahnung von der Sache. Laß mich -machen!« - -Sie hatte nämlich, während ich im Interesse unserer Finanzen rastlos -tätig gewesen war, versucht, den Sinn der Figuren und Nummern zu -ergründen, die auf dem grünen Tuche zu sehen waren. Und nun fing sie -an, mit Überlegung zu tun, was ich unüberlegt getan hatte. Mit anderen -Worten: ich hatte gespielt -- sie: berechnete. - -Wenn Fortuna nicht ein ganz albernes Frauenzimmer wäre, das keine -Idee davon hat, worin ihr Wesen eigentlich beruht: nämlich im -Unberechenbaren, das ich mit dem Instinkte des Schicksalskundigen -kühn und groß herausgefordert hatte, so hätte sie meine Frau sofort -durch andauerndes Einziehen ihrer Fünffrankenstücke bestrafen müssen. -Statt dessen bereitete sie ihr den Triumph, sie die fünfzig Franken -wiedergewinnen zu lassen, die ich verloren hatte. - -Ich wußte nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Denn, -wenn es zwar erfreulich war, den Spielfonds wieder beisammen zu haben, -so war es doch auch ärgerlich, dies mit einer Einbuße an Autorität zu -bezahlen. - -Indessen: würdelos, wie man nun einmal wird, wenn man, wie ich, den -Sinn auf das Materielle zu richten gewöhnt ist, freute ich mich -schließlich doch, indem ich im geheimen hoffte, die verlorene Autorität -auf anderem Wege wieder zu gewinnen. - -Meine Frau aber setzte mit Überlegung weiter. Einmal sogar zehn -Franken. Und gewann immerzu. Es kam der Augenblick, wo unser Spielfonds -verdoppelt war. - -»Siehst du?« sagte sie und lächelte so infam, wie ich es ihr niemals -zugetraut hätte. - -»Was denn?« entgegnete ich kühl. - -»~Duecento lire!~« erwiderte sie, -- der Moment war zu erhaben, als daß -sie ihn nicht toskanisch hätte verklären müssen. - -»Wenn's weiter nichts ist!?« warf ich verächtlich hin. - -Da setzte sie, gereizt und kühn, fünfzig Franken auf einmal. - -Ich dachte nicht anders, als sie sei im Glückstaumel übergeschnappt, -und ergriff eines der unheimlichen Schiebestäbchen, den Wahnwitz -aufzuhalten, die fünfzig Franken zurückzuscharren. Da krähte der -glatzköpfige Croupier aber auch schon los: ~Rien ne va plus~, und die -schicksalträchtige Kugel hopste wie besessen in der Roulette. - -»Du bist verrückt,« stöhnte ich, von dem Rechte des Ehemanns, grob zu -sein, skrupellos Gebrauch machend. - -Die Kugel stand still. - -Mein Herz auch. - -Der Croupier scharrte geschickt und gelassen die Unglückshäufchen -von Fünf- und Zehnfrankenstücken zu sich heran, denen die Kugel Pech -gehopst hatte. - -Gleich wird _ihr_ Häufchen auch beim Teufel sein, dachte ich mir und -verfluchte den weiblichen Leichtsinn. - -Da: ping, ping, ping, ping ließ er Goldstücke auf das Häufchen regnen; -lauter Napoleondors; eine unglaubliche Menge. - -In diesem Momente bewies meine Frau wahre Seelengröße. - -Sie machte, ruhig, als sei es ihr ein gemeiner Anblick, Goldstücke -dutzendweise um sich zu versammeln, ihren Pompadour auf, kramte darin -herum, als suchte sie etwas, entnahm ihm ihr Taschentuch, wischte sich -am Näschen, legte das Tuch hinein, placierte den geöffneten Silberbügel -des Pompadours am Rande der Tafel und ließ mit unglaublich gut -gespielter Gleichgültigkeit den Goldstrom hineinplätschern. - -Dies getan, stand sie nicht ohne Majestät auf und sagte zu mir: »Ich -glaube, unsere letzte Trambahn muß gleich abgehn.« - -Es ist unglaublich, aber nichts als die reine Wahrheit: sie wollte sich -mit ihrem Raube auf den Yankeedoodle zurückziehen. - -»Wir haben genug,« erklärte sie. »Ich weiß nicht wieviel ich gewonnen -habe, aber: es ist genug. Wenn ich jetzt weiter spiele, verliere ich.« - -Ich hatte die dunkle Empfindung, daß sie recht hatte; daß sie wirklich -die Stimme des Schicksals in sich vernahm: daß es also vernünftig war, -was sie sagte. Und ich wollte sie schon am Ärmel nehmen und mit ihr -fortgehen -- direkt zu dem himmlischen Hute drüben. - -Da ging ein Rauschen durch den Saal, ein Flüstern, das zu einem Surren -von Stimmen wurde, und ein Rascheln von vielen, vielen seidenen -Frauenkleidern. - -»~C'est Théodore!~« hörten wir rufen. »~Théodore! Théodore; Cinquanto -mille! Soixante! Théodore!~« - -Wir sahen uns um und genossen den Anblick von gut drei Dutzend -aufgeregter Damen verschiedenen Alters, aber gleichen Metiers, die, -Eisenfeilspänen gleich, wenn der Magnet sie in seine Sphäre gezogen -hat, allesamt auf einen Punkt zuschossen: in den Nebensaal zu einem -anderen grünen Tische, wo ein unangenehm schöner junger Herr stand, -durchaus und ausschließlich damit beschäftigt, Tausendfrankennoten in -ein enormes Portefeuille zu stopfen. - -»Redner wird beglückwünscht,« sagte ich zu meiner Frau. - -»Glaubst du wirklich, daß er fünfzig-, sechzigtausend Lire gewonnen -hat?« sagte sie. - -»Nach der Ovation zu urteilen, die ihm Fortunas Cousine, die -eifersüchtige Venus, bringt, gewiß. Du kannst dich darauf verlassen, -daß er diesen Tag nicht als Einsiedler beschließen wird,« sagte ich. - -»Diese Unanständigkeiten interessieren mich gar nicht,« sagte sie. - -»Ich finde es gar nicht unanständig, sechzigtausend Franken zu -gewinnen, und bin jeden Augenblick zu der gleichen Unanständigkeit -bereit,« sagte ich. - -»Ich auch,« sagte sie, und ging in den Nebensaal zu dem anderen grünen -Tische. - -Sie hatte es sehr bald heraus, daß es dort in Einsatz, Gewinn und -Verlust erheblich anders kleckte, als bei unserer zahmen Roulette. - -»Ich glaube,« sagte sie, »wir versuchen es einmal hier.« - -»Aber,« sagte ich, »ich denke, du hast kein Glück mehr?« - -»Dort!« sagte sie; »hier ist es etwas anderes. Wie du siehst, muß man -hier mindestens zwanzig Lire setzen.« - -Ich sah ein, daß das in der Tat etwas ganz anderes war, und erhob -keinen eheherrlichen Einspruch. Nur machte ich zur Bedingung, daß auch -ich in Théodores Spuren wandeln durfte. - -»Doppelt genäht hält besser, weißt du ...« - -»Ja, wenn du nur eine Ahnung vom Nähen hättest.« - -»Ich? Bitte: Im ~Trente et quarante~ habe ich vor zehn Jahren einmal -zweihundert Franken gewonnen.« - -»Und sie wieder verloren, weil du nicht zur rechten Zeit aufhörtest.« - -»Aber heute habe ich zwei große Beispiele vor mir: dich und Théodore.« - -»Wenn du mir versprichst, aufzuhören, sobald du fünftausend, -- nein: -viertausend, -- nein: wenn du dreitausend Franken gewonnen hast ...« - -»Selbstredend.« - -Sie ließ mich einen Griff in den Pompadour tun, und ich begab mich mit -einer Faust voller Goldstücke zur anderen Seite des Tisches. - -Ich war wirklich vom Glück begünstigt: eben, als ich erschien, stand -eine dicke Dame auf und fluchte etwas Polnisches. - -Hast du verloren, mein Täubchen, dacht' ich mir, so ist die -Wahrscheinlichkeit um so größer, daß ich auf diesem Platz gewinnen -werde. - -Ach, -- ich bin immer ein schlechter Mathematiker gewesen: auch diese -Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmte nicht. - -Andere Leute gewinnen wenigstens anfangs und verlieren das Gewonnene -nur infolge ihrer Willensschwäche, weil sie nicht aufzuhören wissen und -blind und blöde die Schwelle überschreiten, die aus dem Gewinnen ins -Verlieren führt: ich aber verlor von Anfang an, unaufhörlich, immerzu, -ohne Unterlaß und Unterbrechung. - -Da ich von Mal zu Mal die Einsätze verdoppelte, ging es sehr schnell; -ich darf wohl sagen: rapid. Die Sache hatte nicht den mindesten -psychologischen Witz. Es war eine ganz blödsinnige Wiederholung von -Niederträchtigkeiten. - -Angeekelt von einem Schicksal, das keine Nuancen kennt, schob ich den -Stuhl zurück, aufzustehen. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn -nicht der Schatten eines Napoleondors war mehr in meinem Besitze. - -Ich hörte im zermarterten Geiste bereits die Reprimanden von Madame -und trug Bedenken, mich der großen Gewinnerin zu nähern, als ich, -aufstehend und mich umwendend, sie mir gegenübersah. - -Ich senkte den Blick. - -Als ich ihn erhob, sah ich, daß der ihrige noch nicht den Mut -aufgebracht hatte, sich zu erheben. - -Ich wußte genug. - -»Hast du noch Geld zur Trambahn?« fragte ich. - -»Wir können sogar noch Abendbrot essen,« sagte sie, »und ein paar -Ansichtspostkarten wegschicken.« - -»Es gibt welche mit Schmähungen auf Albert I., Honoré Charles, Fürsten -von Monaco,« sagte ich. - -»Die nehmen wir,« sagte sie. - - - - -Die Liaisons der schönen Sara.[2] - - [2] Anfangskapitel des »Prinzen Kuckuck«, unter diesem Titel als - Erzählung für sich zuerst in der »Neuen Rundschau« erschienen. - - F. D. - - -Es war um die Zeit der unumschränkten Herrschaft der Kaiserin Eugenie -über die Modemagazine der alten und der neuen Welt, als Madame -Sara Asher, die junge Witwe des alten Mister Leon Asher (Felle und -Pelzwarenkonfektion, Neuyork) zum ersten Male seit ihrer Kindheit ihre -kleinen Füße wieder auf europäischen Boden setzte. - -Europa war damals kleine, auf hohen Stöckeln balancierende Füße -gewöhnt, und auch die hohen bis zur Mitte der Waden reichenden -Juchtenstiefelchen mit goldenen Schnürenquasten, die Madame Sara -trug und geschickt in ihrer ganzen Pracht zu zeigen keineswegs -ermangelte, waren keine Sensation für den alten Erdteil, der damals -auf üppige Eleganz gestimmt war und noch nicht den kategorischen -Imperativ der bismarckschen Kürassierstiefel erfahren hatte. Selbst -Madame Ashers lilafarbenes Krinolinkleid, diese prachtvolle Glocke -mit dem prachtvolleren Schwengelpaar der beiden in weißseidenen -Strümpfen steckenden Beine war nicht imstande, besonderen Eindruck -auf einen Kontinent zu machen, der mit jedem neuerscheinenden Pariser -Modejournale neue Glockenwunder erlebte und neben einer Kaiserin der -Mode ein paar hundert Modeköniginnen besaß, deren jede den raffinierten -Sinn dieser Verheimlichung der weiblichen Beine wohl begriffen hatte. -Trotzdem drehte sich schon auf dem Jungfernstieg zu Hamburg mancher -elegante Kommerz interessiert nach der schönen Jüdin um, und wer sich -des damals noch seltenen Vorzugs rühmen durfte, mit einem Monokel -begabt zu sein (dessen rand- und bandlose Vollkommenheit freilich noch -nicht erreicht war), ließ hinter dessen Fensterglase Blicke blitzen, -die rückhaltlose Anerkennung sowohl wie den Wunsch verrieten, dieser -nach jeder Richtung hin wohlgebauten Dame einmal an einem Orte zu -begegnen, wo sich Beziehungen leicht und mühelos anknüpfen lassen. - -Noch größer aber war ihr Erfolg in Leipzig, wohin sie sich auf mehrere -Wochen begeben mußte, weil mit der Verwandtschaft des seligen Leon noch -einige Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen waren. Der Brühl, wo diese -Verwandtschaft in einer zwar nicht wohlriechenden, dafür aber um so -lukrativeren Sphäre von »Rauchwaren« hauste, geriet in beträchtliche -Aufregung, und es gab wahrhaftig mehr als einen unbeweibten -Rauchwarenhändler, der stürmisch bereit war, der schönen und reichen -Sara nicht bloß seine kostbarsten Eisbärenfelle, sondern auch sein -liebefühlendes Herz nebst allen Geschäftsbüchern zu Füßen zu legen. - -Indessen, Madame Sara hatte offenbar wenig Sinn für die -hingebungsvollen Gefühle verwandter und befreundeter Firmen. Sie -war keineswegs in der Absicht nach Leipzig gereist, weiterhin auf -ehelicher Grundlage in Pelz und Pelzkonfektion zu machen. Sie hatte an -ihrem einen Rauch- und Pelzwarenhändler schon völlig genug gehabt und -war im Grunde froh, daß ihre Ehefirma durch den Tod gelöscht worden -war. Denn der alte dürre Leon, diese zweibeinige Rechenmaschine, der -man sie in sehr jungen Jahren beigegeben hatte, war ganz und gar nicht -ihr Geschmack gewesen. Für seine löblichen Qualitäten als Kaufmann -und Familienvater hatte sie kein Organ besessen, aber ein um so -schärferes Auge für das, was ihm als Menschen im allgemeinen und als -Mann im besonderen an den Eigenschaften fehlte, für die es ihr an Organ -keineswegs gebrach. - -Mochte er ein Charakter gewesen sein: _sie_ war vor allem ein -Temperament. Er war einer der aus dem Osten Europas gekommenen Juden -gewesen, von denen sie zu sagen pflegte, selbst ihr Schatten färbe noch -ab, und der Geist des Ghettos stöhne in ihren schönsten Reden (und -das und nichts anderes sei das Mauscheln), während sie die Tochter -eines sehr westlichen, nämlich spanischen Juden war (eines jüdischen -Granden, wie sie sagte) und einer Kreolin. Freilich war auch der Vater -dieser Kreolin bestimmt ein Jude gewesen, und das indianische Blut -in ihrer Herkunft mütterlicherseits begegnete in der Verwandtschaft -auf dem Brühl unverhohlenem Zweifel, aber es lag ihr auch ganz fern, -ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme zu leugnen. Sie war vielmehr -stolz darauf und sprach es bei jeder Gelegenheit recht hochmütig -aus, daß sie sich als Aristokratin fühle, eben weil sie Jüdin sei, -und noch dazu spanische Jüdin. Es war das, wie ihre Schönheit, ihr -Geist und ihr Temperament, ein Erbteil ihres Vaters, der zwei -Haupteigenschaften besessen hatte: Stolz und Phantasie. Aus einem -reichen Hause stammend, hatte er sich, von der Lust nach Unabhängigkeit -und Abenteuern getrieben, von seiner orthodoxen und streng in sich -abgeschlossenen Familie gelöst und war in die Welt hinausgezogen. -Lange hatte er in Italien gelebt, mit der inbrünstigen Andacht eines -Psalmoden die früheste, halb byzantinische Kunst verehrend und immer -den stolzen Plan hegend, der Verkündiger dieser Kunst zu sein. Dann -hatte ihn die deutsche Kunstgelehrsamkeit, wenn nicht abgekühlt, so -ernüchtert, und er war in das Getriebe der revolutionären Bewegung, -gleichzeitig aber in den Aufruhr der Liebe zu seiner »Kreolin« -geraten, die er als Tänzerin in Dresden kennen gelernt hatte. So kam -es, daß die »spanische Sara« (wie man sie nicht ohne Respekt auf -dem Brühl nannte) zu ihrem Leidwesen in Deutschland geboren worden -war. Indessen konnte sie keine Erinnerung daran haben, da ihr Vater -schon vor dem tollen Jahre Deutschland verlassen und mit Frankreich -vertauscht hatte. Aber auch dieses Land genügte seinem revolutionären -Sinne nicht, und er wanderte mit Weib und Kind nach Amerika aus, wo es -ihm indessen erst recht nicht gelang, zur Harmonie zu kommen. Immer -die größten Pläne, bald wissenschaftlicher, bald poetischer, bald -politischer Natur wälzend und sich aus einem Lager der Meinungen immer -wieder in ein anderes begebend, immer wieder abgestoßen durch das, -was er Philistertum nannte, und überall abstoßend durch seinen Stolz -und sein Weiterhinausbegehren, endete er als vollkommener Einsiedler -der Gedanken, als geborener ~précurseur~, wie er sich selbst nannte. -Seine Frau war ihm weggestorben, als Sara noch nicht zehn Jahre -alt war. Diese war nun sein einziger Umgang, und in ihrer Erziehung -ging er völlig auf. Er brachte ihr, einem höchst aufgeweckten Kinde, -früher, als ihr gut sein konnte, nicht nur seine reichen Kenntnisse -in Sprachen, Kunst und Literaturgeschichte, sondern auch seine ganze -Weltauffassung bei, die schließlich immer mehr Nihilismus geworden war. -Eine rasche Krankheit raffte ihn weg, kurz bevor sie das fünfzehnte -Jahr erreicht hatte. Da er ihr fast nichts hinterließ, mußte sie -es als ein großes Glück betrachten, daß der alte reiche Leon Asher -sich ihrer annahm. Das Wohlleben in seinem Hause gefiel ihr, und so -sagte sie nicht nein, als der Fünfzigjährige die Sechzehnjährige zur -Frau begehrte. Sie gebar ihm in drei Ehejahren zwei Söhne. Als er -starb, hatte sie das Gefühl: jetzt beginne ich zu leben. Kaum, daß -das Trauerjahr vorüber war, übergab sie ihre zwei Kinder, zu denen -sie auch nicht die geringste mütterliche Zuneigung empfand, einer -Schwester des Verstorbenen und unternahm die Reise nach Europa, zwar -unter dem Vorwande, nur Erbschaftsangelegenheiten betreiben zu wollen, -aber mit der bestimmten Absicht, in Europa zu bleiben und dort ihr -Leben in aller Freiheit einer reichen jungen Witwe zu genießen. Die -aufs Geistige gewandten revolutionären Lehren ihres Vaters hatten bei -ihr eine sehr deutliche Wendung aufs Sinnliche genommen, doch besaß -sie einen gewissen sehr günstigen Dämpfer in ihrer wohlfundierten -ästhetischen Bildung. - -Aber der Brühl zu Leipzig konnte freilich keine Landschaft nach ihrem -Sinne sein. Sie nahm nur schnell ein kleines Verhältnis mit einem -hübschen, aber allzuwenig interessanten Korpsstudenten mit; dann -reiste sie nach Dresden. Der Galerie wegen, meinte sie, doch dachte sie -wohl auch an anderes. - -Ihr Vater, kein Freund des deutschen Wesens, hatte ihr von Dresden -berichtet als der einzigen deutschen Stadt mit galanter Kultur. Er -hatte dies freilich nicht ganz in dem Sinne gemeint, in dem es sich -bei ihr festgesetzt hatte. Aber es war in diesem Falle gewesen, wie -auch sonst: sie hatte, indem sie eine allgemein gefaßte Meinung ihres -Vaters in ihre Auffassungssphäre übernahm, sie zwar allzu wörtlich -aus dem Allgemeinen einer männlichen Erfahrung in das Besondere ihrer -weiblichen Gefühls- und Anschauungswelt übersetzt, aber im wesentlichen -deckten sich Original und Übersetzung doch. - -Der Vater Saras hatte Dresden mit den Augen des Kunstgelehrten und -Kunsthistorikers angesehen. Er war italienischen und französischen -Einflüssen in der Kunst und Kultur der sächsischen Residenzstadt -nachgegangen und dabei auch italienischem und französischem Blute -begegnet. Dies mußte ihn, den unter Romanen geborenen, wie etwas -Heimatliches berühren. Und seine Phantasie half nach. In jedem -schwarzen oder braunen Auge einer Dresdnerin erblickte er ein -lebendiges Denkmal längst verwehter Schäferstunden französischer -Soldaten und italienischer Künstler, wenn es auch vielleicht in -Wahrheit slawisches Braun und Schwarz war. Und dann kam hinzu, daß -er seine eigene Liebe in dieser Stadt erlebt hatte. Hier hatte das -Wochenbett seiner Frau, hier die Wiege Saras gestanden; und beide -Betten, das große und das kleine, hatte er mit alten Meißner Figürchen -umgeben, kleinen Kunstwerken, auf die das Wort einer galanten Kultur -wirklich zutraf. Alles dies lebte in Sara nach, unbewußt, halb bewußt, -ganz bewußt. - -Als sie der hübsche, aber leider von Korpsinteressen völlig absorbierte -Kurt von Kantern, die stahlblaue Lausitzer-Mütze tief, wie es damals -Mode war, in die Stirn gezogen, einmal gefragt hatte: »Aber warum denn -gerade nach Dresden, Madame? Auf Ehre -- Dresden ist ein langstieliges -Kaffeedorf!« hatte sie geantwortet: »Für Korpsstudenten -- mag sein. -Korpsstudenten interessieren sich nicht für Meißner Porzellan. -Korpsstudenten sind tapfere Ritter, aber keine Kavaliere im Sinne der -galanten Zeit. Sie müssen zu viel Bier trinken und zu oft pauken. Das -ist gewiß reizend -- für Korpsstudenten. Ich aber habe schon genug -von steilen Terzen und Hakenquarten. Ich möchte nicht gerne Anlaß -zur Eifersucht haben, und am wenigsten Anlaß zur Eifersucht auf die -Kneipe. Ich möchte mich in Jünglinge verlieben, die auf der ganzen Welt -nichts kennen und wollen als mich, oder in Männer, die sich in meiner -Gesellschaft von großen Dingen ausruhen.« - -Davon begriff der hübsche Lausitzer-Senior nicht gar viel; die schöne -Sara aber hatte damit immerhin etwas von der Oberfläche ihrer Instinkte -verraten. - - * * * * * - -In Dresden logierte sie sich nahe dem Zwinger in einem höchst soliden -und von der besten Gesellschaft frequentierten Hotel ein, wo sie schon -bei der Ankunft nicht geringen Eindruck machte; einmal durch die -große Anzahl der von ihr mitgeführten sehr umfangreichen und schweren -Lederkoffer und dann durch ihre Jungfer, eine äußerst häßliche und, wie -es schien, taube Negerin, die von ihr Lala genannt wurde und ihrer -Herrin sklavisch anhänglich war. - -Dieses Verhältnis führte sich in erster Linie darauf zurück, daß Lala -mit ihrer Herrin zusammen aufgewachsen war, am Äußeren der Erziehung -mit anteilnehmend, so daß sie gleich dieser Deutsch, Englisch, -Französisch und Italienisch verstand, aber vom Vater Saras doch immer -auf dem Stand einer durchaus willenlosen und sklavisch abhängigen -Dienerin niedergehalten. Sie hatte nie einen Pfennig Lohn erhalten und -nie daran gedacht, dergleichen als etwas ihr Zukommendes zu betrachten. -»Du bist Saras dunkle Schwester,« hatte ihr der Alte gesagt, »und -gehörst zu ihr, wie ihr Schatten. Und wie ihr Schatten sollst du sein: -stumm, taub -- für die anderen. Aber Sara wird keine Geheimnisse vor -ihrer dunklen Schwester haben, und Saras Schatten wird Saras Schicksal -teilen. Sara wird für ihn denken und Sara wird für ihn sorgen. So ist -es die Bestimmung und so das Glück der dunklen Schwester.« Der Alte -hatte wohl gewußt, warum er in Bildern zu der kleinen, verprügelt und -halb verhungert in sein Haus gekommenen Negerin gesprochen hatte. Ihre -wie aus einer Schicht braunen Öls stumpf leuchtenden schwarzen Augen -hatten ihm die unklar träumende Seele dieses Wesens offenbart, das -treu wie ein Hund und zu allem Guten und Bösen abzurichten war. Der -Alte sorgte dafür, daß nichts in ihr helle wurde, als das Gefühl für -die Erhabenheit Saras über ihr. Und dieses Gefühl wurde immer mehr zu -einer demütigen Anbetung, je reifer die Schönheit Saras wurde. Wie Sara -selbst, ohne Religion aufgewachsen, hatte sie, aus einem mystischen -Bedürfnisse ihres dunklen Wesens heraus, Sara zu einem Idol nach -der Art derer gemacht, die ihre schwarzen Vorfahren angebetet haben -mochten. Das war keine gute Göttin, kein lieber Gott, das war nur eben -das höhere Wesen, die Macht, die Lenkung. Und es war die Schönheit, die -Helle. - -Lala wurde zur Dichterin, wenn sie ihre Gefühle für Sara aussprach. - -Wie Sara zum Führen eines Tagebuches angehalten worden war, so auch -sie, aber sie schrieb nur Dinge hinein, die Sara betrafen, und jede -Seite begann mit der Überschrift: »Heute sprach die helle Schwester -dies.« Dann folgte etwa: »Hole das grüne Kleid, Lala. Tat es die dunkle -Schwester. Sprach später die helle Schwester: Ich liebe noch immer den -jungen Mann. Bring ihm den Brief. Tat es die dunkle Schwester. Und der -junge Mann lächelte, denn die helle Schwester liebt ihn. Und kam zur -Nacht nicht heim. Sanft sei ihr Glück wie der Mond, und heiß wie die -Sonne. Die dunkle Schwester kennt die Liebe nicht, aber sie hat alles -mit von der hellen Schwester. Und es ist gut für sie. Alles ist gut, so -dunkel und gut.« - -In diesem seltsamen Tagebuche bediente sich Lala derselben -Geheimschrift, die sie mit Sara von Saras Vater erlernt hatte. Doch -hatte sie sich noch einige Sigel dazu erfunden. So für die Worte: -»Heute sprach die helle Schwester« einen Kreis, durch den ein Pfeil -wagrecht ging und für die Worte: »Tat es die dunkle Schwester« einen -Halbmond, durch den ein Pfeil senkrecht ging. - -Ihre Taubheit war Verstellung zu dem Zwecke, die Äußerungen fremder -Leute über ihre Herrin vernehmen zu können, ohne daß diese sich -dessen versahen. So hatte sie schon während der Ehe Saras der hellen -Schwester wertvolle Spionendienste unter der Verwandtschaft des -ahnungslosen Mister Leon Asher geleistet. Sara selbst pflegte ihre -Dienerin auch ihren nächsten Bekannten und Vertrauten gegenüber als -harmlose Idiotin hinzustellen, was um so weniger auf Mißtrauen stieß, -als die primitiven Umgangsformen zwischen Herrin und Dienerin, wie das -gegenseitig angewandte Du, ohnehin den Eindruck machten, als seien sie -auf kindliche Zurückgebliebenheit des Verstandes der seltsamen braunen -»Jungfer« zurückzuführen. - - * * * * * - -Nachdem Madame Sara in den besten Geschäften der Pragerstraße nach -den besten Pariser Modellen ihre zwar ohnehin reiche, aber doch noch -nicht ganz auf der Höhe des europäischen Geschmackes befindliche -Garderobe ergänzt hatte und es nun an türkischen Schals, spanischen -Mantillen, kleinen koketten Federhütchen, knisternden Reifröcken -und durchbrochenen Halbhandschuhen mit den elegantesten Dresdener -Madams mehr als aufnehmen konnte, fand sie es für angezeigt, ihre -Antrittsvisite bei der berühmtesten, ob auch ganz altmodisch -gekleideten Dresdnerin zu machen, deren erlauchte italienische Herkunft -zweifellos ist: bei der Sixtinischen Madonna. - -Gleich den meisten anderen Fremden durchschritt auch sie (doch war es -mehr ein Durchwogen) alle übrigen Säle der Galerie, ohne den an ihren -Wänden prangenden Kostbarkeiten mehr als einen vorüberstreifenden Blick -zu gönnen, mit dem Ausdruck der von Sehnsucht beflügelten Wisserin der -höchsten Gnade, bis sie zu dem gebenedeiten Raume gelangte, wo die -himmlischen Augen der Mutter und des Kindes leuchten, vor denen Papst -und Heilige knien. - -Die schöne Jüdin, froh, dort niemand zu treffen, ließ sich mit einem -knisternden Aufbauschen ihres dunkelgrün seidenen Reifrockes in -einem Fauteuil dem Bilde gegenüber nieder, erhob ihren schönen, mit -vollgerundeten, schwermütig schwankenden Schmachtlocken frisierten Kopf -zu dem Gemälde und führte das goldene Lorgnon an die dunklen und durch -unterlegtes Beinschwarz noch mehr gehobenen Augen. - -Ein wunderlicher Gegensatz, wie von Gavarni mit verruchter -Raffiniertheit erfunden, diese beiden Frauenbilder einander -~vis-à-vis~: das lebendige, als ob es ein zwar amüsantes, aber freches -Gespenst des Lebens wäre, und das aus der Kunst geborene, das fast -noch mehr wie Leben strahlte: als Lebensleuchten selber aus tiefster, -innigster Einfalt. - -Madame Sara empfand selbst so etwas und zog ein Spiegelchen aus ihrem -perlengestickten Ridikül, sich darin zu betrachten. - -Warum schminken wir uns eigentlich so absurd, dachte sie für sich. -Warum diese Masse Rot auf so viel Creme-Weiß. -- Nun ja, wir sind keine -Göttinnen ... Und doch ... es wird einem wunderlich zumute. - -Und sie sah wieder die Madonna an. - -Und dachte weiter: -- Wer hat mehr Ursache, stolz zu sein, als wir -Jüdinnen? -- Die schönste Römerin war dem größten Künstler Italiens -gerade gut genug, eine Jüdin darzustellen ... -- Religion? - -Sie lächelte. - -Wer hier die Liebe nicht sieht, hat keine Augen. -- Freilich: der -Papst, die Heiligen, die Engel ... ~Enfin!