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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Stromaufwärts - Aus einem Frauenleben - -Author: Angela Langer - -Release Date: June 12, 2020 [EBook #62380] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Stromaufwärts - - Aus einem Frauenleben - - - von - - Angela Langer - - - [Illustration] - - - 1913 - - S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - -Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - -Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin. - - - - - Herrn - - _Otto Brandes_ - - in dankbarer Freundschaft gewidmet. - - - - -[Illustration: Angela Langer] - - - - - Vom Volke nahm ich's, - Dem Volke geb' ich's .. - - _Angela Langer_ - - - - -Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei. -In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und -noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten -herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren -Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen -feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran. -Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste -öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit -einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine -Ungeduld kaum zügeln. - -Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen -zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, -wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte -Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren -die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade -enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie -ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine -Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. -Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder -das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu -verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl -mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den -zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem -Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir -in allen diesen Dingen, besonders im Essen. - -Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf -Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, -die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch -nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem -weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder -hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend -zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf. - -Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen -Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu -waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie -draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf -ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob -er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er -das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich -ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir -saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um -nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide -nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu -weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der -Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt -hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer -Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte. - - - - -Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer -geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine -Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes -Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war -schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns -schlafen. - -Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr -beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten -Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz -schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte -zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch -wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen -Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den -schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön. -Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer -Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit -vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich -an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters -gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später -aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder -öffneten. - -Es waren Feuerlilien. - -Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große -Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte -oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis -es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und -konnte mich nicht satt daran sehen. - -Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in -demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, -daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum -gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder -offen zu sehen, war zu groß. - -Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich -unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er -das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich -im Bett lagen. - -Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude -hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das -meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und -besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein, -um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es -unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also -für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder -und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander -unentbehrlich. - -Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich -freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen -Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte -mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am -festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben -ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich -war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl -scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse -und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu -haben, ja recht brav zu sein. - -Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz -starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir -saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer. - -Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so -vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin -zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese -Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an, -und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin -werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die -Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde. - -Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir -gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder -Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen -auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem -Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht -interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen -Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte. -Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte -- Hilda kam nur selten, -und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr -ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule, -doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen. - -Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war -mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere -wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten, -waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten -Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese -Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl -stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander. - -Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und -da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch -in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und -schalt uns immer: »dumme Dinger«. - -Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine -nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade -unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn -unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz -schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick -und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein -Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die -Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte. - -Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes. -Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer -Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns -Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur -mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts. -Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue -der Mutter Gottes anschauen zu können. - - - - -Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit -Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, -und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich -fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich -gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum -anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und -sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte -ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden -Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau -hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige -Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor. - -»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin. -Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt -haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte -bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das -Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände, -»Du kannst sie behalten.« -- Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich -nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und -mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte, -weil ich viel zu spät war. - - * * * * * - -Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die -Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür. -Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort. - - - - -Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so. -Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt -auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses -ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als -wohlhabende Leute zu gelten. - -Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung -meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich -machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer -und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume -ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«. - -Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein -Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder. -So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die -sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß -sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht -erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die -Pracht des Zimmers überwältigt hätte. - -Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige -Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner -schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen -genossen. - -In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große -Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner -Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug -einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir -setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von -meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder -sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der -Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und -feierlich: »Ja«. - -Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden -beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und -anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend, -und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des -gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war -verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung. -Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. -- Plötzlich -zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« -- Ich war -tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich -ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden, -und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, -»Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte -und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach -sie: »Das macht ja nichts.« -- Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald -wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam, -wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich -den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine -grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst -empfunden hatte, kam nie wieder. -- - -In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich -lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe -fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich -nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer -ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige, -das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber -nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit -denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab -für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger -Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen -dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts -war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen -Schülerinnen zu schwätzen. -- Oft genug wurde ich bestraft. - -Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger -Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus -dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser -war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute -wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat -und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner -Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer -fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen, -herben Eindruck. - -Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor -mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir -ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer -hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete: -»Gott hat die Welt erschaffen.« - -»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt, -aus nichts etwas hervorbringen.« -- - -»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen -sterben.« -- - -Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten -mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die -Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« -- worauf es antwortete: »Alle -Menschen müssen sterben.« -- -- -- In solchen Augenblicken war mir -immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf -die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst -sterben müsse. -- Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran -dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte -dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein -solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut -aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da -sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten -sie mich auf ihre Art zu beruhigen. -- - - - - -Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere -Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in -einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin -unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht -einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine -Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener -Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf -denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben -dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war, -daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn -durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem -Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort, -der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum, -der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine -Staude, deren Beeren endlich -- endlich erröteten, -- dann wieder eine -Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des -Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, -näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der -Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben -dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. -- - -Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters -schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis -für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen -stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für -mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht -danach mit mir herum. - -Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe -dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal -scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und -ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim -Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an -uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule -Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen -Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo -niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach -den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen -auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem -Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein -mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er -mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse -andächtig küßte. -- - -Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich -meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel -zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde -überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht -mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im -Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie -sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann -gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte -nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb -alles beim alten. - -Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren -Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein -Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle -unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur -Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen -Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner -Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief -wie jeden andern Tag. - -Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns -von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle -Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen, -doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett -und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das, -was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, -wahr werde. -- Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am -Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum. - -»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau -zurückgefahren sind.« -- Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie -glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. -- - -Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend. -Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften, -und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten -Freundinnen sehnte. -- - -Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter -»Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. -- Wir hatten auch ein -neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war; -sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie -bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute -sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr -Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand, -erwiderte sie, ich sei noch zu jung. - -»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage -erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen -heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten -würde. - -Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu -merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein -Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr -oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen -wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu -weinen nicht mehr auf. - -Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf -einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes -Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte, -und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt -auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand -sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem -Kopf und blinzelte mich schläfrig an. - -»Steh auf!« forderte ich trotzig. - -»Warum soll ich denn aufstehen?« - -»Weil ich mich setzen will.« - -»Setz' dich doch auf den Boden.« - -Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« schrie ich jetzt und -stampfte mit den Füßen, »der Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und -nach einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch gehört gar nichts, -es ist euch doch alles gepfändet worden. Ihr habt nichts als Schulden.« -Dann sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er zurückflog und -rannte davon. - -Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst gar nicht begreifen; dann -aber erinnerte ich mich an meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige -Gesicht meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Scheu -und leise wie ein Verbrecher ging ich in das Wohnzimmer zurück und -setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter saß am Tisch mit dem -jüngsten Kinde im Arme und sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr -laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, bevor ich mich setzte. - -»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie sofort. - -»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, was die Leute sagen.« - -Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für Dummheiten! Was sagen die -Leute?« - -»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine Mutter stand auf und legte -das Kind auf das Bett, dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei -ins Leere. - -»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. Ich sagte es ihr, -worauf sie tief seufzte -- sonst war es still im Zimmer. - -»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach einer Weile, »wenn wir -wieder nach Langenau zurückgingen?« Ich war starr vor Staunen und jähem -Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz und hundert andere Dinge -fielen mir plötzlich ein und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir. - -»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich so freuen.« - -In der folgenden Woche wurden unsere Möbel abermals aus den Zimmern -getragen und wieder zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, und -mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am Abend kamen wir in Langenau -an und fuhren zur neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand sah uns -kommen. -- Wir waren ein Jahr fort gewesen. - -Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir nicht; sie lag ziemlich -tief, und an den Wänden lief das Wasser herab, wodurch sich viele -dunkelbraune Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, daß die -Wohnung recht feucht und ungesund sei, und daß sie nie gedacht hätte, -daß man so herabkommen könne. Darauf entgegnete mein Vater, daß sie sich -nur gedulden möchte, er würde schon trachten, etwas Besseres zu finden, -sobald nur das Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren Gegenstand -sprachen sie noch lange, und ich hörte, daß es sich um ein neues -Geschäft handle und daß man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, um -Kunden zu bekommen. - -Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, weil sie eine gute -Strecke von dem Hause meiner früheren Freundinnen entfernt war. Dazu -befand sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar kein netter Hof -oder sonst ein Platz zum Spielen und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem -Hause noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte uns, immer recht -still zu sein, da sich sonst die andern Leute beim Hausherrn über uns -beklagen würden. - -Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze laufen, um zu sehen, -ob sich etwas verändert hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine -zu sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief mich meine Mutter -zurück. - -»Wohin willst du?« - -»Fort.« - -»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Pein. »Du -siehst, daß ich kein Mädchen habe und daß es hier aussieht wie Kraut -und Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt du die zwei Kleinen -mitnehmen.« - -»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die Tränen in die Augen -traten. »Die sind viel zu klein und können unsere Spiele nicht spielen.« - -»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun -können.« - -Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als -es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl -jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die -beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung. -Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein -jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden. -Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten -wir langsam dahin -- viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige -Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten -begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und -zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich -schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten -mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich -wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für -eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande -galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. -- Mein ganzer Zorn -kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am -liebsten geschlagen. - -Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand -ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick -herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten -Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise -kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen -die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor -Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und -gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke, -hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie -drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich -ihnen entgegen. - -»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich -fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir -langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich -zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig: - -»Wohin sollen wir gehen?« - -»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein -Vater ist eingesperrt.« - -»War,« verbesserte Hilda leise. - -Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein -kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders -gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir -die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? -- Was kümmerte -mich jetzt die ganze Welt? -- Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und -wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen -angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen -heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der -Kleine mir recht schwer wurde. -- Es war auch schon Mittagszeit, und ich -wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner -Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom -Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den -Kindern nach Hause. - -Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab; -als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem -Arm. - -»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.« - -»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter -folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische. -Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen -vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine -Gabel oder sonst etwas reichte. - -»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause. - -»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen -ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, -nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die -Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie -hätte herausschlagen mögen. - -»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und -könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu -gehen hättest.« -- Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis -jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu -gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor, -»bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.« - -»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.