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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-30 22:07:34 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Holbein der jüngere - -Author: Hermann Knackfuß - -Release Date: June 13, 2020 [EBook #62389] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOLBEIN DER JÜNGERE *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1896 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. - - Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätze verschoben und zum - Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zu beeinträchtigen. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen - gekennzeichnet: - - Unterstrichen: _Unterstriche_ - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Liebhaber-Ausgaben - - [Illustration] - - - - - Künstler-Monographien - - In Verbindung mit Andern herausgegeben - - von - - H. Knackfuß - - XVII - - Holbein der jüngere - - =Bielefeld= und =Leipzig= - - +Verlag von Velhagen & Klasing+ - - 1896 - - - - - Holbein der jüngere - - Von - - H. Knackfuß - - +Mit 151 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und - Holzschnitten+ - - Zweite Auflage - - [Illustration] - - =Bielefeld= und =Leipzig= - - +Verlag von Velhagen & Klasing+ - - 1896 - - - - -Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös -ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe - -_eine numerierte Ausgabe_ - -veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier -gedruckt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert -(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis -eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf -welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet. - - Die Verlagshandlung. - - -Druck von Fischer & Wittig in Leipzig. - - - - -[Illustration: +Bildnis eines Unbekannten.+ Deckfarbenmalerei. - -Im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.] - - - - -[Illustration: Die Knaben +Prosy und Hanns Holbain+, gezeichnet von -ihrem Vater, Hans Holbein dem älteren; oben in der Mitte die Jahreszahl -1511, bei Hans die Altersangabe 14, die Altersangabe bei dem älteren -Bruder ist unleserlich geworden. Silberstiftzeichnung im königl. -Kupferstichkabinett zu Berlin.] - - - - -Hans Holbein der jüngere. - - -Man pflegt Dürer und Holbein nebeneinander zu nennen, wenn man von -dem Höhepunkt der deutschen Kunst der Renaissance spricht. Aber -man darf die beiden großen Meister nicht unmittelbar miteinander -vergleichen wollen. Das verbietet schon der zwischen ihnen bestehende -Altersunterschied von mehr als einem Vierteljahrhundert. Das ist -ein Unterschied, der sehr viel ausmacht in einer Zeit, die von -so starkem treibenden Leben erfüllt war, wie das Jahrhundert des -Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit. Auch liegt die Größe der beiden -Meister auf wesentlich verschiedenen Gebieten. Dürers schöpferische -Gestaltungskraft hat kein anderer deutscher Maler wieder erreicht. -An Erfindungsgabe, Geist, Gemüt und auch an Bildung steht Dürer weit -über Holbein. Aber dieser tritt uns, was Dürer nicht thut, als ein -echter Maler entgegen. Die Farbe ist ihm nicht ein bloßes Kleid seiner -Gestaltungen; sie ist ihm ein Wesentliches, Innerliches; sie ist -ihm Ausdrucksmittel seiner künstlerischen Empfindungen. Dürer ging -aus einer Schule hervor die noch halb der Gotik angehörte, und sein -Genius ließ ihn die Bahnen der neuen Kunst entdecken. Holbein dagegen -war durch nichts mit der Kunst des Mittelalters verbunden. Er wurde -durch seinen Vater ausgebildet, und dieser stand, als der im Jahre -1497 geborene Knabe fähig war, künstlerischen Unterricht aufzunehmen -und zu verarbeiten, schon ganz auf dem Boden der vollen, reifen -Renaissance. Darum brauchen wir uns in Holbeins Formensprache nicht -erst einzulernen; sie ist uns unmittelbar verständlich. - -Nur selten ist künstlerische Begabung erblich. Hans Holbein aber besaß -den Kern von dem, was ihn groß gemacht hat, als angeborenes Erbteil -von seinem Vater her. Auch dieser hieß mit Vornamen Hans, und zur -Unterscheidung der beiden Maler fügt die Kunstgeschichte dem gleichen -Namen die Zusätze „der ältere“ und „der jüngere“ bei. Wenn von Hans -Holbein schlechtweg die Rede ist, so ist immer der jüngere gemeint. -Aber auch Hans Holbein der ältere nimmt einen sehr ehrenvollen Platz in -der Geschichte der deutschen Kunst ein. Geboren zu Augsburg, man weiß -nicht, in welchem Jahre, als der Sohn eines aus der Nachbargemeinde -Schönefeld eingewanderten Gerbermeisters, widmete er sich, ebenso wie -ein Bruder von ihm mit Namen Siegmund, der Malerei. Seine Werke sind -vom Jahre 1492 oder 1493 an nachgewiesen. Man gewahrt in denselben -den Einfluß der Arbeiten des großen und liebenswürdigen Meisters -Martin Schongauer, dessen Kupferstiche durch die Welt gingen, in -dessen vielbesuchter Werkstatt zu Colmar aber auch denkbarerweise der -Augsburger Maler in der Lehre gewesen sein könnte. Weiter erkennt man -darin eine entschiedene Aufnahme jener Richtung, die von den Werken -der Brüder van Eyck mit ihrer liebevollen Naturnachbildung und ihrer -tiefen Farbenpoesie ausgegangen war. Der Sinn für getreue Wiedergabe -des in der Wirklichkeit Vorhandenen äußerte sich bei dem älteren -Holbein am stärksten in der Lust und Befähigung, die Mannigfaltigkeit -der menschlichen Gesichter in der Besonderheit, wie ein jedes -sich zeigte, zu erfassen. Seine Kirchengemälde sind angefüllt von -Persönlichkeiten, denen man es ansieht, daß sie aus der Wirklichkeit -entnommen sind, daß sie die Abbilder von Menschen sind, die als -Zeitgenossen des Malers gelebt haben. Von besonderem Interesse für -uns ist eine Gruppe von Personen, die als Zuschauer bei der Taufe des -Paulus auf einem jetzt in der Augsburger Gemäldegalerie befindlichen -Bilde angebracht sind: da steht der Maler selbst mit zwei Knaben im -Alter von etwa fünf und sieben Jahren, seinen Söhnen Ambrosius und -Hans; jener, der ältere von beiden, durch das Schreibzeug am Gürtel -als Schulknabe gekennzeichnet, scheint lebhafteren Temperaments -zu sein; der kleine Hans macht den Eindruck eines ruhigen, still -beobachtenden Kindes, aus seinem rundlichen Gesicht blicken große, -aufmerksame Augen. -- Bildnisbestellungen waren damals in Augsburg -wohl noch etwas kaum Bekanntes. So gab der Vater Holbein seiner Lust -am Porträtieren dadurch Befriedigung, daß er die Personen seiner -Bekanntschaft, hoch und niedrig, in sein Skizzenbuch zeichnete. Eine -ganze Menge von solchen Skizzenbuchblättern hat sich erhalten, die -meisten davon bewahrt das Kupferstichkabinett des Berliner Museums. -Das sind Meisterwerke der Bildniskunst, sprechende Wiedergaben von -Persönlichkeiten, in klarer, lebensvoller Kennzeichnung und in feiner, -malerisch empfundener Ausführung mit dem Silberstift, bisweilen mit -Zuhilfenahme von Rötel und Weiß, leicht und sicher hingezeichnet. -Auch unter diesen Zeichnungen finden wir die Köpfe der beiden Knaben -wieder. Ein im Berliner Kupferstichkabinett befindliches Blättchen, -das mit der Jahreszahl 1511 bezeichnet ist, zeigt uns dieselben -einander gegenübergestellt, mit beigeschriebenen Namen. Der lockige -„Prosy“ erscheint hier schon als ein Jüngling; „Hanns,“ bei dem -die Altersangabe „vierzehn“ beigefügt ist, zeigt unter schlicht -herabgekämmtem Haar ein rundes Kindergesicht, in dem die Ähnlichkeit -mit jenem früheren Bildnis noch sehr groß ist. -- Der Vater Holbein -wendete sich bereits im ersten Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts mit -voller Begeisterung der neuen Kunstrichtung zu, die von Italien -herübergebracht wurde. Vom Jahre 1508 an sind Gemälde von ihm -vorhanden, die ganz dem Stil der „Renaissance“ angehören; nicht nur -in dem äußerlichen Sinne, daß in den Architekturen und Ziergebilden, -welche die Bilder einfassen, „antikische“ Formen an die Stelle der -gotischen getreten sind; sondern auch dem inneren Wesen nach, indem -die Gestalten eine vollere Rundung und Weichheit der Formen, die -Gewänder einen freieren, größeren Wurf und alle Linien einen belebteren -Schwung bekommen. Sein in der Münchener Pinakothek befindliches -Altarwerk, der „Sebastiansaltar“, gehört zu den Juwelen der deutschen -Renaissancemalerei. - -Ungeachtet des Ansehens, das der ältere Holbein als Maler genoß, erging -es ihm in seinem Alter schlecht. Er verließ Augsburg im Jahre 1517 -wegen unglücklicher Vermögensverhältnisse und starb 1524 zu Isenheim -im Elsaß. - -[Illustration: Abb. 1. +Marienbild.+ Ölgemälde aus dem Jahre 1514. - -Im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 2. +Die heilige Jungfrau Maria.+ - -Ölbild im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Seine Söhne, die er beide zu Nachfolgern seiner Kunst herangebildet -hatte, verließen die Vaterstadt schon früher und begaben sich nach -Basel. Hier ist die Thätigkeit von Hans Holbein seit 1515, diejenige -von Ambrosius seit 1516 bezeugt. - -Ambrosius Holbein war ein bescheidenes Talent. Es sind nur wenige -Gemälde von ihm vorhanden; unter diesen nehmen zwei im Baseler Museum -befindliche Knabenbildnisse die erste Stelle ein. Ferner werden einige -Bildniszeichnungen von ihm in der nämlichen Sammlung und in der -Albertina zu Wien aufbewahrt. Dazu kommt eine Anzahl in Holzschnitt -vervielfältigter Zeichnungen, der Mehrzahl nach reich verzierte und mit -figürlichen Darstellungen ausgestattete Buchtitel. Ambrosius Holbein -muß früh gestorben sein. Seine Aufnahme in die Baseler Malerzunft wird -im Jahre 1517 beurkundet. Nach 1519 aber gibt kein Werk und keine -Urkunde mehr Zeugnis von seinem Dasein. - -Hans Holbein lenkte gleich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit in -Basel durch kecke und bedeutende Arbeiten die Aufmerksamkeit auf sich. - -Das Museum zu Basel besitzt als das älteste bekannte Werk von der -Hand des jüngeren Hans Holbein ein kleines Marienbild, welches mit -der Jahreszahl 1514 bezeichnet ist (Abb. 1). Dieses Bildchen ist in -einem Dorfe in der Nähe von Konstanz aufgefunden worden, und die -Vermutung scheint begründet, daß der junge Maler dasselbe während -seiner Wanderschaft von Augsburg nach Basel angefertigt habe. Es -ist ein kindliches, aber ansprechendes Werk. Die Jungfrau Maria ist -sitzend, das Jesuskind auf dem Schoße haltend, dargestellt, als -Kniestück; sie trägt ein weißes Kleid und schwarzen Rock, das fein -gefältelte Kleid ist mit Goldstickereien verziert; Gesicht und Hände -und das Kinderkörperchen sind so licht gehalten, daß ihre Farbe dem -Weißen nahe kommt. Dieses Ganze von anspruchslosen Tönen hebt sich -von einem dunkelroten Hintergrund ab, der aber nicht unmittelbar das -Weiß des Kleides und das farblose Fleisch berührt, sondern durch die -Goldfarbe der Krone auf Marias Haupt und des über ihre Schultern -fließenden Haares davon getrennt wird. Um das Bildchen ist ein gemalter -Rahmen herumgeführt, wie ein Aufbau aus weißem Stein, in dem sich -kleine Englein, durch schwarze Füllungen in dem Architekturrahmen -hervorgehoben, bewegen; sie tragen die Leidenswerkzeuge Christi, -Musikgeräte und Inschrifttäfelchen. Aus dem oberen Querteil dieses -Rahmens hängt ein grünes Lorbeergewinde in den dunkelroten Grund -herab, der außerdem noch durch zwei Wappen belebt wird. Die Formen des -Rahmens gehören vollständig dem Renaissancestil an. Aus dem reizvollen -Zusammenklang, der in die wenigen Farben gebracht ist, spricht schon -eine große Feinheit des Farbengefühls. - -Unter den von Holbeins Freund Bonifacius Amerbach gesammelten Werken -von dessen Hand, die den Grundstock des Baseler Museums ausmachen, -werden in dem ursprünglichen Verzeichnis mehrere Bilder ausdrücklich -als früheste Arbeiten des Malers bezeichnet. Diese müssen also dem -ersten Jahre seines Aufenthalts in Basel, 1515, angehören. Es sind -zwei Köpfe von Heiligen und einige Bilder aus der Leidensgeschichte -Christi. Die beiden Heiligen, eine Jungfrau mit Krone und losem Haar -(Abb. 2) und ein bartloser junger Mann mit lockigen Haaren (Abb. 3), -stellen wohl Maria und Johannes den Evangelisten vor. Sie haben goldene -Heiligenscheine und hellblaue Hintergründe. Die Töne sind auch hier gut -zusammengestimmt. In Form und Ausdruck aber verraten die sehr fleißig -gemalten Köpfe noch nicht viel von der hohen Begabung ihres Urhebers. - -[Illustration: Abb. 3. +Der heilige Johannes der Evangelist.+ - -Ölbild im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -In höherem Maße sind die Passionsbilder geeignet, unsere Aufmerksamkeit -zu fesseln. Die aus der Amerbachschen Sammlung stammenden Stücke, denen -das alte Verzeichnis jenen Vermerk bezüglich ihrer Entstehungszeit -beigegeben hat, stellen das letzte Abendmahl und die Geißelung Christi -dar. Zu diesen sind durch spätere Erwerbung noch drei andere in das -Baseler Museum gelangt, welche augenscheinlich Bestandteile der -nämlichen, ursprünglich zweifellos noch größer gewesenen Folge bilden: -das Gebet am Ölberg, die Gefangennahme Christi und die Händewaschung -des Pilatus. Die Bilder sind nicht auf Holztafeln, sondern auf Leinwand -gemalt. Da dieses damals in Deutschland noch ganz ungebräuchlich war -bei Gemälden, auf welche man Wert legte, so ist mit Grund die Vermutung -ausgesprochen worden, dieselben seien zu einem vorübergehenden Zweck, -etwa zur Ausschmückung einer Kirche in der Karwoche gemalt worden. -Daraus würde sich auch die derbe und eilfertige Art der Ausführung -dieser Bilder erklären. Auch glaubt man, da die Bilder auf den ersten -Anblick nicht den Eindruck von Werken Holbeins machen, annehmen -zu müssen, daß er dieselben in der Werkstatt eines älteren Malers -als dessen Gehilfe ausgeführt habe. Nach dieser Annahme würden die -Kompositionen der Bilder wahrscheinlich nicht von ihm, sondern von -dem Meister der Werkstatt herrühren. Aber die Kompositionen sind -bedeutender, als man sie von einem der älteren damaligen Baseler -Maler erwarten dürfte, und in zwei Dingen kommen die besonderen -Begabungen Holbeins deutlich zum Ausspruch: in dem künstlerischen Wert -der Farbenstimmungen und in der Lebendigkeit und Natürlichkeit der -Gesichter; der Gesichtsausdruck ist überall außerordentlich sprechend, -und wenn er hier und da an die Grenze der Übertreibung streift, so -ist das leicht erklärlich in Bildern, bei denen die derbe Art der -Ausführung kein Eingehen in Feinheiten zuließ. - -[Illustration: Abb. 4. +Das letzte Abendmahl.+ Ölgemälde auf Leinwand. - -Im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 5. +Die Geißelung.+ Ölgemälde auf Leinwand. - -Im Museum zu Basel.] - -Die Darstellung des letzten Abendmahls (Abb. 4) verlegt den Vorgang in -einen Raum von spielender, bunter Renaissancearchitektur -- auch diese -Architektur ist echt Holbeinisch --; darin öffnen sich Durchblicke auf -die dunkelblaue Luft. Die Tafel ist auf zwei rechtwinklig aneinander -stoßenden Tischen gedeckt. An der Spitze des Winkels sitzt Christus -so, daß man ihn von der Seite sieht, und reicht dem gelb gekleideten -Judas das Brot über den Tisch herüber. Das Ganze hat eine sehr reiche -Farbenwirkung. In einer Art von Laube, die man im Hintergrund sieht, -ist als Nebendarstellung die Fußwaschung des Petrus zur Anschauung -gebracht. -- Das Gebet am Ölberg ist in einem düsteren Nachtstück -geschildert. Christus wirft die Arme in heftiger Bewegung empor, wie -es Dürer in seiner wenige Jahre vorher erschienenen Kupferstichpassion -vorgebildet hatte. Der Engel kommt, in kühner Verkürzung dargestellt, -köpflings vom Himmel herab; er ist in ein blaßrotes Renaissancekostüm -gekleidet. Die Gewänder des Heilandes und des im Vordergrund -schlafenden Petrus klingen in schwärzlichen Tönen mit der allgemeinen -Nachtstimmung zusammen. Am Horizont flimmert ein rötliches Morgenlicht -im Gewölk. Von den Fackeln der Männer, welche im Hintergrund das -Gartenthor durchschreiten, geht heller Schein aus. Wenn dieses Bild im -ganzen weniger ansprechend wirkt, als die übrigen, so macht dagegen die -Schilderung des folgenden Vorgangs, der Gefangennahme Christi, einen -wahrhaft großartigen Eindruck. Eine wilde Bewegung geht durch das Bild, -in dem, wie üblich, die drei Momente des Judaskusses, des Ergreifens -des Verratenen und des Schwerthiebes des Petrus zusammengefaßt sind. -Die eigentümliche Mächtigkeit des Farbeneindrucks beruht hauptsächlich -auf der Wirkung, in welcher der gelbe Rock des Judas und das graue -Eisen der Rüstungen und Waffen der Häscher zu einander stehen; das -Fackellicht ist nicht zu künstlichen Beleuchtungswirkungen benutzt. --- In dem Pilatusbilde ist die linke Hälfte des Gemäldes, wo der -Landpfleger in dunkelolivengrünem Rock mit Hermelinpelz in einer -Nische aus verschiedenfarbigem Marmor thront und sich die Hände in -einer goldenen Schüssel wäscht, die ihm ein Diener in dunkelfarbiger -Kleidung hinhält, während ein anderer Diener, in einen hellgelben Rock -mit schwarzem Sammetbesatz gekleidet, aus goldener Kanne eingießt, zu -großer Schönheit der Farbenstimmung durchgebildet. Rechts von dieser -Gruppe sieht man den Heiland, der von einer Schergenschar zur Thür -hinausgeschleppt wird; die am meisten sprechende Farbe gibt hier der -dunkelblaue Christusrock. -- Die Geißelung ist in einer gewaltig -eindrucksvollen Darstellung mit wahrer Grausamkeit gemalt (Abb. 5). Der -entkleidete Christus, dessen Körper mit bedeutender Kenntnis gezeichnet -ist, ist mit einem Strick um den Leib an eine weiße Säule gebunden, -mit einem anderen Strick sind seine Hände hoch gezogen; unter der -Gewalt der Schmerzen klemmt er seine Beine krampfhaft übereinander. Die -helle Gestalt und die bunt gekleideten grimmigen Henker heben sich von -einer beschatteten grauen Steinwand ab; in der Wand sieht man eine -Thüröffnung, durch die Pilatus dem gräßlichen Schauspiel zusieht. - -[Illustration: Abb. 6. +Bildnis eines Unbekannten.+ Ölgemälde von 1515. - -Im Großherzogl. Museum zu Darmstadt.] - -Beweglichen Geistes vermochte Holbein, der hier mit so eindringlicher -Vertiefung das herbste Leiden schilderte, sich ebenso ausdrucksvoll -auf dem Gebiete lustigen Humors zu bewegen. Davon gibt eine in -der Stadtbibliothek zu Zürich aufbewahrte Arbeit die erste Probe, -die in der ersten Hälfte des Jahres 1515 entstanden sein muß, da -der Besteller derselben, Hans Ber, im Sommer dieses Jahres als -Fähnrich mit den Baseler Truppen ausrückte und aus der zweitägigen -blutigen Schlacht bei Marignano nicht heimkehrte. Es ist eine mit -Verbildlichungen volkstümlicher Späße bemalte hölzerne Tischplatte. -Die Hauptdarstellungen zeigen einen eingeschlafenen Händler, dessen -Kram von Affen geplündert wird, und den „Niemand,“ der an allem, was -irgendwo Verkehrtes angerichtet worden ist, schuld sein soll und der -sich doch nicht verteidigen kann. Um diese Hauptbilder zieht sich ein -Rahmen, in dem allerlei Kurzweil dargestellt ist: Kampfspiele, Jagden, -Fischfang, Bad, Schmauserei und Mädchenfang. Dazu sind verschiedene -kleine Dinge, ein Brief, eine Brille, Schreibgeräte und dergleichen, so -auf den Tisch gemalt, als ob sie wirklich dort lägen. Diese Zuthaten -bezwecken den Scherz der Augentäuschung durch die Körperhaftigkeit -der Malerei. Noch im XVII. Jahrhundert war diese Tischplatte ein weit -berühmtes Werk; später in Vergessenheit geraten, wurde sie erst im -Jahre 1871 wieder entdeckt, leider in schwer beschädigtem Zustand. - -Im Jahre 1515 trat Holbein auch schon als Bildnismaler auf. Das Museum -zu Darmstadt bewahrt das halblebensgroße Brustbild eines jungen Mannes, -welches mit dieser Jahreszahl und den Buchstaben ~H. H.~ bezeichnet -ist. Der unbekannte Jüngling ist in scharlachrotes Tuch gekleidet, -eine Mütze aus demselben Stoff sitzt auf seinem blonden Haar; den -Hintergrund bildet ein lichtblauer Luftton. In einem kühnen Wagnis hat -der junge Maler hier seine Farbenkunst auf die Probe gestellt; und es -ist ihm wohl gelungen (Abb. 6). - -[Illustration: Abb. 7. Schlußbild zu Erasmus’ „+Lob der Narrheit+“. -(Die Narrheit steigt vom Katheder herunter.) - -Federzeichnung in dem Handexemplar des Erasmus, im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 8. +Buchverzierung mit der Geschichte des -Tantalus.+ Im Text +Zierbuchstabe mit Simson und Delila+. Holzschnitte.] - -[Illustration: Abb. 9. +Das Bücherzeichen des Johannes Froben.+ - -Holzschnitt.] - -Eine andere, ganz eigenartige Arbeit Holbeins aus dem nämlichen Jahre -lehrt uns ihn als einen Meister schnell fertiger Erfindung kennen. -Das sind seine Randzeichnungen zu dem „Lob der Narrheit“ des Erasmus -von Rotterdam. Erasmus war im Jahr 1513 zum erstenmal nach Basel -gekommen, um mit dem berühmten Buchdrucker Johannes Froben über -die Veröffentlichung seiner Sammlung von Sprichwörtern und seiner -Ausgabe des Neuen Testaments zu verhandeln. Seitdem verweilte der -hoch gefeierte Gelehrte alljährlich längere Zeit in Basel. Bei Froben -erschien auch im Jahre 1514 das in lateinischer Sprache, aber in -volkstümlichem Sinne geschriebene scharf satirische Buch „~Encomion -morias~“ (Lob der Narrheit). In einem Exemplare dieses Buches, welches -für den eigenen Gebrauch des Verfassers bestimmt war, zeichnete -Holbein auf die etwa fünf Centimeter breiten Ränder 82 Bildchen. Er -führte diese Arbeit, wie in einem auf dem Titelblatt eingetragenen -Vermerk bekundet wird, in der Zeit von zehn Tagen aus, damit Erasmus -sich daran ergötze. Aus einer anderen Notiz erfahren wir, daß diese -Illustrationen gegen das Ende des Jahres 1515 angefertigt wurden. -Unbekannt bleibt, ob dieselben ihre Entstehung einem Wunsche des -Erasmus selbst verdanken oder ob etwa ein Freund sie als Geschenk für -diesen bestellte. Das kostbare Buch befindet sich jetzt unter den -Holbeinschätzen des Baseler Museums. Die Zeichnungen, mit der Feder -in flotten, sicheren Strichen ohne lange Überlegung hingeworfen, -illustrieren mit Witz und gesundem Humor die nebenstehenden Textstellen -oder die erläuternden Randglossen. Die Einleitung bildet eine -Darstellung der „Moria“ (Narrheit), die in Gestalt eines mit der -Schellenkappe bekleideten jungen Weibes den Lehrstuhl besteigt, um ihr -eigenes Lob zu verkünden. In der mannigfaltigsten Weise hat dann der -Zeichner aus dem Text und den Randbemerkungen herausgezogen, was ihm -gerade zur Verbildlichung geeignet erschien. Seine Einfälle erfaßten -nicht immer den Kern der Sache, sondern häufig gab ihm eine bloß -zufällig vorkommende Redensart den Gedanken zu einer Zeichnung ein; so -hat er zum Beispiel zu einer Stelle, wo der sprichwörtliche Ausdruck -„von einer Sache so viel verstehen, wie der Esel vom Lautenspiel“ -gebraucht wird, einen Esel gezeichnet, der mit dem köstlichsten -Ausdruck einem ritterlichen Harfner gegenübersteht und dessen Spiel -mit seiner schönen Stimme begleitet. Die in den Glossen enthaltenen -Erklärungen zu den im Text vorkommenden mythologischen Anspielungen -haben ihn ganz besonders gereizt zu mutwillig launigen Darstellungen, -welche die Göttergeschichten ins Lächerliche ziehen. Eine sprechende -Probe von der Lebhaftigkeit des Geistes, mit welcher Holbein Bildstoffe -in den Worten fand, gibt die Zeichnung zu einer Stelle, wo der -mittelalterliche Theologe Nikolaus de Lyra erwähnt wird; hier hat der -bloße Name genügt, um ihm einen Bildgedanken einzugeben: der fromme und -gelehrte Herr sitzt mit einem Leierkasten neben seinem Pult. Einmal -nennt Erasmus seinen eigenen Namen im Text. Da hat Holbein auch ihn -in seiner Studierstube sitzend an den Rand gezeichnet und den Namen -Erasmus groß dazu geschrieben. Das Bildchen enthält nichts Boshaftes, -aber der Gelehrte hat sich doch an dem jungen Künstler für den Scherz, -das Abbild seiner eigenen Person unter die Witzbildchen gebracht zu -haben, gerächt: auf der folgenden Seite steht bei der Zeichnung eines -feisten Schwelgers, der bei Weib und Wein die Lehren des Epikurus -befolgt, der Name Holbein von der Hand des Erasmus beigeschrieben. Man -braucht aus diesem Scherz gegen Scherz nicht gleich zu folgern, daß -der junge Holbein ein besonderer Wüstling gewesen wäre; aber das folgt -daraus, daß zwischen den beiden Männern, von denen der eine auf der -Höhe des Ruhmes, der andere erst an der Schwelle seiner Laufbahn sich -befand, schon ein freundschaftliches Verhältnis bestand, das dem jungen -Künstler zur großen Ehre gereichen mußte. Die größte Mehrzahl der -Randzeichnungen beschäftigt sich natürlich mit den Thorheiten selbst, -die den Menschen aller Stände anhaften, und in diesen bildlichen -Verspottungen menschlichen Dünkels erweist der Künstler sich als dem -Verfasser der Satire ebenbürtig in Bezug auf treffende Darstellung. -Das Schlußbild zeigt wieder die Moria selbst, wie sie, nachdem sie den -Hörern Lebewohl gesagt, die ihr mit den verschiedensten Gesichtern -nachsehen, vom Lehrstuhl herabsteigt (Abb. 7). Das Überraschendste an -all diesen kleinen flüchtigen Zeichnungen ist neben ihrer frischen -Munterkeit die Schärfe der mit so wenigen Strichen gegebenen -Charakteristik. - -[Illustration: Abb. 10. +Das Aushängeschild eines Schulmeisters.+ -Ölmalerei von 1516. - -Im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 11. +Das Aushängeschild eines Schulmeisters.+ -Ölmalerei von 1516. - -Im Museum zu Basel.] - -Die Bekanntschaft mit Erasmus verdankte Holbein ohne Zweifel dem -Buchdrucker Froben. Dieser berühmte Verleger gab dem jungen Künstler -bald nach dessen Ankunft in Basel Beschäftigung, indem er ihn -Holzzeichnungen zur Druckausstattung von Büchern anfertigen ließ. -Eine mit Hans Holbeins Namen bezeichnete Titeleinfassung, bestehend -aus einem Renaissancegehäuse, das von Putten belebt ist, und auf -dessen Sockel Tritonen wie in Relief dargestellt sind, kommt in den -Ausgaben verschiedener Bücher aus dem Jahre 1515 und der Folgezeit -vor. Dann folgen von 1516 an verschiedene Umrahmungen, in denen -Figurendarstellungen die Hauptsache sind; da werden die Geschichten -von Mucius Scävola, von Marcus Curtius, von Kleopatra, die Sage von -Tantalus und Pelops (Abb. 8) und andere klassische Erzählungen, die -in jenem Zeitalter des Humanismus wieder neues Leben bekommen hatten, -dem Beschauer vorgeführt. Es ist bemerkenswert, daß Holbein hier -schon anstatt der Tracht seiner Zeit antikes Kostüm angewendet hat, -dessen Kenntnis die Kupferstiche des Mantegna ihm zutrugen. Dazu kommt -ein Titelrahmen mit der vom Mittelalter her beliebten Verbildlichung -von der Weibermacht; Paris, Pyramus, David und Salomon sind als -Beispiele der dem Weibe unterliegenden Männer vorgeführt. Außer -ganzen Titeleinfassungen zeichnete Holbein auch einzelne Zierleisten, -figurengeschmückte Alphabete und einzelne Buchstaben für den Buchdruck; -ferner die auf dem Titel oder am Schluß des Buches anzubringenden -Verlagszeichen (Signete), nicht nur des Froben, sondern auch anderer -Drucker. Das Verlagszeichen des Johannes Froben war ein von zwei -Händen gehaltener Merkursstab, auf dessen Knopf zwischen den Köpfen -der beiden Schlangen eine Taube sitzt. Auf dem großen Bücherzeichen -(~Ex-libris~) Frobens (Abb. 9) sehen wir dieses Signet auf einem -Schild angebracht, der von Putten in einem reichen Renaissancegehäuse -gehalten wird; leider wird das hübsch erfundene Blättchen durch die -mangelhafte Schnittausführung verunstaltet. Überhaupt ist der Schnitt -dieser frühen Holzzeichnungen Holbeins recht unvollkommen; der Strich -der Künstlerhand erscheint manchmal sehr entstellt. Bei mehreren der -Blätter, die keine Namensbezeichnung tragen, bleibt es zweifelhaft, -ob Hans Holbein oder sein auf demselben Gebiete thätiger Bruder -Ambrosius der Urheber ist. -- Das Frobensche Signet hat Hans Holbein -auch einmal in größerem Maßstab, sozusagen als Bild, ausgeführt, -in Wasserfarbenmalerei auf Leinwand. Dieses Blatt, das sich in der -Handzeichnungensammlung des Baseler Museums befindet, ist ein Muster -guten Geschmacks; in klarer, einfacher Zeichnung, die mit wenigen -Tönen angelegt ist, erzielt es die trefflichste dekorative Wirkung. -Der Stab mit Schlangen und Tauben schwebt, von Händen, deren Ursprung -in Wolken verschwindet, gehalten, hell vor einem dunkelblauen Grund, -unter einer Bogenarchitektur mit kurzen Säulen, deren Kapitelle die -korinthische Form haben und deren Schäfte, dunkelrot mit ausgesparten -Lichtern, den Eindruck glänzend polierten Marmors machen. - -[Illustration: Abb. 12. +Der Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen.+ - -Zeichnung in Silberstift und Rötel. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Der junge Maler nahm jeden Auftrag an, der ihm geboten wurde. So -malte er im Jahre 1516 das Aushängeschild eines Schulmeisters (Abb. -10 und 11). Es war eine Tafel, die, am Schulhause herausgehängt, auf -beiden Seiten zu sehen war; jede Seite bekam daher Aufschrift und -Bild. Jetzt befindet sich die Tafel, in ihre beiden Seitenhälften -gespalten, im Museum zu Basel. Die Aufschrift, die, auf beiden Seiten -gleichlautend, jedem, der gern deutsch schreiben und lesen lernen will, -er sei Bürger oder Handwerksgesell, Frau oder Jungfrau, verspricht, -ihm dieses in kürzester Zeit gründlich beizubringen, unter der Zusage, -von demjenigen, bei dem die Unterweisung vergeblich sein sollte, -keinen Lohn nehmen zu wollen, und die für die jungen Knaben und -Mägdlein die übliche Schulzeit ansagt, nimmt in ihrer Ausführlichkeit -den größten Raum der Tafel ein. Für die bildliche Belebung dieser -Ansprache an die Vorübergehenden blieb je ein länglicher niedriger -Streifen frei. Holbein hat hier, begreiflicherweise ohne künstlerischen -Kraftaufwand, aber doch mit malerischer Lust und mit heiterer Laune, -zwei niedliche Bildchen gemalt, in denen er einerseits den Unterricht -der Kinder, andererseits denjenigen der Erwachsenen schildert. Dort -sieht man in ein kahles Zimmer mit Bretterboden und grauen getünchten -Wänden. An der Langwand steht unter den Butzenscheibenfenstern eine -ganz einfache Bank, eine zweite Bank steht genau in der Mitte des -Raumes; links und rechts befinden sich je ein Pult. An dem einen Pult -sitzt auf einer Kiste der Schulmeister, gelb und rot gekleidet, mit -einer roten Mütze auf dem Kopf; er berührt einen lesenden Knaben -in grünem Röckchen freundschaftlich mit der Rute. Gegenüber sitzt -die Frau Schulmeisterin in rotem Kleid und weißer Haube auf einem -Stuhl, mit dem Unterweisen eines blau und grün gekleideten Mädchens -beschäftigt. In der Mitte sitzen auf der Bank und auf einem daneben -stehenden Schemel zwei Knaben, die für sich lesen, der eine in blauem -Anzug, der andere in gelbem mit roter Mütze. Das Bildchen hat in -seiner großen Anspruchslosigkeit einen Reiz durch seine vollkommene -Naivetät; der Ausdruck, nicht nur in den Gesichtern, sondern auch in -den Bewegungen, ist ganz vortrefflich. Das andere Bildchen besitzt -noch mehr malerischen Reiz. Die naturgemäße Beleuchtung mit dem -durch die Fenster von hinten auf die Figuren fallenden Licht und den -nach vorn sich ausbreitenden Schlagschatten ist mit Entschiedenheit -angegeben. Die Stube ist ähnlich wie dort, wirkt aber doch etwas -wohnlicher. An der Wand sieht man eine Vorrichtung zum Waschen mit -einem sauberen Handtuch. In der Mitte steht ein Tisch mit Stühlen. -Da sitzt der Schulmeister, den man hier gerade von vorn sieht -- -zweifellos ist er Porträt --, in der nämlichen Kleidung wie dort, -zwischen zwei erwachsenen jungen Männern, die nach der Landsknechtsmode -gekleidet sind, der eine bunt in Rot und Gelb, der andere grün. Der -Gesichtsausdruck ist wieder meisterhaft, namentlich wirkt die Miene -des Grünen, der sich mit der größten Mühe anstrengt zu fassen, was der -Lehrer ihm sagt, unbeschreiblich komisch. - -[Illustration: Abb. 13. +Dorothea Kannengießer, Gattin des -Bürgermeisters Jakob Meyer.