~ Künstler können sich was -herausnehmen ... Künstler! Ah! ... Zweierlei gibt's: Künstler und -Helden -- oder, ohne Romantik gesprochen, Soldaten -- d. h. Offiziere. - -In diesem Augenblicke wurden ihre Gedanken durch das bestimmte Gefühl -unterbrochen, daß hinter ihr ein Mann stehen müsse. Eine kleine Wendung -ihres Kopfes, ein Blick nach hinten, ~colla coda dell' occhio~, -genügte, ihr zu zeigen, daß ihr Gefühl sich nicht getäuscht hatte. - -Eine Weile später würde sie ihn auch mit der Nase haben wahrnehmen -können, denn der Herr, der jetzt schräg hinter Madame stand und -keinen Blick von ihr wandte, wie wenn er nicht der Sixtinerin wegen -gekommen wäre, sondern wegen der Amerikanerin, dieser Herr, ein -straff aufrechter Vierziger mit blonden Koteletten in der Mode der -Zeit, einem rosigen Teint, sehr hellbraunen Augen und einem Anzuge, -dessen sich der Empereur in Paris nicht hätte zu schämen brauchen, -liebte offenbar die starken Gerüche. Damals war unter den vornehmen -Mitgliedern der Herrenwelt ein Parfüm bevorzugt, das heute zu den -Lehrlingen im Kellnergewerbe herabgesunken ist: Jockey-Klub. Doch -war dieses Odeur damals noch nicht so degeneriert wie heute, wo es -aus den zusammengegossenen Neigen anderer Extrakte hergestellt zu -werden scheint. Es war vielmehr in der Blüte seiner Kraft und duftete -restlos die große Seele dessen aus, der seine Erfindung inspiriert -hatte: des Prinzen von Wales, dem bei seiner Inspiration nichts -Geringeres vorgeschwebt hatte, als eine Erhebung des Stallgeruchs zum -Odeur, -- Rennpferd-Stallgeruchs, versteht sich. Frisches Heu und -Juchtenleder als Dominante. Ein wirkliches ~Odeur de chevalier~, viel -sagend und viel versprechend für geistreiche Nasen von Damen mit -Temperamentsphantasie. - -Der schönen Sara, die allzulange Ledergerüche hatte erdulden müssen, -die nicht raffiniert und nicht nobilisiert waren, fehlte es an -dieser Phantasie keineswegs, und so kam es, daß ihre Geruchsnerven -in der bestimmten Ahnung vibrierten, der Herr hinter ihr könne eine -Bedeutung für sie haben. Und so ließ sie mit scheinbarer Nachlässigkeit -ihr winziges Spitzentaschentuch fallen, dessen Parfüm etwa als -Komplementär-Geruch zu jenem ~Odeur de chevalier~ hätte bezeichnet -werden dürfen. Sofort machte der Herr mit den Koteletten ein paar -schnelle federnde Schritte nach vorn, bückte sich zu dem winzigen -weißen Häufchen aus Seide, Spitzen und Duft nieder, ergriff das zarte -Gewebe und überreichte es Madame mit einer Verbeugung, die zugleich -ritterlich und galant, die beste Welt verriet. - -Ah, machte Sara mit vollendet gespielter Überraschung, das heißt -mit einem Tone der Überraschung, dem man es anhören konnte, daß die -Überraschung gespielt war. Der Herr mit den hellbraunen Augen verstand -sich auf Tonnuancen aus Frauenmunde und wußte auch die richtigen -Folgerungen daraus zu ziehen und sich den Folgerungen entsprechend -mit Delikatesse zu benehmen. Aber hier hätte es der Erfahrung und -Sicherheit eines Meisters in der Kunst der Anknüpfung mit Damen nicht -einmal bedurft, denn angesichts ganz großer Gegenstände der Kunst -oder Natur ist es selbst für Anfänger leicht, den Faden zu einem -Gespräch anzuspinnen und fest zu drehen. Was so hoch über der gemeinen -Konvenienz steht, wie die Sixtinische Madonna, verleiht mit der Macht -von Souveränen auch das Recht, sich in seiner Gegenwart zeitweilig über -konventionelle Schranken wegzusetzen. - -So waren Weltdame und Weltmann bald in einem angenehm bewegten -Gespräch, das bei Raffael begonnen hatte, über die Kunst im allgemeinen -anmutig weggeschaukelt war und sich schließlich behaglich über Fragen -des gesellschaftlichen Lebens in Dresden ausbreitete. - -Der Umstand, daß auch der Herr als Fremder in Dresden weilte, ergab -eine willkommene Erleichterung der gegenseitigen Aussprache. Eine -Reisebekanntschaft, sogleich als Reisebekanntschaft determiniert, wird -von Leuten von Welt, die sonst zumeist gezwungen sind, sich in festen -Zirkeln zu bewegen, immer als eine angenehme Bescherung des Zufalls -gerne begrüßt. Man lernt sich schnell kennen, kommt einander, wenn -Sympathie im Spiele ist, sehr schnell nahe, bleibt aber doch immer -Passagier, und es genügt, eines Tages zu sagen: Morgen mit dem Frühzuge -reise ich weg. Nicht einmal das Stammbuchblatt früherer Zeiten ist -auszufüllen: - - Fällt Dein Blick auf diese Seite, - Wenn Du jene umgewandt, - Denk an mich mit Gunst und sage: - Diesen hab ich auch gekannt. - -Fürst Wladimir Golkow, russischer Kavallerie-General außer Dienst, -Kommandeur des Sankt-Georgsordens für besondere Bravour im Krimkriege, -besaß viel Neigung zu derlei Bekanntschaften, zumal wenn es sich um -schöne Partnerinnen handelte, und er lebte recht eigentlich solcher -Reisebekanntschaften wegen immer auf Reisen. Doch war Dresden, das zu -jener Zeit von Russen überhaupt bevorzugt wurde, der Ort, zu dem er -von Zeit zu Zeit immer wieder zurückkehrte. Daher er hier eine feste -Wohnung unterhielt, eine kleine Villa in einem großen Garten der -Neustadt. - -Heute knattert auch durch dieses damals noch ganz ländlich stille -Viertel der elektrische Trambahnwagen; die großen Gärten sind -parzelliert, und in jedem der neuen kleinen Gärten steht, die -dumm-moderne Front zur Straße gewendet, ein kleiner Steinkäfig mit -Stuckornamenten, in dem ein Dresdner Partikulier wohnt, dem es gerade -recht ist, daß er seinem Nachbar in die Fenster gucken und riechen -kann, was der Herr Rechnungsrat nebenan heute zu Mittage hat. Damals -aber war das eine vornehme Gegend. Wenige, aber große, mit alten Bäumen -bestandene Gärten, und tief im Grün des Gartens, von der Straße kaum -sichtbar, ein altes Herrenhaus mit französischem Doppeldach, ohne -viel Schmuck, und ganz gewiß ohne angeklebten Schmuck, aber von guten -architektonischen Verhältnissen, behaglich geschmackvoll. - -Ein solches Haus in solchem Garten hatte sich »der Russe«, wie er in -der Gegend kurz genannt wurde, erworben und ganz nach seinem Sinne mit -Möbeln aus der Zeit des ersten Kaiserreichs ausgestattet, die damals -bloß als altmodisch, aber noch nicht für »antik« galten. Sie sagten ihm -in ihrer strengen und etwas steifen Pracht viel mehr zu, als die mit -Rokoko-Verzierungen recht oberflächlich spielenden Möbel des zweiten -Kaiserreichs, die ihm den Eindruck von Unsolidität und Weichlichkeit -machten. Er aber liebte die gerade Linie, sparsamen, zurückhaltenden -Schmuck aus echtem Material und eine gewisse Massigkeit. Das grazilere -»Damen-Empire«, die feinbeinigen Tischchen und wie aus Gitterwerk -zierlich konstruierten Sofachen fand man bei ihm nicht, wohl aber -gewaltige, wenn auch durch die Kunst der Verhältnisse nicht plump -erscheinenden Tische und wahrhaft überlebensgroße Prachtkanapees. -Die östliche Herkunft und den früheren Beruf des Besitzers verrieten -kostbare persische Teppiche, turkestanische Vorhangstoffe und wertvolle -Waffen der verschiedensten Art: Säbel, Degen, Pistolen, Gewehre, die, -weit zahlreicher als Bilder, an den Wänden hingen. Doch fehlte es auch -an Bildern nicht völlig, und diese ließen gleichfalls gewisse Schlüsse -auf die Neigungen ihres Besitzers zu. Da waren bunte, edelsteinbeladene -russische Heiligenbilder, byzantinische Madonnen neben tibetanischen -Malereien auf Seide, die schauderhafte Götzen, überladen mit Attributen -der Grausamkeit und Wollust, darstellten, aber es gebrach auch nicht -an allerhand nackten Damen antikmythologischer und ganz und gar -moderner Herkunft. Diese letzteren aber waren nicht so sehr durch -klassische Schönheit wie durch Fülle ausgezeichnet. Auch plastische -Kunstwerke waren vorhanden, doch gewahrte man weniger echte Bronzen, -als Erzeugnisse des berühmten russischen Phosphor-Eisenwerkes bei -Jekaterinburg, die nichts so gerne darstellen, wie reitende Kosaken. - -Auch von diesen Dingen war bereits in Gegenwart der Sixtinischen -Madonna die Rede, und es war nicht bloß höfliche Vorheuchelung, wenn -Madame Sara erklärte, daß alles Russische sie besonders interessiere. - -»Rußland, verzeihen Sie, Fürst, hat für uns Amerikaner den Reiz -kostbarer Barbarei. Gilt uns Europa als die alte, schon etwas -lahmgewordene Kultur, so Rußland als der große Rachen, der diese Kultur -einmal verschlingen und, wenn er imstande ist, sie zu verdauen, aus -ihr ein neues Gebilde von halb asiatischem Charakter erstehen lassen -wird.« - -»Ich verstehe, Madame. Wir Russen sind für Sie die Europäer ~à la -tartare~. Ein bißchen Politur über dicker Roheit. Nun ja, gottlob, -es ist etwas Wahres daran. Unsere Kraft liegt in Asien, im Urgebiet -des Menschen, das schon mehr Kulturen sterben sah, als je in Europa -entstanden sind. Dort ist viel verfault und daher, dank der Düngung -durch Jahrtausende der beste Humus für eine neue, für unsere Kultur. --- Was Sie in Amerika verflucht schnell und, entschuldigen Sie, etwas -oberflächlich gemacht haben, machen wir verflucht langsam, daher -aber um so gründlicher. Sie haben auf ein neues Land den äußerst -schnell alt gewordenen europäischen Liberalismus gepfropft, aber -dieses Wunderkind wird wie alle Wunderkinder früher sterben, als es -Nachkommen hervorbringen konnte. Wir aber gehen auf das echte Urwesen -des Menschen zurück, das sich, wenn Sie wollen, barbarisch geworden, -im Osten erhalten hat und zu alt ist, als daß es die Kinderei des -Liberalismus hätte mitmachen können. Panslavismus heißt Asiatismus, -heißt Mystizismus. Revanche für Marathon und Salamis ist das letzte -Ziel der russischen Politik.« - -»Oh! Oh! Sie springen weit und überspringen viel, Fürst!« - -»Das kommt, weil wir Russen an große Ausdehnungen gewöhnt sind.« - -»Wie wir Amerikaner.« - -»Aber Sie springen an der Longe Europas in der Manege des Liberalismus. -Zirkuskünste! Bei uns aber ist Freiheit und Größe! Nur bei uns!« - -»Freiheit? Existiert das Wort im Russischen?« - -»Nicht im Sinne der kümmerlichen ~Liberté~, aus der die ruchlos -idiotische ~Égalité~ hervorgegangen ist, aber im großen Ursinne der -Brüderlichkeit eines ganzen Volkes, das sich als Familie fühlt und mit -tiefem Instinkte den fürchterlichen Unsinn des Individualismus erkannt -hat, den wir den griechischen Windbeuteln und den einzigen entarteten -Orientalen verdanken: den Juden.« - -Bei diesem Worte fühlte die kluge Sara, der dieses Gespräch ein seltsam -aus Ärger und Respekt gemischtes Vergnügen bereitet hatte, daß jetzt -der Moment gekommen war, wo es sich entscheiden mußte, ob sich mehr und -Besseres aus ihm entwickeln sollte, als Gespräche. - -Und sie sagte mit einem Lächeln, das schlechterdings bezaubernd war in -seiner Mischung aus ein bißchen Demut mit viel Stolz: »Sehen Sie mir es -nicht an, daß ich Jüdin bin, Fürst?« - -Auch der Kommandeur des Sankt-Georgsordens empfand sehr schnell die -Bedeutung dieses Momentes. Er, der in der Tat längst und keineswegs -mit Mißfallen die jüdische Herkunft seiner schönen Partnerin bemerkt -hatte, ergriff ihre linke Hand und zog sie an die Lippen, indem er -sprach: »Ich verstehe mich auf Frauenschönheit, Madame, und ich müßte -nicht tatarisches Blut in mir haben, wenn ich sie nicht zu schätzen -und -- abzuschätzen wüßte. Meine Liebe für den Orient ist nicht bloß -platonisch-politischer Natur. Mag ich auch die Juden für entartete -Orientalen mit dem denkbar schlechtesten Einfluß auf die menschliche -Kultur halten -- die Jüdinnen sind mir immer besonders verehrungswürdig -erschienen, und ich möchte mich ihrem Einflusse keineswegs entziehen, --- zumal, wenn er über ein Lächeln verfügt, wie Sie.« - -Madame Sara hörte den Unterton von paschahafter Überlegenheit aus -diesen Worten wohl heraus, aber er mißfiel ihr durchaus nicht. Im -Gegenteil: Sie ahnte aus ihm etwas, das sie innerlich höchst angenehm -aufschauern ließ. - -Und sie wiederholte ihr Lächeln, indem sie die Demut darin zur Balance -mit dem Stolze steigerte. Und sagte: »Auch die Ironie in Ihren Worten -entzückt mich, Fürst, -- nicht bloß die Schmeichelei. Sie haben eine -mir sehr zusagende Manier der galanten Huldigung, und ich würde es -vielleicht auf einen Versuch ankommen lassen wollen, zu erfahren, ob -Sie jetzt bloß -- höflich gewesen sind.« - -Der Versuch wurde gemacht, wurde wiederholt, und es war bald kein -Zweifel mehr daran erlaubt, daß Fürst Golkow eine mehr als platonische -Neigung für schöne Jüdinnen hatte. - -Schon nach wenigen Wochen war Madame Sara im ~buen retiro~ des Fürsten -wie zu Hause, und sie lernte den Zusammenhang begreifen, der zwischen -den byzantinischen Madonnen, den tibetanischen Verzückungsgreueln und -den Kosaken aus russischem Weicheisen bestand. -- -- - -Wie ihr das neu war nach ihren Erfahrungen mit dem seligen Asher und -dem Intermezzo mit dem hübschen Leipziger Korpsburschen! - -Sie lernte mit großem Interesse das erotische Gruseln kennen und -entbrannte in heftigster Leidenschaft zu ihrem Tataren, wie sie nun den -Fürsten gerne nannte. Indessen: den Kopf verlor sie dabei doch nicht. -Wie gerne sie auch ihrem erotischen Mystagogen auf den dämmerigen -Wegen in das mystische Paradies folgte, und wie gelehrig sie sich auch -aus angeborenem Talente benahm, -- sie verfiel ihm nicht so ganz, wie -es den Anschein hatte, und wie er es nach dem Anschein gerne glaubte. -Sie exaltierte sich nicht aus Berechnung; das hatte ihr Temperament -nicht nötig. Sie spielte auch nicht aus Berechnung die Liebessklavin; -diese Rolle war ihr im gegebenen Momente Natur. Aber beides, die -Exaltation und die demütige Unterwerfung unter den Herrn der Liebe, -nahm sie nicht dauernd ein; -- sie blieb über der Sache, die für sie -nicht Liebe, sondern Sensation war, aber sie wußte sich klüglich den -Anschein zu geben, als sei sie nicht bloß in seinen Armen sein. - -Auch beim Fürsten war es nicht Liebe im wahren mystischen Sinne des -Wortes, nicht die ganze innere Verknüpfung seines Wesens mit dem -ihren. Er entzückte sich an ihr zu Schwelgereien seiner wunderlich -verstiegenen und alle Abgründe aufsuchenden Erotik. Er genoß in ihr -- -Asien und meinte in ihr -- das Judentum zu unterwerfen. Aber es ging -ihm wie manchen großen Herrn, die, gerade wenn sie am unumschränktesten -zu herrschen glauben, um ihr eigentliches Herrschertum betrogen werden. -Die schöne Jüdin wurde ihm zum Bedürfnis, und sie zwang ihm leise eine -Monogamie auf, die ganz und gar nicht in seinem Wesen lag. - -Ein solcher Zustand aus wirklicher Liebe ist Glück. Beim Fürsten -war es eine Folge von Rauschzuständen, denen es am Intermezzo des -Katzenjammers nicht fehlte. Trotzdem dachten beide nicht daran, die so -intim gewordene Reisebekanntschaft durch eine Abreise zu lösen. - -Madame Sara fühlte sich in Dresden durchaus und in jeder Richtung -wohl. Sie war durch den Fürsten, soweit er selbst gesellschaftliche -Beziehungen pflegte, in die Gesellschaft gekommen, -- nicht so sehr in -die der ansässigen Kreise, als in die der Fremden von Distinktion. Und, -wo sie erschien, machte sie Aufsehen, gefiel sie. Das tat ihr wohl und -machte ihr Vergnügen, zumal, da sie an Schönheit, Geist und Eleganz -keine Rivalin fand. - -Es dauerte nicht lange, und sie war umworben. Ein Attaché der -französischen Gesandtschaft gefiel ihr, aber seine Gespräche waren -zu pariserisch glatt. Sie war tiefere Paradoxe gewöhnt als die, die -Monsieur le Comte de Brottignolles aus dem Figaro schöpfte, den sie -selber las. Auch ein junger sehr reicher Engländer, der immer vorgab, -sich zum Studium der deutschen Sprache in Dresden aufzuhalten, aber nie -ein deutsches Wort über seine wunderbar rasierten britischen Lippen -brachte, machte in seiner blonden Gesundheit einen gewissen Eindruck -auf sie. Er war nicht parfümiert und roch doch gut. Alles war gut -ausgearbeitet und doch strotzend an ihm. Kurz: ein Triumph der Hygiene. -Aber er war gar zu englisch, zu insular, und man konnte mit ihm -schlechterdings nur über Dinge reden, die augenscheinlich vernünftig -waren. Und, um Leitartikel miteinander auszutauschen, dazu, meinte -Madame Sara, unterhält sich eine junge Frau nicht mit einem jungen -Manne. Überdies hatte sie die Empfindung, daß er grausam tugendhaft sei -und sich darauf noch etwas einbilde. - -Der Fürst, dem es nicht entgehen konnte, daß seine Sulamitin auch -anderen gefiel, beobachtete mit großem Vergnügen das Vergebliche aller -Versuche der anderen, ihr nahe zu kommen, und legte das wohlgefällig -als Beweis seiner festen Alleinherrschaft aus. Irgendwie erstaunlich -fand er es nicht, denn es gehörte zu seiner Überzeugung von den -Vorzügen der östlichen Menschen, daß dort die Männer zwar polygam, die -Weiber aber monogam veranlagt seien. »Sogar die Jüdinnen,« hatte er -einmal zu Sara gesagt, »die überhaupt noch echte Orientalinnen sind, -weshalb sie sich in ihren schönen Exemplaren auch überall gleichen, -während der amerikanische Jude ganz wie ein Amerikaner aussieht, der -französische Jude ganz wie ein Franzose.« Auch gegenüber solchen Reden -hatte Sara das unterwürfige Lächeln der Favoritin, aber in ihrem Innern -sah es dabei gar nicht unterwürfig aus, und im Tagebuche Lalas gab es -eine Stelle, die lautete so: »Sprach die helle Schwester: Je gescheiter -ein Mann ist, um so leichter kann ihn eine Frau betrügen.« - - * * * * * - -Eines Morgens wurde Madame Sara, die erst sehr spät von einem Besuche -bei ihrem Tataren nach Hause gekommen war und unerquicklich geträumt -hatte, durch rasendes Klavierspielen und eine fürchterliche Art von -Gesang geweckt. Beides wurde offenbar direkt über ihr verübt. Sie -schellte Lala herbei und rief ihr entgegen: »Was ist denn das! Wer -wohnt denn über uns?« - -»Oh!« antwortete Lala mit großem Ernste, »du wirst ihn lieben. Er ist -so häßlich wie ich, aber du wirst ihn lieben. Er ist anders. Er ist gut -und verrückt. Er hat zu mir gesagt: ›Ei du Scheusälchen‹!« - -Madame Sara, eben noch recht ärgerlich, mußte lachen, und sie sagte: -»Mir scheint, Lala: du liebst ihn. Dann muß ich zurücktreten.« - -Aber Lala verstand solche Scherze nicht. Sie sagte: »Oh, es ist wahr. -Er ist ganz für dich. Er ist ganz anders und ganz für dich, und er wird -dich lieben.« - -»Dann soll er vor allem mit diesem schrecklichen Klavierpauken aufhören -und mit dem noch schrecklicheren Gesingse!« - -»Lala geht zu ihm.« - -Und Lala ging hinauf, und augenblicklich wurde es ruhig. - -Nach einer Weile kam die dunkle Schwester mit einem Billett zurück, auf -dem folgende Worte standen: - - »Wenn Orpheus sang, schwieg selbst das Federvieh, - Doch Orpheus selber, lehrt Mythologie, - Orpheus schwieg nie. - -Aber Orpheus hat auch nicht das Glück gehabt, Madame Sara Asher Neuyork -(siehe Fremdenbuch) zu sehen, wie der ganz ergebenst endesunterfertigte -Musikante und Poet, der zwar nicht leben kann, wenn er nicht den Flügel -bearbeitet und seine unsterblichen Melodien den Morgenwinden mitteilen -darf, aber lieber aufs Leben zu verzichten gewillt ist, als daß er -der schönsten aller Damen ärgerlich sein möchte. -- Es liegt also bei -Madame, zu entscheiden, ob ich leben oder sterben soll. -- Ich werde -mir erlauben, selbst um die Entscheidung anzufragen, wenn Madame die -Gnade haben will, mir dafür eine Stunde zu bestimmen. - -Der ich bin der schönsten Dame alleruntertänigster Diener und Knecht -~Sturmius de Musis~.« - -»Du scheinst recht zu haben, Lala, er ist entschieden verrückt,« sagte -Sara, als sie unter Lächeln das Billett gelesen hatte. »Aber er ist ein -amüsanter Narr. Du kannst ihm also sagen, daß ich um ein Uhr für ihn -zu sprechen bin.« - -Punkt ein Uhr überbrachte Lala ihrer Herrin eine Visitenkarte, die -den wirklichen Namen des ~Maestro Sturmius de Musis~ aufwies, einen -alten deutschen Adelsnamen, der eben an allen Plakattafeln der Stadt -über einer Konzertanzeige zu lesen war. »Ich lasse bitten!« sagte sehr -freundlich Madame Sara, musterte schnell noch einmal ihre raffiniert -halb auf Empfang, halb auf Negligé gestimmte Toilette und ließ sich, -gelb auf rosa, in einen üppig gepolsterten Armstuhl sinken. - -Kaum, daß sie noch einen Wurf alter Brabanter Spitzen über türkischen -Pantöffelchen zur Geltung hatte kommen lassen können, stand der -Flügelgewaltige auch schon in der Türe. - -Er sah, oberflächlich angesehen, recht unscheinbar aus. Klein und -mager, wie er war, verschwand er fast in dem überlangen, schwarzen, -noch etwas biedermeierisch geschnittenen Bratenrocke, den er zu -breit karierten hellen Nankinghosen trug. Ein nicht recht eleganter -Umlegekragen gestattete einem hellroten seidenen Schlips, weiter -hervorzuzipfeln, als es die Mode erlaubte, und ließ einen keineswegs -schönen, allzulangen und sehr sehnigen Hals frei, der zu allem Überfluß -noch von einem überlebensgroßen Adamsapfel belebt wurde. Dieser -fleißig auf- und niedersteigende Knollen hätte bei jedem anderen die -Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrenzlos in Anspruch genommen. Bei -Madame Saras Besucher vergaß man ihn bald, wenn man einmal den Kopf -angesehen hatte. Vor allem: er war zu groß. Er paßte nicht zum Körper. -Er wirkte als Kopf an sich. Und dann: er war grausam häßlich, weil -er auch in sich keine anständigen Verhältnisse hatte. Ein Hohn auf -das Gesetz vom goldenen Schnitt. Die Stirn, über zwei dicken blonden -Raupen, den Augenbrauen, ansetzend, hörte scheinbar überhaupt nicht -auf. Dafür war die Nase zu kurz geraten, und sie erschien außerdem -noch kürzer, als sie schon war, weil sie sich in optischer Verkürzung -präsentierte, nämlich mehr nach aufwärts als nach abwärts tendierend. -Dafür war wieder der Raum zwischen Nase und Mund viel zu ausgedehnt. -Zwar war er mit einem hellblonden, in Spitzen gedrehten starken -Schnurrbart bestanden, aber es wäre für zwei solcher Schnurrbärte Platz -gewesen. Der Mund, obwohl zu breit und schmallippig, war geistreich. -Nur entblößte er leider wahre Nagetierzähne, breite, gelbliche Schaber. -Und dann war kein Kinn da, sondern nur ein Zwickelbart, ein gesteifter -pharaonischer Zwickelbart, der im Verein mit dem breiten Mund und der -gewaltigen Malmfläche sofort die Idee wachrief: Nußknacker. Die stark -hervortretenden oberen Backenknochen unterstützten die Idee wirksam, -während die ungeheuren Ohren die Gedanken mehr ins Gebiet der Zoologie -riefen. Zornig trompetende Elefanten, wenn sie die Ohren abstehen -lassen, erfreuen sich ähnlicher Seitenornamente. Sein Haupthaar litt -unter dem Größenwahn seiner Stirn. Man konnte eigentlich nur vom -Hinterhaupthaar reden. Doch ersetzte es an Länge, was ihm an Terrain -versagt war. Es fiel beträchtlich über den Rand des Rockkragens herab, -war aber säuberlich gerade geschnitten. - -Ein solcher Kopf hätte wohl Entsetzen erregen müssen, wenn in ihm nicht -zwei Augen gewesen wären, so voll Geist, Güte, Glut und Leben, daß -man in ihrem Anblicke alles übrige vergaß und sofort die Empfindung -gewann: dieser Mann hat es nicht nötig, äußerlich schön zu sein; er hat -alle Schönheit innerlich, das heißt: er ist ein wunderbar guter und -wunderbar geistvoller Mensch, ein geniales Herz und ein genialer Kopf. -Seine Häßlichkeit, statt zu verstimmen oder gar Mitleid hervorzurufen, -machte heiter, steckte mit Heiterkeit an, von den Augen her, um die -herum ein lebhaftes und doch nicht zuckendes Muskelspiel fröhlicher -Laune war, witzig und dionysisch zugleich, kindlich und faunisch, -gemütlich und enthusiastisch. - -Wenn er aber gar den Mund auftat und in seiner, Konsonanten und -Vokale wunderlich zusammenquetschenden Sprache zu reden begann, war -es, als ob alle guten Geister des Lebens mobil gemacht worden wären -gegen Langeweile, Dumpfheit und Verdrossenheit. Er brauchte gar -nichts Besonderes zu sagen: alles klang originell, denn ein jeder -fühlte unbedingt: dieser Mensch spricht sich unverstellt aus, jedes -Wort ist getragen von einem Impuls, keines schielt nach verborgenen -Absichten, und wäre es auch nur die Absicht, originell zu wirken. -Anderseits mochte manches anfangs närrisch klingen, aber bald merkte -man, daß es nur närrisch geklungen hatte, weil es gar tief natürlich -gewesen war, kindliche Weisheit, die sich nicht gut in konventionellen -Schablonen ausdrücken kann, und die sich ganz naiv primitiver Mittel -bedient. Dabei war Meister Sturmius alles andere eher als ein rohes -Naturprodukt. Er war nicht nur sehr gebildet, äußerst belesen, ja im -Umkreise seiner künstlerischen Interessen beinahe gelehrt; er hatte -auch als Erbgabe seines alten Geschlechtes einen sehr sicheren Fond -überkommener Kultur. Wenn er sich zuweilen recht ungeniert betrug, -die Mode nach seinem Geschmacke modelte, die Konvention nach seinem -Sinne bog, so war es kein wüstes Durchbrechen von Schranken, sondern -immer ein elegantes Drüberwegsetzen mit dem leisesten Takte für das Wo, -Wie, Wann und Wieweit. Nur in seiner Kunst war er ein rücksichtsloser -Draufgänger, und er pflegte das so zu entschuldigen: Alles, was -in meiner Familie früher Ritterliches, Räuberisches, Mörderisches -passiert ist mit Schild und Schwert und Spieß, üb' ich aufs neue aus im -Kampfe für die Kunst gegen die Philister. Alle meine raubritterlichen -Vorfahren haben nicht so viel Eisen zerhauen, wie ich Flügel, und ich -will doch sehen, ob ich nicht mehr Kunstphilister zur Strecke bringe, -als sie Krämer. Sturmius, mein erlauchter Ahne, hat seinen Bruder -Arbogast mit einem alten Streitkolben erschlagen, weil er nicht Martin -Luthern anhangen wollte; -- so würde auch ich meinen Bruder umbringen, -wenn er nicht an Richard Wagner und die Musik der Zukunft glaubte. Es -ist ein großes Glück für meinen Bruder, daß ich keinen habe. - -Madame Sara, die keinen schlechten Blick für Menschen hatte, erkannte -schon an der Art des Eintretens, daß ihr Gast trotz seines allzu -subjektiven Bratenrockes ein Mann von Welt war, denn er kam ohne jede -Spur von Befangenheit auf sie zu und küßte ihr die Hand wie einer, der -gewöhnt ist, mit Schönheiten des Salons umzugehen. Dabei überstrahlte -sie sein Blick ebenso verehrungsvoll wie munter, und sie fand, daß -dieser Musikus, ästhetisch genommen, zwar ein Scheusal sei, aber ein -höchst interessantes, ja -- reizendes Scheusal. Naiv treulos, wie sie -war, dachte sie sofort vergleichend an ihren Tataren, und diesmal -schien es ihr, als sei der »andere«, das heißt der neuauftauchende, -vielleicht ... nun: weiter dachte sie nicht. Und sie sprach: »Sie haben -wirklich meine Entscheidung über Leben und Tod, Herr von ...« - -Aber Meister Sturmius fiel ihr ins Wort, ehe sie seinen Namen hatte -aussprechen können: »Haben Sie die Gnade, mich nicht bei meinem in -die Register des Staates eingetragenen Namen zu nennen, Madame! Auf -die Gefahr hin, daß Sie mich sogleich ersuchen werden, Ihr Zimmer zu -verlassen, bitte ich Sie, mich mit dem Vornamen anzureden, den in den -Zeiten, da meine Familie noch katholisch war, die Erstgeborenen unseres -Hauses trugen, und den ich mir selbst für den Verkehr mit Göttinnen -beigelegt habe: Sturmius!« - -Madame Sara lachte belustigt auf: »Sturmius? Steht der Name wirklich -im Kalender? Ist er nicht von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erfunden -worden?« - -»Es hat so viel Sturmiusse meines Namens gegeben, daß wir sie numeriert -haben, Madame. Der letzte war der vierzehnte und trug den Namen -Judenschreck, nicht, weil er das Volk Gottes haßte, sondern weil er -sehr kreditbedürftig war.« - -»Das Volk Gottes? Wie meinen Sie das?« - -»Wie es in der Bibel steht. Denn die Juden sind wirklich die -Auserwählten ihres Gottes, den sie bei uns importiert haben. Es war ihr -erster großer Importartikel und ist ihr bestes Geschäft geblieben bis -auf den heutigen Tag. Wir haben ihn teuer bezahlt.« - -»Sie sprechen nicht sehr respektvoll vom lieben Gott.« - -»Der Gott der Juden heißt Jehova.« - -Madame Sara war ärgerlich. Was sollte das alles? Wußte er nicht, daß -ihr Name jüdisch war? Sah er nicht, daß er eine Jüdin vor sich hatte? - -Sie sprach: »Es ist nicht gescheit, daß Sie Ihre Richterin über Tod und -Leben beleidigen, Herr von ...« - -»Bitte: Sturmius!« -- »Wenn ich nun eine _fromme_ Jüdin wäre ...?« -- -»Sie sind überhaupt keine Jüdin.« -- »Doch, und ich bin stolz darauf.« --- »Sie sind ebensowenig eine Jüdin, wie Christus ein Jude war.« -- -»Was war Christus denn?« -- »Christus.« -- »Das verstehe ich nicht.« - -»Christus war die Liebe, war nichts als Liebe, war ganz und gar Liebe. -Daher war er weder Jude noch sonst etwas, und darum gehört er allen, -nicht bloß uns Christen, sondern auch den Juden und Heiden. Und so ist -es mit jedem Menschen, der etwas ganz Seltenes ist. So ist mein Freund -Richard Wagner ganz Genie, und darum ist er kein Deutscher, sondern -Richard Wagner, darum gehört er nicht bloß uns, die wir seine Jünger -sind, sondern auch den Juden und Heiden der Musik.« - -»Und ich?« - -»Madame! Dinge, die ich nur auf fünfzeiligem Papier oder nur aus -dem Flügel ausdrücken kann, erdreiste ich mich nicht, in Worte zu -fassen. -- Haben Sie die Gnade und erlauben Sie mir, weiterzuleben, -weiterzumusizieren, -- und ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu hören, -was Sie sind.« - -»Sie sind ein wunderlicher Heiliger.« - -»Weder heilig noch wunderlich. Nur Musikant und ein Stück Poet. Doch -bin ich leider nicht groß genug, um nicht nebenbei ein deutscher -Querkopf und als solcher zum Beispiel ein hitziger Judenfresser zu -sein.« - -»Das ist amüsant.« -- »Für mich sehr.« -- »Also ist es Ihnen nicht -ernst damit?« -- »Ich brauche meinen Ernst für meine Kunst. Juden -fresse ich zur Erholung.« -- »Haben Sie Mendelssohn schon gefressen?« --- »Der ist mir zu musikalisch.« -- »Und Meyerbeer?« -- »Den habe ich -gefressen.« - -Und Meister Sturmius lachte über den Doppelsinn seiner Antwort selber -so herzlich auf, daß sein Gelächter ansteckend wirkte und auch Madame -Sara schallend lachen mußte. - -»Aber Sie stehen ja noch immer, Sturmius,« nahm, durch das gemeinsame -Gelächter in eine übermütige Laune geraten, Madame Sara das Wort, -»setzen Sie sich, Meister!« - -»Nicht ›Meister‹,« erwiderte der, indem er sich setzte. »Es gibt nur -einen Meister, und der sitzt jetzt in der Schweiz über Partituren -zu Werken, die die Pforten der Ewigkeit aufreißen werden. Ich bin -nur Sturmius der Jünger: Ihr Sturmius, Madame, wie seiner, denn die -Schönheit ist der Nachfolge so würdig, wie das Genie. -- Gestatten Sie -mir, daß ich Ihnen die Schleppe trage, als Ihr musikalischer Page.« - -»Das würde wohl unschicklich sein bei der Krinolinenmode,« meinte -Madame Sara, und Sturmius schüttelte sich aufs neue vor Lachen, und -wiederum mußte Madame Sara einfallen, und es dauerte eine ganze Weile, -bis sie sich beruhigt hatte, um sagen zu können: »Mein Gott, was für -Kinder wir sind, wir schreien miteinander vor Lachen, als kennten wir -uns von Jugend auf. Das ganze Hotel werden wir skandalisieren.« - -»Wenn es auf mich ankäme,« antwortete Sturmius, »ich hätte nichts -dagegen, wenn es die ganze Stadt wäre.« - -Da dachte Madame Sara zum zweitenmal an ihren Tataren und sagte: »Das -wollen wir bleiben lassen, Sturmius. Ich bin mehr für Ausschluß der -Öffentlichkeit bei Privatvergnügen.« - -Und sie lachte wieder, -- aber schon etwas leiser. - - * * * * * - -Der von Sara beliebte Modus wurde beibehalten. Selbst im Hotel wurde, -dank des virtuosen Aufpassens von Lala, die ~entente intime~ zwischen -erstem und zweitem Stock nicht bemerkt, die sich aus der ~entente -cordiale~ sehr bald entwickelte und den asiatischen Beziehungen Madame -Saras an Intensität nichts nachgab. - -Die schöne Jüdin war sehr glücklich mit ihren beiden verliebten -Antisemiten, deren Rassenhaß sie auf so angenehme Weise ~ad absurdum~ -führte, und die ihr dafür so viel Glut und Verehrung entgegenbrachten, -daß in der Tat für die ganze übrige Judenheit nur recht wenig Liebe -mehr übrig bleiben konnte. Der kleine Gott hatte wirklich gut für ihr -großes Herz gesorgt. Es waren nicht bloß zwei Männer, die sie umfingen, --- es waren zwei Rassen, zwei Weltanschauungen, die ihr huldigten. -Und das ergab auch in ~puncto puncti~ zwei angenehm verschiedene -Gebarungen. Alles Mystische, Auto- und Theokratische lag dem Jünger -der Zukunftsmusik aus altem germanischen Adelsstamme gänzlich fern. Er -zündete keine Lampe in Rubingläsern an vor byzantinischen Madonnen, -um Dämmerstimmungen auf dem Grenzgebiete zwischen Religion und Erotik -zu Explosionen heftigster Liebesherrschsucht und wollüstigster -Liebesuntertänigkeit zu steigern. Den Tribut, den er der schönen Frau -mit allen Sinnen leidenschaftlich darbrachte, war völlig frei von -asiatischen Ingredienzien. Seine Leidenschaft war klarer, frischer, -heiterer. Er liebte nicht _zum_ ersten Male, aber er liebte wie -_beim_ ersten Male: jungenhaft mit der bald drolligen, bald rührenden -Überschwenglichkeit eines jungen Studenten, -- nur kam, wenn es ans -Sprechen ging, ein reicher erfahrener Geist hinzu und, wenn er seine -Entzückung musikalisch äußerte, eine meisterhafte Kunst. - -Für eine Virtuosin der Liebe, als welche sich Madame Sara bald fühlen -durfte, war diese Nuance ein wunderbarer Genuß, der durch die äußere -Häßlichkeit nur noch erhöht wurde. - -»Welches Glück,« sagte sie einmal zu ihm, als er in seinem -gelbseidenen, blau und grün geblümten Schlafrock vor ihr herumsprang -und aus allen Winkeln der Welt- und Naturgeschichte Epitheta zum Preise -ihrer Schönheit zusammensuchte, -- »welches Glück, mein Sturmius, daß -du kein schöner Tenor bist, sondern ein häßlicher, der häßlichste aller -Musikanten. Wie schrecklich, wenn du eine Adlernase hättest.« - -»Schweig! Es ist nicht zum Ausdenken!« rief Sturmius und schüttelte die -Fäuste. - -»Stell dir das groteske Elend vor, wenn du Locken hättest, Sturmius!« - -»Absurditäten stelle ich mir nicht vor, Madonna! Es wäre aber mehr als -absurd, es wäre in der Tat verhängnisvoll. Denn, hätte ich Locken und -eine Adlernase, was wäre die Folge? Ich würde Lala lieben und nicht -dich, denn Künstler lieben immer den Gegensatz. Was deine Schönheit -liebt, o Perle von Juda, ist meine Scheusäligkeit. Ich bin ein -verhuzelter, verkrumpelter Germane, ein stark Shakespearescher Witz -des einäugigen Wotan, der übrigens auch kein Apollo ist. -- Darum -liebe ich dich, die strahlende, gliederherrliche Jüdin, Jehovas seliges -Meisterstück.