« - -»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten -Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich -der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie -bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie -mir, den Tisch abzuräumen. - -Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt. -Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich -einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß -ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die -dritte zurück müsse. -- Meine Mutter hat nie begreifen können, warum -ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. -- Nun war ich wenigstens -nicht mit den »beiden« zusammen. -- Der Gedanke an sie war mir -unerträglich. -- Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern -und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. -- -Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich -im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern -Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete -ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an -mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb -hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. -- In solchen -Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie -zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. -- Doch so oft ich dies -verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt -und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht -langsam, an mir vorüberging. - -Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das -Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und -einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir -wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner -Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes, -wehmütiges Glück gewesen. -- Ich knirschte mit den Zähnen, wenn -ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht -Leopoldine. -- So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem -Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als -sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und -betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater -mehr) auch einsperren lassen möge. - -Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an -ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig -daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends -hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch -prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. -- Leopoldine trug -jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter -als zuvor. - -Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches -Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so -wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war -auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete -unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister -achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und -fühlte mich heimlich recht unglücklich. - -Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es -unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und -Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es -eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche -sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich; -doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre -gegeben hätte. - -Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei -diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise. -Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch -begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle -dampfte, war mir immer zum Weinen. - - - - -Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne -dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in -solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift -zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere -Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern -zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in -das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann -wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser -stille Wunsch unerfüllbar. - -Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich -begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei -dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte. - -Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr -als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte -von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach, -erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und -daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war -recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und -meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr -und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um -mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten -mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie -zuvor. - -Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die -unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene -Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines -fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle -die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, -schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann -nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte -aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand, -daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir -nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held -meiner Träume in Langenau nicht sei. - -Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich -nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich -in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich -immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. -Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich -ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts -hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es -wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte, -daß wer immer das sagte, recht hatte. - -Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder -auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre -gegeben worden. - -Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann. -Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen, -wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine -Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete -sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach -- weil ich eben nichts -anderes tun konnte. - -Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen; -der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der -Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus -der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg -mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend -verbrachten. - -Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine -Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich -so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen -konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte -fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände -des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die -den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch -an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß -er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise -verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte, -kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber -auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz. -»Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und -entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine --- alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen -die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. -- Er -mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen -haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem -Schuppen. -- Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. -- - -Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige -Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in -keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat -seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant -gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor -der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all -die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer -Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie -verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht -höflichen Gruße ein. - -Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über -einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich -heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser. -Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen -Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte -dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar -ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und -bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt -und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung. - -»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein -junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand -gehen könnte?« -- - -Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen -langsam sinken. - -»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes, -bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in -Zimmer und Küche nützlich machen möchte.« - -Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber -sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte -- oder so etwas war es -wohl --, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich -glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über -meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte. -Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte -sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« -- und -nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter -vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?« - -Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet, -daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen -würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie -denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste -Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und -zwang mich zur Ruhe. - -Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch -öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines -Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr -Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl. - -Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber -ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,« -sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es -in der Welt zugeht« -- und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht -machst du dein Glück.« - -Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast -zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren -erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen, -sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten -würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem -Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten -könne. - -Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das -Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte -daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte -mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem -braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur. - -Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand -am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten -Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und -wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem -meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der -Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit. -Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war -sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in -die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte -ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum -Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter -ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr -liebes treues Herz zitterte und zuckte. - -»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück -- dieses Mal -mit Tränen in den Augen. - - - - -Die Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die Frau in ihrem schwarzen -Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei -Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen, -der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen. -Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder -abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu -halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die -Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den -ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er -sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete -ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen -Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male -des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst -war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen -kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch -unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste, -ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise, -mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich -ihm gehorchen mußte. -- Das Mädchen war mir die liebste. - -Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich -merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als -die meiner Eltern. - -Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn -Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete, -wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel -scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr -Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht -Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn -fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar -Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir -daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, -in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun -hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu -schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor. - -Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir -nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch -einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal, -ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich -sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen -Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken. - -»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige -Ihren Schatz ins Zimmer, heh?« - -»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.« - -Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem höhnischen Grinsen. »Ist -es also schon so weit, daß Sie die Männer satt haben? -- Es hat Sie wohl -schon einer in die Tinte gebracht?« - -Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den Rücken, und seitdem vermied -ich sie, wo und wie ich nur konnte. - -Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen ich in Berührung kam: den -Bäcker, der das Brot brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das mir -die Lider niederschlug und die Wangen färbte, den Milchmann aus demselben -Grunde und die Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner -war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine acht Kronen noch immer -nicht erhalten und schrieb daher meine Gedichte, die sich in jener Zeit -noch reichlicher als früher einfanden, auf Düten, in denen sich Dinge wie -Reis und Mehl befunden hatten und die ich immer sorgfältig aufhob. - -Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den Kindern nach Hause. Nachdem -ich den Kleinen in das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, um -die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, sah ich die Frau Direktor -an der Schublade stehen, in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die -Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener Düten in den Händen, -die ich so gut kannte. Innerlich war ich erschrocken und empört, doch der -Respekt, den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich hatte, -drängte den zornigen Ausruf in mir zurück. - -Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und Belustigung ansah, drehte sie -sich nach mir um und hielt die Düte hoch. - -»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach sie, anscheinend nicht -im geringsten gestört, daß ich sie beim Durchsuchen meiner Sachen -überrascht hatte. - -»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, »Das wäre ja nicht -der Rede wert gewesen.« Sie lächelte noch immer ein stilles, belustigtes -Lächeln. - -»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.« - -»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken. - -»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle sehr gut.« - -Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am -liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt --- so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in -ihr einen Engel. - -Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte, -betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte -mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld. - -Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte -darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht -verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe -wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten. - -Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als -er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau -heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln -abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.« -Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn -bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich -eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr. - -»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig -zu mir?« - -Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich -ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.« - -Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht -so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese -Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine -Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie -und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das -nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?« - -Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein -Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung. - -»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine -verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.« -Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die -Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen, -und eine neue Scham überfiel mich. - -»Es ist wahr,« sagte ich endlich. - -»Daß Sie also doch jemand haben?« - -»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.« - -»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein belustigt auf die Düte, -die nach Kaffee roch. - -»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, wo er ist, ...« -und mit einer plötzlichen Kühnheit: »ich weiß nur, daß er ist.« - -»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?« - -»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich zögernd, »in meinen -Gedanken.« - -»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie schickte sich an, die Küche -zu verlassen, doch auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und -rief mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, wird er Ihnen nichts -schaden.« - -Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf meinen Schrank, riß alle -Düten heraus und verbrannte sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das -letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann lehnte ich mich an die -graue Küchenwand und weinte bitterlich. - -Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, jene Träume in jener grauen -Küche! -- Keine Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche -Sehnsucht nach ihm. - -Wann würde er denn kommen? -- Wann? -- Wann? -- Wann würde er kommen, -um mich fortzunehmen, wie die Prinzen in den Märchen kamen, um eine -Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? -- Irgendwo und irgendwann -mußten wir uns doch treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist -der Weg noch lang?« - -Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine Augen glitten dann -gewöhnlich über meine Hände, die mir so dick und rot erschienen. -- -Wie -- wenn er mich aber nicht lieben würde? -- Doch schon im nächsten -Augenblick flog mir die eine oder die andere Zeile meiner Gedichte durch -den Kopf, und während mir vielleicht noch die Tränen in den Augen -standen, lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was hatten die -Hände -- diese Hände mit mir zu tun? -- Der Mann, von dem ich träumte, -war kein Mann, der ein Mädchen liebte, weil es schön war. -- Nein, er war -ein Mann, der mich lieben würde -- der weißen Gedanken wegen, der reinen -Sehnsucht wegen und um denjenigen Teil meines Herzens wegen, der beständig -dichtete und träumte. - -Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in der Waschküche, die voll -Dampf war, als die Türe aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!« -rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht geschrieben, daß du -kommen würdest?« - -»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, und als gestern wieder -nichts kam, da wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen bin.« - -»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß ihre derben -schwarzen Schuhe ganz bestaubt waren und sie selbst recht müde aussah. - -»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen Pause fügte sie zögernd -hinzu: - -»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und wir müssen unsere Kreuzer -zusammenhalten, wenn wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.« - -Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und hielt die Tränen nur mit -größter Mühe zurück. - -»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so gerne geben.« - -Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf. - -»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden selbst, -- hast du dir -schon etwas erspart?« - -Ich errötete bei dieser Frage. - -»Nein,« sagte ich langsam. - -»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter -rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« -- sie rechnete -wieder -- »das macht eine schöne Summe -- ich glaube, du bist -leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften -Vorwurf in den Augen an. - -»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und -erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer -nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen -zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich -schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen -war, der mich hierhergebracht hatte. - -Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie: -»Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen, -ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne -Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben -hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen -könntest.« - -Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich -anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles -andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr -gerne annehmen,« sagte ich. - -Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt -niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit -dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt -mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe -mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist -sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu -Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. -- Ist dir das so recht?« -Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr. - -Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die -Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte. -»Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, -- doch ich habe es ja immer gesagt, -daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe, -die neue Stelle wird Ihnen gefallen.« - -Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder -in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als -ich auszog, mein Glück zu suchen. - -Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und -versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß -das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen, -die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten. - -Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar -noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer -unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu -fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, -so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich -auch eine Pfeife. - -»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich. - -»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten -Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.« - -Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,« -sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?« - -»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?« - -»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.« - -Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die -Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand -ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von -neuem anfangen mußte. - -Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch -für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es -schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen -nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner -Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er -doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß -ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr -schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich -beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder -Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen -Geschmack. - -»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während -des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich -beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.« - -»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone, -»für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu -sagen, viel zu fein.« - -»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände -eines Prinzen hatte. - -»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen -Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.« - -»Hat man dich --?« frug ich und wagte nicht zu vollenden. - -»Ja, darum lief ich davon.« - -»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter -schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?« - -Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf, --- es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle -Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben -auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den -Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine -Lippen. - -»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich -werde euch nicht zur Last fallen -- ich gehe nach Wien,« schloß er, sich -zu mir wendend. - -»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?« - -Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich -noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu -sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne) -habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine -Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande -geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich -einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von -geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form -des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige -Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann; -doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des -Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale -von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten -strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein -ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große -Kapital, das ihm der Zufall -- meine liebe Schwester,« wandte er sich -an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange -hinaus -- in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne -Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit -den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch -mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld -hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten -verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit -mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken -sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken, -die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der -unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen. - -»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine -Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?« - -»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als -diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich -in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren -wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern), -und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist -euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas -sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute -sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß -auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die -Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir, -wozu ich mich am besten eigne.« - -Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort. - -»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider -nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische -Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen, -daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen -Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen -Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe -wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner -gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn -nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen -brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest -du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.« - -Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit -auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich -manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß -er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du -nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald -wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?« - -»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten -Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur -muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben, -eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach -zurückbezahlen werde.« - -In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar -Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie -stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt -schlafen.« - -Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte -Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu -geben. - -»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?« - -»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen -die kleinen Kinder verhungern lassen!« - -»So willst du lieber, daß ich verhungere?« - -»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas -angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.« - -»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?« - -»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe -mir seither mein Brot verdient.« - -»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht -und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.« - -Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und -stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich -mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu -können.« - -Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets -ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich -aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war, -nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich -schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp -finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. -- - -Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter -lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im -Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und -weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. -- Was mich am -meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet -ihr mich im Kamp finden.« -- Ich stellte mir vor, wie er sich in -die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner -Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit -getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging. - -»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du, -er hat schon ...?« - -»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste -Frauensperson in der Welt.