+ Zeichnung in Silberstift und Rötel. Im -Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 14. +Der Bürgermeister Jakob Meyer.+ Ölgemälde von -1516. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Neben solchen bescheidenen Arbeiten von flüchtiger Ausführung malte -Holbein aber auch Bildnisse, in denen er den höchsten künstlerischen -Ansprüchen Genüge leistete durch eine meisterhafte Bethätigung der -Kunst, aus dem naturgetreuen Abbild eines Menschen ein wirkliches -Bild, ein in Formen und Farben in sich abgeschlossenes harmonisches -Kunstwerk, zu gestalten, und durch die vollendetste technische -Durchbildung. In eben dem Jahre 1516 gab der neuerwählte Bürgermeister -von Basel, Jakob Meyer, ihm den Auftrag, ihn und seine Gattin zu -malen. Das Baseler Museum besitzt nicht nur die in einem Rahmen -vereinigten Bildnisse des Ehepaares, sondern auch die Vorarbeiten, -welche Holbein zu denselben gemacht hat. Diese letzteren bestehen in -Zeichnungen der Köpfe, die in der nämlichen Größe, die sie im Gemälde -bekommen sollten, halb lebensgroß, mit der äußersten Sorgfalt und -Feinheit ausgeführt sind. Mit haarscharfen Linien des Silberstifts, -die so klar und bestimmt dastehen wie Federstriche, hat der Künstler -die Umrisse festgestellt; in leichter, zarter Modellierung hat er -mit demselben Stift die Rundung der Formen angegeben und dabei die -Verschiedenartigkeiten der Haut in ihrer Lage über festen und über -weichen Teilen treffend anzugeben gewußt; mit Rötel hat er dann die -röteren Stellen der Haut bezeichnet. Namentlich die Zeichnung des -Männerkopfes ist so vollendet in der Durchbildung, daß diese Vorarbeit -zu einem Gemälde den Wert eines selbständigen Kunstwerks in sich trägt. -Jakob Meyer, mit dem Beinamen zum Hasen -- solche unterscheidende -Beinamen wurden von den Wahrzeichen der Häuser der Betreffenden -hergeleitet --, zeigt sich uns als eine ehrenfeste Persönlichkeit, -in deren Zügen sich Milde und Entschiedenheit vereinigen. So können -wir uns den Mann wohl vorstellen, der, nachdem er mehrere Feldzüge -in Italien mitgemacht hatte, als der erste von bürgerlicher Herkunft -an die Spitze der Regierung von Basel berufen wurde und in einer -Reihe aufeinander folgender Amtsjahre tief eingreifende Neuerungen -in der Verfassung der Stadt mit Umsicht und Thatkraft durchführte -(Abb. 12). Die Gattin des Bürgermeisters, Dorothea Kannegießer, -erscheint jung und hübsch; sie war Jakob Meyers erst vor wenigen -Jahren heimgeführte zweite Frau (Abb. 13). -- Nachdem Holbein solche -Zeichnungen angefertigt hatte, in denen Form und Ausdruck schon -vollkommen fertig festgelegt waren, konnte er bei der Ausführung in -der Malerei sein ganzes Augenmerk auf die Farbe richten. Und auch um -der Farbe willen brauchte er seine Modelle nicht durch viele und lange -Sitzungen zu ermüden. Auf der Bildniszeichnung Jakob Meyers sehen -wir oben links in der Ecke einige schriftliche Bemerkungen von der -Hand Holbeins; das sind Notizen über die Farbe, z. B. „Brauen heller -denn das Haar.“ Wir ersehen daraus, daß der Künstler die Absicht -hatte und zweifellos auch durchführte, beim Herstellen der Gemälde, -im Vertrauen auf sein erforderlichenfalls durch solche Notizen -unterstütztes Farbengedächtnis, die Zeichnungen so viel wie möglich -aus dem Kopf in Malerei zu übersetzen. Dieses Verfahren hat Holbein -zeitlebens beibehalten. In die Art und Weise, wie er beim Malen zu -Werke ging, gewährt ein in den ersten Anfängen stehen gebliebenes -Damenporträt im Baseler Museum einen interessanten Einblick; da sind -innerhalb der genauen Zeichnung alle Farben mit ganz platten Tönen -angelegt, nur das Fleisch ist von vornherein ein wenig modelliert. -- -Das gemalte Doppelbildnis des Meyerschen Ehepaares (Abb. 14 und 15) ist -ein ausgezeichnetes Meisterwerk. Von seinem Vater hatte Holbein die -Lust überkommen, Architekturen in dem neuen italienischen Geschmack, -im Renaissancestil, zu erfinden. So hat er auch die beiden Brustbilder -unter eine solche, seiner Phantasie entsprungene Architektur gesetzt. -Dieselbe ist als eine in beiden Bildhälften durchgehende gedacht. Sie -bringt Abwechselung in Formen und Farben in die Hintergründe; der graue -Stein ist buntfarbig belebt durch braunrote Marmorsäulchen, goldfarbige -Verzierungen und dunkelblaue Tönungen in den Kassetten der Wölbung. Bei -dem Bilde des Mannes bleibt ein schmaler, bei demjenigen der Frau ein -breiter Durchblick in die lichtblaue Luft frei. Jakob Meyer trägt einen -schwarzen Rock, ein weißes Hemd mit goldfarbiger Stickerei am Börtchen -und eine scharlachrote Mütze auf dem krausen braunen Haar; das Rot und -das Luftblau stehen ganz ähnlich zusammen wie in dem das Jahr zuvor -gemalten Bildnis im Darmstädter Museum. Das Bild der Frau ist womöglich -noch prächtiger in der Farbe, als das des Mannes. Kopf und Hals heben -sich in den lichten Fleischtönen einer Blondine, deren kühle Farbe -durch eine warme Tönung des mit goldfarbigen Verzierungen durchwirkten -Weißzeugs von Haube und Hemd noch gehoben wird, von der blauen Luft -ab; ein paar schmale Kettchen auf dem weißen Hals und glitzernder -Metallschmuck am Saum des Hemdes beleben die Helligkeitsmasse, die -unten kräftig abgeschlossen wird durch den breiten schwarzsammetenen -Besatz des scharlachroten Kleides. - -[Illustration: Abb. 15. +Die Gattin des Bürgermeisters Jakob Meyer.+ - -Ölgemälde von 1516. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Ein mit der Jahreszahl 1517 bezeichnetes kleines Bild im Baseler -Museum zeigt Adam und Eva in Brustbildern (Abb. 16). Es ist eine mit -Ölfarbe auf Papier gemalte fleißige Naturstudie, deren malerischer Reiz -in der Verschiedenheit besteht, mit der sich helleres und dunkleres -Fleisch -- Adam ist brünett, Eva blond -- nebeneinander vom schwarzen -Grunde abheben. - -[Illustration: Abb. 16. +Adam und Eva.+ Ölmalerei auf Papier, von 1517. - -Im Museum zu Basel.] - -Wie eingehend Holbein die Natur auch in Kleinigkeiten studierte, -davon legen ein paar niedliche Blättchen unter den Handzeichnungen -des Baseler Museums Zeugnis ab. Auf dem einen sehen wir ein Lamm und -den Kopf eines Lammes, mit entzückender Feinheit gezeichnet und mit -ganz leichter Anwendung von Wasserfarben zu völlig malerischer Wirkung -gebracht (Abb. 17). Auf dem anderen ist mit der nämlichen Sorgfalt -eine ausgespannte Fledermaus gezeichnet; die durch die Flughäute -durchschimmernden Adern sind mit roter Wasserfarbe nachgezogen, und -hierdurch und durch leichtes Anlegen einiger anderen Stellen mit dem -rötlichen Ton ist in überraschender Weise ein farbiger und malerischer -Eindruck erzielt (Abb. 18). - -Im Jahre 1517 begab sich Holbein nach Luzern. Hier harrte seiner eine -umfangreiche Aufgabe der Wandmalerei. - -Während im übrigen Deutschland damals den Malern wenig Gelegenheit -geboten wurde, ihre Kunst auf diesem besonderen Gebiet zu erweisen, -dem die gleichzeitigen Italiener die Freiheit und Größe ihres Stils in -erster Linie verdankten, hatte in den deutschen Städten in der Nähe des -Alpenrandes -- zuerst vielleicht in Augsburg, das ja vornehmlich den -Verkehr mit Italien vermittelte, -- die oberitalienische Sitte Aufnahme -gefunden, die Außenseite der Häuser mit Gemälden zu schmücken, anstatt -in der Anbringung gotischer Zierformen das Mittel zur Belebung der -Flächen zu suchen; die Mauern blieben zur Aufnahme solchen Schmuckes -ganz schlicht, und die Fenster erhielten schon früh eine einfach -viereckige Gestalt. Die Ausmalung der Innenräume der Bürgerhäuser mit -figürlichen Darstellungen war in diesen Gegenden bereits vor mehr als -einem Jahrhundert beliebt. - -[Illustration: Abb. 17. +Naturstudie.+ Aquarellierte -Silberstiftzeichnung. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -So hatte auch Holbein in Luzern das Haus des Schultheißen Jakob von -Hertenstein von innen und von außen mit Malereien zu schmücken. Im -Innern kamen in einem Gemache religiöse, in anderen Räumen genrehafte -Gegenstände zur Darstellung, dazu das Märchen vom Jungbrunnen, dessen -Wasser Alten und Gebrechlichen Jugendkraft und Jugendschönheit -wiedergibt. Außen wurden Historienbilder angebracht; der Stoff zu -diesen wurde jetzt, in einer Zeit, wo alles sich dem Studium des -klassischen Altertums zuwandte, nicht mehr aus den mittelalterlichen -Dichtungen, sondern aus der -- freilich mit späteren Sagen -untermischten -- Geschichte der Römer und Griechen geschöpft. - -[Illustration: Abb. 18. +Naturstudie.+ Zeichnung in Silberstift und -Wasserfarben. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 19. +Das letzte Abendmahl.+ Ölgemälde im Museum zu -Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Das Hertensteinische Haus stand mit großenteils wohlerhaltenem -Gemäldeschmuck bis zum Jahre 1824; dann mußte es abgetragen werden, und -nur sehr ungenügende Kopien bewahren uns -- abgesehen von einigen kaum -nennenswerten Resten und von einer kleinen getuschten Skizze zu einem -der Bilder -- das Andenken an Holbeins erste monumentale Schöpfung. -Immerhin können wir uns nach den Kopien eine Vorstellung von den -Außenmalereien des Hauses machen: wenn auch nicht von der Schönheit -des Einzelnen, so doch von dem Geschmack der Gesamtanordnung. Das -Erdgeschoß war ungeschmückt gelassen. Im Hauptgeschoß, wo zahlreiche -und dicht beisammen stehende Fenster wenig Raum ließen, beschränkte -sich die Malerei auf drei einzelne weibliche Gestalten, je eine an -den Ecken und eine auf dem breiten Fensterzwischenraum in der Mitte. -Darüber sah man links Figurenornamente, welche sich den unregelmäßigen -Fensterbekrönungen anpaßten, und rechts, wo die Fenster in gerader -Reihe standen, einen Fries von kämpfenden Kindern. Zwischen diesen -grau in grau gemalten Darstellungen befand sich in der Mitte ein -größeres farbiges Bild, das mit seinem oberen Teil in den zweiten -Stock hineinreichte. Dieses Bild löste die Mauerfläche derartig auf, -daß es aussah, als ob ein halbrunder Erker aus der Wand herausträte, -durch dessen weite Säulenstellung man in einen inneren Raum blickte; in -diesen inneren Raum war die Verbildlichung eines Vorganges verlegt, zu -dem die Sage von den drei Prinzen, die vor der Leiche des alten Königs -beweisen sollen, wer von ihnen dessen rechter Sohn sei, den Stoff gab. -Rechts und links waren zwischen den Fenstern des zweiten Stockwerks -Ehewappen, von bekränzten Bogen umrahmt, angebracht. In dem Raum -zwischen den Fenstern des zweiten und denen des dritten Stocks war ein -Triumphzug zu sehen, durch Pilaster in einzelne Gruppen abgeteilt und -auf eine Bodenlinie gestellt, welche die Ungleichheit der Fensterhöhen -unberücksichtigt ließ. Diese Gruppen hatte Holbein den Kupferstichen -des Andrea Mantegna „der Triumphzug Cäsars“ entnommen; seinem Vorbilde -getreu hatte er hier antike Trachten zur Anschauung gebracht, während -er auf den übrigen Geschichtsbildern der Fassade die Figuren noch -in das Kostüm seiner Zeit kleidete. Die Bilder zwischen den bis zum -Dachgesims reichenden Fenstern des dritten Stocks zeigten Beispiele -antiker Sinnesgröße: da sah man die Zurückweisung des verräterischen -Schulmeisters von Falerii, die Athenerin Leäna, die sich die Zunge -abgebissen hat, um vor Gericht nicht gegen ihren Geliebten aussagen zu -können, Mucius Scävola vor Porsenna, den Selbstmord der Lucretia und -den Opfertod des Marcus Curtius. In dem letztgenannten Bilde war der -römische Ritter so dargestellt, als ob er sein Roß antriebe, um auf -die Straße herabzuspringen. Die Standhaftigkeit der Leäna ist dasjenige -von den Bildern, von welchem sich eine Originalskizze erhalten hat; in -dieser im Baseler Museum befindlichen Zeichnung sehen wir den schwer -zu verbildlichenden Gegenstand mit wenigen Figuren so deutlich, wie es -eben möglich war, erzählt und die unregelmäßige Bildfläche durch die -Architektur des Gerichtssaales geschickt ausgefüllt. - -[Illustration: Abb. 20. +Bonifacius Amerbach.+ Ölgemälde im Museum zu -Basel. - - Aufschrift: - - „Bin ich auch nur ein gemaltes Gesicht, nicht weich’ ich dem Leben, - Gleiche in jeglichem Strich meinem Besitzer genau. - Wie ihn, da er achtmal drei Lebensjahre vollendet, - Hat gebildet Natur, sag’ ich durch bildende Kunst. - - Den Bonifacius Amorbacchius malte Johannes Holbein im Jahre 1519 am - Tag vor den Iden des Oktober.“ - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Möglicherweise machte Holbein von Luzern aus einen Ausflug über die -italienische Grenze. Zwar wird in einer alten Lebensbeschreibung -ausdrücklich von ihm gesagt, er sei niemals in Italien gewesen. Aber -das schließt nicht aus, daß er das der Schweiz so nahe gelegene Mailand -besucht habe. Was dafür spricht, ist der Umstand, daß Holbein eine -Darstellung des letzten Abendmahls gemalt hat, die ganz unverkennbare -große Ähnlichkeiten mit dem berühmten Freskogemälde des Leonardo da -Vinci in S. Maria delle Grazie zu Mailand zeigt. Das Bild, dem die -Seitenteile fehlen, befindet sich im Baseler Museum. Es war schon -zu Amerbachs Zeit beschädigt und schlecht ausgebessert, ist später -nochmals ausgebessert und dabei hart und bunt übermalt worden, so -daß man von der ursprünglichen Farbenstimmung keine Vorstellung mehr -bekommt. Was man noch würdigen kann, ist der stark betonte sprechende -Ausdruck der Köpfe. Die Anordnung, die Figur des Heilandes und die -ganze durch die Versammlung gehende Bewegung erinnern so stark an -Leonardos Meisterwerk, daß man unbedingt annehmen muß, daß Holbein -dieses gesehen habe (Abb. 19). - -Nach Basel zurückgekehrt, wurde Holbein am 25. September 1519 in die -dortige Malerzunft aufgenommen. - -Wenige Wochen später vollendete er ein Meisterwerk der Bildniskunst in -dem Brustbild des Bonifacius Amerbach. Der gelehrte und kunstsinnige, -dabei durch große persönliche Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Herr, -der später alles sammelte, was er von Arbeiten Holbeins auftreiben -konnte, und dessen Bildnis mit dieser ganzen Sammlung in das Baseler -Museum gelangt ist, zeigt sich uns hier in einer so sprechenden -Lebensfülle der Erscheinung, daß wir die Berechtigung der von ihm -für das Bild gedichteten Verse, in denen er die Vollkommenheit -der Ähnlichkeit preist, ohne den leisesten Zweifel anerkennen. -Ausgezeichnet ist die Farbenstimmung des Gemäldes. Der schöne Kopf, -warm von Hautfarbe und mit rötlichbraunem Bart und Haar, hebt sich im -Rahmen einer mit schwarzem Pelz besetzten schwarzen Kleidung, die ein -Unterwams von hellblauem Damast und den weißleinenen Hemdkragen sehen -läßt, von einer tiefblauen Luft ab. Das Blau der Luft wird leicht -belebt durch einen Fernblick auf beschneites Hochgebirge und kräftig -begrenzt und durchschnitten durch die warmen braunen und grünen Töne -von Stamm und Zweigen eines Feigenbaumes. An dem Baumstamm hängt in -hölzernem Rahmen die pergamentene Tafel mit der Inschrift, die außer -jenen Versen den Namen des Malers und des Abgemalten und das Datum (14. -Oktober 1519) trägt (Abb. 20). - -[Illustration: Abb. 21. +Mutmaßliches Selbstbildnis Holbeins.+ - -Buntstiftzeichnung im Museum zu Basel.] - -Am 3. Juli 1520 leistete Holbein der Stadt Basel den Bürgereid. -Wahrscheinlich um dieselbe Zeit vermählte er sich mit Frau Elsbeth, -einer Witwe. Erwerbung des Bürgerrechts und Verehelichung wurden -vermutlich von den Baseler Zunftordnungen ebenso ausdrücklich wie von -denjenigen anderer Städte von jedem verlangt, der sich als Meister -niederlassen wollte. - -[Illustration: Abb. 22. +Madonna.+ Tuschzeichnung als Vorlage für -Glasmalerei, im Museum zu Basel.] - -Wie der junge Meister aussah, mögen wir uns nach der schönen -Buntstiftzeichnung im Baseler Museum vorstellen, welche als sein -Selbstbildnis gilt (Abb. 21). Doch darf nicht verschwiegen werden, daß -die Berechtigung dieser Bezeichnung nicht ganz unzweifelhaft ist. Das -alte Amerbachsche Verzeichnis nennt dieses Bild eine „Conterfehung -Holbeins mit trocken farben,“ und aus diesen Worten ergibt sich -nicht ohne weiteres, daß es eine „Conterfehung“ seiner selbst sei. -Ähnlichkeit mit den vom Vater angefertigten Kinderbildnissen kann man -allerdings darin finden; aber die Ähnlichkeit zwischen einem Kind und -einem erwachsenen Mann ist immer nur eine unbestimmte und entfernte. -Mag nun das Bild den Meister selbst vorstellen oder eine andere -Persönlichkeit, jedenfalls ist sie ein hervorragendes Meisterwerk. Die -Ausführung ist eine ganz außerordentlich vollendete, völlig malerisch. -In die mit schwarzer Kreide gemachte Zeichnung sind die verschiedenen -Töne farbiger Stifte so dünn und sauber hineingewischt, daß der -Eindruck von Wasserfarbe dadurch erreicht wird. Nur im Gesicht sind -auch farbige Töne mit spitzigem Stift in Strichen gezeichnet. Dieses -sinnige Gesicht mit den klaren braunen Augen könnte wohl dasjenige -des die Außenwelt ruhig und sicher beobachtenden und im Innern regsam -schaffenden Malers sein. Auf dem kurzen dunkelbraunen Haar sitzt -ein breitrandiges rotes Barret. Die Farbe des mit schwarzem Sammet -besetzten Rockes ist ein helles bräunliches Grau. Auf dem am Hals zum -Vorschein kommenden Hemd sind die Lichter mit weißer Farbe aufgesetzt. -Für die Härte der Gesamtumrisse, welche die malerische Wirkung des -prächtigen Bildes einigermaßen beeinträchtigt, ist der Künstler nicht -verantwortlich; die Figur ist nachträglich am Kontur ausgeschnitten und -auf graues Papier geklebt worden. - -[Illustration: Abb. 23. „+St. Anna selbdritt+“ (Mutter Anna mit -der Jungfrau Maria und dem Jesuskind). Getuschte Vorzeichnung für -Glasmalerei. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Sieben Jahre lang von seiner Aufnahme in die Zunft an blieb Holbein -ohne längere Unterbrechung seines Aufenthaltes in Basel und entfaltete -die reichste Thätigkeit. - -Den besten Überblick über sein vielseitiges Schaffen gewährt uns der -kostbare Schatz von Handzeichnungen, den das Baseler Museum besitzt -und der sein Vorhandensein zum allergrößten Teil der von Bonifacius -Amerbach angelegten und von dessen Sohn Basilius bedeutend vermehrten -Sammlung verdankt, welche die Stadt Basel im Jahre 1661 als „ein -sonderbares Kleinod“ angekauft hat. - -Da finden wir neben den köstlichen Bildniszeichnungen, welche in -einer einzig dastehenden Weise mit den allereinfachsten Mitteln, mit -Umrißlinien und ein paar hineingewischten oder gestrichelten Tönen -eine sprechende Lebendigkeit und ganz malerische Wirkung erreichen, -und neben sonstigen Studien und in sich künstlerisch abgeschlossenen -Zeichnungen auch Entwürfe zu größeren Werken und Vorbilder für -verschiedene Zweige des Kunstgewerbes. - -Unter den letzteren stehen der Zahl nach die sogenannten -„Scheibenrisse,“ d. h. Vorzeichnungen für Glasmalereien, an erster -Stelle. - -[Illustration: Abb. 24. +Die heilige Barbara.+ Getuschte Vorzeichnung -für Glasmalerei. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 25. +Die heilige Katharina.+ Getuschte Vorzeichnung -für eine Fensterscheibe. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Die Glasmalerei hatte ihren Vorrang unter den verschiedenen Zweigen -der Malerkunst schon längst eingebüßt; in der Renaissancezeit trat -sie völlig in Abhängigkeit von der Tafelmalerei. Sie gab ihren -teppichartigen Charakter auf, und mit Hilfe neuerfundener Mittel wußte -sie es jener in plastischer Modellierung und perspektivischer Wirkung -gleich zu thun. Auch hörte sie auf, eine rein kirchliche Kunst zu -sein; sie schmückte in den sonst farblosen Fenstern der Bürgerhäuser -einzelne Scheiben mit Wappen und mit figürlichen Darstellungen. Hier -traten ihre Gebilde dem Beschauer in nächster Nähe vor Augen, und auf -engem Raum entfaltete sich ein reiches Bild von kleinem Maßstab in -einem auf das Unentbehrlichste eingeschränkten Gerüst von Verbleiungen; -die feinste, zierlichste Ausführung war daher unbedingt notwendig. Daß -bei so gänzlich veränderten Anforderungen die Glaser sich die Entwürfe -zu ihren Arbeiten gern von Malern anderen Faches machen ließen, war -natürlich. - -[Illustration: Abb. 26. +Marienbild mit Stifter.+ Getuschte -Vorzeichnuug für eine Fensterscheibe. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 27. +Der Erzengel Michael.+ Getuschte Vorzeichnung -zu einer Fensterscheibe. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 28. +Christus vor Kaiphas.+ Aus der Folge von -Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für -Glasmalerei), im Museum zu Basel.] - -Sowohl zu Glasfenstern mit religiösen Darstellungen als auch zu -solchen mit Wappenbildern hat Holbein Entwürfe angefertigt. Dieselben -sind sämtlich in der Ausführungsgröße mit dem Pinsel gezeichnet und -ausgetuscht, mit kräftiger Angabe der Licht- und Schattenwirkung. -So war dem Glaser die Zeichnung der Umrisse und alles, was er mit -Schwarzlot zu machen hatte, auf das genaueste gegeben, die Wahl der -Farben aber blieb seinem Geschmack überlassen; nur in einzelnen Fällen -hat Holbein es für angezeigt gehalten, seine Farbengedanken durch ein -paar leichte Tönungen anzudeuten. Das erste Erfordernis bei diesen -Arbeiten war die dekorative Wirkung, die wohlgeordnete Verteilung -der Formen über die Fläche, deren Ausschmückung ihr Zweck war. -- -Die ältesten dieser Holbeinschen Vorzeichnungen für Glasmalerei sind -mehrere Heiligenbilder. In den Gestalten, welche wir auf diesen Bildern -sehen, fällt ein befremdlicher Schönheitsfehler, der sich in Holbeins -früheren Werken mehrfach bemerklich macht, in besonders unangenehmer -Weise auf. Die Figuren haben fast alle viel zu kurze Beine. Aber -man hat auch den Eindruck, als ob der Künstler beim Entwerfen -dieser Blätter den Figuren kaum so viel Interesse entgegengebracht -hätte, wie der Umgebung derselben, in der er mit unerschöpflicher -Einbildungskraft reiche, phantastische Renaissancearchitekturen -schuf. Bisweilen bilden diese Architekturen rahmenartige Einfassungen -um die freistehenden Figuren; bisweilen vertiefen sie sich in das -Bild hinein zu einem thorartigen Gehäuse; oder sie ziehen sich, wie -Teile eines großen Bauwerks gedacht, auch in den hinter den Figuren -befindlichen Raum, den sonst eine landschaftliche Fernsicht füllt, -hinein. Diese letzteren, reichsten Architekturen, die zum Entfalten -einer bunten Mannigfaltigkeit in der Anordnung spielend ersonnener -Bauformen Gelegenheit gaben, finden wir in einer Folge von acht -zusammengehörigen Scheibenbildern (daraus die Abbildungen 22 bis 25) -derartig angewendet, daß jedesmal zwei der Bilder als Gegenstücke -- -also in den zwei Flügeln eines Fensters angebracht -- gedacht sind und -daß darum ihre Architekturen einander symmetrisch entsprechen, doch -ohne daß sie deswegen in ihren Einzelheiten genau übereinstimmten (Abb. -23 und 24). Wenn man aus dem stärkeren Hervortreten des erwähnten -Schönheitsfehlers der Figuren einen Schluß auf die Entstehungszeit -ziehen darf, so müssen diese acht Fensterbilder die ältesten von -allen sein. Bei einem einzelnen Marienbild gibt der Umstand, daß die -landschaftliche Fernsicht die Stadt Luzern zeigt, Grund zu der Annahme, -daß dasselbe während Holbeins Aufenthalt in jener Stadt entstanden sei. -Auf einem sehr schönen Scheibenbilde, das, den guten Verhältnissen der -Figuren nach zu urteilen, einer späteren Zeit angehört, steht Maria, -eine anmutige Gestalt, die mit lieblichstem Gesichtsausdruck das Kind -in ihren Armen betrachtet, vor einer von Pfeilern eingeschlossenen -Nische, deren schöne Architektur viel einfacher gehalten ist, als es -sonst dem Jugendgeschmack Holbeins entsprach; die Figur ist wie ein -plastisches Bildwerk gedacht: sie steht auf einem verzierten Sockel, -und die Strahlen, welche sie als ein der Kunst geläufiges Abzeichen der -unbefleckten Empfängnis vom Kopf bis zu den Füßen umgeben, erscheinen -wie aus Metall gebildet. Seitwärts kniet der Stifter des Bildes in -ritterlicher Tracht, mit dem Ausdruck heißen Flehens im Gesicht und den -geöffneten Händen (Abb. 26). Im Gegensatz zu dieser verhältnismäßig -ruhigen Architektur, die mit ihren wohl abgewogenen Massen die Figur -in der Mitte so schön hervorhebt, finden wir die ausschweifendste -architektonische Phantastik in einem Blatt, welches Christus am Kreuz -zwischen Maria und Johannes darstellt. Die Bauformen das umrahmenden -Gehäuses lösen sich hier ganz in Ornamente auf, und der üppige Schwung -der Holbeinschen Renaissanceornamentik wirkt auf die Linienzüge und -selbst den Gesichtsausdruck der Figuren zurück. In einer reichen -Komposition, welche die Krönung der Jungfrau Maria als Himmelskönigin -darstellt, hat Holbein die Rahmenarchitektur ganz weggelassen und seine -Lust am Schaffen baukünstlerischer Gebilde nur an dem in den Wolken -stehenden Prachtgestühl bestätigt, auf dem die Gestalten von Gott Vater -und Gott Sohn sitzen. Gleichfalls ohne Einrahmung ist ein vorzüglich -schönes Bild des Erzengels Michael, der, wie ein Schnitzbild gedacht, -auf einer Art von Konsole steht; der Engel hält die Wage des Gerichts -und wägt die Sündenlast, die durch eine Teufelsfigur angedeutet wird, -gegen die durch das Christuskind verbildlichte Kraft der Erlösung ab -(Abb. 27). -- Eine vereinzelte Stellung hinsichtlich des Gegenstandes -nimmt unter den Glasbilderentwürfen ein treffliches Blatt ein, das -innerhalb einer rahmenartigen Einfassung den verlorenen Sohn als -Schweinehirten zeigt. In einer von Bergen begrenzten Landschaft drängt -sich die Schweineherde um einen Eichbaum, und ihr Hüter schreitet, wie -von innerer Unruhe getrieben, schnell vorwärts, mit dem scheuen Blick -eines verkommenen Menschen, in dessen Zügen sich aber ein solches -Unglücklichkeitsgefühl eingegraben hat, daß sein Anblick mehr Mitleid -als Abscheu erweckt. - -[Illustration: Abb. 29. +Die Geißelung.+ Aus der Folge von -Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für -Glasgemälde) im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 30. +Die Verspottung Christi.+ Aus der Folge von -Tuschzeichnungen aus der Passion (Vorlagen für Glasbilder), im Museum -zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 31. +Die Händewaschung des Pilatus.+ Aus der Folge -von Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für -Glasmalerei), im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 32. +Die Kreuztragung.+ Aus der Folge von -Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für -Glasmalerei), im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 33. +Die Kreuzigung.+ Aus der Folge von -Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für -Glasmalerei), im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 34. +Das Wappen der Familie Holdermeier+, Vorlage -für eine Fensterscheibe. Tuschzeichnung aus dem Jahre 1518. Im Museum -zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 35. +Entwurf zu einem Wappenfenster.