« - -»Denke dir: Wenn ich ein Kind von dir bekäme,« sagte nach einer -nachdenklichen Pause Madame Sara. - -»Dann lerne ich,« antwortete Sturmius, »auf meine alten Tage beten, daß -es ein Sohn sei und keine Tochter. Denn er wird trotz deiner Schönheit -ein häßliches Kind sein.« - -Madame Sara dachte wieder eine Weile nach, dann sprach sie: »Auch ich -will, daß es ein Sohn sei. Es ist nicht gut, wenn zwei so verliebte -Gegensätze ein Mädchen in die Welt setzen.« - -»Du redest so mütterlich, meine Halskette, -- hast du einen _Grund_, so -mütterlich zu reden?« - -»Ich fürchte: Ja.« - -»Du -- fürchtest?« - -»Ja ich fürchte. Ich will kein Kind. Schon der Gedanke irritiert mich. -Ich käme mir degradiert vor. Eine Liebe, die -- Folgen ... das ist doch --- gemein.« - -»Ja gnädige Frau, es ist gemein.« - -»Laß mich mit Schillerschen Doppelsinnigkeiten zufrieden, Sturmius; du -weißt, für Schiller habe ich kein Organ.« - -»Ich weiß, er ist für dich der Dichter der deutschen Turnvereine -und Liedertafeln, und meine braune Venus von Jerusalem ahnt mit -gutem Instinkte, daß vor dem Erze seiner Jamben einmal das Reich der -Krinoline in den Staub sinken wird.« - -»Wenn du von Bismarck reden willst, Sturmius, geh' ich.« - -»So will ich von Bismarck spielen.« - -Und Sturmius setzte sich an den Flügel und phantasierte über Beethovens -Eroica. - -Die Gleichgültigkeit, mit der Sturmius die Andeutung Saras aufgenommen -hatte, beleidigte diese gar nicht. Sie fühlte dabei nur, daß der -Maestro sie ebensowenig »liebte«, wie sie ihn, das heißt, daß ihr -Verhältnis beiderseitig frei von aller Sentimentalität war -- dies Wort -ohne jede Abschätzigkeit gebraucht. Und das war ihr im höchsten Grade -sympathisch. - -Sie empfand es ganz deutlich: der häßliche Komponist huldigte ihrer -Schönheit mit höchster Leidenschaft, ohne auch nur im geringsten im -Gemüte beteiligt zu sein. Und nicht anders stand es um ihre Neigung -zu ihm, nur daß sie seiner genialen Männlichkeit huldigte. Sein -künstlerisches Temperament und sein scharfer Geist flößten ihr tiefsten -Respekt ein, und sie empfand es als wollüstige Auszeichnung, daß er sie -einer in glühende Erotik verdichteten Verehrung für würdig erachtete, -die seiner Hingabe an die Kunst kaum etwas nachgab. Daß dieser Zustand -nicht andauern würde, wußte sie wohl, und auch das war ihr recht. Sie -hatte durch den gleichzeitigen Umgang mit den beiden Männern die feste -Überzeugung gewonnen, daß sie sich nur in der Abwechslung ganz wohl -fühlte. - -Wie sehr sie sich dadurch von der ungeheuren Mehrzahl der Frauen -unterschied, war ihr keineswegs unklar, und sie hatte auch Verstand -genug, einzusehen, wie weit sie damit von der herrschenden Moral -abrückte. Mit Sturmius konnte sie darüber von der Leber wegreden, und -das erschien ihr als großer Vorzug des deutschen Künstlers vor dem -russischen General, dessen Qualitäten auf einem ganz entgegengesetzten -Gebiete lagen. Sie waren ihr nicht weniger gemäß, ja sie lagen -ihrem eigenen Wesen als Frau näher. Aber sie war doch nicht so -ganz Orientalin, wie der Verehrer Asiens glaubte, sie war viel -differenzierter, westlicher, als er ahnte, dem gegenüber sie sich -von vornherein viel weniger enthüllt hatte, als dem Deutschen. Er -kannte in ihr nur die Sulamitin, wie er sie sich ins alte Testament -hineinkonstruiert hatte, aber sie war, ihm unbewußt, gleichzeitig gar -sehr modern, im Sinne der Emanzipation des Fleisches durch das Gehirn, -wie sie Heinrich Heine gepredigt hatte, den Fürst Golkow nicht anders -zu nennen pflegte, als das »Genie der jüdischen Entartung.« - -»Dieser Auswurf des Orients, dieser Teufel in Judengestalt, ist von -der Vorsehung dazu bestimmt gewesen, das ganze Talent seiner Rasse -zu keinem anderen Zwecke zu verkörpern als zu dem: Die Deutschen zu -demoralisieren und dadurch reif zum Untergange durch das Slaventum zu -machen. Goethe, auch ein gefallener Engel, ist ihm darin vorangegangen, -aber längst nicht mit so diabolischem Erfolg, denn Goethe war ein -ästhetischer Hellene. Heine, indessen, war Juden-Grieche. Goethe -konnte, bei allem Hellenentum, noch ein Gretchen fabulieren. Heine -hat dieses Gretchen vergiftet, indem er es emanzipierte. -- Und -dieses Volk, diese Deutschen, erst durch Rom verdorben, dann durch -Luther um jedes Gefühl der Religion gebracht, dann durch Kant bis -zur Gasflüssigkeit in reine Vernunft aufgelöst, dann durch Goethe -in griechische Formen vereist, durch Schiller aber wieder durch -heiße Phrasen aufgetaut, daß sie wie Brei auseinander flossen, und -schließlich von Heine mit allen Gärungsstoffen aus dem Sumpfe jüdischer -Entartung durchsetzt, -- dieses Volk von lauter Individuen will -- -einig, will ein ganzes werden. Es hat niemals ein lächerlicheres -politisches Phänomen gegeben, und auch Herr von Bismarck wird beim -besten Willen nicht imstande sein, aus dieser Fata Morgana ein Gebilde -von Realität zu machen.« - -Auf solchen Umwegen pflegte der Verehrer Asiens auf die heilige Allianz -zu kommen, die für ihn der letzte Gipfel europäischer, -- nämlich -asiatischer Politik war. - -Zuweilen machte sich Madame Sara das Vergnügen, diese Gedankengänge, -die sie nur mäßig interessierten, vor Sturmius auszubreiten, der sich -darüber schief lachen wollte. - -»O du güldne Posaune von Jericho,« rief er dann wohl aus, »o du lustig -schmetternde! Nie bist du reizender, als wenn dein schöner Mund so -greulichen Unsinn tönt!« - -Dagegen nahm er ihre eigenen Ergüsse über ihre Ansichten von Liebe ohne -Sentimentalität ernst. - -»Solche Ansichten stehen dir zu Gesicht, und bei schönen Frauen kommt -alles darauf an, wie es ihnen steht. Es wäre schlimm, wenn unsere -deutschen Hausmütter so dächten; es wäre entsetzlich. Aber diese Gefahr -ist nicht vorhanden. Fest steht und treu die Wacht am Ehebett. Du aber -darfst und sollst verruchte Maximen haben. Eine Schönheit wie die deine -würde gegen den Stil sündigen, wollte sie moralisch sein. Auch die -große Dame von Babylon hat ihre Existenzberechtigung, und wir Künstler -verdanken ihr unsere besten Informationen. Ach, es sind in eurem -herrlichen alten Buche wundervolle Stellen darüber! Heute darf man so -etwas nur in Musik sagen, -- und das wird jetzt in Triebschen von dem -größten aller Propheten besorgt.« - -Und nun sollte Madame Sara ein Kind bekommen, von dem sie nicht wußte: -ist es von dem, dessen Seele in Asien wohnt, oder von dem, der das Heil -der Zukunft von Bismarck und Richard Wagner erwartet. - -Im Brennpunkte der Leidenschaft zweier Gegenpole stehend und sich -jedem, dem einen wie dem anderen, mit gleicher Leidenschaft zuwendend, -hatte sie zuweilen das Gefühl eines Verhängnisses über sich, das ihr -manchmal grell, manchmal düster, kaum je einmal in einem ruhigen Lichte -erschien. - -Doch kam das nicht häufig über sie. - -Klar war ihr das eine: das Kind durfte ihr nicht unbequem werden, und -von ihrer Mutterschaft durfte niemand erfahren, schon wegen der Gesetze -ihres Staates nicht, das für eine Witwe, welche außerehelich gebiert, -sehr fatale vermögensrechtliche Folgen festsetzte. - -In Lalas Tagebuch stand, als der Dresdner Aufenthalt zu sieben Monaten -gediehen war, dieses: »Sprach die helle Schwester: Laß uns das Kind in -einen Binsenkorb tun, wie Mose, und den Wellen eines Flusses übergeben. -Und Geld dazu und von den Vätern Geschenke. Hat es Glück, so wird die -Tochter Pharaos es finden und zu Ehren aufziehen. Wir aber wollen es -nur von weitem verfolgen und ihm beistehen, wenn es nottut.« - -So alttestamentlich ging es indessen nicht zu. - -Als die Zeit herangekommen war, daß es für Sara nötig schien, sich -zurückzuziehen, nahm sie freundlich und gelassen von ihren beiden -Dresdner Freunden Abschied. - -Rührendes ereignete sich dabei nicht. - -»Da du nicht wünschst, daß ich für unser Kind sorge, so darf ich dich -nur bitten, ihm ein kleines Andenken stiften zu dürfen,« sagte Fürst -Golkow, -- »diese Bronze eines mit vorgelegter Lanze dahinstürmenden -Kosaken. Es möge ein Symbol für sein Leben sein -- zumal wenn es ein -Junge ist.« - -Maestro Sturmius aber bat sie, dem Kinde zum Andenken an seinen -»ausgezeichneten aber leider mehr musikalischen als moralischen Papa« -seinen schönsten seidenen Schlafrock mit auf den Lebensweg zu geben. -»Denn,« so fügte er hinzu, »es gibt in jedem Menschenleben Augenblicke, -wo ein seidener Schlafrock einem härenen Gewande vorzuziehen ist. - - Denn Seide kühlt und Seide wärmt, - Und hat sich jemand abgehärmt, - Dieweil das Leben Härten hat: - Das seidne Lotterkleid ist glatt.« - -Sollte man finden, daß diese Erzählung eigentlich keinen rechten Schluß -hat, so würde man mir damit nicht zu nahe treten, denn ich habe diese -Empfindung selber gehabt. So sehr, daß ich einen ganzen Roman dazu als -Schluß geschrieben habe: den Roman des Sohnes der schönen Sara, der -zwar einen seidenen Schlafrock und einen reitenden Kosaken, aber keinen -genau bestimmbaren Vater hatte, und der »Prinz Kuckuck« genannt wurde, -weil er zeitlebens in fremden Nestern hauste. - - - - -Samalio Pardulus. - - -Johannes Pauli, der ein Jude war, ehe er ein Barfüßermönch wurde, -erzählt in seinem Buche »Schimpf und Ernst« die sonderbar düstre -Geschichte eines Malers, der ein Monstrum war: halb Mensch, halb Roß, -hausend im wilden Walde, aber mit hoher Kunst gar wunderbar begabt. -Doch, wie seine Farben auch leuchteten, und wie meisterlich immer seine -Zeichnung ging: was er gestaltete, hatte die scheusälige Grimasse -seines Urhebers. Nicht einmal den Heiland vermochte er anders als -mißgestalt zu schaffen, dermaßen, daß man ihn eher für einen Teufel -als den Sohn Gottes habe ansehen müssen. Daher denn Christus selber -ergrimmte und dem malenden Ungetüm erschien, ihm seine Schönheit zu -zeigen und ihm ins Gemüt zu reden. - -Daß er dabei gesprochen hat, wie es der Barfüßer berichtet: nämlich -nicht anders als wie ein junger Herr, der, von seiner Schönheit -eingenommen, die Leistungen seines Photographen nicht vorteilhaft genug -findet, ist schwer zu glauben. Eher hat noch die Antwort des schlimmen -Malers glaubliche Haltung: daß er nichts als Vergeltung übe an dem, -der zuerst ihn als Scheusal geschaffen habe. »Wahrlich, wäre ich es -mächtig, dir Härteres anzutun, als böse Bilder -- ich tät's mit Lust.« - -Da ergrimmte der Herr, nach des Mönchs Bericht, in großem Zorne und -stieß mit seinen Händen das Malgerüst um, auf dem Samalio Pardulus -stand, daß es ihn unter sich erschlug, und sprach: ~Talem perpetrat -verdictam, qui per ipsam perdit vitam.~ - - * * * * * - -Hat dieser Johannes seinen Jesus recht gekannt? Hat er um den Maler -Bescheid gewußt? Nein: er wußte weder von Gott noch von der Kunst. - -Die Geschichte von Samalio Pardulus nach den Quellen und nach dem -Geiste ist so: - -Ja: Er war ein wildhäßlicher Mensch: über die Maßen lang und dürr, dazu -schiefschulterig und lahm; und hatte einen lächerlich spitzen Kopf -voll krausborstiger schwarzer Haare, die bis tief in die faltige Stirn -hineingewachsen waren; aber keinen Bart um die schmalen, gleichsam -verwelkten Lippen, und auch die gelben, schlotterigen Wangen waren ganz -bloß, wie bei einem Kinde. Dafür lagen wie zwei dicke Raupen, die sich -ineinander verbissen haben, dichte, stachelige Brauen über den kugelig -hervorstehenden braungrünen Augen, und seine knochigen, langen Hände -waren dicht behaart. Auch aus den viel zu großen und abstehenden, dabei -pergamentfarbenen Ohren wuchsen Haarbüschel heraus, und nicht minder -aus den abscheulich weiten Öffnungen der Nase, die im übrigen übermäßig -lang und an der Spitze schnabelartig überhangend war. Ein Roßmensch -war er aber nun doch nicht und lebte auch nicht eigentlich im Walde, -sondern in einer der Burg an Burg, Turm an Turm wie aus Zyklopenquadern -zusammengehäuften Städte des Albanergebirgs: zu jener Zeit, da es -niemals Frieden gab, sondern immer der Krieg den Rachen offen hatte, -sei es, daß unter den Geschlechtern Streit war, oder zwischen diesen -und den Bürgerlichen. - -Indessen lebte man darum keineswegs traurig, sondern, ob auch in steter -Unsicherheit, mutig, ja lustig dahin, immer darauf gefaßt, dem Leben -schnell Lebewohl sagen zu müssen, aber entschlossen, bis zum Ende des -großen Abenteuers frisch und derb zuzulangen nach allem, was Gott oder -Teufel auftafelte. Zwischen Laster und Tugend, Tod und Wollust, Kampf -und Schmaus aber gingen in Kapuzen und Sutanen Mönche und Priester -dunkel umher und hatten für alles ihre lauten und leisen Worte, und in -den Kirchen knieten Freund und Feind nebeneinander, mit den Nüstern -schwülen süßen Weihrauch atmend, mit den Ohren Geheimnisse vernehmend -aus herrischen, aber wie auf Wolken göttlicher Verheißung schwebenden -Tönen, und mit den Augen umfangend die königlich strenge, jedoch auch -mütterliche, jedoch auch bräutliche Schönheit der goldumloderten -Madonna. - -Samalio Pardulus, seinem eigentlichen Namen nach der Sproß des ältesten -und mächtigsten Geschlechtes der Stadt, das sich auf altrömischen -Ursprung zurückführte, war weder bei den Rittern noch bei den -Geistlichen, weder bei den Kämpfen noch bei den Schmäusen: war auch in -der Kirche nicht zu sehen. Er nahm nicht teil am Leben seiner Tage, war -im Gefühle tot für alles, was jenen Menschen Glück oder Unglück hieß. -Und hatte auch nicht Freude an sich selbst. - -Kannte nur _eine_ Lust: allein zu sein und um sich herum eine neue Welt -zu bilden aus Gestalten seiner Einbildung, der eine starke Kraft zu -Gebote stand, sich in Bildern darzustellen. - -Das Handwerk hatte er von einem Manne aus Florenz gelernt, der, aus -der Heimat um Parteifeindschaft willen vertrieben, der Geheimschreiber -seines Vaters geworden war: ein schweigsamer Mensch, dessen Augen -voller Klage und Heimsucht waren. Was dieser mit Pinsel und Farbe -vermochte, hatte er auch bald vermocht. Aber er wollte mehr. Denn -jener, der das Malen nur erlernt hatte, um sich, da er noch reich und -ein großer Herr gewesen war, müßige Stunden zu vertreiben, malte nur, -was die Meister seiner Vaterstadt schon einmal gemalt hatten, und er -gedachte gar nicht, es ihnen gleich zu tun, oder gar mehr als sie. -Indem er malte, dachte er an Florenz und schuf sich ein blasses Abbild -des Schönen, daraus er vertrieben worden war. Samalio Pardulus aber -(wir wissen nicht, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hat) hatte -keine Kunst fremder Meister gesehen (denn die schlechten Bilder in -den Kirchen und Häusern seiner Stadt waren nicht meisterlich), und so -gedachte er an nichts Fremdes: nur an das, was in ihm selber war und -das er innerlich sah als etwas ganz ihm Eigenes, nicht zugespiegelt -aus fremder Kunst, am wenigsten der seines Lehrers. Seine innerlichen -Gesichte aus sich herauszustellen, die schwankenden fest, die -verwehenden dauerhaft zu machen, war sein Begehren. - -»Daß ich Genossen hätte, male ich,« sagte er einmal zu seinem Lehrer, -»ich male, daß ich nicht ganz allein sei. Könnte ich nicht malen, so -würde ich mit Huren Kinder machen: aber mit den schamlosesten und -wüstesten. Ja mit Tieren, wenn es die Natur zuließe. Nur, daß ein -anderes Volk um mich herum wäre als dieses, das mir greulich fremd -ist.« - -Messer Giacomo, der weder solche Worte vernommen, noch Bilder -gesehen hatte, wie die seines wüsten Schülers, und dem es eine Art -schreckhaften Ergötzens war, in der Langenweile seiner Verbannung -sich mit dem »~mostro~« zu beschäftigen, schrieb in seinem (übrigens -langweiligen, weil gar zu eintönigen) ~diario~, das man später im -Archive des Schlosses Certaldo alto aufgefunden hat, als das alte -Gemäuer in den Besitz des Staates überging, getreulich alles auf, was -er »~nella selva~«: im Walde draußen beim »~centauro~«, wie er seinen -Schüler nannte, sah und hörte. Es scheint, daß er später in seine -Heimat zurückgekehrt ist und in jenem Schlosse zwischen Florenz und -Siena seine Tage beschlossen hat. Unter den über dem Schloßportale -heute noch sichtbaren Wappen der verschiedenen Geschlechter, die -einander im Besitze von Certaldo alto folgten, befindet sich auch das -seine. Weiter wissen wir nichts von ihm. Wenn aus dem übrigen seines -Tagebuches nicht hervorginge, daß er ein grundnüchterner Mann gewesen -ist, der sich nicht mit Phantasiebeschäftigungen abgab, sondern, seine -kleine Pinselliebhaberei abgerechnet, ganz in den realen Interessen -aufging, die ihn zum tätigen Parteimann machten, so könnte man -glauben, er habe sich diesen Samalio Pardulus erfunden, gewissermaßen, -um sich auch als Poeten zu versuchen. Aber die Art, wie er den -Äußerungen des seltsamen Menschen (gemalten wie gesprochenen) immer -den Kommentar eines unerschütterlich mittelmäßigen Besserwissertums -und biederer Philistrosität anhängt, läßt diesen Verdacht nicht -aufkommen. Wir dürfen, wie wunderlich auch das meiste erscheinen mag, -was er berichtet, mit Sicherheit annehmen, daß der Herr von Certaldo -alto den »Zentauren« wirklich und leibhaftig gekannt, jene wilden -Bilder gesessen und alle die Worte vernommen hat, die er, stets mit -Äußerungen des Entsetzens, mitteilte. - -Wir folgen seinen Aufzeichnungen in allem wesentlich getreu und nehmen -nur da das Recht in Anspruch, aus seinen tadelnden Kommentaren das Bild -des »Scheusals« in einem Sinne zu ergänzen, der mit Messer Giacomos -Meinungen nichts gemein hat. - -Einiges sei in wörtlicher Übertragung hergestellt. So, was der Toskaner -über Samalios Kunst und Wesen im allgemeinen sagt: »Es ist ein -sonderbares Ding um die Kunst dieses ungebärdigen Menschen. Sie ist -voller Lästerung des Lebens, das in ihr nicht von Gott zu sein scheint, -sondern vom Teufel. Malt er den Wald (wie er insonders gerne und nicht -ohne Geschick tut), so ist es, als ob die Bäume ein jeder dämonisch -besessen wären; kein Pflanzenwesen, sondern ein Tier, und alle zusammen -sind wie eine Versammlung von Gespenstern, daß man sich fürchtet, in -das Dunkel hineinzusehen, das wie aus ihnen innerst herauskommt: aber -nicht schwarz, sondern bräunlich. Er hat, genau wie sie um sein Kastell -im Felsgebirg stehen, Pinien gemalt, als welche doch freundliche -Bäume sind, von edler Liniatur und eigentlich wohltätig, da sie von -oben Schatten geben, aber, des fehlenden Unterästichts halber, der -Luft den Weg nicht sperren. Bei ihm aber sind sie Ungetüme, die mit -borstigen Schädeln widereinander rennen. Nicht so, als ob er ihnen -Gesichter malte. Das wäre am Ende lustig. Sondern es sind Schädel -von Riesen, die noch niemand sah, von Riesenwesen aus Baumart und -doch tierisch. Sie sind bös und alle untereinander feind. Es ist, als -ob sie sich gegeneinander stemmten mit diesen wilden Köpfen, daß -sie so, ihre Kräfte vereinigend, mächtig würden, ihre Stämme aus -dem Erdreich zu reißen. -- Nicht anders macht er es mit Tieren und -Menschen. Gott schuf sie, wie wir alle sie sehen. Dieser Ungestalte -bildet sie ungestalt. Seine Pferde sind langhaarig wie Ziegen, und man -möchte zugleich glauben, daß sie auch von Ebern stammten. Nie malt -er sie anders als rot und schwarz gefleckt. Doch eine Schimmelstute -hat er gemalt, das schamloseste, das je erdacht worden ist: ein Pferd -mit Menschenhaut, ganz ohne Haar, bis auf eine Stelle, die er zum -Mittelpunkte des Bildes gemacht hat. Das Tier, das Menschentier, biegt -den Hals in einer schmerzhaft-unmöglichen Linie um und wendet so dem -erschreckten Betrachter seinen Kopf zu, der zwar der Kopf eines Pferdes -ist, aber so mit den Zügen eines Weibes vergattet, daß man die Augen -niederschlagen muß. Denn es lacht auf eine schändliche, buhlerische und -doch höchst klägliche Art. Es hat entzündete blaue Augen. Dafür hat er -ein Weib gemalt mit dem Fell einer blau und schwarz gestreiften Katze. -Dieses Weib reitet auf einem Manne, der das Zottelhaar eines weißen -Schäferhundes hat und vorstehende Raffzähne gleich dieser Hundeart. Es -reitet verkehrt auf ihm, sich mit beiden Händen an die buschige Rute -ankrallend. Und der Hund-Mann hebt den Kopf nach Art eines heulenden -Rüden, der die Matz wittert. - -Fragte ich ihn, was alles dies bedeute. - -Antwortete er: »Nicht weniger und nicht mehr als das, was eure Welt -ist: meine.« - -Sagte ich ihm: »Das heißt Gott höhnen.« - -Antwortete er: »Niemand höhnt Gott mehr, als Gott sich selber -verhöhnte, wie er den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf. Schaut -mich an und sprecht: Sieht so Gott aus?« - -Schwieg ich aus höflicher Rücksicht. - -Lachte er (was nun bei ihm Lachen heißt: ein Zucken um die Mundwinkel) -und sprach: »Oder, wenn _ihr_ ins Glas seht: seht ihr _Gott_ -gespiegelt?« - -Entgegnete ich (mit gerechtem Fuge streng): »Nicht also ist jenes -Wort der Schrift gemeint. Gott ist das vollkommen Schöne: wir nur -unvollkommene Abbilder, verzerrt obendrein durch die Erbsünde und den -Fluch darauf.« - -Lachte er nochmals (und ganz abscheulich), also sprechend: »So wäre -Gott ein Stümper oder hätte getan, was ich tue.« - -Ging im Gemach herum und rieb sich die Hände, daß es knackte, wie -Holzscheite. Blieb plötzlich stehen und sah mich mit verkniffenen Augen -an. Und schrie: »Der Fluch! Die Sünde! Was heißen diese Worte? Daß er -Fratzen braucht, sich zu vergnügen: Euer schöner Gott! Denn (und das -sprach er leise, gar ernsthaft) als Stümper ist er nicht zu denken.« - -Warf sich ins Gestühl und starrte ins Deckengebälk, dorthin, wo der -greuliche Leuchter hängt, den er in der Grabhöhle der Heiden gefunden -hat: ist als eine große Sonnenblume gebildet, aber jedes Blatt hat die -Form der weiblichen Scham, daß jede Kerze, darein gesteckt, zum Phallus -wird. - -Saß lange schweigend, bis er sprach: »Nein, kein Stümper. Sondern -wahrlich Gott: wahrlich Künstler. Und wir bloß Affen seiner Kunst. Aber -(und dies rief er wieder laut, hell, wütig, indem er aufsprang): Alles -dürfen wir, was er darf: alles. Und sind ihm um so ähnlicher, je mehr -wir die göttliche Freude an der Fratze haben: diese Freude des großen -Zorns, aus dem allein die Lust des Schaffens kommt. Denn die Liebe ist -das Ekelhafte, ist das Sichbegnügen mit dem, was da: was langweilig, -immer das gleiche, verflucht und noch einmal und in alle Ewigkeit -verflucht das gleiche ist. Vulva und Phallus. Das ist für die Herde: -im Schweinekoben und im Fürstenbette dasselbe. Aber einigen ist es -gegeben, sich wie Gott selber zu vergnügen, weil sich Gott in ihnen am -meisten vergnügt, da sie die vollkommensten Fratzen seiner selbst sind. -Das sind die Künstler. Sie wissen, daß Gott die Welt nicht aus Liebe -erschaffen hat, sondern aus Not ... Gott! Was ist Gott? Was ... wäre -Gott? Gott wäre die Einsamkeit.« - -Trat ganz nahe an mich heran, und seine Augen waren fürchterlich, als -er sprach: »Vernehmet, Mann aus Toskana, und bewahrt es wohl, denn es -ist die Wahrheit: Gott war tot, als er die Welt schuf. Als er lebte, -war nichts um ihn: Er war das All, die unbewegte Leere, das vollkommene -Nichts, das ist: das einzig mögliche vollkommene. Doch wäre er nicht -Gott: nicht Geist gewesen, wenn ihm diese Ewigkeit, diese scheußlich -vollkommene Ewigkeit genügt hätte. Es kam die Not des Wollens über ihn, -und er beschloß, zu sterben, daß aus seinem Tode die Welt, aus seiner -Einsamkeit die Vielheit des Lebens würde: nicht anders, als wie aus -einem Leichnam Würmer werden.« - -Ich entsetzte mich über diesen Unflat schändlicher Einbildung, schlug -dreimal das Kreuz und erhob mich, zu gehen. Er aber legte seine beiden -harten Hände auf meine Schultern, daß mir nicht anders war, als wenn -Satanas mich verderben wollte, und drückte mich ins Gestühl. - -Und sprach: »Höret nur weiter! Es ist nicht gut, die Wahrheit halbet -zu vernehmen. Auch ist nicht gottlos, was ich Euch sage. Denn seht: ob -Gott auch tot ist: die Welt ist dennoch göttlich, da sie von ihm ist. -Zwar sind die Kreaturen nur Würmer, die von seinem Tode leben, aber es -ist doch göttliche Nahrung, die sie erhält.« - -Ich raffte mich auf und verwies ihm sein Gerede, indem ich ihn einen -heidnischen Sophisten hieß. - -Er schüttelte den Kopf: »Was mich von Eurer Art Christen unterscheidet -ist nur, daß ich von Gott einen zu göttlichen Begriff habe, um -vermeinen zu können, daß diese langweilige Welt des ewig Gleichen sein -Leben umfassen oder ausdrücken könnte. Ich denke von Gott so hoch, daß -mir sein Totes noch göttlich genug deucht für unsereins, ja als das -einzig Göttliche, das wir vertragen können. Gott und Welt: Einsamkeit -und Leben verträgt sich unmöglich. Und seht doch: Ist das nicht -christlich gedacht, daß er für uns starb? Und was sage ich mit den -Würmern anders als dies: daß er uns die Erbsünde vermacht hat?« - -»Ihr spottet,« rief ich laut, »und spottet Euch um die ewige Seligkeit!« - -»Damit ist es freilich nichts,« sagte er ernsthaft, »denn Gott hat sie -selber aufgegeben: auch er vermochte es nicht, sie zu ertragen. Das war -ja seine Not, die ihn zu sterben, als Gott zu sterben und im Gewürme -weiterzuleben zwang. Die große Not der Langenweile war es. Jetzt ist er -ihrer ledig. Der tote Gott vergnügt sich in der Vielheit von Fratzen, -in denen er lebt: und wenn es auch gewiß ein zorniges Vergnügen ist, -so ist es ebendarum göttlich. -- Hier, bei mir (er wies um sich), hier -in mir (er schlug sich auf die Brust) ist ihm am wohlsten. Denn meine -Welt ist nach seinem Rezept gemacht, und ich sterbe gleich ihm einen -Tod der zornigsten Not.« - -Indem er dieses sagte, war mir, als ob in seinen Augen etwas glömme: -ich weiß nicht, war es Wahnsinn oder Begeisterung. - -Die Madonna sei ihm gnädig! Er spricht nie von ihr, und, ob er sich mit -seinem Malgeräte auch an allem vergreift, was uns heilig, ihm aber nur -ein Anlaß zu schändlicher Fratzerei ist: sie malt er nie.« - - * * * * * - -Das Kastell, in dem Samalio die meisten seiner Tage und Nächte -verbrachte, lag abseits der Stadt auf gewachsenem Fels, in den -Terrassen eingehauen waren. Aber bis nahe dorthin, wo der Stein sich -nackt emporhob aus dem Erdreich, stand starker Wald: Steineichen, -Pinien; auch Zypressen und Kastanien. Es waren mächtige, herrische -Bäume, die es nicht duldeten, daß Kleines neben ihnen aufkam. Nur der -Blitz durfte die Riesen fällen oder das Alter. Dann wuchs aus ihrer -Fäulnis das Neue. Es gab allerlei wildes Getier dort: vornehmlich -Wildkatzen und Luchse, am allermeisten aber Geier und Eulen. Nachts, -so berichtet der Toskaner, war es lauter um das Schloß, als bei Tage. -Denn, so sagt er: »Da es dunkelte, wachten die Räuber auf, denen -tagsüber selbst der finstere Wald zu helle war, und riefen einander -oder kreischten auf beim Mord: der Luchs, heulend wie ein Wolf, der -rote Wildkilling, tückisch jaulend; aber am fürchterlichsten die große -Ohreule mit ihrem tiefen u-hu, das wie Klage tut, aber Blutgier ist.« - -Doch behagte gerade dieses Nachtkonzert der Unholde dem Mißgestalteten, -der von sich behauptete, gleich Luchsen, Katzen, Eulen nachts besser zu -sehen als bei Tage, weshalb er sich erst bei Tagesgrauen zur Ruhe begab -und bis zum hohen Mittag schlief. - -»Die braune Nacht,« so sagte er, »hat tiefere Farben, als der milchige -Tag. Sie schillert nicht, sie glüht. Ihr Braun ist eigentlich altes -Gold, gemischt mit dem Rot geronnenen Blutes. Auch ist ein tiefes -Veilchenblau dabei. Zuweilen haben alle Konturen tief purpurne, -zuweilen tief orangenfarbene Lichtabgrenzungen. Auch Schatten gibt es -noch in der dunkelsten Nacht: sie sind das Wunderbarste an Farbe; aber -auf der Palette gibt es dieses Braun der tiefsten: ganz schon geistigen -Tiefe nicht. Es ist, als ob die Nacht dieses Braun träumte.« - -Er malte nur in diesen, nur von ihm gesehenen Nachtfarben, und so darf -man es dem Toskaner glauben, daß Samalios Bilder waren »wie aus einer -anderen Welt, die das Licht nicht von unserer Sonne hat: man mußte -glauben, sie hatten es aus den Augen dieses Nachtmenschen, der, obzwar -bei Tage (doch nur in der Dämmerung) malend, immer nur nächtige Bilder -schuf, als ob es keinen Tag gäbe. Indessen waren unter seinen Tafeln -solche, in denen eine unbeschreibliche dunkle Glut bebte, vergleichbar -dem Lichte, das in manche Edelsteine eingeschlossen zu sein scheint, -die noch im Finstern leuchten.« - -Danach könnte man meinen, daß Messer Giacomo die Bilder Samalios in den -Farben schön gefunden habe. Doch weit gefehlt. Er nennt ihre Farben -bald »höllisch«, bald »grausam«, dann einmal »blutrünstig«, wieder -einmal »schändlich geil«, einmal sogar »himmelschreiend bäuerisch und -barbarisch, ohne jedes Gefühl für Feinheit und Würde«. Sie »tun dem -gebildeten Auge weh und rufen Angst und Schrecken hervor, anstatt daß -sie erheitern«. - -Der Toskaner hatte von sich aus zweifellos recht, aber ebenso -zweifellos ist, daß Samalio nicht gemalt hat, um Messer Giacomo zu -erheitern. Es lag ihm nicht einmal daran, daß der Herr von Certaldo -alto sie ansah. Wir wissen es von diesem selbst, daß er stets ungeladen -das Kastell besuchte. »Ritt wieder einmal zur Zentaurenburg, um mir -die Grillen zu vertreiben. Wurde übel empfangen, sah aber doch Neues. -Wie immer: Greuel über Greuel. Die große Tafel aber will er noch immer -nicht zeigen.« - -Von dieser wird noch zu handeln sein. - -Vorerst möge aus des Toskaners Aufzeichnungen zusammengestellt werden, -was etwa weiter dazu dienen kann, uns einen Begriff vom Wesen und Leben -dieses wunderbaren Menschen zu vermitteln. - -Aus diesen Notizen fügt sich das Bild eines Précurseurs des -Rinascimento, jedoch ohne die bewußte Tendenz zur Antike. - -Alle geistigen Strömungen bereiten sich vor: versuchen sich -gewissermaßen in unzeitgemäßen einzelnen. Ehe sie zum Schicksale einer -Zeit: ehe sie Epoche werden, treten sie gewissermassen als Ferment in -den Schicksalen einzelner auf, die damit zur Einsamkeit verurteilt -sind und, meist ohne jede sichtliche positive Wirkung, eine Bestimmung -erfüllen, deren Sinn wir nicht begreifen. - -Er hat dies selbst gefühlt. Eines Abends sagte er zu seinem Lehrer, -der ihm berichtet hatte, daß das Volk ihn für einen Zauberer hielte: -»Bin ich etwa keiner? Lebe ich nicht das Kommende voraus? Ist es nicht -Zauberei, daß ich bin, als wäre ich mein Urenkel?