« -- Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl -zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien, -da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen. - -Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das -Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein -und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute -begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber -meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen. - -Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen -in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, -sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit -einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo -bist du die Nacht über gewesen?« -- Er schien über die Frage nicht sehr -erbaut zu sein. - -»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite -tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner -Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.« - -Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin; -heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe. - -»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen -hinein, »jammert mich.« - -Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch _er_ schien nicht -so zu denken. »Warum?« fragte _ich_ und bereute die Frage im nächsten -Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig. - -»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen -bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.« - -»Ich?« - -»Ich meine wir -- doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten -nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit -so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich -habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht -nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht -zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt, -dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen -und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese -auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. -- Sobald ich also den Staub -dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien -angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich -eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen -wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in -Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. -- - -Bist du damit einverstanden?« - -Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte. - -»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile -dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir -Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen -nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu -schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich -empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man -im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. -Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit -du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe -kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren -anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der -Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit -zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir -alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln -erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.« - -»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?« - -»Ich fahre heute noch nach Wien.« - -»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand -von seinen Lippen. - -»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist. -Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch -eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen -solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem -andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung -bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so -herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. -- -Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!« - -Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf -seine schönen weißen Finger. - -»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend, -»aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?« - -Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an. - -»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens -verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen -bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz -unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns -alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung -absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig -vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien -laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist, -auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges -herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien -ankommen.« - -Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht. -Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest -meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in -die Hand. - -Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein -Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen -würde. -- Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine -widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große -Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke -war er fort. - -Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen -an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, -schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht -nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei.... - -Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich -von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da, -zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens -erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine -Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des -Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder -auszunehmen. - -Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher -als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die -Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich -hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen, -die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere -öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich. - -Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die -anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, -erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der -Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke -setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor -meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber -konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch -konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben. - -Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die -verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die -Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren. - -»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich -glaube gar, Sie haben Heimweh!« - -Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht, -daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu -lernen.« - -»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?« - -»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar -nichts kann.« - -»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie -mir bei der Arbeit helfen.« - -»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.« - -»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem -Beruf.« - -»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.« - -»Oh« ... und dann schwiegen wir lange. - -Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen -ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von -der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während -ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch, -dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte, -setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin -schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie -nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre -Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie -ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen -Sie lernen.« - -»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.« - -»Also was soll es denn sein?« - -»Ich weiß es nicht!« - -»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.« - -»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr -verwirrt und sehr verlegen. - -»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?« - -»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte -ich langsam, aber sehr entschieden. - -»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an. -»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie -gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen -wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends, -nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen -würden.« - -»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während -des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas -kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend -Stunde gibt.« - -»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine -Lehrerin?« - -Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine -Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.« - -»Aber wird das nicht zu viel kosten?« - -»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel -kosten wird.« - -»Wieviel denken Sie denn?« - -»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.« - -»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.« - -»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das -ja nicht alles.« - -»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.« - -»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte. - -Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen -wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu -berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum -bemeistern konnte. - -Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon -anfing. - -»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?« - -»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend. - -»Von dem Englischen.« - -»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich -wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.« - -»Wo?« frug sie. - -»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf. - -Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser -Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer. - -Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer -Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder: - -»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben -können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht -nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?« - -Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen -Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete -im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon -viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut -werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?« - -»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.« - -Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen -sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal -erledigt. - -Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern -ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand -ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer -schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm -aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit -einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der -Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren -alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer -Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr -einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur -Hochmut darin gesehen hätte. - -Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge -und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, -da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen -eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte -nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber -nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die -Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in -das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit -nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog -schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie -von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als -ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die -Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße -zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah, -überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt -ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die -Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr -errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer -führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In -einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick -aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß -und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen. - -Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon, -daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, -mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin. - -Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein -Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte. - -»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug -sie mich endlich, »ist dem so?« - -»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.« - -»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?« - -»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in -Stelle.« - -Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie -dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann -möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?« - -»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,« -und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen. - -Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte -mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken -hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und -Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.« - -Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, was es kosten würde, und -sie nannte nach einigem Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig -vorkam. - -Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage nach Hause kam, ich weiß -nur, daß ich den ganzen Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel -der Kanne schlug. - -Als ich der Köchin meine Unterredung mit der Lehrerin berichtete, war sie -ganz still. Nach einer Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es -schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das nicht sagen könnte, -da ich ja nie in meinem Leben Englisch gehört hätte, doch ich glaubte, es -sei nicht schwer. - -Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich arbeitete die ganze Woche freudig -um des einen Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich hatte mir -auch ein Buch über die Anfangsgründe der englischen Sprache gekauft, und -so oft ich eine Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand und lernte -daraus. - -Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über meinen Fleiß, doch -merkte ich bald, daß sie mir noch andere Dinge beizubringen wünschte als -bloß Englisch. Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr in dem Zimmer -saß, das für mich seinen Zauber nie verlor, fragte sie mich ganz -unvermittelt, warum ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein -könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich schämte mich ungemein -wegen der beiden Fragen und stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete -schon, sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes Benehmen -während der übrigen Stunde überzeugte mich vom Gegenteil. - -Als ich damals nach Hause kam, fand ich die Köchin bereits im Bett. Sie -war erstaunt, daß ich mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern -in meinem Nähkorb herumsuchte. - -»Was wollen Sie denn?« frug sie. - -»Eine Schere.« - -»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?« - -»O, nur für meine Nägel.« - -»Welche Nägel?« - -Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein -Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen. - -»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?« - -»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.« - -»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« -- - -Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin -verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an -meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen -Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch -mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung, -die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre -Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich -in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit -- -so weit noch war. - -Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich -eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte; -und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher -lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben -würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel -zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine -Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich -bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt -gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit -mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben -würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß -eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel. -Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte, -um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte. -Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne -aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, -waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu -jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ... - -Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte -man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem -Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl -bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene. - -Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl -ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt -hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob -er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir -bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen -hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte. -Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und -meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu -können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er -mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher -hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den -Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun -meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen -konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im -Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war -jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu -sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch -weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder -hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte -nicht mehr daran. - -Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich -die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den -Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir -war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die -Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über -verschiedene Dinge. - -»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« frug sie mich eines -Tages. - -»Wo sollte ich denn hingehen?« - -»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, aber ein Mädchen -wie Sie sollte ihr Glück in der Welt versuchen.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein Mädchen wie Sie ein ganz -anderes Leben führen sollte, als Sie es gegenwärtig tun.« - -»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.« - -»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch ganz gut, daß Sie so -gescheit wie hübsch sind.« - -»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines Bruders denkend, -»ich dachte immer, ich sei sehr dumm,« dann, auf meine Hände blickend, -»und sehr häßlich.« - -»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch das andere, und wenn ich Sie -wäre, würde ich in irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich -vorwärts käme.« - -»Nach Wien?« - -»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie einen plötzlichen Einfall -bekommen hätte, frug sie: »Warum gehen Sie nicht nach Budapest?« - -»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was sollte ich dort tun?« - -»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, daß Sie dreimal -soviel bezahlt bekommen als hier und kein Dienstmädchen sein werden, -sondern ein Fräulein.« - -Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es immer tat, wenn ich tief -bewegt war. »Aber,« sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für -eine solche Stelle sein?« - -»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht raten.« - -Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden und schickte sich zum Gehen -an. Sie reichte mir die Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf -Wiedersehen, und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe. Ich meine -es gut mit Ihnen.« - -Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir jedes ihrer Worte; besonders -ging der eine Satz mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal -soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich rechnete in Gedanken ... -Dreimal zehn Kronen, das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen -jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich nie -aufbrauchen könnte; doch würde ich die Hälfte davon natürlich jeden -Monat nach Hause schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine Hilfe -hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, ging immer schlechter ... -»Du gütiger Gott,« betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen im -Monat wäre uns allen geholfen.« - -Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und meine Frau hielt mir eine -sanfte Strafpredigt, die mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen -ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin meine Unterredung mit dem -Mädchen mitzuteilen; dann überlegte ich, daß es besser sein würde, -noch nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt aus der Sache etwas -würde. - -In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach meiner neuen Freundin, -doch es vergingen fast acht Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich -lief hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren freundlichen -Gruß. - -»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich. - -»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und sah erstaunt auf mein -erhitztes Gesicht. Ich zwang mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich -neben ihr nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum warten, von dem -Gegenstande zu reden, der mir so nahe lag, doch mochte ich selbst -nicht davon anfangen. Sie aber schien gar nicht mehr an unsere frühere -Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit keinem Laut, doch war sie -freundlich wie immer. Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich -die Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir ein Herz und sagte -anscheinend ganz gleichgültig: »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich -über alles, was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und daß ich sehr -gern nach Budapest gehen würde.« - -Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, und ihre nächsten Worte -bestätigten dies. »Mein liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid, -daß ich Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht Ihre sichere -gegenwärtige Lage bedrohen könnten.« - -Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit -fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben -doch gesagt ...« - -»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt, -was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht -hatte.« - -»Ihre Mutter? -- So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?« - -»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch -unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir -gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« -- sie betonte das -Wort: »sicheren« besonders -- »unzufrieden zu machen.« - -»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein -genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.« - -Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein -Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein -armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind -Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser -aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.« - -Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich -weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein -leichtsinniges Mädchen.« - -»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu -ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges -Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer -hineinfallen.« - -»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.« - -Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und -sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts -geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht -beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag -heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich -habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« -- und -rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie -davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: -Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest. - -Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich -nach Hause. -- - -... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und -stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer -einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied -von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause, -sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am -leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die -ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht -fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun -gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine -Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen -bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück -gefunden hätte. - -Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer -an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war, -blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und -Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich -die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich -fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den -Dingen, die ich mir davon anschaffen würde. - -Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte -zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche -enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er -nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an, -daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit -nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler -oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten -Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete -ja auch, -- wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie -erreichen würden. - -Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit, -die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich -faßte ich einen kühnen Entschluß -- so kühn, daß ich fast selber -darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest -mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für -einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag -meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das -würde ihn sicher sehr freuen. - -Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff -angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus -lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine -Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter -zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich -alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten -wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle -dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem -Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der -Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die -Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten -Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück. - -Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die -ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich -die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung -große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und -Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch -gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel -mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und -ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier -unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den -unsterblichen Worten: - - Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget - Und ich vor Leid verzweifle schier, - Dann greife ich nach meiner Feder - Und füll' mit Zeilen das Papier ... - -In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse, -die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit -meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich -nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich -eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen, -hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen -Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so -etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen -Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte -ihn dann sprechen. - -Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht -schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, -in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren -aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, -zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen -Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. -Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht -erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen -schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei -ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe -bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner -Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. -- Ich hatte fast meinen -Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, -- es war mein Bruder! Ohne -noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er -bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links -und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er -auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der -Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie -er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner -Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich -mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und -kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr -elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein -neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete, -daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges. -»Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die -Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend. - -»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so -unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?