+ -Tuschzeichnung im Museum zu Basel.] - -Das inhaltlich Bedeutendste von allem, was sich an Vorlagen Holbeins -für Glasmalerei erhalten hat, ist eine Folge von zehn Darstellungen -aus der Leidensgeschichte Christi. Auch hier hat der Künstler seiner -Freude am Ersinnen reicher, kräftig gestalteter Bau- und Ziergebilde -im „antikischen“ Geschmack freien Lauf gelassen. Aber das Hauptgewicht -hat er doch auf die figürlichen Darstellungen gelegt, die sich im -Einschluß dieser Rahmen als vollendete Meisterwerke der Raumausfüllung -ausbreiten. Finden wir in diesen Kompositionen auch nicht die -unerreichbare Tiefe der Empfindung und die ergreifende Poesie Dürers, -so kommen sie dafür durch die ungemein anschauliche und naturgemäße -Schilderung der mehr vom menschlichen als vom religiösen Standpunkt -aus aufgefaßten Vorgänge und durch die schlichte natürliche -Schönheit der Formen, die alle Härten vermeidet, dem Verständnis und -dem Gefühl des modernen Beschauers um so unmittelbarer entgegen. Auch -der nebensächliche Umstand spricht dabei mit, daß sich nirgendwo das -zeitgenössische Kostüm hervordrängt, daß namentlich die Kriegerfiguren -großenteils in die antik-römische Tracht nach Mantegnas Vorbild -gekleidet sind. Freilich läßt sich nicht leugnen, daß mit diesem -Streben nach geschichtlicher Treue auch in den Äußerlichkeiten, mit -diesem Entrücken der Vorgänge in eine entlegene zeitliche Ferne, -der großen Menge der zeitgenössischen Beschauer gegenüber eine -Einbuße in Bezug auf die innerliche Wirkung verbunden sein mußte im -Vergleich mit dem Eindruck, den die Werke der älteren Meister dadurch -machten, daß in ihnen die Begebenheiten aus dem Leben des Heilandes -als für alle Zeiten geschehene Gottesthaten in die eigene Gegenwart -verlegt erschienen. -- Die Folge beginnt mit der Vorführung Christi -vor Kaiphas. Man sieht den Thron des Hohenpriesters, der in einer -schmuckreichen Halle aufgebaut ist, von der Seite. Ihm gegenüber -steht der gefesselte Heiland und wendet den Kopf mit einem wunderbar -ausdrucksvollen Blick der Frage und der Unschuld zu dem Kriegsknecht, -der ihn mit der Faust geschlagen hat (Abb. 28). Auch die Geißelung -ist in einen prunkhaften Raum verlegt, und die Erfindungslust des -Künstlers hat selbst die Martersäule mit Schmuckformen versehen. -Christus lehnt, mit den Armen angebunden, kraftlos, mit niedersinkendem -Haupt an der Säule, den Schlägen von drei Schergen preisgegeben und -von einer obrigkeitlichen Person beobachtet. Bei den Figuren der -Schergen fällt es auf, daß sie nicht ganz jene Fülle von Lebendigkeit -besitzen, welche Holbein sonst bewegten Gestalten zu geben vermochte -(Abb. 29). Um so lebendiger und eindrucksvoller ist die Schilderung der -Verspottung Christi, deren Schauplatz eine ausnahmsweise in gotischen -Formen komponierte Halle ist (Abb. 30). Das folgende Bild stellt die -Dornenkrönung dar. Man sieht den auf einem Stuhl sitzenden Heiland von -der Seite. Einer der Soldaten kniet spöttisch vor ihm nieder, während -er ihm das Schilfrohr als Scepter reicht; zwei andere drücken ihm -mit einem Stab die Krone auf den Kopf, und ein dritter schlägt mit -dem Stock darauf. Hinter dem Sitz steht Pilatus mit dem Richterstab -in der Hand als Zuschauer. Bei diesem Blatt ist die Einfassung, die -aus einem oben durch Ornamente verbundenen Pfeilerpaar besteht, nicht -mit der Raumarchitektur des Bildes im Zusammenhang gedacht, sondern -umgibt das Ganze als ein besonderer Rahmen. Auch bei allen folgenden -Blättern sind die Einrahmungen nur ein äußerer, mit dem Bilde nicht in -inneren Zusammenhang gebrachter Abschluß. Durch den Umstand, daß die -Darstellungen sich im Freien bewegen, war hier eine solche Anordnung -geboten; diese Einschränkung der architektonischen Zuthaten aber hat -Holbein nicht gehindert, in denselben auch hier den Reichtum seiner -Erfindungskraft in bunter Mannigfaltigkeit spielen zu lassen. In dem -auf die Dornenkrönung folgenden Bilde öffnet sich uns ein Stadtbild. -Wir blicken auf den freien Platz vor dem Gerichtsgebäude. Lärmendes -Volk, das der Künstler mit großem Geschick so anzugeben gewußt hat, -daß er durch wenige Figuren den Eindruck einer großen Menge erzielt, -erfüllt den Platz. Sein Geschrei ist die Antwort auf die von lebhaftem -Mienen- und Gebärdenspiel begleiteten mitleidig geringschätzigen -Worte, mit denen Pilatus den mit gesenkten Blicken neben ihm stehenden -Dulder dem Volke vorstellt. Auf dem nächsten Bilde sehen wir in einem -geräumigen Innenhof den von einem Baldachin überdachten Thron des -Landpflegers errichtet. Mit einer sehr ausdrucksvollen Entschiedenheit -führt Pilatus die sinnbildliche Handlung der Handwaschung aus, während -er, noch ein lautes Wort sprechend, dem Zuge nachsieht, der den -preisgegebenen Christus hinausführt. Christus schreitet im Vordergrunde -zwischen einer Schar von Kriegsknechten und sein Blick trifft mit einer -stummen Frage einen Geharnischten, dessen Eisenfaust seinen Arm umfaßt -hat (Abb. 31). Es folgt die Kreuztragung. Eine gedrängte Menschenmenge -durchschreitet das Stadtthor, das einen kleinen Durchblick in die -Straße gewährt, während man von außen ein Stück der turmbewehrten -Stadtmauer sieht. Vorn im Zuge schreiten, mit Stricken gebunden, die -beiden Schächer. Dem ihnen folgenden Christus brechen eben unter -der Last des Kreuzes die Kniee. Ein neben ihm schreitender Führer -der Kriegsleute faßt ihn scheltend und drohend an der Schulter, die -Knechte stoßen und schlagen auf ihn ein. Über die Köpfe der Figuren -ragen Waffen und Geräte, und der Eindruck der Vielheit der Menge wird -hierdurch wirksam gesteigert (Abb. 32). Das nächste Bild schildert -in lebendiger und eindrucksvoller Komposition die Vorbereitungen zur -Kreuzigung. Christus kniet auf dem am Boden liegenden Kreuz. Zwei -Schergen entkleiden ihn, indem sie ihm mit wüster Gewalt die Tunika -über den Kopf ziehen. Vorn ist ein Mann damit beschäftigt, die Löcher -für die Nägel in die Kreuzbalken zu bohren. Ein anderer hackt die -Grube zum Einpflanzen des Kreuzes aus. Im Hintergrunde sieht man viel -Volk, darunter einen der Schächer, der bereits entkleidet ist. -- Der -Darstellung der Entkleidung folgt diejenige der Annagelung an das -Kreuz. Auch dieser Vorgang ist mit großer Lebendigkeit geschildert. Die -geschäftsmäßige Roheit der Henker wird derb, aber ohne Übertreibung -zur Anschauung gebracht. Kalt und gelassen schauen eine Gerichtsperson -in Pelz und Mütze und ein auf einem Maultier reitender höherer -Beamter in morgenländischer Kleidung zu. Im Mittelgrund sieht man -die um den Rock Christi würfelnden Soldaten und weiter zurück eine -große Menschenmenge. -- Auf dem letzten Bilde sehen wir die drei -Kreuze aufgerichtet. Christus wendet den Kopf seitwärts nach seiner -Mutter herab, die, von Johannes aufrecht gehalten, dicht an den Stamm -herangetreten ist und nicht aufzublicken vermag. Ein Mann, der den -Aufschriftzettel angeheftet hat, steigt im Rücken des Kreuzes die -Leiter hinab. Man sieht den an eine Stange gesteckten Essigschwamm. -Vor den Kriegsknechten steht, dem gekreuzigten Heiland gerade -gegenüber, der römische Hauptmann und hebt, zu ihm aufschauend, die -Hand zur Beteuerung seines Glaubens empor. Was dieses Blatt besonders -bewunderungswürdig macht, ist die schlichte Einfachheit der Stellungen -und Bewegungen; wo es galt, lebendige Thätigkeit zu veranschaulichen, -wußte der Künstler die höchste Lebendigkeit zu entfalten, hier, wo -keine Handlung mehr vor sich geht, hat er jede gesuchte Lebendigkeit zu -vermeiden gewußt (Abb. 33). - -[Illustration: Abb. 36. +Entwurf zu einer gemalten Fensterscheibe.+ -Tuschzeichnung mit Farbenangabe. - -Im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.] - -[Illustration: Abb. 37. +Entwurf zu einem Wappenfenster.+ -Tuschzeichnung im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 38. +Entwurf zu einem bischöflichen Wappen.+ -Getuschte Vorlage für Glasmalerei. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 39. +Das Wappen von Basel.+ Getuschter und leicht -mit Wasserfarben angelegter Entwurf zu einem Glasgemälde. Im Museum zu -Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 40. +Die Schutzheiligen von Freiburg.+ Holzschnitt -auf der Rückseite des Titels der im Jahre 1520 erschienenen -„Stadtrechte und Statuten der löblichen Stadt Freiburg im Breisgau“ von -Ulrich Zasius. - - Unterschrift: - - „Machtvoll nimm in den gnädigen Schutz, o Jungfrau, dein Freiburg, - Daß keinen Schaden ihm thun Geister des höllischen Reichs. - Zeige auch du, Lambertus, als Schirmer dich deinen Altären, - Ritter vom heiligen Land, wehre dem unholden Heer.“ - -Die von Holbein angefertigten Vorlagen für Wappenfenster sind -Meisterwerke reichen Geschmacks. Auch unter diesen Blättern befindet -sich eins, das sich als aus der Zeit des Aufenthalts in Luzern stammend -zu erkennen gibt. Es ist mit der Jahreszahl 1518 bezeichnet und -zeigt das Wappen der Luzerner Familie Holdermeier. Der heraldische -Teil der Darstellung beschränkt sich hier auf den am Boden stehenden -Wappenschild; die Hauptsache ist eine Gruppe von drei Bauern, grotesk -aufgefaßten Gestalten, die in lebhaftem Gespräch hinter dem Schilde -stehen; der architektonische Rahmen, ein pfeilergetragener Bogen, als -Marmor gezeichnet, enthält in den Bogenzwickeln wieder Bauernbildchen, -Schnitter und Mäher darstellend (Abb. 34). Wenn es sich um Wappen von -Personen handelte, die auf kriegerischem Felde thätig waren, lag es -nahe, die heraldische Darstellung in ähnlicher Weise, wie es dort mit -Bauern geschehen war, mit Kriegerfiguren zu bereichern; die malerischen -Gestalten der Landsknechte in ihrer phantastischen Tracht mußten dem -Geschmack Holbeins ganz besonders zusagen. So finden wir in einer -Zeichnung einen grimmig aussehenden Kriegsmann mit einem mächtigen -Zweihänder auf der Schulter als Schildhalter verwendet; dabei ist -auch das obere Feld der Umrahmung mit einer Darstellung kämpfenden -Fußvolks geschmückt (Abb. 35). Auf einem anderen, sehr schönen Blatt -stehen zwei Landsknechte an den Seiten des Schildes (Abb. 37). Ein -ähnliches Blatt, mit der Zuthat von Heldenfiguren des Altertums und von -einem Kampf nackter Männer in der Rahmenarchitektur, befindet sich im -Berliner Museum (Einschaltbild Abb. 36). In den beiden letztgenannten -Zeichnungen sind die Schilde leer gelassen. Dieselben können darum -nicht für eine bestimmte Persönlichkeit angefertigt worden sein, -da eine solche vor allem ihr Wappen im Wappenschilde hätte sehen -wollen. Holbein hat sie also auf Vorrat gemacht, für sich oder für -den Glaser, der dann je nach der Person eines etwaigen Bestellers das -Heraldische auszufüllen hatte. Auch bei einem sehr prunkvollen großen -Entwurf eines Bischofswappens, der mit einer fast überschwenglichen -Formenfülle die Bildfläche überspinnt, ist der Schild und außerdem der -Platz für die Devise oder eine sonstige Inschrift leer gelassen (Abb. -38). Zwei ganz verschiedenartige reiche Kompositionen enthalten das -Wappen von Basel. Auf dem einen dieser Blätter steht der Wappenschild, -von Kindern gehalten, zu den Füßen der Jungfrau Maria; an den -Seiten stehen der heilige Kaiser Heinrich und der heilige Bischof -Pantalus; der einschließende Architekturbogen ist mit leeren Schilden -belegt und mit den Medaillonbildern römischer Imperatoren zwischen -Arabesken geschmückt. Das andere Blatt, dem ungewöhnlicherweise -die architektonische Umrahmung fehlt, zeigt das Baseler Wappen mit -Basilisken als Schildhaltern unter einem im Bau begriffenen Thorbogen, -der wieder den Kranz leerer Schilde zeigt; dahinter sieht man in eine -waldige Landschaft, und im Vordergrund fährt ein mit Kriegsleuten -besetzter Kahn vorbei. Der Oberste der Kriegsleute ist durch den Namen -Basilius kenntlich gemacht, und die ganze Darstellung bezieht sich -auf die sagenhafte Geschichte der Gründung von Basel (Abb. 39). Ein -Entwurf zu einem Ehewappen, wiederum mit leer gelassenen Schilden, -ist bemerkenswert durch die schwungvolle Ausarbeitung der zu üppigen -Ornamenten auswachsenden Helmdecken, durch die Anlehnung an den Stil -spätromanischer Prachtportale in der Gestaltung der architektonischen -Umrahmung und durch die Bezeichnung mit einer Jahreszahl: 1520. -- Es -scheint, daß die Wappenzeichnungen Holbeins, sowie seine sonstigen -Glasbilderentwürfe der größten Mehrzahl nach in den ersten Jahren nach -seiner Rückkehr aus Luzern und in noch früherer Zeit entstanden sind. - -[Illustration: Abb. 41. +Entwurf zu einem Stück Fassadenmalerei, mit -der Figur Karls des Großen.+ Tuschzeichnung im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Eine seiner schönsten Wappenzeichnungen führte Holbein nicht als -Vorlage für ein Scheibenbild, sondern auf dem Holzstock aus. Das Blatt -stellt das Wappen der Stadt Freiburg im Breisgau dar und schmückt -den Titel des im Jahre 1520 erschienenen Buches „Stadtrechte und -Statuten der löblichen Stadt Freiburg im Breisgau.“ Hier dehnt sich das -heraldische Bild über das ganze Blatt aus; nur oben und unten ist ein -schmaler Raum gelassen für die Worte des Titels und ein paar Verse. -Auch die Rückseite dieses Titelblattes ist mit einem Holzschnitt von -Holbein geschmückt. Darauf sind die Schutzheiligen von Freiburg, die -Jungfrau Maria, der Ritter Georg und der Bischof Lambertus dargestellt; -an der Rahmenarchitektur ist nochmals das Wappen der Stadt, als -einfacher Schild mit dem Kreuz, und das Wappen des Staates, zu dem der -Breisgau damals gehörte, der „Bindenschild“ von Österreich, angebracht -(Abb. 40). - -[Illustration: Abb. 42. +Vornehme Baselerin in reicher Tracht und -Federhut.+ - -Tuschzeichnung im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 43. +Vornehme Baselerin in Tuchkleid und gestickter -Haube.+ - -Tuschzeichnung im Museum zu Basel. (Nach einer Originalphotographie von -Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 44. +Baseler Bürgerfrau.+ Tuschzeichnung im Museum -zu Basel.] - -Mehrmals wurde an Holbein, nachdem er sich in Basel niedergelassen, -die Aufgabe gestellt, seine in Luzern bewährte Kunst auch hier zu -bethätigen, die Straßenseite eines Hauses durch malerischen Schmuck -zu beleben. Von diesen Straßenmalereien hat sich nichts erhalten. Nur -ein paar Originalentwürfe zu einzelnen Stücken (Abb. 41) und einzelne -spätere Abbildungen geben uns eine Vorstellung von deren Art und -Weise. Mit kühner Phantasie und mit genialer Ausnutzung der durch -die unregelmäßigen Fensterstellungen gegebenen verschiedenartigen -Flächen umkleidete er die schlichten Häuser mit säulenreichen -Renaissancearchitekturen und belebte die gemalten Balkone und luftigen -Hallen mit geschichtlichen, mythologischen, sinnbildlichen und -volkstümlichen Gestalten. Am berühmtesten war die übermütig lustige -Darstellung eines Bauerntanzes, nach welchem das Haus, an dem sie sich -befand, „zum Tanz“ genannt wurde. Wie dieses Gebäude in seiner Bemalung -ausgesehen hat, davon gibt außer den erhaltenen Originalentwürfen -einzelner Stücke eine alte Durchzeichnung des Gesamtentwurfs Kunde. -Es war ein dreistöckiges Eckhaus; die Malerei erstreckte sich über -beide Seiten und war in ihrer Perspektive so angeordnet, daß sie -auf einen Standpunkt des Beschauers schräg der Ecke gegenüber, von -wo aus man beide Seiten sah, rechnete. Im Erdgeschoß war an der -Hauptseite eine von Säulen getragene Bogenlaube gemalt; mit großem -Geschick hatte Holbein die in der Wirklichkeit vorhandene gotische -Form von Thür und Fenstern in der Art verwendet, daß die in seinen -Stil nicht passenden Spitzbogen wie das Ergebnis der perspektivischen -Überschneidung, welche die jenem Standpunkt entsprechende schräge -Ansicht der gemalten Rundbogenwölbungen mit sich brachte, erschienen. -Darüber, in dem Raum unterhalb der nächsten Fensterreihe, sah man -die farbigen Gestalten der tanzenden Bauern, die sich vor der hier -scheinbar weiter zurücktretenden Architektur, ihre Schlagschatten auf -die Wand werfend, auf einem Bretterboden tummelten. An der anderen -Seite des Hauses war ein großer Teil der Wand so bemalt, als ob man in -einen hohen, den ersten Stock mit durchbrechenden Thorweg hineinsähe. -Jenseits desselben war wieder eine Bogenlaube gemalt; davor sah man -einen Stallknecht mit einem Pferde stehen; deren Füße waren, da es -nicht anging, das Aufstehen derselben auf der Straße zu malen, durch -eine die Straße entlang gehend gedachte niedrige Mauer verborgen. -Weiter oben, zwischen den Fenstern des ersten Stocks, sah man eine -farbige Figur des Bacchus. Die oberen Geschosse waren an beiden -Hauswänden mit einer phantastischen Architektur übersponnen. Bald -scheinbar hervortretend in Balkonen, auf denen sich bunte Gestalten -bewegten, bald tief zurückgehend, durchbrochen von Durchblicken -in die blaue Luft unter schattigen Bogen, mit Steinfiguren und -Medaillons geschmückt, zeigte dieses künstlerische Spiel eine Fülle der -mannigfaltigsten Formgedanken. Selbst die Unregelmäßigkeiten, welche -in der Stellung der Fenster vorhanden waren, wurden ausgenutzt, indem -der Anschein hervorgerufen wurde, als ob die Ungleichheiten durch -die Perspektive bedingt wären. Über dem gemalten Thorweg erblickte -man den Marcus Curtius, der, aus einer tiefen Halle hervorsprengend, -sich anschickt, mit seinem mächtigen, aufbäumenden Schimmel auf die -Straße hinabzustürzen. Es fehlte auch nicht ein kleiner Scherz des -Malers: ganz oben stand auf einem Gesims ein Farbentopf, wie wenn er -dort vergessen worden wäre und nun nicht mehr heruntergeholt werden -könnte. -- Eine bis zur Augentäuschung gehende Körperhaftigkeit war ein -Hauptwitz bei den Straßenmalereien Holbeins. Die alten Berichterstatter -haben verschiedene darauf bezügliche Geschichtchen der Aufzeichnung für -wert gehalten. - -[Illustration: Abb. 45. +Christus im Grabe.+ Ölgemälde von 1521. Im -Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 46. +Kopf des Totenbildes im Baseler Museum+ (s. d. -vorige Abb.). - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Die Stadt Basel muß durch die zahlreichen von Holbein bemalten -Hausfassaden förmlich etwas von dessen persönlichem Stil aufgedrückt -bekommen haben. Aber der Einfluß des jungen Malers mit seinem -ausgebildeten Geschmack beschränkte sich nicht auf den Schmuck der -Häuser, er erstreckte sich auch auf die äußere Erscheinung der -Menschen. Unter den Holbeinzeichnungen im Baseler Museum befindet -sich eine Anzahl von Entwürfen zu Damenanzügen. Es ist nicht recht -annehmbar, daß Holbein diese in sorgfältiger Tuschzeichnung ziemlich -groß ausgeführten Blätter gemacht haben sollte, um der Nachwelt zu -berichten, wie die Baselerinnen zu seiner Zeit sich kleideten; vielmehr -hat er seine Erfindungsgabe, die innerhalb des die Gotik verdrängenden -„antikischen“ Stils neue Bau- und Zierformen spielend gestaltete, -auch angewendet, um im Rahmen des herrschenden Modegeschmacks -Musterbilder weiblicher Kleidung zu schaffen. Und zweifellos haben -die jungen Damen sehr gut ausgesehen, welche diese Vorbilder durch -ihren Schneider in die Wirklichkeit übersetzen ließen. Die Trachten -bieten viel Abwechselung. Da sehen wir eine vornehme Dame in einem -Kleid aus reichem schweren Seidenstoff mit weiten Puffärmeln, unter -denen mehrfach gepuffte Unterärmel aus feinem Weißzeug hervorkommen, -mit einem breiten Hut, der ganz mit wallenden Straußenfedern besetzt -ist (Abb. 42). Dann eine Dame in häuslicher Festkleidung, mit einem -Tuchkleid, das mit breiten Sammetbesätzen und mit verschiedenartigen -Puffen und gefälteltem Weißzeug an Brust und Ärmeln verziert ist, mit -besticktem Unterrock und besticktem Häubchen, mit einer Menge von -Goldschmuck über dem durchsichtigen Stoff, der die Schultern leicht -verschleiert (Abb. 43). Weiter das sehr hübsche Bild einer Bürgerfrau -in gefälteltem Kleid und durchsichtiger Haube. Dann die sogenannte -Wirtin, eine junge Dame, die mit einem Humpen in der Hand dargestellt -ist, als ob sie eben des Amtes walte, einen Ehrentrunk zu überreichen; -dementsprechend trägt sie die häusliche Schürze, die aber in ihrer -feinen Fältelung auch ein Putzstück ist, über dem reichfaltigen -Schleppkleid, dessen Ärmel in mehrere weite, gefältelte Puffen -abgeteilt sind; auf dem Kopfe trägt sie einen schräg aufgesetzten -ganz flachen Hut, dessen Rand ein Kranz von Straußenfedern umgibt, -und den Ausschnitt des Kleides hat sie zum größten Teil unter einem -sammetbesetzten Schulterkragen, nicht unähnlich dem heutigen „Cape“, -verborgen. Die künstlerisch schönste unter all diesen Zeichnungen zeigt -eine Bürgerfrau in halber Rückenansicht, in verhältnismäßig einfacher, -aber darum nicht weniger kleidsamer Tracht; der einzige Schmuck des -Kleides von schwerem Tuch besteht in Sammetbesätzen am Ausschnitt und -an den glatten, nur an den Ellenbogen von Weißzeugpuffen unterbrochenen -Ärmeln; über Hals und Schultern schmiegt sich ein dünner gefältelter -Stoff, und das Haar ist unter einer ebenfalls halbdurchsichtigen -Haube verborgen; keinerlei metallener Schmuck, nur die am Gürtelband -hängende kunstreich gearbeitete Büchse für das Nähgerät (Abb. 44). -Bei einer sechsten Modezeichnung, welche ein ziemlich leichtfertig -aussehendes junges Mädchen im Federhut, mit unverschleiertem sehr -tiefen Ausschnitt des Kleides zeigt, erscheint der Holbeinsche Ursprung -zweifelhaft. Was bei all diesen weiblichen Trachtenbildern den heutigen -Beschauer so befremdlich berührt, das Zurückbiegen des Oberkörpers mit -stark ausgehöhltem Rücken, war eine modische Angewöhnung der Zeit, -die durchaus zum guten Ton gehörte, und die ihren thatsächlichen -Entstehungsgrund wohl in dem Umstand hatte, daß der mitunter sehr -schwere Rock, da er vorn ebenso weit auf den Boden hinabreichte wie -hinten, beim Gehen beständig vorn aufgehoben werden mußte. - -[Illustration: Abb. 47. +Madonna von Solothurn.+ Ölgemälde von 1522. Im -Privatbesitz in Solothurn. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 48. +Die heilige Ursula.+ Ölgemälde von 1522. - -In der Kunsthalle zu Karlsruhe.] - -[Illustration: Abb. 49. +Der heilige Georg.+ Ölgemälde von 1522. - -In der Kunsthalle zu Karlsruhe.] - -[Illustration: Abb. 50. +Die Cebestafel.+ Buchtitelholzschnitt, zuerst -veröffentlicht im Jahre 1522. (Nach einem Druck von 1523 im königlichen -Kupferstichkabinett zu Berlin.)] - -[Illustration: Abb. 51. +Erasmus von Rotterdam.+ - -Holzschnittbildnis, wahrscheinlich von Hans Lützelburger geschnitten.] - -[Illustration: Abb. 52. +Erasmus von Rotterdam.+ Ölgemälde von 1523. Im -Louvre zu Paris. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -An den jungen Meister, von dessen Erfindungsgabe und Geschmack Basel so -vielfältige Proben sah, und dessen Handfertigkeit in der Wandmalerei -die Häuser an den Straßen bekundeten, wendete sich die Regierung von -Basel, als es sich darum handelte, das Innere des großen Sitzungssaales -im neuen Rathause mit Wandgemälden zu schmücken. Holbein übernahm -diese Arbeit im Juni 1521 und brachte dieselbe bis zum Spätherbst -des folgenden Jahres zu einem vorläufigen Abschluß. In dieser Zeit -bemalte er drei Wände des Saales. Als er damit fertig war, glaubte -er den für das Ganze vereinbarten Preis bereits verdient zu haben; -der Rat gab ihm hierin Recht und beschloß, „die hintere Wand bis auf -weiteren Bescheid anstehen zu lassen.“ -- Was für ein großartiges Werk -Holbein hier geschaffen hat, das können wir leider nur noch erraten aus -demjenigen, was uns die Kenntnis davon vermittelt. Die Malereien selbst -sind schon vor langer Zeit, wahrscheinlich durch Feuchtigkeit, zu -Grunde gegangen. Ihre Spuren wurden im Jahre 1817 bei der Beseitigung -einer alten Tapete wiederaufgefunden. Danach sind von drei Hauptbildern -Abbildungen angefertigt worden, die aber begreiflicherweise nicht -mehr als das Allgemeine der Kompositionen wiedergeben. Eine bessere -Vorstellung von der Formengebung der Gemälde bekommen wir durch eine -Tuschzeichnung Holbeins, welche als Entwurf zu einem der Bilder gedient -hat, und durch mehrere alte Kopien nach solchen Entwürfen. Wie herrlich -die Farbe gewesen sein muß, kann man nur nach ganz spärlichen kleinen -Resten ahnen, die aus dem zerbröckelnden Wandputz herausgenommen und -in das Museum gebracht worden sind. -- Der Künstler verfuhr bei der -Ausschmückung des Saales nach den nämlichen Grundsätzen, die er bei -der Bemalung der Außenseite von Häusern anwendete. Er verwandelte den -an sich einfachen Raum durch gemalte Säulenstellungen in eine weite -Halle. In diesen Rahmen ordnete er die Figurendarstellungen in der -Weise ein, daß man die in den Hauptbildern geschilderten Vorgänge in -breiten Durchblicken der Architektur, gleichsam draußen sich abspielen -sah, bald im Freien, bald in tiefen Säulensälen; in den Zwischenräumen -zwischen diesen großen Bildern sah man Einzelgestalten in vertieften -Nischen des Architekturrahmens. Diese Einzelgestalten waren zum Teil -geschichtliche Persönlichkeiten, zum Teil Allegorien der sogenannten -weltlichen oder Kardinaltugenden. Für die Hauptbilder gab, wie es die -Zeit mit sich brachte, die Geschichte des klassischen Altertums die -Stoffe; sie sollten in großartigen Beispielen zur strengsten Pflege -derjenigen Tugenden, welche die höchsten Pflichten der Herrschenden -sind, ermahnen. Da sah man die unbeugsame Gerechtigkeit und die -opfermutige Stärke in den Bildern zweier Gesetzgeber veranschaulicht: -Charondas, der sich selbst mit dem Tode bestraft, und Zaleukus, der -die Hälfte der von seinem Sohn verwirkten Strafe an sich selbst -vollstrecken läßt; ein Beispiel der Weisheit gab das Bild des -unbestechlichen Dentatus, und die Maßhaltung wurde gepredigt durch -das abschreckende Beispiel des Perserkönigs Sapor, der dem besiegten -Feinde noch Schmach anthut. Wie sprechend und lebendig Holbein die -Vorgänge zu erzählen wußte, das zeigen auch die unvollkommenen -Anschauungsmittel der vorhandenen Skizzen und schlechten Abbildungen. --- Charondas von Catanea hatte in den Gesetzen, welche er der Stadt -Thurii gab, bei Todesstrafe verboten, in der Volksversammlung Waffen -zu tragen; und als es ihm widerfuhr, daß er, von einer Reise, ohne -sich umzukleiden, zur Versammlung eilend, erst dort gewahrte, daß er -noch mit dem Schwert umgürtet war, gab er sich selbst vor aller Augen -den Tod. Holbein hat die Sitzung der Volksvertreter von Thurii in eine -große, teilweise offene Säulenhalle mit reichem bildnerischen Schmuck -verlegt. Die Augen aller Versammelten heften sich auf Charondas, -und dieser vollführt seine überraschende That so schnell, daß die -meisten wie gebannt auf ihren Plätzen sitzen bleiben; nur wenige sind -aufgesprungen. Charondas richtet, indem er sich das Schwert in die -Brust stößt, den Blick zum Himmel, entsprechend der Angabe der antiken -Erzählung, daß eine Anrufung des Zeus zum Zeugen, daß das Gesetz Herr -bleiben solle, seine letzten Worte waren. -- Das Zaleukusbild schildert -mit grausiger Anschaulichkeit die Blendung zweier Menschen. In einer -Halle, die sich nach einem sonnenbeschienenen Platz hin öffnet, -sitzt vor einer großen Menge von Zuschauern ein junger Mann, dem der -Henker das linke Auge ausreißt. Ihm gegenüber sitzt ein würdevoller -Greis in fürstlicher Tracht auf dem Thron und bietet sein rechtes -Auge der Zange dar. Der Greis ist Zaleukus, Herrscher von Lokri in -Unteritalien. Seine Gesetze hatten die Strafe des Verlustes beider -Augen auf den Ehebruch gesetzt, und sein einziger Sohn war dieses -Verbrechens überführt worden. Die Lokrier baten ihn, Gnade zu üben; und -um ihren Bitten und seinem Vatergefühl Rechnung zu tragen, ohne daß -vom Gesetz abgewichen würde, bestimmte er, daß sein Sohn das eine Auge -verlieren, er selbst aber das andere hergeben solle. Wunderbar hat der -Künstler den Gegensatz geschildert zwischen dem Missethäter, der in -gräßlicher Qual seine Strafe erleidet, und dem Helden der Aufopferung, -der sich anschickt, freiwillig dasselbe zu erdulden. An jenem thut -ein Diener der Gerechtigkeit gefühllos, was seines Amtes ist. Bei -diesem untersucht der mit der Vollziehung des Befehls Beauftragte -vorher das Auge mit einer Lupe; man sieht, er wird sich bemühen, bei -der Operation so behutsam wie möglich zu verfahren. Das Volk blickt -zum Teil mit tiefer Bewegung auf den Fürsten, zum Teil sieht es mit -Schauder der Arbeit des Henkers zu. -- Das Blatt im Baseler Museum, -welches die alte Skizzenkopie des Zaleukus enthält, zeigt uns auch eine -der allegorischen Gestalten, die Holbein zwischen die Geschichtsbilder -einordnete. Es ist die Figur der Gerechtigkeit. Frau Justitia steht -in einer Architekturlaube und zeigt mit dem Schwert auf eine im -Bogen aufgehängte Tafel, auf der in lateinischer Sprache die Worte -stehen: „O ihr Herrschenden, vergeßt eure eigenen Angelegenheiten -und sorgt für die öffentlichen!“ Auch die übrigen Bilder waren durch -Inschriften erläutert. -- Von dem Bilde des Curius Dentatus ist leider -keine Skizze vorhanden, sondern nur die mangelhafte Abbildung der im -Jahre 1817 aufgefundenen Reste. Das Bild muß prächtig gewesen sein; -die Komposition ist sehr schön. Unter einer offenen Rundbogenhalle, -durch die man weit in die Landschaft hinaussieht, kniet Curius, mit -römischer Feldherrenrüstung bekleidet, am Kaminfeuer und ist im -Begriff, sich eigenhändig sein einfaches Mahl zu bereiten. Da treten -von der Seite die Gesandten der Samniter zu ihm herein; die beiden -vordersten der prunkhaft reich -- in Renaissancetracht -- gekleideten -Herren tragen einen großen goldenen Pokal und eine mit Goldstücken -gefüllte Schüssel. Der Römer aber wendet sich nur eben ein wenig nach -ihnen um und spricht, auf die vor ihm liegenden Rüben hinweisend, -die Worte, die in das Bild geschrieben sind: „Ich will lieber das da -aus meinem Irdengeschirr essen und denen, die Gold haben, gebieten.“ -Unterhalb dieser Darstellung hat der Maler den übrigbleibenden Raum der -Wandfläche in eigentümlicher Weise ausgefüllt. Man sieht die steinerne -Unterwölbung des Fußbodens, auf dem sich der Vorgang abspielt; vor -dem Kellergewölbe steht der Baseler Ratsdiener, in die Wappenfarben -der Stadt, schwarz und weiß, gekleidet, mit dem Wappenschildchen auf -der Brust, und lüftet grüßend den Hut gegen den Beschauer. Von der -Originalausführung sind die Köpfe von einigen der Gesandten erhalten; -trotz des schadhaften Zustands kann man daran die prächtige Malerei -noch bewundern. -- Von dem Bilde des Sapor ist der eigenhändige -Entwurf Holbeins erhalten: eine getuschte Zeichnung, der durch einige -hier und da hineingesetzte Farbentöne ein lebhafteres malerisches -Aussehen gegeben ist. Der architektonische Rahmen, der die Darstellung -einschließt, zeigt reich verzierte Säulen auf rot marmorierten -Sockelgestellen. Dazwischen hindurch sieht man auf einen freien Platz, -den spätgotische Gebäude abschließen. Ritter und bewaffnetes Fußvolk -füllen den Platz. Im Vordergrund steigt der Perserkönig Sapor, in -stattliche Renaissancetracht gekleidet, auf sein von einem Stallknecht -gehaltenes Roß, indem er den Rücken des gefangenen Kaisers Valerianus, -der mit jammervollem Ausdruck am Boden kniet, als Schemel benutzt. - -[Illustration: Abb. 53. +Die Gemahlin des Herzogs Jehan de Berry.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide nach der bemalten Steinfigur -der Herzogin in der Kathedrale zu Bourges. Im Museum zu Basel. (Nach -einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. -und Paris.)] - -In den beiden Jahren, während deren Holbein im Rathaussaale malte, -schuf er verschiedene Ölgemälde, die der Nachwelt erhalten geblieben -sind. Mit der Jahreszahl 1521 ist ein eigentümliches Bild bezeichnet, -das im Baseler Museum den Blick des Beschauers unwiderstehlich fesselt: -Christus im Grabe (Abb. 45 und 46). Der Leichnam liegt ausgestreckt -in dem engen Sarg, dessen uns zugekehrte Seite fortgelassen ist, ohne -eine andere Unterlage, als ein weißes Tuch auf dem Boden. Das Innere -des Sarges ist warmgrün angestrichen, und dieser Ton stimmt wundervoll -zu den fahlen Fleischtönen des Toten. Über dem Sargdeckel sieht man -einen schmalen Strich tiefschwarzen Hintergrunds, und darüber ist, wie -mit Goldbuchstaben auf die Kante einer weißen Steinplatte geschrieben, -die Inschrift angebracht: „~Jesus Nazarenus, Rex Judaeorum.~“ Holbein -hat den Leichnam mit dem größten Fleiß nach der Natur gemalt; mit -vollkommener Treue hat er die Starre der Glieder, das Leblose der Haut, -das verfärbte Gesicht mit den blutleeren Lippen und dem gebrochenen -Auge wiedergegeben. Sein Modell war durchaus nicht schön, aber das Bild -ist unsagbar schön -- freilich nicht im landläufigen Sinne des Worts. -Es ist ein Wunderwerk der Malerei. Seine religiöse Bedeutung erhält -das Werk allerdings nur durch die Wundmale und durch die Überschrift; -von idealer Auffassung ist keine Rede, es war dem Maler sichtlich um -die volle Ausnutzung eines Studiums, das zu machen er wohl nicht oft -Gelegenheit fand, zu thun. Sehr richtig hat schon Basilius Amerbach das -Gemälde in seinem Verzeichnis aufgeführt als „ein Totenbild mit dem -Titel Jesus Nazarenus.