« - -»Wie das?« fragte der Toskaner. - -Und Samalio antwortet: »Jeder von Euch hat den Glauben des anderen; -jeder von Euch ist Nachbar: Stütze und gestützt; keiner von Euch ist -frei: eine Kraft für sich. Ihr seid alle durcheinander bestimmt und -findet das füglich. Selbst die gewalttätigen, die sich Herren heißen, -handeln mit Rücksicht auf andere, sei es auch nur, daß sie über andere -herrschen wollen. Für mich gibt es keine anderen. Ich kenne Euch nicht. -Ich kenne nur mich. Ich bin so weit von Euch entfernt, wie von den -Menschen, die den Turm von Babel bauten. Ich habe einmal davon gehört -(als ich ein Kind war), daß es Menschen gibt außer mir, aber ich habe -einsehen gelernt, daß das ein Irrtum ist. Dieses Märchen ist nur wahr -für die, die keine Wirklichkeit in sich haben. Wer sich begriffen hat, -weiß, daß er allein ist.« - -»Als ich dies hörte,« fügt hier der Toskaner bei, »war mir einen -Augenblick wahrlich zumute, als sei dieser Wahnsinn Wahrheit. Daran -waren die (Gott verzeih' mir die Sünde) verfluchten Augen des Scheusals -schuld, deren Blicke mich wie glitzernde Fäden umspannen. Ganz -sicherlich: er ist mit dem Bösen im Bunde. -- Aber ich machte mich frei -und rief: Wie? Denkt doch an Euren Vater, an Eure Mutter!« - -Darauf hat Samalio erwidert: »Vater und Mutter sind nicht außer mir, -sondern in mir, und nicht nur sie, sondern alle, von denen sie gekommen -sind. Und nicht nur die, sondern alle Menschen, die je waren. Dies -eben ist es, Mann: wer wirklich Einer ist, ist Alle, -- und braucht -darum Keinen.« - -Trotzdem berichtet Messer Giacomo, daß Samalio »von einer entsetzlichen -Liebe« geplagt worden sei. - -»Alle wissen es,« schreibt er, »und alle verabscheuen ihn darum noch -mehr als um seiner Scheußlichkeit willen: daß er in unziemlicher Liebe -entbrannt ist gegen seine leibliche Schwester Bianca Maria, die so -schön, wie er häßlich ist. Sie wäre wert, daß man nach ihrem Antlitz -die Madonna malte, denn auf ihm ist alle Holdseligkeit und Schöne -vereinigt. Zweierlei nimmt mich wunder: daß diese beiden Geschwister -sind, und daß er, das Ungetüm, es wagt, seine Blicke zu ihr zu erheben, -deren Schönheit ihn, meine ich, doch eher mit Haß und Neid erfüllen -müßte. Gepriesen sei Gott, daß das engelhafte Mädchen ihn verabscheut. -Man sagt (und ich erachte es nicht für unmöglich, obwohl es nur ein -Gerede ohne sichern Anhalt ist), daß er sie nachts in ihrer Kammer -überfallen habe: doch ohne seinen nichtswürdigen Zweck zu erreichen, -denn sie habe ihm mit dem großen Kruzifix, das über ihrem Bette hängt, -einen Streich quer über die Stirne versetzt, wovon er (was ich selber -wohl gesehen habe) eine tiefe Wunde davontrug. Und folgenden Tages -(was wiederum zutrifft) sei er aus der Stadt gewichen, und seither -rührt sein dauernder Aufenthalt draußen im Walde. Sie aber ist seitdem -verzagt und seltsam schüchtern, derart, daß sie aller Männer Antlitz -flieht; und hat sich ohne Widerrede auf Geheiß ihres Vaters einem -Edelherrn aus der Nachbarschaft verlobt, dessen Antrag sie vorher -zurückgewiesen.« - -Es findet sich (begreiflicherweise; denn darüber hat Samalio sicherlich -nie gesprochen) in dem Tagebuche des Toskaners keine Äußerung des -Malers über seine Schwester. Doch ergeben sich bei genauerem Zusehen -Zusammenhänge, die dem Berichterstatter offenbar nicht zum Bewußtsein -gekommen sind. - -Wir finden folgendes: »Fragte ich den Zentauren, warum er nicht die -Madonna malte.« - -Antwort: »Weil es unmöglich ist.« - -Wiederfrage: »Haben es doch schon Tausende getan?« - -Antwort: »Weil sie sie nie gesehen haben.« - -Ich: »So hättet am Ende Ihr sie gesehen?« - -Er: »Wohl.« - -Tat ich erstaunt und fragte: »Ei: im Traume?« - -Antwortete er: »Es ist kein Unterschied zwischen dem, was ihr in Traum -und Wirklichkeit spaltet.« - -Sagte ich: »Nun: man träumt im Schlafe und sieht wach.« - -Betrachtete er mich erstaunt: »Und der Unterschied?« - -Ich konnte es ihm nicht erklären, oder, wie ich besser sage: er stellte -sich an, als begriffe er nicht, was doch auf der Hand liegt (wie es -denn immer seine Art ist, Selbstverständliches unverständlich zu -nennen). Also blieb mir verhohlen, wie das mit der Madonna gemeint.« - -Ein andermal: »Fand ihn vor einem gar schändlichen Bilde. War der -Christ am Kreuze zwischen den beiden Schächern. Es graute mir, als -ich sah, daß er sich selbst als den Gekreuzigten gemalt hat, aber, so -dies möglich, noch scheusäliger, als er wahrlich ist. Und war über und -über voll Blutrunst. Hing ihm aus der Wunde vom Spieße des Lanzknechts -geronnenes Blut traubendick und von der Schulterwunde wie rote -Maiskolben. Saß im Brusthaar wie Grind. Hatte sich im Schamtuch ekel -gesackt. War wie der geschundene Marsyas.« - -»Dies ist nicht Jesus,« schrie ich auf, »dies ist der Teufel Oberster, -den Ihr vor dem Spiegel gemalt!« - -Denn ich war sehr zornig. Er aber schien keineswegs beleidigt, sondern -lächelte und sprach: »Wisset Ihr nicht, da Ihr ja doch auch mit Farb -und Pinsel hantiert: daß jeglicher nichts malen kann, als sich selbst? -Wenn ich spreche, so bin _ich_ der Ton; wenn ich sehe, ist's _mein_ -Gesicht; mal ich, so kommt nichts auf die Tafel als immer _ich_. Da -ich nur ich sein kann, was könnte anderes von mir kommen als ich? -- -Christus! Wer ist das? Immer der, der ihn fühlt, von ihm redet, ihn -malt. Was schüttelt Ihr Euch und tut entsetzt? Kennt Ihr die Schrift -nicht? Wisset Ihr nicht, daß er sich allen gegeben hat? Nun: so auch -mir. Und dieser da (er wies zur Tafel) ist wahrlich der meine, so ganz -und gar, daß wir beide ein und derselbe sind.« - -Daß ich es gestehe: ich bebte vor großem Zorn, und ich rief: »Von -Sinnen seid Ihr, und ich müßte Euch vors geistliche Gericht bringen, -wüßte ich nicht, daß Wahnsinn aus Euch phantasiert.« Er fuhr sich durch -sein stachelig Haar und murmelte etwas, wovon ich nichts verstand als: -Noch nicht, noch nicht! - -Dann sagte er, ganz ruhig: »Mensch! Mensch! Weißt du nicht, daß alles -Große Wahnsinn ist? Als die Liebe Wahnsinn wurde, schlug man sie ans -Kreuz. Holla! Seitdem ist sie tot. Nun ist Raum für den Zorn ... -Doch das versteht Ihr nicht. Sonst würdet Ihr's aus meinem Bilde -lesen, darauf es deutlicher steht als auf allen anderen Tafeln des -~crucifixus~. Doch steht es auf allen: selbst den ganz lästerlichen: -die da lächeln.« - -Mit einem Male schien es, als wollte er mir zu Leibe. Er schritt auf -mich zu, die kleinen Augen so verkniffen, daß die Blicke aus einem -Schlitze schossen, stieß mir die Faust auf die Brust und schrie: »Tolle -Hunde haben mehr Gefühl für das Opfer auf Golgatha als Ihr, die Ihr -aus einem Löwen ein Lamm gemacht habt. Es tut Euch wohl, sein blutiges -Vließ zu krauen. Es tut Euch wohl, Wasser aus den Augen zu lassen über -den, der Blut aus seinem Leibe ließ für Euch. Es tut Euch wohl, aus dem -Größten eine Puppe gemacht zu haben, damit Ihr spielen könnt!« - -Ich wollte gehen. Aber er hielt mich fest. Und schleppte mich zu dem -großen verhangenen Bilde. Dort ließ er mich los und stieß mich in einen -Stuhl. - -Und sprach: »Hast du vernommen, daß nachts Geister kommen, mich zu -besuchen?« - -Ich hatte es vernommen und antwortete so, fügte aber hinzu, daß ich es -nicht glaubte. - -»Es ist!« rief er. - -Ich schlug das Kreuz. - -»Laßt den Gestus!« sagte er ruhig. »Der Geist, der zu mir kommt, ist -nicht höllisch. Christus selber ist hier jede Nacht und mit ihm die -Madonna.« - -Gott verzeihe es mir und alle seine Heiligen, daß ich dem Scheusal -nicht in seine Lästerfratze spie, sondern bloß, aber unerschrocken, -sagte: Das lügt Ihr! - -Da sah er mich groß an und ergriff den Zipfel des Vorhanges und sprach: -»Knie nieder!« - -Ich glaubte nicht anders, als er wollte mich heißen, den Teufel anbeten -und weigerte mich des. - -»Knie!« knurrte er und griff nach dem Dolche. - -»Die Sünde kommt auf Euch,« stöhnte ich und ließ mich auf die Knie -nieder, Gottes Hilfe herbeirufend durch fleißiges Kreuzschlagen. - -Als ich die Ringe des Vorhanges kreischen hörte, senkte ich den -Kopf und schloß die Augen feste, ja nichts zu sehen. Und war des -Bestimmtesten entschlossen, nicht freiwillig Kopf und Blick zu erheben. - -Mir ist, als hätte ich lange so auf den Knien gelegen, die Augen also -feste zugedrückt, daß vor den geschlossenen goldene Sterne und Scheiben -tanzten. Auch rann mir Schweiß von der Stirne über die Lider, und es -war, als wollte er mir die aufbeizen, da er in die Augen drang mit -seiner Schärfe. - -Dies weiß ich jetzt. Da ich aber voller Ängste lag, glaubte ich, es -fräße höllisches Feuer an ihnen. Und ich wimmerte sehr. - -Erst als ich seine Schritte von mir gehen hörte, wurde mir etwas -mutiger. Ich hob den Kopf, jedoch nach rückwärts gewandt, dorthin, -wo der Schreckliche nun in einem Stuhle saß und über mich weg zu dem -Bilde blickte: die rechte Hand über die Augen schirmend, wie Maler ihre -Tafeln aus der Ferne anzusehen pflegen. - -Und er murmelte, als sei ich gar nicht da: - -»Es will nicht glühen, wie in der Nacht. Die Purpurspitzen ihrer Brüste -sind noch tot. Das Fleisch ist viel zu hell. Im Haar zu wenig Brand -noch. Als meine Hand darüber fuhr, hat es geknistert. Das dort ist -Werg, nicht Leben. Sonst ... ist ... sie ... schön.« - -Er atmete schwer und laut und ließ die Hand sinken. Und merkte nun -mich, stand auf und schritt schnell her, griff über mich weg und riß -den Vorhang wieder vor das Bild. - -»Steh auf!« herrschte er mich an. »Danke deinem Gotte, daß er dich -davor bewahrt hat, das zu sehen, was meine schamlose Raserei dir -enthüllt hat. Denn wisse: auf dieser Tafel ist die Madonna in Wahrheit, -vom nackten Leben leibhaft, geisthaft hergerissen mit der Brunst meines -Auges. Würdest du sie gesehen haben, hätten dich diese meine Hände -erwürgt. Und nun geh und schrei es auf den Gassen aus, daß Samalio -Pardulus die Madonna nackt gemalt hat, reitend auf einem Zentauren mit -den Zügen ihres Sohnes, der ihr Bruder ist. Und daß er mit ihr wegsetzt -vom steinigen Felsen Golgatha über einen Abgrund voller Blut, aus dem -die Spitzen von Domen ragen zu einem Schlosse von veilchenfarbenem -Amethystquarz, bewacht von den Tieren der Apokalypse, und daß dieses -Schloß der Sarg Gottes ist, in dem Samalius wohnt und wacht, daß keine -Würmer zu ihm kommen.« - -Man darf es dem Florentiner glauben, daß er nach diesen »Worten das -Weite gesucht hat, wie einer, dem der Böse auf den Fersen ist.« -Trotzdem hat er nicht den Angeber gespielt und seine Erlebnisse -niemandem vertraut, als den Blättern seines Buches. - -Aber auch ohne seine Mithilfe wurde es ruchbar, daß nächtlicherweile -Unheimliches sich begab auf dem Schlosse im Walde. - -Da Samalio nachts niemand bei sich hatte als einen alten halbblinden -und ganz stummen Diener, so konnten die Gerüchte nicht aus dem Schlosse -kommen. Sie entstanden in der Stadt selbst, im Hause der Eltern des -Malers. - -Seit diese wegen der bevorstehenden Hochzeit der Tochter zu mächtigen -Verwandten des Bräutigams nach Rom gereist waren, ging es im -Palazzo Nacht für Nacht um. Unnötig, all das zu erzählen, was die -erschrockene Dienerschaft allnächtlich gesehen und gehört haben wollte. -Übereinstimmend wurde dies berichtet: - -Allabendlich, sobald es ganz finster geworden war (man befand sich -im Dezember, und es war ein nebliges Wetter ohne Mondschein), kam -den steilsten Steg zur Stadt heran, den sonst nur die Ziegenhirten -nahmen, ein riesiges schwarzes Pferd, auf dem ein hagerer Mann saß, -gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem schwarzbärtigen Kopfe einen -breitkrempigen Kegelhut. Man hätte, wäre nicht der Bart gewesen (und -das andere, das nur Gespenstern eigen ist), meinen können, es sei -Samalio. Doch war es sicherlich ein Gespenst, denn aus dem Mantel, -daher, dorther, und von seinen Schultern leuchteten gelbe Lichter, und -grüne Lichter liefen neben dem Pferde. Der Wachtturm des Hauses, das -wie alle Häuser der adeligen Geschlechter mehr eine Burg als ein Palast -war, stand auf der Stadtmauer, und auf seinem Umgang befand sich, wie -auf den eigentlichen Mauertürmen, die ganze Nacht hindurch ein Wächter. -Nur er konnte die Erscheinung verfolgen, sobald sie der Mauer nahe -gekommen war. Denn die übrigen Fenster des Palastes, der von der Mauer -etwas abstand, gewährten keinen Blick dorthin. Auch hätten wohl weder -Männer noch Frauen den Fürwitz gewagt, das Gespenst nahe zu betrachten, -da es schon entsetzlich genug anzusehen war, wie sich, sobald Pferd -und Mann in das Schattenbereich der Mauer gekommen waren, die gelben -Lichter aus dem Mantel und von den Schultern des Mannes in die Lüfte -erhoben und das Haus zu umschwirren begannen, während die grünen -Lichter in weiten Bogen den Raum vor dem Turm umkreisten. Aus dem -Wächter war nichts herauszubringen als das eine: Der Mann im schwarzen -Mantel schritt durch das geschlossene Turmtor, ohne daß sich dessen -Angeln drehten. Als er aber das erste Mal gekommen sei, habe er ihm -folgendes gesagt: Mein Anblick tötet dich. Ich schone dich, solange du -allein wachst. Erblicke ich dich mit Kameraden, so bist du wie sie des -Todes. Daher sich niemand herbeidrängte, dem Wächter Gesellschaft zu -leisten. Auch hütete sich im Hause ein jeder wohl, die Augen aufzutun, -solange »der Schwarze« darin war. Der Wachthund, ein riesiges Tier, war -am Morgen nach dem ersten Erscheinen mit durchbissener Kehle gefunden -worden. Das Gespenst blieb stets nur ganz kurze Zeit im Palast. Seine -Anwesenheit machte sich lediglich durch ein sonderbar tappendes -Geräusch von vielen Schritten, wie von Kindern, die ein Mann begleitet, -merkbar. Kaum, daß dieses Geräusch vorüber war, konnten die Mutigeren -von ihren Fenstern aus Pferd, Reiter und Lichter im Walde verschwinden -sehen: in der Richtung zum Waldschlosse Samalios. - -Messer Giacomo, der nicht im Palast wohnte, sondern ein kleineres Haus -in der Mitte der Stadt angewiesen erhalten hatte, berichtet alles -dies vom Hörensagen nach Erzählungen der Dienerschaft. Da er es für -angebracht hielt, einen reitenden Boten nach Rom zu senden, um die -Herrschaft von dem unheimlichen Wesen zu unterrichten, aber nicht ohne -die Meinung der Tochter des Hauses handeln wollte, der er überdies -Schutz und Beistand bei so schreckhaften Umständen anzutragen sich -verpflichtet glaubte (denn alle oberen Hausbediensteten waren mit auf -der Reise), so begab er sich zu Maria Bianca: - -»Ich fand das edle Fräulein,« so schreibt er, »gegen alle Erwartung -heitern Sinnes, obgleich sehr blaß und trotz des Lächelns in den -schönen Augen, gleichsam wie eine Kranke, welche die Tröster trösten -will. Sie scherzte über das Gerede des Gesindes und sprach: Ich habe -wahrlich keine Furcht vor dem Gespenste: so wenig, daß ich meine -Kammerfrau, die früher bei mir schlief, aus meinem Schlafzimmer getan -habe. Das alles sind nur Torheiten, und es ist nicht wert, darüber zu -sprechen, geschweige denn einen Boten aufs Pferd zu setzen. -- Auf -so bestimmte Meinung des gnädigen Fräuleins hin unterließ ich die -Botschaft.« - -Nach seinem letzten, schreckhaften Besuche bei Samalio indessen -überkam ihn doch aufs neue Angst, zumal von Bauern aus der Umgebung -des Waldschlosses schon früher aufgetauchte Gerüchte bestätigt worden -waren, es ginge auch dort Absonderliches vor: mit seltsam singenden -Stimmen und einer sonst nie wahrgenommenen bunten Helligkeit hinter -den Fenstern. Und er ging nochmals zu Maria Bianca. Er schreibt -(mit zitternden Händen, wie er vorausschickt): »Was habe ich sehen -müssen! Schlimmeres als eine Kranke. Ihre Augen leuchteten wie im -Fieber und sie entsetzten mich, da ich sah, daß sie jetzt denen des -Ungeheuers gleichen. Sie ist ganz verändert und dennoch so schön wie -je. Aber anders. Gott verzeihe mir den Frevel, daß ich so denke und -es hinschreibe: Ihre Schönheit ist schamlos worden. Wie das? Wie darf -ich so Unmögliches denken? Jedoch: ich sah es. Mit diesen Augen sah -ich den gleißenden Wurm in ihren Augen. Und wenn alle Heiligen um -mich her stünden, und alle ihre Martern mich bedrohten, und alle ihre -Seligkeiten mich zurückschreckten vor jedem unbedachten Wort, -- ich -muß es sagen (und schrecke doch zusammen, wie ich es nun schreibe), -sie hat den verruchten Stolz der großen Huren im Blick. So brennen -die Lippen keiner Keuschen. Keine reine Jungfrau liegt so im Gestühl. -Selbst in ihrer Stimme ist nicht Unschuld mehr. Es ist eine bebende, -wollustnachzitternde Reife in ihr, die wie eine schamlose Offenbarung -des Geheimsten ist. Da ist Sättigung und Begierde, aber etwas Drohendes -und doch Verzweifeltes ist dabei. Ich suche vergeblich, es in Worte zu -fassen. Die toskanische Sprache, reich genug wie wir wissen, Himmel und -Hölle zu malen, scheint unvermögend, diesen Triumph voller Qual, dieses -Beben aus erfülltem Stolz auszunennen. -- O, ich konnte wohl alle meine -Fragen und Berichte, derentwegen ich gekommen war, für mich behalten, -denn ich wußte auf einmal alles: Nicht törichtes Geschwätz der -Gesindestuben ist dieser Spuk, der sich hier begibt und dort erzeugt -wird: ist Wahrheit, furchtbare, schändliche, höllische Wahrheit. Das -Ungeheuer drüben, unvermögend, diesen Engel blutschänderisch selbst zu -gewinnen, hat sich mit der Hölle verbündet, ihr den Inkubus zu senden, -und dem ganzen Teufel gelang, was dem halben mißlingen mußte. Der Engel -ist gefallen: eine Teufelshure richtet sich auf im verfluchten Stolze -der Wollust. In diesem Hause wohnt die geile Pest der Hölle, gesandt -von jenem Scheusal, das durch den Anblick einer reinen Schönheit zum -Wahnsinn und vom Wahnsinn zum Frevel aller Frevel getrieben wurde: -zur Zauberei. -- Wie groß ist doch die Macht des Bösen! Als sie -mich anlächelte und mit einem seltsam vollen Tone von scheinbarer -Sorglosigkeit sagte: »Nicht doch, Messer Giacomo, bei meinem Bruder -sind so wenig höllische Geister wie hier, und es tut wahrlich nicht -not, die Eltern zu erschrecken,« da war ich einen Augenblick selber im -Netze des Teufels und gedachte wiederum, die Botschaft sein zu lassen. -Aber siehe, der Böse verrät sich schließlich doch: Denn es kamen noch -die Worte (gewiß aus widerwilligem Mund, denn ich sah, daß er bebte): -Das Schicksal ist weder aufzuhalten noch zu beschleunigen. Es erfüllt -sich, wenn es zeitig ist. -- Ich verbeugte mich, nahm Urlaub und ging. --- Der Bote ist auf dem Wege. Wär' ich bei besseren Kräften, ritte -ich selbst. Denn es ist wahrlich besser, im Sattel zu sitzen und auf -unsicheren Straßen Tag und Nacht zu reiten, als hier zu sein, wo sich -so Schreckliches begibt und noch Entsetzlicheres vorbereitet.« - -Folgt ein Gebet zu allen Heiligen und ein Spruch zur Abwehr der Dämonen. - -Aus den weiteren Aufzeichnungen des Florentiners ergibt sich dies: - -Die Eltern schickten den reitenden Boten sofort mit der Anzeige zurück, -daß sie sich unverweilt auf die Rückreise begeben würden. Diese -Botschaft, mündlich gefaßt, erging an die Tochter und kam zu später -Abendstunde an. Das Gesinde, sehr erfreut darüber, benachrichtigte -sogleich Messer Giacomo, der sich auf der Stelle in den Palast begab, -am Morgen des folgenden Tages gleich zur Stelle zu sein. Maria Bianca, -statt ihn vorzulassen, ließ ihm sagen, er habe sich übel um ihre -Eltern verdient gemacht. Wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er sich -stille halten und seinen Fürwitz nicht weiter treiben. Er schloß sich -erschreckt in sein Zimmer ein. Kaum eine Stunde später begab sich das -Übliche. Nur, wie die Dienerschaft erklärte, heftiger, lauter als -sonst. Man hörte das Fräulein stöhnen und eine heisere Mannesstimme. -Türen fielen ins Schloß, ein gräßlicher tierischer Laut fauchte heulend -auf und ging in ein wütendes Wimmern über, das lange anhielt. Es schien -aus dem Schlafzimmer des Fräuleins zu kommen. - -Der ›Inkubus!‹ dachte sich Giacomo und schlug, solange es erklang, das -Kreuz. Endlich ward es still, aber niemand wagte sich aus seinem Zimmer. - -Am frühen Morgen schon kam die Herrschaft an. Die Nebel hatten sich -noch nicht gehoben. In den Korridoren des Palastes lag dämmeriger -Halbschein. Der Vater befahl eine Laterne und begab sich, wie er ging -und stand, im Reisepelze zum Zimmer Maria Biancas, denn er hatte der -ungewiß enthaltenen Botschaft entnommen, daß sie krank sei von dem -Spuke. Messer Giacomo, in dessen Ohren noch immer das gräßliche Wimmern -klang, führte die ganz erschöpfte und geängstigte alte Dame. Die -Dienerschaft drängte hinterdrein. - -Ein paar Schritte vor der Tür machte der Graf halt und wandte sich an -Giacomo: »Ihr habt mir nicht alles gemeldet. Es steht schlimmer. Warum -kommt sie uns nicht entgegen?« - -»O mein Gott,« seufzte die Gräfin und schritt am Grafen vorbei zur Tür. - -»Nicht doch, nicht doch!« bat Messer Giacomo. »Nicht hinein!« - -»Sagt alles,« befahl der Graf. - -Der Florentiner trat nahe an ihn heran und flüsterte: »Es ist unmöglich -zu sagen. Ich kann nur bitten, schlagt das Kreuz und laßt mich -vorangehen.« - -Der Graf sah ihn groß an. »Ins Schlafzimmer meiner Tochter? Seid Ihr -von Sinnen?« - -Messer Giacomo rang die Hände und flüsterte noch leiser: »Sie ... -schämt sich nicht mehr.« - -Der Graf hob die rechte Faust -- und ließ sie schlaff sinken. Dann -winkte er der Dienerschaft zurückzubleiben und stöhnte: »Wenn Ihr die -Wahrheit gesagt habt, töte ich sie, habt Ihr gelogen, töte ich Euch.« - -Er griff nach seinem Dolche und tat einen Schritt voran. - -Die Gräfin hatte indessen ihr Ohr an die Türe gelegt und gebot mit der -Hand Schweigen. »Mir ist, ich höre sie röcheln.« - -Sie klopfte leise an die Türe. - -Ein sonderbares Knurren wurde vernehmbar. - -»Der Inkubus,« schrie Messer Giacomo auf und wandte sich wie zur Flucht -um. Der Graf packte ihn beim Handgelenk und zwang ihn zur Tür. »Öffnet! -Und sei's mit Gewalt!« Giacomo drückte auf die Klinke. Die Türe tat -sich auf. - -Das Zimmer war ganz dunkel. Nur am Fenster glomm etwas Leuchtendes, -wie wenn das Licht des Morgens aus zwei Löchern durch die vorgezogene -schwere Samtgardine bräche. - -»Da ... da ... dort sitzt er!« stöhnte Giacomo und bekreuzte sich. - -In diesem Augenblicke flogen die zwei hellen Punkte in einem großen -Bogen durch das Zimmer über die Köpfe der Eingetretenen hinweg -- -hinaus. Gleich darauf erhob sich, während die drei, von Entsetzen -gepackt, am Türpfosten Halt suchten, im Korridor Geschrei und Gekreisch -der Dienerschaft, überschrillt von einem langgezogenen wütenden Geheul, -das dann in Fauchen überging und schließlich knurrend zu verröcheln -schien. Dann hörte man das Gesinde die Treppe hinabpoltern und die -Treppentüre zuschlagen. - -Der Graf kam zuerst zu sich. Er ging zum Fenster und riß die Gardinen -auseinander. Das Zimmer war leer. Das Bett hinter den geschlossenen -Vorhängen unberührt. - -»Wo ist sie?« stöhnte die Gräfin auf und sank vor dem Bett zusammen. - -Der Graf sah Messer Giacomo fragend an. - -Der flüsterte, mit dem Kopf zur Türe: »Das war sie ... die Hexe.« - -»Licht!« schrie der Graf den Korridor hinaus. - -Niemand kam. - -»Sie fürchten sich. Wer fürchtete sich hier nicht?« murmelte der -Florentiner. - -»Was könnte ich noch zu fürchten haben,« murmelte tonlos der Graf und -schritt zur Türe. - -Links neben der Tür stand am Boden die Laterne. Er hob sie hoch. Ihre -Verrahmung und die ausgeschnittene Ornamentierung der Haube warfen -ein Rankennetz von Schatten an Decke und Wand. Da die Hand des Grafen -zitterte und die Laterne sich in der Handhabe drehte, war es ein -huschender Tanz von Schatten und Licht. Da fiel aus der größten Scheibe -ein gelber Schein auf etwas Geducktes, Schwarzes in einer Ecke. - -Der Graf ging unsicheren Schrittes darauf los, machte das Zeichen des -Kreuzes und murmelte: »Bist du es?« - -Das Wesen, nun wieder verschattet, duckte sich noch mehr zusammen und -knurrte tückisch. - -Da ergriff den Greis eine wahnsinnige Wut. Er riß den Dolch aus der -Scheide und warf sich mit dem ganzen Gewichte seines Körpers vornüber -auf das Dunkle, den Dolch voran. Er fühlte einen heißen Hauch in -seinem Gesicht und heißes Blut über der Faust. Wild packte er mit -beiden Händen zu, und zwischen seinen eingekrallten Fingern verreckte -eine riesige Wildkatze. Er trug sie, die Hände weit vor sich gestreckt, -keuchend zum Zimmer und warf den noch zuckenden Leib auf das Bett Maria -Biancas. Dann kniete er nieder, schlug die blutigen Hände vors Gesicht -und betete -- für die Seele seiner Tochter. - -Die Gräfin lag ohnmächtig vor dem Bett. Auf ihre Stirn tropfte das Blut -des Tieres. - -Messer Giacomo schreibt: »Auch ich hatte schier die Besinnung verloren. -Das Herz saß mir im Halse. Ich fühlte sein Pulsen im Hirn. Vor meinen -Augen war ein roter Dampf. Ich weiß nicht: war das das Blut, das mir -so heftig zusetzte, oder höllische Vortäuschung. Durch das rote Dunkel -hindurch sah ich die Augen des Teufeltieres verlöschen: und es waren -genau die Augen Maria Biancas. Ihr letzter Blick, voller Wut, galt mir. -Ich wehrte dem Bösen mit dem Kreuze und kniete gleichfalls nieder, für -die arme Seele zu beten. Dann trugen wir, der Graf und ich, die edle -Dame in ihr Gemach, beide im Herzen dankbar, daß sie nicht zu sich kam. -Darauf erzählte ich dem unglücklichen Vater alles, was ich wußte. Wer -etwa Zweifel daran gehegt hätte, daß der aus altrömischem Heldenblute -stammte, der würde sich jeglichen Zweifels daran wohl begeben haben -angesichts der Größe und Festigkeit, mit der der Graf nach Anhörung -meines Berichtes nichts weiter sagte als: »So bleibt mir nur noch -übrig, auch ihn auszutilgen.« - -Er ließ für sich, Giacomo und zehn Knechte satteln, setzte, für den -Fall, daß er im Kampfe mit dem Zauberer zu Tode kommen sollte, sein -Testament auf, sein ganzes Vermögen der Kirche vermachend, tauchte -Schwert und Dolch in geweihtes Wasser und ritt langsam mit seinen -Begleitern zum Walde. Rechts von ihm ritt Messer Giacomo, links der -Turmwächter. Dieser, sonst der Mutigste unter allen Dienern des Grafen, -wankte schier im Sattel und war entstellt von Angst und Grauen. Sein -Gebieter sprach ihm Mut zu, aber je näher sie dem Schlosse kamen, um so -unsteter wurde sein Blick, um so blasser sein Gesicht. - -Wie sie des Schlosses ansichtig wurden, das im fahlen Lichte eines -sonnenlosen Tages dastand, wie aus glanzlosem Blei, graubläulich, -gleichsam tückisch, hieß der Graf alle von den Pferden steigen und -niederknien zu beten. Dann, als sie wieder im Sattel saßen, mußten -sie die Schwerter ziehen, sie steil gerade vor sich halten als -Kreuzeszeichen und die Hymne singen: - - Wir ziehen aus, zu streiten - Für Jesu Christ, - Der unserm tapfern Reiten - Unsichtbar Führer ist, - Seine Fahne, schneeweiß, - Kyrieeleis, - Wird uns zum Sieg geleiten. - -»Es war uns allen,« schreibt der Toskaner, »ausgenommen den alten -Herrn, wie ich anbetrachtlich des Funkelns in seinem Aug', glaube, -nicht gar mutig zu Sinne. Aber das Lied, wie es aus uns drang, umgab -uns gleichsam mit dem Atem tapferer Erzengel. Als wir vor dem Tore -hielten, sah ich, daß alle Knechte wacker rote Wangen hatten, bis auf -den Wächter.« - -Da das Tor verschlossen war (wie auch alle Fenster, die Läden -vorhatten), schlug der Graf mit dem Knaufe seines Schwertes daran und -rief: Im Namen des Dreieinigen, öffne! - -Statt der Antwort erfolgte ein harsches, gaumiges Röcheln. Dann -klirrten Schlüssel, die Türflügel kreischten in den Angeln, und aus -der Öffnung trat der alte Diener, sogleich in die Knie sinkend und -beide Arme ausbreitend. In seinem qualvoll aufgerissenen Munde sah man -die schwere Zunge wie im Krampfe zucken, während im Gaumen wieder die -entsetzlichen nach Ausdruck ringenden Laute röchelten. In den blinden -Augen lag leer, grau der Widerschein des dunstigen Himmels. - -Der Florentiner berichtet: »Obgleich der Erbarmungswürdige weder mit -dem Munde noch mit den Augen zu sprechen vermochte, verstanden wir ihn -doch alle gleich und wußten, daß das Scheusal tot war.« - -Der Graf winkte den Knechten, zurückzubleiben und gebot dem Stummen, -ihn und Giacomo zur Leiche zu führen. Der aber warf sich lang auf die -Erde bin, als ob er sich mit den Händen in sie einkrallen wollte. - -»Da wußten wir,« schreibt Giacomo, »daß uns noch Schlimmeres -bevorstand, etwas, das selbst den entsetzte, den Blindheit davor -bewahrt hatte, es sehen zu müssen.« - -»Ich möchte es Euch, Messer Giacomo,« sagte der Graf, »gerne ersparen, -mich zu begleiten. Aber, seht, mich wandelt jetzt Furcht an, da ich -mich doch nicht davor gefürchtet habe, den zu töten, der das Leben von -mir hatte. O mein Gott, warum begnadigst du mich nicht mit Blindheit! -Furchtbares zu tun, hat für den Edlen keinen Schrecken, wenn Not und -Pflicht gebietet. Aber es gibt Dinge von einem Antlitz, dessen Ahnung -schon auch den Tapfersten zur Flucht scheucht. Doch es muß geschehen. -Ich muß mit diesen Augen sehen, was mein Herz schon weiß. Messer -Giacomo, die Sünde braucht den Teufel nicht. Wenn Ihr Euch jetzt noch -vor höllischen Geistern fürchtet, so sage ich Euch: Ihr könnt ruhig mit -mir gehen. Wenn Ihr aber dem Grauen nicht gewachsen seid, das von der -verfluchten Natur ausgeht, aus der wir alle sind, so sage ich Euch: -Laßt es mich allein ertragen, der ich es muß, weil ich mit meinem Blute -daran schuldig bin.« - -Der Florentiner, der diese Worte so berichtet, fügt hinzu: »Auch -jetzt, da ich dies mit Besonnenheit aufzeichne, verstehe ich es -nicht, geschweige denn, daß ich es verstand, als ich es vernahm. Der -Böse, dessen augenscheinliches Werk mein armer edler Herr von jenem -Augenblick an leugnete, hat ihn verwirrt. Gelobt sei Gott dafür, daß er -wenigstens meinen Geist vor Verdunklung schützte.