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-The Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Stromaufwärts
- Aus einem Frauenleben
-
-Author: Angela Langer
-
-Release Date: June 12, 2020 [EBook #62380]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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-
-
- Stromaufwärts
-
- Aus einem Frauenleben
-
-
- von
-
- Angela Langer
-
-
- [Illustration]
-
-
- 1913
-
- S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-
-
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
-
-Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
-
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-
- Herrn
-
- _Otto Brandes_
-
- in dankbarer Freundschaft gewidmet.
-
-
-
-
-[Illustration: Angela Langer]
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-
- Vom Volke nahm ich's,
- Dem Volke geb' ich's ..
-
- _Angela Langer_
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-
-Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei.
-In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und
-noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten
-herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren
-Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen
-feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran.
-Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste
-öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit
-einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine
-Ungeduld kaum zügeln.
-
-Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen
-zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern,
-wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte
-Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren
-die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade
-enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie
-ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine
-Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte.
-Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder
-das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu
-verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl
-mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den
-zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem
-Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir
-in allen diesen Dingen, besonders im Essen.
-
-Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf
-Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam,
-die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch
-nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem
-weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder
-hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend
-zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.
-
-Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen
-Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu
-waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie
-draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf
-ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob
-er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er
-das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich
-ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir
-saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um
-nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide
-nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu
-weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der
-Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt
-hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer
-Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte.
-
-
-
-
-Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer
-geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine
-Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes
-Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war
-schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns
-schlafen.
-
-Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr
-beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten
-Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz
-schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte
-zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch
-wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen
-Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den
-schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön.
-Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer
-Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit
-vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich
-an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters
-gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später
-aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder
-öffneten.
-
-Es waren Feuerlilien.
-
-Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große
-Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte
-oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis
-es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und
-konnte mich nicht satt daran sehen.
-
-Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in
-demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken,
-daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum
-gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder
-offen zu sehen, war zu groß.
-
-Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich
-unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er
-das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich
-im Bett lagen.
-
-Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude
-hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das
-meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und
-besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein,
-um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es
-unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also
-für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder
-und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander
-unentbehrlich.
-
-Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich
-freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen
-Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte
-mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am
-festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben
-ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich
-war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl
-scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse
-und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu
-haben, ja recht brav zu sein.
-
-Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz
-starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir
-saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.
-
-Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so
-vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin
-zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese
-Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an,
-und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin
-werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die
-Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde.
-
-Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir
-gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder
-Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen
-auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem
-Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht
-interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen
-Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte.
-Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte -- Hilda kam nur selten,
-und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr
-ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule,
-doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.
-
-Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war
-mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere
-wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten,
-waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten
-Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese
-Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl
-stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander.
-
-Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und
-da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch
-in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und
-schalt uns immer: »dumme Dinger«.
-
-Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine
-nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade
-unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn
-unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz
-schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick
-und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein
-Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die
-Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte.
-
-Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes.
-Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer
-Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns
-Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur
-mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts.
-Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue
-der Mutter Gottes anschauen zu können.
-
-
-
-
-Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit
-Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte,
-und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich
-fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich
-gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum
-anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und
-sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte
-ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden
-Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau
-hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige
-Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor.
-
-»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin.
-Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt
-haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte
-bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das
-Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände,
-»Du kannst sie behalten.« -- Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich
-nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und
-mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte,
-weil ich viel zu spät war.
-
- * * * * *
-
-Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die
-Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür.
-Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort.
-
-
-
-
-Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so.
-Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt
-auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses
-ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als
-wohlhabende Leute zu gelten.
-
-Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung
-meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich
-machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer
-und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume
-ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«.
-
-Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein
-Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder.
-So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die
-sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß
-sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht
-erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die
-Pracht des Zimmers überwältigt hätte.
-
-Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige
-Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner
-schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen
-genossen.
-
-In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große
-Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner
-Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug
-einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir
-setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von
-meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder
-sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der
-Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und
-feierlich: »Ja«.
-
-Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden
-beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und
-anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend,
-und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des
-gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war
-verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung.
-Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. -- Plötzlich
-zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« -- Ich war
-tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich
-ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden,
-und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme,
-»Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte
-und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach
-sie: »Das macht ja nichts.« -- Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald
-wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam,
-wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich
-den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine
-grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst
-empfunden hatte, kam nie wieder. --
-
-In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich
-lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe
-fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich
-nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer
-ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige,
-das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber
-nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit
-denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab
-für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger
-Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen
-dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts
-war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen
-Schülerinnen zu schwätzen. -- Oft genug wurde ich bestraft.
-
-Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger
-Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus
-dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser
-war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute
-wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat
-und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner
-Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer
-fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen,
-herben Eindruck.
-
-Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor
-mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir
-ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer
-hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete:
-»Gott hat die Welt erschaffen.«
-
-»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt,
-aus nichts etwas hervorbringen.« --
-
-»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen
-sterben.« --
-
-Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten
-mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die
-Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« -- worauf es antwortete: »Alle
-Menschen müssen sterben.« -- -- -- In solchen Augenblicken war mir
-immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf
-die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst
-sterben müsse. -- Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran
-dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte
-dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein
-solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut
-aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da
-sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten
-sie mich auf ihre Art zu beruhigen. --
-
-
-
-
-Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere
-Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in
-einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin
-unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht
-einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine
-Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener
-Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf
-denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben
-dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war,
-daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn
-durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem
-Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort,
-der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum,
-der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine
-Staude, deren Beeren endlich -- endlich erröteten, -- dann wieder eine
-Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des
-Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten,
-näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der
-Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben
-dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. --
-
-Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters
-schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis
-für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen
-stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für
-mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht
-danach mit mir herum.
-
-Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe
-dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal
-scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und
-ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim
-Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an
-uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule
-Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen
-Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo
-niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach
-den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen
-auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem
-Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein
-mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er
-mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse
-andächtig küßte. --
-
-Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich
-meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel
-zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde
-überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht
-mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im
-Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie
-sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann
-gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte
-nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb
-alles beim alten.
-
-Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren
-Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein
-Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle
-unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur
-Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen
-Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner
-Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief
-wie jeden andern Tag.
-
-Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns
-von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle
-Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen,
-doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett
-und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das,
-was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt,
-wahr werde. -- Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am
-Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum.
-
-»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau
-zurückgefahren sind.« -- Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie
-glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. --
-
-Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend.
-Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften,
-und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten
-Freundinnen sehnte. --
-
-Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter
-»Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. -- Wir hatten auch ein
-neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war;
-sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie
-bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute
-sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr
-Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand,
-erwiderte sie, ich sei noch zu jung.
-
-»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage
-erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen
-heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten
-würde.
-
-Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu
-merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein
-Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr
-oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen
-wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu
-weinen nicht mehr auf.
-
-Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf
-einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes
-Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte,
-und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt
-auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand
-sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem
-Kopf und blinzelte mich schläfrig an.
-
-»Steh auf!« forderte ich trotzig.
-
-»Warum soll ich denn aufstehen?«
-
-»Weil ich mich setzen will.«
-
-»Setz' dich doch auf den Boden.«
-
-Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« schrie ich jetzt und
-stampfte mit den Füßen, »der Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und
-nach einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch gehört gar nichts,
-es ist euch doch alles gepfändet worden. Ihr habt nichts als Schulden.«
-Dann sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er zurückflog und
-rannte davon.
-
-Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst gar nicht begreifen; dann
-aber erinnerte ich mich an meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige
-Gesicht meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Scheu
-und leise wie ein Verbrecher ging ich in das Wohnzimmer zurück und
-setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter saß am Tisch mit dem
-jüngsten Kinde im Arme und sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr
-laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, bevor ich mich setzte.
-
-»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie sofort.
-
-»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, was die Leute sagen.«
-
-Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für Dummheiten! Was sagen die
-Leute?«
-
-»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine Mutter stand auf und legte
-das Kind auf das Bett, dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei
-ins Leere.
-
-»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. Ich sagte es ihr,
-worauf sie tief seufzte -- sonst war es still im Zimmer.
-
-»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach einer Weile, »wenn wir
-wieder nach Langenau zurückgingen?« Ich war starr vor Staunen und jähem
-Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz und hundert andere Dinge
-fielen mir plötzlich ein und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.
-
-»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich so freuen.«
-
-In der folgenden Woche wurden unsere Möbel abermals aus den Zimmern
-getragen und wieder zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, und
-mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am Abend kamen wir in Langenau
-an und fuhren zur neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand sah uns
-kommen. -- Wir waren ein Jahr fort gewesen.
-
-Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir nicht; sie lag ziemlich
-tief, und an den Wänden lief das Wasser herab, wodurch sich viele
-dunkelbraune Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, daß die
-Wohnung recht feucht und ungesund sei, und daß sie nie gedacht hätte,
-daß man so herabkommen könne. Darauf entgegnete mein Vater, daß sie sich
-nur gedulden möchte, er würde schon trachten, etwas Besseres zu finden,
-sobald nur das Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren Gegenstand
-sprachen sie noch lange, und ich hörte, daß es sich um ein neues
-Geschäft handle und daß man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, um
-Kunden zu bekommen.
-
-Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, weil sie eine gute
-Strecke von dem Hause meiner früheren Freundinnen entfernt war. Dazu
-befand sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar kein netter Hof
-oder sonst ein Platz zum Spielen und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem
-Hause noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte uns, immer recht
-still zu sein, da sich sonst die andern Leute beim Hausherrn über uns
-beklagen würden.
-
-Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze laufen, um zu sehen,
-ob sich etwas verändert hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine
-zu sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief mich meine Mutter
-zurück.
-
-»Wohin willst du?«
-
-»Fort.«
-
-»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Pein. »Du
-siehst, daß ich kein Mädchen habe und daß es hier aussieht wie Kraut
-und Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt du die zwei Kleinen
-mitnehmen.«
-
-»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die Tränen in die Augen
-traten. »Die sind viel zu klein und können unsere Spiele nicht spielen.«
-
-»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun
-können.«
-
-Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als
-es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl
-jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die
-beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung.
-Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein
-jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden.
-Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten
-wir langsam dahin -- viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige
-Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten
-begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und
-zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich
-schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten
-mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich
-wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für
-eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande
-galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. -- Mein ganzer Zorn
-kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am
-liebsten geschlagen.
-
-Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand
-ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick
-herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten
-Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise
-kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen
-die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor
-Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und
-gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke,
-hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie
-drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich
-ihnen entgegen.
-
-»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich
-fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir
-langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich
-zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig:
-
-»Wohin sollen wir gehen?«
-
-»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein
-Vater ist eingesperrt.«
-
-»War,« verbesserte Hilda leise.
-
-Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein
-kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders
-gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir
-die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? -- Was kümmerte
-mich jetzt die ganze Welt? -- Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und
-wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen
-angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen
-heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der
-Kleine mir recht schwer wurde. -- Es war auch schon Mittagszeit, und ich
-wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner
-Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom
-Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den
-Kindern nach Hause.
-
-Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab;
-als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem
-Arm.
-
-»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.«
-
-»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter
-folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische.
-Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen
-vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine
-Gabel oder sonst etwas reichte.
-
-»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause.
-
-»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen
-ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg,
-nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die
-Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie
-hätte herausschlagen mögen.
-
-»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und
-könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu
-gehen hättest.« -- Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis
-jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu
-gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor,
-»bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«
-
-»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«
-
-»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten
-Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich
-der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie
-bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie
-mir, den Tisch abzuräumen.
-
-Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt.
-Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich
-einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß
-ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die
-dritte zurück müsse. -- Meine Mutter hat nie begreifen können, warum
-ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. -- Nun war ich wenigstens
-nicht mit den »beiden« zusammen. -- Der Gedanke an sie war mir
-unerträglich. -- Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern
-und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. --
-Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich
-im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern
-Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete
-ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an
-mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb
-hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. -- In solchen
-Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie
-zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. -- Doch so oft ich dies
-verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt
-und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht
-langsam, an mir vorüberging.
-
-Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das
-Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und
-einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir
-wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner
-Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes,
-wehmütiges Glück gewesen. -- Ich knirschte mit den Zähnen, wenn
-ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht
-Leopoldine. -- So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem
-Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als
-sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und
-betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater
-mehr) auch einsperren lassen möge.
-
-Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an
-ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig
-daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends
-hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch
-prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. -- Leopoldine trug
-jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter
-als zuvor.
-
-Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches
-Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so
-wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war
-auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete
-unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister
-achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und
-fühlte mich heimlich recht unglücklich.
-
-Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es
-unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und
-Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es
-eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche
-sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich;
-doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre
-gegeben hätte.
-
-Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei
-diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise.
-Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch
-begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle
-dampfte, war mir immer zum Weinen.
-
-
-
-
-Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne
-dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in
-solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift
-zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere
-Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern
-zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in
-das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann
-wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser
-stille Wunsch unerfüllbar.
-
-Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich
-begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei
-dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte.
-
-Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr
-als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte
-von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach,
-erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und
-daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war
-recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und
-meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr
-und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um
-mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten
-mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie
-zuvor.
-
-Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die
-unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene
-Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines
-fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle
-die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten,
-schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann
-nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte
-aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand,
-daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir
-nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held
-meiner Träume in Langenau nicht sei.
-
-Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich
-nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich
-in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich
-immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort.
-Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich
-ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts
-hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es
-wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte,
-daß wer immer das sagte, recht hatte.
-
-Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder
-auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre
-gegeben worden.
-
-Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann.
-Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen,
-wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine
-Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete
-sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach -- weil ich eben nichts
-anderes tun konnte.
-
-Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen;
-der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der
-Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus
-der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg
-mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend
-verbrachten.
-
-Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine
-Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich
-so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen
-konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte
-fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände
-des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die
-den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch
-an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß
-er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise
-verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte,
-kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber
-auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz.
-»Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und
-entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine
--- alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen
-die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. -- Er
-mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen
-haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem
-Schuppen. -- Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. --
-
-Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige
-Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in
-keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat
-seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant
-gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor
-der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all
-die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer
-Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie
-verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht
-höflichen Gruße ein.
-
-Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über
-einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich
-heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser.
-Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen
-Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte
-dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar
-ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und
-bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt
-und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.
-
-»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein
-junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand
-gehen könnte?« --
-
-Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen
-langsam sinken.
-
-»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes,
-bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in
-Zimmer und Küche nützlich machen möchte.«
-
-Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber
-sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte -- oder so etwas war es
-wohl --, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich
-glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über
-meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte.
-Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte
-sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« -- und
-nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter
-vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«
-
-Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet,
-daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen
-würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie
-denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste
-Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und
-zwang mich zur Ruhe.
-
-Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch
-öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines
-Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr
-Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl.
-
-Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber
-ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,«
-sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es
-in der Welt zugeht« -- und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht
-machst du dein Glück.«
-
-Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast
-zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren
-erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen,
-sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten
-würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem
-Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten
-könne.
-
-Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das
-Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte
-daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte
-mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem
-braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.
-
-Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand
-am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten
-Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und
-wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem
-meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der
-Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit.
-Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war
-sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in
-die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte
-ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum
-Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter
-ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr
-liebes treues Herz zitterte und zuckte.
-
-»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück -- dieses Mal
-mit Tränen in den Augen.
-
-
-
-
-Die Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die Frau in ihrem schwarzen
-Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei
-Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen,
-der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen.
-Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder
-abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu
-halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die
-Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den
-ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er
-sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete
-ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen
-Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male
-des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst
-war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen
-kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch
-unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste,
-ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise,
-mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich
-ihm gehorchen mußte. -- Das Mädchen war mir die liebste.
-
-Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich
-merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als
-die meiner Eltern.
-
-Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn
-Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete,
-wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel
-scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr
-Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht
-Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn
-fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar
-Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir
-daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein,
-in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun
-hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu
-schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor.
-
-Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir
-nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch
-einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal,
-ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich
-sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen
-Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken.
-
-»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige
-Ihren Schatz ins Zimmer, heh?«
-
-»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«
-
-Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem höhnischen Grinsen. »Ist
-es also schon so weit, daß Sie die Männer satt haben? -- Es hat Sie wohl
-schon einer in die Tinte gebracht?«
-
-Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den Rücken, und seitdem vermied
-ich sie, wo und wie ich nur konnte.
-
-Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen ich in Berührung kam: den
-Bäcker, der das Brot brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das mir
-die Lider niederschlug und die Wangen färbte, den Milchmann aus demselben
-Grunde und die Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner
-war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine acht Kronen noch immer
-nicht erhalten und schrieb daher meine Gedichte, die sich in jener Zeit
-noch reichlicher als früher einfanden, auf Düten, in denen sich Dinge wie
-Reis und Mehl befunden hatten und die ich immer sorgfältig aufhob.
-
-Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den Kindern nach Hause. Nachdem
-ich den Kleinen in das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, um
-die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, sah ich die Frau Direktor
-an der Schublade stehen, in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die
-Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener Düten in den Händen,
-die ich so gut kannte. Innerlich war ich erschrocken und empört, doch der
-Respekt, den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich hatte,
-drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.
-
-Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und Belustigung ansah, drehte sie
-sich nach mir um und hielt die Düte hoch.
-
-»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach sie, anscheinend nicht
-im geringsten gestört, daß ich sie beim Durchsuchen meiner Sachen
-überrascht hatte.
-
-»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, »Das wäre ja nicht
-der Rede wert gewesen.« Sie lächelte noch immer ein stilles, belustigtes
-Lächeln.
-
-»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«
-
-»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.
-
-»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle sehr gut.«
-
-Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am
-liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt
--- so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in
-ihr einen Engel.
-
-Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte,
-betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte
-mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld.
-
-Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte
-darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht
-verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe
-wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten.
-
-Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als
-er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau
-heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln
-abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.«
-Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn
-bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich
-eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr.
-
-»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig
-zu mir?«
-
-Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich
-ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
-
-Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht
-so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese
-Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine
-Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie
-und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das
-nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«
-
-Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein
-Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung.
-
-»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine
-verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.«
-Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die
-Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen,
-und eine neue Scham überfiel mich.
-
-»Es ist wahr,« sagte ich endlich.
-
-»Daß Sie also doch jemand haben?«
-
-»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«
-
-»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein belustigt auf die Düte,
-die nach Kaffee roch.
-
-»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, wo er ist, ...«
-und mit einer plötzlichen Kühnheit: »ich weiß nur, daß er ist.«
-
-»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«
-
-»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich zögernd, »in meinen
-Gedanken.«
-
-»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie schickte sich an, die Küche
-zu verlassen, doch auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und
-rief mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, wird er Ihnen nichts
-schaden.«
-
-Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf meinen Schrank, riß alle
-Düten heraus und verbrannte sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das
-letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann lehnte ich mich an die
-graue Küchenwand und weinte bitterlich.
-
-Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, jene Träume in jener grauen
-Küche! -- Keine Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche
-Sehnsucht nach ihm.
-
-Wann würde er denn kommen? -- Wann? -- Wann? -- Wann würde er kommen,
-um mich fortzunehmen, wie die Prinzen in den Märchen kamen, um eine
-Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? -- Irgendwo und irgendwann
-mußten wir uns doch treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist
-der Weg noch lang?«
-
-Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine Augen glitten dann
-gewöhnlich über meine Hände, die mir so dick und rot erschienen. --
-Wie -- wenn er mich aber nicht lieben würde? -- Doch schon im nächsten
-Augenblick flog mir die eine oder die andere Zeile meiner Gedichte durch
-den Kopf, und während mir vielleicht noch die Tränen in den Augen
-standen, lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was hatten die
-Hände -- diese Hände mit mir zu tun? -- Der Mann, von dem ich träumte,
-war kein Mann, der ein Mädchen liebte, weil es schön war. -- Nein, er war
-ein Mann, der mich lieben würde -- der weißen Gedanken wegen, der reinen
-Sehnsucht wegen und um denjenigen Teil meines Herzens wegen, der beständig
-dichtete und träumte.
-
-Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in der Waschküche, die voll
-Dampf war, als die Türe aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!«
-rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht geschrieben, daß du
-kommen würdest?«
-
-»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, und als gestern wieder
-nichts kam, da wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen bin.«
-
-»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß ihre derben
-schwarzen Schuhe ganz bestaubt waren und sie selbst recht müde aussah.
-
-»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen Pause fügte sie zögernd
-hinzu:
-
-»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und wir müssen unsere Kreuzer
-zusammenhalten, wenn wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«
-
-Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und hielt die Tränen nur mit
-größter Mühe zurück.
-
-»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so gerne geben.«
-
-Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.
-
-»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden selbst, -- hast du dir
-schon etwas erspart?«
-
-Ich errötete bei dieser Frage.
-
-»Nein,« sagte ich langsam.
-
-»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter
-rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« -- sie rechnete
-wieder -- »das macht eine schöne Summe -- ich glaube, du bist
-leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften
-Vorwurf in den Augen an.
-
-»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und
-erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer
-nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen
-zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich
-schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen
-war, der mich hierhergebracht hatte.
-
-Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie:
-»Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen,
-ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne
-Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben
-hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen
-könntest.«
-
-Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich
-anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles
-andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr
-gerne annehmen,« sagte ich.
-
-Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt
-niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit
-dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt
-mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe
-mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist
-sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu
-Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. -- Ist dir das so recht?«
-Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.
-
-Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die
-Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte.
-»Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, -- doch ich habe es ja immer gesagt,
-daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe,
-die neue Stelle wird Ihnen gefallen.«
-
-Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder
-in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als
-ich auszog, mein Glück zu suchen.
-
-Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und
-versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß
-das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen,
-die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.
-
-Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar
-noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer
-unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu
-fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich,
-so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich
-auch eine Pfeife.
-
-»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.
-
-»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten
-Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.«
-
-Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,«
-sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«
-
-»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?«
-
-»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«
-
-Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die
-Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand
-ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von
-neuem anfangen mußte.
-
-Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch
-für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es
-schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen
-nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner
-Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er
-doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß
-ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr
-schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich
-beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder
-Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen
-Geschmack.
-
-»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während
-des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich
-beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.«
-
-»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone,
-»für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu
-sagen, viel zu fein.«
-
-»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände
-eines Prinzen hatte.
-
-»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen
-Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.«
-
-»Hat man dich --?« frug ich und wagte nicht zu vollenden.
-
-»Ja, darum lief ich davon.«
-
-»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter
-schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?«
-
-Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf,
--- es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle
-Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben
-auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den
-Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine
-Lippen.
-
-»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich
-werde euch nicht zur Last fallen -- ich gehe nach Wien,« schloß er, sich
-zu mir wendend.
-
-»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?«
-
-Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich
-noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu
-sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne)
-habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine
-Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande
-geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich
-einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von
-geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form
-des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige
-Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann;
-doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des
-Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale
-von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten
-strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein
-ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große
-Kapital, das ihm der Zufall -- meine liebe Schwester,« wandte er sich
-an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange
-hinaus -- in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne
-Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit
-den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch
-mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld
-hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten
-verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit
-mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken
-sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken,
-die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der
-unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen.
-
-»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine
-Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?«
-
-»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als
-diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich
-in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren
-wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern),
-und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist
-euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas
-sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute
-sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß
-auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die
-Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir,
-wozu ich mich am besten eigne.«
-
-Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.
-
-»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider
-nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische
-Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen,
-daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen
-Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen
-Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe
-wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner
-gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn
-nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen
-brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest
-du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«
-
-Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit
-auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich
-manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß
-er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du
-nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald
-wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«
-
-»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten
-Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur
-muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben,
-eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach
-zurückbezahlen werde.«
-
-In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar
-Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie
-stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt
-schlafen.«
-
-Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte
-Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu
-geben.
-
-»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«
-
-»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen
-die kleinen Kinder verhungern lassen!«
-
-»So willst du lieber, daß ich verhungere?«
-
-»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas
-angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«
-
-»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«
-
-»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe
-mir seither mein Brot verdient.«
-
-»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht
-und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«
-
-Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und
-stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich
-mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu
-können.«
-
-Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets
-ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich
-aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war,
-nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich
-schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp
-finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. --
-
-Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter
-lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im
-Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und
-weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. -- Was mich am
-meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet
-ihr mich im Kamp finden.« -- Ich stellte mir vor, wie er sich in
-die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner
-Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit
-getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.
-
-»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du,
-er hat schon ...?«
-
-»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste
-Frauensperson in der Welt.« -- Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl
-zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien,
-da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.
-
-Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das
-Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein
-und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute
-begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber
-meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.
-
-Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen
-in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor,
-sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit
-einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo
-bist du die Nacht über gewesen?« -- Er schien über die Frage nicht sehr
-erbaut zu sein.
-
-»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite
-tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner
-Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«
-
-Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin;
-heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.
-
-»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen
-hinein, »jammert mich.«
-
-Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch _er_ schien nicht
-so zu denken. »Warum?« fragte _ich_ und bereute die Frage im nächsten
-Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.
-
-»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen
-bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«
-
-»Ich?«
-
-»Ich meine wir -- doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten
-nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit
-so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich
-habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht
-nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht
-zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt,
-dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen
-und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese
-auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. -- Sobald ich also den Staub
-dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien
-angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich
-eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen
-wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in
-Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. --
-
-Bist du damit einverstanden?«
-
-Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.
-
-»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile
-dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir
-Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen
-nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu
-schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich
-empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man
-im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen.
-Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit
-du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe
-kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren
-anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der
-Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit
-zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir
-alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln
-erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«
-
-»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«
-
-»Ich fahre heute noch nach Wien.«
-
-»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand
-von seinen Lippen.
-
-»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist.
-Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch
-eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen
-solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem
-andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung
-bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so
-herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. --
-Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«
-
-Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf
-seine schönen weißen Finger.
-
-»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend,
-»aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«
-
-Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.
-
-»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens
-verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen
-bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz
-unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns
-alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung
-absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig
-vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien
-laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist,
-auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges
-herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien
-ankommen.«
-
-Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht.
-Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest
-meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in
-die Hand.
-
-Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein
-Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen
-würde. -- Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine
-widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große
-Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke
-war er fort.
-
-Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen
-an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn,
-schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht
-nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....
-
-Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich
-von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da,
-zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens
-erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine
-Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des
-Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder
-auszunehmen.
-
-Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher
-als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die
-Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich
-hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen,
-die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere
-öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.
-
-Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die
-anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war,
-erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der
-Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke
-setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor
-meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber
-konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch
-konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.
-
-Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die
-verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die
-Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.
-
-»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich
-glaube gar, Sie haben Heimweh!«
-
-Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht,
-daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu
-lernen.«
-
-»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar
-nichts kann.«
-
-»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie
-mir bei der Arbeit helfen.«
-
-»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.«
-
-»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem
-Beruf.«
-
-»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.«
-
-»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.
-
-Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen
-ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von
-der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während
-ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch,
-dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte,
-setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin
-schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie
-nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre
-Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie
-ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen
-Sie lernen.«
-
-»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«
-
-»Also was soll es denn sein?«
-
-»Ich weiß es nicht!«
-
-»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.«
-
-»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr
-verwirrt und sehr verlegen.
-
-»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?«
-
-»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte
-ich langsam, aber sehr entschieden.
-
-»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an.
-»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie
-gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen
-wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends,
-nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen
-würden.«
-
-»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während
-des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas
-kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend
-Stunde gibt.«
-
-»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine
-Lehrerin?«
-
-Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine
-Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.«
-
-»Aber wird das nicht zu viel kosten?«
-
-»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel
-kosten wird.«
-
-»Wieviel denken Sie denn?«
-
-»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.«
-
-»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«
-
-»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das
-ja nicht alles.«
-
-»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.«
-
-»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte.
-
-Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen
-wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu
-berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum
-bemeistern konnte.
-
-Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon
-anfing.
-
-»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?«
-
-»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.
-
-»Von dem Englischen.«
-
-»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich
-wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.«
-
-»Wo?« frug sie.
-
-»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf.
-
-Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser
-Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer.
-
-Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer
-Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder:
-
-»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben
-können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht
-nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?«
-
-Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen
-Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete
-im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon
-viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut
-werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?«
-
-»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.«
-
-Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen
-sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal
-erledigt.
-
-Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern
-ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand
-ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer
-schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm
-aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit
-einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der
-Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren
-alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer
-Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr
-einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur
-Hochmut darin gesehen hätte.
-
-Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge
-und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen,
-da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen
-eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte
-nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber
-nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die
-Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in
-das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit
-nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog
-schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie
-von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als
-ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die
-Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße
-zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah,
-überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt
-ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die
-Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr
-errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer
-führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In
-einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick
-aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß
-und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.
-
-Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon,
-daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke,
-mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.
-
-Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein
-Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.
-
-»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug
-sie mich endlich, »ist dem so?«
-
-»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
-
-»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«
-
-»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in
-Stelle.«
-
-Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie
-dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann
-möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«
-
-»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,«
-und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.
-
-Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte
-mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken
-hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und
-Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«
-
-Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, was es kosten würde, und
-sie nannte nach einigem Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig
-vorkam.
-
-Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage nach Hause kam, ich weiß
-nur, daß ich den ganzen Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel
-der Kanne schlug.
-
-Als ich der Köchin meine Unterredung mit der Lehrerin berichtete, war sie
-ganz still. Nach einer Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es
-schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das nicht sagen könnte,
-da ich ja nie in meinem Leben Englisch gehört hätte, doch ich glaubte, es
-sei nicht schwer.
-
-Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich arbeitete die ganze Woche freudig
-um des einen Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich hatte mir
-auch ein Buch über die Anfangsgründe der englischen Sprache gekauft, und
-so oft ich eine Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand und lernte
-daraus.
-
-Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über meinen Fleiß, doch
-merkte ich bald, daß sie mir noch andere Dinge beizubringen wünschte als
-bloß Englisch. Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr in dem Zimmer
-saß, das für mich seinen Zauber nie verlor, fragte sie mich ganz
-unvermittelt, warum ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein
-könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich schämte mich ungemein
-wegen der beiden Fragen und stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete
-schon, sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes Benehmen
-während der übrigen Stunde überzeugte mich vom Gegenteil.
-
-Als ich damals nach Hause kam, fand ich die Köchin bereits im Bett. Sie
-war erstaunt, daß ich mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern
-in meinem Nähkorb herumsuchte.
-
-»Was wollen Sie denn?« frug sie.
-
-»Eine Schere.«
-
-»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«
-
-»O, nur für meine Nägel.«
-
-»Welche Nägel?«
-
-Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein
-Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen.
-
-»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?«
-
-»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«
-
-»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« --
-
-Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin
-verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an
-meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen
-Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch
-mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung,
-die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre
-Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich
-in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit --
-so weit noch war.
-
-Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich
-eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte;
-und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher
-lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben
-würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel
-zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine
-Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich
-bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt
-gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit
-mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben
-würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß
-eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel.
-Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte,
-um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte.
-Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne
-aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe,
-waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu
-jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...
-
-Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte
-man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem
-Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl
-bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.
-
-Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl
-ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt
-hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob
-er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir
-bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen
-hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte.
-Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und
-meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu
-können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er
-mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher
-hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den
-Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun
-meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen
-konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im
-Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war
-jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu
-sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch
-weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder
-hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte
-nicht mehr daran.
-
-Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich
-die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den
-Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir
-war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die
-Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über
-verschiedene Dinge.
-
-»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« frug sie mich eines
-Tages.
-
-»Wo sollte ich denn hingehen?«
-
-»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, aber ein Mädchen
-wie Sie sollte ihr Glück in der Welt versuchen.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein Mädchen wie Sie ein ganz
-anderes Leben führen sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«
-
-»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«
-
-»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch ganz gut, daß Sie so
-gescheit wie hübsch sind.«
-
-»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines Bruders denkend,
-»ich dachte immer, ich sei sehr dumm,« dann, auf meine Hände blickend,
-»und sehr häßlich.«
-
-»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch das andere, und wenn ich Sie
-wäre, würde ich in irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich
-vorwärts käme.«
-
-»Nach Wien?«
-
-»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie einen plötzlichen Einfall
-bekommen hätte, frug sie: »Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«
-
-»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was sollte ich dort tun?«
-
-»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, daß Sie dreimal
-soviel bezahlt bekommen als hier und kein Dienstmädchen sein werden,
-sondern ein Fräulein.«
-
-Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es immer tat, wenn ich tief
-bewegt war. »Aber,« sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für
-eine solche Stelle sein?«
-
-»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht raten.«
-
-Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden und schickte sich zum Gehen
-an. Sie reichte mir die Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf
-Wiedersehen, und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe. Ich meine
-es gut mit Ihnen.«
-
-Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir jedes ihrer Worte; besonders
-ging der eine Satz mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal
-soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich rechnete in Gedanken ...
-Dreimal zehn Kronen, das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen
-jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich nie
-aufbrauchen könnte; doch würde ich die Hälfte davon natürlich jeden
-Monat nach Hause schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine Hilfe
-hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, ging immer schlechter ...
-»Du gütiger Gott,« betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen im
-Monat wäre uns allen geholfen.«
-
-Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und meine Frau hielt mir eine
-sanfte Strafpredigt, die mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen
-ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin meine Unterredung mit dem
-Mädchen mitzuteilen; dann überlegte ich, daß es besser sein würde,
-noch nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt aus der Sache etwas
-würde.
-
-In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach meiner neuen Freundin,
-doch es vergingen fast acht Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich
-lief hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren freundlichen
-Gruß.
-
-»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.
-
-»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und sah erstaunt auf mein
-erhitztes Gesicht. Ich zwang mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich
-neben ihr nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum warten, von dem
-Gegenstande zu reden, der mir so nahe lag, doch mochte ich selbst
-nicht davon anfangen. Sie aber schien gar nicht mehr an unsere frühere
-Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit keinem Laut, doch war sie
-freundlich wie immer. Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich
-die Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir ein Herz und sagte
-anscheinend ganz gleichgültig: »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich
-über alles, was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und daß ich sehr
-gern nach Budapest gehen würde.«
-
-Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, und ihre nächsten Worte
-bestätigten dies. »Mein liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid,
-daß ich Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht Ihre sichere
-gegenwärtige Lage bedrohen könnten.«
-
-Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit
-fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben
-doch gesagt ...«
-
-»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt,
-was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht
-hatte.«
-
-»Ihre Mutter? -- So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?«
-
-»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch
-unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir
-gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« -- sie betonte das
-Wort: »sicheren« besonders -- »unzufrieden zu machen.«
-
-»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein
-genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.«
-
-Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein
-Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein
-armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind
-Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser
-aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.«
-
-Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich
-weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein
-leichtsinniges Mädchen.«
-
-»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu
-ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges
-Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer
-hineinfallen.«
-
-»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«
-
-Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und
-sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts
-geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht
-beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag
-heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich
-habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« -- und
-rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie
-davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte:
-Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.