“ - -Die Jahreszahl 1522 trägt ein Gemälde, das sich zu Solothurn in -Privatbesitz befindet und unter dem Namen „Madonna von Solothurn“ -bekannt ist (Abb. 47). Zweifellos schmückte dasselbe ursprünglich -einen Altar in dem alten, im vorigen Jahrhundert durch einen Neubau -ersetzten Münster dieser Stadt. Später fand es sich unbeachtet und -verwahrlost in einer Dorfkirche der Nachbarschaft. Es zeigt in einer -Anordnung, die derjenigen des Holzschnitts mit den Schutzheiligen -von Freiburg (Abb. 40) sehr ähnlich ist, die Jungfrau Maria thronend -zwischen den stehenden Gestalten eines Bischofs und eines Ritters; -diese beiden sind die Schutzpatrone von Solothurn, der heilige -Martin, Bischof von Tours, und der heilige Ursus, einer der Märtyrer -von der thebäischen Legion. Der Kopf der Maria ist das holdeste und -lieblichste Frauengesicht, das Holbein ersonnen hat. Mit dem Ausdruck -der Bescheidenheit und Milde vor sich hinblickend, hält die Jungfrau -das köstlich lebenswahre nackte Kind, das den Kopf und die Händchen -und Füßchen bewegt, auf dem Schoß. Über ihr hellrotes Kleid wallt -in weiten Falten der blaue Mantel auf die Thronstufe herab, die ein -bunter, mit Stifterwappen geschmückter Teppich bedeckt. Der Kopf -hebt sich mit dem über die Schultern ausgebreiteten goldfarbigen -Haar, auf dem ein feiner, durchsichtiger Schleier liegt, und mit der -reichen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten Krone von dem lichten -Blau der Luft ab, in die man durch einen Rundbogen hinausblickt. -Dieser graue Steinbogen ist gegen Holbeins Gewohnheit ganz schmucklos; -eiserne Stangen sind in ihn eingespannt, wie um ihn zusammenzuhalten. -Vermutlich hatte man durch solche Mittel die Wölbungen der alten Kirche -zu festigen gesucht, und Holbein brachte das Bild in Einklang mit dem -Bauwerk, welches dasselbe aufnahm. Die beiden Heiligen an den Seiten -sind herrliche Gestalten, bewunderungswürdig auch in der Durchführung -des Gegensatzes der Charaktere. Martinus ist ein vornehmer Herr und -frommer Priester mit einem feinen, geistreichen und liebenswürdigen -Gesicht; seine rote Mitra und seine violette Kasel sind mit prächtigen -Stickereien geschmückt, die der Maler bis ins einzelste ausgeführt -hat; in der linken Hand hält er mit dem Bischofsstab zugleich den -Handschuh der entblößten Rechten, die er gebraucht, um Geldstücke in -das Holzschüsselchen eines Bettlers zu legen. Der Bettler ist eine -zur Darstellung des heiligen Martin gehörende kennzeichnende Beigabe; -mit feinem Gefühl hat Holbein von dieser an und für sich nicht in die -Vereinigung von Heiligen passenden Gestalt nur das Notwendigste zum -Vorschein kommen lassen: das flehende, kümmerliche Gesicht und ein -Stück von der Hand, welche die Schüssel zum Empfang der Gabe emporhält. -Der heilige Ursus ist ganz Kriegsmann, ehrenfest und unerschütterlich; -von Kopf zu Fuß in eine Rüstung, wie sie zu des Künstlers Zeit getragen -wurde, gekleidet, umfaßt er mit der Linken den Schwertgriff und hält -in der Rechten eine rote Fahne mit weißem Kreuz, die sich in dem -glänzenden Eisen von Helm und Harnisch spiegelt. - -Zwei Tafeln mit Einzelfiguren von Heiligen, die sich in der Kunsthalle -zu Karlsruhe befinden, augenscheinlich Stücke eines größeren -Altarwerks, gehören ebenfalls dem Jahre 1522 an. Das eine Bild, -auf dem mit dem Namen des Künstlers die Jahreszahl angebracht ist, -stellt die heilige Ursula vor. Gekrönt, mit goldenem Heiligenschein, -in fürstlicher Tracht nach dem Modegeschmack der Zeit, steht die -Glaubenszeugin, die als Zeichen ihres Märtyrertums eine Anzahl langer -Pfeile in den Händen trägt, vor einer weiten Landschaft und einer -blauen, von den Zweigen eines Feigenbaums durchschnittenen Luft (Abb. -48). Das Gegenstück zeigt den heiligen Georg, der in antiker Rüstung, -mit der Fahne in der Hand, auf dem erlegten Lindwurm steht (Abb. 49). - -[Illustration: Abb. 54. +Das Leiden Christi+ in acht Bildern, -Altargemälde (Übersichtsblatt, vergl. die beiden folgenden -Doppelbilder). Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 55. +Obere Hälfte der Passionstafel+ im Museum zu -Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 56. +Untere Hälfte der Passionstafel+ im Museum zu -Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -In dem nämlichen Jahr erschien zum erstenmal ein später noch oftmals -gedruckter berühmter Buchtitelholzschnitt von Holbein, die sogenannte -Cebestafel. Der griechische Philosoph Cebes -- entweder der von Plato -erwähnte Schüler des Sokrates oder ein Späterer gleichen Namens -- -bringt in seiner Schrift „Das Gemälde“ eine ausführliche Beschreibung -eines figurenreichen Bildes, das ihm in einem Tempel gezeigt wurde; -darin war der Weg des Menschen zur wahren Glückseligkeit dargestellt. -Nach dieser Beschreibung hat Holbein das genannte Blatt entworfen (Abb. -50). Eine rings um das Bild laufende Mauer bezeichnet das begrenzte -Gebiet des menschlichen Lebens. Außerhalb der Mauer, unten am Bildrand, -sieht man eine Schar nackter Kinder. Das sind die Seelen der noch nicht -ins Leben eingetretenen Menschen; die Verbildlichung der Seele durch -eine Kindergestalt war eine im Mittelalter allgemein gebräuchliche und -auch der Zeit Holbeins noch geläufige Darstellungsform. Den ins -Leben Eintretenden empfängt an der Pforte der Genius, der Schutzgeist, -dargestellt durch einen würdevollen Greis, der dem Eintretenden -einen Zettel überreicht; als Inhalt des Zettels haben wir uns die -Mahnungen des Schutzgeistes für den Lebensweg zu denken. Gleich hinter -der Lebenspforte fährt die Glücksgöttin auf rollender Kugel daher, -Gutes und Schlimmes verteilend; und den Neuling im Leben erwartet -die Verführung, verbildlicht durch eine reich gekleidete Dame, deren -hilfsbereites Gefolge die trügerischen Vorstellungen bilden. Was -deren Lockungen bieten, sieht der Mensch, der nun in Jünglingsgestalt -erscheint, jenseits einer Mauer. Das Thor in dieser Mauer führt ihn in -das Gebiet der Wollust, der Habgier und der Unenthaltsamkeit. Nachdem -er die aus diesem Bereich führende Pforte durchschritten hat, harren -seiner am Wege der Schmerz und die Traurigkeit. Aus deren Bereich -wird er durch die Reue, die sich liebevoll seiner annimmt, geleitet. -Aber nun verfällt er der falschen Belehrung, die wieder als geputzte -Dame erscheint. Nur ein schmaler Weg und eine enge Pforte in steiler -Felswand führen aus diesem Gebiet hinaus; mit vielfacher Thätigkeit -eifrig beschäftigt, lagern die Scharen derer, die hier das Lebensziel -gefunden zu haben glauben, an der Felswand. Der Lebenswanderer -sieht die schöne Frau mit scheuer Bewunderung an -- diese kleine -ausdrucksvolle Rückenfigur ist ein wahres Meisterwerk --, und er -schreitet weiter. In der Entschlossenheit und der Stärke findet er die -hilfreichen Kräfte, die ihn durch die enge Felsenschlucht, in der sich -der Ausweg verliert, emporziehen. Und jetzt ist er im Gebiet der wahren -Belehrung angelangt. Diese steht wie ein Heiligenbild gestaltet auf -einem Steinsockel; Wahrheit und Überzeugung sind ihre Begleiterinnen. -Der Lebenswanderer kniet anbetend vor ihr nieder, und nichts trennt -ihn mehr vom Eingang zur Burg der wahren Glückseligkeit. Da wohnen -alle Tugenden, und in der Mitte thront die Glückseligkeit, eine von -überirdischem Strahlenschein umleuchtete Herrscherin; sie krönt den -Wanderer, der an allen Irrungen vorbei den Weg gefunden hat. -- -Holbein hat seine Holzschnittzeichnungen nur selten mit seinem Namen -bezeichnet. Dieses Blatt aber hat er für wichtig genug gehalten, um auf -demselben seine Unterschrift in Gestalt eines doppelten ~H~ anzubringen. - -Die erste Bestimmung von Holbeins Cebestafel war, den Titel der von -Erasmus von Rotterdam veranstalteten lateinischen Ausgabe des Neuen -Testaments zu schmücken. Daraus erklärt sich die kirchliche Gestaltung -der Figuren der wahren Belehrung und der Glückseligkeit. Die Anwendung -der Gedanken des griechischen Philosophen auf das christliche Buch -entsprach so recht dem Sinn des Erasmus. - -In dem nämlichen Jahre 1522 erschien in Basel eine deutsche Ausgabe -des Neuen Testaments, ein Nachdruck von Luthers Übersetzung, und auch -zu diesem Buch zeichnete Holbein den Titel. Er brachte darauf als -Hauptfiguren an den Seiten die Apostel Petrus und Paulus an, in den -vier Ecken die Evangelistenzeichen, oben das Wappen der Stadt Basel und -unten das Druckerzeichen des Verlegers Adam Petri, ein auf einem Löwen -reitendes Kind. - -Im März 1523 erschien bei Petri gleichzeitig mit einer neuen Auflage -dieser großen Ausgabe eine fein ausgestattete kleine (Oktav-) Ausgabe -des Neuen Testaments in der deutschen Übersetzung. Diese war außer mit -einem jenem großen Blatt ähnlich komponierten Titel mit den Bildern -der vier Evangelisten und mit vier Bildern zur Apostelgeschichte -von Holbeins Hand geschmückt. -- Im Dezember 1523 gab Petri einen -Nachdruck von Luthers Übersetzung des Alten Testaments heraus. Dieses -Buch brachte zwischen vielen Bildchen von anderen Zeichnern eine -Anzahl Zierbuchstaben und einige Bilder von Holbein, darunter ein -besonders schönes Kopfstück zum Anfang des Textes, die Erschaffung -der Eva inmitten der übrigen, vollendeten Schöpfung darstellend. -- -Eine größere Reihe von Holzzeichnungen lieferte Holbein zu der Ausgabe -von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, welche der Drucker -Thomas Wolff ebenfalls im Jahre 1523 veranstaltete. Hier stellte er in -der Titeleinfassung eine ganze Anzahl von bildlichen Darstellungen, -meistens aus der Apostelgeschichte, zusammen. Dazu kamen einundzwanzig -Bilder zur Offenbarung Johannis. Daß es Holbein, trotz seiner sonstigen -künstlerischen Selbständigkeit, bei dieser Aufgabe nicht immer gelang, -sich von der Erinnerung an Dürers gewaltige Schöpfungen frei zu halten, -das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen; und daß es ihm nicht gelang, -diesem übermächtigen Vorbild gleich zu kommen, namentlich in Bezug -auf das Phantastische, das ist begreiflich. Die Schnittausführung der -apokalyptischen Bilder ist schlecht. Dagegen ist das Titelblatt mit -den zahlreichen kleinen Figuren ein Meisterwerk der Holzschneidekunst. -Dasselbe trägt das Zeichen des Formschneiders Hans Lützelburger. - -Hans Lützelburger, genannt Franck, stammte wahrscheinlich aus Augsburg. -Er scheint erst im Jahre 1523 nach Basel gekommen zu sein. Seine -Thätigkeit dort dauerte nur wenige Jahre; im Juni 1526 war er bereits -verstorben. In dieser Zeit aber schnitt er fast alles, was Holbein für -den Buchdruck zeichnete. Er verstand es meisterhaft, dem Striche des -Künstlers aufs genaueste gerecht zu werden, ganz besonders in feinen, -kleinen Sachen. Nur in den von ihm geschnittenen Blättern kommt die -Schönheit von Holbeins Holzschnittzeichnung voll zur Geltung. - -Von ihm rührt zweifellos die wunderbar klare Schnittausführung des -kleinen Bildnisses des Erasmus von Rotterdam her, das Holbein für den -Frobenschen Verlag zeichnete (Abb. 51). Dieses Bildchen in Rundformat, -das uns das scharfe Profil und die feinen Züge des vorzeitig gealterten -gelehrten Herrn so lebenswahr vor Augen führt, daß die kleine Zeichnung -ebenbürtig neben großen Gemälden steht, wird im Jahre 1523 entstanden -sein. - -[Illustration: Abb. 57. „+Rühre mich nicht an!+“ (Ev. Joh. 20, 17.) -Ölgemälde in der Sammlung des Schlosses Hamptoncourt. Aus dem ersten -Jahrgangsheft der Kunsthistorischen Gesellschaft für photographische -Publikationen.] - -In diesem Jahre ließ Erasmus sich mehrmals von Holbein porträtieren. -In einem Briefe an Willibald Pirkheimer in Nürnberg erwähnt Erasmus -drei Bildnisse, die er ins Ausland an Freunde geschickt habe, zwei nach -England und eins nach Frankreich. Die beiden nach England gesandten -Porträts sind noch vorhanden. Das eine befindet sich in einer -englischen Privatsammlung. Das andere ist als Geschenk König Karls I. -von England an Ludwig XIII. nach Paris gekommen und befindet sich jetzt -im Louvremuseum. Dieses ist ein Meisterwerk allerersten Rangs. Erasmus -ist in zwei Drittel Lebensgröße schreibend dargestellt. Eben hat er -die Überschrift einer neuen Arbeit auf ein Blatt Papier gesetzt, das -auf einem Buch als Unterlage vor ihm liegt; sein Blick folgt dem Gange -des klassischen Schreibgeräts, des Calamus, dessen er sich anstatt -einer Feder bedient. Jede Form in dem Gesicht und in den Händen ist -die Lebenswahrheit selbst. Die Haut ist fahl, das Haar ergrauend. Die -Kleidung ist dunkel, Schwarz herrscht vor. Den Hintergrund bildet eine -dunkelgrüne, hellgrün und weiß gemusterte Stofftapete neben einem -Stück brauner Holzbekleidung. Der Zusammenklang der Farben ist das -Vollkommenste, was man sich denken kann (Abb. 52). - -[Illustration: Abb. 58. +Die Geburt Christi.+ Altarflügel im Münster zu -Freiburg i. B. - -(Nach einer Originalphotographie im Photogr. Kunstverlag von G. Röbcke -in Freiburg i. B.)] - -Das Museum zu Basel besitzt die mit Ölfarbe auf Papier gemalte -und nachträglich auf eine Holztafel geklebte Vorstudie zu dem -letztgenannten Bildnis des Erasmus. Auch diese Vorstudie ist schon -ein fertiges Bild. Sie unterscheidet sich von dem Pariser Porträt, -abgesehen von der minder vollendeten Durchbildung der Malerei, nur -durch den schlichten Hintergrund und einige Verschiedenheiten in der -Kleidung, die für die malerische Wirkung des Ganzen weniger vorteilhaft -sind. Nicht ohne Grund ist die Vermutung ausgesprochen worden, daß das -Baseler Porträt dasjenige sei, welches Erasmus laut seinem erwähnten -Briefe nach Frankreich schickte, und daß der Empfänger desselben -Bonifacius Amerbach gewesen sei. Bonifacius hielt sich damals zu neuem -Studium in Avignon auf, und aus seiner Sammlung stammt das Baseler Bild -des schreibenden Erasmus. In jenem Briefe wird gesagt, daß Erasmus sein -Porträt durch den Maler selbst habe nach Frankreich bringen lassen. -Auch dieser Umstand bestätigt die Richtigkeit jener Vermutung, da -Holbein ebenso wie Erasmus ein persönlicher Freund Amerbachs war. - -[Illustration: Abb. 59. +Die Anbetung der drei Weisen.+ Altarflügel im -Münster zu Freiburg i. B. - -(Nach einer Originalphotographie im Photogr. Kunstverlag von G. Röbcke -in Freiburg i. B.)] - -Es scheint, daß Holbein diese Gelegenheit zu einer weiteren Reise -durch Frankreich benutzte. Zwei Zeichnungen im Baseler Museum erzählen -von einem Aufenthalt des Künstlers in Bourges. Diese Zeichnungen -zeigen einen Herrn und eine Dame in der Tracht des ersten Viertels -des XV. Jahrhunderts, im Gebete knieend. Es sind Abbildungen der -Figuren des Herzogs Jehan de Berry († 1416) und seiner Gemahlin, die -sich in der Kathedrale von Bourges befinden; zu Holbeins Zeit standen -dieselben noch in der eigenen Kapelle der Herzöge von Berry; nach deren -Abbruch sind sie im Chorumgang aufgestellt worden. Holbein hat diese -Grabmalfiguren, von denen namentlich die weibliche sehr hübsch und -ausdrucksvoll ist (Abb. 53), so abgezeichnet, als ob er nach dem Leben -zeichnete, und hat mit schwarzer Kreide und ein paar Farbenangaben -mit Rot- und Gelbstift eine ganz lebendige, malerische Wirkung -hineingebracht. - -[Illustration: Abb. 60. +Der Schmerzensmann.+ Ölgemälde braun in braun. -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 61. +Die Schmerzensmutter.+ Ölgemälde braun in -braun. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 62. +Entwurf zum linken Thürflügel der Orgel des -Baseler Münsters.+ Bräunlich getuschte Zeichnung, im Museum zu Basel. -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Ein viertes Bildnis des Erasmus, das Holbein um dieselbe Zeit malte, -zeigte in einem Doppelbild den gelehrten Schriftsteller und seinen -verdienstvollen Verleger Froben. Als Geschenk für den letzteren wurde -es von Erasmus bestellt. Dieses Gemälde ist verschollen. Eine Kopie -des Ganzen befindet sich in England und eine Kopie des Brustbildes -Frobens allein im Museum zu Basel. Die letztere Kopie ist in Bezug -auf die Farbe sehr schlecht. Aber immerhin ist es interessant, aus -ihr das Aussehen des Mannes kennen zu lernen, der Holbein zu so -vielen Schöpfungen Veranlassung gegeben hat. Johannes Froben, der mit -übereinander geschlagenen Armen in einem schwarzen, mit braunem Pelz -gefütterten Überrock dasitzt, zeigt uns ein glattrasiertes, furchiges -Gesicht, dessen Formen ziemlich gewöhnlich sind, das aber durch den -Ausdruck von Wohlwollen und Klugheit fesselt; das spärliche braune Haar -fällt in mäßiger Länge über den Hinterkopf herab. - -Die Jahreszahlen 1524 und 1525 finden sich auf keinem erhaltenen Werke -Holbeins. So mögen hier mehrere undatierte Gemälde genannt werden, -deren Entstehung in diese Zeit fallen kann. - -[Illustration: Abb. 63. +Entwurf zum rechten Thürflügel der Orgel des -Baseler Münsters.+ Bräunlich getuschte Zeichnung. Im Museum zu Basel. -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Als die Krone von Holbeins Schöpfungen galt jahrhundertelang eine -Zusammenstellung von acht kleinen Bildern aus der Leidensgeschichte -Christi in +einem+ Rahmen (Abb. 54, 55 und 56). Das Gemälde -wurde von jeher im Rathaus zu Basel aufbewahrt. Da es aber aller -Wahrscheinlichkeit nach nicht für das Rathaus, sondern für eine -Kirche gemalt worden ist, so nimmt man an, der Rat habe dasselbe an -sich genommen, um es vor der Beschädigung oder Vernichtung durch den -Bildersturm, den Basel im Jahre 1529 erlebte, zu retten. Kurfürst -Maximilian I. von Bayern, jener eifrige Kunstsammler, der von der Stadt -Nürnberg Dürers Apostel erhandelte, wollte die Passionstafel um jeden -Preis in seinen Besitz bringen. Aber die Baseler ehrten das Andenken -ihres großen Künstlers besser als die Nürnberger das Vermächtnis Dürers -und schickten die kurfürstlichen Abgesandten mit einem höflichen, aber -glatt abschlägigen Bescheid heim. Die Tafel verblieb im Besitz der -Stadt und erzählte jedem Besucher des Rathauses ihres Meisters Ruhm -und Ehre, wie Joachim von Sandrart in seiner „Teutschen Akademie“ -(1675) sagt, als „ein Werk, darin alles, was unsere Kunst vermag, zu -finden ist,“ und das „keiner Tafel, weder in Deutschland noch Italien, -weichen darf.“ Das dauerte bis zum Jahre 1771. Da wurde das Gemälde -durch Ratsbeschluß an die Kunstsammlung, die sich jetzt im Museum -befindet, abgegeben. Bei dieser Gelegenheit verfiel es dem Schicksal, -daß es vor der Überführung einer „gründlichen Restauration“ unterworfen -wurde, bei der es des besten Teils seiner Schönheit beraubt wurde. -Der restaurierende Maler hat zwar die Zeichnung in anerkennenswerter -Weise geschont, aber die Farbe hat er zerstört. Gewiß hat er bei seiner -Auffrischungsarbeit das, was rot war, rot, was blau war, blau übermalt -u. s. w., aber er hat alle Töne verstimmt, und dazu durch seinen -glatten Auftrag den feinen Reiz von Holbeins malerischer Behandlung -vernichtet. Durch das bunte, harte Mißgetön von Farben hindurch ist -der Zauber Holbeinscher Farbenmusik nicht mehr zu vernehmen. Ein -schönheitsempfindliches Auge muß die Verletzung durch dieses entseelte -Kolorit erst überwinden, ehe es dazu gelangt, die sonstigen großen -Schönheiten der Tafel zu genießen. Was zunächst auffällt, ist die -bewunderungswürdige Art und Weise, wie die acht verschiedenen Bildchen, -die in zwei Reihen übereinander stehen, in der Quere durch gemalte -Goldornamente, senkrecht durch plastische Rahmenleisten getrennt, -als ein malerisches Ganzes zusammenkomponiert sind. Jede der acht -Darstellungen, die mit großem Geschick dem Hochformat der einzelnen -Felder angepaßt sind, ist ein in sich abgeschlossenes Bild, das seine -abgerundete malerische Wirkung von Hell und Dunkel besitzt, das ganz -für sich allein als Kunstwerk bestehen könnte. Zugleich aber geht eine -einheitliche malerische Wirkung durch das Ganze, die Helligkeiten und -Dunkelheiten sind so verteilt, daß auch die ganze Tafel sich dem Auge -als ein abgerundetes malerisches Kunstwerk darbietet. Im einzelnen -stellt sich jede Komposition als ein Meisterwerk von Leben und Ausdruck -dar. Verschiedenartige Beleuchtungswirkungen sprechen lebhaft mit. Auf -dem ersten Bildchen, Christi Gebet am Ölberg, erscheint der Engel -mit dem Kelch in einer Lichtöffnung des nächtlichen Himmels. In den -beiden folgenden, der Gefangennahme und der Vorführung Christi vor -den Hohenpriester, geht die Beleuchtung von Fackeln aus; auf jenem -überspielt das Fackellicht die unteren Äste eines Baumes, dessen Krone -in Finsternis verschwindet; auf diesem irrt es in den phantastischen -Formen einer Holbeinschen Renaissancearchitektur umher. Auch das vierte -und das fünfte Bild, die Geißelung und die Verspottung Christi, umgeben -die Figuren mit reichen Architekturphantasien. Bei den zwei nächsten -Darstellungen, der Kreuztragung und der Kreuzigung, sind die unteren -Hälften der Bilder ganz mit Figuren angefüllt; darüber sieht man dort -einen runden Thorturm der Stadtmauer und eine in hellem Tageslicht sich -ausdehnende Ferne mit Hochgebirge; hinter den aufgerichteten Kreuzen -dagegen ist der verfinsterte Himmel völlig schwarz. Den Schluß bildet -die Grablegung; die Männer tragen den heiligen Leichnam über eine grüne -Wiese zu dem in einem gelben Felsen sich öffnenden Grufteingang; Maria -steht weinend bei ihrer Begleitung an einem Tannenbäumchen, das in -einer Spalte des Felsens Wurzel gefunden hat. - -[Illustration: Abb. 64. +Maria mit dem Kinde.+ Getuschte und mit Weiß -gehöhte Federzeichnung auf grau grundiertem Papier. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Diesen Passionsbildern ist in der Auffassung wie in der malerischen -Empfindungsweise ein kleines Gemälde nahe verwandt, das in der Sammlung -des Schlosses Hamptoncourt bei London vor kurzem sozusagen neu entdeckt -worden ist. Sein Gegenstand ist ebenfalls der Leidensgeschichte Christi -entnommen: die Erscheinung des Auferstandenen vor Maria Magdalena (Abb. -57). Es ist ein wunderbares Meisterwerk malerischer Poesie. Großartig -ist die landschaftliche Stimmung der „Frühe, da es noch finster war.“ -Und ebenso großartig und ergreifend ist der Ausdruck der Figuren. „Da -wandte sie sich und sprach zu ihm: ‚Rabbuni!‘ Jesus aber sprach zu ihr: -‚Rühre mich nicht an!‘“ Seitwärts sieht man den vom Grabe weggewälzten -Stein. und durch die niedrige Grabesöffnung gewahrt man, was Maria -Magdalena, als sie gebückt hineinblickte, gesehen hatte, die zwei Engel -in weißen Kleidern, einen am Kopf- und einen am Fußende. In der Ferne -gehen die beiden Jünger, die vorher am Grabe gewesen waren, wieder -fort nach Hause; in der Art, wie die beiden miteinander sprechen, ist -die Verschiedenheit des Eindrucks, den der Befund des Grabes auf sie -gemacht hat, in treffender Weise gekennzeichnet, im genauesten Anschluß -an den Wortlaut der Erzählung im Johannesevangelium, wie alles in -diesem Bilde: Johannes „sah und glaubte,“ Petrus ist noch nicht von der -Thatsache der Auferstehung überzeugt, darum redet er so eifrig. - -[Illustration: Abb. 65. +Heilige Familie.+ Tuschzeichnung mit weiß -aufgesetzten Lichtern auf rot grundiertem Papier. - -Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 66. +Die Kreuzschleppung.+ Tuschzeichnung mit weiß -aufgesetzten Lichtern auf grauem Grund. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 67. +Der kreuztragende Christus.+ Holzschnitt -(einziges Exemplar) im Museum zu Basel.] - -In die Gruppe der in reicher malerischer Helldunkelwirkung komponierten -religiösen Bilder gehören ferner zwei Altarflügel, die sich im Münster -zu Freiburg im Breisgau befinden. Aus den Wappen der Geschlechter -Oberriedt und Zscheckapürlin, die auf ihnen neben den Bildnissen der -Stifterfamilie unterhalb der eigentlichen Darstellung angebracht -sind, ergibt sich, daß Holbein diese Gemälde im Auftrag des Baseler -Ratsherrn Hans Oberriedt, der mit einer Zscheckapürlin vermählt war, -malte. Aus der Form der Bilder ergibt sich, daß sie sich an den beiden -Seiten eines oben bogenförmig begrenzten Mittelbilds befunden haben, -das mit diesen Flügeln geschlossen werden konnte. Zweifellos wurde das -ganze Werk von dem Besteller in irgend eine Kirche Basels gestiftet. -Hans Oberriedt verließ infolge der wilden Religionsstreitigkeiten -des Jahres 1529 seine Vaterstadt und siedelte nach Freiburg im -Breisgau über. Wahrscheinlich war er es, der die Flügelbilder vor -dem Bildersturm, dem die größere Mitteltafel zum Opfer gefallen sein -muß, rettete, um sie mit in die neue Heimat zu nehmen und auch dort -wieder auf einem Altar aufzustellen. Damit kamen die Bilder aber -noch nicht zu dauernder Ruhe. Während des dreißigjährigen Krieges -wurden sie nach Schaffhausen geflüchtet. Kurfürst Maximilian I. von -Bayern ließ sie sich zur Besichtigung nach München bringen, und -Kaiser Ferdinand III. ließ sie sich in Regensburg zeigen. Im Jahre -1796 wurden sie von den Franzosen aus Freiburg entführt, 1808 aber -zurückgegeben. Sie fanden dann ihre Aufstellung auf dem Altar der -sogenannten Universitätskapelle im Chor des Freiburger Münsters. Es -sind dies die einzigen Kirchenbilder Holbeins, die noch an geweihter -Stätte zum Beschauer sprechen. Und dabei ist vielleicht gerade in -ihnen weniger religiöse Stimmung als in anderen; der Künstler hat -sich bei ihrem Gestalten mehr dem rein malerischen Reiz, als der -Innerlichkeit der Empfindung hingegeben. Die Gegenstände der beiden -Gemälde, bei denen ebenso wie bei der Passionstafel der Figurenmaßstab -sehr klein ist, sind die Geburt Christi und die Anbetung der drei -Weisen aus dem Morgenland. Die Geburt (Abb. 58) ist in die Ruine -eines antiken Prachtgebäudes verlegt. Die Beleuchtung geht von dem -Kindlein aus, das auf weiße Windeln gebettet liegt. Das übernatürliche -Licht bestrahlt mit weicher Helligkeit die Gestalten von Maria und -Joseph, die sich in Bewunderung und seliger Andacht über das Kind -beugen, und eine Schar kleiner Englein, die dasselbe umjubeln. Es -streift das Gesicht und die Schulter eines Hirten, der sich schüchtern -hinter eine Säule gedrückt hält, solange seine Gefährten noch nicht -da sind, denen draußen in der Ferne die Lichtgestalt eines Engels die -frohe Botschaft bringt. Mit unverminderter Kraft strahlt das Licht -über die nächste Umgebung des Kindes hinaus und läßt die marmornen -Glieder des Gebäudes bunt und vielgestaltig aus dem zerteilten Dunkel -hervortreten. Am Himmel steht der Mond. Aber er läßt seinen Schein -nicht in Widerstreit treten mit jenem heiligen Licht. Auch der Mond -huldigt dem als Kind geborenen Herrn der Welt, indem er sich vor ihm -verneigt: die Mondscheibe -- selbstverständlich ist der Mond als -Scheibe, nicht als Kugel gedacht -- wendet ihre Fläche nach unten, dem -Kinde zu, so daß sie sich dem Beschauer in der Verkürzung zeigt. Ein -anderer origineller Künstlergedanke ist der, bei den kleinen Englein -die Verbindung der Flügel mit der Menschengestalt dadurch naturgemäßer -zu machen, daß die Schwingen sich aus den Armen entwickeln, statt, wie -sonst, als besondere Glieder aus den Schultern hervorzugehen. Auf dem -anderen Gemälde (Abb. 59) bildet der Stern, der die drei Weisen geführt -hat, das Gegenstück zu dem Mond der heiligen Nacht; groß und goldig -strahlend steht er am hellen Mittagshimmel zwischen weißen Wolken. -Einer der Begleiter der Ankömmlinge hält sich die Hand über die Augen, -um nach seinem Glanz emporzusehen. Der Schauplatz des Vorgangs ist -wieder eine antike Ruine, aber hier von außen gesehen und schlichter -in den Formen. Eine malerisch prächtige Erscheinung ist der weiß -gekleidete Mohrenkönig, der als der jüngste von den dreien wartet, bis -die anderen ihre Gaben dargebracht haben. Der älteste, ein langbärtiger -Greis in rotem Rock und Hermelinkragen -- seine Gestalt ist merkwürdig -ungefällig gezeichnet --, überreicht knieend sein Geschenk dem auf -Marias Schoße sitzenden Kind, das aufmerksam herabsieht. Der zweite -der drei Weisen, ein dunkelbärtiger kräftiger Mann, der eine weiße -Binde mit wehenden Enden um die Krone geschlungen trägt, schickt -sich an, vorzutreten, um die Stelle des Greises einzunehmen, sobald -dieser aufgestanden sein wird. Es scheint, daß dieses Bild durch -Ausbesserungen stärker beschädigt ist, als das andere. - -[Illustration: Abb. 68. +Nackte Figur von unbekannter Bedeutung.+ -Tuschzeichnung auf rötlichem Papier, weiß gehöht. Im Museum zu Basel. -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Während Holbein in den genannten Gemälden mit reichen Farben und -vollen Gegensätzen von Hell und Dunkel arbeitete, begnügte er sich in -anderen Fällen mit einfarbiger oder fast einfarbiger Ausführung, um -die beabsichtigte künstlerische Wirkung zu erzielen. Im Baseler Museum -befinden sich zwei kleine Ölgemälde braun in braun, die als Doppeltafel -zum Zusammenklappen miteinander verbunden sind und ein einheitliches -Ganzes bilden. Solche Klapptäfelchen dienten zum Aufstellen bei -häuslicher Andacht. Da sind in tiefer Empfindung und in feinster -Ausführung Christus als Schmerzensmann und Maria als schmerzenreiche -Mutter dargestellt. Die beiden Figuren befinden sich in einer -phantastisch reichen Renaissancehalle; die Luftdurchblicke zwischen -den Säulen dieser Architektur hat Holbein blau gemalt, und durch diese -mit feinem künstlerischen Geschmack verteilten blauen Flecken in dem -sonst einfarbigen Bild hat er in dasselbe eine reizvoll malerische -Belebung gebracht. Der nackte Christuskörper ist mit fleißigem Studium -ausgeführt. Maria, die sich mit erhobenen Händen nach ihrem duldenden -Sohne umsieht, ist in Kopf, Händen und Gewandung außerordentlich schön -(Abb. 60 und 61). Eigentümlich ist es, daß bei dieser Doppeltafel, -die bei ihrer Kleinheit doch nicht in großer Höhe aufgestellt werden -konnte, der Horizont unterhalb des Bildes angenommen ist. Vielleicht -muß man sie auf Grund dieses Umstands als Entwurf oder Wiederholung -einer Ausführung in großem Maßstab, die für eine hohe Aufstellung -berechnet war, ansehen. - -[Illustration: Abb. 69. +Kampf von Landsknechten.