« - -Die beiden gingen durch dunkle Korridore, dunkle Treppen hinauf zu dem -großen Turmgemache, das Giacomo als Werkstatt des Malers kannte, und wo -er mit Recht vermutete, daß sie seine Leiche finden würden. - -Lassen wir ihn berichten: »Ich schritt voraus und hob den ledernen -Vorhang auseinander, daß der Graf eintreten konnte. Er ging aber -nicht mit mir ins Zimmer, sondern hielt sich rechts und links mit der -Hand am Türvorhang fest. Ich hörte, wie sein Atem ging, und war froh, -dies Leben zu hören, denn es kam nun das schwerste Grauen von allem -über mich, so, daß ich nicht mit Schritten zu gehen wagte, sondern, -keinen Fuß hebend, mich gleichsam füßlings über den Teppich vorwärts -tastete. Da stieß ich mit den Knien gegen etwas Weiches an und bog mich -behutsam darüber, die suchenden Hände vorstreckend. Nie vordem habe -ich gewußt, daß das furchtbarste Grauen, das der Mensch empfinden kann, -in den Fingerspitzen wohnt. Alle Qual der Furcht, des Entsetzens, das -sich gleichsam zurücksträubt und doch wie eine willenlose Last langsam, -fürchterlich langsam und dennoch unabwendbar, vorwärts wuchtet, saß -knäuelhaft, wie geduckt zusammengerollt unter meinen Fingernägeln, -die mir (doch war das sicherlich Blendwerk) zu leuchten schienen. -Dies alles währte kaum die Dauer eines Atemzuges und war dem Gefühle -nach eine Ewigkeit -- bis der Augenblick kam, da die Qual gleichsam -in die Wut umschlug, sich selber ein Ende machen zu wollen, und sei -es durch noch Schlimmeres. Ich warf mich vornüber und flog mit einem -grauenhaften Schrei zurück. Meine Hände hatten zwei nackte, schauerlich -kalte Frauenbrüste gefühlt, mein warmer Mund einen kalten berührt. - -Ich taumelte bis zum Vorhang zurück und keuchte: »Die Hexe! Dort!« - -Der Graf drängte mich beiseite und murmelte: »Ich wußte es.« Dann, -ein paar Schritte vorwärts tuend, lauter: »Ich bitte Euch, laßt Licht -herein. Ich fühle die beiden, und es verlangt mich nun sie zu sehen.« -Er schien ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem nicht mehr. Ein Knarren -verriet mir, daß er auf einen Stuhl getroffen war, in den er sich -niedergelassen hatte. - -Ich tastete mich die Wand entlang zum Fenster, um ja nicht beim -Durchschreiten des Zimmers nochmals in Berührung mit einem der beiden -verfluchten Leiber zu kommen. Denn noch immer rann ein schaudervolles, -eisiges Entsetzen durch meine Adern. So voller Grausen war ich und -gleichsam angstbeflissen, daß, als des Grafen Hand an der Seite der -Stuhlwange herabglitt, ich beim Hören des leisen, schürfenden Tones -zusammenknickte, für einen Augenblick nicht anders vermeinend, als es -sei ein Seufzer aus toten Lippen. - -Endlich war ich beim Fenster angelangt und fühlte die Quaste der -Vorhangschnur in meiner Hand. Ich brauchte meine ganze Kraft zu der -geringen Arbeit, die Gardine sich teilen zu lassen: so völlig erschöpft -war ich. Um aber das Fenster und den einen Laden zu öffnen, bedurfte -ich der Hilfe des Gebets. Ich rief laut die Madonna an, mir beizustehen. - -Da hörte ich einen greulichen Fluch. War da mein alter, edler, frommer -Herr, der über die Reinste der Reinen das schmutzigste Wort spie? - -Wollte Gott, ich dürfte noch glauben, daß er der Satan selber war, wie -ich es damals glaubte. -- - -Ich riß Fenster und Läden auf, indem ich, ohne mich umzuwenden, schrie: -»Fleuch hinaus, Geist der Finsternis! Weiche, weiche, weiche von uns, -Fürst der Hölle!« Und legte meine Stirn aufs Fensterbrett, nochmals -zu beten. Der feuchte, kalte Wind aus dem Walde strich mir übers Haar -und weckte mich gleichsam aus dem wohltätigen Schlummer der Andacht, -die mich aber doch so weit gestärkt hatte, daß ich spürte, es sei -geraten, mich diesem Luftstrome nicht länger auszusetzen. Ich wandte -mich um, vermied es aber wohl, dorthin zu blicken, wo ich die beiden -Leichen vermutete. Doch sah ich den Grafen. Er saß in dem flammrot -seidenen hochlehnigen Stuhle des Malers, den ich wohl kannte mit seinen -goldeingewirkten Zeichen einer fremden heidnischen Schrift. Steif -angelehnt saß er, ganz regungslos; auch die Arme und Hände, gerade -hingelegt auf die Armlehnen, rührten sich nicht im mindesten. Man hätte -meinen können, er sei tot. - -Nur die Augen lebten. Lebten gierig. - -Und es waren die Augen des Scheusals. - -Mir war, als starrten diese selben Augen überall her: kalt glühend -durch das kalt graue Morgenlicht. Sie glotzten kugelig von den Buckeln -der kupfernen Wandleuchter, blinzelten verkniffen aus allen Facetten -der Gläser und Flaschen auf dem Kredenzbord, schossen blitzende Blicke -von den Spitzen der Degen, Dolche, Hellebarden an der Wand, lauerten -tückisch in allen Falten der Vorhänge. - -Ich sah wohl, daß der Böse sich nicht hatte bannen lassen durch meine -Gebete, und bald mußte ich es auch hören. - -Denn er sprach aus dem Grafen wie folgt: »Ihr mußtet sterben, um mich -fühlen zu lassen, wie verwandt ich euch bin. Mit meinem Blute habt ihr: -mein Blut hat in euch gesündigt. Wie dürfte ich verdammen, da ich, ob -auch mit Grauen, verstehe? Der Tod ist ein mächtiger Lehrer. Ich habe -die Hölle verlernt vor seinem Grauen. Sie ist nicht hinter dem Tode, -ist vor ihm: in diesem Leben, das kraft heiliger Gesetze verbietet, -wozu der unheilige Geist treibt, der in unseren Adern glüht. Ich habe -ihn stets gebändigt. Und durfte wohl stolz darauf sein: denn mein -ganzes Leben hat sich dem Gesetze geopfert. Aber siehe, mein Blut hat -sich gerächt: mein Opfer war unnütz und ein frommer Frevel. Ich durfte -rein bleiben, weil diese da alle meine Unreine in sich nahmen. Wo ist -da Gott? Wo ist da Teufel? Ich sehe, daß ihr sehr elend und von aller -Heiligkeit ausgeschlossen wart: Verworfene vor allen Menschen; und -doch überkommt mich der Glaube, daß euer Leben völliger war als das -meine, und euer Tod freier und stolzer als der der Frommen, doch noch -im letzten Augenblicke um Vorteil handeln. Ihr seid in einer großen -Gewißheit dahingegangen nach großen Sünden; ich aber, der Fromme, -bleibe voller Zweifel hier und fürchte, daß ich weder selig noch -unselig sterben kann.« - -Selbst die Stimme, in der dies sprach, war nicht des Grafen Stimme. Sie -hatte einen vollen, zuversichtlichen, tapferen Ton gehabt. Was hier -klang, war wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Es war, als schwebte -er nicht durch die Luft, sondern er glitte von den Lippen, rönne über -Kinn und Brust, tropfte den Stuhl hinab zum Teppich, kröche über diesen -weg zu den beiden. - -Mir aber gruben sich die Worte, wie matt sie auch klangen, mit einer -magischen Gewalt ein, so daß ich sie zu jeder Stunde wiederholen -könnte, wie ich sie jetzt gleichsam unter dem Diktate des Satans -niedergeschrieben habe. (Ich wage es, die Wahrheit zu sagen, in diesem -Augenblick nicht, hinter mich zu blicken, denn ich weiß: in dem Bilde -des heidnischen Ahnherrn dieser nun erloschenen Familie, das ich selber -nach einer alten Tafel im Palaste hier auf die Wand übertragen habe, -stehen jene beiden Augen. Ich weiß es, denn ich fühle ihren Blick als -einen dumpfen Druck am Nacken.) - -Immer noch starr geradeaus schauend, wandte sich der Graf nun in seinem -alten, nur etwas müderen Tone mit diesen Worten an mich: »Seht Ihr, wie -schön sie ist, Messer Giacomo?« - -Antwortete ich: »Nein, Herr. Gott verhüte, daß ich meine Blicke zu -diesem Greuel wende. Die Hexe ist nackt.« - -Sprach er, nicht zornig, aber gestrenge: »Laßt dieses Torenwort und -sprecht mit Achtung von meiner Tochter. Nackt ist sie, aber so schön, -daß nichts Schamloses an ihrer Nacktheit ist. Auch ist sie tot, und nur -im Lebendigen ist Sünde und der Schatten der Sünde: Scham oder Unscham. -Ich sehe sie an wie ein Werk des Meißels, den der Tod geführt hat, und -ich denke zurück an meine jungen Tage, da ich mich nächtens mit einer -Fackel in den Keller schlich, wo in einer Ecke die Madonna der Heiden -stand, zu der meine Ahnen einst gebetet haben: Frau Venus. Doch diese -hier ist schöner. Ich denke mir: Sie wurde so schön, weil meine Jugend -unter jenem Venusstern stand. Die Göttin, deren Bild ich mit eigener -Hand zerschlug, als der Geist des Gesetzes von mir Besitz ergriffen -hatte, hat sich gerächt, indem sie aus meinem Blute ihr schöneres Bild -gestaltete. Glaubt nur, Messer Giacomo, die Götter der Heiden sind -nicht tot. Sie leben in unserem Blute, und aus unserem Blute leben sie -immer aufs neue auf in sichtbarlicher Nachgestalt. Der Schatten des -Kreuzes ist doch nur ein Schatten, der sich nach der alten Sonne drehen -muß. Ihr blickt noch immer nicht hin?« - -»Da sei Gott vor!« antwortete ich bestimmt. - -Er aber sprach: »Ihr tut mir leid. Dieser Anblick, vor dem auch ich -mich gefürchtet habe vor wenigen Minuten noch, und es ist seitdem -doch eine Fülle von Zeit verstrichen, reicher als mein ganzes armes -Leben in heiliger Finsternis -- dieser Anblick ist kein Schrecken: -ist klare, ruhige, wohl feierliche, aber nicht gestrenge Offenbarung. -Mein schönes Kind liegt auf dem Ruhebette, wie es von Venus erschaffen -ward. Der rechte Arm ruht unter dem Haupte, die linke Hand im Haar des -Bruders, meines häßlichen Kindes, das, vor dem schönen niederkniend, -den selbstgerufenen Tod erwartet hat. Er trägt einen Mantel aus dunkel -veilchenblauem Sammet und auf dem Haupte einen Dornenkranz. Ihr wendet -Euch ab und seid empört. Mir selber tat der Anblick weh, denn es -dünkte mich unwürdig, gleich einem Schauspieler in den Tod zu gehen, -Großes nachäffend. Doch weiß ich es besser, seitdem mich das Bild, -vor dem sie gestorben sind, belehrt hat, daß er nicht als Mime starb, -sondern als Maler. Auf diesem Bilde sind die Farben noch feucht an -dem Kopfe mit der Dornenkrone, und es ist, als ob die Blutstropfen -lebendig herunterrönnen aus dem krausen Haar über die gelben Wangen. -Er hat sich die Dornen ins Haupt gestoßen, dieses Blut fließen zu -sehen, aber mehr noch zur Aufgeißelung der Kraft, die auch äußerlich -fühlen wollte, was sie innerlich ergriffen hatte. -- Ihr wißt, daß -es mir immer zuwider war, ihn die Kunst des Malens wie etwas treiben -zu sehen, das mehr ist als vornehmer Zeitvertreib. Daß ich es Euch -gestehe: Ich verachtete ihn darum, und er war mir seiner Kunst wegen -noch abscheulicher als wegen seiner Häßlichkeit und düsteren Art. Nun -lehrt mich dieser Morgen, mit dem eine helle Nacht für mich anbricht, -auch dies: daß Kunst, mit diesem Stolze heroischer Hingabe ausgeübt, zu -den größten Menschendingen gehört, zu denen, die über alle Tiefen und -Nebel hinwegtragen, wie dieser zentaurische Christus die nackte Madonna -hinwegträgt vom Felsen des Todes über qualmige Städte zur Festung -Einsamkeit. -- Ich will, hört mich wohl: Ich will in diesem Hause meine -Tage beschließen und auf diesem Lager sterben vor diesem Bild, das dann -wie alles andere von der Hand meines Sohnes mit meinem Leichnam zu -den Leibern meiner Kinder eingegraben werden soll in den Fels dieses -Berges. Immer und immer will ich es sehen, wie ihre linke Hand in -das blutige Haar des Christus-Zentauren greift, dessen blutrünstiges -Antlitz sich ihr in schmerzlichster: seligster Liebe zuwendet. Ihre -holden, gütigen, mutigen, aller Liebe vollen Augen sollen auch mir -hinüberleuchten zu jener Ruhe, die Gott selber bewacht.« - -Kaum daß der Graf geendet hatte, drang Gemurmel und Schrittgestampf vom -Gange her in den Saal, und die Stimme eines Knechtes bat um Einlaß. - -Der alte Herr erhob sich ruhig, löste seinen Pelzmantel von den -Schultern und legte ihn über die Toten. Dann zog er den Vorhang vor das -Bild und rief mit seiner alten Stimme des Befehlensgewohnten gebietend: -»Tretet still herein!« - -Sogleich verstummte Gemurmel und Gestampf. Die Knechte traten gebückt -ins Gemach, vor sich her den Wächter schiebend, der gefesselt war und -vor dem Grafen in die Knie sank. - -»Geht,« befahl der Herr den übrigen, und dem Knienden: »Steh auf und -sprich!« - -Der erhob sich und murmelte: »Ich wollte fliehen, Herr, weil ich -mitschuldig war an dem Schrecklichen, und will nun alles eingestehen.« - -Der Graf legte ihm eine Hand auf die Schulter und ergriff mit der -anderen die gefesselten Hände des Wächters. Und sprach: »Ich weiß. Doch -niemand außer dir und mir soll wissen, denn dieser (und er wies auf -mich) sieht nicht mit sehenden Augen und wird auch die anderen heilsam -blind machen. Du aber sollst zu keinem Menschen mehr reden, sondern mit -mir eingeschlossen bleiben in diesem Hause. Die Leichen meiner Kinder -im Felsen zu begraben, soll deine erste Arbeit sein; deine letzte: mit -meinem Leichnam dasselbe zu tun. Dann sollst du dieses Schloß besitzen -mit allem, was darin ist.« - -Der Wächter, diesen Spruch so wenig begreifend wie ich, der ich aber -längst die Besessenheit des Grafen erkannt hatte, beugte sich stumm -über die Hand seines Gebieters und küßte sie. - -Mir blieb nichts mehr zu tun übrig, als um Urlaub zu bitten für immer -und zu fragen, welche Botschaft ich der Gräfin bringen solle. - -Die Antwort war: »Sag meiner Gattin, daß sie mir willkommen ist, wenn -sie sich stark genug fühlt, mit mir bei den Dämonen zu hausen. Niemand -weiß ja über diese so gut Bescheid, wie Ihr. Wie ich sie kenne, wird -sie es vorziehen, sich in den Schutz der anderen Madonna zu begeben. -Und sagt ihr, wenn sie Euch dies kundgibt, von mir, daß sie recht -daran tut und daß es mich beruhigen wird, sie in dem besten Schutze zu -wissen, darin sich ein Mutterherz ausruhen kann. Ich weiß, sie wird für -mich beten. Sagt Ihr auch das. Und fügt von mir noch dies hinzu: daß -ich ihr ehrerbietig und mit dem ganzen Reste von Liebe dafür danke, den -ich für Lebendiges noch fühlen kann.« Obwohl ich dank der Klarheit, die -sich immer mehr in mir ausbreitete, sehr wohl begriff, daß das Gütige -und Wahre in diesen Worten keineswegs ein Zeichen etwa aufdämmernder -Vernunft, sondern nichts als spöttische Verstellung des Teufels war, -der diesen Geist völlig verwirrt hatte, mußte ich mich doch, mehr -unbewußt als mit Fleiße, gleichfalls auf die Hand des Unglückseligen -beugen. Meine Lippen fühlten, daß sie ganz kalt war. - -Ich ritt mit den Knechten im schnellsten Galopp zur Stadt. Der Nebel -hatte sich gehoben. Als ich mich, wir mochten etwa zwei Bogenschüsse -weit geritten sein, umwandte, sah ich das Schloß im hellsten -Sonnenlichte über dem schwarzen Walde gleichsam höhnisch leuchten. - -Morgen geleite ich die Gräfin nach Rom ins Kloster. Dort will ich auf -bessere Zeiten warten, daß ich nach Toskana zurückkehren kann. - -Zum Danke für meine Rettung aus der grausamen Gefahr, gleich meinem -edlen alten Herrn in die Verstrickung des Teufels zu fallen, habe ich -heute gelobt, nie wieder einen Pinsel zur Hand nehmen. Die Kunst ist -die schlimmste Schlinge des Bösen.« - - - - -Annemargret und die drei Junggesellen. - -Nebst einem Vorwort von den Raubrittern und dem Segen der Aufklärung. - - -Eine äußerst dunkle Zeit das Mittelalter! - -Eine äußerst unmoralische Gesellschaft die Raubritter! - -Es ist ja wahr: unsere Gardekavallerieoffiziere stammen meistens von -ihnen ab. Aber auch sie müssen heutzutage so viele Examina machen, -daß wir mit Genugtuung konstatieren können: die Wurzelbürste der -allgemeinen Bildung hat sie bürgerlich moralisiert, und kein ehrsamer -Zivilist braucht sich mehr vor ihnen zu fürchten. Ja: sie selber weinen -nun viel Druckerschwärze über die schlechten Sitten ihrer Vorfahren -und sind gar sehr betrübt darüber, daß in ihren Familien solche Sachen -passiert sind. - -Was für Sachen! Ah: was für Sachen! Man möchte wirklich manchmal daran -zweifeln, daß unsere heutigen lieben glatten Herren von, auf und zu die -richtigen Nachkommen dieser unmoralischen Rauhbeine sind, die solche -Sachen gemacht haben. - -Denn, um das gelindeste Wort zu brauchen: _saftige_ Kumpane sind sie -gewesen, diese Herren von Eisenbeiß auf Eisensteiß, und rund um sie -herum war nicht der Exerzierplatz, nicht das Bureau, sondern der dicke, -dunkle Wald. - -Der gehörte ihnen; den hatten sie lieb. Aber die Städte und die Städter -konnten sie nicht leiden. - -Was da in engen Gassen herumkroch, war ihnen ein übel tugendhaft -Gesindel: einzeln feig, in Masse frech; geschäftig und geschwätzig; -krummbucklig und scheelsüchtig; krittlich und profitlich; in allen -Dingen nach der Elle gerichtet und abgemessen; eingepackt in -Sippschaften und Zünfte; klettentreu zusammengefilzt und miteinander -verbacken in Schmutz und Schweiß und schmieriger Biederkeit. - -Sie dagegen, die edlen Herren vom spitzen Sporn und Stegreif, die -Junker Schlagdrauf, Greifzu, Haltfest, fühlten sich als Einzelne, -Eigene, Freie, und es schien ihnen ihr gutes Recht zu sein, die Säcke -der Krämer in ihre Kammern zu leeren, obwohl es die Obrigkeit nicht -guthieß. - -Denn die Obrigkeit konnten sie auch nicht leiden, außer wenn sie selber -Obrigkeit waren. - -Man ersieht aus alledem, wie ungebildet die Raubritter gewesen sind. - -Hätten sie Schulbildung genossen gehabt, so würden sie sich ohne -weiteres haben sagen müssen, daß das so auf die Dauer nicht fortgehen -konnte, und daß sie sich mit einem solchen Betragen für alle Zeit in -der Weltgeschichte ein miserables Renommee schaffen mußten. So ist es -auch gekommen. Die Tugend hat gesiegt; überall herrscht Ordnung und -Gesetz; jede Körperverletzung wird unnachsichtig bestraft; wer seinen -Mitbürger an seinem Eigentum schädigt, kommt, mit oder ohne Wappen, -hinter Schloß und Riegel: und die ganze gebildete Menschheit hat alle -Ursache, jene abscheulichen Zeiten höchst verächtlich zu finden, mit -sich aber sehr zufrieden zu sein. - -Nur Degenerierte und Dichter (was auf eins hinausläuft) sind imstande, -an diesem Chorus der Freude nicht mit teilzunehmen. Sie allein vermögen -es auch, dem Raubrittertume noch einigen Geschmack abzugewinnen. - -Es muß da irgendeine Verwandtschaft bestehen. Vielleicht war das -Raubrittertum eine Art angewandter Lyrik? Vielleicht ist Lyrik eine Art -verhindertes Raubrittertum? Wie es auch sei: dem tüchtigen Bürger sind -beide gleich unsympathisch, und dieser Umstand beweist allein schon, -daß sie irgendwie zusammengehören. - -Da mir an meiner Reputation gelegen ist, und da ich nicht wünsche, daß -die Geheimrätin X. und der Schuhmachermeister Y. sich darauf einigen, -mich für einen verspäteten Raubritter zu halten, darf ich nicht -unterlassen, hier zu erklären, daß ich nicht zu jenen Raubritterpoeten -gehöre, daß ich, wie sehr auch der Anschein gegen mich sprechen mag, im -Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte bin, und daß ich mit der kleinen -Geschichte von Annemargret und den drei Junggesellen keineswegs das -abscheuliche Ziel verfolge, zum Mädchenraub aufzufordern. - -Diese Geschichte ist vielmehr durchaus moralischer Natur und beweist -aufs klarste, daß das Mittelalter wirklich finster war. - -Stellen Sie sich vor, sie spielte nicht damals, sondern heute. Würde -sie mit Mord und Totschlag endigen? O nein! Es gäbe ein niedliches -kleines viereckiges Verhältnis; nichts weiter: wie es sich für -anständige junge Leute aus guter Familie ziemt, schickt und paßt. - -In Wahrheit hat sie sich auch so begeben, und Annemargret fährt heute -auf Gummirädern. Ich habe sie erst gestern Unter den Linden gesehn. - -Seien wir stolz! Seien wir heiter! Es lebe die Aufklärung. - - -Und nun die Geschichte. - -Es waren einmal drei junge Junggesellen, recht adelige Burschen: -nämlich Söhne eines alten Raubritters. - -Der war aber tot und lag mit seiner Frau, der weiland Raubritterin, in -seinem Erbbegräbnisse tief im Walde. Sein Wappen, ein behelmter Wolf, -der eine dreigespaltene Zunge sehr rot und im zierlichsten heraldischen -Schnörkelschwunge aus dem raffzähnigen Rachen bleckte, lag in Stein -gehauen über ihm; und das war gut, denn damit war die Sicherheit -gegeben, daß der alte Raubritter den Landfrieden, den er dem Tode hatte -schwören müssen, auch wirklich hielt. Es wäre ihm schon zuzutrauen -gewesen, daß er auch noch als Gerippe auf Krämer ausgeritten wäre. - -Seine drei Söhne: Welf, Ralph und Rolf, besorgten das ja auch, aber -doch nicht mit der ganzen väterlichen Leidenschaft. Sie taten es -nur berufshalber und wenn die Münze ausging, nicht aus Sport und -innerlichem Bedürfnis. Die Jagd war ihnen vergnüglicher, und sie -hetzten den Bären lieber als den Juden. - -So lebten sie recht angenehm bewegt in ihrem alten Schlosse am Walde, -tranken sowohl roten als auch weißen Wein in beträchtlichen Mengen und -aßen vielen saftigen Braten dazu, den ihnen ihre alte Haushälterin, -die ehr- und tugendgeachtete Jungfrau Barbara, genannt das Reibeisen, -gar vorzüglich am Spieße zu braten verstand. - -Aber eines Tages, gerade, als sie einen Rehrücken am Spieße hatte und -emsig drehte, sagte sie plötzlich ohne ersichtliche Ursache: Mein -Jesus, Barmherzigkeit! fiel hin und war tot. Der Rehrücken verbrannte, -der Brandgeruch, erst ganz angenehm, dann schon mehr unlieblich, stieg -bis ins Turmgemach, wo Welf, Ralph und Rolf sich eben die Würfelknochen -unter erklecklichen Flüchen ins Gesicht schmissen, und lockte die -Brüder zur Küche. - -Da wurden sie sehr traurig, als sie das Reibeisen tot auf dem -Steinboden liegen sahen, schlugen hastige Kreuze und fluchten -mörderlich. - -»Wer soll uns nun kochen und braten!« rief Welf. - -»Sie konnte es so schön knusperich!« klagte Ralph. - -»Und dennoch blieb er innen saftig!« bemerkte Rolf. - -»Du mußt jetzt den Spieß drehen!« entschieden Welf und Ralph, die -beiden ältesten, indem sie sich zu Rolf, dem jüngsten, wandten. - -»Ich werde euch den Spieß in den Bauch rennen!« bemerkte dieser -gelassen. - -Darauf prügelten sie sich eine Weile mit Hingebung. - -Aber damit war die Dienstbotenfrage nicht erledigt. - -Da kam Welf'n ein guter Gedanke: »Laßt uns eine Köchin aufheben!« - -»Ha!« riefen die anderen und umarmten ihn, »_das_ ist eine _Idee_!« - -»Legen wir uns an den Kreuzweg am Unkenteich, wenn die Dorfdirnen zur -heiligen Urschel paternostern gehen!« schrie Welf, der entschieden der -Taktiker unter den dreien war. - -»Ha!« riefen die anderen, »das ist _wieder_ eine Idee!« - -»Machen wir aber schnell, denn ich bin hungrig!« brüllte Welf mit -ritterlichem Ungestüm. - -»Los!« brüllten die anderen. - -Und sie stiegen in die Rüstkammer, schnallten sich die Harnische um, -ergriffen die gewaltigen Schlachtschwerter, vergaßen auch nicht die -dicken Streitkolben, setzten sich die Helme mit den Wolfsrachen aufs -lockige Haupt und schwangen sich auf die ebenso mutigen wie dicken -Rosse. - -Hei, wie wieherten die, als es im Donnersaus über die Zugbrücke ging -und dann am Walde entlang zum Unkenteiche! - -Der alte Christoph, der einzige Knecht, der den dreien nicht -davongelaufen war (weil er Rheumatismus hatte und nicht laufen konnte) -und der nun alle männlichen Ämter bekleidete, die es auf einer -rechtschaffenen Ritterburg gibt, zog die Zugbrücke wieder hoch und -knurrte in seinen grauen Bart: Wenn sich wenigstens einer von den -dreien den Hals brechen wollte! - -Dann ging er hin und wunderte sich, daß das alte Reibeisen tot war. - -Unterdessen lagen die drei Junker hinter den Kreuzwegbuchen am -Unkenteiche und ließen die Weiblichkeit des Dorfes Sankt Ursula Revue -passieren, die in die Kapelle zum Rosenkranz ging. - -Es waren aber meistens alte Weiblein, die da mit dem Rosenkranz -vorbeihumpelten, und die drei hatten auf dem Hinritt beschlossen, keine -Alte zu fangen. Denn, wie Rolf sehr richtig bemerkt hatte: Eine Alte -stirbt bald, und dann haben wir gleich wieder Wechsel. Und sich ewig an -neue Köchinnen gewöhnen müssen, ist lästig. - -Eine Junge also! Den Spieß drehen und Betten machen kann schließlich -jede, und die richtige Reibeisentradition wollen wir ihr schon -beibringen. - -Aber, wie nun auch Junge vorüberkamen, setzten sie doch ihren Gäulen -nicht sogleich die Zinken ein und fuhren drauflos, sondern es gab über -jede ein kritisches Gewispere und mancherlei Aussetzungen hinter den -Buchen; - -Zu dick! - -Zu dürr! - -Läuft über die große Zeh! - -Zu braun! - -Zu blaß! - -Hat scheelen Blick! - -Hat keine Brust! - -Watschelt! - -Zu lang! - -Zu kurz! - -Krummbein! - -Schiefmaul! - -Knollnase! - -Satthals! - -Pinkel im Gesicht! - -Leberfleckig! - -Warzenacker! - -Und so, streng kritisch, immerfort, daß man hätte meinen sollen, es -handele sich hier gar nicht darum, eine Köchin zu rauben, sondern eine -künftige Burgherrin für Wolfsturm. - -Da kam aber eine, in einem kurzen, roten Rock mit schwarzem Mieder, aus -dem, um einen vollen, weißen Arm, die weißen Hemdärmel sauber blitzten: -und die gefiel allen dreien offenbar ganz über die Maßen wohl. Sie -hatte ein frisches, rundes Gesicht, mit ein Paar allerliebsten, -lachenden Augen darin, die schwarz und funkelnd waren wie reife -Brombeeren. Schwarz und glänzend war auch das volle Haar, das in einem -dichten Kranze doppelt ums Hinterhaupt ging. Dazu wohlbeschlagen im -Mieder, kräftig im Gehwerk, kurz: nett ganz und gar und etwa achtzehn -Jahre alt. - -»Die!« stieß Welf hastig hervor. - -»Ha!« stieß Ralph nach. - -»Los!« kommandierte Rolf. - -Und, heissa, heidi, klapp, klapp, klapp! brachen die Gäule aus dem -Unterholz und sperrten den Weg. - -»Jesusmariaundjos...!« schrie die Kleine auf und guckte erstaunt die -Geharnischten an. - -»Halt!« donnerten die drei Junker. - -»I steh ja schon!« antwortete das Mädchen und zog trotzig die Lippen -hoch. »Was soll i denn noch?!« - -Viel Furcht hatte der Balg nicht. - -»Aufs Pferd zu mir!« schrien die grimmigen Brüder. - -»Auf alle drei Pferd?« antwortete das Mädchen und lächelte dazu. - -»Auf _mein_ Pferd!« brüllte jeder einzelne und preschte vor. - -Das Mädchen ließ den Rosenkranz fallen und flüchtete hinter einen Baum. -So, einstweilen sicher, drehte sie den drei Gaulgebietern himmlisch -vergnügt eine Nase. - -»Kommst vor!?« drohte Welf. - -»Kommst her!?« drohte Ralph. - -»Wart Balg!« rief Rolf, sprang vom Pferde, packte das Ding, hob's in -den Sattel, sprang nach und sauste davon, gerade wie die beiden anderen -abgesprungen waren. - -Die kletterten, unsäglich fluchend, wieder aufs Schlachtroß und -galoppierten, Pferdenase an Pferdenase, hinter dem Flüchtigen drein, -der in einer Weise lachte, daß sich die ältesten Eichen nicht -erinnerten, je ein solches Lachen gehört zu haben. - -An der Zugbrücke, die der alte Christoph natürlich wieder nicht -rechtzeitig hochgezogen hatte, trafen sich die drei. - -Das mindeste, was Welf und Ralph vorhatten, war, den schnöden Rolf -ans Brückentor zu nageln. Die Schwerter hatten sie schon heraus und -fluchen taten sie auch, wie es der Situation angemessen war. Aber Rolf -war nicht geneigt, sich annageln zu lassen. Er zog gleichfalls blank, -warf den Gaul herum und legte aus. Dazu brüllte er gewaltig, und, da -die beiden anderen nicht weniger brüllten, so gab es einen richtigen -Raubritterspektakel. - -Das paßte der Kleinen aber gar nicht. Sie hielt sich beide Ohren zu -und schrie in das Getöse: »Ob ihr gleich stille seid?! Wenn ihr euch -erstechen wollt, so laßt mich wenigstens vorher in die Burg!« - -Da sanken den dreien die Schwerter. - -Richtig! Darauf kam's ja am Ende bloß an: daß die Kleine in die Burg -kam. - -Schlump! fuhren die Klingen in die Scheiden, und Hahaha! und Hohoho! -lachten die Reisigen, daß den Rossen ganz übel im Bauch wurde von der -Erschütterung. - -Die Kleine aber sprang vom Pferde, schüttelte die zerknillten Röcke, -rieb sich ein bißchen in der Gegend, die den Sattel gefühlt hatte, und -rief: »Also gut, ihr unverschämten Junker, jetzt geh' ich in eure Burg. -Da mag's nett aussehen! Na, ich bin bloß gespannt, was ich da drinnen -soll, in dem alten Wolfszwinger.« - -»Braten, Jungfer, hahaha!« - -»Betten machen, hohoho!« - -»Strümpfe stopfen! Wämser flicken!« - -»Weiter nichts? Das kann ich gut und noch viel mehr.« - -Mit diesen Worten schritt die kecke, kleine Bestie über die Zugbrücke, -als hätte sie zeitlebens keine andere Schwelle gekannt, zupfte den -alten Christoph, der völlig Glasaugen gekriegt hatte vor blödem -Staunen, am Bart, ging, während die zwölf Hufe über die Brücke -donnerten, geradeswegs zum inneren Burghofe, guckte sich gelassen um -und rief: »Ja so! Wieviel Lohn krieg ich denn?« - -»Einen Dukaten für den Braten!« lachte Welf. - -»Zwölf Batzen fürs Schüsselauskratzen!« lachte Ralph. - -»Zehn Groschen für die süße Goschen!« lachte Rolf. - -Mit der zufriedenen Heiterkeit, die sich nach wohlgetanen Werken bei -allen Menschen von frisch zugreifender Sinnesart einzustellen pflegt, -sprangen die drei jungen Junggesellen von ihren Pferden, griffen, -hübsch einer nach dem andern, dem Mädchen unters Kinn und fragten: -»Jetzt aber: wie heißt die Jungfer!« - -»Annemargret, wie sie geht und steht, die die Betten macht und den -Bratspieß dreht.« - -»Ich weiß noch einen Reim drauf!« erklärte Rolf. - -»Na?« - -»Die mit dem Junker ins Be...« - -Aber da hatte er auch schon einen derartigen Klapps auf dem Munde, daß -er einstweilen das Reimen sein ließ. - -Klappse, die der eine kriegt, stimmen die andern heiter. Das war auch -schon in den alten Raubritterzeiten so. Und deshalb ist es kein Wunder, -daß Welf und Ralph sich jenes Mal vor Lachen so weit bogen, als ihre -Harnische zuließen, während sich Rolf unterm Schnurrbarte rieb und -etwas unwirsch bemerkte: »Racker verdammter!