« - -»Warum elendes Geschäft?« - -»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir -Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise -weit unter mir stehen?« - -»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler -geworden?« - -Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben -und uns ansahen. »Ein Künstler -- das hätte ich dir wahrhaftig nicht -zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel -fallen?« - -»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft -viele Jahre.« - -»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler -werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.« - -»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner -Fähigkeiten die hervorragendste ist.« - -»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel; -ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit -geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels -vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein -großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte -studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete -der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse -jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig -ist, um Großartiges zu schreiben.« - -»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst -du nicht genau so empfinden wie andere Leute?« - -»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor, -»wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier -Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht -denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl -verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen -Arbeitstiere herabsinkt?« - -Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach, -mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren -Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die -Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam -von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien -eine Stelle anzunehmen?« - -Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte. - -»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist -du denn verrückt geworden?« - -»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es -weiter zu bringen.« - -»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine -solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.« - -»Wie meinst du das?« - -»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu -beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine -Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche -eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du -ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, -nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, -als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist -das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf -dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes -unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort -von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung -erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?« - -Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein. -»Was soll ich denn tun?« frug ich endlich. - -»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien -bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden; -vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause -bekommen.« - -»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich -nicht.« - -»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche -Heirat.« - -Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte -ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.« - -Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist -nicht zu helfen -- wann geht dein Zug?« - -»Um acht Uhr abends.« - -»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit -ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.« - -»Ein Randewau?« - -»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er -achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen -Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines -Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er -fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte -er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du -unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch -nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe -Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich -aufblickte, war er fort. - -Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein. -Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle -stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den -Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand: - - Rendezvous - Engagement - Bureau oder Comptoir - Pardon - Toilette - Banquet - Melange - Carriere - Milieu - Rouge - Noir - Manicure - -Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und -steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war, -setzte sich der Zug langsam in Bewegung.... - - - - -Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an -mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten, -ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an -jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam, -stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in -der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch -das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf -dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich -zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine -Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte. - -»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen -Wagen haben?« - -Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte -sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte -lieber gehen.« - -»Wie Sie wollen, Fräulein.« - -Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich -verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich -in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie, -in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein -Herz schlug mir zum Zerspringen. - -»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte -Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen. -Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.« - -Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein -hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich -sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu -ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte -und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind, -bin ich es auch.« - -Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche -Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden -würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte. - -»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie -gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, -hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte, -daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das -keine Ungelegenheiten bereite. - -»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den -verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid -und gab sie ihr dankend zurück. - -»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton. - -»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein. - -»Also fertig?« - -»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte, -grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die -Straße. - -Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich, -auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst -unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich -zu mir. - -»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe -ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in -keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein -lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich -ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl -fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald -herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen, -und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.« -Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich -heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe. -Endlich stiegen wir ab. - -Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte -Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett -aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und -bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich -herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch, -doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange -warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch -während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch -junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen -und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar -nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit -Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an. -»Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich -wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich -wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht -erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde -zurückkehren wollten.« - -»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.« - -Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir -die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir -noch zu, und dann ging er. - -Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer, -das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden -Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas -schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten -Tag.« - -Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich -reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in -etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab, -und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich -damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute -und dergleichen mehr. - -Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da -ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten -mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte -mich nicht mehr. - -Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die -Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich -sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im -Kinderzimmer und stopfte oder nähte. - -Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends -befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben, -was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich -hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt, -wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen -gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch -nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich -meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren -Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien -auch Damen. - -Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um -sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem -soll ich sie schicken?« - -Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich. - -»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.« - -Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu -fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch -keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir -aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und -sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches -auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich -jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang -in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu -zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine -Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide -reichte der Rest nicht. - -Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam -der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte -gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über -meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz -einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn. -Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht -weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich -an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte -seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich -rasch zurück. - -Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im -Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine -Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine -neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, -auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen -am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein. -Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er -am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen -hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit -wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das -Schweigen war mir unerträglich. - -»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?« - -»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den -Kopf noch tiefer. - -»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß -Sie etwas Zeit haben.« - -Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des -Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor. - -»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen -Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu -manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.« - -Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte -er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am -besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. -- Ich -würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen -einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja -nichts zu erwähnen brauchen.« - -Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche -gezogen und legte es auf den Tisch. - -Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut: -»Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und -da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte -sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein -drohender. - -»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie -eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.« - -Dann ging er hinaus. - -Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum -erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah, -erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über -die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne -Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die -notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor -einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun -alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich -die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein -nach Hause. - -Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die -Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen -Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch -wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben, -denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen. -Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh -erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen -dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt -hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch -kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich -selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche. - -Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit -zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, -ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich -hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der -Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag, -deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, -das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald -beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter -Stimme, aber von mir sprach man nicht. - -Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war -nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in -die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu -machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich -hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz -gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah, -daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern -gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den -Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken -erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun -nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte -ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse. - -»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die -sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?« - -»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre, -könnte ich sie um Geld bitten.« - -»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das -Geld sehr gern.« - -Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr -Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends -wieder bekommen.« - -»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen -Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.« - -Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir -vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen -andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß -ich mein Geld nach Hause gesandt hatte. - -Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und -wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der -Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn -ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und -ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr, -noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete -ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der -Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete. - -Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen. -Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein -großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung -ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß -auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige -Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir. -Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in -seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich; -dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er -hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß -eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf -und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht -so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich -mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange -bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, -kein Haß, es war ein namenloser Schmerz. - -Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich -meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur -anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte -der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften -Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich -sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld -bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine -Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße -Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und -vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war -ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber -beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz -gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin -bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. -- Vielleicht -konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es -blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß: -noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben. - -Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde -später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend -zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch -heute bin ich todmüde.« - -Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug -Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise -miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und -warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins -Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden. - -Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die -Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte -den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des -Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse -sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir -gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen -hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon -erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß -ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den -Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe? -Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie -die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten -nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.« - -Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das -Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen -Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke -auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich -fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der -Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick -stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich -jetzt zu meinem Geld?« - -»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges -Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie -mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die -Dame im Zimmer stand. - -»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die -Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei. - -»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich. -»Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem -Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ... -Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht -wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles -Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein -Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und -als ich fertig war, wollte ich hinaus. - -Die Dame aber vertrat mir den Weg. - -»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis -Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.« - -»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja -haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.« - -Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur -Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit -ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen, -und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten. - -Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen -auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit -schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.« - -Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht -mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die -ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie -mir die Tür. - -Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und -erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später -drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich -glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie -elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß -die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich -diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an. -Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich -den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben? -So fuhr ich weiter nach Langenau. - -Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder -schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken -auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich -aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch -mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo -hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit -erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine -lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte. - -»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich. - -»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große -schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch. - -Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen -Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in -Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich -sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über -mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da -ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich -jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: -»Vielleicht morgen.« - -Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich -an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem -Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht. - -Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse -meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und -die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle -suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon -wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und -bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. -Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente, -konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem -Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren. - -Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen, -als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte -sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem -ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich -fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und -öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, -wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht. -Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren -Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es -seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis -fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern -drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen -Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam -schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich, -umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog -sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue -Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock -einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte -ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; -doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die -Stelle annehmen möchte. - -Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus. - -Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die -Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem -Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und -blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den -schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten, -die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine -Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los. -Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche -in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner -früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das -ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die -Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim -Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu -gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl -dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und -ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf -verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken -und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der -Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle -starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten -Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen -- allein. - -Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch -dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig -neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur -Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich -wartete ... - - - - -Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er -schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg -leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich -empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur -eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir -war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne -eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben -angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das -mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem -abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen -Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, -und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein -Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr -zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und -über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke -gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter -erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet, -um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken -mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen -Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte -Haltung. - -»Sind Sie das neue Fräulein?« - -Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die -Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand. - -»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.« - -»Das bin ich auch.« - -»Sie sehen viel jünger aus.« - -Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide. -Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große -stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da -es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie -so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde -nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich -beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen, -führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge -machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und -prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer, -hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht. -Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf -derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner -Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das -die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und -dergleichen. - -Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und -versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten -folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie -antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich -steckten. - -»Wo seid ihr?