+ Tuschzeichnung, im -Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Braun in braun ohne jede andere Farbenzuthat sind zwei große Bilder -ausgeführt, die, auf Leinwand gemalt, die Innenseiten der Thüren -bekleideten, durch die das Gehäuse der Orgel im Baseler Münster -verschließbar war. Die eigentümliche Form dieser Thüren hat Holbein -mit großem Geschick ausgefüllt; durch die Einordnung von mächtigen, -schwungvollen Ornamenten in die unregelmäßige Fläche einer jeden Thür -hat er sich ein annähernd symmetrisches Bildfeld geschaffen, in das er -an beiden Seiten je eine überlebensgroße Heiligenfigur stellte, während -er den zwischen diesen verbleibenden niedrigen Raum mit auf den Ort -bezüglichen Darstellungen füllte. In dem linken Flügel stehen Kaiser -Heinrich II., der Gründer des Baseler Münsters, und seine Gemahlin -Kunigunde; zwischen ihnen sieht man das Münster selbst. In dem rechten -Flügel steht einerseits die Jungfrau Maria, mit der Himmelskrone auf -dem Haupt und mit dem Jesuskind, das sich kosend an sie schmiegt, in -den Armen, andererseits der Bischof Pantalus; in der Mitte ein Konzert -von köstlichen Kinderengeln, die gleichsam die Klänge der Münsterorgel -mit Himmelsmusik begleiten. Auch in diesen Bildern liegt, wie es streng -genommen bei Gemälden, deren Aufstellungsplatz ihre Fußbodenlinie -über die Köpfe der Beschauer hinausrückt, immer der Fall sein müßte, -der Horizont unter der Bodenlinie; Holbein hatte diese sonst im -allgemeinen selten beachtete Rücksichtnahme auf die Gesetze des Sehens -wohl aus Werken des Mantegna, der in dieser Beziehung sehr gewissenhaft -war, gelernt. Die Orgelthüren haben den Bildersturm überdauert, wohl -weil die Zerstörer in ihnen keine Andachtsbilder, sondern lediglich -Schmuckstücke sahen. Sie sind erst in unserem Jahrhundert, als die -alte Orgel durch eine neue ersetzt wurde, von ihrem Platz entfernt -und in das Museum gebracht worden. Aber sie sind durch eine im XVII. -Jahrhundert vorgenommene Übermalung und durch Gebrauchsbeschädigungen -verunstaltet. Doch kann man sie noch voll würdigen, wenn man die unter -den Handzeichnungen des Museums befindlichen Entwürfe betrachtet, die -durch ihre Austuschung mit brauner Wasserfarbe auch den Farbeneindruck -der großen Ausführungen andeuten (Abb. 62 und 63). - -[Illustration: Abb. 70. +Ein zur Abfahrt bereites Schiff mit -Bewaffneten.+ Tuschzeichnung, im Städelschen Museum zu Frankfurt a. M.] - -[Illustration: Abb. 71. +Das Totentanzalphabet.+ Holzzeichnungen, -geschnitten von Hans Lützelburger. (Originalgröße.)] - -Vielleicht darf man noch bei mehreren, mit großer Sorgfalt ausgeführten -Kompositionen, die sich unter Holbeins Zeichnungen im Museum zu -Basel befinden, annehmen, daß in ihnen Entwürfe zu Gemälden, die der -Bildersturm vernichtet hat, erhalten seien. - -Da ist ein Bildchen der Jungfrau Maria, die dem Jesuskind die -Brust reicht, auf grau grundiertem Papier mit schwarzer und weißer -Wasserfarbe ausgeführt, in einem nur durch die Umrisse zweier Säulen -angedeuteten Architekturgehäuse (Abb. 64). Dann ein durch desto -prächtigere Ausarbeitung der Architektur ausgezeichnetes Blatt, in dem -eine heilige Familie dargestellt ist. Das Christuskind macht zwischen -der Mutter Maria und der Großmutter Anna seine ersten Gehversuche, -denen außer den beiden Frauen auch der alte Joachim zusieht. Die -Beleuchtung ist als schräg von hinten einfallend angenommen, und das -Spiel der vielen scharfen Lichter, die mit weißer Farbe in die auf -rotem Grund getuschte Zeichnung kräftig hineingesetzt sind, geben dem -Bild einen eigenen Reiz (Abb. 65). Bei diesen beiden Blättern liegt der -Horizont wieder unterhalb der Fußlinie. Vielleicht sind es Entwürfe zu -hoch angebrachten Wandmalereien; dafür scheint der dekorative Charakter -der Darstellungen zu sprechen und auch die schräge Perspektive, die -hier wie dort darauf schließen läßt, daß zu dem Bilde eine rechts -davon liegende, die Mitte von einem größeren Ganzen enthaltende -Hauptdarstellung gehörte. -- Wieder ein Bild aus der Leidensgeschichte -des Heilands, in Schwarz und Weiß auf grauer Grundierung ausgeführt: -die Kreuzschleppung. Christus ist unter der Last zu Boden gestürzt; -mühsam hält er sich auf den Händen, und stöhnend blickt er empor, -vergeblich nach Mitleid suchend unter der Schar der gefühllosen, teils -gleichgültigen, teils grausam rohen Begleiter (Abb. 66). Man mag mit -dieser Zeichnung den ergreifend schönen, nur in einem einzigen Exemplar -(im Baseler Museum) vorhandenen Holzschnitt vergleichen, in dem der -unter dem Kreuz zusammengesunkene Christus allein dargestellt ist, -nicht als eine Figur aus einem geschichtlichen Vorgang, sondern als ein -Mahner, der die bittere Klage, die aus seinen Augen spricht, an den -Beschauer richtet (Abb. 67). - -[Illustration: Abb. 72. +Der Tod und der Kaiser.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“. - -(Originalgröße.)] - -Unverständlich ist die Bedeutung einer Zeichnung, die in sorgfältiger -Tuschausführung auf rötlichem Papier ein nacktes Weib zeigt, das, -in lebhafter Bewegung neben einer Säule vortretend, in jeder Hand -einen Stein wie zum Hinabwerfen hält. Eine lediglich zur Belehrung -gemachte Naturstudie ist es, trotz der fleißigen Durcharbeitung der -einzelnen Formen, nicht; eine solche würde Holbein mit schärferer Treue -gezeichnet haben. Es muß auch eine Vorarbeit zu irgend einer Malerei -sein, in der die Figur wohl nur einen Teil einer größeren Komposition -bildete. Jedenfalls hat es an und für sich immer ein künstlerisches -Interesse, eine von Holbein entworfene nackte Gestalt zu sehen (Abb. -68). - -[Illustration: Abb. 73. +Der Tod und der Schiffer.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Wohl nicht zu einem bestimmten Zweck ersonnen, sondern nur aus Freude -an der Sache entworfen sind mehrere, in verschiedenen Sammlungen -befindliche Darstellungen aus dem Leben der Schweizer Landsknechte, in -leichter Ausführung mit höchster Lebendigkeit hingezeichnete Blätter. -Das Baseler Museum besitzt eine ganz wundervolle Schilderung eines -Zusammenstoßes zweier Landsknechthaufen; auf der einen Seite suchen die -Männer mit den langen Spießen eine geschlossene Verteidigungsstellung -zu behaupten, von der anderen drängen sie in wuchtigem Haufen heran, -in der Mitte raufen die Katzbalger, die verlorenen Gesellen. Das ist -mit einer so packenden Lebendigkeit zur Anschauung gebracht, als ob -der Zeichner Selbsterlebtes erzählte. Auch die Art der Ausführung -trägt zur Lebendigkeit des Eindrucks bei; in schneller und sofort -sicherer Führung des Tuschpinsels hat der Zeichner mit Strichen und -Tönen die vorderen Figuren in allem Gewühl und Getümmel klar erkennbar -auseinander gehalten, und die weiter zurückstehenden, die in der -Wirklichkeit ein Staubschleier dem Beschauer undeutlich machen würde, -hat er nur in flüchtigen, gleichsam zitternden Umrissen angedeutet -(Abb. 69). Zu den Landsknechtsbildern gehört auch die Abbildung eines -Schiffes, die sich im Städelschen Museum zu Frankfurt befindet. Das -augenscheinlich nach der Wirklichkeit gezeichnete Fahrzeug ist in -Bereitschaft, den Hafen zu verlassen, um eine Schar von Bewaffneten, -deren Tracht die des Schweizer Kriegsvolks ist, in die Ferne zu führen. -Der Hauptstrom der Schweizer Reisläufer ging damals nach Frankreich; -Holbein mag, wenn er in Avignon seinen Freund Amerbach besuchte, von -dort aus leicht Gelegenheit gefunden haben, einen solchen Vorgang, -wie er ihn hier schildert, zu sehen. Schon blähen sich die Segel des -Schiffes, eilig rudert zum letztenmal ein Boot heran, um, was nicht an -Bord gehört, zurückzuholen. Die Eingeschifften haben den Abschied vom -Lande kräftig gefeiert, jetzt gilt es, das Scheiden kurz zu machen. -Der Trommler und der Pfeifer lassen vom Heck die Marschmusik der -Landsknechte ertönen, der Fähnrich schwingt grüßend das große Banner. -Unter der Schiffsmannschaft kreist noch ein Abschiedstrunk in großen -Kannen, bis zum Mastkorb hinauf. Daß, nach der Bauart des Schiffes, die -Figuren im Verhältnis zu diesem etwas zu groß geraten sind, mag man dem -Zeichner gern verzeihen (Abb. 70). - -[Illustration: Abb. 74. +Der Tod und der Ritter.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Der Reichtum von Holbeins Erfindungsgabe und die Leichtigkeit seines -Schaffens fanden die dankbarste Verwertung in der Zeichnung für den -Holzschnitt. Diejenigen seiner Arbeiten für den Buchdruck, die am -weitesten in der Welt bekannt geworden sind, gehören fast alle der -Zeit von 1523 bis Anfang 1526 an. Wenn auch die meisten von ihnen erst -in späteren Jahren veröffentlicht worden sind, so beweist doch der -Umstand, daß sie von der Hand Lützelburgers geschnitten sind, ihre -Entstehung in jener Zeit. - -[Illustration: Abb. 75. +Der Tod und das Ehepaar.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Mit zu den ersten Schnittausführungen Holbeinscher Zeichnungen durch -Lützelburger gehört das sogenannte Totentanzalphabet. Einzelne -Buchstaben aus diesem erschienen schon in Drucken des Jahres 1524. -Holbein befolgte bei seinen Buchstabenzeichnungen, die den Zweck -hatten, die Texte gedruckter Bücher nach dem Vorbild der gemalten -Initialen in mittelalterlichen Handschriften zu schmücken, immer -eine gleiche Art der Anordnung. Den Buchstaben selbst, den er stets -in der eigentlichen Renaissancegestalt, das ist in der klassischen -Form der alten lateinischen Schrift, bildete, ließ er unverziert; die -Ausschmückung gab er ihm durch ein quadratisches Figurenbildchen, das -den Hintergrund für den Buchstaben bildet, ohne eine andere Verbindung -zwischen dem Bildchen und dem Buchstaben, als die des künstlerischen -Zusammenklangs der Linien. Gern zeichnete er ganze Alphabete in der -Weise, daß die 24 Bildchen -- für ~U~ und ~V~ gab es nur ein Zeichen, -ebenso wie für ~I~ und ~J~ -- eine in sich zusammenhängende Folge -bildeten. So hat er zum Beispiel ein Alphabet mit den verschiedenen -Berufsarten des Menschen, in Kinderspiel eingekleidet, ein anderes mit -den belustigenden Vorgängen einer Bauernkirmeß geschaffen. Den meisten -Beifall aber fand er mit dem Alphabet, in dem er die Gewalt des Todes -über alle Stände zum Thema der Bildchen nahm. - -[Illustration: Abb. 76. +Der Tod und der Ackermann.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Das Thema war sehr volkstümlich. Bis in das XIV. Jahrhundert -lassen sich die Anfänge der sogenannten Totentanzdarstellungen -zurückverfolgen. Es waren Bilder, die die Nichtigkeit alles Irdischen -dadurch veranschaulichten, daß sie den Gestalten Lebender die Gestalten -von Toten gegenüberstellten, die einst dasselbe gewesen waren wie jene -und jetzt nichts mehr besaßen als die nackte Häßlichkeit verwesender -oder eingetrockneter Leichname. Im XV. Jahrhundert ließen besonders die -Predigermönche oftmals ganze Reihen von solchen Paaren an geeigneten -Stellen, in der Vorhalle der Kirche, im Klostergang oder wo sonst sie -von vielen gesehen werden konnten, an die Wand malen; erläuternde -Verse, volkstümlich gefaßt, wurden dazu geschrieben. In den Versen -sprachen die Toten mit den Lebenden, in den Bildern reichten sie ihnen -die Hand. Das waren Bilderpredigten, die den Beschauer zum Denken an -das Ende mahnen sollten und dadurch, daß in den dargestellten Personen -alle Stände, geistliche und weltliche, von den höchsten bis zu den -niedrigsten, gekennzeichnet wurden, auf die Gleichheit aller im Tode -hinwiesen. Die Reihen von Paaren bildeten gleichsam einen Reigen. -Daraus entwickelte sich von selbst der Gedanke, die ganze Darstellung -als einen Tanzreigen aufzufassen; die Zeit liebte die Würze des Humors -auch in sehr ernsten Dingen. Beim Reigen durfte der Spielmann nicht -fehlen. Der aber hier zum Tanze fiedelte, war der Tod selbst, als -persönliches Wesen gedacht und ebenfalls in der Gestalt einer lebenden -Leiche gebildet. Diese Bilder waren die eigentlichen Totentänze. Auch -Basel besaß zu Holbeins Zeit einen berühmten Totentanz, der sich an -der Kirchhofsmauer des Predigerklosters befand und der eine freie -Nachbildung eines noch älteren Werkes im Nonnenkloster Klingenthal zu -Klein-Basel war. Der Name ist an dem ganzen Kreise von Darstellungen -haften geblieben, obgleich seit dem Beginn des XVI. Jahrhunderts die -Darstellungsweise sich wesentlich veränderte. In den entsprechenden -Bildern, welche die Künstler dieser Zeit, und so auch Holbein, -entwarfen, treten keine Toten mehr auf, und es wird auch nicht mehr -getanzt. An Stelle des Toten ist es der Tod, der in jedem Bilde sich -dem Lebenden gesellt. - -[Illustration: Abb. 77. +Der Tod und die Spieler.+ - -Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Holbein stellte den Tod in der letzten zusammenhängenden Form, die eine -Leiche haben kann, als kahles Gerippe dar. Vereinzelt waren auch schon -andere auf diese Form gekommen, zum Beispiel Dürer in einer großartigen -Zeichnung vom Jahre 1505. Das war ein glücklicher Künstlergriff; -denn nichts konnte unheimlicher wirken, als wenn ein Knochengestell, -dem alle Mittel der Bewegung fehlten, sich dennoch bewegte, aus -eigener unerklärbarer Kraft. Holbeins anatomische Kenntnisse -waren freilich gering. Die Gerippe, die er zeichnete, wimmeln von -Unrichtigkeiten. Aber er schuf diese Darstellungen ja auch nicht, um -mit wissenschaftlichen Kenntnissen zu prunken. Den künstlerischen -Zweck erreichte er mit seinen fehlerhaften Gerippen so vollkommen, -wie kaum jemals ein anderer, der Ähnliches versucht hat. Er verstand -es meisterhaft, dem leeren Knochengerüst den Anschein eines lebenden -Wesens zu geben; die tiefen Schatten der leeren Augenhöhlen und das -scheinbare Grinsen der fleischlosen Kiefer gaben ihm die Mittel, einen -eigentümlich drastischen Gesichtsausdruck hervorzuzaubern, der in -seiner Mannigfaltigkeit alles Mienenspiel ersetzt. - -[Illustration: Abb. 78. +Das Wappen des Todes.+ Aus der -Holzschnittfolge „der Totentanz“.] - -Sein Totentanzalphabet (Abb. 71) beginnt im ~A~ mit einer Erinnerung an -die wirklichen Totentanzbilder: der Tod spielt auf zum Reigen; dabei -erscheint der Tod nicht als ein nur in der Einzahl vorkommendes Wesen, -es sind ihrer mehrere. Auch in vielen der folgenden Bildchen arbeitet -der Tod mit Gehilfen. Mit wilder Lust, oft mit grausig höhnendem Spott -fällt der Knochenmann über seine Opfer her, über die Menschen aller -Lebensstellungen. Er ergreift den Papst, den Kaiser, den König, den -Kardinal, die Kaiserin, die Königin, den Bischof, den Fürsten, den -Ritter, die Edelfrau, den Gelehrten, den Kaufmann, den Mönch, den -Soldaten, die Nonne, den Schalksnarr und die leichtfertige Dirne; er -gießt einem Säufer den letzten Trunk in die Kehle, springt hinter dem -Reisenden aufs Pferd, führt den Klausner freundlich von dannen, gesellt -sich in Begleitung eines Teufels zu Spielern und holt das Kind aus der -Wiege. Den Schluß bildet im ~Z~ das Jüngste Gericht. - -[Illustration: Abb. 79. +Das Weltgericht.+ Aus der Holzschnittfolge -„der Totentanz“.] - -Diese winzigen Bildchen sind in der That große Meisterwerke. Welcher -Reichtum der dichterischen Erfindung, welche Kraft der Kennzeichnung, -welche packende Lebendigkeit der Schilderung ist in jeder der in so -engen Raum gebundenen Kompositionen enthalten! Man begreift, daß der -Meister, der sich mit solcher Künstlerlust in den Gegenstand vertiefte, -das Verlangen empfinden mußte, dieselbe Sache auch einmal anders zu -behandeln, als in der beschränkten Gestalt von Buchstabenbildchen, -die noch dazu dem Publikum immer nur zerstreut, niemals in ihrem -durchdachten Zusammenhang zu Gesicht kamen. Er entwarf einen -„Totentanz“ zum Zweck der Veröffentlichung in einem selbständigen -Werk, in Zeichnungen, die zwar auch noch klein waren, ihm aber Platz -genug gewährten, um seine bildlichen Dichtungen weiter auszudichten und -ihnen durch Räumlichkeit und Landschaft, erforderlichenfalls auch durch -Hinzufügung von Nebenpersonen noch mehr Inhalt und Anschaulichkeit -zu geben. Die Zeichnungen wurden der größten Mehrzahl nach von -Lützelburger in mustergültiger Weise geschnitten. - -Dieser Totentanz in Holzschnitten hat wie kein anderes Werk den Namen -Holbeins berühmt gemacht. - -[Illustration: Abb. 80. +Jakob segnet Esau+ (1. Moses 27, 22). Aus den -Holzschnitten zum Alten Testament. (Originalgröße).] - -[Illustration: Abb. 81. +Boas und Ruth+ (Ruth 2, 5). Aus den -Holzschnitten zum Alten Testament.] - -[Illustration: Abb. 82. +Die betrübte Hanna+ (1. Samuel 1, 15). Aus den -Holzschnitten zum Alten Testament.] - -[Illustration: Abb. 83. +Salomon segnet die Gemeinde+ (2. Chronica 6, -3). Aus den Holzschnitten zum Alten Testament.] - -Merkwürdigerweise kam derselbe erst viele Jahre nach seinem Entstehen -zur Veröffentlichung. Nur fünf Probedruckexemplare sind vorhanden -(in den Museen zu Basel, Berlin und London, im Kupferstichkabinett -zu Karlsruhe und in der Nationalbibliothek zu Paris) von der ersten -beabsichtigten Ausgabe; die Zahl der Bilder beträgt hier vierzig, -und der Text beschränkt sich auf Überschriften in deutscher Sprache. -Von einer anderen Ausgabe, die ein Blatt enthält, welches dort fehlt -und die sich dadurch von jener unterscheidet, daß die Überschriften, -in denen auch einiges wenige anders gefaßt ist -- mit gotischen -(sogenannten deutschen) Lettern gedruckt sind statt mit den sonst -damals bevorzugten lateinischen, ist nur ein einziges Exemplar (in der -Pariser Bibliothek) vorhanden. Die erste wirkliche Veröffentlichung -erfolgte im Jahre 1538 zu Lyon durch die Druckerei der Brüder Caspar -und Melchior Trechsel. Diese Ausgabe enthält die 41 Bilder, jedes -von einer Bibelstelle in lateinischer Sprache und von französischen -Versen begleitet, mit einer Vorrede des französischen Herausgebers, -die der Äbtissin des St. Petersklosters zu Lyon gewidmet ist. In -späteren Auflagen, die auch mit ins Deutsche übertragenen Versen -erschienen, kamen noch acht Bilder hinzu, die in der ersten Ausgabe -weggeblieben waren, weil Lützelburger vor ihrer Vollendung vom Tode -hinweggerafft worden war, und weil -- nach den Worten des gelehrten -französischen Geistlichen, der die Vorrede verfaßte und in dieser, -mit Übergehung Holbeins, dem Formschneider alles Verdienst an den -Zeichnungen zuschrieb -- niemand an die unvollendeten Bilder die Hand -zu legen wagte, so wenig wie jemand den himmlischen Regenbogen berühren -könnte. Erst nach vielen Jahren fand sich eine andere Kraft, die der -hinterlassenen Aufgabe leidlich gerecht wurde. Diese nachträglich -geschnittenen oder im angefangenen Schnitt vollendeten sind Bilder, -die, ohne den Zusammenhang zu stören, weggelassen werden konnten; denn -sie reihen sich nicht der herkömmlichen Ordnung nach Ständen ein, -sondern enthalten -- wie die Bildchen der Buchstaben ~T~ bis ~X~ des -Todesalphabets -- frei erdachte Darstellungen sittenbildlicher Art -(Abb. 77). Von einigen Stücken, die erst in viel späteren Ausgaben, -lange nach des Künstlers Tode, eingeschoben worden sind, erscheint -es fraglich, ob ihre Einreihung in das Ganze von Holbein selbst -beabsichtigt war. -- Die drei ersten Bilder der Folge enthalten die -Einleitung des Bildergedichts: die Erschaffung der Eva, den Sündenfall -und die Vertreibung aus dem Paradies. Dann tritt der Tod auf; er hilft -Adam bei der Bearbeitung der Erde mit einem unbeschreiblichen Ausdruck -wilden Vergnügens. Die Freude des Todes darüber, daß die Menschheit -ihm verfallen ist, verkündet auf dem nächsten Blatt ein Konzert von -Gerippen, deren einige zum Hohn sich lächerlich aufgeputzt haben, -mit lärmendem Jubel. Und jetzt sucht der Tod alle Stände heim, vom -Papst und Kaiser angefangen bis zu dem Ärmsten und Geringsten und zum -unmündigen Kinde. Mit grausigem Humor mischt er sich in die Thätigkeit -der Menschen, bald heimlich, bald offen, unerkannt oder Entsetzen -verbreitend. Dem schmausenden König reicht er als Mundschenk den Wein, -als verbindlicher Kavalier geleitet er die Kaiserin und als tanzender -Narr ergreift er die Königin inmitten ihres Hofstaats. Höhnisch -trägt er Inful und Hirtenstab, da er den Abt hinwegzerrt; mit einem -Kranze geschmückt, wie ihn die jungen Stutzer bei Tanz und Gelagen -zu tragen pflegten, reißt er die Äbtissin über die Klosterschwelle; -als Mesner naht er sich dem Prediger. Bekränzt und tanzend verhöhnt -er, von einem lustig musizierenden Gerippe begleitet, eine alte Frau, -die rosenkranzbetend am Stabe dahinschleicht. Den Arzt sucht er als -Begleiter eines Patienten auf; mit fragender Miene reicht er dem -Gelehrten einen Schädel dar; dem Reichen raubt er sein Geld. Aus den -Wogen aufsteigend, zerbricht er den Mast eines Schiffes auf stürmischer -See (Abb. 73); von Panzer und Kettelhemd umschlottert, rennt er einem -Ritter den Speer durch Harnisch und Leib (Abb. 74). Er hilft beim -bräutlichen Schmücken der jungen Gräfin und schreitet als Trommler vor -dem vornehmen Ehepaar her (Abb. 75). Wie ein Wegelagerer überfällt er -den Krämer auf offener Landstraße; er treibt als übereifriger Knecht -das Gespann des Bauersmannes, der in reizvoll friedlicher Landschaft -hinter dem Pfluge herschreitet (Abb. 76). Welches der Bildchen man -auch betrachten mag, jedes einzelne ist eine beziehungsreiche, -geistvolle Schöpfung, in die man sich lange vertiefen kann. Als ein -bemerkenswertes Zeichen der Zeit sieht man in manchen der Blätter, -wie die humoristischen Züge sich in Satire verwandeln. Auch sieht man -die Zeitereignisse selbst sich wiederspiegeln; so sind bei dem Bilde -des Papstes, den der Tod aus einer Handlung höchster Machtentfaltung -herausreißt, während ein Teufel zum Empfang seiner Seele bereit -steht, die Anspielungen auf Leo X. († 1521) hinreichend deutlich; der -ehrenfeste alte Kaiser, der im Ausüben der Gerechtigkeit unterbrochen -wird (Abb. 72), ist unverkennbar Maximilian († 1519), und der König -trägt die Züge Franz’ I. von Frankreich, obgleich dieser damals noch -lebte; der Graf, dem der Tod in der Tracht eines Bauern entgegentritt, -um ihn mit dem eigenen Wappenschild niederzuschlagen, und der Ratsherr, -den der Tod abruft, während er sich weigert, einem geringen Mann Gehör -zu schenken, erinnern an den im Jahre 1525 bis an die Thore Basels -herantobenden Bauernaufstand und an die Ursachen seiner Entstehung. -Die Folge endigt mit dem allgemeinen Weltgericht (Abb. 78) und mit -einem Schlußblatt, welches das Wappen des Todes zeigt: ein Totenkopf -in zerfetztem Schild, eine Sanduhr und zwei erhobene Knochenarme als -Helmzier (Abb. 79); daß dem Herrscher Tod ein Wappen zustand, war -eine eingebürgerte Vorstellung, die ja auch Dürer einmal zu einem -Kupferstich angeregt hatte. - -In demselben Verlage wie die Todesbilder, und ebenfalls erst im -Jahre 1538 erschien die größte von Holbein gezeichnete Bilderfolge, -seine Illustrationen zum Alten Testament. Daß auch diese Blätter in -den Jahren 1523 bis 1526, wenigstens der Mehrzahl nach, entstanden -sind, beweist der Umstand, daß die Schnittausführung der meisten die -Hand Lützelburgers erkennen läßt; diejenigen, welche von anderer -Hand geschnitten worden sind, fallen in sehr bemerklicher Weise -gegen die ersten ab. Die Trechselsche Veröffentlichung brachte die -Zeichnungen nicht, wie sie wohl ursprünglich gedacht waren, im Text -einer Bibelausgabe, sondern als selbständiges Bilderwerk. Jedem -Blatt wurde eine Anführung der betreffenden Schriftstelle und eine -kurze Erläuterung in französischen Versen beigegeben. Dazu kam eine -Vorrede in lateinischen Versen; in dieser wurde nicht, wie in der -Veröffentlichung des Totentanzes, Holbeins Name verschwiegen; vielmehr -wurde der Künstler, der sich freilich gefallen lassen mußte, daß sein -Name dem Versmaß zuliebe die verkümmerte Form Holbius annahm, über -Apelles und die anderen berühmtesten Maler des griechischen Altertums -erhoben. Der Verfasser der Vorrede hatte Holbein persönlich kennen und -bewundern gelernt. -- In demselben Jahre wie die erste Ausgabe des -später noch oftmals aufgelegten Bilderwerks erschienen die Zeichnungen -auch in einer lateinischen Bibelausgabe, die von einem anderen Drucker -zu Lyon, Hugo a Porta, veranstaltet wurde. In dieser seltenen Ausgabe -sind einige Bilder weggelassen; dafür aber ist eines, der Sündenfall, -vorhanden, das dort fehlt und das sonst nur in einem im Museum zu Basel -bewahrten Probedruckexemplar vorkommt. -- Holbeins Bilder zum Alten -Testament sind im allgemeinen viel weniger bekannt, als sein Totentanz. -Aber diese 91 Bildchen -- das Format ist auch hier ein kleines -- -verdienen die allergrößte Beachtung. Während der Künstler in jenem -anderen Werk durch seine geistreichen Einfälle überrascht und fesselt, -schließt er sich hier schlicht und treu an das zu verbildlichende -Wort des Textes an. Er zeigt sich als ein Erzähler allerersten -Ranges, der in jeder Darstellung alles, worauf es ankommt, mit der -liebenswürdigsten Einfachheit und Natürlichkeit, in knappster Fassung -zu sagen weiß, nichts wesentlich zur Sage Gehöriges vergißt und alles -Überflüssige vermeidet (Abb. 80-85). - -[Illustration: Abb. 84. +Die Heimkehr aus der babylonischen -Gefangenschaft+ (1. Esra 1, 5). Aus den Holzschnitten zum Alten -Testament.] - -[Illustration: Abb. 85. +Der Prophet Amos+ (Amos 1, 1). Aus den -Holzschnitten zum Alten Testament.] - -Zu den Schnitten Lützelburgers gehört auch ein in sehr wenigen -Exemplaren erhaltenes Bildchen, das offenbar als Kopfstück ein -fliegendes Blatt geschmückt hat, ein von reformatorischer Seite -ausgegebenes Spottblatt, das um seiner Schärfe willen von der Baseler -Obrigkeit unterdrückt worden sein mag. Dasselbe zeigt in seiner rechten -Hälfte einen geschmückten Saal, in dem die Leute sich drängen, um die -von dem thronenden Papste, dessen Person das allenthalben angebrachte -Mediceerwappen kennzeichnet, ausgegebenen Ablaßzettel zu kaufen; links -aber sieht man draußen im Freien David, Manasse und den armen Zöllner -als die Vertreter der wahren Bußfertigen, und diesen breitet Gott Vater -vom Himmel herab seine Arme entgegen. Eine Zeichnung ähnlicher Art, die -in der feinen Schnittausführung ebenfalls Lützelburgers Hand erkennen -läßt, erschien als Kopfstück des 1527 gedruckten „Evangelischen -Kalenders“ von ~Dr.~ Johannes Copp. Das Bildchen zeigt Christus als das -wahre Licht, das die Welt durchstrahlt und das gläubige Volk an sich -zieht, während der Papst und seine Geistlichkeit ihm den Rücken wenden, -um, von den heidnischen Philosophen Plato und Aristoteles angeführt, in -den Abgrund zu stürzen. - -Der kirchliche Zwiespalt, in den der Künstler sich mit diesen -Blättern mischte, nahm in Basel scharfe Formen an. Alles entbrannte -in religiösem Parteieifer. Dabei froren die Künste, wie Erasmus -sich in einem Briefe ausdrückte. Es machte sich eine entschieden -bilderfeindliche Partei geltend. Im Januar 1526 richtete die -Malerzunft ein Bittgesuch an den Rat, er möge gnädiglich dafür sorgen, -daß sie, die eben auch Frau und Kinder hätten, in Basel verbleiben -könnten. Auch Holbeins Erwerbsverhältnisse gestalteten sich schlecht. -Wie wenig Verwendung die Regierung Basels für seine Kunst hatte, geht -aus den Ratsrechnungen hervor, die als einzige an Holbein in diesen -Jahren geleistete Zahlung einen geringfügigen Betrag nennen, den -er im März 1526 dafür bekam, daß er „etliche Schilde am Städtlein -Waldenburg,“ wohl das obrigkeitliche Wappen an öffentlichen Gebäuden -dieser zum Baseler Gebiet gehörigen Stadt, gemalt hatte. - -[Illustration: Abb. 86. +Jakob Meyer zum Hasen.+ Zeichnung in schwarzer -und farbiger Kreide, Studie zu dem Madonnenbild in Darmstadt. Im Museum -zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Doch war es aller Wahrscheinlichkeit nach in eben diesem Jahre, daß -Holbein von seinem alten Gönner Jakob Meyer einen Auftrag bekam, -in dessen Ausführung er ein Werk schuf, das zweifellos unter allen -religiösen Bildern, die von ihm erhalten geblieben sind, das schönste -ist. - -Jakob Meyer zum Hasen, der das Bürgermeisteramt zum letztenmal im -Jahre 1521 bekleidet hatte, hielt, während die Reformation in Basel -immer mehr die Überhand bekam, streng an der alten Kirche fest. So -ließ er gerade damals, wo die katholische Partei sich kaum noch im -Rat zu behaupten vermochte, ein offenbar zur Aufstellung auf einem -Kapellenaltar bestimmtes Gemälde anfertigen, in dem er gleichsam ein -öffentliches Glaubensbekenntnis ablegte. Er ließ sich selbst mit seiner -ganzen Familie abbilden, wie sie sich unter den Schutz und Schirm der -Jungfrau Maria stellen. In der Ausführung dieses Auftrags schuf Holbein -das herrliche Marienbild, das sich jetzt im Besitz des Großherzogs von -Hessen befindet und im großherzoglichen Schlosse zu Darmstadt bewahrt -wird. - -Von den Vorarbeiten Holbeins zu diesem Gemälde haben sich die -Bildnisaufnahmen von Jakob Meyer, von Frau Dorothea und von deren -Tochter Anna erhalten. Diese drei Zeichnungen, in der bekannten Art -des Künstlers mit schwarzer Kreide unter Zuhilfenahme von ein paar -Buntstiften ausgeführt, befinden sich im Museum zu Basel. Der Kopf des -Mannes (Abb. 86) ist auf gelblich getöntem Hintergrund mit Schwarz -und Rot in ganz leichter Behandlung zu ganz sprechender Wirkung -gebracht; auch der Ausdruck, den er im Gemälde bekommen sollte, ist -schon angedeutet. Der Kopf der Frau (Abb. 87) ist durch das „Gebände“ -stärker verhüllt, als es dem Maler später bei der Ausführung gut -schien; die Farbenangaben beschränken sich auf das Rot im Gesicht und -etwas Braun zur Bezeichnung des die Haube durchschimmernden Haares und -des Pelzfutters am Mantelkragen. Anna Meyer (Abb. 88), deren Alter -von etwa dreizehn Jahren für die Feststellung der Entstehungszeit des -Bildes mitbestimmend ist, ist gleich in halber Figur gezeichnet, die -Arme annähernd in der Haltung, die sie im Gemälde bekommen sollten; -von leicht grünlich angetuschtem Hintergrund heben sich das Gesicht -mit seinem zarten Fleischton, das goldbraune Haar, dessen Farbe mit -ineinander gezeichnetem Gelb und Braun erreicht ist, und die weiße -Kleidung, die durch einen roten Gürtel und durch gelb angegebene -Verzierungen am Halsband belebt wird, in fast schon völlig malerischer -Wirkung ab. Das junge Mädchen sieht in der Zeichnung entschieden -vorteilhafter aus, als im Gemälde; das liegt hauptsächlich daran, daß -das offene Haar sie viel besser kleidet, als der festliche, wohl bei -einer besonderen Veranlassung, etwa der ersten Kommunion, gebräuchliche -Kopfputz, der den größten Teil des in Zöpfen hochgesteckten Haares -verdeckt. - -[Illustration: Abb. 87. +Jakob Meyers Ehefrau Dorothea Kannegießer.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide, Studie zu dem Madonnenbild -in Darmstadt. Im Museum zu Basel. (Nach einer Originalphotographie von -Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)] - -Das Gemälde selbst (Abb. 89), in dreiviertel Lebensgröße ausgeführt, -ist eines der seltenen Kunstwerke, die gleich beim ersten Anblick den -Beschauer mit der ganzen Macht einer vollkommenen Kunst überwältigen -und die man, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder vergißt. - -[Illustration: Abb. 88. +Anna Meyer.