« - -Indessen war Annemargret aber schon in der Küche verschwunden, und aus -allerlei Geräuschen konnten die drei Brüder entnehmen, daß das resolute -kleine Mädchen bereits dabei war, die so jäh unterbrochene Tätigkeit -der seligen Barbara aufzunehmen. - - * * * * * - -Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten -einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, daß es im -Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete -Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn -Annemargret war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht -überlegen. Vielleicht _machte_ sie den Braten nicht gerade besser als -die am Bratspieß selig Entschlafene, aber, daß er besser _schmeckte_, -daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt -ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in -Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten, -kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller -von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man -sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein -versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es -von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist. - -Vielleicht war Barbara das bessere Gemüt, die frommere Seele gewesen: -aber so aufbetten wie Annemargret hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert -hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß -der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen, -das Leintuch glattgebreitet wurde -- wenn nur immer der Schlaftrunk -handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen -Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man -auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte -und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins -Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz -gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche -Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich -gefallen ließ, daß die Lederwämse Nähte in den Wolfsturmschen Farben, -blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die -geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge -getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms -waren. Annemargret hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten -und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen -lassen -- lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden -Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte -Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben -worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen -Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten -früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte. - -Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime -wirklich behaglich fühlte. - -Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber -unentbehrliche Mädchen. - -Da Annemargret die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war, -eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und -Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu -fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgendeinem Herzoge drohte, -der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargret selber recht -schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei -Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen -angeborenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden, -sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden -Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das -Wolfssturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu -versprechen, zu verheißen und zuzusagen. - -Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe -von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich -damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten -nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch, -daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein, -Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitige -- womit -denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent -nicht mehr existierte. - -Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber. - -Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie -Mandelöl. - -Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen. - -Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere -Hantierung. - -Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein -vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf, -der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die -große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber -- sang. - -Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte -stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen, -gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime -auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des -Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab. - -Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den -Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walter von der -Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Bein. Doch gehörte -das eine Beinpaar der Annemargret. Auch dichtete und sang er in -dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum -poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung -des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung -auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit -dienlichen Stellen, Gleichklangsstudien unter Zugrundelegung des -Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest -aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen. - -Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in -praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin -von Wolfsturm klarzumachen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen -würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit -Wölfen und Bären Stelldicheins hatten. - -Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug -auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch, -in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und -wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er -mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns -Hirschen lüstete. - -Derlei Reden, hin und her geschleudert wie Jagdspieße, trübten den -Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargret -so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor -wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen -geblieben. - -Aber, ei, wie war Margretlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn -die anderen draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch -mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war. - -Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel -zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand -sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefüge Ding im Arm, -das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von -Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und -flüsterte: »Lieb's Welfle du, was bist du stark!« - -Ralph aber kriegte sein Teil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort, -wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen, -saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven -Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so -nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm -wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang, -wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist du g'schmeidi!« - -So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margretenkorbe und lachte -heimlich die anderen aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner -wußte, daß _ein_ Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin -es nur einzuteilen weiß. - -Ein bißchen dumm waren die drei jungen Junggesellen schon, wie man -sieht. Aber was will man bei so ungenügenden Volksschulverhältnissen, -wie sie in den Raubritterzeiten herrschten, anders verlangen? Es war -halt das finstre Mittelalter. - -Also: gut ging's im allgemeinen. Es kriegte jeder sein Annemargretisch -Teil, und, ein paar Verdachtswolken abgerechnet, die sich hier und da -über dem Haupte Rolfs gleich schwarzen Kutteln himmlischer Riesenkühe -zusammenzogen, trübte nichts die verliebte Selbstsicherheit jedes -einzelnen. - -Ralph blies bereits schelmische Triller auf der Klappentrompete, Welf -verübte ganz virtuos leidenschaftliche Donnerwetter der Liebe auf -der Kesselpauke, und Rolf hatte ungefähr sämtliche Reime beisammen, -die die deutsche Sprache auf et hergibt. Es wurde fast idyllisch auf -Wolfsturm und sämtliche Bewohner dieses adeligen Sitzes, Christoph und -die gewaltigen Streitrosse nicht ausgenommen, setzten einigermaßen Fett -an. - -Da kam das Schicksal in Ritterstiefeln und trat alles entzwei. - -Es war ein schöner, klarer Herbsttag und die Weinlese eben vorüber. - -Welf saß oben auf dem Geländer des Turmumgangs und guckte aus. -Plötzlich rief er in den Hof hinab, wo Margaret eben die drei Paar -Ritterstiefel im Brunnentrog spülte: »Ralph und Rolf: wo stecken die -Junker!?« - -»Im Keller und klopfen die Tonnen ab, wieviel noch Wein drinnen.« - -»Ha, das ist gut, bei meiner Seel'! Ruf sie herauf!« - -Annemargret schickte ein gutes Blickchen empor, das mit -eisengepanzerter Kußfaust sehr ritterlich erwidert ward, beugte sich -zu einer allerliebsten Rundung zusammen, daß Welf beim Anblick der -kühn ausgebogenen Hinterfülle vor Entzücken stöhnte und rief mit süßer -Stimme ins dunkle Kellerloch: »Junkerchen, herauf! Der Welf hat was!« - -Ralph und Rolf traten gebückt aus der niederen Kellertür und schrien -zum Turm: »Hallo, was ist?« - -»Gewimmt[3] ist! Die Bauern fahren das Praschlett[4] zur Stadt.« - - [3] Tirolisch für Weinlesen. - - [4] Die Maische. - -»Alle Teufel und Satansbrut!« rief Ralph -- »schon?« - -»Ei freilich! Es ist die Zeit! Ihr ließt wohl alles den Krämern in die -Löcher fahren, säß ich nicht hier und guckte aus. Wie steht's in den -Tonnen?« - -»Nieder!« antwortete Rolf. »Die Traminerin klingt hohl wie deine Pauke.« - -»Und den Malvasier kann eine junge Katze auslecken,« fügte Ralph hinzu. - -»So denn mit Eilen in Stiefel und Sattel und hurtig Ersatz geschafft!« - -Welf schwang sich vom Gelände und polterte die Treppe herab. - - »Her die Stiefel, Annemargret, - Her die Stiefel, eh es zu spät!« - -sang anmutigen Eifers voll der nie um Reime verlegene Rolf. - -»Sind alle noch naß!« gab die zurück. - -»Was schiert mich das!?« reimte Rolf entgegen und fuhr in die -patschnassen Lederhöhlen. - -Indessen brüllte Ralph nach den Pferden, rumorte Welf im Waffengelasse, -klirrte Christoph mit den Zaumketten, klapperten die Gäule aus dem -Stalle, lachte und kicherte Margret. Kurz: Wolfsturm machte mobil. - -Wie die drei glücklich im Sattel saßen und den Schlußtrunk genommen -hatten, den Annemargret jedem erst annippen mußte, ehe sie ihn dem vom -Gaul Gebeugten in die Eisenpfote gab, wurde der Kriegsplan gemacht. - -»Ich reit auf die Traminer!« erklärte Welf. - -»Ich hol' den süßen von Margreid!« entschied sich Ralph. - -»Ich will mich hinter Urschel nach Schilcher[5] umtun!« gab Rolf kund. - - [5] Schillerwein, halb weiß, halb rot. - -Aber Annemargret protestierte: »Nix hinter Urschl! Urschl hat's -schriftlich! Ihr seid mir die Nettern!« - -»Ho, die Urschl-Margret, hohohoho!« lachten die drei. - -»Also reit ich anderswohin auf den Schilcher, daß uns Annemargretlein -nit sauer wird, die Urschlerin!« erklärte Rolf. »Bleibt sie uns dann -süß?« - -»Süß allen dreien!« lachte das Mädchen und stemmte die Arme in die -Seiten, fest und keck wie eine flinke Bäuerin. - -»Fallt's mir fei' mit ins Praschletschaff«[6], fügte sie hinzu, wie die -Junker abritten. - - [6] Maischbottich. - -Dann stand sie noch lange und blickte den nach drei Richtungen -auseinandersprengenden von der Mauer aus nach und ließ jedem ihr -Tüchlein zuwehen, wenn er sich umwandte und ihr mit der gepanzerten -Faust winkte. - -Sind doch alle drei recht liebe Junker, dachte sie sich. Jeder hat was -besonders Liebes. Der Welf ist wie ein Bär so kräftig und grimmig. Huh, -wie er zupackt! Schier blaue Flecke gibt's und ist doch gar lieb. Der -Ralph ist nicht so ganz stark, aber hitzig. Küßt er, ist's wie ein Biß, -und der Atem geht einem aus vor lauter Schönsein. Aber der Rolf hat -was gar Zart's und Fein's und kann reden, daß man die Augen zumachen -muß, -- so lieblich schwatzt er. Wenn er so leise um die Hüften greift, -geht's kitzlich überallhin, als wenn jed's Blutströpfel im Leibe lachen -sollt'. Lacht auch jed's. -- So ist's mit allen dreien, wundergut in -Heimlichkeit. Möcht' keinen missen. Muß aber immer fein schlau und -achtsam sein. Hu, wenn der eine mich mit dem anderen säh. Das gäb böses -Getu. - -So sinnierte sie aufs angenehmste vor sich hin. Dann ging sie aufbetten. - -Wie sie mit den Junkerbetten fertig war, dachte sie sich: Will doch -heut die dreie mit dem Wein im Putz überraschen! Und ging in ihre -Kammer, den Sonntagsstaat anzulegen. - -Schon damals, in den wilden Raubritterzeiten, zogen sich hübsche -Mädchen gerne aus und an, und, wenn die Spiegel auch gar klein und -trübe waren, sie sahen sich doch gern darin. Es war also das Anziehen -eine liebliche Beschäftigung für die Kleine, und als sie ihre Röcke von -sich hatte und im kurzärmeligen Leinenhemdchen dastand, da drehte sie -sich wohl viele Male vor dem Spiegel hin und her und betrachtete sich -selber mit viel Aufmerksamkeit, Ernst und Genugtuung. - -Da, plötzlich ging die Kammertür auf, und Junker Rolf stand auf der -Schwelle. - -Aber nicht lange. Denn kaum hatte er das Mädchen in dieser auch für -Junker besonders lieblichen Verfassung gesehen, da war er mit einem -Satze bei ihr und umfing sie mit den geharnischten Armen. - -»Hu, bist du kalt!« rief sie erschrocken aus, die über der Kälte dieser -eisernen Umarmung ganz vergessen hatte, daß sie sich erst schämen mußte. - -Aber auch ihm war das Eisen jetzt unbequem. Hastig entschiente er -sich, und krach, bumm, knirr flogen die Harnischteile von ihm, und er -stand im Lederwamse. Es ging viel schneller als sonst mit dem alten -Christoph. - -Nun war es gar nicht mehr kalt, wie er sie umfing. - -Eine Weile hatten die Lippen mehr zu tun, als zu reden. - -Dann aber fragte Margret: »Ja, aber, daß ich das Pferd nicht auf der -Brücke gehört hab'! Und wo ist denn das Praschlet?« - -»Draußen angebunden das Pferd! Praschlet mögen die anderen bringen! -Du bist mir lieber, als aller Wein! Du, mein rotweißer Schilcher und -süßer Malvasier! Lieb's Ding im Rock, viel lieber noch im Hemd! Du! Du! -Du! Oh, was du weiß und weich bist! Dräng dich, drück dich, leg dich -mir nah! O du mein Wein von Ursula! Du heiße, weiße, voll und rund! -Gib deinen Mund! Gib deinen Mund! Und wieder, wieder! Gretlein, mein -Mädlein!« - -Sie aber sagte nichts und küßte bloß. - -Da: Treppengepolter. Da: Rasseln vor der Tür. Da: krach eine Faust -wider das Türgetäfel. - -Rolf sprang auf und sprang zur Tür, -- g'rad vor die Brust Welfs, der -sie eben aufgerissen hatte. - -Ein Heulen wie aus Wolfsrachen, ein Stoß mit der geschienten Faust vor -Rolfs Brust. Der taumelt zurück, bückt sich, sucht sein Schwert. - -Aber schon wirft sich, mit beiden Fäusten sein Schwert nach unten -stoßend, Welf über ihn und rennt dem Gebückten den Stahl durch den -Rücken. - -Starr saß Annemargret im Hemd auf dem Bett und hielt kindängstlich die -Finger an den Mund. - -Jetzt ... kommt ... das Schwert ... zu mir ... - -Welf zog das Schwert aus dem verröchelnden Leibe, warf es nieder und -stellte sich vor der Starrenden schnaufend auf. - -»Dich ... drossl' ich ... so ...« - -Er streckte die auseinandergekrallten Eisenfinger nach ihrem Hals. - -Sie sank vom Bett und kniete vor ihm bettelnd nieder. - -»Lieb's Welfle, stark's, sei gut ...!« - -Und nimmt die beiden eisernen Hände und legt sie sich auf die -hochgehende Brust und lächelt. - -»Du! ... Du! ...« - -Er hebt sie hoch auf und wirft sie aufs Bett, und nimmt sie wieder hoch -und preßt sie wütend, klammernd an sich, und nimmt sie wie ein Kind auf -den Arm und trägt sie in der Kammer herum und schluchzt und brummt und -küßt sie und erdrosselt sie halb vor Grimm und Liebe. - -»Heioh! Heioh! Der Süße von Margreid! Zehn Yrn[7] und gutgemessen! -Heioh Margret, für dich der Süße von Margreid!« - - [7] Altes Tiroler Weinmaß. - -Ralph hielt im Burghofe neben einem Parschletfuder, das zwei geknebelte -Knechte eben eingeführt hatten. - -»Für dich der Süße von Margreid! Da, schau Margret!« schrie Welf und -trat mit dem Mädchen auf dem Arm ans Fenster. - -»Was tust du da!« brüllte Ralph, bebend vor Zorn, als er das sah. - -»_Meine_ Margret! _Meine_ Margret!« brüllte Welf. »Willst du sie auch -noch? So komm und hol sie.« - -Mit einem Satze sprang Ralph vom Pferde und die Treppe hinauf. - -Welf setzte Margret aufs Bett, hob sein Schwert auf und stürzte hinaus. - -Draußen auf der Treppe rasselten sie aneinander. Brüllen. Fluchen. -Schnaufen. Gepolter. Ein Schrei. - -Ralph rollte, erschlagen, die Treppe hinunter. - -»Hahahaha! Hahahaha; Annemargret, jetzt sind wir allein! Geh in den -Keller und hol, was noch im Fasse ist! Ei, geh immer im Hemd! Sollst -mir fürder im Hemde gehn! Denn so hab ich dich doppelt lieb, du mollig -Ding!« - -Annemargretlein -- lächelte und ging. Mit beiden Händen den Humpen -tragend kam sie wieder. - -»Trink an, mein Schätzel!« - -Sie nippte und bot ihm den Humpen. Er nahm einen langen Zug. - -»Nun lös mir die Riemen und nimm mir die Schienen ab ... So, mein liebs -Ding ... Und küsse mich auch! ... So, mein liebs Ding! ... Und setz -dich mir auf den Schoß! ... So, mein liebs Ding! ... Ei, ist es nicht -besser zu zweit? ... Sag's, mein liebs Ding!« - -»Ja ...« - - * * * * * - -Nun lagen Ralph und Rolf draußen im wilden Walde bei ihrem Vater, dem -alten Raubritter, im Erbbegräbnis, und die ehrsame Steinmetzzunft der -Nachbarschaft hatte Arbeit, ihnen das Wappen auf ihren Grabplatten -auszuhauen. Das Blut auf der Treppe und in Margrets Kammer war zwar -nicht so leicht abzuscheuern, aber man sah es bei der Dunkelheit, wie -sie in Raubritterburgen gewöhnlich herrschte, auch nicht eben sehr, und -überdies war Margret ausquartiert. - -Somit wäre also alles gut gewesen, und es blieb eigentlich nur noch -die Fahrt zum Heiligen Grabe übrig, die Welf, um nicht unliebsames -Aufsehen zu erregen, doch wohl unternehmen mußte. Denn, wenn auch -die Polizei damals zu wünschen übrigließ, wenn es sich um ritterliche -Familienangelegenheiten handelte, so hatte der Beichtstuhl doch seine -Prinzipien, und _alles_ ließ sich am Ende nicht mit ein paar Messen -oder auch Stiftungen abmachen. Aber es hatte ja Zeit. - -Indessen kam es böser. - -Zuerst kam Welf bloß unter den Pantoffel. - -Das war nicht angenehm, ließ sich aber doch ertragen, denn Welf -war sehr verliebt, und Annemargret ließ es an nichts fehlen, diese -Verliebtheit immer warm zu erhalten. - -Aber eine Weile hin, und sie kriegte Launen. - -Und das war schlimmer. Denn Unfriede in der Liebe geht auf die Nerven --- sogar bei raubritterlichen Junkern, denen selbst ein paar eilige -Brudermorde noch lange keine Nervenzustände zuziehen. Das Schmollen -bald und bald Zanken, das Kammertürverriegeln und Beichtevorschützen -und dann wieder das Gebettel: »Geh, ein Ringlein ins Ohr, ein Kettlein -um'n Hals, ein seiden Fürtüchel, ein Paar rote Schuh! ...« Hol's der -Teufel und sein schwänzig Gesinde! - -Indessen: man ritt halt öfter auf die Krämer; man wetterte mal und -brüllte sich aus; tat dann auch wieder recht fein und lieblich um den -Balg, und schließlich war der am guten Ende auch wieder fein, und es -schmeckte die Liebe um so süßer, wenn vorher der Zank recht sauer -geschmeckt hatte. - -Aber eines Tages, just, als es anfing kalt zu werden und Welf die -Fenster mit Moos ausfütterte, kam Annemargret, ein Bündel in der Hand, -auf ihn zu und sagte ganz kurz: »Junker, i geh!« - -»_Was_ tust du!! ...?« - -»Aufkünden tu i. Heim mag i.« - -»Wa ... as?? ...!« - -»Ja, sell.[8] Is mir zu öd hierheroben jetzt.« - - [8] Das. - -»Wa ... as??? ...!« - -»Früher, wo ihr dreie ward, is ja gangen. Hättst halt nit den Ralph -derschlagen und den Rolf. Die Langweil hab i.« - -Dem Junker schwollen die Schläfenadern. - -»Also, ich allein bin dir nicht genug. -- Du ... du ... ha!« -- - -»So is.« - -»Also die andern fehlen dir!!?« - -»Freili!« - -Sie ließ die Schürzenbänder wirbeln und legte den Kopf auf die Seite. -Das war ihre Trotzpose. - -Da ging dem Junker Welf der Ritterzorn durch, und er gab ihr eine -Ohrfeige, daß die Trotzpose auf die andere Seite verlegt wurde. Ein -Glück, daß er die Eisenhandschuhe nicht anhatte. Es langte auch so. - -»Jetzt geh i erscht recht!« sagte sie, heulte gar nicht mal erst lange, -nahm ihr Bündel auf, drehte sich um, daß die Röcke flogen, und ging. - -Welf war ganz starr. Dann überlegte er sich, ob es nicht das beste -wäre, sie auch totzuschlagen. Aber da er zum Überlegen immer sehr viel -Zeit brauchte, war sie schon zum Tore hinaus, als er damit fertig -war. Übrigens hatte er sich auch anders entschieden. Er war keines -heroischen Entschlusses fähig. Wie vor den Kopf geschlagen saß er da -und riß das Moos in Flocken. Dann sprang er plötzlich auf, stieß ein -Fenster ein und brüllte hinaus: »Luder! Luder!« - -Einen eisernen Topf, der gerade neben ihm stand, schmiß er in -gewaltigem Bogen hinter ihr drein. - -Sie aber stand jenseits der Zugbrücke und drehte ihm eine lange Nase. - -»Bhütigod, grimms Welfle, verkühl di nit!« - -Welf tat einen grausamen Fluch, reckte die Arme, haute aufs -Fensterbrett, brüllte, daß die Scheiben klirrten, riß sich am Bart und -rannte in die Waffenkammer. Rasend rührte er dort das Instrument seiner -Leidenschaft und paukte in Donnerwirbeln seinen Ingrimm aus. - -Wie er nicht mehr konnte, sank er auf die Rüstbank nieder und fühlte -sich leichter. - -Und siehe: es ward ihm weich zu Sinne, und in seinem Gemüt war eine -welke Empfänglichkeit für christliche Gedanken. - -»Christoph!« rief er, und in seiner Stimme klang seltsame Milde. - -»Ja, Herr!« antwortete der. - -»Haben wir noch einen Pilgermantel mit Muscheln?« - -»Ja, aber recht schäbig sieht er aus, sind die Motten drin, und ein -paar Muscheln gehen ab.« - -»Macht nichts! Bürste ihn aus und nähe die Muscheln fest. Ich walle -nach Jerusalem!« - -»Wo ... hin!?« - -»Frage nicht -- bürste!« - -Christoph sperrte den Mund auf und wunderte sich. Dann bürstete er den -Pilgermantel derer von Wolfsturm und freute sich, daß er nun auf eine -Weile keine Stiefeln mehr zu putzen haben würde. - -Erst drei Paar, dann ein Paar, dann kein Paar! - -So steht Gott seinen treuen Knechten bei und verhilft ihnen zu einem -ruhigen Alter. - - - - -Der mutige Revierförster. - - -König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber -immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der -mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe -Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel -Mühe und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte. - -Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte, -weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein, -nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes, -sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die -sich durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe -oder durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem -Charakter in der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme -des Titels von Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner -ernsthaften Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich -Reputierliche besaßen. - -Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl -bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die -Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der -Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, -dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. -Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen -und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien -den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und -Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung. - -Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für -sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften -Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem -in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht -auch noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines -Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte -ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden -wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die -Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des -Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein -ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit -ein scharmanter König geworden war. - -Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des -Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und -Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung -jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten -Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im -schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von -denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der -Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter -allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu -folgen. - -Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, -kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten -Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht -keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und -die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt -zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch -ist schwach. - -Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender -Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der -genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, -seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu -Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder -nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme -durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu -bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem -angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den -kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr. - -Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, -wenn der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen -Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache -auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche -Gefühl zu verletzen, um einen ~dolus eventualis~ auf dem besonders -heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt -sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den betreffenden (in -den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder Dichter) beiseite -und flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): »Sie, Ihr -Hosentürl ist offen,« oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen -orientierenden Blicke: »Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.« Ja, -es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu -frivolen Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: »Sie, -verlier'n S' fei' nix!« - -Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man -kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus -keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die -es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über -welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt -eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen -höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister -Baron von Bemsl, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet -höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die -schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als -königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben, -erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten: dieser Fall sei von -einer Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, -sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte -er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie -über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin -(er liebte dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht -entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu -beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen -brauche. - -»Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts -wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« bemerkte der -Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes -jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte _äußerst_ schnell -eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges -eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier -weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht -auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus -dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte Gegend -fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn -sämtlich, ich sage Ihnen: _sämtlich_ nicht ins _Gesicht_ sehen, -sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist von -einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst -dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen -_selber_ handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort -versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte -Würde des Königstums zu retten! ~Hic Rhodus! Hic salta!~ Walten Sie -Ihres Amtes!« - -Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, -in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die -plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser -grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die -ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation -aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung -wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem -inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der -Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig -zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine -Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel -gehörte in _sein_ Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war. - -Sollte er vielleicht doch? ... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem -Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König -herantreten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: »Majestät -haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...