-
-Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich
-nach Hause. --
-
-... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und
-stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer
-einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied
-von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause,
-sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am
-leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die
-ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht
-fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun
-gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine
-Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen
-bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück
-gefunden hätte.
-
-Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer
-an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war,
-blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und
-Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich
-die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich
-fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den
-Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.
-
-Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte
-zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche
-enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er
-nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an,
-daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit
-nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler
-oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten
-Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete
-ja auch, -- wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie
-erreichen würden.
-
-Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit,
-die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich
-faßte ich einen kühnen Entschluß -- so kühn, daß ich fast selber
-darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest
-mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für
-einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag
-meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das
-würde ihn sicher sehr freuen.
-
-Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff
-angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus
-lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine
-Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter
-zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich
-alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten
-wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle
-dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem
-Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der
-Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die
-Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten
-Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.
-
-Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die
-ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich
-die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung
-große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und
-Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch
-gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel
-mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und
-ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier
-unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den
-unsterblichen Worten:
-
- Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
- Und ich vor Leid verzweifle schier,
- Dann greife ich nach meiner Feder
- Und füll' mit Zeilen das Papier ...
-
-In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse,
-die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit
-meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich
-nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich
-eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen,
-hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen
-Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so
-etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen
-Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte
-ihn dann sprechen.
-
-Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht
-schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein,
-in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren
-aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß,
-zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen
-Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen.
-Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht
-erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen
-schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei
-ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe
-bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner
-Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. -- Ich hatte fast meinen
-Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, -- es war mein Bruder! Ohne
-noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er
-bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links
-und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er
-auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der
-Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie
-er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner
-Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich
-mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und
-kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr
-elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein
-neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete,
-daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges.
-»Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die
-Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.
-
-»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so
-unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«
-
-»Warum elendes Geschäft?«
-
-»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir
-Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise
-weit unter mir stehen?«
-
-»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler
-geworden?«
-
-Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben
-und uns ansahen. »Ein Künstler -- das hätte ich dir wahrhaftig nicht
-zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel
-fallen?«
-
-»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft
-viele Jahre.«
-
-»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler
-werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«
-
-»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner
-Fähigkeiten die hervorragendste ist.«
-
-»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel;
-ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit
-geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels
-vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein
-großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte
-studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete
-der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse
-jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig
-ist, um Großartiges zu schreiben.«
-
-»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst
-du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«
-
-»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor,
-»wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier
-Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht
-denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl
-verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen
-Arbeitstiere herabsinkt?«
-
-Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach,
-mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren
-Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die
-Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam
-von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien
-eine Stelle anzunehmen?«
-
-Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.
-
-»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist
-du denn verrückt geworden?«
-
-»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es
-weiter zu bringen.«
-
-»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine
-solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu
-beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine
-Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche
-eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du
-ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt,
-nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort,
-als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist
-das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf
-dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes
-unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort
-von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung
-erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«
-
-Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein.
-»Was soll ich denn tun?« frug ich endlich.
-
-»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien
-bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden;
-vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause
-bekommen.«
-
-»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich
-nicht.«
-
-»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche
-Heirat.«
-
-Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte
-ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.«
-
-Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist
-nicht zu helfen -- wann geht dein Zug?«
-
-»Um acht Uhr abends.«
-
-»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit
-ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.«
-
-»Ein Randewau?«
-
-»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er
-achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen
-Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines
-Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er
-fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte
-er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du
-unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch
-nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe
-Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich
-aufblickte, war er fort.
-
-Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein.
-Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle
-stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den
-Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:
-
- Rendezvous
- Engagement
- Bureau oder Comptoir
- Pardon
- Toilette
- Banquet
- Melange
- Carriere
- Milieu
- Rouge
- Noir
- Manicure
-
-Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und
-steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war,
-setzte sich der Zug langsam in Bewegung....
-
-
-
-
-Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an
-mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten,
-ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an
-jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam,
-stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in
-der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch
-das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf
-dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich
-zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine
-Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.
-
-»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen
-Wagen haben?«
-
-Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte
-sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte
-lieber gehen.«
-
-»Wie Sie wollen, Fräulein.«
-
-Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich
-verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich
-in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie,
-in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein
-Herz schlug mir zum Zerspringen.
-
-»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte
-Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen.
-Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«
-
-Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein
-hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich
-sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu
-ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte
-und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind,
-bin ich es auch.«
-
-Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche
-Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden
-würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.
-
-»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie
-gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre,
-hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte,
-daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das
-keine Ungelegenheiten bereite.
-
-»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den
-verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid
-und gab sie ihr dankend zurück.
-
-»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.
-
-»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.
-
-»Also fertig?«
-
-»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte,
-grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die
-Straße.
-
-Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich,
-auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst
-unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich
-zu mir.
-
-»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe
-ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in
-keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein
-lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich
-ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl
-fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald
-herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen,
-und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.«
-Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich
-heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe.
-Endlich stiegen wir ab.
-
-Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte
-Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett
-aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und
-bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich
-herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch,
-doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange
-warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch
-während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch
-junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen
-und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar
-nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit
-Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an.
-»Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich
-wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich
-wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht
-erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde
-zurückkehren wollten.«
-
-»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.«
-
-Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir
-die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir
-noch zu, und dann ging er.
-
-Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer,
-das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden
-Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas
-schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten
-Tag.«
-
-Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich
-reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in
-etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab,
-und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich
-damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute
-und dergleichen mehr.
-
-Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da
-ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten
-mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte
-mich nicht mehr.
-
-Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die
-Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich
-sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im
-Kinderzimmer und stopfte oder nähte.
-
-Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends
-befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben,
-was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich
-hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt,
-wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen
-gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch
-nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich
-meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren
-Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien
-auch Damen.
-
-Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um
-sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem
-soll ich sie schicken?«
-
-Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich.
-
-»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.«
-
-Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu
-fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch
-keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir
-aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und
-sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches
-auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich
-jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang
-in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu
-zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine
-Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide
-reichte der Rest nicht.
-
-Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam
-der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte
-gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über
-meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz
-einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn.
-Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht
-weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich
-an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte
-seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich
-rasch zurück.
-
-Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im
-Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine
-Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine
-neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren,
-auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen
-am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein.
-Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er
-am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen
-hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit
-wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das
-Schweigen war mir unerträglich.
-
-»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«
-
-»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den
-Kopf noch tiefer.
-
-»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß
-Sie etwas Zeit haben.«
-
-Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des
-Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.
-
-»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen
-Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu
-manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«
-
-Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte
-er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am
-besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. -- Ich
-würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen
-einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja
-nichts zu erwähnen brauchen.«
-
-Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche
-gezogen und legte es auf den Tisch.
-
-Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut:
-»Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und
-da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte
-sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein
-drohender.
-
-»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie
-eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«
-
-Dann ging er hinaus.
-
-Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum
-erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah,
-erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über
-die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne
-Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die
-notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor
-einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun
-alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich
-die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein
-nach Hause.
-
-Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die
-Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen
-Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch
-wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben,
-denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen.
-Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh
-erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen
-dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt
-hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch
-kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich
-selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.
-
-Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit
-zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich,
-ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich
-hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der
-Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag,
-deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch,
-das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald
-beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter
-Stimme, aber von mir sprach man nicht.
-
-Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war
-nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in
-die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu
-machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich
-hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz
-gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah,
-daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern
-gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den
-Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken
-erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun
-nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte
-ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.
-
-»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die
-sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«
-
-»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre,
-könnte ich sie um Geld bitten.«
-
-»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das
-Geld sehr gern.«
-
-Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr
-Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends
-wieder bekommen.«
-
-»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen
-Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«
-
-Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir
-vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen
-andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß
-ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.
-
-Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und
-wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der
-Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn
-ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und
-ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr,
-noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete
-ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der
-Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.
-
-Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen.
-Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein
-großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung
-ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß
-auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige
-Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir.
-Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in
-seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich;
-dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er
-hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß
-eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf
-und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht
-so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich
-mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange
-bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn,
-kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.
-
-Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich
-meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur
-anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte
-der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften
-Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich
-sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld
-bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine
-Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße
-Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und
-vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war
-ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber
-beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz
-gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin
-bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. -- Vielleicht
-konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es
-blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß:
-noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.
-
-Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde
-später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend
-zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch
-heute bin ich todmüde.«
-
-Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug
-Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise
-miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und
-warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins
-Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.
-
-Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die
-Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte
-den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des
-Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse
-sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir
-gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen
-hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon
-erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß
-ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den
-Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe?
-Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie
-die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten
-nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«
-
-Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das
-Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen
-Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke
-auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich
-fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der
-Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick
-stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich
-jetzt zu meinem Geld?«
-
-»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges
-Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie
-mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die
-Dame im Zimmer stand.
-
-»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die
-Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.
-
-»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich.
-»Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem
-Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ...
-Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht
-wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles
-Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein
-Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und
-als ich fertig war, wollte ich hinaus.
-
-Die Dame aber vertrat mir den Weg.
-
-»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis
-Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«
-
-»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja
-haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«
-
-Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur
-Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit
-ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen,
-und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.
-
-Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen
-auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit
-schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«
-
-Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht
-mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die
-ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie
-mir die Tür.
-
-Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und
-erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später
-drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich
-glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie
-elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß
-die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich
-diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an.
-Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich
-den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben?
-So fuhr ich weiter nach Langenau.
-
-Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder
-schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken
-auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich
-aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch
-mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo
-hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit
-erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine
-lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.
-
-»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.
-
-»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große
-schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.
-
-Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen
-Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in
-Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich
-sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über
-mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da
-ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich
-jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal:
-»Vielleicht morgen.«
-
-Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich
-an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem
-Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.
-
-Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse
-meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und
-die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle
-suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon
-wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und
-bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort.
-Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente,
-konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem
-Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.
-
-Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen,
-als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte
-sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem
-ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich
-fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und
-öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte,
-wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht.
-Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren
-Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es
-seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis
-fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern
-drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen
-Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam
-schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich,
-umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog
-sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue
-Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock
-einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte
-ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen;
-doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die
-Stelle annehmen möchte.
-
-Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.
-
-Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die
-Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem
-Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und
-blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den
-schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten,
-die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine
-Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los.
-Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche
-in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner
-früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das
-ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die
-Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim
-Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu
-gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl
-dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und
-ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf
-verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken
-und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der
-Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle
-starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten
-Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen -- allein.
-
-Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch
-dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig
-neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur
-Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich
-wartete ...
-
-
-
-
-Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er
-schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg
-leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich
-empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur
-eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir
-war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne
-eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben
-angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das
-mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem
-abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen
-Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war,
-und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein
-Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr
-zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und
-über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke
-gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter
-erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet,
-um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken
-mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen
-Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte
-Haltung.
-
-»Sind Sie das neue Fräulein?«
-
-Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die
-Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.
-
-»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«
-
-»Das bin ich auch.«
-
-»Sie sehen viel jünger aus.«
-
-Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide.
-Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große
-stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da
-es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie
-so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde
-nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich
-beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen,
-führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge
-machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und
-prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer,
-hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht.
-Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf
-derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner
-Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das
-die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und
-dergleichen.
-
-Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und
-versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten
-folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie
-antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich
-steckten.
-
-»Wo seid ihr?«
-
-»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende
-Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines
-Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte
-sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die
-dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien,
-schritt ich hinein.
-
-In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein
-vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und
-die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte
-mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand
-mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und
-setzte mich auf seine Aufforderung.
-
-Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen
-Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des
-Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer
-feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen
-plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet,
-von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten.
-Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf
-nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch
-oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur
-halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen
-Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln,
-das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern
-verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese.
-
-»Keine.«
-
-Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.
-
-»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«
-
-Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich
-sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket
-mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.
-
-»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu
-Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine
-Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf.
-Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der
-Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer,
-der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder
-vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem
-Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben
-Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter,
-sobald er mich traf. Ich bejahte es.
-
-»Auch die kleine Geschichte Morgan?«
-
-»Ja.«
-
-»Gefiel sie Ihnen?«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch
-die wogenden Kornfelder geht.«
-
-»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«
-
-»Warum das?«
-
-»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«
-
-Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen
-Hut tief über die Stirne und lächelte. --
-
-Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die
-Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke
-fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und
-er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte
-Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner
-Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich
-stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing
-ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all
-den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt
-hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. -- Und etwas, das die
-ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete
-sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage
-nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht,
-schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder
-ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen
-und mit denen ich nicht wußte, was zu tun -- Bilder, die ich schön und
-seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich
-vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch
-nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster
-Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße
-Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien
-erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann
-zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes
-Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?«
-frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir
-vorbei.
-
-»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«
-
-»Warum?«
-
-Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe,
-die im Schafspelze herumlaufen.«
-
-»Das verstehe ich nicht.«
-
-»Nicht?«
-
-»Nein.«
-
-»Ich will Sie warnen.«
-
-»Vor wem?«
-
-»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen
-schenken.«
-
-»Wen meinen Sie?«
-
-»Mich.«
-
-Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren
-Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf.
-
-»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«
-
-Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus.
-
-»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm
-unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den
-Weg käme.«
-
-Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien,
-und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang
-nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor
-mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher
-durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang.
-Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines
-Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch
-nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte,
-jubelte noch. --
-
-»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause.
-
-»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«
-
-»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?«
-
-Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort.
-
-»Darf ich?« frug ich noch einmal.
-
-»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen.
-
-»Und Sie werden mir zurückschreiben?«
-
-Er zögerte wieder und länger als zuvor.
-
-»Ich glaube nicht -- das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr
-viel.«
-
-»Nur manches Mal und nie sehr viel?«
-
-»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«
-
-»Unter welcher Bedingung?«
-
-»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil es Ihretwegen besser ist.«
-
-»Warum meinetwegen?«
-
-Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf.
-
-»Sie sind feige.«
-
-Darauf zuckte er mit den Achseln.
-
-»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran
-hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. -- Es ist
-nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun,
-was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen,
-und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine
-Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«
-
-»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«
-
-»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«
-
-»Aber ich mache mir nichts daraus.«
-
-»Aber ich.«
-
-»Also doch Ihretwegen.«
-
-»Nein Ihretwegen.«
-
-Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam
-mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst
-schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den
-ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte,
-er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen
-einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem
-andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines
-Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts
-anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen
-Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher,
-vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid
-in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine
-Eltern? Arm -- bitterlich arm.
-
-»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«
-
-»Das können Sie nicht.«
-
-Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.
-
-»Warum kann ich das nicht?«
-
-»Weil Sie mich brauchen.«
-
-Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch
-bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt
-kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles,
-was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich
-hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als
-es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene
-Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten
-und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und
-Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach
-Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten.
-Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein
-feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit
-einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und
-plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem
-Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen
-mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los
-zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die
-Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter,
-angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen.
-Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die
-rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.
-
-Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem
-unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz,
-ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all
-die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte
-ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und
-meine Mutter gequält gelächelt hätte. -- Und plötzlich befand ich mich
-wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen
-hatten ...
-
-»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die
-am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich
-und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme
-ausstreckte, wie mich daran zu klammern.
-
-
-
-
-Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte
-beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch
-enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer
-nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal
-ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer
-eigentümlichen Weise erbeben.
-
-Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine
-Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich
-höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er,
-»nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen,
-worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine
-Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so
-antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht
-zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie
-für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen
-wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein
-großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein
-mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie
-sie kleiden. -- Hier« -- er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche --
-»können Sie genau sehen, was ich meine.«
-
-Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte
-aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er,
-doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:
-
-»Den Gedichten fehlt jede Form.«
-
-»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine
-Form haben?«
-
-»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«
-
-Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen
-wie:
-
-»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß
-zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese
-viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«
-
-Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das
-fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas
-in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort,
-das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch
-einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging,
-von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte,
-nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten.
-Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig
-oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher,
-ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen
-Sprache, denn -- und nun lächelte er wieder gütig -- Sie machen in Ihren
-Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine
-Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was
-Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«
-
-Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends
-durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die
-Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten
-müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts
-dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete
-in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich
-ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich
-schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«
-
-»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«
-
-Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie
-aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin
-enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden
-Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«
-
-»Wie wissen Sie das?«
-
-»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt,
-so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten
-finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr;
-doch plötzlich erwachte mein Trotz.
-
-»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«
-
-»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen
-bleiben?«
-
-Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu
-sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders
-die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das
-eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug,
-was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens
-schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde
-einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:
-
- Am goldenen Rocken,
- Aus Dunkel und Licht,
- Ohn' Säumen und Stocken,
- Horch, fühlst du es nicht?
- Still sachte und leise
- Nach ewiger Weise
- Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.
-
- Mit ruhigen Zügen
- Und offenem Haar
- Die Göttinnen fügen,
- Nur Himmlischen klar,
- Süßholder Gefühle
- Liebreizende Spiele
- Im menschlichen Busen uns wunderbar.
-
- Und wirken und weben,
- O, sorget euch nicht!
- Noch während wir beben,
- Schon knüpfen sie Licht,
- Und ziehn uns die Säume
- Frohglänzender Träume
- Um's tränenbefeuchtete Angesicht.
-
-»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes _Gedicht_, und ich gratuliere
-Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit
-einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder
-Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu
-werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich
-ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten
-Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.
-
-Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann
-mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem
-Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog -- und fortfliegen
-würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in
-die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine
-heiße Angst. -- Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern
-zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle
-Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche
-Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete
--- diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und
-das Herz zum Zittern brachte -- dieses rasche, süße Aufquellen einer
-unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. -- Und
-dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas,
-das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein,
-gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den
-jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle
-Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.
-
-
-
-
-Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein
-mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast
-jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine
-Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er
-hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das
-er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war
-verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst.
-Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und
-schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar
-nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich
-nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig
-streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen
-auflehnte.
-
-Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war
-ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und
-trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da
-war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz
-begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten
-und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich
-mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht.
-»Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu
-grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt
-hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung,
-die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten
-verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein
-paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und
-ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und
-Traurigkeit. Das also war mein Freund. -- Sobald ich die Kinder zu Bette
-gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat,
-mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte,
-zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt
-herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich
-dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt,
-nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich,
-nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt,
-einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit
-und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich
-es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.
-
-»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend.
-Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner
-Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein
-Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig
-an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,«
-sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«
-
-Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:
-
-»Niemals.«
-
-»Aber es sind meine Briefe.«
-
-»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«
-
-Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und
-die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir
-zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang
-ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine
-Uhr.
-
-»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«
-
-Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich
-ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt
-mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. --
-
-Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine,
-vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht
-seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in
-liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes
-Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht
-schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der
-nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon
-führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso
-geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung
-zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen
-und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren
-Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und
-bald kamen wir ins Plaudern.
-
-»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach
-aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen.
-Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht
-entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie
-einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles
-andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger
-strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich
-gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.
-
-Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten
-Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die
-Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte
-ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und
-ganz leise mein Leid geklagt. --
-
-Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern
-mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den
-Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in
-einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser
-Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren,
-während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge
-geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung
-zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner
-Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen
-Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies;
-aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war,
-die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund
-zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig
-wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und
-zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.
-
-»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
-
-»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.
-
-»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«
-
-»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese
-Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.
-
-»Gewiß, wann immer Sie wollen.«
-
-Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber
-war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn
-um Geld bitten? -- Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein,
-und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest
-entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich
-den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem
-Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die
-ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten
-Zeit. -- Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß
-ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach
-Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und
-weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich
-vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde
-später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn
-noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag
-meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit
-ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte,
-erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß,
-keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? -- Er war
-ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte
-ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen
-können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen,
-schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude,
-daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo
-er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder
-Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu
-wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so
-leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er
-hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe
-aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand
-und sagte kein Wort.
-
-Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich
-fragend an.
-
-»Sprechen Sie,« sagte er endlich.
-
-In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine
-Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn,
-daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse
-mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich
-ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich
-befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich
-mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte
-das gütige Lächeln.
-
-»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken
-hinein.
-
-»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.
-
-»Wieviel?« drängte er.
-
-»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß
-hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei.
-
-Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und
-sah mich bittend an.
-
-»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten
-wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie
-brauchen ...«
-
-Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit
-einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.
-
-»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«
-
-»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen
-jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in
-jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden
-müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm,
-legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ...
-gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.
-
-Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn
-öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. --
-
-Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose
-Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger
-und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen
-Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach
-wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der
-Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er
-noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus
-seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden
-noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging,
-daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine
-Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das
-mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte,
-bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer
-bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte
-Freundschaft war wiederhergestellt.
-
-Heimlich aber war ich unzufrieden.
-
-»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein
-jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste
-Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«
-
-Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und
-oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen
-Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er
-täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn
-dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in
-mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis
-zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins
-zusammenflossen und mir die Augen zusanken. --
-
-Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer
-konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine
-halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war
-das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte
-heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen
-lassen und endlich -- endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er
-sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir
-von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten
-Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich
-hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und
-mein Herz wußte nur von einem Wunsche. -- Er braucht ja sein Betragen mir
-gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß
-er mich liebt. -- Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich
-stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich
-mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so
-viel für mich?«
-
-Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. --
-»Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.
-
-»Ist das alles?« frug ich ihn.
-
-»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. --
-Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz
-klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die
-mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual
-gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in
-mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase
-hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß
-ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«
-
-Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen
-gekehrt und maß kommende Jahre, -- Jahre, in denen wir uns gegenseitig
-alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in
-denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden
-leiden würde ...
-
-»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.
-
-»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die
-Hände. --
-
-Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die
-kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer
-halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher
-genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in
-denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich
-jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen
-seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in
-denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich
-die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich
-mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur
-vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...
-
-In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich
-absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach
-bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm
-ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte
-mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und
-langsam gekommen waren. -- Wohin sollte das führen? -- Ich dachte an die
-tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. -- Würden wir
-unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die
-spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten
-totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht?
-Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein
-Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich
-aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein
-Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal
-unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn
-sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues,
-verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine
-Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich
-alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte
-die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag,
-korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen
-Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den
-Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern
-immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein
-Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...
-
-Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin
-mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was
-ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der
-Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu
-lernen.«
-
-Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung.
-»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich
-eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und -- noch zögernder --
-fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide,
-daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten,
-erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.
-
-»Wohin?« frug er endlich.
-
-Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ...
-Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach
-hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig
-gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag
-in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht.
-Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen,
-und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische
-Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen
-können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von
-ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von
-dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen,
-verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom
-seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang
-aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...
-
-»Wohin?« frug er noch einmal.
-
-Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage
-überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten,
-lächelte ich.
-
-»Nach England.«
-
-»Warum nach England?«
-
-»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen
-möchte.«
-
-»Haben Sie in London Bekannte?«
-
-»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das
-Reisegeld.«
-
-Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.
-
-»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« --
-
-Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine
-schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im
-Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede
-Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu
-Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als
-man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war
-viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde
-erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest
-zum zweiten Male.
-
-
-
-
-Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den
-veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie
-wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber
-bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick
-dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand
-nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen,
-einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch
-und hatte weder Luft noch Licht.
-
-Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich
-nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin
-für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen
-würde.
-
-Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf
-eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir
-mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun
-hörte ich es wieder.
-
-»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich.
-
-»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja
-mit einem der Kinder schlafen.«
-
-»Wo sind denn die Kinder?«
-
-»Fort, Geld verdienen.«
-
-»Womit?«
-
-»Sie tragen Zeitungen aus.«
-
-»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.«
-
-»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.«
-
-Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich
-nicht gesund werden.«
-
-»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte
-mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann
-können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er
-einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen
-Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu
-dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es
-wird schon vorbeigehen.«
-
-Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war
-und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir,
-doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer
-Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder
-und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte,
-ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.
-
-»Wer?«
-
-»Karl.«
-
-Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig.
-
-»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit
-keine Stelle.«
-
-»Wo ist er denn?«
-
-»Er lebt natürlich mit uns.«
-
-Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die
-Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«
-
-Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie
-ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete,
-auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es
-anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem
-Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und
-hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing
-wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren
-ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte
-ihm die Hand.
-
-»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er
-früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr
-gefallen wird.«
-
-»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas
-Ordnung ins Haus zu bringen.«
-
-»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du
-denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben
-würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten
-Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«
-
-Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters
-Stirne stehen. -- »Du!« rief er.
-
-»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.
-
-Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater.
-»Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein
-Wort.«
-
-»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände
-sinken und schritt rasch hinaus.
-
-»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in
-dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem
-Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in
-diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre
-fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen
-zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und
-ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit
-hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so
-etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich,
-trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten
-unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo
-in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein
-Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen
-sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider
-enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume
-bis an den Himmel reichten. -- Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht
-eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir
-ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie
-ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie
-sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein
-Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an
-einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe,
-und ich habe eine Krone für jeden.«
-
-»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber
-hast.«
-
-Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht
-erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner
-Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre
-der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund
-dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich
-nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich
-dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein
-gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich
-einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so
-trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein --
-der große Mensch ist ja immer allein -- meine Aufgabe vollbringen.«
-
-Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem
-Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater
-geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm
-doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für
-heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein
-Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.
-
-Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die
-Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald
-aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder
-Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde
-war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge,
-dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir
-noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt
-unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid
-und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein
-mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten,
-leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb
-und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ,
-aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte,
-daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und
-nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben.
-Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn
-nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine
-Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet.
-Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital
-geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja
-antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er
-zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er
-ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin
-gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. --
-
-Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich
-nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen,
-nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen
-halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. --
-
-Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem
-das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und
-rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.
-
-»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie
-brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten
-sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei
-er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten
-abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts
-einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit
-geballten Fäusten vor ihn hin.
-
-»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in
-eine schreckliche Wut.
-
-»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere
-verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr
-allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie
-sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin,
-weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?«
-schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit
-mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,«
-sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt
-eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr
-ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus
-ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«
-
-Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn,
-die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut
-griff und verschwand.
-
-Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel
-als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied.
-
-»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue
-Schürze vorband.
-
-»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen
-Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm
-diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß,
-daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen
-und beobachtete ihn.
-
-»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich
-eigentlich gehen soll?«
-
-»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.«
-
-»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«
-
-»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche
-getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.«
-
-Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr
-dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu
-können, erfüllte mich mit Entzücken.
-
-»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen am Kopf, »der
-Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten;
-doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.«
-
-»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«
-
-»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du
-fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon
-sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen
-wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die
-Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem
-Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte
-den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille
-Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine,
-würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum
-tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen,
-ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.
-
-Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun
-geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich,
-und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten
-Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich
-konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir
-immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser
-wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück.
-Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich
-bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte
-beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle,
-zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen
-war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.
-
-Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte,
-zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte
-ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer,
-die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb
-hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte
-Schwäche mich wieder befiel. -- Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam,
-setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen
-Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein
-Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn
-Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße
-Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich
-aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß
-trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit
-trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur
-ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere
-Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht
-und hätte überhaupt das alles nie begriffen. -- So litt ich weiter und
-litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche
-Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun
-gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein
-köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über
-die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal
-in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen
-Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. -- Der
-Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer,
-der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens.
-Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame
-Ruhe. --
-
-»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu
-meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja
-mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß
-bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du
-willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise,
-»wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich
-zuckte mit keiner Wimper.
-
-»Nein, ich will nach England.«
-
-Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer
-schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder
-den vorigen Ausdruck an.
-
-»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme
-aller Hoffnungslosen. --
-
-Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In
-zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat
-ich ihn um das Reisegeld nach England. -- Zwei Tage später kam sein Brief.
-Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim
-Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal
-sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles
-in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so
-schwer errungenen Sieg.
-
-
-
-
-London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer
-liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu
-gleicher Zeit. -- Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne
-jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem
-allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen
-durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine
-Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. -- Aber
-wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines
-Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des
-Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in
-einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde
-ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim
-Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da
-war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen
-und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube
-liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden
-Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert
-und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision.
-Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir
-lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und
-tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern
-endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr
-auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der
-Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen,
-so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit
-Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden
-Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische
-Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe
-bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den
-Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen
-der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die
-alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die
-Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich
-mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen
-also eine Stelle?« frug sie.
-
-»Ja.«
-
-»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«
-
-»Ja.«
-
-»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim;
-doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben
-Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu
-können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten
-zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht
-daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.«
-
-Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt
-hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war
-ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen
-Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der
-Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem
-eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte
-ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt
-und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige
-Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht
-Betten.
-
-»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.
-
-»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach
-füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot
-läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem
-Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes
-Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig
-zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte.
-Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse
-wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal
-ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen
-Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich)
-in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen
-Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger
-Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die
-Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!«
-
-Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll
-neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie
-sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend
-nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das
-Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine
-Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten
-unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren
-Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen
-aus der Schweiz.
-
-»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand.
-
-Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem
-Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei
-oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir
-selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie
-hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht
-war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen
-konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an
-mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden
-könnte.
-
-»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«
-
-»Das ist mir alles eins.«
-
-»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas
-bekommen.«
-
-Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen
-Mädchen am besten.
-
-Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin
-ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer
-Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen
-Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre
-Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht
-werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel
-zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich
-lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die
-Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen,
-festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen
-einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen,
-und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit
-andächtigen Gedanken ...
-
-Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich
-merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet.
-
-Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis
-gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern
-mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester
-soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel
-des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den
-großen Zehen seines rechten Fußes.«
-
-Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für
-unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages
-frei.
-
-Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die
-Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um
-eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem
-Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.
-
-»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine
-Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für
-Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht
-vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es
-kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit
-die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich
-will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich
-bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit
-er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das
-versprechen?«
-
-Ich versprach alles.
-
-»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden
-können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen
-Familie aufgenommen werden.«
-
-Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als
-ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und
-meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf.
-Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf
-sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre
-Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl
-ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß
-sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur
-ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten
-sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer
-Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig
-seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln
-wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem
-sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem
-bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche
-Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte
-ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern
-Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden,
-ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im
-geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte
-ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte
-ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.
-
-»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie
-mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten
-alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich
-aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie
-vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.«
-
-»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.
-
-Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.
-
-»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?«
-
-»Natürlich.«
-
-Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines
-der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und
-wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem
-Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
-
-»Aber was soll ich denn tun?«
-
-»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich
-hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten,
-und sie sprachen nichts mehr zu mir.
-
-Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten in ihren Körben und
-Koffern nach einem Paar Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem
-reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.
-
-Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; ich hielt mich auf der
-Straße hinter den Mädchen, weil ich dachte, sie schämten sich meiner.
-Die Bemerkung der einen aber, sie könne es mir schriftlich geben, daß
-ich in meinem Aufzuge keine Stelle bekommen würde, verfolgte und peinigte
-mich, da ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich nicht die
-Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Und das wollte
-ich auf keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten von der
-Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich zu schreiben, sobald
-ich über die Verhältnisse etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken
-beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger Aufmerksamkeit, nur
-einmal, als wir über eine mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und
-betrachtete entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, dergleichen ich
-früher nie gesehen hatte. Es waren Möwen. -- Nach vielem Herumwandern,
-das mich recht müde machte und mir meine Schmerzen in den Knien in
-Erinnerung brachte, hielten die Mädchen vor einem großen Hause und
-drängten sich hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, war ziemlich
-geräumig, und auf den Stühlen und Bänken saßen Mädchen, die
-anscheinend auch Stelle suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame
-und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig in großen Büchern
-schrieben. Die Mädchen wurden der Reihe nach vorgerufen, und nachdem
-diejenigen, die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, gegangen
-waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine trat zuerst vor und setzte sich
-mit sehr viel Würde auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die
-Frage der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug Zeit läßt,
-meine Bekannten bei mir und außerhalb des Hauses zu sehen; ferner
-übernehme ich nur ein Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf
-Jahre sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische machte eifrige
-Notizen. Die ältere lächelte freundlich und erklärte, daß sie gerade
-nichts Passendes hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit einem
-Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, was sie wolle und was sie
-nicht wolle. Auch ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt,
-daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen war und keine etwas
-bekommen hatte, verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, als ob ich
-gar nicht da wäre.
-
-Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und begab mich nun auch zum
-Schreibtisch.
-
-»Sie sind wohl erst angekommen?«
-
-»Gestern.«
-
-»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, weil Sie so blaß
-aussehen.«
-
-»Ich bin immer blaß.«
-
-»Welches sind Ihre Ansprüche?«
-
-»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur recht bald irgendeine
-Stelle haben.«
-
-»Besitzen Sie Zeugnisse?«
-
-Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch.
-Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie
-Hausarbeit scheuen?«
-
-»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich.
-Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile
-darin.
-
-»Würden Sie aufs Land gehen?«
-
-»Mit größtem Vergnügen.«
-
-Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.
-
-»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein
-Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten
-im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre
-vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin
-da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?«
-
-Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich
-glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten.
-
-»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie
-warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.«
-
-Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren
-Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde.
-Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig
-Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört
-hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre
-Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für
-meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum
-Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog
-sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich,
-und ich verneinte der Wahrheit gemäß.
-
-»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen
-steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor
-einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich
-erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen
-bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich
-fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem
-der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand
-auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben
-und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte
-sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim.
-
-Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von
-meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht,
-es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des
-Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann
-in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen
-Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen
-war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie
-erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich
-erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder
-die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas
-könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu
-gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson.
-
-
-
-
-Der kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt ungefähr zwei Stunden von
-London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe
-ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern
-Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder
-brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das
-mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen
-Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das
-schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer
-Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem
-weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl.
-Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin
-aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten.
-Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen
-Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und
-ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum
-brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den
-Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen
-Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es
-war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich
-mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit
-des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als
-Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam,
-weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte
-auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von
-einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge
-reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte
-Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand
-diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.
-
-»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn
-wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und
-der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. --
-
-Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie
-die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber
-kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar
-beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr
-oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir
-gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer
-Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge
-Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr
-wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern,
-die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben
-verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch
-über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen,
-ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu
-erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und
-lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal
-so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein
-und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder,
-unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen
-Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder
-bürstete noch einmal so rasch wie sie ...
-
-So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer
-glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde.
-Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir.
-Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde
-läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet
-würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf
-in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das
-Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit
-einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang
-herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die
-Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen
-haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren
-die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ...
-
-Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes
-gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein
-ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen,
-wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch
-englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere
-Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen
-der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte,
-schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit
-großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend
-bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.
-
-Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über
-das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand.
-Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher
-Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften
-einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren
-Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner
-Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte
-und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie
-klar. --
-
-Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß
-vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da
-»Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange,
-dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche
-Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte
-dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte.
-Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach.
-Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das
-eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. --
-
-Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die
-Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald
-die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag.
-
-»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.
-
-»Gewiß nicht!« sagte ich.
-
-Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit
-verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen
-wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren
-Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein
-Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin
-zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise
-sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein
-Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute
-mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht
-tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als
-ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan
-war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte
-ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten,
-niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So,
-während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht,
-und ich nannte es »Ruby«.
-
-Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm
-vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich
-nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke,
-die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus,
-und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel
-mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften
-Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer.
-Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache,
-die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug
-ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:
-
- =When I consider how my light is spent
- E're half my days, in this dark world and wide
- And that one talent which is death to hide
- Lodg'd with me useles though my soul more bent
- To serve therewith my Maker and present
- My true account, least he returning chide.
- Doth God exact day-labour, light deny'd
- I fondly ask; but patience to prevent
- That murmur soon replies: God doth not need
- Either man's work or his own gifts. Who best
- Bear his mild yoke, they serve him best. His State
- Is Kingly. Thousands at his bidding speed
- And post o'er Land and Ocean without rest;
- They also serve who only stand and wait.=
-
-Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares
-Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein
-größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte
-von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag,
-an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen
-Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte
-durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich
-blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht
-stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach
-dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle
-wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:
-
- =Ah! Love was never yet without
- The pang, the agony, the doubt ...=
-
-und dann einige Zeilen weiter:
-
- =That Love had arrows well I knew
- Alas! I find them poison'd too.=
-
-Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches
-mir im übrigen gar nicht gefiel.
-
-In Keats war mein Lieblingsgedicht:
-
- =I had a dove und the sweet dove died
- And I had thought it died of grieving:
- O, what could it grieve for? its feed were tied
- With a silken thread of my own hands weaving;
- Sweet little red feet! why should you die?
- Why should you leave me, sweet bird, why?
- You lived alone in the forest-tree,
- Why, pretty thing! would you not live with me?=
-
-Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und ich sagte es immer
-leise vor mir her, wenn ich die Wäsche wusch oder den Boden scheuerte.
-Überhaupt ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung,
-die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. Der Gang eines Gedichtes
-hat für mich etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die Süßigkeit,
-die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile auf mich strömt, noch in
-keiner anderen Form der Dinge gefunden.
-
-In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein Freund hatte mir in den
-ersten Monaten meines Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben,
-doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. Manchmal ließ er mich
-monatelang auf die Beantwortung meiner Briefe warten, und ich dachte,
-er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich dann in solchen Stunden
-empfand, kann ich nimmer beschreiben; wie ich täglich und stündlich
-seine Nähe fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, auf etwas
-Wunderbares wartete, das ihn mir bringen sollte. In diesem Glauben ging ich
-so weit, daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, weil ich meinte,
-er sei da ... Doch er war es nie ...
-
-Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine Einladung nach Schottland
-bekommen, könne mich aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,«
-fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts von London gesehen haben, Sie
-sich die Stadt ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie dazu
-für die paar Wochen in das Heim gingen. Selbstverständlich trage ich die
-Kosten hierfür.«
-
-»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.
-
-»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes Heim, und ich bin überzeugt,
-daß Sie dort gut aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden.
-Die Vorbereitungen zur Abreise wurden noch am selben Tage getroffen, und am
-nächsten Tage brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und empfahl mich
-der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.
-
-Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den acht Betten. Ich kannte keines
-der Mädchen und bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu
-lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, wartete meiner eine
-Überraschung. Jemand rief meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber
-und fragte mich, wer das sein könne; welches der Mädchen mich denn kennen
-könnte. Diejenige, die mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei
-Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen Sie doch!« rief sie
-lebhaft. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und
-glaubte schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf einmal
-einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere Bettnachbarin, das Mädchen mit
-den großen glänzenden Augen und dem reichen braunen Haar. Es freute mich
-nun doch, daß mich hier jemand kannte und begrüßte. »Suchen Sie eine
-Stelle?« frug ich einmal während des Essens. »Nein,« antwortete
-sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß sie deutsche
-Korrespondentin sei.
-
-Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, daß Sie es hier
-aushalten können.« »Warum?« frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf
-sie erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.
-
-»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«
-
-»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich an vieles gewöhnen,«
-und als sie das sagte, wurde ihr Gesicht sehr traurig.
-
-Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das
-Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in
-denen das Mädchen neben mir sang.
-
-Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu
-gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim
-nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem
-Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich
-entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen
-Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen
-geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir
-etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum
-empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich
-die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich
-jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind,
-um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu
-können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die
-hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch
-ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien
-befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche
-empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese
-Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den
-steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank
-lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe
-zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken
-zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute
-dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen
-Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune
-Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue
-Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt -- daß Gott noch an der
-Schöpfung arbeitet -- daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht
-sind.
-
-Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls
-Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes
-Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs
-aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute
-durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren
-Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen
-zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem
-einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen
-beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.«
-Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben
-und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf
-gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im
-Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch
-zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte
-Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber
-nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen.
-Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie
-den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte,
-machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die
-dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank
-und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete,
-daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft
-wurden. -- Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter
-darüberhin! --
-
-Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück,
-von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet.
-Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich
-nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich
-zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen
-konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich
-überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd
-zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich
-schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber.
-Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes
-Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde
-ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin
-bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich
-lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser
-vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann
-von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum
-Schluß weinte sie.
-
-»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach
-Paris ging.«
-
-Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen.
-
-»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?«
-
-»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel -- zu viel.«
-
-Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und
-einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen
-Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und
-ihr Lächeln ein gezwungenes war.
-
-An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin
-sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich
-das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin
-ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie
-wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner
-Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne
-sie zu vollenden.
-
-»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.
-
-»Ja.«
-
-»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich bei diesen Worten
-über ihre Hand.
-
-»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie ich noch nie einen
-Menschen hatte reden hören. Dann schloß sie ihre großen, glänzenden
-Augen, und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen Worte zu
-hören, erzählte sie mir eine sehr traurige Geschichte. Als sie geendet,
-weinten wir beide.
-
-»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« frug ich endlich.
-
-»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.
-
-»Und lebt es?«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. »Wie ist das möglich,
-Sie wissen nicht, ob Ihr Kind lebt oder nicht?«
-
-Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, und mein Mitleid quoll
-empor. »Sagen Sie mir alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht
-erleichtert es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir alles; wie der Mann
-sich nicht mehr um sie gekümmert, wie sie neun Monate lang gehungert
-hatte, um ihr Kindchen bei sich haben zu können, -- wie sie endlich krank
-wurde und das Kind fortgab, um es vor dem Hungertode zu schützen. Während
-der Erzählung flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und
-ich streichelte ihre Hände.
-
-»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise.
-
-Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris
-ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder
-einen Namen nennen zu müssen.«
-
-»Und dorthin --?«
-
-Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett.
-
-»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein -- Nun können Sie ja das Kind nie
-mehr finden.«
-
-Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen.
-Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das
-Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«
-
-Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir
-hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen
-wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben
-mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich
-beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich
-nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf
-meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich
-fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines
-Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen,
-glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar
-meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und
-an dem Reifen hing eine Nummer....
-
-
-
-
-Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich
-die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft
-an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe
-zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer
-wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld
-zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das
-nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn
-erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit
-hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu
-Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr
-zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie
-wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben
-hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück
-zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches
-Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über
-die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser
-Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir
-nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten
-Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen
-erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des
-Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich.
-
-Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu
-suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte
-mich von keinem Penny trennen.
-
-Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen
-Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und
-dergleichen.
-
-Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer
-Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so
-schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie
-wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich
-so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern,
-und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben
-und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den
-Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich
-dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag
-für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie
-entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und
-Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das
-immer sagte:
-
-»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts.
-
-Ein Monat verging nach dem andern, und ich fühlte mich oft körperlich
-recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich
-verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller
-Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der
-Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er
-heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ...
-
-Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in
-denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit
-spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich
-fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort
-von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu
-lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? --
-Gewollt? -- Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen
-dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort
-wolltest, warum bist du denn gegangen?« -- Und ganz urplötzlich wußte
-ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine
-neue Qual. -- So im Hader mit mir selbst verging die Zeit.
-
-Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem
-ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen
-Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich
-waren. -- Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen
-und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort
-waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die
-sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich
-wiederkommen?« -- Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen
-die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so
-wunderbar, -- und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und
-als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es,
-und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte
-die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein
-eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach
-und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu
-haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff
-mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer
-nicht übergeben wollte.
-
-In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen
-Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine
-Gestalt überragte die größten unter ihnen.
-
-»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige
-Lächeln und den besorgten Blick. -- »Ja, ich glaube,« sagte ich. -- Und
-dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche
-die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so
-sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. --
-
-Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem
-persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken
-hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und
-ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder
-Schmerz nicht ganz verbergen konnte.
-
-Aber von diesen Zeilen lebten wir -- ich wenigstens. -- An diesen Zeilen
-hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und
-alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur
-Pflicht zu überreden.
-
-Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem
-Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren,
-und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem
-Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich
-des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein
-Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer
-so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch
-irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die
-Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch
-eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu
-wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich
-dachte.
-
-Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland
-in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen.
-Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir,
-daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen
-ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem
-Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei
-bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im
-ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem
-Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen
-würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte.
-
-So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen
-Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer
-zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich
-stieg die Treppe schluchzend hinab.
-
-In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich
-auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun
-wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht
-tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem
-ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die
-Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen
-Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit
-in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so
-dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. -- Was für eine
-Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen,
-die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz
-gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich
-machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu
-können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »=under nurse= sein?« Ich
-hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen
-Begriff machen.
-
-»Was ist das?«
-
-»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich
-genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die =head nurse= eine
-Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.«
-
-Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab.
-
-»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst
-hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut,
-gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir
-die Adresse und ich machte mich auf den Weg.
-
-Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich
-an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein
-nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann,
-im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen
-Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr
-lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich.
-Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse,
-ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die
-=nurse= gesehen hätte. Da aber die =nurse= mit den Kindern ausgegangen
-sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß
-mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der
-=nurse= gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen.
-Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben
-waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten.
-Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die =nurse= vermutete,
-versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem
-Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die
-schützende Weite suchten. Die =nurse= stellte den Stock wieder vorsichtig
-in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu.
-Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich
-wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann,
-was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach.
-Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte
-ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.
-
-Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung
-einer »=under nurse=« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun
-bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier
-Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ
-mich das fühlen.
-
-Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das
-Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten
-und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle
-möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen
-und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch
-schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich
-mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und
-biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow
-dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht;
-sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt
-hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen
-im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin.
-Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte,
-wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit
-machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein
-Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So
-oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war
-sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne
-Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie
-am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von
-dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit
-keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in
-der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und
-wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in
-der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser
-Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern
-und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu
-erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten
-und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht
-haben ...
-
-Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das
-Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war
-sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu
-mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so
-zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem
-Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was
-haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß
-sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für
-Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen
-Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen
-Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und
-doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem
-die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend
-glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug.
-
-»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen,
-»sicher, er wird wieder gesund.«
-
-»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren
-tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin
-löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ...
-
-Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend
-wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem
-Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei
-sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen
-halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder....
-
-Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich
-eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief
-war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch
-etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten
-Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner
-Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von
-Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er
-Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle
-mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu
-widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich
-ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig
-für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen.
-
-An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und
-ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines
-Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen.
-»Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es
-ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil
-ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen
-fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie
-daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr
-ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir
-hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder
-einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner
-=boardinghouse= zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld
-schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen,
-um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ...
-Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren
-auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit
-aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken
-an die Zukunft ab und lernte ...
-
-In dem =boardinghouse= ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste
-gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen.
-Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den
-Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode
-geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick
-geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein
-blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in
-England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm
-ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte,
-wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über
-das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie
-bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte.
-
-Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte
-ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner
-Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der
-Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später
-erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft
-das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen,
-und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine
-Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte
-eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte
-und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann
-nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune
-verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft
-drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie
-jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie
-vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei.
-
-Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen
-gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir
-dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich
-hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz
-unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So
-hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch
-länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte,
-das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte.
-
-Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen
-und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag
-schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und
-schüttelte sich vor Lachen.
-
-»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem
-Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das
-ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«
-
-Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein
-französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich.
-
-»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.«
-
-»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein.
-
-»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett
-und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts
-weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu.
-Darauf lachte sie überlaut.
-
-»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum
-erwarten.«
-
-»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie
-noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das
-nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich
-wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.
-
-Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am
-nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet
-hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende
-Londons ein anderes Zimmer.
-
-Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem
-Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt,
-es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu
-benutzen.
-
-Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den
-grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später
-unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber
-nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke
-stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte.
-Ich befand mich wie unter einem Zauber -- wie unter der persönlichen
-Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten -- und
-längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von
-einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und
-sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum.
-Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich
-plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir
-ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil
-ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann
-rasch und trat hinaus. -- Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine
-andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen,
-wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein
-ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen
-sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich
-inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes
-Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es
-standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche
-selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz
-der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der
-Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in
-ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und
-dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später
-die Westminster-Abtei besuchte -- und ich tat das sehr oft --, brachte ich
-erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von
-dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen
-berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen
-herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte
-ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt
-hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten.
-Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte,
-weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich
-oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.
-
-Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden Beschaulichkeit
-abgesehen, war jeder Tag ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe
-fehlen, die englische Sprache gründlich zu erlernen und dichtete seit
-einiger Zeit auch schon englische Gedichte, die, wenn sie mir auch
-die Dankbarkeit der Engländer nie erringen werden, mir große Freude
-bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber seine Anerkennung aus
-und fragte mich nun öfters, was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte,
-ob ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. Auf diese Fragen
-antwortete ich aber nie, und als endlich die Zeit kam, in der ich darauf
-antworten mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus überfiel,
-als er seinen Meister verleugnete. »Denken Sie, daß ich zurückkommen
-darf?« so frug ich ihn. Später trug ich den Brief zur Post, und als ich
-zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine alten Teufel. »Ist etwas,
-das gut ist, nicht fraglos, nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?«
-In allen Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und neben diesem
-Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag der Nacht. Die Tage schlichen
-meiner zitternden Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche Angst
-vor irgendetwas Unbekanntem. Was wird er schreiben? Und wann wird er
-schreiben? So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, endlich kam
-sein Brief. Er stak in einem blauen Umschlag und wog schwer in meiner Hand.
-Ich konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen und wünschte
-fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. Endlich aber las ich ihn, und ich
-las ihn lange ... Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken
-ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich um. Alle meine
-Teufel waren fort; alle Angst, alle Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie
-eine Wolke hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein Gefühl auf,
-dem ich noch keinen Namen geben konnte, das wie ein vom Traum Erwachter
-in mir herumschwankte und sich endlich mit festem Druck gegen meinen Hals
-stemmte.
-
-Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht auf die Arme, und so saß
-ich lange. Als es dunkel und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem
-Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal in der Nacht setzte ich
-mich auf und entzündete eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe
-an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.
-
-»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, wie es geworden wäre,
-wenn Sie aber wiederkommen, so weiß ich ja, wie es werden wird ... Nur
-ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind kein gewöhnliches Mädchen.
-Sie gehören dem Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ...
-Und weil ich das begriffen hatte, schon als ich zum ersten Male mit Ihnen
-sprach, habe ich getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan
-habe; die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... und
-ausgelacht ...«
-
-Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still in meinem Bett ... Das
-also war das Ende ... Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken
-zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das holdeste Wunder des
-Lebens zu mir kam, und jeder Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen.
-Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das er mir geschenkt
-hatte, sich wie ein glühender Stempel in meine Seele preßte und empfand
-noch einmal alle Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... Und
-ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans und an sein junges Weib ...
-Ein ungleiches Ende, aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher
-für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem Weibe oder zu seinem
-schönsten Traume und zu seiner dauernden Sehnsucht macht? --
-
-Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, begriff ich nun auch.
-»Ja,« sagte ich, und ich sagte es ganz laut in das dunkle Zimmer:
-»Unzufrieden, unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft befreit und
-morgen an eine andere gekettet, wird er durch das Leben taumeln ...
-Ewig verlangend, sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden Ekel
-kosten ...
-
-Aber über jede Begierde und über jeden Ekel da wird die eine Sehnsucht
-stehen, die den Trunk verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des
-Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm des Tages wird er sie
-empfinden, aber wenn er des Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht,
-wird sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«
-Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die
-Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ...
-
-Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch
-die Straßen Londons. Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch
-oft und oft und noch lange, lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen
-und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche.
-Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße
-Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum ersten Male in meinem Leben ließ
-mich der Anblick kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er denn
-überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch geworden, um unsere Leiden
-fühlen zu können, aber er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur
-die Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene Leidenschaften und
-Sünden kannte er nicht. Seine göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche
-Stärke, göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er von der
-Natur eines Diebes, eines Räubers, eines Mörders, eines Meineidigen,
-und trotzdem er aus Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden der
-Liebenden? ...
-
-Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt hinaus. Ich schritt auf
-den Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber
-dämmerte die Religion des Lebens, die älter ist, als die Lehre Jesus ...
-und da, vor mir und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die
-den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte;
-Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, daß sie
-gekämpft hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah,
-daß sie überwunden hatten in ihrer Art ... Männer und Frauen, die in
-der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jener
-Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte ...
-
-Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue
-Liebe ... eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe,
-der alle frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine Einsamkeit
-zurückkehrte, da redeten die Steine ...
-
-
-_Ende._
-
-
-_Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig_
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt
-verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter
-die Widmung verschoben.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 28:
- "un  «" geändert in "uns.«"
- (»der Stuhl gehört uns.«)
-
- Seite 32:
- "mir" geändert in "wir"
- (und so schritten wir langsam dahin)
-
- Seite 42:
- "«" eingefügt
- (alles was ich haben will, ist ein Kuß.«)
-
- Seite 44:
- "»" eingefügt
- (»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen)
-
- Seite 49:
- "," geändert in "."
- (und maß mich mit kritischen Blicken.)
-
- Seite 58:
- "«" eingefügt
- (»Oh,« sagte meine Mutter)
-
- Seite 68:
- "»" entfernt vor "muß"
- (muß ich dir leider Lebewohl sagen)
-
- Seite 73:
- "»" eingefügt
- (»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen)
-
- Seite 87:
- "«" eingefügt
- (daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«)
-
- Seite 89:
- "." eingefügt
- (daß ich mein Glück gefunden hätte.)
-
- Seite 152:
- "sein" geändert in "seine"
- (warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte)
-
- Seite 154:
- "«" eingefügt
- (es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«)
-
- Seite 160:
- "«" eingefügt
- (und ich habe eine Krone für jeden.«)
-
- Seite 164:
- "." eingefügt
- (daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.)
-
- Seite 164:
- "«" eingefügt
- (wenn du aufs Land gehen könntest.«)
-
- Seite 165:
- "«" eingefügt
- (daß ich es aufbringen kann.«)
-
- Seite 177:
- "." eingefügt
- (und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.)
-
- Seite 187:
- "icht" geändert in "nicht"
- (Selbstverständlich war das nicht sehr viel)
-
- Seite 199:
- "»" eingefügt
- (»vielleicht erleichtert es Ihr Herz)
-
- Seite 201:
- "dabe" geändert in "dabei"
- (Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London)
-
- Seite 213:
- "andres" geändert in "anderes"
- (Noch etwas anderes enthielt der Brief)
-
- Seite 223:
- "«" eingefügt
- (wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
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-The Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Stromaufwärts
- Aus einem Frauenleben
-
-Author: Angela Langer
-
-Release Date: June 12, 2020 [EBook #62380]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1><span class="ge">Stromaufwärts</span></h1>
-
-<p class="ce lh2"><span class="ge"><b>Aus einem Frauenleben</b></span></p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce lh2">von<br />
-
-<span class="fsl ge">Angela Langer</span></p>
-
-<p class="ce mt4"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mt2"><span class="ge">1913</span></p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce"><span class="fsl">S. Fischer, Verlag, Berlin</span></p>
-
-
-<p class="pb ce mt4 lh2">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
-
-Copyright 1913 S.&nbsp;Fischer, Verlag, Berlin.</p>
-
-
-<p class="pb mt4 mb4 ce lh2">Herrn<br />
-
-<span class="ge">Otto Brandes</span><br />
-
-in dankbarer Freundschaft gewidmet.</p>
-
-
-<p class="ce"><img src="images/portrait.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<table class="pb mt4" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Vom Volke nahm ich's,&emsp;&emsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem Volke geb' ich's&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdr"><span class="ge">Angela Langer</span></td></tr>
-</table>
-
-
-<p class="pb mt4 in0"><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-<b>M</b>eine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine
-ganz kleine Wohnung dabei. In dem Laden
-lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten
-und noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte.
-Wenn Weihnachten herannahte, erhielt mein
-Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren Auspacken
-mein größtes Glück war. Oft verschob mein
-Vater diesen feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld
-mahnte ich ihn manchesmal daran. Wenn er
-dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute
-die Kiste öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich
-wirklich daranmachte, mit einem Hammer und einer
-Zange in den Händen um ihn herum und konnte
-meine Ungeduld kaum zügeln.</p>
-
-<p>Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie
-mein Vater das Stemmeisen zwischen die Kiste und
-den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, wobei er
-den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich
-eine dichte Schicht fein geschnittener Papierschnitzel
-und darunter wieder waren die kleinen
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder
-Schokolade enthielten. Beim Auspacken fand sich
-dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie ein Reiter,
-dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich,
-der seine Fahne verloren hatte, oder eine
-andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. Von
-diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater
-oft das eine oder das andere, aber ich bezähmte
-meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu verzehren.
-Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas,
-das wohl mit sehr viel Einbildung einen Christbaum
-vorstellen konnte, hängte den zerbrochenen
-Engel oder den verunglückten Reiter daran, um
-dann mit vielem Bedacht ein Stück nach dem andern
-herunter zu essen. Mein Bruder half mir in
-allen diesen Dingen, besonders im Essen.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich
-zählte ungefähr fünf Jahre, mein Bruder vier, als
-ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, die mich
-ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte
-sich auch nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals
-kaum. Ich saß auf dem weißgescheuerten
-Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein
-Bruder hatte ein kleines Messer mit einer Klinge,
-wie man sie in unserer Gegend zum Weintraubenschneiden
-benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.</p>
-
-<p>Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Hemdchen auf dem großen Tische, der mitten im
-Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns
-zu waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche
-zu holen, und während sie draußen war, sagte mein
-Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf
-ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin
-frug er mich, ob er es an meinem Beine probieren
-solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er das Messer
-unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick
-zeigte sich ein roter Streifen, und das Blut floß
-über das weiße Tuch, auf dem wir saßen. Ich glaube,
-mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug,
-um nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung,
-das Messer schneide nicht, zu lachen. Sobald
-ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu
-weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und
-erschreckt mein Bein in der Waschschüssel wusch.
-Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt
-hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische
-herab und prügelte ihn mit einer Rute, die das
-Christkind am Vorabend gebracht hatte.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>E</b>ines Tages wurden alle unsere Möbel aus der
-Küche und dem Zimmer geschafft und auf einen
-Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine
-Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und
-ging mit uns in ein anderes Haus, wo wir gleich
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war
-schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser
-Abendbrot und legte uns schlafen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen waren wir beide, mein
-Bruder und ich, sehr beschäftigt. Wir liefen in den
-Hof hinaus und fanden zu unserem größten Entzücken,
-daß mitten durch diesen ein Bach floß, über
-dem ein ganz schmales, zur anderen Seite führendes
-Holzbrett lag. Mein Bruder machte zuerst den
-Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar,
-doch wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich
-mich an seinem kurzen Röckchen fest, als wir sehr
-langsam, aber auch sehr entschieden den schmalen
-Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es
-sehr schön. Der Boden war zwar auch mit Steinen
-gepflastert, doch standen in einer Ecke einige Blumen,
-die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten
-lange Stiele mit vielen Blättern, länglichen glockenartigen
-Blüten, deren Farbe mich an gestoßenen
-Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden
-meines Vaters gesehen hatte. Das wunderbarste
-aber war, und das fand ich erst später aus, daß die
-Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen
-wieder öffneten.</p>
-
-<p>Es waren Feuerlilien.</p>
-
-<p>Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an
-in meinem Dasein eine große Rolle. Während mein
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte
-oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so
-lange schwimmen ließ, bis es entweder davonschwamm
-oder zerriß, saß ich mitten unter den
-Lilien und konnte mich nicht satt daran sehen.</p>
-
-<p>Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen
-Partei, die in demselben Hause wohnte, und
-nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, daß
-mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie
-wohl kaum gepflückt, denn die Freude, sie am Abend
-geschlossen und am Morgen wieder offen zu sehen,
-war zu groß.</p>
-
-<p>Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe
-spielten, erschien plötzlich unser Vater und rief uns
-zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er
-das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir
-dann schon gewöhnlich im Bett lagen.</p>
-
-<p>Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen
-hätten. Die Freude hierüber war groß. Wir liefen
-sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das meine
-Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei
-Respekt ein, und besonders mein Bruder machte sich
-nichts daraus. Es war viel zu klein, um uns irgendwie
-bei unseren Spielen nützen zu können; sicher
-wäre es unmöglich gewesen, es über die Brücke zu
-bringen. Der Vorfall hatte also für uns nichts zu
-sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich
-glaube einander unentbehrlich.</p>
-
-<p>Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule
-zu gehen hatte. Ich freute mich sehr mit der Schultasche
-wie mit dem einen geheimnisvollen Buche,
-mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur
-Hälfte mit einem schönen roten Papier umwunden
-war. Meine Mutter nahm mich am festgesetzten
-Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in
-meinem Leben ging ich irgendwo hin, wo mein
-Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich war
-ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte
-in mir ein Gefühl scheuer Ehrerbietung.
-Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner
-Klasse und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne
-mir vorher eingeschärft zu haben, ja recht brav zu
-sein.</p>
-
-<p>Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines
-Alters vor und war ganz starr vor Staunen. Mein
-Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir saß
-ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.</p>
-
-<p>Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die
-Tatsache, ein so vornehmes Mädchen wie die Tochter
-eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin zu haben,
-machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen.
-Diese Schüchternheit verlor sich aber sehr
-bald. Hilda sprach mich zuerst an, und beim Nachhauseweg
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin
-werden würde. Neben diesem Mädchen saß
-die Tochter eines Bäckers, die Leopoldine hieß und
-später ebenfalls meine Freundin wurde.</p>
-
-<p>Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In
-der Schule verabredeten wir gewöhnlich, wo und
-wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und
-jeder Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal
-kamen meine neuen Freundinnen auch zu mir,
-dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit
-großem Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube
-ich, wenig oder gar nicht interessierten. Dagegen
-fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen
-Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern,
-die den Hof begrenzte. Gewöhnlich war es Leopoldine,
-die mich besuchte &ndash; Hilda kam nur selten,
-und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen
-würdigte, erlaubten ihr ihre Eltern keine Bekanntschaft.
-Ich sah sie darum fast nur in der Schule,
-doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.</p>
-
-<p>Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf
-dem Kirchenplatz. Er war mit einem Geländer umgeben
-und daher ein idealer Ort für alle unsere
-wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten
-Kirchturm verbrachten, waren die schönsten meines
-Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten Haaren
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke
-läutete. Um diese Zeit sollten wir alle zu Hause
-sein, und nach einigen hastigen Lebewohl stoben wir
-nach verschiedenen Richtungen auseinander.</p>
-
-<p>Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich
-mein Bruder dabei. Hier und da gesellte sich ein
-anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl
-auch in sein Element. Er hatte Jungens entschieden
-lieber als Mädchen und schalt uns immer: »dumme
-Dinger«.</p>
-
-<p>Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im
-Ort kennen. Leopoldine nahm mich eines Tages
-zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade
-unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war
-Färber und ich fand ihn unendlich interessant. Er
-hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz
-schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes.
-Die Frau war dick und rund und hatte ein sehr rotes
-Gesicht. Im Zimmer befand sich ein Glasschrank,
-der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich
-meinte, die Sachen wären das schönste, was ich je
-gesehen hätte.</p>
-
-<p>Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange
-Statue der Mutter Gottes. Sie war ganz weiß
-und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer
-Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die
-Frau des Färbers uns Brot, einen Apfel oder sonst
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur mit
-meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte
-ich mir aber gar nichts. Ich war so glücklich, vor dem
-Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue der
-Mutter Gottes anschauen zu können.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>E</b>ines Abends geschah etwas Wunderbares. Die
-Frau sprach wie immer mit Leopoldine, die sich
-nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte,
-und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien
-mir schöner als je. Ich fragte mich eben heimlich,
-ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich
-gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier
-mit dem lichtblauen Saum anhätte, als die Frau
-auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm
-und sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor
-Vergnügen. So genau hatte ich sie noch nie gesehen,
-hatte doch die Glastüre meinen verlangenden
-Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen
-geraubt. Die Frau hielt nun die Madonna in
-ihren großen roten Händen, und die heilige Jungfrau
-schien mir noch weißer als zuvor.</p>
-
-<p>»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?«
-frug mich unsere Wirtin. Ich fing an, mich furchtbar
-zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt
-haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie
-mir wünschte. Ich nickte bejahend und sagte, »sie sei
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-die Mutter Jesus.« Und dann geschah das Unfaßbare.
-»Da,« sagte sie und drückte mir die Statue
-in die Hände, »Du kannst sie behalten.« &ndash; Wie ich
-damals nach Hause kam, weiß ich nicht mehr, nur
-eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war
-und mich mein Vater mit einer jener verwünschten
-Weihnachtsruten prügelte, weil ich viel zu spät war.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden,
-und ich glaube, die Wohnung wurde zu klein,
-denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür.
-Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren
-sie fort.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>D</b>ie neue Wohnung war sehr schön, sie erschien
-mir wenigstens damals so. Wir hatten vier Zimmer
-und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich
-jetzt auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen
-Gehilfen ins Geschäft. Dieses ging nun besser als
-früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als
-wohlhabende Leute zu gelten.</p>
-
-<p>Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur
-einige Schritte von der Wohnung meiner liebsten
-Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr
-glücklich machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber,
-und ich zeigte ihr die Zimmer und die neuen
-Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Räume ausfüllen zu können. Eines der Zimmer
-nannte meine Mutter den »Salon«.</p>
-
-<p>Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz;
-es stand freilich nur ein Tisch und ein Blumenkorb
-darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder.
-So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle
-Scheu, die sich auch einstellte, als ich
-meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß sie nun
-dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher
-auch gar nicht erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging;
-glaubte ich doch, daß sie die Pracht des Zimmers
-überwältigt hätte.</p>
-
-<p>Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem
-einige alte breitästige Kastanienbäume wuchsen. Er
-war daher im Sommer ein ungemein schöner schattiger
-Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in
-vollen Zügen genossen.</p>
-
-<p>In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf
-uns immer eine sehr große Anziehungskraft ausübte.
-Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder
-meiner Freundin Leopoldine war der Bräutigam,
-und ich war die Braut. Ich trug einen Kranz aus
-Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier.
-Wir setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir
-zur Kirche fuhren. Von meinem Bräutigam unterstützt,
-stieg ich dann aus, und eines der Kinder sprach
-den Segen über uns. Wir machten alles genau,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-wie wir es in der Dorfkirche gesehen hatten, und
-jedes von uns zwei sagte recht ernst und feierlich:
-»Ja«.</p>
-
-<p>Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine
-Sache und wir wurden beide »böse«. Ich mußte
-etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und anscheinend
-wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen
-Abend, und wir standen beide vor unserem Hause.
-Hilda lehnte an der Mauer des gegenüberliegenden
-Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war
-verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott
-und Herausforderung. Einen Augenblick maßen wir
-uns beide wie erbitterte Gegner. &ndash; Plötzlich zermalmten
-mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar
-nicht schön.« &ndash; Ich war tief unglücklich, und mit
-einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich
-ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es
-anfing spät zu werden, und ich stürzte auf sie zu.
-»Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, »Hilda sagte
-eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter
-lächelte und während sie mich über die Stiege hinauf
-ins Zimmer nahm, sprach sie: »Das macht ja nichts.«
-&ndash; Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald wieder
-vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte
-Zimmer kam, wunderte ich mich über seine Leere
-und konnte nicht begreifen, wie ich den »Salon« je
-hatte schön finden können. Meine Mutter hatte
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-zwar eine grüne Decke über den Tisch gekauft, doch
-die Ehrfurcht, die ich sonst empfunden hatte, kam
-nie wieder.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In die Schule ging ich schon lange nicht mehr
-gern, und ich glaube, ich lernte auch nichts; meine
-Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe fürchtete;
-Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte
-konnte ich nicht leiden, und das Rechnen
-haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer
-ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch
-sänge. Das einzige, das ich gern tat, war, Sätze zu
-bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber nur
-einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf
-die Tafel schrieb, mit denen wir einfache oder zusammengesetzte
-Sätze zu bilden hatten. Es gab für
-mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze
-von beliebiger Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht
-hätte; meine Mitschülerinnen dagegen waren
-in dieser Stunde immer recht stumm. Während des
-Unterrichts war ich meist sehr unaufmerksam und
-versuchte beständig mit den anderen Schülerinnen
-zu schwätzen. &ndash; Oft genug wurde ich bestraft.</p>
-
-<p>Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden
-Freitag. Ein ganz junger Geistlicher, den wir
-Katechet nannten, kam in die Schule und las uns
-aus dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob
-ich in dieser Stunde besser war; wohl aber daran
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute
-wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen
-Talar zur Türe hereintrat und sich mit ruhiger Würde
-setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner Mann.
-Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar.
-Sein Mund war immer fest geschlossen, und der
-junge Geistliche machte auf mich einen stolzen,
-herben Eindruck.</p>
-
-<p>Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das
-Schulzimmer lebhaft vor mir. Keines der Kinder
-war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während
-wir ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern
-durch den Raum: »Wer hat die Welt erschaffen?«
-worauf eine feine junge Stimme antwortete:
-»Gott hat die Welt erschaffen.«</p>
-
-<p>»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere
-Stimme: »Erschaffen heißt, aus nichts etwas hervorbringen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Müssen alle Menschen sterben?«&nbsp;... »Alle Menschen
-müssen sterben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange
-meine Gedanken und wollten mir nicht aus dem
-Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte
-die Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« &ndash;
-worauf es antwortete: »Alle Menschen müssen
-sterben.« &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; In solchen Augenblicken war mir
-immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-Bette auf, horchte auf die Atemzüge meiner Geschwister
-und wunderte mich, wer wohl von uns
-zuerst sterben müsse. &ndash; Oft packte mich eine rasende
-Angst, wenn ich daran dachte, daß auch meine Mutter
-und mein Vater sterben müßten. Ich konnte dann
-nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen
-würde, wenn ein solcher Fall einträte, wobei ich
-oft solche Qualen litt, daß ich laut aufschrie. Gewöhnlich
-kam dann eines meiner Eltern an mein
-Bett, und da sie annahmen, daß ich irgend etwas
-Aufregendes geträumt hatte, suchten sie mich auf
-ihre Art zu beruhigen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>D</b>er Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis.