+ Zeichnung in schwarzer und -farbiger Kreide, Studie zu dem Madonnenbild in Darmstadt. Im Museum zu -Basel.] - -[Illustration: Abb. 89. „+Madonna des Bürgermeisters Meyer.+“ Im -großherzoglichen Schloß zu Darmstadt.] - -[Illustration: Abb. 90. +Alte Kopie von Holbeins „Madonna des -Bürgermeisters Meyer.“+ In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 91. „+Lais Corinthiaca.+“ Ölgemälde von 1526. Im -Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 92. +Liebesgöttin.+ Ölgemälde, im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - - -[Illustration: - - Elisabeth Margareta John Thomas John More, Cäcilie Alice, Thomas - Dancy, Gigs, eine More, Morus. der Sohn. Heron, Morus’ zweite - zweite mit den Thomas’ jüngste Frau. - Tochter. Töchtern Vater. Tochter. - erzogene Anna Grisacre, Henry Margareta Roper, - Verwandte. Braut des Sohnes. Paterson, älteste Tochter. - der Hausnarr. - -Abb. 93. +Entwurf zu dem Familienbild des Thomas Morus.+ Federzeichnung -im Museum zu Basel. - -Die Namensbeischriften auf dieser Zeichnung sind von der Hand Thomas -Morus’, die Notizen über einige Änderungen in der Anordnung von der -Hand Holbeins.] - -[Illustration: Abb. 94. +Thomas Morus.+ Zeichnung in schwarzer und -farbiger Kreide, Studie zu dem More’schen Familienbild. - -In der Bibliothek der Königin von England im Schlosse zu Windsor. (Nach -einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 95. +Sir John More, Vater von Thomas Morus.+ Studie -zu dem More’schen Familienbilde, mit schwarzer und farbiger Kreide -gezeichnet. In der Bibliothek der Königin von England im Schlosse zu -Windsor. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Die Himmelskönigin erscheint hier nicht thronend, sondern sie steht -aufrecht mitten unter der Familie des Stifters, über die ihr Mantel -sich ausbreitet; das göttliche Kind schmiegt sein Köpfchen an die -Brust der Mutter und streckt das Händchen segnend über die Beter -aus. Auf der einen Seite kniet Jakob Meyer in inbrünstigem Gebet, -neben ihm sein etwa zwölfjähriger Sohn, dessen Andacht einigermaßen -gestört wird durch das jüngste Familienmitglied, ein entzückendes -nacktes Knäblein, das sich um himmlische Dinge noch gar nicht kümmert -und vom Bruder mit beiden Händen festgehalten werden muß. Gegenüber -knieen die erste und die zweite Frau des Bürgermeisters in stiller -ernster Andacht, sowie die einzige Tochter, deren Aufmerksamkeit -zwischen dem Rosenkranz in ihren Händen und dem niedlichen kleinen -Brüderchen geteilt erscheint. -- Etwas Wunderbares von Ausdruck ist -der Kopf Meyers: tiefste, aufrichtige Frömmigkeit eines Mannes, der in -vertrauensvollem Gebet Beruhigung sucht gegenüber den Bitterkeiten, -die ihm die Außenwelt und das eigene trotzige Gemüt bereiten; und -wie stimmen mit den gespannten Muskeln des Gesichts die ineinander -gepreßten Finger überein! Und wie wird dieser Ausdruck durch den -Gegensatz der unschuldigen Knabengesichter gehoben! Sehr eigentümlich -wirken die beiden Frauen nebeneinander: die eine, die so recht -mitten im Leben steht, deren gesundem, beweglichem Gesicht man die -unermüdliche Thätigkeit der waltenden Hausfrau ansieht, und die -längst verstorbene, die nicht mehr zu dieser Welt gehört, die in der -geraden Profilansicht von Kopf und Gestalt den Eindruck einer starren -Regungslosigkeit macht, und von deren Gesicht -- das Holbein nie -gesehen hatte -- nur ein kleines Stück aus dem verhüllenden Gebäude -wie aus Leichentüchern hervorschaut. Eigentümlich wirkungsvoll ist es -auch, daß man von den gefalteten Händen der Frauen, die Tochter mit -einbegriffen, nur Fingerspitzen sieht. Über den Menschengesichtern -in ihrer bewegten Mannigfaltigkeit steht das Antlitz der Gnadenmutter -in himmlischer Ruhe, ein Antlitz, das in seiner Schlichtheit von Form -und Ausdruck eine so ernst und innig empfundene Künstlerschöpfung -ist, daß es selbst mit den frommen Meisterwerken des XV. Jahrhunderts -den Vergleich aushält. Das Jesuskind blickt den Beschauer mit nur -halbzugewendetem Gesicht mit schmerzlichen Zügen, als ob es eben -geweint hätte, an. Das ist ein sicher nicht von dem Maler, sondern -von dem Besteller ausgehender Gedanke, den Erlöser in solcher Weise -seinem Kummer über die kirchlichen Zustände Basels Ausdruck geben zu -lassen. Auf Rechnung des Künstlers ist es zu setzen, daß das Jesuskind -mit der linken Hand segnet; hätte der Maler das Kind die rechte Hand -aufheben lassen, so hätte er auf das die Stimmung, die der Wunsch des -Bestellers angegeben hatte, so wesentlich steigernde Motiv verzichten -müssen, daß das Kind sich wie müde zurücklehnt. -- Im Jahre 1887 ist -das Gemälde, das an vielen Stellen von willkürlichen Übermalungen -bedeckt war, durch kundige Hand von diesen befreit worden, und es ist -unter der Schicht der Überarbeitungen in einem überraschenden Zustand -von Unversehrtheit zu Tage gekommen, so daß wir in diesem Meisterwerk -Holbeins die Pracht seiner Farbe ganz und voll bewundern können, -die sich hier in einer Frische zeigt, als ob das Bild eben erst die -Staffelei verlassen hätte. Der leuchtende Kernpunkt des Farbenzaubers -ist das Gesicht Marias, ganz hell, mit rosigen Wangen. Das blonde Haar, -das unter der goldenen, mit Perlen und einem violettroten Edelstein -geschmückten Krone dieses Gesicht umschließt, ist weich und wunderbar -fein; wie es lockig flimmert und mit seinen losen Enden auf dem Mantel -haften bleibt, das ist etwas Einziges; es ist mit künstlerischem -Wonnegefühl gemalt; Dürer hat niemals die einzelnen Härchen mit -größerer Feinheit gezeichnet, dabei ist aber hier zugleich das Haar -als Ganzes vollendet malerisch. Der Marienkopf mit seiner goldigen -Einfassung und mit dem krausblonden Kopf des Jesuskindes, dessen Körper -die Helligkeitsfarbe des Gesichts fortführt bis zu den Händen Marias, -so daß all diese zarten Fleischtöne eine geschlossene Lichteinheit -bilden, hat als Hintergrund den schimmernden Ton einer muschelförmigen -Nischenwölbung aus blank geschliffenem braunroten Marmor. Der übrige -Teil der Nische besteht aus einem grauen Stein, dessen kalte Farbe -mit anspruchslosen Tönen in das Blau der daneben sichtbar werdenden, -von grünen Feigenbaumzweigen durchschnittenen Luft hinüberleitet. -Marias Kleid ist dunkel grünblau, mit goldfarbigen Unterärmeln, in -denen, wie auch in allen Schmucksachen, wirkliches Gold beim Malen -angewendet ist; die große dunkle Masse des Gewandes, dessen Schatten -mit der unbeleuchteten Innenseite des grünlichgrauen Mantels ganz -zusammengehen, wird durch einen hochroten Gürtel unterbrochen; an den -Handgelenken kommt ein schmaler Weißzeugstreifen zum Vorschein, und am -Brustsaum liegt ein dünner, schleierartiger Stoff zwischen Kleid und -Hals. Die Gruppe zur Rechten Marias geht aus tiefem Schwarz, das in -Meyers Haar und seinem aus Moireestoff gefertigten, mit hellbraunem -Pelz gefütterten Überrock steht, in das Licht des dem Christuskörper -an Helligkeit gleichkommenden Fleisches des Kleinen über durch farbige -Mitteltöne hindurch, die die Kleidung des größeren Knaben gibt; -dieser braunlockige Knabe hat einen hellbraunen Rock mit braunrotem -Sammetbesatz, mit goldenen Hafteln und Nesteln, an dünnen blauen -Schnürchen und zinnoberrote Beinkleider an; an seinem Gürtel hängt eine -gelblichgrüne Börse mit mattblauen Seidenquästchen. Eine entsprechende -Abstufung geht durch die drei Gesichter: die kräftige Gesichtsfarbe -Meyers, mit blauen Spuren des rasierten Bartes, die frische Farbe -des Knaben und das zarte Kindergesicht. In der Gruppe der Frauen -stehen zwischen Schwarz und Weiß außer dem Gesicht der lebenden Frau, -das, ganz von Weiß umgeben, doppelt farbig wirkt, nur wenige kleine -Farbenflecken; das Kopfband von Anna Meyer besteht aus Goldstoff mit -reicher Perlenstickerei, karminrote Seidenquästchen hängen über dem -braunen Zopf, oben auf dem Band liegt ein Kränzchen von weißen und -roten Blumen mit wenigen grünen Blättchen; der Rosenkranz in Annas -Händen ist rot. Der Fußteppich, der nach vorn über eine niedrige Stufe -fällt, hat auf dunkelgelbem Grund rot und grüne Musterungen mit etwas -Weiß und Schwarz; sein Gesamtton ist sehr warm. -- Die Beschreibung der -Farben eines Bildes kann freilich von ihrer Stimmung keine Vorstellung -geben. Die Farbenstimmung des Darmstädter Gemäldes ist so, als ob man -Kirchenglocken läuten hörte. - -[Illustration: Abb. 96. +Wilhelm Warham, Erzbischof von Canterbury.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide, in der Bibliothek der -Königin von England im Schlosse zu Windsor. (Nach einer Photographie -von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 97. +Wilhelm Warham, Erzbischof von Canterbury.+ -Ölgemälde im Louvremuseum zu Paris.] - -[Illustration: Abb. 98. +Johannes Fischer, Bischof von Rochester.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide, in der Bibliothek der -Königin von England im Schlosse zu Windsor. (Nach einer Photographie -von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 99. +~D.~ Stockesley, Bischof von London.+ In -der königl. Gemäldegalerie des Schlosses zu Windsor. (Nach einer -Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und -Paris.)] - -In der Farbe und ihrem Eindruck auf das Gemüt des Beschauers liegt -der größte Unterschied zwischen dem Originalgemälde der „Madonna -des Bürgermeisters Meyer“ und der in der Dresdener Gemäldegalerie -befindlichen Kopie desselben, die, in unbekannter Zeit entstanden, -so geschickt gemalt ist, daß sie mehr als ein Jahrhundert lang für -das Original gelten konnte. Aber nicht in der Farbe allein. Auch die -photographische Abbildung zeigt, wieviel die Komposition an Innigkeit -verloren hat dadurch, daß der Kopist die Holbeinsche Gedrungenheit in -der Figur Marias durch schlankere Verhältnisse verbessern zu müssen -glaubte, und daß er, ebenfalls aus einem falschen Schönheitsgefühl, die -Nische höher gemacht hat; und auch, wie in den Köpfen die Charaktere -unter der Hand des Kopisten abgeschwächt worden sind (Abb. 90). - -Wohl nicht auf Bestellung, sondern aus eigener Lust gemalt in -freier Zeit, die die bilderfeindlichen Verhältnisse des Jahres 1526 -dem Künstler ließen, sind zwei idealisierende Bilder einer jungen -Dame, die sich im Museum zu Basel befinden, und von denen eines -diese Jahreszahl trägt. Die in kleinem Maßstabe -- etwa ein Drittel -Lebensgröße -- mit köstlicher Feinheit ausgeführten Gemälde zeigen -in fast übereinstimmender Farbenwirkung die blonde junge Frau, -deren helle Haut einen etwas matten Ton hat, in halber Figur, in -einem Kleide von dunkelrotem Sammet mit weiß ausgepufften und mit -goldenen Nestelschnürchen besetzten Schlitzen, mit weiten Überärmeln -von dunkelgoldfarbiger Seide; sie sitzt hinter einer Brüstung von -grauem Stein, in ihrem Rücken hängt ein dunkelgrüner Vorhang in -breiten Falten herab. In dem einen Bilde sieht man auf der Platte -der Steinbrüstung ein Häuflein Goldstücke liegen; die Dame streckt -ihre Rechte dem Beschauer geöffnet entgegen, wie um mehr einzunehmen, -während ihre Linke in den Falten eines über dem Schoß liegenden -blauen Mantels ruht; sie blickt mit gesenkten Augen vor sich hin, -und in dem Ausdruck des feinen Gesichts liegt eine stille, tiefe -Traurigkeit. Auf der Kante der Steinplatte stehen wie eingemeißelt die -Worte: „~Lais Corinthiaca.~ 1526“ (Abb. 91). In dem anderen Bilde, -das sich hinsichtlich der Kleidung dadurch von jenem unterscheidet, -daß auf dem Haar statt des Goldhäubchens, das man dort sieht, ein -schwarzes, mit etwas Gold verziertes Häubchen sitzt, und daß die -Unterarme unverhüllt aus den gelbseidenen Überärmeln hervorkommen, -blickt die Schöne den Beschauer lächelnd an, ihre Hand bewegt sich -zu einladendem Gruß; von ihren Knieen aus lehnt sich ein Amor über -die Steinbrüstung, ein allerliebster rothaariger kleiner Schelm, der -einen Pfeil im Händchen hält (Abb. 92). Der Sinn der beiden Gemälde -wird durch ihre Nebeneinanderstellung klar: das begehrte Gold vermag -das junge Weib nicht glücklich zu machen, aber die Liebe. Über die -Beziehungen Holbeins zu der so von ihm abgemalten Persönlichkeit läßt -die Unterschrift „~Lais Corinthiaca~“ kaum einen Zweifel. Die wegen -ihrer verführerischen Schönheit berühmte Hetäre Lais von Korinth war -eine Geliebte des Apelles; und Apelles genannt zu werden, daran war -Holbein ebenso wie andere von gelehrten Bewunderern umgebene Maler -jener Zeit gewöhnt. Den Namen der Dame verrät das alte Verzeichnis der -Amerbachschen Sammlung: sie war eine Tochter des Adelsgeschlechts von -Offenburg. - -Schon im Jahre 1524 hatte Erasmus von Rotterdam daran gedacht, -seinem jungen Freund, dessen Einnahmen in Basel in keinem Verhältnis -standen zu seiner hohen Begabung, ein fruchtbareres Erwerbsgebiet -zu verschaffen, indem er ihn seinen Freunden in England empfahl. -Und Thomas Morus, der große Staatsmann und Gelehrte, der wenige -Jahre später Lordkanzler von England wurde, versprach in seinem -Antwortschreiben an Erasmus, er wolle sein möglichstes für dessen -Maler thun, den er aus den übersandten Werken als „einen wunderbaren -Künstler“ erkannt hatte. Unter den für die Kunst sich immer trüber -gestaltenden Verhältnissen Basels entschloß sich Holbein, dem Rate -seines Gönners zu folgen, und verließ Basel gegen den Herbst 1526, um -über Antwerpen nach England zu reisen. - -Als Freund des Erasmus wurde Holbein im Hause des Thomas Morus in -Chelsea als ein lieber Gast aufgenommen. Als Künstler war er hier, -auch ehe Erasmus sein von ihm gemaltes Bildnis an Morus sandte, kein -ganz Unbekannter; denn in der Ausgabe von Morus’ in der ganzen Welt -gelesenem Buche „Utopia“, die Froben im Jahre 1518 veranstaltete, war -der Widmungstitel mit der von Holbein im Jahre 1515 entworfenen und mit -seinem Namen bezeichneten Einfassung geschmückt. - -[Illustration: Abb. 100. +Sir Henry Guildford, Stallmeister König -Heinrichs VIII.+ Gemälde von 1527 in der königl. Gemäldegalerie des -Schlosses zu Windsor. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 101. +Bildnis eines Unbekannten.+ Im Pradomuseum zu -Madrid. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 102. +Nikolaus Kratzer, Hofastronom König Heinrichs -VIII. von England.+ Ölgemälde von 1528. - -Im Louvremuseum zu Paris.] - -[Illustration: Abb. 103. +Sir Thomas Goldsalve mit seinem Sohne John.+ -Ölgemälde von 1528. In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach -einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Durch die Empfehlung seines hochstehenden Gastfreundes fand Holbein -reichliche Beschäftigung als Porträtmaler. Zunächst malte er natürlich -den Thomas Morus selbst. Von vielen auf diesen Namen getauften und -Holbein zugeschriebenen Bildnissen gilt ein in London in Privatbesitz -befindliches Bild in halber Figur, mit der Jahreszahl 1527 bezeichnet, -als das einzige echte. Die ganze Familie des Morus malte er in einem -umfangreichen Bilde lebensgroß mit Wasserfarben auf Leinwand. Dieses -bewunderte Gemälde ist spurlos verschwunden. Aber das Baseler Museum -bewahrt einen Entwurf zu demselben, eine geistreiche Federzeichnung -in Umrissen (Abb. 93). Thomas Morus schickte dieses Blatt, auf dem -er zu jeder der in den wenigen Strichen schon ganz porträtähnlich -angegebenen Personen den Namen beischrieb, durch den Künstler selbst, -als dieser heimkehrte, als Geschenk an Erasmus. Von den Zeichnungen -in Ausführungsgröße, in denen Holbein die einzelnen Köpfe des -Familienbildes aufnahm, sind glücklicherweise die meisten erhalten; sie -befinden sich in der Bibliothek des königlichen Schlosses zu Windsor -(Abb. 94 der Kopf des Thomas Morus und Abb. 95 derjenige von dessen -Vater). -- Wohl auch zu den ersten Personen, die Holbein in England -porträtierte, gehörten die hohen geistlichen Freunde und Gönner des -Erasmus: der Erzbischof Warham von Canterbury und der Bischof Fisher -von Rochester. Auch von diesen Bildnissen werden die Zeichnungen im -Windsorschlosse bewahrt (Abb. 96 und 98). Das Bild Warhams ist in zwei -eigenhändigen Ausführungen vorhanden, von denen sich die eine noch im -erzbischöflichen Palast in Southwark, die andere im Louvre befindet -(Abb. 97). Den Porträts der beiden greisen Kirchenfürsten reiht sich -dasjenige eines jüngeren Herrn, des Bischofs Stokesley von London an, -das sich in der Gemäldegalerie des Windsorschlosses befindet (Abb. 99). -In der nämlichen Sammlung prangt ein Hauptwerk des Jahres 1527, das -Porträt des Sir Henry Guildford, Stallmeisters König Heinrichs VIII. -Der mit Morus befreundete und auch mit Erasmus bekannte ritterliche -Herr, der in dem Feldzug gegen Frankreich das Banner seines Königs -in der Schlacht getragen hatte, steht in reicher Staatskleidung da, -mit Unterkleidern von Goldbrokat unter dem pelzbesetzten schwarzen -Überrock, mit der Kette des Hosenbandordens geschmückt und mit dem -Kammerherrenstab in der Hand (Abb. 100). Ein Prachtstück der Malerei, -das, wie man aus der Tracht schließen kann, während des ersten -Aufenthalts Holbeins in England entstand, ist das im Pradomuseum zu -Madrid befindliche Bildnis eines in Schwarz gekleideten alten Herren -mit sehr roter Gesichtsfarbe und ungewöhnlich großer Nase (Abb. 101). -Mit der Jahreszahl 1528 ist das treffliche Bildnis des königlichen -Hofastronomen Nikolaus Kratzer aus München, im Louvre, bezeichnet, -eine lebensgroße Halbfigur, von wissenschaftlichen Geräten, die mit -der äußersten Genauigkeit gemalt sind, umgeben (Abb. 102). Deutschland -besitzt ein Werk von 1528 in dem kleinen Doppelbildnis des Thomas -Goldsalve und seines Sohnes John in der Dresdener Galerie (Abb. 103). -Wahrscheinlich gehört auch das in der Münchener Pinakothek befindliche, -leider schlecht erhaltene Bildnis des Sir Bryan Tuke in diese Zeit, auf -dem der Abgebildete, wohl durch Holbeins Totentanzzeichnungen angeregt, -neben sich den Tod darstellen ließ, der als Gerippe mit der Sense in -der Hand von hinten herantritt und auf die ablaufende Sanduhr auf dem -Tische hinweist (Abb. 104). - -[Illustration: Abb. 104. +Sir Bryan Tuke.+ Ölgemälde in der königl. -Pinakothek zu München. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in -München.)] - -[Illustration: Abb. 105. +Bildnis einer englischen Dame.+ Zeichnung -in schwarzer und farbiger Kreide. Im Museum zu Basel. (Nach einer -Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und -Paris.)] - -Holbein behielt in seiner Bildnismalerei jetzt und auch später das -Verfahren bei, das er von frühester Zeit her angewendet hatte. Er legte -den Grund zu dem Gemälde in einer auf Papier ausgeführten Zeichnung, -in der er mit Buntstiften einige Farbenangaben machte, für ihn -ausreichend, um danach das Bild so weit zu bringen, daß das Modell nur -zur letzten Vollendung zu sitzen brauchte. Unter den aus der Sammlung -Amerbachs herrührenden Blättern im Baseler Museum befinden sich auch -einige Bildniszeichnungen aus England, die der Maler mit nach Hause -gebracht hat, nach seinem ersten Aufenthalt in England oder bei seiner -zweiten Heimkehr. Da sind die in schneller Umrißzeichnung und leichter -Tönung des Fleisches angegebenen Porträts eines vornehmen Ehepaares, -das in etwas weitergehender Wirkung ausgeführte Porträt des königlichen -Stallmeisters Sir Nicolas Carew, und das vorzüglich schöne Bild einer -unbekannten Dame in der eigentümlichen Haube der damaligen englischen -Mode (Abb. 105). Neben diesen Bildniszeichnungen sei diejenige eines -unbekannten jungen Mannes erwähnt, der dem Schnitt seines Gesichtes -nach kein Engländer, sondern ein Deutscher ist, die schönste von -allen in Basel befindlichen Bildniszeichnungen Holbeins. In diesem -Prachtstück meisterhafter Zeichnung ist unter dem schwarz schraffierten -und gewischten breitrandigen Barett das Gesicht mit Schwarz und Rot, -auf die denkbar einfachste Weise, zu völlig malerischer, fleischiger -Wirkung durchgebildet; auf das Haar ist ein kräftiger brauner Ton -gezeichnet, der auch die Modellierung der Haarwellen angibt, und mit -demselben braunen Stift ist der Pelzbesatz des Rockkragens flüchtig, -aber treffend angedeutet (Abb. 106). Eine in andersartigem Verfahren, -in Deckfarbenmalerei, ausgeführte Bildnisaufnahme, die ebenfalls -ein Meisterwerk allerersten Ranges ist, besitzt Deutschland in dem -im Berliner Kupferstichkabinett befindlichen Kopf eines unbekannten -bärtigen Mannes (Titelbild). - -Im Sommer 1528 war Holbein wieder in Basel. Von wie günstigen Erfolgen -die englische Reise begleitet war, geht daraus hervor, daß er -gleich nach der Heimkehr ein Haus kaufte; später kaufte er noch ein -anstoßendes kleineres Haus dazu. - -[Illustration: Abb. 106. +Bildnis eines Unbekannten.+ Zeichnung in -schwarzer, roter und brauner Kreide. Im Museum zu Basel. (Nach einer -Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und -Paris.)] - -Eine seiner ersten Arbeiten nach der Rückkehr in die Heimat mag das -Bildnis der Seinigen gewesen sein, das im Baseler Museum eines der -fesselndsten Stücke für den heutigen Beschauer ist. Darauf sehen -wir Frau Elsbeth mit zwei Kindern, einem blonden Jungen und einem -rothaarigen kleinen Mädchen (Abb. 107). Die Kinder sind jedenfalls die -beiden ältesten, Philipp und Katharina. Von Philipp erfährt man, daß er -ein „guter, frommer Junge“ war; er wurde Goldschmied, kam nach seiner -Lehrzeit in Paris weit in der Welt herum und ließ sich schließlich -in Augsburg nieder; von ihm stammt das durch Kaiser Matthias in den -Adelstand erhobene Geschlecht der Holbein von Holbeinsberg. Auf Philipp -und Katharina folgten noch zwei Kinder: Jakob, der als Goldschmied in -London starb, und Küngolt, die sich, ebenso wie ihre ältere Schwester, -in Basel verheiratete. -- Das Gemälde, in Lebensgröße mit Ölfarben -auf Papier gemalt, das dann an den Umrissen ausgeschnitten und auf -eine Holztafel geklebt worden ist, ist ein Meisterstück kostbarer -Malerei und ein Wunderwerk künstlerischer Naturnachbildung. In diesem -„Realismus“ ist die Einfachheit der Natur selbst erreicht. Es sieht -aus, als ob der Maler die drei Figuren so aufgefaßt hätte, wie der -Zufall sie ihm hinsetzte; und doch, wie wohl erwogen und abgemessen -ist das Kunstwerk! Eine verblühende Frau mit trübem Ausdruck, zwei -ganz hübsche und gesunde, aber keineswegs ungewöhnlich reizvolle -Kinder, alle drei in äußerst anspruchslosem Anzug -- das nach der -damaligen Baseler Mode tief ausgeschnittene, schmucklose Kleid der -Frau ist schwarzgrün, ein Streifen dünnen braunen Pelzes an einem -dem Kleid gleichfarbigen Obergewand und ein sehr feiner Schleier -über dem dunkelblonden, am Hinterkopf in einem rötlichbraunen -Mützchen versteckten Haar sind die einzigen Putzstücke, der Knabe hat -einen schwärzlich grünblauen Kittel und das Mädchen ein farbloses -hellwollenes Röckchen an --: daraus hat Holbein ein in den Helligkeits- -und Dunkelheitsverhältnissen, im Fluß der Linien und im Zusammenklang -der Farben vollendet schönes Bild geschaffen. - -Man sollte denken, der Maler, der seinen Mitbürgern ein solches Bildnis -zeigen konnte, hätte mit Porträtbestellungen überhäuft werden müssen. -Aber die Baseler waren ganz und gar durch den Glaubensstreit in -Anspruch genommen, und in dem blinden Eifern der Parteien verhallte die -Mahnung des Rates, man solle „einander nicht papistisch, lutherisch, -ketzerisch, neu- oder altgläubig nennen, sondern einen jeden ungetrotzt -und ungeschmäht bei seinem Glauben lassen.“ Welcher Bürger hätte da der -schönen, friedlichen Kunst noch seine Aufmerksamkeit zuwenden können? - -Die Jahreszahl 1529 auf einer Zeichnung des Baseler Museums weist uns -auf ein untergeordnetes, aber äußerst verdienstvolles Arbeitsfeld -Holbeins hin: seine Thätigkeit als Erfinder mustergültiger Vorbilder -für das Kunsthandwerk. Hatte er in seiner frühen Jugend vorzugsweise -das Glasergewerbe mit Mustern bedacht, so schuf er später mit Vorliebe -Entwürfe für Goldschmiedearbeiten. Jene Jahreszahl steht auf einem in -getuschter Federzeichnung ausgeführten Entwurf einer mit prachtvollen -Renaissanceornamenten bedeckten Dolchscheide (Abb. 108). Das Baseler -Museum besitzt außer dieser noch vier Vorzeichnungen Holbeins zu -schmuckreichen Dolchscheiden, wie Stutzer und vornehme Herren sie gern -trugen, eine schöner als die andere. Die eine, sehr reich und fein, -zeigt, nur in Umrißlinien mit der Feder skizziert, drei mythologische -Darstellungen in Gehäusen übereinander, das Parisurteil, Pyramus und -Thisbe und Venus und Amor, darunter einen Kopf zwischen Ornamenten -(Abb. 108). Auch die drei anderen sind mit Figurendarstellungen -geschmückt, und zwar, entsprechend der vielfach beliebten Sitte, -den Dolch in wagerechtem Hang am Gürtel zu tragen, in der Weise, -daß die Kompositionen sich in der Längsrichtung der Fläche, von der -Zwinge der Scheide nach dem Griff des Dolches hin bewegen. Da ist in -einer ebenfalls nur in Umrissen skizzierten Zeichnung ein römischer -Triumphzug dargestellt; in der anderen, die in zartester, unglaublich -feiner Durchmodellierung ausgetuscht ist, der Durchgang der Israeliten -durch den Jordan; die dritte zeigt einen Totentanz: König und Königin, -Kriegsmann und Mönch, Frau und Kind müssen den in höhnischer Lustigkeit -springenden Gerippen folgen (Abb. 109). -- Neben den Dolchscheiden -seien die Zierstreifen erwähnt, die, bald aufrecht stehend, bald -wagerecht liegend gedacht, auch für mancherlei andere Zweige des -Kunsthandwerks verwendbar, doch vorzugsweise auf Ausführung in -Goldschmiedearbeit berechnet sind. Davon finden sich im Baseler Museum -ein lustiger Fries mit nackten Kindern, ein anderer, mehr ausgeführter -mit jagenden und spielenden Kindern zwischen prächtig geschwungenen -Ornamenten (Abb. 110) und eine aufrechte Leiste, in der Bären gar -possierlich im Gerank einer Rebe emporklettern, von einem Spielmann mit -Trommel und Pfeife begleitet (Abb. 111). - -[Illustration: Abb. 107. +Holbeins Frau und Kinder.+ Ölgemälde auf -Papier. Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Holbeins Geschmack im Entwerfen von Ziergebilden, der sich schon früh -so reich und fruchtbar gezeigt hatte, war nicht stehen geblieben in der -Entwickelung. Das schönste Beispiel von seiner Geschmacksverfeinerung -und zugleich einen Beweis von seinem Mitgehen mit der vorschreitenden -Umwandlung des Renaissancestils gibt ein prächtiger Holzschnitt, der -in dieser Zeit entstanden sein muß (Abb. 112); „Erasmus Rotterdamus -in einem Gehäuse“ wird das Blatt in dem Amerbachschen Verzeichnis, -das sich auch auf Holzschnitte erstreckt, genannt. Dieses Gehäuse, -schmuckvoll und reich und zugleich rein und vornehm in den Formen, -ist vielleicht das Schönste, was die Zeit auf dem Gebiete der -Buchverzierungen überhaupt geschaffen hat. Aber ein ebenso großes -Meisterwerk wie die Umrahmung ist das von ihr eingeschlossene Bildnis -des Erasmus. Wir sehen den feingeistigen und gelehrten Mann hier in -ganzer Figur: eine schwächliche Gestalt, eingehüllt in talarartig -lange, pelzgefütterte Röcke, und dabei groß und bedeutend nicht -nur im Kopf, der den Blick dem Beschauer zuwendet, sondern auch in -der ganzen Haltung. Er lehnt die Rechte auf den Kopf einer beseelt -gedachten Herme, des „Terminus,“ und macht mit der Linken eine auf -diese Gestalt hinweisende Bewegung. Den Terminus, den Schutzgeist -der festgelegten Wege und Grenzen, hatte Erasmus zum Sinnbild -seiner schriftstellerischen Thätigkeit gewählt. Die volle Bedeutung -dieses Sinnbilds wird uns durch eine im Baseler Museum befindliche -Tuschzeichnung mitgeteilt, die Holbein einmal für Erasmus angefertigt -hatte, anscheinend zum Zwecke der Ausführung in Glasmalerei. Da steht, -von einem säulengetragenen Bogen eingerahmt, der Terminus in einer -weiten Landschaft, der ein paar grüne Farbenflecken ein wirkungsvoll -lebhaftes Aussehen geben; der von einem Strahlenkranz umgebene Kopf der -Bildsäule macht eine leichte Wendung und spricht scheinbar leichthin -und doch mit unantastbarer Bestimmtheit die Worte, die dabeigeschrieben -sind: „~Concedo nulli~“ (Ich mache niemandem Zugeständnisse). Holbein -verstand seinen gelehrten Freund. Das ganze Blatt wirkt eigentümlich -groß, und der sprechende Gesichtsausdruck des Terminus ist ein -Meisterwerk allerersten Rangs. -- Die Holzzeichnung „Erasmus im -Gehäuse“ war als Titelblatt zu den Werken des Erasmus bestimmt. Die -seltenen ersten Abdrücke sind unten mit einer zweizeiligen lateinischen -Inschrift versehen, die die Ähnlichkeit des Bildnisses preist. In -der späteren Ausgabe, die als Titel zu der von Johannes Frobens Sohn -Hieronymus Froben veranstalteten Gesamtausgabe von Erasmus’ Schriften -im Jahre 1540 erschien, sind an die Stelle des einen Distichons deren -zwei getreten, in denen des Zeichners mit ebenso rühmenden Worten -gedacht wird wie des Schriftstellers, der vier Jahre vor dieser -Veröffentlichung seiner gesamten Werke gestorben war. - -[Illustration: Abb. 108. +Entwürfe zu metallenen Dolchscheiden.+ - -Federzeichnungen im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 109. +Dolchscheide mit Totentanz, Entwurf für -Silberarbeit.+ - -Tuschzeichnung im Museum zu Basel.] - -Dieses Blatt war eines der letzten, die Holbein für den Baseler -Buchdruck zeichnete. In den seiner Abreise nach England vorausgehenden -Jahren hatte er noch einige sinnvolle Titel zu theologischen Schriften -gezeichnet. Jetzt ging, wie es scheint, die Bilderfeindlichkeit so -weit, daß auch eine solche Schmückung geistlicher Bücher Bedenken -erregte. Nur ein Blatt gehört noch dieser späteren Zeit an, eine -Darstellung des heiligen Paulus in einem Gehäuse von ähnlichem Stil wie -jenes des Erasmustitels. - -[Illustration: Abb. 110. +Zierleiste.