« - -Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das _geht_ ja doch -nicht! Niemals noch, solange es Zeremonienmeister gibt, haben -Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt. - -In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee, -zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor seiner Majestät -postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, -_scheinbar_ die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung -tatsächlich unterlassen hatte. - -Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt -hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person -Hand anlegend, den Mangel ~brevi manu~ reparieren können -- eine -Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen -wäre. - -Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem -Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der -Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die -immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund -klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle -dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er -seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu -lassen. -- - -Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde? - -An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz -aussichtslos; das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber -vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch -sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, -mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder -einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das -unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm. - -Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach -schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der -Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft --- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche -Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen. - -Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste -Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. -Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum -saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war. - -Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im -Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts -trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem -er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas -Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen -Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, -allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu -retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen -Punkt ... - -»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier. - -»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte -der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen -Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen -durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ... -abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu -weit weg von seinem Ressort. - -»Versteh' schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseitn -zuweripürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus -fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in _der_ -Art, daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl! -... Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.« - -Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß -seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen -Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig -nachdenkt und zu allem entschlossen ist. - -Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der -Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis -machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter -ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und -führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, -das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er -bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle -Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen -Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab. - -Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus -seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins -Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün -gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er -seinen Hut wieder auf und stand stramm. - -Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König -Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund -in etwas besonderem haben müsse, und fragte mit dem huldvollen Tone, -der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine -Mühe und Übung scheut: »Na, Meier, was gibt's?« - -(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen -Ruck, und er sah sich direkt ~vis-à-vis~ dem Rachen des Ungeheuers, -das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein -überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre mit einer -unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch -den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von -dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.) - -Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen -Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt:« »Ich -möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.« - -Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein -Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu, -Meier.« - -Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's -denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln -zumachten?« - -Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn -dieser rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte -dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, -es sei durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. -Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, -dröhnendes, herzerfreuendes Lachen. - -Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten -mit Hämmern inne und lachten mit. - -Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des -Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, -in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre -ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und -verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze -seiner Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren -Vergleich gewählt. - -König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre -anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß -sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten -aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie -nicht in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit -wandte er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk! ... Es ist eine -schöne Sache um das Volk! ...« - -Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen -versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in -weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte: - - Wir jauchzen laut mit Herz und Mund - In dieser gnadenvollen Stund', - Wo uns das Glück geschieht, - Das seinen König Leberecht - Das biedre Landvolk, treu und echt, - In seiner Nähe sieht. - - Es steht sein hochberühmter Thron - Seit mehr als tausend Jahren schon - In unserer Mitte fest. - Drum lieben wir ihn auch so sehr, - Wie wenn er unser Vater wär', - Der keinen je verläßt. - - Er weiß, daß in der Landwirtschaft - Beruht des Staates stärkste Kraft, - Drum liebt ihn für und für - Der schwergeprüfte Bauersmann - Und hält als treuer Untertan - Ihm _offen jede Tür_. - -Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine -Ideenassoziation ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur -Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die -Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des -Nährstandes seine besondere Huld zuwendete. - - - - -Der heilige Mime. - - - Gelasimus ein Mime war, - Wie alle anderen Mimen waren: - Des Ernstes und der Tugend völlig bar, - Jedoch in allen Lastern schauderhaft erfahren. - Nicht auf der Bühne nur: alltags sogar - Tät er mit Schminke, Lippenrot nicht sparen - Und kräuselte sein lichtgefärbtes Haar. - Kurz: allen Frommen war Gelasimi Gebaren - Ein Ärgernis, und jeglichem war klar, - Er werde als ein feister Höllenbraten - Dereinst dem Teufel in die Faust geraten. - - Jedoch, was tat das dem Gelasimo? - Er war ein Heide, und als Heide so - Von Grund verstockt, daß es ihm doppelt freute, - Ein Lasterknecht und Wollüstling zu sein, - Weil er dadurch des Anstoßes ein Stein - War auf dem Wege aller frommen Leute. - - Auch waren die in jener bösen Zeit - (Als Diokletian, der Schändliche, regierte) - In so verachtet schwacher Minderheit, - Daß ihr Gemurmel niemanden genierte. - Zeus saß als Sonnengott im Tempel breit - Zu Baalbek, den noch nicht das Kreuzbild zierte: - Zu Baalbek in der alten Götzenstadt, - Da dies Mirakel sich begeben hat. - - Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken, - Wo niedre Beduinenhütten sich - Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken, - Aus dem sich, schön und ungeheuerlich, - Gewaltige Säulen quadermächtig recken: - Des Tempels Reste, der versank, verblich. - Doch damals stand er noch und um ihn her - Die große Stadt des großen Jupiter. - - Man ging auf Straßen, die gepflastert waren, - (Wo mag das Pflaster hingekommen sein?) - Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren, - Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein). - Man schob sich, drängte sich mit Legionaren - Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein, - Flanierten zwischen Juden und Phönikern - Und andern Volksgenossen: _noch_ antikern. - - Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie! - Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah - Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh - In wilden Kämpfen sich verbluten; ja, - Man hatte den Genuß, am Kreuze die - Gepfählt zu sehn, die »~Christo gloria~« - Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater. - Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater. - - Davon im feinsten war Gelasimus - (Als erster Held versteht sich) engagiert. - Auch war er Regisseur (Präpositus), - In allen Bombenwirkungen versiert. - Bei jeder Premiere hat am Schluß - Man ihn hervorgerufen: applaudiert, - Bis er erschien und sich mit edler Neigung - Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung. - - Kein Wunder: wenn man solche Beine hat, - Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer, - Daß jede Dame in der großen Stadt, - Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer - Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt - Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer. - Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote - Dreihundert Briefe, meistens rosarote. - - Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit - Der ersten Schwellung gruben um die Wette - In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid - Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette - Aus Alabaster lag, gebenedeit - Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette, - Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen - Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen. - - Und auch die Rezensenten wagten's, ihm - Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher. - Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim - (Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer). - So kam's wie's mußte: unser Gelasim - Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher. - Man durfte wirklich bald schon denen glauben, - Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben. - - Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur - Noch von Äthiopiern in Sänften tragen, - Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr, - So war's vierspännig und im Muschelwagen; - Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour - Ließ er vergeblich warten und ihr sagen: - Er habe heute Besseres zu tun, - Doch morgen werd' er dazusein geruhn. - - Natürlich wählte er die Stücke aus, - In denen er dem Publikum sich zeigte, - Und strich und änderte: es war ein Graus, - Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte. - Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »~Laus - Imperatori~«. Das Gehirn erweichte - Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden - Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden. - - Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht): - Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser - Beim Publikum in großer Liebe steht; - Jedoch gefällt es -- durch. Wie Wind und Wasser - Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht, - Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er: - »Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm: - »~Laus~ zieht nicht -- leer!« Das kränkte Gelasim. - - ~Laus~ zieht nicht! dachte düster er bei sich: - Das Edelste, das ich zu geben habe, - Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich? - Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe? - Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich: - Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe. - Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt. - O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant! - - Gelasimus, beleidigt im Genie, - Verfiel in ungewohnte böse Laune. - Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie - Saß faltig über jeder Augenbraune. - Schon floh der Mime zur Philosophie, - Und bald erhob sich ringsum das Geraune: - Gelasimus der Schöne hat den Spleen: - Er abonniert das Weisheitsmagazin. - - Man lächelte, und hinter den Kulissen - (Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt, - Es keine gab) ward mancher Witz gerissen; - Denn Mimen waren immer medisant, - Perfid, gemein und kalauerbeflissen: - Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt. - Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten, - In einem Nervensanatorium enden. - - Der Herr Direktor machte _keine_ Witze. - Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus - Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze, - Und all sein Zorn galt dem Autor der »~Laus~«. - »Du hast den Orden, ich die leeren Sitze. - Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus. - »Beschränke dich auf deine schönen Waden - Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.« - - So lernte Gelasim die Wahrheit kosten, - Daß jeder hohe Sessel wacklig ist, - Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten, - Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist. - Am liebsten hätt' er den verlornen Posten - Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist, - Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern - Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern. - - Und er ging in sich und begann zu grübeln: - Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit? - Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln, - Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht; - Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln. - Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit? - Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten, - So frequentier' ich gern die heiligen Stätten. - - Er tat's. Fort von den Philosophen ging er - Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand, - Als Tempelspender und als Opferbringer; - Bei allen Göttern ward er Supplikant. - Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger - Für all das Vieh, von Gelasim gesandt. - Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen - Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen. - - Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden - Der Götter, die er flehentlich erbat. - Er durfte sich im Venustempel baden; - Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat; - Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen; - Trug Amulette im Sakralformat. - Half alles nichts. Es blieb die alte Leier: - In seinem Herzen brauten Nebelschleier. - - Da, eines Tags, nach endlos langer Probe - Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm, - Bescheiden wartend vor der Garderobe, - Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim! - Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe - Verfaßt vom Patriarchen Joachim!« - Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen! - Bringt keinen Liebesbrief -- bringt ein Traktätchen! - - Da war sie auch schon weg. Im Korridore - Sah Gelasim nur einen Schleier wehn - Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore. - Er blieb betroffen eine Weile stehn. - »Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore ... - So einen Flor hat man hier nie gesehn,« - Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer - Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.« - - Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen, - Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch - Von unheimlichen Mächten: namenlosen. - Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch. - Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen, - Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch. - Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen - Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen. - - Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette - (Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt: - ~Palaestra Gelasimusarum~); hätte - Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt. - Doch heute war es eine Unruhstätte, - Um die herum ein Heer Dämonen stand, - Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen - Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen. - - Der Mime sprang empor, und in die Tolle - Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur. - »Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle, - »Ich lese keine Pöbelliteratur! - Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle, - Erlöse mich von dieser Sekatur! - Der Geist der Katakomben sei vertrieben - Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!« - - Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße - Ins Studium. Er lebte, was er las: - Denn es begab sich wunderlicherweise, - Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas - Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise - Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß, - Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben, - Christum zu lästern, Jupitern zu loben. - - Er hatte einen Feldherrn zu tragieren, - Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war, - Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren - Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar: - Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren, - Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar - Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern - Den Weg zurück zu seinen alten Göttern. - - Das schmeckte! Und der Mime deklamierte - Sich alle Wirrung aus der bangen Brust; - Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte, - Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt. - Gelasimus der Heide triumphierte - Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt, - Er selber habe wie sein Held gefunden - Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden. - - Am nächsten Morgen salbte er und schminkte - Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll - Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte - Er allen Mädchen, heitrer Laune voll, - In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte - Erobererair, das jeder haben soll, - Der Frauen gefallen will und Massen lenken, - Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken. - - Auch auf der Probe war er ganz der alte: - Die Verse strömten wie ein Wasserfall; - Im Volksgetümmel seine Stimme schallte - Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall; - Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte, - Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall, - Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!« - Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen. - - Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen: - »Du hast dich wieder, o Gelasime! - Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen: - So schlechthin göttlich sah ich keinen je. - Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen, - Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe - Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale. - Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.« - - Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen - Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien - Der Schmeichelei (den werten Mimennasen - Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien, - Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen, - Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn - Zur Garderobe, wo er sich die Schminke - Vom Antlitz wusch. -- Da drückt es auf die Klinke. - - Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen - Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn. - Indes stand angelweit die Türe offen, - Und draußen hörte einen Schritt er gehn. - Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen - Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn: - Drei Spannen weit vor ihm im Korridore - Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore. - - Welch Angesicht! Die stygische Proserpine, - Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus, - Erschütterte nicht so durch Blick und Miene, - Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus. - »Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene - Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß - Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend, - Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend. - - Der Mime bückte tief sich zu den grauen - Staubvioletten Blüten. Kniend nahm - Er das Geschenk, wie keines je von Frauen, - So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam. - Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen, - Mit Wollust eine wundersame Scham. - Er schämte sich der Freude am Applause, - Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause. - - Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte - Des großen Patriarchen Joachim - Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte - Zum Evangeljum öffneten vor ihm. - Genug: zu des Direktors Grimm und Torte - Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim, - Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte: - »Derlei zu spielen bin ich außerstande.« - - Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte; - Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium« - Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte, - Denn schnuppe war durchaus dem Publikum, - Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte - Zur großen ~Lis contra Gelasimum~. - Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten, - Zu spielen -- eventuell mit Brachialgewalten. - - Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen - Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert. - Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen - Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert, - In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen - Hieß es: »~Avanti!~ Und: Stichwort pariert!« - Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen; - Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen? - - Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben - Ward nie vernommen, wie es da erscholl. - Die Riesenmenge hatte sich erhoben - Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll - Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben - Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll - Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden - Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden. - - Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde - Zu pressen, lag auf der bewegten Brust - Das Händepaar. Es irrten in der Runde - Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt. - Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde - Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt! - Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe - Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe. - - Wohl hätte er sie jetzt entlassen _wollen_: - Er _konnte_ nicht. Die Zunge war ihm schwer. - Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen, - Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her. - Noch ein Moment, und alle Donner rollen, - Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr, - Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen! - Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen. - - Da -- welche Wandlung! Wie von innren Sonnen - Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund: - Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen: - Der Feldherr tut die Seligkeiten kund - Von Christi Lehre. Balsamüberronnen - Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund - Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen - Von dieser Sprache süßen Dämmernissen. - - Was war geschehn? Was öffnete die Tore - Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts, - Als daß er auf der mittleren Empore - Das stille Leuchten sah des Angesichts - Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore. - Doch darin war die Fülle allen Lichts - Für seiner Seele bange Dunkelheiten: - Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten! - - Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte - Was in der Rolle des Bekehrten stand. - Als ob der Heiland in ihm selber webte - Der Dichterworte leuchtendes Gewand, - Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte - Und hob und trug: In der Verheißung Land. - Doch als die Rolle abwich von den Pfaden - Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden. - - Es war nicht einer, der die ~scène à faire~ - Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt: - Die große Szene zu der Götter Ehre, - In der der dumpfe Katakombenwust - Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere. - Man freute sich darauf mit um so größerer Lust, - Als man bereits die allzu süße, matte - Kreuzlimonade etwas über hatte. - - Es waren ja Heiden: Heiden im Theater! - O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn! - Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater. - Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! -- - Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater - Der Liebe betete, ihm beizustehn. - Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte - Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte. - - Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten, - Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß - Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten - Von unterirdischen Gräbern stand. Getos - Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten, - Zurückzukehren in der Götter Schoß. -- - Dies war der Auftakt. -- Stille nun. -- Dann wollte - Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte. - - Er aber kniete nieder. Und er legte - Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt, - Indes die Lippen im Gebet er regte. - Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt, - Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte - Nicht eine Miene, bis er tief gebückt, - Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend, - Die ganze Seele in den Kuß hingebend. - - Das Publikum, durch diese Pantomime - Vor Staunen fast um den Verstand gebracht, - Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9] - Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!« - Der Dichter war's. Doch nun, ~ottave rime~, - Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht. - Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen, - Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen. - - [9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont. - Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem. - - Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter - Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln, - Lief durch die Massen - Die steinernen Gassen - Der Sitze entlang, von den Senatoren- - Subsellien bis zu den höchsten Emporen, - Ein Surren und Summen, - Ein Schurren und Brummen, - Ein flirrendes Flüstern, - Ein Schnauben aus Nüstern, - Ein heißes Hauchen, - Ein pfeifendes Pfauchen, - Ein Schnarren und Schnarchen, - Ein Knarren und Knarchen, - Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre: - Von allerhand widrigen Tönen kurzum - Ein höllisches Pandämonium. - - So stimmen im Orchester disharmonisch - Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger, - Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger - Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch - Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja: - Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch - Frau Musika. - - Als Hofkapellmeister Seiner Majestät - Des Publikums in diesem Fall fungierte - Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte - In Baalbeks Sittlichkeitssozietät, - Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte, - Sondern auch Schutz der Religiosität. - »Silentium!