-Sobald nämlich unsere Schulferien anfingen,
-nahm uns meine Mutter zu Verwandten,
-die in einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die
-sechsstündige Reise dahin unternahmen wir mit dem
-Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht
-einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus
-unserer Verwandten, eine Mühle, stand. Ringsum
-lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener
-Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen
-unterbrochen, auf denen so hohes Gras wuchs, daß
-es über unsere Köpfe ging. Dicht neben dem Hause
-floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal
-war, daß wir hinüberspringen konnten, und dann
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-wieder so breit, daß wir ihn durchwaten mußten, um
-an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor
-dem Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen-
-und Obstgarten, ein Ort, der für uns immer ein
-neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum,
-der eine seiner Früchte wie neckend uns zu
-Füßen warf, einmal eine Staude, deren Beeren
-endlich &ndash; endlich erröteten, &ndash; dann wieder eine
-Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am
-äußersten Ende des Gartens stand ein Bienenstock.
-Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, näherten
-wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar
-öfters bis zu der Rückseite der Körbe vor, um durch
-das Glasfenster das emsige Treiben dieser lieben,
-fleißigen Geschöpfchen zu beobachten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Später, als der Kinder immer mehr wurden und
-das Geschäft meines Vaters schlechter ging, hörten
-diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis
-für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten.
-Die Erinnerung an diesen stillen herrlichen Flecken
-Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für mich
-immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine
-heimliche Sehnsucht danach mit mir herum.</p>
-
-<p>Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder
-jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe dunkle Raum,
-der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich
-jedesmal scheu und still. Meine Mutter saß in einer
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-der Bänke, mein Bruder und ich aber hatten mit
-den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne
-beim Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten
-mußte jedesmal an uns vorbei. Es war derselbe
-Geistliche, der uns in der Schule Religionsunterricht
-erteilte, und er gefiel mir in dem weißen Spitzentalar
-noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe
-die Stellen, wo niedergekniet werden mußte, nie
-merken konnte, so richtete ich mich nach den andern.
-Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich
-meine Augen auf den Priester gerichtet und verfolgte
-jede seiner Bewegungen. Mit einem Gefühl
-scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er
-den Wein mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß
-feierlich schwang, wie er mit gefalteten Händen
-aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse
-andächtig küßte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in
-die Schule und trieb sich meist mit seinen Schulkameraden
-umher. Wir waren nicht mehr so viel
-zusammen wie früher, doch noch immer genug, um
-zanken zu können. Er wurde überhaupt von Tag
-zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte
-ihn nicht mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends
-nach Hause kam und ich schon im Bett lag, konnte
-ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte,
-wie sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-könnte. Mein Vater wurde dann gewöhnlich ärgerlich
-und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte
-nicht auch noch die Erziehung der Kinder
-übernehmen könne, und so blieb alles beim alten.</p>
-
-<p>Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung
-in unseren Verhältnissen ein. Mein Vater
-verkaufte sein Geschäft und kaufte ein Haus mit
-einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder
-einmal wurden alle unsere Möbel aus der Wohnung
-getragen, doch dieses Mal wurden sie zur Bahn gebracht.
-Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der
-ganzen großen Veränderung bis zur letzten Stunde,
-so daß ich keiner einzigen meiner Freundinnen Lebewohl
-gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz
-weglief wie jeden andern Tag.</p>
-
-<p>Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen.
-Ein Wagen brachte uns von der Bahn nach
-Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns
-alle Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch
-einen Stock aufsetzen lassen, doch durften wir nicht
-mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu
-Bett und sagte, wir sollten, was uns träumen würde,
-nicht vergessen, da das, was man an einem fremden
-Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, wahr
-werde. &ndash; Ich paßte scharf auf, als meine Mutter
-das sagte, und am Morgen wunderte ich mich sehr
-über meinen Traum.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir
-wieder nach Langenau zurückgefahren sind.« &ndash;
-Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie glaube
-nicht, daß so etwas eintreten könne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell
-und waren sehr aufregend. Meine anderen Geschwister
-sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften,
-und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders
-nach den alten Freundinnen sehnte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Leute, die noch in dem Hause wohnten,
-nannten meine Mutter »Hausfrau«, und ich vermute,
-sie hatte das gern. &ndash; Wir hatten auch ein
-neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine
-sehr wichtige Person war; sie erzählte mir oft Geschichten
-von Männern, und erwähnte, daß sie bald
-heiraten würde. So oft sie von der kommenden
-Heirat sprach, schaute sie recht froh darein. Ich dachte
-bei mir, heiraten müsse etwas sehr Schönes sein und
-wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand,
-erwiderte sie, ich sei noch zu jung.</p>
-
-<p>»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu
-können?« Auf diese Frage erfolgte die prompte
-Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen heiraten
-früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich
-früh heiraten würde.</p>
-
-<p>Wir waren seit einigen Wochen in der neuen
-Gegend, als ich anfing, zu merken, daß etwas in
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein
-Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah,
-und meine Mutter sehr oft weinte. Dann verließ
-uns mein Vater und kam erst nach vielen
-Wochen wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter
-aus, und meine Mutter hörte zu weinen nicht
-mehr auf.</p>
-
-<p>Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten
-und wollte mich auf einen alten Sessel
-setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes
-Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer
-Mietsleute angehörte, und das sonst immer recht
-höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt auf
-sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich
-setzen zu wollen, stand sie nicht auf, wie ich erwartet
-hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem Kopf
-und blinzelte mich schläfrig an.</p>
-
-<p>»Steh auf!« forderte ich trotzig.</p>
-
-<p>»Warum soll ich denn aufstehen?«</p>
-
-<p>»Weil ich mich setzen will.«</p>
-
-<p>»Setz' dich doch auf den Boden.«</p>
-
-<p>Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!«
-schrie ich jetzt und stampfte mit den Füßen, »der
-Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und nach
-einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch
-gehört gar nichts, es ist euch doch alles gepfändet
-worden. Ihr habt nichts als Schulden.« Dann
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er
-zurückflog und rannte davon.</p>
-
-<p>Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst
-gar nicht begreifen; dann aber erinnerte ich mich an
-meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige Gesicht
-meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen
-von den Augen. Scheu und leise wie ein Verbrecher
-ging ich in das Wohnzimmer zurück und
-setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter
-saß am Tisch mit dem jüngsten Kinde im Arme und
-sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr
-laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um,
-bevor ich mich setzte.</p>
-
-<p>»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie
-sofort.</p>
-
-<p>»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist,
-was die Leute sagen.«</p>
-
-<p>Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für
-Dummheiten! Was sagen die Leute?«</p>
-
-<p>»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine
-Mutter stand auf und legte das Kind auf das Bett,
-dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei
-ins Leere.</p>
-
-<p>»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr.
-Ich sagte es ihr, worauf sie tief seufzte &ndash;
-sonst war es still im Zimmer.</p>
-
-<p>»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-einer Weile, »wenn wir wieder nach Langenau zurückgingen?«
-Ich war starr vor Staunen und jähem
-Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz
-und hundert andere Dinge fielen mir plötzlich ein
-und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.</p>
-
-<p>»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich
-so freuen.«</p>
-
-<p>In der folgenden Woche wurden unsere Möbel
-abermals aus den Zimmern getragen und wieder
-zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt,
-und mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am
-Abend kamen wir in Langenau an und fuhren zur
-neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand
-sah uns kommen. &ndash; Wir waren ein Jahr fort gewesen.</p>
-
-<p>Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir
-nicht; sie lag ziemlich tief, und an den Wänden lief
-das Wasser herab, wodurch sich viele dunkelbraune
-Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen,
-daß die Wohnung recht feucht und ungesund sei,
-und daß sie nie gedacht hätte, daß man so herabkommen
-könne. Darauf entgegnete mein Vater,
-daß sie sich nur gedulden möchte, er würde schon
-trachten, etwas Besseres zu finden, sobald nur das
-Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren
-Gegenstand sprachen sie noch lange, und ich hörte,
-daß es sich um ein neues Geschäft handle und daß
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde,
-um Kunden zu bekommen.</p>
-
-<p>Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich,
-weil sie eine gute Strecke von dem Hause meiner
-früheren Freundinnen entfernt war. Dazu befand
-sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar
-kein netter Hof oder sonst ein Platz zum Spielen
-und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem Hause
-noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte
-uns, immer recht still zu sein, da sich sonst
-die andern Leute beim Hausherrn über uns beklagen
-würden.</p>
-
-<p>Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze
-laufen, um zu sehen, ob sich etwas verändert
-hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine zu
-sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief
-mich meine Mutter zurück.</p>
-
-<p>»Wohin willst du?«</p>
-
-<p>»Fort.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter
-lag etwas wie Pein. »Du siehst, daß ich kein Mädchen
-habe und daß es hier aussieht wie Kraut und
-Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt
-du die zwei Kleinen mitnehmen.«</p>
-
-<p>»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die
-Tränen in die Augen traten. »Die sind viel zu
-klein und können unsere Spiele nicht spielen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas
-spielen, wo sie mittun können.«</p>
-
-<p>Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu
-Hause zu bleiben. Als es jedoch elf Uhr schlug, stellte
-ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl jetzt aus
-der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen.
-Ich nahm die beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft,
-und verließ die Wohnung. Meine Schwester
-war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen,
-mein jüngerer Bruder jedoch war noch ganz
-klein und mußte getragen werden. Meine Schwester
-hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten
-wir langsam dahin &ndash; viel zu langsam für meine
-Ungeduld. Einige Vorübergehende, alles Leute, die
-sich zur Arbeit in ihre Weingärten begaben, sahen
-mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander
-und zum Schluß lachten sie. Ich fühlte,
-daß ihr Lachen mir galt, und ich schämte mich, weil
-ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten
-mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas
-zu denken, doch ich wußte damals noch nicht, daß
-man ein Mädchen meines Alters niemals für eine
-Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für
-eine große Schande galt, wenn ein unverheiratetes
-Mädchen Kinder hatte. &ndash; Mein ganzer Zorn kehrte
-sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich
-hätte sie am liebsten geschlagen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu
-meiner großen Beruhigung fand ich, daß die Klassen
-noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick
-herauskommen mußten. Nach einigen Minuten
-vernahm ich auch den wüsten Lärm, der immer
-entstand, wenn die Knaben die Schule verließen.
-Paarweise kamen sie heraus, und ich fühlte mein
-Herz stärker klopfen. Nun kamen die Mädchen.
-Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd
-vor Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu
-gleicher Zeit heraustreten und gemächlich daherkommen.
-Mein Augenblick war da. Ich trat aus
-der Ecke, hinter der ich mich verborgen hatte, hervor
-und rief laut ihre Namen. Sie drehten sich
-sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend,
-lief ich ihnen entgegen.</p>
-
-<p>»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie
-und sahen mich an. Ich fühlte sofort, daß etwas
-nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir langsam
-in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu
-verbergen, zwang ich mich zur Ruhe und sagte scheinbar
-gleichgültig:</p>
-
-<p>»Wohin sollen wir gehen?«</p>
-
-<p>»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich
-Leopoldine, »dein Vater ist eingesperrt.«</p>
-
-<p>»War,« verbesserte Hilda leise.</p>
-
-<p>Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff,
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-was sie meinten. Ein kleiner Junge, den ich früher
-oft in der Gesellschaft meines Bruders gesehen hatte,
-kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und
-streckte mir die Zunge heraus. Doch was kümmerte
-mich jetzt der Junge? &ndash; Was kümmerte mich jetzt
-die ganze Welt? &ndash; Ich stand wie jemand, der betrunken
-ist, und wäre noch lange so gestanden, wenn
-nicht mein kleiner Bruder zu weinen angefangen
-hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen
-Scham, einen heftigen Schmerz in meinem Arm
-zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der Kleine
-mir recht schwer wurde. &ndash; Es war auch schon
-Mittagszeit, und ich wußte, daß meine Mutter auf
-mich warten würde. Ich rief nach meiner Schwester,
-die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte,
-Steinchen vom Boden aufzuheben. Alle belebteren
-Plätze vermeidend, lief ich mit den Kindern nach
-Hause.</p>
-
-<p>Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die
-Straße suchend auf und ab; als sie mich erspähte,
-kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von
-meinem Arm.</p>
-
-<p>»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz
-erhitzt aus.«</p>
-
-<p>»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich
-ins Haus, und meine Mutter folgte langsam mit
-den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische.
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für
-die Kleinen vorzubereiten, und ich half ihr dabei,
-indem ich ihr einen Löffel, eine Gabel oder sonst
-etwas reichte.</p>
-
-<p>»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal
-nach einer längeren Pause.</p>
-
-<p>»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte
-einen großen Bissen ungekaut hinunter; ich fühlte,
-wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, nicht weil
-ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir
-die Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren
-summten, daß ich sie hätte herausschlagen mögen.</p>
-
-<p>»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine
-Mutter wieder an, »und könntest mir sehr viel zu
-Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu gehen
-hättest.« &ndash; Mich überfiel plötzlich eine unsinnige
-Angst. Bis jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht,
-daß ich wieder zur Schule zu gehen hätte.
-»Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend,
-empor, »bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«</p>
-
-<p>»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«</p>
-
-<p>»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer
-lauten, unverschämten Stimme. Meine Mutter
-stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich der
-frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie
-schlug mich nicht. Sie bog sich über eines der Kinder,
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-und mit abgewandtem Gesicht befahl sie mir,
-den Tisch abzuräumen.</p>
-
-<p>Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg
-hatte ich sehr wenig gelernt. Als meine Mutter mich
-den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich
-einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus
-und erklärte, daß ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen
-werden könnte, sondern in die dritte
-zurück müsse. &ndash; Meine Mutter hat nie begreifen
-können, warum ich bei dieser Nachricht so glücklich
-dreinsah. &ndash; Nun war ich wenigstens nicht mit den
-»beiden« zusammen. &ndash; Der Gedanke an sie war mir
-unerträglich. &ndash; Ich nahm mir vor, mich ihnen in
-keiner Weise zu nähern und alles zu vermeiden,
-was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte.
-&ndash; Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die
-wir im Sommer gewöhnlich im Garten zu verbringen
-pflegten, sah ich schnell nach einer andern
-Richtung; die beiden waren fast immer zusammen,
-doch manchesmal begegnete ich auch Hilda allein.
-Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen
-an mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie
-mich noch immer lieb hatte und nur nichts sprach,
-weil es ihr verboten war. &ndash; In solchen Augenblicken
-hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar
-vor, auf sie zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr
-zu sprechen. &ndash; Doch so oft ich dies verwirklichen
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt
-und konnte nichts anderes als ihr nachblicken,
-wie sie langsam, oft recht langsam, an mir
-vorüberging.</p>
-
-<p>Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß
-Hilda nach Krems in das Lehrerinnenheim geschickt
-worden war. Ich fühlte mich danach elend und
-einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl
-sie nie mit mir wieder gesprochen, lebte ihr Bild in
-meinen Gedanken, und von irgendeiner Ecke aus
-sie heimlich beobachten zu können, war mir ein
-süßes, wehmütiges Glück gewesen. &ndash; Ich knirschte
-mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, daß es
-Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht Leopoldine.
-&ndash; So oft die letztere mich erblickte, erschien auf
-ihrem Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals
-gelächelt hatte, als sie mir die fürchterlichen
-Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und betete
-jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte
-keinen Vater mehr) auch einsperren lassen möge.</p>
-
-<p>Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als
-mich mein Weg einmal an ihrem Hause vorbeiführte,
-bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig
-daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach
-einigen Tagen des Abends hinschlich, um zu sehen,
-was man denn tue, stand das ganze Haus noch
-prächtiger und schöner da, als es früher gewesen
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-war. &ndash; Leopoldine trug jetzt immer sehr hübsche
-Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter als
-zuvor.</p>
-
-<p>Ich hatte keine hübschen Kleider und meine
-Eltern hatten kein hübsches Haus. Das Geschäft
-ging immer schlechter, und mein Vater wurde so
-wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang
-nicht sprach. Es war auch wieder ein kleiner Bruder
-angekommen, und meine Mutter arbeitete unaufhörlich.
-Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen
-Geschwister achtgab und das allerkleinste herumtrug,
-doch tat ich das nicht gern und fühlte mich
-heimlich recht unglücklich.</p>
-
-<p>Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems
-geschickt, da meine Mutter es unbedingt wünschte.
-Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost-
-und Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine
-Mutter stets erwiderte, daß es eine Sünde sei, Karl
-nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche
-sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg
-mein Vater gewöhnlich; doch weiß ich, daß er
-meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre gegeben
-hätte.</p>
-
-<p>Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und
-fuhr am Montag wieder fort. Bei diesen Besuchen
-behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger
-Weise. Einmal sagte er, daß die Leute am
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Lande alle Trotteln seien. Dennoch begleitete ich
-ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus
-der Halle dampfte, war mir immer zum Weinen.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>S</b>chon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher
-als je, ohne dafür eine besondere Erklärung
-geben zu können. Manches Mal kamen mir in solchen
-Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann
-oft einen Bleistift zur Hand und schrieb sie nieder.
-Es entstanden so größere und kleinere Gedichte, die
-ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf,
-sondern zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster
-Wunsch war, auch in das Lehrerinnenheim
-geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda
-dann wohl mit mir sprechen würde oder nicht.
-Selbstverständlich war dieser stille Wunsch unerfüllbar.</p>
-
-<p>Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule
-entlassen wurde. Ich begrüßte dieses Ereignis mit
-großer Freude und war überglücklich bei dem Gedanken,
-daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen
-brauchte.</p>
-
-<p>Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich
-darum meiner Mutter nicht mehr als früher. Ich
-fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte
-von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft
-ich aber davon sprach, erklärte meine Mutter, daß
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und daß
-ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu
-gehen. Ich aber war recht ungeduldig und wurde
-von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und
-meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß
-ich mich immer mehr und mehr und führte, trotz der
-manches Mal recht lauten Gesellschaft um mich, ein
-sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude
-bereiteten mir meine Gedichte. Sie kamen immer
-wieder, und ich hielt sie heimlich wie zuvor.</p>
-
-<p>Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn
-Jahre alt, und in die unzufriedenen Gedanken und
-unruhigen Wünsche begannen sich jene Träume einzuflechten,
-die sich in die Gedanken und Wünsche eines
-fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen.
-Ich wußte, daß alle die Mädchen, die mit mir zu
-gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, schon mit
-jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten,
-und ich sann nun öfters, welchen von den Burschen
-ich wohl lieben könnte. Ich machte aber sehr bald
-die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da
-ich fand, daß sie alle mehr oder weniger roh und
-anzüglich waren. Sie flößten mir nur Abscheu und
-Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der
-Held meiner Träume in Langenau nicht sei.</p>
-
-<p>Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie
-mich ansprachen, gab ich nur knappe Antworten,
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-und wenn der eine oder der andere versuchte, mich
-in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu
-streicheln, so trat ich immer rasch zurück, und mein
-Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. Gewöhnlich
-sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun
-solle, wenn sich ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen
-wolle, da meine Eltern doch nichts hätten als
-Schulden. Ich war an solche Reden schon lange
-gewöhnt, es wurde auch in meiner Familie ohne
-Hehl davon gesprochen, und ich wußte, daß wer
-immer das sagte, recht hatte.</p>
-
-<p>Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen
-konnte, hatte mein Bruder auch schon aus Krems
-fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre
-gegeben worden.</p>
-
-<p>Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr,
-als ich je sagen kann. Mein einziger Wunsch war,
-Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen,
-wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas
-vorwerfen würde. Aber meine Mutter wollte davon
-nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete
-sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach &ndash;
-weil ich eben nichts anderes tun konnte.</p>
-
-<p>Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen,
-Holz klein zu machen; der Holzschuppen befand sich
-unten im Hause, und an den Schuppen stieß der
-Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Herren aus Wien oder aus der Umgebung, um Wein
-zu kaufen, und der eine oder der andere stieg mit
-unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie
-einige Zeit probend verbrachten.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann
-dabei über eine Geschichte; es war immer das schönste
-bei dieser Beschäftigung, daß ich so ganz allein im
-Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört
-abrollen konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen
-die Türe und hackte und dachte fleißig darauflos,
-als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände
-des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich
-einen jener Herren, die den Weinkeller zu besuchen
-pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch an: ob
-mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte
-mich anfangs, daß er mich überhaupt beobachtet
-hatte, doch seine freimütige Art und Weise verscheuchte
-bald mein Unbehagen. Noch während er
-sprach und lächelte, kam er ganz in den Schuppen.
-Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber auf einmal
-eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke
-wie zum Schutz. »Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei.
-Er lächelte noch freundlicher und entblößte ganz
-weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind,
-Kleine &ndash; alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da
-preßte ich mich gegen die Holzwand, biß die Lippen
-aufeinander und hob die Hacke höher. &ndash; Er mußte
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit
-gelesen haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen
-und ging rückwärts aus dem Schuppen. &ndash; Hätte er
-mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch,
-der schuldpflichtige Beträge für eine Lebensversicherung
-einkassierte. Meine Eltern waren in keiner
-Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing
-jeden Monat seinen Besuch. Eines Tages erschien
-statt des Burschen ein sehr elegant gekleideter Herr
-und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor
-der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen
-Einblick in all die Versicherungsverhältnisse nehmen
-möchte, da man dem Kassierer Veruntreuungen
-nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie
-verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und
-trat mit einem recht höflichen Gruße ein.</p>
-
-<p>Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte
-mit ihrer Schürze über einen Stuhl und forderte
-ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich
-heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und
-bat um ein Glas Wasser. Nachdem meine Mutter
-eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen
-Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem
-Zuge leer, streckte dann seine Beine weit von sich
-und sah sich forschend in dem zwar ärmlichen, aber
-reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-einfach und bescheiden ist, fühlte sich durch sein
-offenbares Wohlbehagen sehr geehrt und machte
-schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.</p>
-
-<p>»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten
-Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen, das
-meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand
-gehen könnte?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in
-den Händen und ließ diesen langsam sinken.</p>
-
-<p>»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort,
-»ist ein nettes, bescheidenes Mädchen, das auf kleine
-Kinder achtgeben könnte und sich in Zimmer und
-Küche nützlich machen möchte.«</p>
-
-<p>Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade
-jetzt niemand wüßte, aber sich erkundigen könnte,
-wenn der Herr es wollte &ndash; oder so etwas war es
-wohl&nbsp;&ndash;, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte
-und sagte: »Ich glaube, ich könnte das tun.«
-Kaum war dies heraus, so erschrak ich über meinen
-Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes
-und Freches getan hätte. Doch der Direktor schien
-dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte sehr
-freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja
-herrlich!« &ndash; und nach einer kurzen Pause, während
-ich beharrlich den Blick meiner Mutter vermied, frug
-er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«</p>
-
-<p>Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Mutter um. Ich hatte erwartet, daß diese heftig
-widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen
-würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen
-hörte: »Wenn Sie denken, daß sie Ihnen nützlich sein
-wird, so könnte sie schon nächste Woche kommen.«
-Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei
-und zwang mich zur Ruhe.</p>
-
-<p>Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems
-wohne und ich auch öfters nach Hause kommen
-könnte. Es wurden nun noch der Tag meines
-Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet,
-worauf der Herr Direktor sich außerordentlich
-höflich von meiner Mutter und mir
-empfahl.</p>
-
-<p>Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter
-unsicher an; sie sah aber ganz ruhig aus. »Da
-du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,«
-sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und
-selbst siehst, wie es in der Welt zugeht« &ndash; und
-nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht machst
-du dein Glück.«</p>
-
-<p>Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter
-und Geschwister fast zärtlich. Ich wiegte das Kleinste
-auf meinem Arm, und den Größeren erzählte ich
-Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren
-Betten lagen, sagte ich meiner Mutter, daß ich recht
-fleißig sein und trachten würde, etwas zu ersparen.
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem
-Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß
-ich es aushalten könne.</p>
-
-<p>Die Woche verging ungemein schnell. Meine
-Mutter wusch und bügelte das Wenige, was ich an
-Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte
-daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer
-gekauft, doch sagte mein Vater, er hätte kein Geld,
-und so machte ich ein Paket aus starkem braunen
-Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.</p>
-
-<p>Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen,
-und ich stand am festgesetzten Tage
-mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten
-Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen
-hatte, im Zimmer und wartete auf ihn. Er traf
-denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem
-meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt
-hatte, von dem der Direktor unglaubliche
-Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit.
-Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem
-Brote etwas angerührt und war sehr bewegt, was
-ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief
-ich in die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in
-Wirklichkeit aber wischte ich mir schnell und heimlich
-die Tränen aus den Augen. Endlich kam es
-zum Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten
-Frau, wie es meine Mutter ist, nur schlicht sein
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr
-liebes treues Herz zitterte und zuckte.</p>
-
-<p>»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte
-zurück &ndash; dieses Mal mit Tränen in den Augen.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>D</b>ie Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die
-Frau in ihrem schwarzen Haar und den dunkeln
-Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder,
-drei Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf
-einen siebenjährigen Jungen, der blödsinnig war,
-mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen.
-Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule
-zu nehmen und wieder abzuholen, ferner die Zimmer
-aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu halten.
-Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige
-Knabe die Schule nicht besuchte, war er
-beständig um mich herum und sprach den ganzen
-Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden.
-Sehr oft riß er sich auch die Kleider vom Leibe und
-lief nackt herum. Anfangs fürchtete ich mich vor
-ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen
-Dingen, an die man sich eben gewöhnen
-mußte, harmlos war. Unzählige Male des Tages
-stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht.
-Erst war mir das unerträglich, doch nach und
-nach lernte ich seine Bewegungen kennen und
-wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam.
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Noch unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber
-war mir der Älteste, ein zwölfjähriger Bube, der eine
-abscheuliche, hämische Art und Weise, mit mir zu
-sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen
-ließ, daß ich ihm gehorchen mußte. &ndash; Das Mädchen
-war mir die liebste.</p>
-
-<p>Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner
-Stelle befunden, als ich merkte, daß die Verhältnisse
-des Direktors nicht viel besser waren als die
-meiner Eltern.</p>
-
-<p>Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten,
-ob sie den Herrn Direktor sehen könnten. So oft
-ich aber einen solchen Besuch anmeldete, wurde der
-Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich
-zum Teufel scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das
-alles Gläubiger waren, die ihr Geld verlangten.
-Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht
-Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit
-kaum erwarten, wo mein Lohn fällig sein würde. Als
-ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar
-Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen.
-Das erste, was ich mir daher kaufen wollte, war ein
-Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, in das
-ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl
-ich genug zu tun hatte, hinderte mich das doch nie,
-an meine Gedichte zu denken und Reime zu schlingen.
-Doch einsam war ich nach wie vor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können,
-aber daran lag mir nichts. Eine Köchin nebenan sprach
-öfter zu mir und erzählte mir auch einmal, daß sie
-jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem
-Korporal, ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft
-ich denn Ausgang hätte. Ich sagte ihr, ich ginge
-überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen
-Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen
-Blicken.</p>
-
-<p>»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt
-Ihnen wohl die Gnädige Ihren Schatz ins Zimmer,
-heh?«</p>
-
-<p>»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem
-höhnischen Grinsen. »Ist es also schon so weit, daß
-Sie die Männer satt haben? &ndash; Es hat Sie wohl
-schon einer in die Tinte gebracht?«</p>
-
-<p>Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den
-Rücken, und seitdem vermied ich sie, wo und wie ich
-nur konnte.</p>
-
-<p>Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen
-ich in Berührung kam: den Bäcker, der das Brot
-brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das
-mir die Lider niederschlug und die Wangen färbte,
-den Milchmann aus demselben Grunde und die
-Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner
-war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-acht Kronen noch immer nicht erhalten und schrieb daher
-meine Gedichte, die sich in jener Zeit noch reichlicher
-als früher einfanden, auf Düten, in denen sich
-Dinge wie Reis und Mehl befunden hatten und die
-ich immer sorgfältig aufhob.</p>
-
-<p>Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den
-Kindern nach Hause. Nachdem ich den Kleinen in
-das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche,
-um die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat,
-sah ich die Frau Direktor an der Schublade stehen,
-in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die
-Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener
-Düten in den Händen, die ich so gut kannte. Innerlich
-war ich erschrocken und empört, doch der Respekt,
-den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich
-hatte, drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.</p>
-
-<p>Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und
-Belustigung ansah, drehte sie sich nach mir um und
-hielt die Düte hoch.</p>
-
-<p>»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach
-sie, anscheinend nicht im geringsten gestört, daß ich
-sie beim Durchsuchen meiner Sachen überrascht hatte.</p>
-
-<p>»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht,
-»Das wäre ja nicht der Rede wert gewesen.« Sie
-lächelte noch immer ein stilles, belustigtes Lächeln.</p>
-
-<p>»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle
-sehr gut.«</p>
-
-<p>Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite
-waren fort. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet
-und hätte den Saum ihres Kleides geküßt
-&ndash; so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem
-Tage an sah ich in ihr einen Engel.</p>
-
-<p>Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch
-immer nicht bezahlt hatte, betrübte mich zwar, doch
-maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte
-mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte,
-hatte sie nie Geld.</p>
-
-<p>Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte
-gezeigt. Er hatte darüber gelacht und seiner
-Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht verdrehen,
-weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen
-sei. Es gäbe wahrhaftig mehr gute Dichter als
-gute Dienstboten.</p>
-
-<p>Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien
-zu fahren. Eines Tages, als er wieder fort war und
-die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine
-Frau heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war,
-die Teller und Schüsseln abzuwaschen. »Anna,«
-sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.«
-Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir
-endlich meinen Lohn bezahlen. Sie setzte sich auf
-einen der Küchensessel und beobachtete mich eine
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit
-fortfuhr.</p>
-
-<p>»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind
-Sie denn nicht aufrichtig zu mir?«</p>
-
-<p>Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war
-aber rein und so sagte ich ruhig: »Ich weiß nicht,
-was Sie meinen.«</p>
-
-<p>Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den
-Boden. »Tun Sie doch nicht so, Sie haben mir einmal
-gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese
-Gedichte&nbsp;...« und zu meiner unendlichen Beschämung
-hielt sie eine Papierdüte hoch, die ich erst
-gestern beschrieben hatte und die ich nie und um
-nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses
-Gedicht, sagt das nicht&nbsp;...? Wo ist er denn? und
-was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«</p>
-
-<p>Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser
-und hielt sie vor mein Gesicht. Ihr Lachen
-brachte mich zur Besinnung.</p>
-
-<p>»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort,
-»ich bin doch eine verheiratete Frau, und mir dürfen
-Sie es schon sagen. Also heraus damit.« Sie blickte
-mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ
-die Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und
-häßlich sie aussahen, und eine neue Scham überfiel
-mich.</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« sagte ich endlich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-»Daß Sie also doch jemand haben?«</p>
-
-<p>»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«</p>
-
-<p>»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein
-belustigt auf die Düte, die nach Kaffee roch.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wer das ist&nbsp;... ich weiß auch nicht,
-wo er ist,&nbsp;...« und mit einer plötzlichen Kühnheit:
-»ich weiß nur, daß er ist.«</p>
-
-<p>»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«</p>
-
-<p>»Ich habe ihn nie gesehen&nbsp;... nur,« schloß ich
-zögernd, »in meinen Gedanken.«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie
-schickte sich an, die Küche zu verlassen, doch auf der
-Schwelle drehte sie sich noch einmal um und rief
-mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen,
-wird er Ihnen nichts schaden.«</p>
-
-<p>Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf
-meinen Schrank, riß alle Düten heraus und verbrannte
-sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das
-letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann
-lehnte ich mich an die graue Küchenwand und weinte
-bitterlich.</p>
-
-<p>Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh,
-jene Träume in jener grauen Küche! &ndash; Keine
-Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche
-Sehnsucht nach ihm.</p>
-
-<p>Wann würde er denn kommen? &ndash; Wann? &ndash;
-Wann? &ndash; Wann würde er kommen, um mich fortzunehmen,
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-wie die Prinzen in den Märchen kamen, um
-eine Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? &ndash;
-Irgendwo und irgendwann mußten wir uns doch
-treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist
-der Weg noch lang?«</p>
-
-<p>Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine
-Augen glitten dann gewöhnlich über meine Hände,
-die mir so dick und rot erschienen. &ndash; Wie &ndash; wenn
-er mich aber nicht lieben würde? &ndash; Doch schon im
-nächsten Augenblick flog mir die eine oder die andere
-Zeile meiner Gedichte durch den Kopf, und während
-mir vielleicht noch die Tränen in den Augen standen,
-lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was
-hatten die Hände &ndash; diese Hände mit mir zu tun? &ndash;
-Der Mann, von dem ich träumte, war kein Mann,
-der ein Mädchen liebte, weil es schön war. &ndash; Nein,
-er war ein Mann, der mich lieben würde &ndash; der
-weißen Gedanken wegen, der reinen Sehnsucht
-wegen und um denjenigen Teil meines Herzens
-wegen, der beständig dichtete und träumte.</p>
-
-<p>Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in
-der Waschküche, die voll Dampf war, als die Türe
-aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!«
-rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht
-geschrieben, daß du kommen würdest?«</p>
-
-<p>»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen,
-und als gestern wieder nichts kam, da
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen
-bin.«</p>
-
-<p>»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich,
-daß ihre derben schwarzen Schuhe ganz bestaubt
-waren und sie selbst recht müde aussah.</p>
-
-<p>»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen
-Pause fügte sie zögernd hinzu:</p>
-
-<p>»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und
-wir müssen unsere Kreuzer zusammenhalten, wenn
-wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«</p>
-
-<p>Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und
-hielt die Tränen nur mit größter Mühe zurück.</p>
-
-<p>»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so
-gerne geben.«</p>
-
-<p>Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.</p>
-
-<p>»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden
-selbst, &ndash; hast du dir schon etwas erspart?«</p>
-
-<p>Ich errötete bei dieser Frage.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte ich langsam.</p>
-
-<p>»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.«
-Meine Mutter rechnete an den Fingern, »und jeden
-Monat 8 Kronen,« &ndash; sie rechnete wieder &ndash; »das
-macht eine schöne Summe &ndash; ich glaube, du bist leichtsinnig,
-Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten
-mit einem sanften Vorwurf in den Augen an.</p>
-
-<p>»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich
-neben ihr nieder und erzählte, daß ich meinen vollen
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Lohn nie bekommen hätte, sondern immer nur eine
-Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem
-Schuh übernähen zu lassen oder irgendein wichtiges
-Kleidungsstück kaufen zu können. Ich schämte mich
-sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn
-gewesen war, der mich hierhergebracht hatte.</p>
-
-<p>Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer
-langen Pause sagte sie: »Ich bin froh, daß ich gekommen
-bin. Ich wollte einmal selbst sehen, ob es
-dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine
-recht schöne Stelle für dich gefunden; es sind drei
-Kinder, auf die du acht zu geben hättest, und es ist
-ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen
-könntest.«</p>
-
-<p>Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch
-immer so oft gelang, mich anzuspucken, sowie die
-hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles
-andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich
-möchte die Stelle sehr gerne annehmen,« sagte ich.</p>
-
-<p>Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb,
-auf dem sie sich beim Eintritt niedergelassen hatte,
-und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit
-dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet;
-wenn ich jetzt mit der Frau Direktor spreche,
-so bist du in zwei Wochen frei; ich habe mich wegen
-der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die
-Frau ist sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen,
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-so daß du noch eine Woche zu Hause sein kannst, ehe
-du die Stelle antrittst. &ndash; Ist dir das so recht?« Ich
-nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.</p>
-
-<p>Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter
-schon fort, und die Frau Direktor saß beim Herdfeuer,
-als ob sie auf mich gewartet hätte. »Es tut mir
-leid, daß Sie fortgehen, &ndash; doch ich habe es ja immer
-gesagt, daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich
-zu gut sind. Ich hoffe, die neue Stelle wird Ihnen
-gefallen.«</p>
-
-<p>Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte
-ich meine Sachen wieder in starkes braunes Papier,
-und das Paket schien mir kleiner als damals, als ich
-auszog, mein Glück zu suchen.</p>
-
-<p>Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor
-gab mir zehn Kronen und versprach, alles rückständige
-Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß das nie geschehen
-würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn
-Kronen, die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.</p>
-
-<p>Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert.