+ Tuschzeichnung, im Museum zu -Basel.] - -Zum Malen kirchlicher Bilder gab es in Basel jetzt selbstredend gar -keine Gelegenheit mehr. Schon zu Ostern 1528 waren aus mehreren Kirchen -alle Bilder entfernt worden; im folgenden Jahre brach der wüsteste -Bildersturm los. Der Rat war nicht imstande, den Eiferern Widerstand -zu leisten. Das Aufstellen religiöser Gemälde in den Kirchen wurde -untersagt. - -Dem feinen Empfinden des Erasmus, der von den damaligen Vorgängen -lebhafte Schilderungen hinterlassen hat, waren solche Roheiten ein -Greuel. Er entschloß sich mit schwerem Herzen, die Stadt, die ihm -als „der behaglichste Musensitz“ lieb geworden war und wo er seit -1521 sich dauernd angesiedelt hatte, zu verlassen. Er begab sich, von -Bonifacius Amerbach begleitet, nach Freiburg im Breisgau. Dort muß ihn -auch der befreundete Künstler aufgesucht haben. Denn ein von Holbein -gemaltes kleines Bildnis des Erasmus -- Kopf in Dreiviertelansicht, -die Hände auf einem geöffnet auf dem Tische liegenden Buche ruhend -- -trägt die Jahreszahl 1530. Das Original dieses Bildes befindet sich -in der Gemäldegalerie zu Parma, Kopien davon gibt es in verschiedenen -Sammlungen. -- Die nämliche Ansicht des Kopfes zeigt ein kostbares -Rundbildchen von nur zehn Centimeter Durchmesser im Baseler Museum, -Brustbild in schwarzer Kleidung mit braunem Pelz auf grünlichblauem -Hintergrund (Abb. 114). - -Wie ein Gegenstück zu dem Miniaturporträt des Erasmus erscheint ein -ebenso fein ausgeführtes Bildnis des Melanchthon (Abb. 113), das die -königliche Gemäldegalerie zu Hannover besitzt, und das sich noch in -der ursprünglichen, mit grau in grau gemalten Ornamenten verzierten -Schutzkapsel befindet. - -Im Sommer 1530 besann sich der Rat von Basel endlich darauf, daß er -noch über eine Gelegenheit verfügte, einem Maler von der Bedeutung und -dem schon weit verbreiteten Ruhm Holbeins Thätigkeit zu verschaffen. -Er beauftragte ihn mit der Ausmalung der vor acht Jahren unbemalt -stehen gelassenen Wand im Rathaussaale. Die Gegenstände wurden -diesmal, der veränderten Geistesrichtung entsprechend, nicht aus -der klassischen, sondern aus der biblischen Geschichte gewählt. Das -eine der beiden großen Gemälde, mit denen Holbein die betreffende -Wand bedeckte, zeigte den König Rehabeam, wie er die Abgesandten des -Volkes, die um Erleichterung des Joches bitten, mit harter Antwort -zurückweist. Das andere zeigt den König Saul, wie er aus dem Feldzuge -gegen die Amalekiter heimkehrt und von Samuel hören muß, daß er wegen -seines Ungehorsams gegen Gottes Gebot verworfen sei. -- Wenn auch -die Wandgemälde selbst schon vor Ablauf des XVI. Jahrhunderts durch -die Feuchtigkeit zerstört wurden, so lassen uns doch die erhaltenen -Entwürfe zu beiden Bildern (im Baseler Museum) erkennen, in wie -großartiger Weise Holbein diese Aufgabe gelöst hat; sie zeigen, daß er -auch als Monumentalmaler den größten Meistern beizuzählen ist. - -Rehabeam ist in einer reichen Halle thronend dargestellt; hinter -ihm sitzen zu beiden Seiten seine Räte, die alten, deren Mahnung er -unbeachtet gelassen hat, und die jungen, denen er zum Schaden des -Reiches folgt. Vor ihm stehen die würdevollen, bejahrten Abgesandten, -bestürzt über des Königs Worte und teilweise schon zum Gehen gewendet; -denn im höchsten Zorn hat er ihnen eben zugerufen: „Mein kleiner Finger -soll dicker sein als meines Vaters Lenden; mein Vater hat euch mit -Peitschen gezüchtigt, ich will euch mit Skorpionen züchtigen.“ Durch -ein mit der größten Unbefangenheit ersonnenes, höchst ausdrucksvoll -sprechendes Gebärdenspiel hat der Künstler diese Worte des Königs -verbildlicht: Rehabeam streckt an der den Abgesandten drohend -entgegengeworfenen Faust den kleinen Finger aus, und mit der anderen -weist er geringschätzig, ohne den Arm von der Thronlehne zu erheben, -auf die Geißel in der Hand eines an den Thronstufen stehenden -Pagen. Außerhalb der Halle sieht man im Hintergrunde die Folgen der -eigenwilligen Härte des Herrschers: den Abfall eines Teiles des Volkes, -verbildlicht durch die Krönung des Gegenkönigs Jerobeam (Abb. 115). -Von diesem Entwurf, der als Tuschzeichnung mit einigen Farbenangaben --- in der Ferne und den Fensterdurchblicken in die Luft, im Fleisch -und an wenigen anderen Stellen -- ausgeführt ist, ist der Meister -bei der Übertragung ins Große wesentlich abgewichen. Das sieht man -an den spärlichen Resten des Wandgemäldes, die in einigermaßen -erhaltenem Zustand aufgefunden und in das Museum gebracht worden -sind. Unter diesen Resten befindet sich der Kopf und die erhobene -Hand Rehabeams mit dem ausgestreckten kleinen Finger; der Kopf, ein -Meisterwerk mächtigen Ausdrucks, ist nicht, wie in der Skizze, von -vorn, sondern scharf von der Seite zu sehen. Dieser Stellung des Königs -entspricht eine gleichfalls erhaltene, sehr schöne Gruppe von Köpfen -bedenklicher Zuhörer. Es ist keine Frage, daß der Künstler durch die -Gegenüberstellung des Sprechenden und der Angeredeten im Profil ein -Mittel zu lebhafter Steigerung des Eindrucks gewann; schon deswegen, -weil es ihm auf diese Weise möglich wurde, auch von denjenigen -Abgesandten, die sich noch nicht von dem König abwenden, die Gesichter -zu zeigen. -- Bemerkenswert ist, daß die kleinen Reste erkennen lassen, -daß Holbein auch bei der Wandmalerei die Anwendung von Vergoldung nicht -verschmähte. - -[Illustration: Abb. 111. +Zierleiste.+ Tuschzeichnung im Museum zu -Basel.] - -Die vorhandene Skizze zu dem anderen Wandgemälde ist etwas weiter -durchgebildet als jene, nicht maßgebend gebliebene des Rehabeambildes. -Die vollendete Abgewogenheit der Komposition, die sich durch keine -Änderung hätte besser machen lassen, berechtigt uns zu der Annahme, -daß sie im wesentlichen unverändert beibehalten worden sei. Es ist -ein wuchtiges Bild (Abb. 116). Wir sehen das siegreiche Heer, Reiter -und Fußvolk in antiker Rüstung, mit dem gefangenen Amalekiterkönig -heimkehren. Noch brennen die Burgen und Städte, die der Krieg verheert -hat. Aus der Ferne werden die Herden herbeigetrieben, um derentwillen -der Sieger den göttlichen Befehl übertreten hat. König Saul schreitet -an der Spitze seiner Streiter; er ist vom Roß gestiegen, um den -Propheten Samuel ehrerbietig zu begrüßen. Der aber tritt ihm mit -drohend ausgestrecktem Arm entgegen; man glaubt die gewaltige Stimme -vernehmen zu müssen, mit der er den Sieger niederschmettert: „Will -etwa der Herr Brandopfer und Schlachtopfer und nicht vielmehr, daß -man gehorche der Stimme des Herren? Weil du des Herren Wort verworfen -hast, hat dich der Herr verworfen, daß du nicht König seiest.“ Die -Gestalt des einen Mannes ist so mächtig aufgefaßt, daß sie dem ganzen -ihr entgegenmarschierenden Zuge das Gegengewicht bietet. Eine Tafel -zur Aufnahme der Worte Samuels, in denen der Inhalt und die mahnende -Bedeutung des Bildes ausgesprochen waren, ist in der Skizze angegeben. -Man hat sich die Inschrifttafel von dem Gebälk der umrahmenden -Architektur, von der eine Säule mit auf das Blatt gezeichnet ist, -herabhängend zu denken. Das Vorhandensein dieser Beiwerksangaben -spricht gleichfalls dafür, daß Holbein diesen Entwurf dem Gemälde -als maßgebend zu Grunde legte. Von der Farbe des Gemäldes bekommen -wir freilich auch hier keine Vorstellung. Denn die Farbenangaben des -Entwurfs beschränken sich auf Blau in der Luft, in den fernen Bergen -und in einem die Ebene durchziehenden Wasserlauf, auf Rot in den -Bränden und auf eine bräunliche Antuschung des Geländes, die sich an -gegebenen Stellen, wie in dem Bäumchen des Mittelgrundes, mit einem -blauen Ton zu Grün verbindet: Angaben, die kaum einen anderen Zweck -haben, als den, den Hintergrund zu lockern und die Figuren als etwas -Gesondertes hervortreten zu lassen. Die Figuren sind braun gezeichnet -und mit kaltgrauen Schattentönen ausgetuscht. - -[Illustration: Abb. 112. +Erasmus von Rotterdam („im Gehäuse“).+ - -Titelholzschnitt zu den Werken des Erasmus. - - Nach dem seltenen ersten Druck mit der Unterschrift: - - Wenn einer von des Erasmus Gestalt noch kein Bild hat gesehen, - Zeigt ihm ein solches dies Blatt, das nach dem Leben gemalt. - -Für den Mangel an sonstigen Aufträgen konnte die eine große Arbeit den -Meister freilich nicht entschädigen. - -Mit wie geringfügigen Arbeiten der große Künstler wieder vorlieb nehmen -mußte, beweist die Aufzeichnung in den Ratsrechnungen, daß ihm im -Herbst 1531 für „beide Uhren am Rheinthor zu malen“ vierzehn Gulden -ausbezahlt wurden. Der Betrag von vierzehn Gulden für eine solche -kleine Straßenmalerei erscheint allerdings verhältnismäßig hoch, wenn -man erfährt, daß für die beiden großen Rathausgemälde nur 72 Gulden -gezahlt worden waren. - -Der Gedanke, sein Glück von neuem in England zu versuchen, mußte -Holbein um so verlockender nahe treten, als sein Gönner Thomas Morus -inzwischen das höchste Amt im Königreich erhalten hatte und als -Lordkanzler die Staatsgeschäfte leitete. So wandte er Basel abermals -den Rücken und reiste nach London. Als er fort war, schickte der Rat -von Basel ihm ein schmeichelhaftes Schreiben nach und bot ihm ein -festes Jahresgehalt an, wenn er zurückkehren wollte. Aber dieses -Anerbieten kam zu spät. Denn Holbein fand in London alsbald reichliche -und lohnende Thätigkeit. - -Thomas Morus hatte im Mai 1532 -- das war wohl vor Holbeins Ankunft -- -die Bürde seines hohen Amtes wieder niedergelegt. Der glänzende Kreis, -in den der Lordkanzler ihn würde eingeführt haben, öffnete sich dem -Künstler nicht gleich. Aber ein anderer Kreis nahm ihn auf, der ihm -Verkehr in Sprache und Sitten der Heimat und reichliche Verwertung -seines Könnens bot. Das waren die deutschen Kaufleute, deren sehr -viele in London ansässig waren und die miteinander eine geschlossene -Gemeinschaft bildeten. Ihr Vereinigungspunkt war der sogenannte -Stahlhof, ein Besitztum der Hansa, in dem sich um das alte Gildehaus -Warenlager und Wohnhäuser reihten, dem auch ein eigenes Weinhaus und -ein wohlgepflegter Garten nicht fehlten. - -[Illustration: Abb. 113. +Philipp Melanchthon.+ Miniaturölgemälde. - -In der königl. Gemäldegalerie zu Hannover.] - -[Illustration: Abb. 114. +Erasmus von Rotterdam.+ Miniaturölgemälde. Im -Museum zu Basel. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & -Cie. in Dornach i. E. und Paris.)] - -In den Jahren 1532 und 1533 malte Holbein eine ganze Anzahl von -Bildnissen deutscher Kaufleute vom Stahlhof. Das schönste von diesen, -ein Juwel der Malerei, befindet sich im Berliner Museum. Der darin -abgebildete jugendliche, blondhaarige Mann heißt Georg Giße oder -Gyze, wie das Gemälde selbst uns mitteilt (Abb. 117). Wir sehen ihn, -bekleidet mit einem seidenen Wams von kalter roter Farbe und einem -Überrock von schwarzem Tuch, der vorn am Halse über dem Ausschnitt -der Unterkleidung das feingefältelte Hemd frei läßt, mit einer -schwarzen Tuchmütze auf dem Kopf, in seiner Arbeitsstube. Es umgeben -ihn all die kleinen Dinge des täglichen Gebrauchs, auf dem mit einem -prächtigen Teppich bedeckten Tische vor ihm und auf den an der grün -angestrichenen Holzwand angebrachten Bordbrettern so verteilt, wie er -gewohnt ist, sie zur Hand zu haben. An Leistchen, welche an der Wand -entlang gehen, stecken Briefe in großer Zahl, auch Briefpapier und -Verschlußstreifen für Briefe. Zu den Gebrauchs- und Geschäftsdingen -kommt ein zierliches Gefäß von feinstem venezianischen Glase, mit -Wasser gefüllt, in dem Nelken stecken; die Nelke bezeichnet in der -Blumensprache der Zeit den glücklich Liebenden, sie ist vorzugsweise -die Blume von Bräutigam und Braut. Georg Giße ist eben damit -beschäftigt, mit echt niederdeutscher Gemächlichkeit einen Brief aus -der Heimat zu öffnen, auf dem wir die Aufschrift lesen können: „dem -ersamen jergen giße to lunden in engelant, mynem broder, to handen.“ -An der Wand steht mit Kreide angeschrieben: „~nulla sine merore -voluptas~“ (keine Lust ohne Kummer) und darunter die Unterschrift -„G. Gyze.“ Ein weiter oben an die Wand gehefteter Zettel enthält ein -paar das Bildnis lobende Verse, die Angabe des Alters von 34 Jahren -und die Jahreszahl 1532. Richtig ist das vom malerischen Standpunkt -aus ja nicht, daß man auf die Entfernung, in der die Wand hinter der -den Bildrand berührenden vorderen Tischkante liegt, eine so feine -Schrift noch entziffern kann. Aber wie das und wie alle die anderen -kleinsten Einzelheiten gemacht sind, das ist bewunderungswürdig; eine -vollendetere Ausführung hat kein Stilllebenmaler jemals erreicht. Gewiß -war dieses Bild eines der ersten, vielleicht das allererste, das er -für ein Mitglied des Stahlhofes malte. Da hat er sich durch eine Art -von Meisterstück empfehlen wollen und hat all die Kleinigkeiten in -das Bild hineingepackt, an denen er seine Geschicklichkeit glänzend -zur Schau stellen konnte. Denn Leute von so nüchternem praktischen -Sinne, wie er aus den Zügen dieses ehrsamen Kaufmannes spricht, sind -eher befähigt, die mit dem Verstande zu würdigende Geschicklichkeit -eines Künstlers zu bewundern und zu schätzen, als aus der nur dem -feineren Empfindungsvermögen zugänglichen Mitteilung der künstlerischen -Empfindung, der eigentlichen Kunst, den wirklichen Kunstgenuß zu -ziehen. Angesichts der äußersten Vollendung, mit der in diesem Bilde -alle Dinge zur körperlichen Erscheinung gebracht sind, begreift man -die Lobpreisungen derjenigen Zeitgenossen des Meisters vollkommen, die -an seinen Werken vor allem die Augentäuschung bewunderten. Daß aber -Holbein es fertig gebracht hat, durch all die haarscharf ausgeführten -Nebendinge die Hauptsache nicht erdrücken zu lassen, daß er es -vermocht hat, durch all den Kleinkram hindurch seine künstlerische -Empfindung, den großen Farbengedanken und das lebendig erfaßte -Wesen der Persönlichkeit, zu uns sprechen zu lassen, das ist das -Bewunderungswürdigste an diesem wunderbaren Bilde. - -Die Jahreszahl 1532 tragen ferner das mit liebenswürdiger Einfachheit -aufgefaßte Bildnis eines jungen Mannes in der Gemäldesammlung des -gräflich Schönbornschen Palastes zu Wien (Abb. 118), und ein in -der Sammlung des Windsorschlosses bewahrtes Bild eines mit seinen -Briefschaften beschäftigten bärtigen Mannes (Abb. 119), in dem man -nach der nicht ganz deutlichen Briefaufschrift den Goldschmied Hans -von Antwerpen zu erkennen glaubt. Die Niederländer gehörten mit zu der -deutschen Kolonie in London. - -[Illustration: Abb. 115. +König Rehabeam und die Abgesandten des -Volkes.+ Getuschte Zeichnung mit einigen Farbenangaben, Entwurf zu -einem Wandgemälde im Baseler Rathaus (1530). Im Museum zu Basel. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Unter den Bildnissen des Jahres 1533 seien dasjenige des Derich Tybis -aus Duisburg, in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien (Abb. 120), -und das eines unbenannten Mannes mit blondem Bart im königlichen Museum -zu Berlin (Abb. 121) hervorgehoben. - -Ein Selbstporträt des Meisters aus diesem Jahr, in Miniaturformat -ausgeführt, soll sich zu Prag in Privatbesitz befinden. - -Aber nicht Bildnisse allein malte Holbein im Stahlhof. Es wurde -ihm auch Gelegenheit zur Ausführung monumentaler Gemälde geboten. -Er schmückte den Festsaal des alten Gildehauses mit zwei großen -allegorischen Bildern, die er indessen nicht auf der Wand, sondern -mit Temperafarben auf Leinwand ausführte. Dieselben stellten in -figurenreichen friesartigen Zügen den „Triumph des Reichtums“ und den -„Triumph der Armut“ dar; ihr belehrender Inhalt war, daß der Reichtum -sowohl wie die Armut edler Tugenden bedürfen, um zum Guten geführt zu -werden. Wieder sind es nur Abbildungen und eine kleine, im Louvre zu -Paris bewahrte Skizze, nach denen wir uns einen ungefähren Begriff von -der Schönheit dieser Gemälde machen können, die selbst von Italienern -des XVI. Jahrhunderts ebenso hoch und höher geschätzt wurden als die -Schöpfungen Raffaels. -- Mit derselben Meisterschaft, mit denen er -monumentale Werke ausführte, entwarf Holbein gelegentlich Dekorationen, -die nur zur Verschönerung eines schnell vorüberrauschenden Festes -dienten. Als am 31. Mai 1533 Anna Boleyn im Krönungszuge vom Tower -nach Westminster fuhr, prangten die Straßen, welche der Zug berührte, -im reichsten und prächtigsten Schmuck. Den am meisten bewunderten -Glanzpunkt von allem bildete dabei die von Holbein entworfene -Festdekoration, welche die Kaufleute des Stahlhofes errichtet hatten. -Es war eine Schaubühne mit lebenden Bildern -- wie solche auch die -Antwerpener beim Einzuge Karls V. veranstalteten -- und zeigte auf -einem prachtvollen Renaissanceaufbau den Parnaß mit Apollo und den -Musen. - -Die Beziehungen Holbeins zum Stahlhofe dauerten mehrere Jahre. Die -Jahreszahlen auf Bildnissen deutscher Kaufleute gehen bis 1536. Von -da an wurde er durch höhere Kreise in Anspruch genommen. Durch wessen -Vermittelung er in Beziehungen zum königlichen Hofe kam, wissen -wir nicht. Es gibt aus dieser Zeit keine anderen Lebensnachrichten -über ihn, als das, was seine Werke erzählen. Von Thomas Morus kann -seine Einführung bei Hofe nicht ausgegangen sein; denn der ehemalige -Lordkanzler stand wegen seiner entschiedenen Nichtbilligung der -Schritte, durch die König Heinrich VIII. den Bruch mit der römischen -Kirche vollzog, tief in Ungnade; als Märtyrer seiner Glaubensfestigkeit -endete er am 6. Juli 1535 sein Leben auf dem Schafott, im Verein mit -dem achtzigjährigen Bischof Fisher. - -[Illustration: Abb. 116. +Samuel verkündet Saul den Zorn Gottes.+ -Getuschte und teilweise kolorierte Zeichnung, Entwurf zu einem -Wandgemälde für den Baseler Rathaussaal. Im Museum zu Basel.] - -[Illustration: Abb. 117. +Georg Giße, Kaufmann vom Stahlhof zu London.+ -Ölgemälde von 1532. - -Im königl. Museum zu Berlin. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Die erste Kunde von Holbeins Verkehr mit englischen Herren nach seiner -zweiten Ankunft in London gibt das Bild des königlichen Falkners Robert -Cheseman, vom Jahre 1533, in der Gemäldegalerie im Haag. Der nach -der Angabe auf dem Bilde im 48. Jahre stehende Mann ist in annähernd -lebensgroßer Halbfigur dargestellt, in rotseidenem Wams und schwarzer, -pelzbesetzter Oberkleidung; er trägt den Jagdvogel -- ein Prachtstück -von Malerei -- auf der behandschuhten linken Faust und streichelt ihn -beruhigend mit der Rechten; sein Gesicht mit den scharfen Zügen und -den ins Weite spähenden Augen hat selbst etwas von dem Wesen und dem -Ausdruck eines Edelfalken angenommen (Abb. 122). -- Aus dem Jahre -1537 sind bereits Bildnisse von Persönlichkeiten vorhanden, die König -Heinrich VIII. sehr nahe standen. Diese Jahreszahl trägt ein in der -Sammlung eines englischen Hauses befindliches Doppelbildnis, das -den Namen „die Gesandten“ führt und das als ein Hauptwerk Holbeins -gerühmt und in Bezug auf die Ausführung mit dem Porträt des Georg -Giße verglichen wird. In dem einen der in diesem Gemälde lebensgroß -in halber Figur abgebildeten vornehmen und gelehrten Herren erkennt -man des Königs Liebling, den „unvergleichlichen Ritter“ Thomas Wyat. -Ebenfalls in englischem Privatbesitz befindet sich das Bildnis des -Thomas Cromwell, das spätestens im Anfang des Jahres 1534 entstanden -sein muß; diese Zeitbestimmung ergibt sich aus dem auf einem -gemalten Briefe zu lesenden Titel des aus bescheidenen Anfängen zu -einflußreicher Stellung emporgestiegenen Mannes, der die Trennung der -englischen Kirche von der römischen in einem weitergehenden Sinne, als -es anfänglich vom König beabsichtigt war, durchführte. - -[Illustration: Abb. 118. +Bildnis eines deutschen Kaufmanns in London+, -von 1532. - -In der Schönborngalerie zu Wien.] - -[Illustration: Abb. 119. +Ein Kaufmann vom Stahlhof zu London.+ -Ölgemälde von 1532, in der Sammlung des Schlosses Windsor. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Im Jahre 1535 erschien eine Prachtausgabe der ganzen Heiligen Schrift -in englischer Sprache, übersetzt von Coverdale. Das Buch, das nicht -in England, sondern in Zürich gedruckt wurde, war König Heinrich -VIII. gewidmet. Sein Titelblatt schmückte eine sehr schöne Einfassung -von Holbein. Diese Titelzeichnung setzt sich aus einer Anzahl von -Bildchen zusammen, die nach mittelalterlichem Herkommen, aber in -neuer Auffassung Gegenüberstellungen von Begebenheiten des alten und -des neuen Bundes enthalten. In dem Kopfstreifen sind Sündenfall und -Erlösung dargestellt: hier Adam und Eva unter dem Baum, dort der dem -Grabe entstiegene Heiland, der über Tod und Hölle triumphiert; beides -Zeichnungen von überraschender Schönheit der Figuren. Dann folgen an -den Seiten herunter hier Moses, der auf dem Sinai die Gesetztafeln -empfängt, und Esra, der den aus der babylonischen Gefangenschaft -zurückkehrenden Juden das alte Gesetz vorliest, dort Christus, der -seine Jünger in alle Welt entsendet, und die predigenden Apostel. Unten -stehen der König David und der Apostel Paulus einander gegenüber. -Zwischen diesen beiden Einzelgestalten sieht man Heinrich VIII. im -königlichen Schmuck auf dem Thron sitzen; vor ihm knieen die Fürsten -und Bischöfe Englands, und er überreicht den letzteren ein Buch, die -Heilige Schrift in der Landessprache. -- Es ist bemerkenswert, daß der -König in diesem kleinen, übrigens -- vielleicht durch die Schuld des -Holzschneiders -- nicht sehr porträtähnlichen Bild bereits, entgegen -der bis dahin in England geltenden Sitte, einen Vollbart trägt, was -nach seinem Beispiel alsbald allgemeine Mode wurde. - -[Illustration: Abb. 120. +Derich Tybis aus Duisburg, Kaufmann zu -London.+ Ölgemälde in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien. (Nach -einer Photographie von J. Löwy in Wien.)] - -[Illustration: Abb. 121. +Bildnis eines in London ansässigen -Deutschen+, von 1533. Im königl. Museum zu Berlin. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Holbein führte in dieser Zeit wieder mehrere Holzzeichnungen aus. -In ein paar kleinen Blättern, die erst nach seinem Tode, in dem -Katechismus des Erzbischofs Cranmer zur Veröffentlichung kamen, -spiegelte sich die Stimmung wieder, welche das erschreckende Ergebnis -der von Cromwell veranstalteten amtlichen Besichtigung der englischen -Klöster hervorrief. In diesen Holzschnitten, die das Gleichnis -vom Pharisäer und Zöllner und Christus, den Besessenen heilend, -darstellen, sind die Pharisäer als Mönche gezeichnet. Das letztere -Blättchen hat Holbein, entgegen seiner Gewohnheit, mit seinem vollen -Namen unterschrieben. So auch einen ähnlichen kleinen Holzschnitt, -der in einer Flugschrift erschien, eine Darstellung des guten Hirten, -bei der der schlechte Hirt, der seine Herde im Stiche läßt, wieder -als Mönch erscheint. -- Eine in dem nämlichen Sinne, aber noch -schärfer gehaltene Folge kleiner Handzeichnungen, eine Darstellung der -Leidensgeschichte Christi in 22 Blättern, ist verschwunden. Sandrart, -dem sie der Graf von Arundel, ihr damaliger Besitzer, zeigte, erwähnt -sie in seiner „Teutschen Akademie,“ und von sechzehn derselben gewähren -Kupferstichnachbildungen aus dem XVII. Jahrhundert eine nur ungenaue -Anschauung. - -Eine Bildniszeichnung auf Holz fertigte Holbein im Jahre 1535 an. -Der französische Dichter Nikolaus Bourbon von Vandoeuvre hielt sich -damals in England auf. Holbein malte sein Bild, und zwar stellte er ihn -schreibend dar; aber nicht, wie einst den gelehrten Erasmus, gesenkten -Blickes in die Schrift vertieft, sondern mit sinnendem Dichterauge -ins Weite schauend. Was der Dichter während der Sitzung schrieb, war -ein schmeichelhafter Ausdruck seiner Bewunderung für den Künstler. -Nach diesem Bildnis -- die Zeichnung desselben befindet sich in der -Sammlung des Windsorschlosses (Abb. 123) -- machte Holbein dann das -Holzschnittbild, das bestimmt war, eine Ausgabe von lateinischen -Gedichten Bourbons zu schmücken. Diese Ausgabe erschien zu Lyon im -Jahre 1538, und in demselben Jahre stattete Bourbon in seiner Kunst -dem Maler seinen Dank ab: er war der Verfasser der lobpreisenden -Einleitungsverse zu Holbeins Bildern aus dem Alten Testament. - -Unter jenen Gedichten Bourbons trägt eins die Überschrift: „Auf ein -Gemälde des königlich britanischen Malers Hans, meines Freundes.“ -Dieses besungene Gemälde war das Bildnis eines schlafenden Knaben von -der Schönheit eines Liebesgottes, gemalt auf ein Elfenbeintäfelchen. Es -war also ein Miniaturbild. - -[Illustration: Abb. 122. +Robert Cheseman+, Falkner König Heinrichs -VIII. - -Gemälde von 1533, in der königl. Gemäldesammlung im Haag. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Daß Holbein, der ja so überaus fein zu malen verstand und Ölbilder von -ganz kleinem Maßstab mit der höchsten Vollendung ausarbeitete, sich -in England in der eigentlichen Miniaturmalerei versucht habe, wird -auch von anderer Seite berichtet. Miniaturmalerei war damals nicht -mehr ausschließlich das, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes -besagt, farbige Ausschmückung von Handschriften, sondern das Verfahren -der Buchmalerei wurde auf selbständige Bildchen kleinsten Maßstabes -angewendet. Schließlich hat das Wort ja seine Bedeutung so verändert, -daß man heute jedes sehr kleine Gemälde als ein Miniaturgemälde -bezeichnet, einerlei in welcher Technik es gemacht sein mag. - -[Illustration: Abb. 123. +Der Dichter Nikolaus Bourbon von Vandoeuvre.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. In der Bibliothek der -Königin von England im Windsorschlosse. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Holbein soll das Verfahren der Miniaturmalerei dem am englischen Hofe -angestellten Niederländer Lukas Horebout abgesehen haben, einem Bruder -jener Susanna, deren Kunstfertigkeit Dürer in Antwerpen bewundert -hatte und die jetzt als Gattin eines königlichen Bogenschützen in -London lebte. Holbein soll sein Vorbild nach kurzer Zeit der Übung weit -übertroffen haben. - -Viele in englischem Besitz befindliche Miniaturbildnisse, zum Teil -auf Stücke von Spielkarten gemalt, gelten als Arbeiten Holbeins. Ein -unzweifelhaftes Werk seiner Hand ist das mit der Jahreszahl 1535 -bezeichnete Bildchen des fünfjährigen Henry Brandon, Sohnes des Herzogs -von Suffolk: es befindet sich in der Bibliothek des Schlosses Windsor -(Abb. 124). Dann zwei im Besitze der Familie Seymour befindliche -zusammengehörige Bildchen von 1536: die Porträts von König Heinrich -VIII. und Jane Seymour, der jungen Königin, die im Mai dieses Jahres an -die Stelle der beklagenswerten Anna Boleyn getreten war. - -Holbein stand im Jahre 1536 als angestellter Maler des Königs, der -ein festes Jahresgehalt bezog, im Dienste Heinrichs VIII. Die erste -sichere Bezeugung von seinem Eintritt in diese Stellung findet sich in -einem Brief, den Nikolaus Bourbon von der Heimat aus an einen Freund -am englischen Hofe schrieb; darin sendet der Dichter seine Grüße neben -anderen Herren vom Hofe an „Herrn Hans, den Apelles unserer Zeit“ -und nennt denselben mit dem Titel „königlichen Maler“ -- wie in der -Überschrift des zwei Jahre später veröffentlichten Gedichts. - -Von nun an finden wir Holbein fast ausschließlich als Bildnismaler des -königlichen Hofes und der höchsten Aristokratie des Landes thätig. - -Den ersten Rang unter Holbeins Hofbildnissen nimmt das auch der Zeit -nach voranstehende Porträt von Jane Seymour ein, das sich in der -kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien befindet (Abb. 127). Die Königin -ist in nicht ganz lebensgroßem Maßstab in halber Figur dargestellt. -Sie trägt ein dunkelrotes Kleid über einem Rock von Silberbrokat, dem -Unterärmel aus dem nämlichen Stoff entsprechen. Ihre gepriesene rein -weiße Hautfarbe leuchtet klar und kühl aus dem Purpurton des Kleides -hervor, an dem schönen Hals und dem still und bescheiden blickenden -Gesicht von reichlichem Perlen- und Goldschmuck umsäumt, an den -feinen Händen, deren ruhiges Ineinanderliegen dem Gesichtsausdruck so -treffend entspricht, mit dem Weiß der in kostbarer Arbeit verzierten -Ärmelvorstöße wetteifernd. Es ist ein wahrhaft königliches Bild. - -[Illustration: Abb. 124. +Heinrich Brandon, Sohn des Herzogs von -Suffolk.+ Miniaturbildchen von 1535. In der Bibliothek der Königin von -England im Windsorschloß. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl -in München.)] - -Heinrich VIII. ließ sich von Holbein in einem Wandgemälde porträtieren, -im „Königsgemach“ des Schlosses Whitehall. Das Gemälde, das im Jahre -1537 fertig wurde, bestand aus einer Zusammenstellung von vier -stehenden Bildnisfiguren auf reichem architektonischen Hintergrund: -Heinrich VIII., seine Eltern Heinrich VII. und Elisabeth von York -und seine Gemahlin Jane Seymour; die beiden Könige rechts im Bilde -(also links vom Beschauer), die Königinnen links; die Vorfahren etwas -zurückstehend, die Lebenden im Vordergrunde. Wie alle monumentalen -Schöpfungen Holbeins ist auch dieses Wandgemälde untergegangen. Es -fiel dem Brande des Schlosses Whitehall im Jahre 1698 zum Opfer. Eine -kleine Kopie desselben, die König Karl II. anfertigen ließ, wird in -der Sammlung des Schlosses Hamptoncourt aufbewahrt. Wichtiger noch für -die Würdigung dieses Meisterwerkes Holbeins ist ein erhaltenes Stück -des Kartons, der zur Übertragung der Zeichnung des Gemäldes auf die -Wand gedient hat. Dieses Stück, das sich im Besitz des Herzogs von -Devonshire befindet, enthält die Figuren der beiden Könige; es ist -nicht nach der gewöhnlichen Art solcher Hilfszeichnungen mit Kohle, -sondern mit dem Pinsel in schwarzer und weißer Leimfarbe ausgeführt. -Das Münchener Kupferstichkabinett bewahrt die in der gewohnten Art -des Meisters nach dem Leben gezeichnete Studie zu dem Kopf Heinrichs -VIII. (Abb. 125). -- Wenn es des Königs eigenster Gedanke war, das -Aussehen seiner Person in einem Monumentalgemälde auf die Nachwelt -zu bringen und das ganze Gemälde nur aus seinem, seiner -- in diesem -Augenblick sicher wirklich von ihm geliebten -- Frau und seiner Eltern -Bildnissen bestehen zu lassen, so war Holbein der geeignetste Meister -dazu, um aus dem Porträtstück ein monumentales Geschichtsbild zu -machen. In den Gestalten des verstorbenen Königspaares hat er das, was -vorhandene Bildnisse ihm gaben, beseelt. Bei den Lebenden hat er in -den Abbildern der Wirklichkeit großartige Charakterbilder geschaffen. -Jane Seymour erscheint in der nämlichen Auffassung, wie in dem Wiener -Ölgemälde, als „die stille Königin.“ Heinrich VIII., in überreicher, -juwelengeschmückter Kleidung, steht mit gespreizten Beinen da, stark -und breitschultrig, mit einem Kopf von mächtigem Knochenbau und weichem -Fleisch, mit einem harten und doch fesselnden Blick aus kleinen Augen -unter hochgeschwungenen Brauen und mit einem wohlgeformten Mund von -sinnlich und zugleich thatkräftigem Ausdruck, das ganze Gesicht ein -Bild der Rücksichtslosigkeit, unter der die von Natur vorhandenen -ansprechenderen Züge verschwinden; die rechte Faust ist herausfordernd -auf die Hüfte gesetzt, die Linke spielt mit dem Gehänge des Dolches. -So steht er im Bilde dem Beschauer gegenüber als der Heinrich VIII. -der Geschichte. -- Die vorhandenen Ölgemälde, die das Bildnis des -Königs wiedergeben, sind sämtlich Nachbildungen des Freskogemäldes -von Whitehall. Keines derselben scheint von Holbeins eigener Hand -ausgeführt zu sein (Abb. 126). - -Allem Anschein nach war Heinrich VIII. von der Auffassung, in der -Holbein ihn in Whitehall an die Wand malte, so voll befriedigt, daß er -es für unnötig hielt, ihm später noch einmal zu einem anderen Bilde zu -sitzen. - -Ein Holzschnittbildnis des Königs -- dazu brauchte er keine Sitzung -- -zeichnete Holbein als Titelblatt zu Halls Chronik. In diesem großen -Blatt ist Heinrich VIII. thronend dargestellt, von seinen Räten umgeben. - -[Illustration: Abb. 125. +Heinrich VIII., König von England.