« - -»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende -Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines -Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte -sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die -dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, -schritt ich hinein. - -In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein -vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und -die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte -mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand -mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und -setzte mich auf seine Aufforderung. - -Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen -Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des -Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer -feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen -plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet, -von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten. -Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf -nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch -oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur -halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen -Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln, -das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern -verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese. - -»Keine.« - -Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein. - -»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?« - -Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich -sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket -mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel. - -»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu -Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine -Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf. -Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der -Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer, -der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder -vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem -Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben -Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter, -sobald er mich traf. Ich bejahte es. - -»Auch die kleine Geschichte Morgan?« - -»Ja.« - -»Gefiel sie Ihnen?« - -»Ich weiß es nicht.« - -»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch -die wogenden Kornfelder geht.« - -»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.« - -»Warum das?« - -»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.« - -Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen -Hut tief über die Stirne und lächelte. -- - -Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die -Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke -fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und -er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte -Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner -Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich -stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing -ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all -den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt -hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. -- Und etwas, das die -ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete -sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage -nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht, -schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder -ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen -und mit denen ich nicht wußte, was zu tun -- Bilder, die ich schön und -seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich -vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch -nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster -Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße -Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien -erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann -zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes -Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?« -frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir -vorbei. - -»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.« - -»Warum?« - -Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe, -die im Schafspelze herumlaufen.« - -»Das verstehe ich nicht.« - -»Nicht?« - -»Nein.« - -»Ich will Sie warnen.« - -»Vor wem?« - -»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen -schenken.« - -»Wen meinen Sie?« - -»Mich.« - -Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren -Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf. - -»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.« - -Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus. - -»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm -unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den -Weg käme.« - -Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien, -und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang -nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor -mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher -durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang. -Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines -Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch -nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, -jubelte noch. -- - -»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause. - -»Ja, und ich danke Ihnen dafür.« - -»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?« - -Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort. - -»Darf ich?« frug ich noch einmal. - -»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen. - -»Und Sie werden mir zurückschreiben?« - -Er zögerte wieder und länger als zuvor. - -»Ich glaube nicht -- das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr -viel.« - -»Nur manches Mal und nie sehr viel?« - -»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.« - -»Unter welcher Bedingung?« - -»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.« - -»Warum?« - -»Weil es Ihretwegen besser ist.« - -»Warum meinetwegen?« - -Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf. - -»Sie sind feige.« - -Darauf zuckte er mit den Achseln. - -»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran -hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. -- Es ist -nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun, -was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen, -und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine -Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.« - -»Ich kümmere mich nicht um die Leute.« - -»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.« - -»Aber ich mache mir nichts daraus.« - -»Aber ich.« - -»Also doch Ihretwegen.« - -»Nein Ihretwegen.« - -Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam -mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst -schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den -ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte, -er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen -einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem -andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines -Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts -anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen -Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher, -vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid -in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine -Eltern? Arm -- bitterlich arm. - -»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.« - -»Das können Sie nicht.« - -Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn. - -»Warum kann ich das nicht?« - -»Weil Sie mich brauchen.« - -Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch -bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt -kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles, -was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich -hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als -es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene -Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten -und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und -Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach -Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. -Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein -feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit -einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und -plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem -Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen -mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los -zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die -Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter, -angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. -Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die -rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken. - -Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem -unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz, -ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all -die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte -ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und -meine Mutter gequält gelächelt hätte. -- Und plötzlich befand ich mich -wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen -hatten ... - -»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die -am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich -und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme -ausstreckte, wie mich daran zu klammern. - - - - -Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte -beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch -enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer -nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal -ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer -eigentümlichen Weise erbeben. - -Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine -Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich -höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er, -»nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen, -worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine -Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so -antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht -zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie -für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen -wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein -großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein -mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie -sie kleiden. -- Hier« -- er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche -- -»können Sie genau sehen, was ich meine.« - -Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte -aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, -doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte: - -»Den Gedichten fehlt jede Form.« - -»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine -Form haben?« - -»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.« - -Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen -wie: - -»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß -zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese -viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...« - -Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das -fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas -in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort, -das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch -einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging, -von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, -nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten. -Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig -oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher, -ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen -Sprache, denn -- und nun lächelte er wieder gütig -- Sie machen in Ihren -Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine -Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was -Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.« - -Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends -durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die -Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten -müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts -dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete -in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich -ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich -schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.« - -»Haben Sie etwas Neues gedichtet?« - -Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie -aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin -enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden -Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.« - -»Wie wissen Sie das?« - -»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt, -so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten -finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr; -doch plötzlich erwachte mein Trotz. - -»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.« - -»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen -bleiben?« - -Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu -sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders -die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das -eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug, -was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens -schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde -einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete: - - Am goldenen Rocken, - Aus Dunkel und Licht, - Ohn' Säumen und Stocken, - Horch, fühlst du es nicht? - Still sachte und leise - Nach ewiger Weise - Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht. - - Mit ruhigen Zügen - Und offenem Haar - Die Göttinnen fügen, - Nur Himmlischen klar, - Süßholder Gefühle - Liebreizende Spiele - Im menschlichen Busen uns wunderbar. - - Und wirken und weben, - O, sorget euch nicht! - Noch während wir beben, - Schon knüpfen sie Licht, - Und ziehn uns die Säume - Frohglänzender Träume - Um's tränenbefeuchtete Angesicht. - -»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes _Gedicht_, und ich gratuliere -Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit -einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder -Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu -werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich -ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten -Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen. - -Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann -mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem -Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog -- und fortfliegen -würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in -die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine -heiße Angst. -- Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern -zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle -Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche -Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete --- diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und -das Herz zum Zittern brachte -- dieses rasche, süße Aufquellen einer -unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. -- Und -dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, -das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein, -gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den -jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle -Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden. - - - - -Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein -mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast -jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine -Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er -hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das -er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war -verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst. -Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und -schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar -nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich -nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig -streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen -auflehnte. - -Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war -ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und -trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da -war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz -begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten -und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich -mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. -»Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu -grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt -hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung, -die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten -verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein -paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und -ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und -Traurigkeit. Das also war mein Freund. -- Sobald ich die Kinder zu Bette -gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat, -mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte, -zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt -herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich -dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt, -nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich, -nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, -einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit -und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich -es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«. - -»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend. -Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner -Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein -Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig -an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« -sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?« - -Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander: - -»Niemals.« - -»Aber es sind meine Briefe.« - -»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.« - -Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und -die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir -zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang -ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine -Uhr. - -»Es ist Zeit, daß Sie gehen.« - -Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich -ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt -mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. -- - -Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine, -vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht -seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in -liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes -Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht -schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der -nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon -führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso -geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung -zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen -und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren -Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und -bald kamen wir ins Plaudern. - -»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach -aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. -Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht -entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie -einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles -andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger -strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich -gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«. - -Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten -Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die -Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte -ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und -ganz leise mein Leid geklagt. -- - -Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern -mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den -Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in -einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser -Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren, -während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge -geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung -zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner -Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen -Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; -aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war, -die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund -zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig -wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und -zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich. - -»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.« - -»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern. - -»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?« - -»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese -Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich. - -»Gewiß, wann immer Sie wollen.« - -Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber -war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn -um Geld bitten? -- Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein, -und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest -entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich -den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem -Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die -ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten -Zeit. -- Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß -ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach -Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und -weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich -vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde -später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn -noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag -meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit -ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte, -erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß, -keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? -- Er war -ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte -ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen -können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, -schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude, -daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo -er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder -Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu -wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so -leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er -hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe -aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand -und sagte kein Wort. - -Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich -fragend an. - -»Sprechen Sie,« sagte er endlich. - -In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine -Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn, -daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse -mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich -ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich -befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich -mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte -das gütige Lächeln. - -»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken -hinein. - -»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend. - -»Wieviel?« drängte er. - -»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß -hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei. - -Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und -sah mich bittend an. - -»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten -wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie -brauchen ...« - -Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit -einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor. - -»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?« - -»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen -jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in -jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden -müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm, -legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ... -gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume. - -Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn -öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. -- - -Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose -Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger -und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen -Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach -wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der -Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er -noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus -seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden -noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging, -daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine -Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das -mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte, -bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer -bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte -Freundschaft war wiederhergestellt. - -Heimlich aber war ich unzufrieden. - -»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein -jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste -Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?« - -Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und -oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen -Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er -täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn -dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in -mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis -zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins -zusammenflossen und mir die Augen zusanken. -- - -Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer -konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine -halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war -das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte -heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen -lassen und endlich -- endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er -sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir -von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten -Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich -hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und -mein Herz wußte nur von einem Wunsche. -- Er braucht ja sein Betragen mir -gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß -er mich liebt. -- Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich -stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich -mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so -viel für mich?« - -Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. -- -»Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann. - -»Ist das alles?« frug ich ihn. - -»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. -- -Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz -klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die -mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual -gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in -mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase -hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß -ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.« - -Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen -gekehrt und maß kommende Jahre, -- Jahre, in denen wir uns gegenseitig -alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in -denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden -leiden würde ... - -»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen. - -»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die -Hände. -- - -Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die -kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer -halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher -genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in -denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich -jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen -seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in -denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich -die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich -mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur -vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ... - -In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich -absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach -bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm -ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte -mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und -langsam gekommen waren. -- Wohin sollte das führen? -- Ich dachte an die -tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. -- Würden wir -unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die -spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten -totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht? -Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein -Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich -aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein -Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal -unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn -sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, -verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine -Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich -alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte -die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag, -korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen -Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den -Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern -immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein -Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ... - -Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin -mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was -ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der -Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu -lernen.« - -Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung. -»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich -eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und -- noch zögernder -- -fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide, -daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, -erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter. - -»Wohin?