-Die Wohnung war zwar noch dieselbe, doch
-vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer
-unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht
-nach deren Verbleib zu fragen. Ich sah auch, daß
-meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, so
-doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem
-Wandbrett bemerkte ich auch eine Pfeife.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.</p>
-
-<p>»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick
-auf den besagten Gegenstand, »Vater sagt, eine
-Pfeife käme billiger als Zigarren.«</p>
-
-<p>Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht
-mehr. »Du weißt doch,« sagte meine Mutter, »daß
-Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«</p>
-
-<p>»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt.
-Wo ist er denn?«</p>
-
-<p>»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«</p>
-
-<p>Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder,
-von dem ich, seit er in die Lehre geschickt wurde, nichts
-mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand ich
-es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und
-seine Lehrzeit von neuem anfangen mußte.</p>
-
-<p>Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett
-zu bringen und den Tisch für das Abendbrot zu
-decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst,
-als es schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung
-setzten wir uns zum Essen nieder und ich
-bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während
-seiner Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur
-sechzehn Jahre zählte, war er doch viel größer als
-mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß
-ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht
-war ebenfalls sehr schön, die Augen waren blau
-und groß, und lange Wimpern senkten sich beschattend
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein
-feiner blonder Schnurrbart, und nur die Unterlippe
-wölbte sich etwas zu voll für meinen Geschmack.</p>
-
-<p>»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich
-einmal während des Essens. »Eigentlich bist du doch
-zu groß (und zu schön, hätte ich beinahe hinzugefügt),
-um ein Lehrjunge zu sein.«</p>
-
-<p>»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas
-spottendem Tone, »für einen Lehrjungen bin ich
-schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu sagen,
-viel zu fein.«</p>
-
-<p>»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch,
-daß er die Hände eines Prinzen hatte.</p>
-
-<p>»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich
-seine schönen Nägel, »zu groß und zu fein,
-um Ohrfeigen einzustecken.«</p>
-
-<p>»Hat man dich&nbsp;&ndash;?« frug ich und wagte nicht zu
-vollenden.</p>
-
-<p>»Ja, darum lief ich davon.«</p>
-
-<p>»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,«
-warf meine Mutter schüchtern ein, »was wirst du
-denn jetzt anfangen?«</p>
-
-<p>Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er
-meiner Mutter zuwarf, &ndash; es war ein böser, fast
-drohender Blick, der seinem Gesicht alle Schönheit
-raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er
-soeben auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-gleichgültig in den Holzsessel zurück, und
-ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.</p>
-
-<p>»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich
-an meine Mutter, »ich werde euch nicht zur Last
-fallen &ndash; ich gehe nach Wien,« schloß er, sich zu mir
-wendend.</p>
-
-<p>»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort
-tun?«</p>
-
-<p>Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich.
-»Das weiß ich noch nicht, ein Bursche wie ich
-einer bin, braucht sich darüber nicht zu sorgen, ich
-habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine
-Stirne) habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.«
-Er fing dann an, seine Zukunft zu schildern. »Es ist
-ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande geboren zu
-sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten,
-die sich einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten
-Schulen, die Plätze von geschichtlicher Bedeutung,
-die zahllosen Gewerbe und die feinere Form des
-Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt
-es keine richtige Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen
-auf und tut, was man eben tun kann; doch wo ist
-jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes
-und des Körpers, wie wir ihn in den Städten finden,
-wo in jedem Beruf der Geniale von dem Genialsten
-verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten
-strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-würde ich sicher mein ganzes Leben lang nichts
-anderes sein als ein Tagedieb, der das große Kapital,
-das ihm der Zufall &ndash; meine liebe Schwester,«
-wandte er sich an mich, »ich bin über die Albernheiten
-von Gott und Kirche schon lange hinaus &ndash;
-in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat,
-ohne Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum
-habe ich mir vorgenommen, es mit den Besten
-und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und
-es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich
-in ein paar Jahren nicht so viel Geld hätte, daß ich
-nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen
-Worten verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.«
-Ich saß die ganze Zeit mit andächtig gefalteten
-Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken
-sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede
-und die neuen Gedanken, die ich zum erstenmal
-hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der unbedingten
-Übergabe meiner bisherigen Ideen.</p>
-
-<p>»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen,
-als er endlich eine Pause entstehen ließ. »Aber
-was willst du denn eigentlich werden?«</p>
-
-<p>»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner
-Weise besser bist als diese Leute (er wies dabei mit
-dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich in
-gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf
-dem du geboren wurdest; du denkst wie diese Leute
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-(er zeigte wieder auf meine Eltern), und diese Leute
-denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist
-euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,«
-fuhr er in etwas sanfterem Tone fort, »was
-ich werden will? Wie kann ich das schon heute
-sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien
-gar nicht und weiß auch nicht, welche meiner
-Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die
-Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum
-Prüfen, und ich sage dir, wozu ich mich am
-besten eigne.«</p>
-
-<p>Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit
-und sagte lange kein Wort.</p>
-
-<p>»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder
-fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich
-das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung),
-mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du
-sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin
-und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet;
-leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach
-meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis
-und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen.
-Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner
-gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl,
-die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst,
-damit ich mich deiner nicht zu schämen
-brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-wirst, so könntest du es doch weiterbringen,
-als du es bisher gebracht hast.«</p>
-
-<p>Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom
-Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken
-gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er
-räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der
-Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war.
-Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen.
-»Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am
-besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter
-deinesgleichen verkehren könntest?«</p>
-
-<p>»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder
-mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen,
-schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich
-dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur
-Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir
-schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen
-werde.«</p>
-
-<p>In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag
-etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter
-mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig
-auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und
-geht jetzt schlafen.«</p>
-
-<p>Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein
-Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes
-haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze
-Summe zu geben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien
-ankomme?«</p>
-
-<p>»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann
-doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern
-lassen!«</p>
-
-<p>»So willst du lieber, daß ich verhungere?«</p>
-
-<p>»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt
-genug, um irgend etwas angreifen zu können und
-dir dein Brot zu verdienen.«</p>
-
-<p>»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu
-Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot
-verdient.«</p>
-
-<p>»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch,
-»Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf
-gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«</p>
-
-<p>Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters
-Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen
-Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit
-ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen
-zu können.«</p>
-
-<p>Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch
-von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet
-haben; er wurde ganz blaß und suchte sich
-aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem
-ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich
-schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet
-ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich
-tiefer und breiter Fluß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild
-des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der
-Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im
-Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von
-dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor
-Aufregung am ganzen Körper. &ndash; Was mich am
-meisten aufregte, waren meines Bruders letzte
-Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.«
-&ndash; Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen
-Wellen stürzte und langsam untersank. In
-meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu
-meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf
-dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer
-ging.</p>
-
-<p>»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend,
-»glaubst du, er hat schon&nbsp;...?«</p>
-
-<p>»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die
-unglücklichste Frauensperson in der Welt.« &ndash; Ich
-hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen
-werde, doch er kam nicht; und als er am Abend
-nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je
-wiederzusehen.</p>
-
-<p>Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer,
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es
-eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp
-ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir
-ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte,
-man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist
-junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.</p>
-
-<p>Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge
-wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so
-daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor,
-sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse
-herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei
-lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist
-du die Nacht über gewesen?« &ndash; Er schien über die
-Frage nicht sehr erbaut zu sein.</p>
-
-<p>»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte
-er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle
-Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt
-hat, auch nur indirekt zu berühren.«</p>
-
-<p>Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt
-schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte
-ich mich über seine Ruhe.</p>
-
-<p>»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich
-in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«</p>
-
-<p>Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher,
-doch <em class="ge">er</em> schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte
-<em class="ge">ich</em> und bereute die Frage im nächsten Augenblick,
-denn seine Augen leuchteten zornig.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen
-Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben
-muß, welch' niederer Herkunft du bist.«</p>
-
-<p>»Ich?«</p>
-
-<p>»Ich meine wir &ndash; doch ich habe ja selbstverständlich
-mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es
-dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so
-eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung
-zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt,
-wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er
-viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht
-zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den
-Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen,
-dein weiteres Leben selbst zu überwachen und,
-wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen
-sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen.
-&ndash; Sobald ich also den Staub dieses Dorfes
-von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in
-Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht
-arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere
-Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich
-machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in
-allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen
-unterrichten zu lassen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bist du damit einverstanden?«</p>
-
-<p>Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der
-Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht
-hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit
-mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit
-ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn
-ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich
-empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen
-alles finden, was man im Leben braucht, um in
-jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne
-dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft
-zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber
-nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann
-ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht
-im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen
-beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht
-richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten
-Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich
-selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären;
-und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln
-erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider
-Lebewohl sagen.«</p>
-
-<p>»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du
-denn?«</p>
-
-<p>»Ich fahre heute noch nach Wien.«</p>
-
-<p>»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das
-wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.</p>
-
-<p>»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist
-Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut
-als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie
-einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran,
-nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen
-Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung
-bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er
-auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz
-heißt. Hüte dich, das anzugreifen. &ndash; Und nun Gott
-befohlen, liebe Schwester!«</p>
-
-<p>Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht,
-sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.</p>
-
-<p>»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich,
-fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach
-Wien fahren?«</p>
-
-<p>Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig
-an.</p>
-
-<p>»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe
-des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine
-Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil
-du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los
-ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht
-unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen,
-so will ich für heute von deiner Erziehung absehen
-und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten.
-Wie du richtig vermutest, habe ich
-leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise
-mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen.
-Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden
-und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis
-wir in Wien ankommen.«</p>
-
-<p>Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich,
-»das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du
-alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines
-Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt
-hatte, in die Hand.</p>
-
-<p>Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung.
-»Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn
-ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen
-würde. &ndash; Ferne sei das von mir.« Und während
-er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte,
-schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit
-begangen, aber ich verzeihe dir.« Im
-nächsten Augenblicke war er fort.</p>
-
-<p>Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich
-zu schluchzen an und verwünschte meine
-Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich
-mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein
-Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein
-Held und ein Märtyrer sei....</p>
-
-<p>Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen
-antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem:
-erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin;
-drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen
-monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht
-sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen
-des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn
-das vorbei war, die Kinder auszunehmen.</p>
-
-<p>Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren.
-Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors,
-und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin
-hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören
-man sich hätte schämen müssen, und ich durfte
-ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr
-gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere
-öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte
-mich ungemein glücklich.</p>
-
-<p>Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen
-waren und mir die anfängliche Neuheit
-der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war,
-erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit
-und der Verlassenheit. Es geschah
-nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte
-und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben
-zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr
-sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das
-nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir
-fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende
-Antwort geben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag,
-daran waren, die verschiedenen Kochbretter
-sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin,
-daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick
-geschwollen waren.</p>
-
-<p>»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer
-teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben
-Heimweh!«</p>
-
-<p>Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf:
-»Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube
-vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«</p>
-
-<p>»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was
-denn?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur,
-daß ich gar nichts kann.«</p>
-
-<p>»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin
-ganz zufrieden, wie Sie mir bei der Arbeit helfen.«</p>
-
-<p>»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch
-noch Klavier.«</p>
-
-<p>»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber
-doch nicht in Ihrem Beruf.«</p>
-
-<p>»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf
-haben.«</p>
-
-<p>»Oh«&nbsp;... und dann schwiegen wir lange.</p>
-
-<p>Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht,
-legten die nassen Schürzen ab und banden reine vor.
-Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-von der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee
-zu kochen, während ich den Tisch im Eßzimmer
-deckte. Als ich das Brett mit der heißen
-Milch, dem heißen Kaffee und den reinen weißen
-Schalen hineingetragen hatte, setzten wir uns zu
-unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin
-schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht
-zitterte. Da sie nicht sprach, sagte auch ich nichts;
-doch ich fühlte, daß sich ihre Gedanken mit mir beschäftigten.
-Nachdem ihre Schale leer war, stützte
-sie ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an.
-»Also Französisch wollen Sie lernen.«</p>
-
-<p>»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«</p>
-
-<p>»Also was soll es denn sein?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht!«</p>
-
-<p>»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen,
-was Sie wollen.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand
-ich endlich sehr verwirrt und sehr verlegen.</p>
-
-<p>»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht
-lieber Französisch?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch
-lernen,« wiederholte ich langsam, aber sehr entschieden.</p>
-
-<p>»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach
-einer Pause wieder an. »Die Frau darf natürlich
-nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie gelernt
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-und würde es für Hochmut halten, wenn Sie
-dergleichen lernen wollten. Doch ich denke, es ließe
-sich einrichten, wenn Sie abends, nachdem die
-Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen
-würden.«</p>
-
-<p>»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie
-daran denken, während des Tages dergleichen zu tun;
-es fragt sich nur,« fügte ich etwas kleinlaut hinzu,
-»ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend
-Stunde gibt.«</p>
-
-<p>»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt.
-»Brauchen Sie denn eine Lehrerin?«</p>
-
-<p>Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage.
-»Natürlich, ohne eine Lehrerin werde ich es nicht
-fertig bringen.«</p>
-
-<p>»Aber wird das nicht zu viel kosten?«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube
-nicht, daß das viel kosten wird.«</p>
-
-<p>»Wieviel denken Sie denn?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei
-Kronen die Stunde.«</p>
-
-<p>»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«</p>
-
-<p>»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im
-Monat, und ich brauch' das ja nicht alles.«</p>
-
-<p>»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft
-denken.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht,
-wie ich es meinte.</p>
-
-<p>Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich
-wünschte; so ließen wir denn dieses Mal den Gegenstand
-fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu berühren,
-obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht
-nagte, die ich kaum bemeistern konnte.</p>
-
-<p>Es war einige Tage später, als die Köchin ganz
-plötzlich wieder davon anfing.</p>
-
-<p>»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben
-könnten?«</p>
-
-<p>»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.</p>
-
-<p>»Von dem Englischen.«</p>
-
-<p>»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch
-gründlich wüßte, so könnte mir das viel Geld
-einbringen.«</p>
-
-<p>»Wo?« frug sie.</p>
-
-<p>»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte
-verlegen den Kopf.</p>
-
-<p>Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt,
-und sie widmete sich dieser Arbeit jetzt mit doppeltem
-Eifer.</p>
-
-<p>Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte
-und wir wieder bei unserer Schale Kaffee saßen,
-begann die Köchin wieder:</p>
-
-<p>»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an
-einem Freitag abend haben können, denn die
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr
-nicht nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin
-zurück sein können?«</p>
-
-<p>Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte
-dieser guten, einfachen Person um den Hals fallen
-mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete im
-Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum
-Gebet, »ich werde schon viel früher zurück sein, da
-ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut werdend,
-»wird der Hausknecht mich nicht verraten?«</p>
-
-<p>»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort
-reden.«</p>
-
-<p>Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer
-Lehrerin umsehen sollte, die in der Nähe wohnte,
-und die Sache war für dieses Mal erledigt.</p>
-
-<p>Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft
-ich mit den Kindern ausging, die an den Häusern angebrachten
-Schilder zu lesen. Endlich fand ich, was
-ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete
-es auf einer schwarzen Granittafel, und die Granittafel
-hing an einem sehr vornehm aussehenden
-Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit
-einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich
-hineingegangen, und nur der Umstand, daß die
-Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie
-waren alt genug, um alles zu verstehen, und hätten
-sicher alles haarklein ihrer Mutter erzählt, die zwar
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr einfachen
-Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig
-bemerkte, nur Hochmut darin gesehen hätte.</p>
-
-<p>Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin
-sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es
-möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen,
-da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es
-nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein
-machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte
-nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag
-gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich
-nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin
-machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in
-den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne
-Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht
-möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen
-und zog schon am nächsten Tage die Glocke
-an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen
-läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher,
-als ich schon war. Während ich stand und wartete,
-kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich
-verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu
-lassen. Aber noch während ich mich nach einer
-günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis,
-daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in
-den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen,
-als die Tür aufging und ein Dienstmädchen
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid,
-worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein
-Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien
-und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel
-erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick
-aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin
-entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie
-vorgekommen.</p>
-
-<p>Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand
-kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier
-war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße
-Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.</p>
-
-<p>Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als
-sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne
-bittere Vorwürfe machte.</p>
-
-<p>»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden
-nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem
-so?«</p>
-
-<p>»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«</p>
-
-<p>»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es
-zu sagen, »ich bin in Stelle.«</p>
-
-<p>Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich
-scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von
-zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann
-möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«</p>
-
-<p>»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir
-die Tränen in die Augen.</p>
-
-<p>Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig,
-daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts
-zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte
-ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme
-machen und Ihnen die Stunden zu einer
-Zeit geben, wo Sie kommen können.«</p>
-
-<p>Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann,
-was es kosten würde, und sie nannte nach einigem
-Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig
-vorkam.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage
-nach Hause kam, ich weiß nur, daß ich den ganzen
-Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel der
-Kanne schlug.</p>
-
-<p>Als ich der Köchin meine Unterredung mit der
-Lehrerin berichtete, war sie ganz still. Nach einer
-Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es
-schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das
-nicht sagen könnte, da ich ja nie in meinem Leben Englisch
-gehört hätte, doch ich glaubte, es sei nicht schwer.</p>
-
-<p>Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich
-arbeitete die ganze Woche freudig um des einen
-Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich
-hatte mir auch ein Buch über die Anfangsgründe
-der englischen Sprache gekauft, und so oft ich eine
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand
-und lernte daraus.</p>
-
-<p>Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über
-meinen Fleiß, doch merkte ich bald, daß sie mir noch
-andere Dinge beizubringen wünschte als bloß Englisch.
-Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr
-in dem Zimmer saß, das für mich seinen Zauber
-nie verlor, fragte sie mich ganz unvermittelt, warum
-ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein
-könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich
-schämte mich ungemein wegen der beiden Fragen und
-stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete schon,
-sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes
-Benehmen während der übrigen Stunde überzeugte
-mich vom Gegenteil.</p>
-
-<p>Als ich damals nach Hause kam, fand ich die
-Köchin bereits im Bett. Sie war erstaunt, daß ich
-mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern in
-meinem Nähkorb herumsuchte.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie denn?« frug sie.</p>
-
-<p>»Eine Schere.«</p>
-
-<p>»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«</p>
-
-<p>»O, nur für meine Nägel.«</p>
-
-<p>»Welche Nägel?«</p>
-
-<p>Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und
-während ich mich auf mein Bett setzte, fing ich an,
-einen nach dem andern zu reinigen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf
-gekommen?«</p>
-
-<p>»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit
-meiner Lehrerin verblieb mir während der
-ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an
-meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst
-in irgendeiner Weise einen Fehler entdeckte, rügte
-sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch mit
-ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit
-jener Anbetung, die junge Mädchen oft älteren
-Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre Hände
-die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten,
-als ich in der Dunkelheit herumtappte,
-und der Weg zum Licht für mich so weit &ndash; so
-weit noch war.</p>
-
-<p>Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs
-Monate kannte, frug sie mich eines Tages, ob ich
-außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte;
-und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem
-Orte, wo sie früher lebte, eine Schülerin gehabt
-hätte, die ich vermutlich sehr gern haben würde.
-Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in
-Briefwechsel zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen
-kennen zu lernen, von dem meine Lehrerin mit
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein,
-und ich bat um die Adresse. Ich schrieb schon den
-nächsten Tag an sie und erhielt gleich eine Antwort,
-in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit
-mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir
-uns recht oft schreiben würden. Als ich diesen Brief
-der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß eine sehr
-feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie
-im Zweifel. Als ich aber einige Tage später beim
-Lichte einer Kerze mich niedersetzte, um den Brief
-zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben
-sollte. Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing
-ich an und schrieb, ohne aufzuhören, vier bis sechs
-Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, waren
-alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen
-ich nie zu jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht&nbsp;...</p>
-
-<p>Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort
-gehört und zu Hause wußte man ebenfalls nichts
-von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem
-Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er
-ein Schreiben von Karl bekommen hätte, worin
-stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.</p>
-
-<p>Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum
-Halse hinauf. Obwohl ich eigentlich nie recht an
-das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt hatte,
-so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte
-mich, ob er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Schrecken erfaßte mich, als mir bewußt wurde, daß
-ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen
-hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch
-nur dem Namen nach kannte. Wahrscheinlich bewegte
-er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und
-meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama
-von Schiller zitieren zu können, würde für ihn furchtbar
-beschämend sein. Darüber, daß er mir bis jetzt
-noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum.
-Sicher hatte er unermüdlich gearbeitet und fand
-nicht Zeit dazu. Um aber für den Fall, daß er wirklich
-kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es
-nun meine erste Sorge sein, mir ein Buch von
-Schiller zu verschaffen. Kaufen konnte ich keines,
-da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte.
-Im Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar
-ein Bücherschrank, er war jedoch immer verschlossen;
-die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu sein
-und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen.
-Nachdem aber noch weitere fünf bis sechs Monate
-vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder hörte,
-vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder
-und dachte nicht mehr daran.</p>
-
-<p>Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf
-dieser Stelle, als ich die Bekanntschaft eines Mädchens
-machte, das ich täglich auf den Spaziergängen
-mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-zu mir war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die
-Bank, und während die Kinder zwischen den Bäumen
-allerlei Spiele spielten, plauderten wir über
-verschiedene Dinge.</p>
-
-<p>»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?«
-frug sie mich eines Tages.</p>
-
-<p>»Wo sollte ich denn hingehen?«</p>
-
-<p>»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten,
-aber ein Mädchen wie Sie sollte ihr Glück
-in der Welt versuchen.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein
-Mädchen wie Sie ein ganz anderes Leben führen
-sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«</p>
-
-<p>»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«</p>
-
-<p>»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch
-ganz gut, daß Sie so gescheit wie hübsch sind.«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines
-Bruders denkend, »ich dachte immer, ich sei sehr
-dumm,« dann, auf meine Hände blickend, »und sehr
-häßlich.«</p>
-
-<p>»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch
-das andere, und wenn ich Sie wäre, würde ich in
-irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich
-vorwärts käme.«</p>
-
-<p>»Nach Wien?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, frug sie:
-»Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«</p>
-
-<p>»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was
-sollte ich dort tun?«</p>
-
-<p>»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied,
-daß Sie dreimal soviel bezahlt bekommen
-als hier und kein Dienstmädchen sein werden, sondern
-ein Fräulein.«</p>
-
-<p>Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es
-immer tat, wenn ich tief bewegt war. »Aber,«
-sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für
-eine solche Stelle sein?«</p>
-
-<p>»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht
-raten.«</p>
-
-<p>Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden
-und schickte sich zum Gehen an. Sie reichte mir die
-Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf Wiedersehen,
-und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt
-habe. Ich meine es gut mit Ihnen.«</p>
-
-<p>Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir
-jedes ihrer Worte; besonders ging der eine Satz
-mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal
-soviel bezahlt«&nbsp;... Dreimal soviel&nbsp;... Ich
-rechnete in Gedanken&nbsp;... Dreimal zehn Kronen,
-das waren ja dreißig Kronen&nbsp;... Dreißig Kronen
-jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich
-nie aufbrauchen könnte; doch würde ich
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-die Hälfte davon natürlich jeden Monat nach Hause
-schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine
-Hilfe hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir,
-ging immer schlechter&nbsp;... »Du gütiger Gott,«
-betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen
-im Monat wäre uns allen geholfen.«</p>
-
-<p>Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und
-meine Frau hielt mir eine sanfte Strafpredigt, die
-mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen
-ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin
-meine Unterredung mit dem Mädchen mitzuteilen;
-dann überlegte ich, daß es besser sein würde, noch
-nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt
-aus der Sache etwas würde.</p>
-
-<p>In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach
-meiner neuen Freundin, doch es vergingen fast acht
-Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich lief
-hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren
-freundlichen Gruß.</p>
-
-<p>»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.</p>
-
-<p>»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und
-sah erstaunt auf mein erhitztes Gesicht. Ich zwang
-mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich neben ihr
-nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum
-warten, von dem Gegenstande zu reden, der mir
-so nahe lag, doch mochte ich selbst nicht davon anfangen.
-Sie aber schien gar nicht mehr an unsere
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-frühere Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit
-keinem Laut, doch war sie freundlich wie immer.
-Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich die
-Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir
-ein Herz und sagte anscheinend ganz gleichgültig:
-»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich über alles,
-was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und
-daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«</p>
-
-<p>Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete,
-und ihre nächsten Worte bestätigten dies. »Mein
-liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid, daß ich
-Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht
-Ihre sichere gegenwärtige Lage bedrohen
-könnten.«</p>
-
-<p>Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem
-Herzen schwand, und mit fast weinerlicher Stimme
-sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht&nbsp;... Sie haben
-doch gesagt&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes
-gesagt, was ich jetzt bereue, weil ich sehe,
-daß meine Mutter vollkommen recht hatte.«</p>
-
-<p>»Ihre Mutter? &ndash; So haben Sie Ihrer Mutter
-davon gesprochen?«</p>
-
-<p>»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen
-erzählt und berichtete ihr auch unser letztes Gespräch,
-worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von
-mir gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Lage« &ndash; sie betonte das Wort: »sicheren« besonders
-&ndash; »unzufrieden zu machen.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so
-eine Stelle nicht fein genug, und es sei darum nicht
-sicher, ob man mich behalten wird.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren
-Arm um mich. »Sie sind ein Dummchen und viel
-zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein
-armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr
-Brot verdienen müssen, sind Sie in einem so stillen
-Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser
-aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren
-stündlich Sie umlauern.«</p>
-
-<p>Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand
-nun wirklich. »Ich weiß, was Sie meinen,
-aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein
-leichtsinniges Mädchen.«</p>
-
-<p>»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden
-Tone, in dem eine Mutter zu ihrem aufgeregten
-Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges
-Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen,
-die immer hineinfallen.«</p>
-
-<p>»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht
-nichts.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin
-etwas von sich und sah mir lange in die Augen.
-»Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.«
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht
-beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und
-zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie
-und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe
-es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen
-wollen« &ndash; und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß
-sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den
-Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte:
-Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.</p>
-
-<p>Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem
-Traum befangen, schritt ich nach Hause.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>... Der Abschied von der Familie, in der ich über
-zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde,
-der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen,
-unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden
-war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa
-de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden
-mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den
-ich am leichtesten verwinden konnte, da meine
-Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war,
-noch ärmer geworden waren und ich mehr als je
-die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine
-Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen
-ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme
-zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte
-von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer
-einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte
-ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner
-Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein
-war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß
-ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir
-aber nicht die geringste Sorge. Während ich die
-ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte,
-träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich
-jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die
-ich mir davon anschaffen würde.</p>
-
-<p>Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien
-von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine
-Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine
-solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld
-verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte
-mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er
-eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern
-von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte
-ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer,
-oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten
-Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja
-sein, denn ich dichtete ja auch, &ndash; wenn auch
-meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen
-würden.</p>
-
-<p>Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses.
-Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause
-zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-faßte ich einen kühnen Entschluß &ndash; so kühn,
-daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte
-ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest
-mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige
-Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu
-können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner
-Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie
-meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.</p>
-
-<p>Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem
-blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut
-für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem
-Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein
-fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur
-Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu
-machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen
-und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir
-waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf
-dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich
-in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer
-zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster
-mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten
-ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein
-Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich
-über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten
-Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.</p>
-
-<p>Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und
-ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die
-zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten,
-in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte,
-und stellte mir seine Freude und Überraschung vor,
-wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch
-gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt
-hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte
-niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu
-fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes
-Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans
-Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen
-Worten:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und ich vor Leid verzweifle schier,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dann greife ich nach meiner Feder</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und füll' mit Zeilen das Papier&nbsp;...</td></tr>
-</table>
-
-<p>In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann
-den Zettel mit der Adresse, die uns mein
-Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich
-mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause
-auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten
-gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich
-eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings
-das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm
-zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster
-zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte
-ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder,
-sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte
-ihn dann sprechen.</p>
-
-<p>Als aber fast eine Stunde verging und mein
-kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat
-ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in
-der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken.
-Es waren aber alles fremde Gesichter.
-Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen
-und doch hineingehen, als ich zwischen den
-Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und
-Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand
-mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht
-nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl,
-als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen.
-Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß
-dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins,
-als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster
-saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand
-meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig
-näher kam. &ndash; Ich hatte fast meinen Koffer fallen
-lassen, so bestürzt war ich, &ndash; es war mein Bruder!
-Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun
-die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort,
-und während er sich mit scheuen Blicken nach links
-und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz
-leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke
-auf ihn warten, er käme in einer halben
-Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während
-ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner
-Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum
-glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem
-ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein
-Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber,
-als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann
-auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues
-Erstaunen, der elegante junge Mann war mein
-Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und
-bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst
-du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem
-wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den
-Gedanken weiterknüpfend.</p>
-
-<p>»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du
-mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses
-elende Geschäft erinnern?«</p>
-
-<p>»Warum elendes Geschäft?«</p>
-
-<p>»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht,
-daß es mir Vergnügen macht, um Kerls
-herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit
-unter mir stehen?«</p>
-
-<p>»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du
-seiest ein Künstler geworden?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der
-Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein
-Künstler &ndash; das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut.
-Denkst du denn, daß die Künstler über
-Nacht vom Himmel fallen?«</p>
-
-<p>»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen.
-»Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«</p>
-
-<p>»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit
-einem Male ein Künstler werden soll, wo mir
-jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung
-fehlt.«</p>
-
-<p>»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon,
-welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«</p>
-
-<p>»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon
-lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten
-Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten
-hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung
-des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es
-ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist
-geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik
-hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage,
-daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher
-erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse
-jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden,
-die unbedingt notwendig ist, um Großartiges
-zu schreiben.«</p>
-
-<p>»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden
-wie andere Leute?«</p>
-
-<p>»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen
-Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn
-das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier
-Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen.
-Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen
-Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt,
-der Intellekt versumpft und der ganze
-Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«</p>
-
-<p>Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem
-ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn
-seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an,
-und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast
-wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals
-eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen
-Verhältnissen auf dem Lande losgerissen,
-um in Wien eine Stelle anzunehmen?«</p>
-
-<p>Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.</p>
-
-<p>»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt
-hatte, »bist du denn verrückt geworden?«</p>
-
-<p>»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß
-ich trachten solle, es weiter zu bringen.«</p>
-
-<p>»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu
-wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir
-sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«</p>
-
-<p>»Wie meinst du das?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine
-Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen,
-sondern eine Dame brauchen, ein Wesen,
-das Manieren und Lebensart besitzt, um solche
-eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut
-sind? Solltest du ferner nicht wissen,
-daß du von dem, was man hier &rsaquo;Schliff&lsaquo; nennt, nicht
-das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er
-rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut
-sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine
-Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den
-Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres
-Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas
-hernehmen können, das den feinen Menschen sofort
-von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du
-endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche
-man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«</p>
-
-<p>Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte
-leise in mich hinein. »Was soll ich denn tun?« frug
-ich endlich.</p>
-
-<p>»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren,
-sondern hier in Wien bleiben, und ich werde
-mich bei meinen Freunden für dich verwenden; vielleicht
-könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem
-Kaffeehause bekommen.«</p>
-
-<p>»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend,
-»das will ich nicht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen
-gewöhnlich eine reiche Heirat.«</p>
-
-<p>Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das
-will ich nicht,« sagte ich noch einmal, »da gehe ich
-lieber nach Budapest.«</p>
-
-<p>Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht
-zu raten ist, dem ist nicht zu helfen &ndash; wann geht
-dein Zug?«</p>
-
-<p>»Um acht Uhr abends.«</p>
-
-<p>»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend,
-»ich habe um diese Zeit ein Rendezvous, und so kann
-ich nicht mitkommen.«</p>
-
-<p>»Ein Randewau?«</p>
-
-<p>»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat
-man's wieder,« fuhr er achselzuckend fort. »Du
-weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen
-Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich
-zog er ein kleines Büchlein und einen Bleistift heraus
-und begann emsig zu schreiben. Als er fertig
-war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,«
-sagte er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter
-aufgeschrieben, die du unbedingt kennen solltest,
-weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch
-nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück
-und Gott befohlen, liebe Schwester.« Er reichte mir
-die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich aufblickte,
-war er fort.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und
-schlug den angedeuteten Weg ein. Nachdem ich
-meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in
-der Halle stehenden Zug, und beim Schein der
-schwachen Wagenlampe überflog ich den Zettel,
-den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr>
- <td class="tdl">Rendezvous</td>
- <td class="tdl">Melange</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Engagement</td>
- <td class="tdl">Carriere</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bureau oder Comptoir&emsp;&emsp;</td>
- <td class="tdl">Milieu</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Pardon</td>
- <td class="tdl">Rouge</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Toilette</td>
- <td class="tdl">Noir</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Banquet</td>
- <td class="tdl">Manicure</td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den
-Zettel sorgfältig und steckte ihn in meine Tasche.
-Noch während ich damit beschäftigt war, setzte sich
-der Zug langsam in Bewegung....</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>M</b>iklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in
-seinem letzten Briefe an mich bemerkt, daß er
-mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten,
-ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der
-Hand zu halten. Als ich an jenem Morgen, nach
-einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest
-ankam, stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der
-einen und einem Taschentuch in der andren Hand,
-etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder
-durch das lange Sitzen ganz steif geworden waren.
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Ich sah mich einige Minuten auf dem Perron um
-und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf
-mich zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?«
-frug er; ich bejahte seine Frage und hätte
-unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.</p>
-
-<p>»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen
-Handkoffer, »einen Wagen haben?«</p>
-
-<p>Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der
-Tasche und schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein,
-nein!« sagte ich rasch, »ich möchte lieber gehen.«</p>
-
-<p>»Wie Sie wollen, Fräulein.«</p>
-
-<p>Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen
-dürfte, doch ich verneinte ebenfalls hastig. Nach
-einem ziemlich weiten Weg trat er endlich in eines
-der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus
-der Familie, in die er mich bringen wollte. »Sind
-wir schon da?« frug ich, und mein Herz schlug mir zum
-Zerspringen.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine
-Wohnung; ich brachte Sie erst hierher, weil ich vermute,
-daß Sie etwas Toilette machen wollen.
-Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«</p>
-
-<p>Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet,
-und wir traten in ein hübsch aussehendes Zimmer.
-Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich
-sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in
-ungarischer Sprache zu ihr, die ich natürlich nicht
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte und
-sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald
-Sie fertig sind, bin ich es auch.«</p>
-
-<p>Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich
-erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand;
-er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden
-würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der
-Familie vorstellte.</p>
-
-<p>»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich,
-»und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause
-wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre,
-hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich
-tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden
-wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten
-bereite.</p>
-
-<p>»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame
-reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich
-damit hastig einige Male über mein Kleid und gab
-sie ihr dankend zurück.</p>
-
-<p>»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben
-freundlichen Ton.</p>
-
-<p>»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren
-Mann herein.</p>
-
-<p>»Also fertig?«</p>
-
-<p>»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich
-nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und
-folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke.
-Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen
-zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen
-nachkam. Endlich aber war ich oben, und
-Herr Sandor setzte sich zu mir.</p>
-
-<p>»Ich glaube,« begann er nach einer Pause,
-»daß meine Briefe ausführlich genug waren und
-Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei
-Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich,
-daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf
-kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und
-ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl
-fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden
-Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte
-oder mit Strenge behandelt werden müssen, und
-ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung
-bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile
-in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob
-ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein
-aussähe. Endlich stiegen wir ab.</p>
-
-<p>Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr
-feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen
-lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes
-Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges
-Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte
-meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend
-auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht
-zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und
-ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte;
-aber noch während ich das wünschte, näherten
-sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat
-ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen
-und stand nur furchtbar verschämt
-vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir,
-sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache
-mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den
-Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug
-sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?«
-Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte,
-und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr
-sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht,
-wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus
-irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«</p>
-
-<p>»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne
-hier sein.«</p>
-
-<p>Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden
-und reichte mir die Hand. »Vergessen
-Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir
-noch zu, und dann ging er.</p>
-
-<p>Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen
-und führte mich in ein Zimmer, das ganz weiße
-Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen
-runden Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-sie sich und sahen etwas schüchtern auf mich.
-»Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten
-Tag.«</p>
-
-<p>Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit
-vollkommen. Ich reichte jedem von ihnen
-die Hand und stellte einige Fragen, die sie in etwas
-gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich
-meine Sachen ab, und trotzdem ich sehr müde war,
-beschäftigte ich mich doch sogleich damit, die Knaben
-zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier
-aufbaute und dergleichen mehr.</p>
-
-<p>Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit
-der Dame gegenüber, da ich merken konnte,
-daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder
-hatten mich bald lieb, und der Gedanke, daß man
-mich fortschicken würde, quälte mich nicht mehr.</p>
-
-<p>Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren
-Stelle hatte ich die Kinder zur Schule zu bringen
-oder abzuholen. Nachmittags nahm ich sie spazieren,
-und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch
-im Kinderzimmer und stopfte oder nähte.</p>
-
-<p>Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das
-mich besonders immer abends befiel, war ich ganz
-zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu
-haben, was ich so lange gesucht hatte. Nur ein
-Umstand trübte mein Glück. Ich hatte fast nichts
-anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich
-gern hübsch angezogen gesehen hätte. Sie machte oft
-eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch nicht direkt an
-mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie
-sich meiner armseligen Erscheinung vor ihren
-Freundinnen schämte, deren Fräulein so elegant
-gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie
-seien auch Damen.</p>
-
-<p>Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und
-blickte etwas ärgerlich um sich. »Die Kinder sind
-eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem soll
-ich sie schicken?«</p>
-
-<p>Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,«
-sagte ich.</p>
-
-<p>»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide
-dort nicht hingehen.«</p>
-
-<p>Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders
-und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht
-doch fortschicken würde. Ich war noch keinen
-Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht
-bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues
-Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun
-täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein
-solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid
-darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem
-Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang
-in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich
-der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge
-Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und
-zu einem Kleide reichte der Rest nicht.</p>
-
-<p>Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder
-zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat,
-nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte
-gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während
-er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist
-denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach
-und auch berechtigt, denn es war kalt, und die
-Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand,
-wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig.
-Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte
-mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so
-oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als
-er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da
-trat ich rasch zurück.</p>
-
-<p>Der Herr kam nun immer etwas früher nach
-Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf;
-er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten
-seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand
-jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines
-Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren,
-auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem
-Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich
-die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas
-erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte.
-Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat
-er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine
-Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger
-zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war
-mir unerträglich.</p>
-
-<p>»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn
-nicht an?«</p>
-
-<p>»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte
-ich und senkte den Kopf noch tiefer.</p>
-
-<p>»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen
-will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«</p>
-
-<p>Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da
-er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf
-und blickte demütig zu ihm empor.</p>
-
-<p>»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes
-Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich
-es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z.&nbsp;B. zu manchem
-Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen
-möchten.«</p>
-
-<p>Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten
-Entgegnung, doch winkte er mit der Hand,
-ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am
-besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen
-befinden. &ndash; Ich würde nun alles tun, um
-Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie
-meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen
-brauchen.«</p>
-
-<p>Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen
-Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf
-den Tisch.</p>
-
-<p>Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich
-überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das
-Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da
-er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die
-Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick,
-mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.</p>
-
-<p>»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner
-Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt
-und kein Dienstmädchen.«</p>
-
-<p>Dann ging er hinaus.</p>
-
-<p>Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und
-konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame
-nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies
-geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der
-jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse
-enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne
-Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe
-Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben
-bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor
-einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben;
-ich nahm nun alles, was ich besaß, und
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die
-Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte
-mit dem Schein nach Hause.</p>
-
-<p>Da es schon spät wurde, legte ich unter den
-quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst
-da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller
-Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte,
-sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte,
-um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von
-einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts
-mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel
-Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß
-ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir
-fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche
-Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß
-man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt.
-Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz
-anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem
-Kopfe abbreche.</p>
-
-<p>Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und
-ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut
-und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich,
-ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf
-sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer
-im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der
-Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige
-Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir
-hätte verraten können, ob man von mir sprach.
-Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame
-lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme,
-aber von mir sprach man nicht.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich
-wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr
-Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben
-in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt
-war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin
-herein mit einem Paar Schuhe in den Händen.
-Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und
-konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich
-machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und
-ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor
-einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie
-sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte
-den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war.
-Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder,
-daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun
-nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können.
-Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der
-Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.</p>
-
-<p>»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in
-Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen,
-»brauchen Sie sie denn nicht?«</p>
-
-<p>»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld
-bitten.«</p>
-
-<p>»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin,
-»ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«</p>
-
-<p>Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich
-sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen
-herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder
-bekommen.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern,
-wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat
-Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«</p>
-
-<p>Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie
-nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte.
-Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch
-einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte
-mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach
-Hause gesandt hatte.</p>
-
-<p>Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich
-noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen
-werde. Ich borgte noch mehr Geld von der
-Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die
-ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer
-leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am
-Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete
-ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war,
-25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch
-immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles
-anders gestaltete.</p>
-
-<p>Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu
-einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen
-Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war
-ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von
-der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und
-saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf
-einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte
-ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand
-der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges
-Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen
-Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem
-Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich
-hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er
-hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch
-auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos.
-Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf
-und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste
-und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang
-und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich
-angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich
-zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich
-in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein
-Haß, es war ein namenloser Schmerz.</p>
-
-<p>Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch
-verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen
-sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu
-können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der
-Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache,
-daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war.
-Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld
-nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu
-decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für
-meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken
-an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir
-vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und
-vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen
-werde, und statt dessen war ich um nichts besser
-daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch
-darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß
-wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich
-wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin
-bezahlen zu können und die Reise nach Wien
-zu ermöglichen. &ndash; Vielleicht konnte mir mein
-Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch
-rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das
-Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei
-weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung
-bleiben.</p>
-
-<p>Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig
-sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten
-Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,«
-sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«</p>
-
-<p>Als ich einmal während des Morgens in die Küche
-ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die
-beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander
-flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen
-sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich
-füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer
-zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht
-loswerden.</p>
-
-<p>Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der
-Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame
-mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den
-Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir
-den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen
-hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen.
-Etwas geärgert und erstaunt, tat ich,
-wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen
-war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame
-stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon
-erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir
-zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu,
-ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen
-erfahren, welche Kreatur ich in mein
-Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann
-in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie
-die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben.
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich
-Sie die Treppe hinunterwerfen.«</p>
-
-<p>Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen
-begab ich mich in das Kinderzimmer und packte
-rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen
-Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus
-und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast
-und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich
-fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte
-auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei
-entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte
-die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie
-komme ich jetzt zu meinem Geld?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte
-sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt
-im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie
-mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte,
-sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.</p>
-
-<p>»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes
-zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter
-erneutem Geschrei.</p>
-
-<p>»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte
-sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer....
-Und Sie haben neun Monate an meinem
-Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern
-geschlafen?&nbsp;... Sie Schmutzfleck, Sie&nbsp;...« Und
-dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten
-alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die
-Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich
-um die beiden zu kümmern vollendete ich meine
-Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.</p>
-
-<p>Die Dame aber vertrat mir den Weg.</p>
-
-<p>»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie.
-»Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld
-gegeben haben.«</p>
-
-<p>»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte
-ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle
-habe, schicke ich den Rest.«</p>
-
-<p>Sie fingen dann untereinander zu beraten an,
-und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die
-zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit
-ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in
-Budapest nicht wissen, und das einzige, was man
-tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.</p>
-
-<p>Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum
-und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen
-Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit
-schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«</p>
-
-<p>Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern
-um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer.
-Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen,
-das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen
-Verbeugung öffnete sie mir die Tür.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte
-dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem
-nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später
-drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich
-scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen:
-»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes
-Frauenzimmer, Sie&nbsp;...« Ich zitterte am ganzen
-Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich
-elend und traurig zumute war, weinte ich
-diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen
-kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick
-daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab
-ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott
-und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter
-nach Langenau.</p>
-
-<p>Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach
-Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern
-saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als
-ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche
-Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war,
-gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu
-Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter
-allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie
-mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut,
-»man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun
-eine lange Pause, während der meine Mutter
-nachdenklich auf mich starrte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.</p>
-
-<p>»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte
-mit den Augen eine große schwarze Spinne, die
-langsam über die Diele kroch.</p>
-
-<p>Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte
-ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen
-und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems
-wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und
-obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu
-sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen,
-ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich,
-da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine
-Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein
-Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht
-morgen.«</p>
-
-<p>Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner
-größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich,
-meine Sachen wieder zu haben; doch welchem
-Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch
-heute nicht.</p>
-
-<p>Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu
-finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht
-besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete
-war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte
-ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte
-ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte
-ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für
-mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die
-Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da
-ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen
-und stand wieder einmal auf dem Punkte,
-wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender
-Gegenstand waren.</p>
-
-<p>Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine
-Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages
-der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte
-sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden
-Kreuz und dem ausgespannten Adler.
-Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete,
-daß man mich vielleicht an die 25 Kronen
-mahnen würde, und öffnete darum den Brief
-mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte,
-wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen
-sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor.
-Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und
-schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich
-hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und
-ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in
-der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine
-Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen,
-doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber
-und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage
-kam schon wieder ein Schreiben aus derselben
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu
-antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen
-und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn
-ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse
-nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen
-Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch
-gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm
-mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen;
-doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn
-Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.</p>
-
-<p>Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.</p>
-
-<p>Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit
-besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut
-kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an
-dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung
-bewohnten, und blickte durch das offene
-Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den
-schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine
-Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig
-für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte,
-und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig
-auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der
-Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der
-Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das
-Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die
-Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude
-sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause
-des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich
-hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu
-gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß
-jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte
-mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die
-Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher
-gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden
-und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken
-und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein
-Prinz gekommen wäre&nbsp;... Der Prinz aus dem
-Märchenland&nbsp;... Und als ich so über die Gräber
-ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah
-einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen
-umschloß, nur ich war draußen &ndash; allein.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich
-wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast
-nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen;
-später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war
-nur Gleichgültigkeit&nbsp;... Ich wußte nicht, daß mein
-Schicksal auf mich wartete&nbsp;...</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>D</b>ieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht
-vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun
-Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht
-finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie,
-der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige
-Straße zu überschreiten und fand schon, was ich
-suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar
-gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des
-üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf.
-Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf
-ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die
-neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem
-abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen,
-meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte
-aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war,
-und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin
-führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile
-kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu
-kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne
-Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne
-Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen
-sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon«
-meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt
-in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so
-würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine
-Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen,
-vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern
-sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte
-Haltung.</p>
-
-<p>»Sind Sie das neue Fräulein?«</p>
-
-<p>Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke,
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll
-auf den Herrn, der vor mir stand.</p>
-
-<p>»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre
-alt seien.«</p>
-
-<p>»Das bin ich auch.«</p>
-
-<p>»Sie sehen viel jünger aus.«</p>
-
-<p>Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf
-lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen,
-und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame,
-seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer,
-und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen
-im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß
-ich sie sofort lieb hatte&nbsp;... Mein Leben wurde nun
-wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren
-Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den
-Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und
-später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten
-wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest
-so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen
-Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich
-der Königsburg, einen ungemein vornehmen
-Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich
-die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe
-wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und
-seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für
-jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu
-laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder
-hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen.
-Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte
-ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen,
-und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch
-immer nicht, wo sie eigentlich steckten.</p>
-
-<p>»Wo seid ihr?«</p>
-
-<p>»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine
-gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung
-geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen
-steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,«
-wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich
-kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da
-ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien,
-schritt ich hinein.</p>
-
-<p>In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt
-hatte, befand sich ein vielleicht dreißigjähriger Mann,
-der anscheinend allein zu Hause war und die Kinder
-mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt.
-Er grüßte mich in geläufigem Deutsch und
-mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand mich begrüßt
-hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit
-und setzte mich auf seine Aufforderung.</p>
-
-<p>Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung
-über den möglichen Wert einer ausländischen Marke
-vertieft, und so wandte der Inhaber des Zimmers
-sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-einer feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch
-einige meiner Bemerkungen plötzlich interessiert,
-forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet,
-von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin
-verstiegen hatten. Elegant in dem Sessel zurückgelehnt,
-eine Zigarre im Munde und den Kopf
-nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das
-größer ist: der Rausch oder die Reue; ist der Rausch
-die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur halb und
-sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm
-von meinen Gedichten, und er horchte auf und lächelte
-das feine ironische Lächeln, das ich damals auch nicht
-begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern verabschiedete,
-frug er mich, welche Bücher ich lese.</p>
-
-<p>»Keine.«</p>
-
-<p>Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.</p>
-
-<p>»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«</p>
-
-<p>Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und
-sagte, es würde mich sicher freuen. Einige Tage
-später übergab mir der Hausbesorger ein Paket
-mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.</p>
-
-<p>»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe
-aber, die Wahl zu Ihrer Zufriedenheit getroffen zu
-haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine Unterschrift.
-Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der
-Bücher auf. Es war ein Bändchen Erzählungen
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der Geschichten.
-Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann,
-ein Träumer, der heute ein Mädchen leidenschaftlich
-liebt und sie morgen wieder vergißt. Und um
-diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und
-funkelndem Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich
-verstand ich es nicht. »Haben Sie schon aus den
-Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter,
-sobald er mich traf. Ich bejahte es.</p>
-
-<p>»Auch die kleine Geschichte Morgan?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Gefiel sie Ihnen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
-
-<p>»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit
-seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder
-geht.«</p>
-
-<p>»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch
-gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Warum das?«</p>
-
-<p>»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten traf mich ein flammender
-Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die
-Stirne und lächelte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich
-am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte
-und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke
-fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen
-Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen.
-An irgendeinen Zufall, einen Gedanken
-oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen
-wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil
-jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und
-nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich
-ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen
-Träumen, die ich von jeher geträumt
-hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. &ndash;
-Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos
-in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und
-lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn
-zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll
-war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich
-ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte
-oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie
-ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich
-nicht wußte, was zu tun &ndash; Bilder, die ich schön und
-seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten
-Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch
-ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den
-nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich&nbsp;...
-Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen,
-doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun
-schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es
-schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und
-grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen
-nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz.
-»Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?«
-Er atmete tief und sah an mir vorbei.</p>
-
-<p>»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,«
-sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«</p>
-
-<p>»Das verstehe ich nicht.«</p>
-
-<p>»Nicht?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Ich will Sie warnen.«</p>
-
-<p>»Vor wem?«</p>
-
-<p>»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft
-und dem Sie Ihr Vertrauen schenken.«</p>
-
-<p>»Wen meinen Sie?«</p>
-
-<p>»Mich.«</p>
-
-<p>Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir,
-doch einer tiefen, sicheren Glückseligkeit voll, schüttelte
-ich den Kopf.</p>
-
-<p>»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«</p>
-
-<p>Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte,
-und blickte geradeaus.</p>
-
-<p>»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf,
-einer, der ein Lamm unbarmherzig verschlingen
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den
-Weg käme.«</p>
-
-<p>Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager
-und verlebt erschien, und da wurde ich still und
-traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang
-nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat
-es sich plötzlich vor mir auf, und das helle Jauchzen,
-das wie eine Verheißung noch kurz vorher durch
-jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit
-schrillem Klang. Doch schon im nächsten Augenblicke
-erhob es sich wieder. Erst ein feines Zittern,
-dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren
-konnte und auch nicht wehren wollte. Etwas in
-mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, jubelte
-noch.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich
-ihn nach einer langen Pause.</p>
-
-<p>»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«</p>
-
-<p>»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine
-Gedichte mitsenden?«</p>
-
-<p>Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der
-Antwort.</p>
-
-<p>»Darf ich?« frug ich noch einmal.</p>
-
-<p>»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er
-fürchte, es zu bereuen.</p>
-
-<p>»Und Sie werden mir zurückschreiben?«</p>
-
-<p>Er zögerte wieder und länger als zuvor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-»Ich glaube nicht &ndash; das heißt, vielleicht manches
-Mal, aber nie sehr viel.«</p>
-
-<p>»Nur manches Mal und nie sehr viel?«</p>
-
-<p>»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«</p>
-
-<p>»Unter welcher Bedingung?«</p>
-
-<p>»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil es Ihretwegen besser ist.«</p>
-
-<p>»Warum meinetwegen?«</p>
-
-<p>Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher
-Groll in mir auf.</p>
-
-<p>»Sie sind feige.«</p>
-
-<p>Darauf zuckte er mit den Achseln.</p>
-
-<p>»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken,
-will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine
-kleine Aufklärung am Platze sein. &ndash; Es ist nicht
-meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter
-Mann kann tun, was er will. Er kann
-einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf
-verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn
-darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die
-aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen
-Sie ja.«</p>
-
-<p>»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um
-Sie.«</p>
-
-<p>»Aber ich mache mir nichts daraus.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-»Aber ich.«</p>
-
-<p>»Also doch Ihretwegen.«</p>
-
-<p>»Nein Ihretwegen.«</p>
-
-<p>Er war stehen geblieben und sah mich hart und
-entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und
-erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte.
-Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand
-ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu
-dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben,
-wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen
-einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er
-es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen?
-Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten?
-Würde er sich da auch einer Bekanntschaft
-schämen? Denn nichts anderes konnte es
-sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen
-Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine
-Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung
-zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid
-in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich
-denn? Was waren meine Eltern? Arm &ndash; bitterlich
-arm.</p>
-
-<p>»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen
-nicht mehr schreiben.«</p>
-
-<p>»Das können Sie nicht.«</p>
-
-<p>Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.</p>
-
-<p>»Warum kann ich das nicht?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-»Weil Sie mich brauchen.«</p>
-
-<p>Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren,
-sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von
-diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt
-kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und
-weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in
-mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.«
-Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon.
-Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen,
-setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf
-die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten
-und unzählige Menschen hin und her wogten, so
-verschieden in Aussehen und Gebaren und doch
-alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen
-Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre
-Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten
-dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe
-lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre
-Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem
-leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte
-Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes
-Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften
-Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden
-und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten
-vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß
-ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir
-die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen,
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten
-Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte
-förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe
-und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen
-Schirme zucken.</p>
-
-<p>Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar,
-mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten
-Drang nach irgend etwas ganz, ganz
-anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem
-Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte,
-die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie
-verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt
-und meine Mutter gequält gelächelt hätte.
-&ndash; Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne
-jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt
-angesehen hatten&nbsp;...</p>
-
-<p>»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder
-sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal,
-fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend,
-tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich
-die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>I</b>ch hatte ihm geschrieben und dem Briefe die
-letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin
-sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten,
-mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn
-bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen,
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-und der Gedanke, ihn einmal ganz allein
-und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer
-eigentümlichen Weise erbeben.</p>
-
-<p>Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich
-mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf
-pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich,
-sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,«
-sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will
-darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit
-Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur
-eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit
-hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf
-seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht
-zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst
-für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der
-Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon
-aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie
-ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich
-auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen,
-so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden.
-&ndash; Hier« &ndash; er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche
-&ndash; »können Sie genau sehen, was ich meine.«</p>
-
-<p>Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das
-er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und
-bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er,
-doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:</p>
-
-<p>»Den Gedichten fehlt jede Form.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen
-sie denn für eine Form haben?«</p>
-
-<p>»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden,
-stimmt das Versmaß nicht.«</p>
-
-<p>Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch
-machte er Bemerkungen wie:</p>
-
-<p>»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese
-hier hat einen Fuß zuviel&nbsp;... diese Zeile ist, was
-Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu
-schnell. Es müßte ungefähr so heißen&nbsp;...«</p>
-
-<p>Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber
-durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg,
-was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas
-in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und
-horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem
-Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch
-einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten
-wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt,
-nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm
-ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben
-Unebenheiten. Einige Tage später, als ich
-meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder
-nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er
-mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das
-hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache,
-denn &ndash; und nun lächelte er wieder gütig &ndash; Sie
-machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Fehler, und das hier ist eine Poetik, die
-Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären
-wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten
-und was Sie zu vermeiden haben.«</p>
-
-<p>Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie
-jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche
-Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz
-unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so
-dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so
-würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte
-darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in
-meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine
-Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort,
-wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber,
-die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«</p>
-
-<p>»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«</p>
-
-<p>Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten
-Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie
-mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten
-sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den
-beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«</p>
-
-<p>»Wie wissen Sie das?«</p>
-
-<p>»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld
-mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe
-Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht
-möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede
-noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde
-nichts daraus lernen.«</p>
-
-<p>»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer
-ein Kindermädchen bleiben?«</p>
-
-<p>Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er
-es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend
-nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders
-die Poetik, mit der ich mich beschäftigte,
-und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen
-dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald
-genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon
-nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich
-ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von
-meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied«
-genannt, lautete:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Am goldenen Rocken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus Dunkel und Licht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ohn' Säumen und Stocken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Horch, fühlst du es nicht?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Still sachte und leise</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nach ewiger Weise</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit ruhigen Zügen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und offenem Haar</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Göttinnen fügen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nur Himmlischen klar,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Süßholder Gefühle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Liebreizende Spiele</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im menschlichen Busen uns wunderbar.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>Und wirken und weben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">O, sorget euch nicht!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Noch während wir beben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schon knüpfen sie Licht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und ziehn uns die Säume</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Frohglänzender Träume</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Um's tränenbefeuchtete Angesicht.</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes <em class="ge">Gedicht</em>, und
-ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich
-ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden
-Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder
-Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts,
-nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man
-meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich
-ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie,
-nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von
-ihm träumen dürfen.</p>
-
-<p>Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß
-dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie
-ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder,
-durch die stillen Wälder meiner Seele flog &ndash; und
-fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und
-duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten
-Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal
-eine heiße Angst. &ndash; Dieser Fremdling, der da zufällig,
-wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte
-nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz,
-alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen.
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir
-ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele
-läutete &ndash; diese neue wundersame Zagheit, die
-mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum
-Zittern brachte &ndash; dieses rasche, süße Aufquellen
-einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde
-mit ihm gehen. &ndash; Und dann wachte etwas in mir auf,
-das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs
-und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues
-Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so
-nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens
-einmal kämpft und der schwerer ist als alle
-Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>A</b>ber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf
-innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte
-er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast
-jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir
-auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir
-nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung.
-Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das
-spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft
-immer zur Schau getragen hatte, war
-verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein
-nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte
-mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff,
-weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie
-und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen.
-Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig
-streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn
-gegen seinen Willen auflehnte.</p>
-
-<p>Einmal befand ich mich mit den Kindern am
-Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen.
-Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt,
-und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich,
-daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich
-eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann
-stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir
-herantreten und mich grüßen würde. Er tat das
-aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame.
-Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht.
-»Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht
-einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham
-und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich
-bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die
-Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend;
-nach einigen Minuten verabschiedete er sich
-mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein
-paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine
-Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war.
-Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit.
-Das also war mein Freund. &ndash; Sobald ich die Kinder
-zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief,
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte,
-die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden,
-da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden,
-nie eine Freundschaft war, aufgehoben
-wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort
-nachkommen würde, und war erstaunt, nichts
-von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern,
-und endlich, nach einer Woche, übergab mir der
-Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel:
-»Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen
-Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts
-zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann
-schrieb ich ihm, »wo und wann«.</p>
-
-<p>»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes
-Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere
-Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe,
-und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte.
-»Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er
-mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende
-Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,«
-sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe
-wieder haben?«</p>
-
-<p>Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen
-preßten sich aufeinander:</p>
-
-<p>»Niemals.«</p>
-
-<p>»Aber es sind meine Briefe.«</p>
-
-<p>»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war
-der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so
-gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen,
-und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine
-Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete
-er sich straff auf und zog seine Uhr.</p>
-
-<p>»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«</p>
-
-<p>Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick
-aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer
-Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt
-mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach
-Hause.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie
-war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt
-hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen
-wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger
-Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr
-ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich
-es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht
-entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage
-die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in
-den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel
-und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als
-elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung
-zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie
-alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der
-Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche
-Fragen, und bald kamen wir ins
-Plaudern.</p>
-
-<p>»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während
-sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter
-herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier
-sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit,
-die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.«
-Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten
-hatte, Blumen die sie getrocknet hatte,
-und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen
-Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse
-überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen
-war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.</p>
-
-<p>Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft
-war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen
-Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die
-Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck
-auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen
-Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt
-und ganz leise mein Leid geklagt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause,
-in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter
-ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht
-aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar,
-das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße
-gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei
-Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters
-größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade
-jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte
-mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße,
-und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze
-Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über
-den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies;
-aber er kam immer wieder, dringlicher und
-dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die
-Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen
-Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft,
-und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich
-auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte
-ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf
-mich.</p>
-
-<p>»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«</p>
-
-<p>»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach
-den Kindern.</p>
-
-<p>»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag
-sein?«</p>
-
-<p>»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht,
-warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich
-ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.</p>
-
-<p>»Gewiß, wann immer Sie wollen.«</p>
-
-<p>Wir bestimmten dann die genaue Stunde und
-verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich
-ihn denn um Geld bitten? &ndash; Die quälendsten Gedanken
-stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte,
-wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen,
-nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen
-nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las
-ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben
-und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir
-denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter
-aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. &ndash;
-Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt
-werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden
-sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau
-nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf
-den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß
-ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die
-Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde
-später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte
-nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande
-war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen
-gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben
-Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das
-Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht
-hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter
-wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern.
-Wie aber sollte ich das anstellen? &ndash; Er war ja sicher
-nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung
-seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der
-Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen,
-schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte
-zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht
-in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer
-war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das
-Anfertigen von Photographien oder Ausbessern
-von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte&nbsp;... Fast
-ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf
-und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht
-hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das
-Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich
-die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen
-drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.</p>
-
-<p>Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort
-unterbrochen und sah mich fragend an.</p>
-
-<p>»Sprechen Sie,« sagte er endlich.</p>
-
-<p>In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen,
-erzählte ich ihm meine Geschichte. Noch
-während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn,
-daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner
-Familienverhältnisse mit mir nichts mehr zu tun
-haben wolle, und als ich fertig war, sah ich ängstlich
-zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem,
-was ich befürchtete. Seine Augen hatten jenen
-tiefen, besorgten Ausdruck, den ich mir gegenüber
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein
-Mund lächelte das gütige Lächeln.</p>
-
-<p>»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten
-in meine Gedanken hinein.</p>
-
-<p>»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.</p>
-
-<p>»Wieviel?« drängte er.</p>
-
-<p>»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich
-zögernd und dachte, daß hundert Kronen ein ungeheures
-Vermögen sei.</p>
-
-<p>Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er
-sie öffnen wollte, und sah mich bittend an.</p>
-
-<p>»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen&nbsp;...
-Morgen mit dem frühesten wird Ihnen der Hausmeister
-einen Brief übergeben, der enthält, was Sie
-brauchen&nbsp;...«</p>
-
-<p>Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an
-die Mauer und mit einem Gesicht, in welchem die
-Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.</p>
-
-<p>»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«</p>
-
-<p>»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden,
-»und ich sage Ihnen jetzt ein für allemal, daß ich Ihr
-Freund bin, an den Sie sich in jedem Kummer und
-in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern
-wenden müssen.« Und während sein Gesicht wieder
-den bittenden Ausdruck annahm, legte er die Hand
-noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt&nbsp;...
-gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister
-einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng
-zusammengefaltete Banknoten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Von dieser Zeit an empfand ich für meinen
-Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn
-das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher
-als zuvor und konnte bei den folgenden immer
-so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur
-mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe.
-Meine Gedichte bildeten für ihn stets die
-Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon
-für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu
-tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob
-aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn.
-Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten
-zwischen uns, wobei ich so weit
-ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm;
-ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie.
-Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur
-Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen
-hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder
-gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir
-irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und
-die alte Freundschaft war wiederhergestellt.</p>
-
-<p>Heimlich aber war ich unzufrieden.</p>
-
-<p>»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt
-er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-macht&nbsp;...? Warum gibt er mir nicht das leiseste
-Zeichen, daß er mich liebt?&nbsp;... Oder liebt er mich
-doch nicht&nbsp;...?«</p>
-
-<p>Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck
-durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in
-der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen
-Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht
-eine andere, an die er täglich und stündlich denkt,
-wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich
-schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser
-Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden
-Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und
-wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins
-zusammenflossen und mir die Augen zusanken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein
-zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer
-Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe
-Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt.
-Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor
-uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht
-heute die Schranken des Schweigens fallen lassen
-und endlich &ndash; endlich sprechen würde. Er sprach
-auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes,
-als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen
-Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und
-von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen
-hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und
-klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem
-Wunsche. &ndash; Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber
-nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur
-sagen, daß er mich liebt. &ndash; Und mit dieser Qual in
-den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine
-Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich
-mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue
-kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«</p>
-
-<p>Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine
-Züge wurden eisern. &ndash; »Weil ich Ihr Freund bin,«
-sagte er dann.</p>
-
-<p>»Ist das alles?« frug ich ihn.</p>
-
-<p>»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand
-von seinem Arm. &ndash; Dann war es so still, daß ich
-meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen
-hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme,
-eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß,
-eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben,
-sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine
-Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte
-er, »wollen Sie jene Phrase hören?&nbsp;... Sie sind mir
-viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich
-nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«</p>
-
-<p>Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand
-mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende
-Jahre, &ndash; Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer
-zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine
-Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden
-würde&nbsp;...</p>
-
-<p>»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.</p>
-
-<p>»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten
-wir uns die Hände.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben.
-Die kurzen Zusammenkünfte waren so
-voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen
-Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine
-Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben.
-Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame
-Stimmung über uns schwebte; Stunden, in
-denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln
-wollte, Stunden, in denen seine Augen den
-stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden,
-in denen das Tier in ihm tobte&nbsp;... In solchen Momenten
-erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft
-ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete
-ich mich fast vor ihm&nbsp;... Wenn er einmal, ein einziges
-Mal nur seinen Schwur vergessen würde,
-wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir&nbsp;...</p>
-
-<p>In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich
-glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht
-anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte
-sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die
-Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel
-und brütete über Gedanken, die mir langsam und
-langsam gekommen waren. &ndash; Wohin sollte das
-führen? &ndash; Ich dachte an die tiefen Blicke, die er
-mir oft gab, und schauderte. &ndash; Würden wir unsere
-Freundschaft durchtragen können? Und dann regte
-sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit
-vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu
-haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich
-nicht? Warum nicht?&nbsp;... Meiner Armut, meiner
-Stellung wegen?&nbsp;... Aber wenn ein Mann ein
-Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein&nbsp;...
-Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das
-alles?&nbsp;... Warum dann seine Güte, sein Interesse,
-sein Opfermut?&nbsp;... Ich suchte nach einem ähnlichen
-Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber
-da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche
-den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues,
-verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber
-nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder,
-immer fragender; und er, um den sich alle
-Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und
-kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht
-und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte
-sie manches Mal mit den alten ironischen
-Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen
-Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern
-immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis
-mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort
-in mein Bewußtsein fuhr&nbsp;...</p>
-
-<p>Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte,
-daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten
-nicht ganz zufrieden.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer
-nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist,
-da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse
-bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten
-kennen zu lernen.«</p>
-
-<p>Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg
-ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon
-daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich
-noch viel mehr lernen sollte, und &ndash; noch zögernder
-&ndash; fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in
-die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die
-Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben
-unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.</p>
-
-<p>»Wohin?« frug er endlich.</p>
-
-<p>Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück,
-ihn zu werfen&nbsp;... Die ganze hündische Anhänglichkeit
-und Treue meines Geschlechtes brach hervor,
-die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf;
-jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte&nbsp;...
-Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht.
-Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in
-meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es
-um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln,
-das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen
-können, nun war es mir auf einmal klar. Er
-hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch
-mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von
-dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr,
-er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen.
-Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner
-Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus
-Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange
-nicht zu Ende war&nbsp;...</p>
-
-<p>»Wohin?« frug er noch einmal.</p>
-
-<p>Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners
-hatte ich meine Lage überschaut, und nun, trotzdem mir
-die Tränen hinter den Lidern brannten, lächelte ich.</p>
-
-<p>»Nach England.«</p>
-
-<p>»Warum nach England?«</p>
-
-<p>»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache
-gerne gründlich beherrschen möchte.«</p>
-
-<p>»Haben Sie in London Bekannte?«</p>
-
-<p>»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich
-für mich nur um das Reisegeld.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.</p>
-
-<p>»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen
-Freund haben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich
-krank. Ich hatte mir eine schwere Lungenentzündung
-zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im
-Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich
-der Arzt für jede Stelle vorläufig unfähig. Man
-schlug mir vor, mich für einige Monate zu Hause
-aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich
-war still, als man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war
-mein »Zu Hause?« Aber ich war viel zu stolz, das zu
-verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde
-erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken
-voll, Budapest zum zweiten Male.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>M</b>eine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt.
-Ich hatte von den veränderten Verhältnissen
-nicht viel erfahren und frug mich heimlich,
-wie wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen
-sein würden. Als ich aber bei meinen Eltern ankam,
-sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick dar.
-Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die
-Wohnung bestand nur aus einem Zimmer. Das
-Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, einige
-Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der
-Raum unterirdisch und hatte weder Luft noch Licht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich
-ihn begrüßt hatte, frug ich nach meiner Mutter und
-erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin für
-tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht
-Uhr abends heimkommen würde.</p>
-
-<p>Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke
-auszuziehen, hatte ich mich auf eines der Betten gesetzt
-und hörte schweigend auf die Dinge, die mir
-mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon
-so oft gehört, und nun hörte ich es wieder.</p>
-
-<p>»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug
-ich endlich.</p>
-
-<p>»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben
-gehen; du kannst ja mit einem der Kinder schlafen.«</p>
-
-<p>»Wo sind denn die Kinder?«</p>
-
-<p>»Fort, Geld verdienen.«</p>
-
-<p>»Womit?«</p>
-
-<p>»Sie tragen Zeitungen aus.«</p>
-
-<p>»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich
-zum Haushalt beitragen.«</p>
-
-<p>»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die
-Hauptsache.«</p>
-
-<p>Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten
-Raume um. »Hier kann ich nicht gesund werden.«</p>
-
-<p>»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das
-Kochen,« erklärte mein Vater. »Ich werde dir jetzt
-eine Tasse Kaffee bereiten, und dann können wir
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten
-brach er einige Stücke Holz über seinem Knie
-und machte ein Feuer in dem kleinen Ofen. Kaum
-hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus
-dem Ofen zu dampfen und zu qualmen an. »Das
-kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es wird schon
-vorbeigehen.«</p>
-
-<p>Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der
-ganze Raum schwarz war und man nichts mehr
-sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle
-brannten mir, doch sagte ich nichts und trank den
-Kaffee, den mein Vater mir in einer Schale reichte,
-die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an
-meinen Bruder und konnte nicht begreifen, wie er
-ein solches Unglück mit ansehen konnte, ohne zu
-helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Karl.«</p>
-
-<p>Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein
-Vater sehr traurig.</p>
-
-<p>»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat
-schon seit langer Zeit keine Stelle.«</p>
-
-<p>»Wo ist er denn?«</p>
-
-<p>»Er lebt natürlich mit uns.«</p>
-
-<p>Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein
-Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen
-uns eben einrichten, wie es geht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die
-Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft
-hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete,
-auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen
-vorüber war und es anfing, spät zu werden,
-kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem
-Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht
-war blaß und hohl, um seine Augen lagen
-schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr
-über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine
-Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte,
-verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die
-Hand.</p>
-
-<p>»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische
-Ton, den er früher immer gegen mich angewandt
-hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«</p>
-
-<p>»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde
-ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«</p>
-
-<p>»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich
-vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch
-(dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben
-würde? Ich versichere dich, liebe Schwester,
-nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im
-Dreck herum zu wühlen.«</p>
-
-<p>Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die
-Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen.
-&ndash; »Du!« rief er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.</p>
-
-<p>Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten
-Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,«
-schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«</p>
-
-<p>»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er
-die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.</p>
-
-<p>»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr
-mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe,
-daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen
-läßt und ein Mitleid empfindest, das in
-diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist
-die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit
-gehabt, diesen Schauspieler kennen zu
-lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen
-durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du
-mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier
-gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen
-Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich
-kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem
-die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen
-Leuten unter einem Dache zu leben, den
-Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in
-seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch
-immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig
-in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig
-siehst du in mir einen Menschen, den das Leben
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt
-waren und seine Träume bis an den Himmel
-reichten. &ndash; Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht
-eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte
-ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe
-Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet
-habe, das Leben, wie wir es heute kennen,
-die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen
-werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein
-Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite
-ich an einem Königreiche für Millionen verborgener,
-halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone
-für jeden.«</p>
-
-<p>»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du
-eine für dich selber hast.«</p>
-
-<p>Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von
-dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden.
-Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft,
-als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die
-große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches
-Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre
-nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir
-natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich
-würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich
-in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein
-gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen
-bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Schwester nennen zu können, hat sich leider so
-trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen,
-und ich muß nun allein &ndash; der große Mensch ist ja
-immer allein &ndash; meine Aufgabe vollbringen.«</p>
-
-<p>Meine Mutter, die an solche Reden wohl
-schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen,
-und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein
-Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen
-übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte
-ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für
-heute brach kein Streit mehr aus. Später machten
-sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager
-auf dem Boden zurecht.</p>
-
-<p>Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen
-gelegt und schloß die Augen sofort, damit man
-denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles
-still geworden war, setzte ich mich auf und sah in
-wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die
-wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und
-fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge,
-dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder
-lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei
-Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht,
-zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung,
-Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und
-Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid
-mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie
-mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur
-Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen
-ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater
-nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige
-Führung des Geschäftes war, die uns nach
-und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm
-hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein
-Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute
-ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge
-davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen
-konnte und dadurch immer mehr in Schulden
-geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches
-andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte,
-als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man
-ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen
-sollen, doch war er zu gutmütig und zu
-leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er
-ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels,
-und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig
-nicht ausgeblieben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so
-still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten
-sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden,
-und erst als ein trübes Morgendämmern
-durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach,
-fielen mir die Augen zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig
-aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück
-vorbei war, setzte sich mein Bruder an den
-Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich
-heran.</p>
-
-<p>»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo
-sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige
-schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten
-sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu
-lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben
-bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als
-er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen
-nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang
-ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor
-ihn hin.</p>
-
-<p>»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel
-mein Bruder in eine schreckliche Wut.</p>
-
-<p>»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich
-meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben,
-die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings
-überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit
-ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche
-Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil
-ich keine Erziehung gehabt habe&nbsp;...? Wo seid ihr,
-ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu
-den Büchern; aber während er mit mir gesprochen
-hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie
-den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom
-Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser
-als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir
-vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu
-machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«</p>
-
-<p>Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen
-unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen,
-worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut
-griff und verschwand.</p>
-
-<p>Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie
-ich sehen konnte, so viel als möglich das Zusammensein
-mit meinem Bruder vermied.</p>
-
-<p>»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich
-eine große blaue Schürze vorband.</p>
-
-<p>»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich
-kochen.« Er nahm einen Besen zur Hand und fing
-an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm
-diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche
-in meinen Knien so groß, daß ich mich kaum aufrecht
-halten konnte. So blieb ich auf dem Bett
-sitzen und beobachtete ihn.</p>
-
-<p>»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer
-Weile, »wohin ich eigentlich gehen soll?«</p>
-
-<p>»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land
-gehen könntest.«</p>
-
-<p>»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe
-den Onkel letzte Woche getroffen, sie würden dich
-gern für einige Zeit oben haben.«</p>
-
-<p>Meine Freude war ungemein groß, ich war seit
-vielen Jahren nicht mehr dort gewesen, und der
-Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln
-zu können, erfüllte mich mit Entzücken.</p>
-
-<p>»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen
-am Kopf, »der Postwagen ist etwas
-teuer&nbsp;... vier bis fünf Kronen wird es schon
-kosten; doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen
-kann.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«</p>
-
-<p>»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten.
-Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde
-ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon
-sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht
-überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In
-dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten,
-die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und
-meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb
-wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag
-meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte
-fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten
-meiner Mutter. Die reine, würzige Luft,
-im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille
-ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-schon größere Strecken gehen, ohne daß die
-Schmerzen in den Knien wiederkehrten.</p>
-
-<p>Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug
-ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke,
-zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch
-hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer
-bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte
-hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg
-finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir
-immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu
-verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem
-Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse
-meiner Eltern waren natürlich noch dieselben,
-und ich bemühte mich sofort um eine Stelle,
-um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu
-können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle,
-zu einem neunjährigen Knaben, dessen
-Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis
-Januar in Wien zu bleiben gedachte.</p>
-
-<p>Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr
-ich mich auch bestrebte, zufrieden zu sein, so war ich
-hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte ich das
-allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden
-Szenen schwer, die mein Bruder immer hervorrief.
-Sie erschütterten meine nur halb hergestellte Gesundheit,
-und mit Schrecken bemerkte ich, wie die
-alte Schwäche mich wieder befiel. &ndash; Wenn ich des
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-Abends von meiner Stelle kam, setzte ich mich gewöhnlich
-an das kleine Fenster und starrte in den
-engen Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern
-eingeschlossen war und als Dach ein Stückchen
-Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch
-dort saß, wenn Hof und Himmel längst nicht mehr
-sichtbar waren und nur das kalte weiße Licht einer
-einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel
-brach. War ich aber einmal allein, dann weinte
-ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß trotz seiner
-Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich
-oft mit trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte
-ich auf ihre stummen Fragen nur ein verstocktes
-Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine
-andere Qual erfüllte als die Armut, die wir alle
-teilten. Sie kannte ihn ja nicht und hätte überhaupt
-das alles nie begriffen. &ndash; So litt ich weiter und
-litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von
-ihm, kühle, höfliche Zeilen mit der lässig hingeworfenen
-Frage, was ich denn eigentlich zu tun gedächte.
-Ich las den Brief tausend und tausendmal,
-verbarg ihn wie ein köstliches Kleinod, und sann mit
-einem blöden, hilflosen Staunen über die wunderbare
-Zäheit und Demut einer Mädchenliebe&nbsp;...
-Und einmal in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte
-ich mich plötzlich der kleinen Geschichte, die
-er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«.
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-&ndash; Der Mann mit den unruhigen Begierden, der
-Träumer, der Idealist, der Eroberer, der Verächter,
-zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens.
-Noch während ich darüber grübelte, überkam
-mich eine tiefe, seltsame Ruhe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend
-desselben Tages zu meiner Mutter, »wenn ich wieder
-ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja mein monatliches
-Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der
-Zuschuß bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte
-mich rasch und unsicher an. »Du willst wohl,«
-sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise,
-»wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz
-bis zum Halse, doch ich zuckte mit keiner Wimper.</p>
-
-<p>»Nein, ich will nach England.«</p>
-
-<p>Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob
-sie sich in einer schlimmen Befürchtung getäuscht
-hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder den vorigen
-Ausdruck an.</p>
-
-<p>»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden,
-gequälten Stimme aller Hoffnungslosen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich
-an meinen Freund. In zitternder, nervöser Hast
-die Worte wiederholend und überstürzend, bat ich
-ihn um das Reisegeld nach England. &ndash; Zwei
-Tage später kam sein Brief. Dieses Mal so voll
-von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-beim Lesen die Tränen in die Augen stürzten.
-Ob ich ihn nicht noch einmal sehen wollte, frug er
-mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles
-in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und
-zitterte für meinen so schwer errungenen Sieg.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>L</b>ondon, schreckliches, herrliches, furchtbares London!
-Wie ein Ungeheuer liegt es da und streckt
-Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu
-gleicher Zeit. &ndash; Betäubt, vernichtet schritt ich dahin,
-fast ohne jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken,
-gänzlich überwältigt von dem allgemeinen Eindruck.
-Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen
-durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah,
-wie er für eine kleine Kupfermünze wohl hundertmal
-sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. &ndash;
-Aber wenn er auch von den Gummirädern eines
-Autos zermalmt, von den Hufen eines Pferdes
-zerstampft worden wäre, was läge daran?&nbsp;... Die
-Riesenwoge des Vergnügens und des Verderbens
-würde weiterrollen, und nur vielleicht in einem
-einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch
-Wärme hatte, würde ein zerlumptes bleiches Weib
-noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim
-Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam&nbsp;...
-Als ich das begriff, da war es mir plötzlich als sähe ich
-den, dem wir goldene Altäre bauen und jeden Sonn-
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in
-einer Laube liegen&nbsp;... und da hätte ich meine
-Hände in seine schwarzen rollenden Locken graben
-und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert
-und erwacht&nbsp;... Blitzartig, wie sie kam, verschwand
-diese Vision. Ein Seidenkleid rauschte, ein
-Silberhorn pfiff, und Leute neben mir lachten&nbsp;...
-Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war
-und tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach
-stundenlangem Herumwandern endlich ein billiges
-Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum
-mehr auf den Füßen halten. Das Heim war ein
-deutsches Heim. In das Zimmer der Vorsteherin
-geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle
-stehen, so angenehm und wohltuend berührte mich
-der Anblick. Das Gemach war mit Kissen und
-Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden
-Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf
-einem kleinen Tisch standen frische Blumen, und ein
-gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring.
-Ganz nahe bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den
-Schultern und mit Tüchern auf den Knien eine
-Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich
-mich in einen der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht
-und kein Wort gesprochen; aber die alte
-Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine
-nassen Kleider die Überzüge beschmutzen könnten,
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-und stellte dann einige Fragen, die ich mir Mühe gab,
-so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie
-wollen also eine Stelle?« frug sie.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Sie hätten keinen besseren Platz finden können
-als unser frommes Heim; doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin
-betrachte, muß ich Sie fragen: haben
-Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei
-Monate lang bezahlen zu können, da Sie darauf
-rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten
-zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus,
-und ich könnte nicht daran denken, eine fragliche
-Person aufzunehmen.«</p>
-
-<p>Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch
-eine größere Summe geschickt hatte, so glaubte ich,
-ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war
-ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge,
-in diesem frommen Hause zwei Monate nicht aufzuhalten.
-Als alles zur Zufriedenheit der Vorsteherin
-erledigt war, drückte sie auf eine Klingel
-und befahl dem eintretenden Mädchen, mich in
-mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte ich
-meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten.
-Das Zimmer war kalt und grau und schien so feucht
-wie die Straßen selbst. Es enthielt einige Schränke,
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische
-und acht Betten.</p>
-
-<p>»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.</p>
-
-<p>»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt
-an. Nach und nach füllte sich das Heim mit
-Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot
-läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert
-Mädchen. Nach dem Essen, bei dem es sehr
-geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes
-Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel,
-die Augen andächtig zur Decke gewandt,
-kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen
-hatte. Sie begann Gebete herzusagen, die
-wir nachsagen mußten, und zum Schlusse wurde ein
-frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin
-noch einmal ihre weißen Finger. »Lieber
-Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen Mädchen,
-die sich ohne Schutz und Schirm (und &rsaquo;ohne Geld&lsaquo;,
-dachte ich) in London befinden. Leite sie, damit
-sie nicht straucheln, und reiche ihnen Deine hilfreiche
-Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten.
-Gütiger Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges
-Flehen, erleuchte die Verblendeten, beschütze die Verfolgten!
-Amen!«</p>
-
-<p>Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes
-Haupt ergebungsvoll neigte und ganz in Gebet
-versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-sie sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten
-sich lachend und lärmend nach und suchten ihre
-Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das Gemach,
-in dem man mir mein Bett gezeigt hatte,
-und lernte nun meine Zimmergenossinnen kennen.
-Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten unaufhörlich
-und erzählten sich widrige Geschichten. Wie
-ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte, waren sie
-fast alle Hotelmädchen und kamen aus der Schweiz.</p>
-
-<p>»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich
-jemand.</p>
-
-<p>Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß
-sie ein Mädchen in meinem Alter war. Ohne daß
-ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch
-sei oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete,
-dachte ich über die mir selber vorgelegte nach und
-entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie hatte große
-glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar.
-Ihr Gesicht war gut geschnitten, doch lag etwas
-darin, woran ich mich nicht gewöhnen konnte; was
-es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige
-Fragen an mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich
-wohl bald eine Stelle finden könnte.</p>
-
-<p>»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«</p>
-
-<p>»Das ist mir alles eins.«</p>
-
-<p>»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können
-Sie leicht etwas bekommen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war.
-Sie gefiel mir von allen Mädchen am besten.</p>
-
-<p>Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die
-Hände mit Glyzerin ein, das war alles. Die
-anderen gingen viel umständlicher mit ihrer Nachttoilette
-vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen
-ihre falschen Zöpfe und noch manches andere Falsche
-ab, warfen die Sachen auf ihre Betten und sprangen
-darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht
-werden, doch ruhig wurde es darum noch
-nicht. Die Mädchen hatten sich viel zu sagen, und
-jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten,
-weckte mich lautes Lachen. Nach und nach aber
-wurden die Geschichten kürzer, die Scherzworte
-seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den
-tiefen, festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des
-Unbehagens, das mir die Mädchen einflößten, war
-ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen,
-und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte
-sich meine Seele mit andächtigen Gedanken&nbsp;...</p>
-
-<p>Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum
-Gebet zu versammeln, und ich merkte, daß es
-anderer Natur war als das Abendgebet.</p>
-
-<p>Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und
-nachdem wir alle einen Kreis gebildet hatten, las
-die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die
-andern mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-kam, las ich: »Und der Priester soll des Blutes
-nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf
-den Knorpel des rechten Ohres tun und auf
-den Daumen seiner rechten Hand, und auf den
-großen Zehen seines rechten Fußes.«</p>
-
-<p>Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den
-Schutz des Höchsten für unbeschützte Mädchen
-herab, und dann waren wir für den Rest des Tages
-frei.</p>
-
-<p>Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte,
-schritt ich auf die Vorsteherin zu und bat sie, mir
-eine Adresse zu geben, bei der ich mich um eine
-Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf,
-ihr zu folgen. In ihrem Zimmer angelangt, setzte
-sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.</p>
-
-<p>»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine
-Stelle umsehen, eine Eile, die ich ganz gut begreifen
-kann. Da ich aber die Verantwortung für Ihre Seele
-übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit
-nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen
-meinen mütterlichen Rat zu geben. Es kommen so
-viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und
-Herzensreinheit die Heimat verlassen haben und die
-oft ganz anders zurückkehren. Ich will Sie darum auf
-die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier
-stündlich bedrohen, und Sie bitten, den Beistand
-des Höchsten anzuflehen, damit er Sie im richtigen
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir
-das versprechen?«</p>
-
-<p>Ich versprach alles.</p>
-
-<p>»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich
-wegen einer Stelle wenden können, und ich hoffe,
-daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen Familie
-aufgenommen werden.«</p>
-
-<p>Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir
-überreichte, sprang, als ich aus dem Zimmer war,
-die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und
-meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich
-gerade ihre Hüte auf. Sie frugen mich, wohin ich
-ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf sie mir
-erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir
-ihre Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den
-Weg genau wüßten. Obwohl ich ihnen hierfür
-recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber,
-daß sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten.
-Im Zimmer befand sich nur ein einziger Spiegel,
-und um den standen sie alle herum und steckten
-sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen
-hatten, mit großer Bedachtsamkeit in den Hut.
-So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig seien, behaupteten
-sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die
-Nadeln wieder heraus und steckten den Hut tiefer
-oder höher, je nachdem sie glaubten, dadurch hübscher
-zu erscheinen. Ich stand, mit meinem bescheidenen
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche
-Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim
-zu verlassen, und dazu brauchte ich so schnell wie
-möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die
-andern Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie
-waren anscheinend dort zufrieden, ja sogar glücklich,
-und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht
-im geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle
-anderen überragte, hatte ihrem großen, durchsichtigen
-Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte
-ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.</p>
-
-<p>»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich
-an die anderen. Sie mußte sich darauf nach allen
-Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten
-alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß
-sie scheußlich aussah, als sie sich plötzlich nach mir
-umdrehte und sagte: »Machen Sie vorwärts,
-Kleine, wir sind schon fertig.«</p>
-
-<p>»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.</p>
-
-<p>Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.</p>
-
-<p>»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind
-ausgehen wollen?«</p>
-
-<p>»Natürlich.«</p>
-
-<p>Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt
-hatten, sagte eines der Mädchen: »Sie
-kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem
-Aufzuge werden Sie in Ihrem Leben keine Stelle
-bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«</p>
-
-<p>»Aber was soll ich denn tun?«</p>
-
-<p>»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer
-&rsaquo;Schick&lsaquo; nicht in sich hat, wird ihn nie lernen.« Das
-schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, und sie
-sprachen nichts mehr zu mir.</p>
-
-<p>Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten
-in ihren Körben und Koffern nach einem Paar
-Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem
-reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.</p>
-
-<p>Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung;
-ich hielt mich auf der Straße hinter den Mädchen,
-weil ich dachte, sie schämten sich meiner. Die Bemerkung
-der einen aber, sie könne es mir schriftlich
-geben, daß ich in meinem Aufzuge keine Stelle
-bekommen würde, verfolgte und peinigte mich, da
-ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich
-nicht die Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch
-nehmen wollte. Und das wollte ich auf
-keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten
-von der Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich
-zu schreiben, sobald ich über die Verhältnisse
-etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken
-beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger
-Aufmerksamkeit, nur einmal, als wir über eine
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und betrachtete
-entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel,
-dergleichen ich früher nie gesehen hatte. Es waren
-Möwen. &ndash; Nach vielem Herumwandern, das mich
-recht müde machte und mir meine Schmerzen in
-den Knien in Erinnerung brachte, hielten die Mädchen
-vor einem großen Hause und drängten sich
-hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte,
-war ziemlich geräumig, und auf den Stühlen und
-Bänken saßen Mädchen, die anscheinend auch Stelle
-suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame
-und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig
-in großen Büchern schrieben. Die Mädchen wurden
-der Reihe nach vorgerufen, und nachdem diejenigen,
-die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten,
-gegangen waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine
-trat zuerst vor und setzte sich mit sehr viel Würde
-auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die Frage
-der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug
-Zeit läßt, meine Bekannten bei mir und außerhalb
-des Hauses zu sehen; ferner übernehme ich nur ein
-Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf Jahre
-sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische
-machte eifrige Notizen. Die ältere lächelte freundlich
-und erklärte, daß sie gerade nichts Passendes
-hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit
-einem Achselzucken, und eine andere setzte auseinander,
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-was sie wolle und was sie nicht wolle. Auch
-ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt,
-daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen
-war und keine etwas bekommen hatte,
-verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten,
-als ob ich gar nicht da wäre.</p>
-
-<p>Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und
-begab mich nun auch zum Schreibtisch.</p>
-
-<p>»Sie sind wohl erst angekommen?«</p>
-
-<p>»Gestern.«</p>
-
-<p>»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat,
-weil Sie so blaß aussehen.«</p>
-
-<p>»Ich bin immer blaß.«</p>
-
-<p>»Welches sind Ihre Ansprüche?«</p>
-
-<p>»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur
-recht bald irgendeine Stelle haben.«</p>
-
-<p>»Besitzen Sie Zeugnisse?«</p>
-
-<p>Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und
-sie las es aufmerksam durch. Dann faltete sie es
-zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden
-Sie Hausarbeit scheuen?«</p>
-
-<p>»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue
-Hoffnung erfüllte mich. Sie langte nun nach
-einem der großen Bücher und blätterte eine Weile
-darin.</p>
-
-<p>»Würden Sie aufs Land gehen?«</p>
-
-<p>»Mit größtem Vergnügen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger
-auf eine Stelle im Buch.</p>
-
-<p>»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen
-würde. Die Dame sucht ein Deutsch sprechendes
-Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten
-im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine
-Gesellschafterin für ihre vierzehnjährige Tochter abgeben
-würde. Es ist auch eine junge Französin
-da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen
-Sie dazu?«</p>
-
-<p>Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen
-im Heim und sagte, daß ich glücklich sein würde, die
-Stelle zu erhalten.</p>
-
-<p>»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr
-wiederzukommen. Wenn Sie warten wollen, können
-Sie selber mit ihr sprechen.«</p>
-
-<p>Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte
-und nahm meinen früheren Stuhl wieder ein,
-nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten
-würde. Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame.
-Sie zählte vielleicht vierzig Jahre und sah recht gütig
-aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört
-hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum
-Schluß gab sie mir ihre Karte mit Namen und Adresse
-und bestimmte den zweitnächsten Tag für meinen
-Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war,
-reichte sie mir zum Abschied die Hand; doch plötzlich
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-schien ihr etwas einzufallen und sie zog sie wieder
-zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?«
-frug sie mich, und ich verneinte der Wahrheit gemäß.</p>
-
-<p>»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf
-hieß sie mich in den Wagen steigen, in dem sie gekommen
-war. Einige Minuten später hielten wir
-vor einem Restaurant, und meine Dame frug
-mich, was ich essen möchte. Ich erwiderte, daß mir
-das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen
-bestellte und sich anscheinend über meinen guten
-Appetit freute. Als ich fertig war, führte sie mich
-wieder auf die Straße und sah sich nach einem der
-roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen
-sollte. Sie fand auch bald, was sie suchte und
-bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben und
-mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen.
-Dann grüßte sie mich noch einmal recht
-freundlich, und ich fuhr ins Heim.</p>
-
-<p>Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin
-und erzählte ihr von meinem Glücke. Sie
-sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht,
-es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können,
-ist, der Güte des Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte
-sie, daß ich das täte, ging dann in das
-Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an
-meinen Freund. Gegen Abend kamen die Mädchen
-zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen war.
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle
-habe. Als sie erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten
-sie mich mit Fragen, und ich erzählte, was
-ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine
-wieder die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als
-Küchenmädchen, so etwas könnte ich auch bekommen,
-aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch
-zu gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem
-Hut eine neue Fasson.</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>D</b>er kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt
-ungefähr zwei Stunden von London entfernt,
-an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom
-Bahnhofe ab, und das Haus, in das sie mich führte,
-steht abseits von den andern Gebäuden, und zwar
-hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem
-Geplauder brachte sie mich in ein ziemlich großes
-Zimmer und bedeutete mir, daß das mein Zimmer
-sei.&nbsp;... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die
-niederen Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen
-Tapete bekleidet, und das schwarze massive
-Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In
-einer Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten
-Marmorplatte und einem weißen Waschgeschirr.
-Rechts davon befand sich ein Tisch und ein
-Stuhl. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines
-davon ging in den Hof; der Blick dahin aber wurde
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens
-aufgehalten. Doch war dieses Dach so dicht und so
-schwer mit einer großblätterigen Schlingpflanze
-bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich
-und ich mich später an den Farbenwandlungen vom
-zartesten Grün bis zum brennendsten Rot nie satt
-sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den
-Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte.
-Auf dem anderen Ufer dehnten sich weite
-Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es
-war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und
-hinausschaute, nachdem ich mit einem langen, erlösenden
-Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit
-des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf
-die Themse, von der ich als Kind gehört hatte
-und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge
-bekam, weil ich nie wußte ob London oder Paris an
-ihren Ufern lag. Ich blickte auf den langen, grünen
-Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von
-einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen
-wollte. Wie weit mein Auge reichte, sah ich keinen
-Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte
-Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit
-und der Stille trug. Ich empfand diese Stille so
-wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.</p>
-
-<p>»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares
-Leben.« Denn wunderbar fand ich es trotz
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und der
-brennenden Sehnsucht in meiner Brust.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die
-Tochter des Hauses, sowie die Französin kennen.
-Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber
-kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch,
-und zwar beide schlecht. Die Französin war,
-wie ich bald herausfand, ein sehr oberflächliches
-Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir
-gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten
-hatten, und trotz ihrer Jugend, sie zählte erst siebzehn
-Jahre, hatte sie schon eine Menge Liebschaften
-hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften,
-das Geschirr wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten,
-erzählte sie mir von den Männern, die ihren Weg
-gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr
-Leben verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie
-aber alles ausgekramt, und auch über ihre letzte Eroberung,
-einen Krämer oder einen Apothekerjungen,
-ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch
-auch etwas zu erzählen. Daraufhin aber schüttelte
-ich immer entschieden den Kopf und lächelte. Was
-hätte ich der erzählen können? Das, was mich
-manches Mal so glücklich und manches Mal so traurig
-machte, war ein Märchen so fein und wunderbar,
-das sie nie begriffen hätte&nbsp;... und wenn sie dann
-wieder, unbekümmert um mein Lächeln und mein
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-Schweigen, in den Strom der eigenen Erlebnisse
-untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte
-oder bürstete noch einmal so rasch wie sie&nbsp;...</p>
-
-<p>So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch
-gemischt mit einer glückseligen Hoffnung, daß er
-früher oder später um mich kommen würde. Unklar,
-unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube
-in mir. Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das
-sein würde. Die Glocke würde läuten; ein ganz
-kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet
-würde er plötzlich in der Küche stehen&nbsp;...
-dann würde ich ihn hinauf in mein Zimmer nehmen,
-ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das
-Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er
-plötzlich mit einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die
-weiße Schürze und die lang herabwallenden
-Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die
-Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und
-meiner Hände begriffen haben würde und mich
-schweigend in seine Arme ziehen&nbsp;... Aber das
-waren die törichtsten Träume, die ich je geträumt
-habe&nbsp;...</p>
-
-<p>Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung
-eines englischen Haushaltes gründlich kennen. Obwohl
-die Dame Witwe war, führte sie doch ein
-ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen
-Veranstaltungen, wie Teegesellschaften, Picknicke und
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-dergleichen, die so charakteristisch englisch sind, fehlten
-nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar
-unsere Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich
-mich durch eifriges Erlauschen der englischen Sprache,
-die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte,
-schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht
-sehr viel, doch mit großem Fleiß und Eifer (ich lernte
-aus englischen Büchern jeden Abend bis tief in
-die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.</p>
-
-<p>Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch
-mußte ich manches Mal über das Verhältnis lächeln,
-das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. Das
-fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter
-in unglaublicher Weise. Die Dame war fest davon
-überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften einer
-großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles,
-was in ihren Kräften stand, dem heranreifenden
-Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente
-zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte,
-zeichnete, malte und dichtete, doch war ich über den
-Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie klar.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu
-klopfen, kam meine Dame blaß vor Aufregung auf
-mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen,
-da »Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren
-Teppich sofort von der Stange, dachte aber dabei
-an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-heimliche Quelle meiner kargen Freuden waren,
-und frug mich, wieviel ich wohl hätte dichten können,
-wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt
-hätte. Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie
-gedichtet und niemand frug danach. Niemand? Nein,
-manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es,
-daß das eine oder das andere der letztgesandten
-Gedichte herrlich sei.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat
-ein Ereignis ein, das die Verhältnisse etwas umgestaltete.
-Miß Daisy erkrankte am Scharlach.
-Sobald die Französin dies hörte, verließ sie das
-Haus noch am selben Tag.</p>
-
-<p>»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.</p>
-
-<p>»Gewiß nicht!« sagte ich.</p>
-
-<p>Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach
-Verlauf dieser Zeit verordnete der Arzt für die
-Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen wurden
-sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten
-unter unseren Fenstern die vielbesungenen Wellen
-der nordischen See. Ich hatte ein Zimmerchen für
-mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich
-dahin zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend.
-Obwohl von der Reise sehr ermüdet, dachte ich
-doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein Fenster,
-so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen
-geht, und schaute mit staunenden Augen über das
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht tanzte
-und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht
-mein Bett auf. Als ich am nächsten Morgen erwachte,
-war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan
-war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In
-der Nacht hatte ich einen seltsam schönen Traum
-gehabt. Ich wollte ihn festhalten, niederschreiben
-und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen
-Papier. So, während der Himmel sich röter und röter
-färbte, entstand ein Gedicht, und ich nannte es »Ruby«.</p>
-
-<p>Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück,
-und meine Dame nahm vorläufig kein neues Mädchen
-ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich
-nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die
-wenigen Augenblicke, die ich erübrigen konnte, füllte
-ich mit der Erlernung der Sprache aus, und langsam,
-aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal
-fiel mir ein Buch von Milton in die Hände,
-und trotz meiner noch mangelhaften Sprachkenntnisse
-las ich das »verlorene Paradies« mit größtem
-Eifer. Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug,
-die bilderreiche Sprache, die Phantasie und
-die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug
-ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><i>When I consider how my light is spent</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>E're half my days, in this dark world and wide</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
- <i>And that one talent which is death to hide</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Lodg'd with me useles though my soul more bent</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>To serve therewith my Maker and present</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>My true account, least he returning chide.</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Doth God exact day-labour, light deny'd</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>I fondly ask; but patience to prevent</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>That murmur soon replies: God doth not need</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Either man's work or his own gifts. Who best</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Bear his mild yoke, they serve him best. His State</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Is Kingly. Thousands at his bidding speed</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>And post o'er Land and Ocean without rest;</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>They also serve who only stand and wait.</i></td></tr>
-</table>
-
-<p>Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich
-in ein sonderbares Grübeln, ein Grübeln, aus dem
-später meine größte Niederlage und mein größter
-Sieg hervorging&nbsp;... Nach und nach schaffte ich
-mir die Gedichte von Lord Byron, von Keats, auch
-von Longfellow an, und es verging kein Tag, an
-dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen
-oder dem anderen Buche zu lesen. Damit soll aber
-nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte durchlas, im
-Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig.
-Gewöhnlich blätterte ich in einem neuen Buche so
-lange, bis ich auf ein Gedicht stieß, das mir sehr gut
-gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach dem
-Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-einer einzigen Stelle wegen immer und immer
-wieder, wie z.&nbsp;B. das Gedicht von Byron:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><i>Ah! Love was never yet without</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>The pang, the agony, the doubt&nbsp;...</i></td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">und dann einige Zeilen weiter:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><i>That Love had arrows well I knew</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Alas! I find them poison'd too.</i></td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das
-ganze Gedicht, welches mir im übrigen gar nicht
-gefiel.</p>
-
-<p>In Keats war mein Lieblingsgedicht:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><i>I had a dove und the sweet dove died</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>And I had thought it died of grieving:</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>O, what could it grieve for? its feed were tied</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>With a silken thread of my own hands weaving;</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Sweet little red feet! why should you die?</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Why should you leave me, sweet bird, why?</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>You lived alone in the forest-tree,</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Why, pretty thing! would you not live with me?</i></td></tr>
-</table>
-
-<p>Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und
-ich sagte es immer leise vor mir her, wenn ich die
-Wäsche wusch oder den Boden scheuerte. Überhaupt
-ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung,
-die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen.
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Der Gang eines Gedichtes hat für mich
-etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die
-Süßigkeit, die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile
-auf mich strömt, noch in keiner anderen Form
-der Dinge gefunden.</p>
-
-<p>In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein
-Freund hatte mir in den ersten Monaten meines
-Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben,
-doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten.
-Manchmal ließ er mich monatelang auf die Beantwortung
-meiner Briefe warten, und ich dachte,
-er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich
-dann in solchen Stunden empfand, kann ich nimmer
-beschreiben; wie ich täglich und stündlich seine Nähe
-fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches,
-auf etwas Wunderbares wartete, das ihn mir
-bringen sollte. In diesem Glauben ging ich so weit,
-daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte,
-weil ich meinte, er sei da&nbsp;... Doch er war es nie&nbsp;...</p>
-
-<p>Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine
-Einladung nach Schottland bekommen, könne mich
-aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,«
-fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts
-von London gesehen haben, Sie sich die Stadt
-ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie
-dazu für die paar Wochen in das Heim gingen.
-Selbstverständlich trage ich die Kosten hierfür.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.</p>
-
-<p>»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes
-Heim, und ich bin überzeugt, daß Sie dort gut
-aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden.