« krähte der Dürre schrill. - Und gleich war's still. - - Sodann hub an - Der magere Mann: - »Verruchter Bube, was ficht dich an, - Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen? - Bestellt zum Dienste der Kamönen, - Hast das Theater du entweiht - Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit. - - Du hast's gewagt, dich zu bekennen - Zu einer Lehre, die so niedrig ist, - Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen, - Sie einen Juden namens Christ - Als Gott verehrt, den römische Justiz - Verurteilt hat zum Malefiz- - Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven - Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven. - - Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn! - Im Niedrigen das Göttliche zu sehn, - Die ewigen, großen - Götter vom Thron - Herabzustoßen - Und, Blasphemie, als Gottes Sohn - An ihre Stelle einen Schwerverbrecher, - Bestraft nach heiligem römischen Recht, - Zu setzen: Was bisher auch frecher - Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht: - Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht, - Ward so der heiligen Wahrheit Majestät - Nicht ins Gesicht gespien! - - (Hier machte eine Pause, - Begierig nach Applause, - Der orthodoxe Mann. - Der setzte prompt und pünktlich ein - Mit Bravorufen, Toben, Schrein. - Doch als das Publikum genug geschrien, - Fing er aufs neue an:) - - »Du liegst noch immer auf den Knien? - Steh auf, ich sage dir, steh auf! - Dem Trotzigen wird nicht verziehn, - Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf, - Stößt sie auf Störrischkeit: - Nur wenn zur rechten Zeit - Der Sünder in sich gehet, - Geschied's vielleicht, - Daß sie, erweicht, - Wenn er recht innig flehet, - Ihm gnädiglich verzeiht.« - (Dies sagte er in jenem Ton, - Der, salbenseimig, allen Pfaffen, - Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen, - Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.) - - Und es ward totenstill. Das Publikum - Zwang seine Gier zurück: aus _Spannung_ stumm, - Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben. - Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben, - Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm. - Die Tausende waren eins: _ein Vieh_ geworden. - Und dieses Vieh, geeint aus Wut, - War geil auf Blut - Und leckte - Die Lippen schon und bleckte - Die Zähne zum ersehnten Morden. - - Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah, - Und wie sein Atem keuchte: - Für unsern Knieer war es gar nicht da. - Er sah nur Licht und Leuchte: - _Ihr_ Herz: wie aus Rubinenglas - Ein Kelch es ihm bedeuchte, - Voll von dem Blute Golgathas. - - Und horch, es hob ein Zwiegesang - Aus seinem Mund und ihrem sich, - Geschwisterlich, - Als wie aus einem Munde; - Der klang nicht klagend, klang nicht bang, - Klang selig, selig, selig, klang - Wie zehrende Liebeskunde: - »Mein Herzverlangen! - Mein Armumfangen! - Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm! - Ich atme dich aus, ich atme dich ein, - Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein! - (Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam, - Von Jesus mir gegeben - Zum bittern Tod, - Vielsüßerm Leben! - Halleluja! - Der Hochzeit entgegen - Auf blutigen Wegen - Leidselig zu gehn, - Gib, gib deine Hände! - Wir werden ihn sehn: - An Weges Ende - Wird Jesus stehn! - Halleluja! - Wird Jesus stehn - Mit seinem Hochzeitssegen. - Jesus! Liebe! - Jesus! Liebe! - ~Soli Christo gloria!~« - - Kaum, daß der beiden Gloria verklungen, - Hat sich ein ungeheurer Unheilston - Dem Tausendmäulerungetüm entrungen: - Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon. - Und: Die von Christus eben noch gesungen, - War'n auch bei ihm im Paradiese schon: - Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen. - Genaures wußte niemand auszusagen. - - Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine: - Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt; - _Zwei_ lebende Körper einst: als Leiche _eine_, - Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt. - Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine - Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt - Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden. - Er war prinzipiell für offizielles Morden. - - Die Menge selber, wie sie sich gespalten - In Individuen: keine Bestie nun, - Nein, lauter Biederleute: ungehalten - War sie nicht minder ob so wüstem Tun. - Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten: - »Wo blieb denn unser Polizeitribun?« - Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause, - Und sehr bewegt verlief die Vesperjause. - - Indessen senkte sich violenfarben - Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein; - Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben - Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein; - Die bunten Lupanarlaternen warben - Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein, - Und mancher starke Geist, in Liebeshitze, - Verübte auf die toten Christenschweine Witze. - - So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen, - Beschreiten eine Erde wir aus Dreck. - Nur die Gedanken und Gefühle fliegen. - Hermann Conradi proklamierte keck: - »Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!« - Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck? - Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone, - Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne? - - Wie wird das Leben heute überstunken! - So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt. - Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken. - Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast. - Geheimnisvoll bedienen uns die Funken - Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt - Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung. - Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung. - - Genug davon! Mich als Savonarola - Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern. - Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola - Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn, - Die zum Erbrechen auf der Pianola - Choräle treten, schlecht und subaltern, - Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder, - Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder. - - Sie preisen Christum hunderttausendzeilig; - Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt; - Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig, - Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt. - Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig - Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt. - Er aber nähme an den weißen Bäffchen - Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen. - - Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue, - Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog - Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue, - Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog: - Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue - Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog. - Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen, - Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen. - - Auch unser liebes Christentum. Wer immer - Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm, - Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer - Aus Jesu Herzen. Völlig legitim - Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer - Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim, - So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste, - Und sei auch Wahn dabei das allermeiste. - - Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet, - Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt; - Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet - Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert, - Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet -- - Ist mehr als alle faule Wahrheit wert. - Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet: - Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet. - - So ward ein Mime heilig, weil am Ende - Von vieler Eitelkeit und Narretei - Sein Leben er wie eine Opferspende - An Gott gab. Ganz egal, ob der der rechte sei, - Ob ein Idol gewesen. Seine Hände - Wusch Herr Pilatus, dem das Volksgeschrei - Wie aufgewirbelter Schmutz vorkam, und fragte, - Worauf kein Gott: jedoch die Zeit bald Antwort sagte. - - _Wahr ist, was wirkt._ Der große Baal war Wahrheit; - Der große Zeus desgleichen; Jahve auch; - Und Christus, kommend aus der großen Klarheit, - Das jene tot, hat mit der Liebe Hauch, - Der problematischen, in Offenbarheit - Ins Nichts vertrieben ihrer Opfer Rauch. - _Wahr ist der Geist, der wirkend souveräne._ - Dogma ist Aas. Wer liebt das? Die Hyäne. - - Gelasimus, den heiligen Mimen, haben - Die Christen Baalbeks noch in gleicher Nacht - In Mariamna feierlich begraben. - Auch jene haben sie dorthin gebracht, - Die ihn erfüllte mit des Glaubens Gaben. - Doch ihres Namens wurde nicht gedacht. - Vergessen ist sie: eine Namenlose. - Denn Gelasim besaß die größere Pose. - - So schließt denn leider diese Novellette - Moralisch zwar, doch etwas angeeckt: - Selbst in Legenden geht's wie beim Ballette - Nicht nach Verdienst bloß zu, nein, nach Effekt: - Wer vorne tanzt, der nur wird vom Parkette - Beopernguckt und mit Applaus bedeckt. - Ob Heiligen-, ob braune Kassenscheine: - Die Hintergrundtalente kriegen keine. - - Gleichviel: Jungfrauen mit der Gloriole - Gibt's ohnehin schon eine große Schar, - Indes ein Mime mit der Tänzersohle - Als Heiliger ein großes Novum war: - Die Kirche brauchte ihn zum Seelenwohle - Der Mimenschaft, die, wäre sie heiligenbar, - Am Ende in Verlegenheiten käme, - Wen sie beim Herrgott sich zum Fürsprech nähme. - - Zwar sagt man, daß sie nicht sehr häufig beten, - Die untenher das Licht der Rampe trifft, - Daß sie, gottloser fast noch als Poeten, - Voll sind von aller Skeptizismen Gift. - Das ist Verleumdung: Fehlen die Moneten, - Ist man viel frömmer als im Damenstift, - Im Reich der Schminke. Und sie fehlen häufig: - Drum ist den Mimen Beten sehr geläufig. - - Wenn sich der Monat neigt zum kahlen Ende, - Hat Gelasim unendlich viel zu tun, - Am Anfang weniger. Dann läßt die Hände - Gemütlich er im heiligen Schoße ruhn - Und überdenkt die eigene Legende: - Es ist, wie's war, war ehedem, wie nun: - Der Mensch hat's mit dem Beten nicht sehr eilig -- - Ich wurde selbst auch Ultimo erst heilig. - - - - -Gedichte. - - -Flußfahrt im Frühling - - Welch ein Ziehen! Welch ein Gleiten! - Zwischen Schilf und alten Weiden, - Die sich beugen, die sich neigen, - Fahren wir -- wohin? ... wohin? - Laßt das Fragen! Laßt uns schweigen! - Welle mag den Weg uns zeigen, - Führerin und Trägerin. - - Wie im Leben hingetrieben, - Schwankend, schwebend, fortgezogen, - Wollen wir des Flusses Bogen - Träumend folgen und ihn lieben, - Der uns so ins Weite trägt. - - -- Wird es helle sein am Ziele? - Dunkel? -- Wehe dem, der frägt! - Fragen gibt es allzuviele, - Antwort eine nur. -- Es regt - Hohl sich unter unserm Kiele. - - Laßt um unsere heißen Hände - Diese kühlen Fluten streichen. - Nixenseelchen, nehmt's als Zeichen - Unserer stillen Liebe an! - -- Ach, wen eure Liebe fände: - Tiefstes wüßte wohl der Mann ... - Doch er schwiege bis ans Ende. - - Aber wir ... nein! --: Laßt uns sagen, - Was durch unsre Seele geht! - Wind und Wasser sollen's tragen, - Daß es durch den Frühling weht: - Frisches, fröhliches Behagen, - Lust am Nachten und am Tagen - Leben, das in Blüten steht. - - -Der stille alte Goethe. - - Auf meinem grünen Kachelofen in meinem grünen Schlafkabinette, - Schräg gegenüber meinem gelben Messingbette, - Steht Christian Rauchs kleine Goethestatuette. - Von der grünen Tapete bekommt sie einen grünen Schein. - Sie ist bloß aus Gips, und Frau Lisette - Findet, daß sie kein Verhältnis zum Ofen hätte: - Sie sei zu klein. - Aber, seh ich sie an, fällt mir allerhand ein, - Was ich (nicht im Schlafzimmer) zu tun noch hätte: - Der stille alte Goethe mahnt, tätig zu sein. - - -Des Helden Not. - - Feinde ringsum! - Hör, wie sie toben! - Unten und oben - Fall'n sie dich an. - Recke dich, Mann! - Steh nicht so stumm! - Ach, laß sie rasen, - Trommeln und blasen! - Dieses Gedräue - Bringt mich nicht um: - Aber die Reue, - Die macht mich stumm. - - -Erde, liebe Erde ... - - Wie eine Blüte im Mai - Blättert sich auf der Tag, - Zeigt seine nackende Schönheit der Sonne. - Sehen, o zaubrisches Glück! Gottselige Wonne, - Dies Atmen! Der Herzensschlag! - Schmerzen und Lüste herbei! - - Ich will euch ans Herz nehmen, ans Herz drücken; - Dornen und Dolche sollen mich entzücken: - Alles was ist, ist schön und recht. - Erde, liebe Erde, ich bin dein Knecht. - - -Südtiroler Herbst. - - Gelbleuchtend steht (wie Kapuzinerkresse) - Der Latemar. Ein buntes Pantherfell - Liegt rot-gelb-braun der Mendel um die Flanken. - Die Rebenbogen sind von Trauben leer. - Aus Riesenbottichen trieft rote Maische, - Von feisten Rindern langsam heimgeführt - Zum kühlen Keller auf staubweißen Straßen, - Vorbei an Kruzifixen wunderlich geschmückt: - Dort wo die Nägel durch die Heilandshände - Kalt in das schwarze Marterholz sich bohren, - Hängt, rechts und links dem vorgesenkten Haupte, - Prall, Beer' an Beere innig so gedrängt, - Als sei es _eine_ ungeheure Frucht: - Je eine schwere Traube. Durch die Krone - Von Dornen windet sich, Korallen gleich, - Aus Vogelbeeren eine rote Kette, - Und dunkelgelbe Kolben Türkenkorns - Umrahmen samengolden diesen Gott - Des liebehingegebenen Schmerzenglücks. - Es ist, als wär' es ein verstellter Pan. - - -Erzählung. - - Ein Mädchen besaß ich, fein wie ein Figürchen - Auf Rokokotischen galanter Marquisen; - Es war wohl auch wirklich verwandt mit diesen: - Halb war es ein Nobelchen, halb ein Hürchen. - - Ich fand sie entzückend mit ihrem Geschwänzel, - Getrippel, Geäugel, Gelächel, Geplapper. - Ich war so ein junger mutwilliger Tapper, - Mein Gehen war auch noch Gehüpf und Getänzel. - - Auch war ich ein Träumer und Wolkenbeschauer; - Ich sah um die Dinge noch goldene Ränder. - Der Mond war mein Krongut; in meinem Kalender - Hatte der Frühling zwölf Monate Dauer. - - So waren wir also ein passendes Pärchen. - Sie tanzte, ich dichtete, Gott blies die Flöte - Und freute sich selber der purpurnen Röte - Des Himmels, in dem wir das munterste Märchen - - Und aller Romane verliebtesten lebten: - Von Träumen getragen, von Liedern belogen, - In goldener Nußschale schwimmend auf Wogen - Und Wolken, die rosig ins Nichts verschwebten. - - ... Ins Nichts verschwebten; verrannen; vergingen; - Zerflossen, zerrissen -- ins Nichts, in die Leere ... - Uns aber erfaßte die irdische Schwere - Und zerrte uns nieder mit würgenden Schlingen. - - Da half uns kein Gott. Es verstummte die Flöte - Des Märchenpapas und Idyllenrhapsoden. - Wir fielen auf dornigen, steinigen Boden, - Und zwischen uns saß eine zankende Kröte: - - Die kahle Enttäuschung. Es lehrte ihr Zanken - Unlieblich uns beide einander erkennen. - Es war wie ein Aneinanderverbrennen - Bis tief auf den grundallerletzten Gedanken. - - An jenes Schmarotzen im Märchengelände. -- - Wir haben die Hand uns zum Abschied gegeben - Wie Fremde. Nie sah ich sie wieder im Leben. - Und kännte sie nicht, auch wenn ich sie fände. - - -Der Verliebte. - - Was mir Busch und Bäume sagen - Und die Blumen bunt und licht, - Ach, ich muß es in mir tragen, - Weitersagen darf ich's nicht. - - Denn ich müßte tief verzagen, - Fänd' es gute Stätte nicht, - Was mir Busch und Bäume sagen - Und die Blumen bunt und licht. - - -Seele! - - Singe, solange du Atem hast! - Singe, solange du Seele bist! - Einst, es naht sich der Würger schon, - Ringst du ein letztes Mal nach Luft, - Und deine Seele gehört - Dir nicht mehr. Wer weiß - Wem. - - -Grabschrift für meinen Vater. - - Ein Herz, das viel gelitten, - Ein Mund, der gern gelacht, - Ein Kämpfer, der gestritten - Mit böser Übermacht, - Ein Mann mit regen Händen, - Ein guter, treuer Mann: - Wohl Dem, der wie Er enden - Mit reiner Seele kann. - - -Lyrikerasten. - - Sahst du, o Freund, die holden Knaben, - Die an der Kranzler-Ecke stehn, - Aus Seide rote Schlipse haben - Und lächelnd auf und nieder gehn? - - Sie spitzen die gefärbten Lippen - Und äugeln sonderbar lasziv, - Und, kommst du ihnen nah, so tippen - Sie dich wohl an und legen schief - - Das Köpfchen mit gebrannten Haaren, - Und ihre Blicke himmeln dich - Sehnsüchtig an. Kurz, ihr Gebaren - Ist immerhin absonderlich. - - _Abscheulich_, meinst du? Laß das Zanken! - Es ist nicht schön; ich geb' es zu; - Wir wollen unserm Schöpfer danken, - Daß wir nicht so sind, ich und du; - - Doch nicht uns besser dünken, meinen, - Es müßten alle sein wie wir. - Hat nun die Liebe mehr als _einen_ - Ausweg -- jenun: so gönn' ihn ihr. - - Selbst das muß man mit Gleichmut tragen, - Daß derlei Knaben (es ist bös) - Auf ihre Art die Leier schlagen, - So scheußlich süß, so sirupös, - - Und daß es Mode wird, zu schminken - Die Lippen selbst der Poesie. - Auch diese Mode wird versinken, - Absurditäten dauern nie. - - Das Zeug schmeckt bald auch denen fade, - Die jetzt dran schlecken: Zuckerkant, - Lakritzensaft und Limonade - Wird auf die Dauer degoutant. - - -Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel). - - Es war einmal ein - -- Hastunichgesehn! -- - Es war einmal ein Schwein. - Das war gewöhnlich - -- Hastunichgesehn! -- - Gewöhnlich nicht sehr rein. - - Im gleichen Hofe - -- Herrgottnocheinmal! -- - Da schlug sein Rad ein Pfau; - Der war so schön wie - -- Herrgottnocheinmal! -- - Nicht einmal seine Frau. - - Das Schwein das grunzte - -- Hastunichgesehn! -- - Und wälzte sich im Dreck. - Der Pfau der kreischte - -- Herrgottnocheinmal! -- - Und sah beleidigt weg. - - Da kam ein Fleischer - -- Hastunichgesehn! -- - Und schlachtete das Schwein. - Das kommt davon, sprach - -- Herrgottnocheinmal! -- - Der Pfau, wenn man nicht rein. - - Mir kann so etwas - -- Herrgottnocheinmal! -- - Mein Lebtag nicht geschehn, - Weil ich so rein und - -- Herrgottnocheinmal! -- - So schön bin anzusehn. - - Da kam ein Bauer - -- Hastunichgesehn! -- - Und riß dem armen Vieh - Die Federn aus, daß - -- Herrgottnocheinmal! -- - Es wie am Spieße schrie. - - Die Fabel lehrt uns, - -- Leider ist es wahr! -- - Das Leben ist nicht fein. - Der Dreck macht fett, doch - -- Leider ist es wahr! -- - Schlachtet man drum das Schwein. - - Doch Schönheit leidet - -- Leider ist es wahr! -- - Viel mehr als Todespein. - Sie wird lebendig - -- Leider ist es wahr! -- - Gerupft, weil sie zu rein. - - -Wegweiser. - - Folg dir in dich! - Und wenn du auch erschrickst - Vor den Gestalten, die du dort erblickst: - Folg dir in dich! - - Hast du nur dich - Und hältst du dich recht fest, - So bist du stark, ob alles dich verläßt: - Hast du nur dich! - - -Gott sei Dank! - - Viele Feinde hab' ich, - Gott sei Dank! - Manche Maulschell' gab ich, - Gott sei Dank! - - Manchen Puff bekam ich, - Gott sei Dank! - Manchen Graben nahm ich, - Gott sei Dank! - - Selten nur mal fiel ich, - Gott sei Dank! - Will ich treffen, ziel' ich, - Gott sei Dank! - - Schönes, o, das seh' ich, - Gott sei Dank! - Stinkt es wo, da geh' ich, - Gott sei Dank! - - Wie ich lebe, leb' ich, - Gott sei Dank! - Will ich nehmen, geb' ich, - Gott sei Dank! - - Irrtum den beklag' ich, - Gott sei Dank! - Meine Fehler trag' ich, - Gott sei Dank! - - Größe respektier' ich, - Gott sei Dank! - Dünkel ignorier' ich, - Gott sei Dank! - - Witzigen Tadel leid' ich, - Gott sei Dank! - Plumpes Lob vermeid' ich, - Gott sei Dank! - - Was mich fördert, lern' ich, - Gott sei Dank! - Leeres Stroh entfern' ich, - Gott sei Dank! - - Wer mich kränkt, den kränk' ich, - Gott sei Dank! - Wer mir schenkt, dem schenk' ich, - Gott sei Dank! - - Schwächliches bereu' ich, - Gott sei Dank! - Starkem halte Treu' ich, - Gott sei Dank! - - Meine Frau verehr' ich, - Gott sei Dank! - Von ihrer Liebe zehr' ich, - Gott sei Dank! - - Meine Gaben pfleg' ich, - Gott sei Dank! - Auch die Triebe heg' ich, - Gott sei Dank! - - Viele Lüste büßt' ich, - Gott sei Dank! - Laster die versüßt' ich, - Gott sei Dank! - - Meine Kunst, die kann ich, - Gott sei Dank! - Halbem Glück entrann ich, - Gott sei Dank! - - Dumpfes Sehnen haß ich, - Gott sei Dank! - Den Moment erfaß ich, - Gott sei Dank! - - Fiel ich mal: bald stand ich, - Gott sei Dank! - Stets mich wieder fand ich, - Gott sei Dank! - - Manchen Unsinn trieb ich, - Gott sei Dank! - Manchen Lufthieb hieb ich, - Gott sei Dank! - - Meinen Sinnen trau' ich, - Gott sei Dank! - Auf meinen Glauben bau' ich, - Gott sei Dank! - - Meinem Freund gehör' ich, - Gott sei Dank! - Auf die Freundschaft schwör' ich, - Gott sei Dank! - - Meine Feinde haß ich, - Gott sei Dank! - Falsche Freunde laß ich, - Gott sei Dank! - - Echte Hoheit krön' ich, - Gott sei Dank! - Gerngroßtum verhöhn' ich, - Gott sei Dank! - - Ruhe, Klarheit such' ich, - Gott sei Dank! - Aller Trübe fluch' ich, - Gott sei Dank! - - Viele Verse mach' ich, - Gott sei Dank! - Schimpft man drüber, lach' ich, - Gott sei Dank! - - -Unser Schloß. - - Ich träumte mich in einen tiefen Wald ... - Ich wanderte dem Lied der Vögel nach; - Auf schmalen Wegen über Wurzeln weg - Schritt ich und strauchelte doch nie: es war - Im Gehn ein Schweben. -- Eine Stimme sang - Ganz leise in mir: Siehe, heute noch - Bist du zu Hause ... Immer grüner ward - Es rings um mich, und alles fiel von mir, - Das mich bebürdet. Und der Welt Geräusch - Verhallte hinter mir. Die Vögel selbst - Verstummten. Nur das leise Wipfelwehn - Umrauschte mich: dies süße Schlummerlied - Der großen Stille, das die Träume ruft, - Die samtenen Nachtfalter: braun und schwarz - Mit goldenen Fühlern, die wie Palmen sind - Aus seidenen Rispen, und mit blinden Augen, - Die mehr erblicken, als jemals der Tag - In seiner harten Grelle zeigt ... Da stand - Ein kleines Schloß an einem Teich vor mir. - Drei große schwarze Schwäne glitten sanft - Auf seinem Spiegel, drauf der Abendschein - Gelb lag gleich einem welken Rosenblatt. - Das Schloß war ganz aus amethystnem Quarz, - Violenblau, goldäderig, gebaut; - Die Türen bronzen, grünlich-schwarz: als Schild - Das Bild der Sonne drauf: _Ihr_ Bild, die mich - (Ich fühlt' es nun) in diesen Zauber rief. - --: Wo bist du? sagt' ich leise vor mich hin. - --: Lädst du mich ein in unser Glück, das wir, - In unsrer Herzen Gleichklang wortelos - Uns ganz verstehend, Tag für Tag - Aufrecht im Glauben suchen: niemals ganz - Verzagend, ob auch manches Mal - Im Düster irrend: -- hast du mir erbaut - Dies Schloß aus hellem Gold und Veilchenblau? - -- Da taten sich die Bronzeflügel auf, - Den Sonnenschild zerteilend, und sie stand: - Minerva mit dem Speere, im Geviert - Des hohen Eingangs, aber lächelnd wie - Die Liebesgöttin und die Mutter Gottes da: - Und ihre Blicke überstrahlten mich - Wie aller Menschenliebe Inbegriff. - - -Die Reise ohne Fahrplan. - - In diese rätselhafte Welt - Sind wir alle als Rätsel gestellt; - Bilden Scharaden. - Wer sucht den Sinn, wer findet Verstand - In diesem wimmelnden Allerhand? - Wer kann uns erraten? - - Wir selber? Kaum. Wir tauschen nichts als Zeichen, - Andeutungen geheimnisvoller Art; - Ziehn uns Signale auf und stellen Weichen, - Daß keiner stören mag des andern Fahrt, - Die ach auf sträflich unsoliden Speichen - Uns an ein Loch führt, keinem noch erspart: - An den bekannten Tunneleingang, der, - Wenn wir es könnten, längst vermauert wär'. - - Vielleicht studiert ein Gott das wirre Wesen, - Wie ein Professor dies und das studiert: - Bakterien, unters Mikroskop gelesen; - Zahlenkolumnen, mächtig aufmarschiert; - Vokabeln eines Dichters; welche Spesen - Im Haushalt der Natur die Kraft summiert. - Wer weiß, was einen Gott dran interessiert, -- - Bis er, gelangweilt, mit dem Sturmesbesen - Das rätselhafte Zeug beiseite wischt: - Daß Laus wie Elefant zugleich verschwinden, - Die ganze Weltgeschichte Kehricht ist, - Napoleon nicht und Goethe mehr zu finden - Im großen schwarzen Weltentintengischt, - Durch das die Zeit sich ruhig weiterfrißt. - - Doch kann's auch sein: Es kennt die Hieroglyphen - Der Irgendwer, der diese Rätsel schrieb, - Die nebenbei auch uns ins Leben riefen. - Wer weiß, vielleicht sind wir ihm wirklich lieb, - Und, was uns weh tut, jeder Schicksalshieb, - Will uns, prost Mahlzeit, will uns bloß vertiefen. - Es kann ja sein. Was kann nicht sein auf Erden? - Wir können in der Tat noch alle Engel werden. - - Weiß Gott: Gott weiß es! Unser ist allein - Die Pflicht, ihm ein gefüger Stoff zu sein, - Auf daß uns selbst die wunderliche Erde - Kein Nadelkissen oder Kantenstein, - Sondern ein Garten voller Früchte werde. - Und geht es dann ins Tunnelloch hinein, - Soll wenigstens die Lebewohlgebärde - Den weiter Rätselnden kein schlechter Anblick sein. - - - Ende. - - - - -Reife Früchte vom Bierbaum. - -Inhalt. - - - Seite - - Einleitung 3 - - Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir 19 - - Yankeedoodle-Fahrt 27 - - Die Liaisons der schönen Sara 52 - - Samalio Pardulus 90 - - Annemargret und die drei Junggesellen 131 - - Der mutige Revierförster 157 - - Der heilige Mime 169 - - Gedichte: - - Flußfahrt im Frühling 191 - - Der stille alte Goethe 192 - - Des Helden Not 192 - - Erde, liebe Erde 193 - - Südtiroler Herbst 193 - - Erzählung 194 - - Der Verliebte 195 - - Seele! 196 - - Grabschrift für meinen Vater 196 - - Lyrikerasten 196 - - Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel) 197 - - Wegweiser 199 - - Gott sei Dank! 199 - - Unser Schloß 203 - - Die Reise ohne Fahrplan 204 - - - - -Von Otto Julius Bierbaum erschienen folgende Werke: - - -Lyrik: - - Erlebte Gedichte. Gustav Schuhr Verlag, Berlin, 1892. Jetzt im - Inselverlag Leipzig. - - Nehmt, Frouwe, diesen Kranz. Gustav Schuhr, Berlin, 1894. Jetzt - Inselverlag. - - Irrgarten der Liebe (34. Tausend). Inselverlag, 1901. - - Dann als »Neubestellter Irrgarten der Liebe«. (Neu angeordnet - und vermehrt). Ders. Verlag, 1906. (35. bis 40. Tausend.) - - Das seidene Buch. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1903. - - Maultrommel und Flöte. Georg Müller, München 1907. - - -Erzählendes: - - Studentenbeichten. Novellen. Schuster u. Loeffler, Berlin, 1. - Reihe 1891, 2. Reihe 1897. (1. Reihe 8. Aufl., 2. Reihe 6. - Aufl.) - - Die Schlangendame. Novelle. Derselbe Verlag, 1893. (6. Aufl.) - - Die Freiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen - Herrn Pankrazius Graunzer. Ders. Verlag, 1895. (6. Aufl.) - - Stilpe. Roman aus der Froschperspektive. Derselbe Verlag, 1897. - (8. Aufl.) - - Das schöne Mädchen von Pao. Chinesischer Roman. Derselbe - Verlag, 1899. (3. Aufl.) (Große Künstlerausgabe mit - Illustrationen von B. Lyers, 1909, im Verlage von Georg - Müller.) - - Kaktus. Künstlergeschichten. (3. Aufl.) Derselbe Verlag, 1899. - - Annemargret und die drei Junggesellen. Novellen. Inselverlag, - Leipzig, 1902. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die - »Sonderbaren Geschichten«.) - - Die Haare der heiligen Fringilla und andere Geschichten. Albert - Langen, München, 1903. (Verschiedentlich neu aufgelegt.) - - Das höllische Automobil. Novellen. Wiener Verlag, Wien, - 1904. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die »Sonderbaren - Geschichten«.) - - Zäpfel Kerns Abenteuer. Kinderbuch. Georg Müller, München, - 1906. Jetzt bei Schaffstein & Co., Köln. (Neue Aufl. 1910.) - - Prinz Kuckuck. Zeitroman in 3 Bdn. Georg Müller, München, - 1906/07. 12. Aufl. - - Sonderbare Geschichten. 3 Bde. Derselbe Verlag, 1908. - - -Dramatisches: - - Lobetanz. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille). - Genossenschaft »Pan«, Berlin, dann Schuster & Loeffler, - Berlin, 1895, jetzt Georg Müller, München. - - Gugeline. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille). - Inselverlag, Leipzig, 1899. - - Pan im Busch. Tanzspiel (komp. v. Felix Mottl). Inselverlag, - 1899. - - Stella und Antonie. Schauspiel. Albert Langen München, 1903. - - Die vernarrte Prinzeß (komp. von O. von Chelius). Derselbe - Verlag, 1904. - - Zwei Stilpekomödien. (Das Cénacle der Maulesel und die - Schlangendame.) Georg Müller, München, 1905. - - Zwei Münchener Faschingsspiele (Fastnachts-Festspiele.) Albert - Langen, München, 1905. - - Der Bräutigam wider Willen. (Komödie nach Dostojewski.) Wiener - Verlag, Wien, 1906. - - Der Musenkrieg. Studentenkomödie für Musik. Karl Curtius, - Berlin, 1907. - - -Kritisches: - - Die zweite Münchener Jahresausstellung Arnold Böcklin. ~Dr.~ E. - Albert & Co., München, 1890/91, vergriffen. - - Detlev von Liliencron. Wilh. Friedrich, Leipzig, 1892, - vergriffen. - - Fritz von Uhde. ~Dr.~ E. Albert & Co., München, 1893, - vergriffen. - - Franz Stuck (Prachtwerk). Derselbe Verlag, 1893, vergriffen. - - Aus beiden Lagern. Über das erste Ausstellungsjahr in München. - Karl Schüler, München, 1893, vergriffen. - - Franz Stuck. In der Monographienreihe von Velhagen & Klasing, - Bielefeld, 1899. (Neue Auflage 1909.) - - Hans Thoma. In der »Kunst« von Marquardt & Co., Berlin, 1903. - (3. Aufl. 1909.) - - Fritz v. Uhde. In der »Kunst unserer Zeit«. Hanfstängl, - München, 1905, als Buch gänzlich umgearbeitet bei Georg - Müller, 1908. - - Liliencron. Ein Essaybuch. Verlag von Georg Müller, München. - - -Verschiedenes: - - Der bunte Vogel von 1897. Kalenderbuch, Gedichte und allerhand - Prosa. Schuster & Loeffler, Berlin, 1896, jetzt Georg Müller, - München. - - Der bunte Vogel von 1899. Derselbe Verlag, 1898, jetzt Georg - Müller, München. - - Eine empfindsame Reise im Automobil. Reiseberichte. Marquardt & - Co., Berlin, 1903. - - Dasselbe, erweitert unter dem Titel »Mit der Kraft«. Derselbe - Verlag, 1906. - - Die Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten. Georg - Müller, München, 1910. - - -Demnächst erscheint: - - Fortuna. Ein Abenteuer in 5 Akten (mit Königsbrun-Schaup). - Verlag von Georg Müller, München. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 21: achaische → archaische - Mozart, {archaische} Skulpturen - - S. 101: Mißgestalten → Mißgestalteten - dieses Nachtkonzert der Unholde dem {Mißgestalteten} - - S. 185: sehrende → zehrende - Wie {zehrende} Liebeskunde - - - - - -End of Project Gutenberg's Reife Früchte vom Bierbaum, by Otto Julius Bierbaum - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REIFE FRÜCHTE VOM BIERBAUM *** - -***** This file should be named 62438-0.txt or 62438-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/3/62438/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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