« frug er endlich. - -Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ... -Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach -hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig -gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag -in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. -Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen, -und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische -Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen -können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von -ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von -dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen, -verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom -seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang -aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ... - -»Wohin?« frug er noch einmal. - -Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage -überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten, -lächelte ich. - -»Nach England.« - -»Warum nach England?« - -»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen -möchte.« - -»Haben Sie in London Bekannte?« - -»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das -Reisegeld.« - -Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange. - -»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« -- - -Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine -schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im -Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede -Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu -Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als -man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war -viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde -erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest -zum zweiten Male. - - - - -Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den -veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie -wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber -bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick -dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand -nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, -einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch -und hatte weder Luft noch Licht. - -Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich -nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin -für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen -würde. - -Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf -eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir -mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun -hörte ich es wieder. - -»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich. - -»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja -mit einem der Kinder schlafen.« - -»Wo sind denn die Kinder?« - -»Fort, Geld verdienen.« - -»Womit?« - -»Sie tragen Zeitungen aus.« - -»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.« - -»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.« - -Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich -nicht gesund werden.« - -»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte -mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann -können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er -einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen -Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu -dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es -wird schon vorbeigehen.« - -Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war -und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir, -doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer -Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder -und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte, -ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich. - -»Wer?« - -»Karl.« - -Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig. - -»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit -keine Stelle.« - -»Wo ist er denn?« - -»Er lebt natürlich mit uns.« - -Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die -Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.« - -Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie -ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, -auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es -anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem -Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und -hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing -wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren -ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte -ihm die Hand. - -»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er -früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr -gefallen wird.« - -»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas -Ordnung ins Haus zu bringen.« - -»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du -denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben -würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten -Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.« - -Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters -Stirne stehen. -- »Du!« rief er. - -»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit. - -Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater. -»Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein -Wort.« - -»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände -sinken und schritt rasch hinaus. - -»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in -dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem -Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in -diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre -fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen -zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und -ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit -hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so -etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich, -trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten -unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo -in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein -Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen -sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider -enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume -bis an den Himmel reichten. -- Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht -eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir -ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie -ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie -sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein -Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an -einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe, -und ich habe eine Krone für jeden.« - -»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber -hast.« - -Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht -erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner -Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre -der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund -dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich -nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich -dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein -gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich -einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so -trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein -- -der große Mensch ist ja immer allein -- meine Aufgabe vollbringen.« - -Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem -Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater -geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm -doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für -heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein -Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht. - -Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die -Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald -aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder -Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde -war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, -dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir -noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt -unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid -und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein -mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten, -leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb -und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ, -aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte, -daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und -nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben. -Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn -nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine -Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet. -Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital -geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja -antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er -zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er -ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin -gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. -- - -Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich -nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen, -nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen -halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. -- - -Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem -das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und -rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran. - -»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie -brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten -sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei -er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten -abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts -einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit -geballten Fäusten vor ihn hin. - -»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in -eine schreckliche Wut. - -»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere -verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr -allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie -sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin, -weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?« -schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit -mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,« -sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt -eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr -ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus -ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.« - -Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn, -die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut -griff und verschwand. - -Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel -als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied. - -»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue -Schürze vorband. - -»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen -Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm -diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß, -daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen -und beobachtete ihn. - -»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich -eigentlich gehen soll?« - -»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.« - -»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.« - -»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche -getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.« - -Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr -dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu -können, erfüllte mich mit Entzücken. - -»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen am Kopf, »der -Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten; -doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.« - -»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.« - -»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du -fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon -sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen -wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die -Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem -Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte -den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille -Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine, -würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum -tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen, -ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten. - -Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun -geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, -und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten -Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich -konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir -immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser -wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. -Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich -bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte -beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, -zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen -war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte. - -Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte, -zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte -ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer, -die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb -hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte -Schwäche mich wieder befiel. -- Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam, -setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen -Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein -Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn -Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße -Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich -aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß -trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit -trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur -ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere -Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht -und hätte überhaupt das alles nie begriffen. -- So litt ich weiter und -litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche -Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun -gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein -köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über -die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal -in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen -Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. -- Der -Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer, -der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens. -Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame -Ruhe. -- - -»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu -meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja -mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß -bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du -willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise, -»wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich -zuckte mit keiner Wimper. - -»Nein, ich will nach England.« - -Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer -schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder -den vorigen Ausdruck an. - -»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme -aller Hoffnungslosen. -- - -Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In -zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat -ich ihn um das Reisegeld nach England. -- Zwei Tage später kam sein Brief. -Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim -Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal -sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles -in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so -schwer errungenen Sieg. - - - - -London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer -liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu -gleicher Zeit. -- Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne -jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem -allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen -durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine -Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. -- Aber -wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines -Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des -Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in -einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde -ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim -Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da -war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen -und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube -liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden -Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert -und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision. -Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir -lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und -tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern -endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr -auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der -Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen, -so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit -Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden -Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische -Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe -bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den -Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen -der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die -alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die -Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich -mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen -also eine Stelle?« frug sie. - -»Ja.« - -»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?« - -»Ja.« - -»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim; -doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben -Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu -können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten -zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht -daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.« - -Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt -hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war -ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen -Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der -Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem -eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte -ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt -und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige -Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht -Betten. - -»Sind die hier alle besetzt?« frug ich. - -»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach -füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot -läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem -Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes -Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig -zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte. -Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse -wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal -ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen -Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich) -in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen -Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger -Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die -Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!« - -Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll -neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie -sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend -nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das -Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine -Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten -unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren -Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen -aus der Schweiz. - -»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand. - -Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem -Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei -oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir -selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie -hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht -war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen -konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an -mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden -könnte. - -»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?« - -»Das ist mir alles eins.« - -»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas -bekommen.« - -Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen -Mädchen am besten. - -Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin -ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer -Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen -Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre -Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht -werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel -zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich -lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die -Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen, -festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen -einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen, -und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit -andächtigen Gedanken ... - -Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich -merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet. - -Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis -gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern -mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester -soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel -des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den -großen Zehen seines rechten Fußes.« - -Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für -unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages -frei. - -Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die -Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um -eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem -Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an. - -»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine -Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für -Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht -vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es -kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit -die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich -will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich -bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit -er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das -versprechen?« - -Ich versprach alles. - -»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden -können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen -Familie aufgenommen werden.« - -Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als -ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und -meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf. -Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf -sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre -Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl -ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß -sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur -ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten -sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer -Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig -seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln -wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem -sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem -bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche -Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte -ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern -Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden, -ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im -geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte -ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte -ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken. - -»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie -mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten -alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich -aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie -vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.« - -»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt. - -Jetzt war das Erstaunen an der Blondine. - -»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?« - -»Natürlich.« - -Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines -der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und -wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem -Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.« - -»Aber was soll ich denn tun?« - -»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich -hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, -und sie sprachen nichts mehr zu mir. - -Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten in ihren Körben und -Koffern nach einem Paar Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem -reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr. - -Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; ich hielt mich auf der -Straße hinter den Mädchen, weil ich dachte, sie schämten sich meiner. -Die Bemerkung der einen aber, sie könne es mir schriftlich geben, daß -ich in meinem Aufzuge keine Stelle bekommen würde, verfolgte und peinigte -mich, da ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich nicht die -Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Und das wollte -ich auf keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten von der -Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich zu schreiben, sobald -ich über die Verhältnisse etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken -beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger Aufmerksamkeit, nur -einmal, als wir über eine mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und -betrachtete entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, dergleichen ich -früher nie gesehen hatte. Es waren Möwen. -- Nach vielem Herumwandern, -das mich recht müde machte und mir meine Schmerzen in den Knien in -Erinnerung brachte, hielten die Mädchen vor einem großen Hause und -drängten sich hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, war ziemlich -geräumig, und auf den Stühlen und Bänken saßen Mädchen, die -anscheinend auch Stelle suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame -und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig in großen Büchern -schrieben. Die Mädchen wurden der Reihe nach vorgerufen, und nachdem -diejenigen, die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, gegangen -waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine trat zuerst vor und setzte sich -mit sehr viel Würde auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die -Frage der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug Zeit läßt, -meine Bekannten bei mir und außerhalb des Hauses zu sehen; ferner -übernehme ich nur ein Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf -Jahre sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische machte eifrige -Notizen. Die ältere lächelte freundlich und erklärte, daß sie gerade -nichts Passendes hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit einem -Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, was sie wolle und was sie -nicht wolle. Auch ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt, -daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen war und keine etwas -bekommen hatte, verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, als ob ich -gar nicht da wäre. - -Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und begab mich nun auch zum -Schreibtisch. - -»Sie sind wohl erst angekommen?« - -»Gestern.« - -»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, weil Sie so blaß -aussehen.« - -»Ich bin immer blaß.« - -»Welches sind Ihre Ansprüche?« - -»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur recht bald irgendeine -Stelle haben.« - -»Besitzen Sie Zeugnisse?« - -Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch. -Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie -Hausarbeit scheuen?« - -»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich. -Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile -darin. - -»Würden Sie aufs Land gehen?« - -»Mit größtem Vergnügen.« - -Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch. - -»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein -Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten -im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre -vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin -da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?« - -Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich -glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten. - -»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie -warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.