+ -Kreidezeichnung nach dem Leben. - -Im königl. Kupferstichkabinett zu München.] - -[Illustration: Abb. 126. +König Heinrich VIII. von England.+ Ölgemälde -in der Sammlung des Schlosses zu Windsor, übereinstimmend mit dem -untergegangenen Freskobild Holbeins zu Whitehall. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 127. +Jane Seymour, Königin von England.+ Ölgemälde -in der kaiserl. Gemäldesammlung zu Wien. - -(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)] - -[Illustration: Abb. 128. +Hubert Morett, Goldschmied König Heinrichs -VIII. von England.+ - -Ölgemälde in der Gemäldegalerie zu Dresden. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Das schönste Holbeinsche Porträt, welches Deutschland besitzt, muß -seiner Entstehungszeit nach dem Wandbild in Whitehall nahe stehen. Es -ist das Bild des Hubert Morett in der Dresdener Gemäldegalerie (Abb. -128). Dieser Mann gehörte zwar nicht zu den großen Herren bei Hofe, -aber er hatte doch sehr viel bei Hofe zu thun. Er war des Königs -Juwelier. Als er sich von dem Hofmaler in Lebensgröße porträtieren -ließ, hat er sichtlich den Wunsch zu erkennen gegeben, in ähnlicher -Haltung abgebildet zu werden, wie sein königlicher Gebieter. Wie dieser -hat er sich in gerader Vorderansicht hingestellt, die Rechte mit dem -ausgezogenen Handschuh unter dem Gürtel aufgesetzt und die Linke an -den Dolch gelegt. Es ist interessant, dieses Gemälde hinsichtlich der -Auffassung mit dem anderen in Deutschland befindlichen Meisterwerk von -Holbeins Bildniskunst, dem Giße in Berlin, zu vergleichen. Der deutsche -Kaufherr ist in seiner täglichen Geschäftsthätigkeit dargestellt; der -englische Goldschmied aber steht prunkend da. Er füllt mit seiner -stattlichen Persönlichkeit und seiner reichen Kleidung das ganze Bild. -Ein grünseidener Vorhang bildet den Hintergrund und erzeugt mit dem -warmen Ton des Fleisches und des rötlichen, grau gemischten Bartes, -mit dem Goldschmuck, mit dem schwarzen Atlas, dem braunen Pelz und dem -weißen Unterzeug der Kleidung eine so wunderbare Farbenwirkung, wie sie -auch von Holbein selbst niemals übertroffen worden ist. - -[Illustration: Abb. 129. +Prinzessin Christine von Dänemark, -Herzoginwitwe von Mailand.+ Gemälde von 1538, im Besitz des Herzogs von -Norfolk.] - -Morett mag damals oft Gelegenheit gehabt haben, mit Holbein in -nahen Verkehr zu kommen. Denn gewiß hat er manches Prachtstück in -Gold und Silber nach dessen Zeichnung ausgeführt. Der König machte -reichlichen Gebrauch von seines Malers Kunstfertigkeit im Entwerfen -kunstgewerblicher Dinge. Viele dahin gehörige Zeichnungen Holbeins -haben sich erhalten. Das meiste findet sich in zwei Skizzenbüchern, -von denen das eine im Britischen Museum zu London, das andere im -Baseler Museum bewahrt wird. In dem Baseler Buch steht bei einer -Zeichnung die Jahreszahl 1537. Da gibt es Entwürfe zu allen möglichen -Dingen, zu Gefäßen verschiedenster Art, zu Handspiegeln und anderem -Toilettegerät, zu Degengriffen, zu Ohrgehängen, Agraffen und sonstigen -Schmucksachen für Herren und Damen; jedes Ding ein Musterwerk edlen -Geschmacks in der Gesamtform und in der reichen, fast überall durch -Figuren belebten Ausschmückung. Eine Anzahl der Zeichnungen gibt bloß -figürliche Kompositionen, in zartester Durchbildung ausgeführt, die -augenscheinlich als Vorbilder für feine, zierliche Edelmetallarbeiten -bestimmt waren. Die Gegenstände der Darstellungen sind bald der -Mythologie oder der Geschichte des klassischen Altertums, bald der -Bibel entnommen; Religiöses und Allegorisches, auch Heraldisches -kommt hinzu. Häufig sind auch Sinnsprüche oder sonstige Aufschriften -angebracht, aus denen sich in einzelnen Fällen ein Schluß darauf -ziehen läßt, wem der König, der wohl meistens der Besteller war, -das Schmuckstück zugedacht hatte. Auch minder anspruchsvollen -Dingen, wie Knöpfen, Quasten, Borten und Stickereien, ließ Holbein -seine künstlerische Erfindungsgabe zugute kommen. Dabei wußte er -an die Stelle seines sonstigen malerisch-plastischen Stils einen -arabeskenhaften Flächenstil von ebenso reinem Geschmack zu setzen. --- Ein Hauptwerk ist der in Federzeichnung mit Angabe des farbigen -Zusammenwirkens von Gold, Perlen und Edelsteinen ausgeführte Entwurf -eines großen, reich gegliederten Pokals. Das Blatt befindet sich in der -Universitätsbibliothek zu Oxford. Das Prachtgefäß war für die Königin -Jane Seymour bestimmt; es trägt deren Wahlspruch: „Zum Gehorchen und -zum Dienen verbunden“ und die aneinander geknüpften Buchstaben H -und J (Henry und Jane). -- Von keinem der berühmtesten Meister der -Zierkunst der Renaissance wird Holbein an Reichtum und Vornehmheit des -Geschmacks übertroffen. -- Als einen großen Meister baukünstlerischen -Schmuckstils offenbart er sich in einer im Britischen Museum -bewahrten Zeichnung, die den Entwurf zu einem Kamin enthält, einem -zweigeschossigen Säulenaufbau, der mit mannigfaltigem Zierwerk und mit -Figurendarstellungen reich geschmückt ist und sich durch die Anbringung -des englischen Wappens und des Namenszuges Heinrichs VIII. als für ein -königliches Schloß bestimmt zu erkennen gibt. - -[Illustration: Abb. 130. +Eduard, Prinz von Wales.+ Ölgemälde in der -königl. Gemäldegalerie zu Hannover.] - -[Illustration: Abb. 131. +Anna von Cleve.+ Ölgemälde auf Pergament, von -1539. Im Museum des Louvre zu Paris. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Im März 1538 reiste Holbein im Auftrag des Hofes nach Brüssel. -Als Jane Seymour, nachdem sie am 12. Oktober 1537 einem Prinzen das -Leben gegeben hatte, gestorben war, sannen des Königs Räte, vor allen -Thomas Cromwell, der jetzt die ganzen Staatsgeschäfte leitete, auf -eine möglichst baldige neue Ehe des Königs. Dieser selbst schien -anfangs abgeneigt. Als aber nach verschiedenen anderen festländischen -Prinzessinnen Christine von Dänemark, die Witwe des Herzogs Francesco -Maria Sforza von Mailand, genannt wurde, zog er die Sache ernstlich -in Erwägung. Die im Alter von dreizehn Jahren zur Witwe gewordene -Prinzessin war die Tochter des Königs Christian II. von Dänemark -und der Königin Isabella, der Schwester Kaiser Karls V. Politische -Gründe sprachen dafür, durch die Vermählung mit der Nichte des Kaisers -freundschaftlichere Beziehungen zu diesem anzubahnen, in dieser Ehe -ein Mittel zu suchen, daß der Kaiser die Schmach vergäße, die Heinrich -VIII. ihm durch die Verstoßung seiner ersten Gemahlin Katharina von -Arragon, der Tante Karls V., angethan hatte. Aber vor allem handelte -es sich darum, zu erfahren, ob die Prinzessin auch dem persönlichen -Geschmack des Königs behagte. Darum wurde Holbein abgesandt, um ihr -Bildnis zu malen. Am 10. März 1538 traf er, von einem Diener Cromwells -begleitet, in Brüssel ein, wo die Herzogin Christine bei ihrer -Tante, der Statthalterin der Niederlande, verweilte. Der englische -Geschäftsträger in Flandern, John Hutton, hatte inzwischen schon ein -für seinen König bestimmtes, von einem ungenannten Maler angefertigtes -Porträt der Herzogin abgeschickt. Aber als Holbein ankam, ließ Hutton -den mit dem Bild unterwegs befindlichen Boten durch einen Eilboten -zurückhalten; denn er war, wie er an Cromwell berichtete, der Meinung, -jenes Porträt sei „weder so gut, wie die Sache es verlangte, noch -wie Herr Hans es würde machen können.“ Am folgenden Tage bat er die -Herzogin um die Erlaubnis, daß der zu diesem Zweck vom englischen -Hofe hergeschickte Maler sie malen dürfe. Gleich am nächsten Tage, -am 12. März, gewährte die Herzogin Christine Holbein eine Sitzung. -„Der,“ so berichtete Hutton an Cromwell, „wenn er auch nur drei -Stunden Zeit hatte, erwies sich als Meister in der Kunst, denn das -Bild ist ganz vollkommen.“ -- Das Gemälde, welches Holbein nach jener -in drei Stunden gemachten Aufnahme, die wohl eine Zeichnung in seiner -bekannten Art war, ausführte, wurde ein Meisterwerk. Es befindet -sich jetzt im Besitze des Herzogs von Norfolk. Während jener andere -Maler die Prinzessin in großer Kleiderpracht abgebildet hatte, malte -Holbein sie so, wie sie ihm zuerst entgegentrat, in ihrer italienischen -Witwentracht. Er malte sie in ganzer Figur, um ihren schönen hohen -Wuchs zu zeigen. Wie die Sechzehnjährige, ein noch halb kindliches -Wesen, in der ernsten, schwarzen Kleidung ganz schlicht dasteht, -das ist mit der höchsten künstlerischen Größe aufgefaßt, einfach, -natürlich, vornehm und liebenswürdig (Abb. 129). - -[Illustration: Abb. 132. +Katharina Howard, Königin von England.+ -Miniaturbildchen in der königl. Bibliothek des Windsorschlosses. (Nach -einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 133. +Thomas Howard, Herzog von Norfolk.+ In der -königl. Gemäldegalerie des Schlosses zu Windsor. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Im Sommer desselben Jahres schickte der König den Maler abermals nach -dem Festland, und zwar nach Hochburgund, -- wir wissen nicht mit -welchem Auftrag. Bei dieser Gelegenheit machte Holbein einen kurzen -Besuch bei den Seinen in Basel. Er traf um den Anfang des September -dort ein. Seine Mitbürger sahen den im Auslande zum großen Herrn -gewordenen Maler mit Verwunderung an. „Da er aus England wieder gen -Basel auf eine Zeit kam, war er in Seiden und Sammet bekleidet, da -er vormals mußte Wein am Zapfen kaufen.“ So wird über ihn berichtet; -es war in den Augen der Zeitgenossen ein überzeugendes Zeichen von -Dürftigkeit, wenn einer seinen Bedarf an Wein im Wirtshaus holen ließ. -statt vom eigenen Vorrat im Keller. Holbein hatte allen Grund, die -Verhältnisse in England glücklich zu preisen. In den Rechnungsbüchern -des englischen Hofes ist sein Gehalt seit dem Frühjahr 1538 ermittelt -worden; nach den damaligen Wertverhältnissen des Geldes wird berechnet, -daß sein Jahressold einem Betrag von 360 Pfund Sterling heutigen Wertes -gleichkam. -- Die Regierung von Basel bemühte sich wiederum, und zwar -sehr ernsthaft, den Meister an die Stadt zu fesseln. In einer am 16. -Oktober 1538 ausgefertigten Urkunde versprachen Bürgermeister und Rat -„unserem lieben Bürger Hans Holbein“ ein jährliches Gehalt in der für -die damaligen Baseler Verhältnisse ganz ansehnlichen Höhe von fünfzig -Gulden, „aus besonderem geneigten Willen, weil er seines Kunstreichtums -halber vor anderen Malern weit berühmt ist, in Erwägung ferner, daß -er uns in Sachen unserer Stadt -- Bauangelegenheiten und anderes, -dessen er Verstand trägt, betreffend -- mit seinem Rate dienstbar sein -könne, und daß er endlich, falls wir einmal bei Gelegenheit Malwerk -auszuführen hätten, uns dasselbige, jedoch gegen geziemende Belohnung, -getreulich fertigen solle.“ Da nach Holbeins Aussage zu erwarten war, -daß er innerhalb der nächsten zwei Jahre kaum in Gnaden vom Hofe des -Königs von England würde scheiden können, so wurde ihm ein zweijähriger -Urlaub nach England gewährt. In diesen zwei Jahren sollte anstatt -des ihm zugesicherten Dienstgeldes ein jährlicher Betrag von vierzig -Gulden an seine Hausfrau in Basel gezahlt werden. Wenn er nach Ablauf -des bewilligten Urlaubs sich wieder in Basel niedergelassen haben -würde, so sollte er durch den Bezug des städtischen Gehaltes keineswegs -in der anderweitigen Verwertung seiner Kunst behindert werden. „Da -wir,“ so lautet die hierauf bezügliche bemerkenswerte Stelle, „wohl -ermessen können, daß besagter Holbein mit seiner Kunst und Arbeit, -so weit mehr wert, als daß sie an alte Mauern und Häuser vergeudet -werden solle, bei uns allein nicht aufs beste zu seinem Vorteil kommen -mag, so haben wir deshalb besagtem Holbein gütlich nachgelassen, daß -er... um seiner Kunst und seines Handwerks willen... von fremden -Königen, Fürsten, Herren und Städten wohl möge Dienstgeld erwerben, -annehmen und empfangen; daß er außerdem die Kunstwerke, so er allhier -bei uns machen wird, im Jahre ein-, zwei- oder dreimal, doch jedesmal -mit unserer besonderen Erlaubnis und nicht ohne unser Wissen, in -Frankreich, England, Mailand und Niederland fremden Herren zuführen und -verkaufen möge. Doch darf er auf solchen Reisen nicht arglistigerweise -im Ausland bleiben, sondern soll seine Sachen jederzeit förderlich -ausrichten und sich darauf ohne Verzug wieder anheim verfügen und uns, -wie oben steht, dienstbar sein.“ -- Holbein nahm dieses Anerbieten -an und gelobte und versprach, die Bedingungen desselben zu halten. -Zweifellos war er damals fest entschlossen, wieder seinen bleibenden -Aufenthaltsort in Basel zu nehmen, sobald er in England ein genügendes -Vermögen erworben haben würde. Er soll die Absicht ausgesprochen haben, -die Rathausgemälde und andere Bilder auf eigene Kosten neu und besser -zu malen, da ihm von seinen Baseler Wandmalereien nur das Haus zum Tanz -„ein wenig gut“ vorgekommen sei. -- Aber er kehrte nicht heim. - -Im Dezember 1538 befand sich Holbein wieder am englischen Hofe. Es -wurde ihm eine besondere Belohnung ausbezahlt für die unbenannten -Geschäfte des Königs, um derentwillen er in die Gegend von Hochburgund -geschickt worden war. - -Zum Beginn des nächsten Jahres überreichte er Heinrich VIII. ein -Bildnis des kleinen Prinzen Eduard als Neujahrsgeschenk; als Gegengabe -erhielt er vom König einen goldenen Becher mit Deckel. Eine größere -Freude konnte Holbein seinem Herrn wohl nicht bereiten; denn Heinrich -VIII., dessen Hoffnungen auf einen Thronfolger so oft getäuscht worden -waren, war verliebt in sein Söhnchen, in dessen Nähe zu kommen er nur -bevorzugten Personen gestattete. Ein lebensgroßes Porträt in halber -Figur, das sich in der Gemäldegalerie zu Hannover befindet, könnte dem -Alter des Kindes nach wohl das genannte Bild sein. Der zweijährige -Prinz zeigt hier sein hübsches, rundliches Gesichtchen, auf dessen -Stirn unter dem Häubchen hervor dünne, blonde Haare fallen, und seine -dicken Händchen in der prächtigen Hervorhebung durch Rot und Gold; -er trägt ein rotes Sammetkleid mit goldenen Schnüren und goldfarbigen -Unterärmeln und über der Kinderhaube ein rotes Sammethütchen mit einer -Straußenfeder (Abb. 130). -- Eine allerliebste kleine Umrißzeichnung in -Form eines Medaillons, die das Kind in ganzer Figur, auf einem Kissen -sitzend und mit einem Hündchen spielend zeigt, befindet sich unter den -Blättern des früher erwähnten Skizzenbuchs zu Basel. - -[Illustration: Abb. 134. +Bildnis eines Unbekannten+, von 1541. Im -königl. Museum zu Berlin. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 135. +Karl Brandon, Söhnchen des Herzogs von -Suffolk.+ Miniaturbildchen von 1541. In der Bibliothek der Königin von -England im Windsorschlosse. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -Im Juli 1539 wurde Holbein wieder „in gewissen Geschäften“ des Königs -auf Reisen geschickt. Der Plan der Vermählung Heinrichs VIII. mit der -Nichte des Kaisers war gescheitert. Jetzt wurde dem Kaiser zum Trotz -die Verbindung mit einer protestantischen deutschen Fürstentochter ins -Auge gefaßt. Die Schwester des Herzogs von Cleve und Schwägerin des -Kurfürsten von Sachsen, Anna, wurde dem Könige als eine wünschenswerte -Partie angepriesen. Mit dem Auftrage, deren Bild zu malen, reiste -Holbein nach Deutschland. Galanterweise schickte der König ihr sein -eigenes Bildnis gleich mit durch den Maler; dies besagt eine aus den -königlichen Haushaltungsbüchern geschöpfte Nachricht, daß Holbein -beauftragt war, ein von ihm selbst hergestelltes und mit ansehnlichem -Honorar bezahltes, aber weiter nicht benanntes Ding mitzunehmen. --- Das Bildnis der neuen Königsbraut wurde Anfang August in einem -Schlosse des clevischen Gebiets aufgenommen. Am 1. September kam der -Maler nach London zurück. -- Wenn später die Fabel verbreitet wurde, -Holbein habe die Fürstin schöner gemalt, als sie in Wirklichkeit -war, und habe dadurch den König veranlaßt, eine Ehe einzugehen, die -ihm sehr bald leid wurde, so beweist das erhaltene Bildnis selber -die Grundlosigkeit dieser Behauptung. Das Gemälde befindet sich im -Louvre. Da sehen wir Anna von Cleve in halber Figur, steif geputzt, -mit einer Menge von Schmuck, das rötlichweiße Gesicht von einer -reichverzierten Haube eingeschlossen, in gerader Vorderansicht (Abb. -131). Man sieht, daß Holbein die Dame langweilig gefunden hat, und -seine künstlerische Ehrlichkeit hat sie so langweilig wie möglich -aufgefaßt. Keine Regung in der Gestalt, keine Regung in den Mienen. -Wie unvergleichlich treffend ist der Ausdruck der blöden deutschen -Jungfrau, die „nie vom Ellenbogen ihrer Mutter kam,“ wiedergegeben! In -einem Punkte steht Holbein höher als alle anderen großen Bildnismaler: -im Erfassen des Charakters auch in den Händen, nicht bloß in Bezug -auf die Form, sondern auch auf den Ausdruck. Man vergleiche nur die -ineinander gelegten Hände der drei Königsbräute: die in Zurückhaltung -ruhenden der Jane Seymour, die liebenswürdigen, kindlich tändelnden der -Herzogin Christine und die geistlosen der clevischen Herzogstochter! -Die Langeweile, die der Maler empfunden hat, spiegelt sich auch in -der Farbe. Gegenständlich war ihm hier ja alles zur Erzielung einer -herrlichen Farbenwirkung gegeben: blondes Fleisch, feines Weißzeug, -roter Sammet, Goldstoff, Gold und Juwelen, -- eine Farbenpracht, die er -durch einen dunkelgrünen Hintergrund passend hervorhob. Und dennoch hat -er mit diesen Mitteln hier keinen solchen künstlerischen Reiz der Farbe -erreicht, wie er ihn sonst zu entwickeln vermochte. - -Daß Heinrich VIII. seinem Maler den ihm von den Geschichtschreibern -hinsichtlich dieses Bildnisses aufgebürdeten Vorwurf nicht machte, -geht schon aus den Gnadenbezeugungen hervor, die er ihm gerade in der -nächsten Zeit erwies. Holbein bekam im Jahre 1540 doppeltes Gehalt -ausbezahlt. Daß er unter diesen Umständen darauf verzichtete, zur -verabredeten Zeit nach Basel zurückzukehren, ist leicht zu begreifen. - -Seinen Verstand in Bausachen, auf den man in Basel besonders rechnete, -zu bewähren, fand Holbein auch in London Gelegenheit. Wenigstens gilt -die zur Zeit der Königin Anna von Cleve ausgeführte schmuckreiche Decke -der Kapelle des St. James-Palastes als ein Werk seiner Erfindung. - -[Illustration: Abb. 136. +Bildnis eines Unbekannten+, von 1541. In der -kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien. - -(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)] - -[Illustration: Abb. 137. +Simon George aus Cornwall.+ Ölgemälde im -Städelschen Museum zu Frankfurt a. M. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Die Königin Anna wurde verstoßen, Cromwell, der mächtige, zielbewußte -Lenker des englischen Staatswesens, wurde enthauptet, die katholische -Katharina Howard wurde zur Königin erhoben und ihr Oheim Thomas Howard, -Herzog von Norfolk, einst ein Freund und Gesinnungsgenosse von Thomas -Morus, übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte: alles wechselte -wieder einmal am englischen Hofe; aber Holbeins Gunststellung blieb -unverändert. - -Von der Königin Katharina Howard ist kein anderes Bildnis von Holbeins -Hand bekannt, als ein Miniaturbildchen -- wie er deren auch eines -von Anna von Cleve als Gegenstück zu einem ebensolchen des Königs -gemalt hatte --; das Bildchen befindet sich in der Bibliothek des -Windsorschlosses (Abb. 132). - -Ein großes Prachtbild, in der Gemäldesammlung des nämlichen Schlosses, -führt uns den Herzog von Norfolk auf der Höhe seiner Macht vor Augen -(Abb. 133). Der Herzog war 66 Jahre alt, als er sich von Holbein malen -ließ. Er zeigt uns ein hageres, verschlossenes Gesicht, glatt rasiert -nach der Mode der alten Zeit; über dem breit umgelegten Hermelinpelz, -mit dem sein Mantel gefüttert ist, trägt er die goldene Kette des -Hosenbandordens; in den feinen, fleischlosen Händen hält er den -weißen Stab des Lordkämmerers und den goldenen Stab des Großmarschalls -von England. - -[Illustration: Abb. 138. +Bildnis einer unbekannten Dame.+ In der -kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien. - -(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)] - -[Illustration: Abb. 139. +Sir Thomas Wyat.+ Zeichnung in schwarzer und -farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -Von 1541 ist das Miniaturporträt eines dreijährigen Knaben, in der -Bibliothek zu Windsor (Abb. 135). Es stellt Charles Brandon, den -zweiten Sohn des Herzogs von Suffolk, vor und bildet das Gegenstück zu -dem sechs Jahre früher gemalten Bild von dessen Brüderchen Henry. - -Die Jahreszahl 1541 ist auch auf zwei Bildnissen von anscheinend nicht -zu den Hofkreisen gehörigen Herren zu lesen, von denen sich das eine, -ein mit der ansprechendsten Schlichtheit aufgefaßtes Brustbild eines -bärtigen Mannes (Abb. 134), im Museum zu Berlin, das andere, die -Halbfigur eines jungen Mannes, der, mit einem Buche in der Hand, hinter -einem Tische sitzt und den Beschauer anblickt (Abb. 136), im Wiener -Hofmuseum befindet. - -Hier mögen zwei andere in deutschen Sammlungen bewahrte Meisterwerke -von kleinem Format Erwähnung finden, die Holbeins englischer Zeit -angehören, die aber keinen Anhalt zu näherer Zeitbestimmung bieten: -das Porträt einer hübschen jungen Frau -- Brustbild mit Händen -- im -Wiener Hofmuseum (Abb. 138), und das liebenswürdig aufgefaßte und mit -köstlicher Feinheit gemalte Profilbild eines Herrn Simon George aus -Cornwall im Städelschen Museum zu Frankfurt (Abb. 137). - -[Illustration: Abb. 140. +Die Herzogin von Suffolk.+ Zeichnung in -schwarzer und farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor.] - -Die Zahl der Porträts ohne Jahresangabe ist größer als die Zahl der -datierten. Seine Namensunterschrift hat Holbein nur ausnahmsweise auf -die Bilder gesetzt. Er hatte, wie Michelangelo, das Selbstbewußtsein, -daß seine Gemälde die Beglaubigung seiner Urheberschaft in sich selbst -trügen. Daher ist es wohl erklärlich, daß gar manches Bild später auf -seinen Namen getauft worden ist, das mit seiner Kunst nichts gemein -hat. Wie viele von Holbein in England gemalte Bildnisse noch vorhanden -sind, ist wohl überhaupt noch nicht festgestellt. Sie sind zu einem -großen Teil in englischem Privatbesitz zerstreut. -- Wenn es nirgendwo -Gelegenheit gibt, eine größere Anzahl Holbeinscher Bildnisgemälde -nebeneinander zu sehen, so findet sich dafür ein ganzer Schatz von -seinen herrlichen Bildniszeichnungen in der Bibliothek der Königin -von England im Windsorschlosse vereinigt. Diese in ihrer Art ganz -einzige, unschätzbare Sammlung enthält über achtzig Blätter, lauter -Meisterwerke. In diesen ersten Aufnahmen nach dem Leben, die bald -in wenig mehr als Umrissen alles Notwendige zu sagen wissen, bald -ganz malerisch ausgearbeitet sind, treten uns die Persönlichkeiten, -unbenannte und benannte -- viele, die in der englischen Geschichte -eine Rolle gespielt haben --, fast ebenso sprechend und lebensvoll vor -Augen, wie in ausgeführten Gemälden. Ja, es liegt in dieser ersten -Niederschrift von Künstlerhand, die, das Wesentliche schnell erfassend, -gleich alles vermerkte, was im Gemälde ausgedrückt werden sollte, ein -ganz besonderer Reiz. Daß mit so Wenigem so Vollkommenes gegeben wird, -ist das Wunderbare an diesen Zeichnungen, die, ohne etwas an und für -sich Fertiges sein zu wollen, doch ganze fertige Kunstwerke sind (Abb. -139-144). - -[Illustration: Abb. 141. +Sir John Gage.+ Zeichnung in schwarzer und -farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -In der nämlichen Sammlung befindet sich ein einzigartiges Werk -Holbeins, eine figurenreiche Komposition in Miniaturausführung; -getuschte Silberstiftzeichnung, mit Gold und einigen wenigen Farben -reizvoll belebt. Der Gegenstand der Darstellung ist der Besuch der -Königin von Saba bei König Salomo. Bemerkenswert ist die reife -Schönheit der Renaissancearchitektur auf diesem Blatt, die von Holbeins -jugendlichen Architekturphantasien weit verschieden ist (Abb. 145). - -Im Jahre 1542 erschien eine Holzzeichnung Holbeins, die vielleicht -das letzte war, was er für den Buchdruck machte. Es ist ein Bildnis -in Medaillenform von Sir Thomas Wyat und schmückt die Rückseite des -Titels einer Schrift, die als „Nänia“ (Totenklage) das Andenken dieses -im Jahre 1541 im blühendsten Alter gestorbenen Lieblings des Königs -feiert. Mit der denkbar größten Einfachheit des Striches, der auch die -minder geübte Hand eines englischen Formschneiders folgen konnte, hat -Holbein hier ein sprechendes Porträt gezeichnet. - -[Illustration: Abb. 142. +Elisabeth, Gemahlin von Sir Henry Parker.+ -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. - -In der Bibliothek des königl. Schlosses zu Windsor. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -[Illustration: Abb. 143. +Reskymeer+, ein Edelmann aus Cornwall. -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. Im königl. Schloß zu -Windsor.] - -Im Jahre 1542 muß Holbein wieder ein Bild des Prinzen von Wales gemalt -haben. Zwar ist über das Gemälde selbst nichts bekannt, aber unter -den Zeichnungen im Windsorschloß ist eine, die das Kind in dem dieser -Zeit entsprechenden Alter zeigt (Abb. 146). Ein mit der Jahreszahl -1542 bezeichnetes Werk besitzt die Gemäldegalerie im Haag in den -trefflichen kleinen Porträt eines jungen Mannes, der einen Falken auf -der Faust hält. Ein Selbstbildnis Holbeins aus diesem Jahre wird als -im Privatbesitz vorhanden erwähnt. - -[Illustration: Abb. 144. +Lady Baux.+ - -Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. Im königl. Schloß zu -Windsor.] - -Im folgenden Jahre fand Holbein die Muße, zweimal sich selbst zu malen, -das eine Mal in Miniatur, das andere Mal in halber Lebensgröße. Diese -Bilder sind beide verschollen. Aber von dem einen derselben gewähren -uns zwei Kupferstichnachbildungen aus dem XVII. Jahrhundert, eine -von Vorstermann (Abb. 149), die andere von Wenzel Hollar -- der auch -sonst viele von Holbeins englischen Arbeiten gestochen hat, -- eine -Anschauung. Der fünfundvierzigjährige Meister sieht hier sehr ernst -aus. Der allgemeinen Sitte folgend hat er sich nach König Heinrichs -Vorbild einen Vollbart wachsen lassen. -- Das in der Sammlung von -Malerbildnissen im Uffizienpalast zu Florenz hängende Selbstbildnis -Holbeins kann kaum noch als solches bezeichnet werden. Dasselbe ist -zwar ursprünglich eine Zeichnung Holbeins, anscheinend zu dem in jenen -Kupferstichen wiedergegebenen Gemälde; aber die Zeichnung ist durch -Übermalung verunstaltet und unähnlich gemacht worden. - -Ein schönes Brustbild eines langbärtigen Herren im Pelz, mit Namen -Melchior Maag, das sich in der Sammlung des Herrn Huybrechts zu -Antwerpen befindet, trägt ebenfalls die Jahresbezeichnung 1543 (Abb. -147). - -[Illustration: Abb. 145. +Die Königin von Saba vor Salomo.+ -Miniaturartige Tuschzeichnung mit Farben und Gold. - -In der Bibliothek der Königin von England im Windsorschloß. - -(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach -i. E. und Paris.)] - -[Illustration: Abb. 146. +Eduard, Prinz von Wales.+ Zeichnung in -schwarzer und farbiger Kreide, in der königl. Bibliothek im Schlosse zu -Windsor. - -(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)] - -In dieser Zeit arbeitete Holbein an einem großen figurenreichen -Gemälde, das er wohl nur nach und nach fertig machen konnte. Es -war ein Porträtstück, das zugleich einen geschichtlichen Vorgang -verbildlichte. Die vereinigte Chirurgen- und Barbiergilde zu London -ließ dasselbe malen zur Erinnerung an die Gewährung ihrer Zunftrechte -durch den König. Die Vertreter der Gilde, achtzehn an der Zahl, -wurden dargestellt, wie sie vor dem Throne Heinrichs VIII. knieen, -um aus dessen Hand ihren Freibrief in Empfang zu nehmen. Einzelne -der Vorstandsmitglieder malte Holbein nebenher auch in besonderen -Bildnissen. So den achtundachtzigjährigen ~Dr.~ John Chambers, der zu -den Leibärzten des Königs gehörte. Das schöne Bild des würdevollen -Greises befindet sich jetzt in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien -(Abb. 148). Das große Genossenschaftsbild hat sich auch erhalten; -es hängt noch im Zunfthaus der Londoner Barbiere. Aber es zeigt, -abgesehen von der Entstellung durch spätere Übermalungen, daß es auch -ursprünglich nur zum Teil von Holbein gemalt worden ist. Es war dem -Meister nicht beschieden, dieses Werk fertig zu sehen. - -[Illustration: Abb. 147. +Melchior Maag.+ Gemälde von 1543. In der -Sammlung Huybrechts zu Antwerpen.] - -[Illustration: Abb. 148. +John Chambers+, Leibarzt König Heinrichs -VIII. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.] - -Mitten in der reichsten Schaffensthätigkeit starb Hans Holbein in der -Blüte der Jahre und fern von der Heimat im Herbst 1543, wahrscheinlich -als ein Opfer der Pest, welche in diesem Jahre in London wütete. - -Vom 7. Oktober ist sein Testament datiert. Von seiner Familie in -Basel ist darin keine Rede. Für diese hatte er augenscheinlich -schon vorgesorgt; die Familie lebte auch nach seinem Tode in guten -Verhältnissen. Die letztwillige Verfügung bezieht sich nur auf die -Ordnung seiner Londoner Verhältnisse. Sein Pferd und seine sonstige -Habe sollte verkauft werden zur Deckung der Guthaben einiger Freunde. - -Am 29. November gab der Goldschmied Johannes von Antwerpen, einer der -Zeugen, die Vollstreckung des Testamentes ab. - -König Heinrich VIII. erhielt ein Werk von der Hand seines Künstlers -noch nach dessen Tode. Zu Neujahr 1544 wurde ihm von einem seiner -Kämmerer ein Entwurf Holbeins zu einer Wanduhr verehrt, eine jetzt -im Britischen Museum befindliche große Zeichnung von prächtig -geschmackvoller Erfindung. - -[Illustration: Abb. 149. +Holbeins Selbstbildnis aus seinem letzten -Lebensjahre.+ - -Nach Borstermanns Stich des verschollenen Originals.] - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Holbein der jüngere, by Hermann Knackfuß - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOLBEIN DER JÜNGERE *** - -***** This file should be named 62389-0.txt or 62389-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/8/62389/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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