-Die Vorbereitungen zur Abreise wurden
-noch am selben Tage getroffen, und am nächsten Tage
-brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und
-empfahl mich der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.</p>
-
-<p>Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den
-acht Betten. Ich kannte keines der Mädchen und
-bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu
-lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat,
-wartete meiner eine Überraschung. Jemand rief
-meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber
-und fragte mich, wer das sein könne; welches der
-Mädchen mich denn kennen könnte. Diejenige, die
-mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei
-Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen
-Sie doch!« rief sie lebhaft. Ich konnte mich
-nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und glaubte
-schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf
-einmal einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere
-Bettnachbarin, das Mädchen mit den großen glänzenden
-Augen und dem reichen braunen Haar. Es
-freute mich nun doch, daß mich hier jemand kannte
-und begrüßte. »Suchen Sie eine Stelle?« frug ich
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-einmal während des Essens. »Nein,« antwortete
-sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß
-sie deutsche Korrespondentin sei.</p>
-
-<p>Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen,
-daß Sie es hier aushalten können.« »Warum?«
-frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf sie
-erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.</p>
-
-<p>»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«</p>
-
-<p>»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich
-an vieles gewöhnen,« und als sie das sagte, wurde
-ihr Gesicht sehr traurig.</p>
-
-<p>Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns
-nebeneinander, und als das Lied gesungen wurde,
-horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in
-denen das Mädchen neben mir sang.</p>
-
-<p>Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das
-Britische Museum zu gehen; sagten doch alle, daß
-ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim nur
-einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst
-viel nach dem Wege zu fragen. Als ich vor dem
-monumentalen Gebäude stand, blickte ich entzückt
-auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen
-und einigen Leuten das Futter sogar aus der Hand
-fraßen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und
-hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich
-machte mir etwas Vorwürfe, daß ich so wenig
-Interesse für das Britische Museum empfand, und
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich
-endlich die Stufen empor, die in die verschiedenen
-Räume führten. Leider muß ich jetzt wie damals
-bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend
-sind, um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft
-liegen, würdigen zu können. Ich erinnere
-mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die
-hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen
-ich weder den Wert, noch ihre Bedeutung verstand.
-Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien befanden,
-erweckten in mir jene Scheu, die ich als
-Kind in der Kirche empfand, und ich wagte nur mit
-den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese Ehrfurcht
-verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder
-mit den steifen, dunkeln Gesichtern blickte&nbsp;...
-Da vor mir in einem Glasschrank lag der letzte Rest
-eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe
-zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und
-tausend Sklaven sanken zitternd nieder&nbsp;... Wo ist
-heute dein Reich?&nbsp;... Wo ist heute dein Heer?&nbsp;...
-Und wo bist du selbst?&nbsp;... Und was wurde aus deinen
-Qualen?&nbsp;... Und was wurde aus deinem Glück?&nbsp;...
-So frug ich die braune Hand mit den gelben Ringen,
-und die Antwort war eine für mich neue Überzeugung:
-daß es noch kein Ich gibt &ndash; daß Gott
-noch an der Schöpfung arbeitet &ndash; daß wir das Mittel
-zum Zweck, aber der Zweck nicht sind.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen
-Raum, der ebenfalls Glasschränke enthielt, in dem
-größere und kleinere Stücke braunes Papier sorgfältig
-aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben
-anfangs aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in
-der nächsten Minute durchrieselten mich fromme
-Schauer. Die braunen Stücke Papier waren
-Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte,
-ohne je einen gesehen zu haben. Es befanden sich
-mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem
-einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein
-mit fünf Versen beschriebener Papyrus von Sappho
-aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« Ich
-konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei
-Wochen lang der Tauben und des Papyrus wegen
-ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den
-Kopf gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es
-nicht so weit, da sich im Saale stets zwei Polizisten
-befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch zu
-beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben
-bemerke, seine alte Anziehungskraft für mich noch
-immer nicht verloren hat, darf ich aber nicht meinen
-Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen
-vergessen. Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen
-die Wände gefüllt waren, sowie den großen Diamanten,
-um den sich in der Schatzkammer alles
-drängte, machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-die schmalen Gänge und die dunklen Gemächer
-ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine
-Bank und betrachtete voll wehmütiger Empfindung
-die Kupferplatte, die meldete, daß auf dieser Stelle
-zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft wurden.
-&ndash; Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte
-Blätter darüberhin!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich
-spät ins Heim zurück, von dem Mädchen, das sich
-mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. Nach
-und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen
-uns, von der ich nicht recht wußte, wie sie eigentlich
-entstanden war. Ich glaube, was mich zu ihr zog,
-waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und
-traurig aussehen konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche
-Erklärung gegeben hatte, war ich überzeugt,
-daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal
-plaudernd zusammen saßen, wurde mir ein
-Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich
-schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute
-ich mich sehr darüber. Er schrieb mir, daß er sehr
-beschäftigt sei und daß ich sein langes Schweigen
-verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht
-und würde ausführlicher berichten, sobald er
-etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin bemerkte
-die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten,
-und frug mich lächelnd, ob der Brief von jemand
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-sei, den ich lieb hätte, und ob dieser vielleicht ein
-Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr
-dann von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger
-und trauriger, und zum Schluß weinte sie.</p>
-
-<p>»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt
-hätte, ehe ich nach Paris ging.«</p>
-
-<p>Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung
-nicht verstehen.</p>
-
-<p>»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig
-Gesellschaft in Paris?«</p>
-
-<p>»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel &ndash;
-zu viel.«</p>
-
-<p>Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete
-sich die Türe und einige Mädchen kamen herein.
-Wir begannen deshalb von gleichgültigen Dingen
-zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr
-blaß waren und ihr Lächeln ein gezwungenes war.</p>
-
-<p>An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner
-Dame einen Brief, worin sie mir mitteilte, daß sie
-Ende der Woche zurückkommen werde und ich das
-Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte
-meine Freundin ungemein; sie wich die ganze Zeit
-nicht von meiner Seite und sagte, sie wisse nicht,
-was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage
-vor meiner Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig
-und fing oft Sätze an, ohne sie zu vollenden.</p>
-
-<p>»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-»Ja.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich
-bei diesen Worten über ihre Hand.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie
-ich noch nie einen Menschen hatte reden hören.
-Dann schloß sie ihre großen, glänzenden Augen,
-und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen
-Worte zu hören, erzählte sie mir eine sehr
-traurige Geschichte. Als sie geendet, weinten wir
-beide.</p>
-
-<p>»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?«
-frug ich endlich.</p>
-
-<p>»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.</p>
-
-<p>»Und lebt es?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
-
-<p>Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an.
-»Wie ist das möglich, Sie wissen nicht, ob Ihr Kind
-lebt oder nicht?«</p>
-
-<p>Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an,
-und mein Mitleid quoll empor. »Sagen Sie mir
-alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht erleichtert
-es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir
-alles; wie der Mann sich nicht mehr um sie gekümmert,
-wie sie neun Monate lang gehungert hatte, um
-ihr Kindchen bei sich haben zu können, &ndash; wie sie
-endlich krank wurde und das Kind fortgab, um es vor
-dem Hungertode zu schützen. Während der Erzählung
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die
-Wangen, und ich streichelte ihre Hände.</p>
-
-<p>»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug
-ich leise.</p>
-
-<p>Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte,
-und sagte: »In Paris ist ein Haus, wo man jedes
-Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder
-einen Namen nennen zu müssen.«</p>
-
-<p>»Und dorthin&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde
-auf das Bett.</p>
-
-<p>»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein &ndash;
-Nun können Sie ja das Kind nie mehr finden.«</p>
-
-<p>Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann
-es wiedererkennen. Jedes Kind bekommt bei der
-Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das
-Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«</p>
-
-<p>Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen
-läutete, schritten wir hinunter. Wir aßen beide fast
-nichts, und als später das Lied gesungen wurde, da
-hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne
-neben mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts
-mehr über die Angelegenheit. Ich beschäftigte mich
-mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte
-ich nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette
-auf und blickte auf meine Freundin. Sie lag ganz
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich fielen
-auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah
-ich ein kleines Mädchen, das in einem schmutzigen
-Hofe spielte&nbsp;... es hatte die großen, glänzenden
-Augen meiner Freundin&nbsp;... es hatte das reiche
-braune Haar meiner Freundin, aber um das Handgelenk
-trug es einen kleinen Reifen, und an dem
-Reifen hing eine Nummer....</p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 in0"><b>M</b>eine Verhältnisse wurden nun wieder die alten.
-Wie früher scheuerte ich die Böden, wusch die
-Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei
-oft an meine Freundin in London und hegte heimlich
-den Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Doch eines
-Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer
-wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen,
-meinem Freunde das Geld zurückzuschicken, das ich
-ihm schuldete. Selbstverständlich war das nicht leicht
-für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen
-Lohn erhielt und davon auch noch meine Eltern
-unterstützte. In letzterer Zeit hatte ich das allerdings
-nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu Hause
-gebessert hatten und ihnen überdies auch mein
-Bruder nicht mehr zur Last war. Meine Eltern
-hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie
-wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf
-eines Kellners aufgegeben hatte, um jenseits des
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück
-zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater,
-daß ihm ein deutsches Zeitungsblatt aus Brasilien
-zugegangen sei, das Mitteilungen über die kühne
-Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am
-Rande dieser Beschreibung standen die Worte:
-»Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir nicht
-das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu
-dem oben angeführten Zwecke sparte ich alles Geld,
-das ich aus den dreißig Schillingen erübrigen konnte,
-und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung
-des Ganzen überraschen zu können, machte mich
-ungemein glücklich.</p>
-
-<p>Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in
-London mir eine andere zu suchen, wäre immerhin
-ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte
-mich von keinem Penny trennen.</p>
-
-<p>Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde
-nie etwas über diesen Gegenstand, sondern berichtete
-stets nur über meine Beschäftigung und
-dergleichen.</p>
-
-<p>Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter
-Zeit enthielten sie immer Vorwürfe über meine
-anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,«
-so schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen
-zu lernen? Dazu hätten Sie wahrhaftig nicht nötig
-gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit
-Ihr Talent zu fördern, und ich bitte Sie, die Stelle,
-die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben und sich
-in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu
-suchen und den Nachmittag für Ihr Studium zu
-verwenden. Selbstverständlich sorge ich dann für
-Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der
-Vorschlag für mich war, so konnte ich mich doch zu
-einem solchen Schritte nie entschließen, und seufzend
-kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und
-Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem
-Büblein im Lesebuch, das immer sagte:</p>
-
-<p>»Wenn nur was käme und mich mitnähme!«
-Aber es kam nichts.</p>
-
-<p>Ein Monat verging nach dem andern, und ich
-fühlte mich oft körperlich recht müde. Nach und nach
-wurde auch mein Herz müde, und endlich verweigerte
-es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller
-Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch
-wartete ich, wartete vor der Schwelle seines Herzens,
-bis sich die Türe auftun würde und er heraustreten
-würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in
-den Augen&nbsp;...</p>
-
-<p>Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich
-fast bereute; Stunden, in denen meine heimlichsten
-Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit
-spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-bist du denn eigentlich fort von ihm?« höhnten sie
-oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort von
-ihm?&nbsp;... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse
-kennen zu lernen&nbsp;... Hatte nicht er es so genannt?
-Hatte nicht ich so gewollt? &ndash; Gewollt? &ndash;
-Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte,
-frugen dieselben fürchterlichen Stimmen
-wieder: »Und wenn du nicht fort wolltest, warum
-bist du denn gegangen?« &ndash; Und ganz urplötzlich
-wußte ich es, und meine Wangen lernten eine neue
-Röte und mein Herz lernte eine neue Qual. &ndash; So
-im Hader mit mir selbst verging die Zeit.</p>
-
-<p>Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht
-schlafen konnte, trotzdem ich den ganzen Tag gelaufen
-und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen
-Augen lag und sann und sann, bis alle guten und
-alle bösen Geister um mich waren. &ndash; Wie mit
-hundert Händen griffen sie in meine Gedanken,
-zogen und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen
-und banden; und als sie fort waren, da tanzten
-feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die
-sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage
-hieß: »Darf ich wiederkommen?« &ndash; Warum nicht?
-schrie ich und ballte die Fäuste gegen die glänzenden
-Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so
-fein, so wunderbar, &ndash; und da wuchs um jeden
-Buchstaben ein Kranz von Flammen, und als ich
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben
-darum,« hieß es, und hinter der Schrift lag ein vornehmer
-ruhiger Schein. Aber ich wollte die Schrift
-und den Schein nicht sehen und schloß die Augen,
-wie ein eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine
-andere und eine andere. Nach und nach schienen
-sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet
-zu haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch
-auf mich einzudringen und griff mit frechen Fingern
-nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch
-immer nicht übergeben wollte.</p>
-
-<p>In solchen Augenblicken aber kam er mir zur
-Hilfe. Wie durch einen Zauberschlag stand er mitten
-unter den geifernden Kreaturen, und seine Gestalt
-überragte die größten unter ihnen.</p>
-
-<p>»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht
-zeigte das gütige Lächeln und den besorgten Blick. &ndash;
-»Ja, ich glaube,« sagte ich. &ndash; Und dann hielt ich die
-Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche
-die goldene Monstranz heben sah, und wie damals
-alles Volk niedersank, so sanken jetzt meine Quälgeister
-in nichts zusammen und wurden still.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie
-wir früher bei unserem persönlichen Verkehr jedes
-Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken
-hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe
-immer kühl und ruhig, und nur hie und da war
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder Schmerz
-nicht ganz verbergen konnte.</p>
-
-<p>Aber von diesen Zeilen lebten wir &ndash; ich wenigstens.
-&ndash; An diesen Zeilen hing meine ganze Seele,
-aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und alle
-Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen
-Körper zur Pflicht zu überreden.</p>
-
-<p>Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich
-war. Daß ich mit einem Lächeln in den Augen die
-kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, und
-selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem
-Januarmorgen vor dem Hause kniete und die Stufen
-weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich des
-Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren
-Inhalt auf mein Bett streute. Dieses Geld war
-mein größter Schatz. Ich verbarg es immer so
-ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn
-es mir durch irgendeinen Zufall verloren gegangen
-wäre. Ich war fest entschlossen, die Stelle zu verlassen,
-sobald ich alles Fehlende verdient hatte und
-noch eine kleine Summe darüber, die es mir möglich
-machen würde, im Heim zu wohnen, bis ich etwas
-Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als
-ich dachte.</p>
-
-<p>Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt,
-ihre Tochter ins Ausland in ein Pensionat zu
-schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen.
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht
-wohnen und sagte mir, daß sie das Haus vermietet
-hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen ginge.
-Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen
-an meinem Ersparten fehlten und ich daher imstande
-gewesen wäre, das Geld in drei bis vier Monaten
-absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung
-im ersten Augenblick auf das heftigste. Doch
-dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich
-vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen
-würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden
-könnte.</p>
-
-<p>So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn
-Monate in einer ganz eigenen Art glücklich und unglücklich
-war, und als ich mich in meinem Zimmer
-zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen
-in die Augen, und ich stieg die Treppe schluchzend
-hinab.</p>
-
-<p>In London angekommen, ging ich wieder in das
-Heim, wo meine Freundin mich auf das allerherzlichste
-begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun
-wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte
-sie für mich nicht tun. Meine allernächste Sorge
-war nun, eine Stelle zu finden, um von dem ersparten
-Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich
-wandte mich wieder an die Vermieterin, die mir
-meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie
-nun schon längere Zeit in England sind und auch
-ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so dürfte
-es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. &ndash;
-Was für eine Stelle möchten Sie denn gerne haben?«
-Ich dachte an die sechzig Kronen, die ich schon so
-gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz
-gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich
-sehr glücklich machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung
-der englischen Sprache finden zu können.
-»Möchten Sie wohl,« sagte sie, »<i>under nurse</i> sein?«
-Ich hatte den Namen nie gehört und konnte mir
-daher von der Stelle keinen Begriff machen.</p>
-
-<p>»Was ist das?«</p>
-
-<p>»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie
-werden nämlich genug Gelegenheit haben, Englisch
-zu lernen, da die <i>head nurse</i> eine Engländerin ist
-und mit den Kindern nur Englisch spricht.«</p>
-
-<p>Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir
-bereitwillig gab.</p>
-
-<p>»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn
-Sie jetzt selbst hingehen und sich vorstellen. Gefällt
-Ihnen die Stelle, so ist es gut, gefällt sie Ihnen
-nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab
-sie mir die Adresse und ich machte mich auf den
-Weg.</p>
-
-<p>Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-vielem Herumsuchen endlich an einem sehr hübschen
-Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein nettes
-Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr
-und bat mich dann, im Vorzimmer zu warten.
-Ich setzte mich auf einen der steifen Eichenholzstühle
-und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses
-noch sehr lange nicht kommen würde. Sie erschien
-aber bald und war sehr freundlich. Nachdem sie mir
-verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum
-Schlusse, ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie
-mich nicht annehmen, ehe mich die <i>nurse</i> gesehen
-hätte. Da aber die <i>nurse</i> mit den Kindern ausgegangen
-sei, so müßte ich entweder warten oder
-wiederkommen. Ich entschloß mich für das erstere.
-Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der <i>nurse</i>
-gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen
-herannahen. Gleich darauf trat die Dame ein und
-bat mich, nach oben zu kommen. Oben waren
-vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die
-sich zankten. Eine sehr magere Frauensperson,
-in der ich richtig die <i>nurse</i> vermutete, versuchte
-Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst
-nach dem Hervorholen eines Stockes erfolgreich
-war, als alle vier gleichzeitig die schützende Weite
-suchten. Die <i>nurse</i> stellte den Stock wieder vorsichtig
-in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen
-der Dame zu. Sie blickte mich
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-einige Male an, und mit großer Erleichterung
-glaubte ich wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel.
-Die Dame erklärte mir dann, was ich zu tun
-haben würde, und mir wurde bange, je länger sie
-sprach. Als sie mich dann zum Schlusse fragte,
-ob mir alles recht sei, da dachte ich wieder an die
-sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.</p>
-
-<p>Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an.
-Hatte ich von der Stellung einer »<i>under nurse</i>« bisher
-keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun bald
-eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war
-ich von den vier Dienstmädchen des Hauses die
-niedrigste, und jede der drei anderen ließ mich das
-fühlen.</p>
-
-<p>Da ich auch der Sprache nur unvollkommen
-mächtig war und weder das Stubenmädchen noch
-die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten
-und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch
-legten sie mir alle möglichen Arbeiten auf, die
-sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen und
-dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat
-ich alles. Doch schrecklicher als der Tag war in
-diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich mit
-dem Stubenmädchen und der Köchin in einem
-Zimmer zu schlafen und biß oft die Zähne zusammen,
-wenn ich an mein stilles Zimmerchen in
-Marlow dachte. Die beiden Mädchen unterhielten
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-sich gewöhnlich bis Mitternacht; sie erzählten sich
-gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt
-hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle
-männlichen Taufnamen im Kalender. Diejenige,
-die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. Sie
-war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie
-mich schlagen wollte, wenn ich etwas nicht schnell
-genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit machte. Doch
-jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude,
-und mein Glück bestand in dem Ausgang der Köchin
-und in ihren Liebesbriefen. So oft sie nämlich einen
-Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war
-sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr
-ein Soldat eine silberne Brosche geschenkt, und sie
-war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie am
-Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage,
-ohne daß sie von dem einen oder dem andern hörte,
-so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit keine Grenzen.
-Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten
-gewartet in der Hoffnung, daß er etwas für mich
-haben würde, so wartete ich nun, und wenn das
-möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals
-auf ihn, in der Hoffnung, daß er etwas für die
-Köchin haben möchte. Und an dieser Stelle danke
-ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern,
-Fleischhauern und anderen, die so glücklich waren, das
-Wohlgefallen der Köchin zu erregen, für die ziemlich
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten und mit
-denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich
-gemacht haben&nbsp;...</p>
-
-<p>Einmal gab es einen großen Streit in der Küche,
-und darauf verließ das Stubenmädchen das Haus
-noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen
-war sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich.
-Sie war immer gut zu mir, und darum hatte
-ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so zart
-aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte
-und wir allein in unserem Zimmer lagen, fing das
-Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was
-haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern
-erzählte sie mir, daß sie einen Bräutigam habe,
-der in einem Krankenhause für Lungenschwindsüchtige
-hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie
-einen Brief hinter dem Kopfkissen hervor und
-reichte ihn mir. Bei dem ungewissen Licht der Kerze,
-die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere
-und doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und
-dabei ein Gedicht, in dem die unendliche Sehnsucht
-nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend
-glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken
-mit sich trug.</p>
-
-<p>»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung
-zu verbergen, »sicher, er wird wieder
-gesund.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.«
-Ihre Augen waren tränenleer, und nur ihr Mund
-zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin löschte ich
-die Kerze aus, mir schauderte&nbsp;...</p>
-
-<p>Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr
-seit diesem Abend wo und wie ich nur konnte. Einmal
-aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem Schlafe
-empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie,
-sie sei sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten
-Tag erbat sie sich einen halben Tag Urlaub, doch sie
-kam nie wieder....</p>
-
-<p>Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate
-gewesen war, trug ich eines Tages einen Brief
-zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief war
-an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag
-meiner Schuld. Noch etwas anderes enthielt der Brief:
-den Aufschrei eines zum Tode gequälten Herzens.
-Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit
-meiner Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort.
-Sein Brief war voll von Vorwürfen über das bisherige
-Verschweigen meiner Verhältnisse, das er
-Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat
-er mich, keine Stelle mehr anzunehmen, sondern
-mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu
-widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu
-können. Das Geld, das ich ihm geschickt hatte,
-sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen
-würden folgen.</p>
-
-<p>An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten
-hatte, hatte ich Ausgang, und ich ging zu meiner
-Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief
-meines Freundes, und sie drang ebenfalls in mich,
-sein Anerbieten ja anzunehmen. »Ich kenne die
-Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann
-es ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach
-sie lange, und weil ich so gerne gelernt hätte, und
-eine neue Stelle der Köchinnen wegen fürchtete,
-sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann
-noch, daß sie daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen,
-und schlug mir vor, mit ihr ein Zimmer zu
-nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag
-gefiel mir hauptsächlich der Billigkeit halber, und
-so kam es, daß ich wieder einmal meine Koffer packte
-und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner
-<i>boardinghouse</i> zog. Der Gedanke, daß ich meinem
-Freund wieder Geld schuldete, bedrückte mich zwar,
-doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, um die
-Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können,
-und dann?&nbsp;... Ja und dann?&nbsp;... Jähe stockten meine
-Gedanken. Die alten Kobolde waren auf einmal wieder
-da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor.
-Mit aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte
-ich jedes Denken an die Zukunft ab und lernte&nbsp;...</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-In dem <i>boardinghouse</i> ging es recht bunt und
-lebhaft zu. Die Gäste gehörten verschiedenen
-Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen.
-Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten
-Seidenturbanen auf den Häuptern; einige Chinesen,
-die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode
-geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für
-die Bühne zu dick geworden war und immer Bilder
-aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein blasser verlebter
-Mann aus der Schweiz, der sich über die
-Zustände in England bitterlich beklagte, weil er kein
-Mädchen finden konnte, das ihm ohne den üblichen
-Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen
-wollte, wie er das in Paris so gehabt hatte; ein
-Deutscher, der fortwährend über das Essen schimpfte;
-und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie bezahlen
-konnte und jeden Samstag Selbstmord
-versuchte.</p>
-
-<p>Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch
-ganz gut gefielen, suchte ich dennoch keinen Anschluß.
-Anders aber gestaltete sich das mit meiner Freundin,
-die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen
-aus der Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich
-im Anfang erstaunte, später erzürnte und zum Schluß
-empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft das
-allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich
-beisammen saßen, und setzte mich in unserm kleinen
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Stübchen auf mein Bett, bis meine Zimmergenossin
-heraufkam. Sie war dann immer recht
-heiter und erzählte eine Menge Geschichten, die
-ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte und die
-mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten.
-Ich gab ihr dann nur einsilbige Antworten, worauf
-sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune verfiel und
-erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß.
-Oft drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die
-Zunge, doch ich zwang sie jedesmal zurück, weil
-mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie vielleicht
-recht habe und daß ich wirklich fad sei.</p>
-
-<p>Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit
-mein Betragen gutzumachen und zeigte mich sehr
-belustigt über die Dinge, die sie mir dann wiedererzählte.
-In Wirklichkeit aber langweilten sie mich.
-Ich hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie
-hatte mir aber einmal ganz unumwunden erklärt,
-daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So hielt
-ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und
-hätte sie noch länger aufrecht erhalten, wenn sie
-nicht eines Abends etwas getan hätte, das dem für
-mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende
-machte.</p>
-
-<p>Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh
-in unser Zimmer gegangen und hatte sie in der Gesellschaft
-der anderen Gäste gelassen. Ich lag schon
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt
-aus und schüttelte sich vor Lachen.</p>
-
-<p>»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse.
-Unter fortwährendem Lachen zog sie ein
-Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt.
-»Das ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«</p>
-
-<p>Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen
-und sah, daß es ein französisches Blatt war. »Ich
-kann doch nicht Französisch,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen
-vor.«</p>
-
-<p>»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals
-ein.</p>
-
-<p>»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte
-sie sich neben mein Bett und las mir eine Geschichte
-vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts
-weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und
-hielt mir die Ohren zu. Darauf lachte sie überlaut.</p>
-
-<p>»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit
-können Sie das Ende kaum erwarten.«</p>
-
-<p>»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden,
-und weil sie noch immer nicht aufhörte,
-sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das
-nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine
-lange Zeit. Als ich endlich wieder zurückkam, lag
-sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.</p>
-
-<p>Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-unmöglich war. Am nächsten Morgen sprachen wir
-beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet hatte,
-verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten
-Ende Londons ein anderes Zimmer.</p>
-
-<p>Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei.
-Ich hatte von diesem Gebäude schon oft
-gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt,
-es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie
-Stunde dazu zu benutzen.</p>
-
-<p>Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der
-nächsten Tage vor den grauen Mauern der ehrwürdigen
-Abtei und befand mich einige Minuten
-später unter dem Schwarm der Besucher, der die
-hohen Gänge füllte. Ich ging aber nicht wie diese
-herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten
-Ecke stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt,
-was ich jetzt fühlte. Ich befand mich wie unter
-einem Zauber &ndash; wie unter der persönlichen Berührung
-aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt
-hatten &ndash; und längst Staub und Asche sind. Endlich
-rührte ich mich und schritt von einem Monument
-zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin
-und sah nur die unendliche Größe der Dinge, die
-Dinge selbst sah ich kaum. Nachdem ich fast die ganze
-Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich plötzlich
-eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es
-fiel mir ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Minuten vorsichtig um, weil ich nicht wußte, ob es
-erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann rasch
-und trat hinaus. &ndash; Ja, wirklich hinaus, denn dahinter
-lag keine andere Kapelle mit den Särgen
-und Monumenten von Königen und Königinnen,
-wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen
-Tür lag ein ziemlicher großer viereckiger Garten, der
-zwar keine Blumen, aber einen sehr schönen Rasen
-hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich inmitten
-der hohen altersgrauen Mauern, die eine
-mehr als ein halbes Jahrtausend lange Geschichte
-erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es standen
-einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da
-die Kirche selbst früher ein Kloster war, so vermutete
-ich sofort, daß dieser Platz der Klostergarten gewesen
-sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der Mönche,
-wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer
-kamen, in ihren dunklen Gewändern langsam
-über den leuchtenden Rasen schritten und dann
-in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden.
-So oft ich später die Westminster-Abtei besuchte &ndash;
-und ich tat das sehr oft&nbsp;&ndash;, brachte ich erst den Grüften,
-dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von
-dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf
-dem Jakob seinen berühmten Traum geträumt
-habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen
-herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-dar. Dann aber folgte ich dem Zuge
-süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über
-verspürt hatte, und schlüpfte durch das niedere
-Pförtchen in den Klostergarten. Während ich nun
-auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte,
-weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht
-blendete, dichtete ich oft ein schönes trauriges
-Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.</p>
-
-<p>Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden
-Beschaulichkeit abgesehen, war jeder Tag
-ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe fehlen,
-die englische Sprache gründlich zu erlernen und
-dichtete seit einiger Zeit auch schon englische Gedichte,
-die, wenn sie mir auch die Dankbarkeit der
-Engländer nie erringen werden, mir große Freude
-bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber
-seine Anerkennung aus und fragte mich nun öfters,
-was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte, ob
-ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge.
-Auf diese Fragen antwortete ich aber nie, und als
-endlich die Zeit kam, in der ich darauf antworten
-mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus
-überfiel, als er seinen Meister verleugnete. »Denken
-Sie, daß ich zurückkommen darf?« so frug ich ihn.
-Später trug ich den Brief zur Post, und als ich
-zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine
-alten Teufel. »Ist etwas, das gut ist, nicht fraglos,
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?« In allen
-Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und
-neben diesem Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag
-der Nacht. Die Tage schlichen meiner zitternden
-Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche
-Angst vor irgendetwas Unbekanntem.
-Was wird er schreiben? Und wann wird er schreiben?
-So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich,
-endlich kam sein Brief. Er stak in einem blauen
-Umschlag und wog schwer in meiner Hand. Ich
-konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen
-und wünschte fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen.
-Endlich aber las ich ihn, und ich las ihn lange&nbsp;...
-Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken
-ließ, da war es totenstill&nbsp;... Unwillkürlich sah ich mich
-um. Alle meine Teufel waren fort; alle Angst, alle
-Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie eine Wolke
-hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein
-Gefühl auf, dem ich noch keinen Namen geben
-konnte, das wie ein vom Traum Erwachter in mir
-herumschwankte und sich endlich mit festem Druck
-gegen meinen Hals stemmte.</p>
-
-<p>Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht
-auf die Arme, und so saß ich lange. Als es dunkel
-und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem
-Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen&nbsp;... Einmal
-in der Nacht setzte ich mich auf und entzündete
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe
-an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.</p>
-
-<p>»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht,
-wie es geworden wäre, wenn Sie aber wiederkommen,
-so weiß ich ja, wie es werden wird&nbsp;...
-Nur ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind
-kein gewöhnliches Mädchen. Sie gehören dem
-Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben&nbsp;...
-Und weil ich das begriffen hatte, schon
-als ich zum ersten Male mit Ihnen sprach, habe ich
-getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan habe;
-die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen&nbsp;...
-und ausgelacht&nbsp;...«</p>
-
-<p>Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still
-in meinem Bett&nbsp;... Das also war das Ende&nbsp;...
-Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken
-zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das
-holdeste Wunder des Lebens zu mir kam, und jeder
-Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen.
-Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das
-er mir geschenkt hatte, sich wie ein glühender Stempel
-in meine Seele preßte und empfand noch einmal alle
-Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte&nbsp;...
-Und ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans
-und an sein junges Weib&nbsp;... Ein ungleiches Ende,
-aber kein ungleicher Sieg&nbsp;... denn was war herrlicher
-für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-Weibe oder zu seinem schönsten Traume und zu seiner
-dauernden Sehnsucht macht?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte,
-begriff ich nun auch. »Ja,« sagte ich, und ich sagte
-es ganz laut in das dunkle Zimmer: »Unzufrieden,
-unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft
-befreit und morgen an eine andere gekettet, wird er
-durch das Leben taumeln&nbsp;... Ewig verlangend,
-sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden
-Ekel kosten&nbsp;...</p>
-
-<p>Aber über jede Begierde und über jeden Ekel
-da wird die eine Sehnsucht stehen, die den Trunk
-verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des
-Bechers kannte&nbsp;... nicht im Taumel, nicht im Lärm
-des Tages wird er sie empfinden, aber wenn er des
-Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht, wird
-sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele
-zittern&nbsp;...« Und nachdem ich das gesagt hatte, da
-lächelte ich, jenes Lächeln, das die Frauen lächeln,
-wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen&nbsp;...</p>
-
-<p>Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr
-früh und wanderte durch die Straßen Londons.
-Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch
-oft und oft und noch lange, lange wandern würde.
-Einmal blieb ich stehen und trat in ein kleines graues
-Gebäude. Es war eine katholische Kirche. Ich ging
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die
-lebensgroße Gestalt des Erlösers&nbsp;... Vielleicht zum
-ersten Male in meinem Leben ließ mich der Anblick
-kalt&nbsp;... Was konnte er mir nützen? Verstand er
-denn überhaupt so etwas?&nbsp;... Er war zwar Mensch
-geworden, um unsere Leiden fühlen zu können, aber
-er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur die
-Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene
-Leidenschaften und Sünden kannte er nicht. Seine
-göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche Stärke,
-göttliche Keuschheit, Göttlichkeit&nbsp;... Was wußte er
-von der Natur eines Diebes, eines Räubers, eines
-Mörders, eines Meineidigen, und trotzdem er aus
-Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden
-der Liebenden?&nbsp;...</p>
-
-<p>Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt
-hinaus. Ich schritt auf den Zehenspitzen hinaus, weil
-ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber dämmerte
-die Religion des Lebens, die älter ist, als die
-Lehre Jesus&nbsp;... und da, vor mir und neben mir,
-gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die den
-letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für
-das Unbekannte; Männer mit starken Fäusten und
-harten Blicken, denen man ansah, daß sie gekämpft
-hatten&nbsp;... Und Frauen mit Schatten und Falten,
-denen man ansah, daß sie überwunden hatten in
-ihrer Art&nbsp;... Männer und Frauen, die in der Herbe
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten
-als jener Galiläer&nbsp;... Männer und Frauen, zu denen
-auch ich gehörte&nbsp;...</p>
-
-<p>Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue
-Weisheit und eine neue Liebe&nbsp;... eine Weisheit,
-der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, der alle
-frühere Liebe diente&nbsp;... und als ich damit in meine
-Einsamkeit zurückkehrte, da redeten die Steine&nbsp;...</p>
-
-
-<p class="mt2 ce"><span class="ge">Ende.</span></p>
-
-
-<p class="mt2 ce fss"><a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-<span class="ge">Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig</span></p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt
-verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter
-die Widmung verschoben.</p>
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br />
-"un&nbsp;&nbsp;«" geändert in "uns.«"<br />
-(»der Stuhl gehört uns.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br />
-"mir" geändert in "wir"<br />
-(und so schritten wir langsam dahin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(alles was ich haben will, ist ein Kuß.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(und maß mich mit kritischen Blicken.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_058">58</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Oh,« sagte meine Mutter)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-"»" entfernt vor "muß"<br />
-(muß ich dir leider Lebewohl sagen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_073">73</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_089">89</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(daß ich mein Glück gefunden hätte.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br />
-"sein" geändert in "seine"<br />
-(warum dann das alles?&nbsp;... Warum dann seine Güte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_154">154</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_160">160</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(und ich habe eine Krone für jeden.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(wenn du aufs Land gehen könntest.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(daß ich es aufbringen kann.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_177">177</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br />
-"icht" geändert in "nicht"<br />
-(Selbstverständlich war das nicht sehr viel)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_199">199</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»vielleicht erleichtert es Ihr Herz)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br />
-"dabe" geändert in "dabei"<br />
-(Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br />
-"andres" geändert in "anderes"<br />
-(Noch etwas anderes enthielt der Brief)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_223">223</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(wie ein Lied durch seine Seele zittern&nbsp;...«)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS ***
-
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
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