« - -Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren -Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde. -Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig -Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört -hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre -Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für -meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum -Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog -sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich, -und ich verneinte der Wahrheit gemäß. - -»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen -steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor -einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich -erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen -bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich -fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem -der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand -auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben -und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte -sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim. - -Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von -meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht, -es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des -Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann -in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen -Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen -war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie -erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich -erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder -die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas -könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu -gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson. - - - - -Der kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt ungefähr zwei Stunden von -London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe -ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern -Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder -brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das -mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen -Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das -schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer -Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem -weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl. -Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin -aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten. -Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen -Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und -ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum -brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den -Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen -Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es -war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich -mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit -des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als -Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam, -weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte -auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von -einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge -reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte -Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand -diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände. - -»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn -wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und -der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. -- - -Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie -die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber -kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar -beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr -oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir -gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer -Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge -Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr -wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern, -die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben -verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch -über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen, -ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu -erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und -lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal -so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein -und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder, -unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen -Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder -bürstete noch einmal so rasch wie sie ... - -So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer -glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde. -Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir. -Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde -läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet -würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf -in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das -Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit -einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang -herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die -Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen -haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren -die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ... - -Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes -gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein -ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen, -wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch -englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere -Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen -der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte, -schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit -großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend -bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte. - -Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über -das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. -Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher -Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften -einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren -Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner -Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte -und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie -klar. -- - -Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß -vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da -»Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange, -dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche -Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte -dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte. -Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach. -Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das -eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. -- - -Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die -Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald -die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag. - -»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame. - -»Gewiß nicht!« sagte ich. - -Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit -verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen -wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren -Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein -Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin -zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise -sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein -Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute -mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht -tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als -ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan -war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte -ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten, -niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So, -während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht, -und ich nannte es »Ruby«. - -Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm -vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich -nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke, -die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus, -und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel -mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften -Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer. -Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache, -die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug -ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß: - - =When I consider how my light is spent - E're half my days, in this dark world and wide - And that one talent which is death to hide - Lodg'd with me useles though my soul more bent - To serve therewith my Maker and present - My true account, least he returning chide. - Doth God exact day-labour, light deny'd - I fondly ask; but patience to prevent - That murmur soon replies: God doth not need - Either man's work or his own gifts. Who best - Bear his mild yoke, they serve him best. His State - Is Kingly. Thousands at his bidding speed - And post o'er Land and Ocean without rest; - They also serve who only stand and wait.= - -Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares -Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein -größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte -von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag, -an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen -Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte -durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich -blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht -stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach -dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle -wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron: - - =Ah! Love was never yet without - The pang, the agony, the doubt ...= - -und dann einige Zeilen weiter: - - =That Love had arrows well I knew - Alas! I find them poison'd too.= - -Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches -mir im übrigen gar nicht gefiel. - -In Keats war mein Lieblingsgedicht: - - =I had a dove und the sweet dove died - And I had thought it died of grieving: - O, what could it grieve for? its feed were tied - With a silken thread of my own hands weaving; - Sweet little red feet! why should you die? - Why should you leave me, sweet bird, why? - You lived alone in the forest-tree, - Why, pretty thing! would you not live with me?= - -Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und ich sagte es immer -leise vor mir her, wenn ich die Wäsche wusch oder den Boden scheuerte. -Überhaupt ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung, -die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. Der Gang eines Gedichtes -hat für mich etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die Süßigkeit, -die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile auf mich strömt, noch in -keiner anderen Form der Dinge gefunden. - -In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein Freund hatte mir in den -ersten Monaten meines Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben, -doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. Manchmal ließ er mich -monatelang auf die Beantwortung meiner Briefe warten, und ich dachte, -er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich dann in solchen Stunden -empfand, kann ich nimmer beschreiben; wie ich täglich und stündlich -seine Nähe fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, auf etwas -Wunderbares wartete, das ihn mir bringen sollte. In diesem Glauben ging ich -so weit, daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, weil ich meinte, -er sei da ... Doch er war es nie ... - -Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine Einladung nach Schottland -bekommen, könne mich aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,« -fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts von London gesehen haben, Sie -sich die Stadt ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie dazu -für die paar Wochen in das Heim gingen. Selbstverständlich trage ich die -Kosten hierfür.« - -»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich. - -»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes Heim, und ich bin überzeugt, -daß Sie dort gut aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden. -Die Vorbereitungen zur Abreise wurden noch am selben Tage getroffen, und am -nächsten Tage brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und empfahl mich -der besonderen Fürsorge der Vorsteherin. - -Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den acht Betten. Ich kannte keines -der Mädchen und bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu -lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, wartete meiner eine -Überraschung. Jemand rief meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber -und fragte mich, wer das sein könne; welches der Mädchen mich denn kennen -könnte. Diejenige, die mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei -Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen Sie doch!« rief sie -lebhaft. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und -glaubte schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf einmal -einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere Bettnachbarin, das Mädchen mit -den großen glänzenden Augen und dem reichen braunen Haar. Es freute mich -nun doch, daß mich hier jemand kannte und begrüßte. »Suchen Sie eine -Stelle?« frug ich einmal während des Essens. »Nein,« antwortete -sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß sie deutsche -Korrespondentin sei. - -Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, daß Sie es hier -aushalten können.« »Warum?« frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf -sie erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei. - -»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.« - -»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich an vieles gewöhnen,« -und als sie das sagte, wurde ihr Gesicht sehr traurig. - -Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das -Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in -denen das Mädchen neben mir sang. - -Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu -gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim -nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem -Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich -entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen -Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen -geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir -etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum -empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich -die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich -jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind, -um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu -können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die -hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch -ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien -befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche -empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese -Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den -steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank -lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe -zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken -zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute -dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen -Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune -Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue -Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt -- daß Gott noch an der -Schöpfung arbeitet -- daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht -sind. - -Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls -Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes -Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs -aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute -durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren -Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen -zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem -einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen -beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« -Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben -und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf -gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im -Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch -zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte -Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber -nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen. -Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie -den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte, -machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die -dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank -und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete, -daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft -wurden. -- Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter -darüberhin! -- - -Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück, -von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. -Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich -nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich -zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen -konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich -überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd -zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich -schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber. -Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes -Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde -ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin -bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich -lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser -vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann -von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum -Schluß weinte sie. - -»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach -Paris ging.« - -Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen. - -»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?« - -»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel -- zu viel.« - -Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und -einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen -Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und -ihr Lächeln ein gezwungenes war. - -An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin -sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich -das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin -ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie -wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner -Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne -sie zu vollenden. - -»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie. - -»Ja.« - -»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich bei diesen Worten -über ihre Hand. - -»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie ich noch nie einen -Menschen hatte reden hören. Dann schloß sie ihre großen, glänzenden -Augen, und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen Worte zu -hören, erzählte sie mir eine sehr traurige Geschichte. Als sie geendet, -weinten wir beide. - -»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« frug ich endlich. - -»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos. - -»Und lebt es?« - -»Ich weiß es nicht.« - -Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. »Wie ist das möglich, -Sie wissen nicht, ob Ihr Kind lebt oder nicht?« - -Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, und mein Mitleid quoll -empor. »Sagen Sie mir alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht -erleichtert es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir alles; wie der Mann -sich nicht mehr um sie gekümmert, wie sie neun Monate lang gehungert -hatte, um ihr Kindchen bei sich haben zu können, -- wie sie endlich krank -wurde und das Kind fortgab, um es vor dem Hungertode zu schützen. Während -der Erzählung flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und -ich streichelte ihre Hände. - -»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise. - -Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris -ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder -einen Namen nennen zu müssen.« - -»Und dorthin --?« - -Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett. - -»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein -- Nun können Sie ja das Kind nie -mehr finden.« - -Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen. -Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das -Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.« - -Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir -hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen -wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben -mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich -beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich -nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf -meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich -fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines -Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen, -glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar -meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und -an dem Reifen hing eine Nummer.... - - - - -Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich -die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft -an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe -zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer -wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld -zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das -nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn -erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit -hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu -Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr -zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie -wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben -hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück -zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches -Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über -die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser -Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir -nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten -Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen -erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des -Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich. - -Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu -suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte -mich von keinem Penny trennen. - -Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen -Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und -dergleichen. - -Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer -Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so -schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie -wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich -so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern, -und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben -und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den -Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich -dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag -für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie -entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und -Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das -immer sagte: - -»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts. - -Ein Monat verging nach dem andern, und ich fühlte mich oft körperlich -recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich -verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller -Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der -Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er -heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ... - -Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in -denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit -spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich -fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort -von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu -lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? -- -Gewollt? -- Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen -dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort -wolltest, warum bist du denn gegangen?« -- Und ganz urplötzlich wußte -ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine -neue Qual. -- So im Hader mit mir selbst verging die Zeit. - -Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem -ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen -Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich -waren. -- Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen -und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort -waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die -sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich -wiederkommen?« -- Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen -die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so -wunderbar, -- und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und -als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es, -und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte -die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein -eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach -und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu -haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff -mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer -nicht übergeben wollte. - -In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen -Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine -Gestalt überragte die größten unter ihnen. - -»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige -Lächeln und den besorgten Blick. -- »Ja, ich glaube,« sagte ich. -- Und -dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche -die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so -sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. -- - -Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem -persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken -hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und -ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder -Schmerz nicht ganz verbergen konnte. - -Aber von diesen Zeilen lebten wir -- ich wenigstens. -- An diesen Zeilen -hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und -alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur -Pflicht zu überreden. - -Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem -Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, -und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem -Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich -des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein -Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer -so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch -irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die -Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch -eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu -wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich -dachte. - -Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland -in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen. -Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir, -daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen -ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem -Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei -bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im -ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem -Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen -würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte. - -So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen -Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer -zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich -stieg die Treppe schluchzend hinab. - -In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich -auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun -wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht -tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem -ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die -Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen -Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit -in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so -dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. -- Was für eine -Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen, -die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz -gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich -machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu -können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »=under nurse= sein?« Ich -hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen -Begriff machen. - -»Was ist das?« - -»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich -genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die =head nurse= eine -Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.« - -Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab. - -»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst -hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut, -gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir -die Adresse und ich machte mich auf den Weg. - -Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich -an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein -nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann, -im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen -Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr -lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich. -Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse, -ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die -=nurse= gesehen hätte. Da aber die =nurse= mit den Kindern ausgegangen -sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß -mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der -=nurse= gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen. -Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben -waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten. -Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die =nurse= vermutete, -versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem -Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die -schützende Weite suchten. Die =nurse= stellte den Stock wieder vorsichtig -in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu. -Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich -wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann, -was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach. -Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte -ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht. - -Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung -einer »=under nurse=« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun -bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier -Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ -mich das fühlen. - -Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das -Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten -und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle -möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen -und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch -schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich -mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und -biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow -dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht; -sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt -hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen -im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. -Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte, -wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit -machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein -Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So -oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war -sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne -Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie -am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von -dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit -keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in -der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und -wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in -der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser -Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern -und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu -erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten -und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht -haben ... - -Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das -Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war -sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu -mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so -zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem -Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was -haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß -sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für -Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen -Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen -Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und -doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem -die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend -glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug. - -»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen, -»sicher, er wird wieder gesund.« - -»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren -tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin -löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ... - -Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend -wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem -Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei -sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen -halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder.... - -Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich -eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief -war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch -etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten -Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner -Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von -Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er -Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle -mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu -widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich -ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig -für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen. - -An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und -ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines -Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen. -»Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es -ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil -ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen -fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie -daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr -ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir -hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder -einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner -=boardinghouse= zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld -schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, -um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ... -Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren -auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit -aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken -an die Zukunft ab und lernte ... - -In dem =boardinghouse= ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste -gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen. -Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den -Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode -geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick -geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein -blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in -England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm -ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte, -wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über -das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie -bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte. - -Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte -ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner -Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der -Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später -erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft -das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen, -und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine -Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte -eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte -und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann -nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune -verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft -drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie -jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie -vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei. - -Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen -gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir -dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich -hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz -unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So -hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch -länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte, -das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte. - -Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen -und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag -schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und -schüttelte sich vor Lachen. - -»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem -Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das -ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.« - -Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein -französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich. - -»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.« - -»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein. - -»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett -und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts -weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu. -Darauf lachte sie überlaut. - -»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum -erwarten.« - -»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie -noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das -nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich -wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe. - -Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am -nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet -hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende -Londons ein anderes Zimmer. - -Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem -Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, -es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu -benutzen. - -Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den -grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später -unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber -nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke -stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte. -Ich befand mich wie unter einem Zauber -- wie unter der persönlichen -Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten -- und -längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von -einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und -sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum. -Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich -plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir -ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil -ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann -rasch und trat hinaus. -- Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine -andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen, -wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein -ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen -sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich -inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes -Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es -standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche -selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz -der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der -Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in -ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und -dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später -die Westminster-Abtei besuchte -- und ich tat das sehr oft --, brachte ich -erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von -dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen -berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen -herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte -ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt -hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten. -Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte, -weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich -oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch. - -Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden Beschaulichkeit -abgesehen, war jeder Tag ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe -fehlen, die englische Sprache gründlich zu erlernen und dichtete seit -einiger Zeit auch schon englische Gedichte, die, wenn sie mir auch -die Dankbarkeit der Engländer nie erringen werden, mir große Freude -bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber seine Anerkennung aus -und fragte mich nun öfters, was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte, -ob ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. Auf diese Fragen -antwortete ich aber nie, und als endlich die Zeit kam, in der ich darauf -antworten mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus überfiel, -als er seinen Meister verleugnete. »Denken Sie, daß ich zurückkommen -darf?« so frug ich ihn. Später trug ich den Brief zur Post, und als ich -zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine alten Teufel. »Ist etwas, -das gut ist, nicht fraglos, nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?« -In allen Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und neben diesem -Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag der Nacht. Die Tage schlichen -meiner zitternden Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche Angst -vor irgendetwas Unbekanntem. Was wird er schreiben? Und wann wird er -schreiben? So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, endlich kam -sein Brief. Er stak in einem blauen Umschlag und wog schwer in meiner Hand. -Ich konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen und wünschte -fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. Endlich aber las ich ihn, und ich -las ihn lange ... Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken -ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich um. Alle meine -Teufel waren fort; alle Angst, alle Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie -eine Wolke hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein Gefühl auf, -dem ich noch keinen Namen geben konnte, das wie ein vom Traum Erwachter -in mir herumschwankte und sich endlich mit festem Druck gegen meinen Hals -stemmte. - -Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht auf die Arme, und so saß -ich lange. Als es dunkel und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem -Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal in der Nacht setzte ich -mich auf und entzündete eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe -an das Licht und suchte darin nach einer Stelle. - -»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, wie es geworden wäre, -wenn Sie aber wiederkommen, so weiß ich ja, wie es werden wird ... Nur -ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind kein gewöhnliches Mädchen. -Sie gehören dem Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ... -Und weil ich das begriffen hatte, schon als ich zum ersten Male mit Ihnen -sprach, habe ich getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan -habe; die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... und -ausgelacht ...« - -Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still in meinem Bett ... Das -also war das Ende ... Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken -zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das holdeste Wunder des -Lebens zu mir kam, und jeder Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen. -Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das er mir geschenkt -hatte, sich wie ein glühender Stempel in meine Seele preßte und empfand -noch einmal alle Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... Und -ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans und an sein junges Weib ... -Ein ungleiches Ende, aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher -für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem Weibe oder zu seinem -schönsten Traume und zu seiner dauernden Sehnsucht macht? -- - -Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, begriff ich nun auch. -»Ja,« sagte ich, und ich sagte es ganz laut in das dunkle Zimmer: -»Unzufrieden, unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft befreit und -morgen an eine andere gekettet, wird er durch das Leben taumeln ... -Ewig verlangend, sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden Ekel -kosten ... - -Aber über jede Begierde und über jeden Ekel da wird die eine Sehnsucht -stehen, die den Trunk verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des -Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm des Tages wird er sie -empfinden, aber wenn er des Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht, -wird sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele zittern ...« -Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die -Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ... - -Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch -die Straßen Londons. Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch -oft und oft und noch lange, lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen -und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche. -Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße -Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum ersten Male in meinem Leben ließ -mich der Anblick kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er denn -überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch geworden, um unsere Leiden -fühlen zu können, aber er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur -die Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene Leidenschaften und -Sünden kannte er nicht. Seine göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche -Stärke, göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er von der -Natur eines Diebes, eines Räubers, eines Mörders, eines Meineidigen, -und trotzdem er aus Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden der -Liebenden? ... - -Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt hinaus. Ich schritt auf -den Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber -dämmerte die Religion des Lebens, die älter ist, als die Lehre Jesus ... -und da, vor mir und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die -den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte; -Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, daß sie -gekämpft hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah, -daß sie überwunden hatten in ihrer Art ... Männer und Frauen, die in -der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jener -Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte ... - -Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue -Liebe ... eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, -der alle frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine Einsamkeit -zurückkehrte, da redeten die Steine ... - - -_Ende._ - - -_Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig_ - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt -verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter -die Widmung verschoben. - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 28: - "un  «" geändert in "uns.«" - (»der Stuhl gehört uns.«) - - Seite 32: - "mir" geändert in "wir" - (und so schritten wir langsam dahin) - - Seite 42: - "«" eingefügt - (alles was ich haben will, ist ein Kuß.«) - - Seite 44: - "»" eingefügt - (»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen) - - Seite 49: - "," geändert in "." - (und maß mich mit kritischen Blicken.) - - Seite 58: - "«" eingefügt - (»Oh,« sagte meine Mutter) - - Seite 68: - "»" entfernt vor "muß" - (muß ich dir leider Lebewohl sagen) - - Seite 73: - "»" eingefügt - (»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen) - - Seite 87: - "«" eingefügt - (daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«) - - Seite 89: - "." eingefügt - (daß ich mein Glück gefunden hätte.) - - Seite 152: - "sein" geändert in "seine" - (warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte) - - Seite 154: - "«" eingefügt - (es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«) - - Seite 160: - "«" eingefügt - (und ich habe eine Krone für jeden.«) - - Seite 164: - "." eingefügt - (daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.) - - Seite 164: - "«" eingefügt - (wenn du aufs Land gehen könntest.«) - - Seite 165: - "«" eingefügt - (daß ich es aufbringen kann.«) - - Seite 177: - "." eingefügt - (und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.) - - Seite 187: - "icht" geändert in "nicht" - (Selbstverständlich war das nicht sehr viel) - - Seite 199: - "»" eingefügt - (»vielleicht erleichtert es Ihr Herz) - - Seite 201: - "dabe" geändert in "dabei" - (Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London) - - Seite 213: - "andres" geändert in "anderes" - (Noch etwas anderes enthielt der Brief) - - Seite 223: - "«" eingefügt - (wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS *** - -***** This file should be named 62380-0.txt or 62380-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/8/62380/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Stromaufwärts - Aus einem Frauenleben - -Author: Angela Langer - -Release Date: June 12, 2020 [EBook #62380] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1><span class="ge">Stromaufwärts</span></h1> - -<p class="ce lh2"><span class="ge"><b>Aus einem Frauenleben</b></span></p> - -<hr /> - -<p class="ce lh2">von<br /> - -<span class="fsl ge">Angela Langer</span></p> - -<p class="ce mt4"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p> - -<p class="ce mt2"><span class="ge">1913</span></p> - -<hr /> - -<p class="ce"><span class="fsl">S. Fischer, Verlag, Berlin</span></p> - - -<p class="pb ce mt4 lh2">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> - -Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.</p> - - -<p class="pb mt4 mb4 ce lh2">Herrn<br /> - -<span class="ge">Otto Brandes</span><br /> - -in dankbarer Freundschaft gewidmet.</p> - - -<p class="ce"><img src="images/portrait.jpg" alt="" /></p> - - -<table class="pb mt4" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Vom Volke nahm ich's,  </td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem Volke geb' ich's ..</td></tr> - <tr><td class="tdr"><span class="ge">Angela Langer</span></td></tr> -</table> - - -<p class="pb mt4 in0"><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -<b>M</b>eine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine -ganz kleine Wohnung dabei. In dem Laden -lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten -und noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. -Wenn Weihnachten herannahte, erhielt mein -Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren Auspacken -mein größtes Glück war. Oft verschob mein -Vater diesen feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld -mahnte ich ihn manchesmal daran. Wenn er -dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute -die Kiste öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich -wirklich daranmachte, mit einem Hammer und einer -Zange in den Händen um ihn herum und konnte -meine Ungeduld kaum zügeln.</p> - -<p>Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie -mein Vater das Stemmeisen zwischen die Kiste und -den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, wobei er -den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich -eine dichte Schicht fein geschnittener Papierschnitzel -und darunter wieder waren die kleinen -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder -Schokolade enthielten. Beim Auspacken fand sich -dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie ein Reiter, -dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, -der seine Fahne verloren hatte, oder eine -andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. Von -diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater -oft das eine oder das andere, aber ich bezähmte -meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu verzehren. -Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, -das wohl mit sehr viel Einbildung einen Christbaum -vorstellen konnte, hängte den zerbrochenen -Engel oder den verunglückten Reiter daran, um -dann mit vielem Bedacht ein Stück nach dem andern -herunter zu essen. Mein Bruder half mir in -allen diesen Dingen, besonders im Essen.</p> - -<p>Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich -zählte ungefähr fünf Jahre, mein Bruder vier, als -ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, die mich -ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte -sich auch nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals -kaum. Ich saß auf dem weißgescheuerten -Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein -Bruder hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, -wie man sie in unserer Gegend zum Weintraubenschneiden -benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.</p> - -<p>Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Hemdchen auf dem großen Tische, der mitten im -Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns -zu waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche -zu holen, und während sie draußen war, sagte mein -Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf -ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin -frug er mich, ob er es an meinem Beine probieren -solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er das Messer -unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick -zeigte sich ein roter Streifen, und das Blut floß -über das weiße Tuch, auf dem wir saßen. Ich glaube, -mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, -um nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, -das Messer schneide nicht, zu lachen. Sobald -ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu -weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und -erschreckt mein Bein in der Waschschüssel wusch. -Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt -hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische -herab und prügelte ihn mit einer Rute, die das -Christkind am Vorabend gebracht hatte.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>E</b>ines Tages wurden alle unsere Möbel aus der -Küche und dem Zimmer geschafft und auf einen -Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine -Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und -ging mit uns in ein anderes Haus, wo wir gleich -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war -schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser -Abendbrot und legte uns schlafen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen waren wir beide, mein -Bruder und ich, sehr beschäftigt. Wir liefen in den -Hof hinaus und fanden zu unserem größten Entzücken, -daß mitten durch diesen ein Bach floß, über -dem ein ganz schmales, zur anderen Seite führendes -Holzbrett lag. Mein Bruder machte zuerst den -Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, -doch wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich -mich an seinem kurzen Röckchen fest, als wir sehr -langsam, aber auch sehr entschieden den schmalen -Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es -sehr schön. Der Boden war zwar auch mit Steinen -gepflastert, doch standen in einer Ecke einige Blumen, -die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten -lange Stiele mit vielen Blättern, länglichen glockenartigen -Blüten, deren Farbe mich an gestoßenen -Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden -meines Vaters gesehen hatte. Das wunderbarste -aber war, und das fand ich erst später aus, daß die -Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen -wieder öffneten.</p> - -<p>Es waren Feuerlilien.</p> - -<p>Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an -in meinem Dasein eine große Rolle. Während mein -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte -oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so -lange schwimmen ließ, bis es entweder davonschwamm -oder zerriß, saß ich mitten unter den -Lilien und konnte mich nicht satt daran sehen.</p> - -<p>Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen -Partei, die in demselben Hause wohnte, und -nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, daß -mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie -wohl kaum gepflückt, denn die Freude, sie am Abend -geschlossen und am Morgen wieder offen zu sehen, -war zu groß.</p> - -<p>Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe -spielten, erschien plötzlich unser Vater und rief uns -zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er -das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir -dann schon gewöhnlich im Bett lagen.</p> - -<p>Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen -hätten. Die Freude hierüber war groß. Wir liefen -sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das meine -Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei -Respekt ein, und besonders mein Bruder machte sich -nichts daraus. Es war viel zu klein, um uns irgendwie -bei unseren Spielen nützen zu können; sicher -wäre es unmöglich gewesen, es über die Brücke zu -bringen. Der Vorfall hatte also für uns nichts zu -sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich -glaube einander unentbehrlich.</p> - -<p>Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule -zu gehen hatte. Ich freute mich sehr mit der Schultasche -wie mit dem einen geheimnisvollen Buche, -mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur -Hälfte mit einem schönen roten Papier umwunden -war. Meine Mutter nahm mich am festgesetzten -Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in -meinem Leben ging ich irgendwo hin, wo mein -Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich war -ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte -in mir ein Gefühl scheuer Ehrerbietung. -Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner -Klasse und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne -mir vorher eingeschärft zu haben, ja recht brav zu -sein.</p> - -<p>Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines -Alters vor und war ganz starr vor Staunen. Mein -Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir saß -ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.</p> - -<p>Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die -Tatsache, ein so vornehmes Mädchen wie die Tochter -eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin zu haben, -machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. -Diese Schüchternheit verlor sich aber sehr -bald. Hilda sprach mich zuerst an, und beim Nachhauseweg -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin -werden würde. Neben diesem Mädchen saß -die Tochter eines Bäckers, die Leopoldine hieß und -später ebenfalls meine Freundin wurde.</p> - -<p>Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In -der Schule verabredeten wir gewöhnlich, wo und -wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und -jeder Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal -kamen meine neuen Freundinnen auch zu mir, -dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit -großem Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube -ich, wenig oder gar nicht interessierten. Dagegen -fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen -Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, -die den Hof begrenzte. Gewöhnlich war es Leopoldine, -die mich besuchte – Hilda kam nur selten, -und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen -würdigte, erlaubten ihr ihre Eltern keine Bekanntschaft. -Ich sah sie darum fast nur in der Schule, -doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.</p> - -<p>Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf -dem Kirchenplatz. Er war mit einem Geländer umgeben -und daher ein idealer Ort für alle unsere -wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten -Kirchturm verbrachten, waren die schönsten meines -Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten Haaren -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke -läutete. Um diese Zeit sollten wir alle zu Hause -sein, und nach einigen hastigen Lebewohl stoben wir -nach verschiedenen Richtungen auseinander.</p> - -<p>Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich -mein Bruder dabei. Hier und da gesellte sich ein -anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl -auch in sein Element. Er hatte Jungens entschieden -lieber als Mädchen und schalt uns immer: »dumme -Dinger«.</p> - -<p>Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im -Ort kennen. Leopoldine nahm mich eines Tages -zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade -unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war -Färber und ich fand ihn unendlich interessant. Er -hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz -schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. -Die Frau war dick und rund und hatte ein sehr rotes -Gesicht. Im Zimmer befand sich ein Glasschrank, -der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich -meinte, die Sachen wären das schönste, was ich je -gesehen hätte.</p> - -<p>Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange -Statue der Mutter Gottes. Sie war ganz weiß -und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer -Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die -Frau des Färbers uns Brot, einen Apfel oder sonst -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur mit -meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte -ich mir aber gar nichts. Ich war so glücklich, vor dem -Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue der -Mutter Gottes anschauen zu können.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>E</b>ines Abends geschah etwas Wunderbares. Die -Frau sprach wie immer mit Leopoldine, die sich -nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, -und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien -mir schöner als je. Ich fragte mich eben heimlich, -ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich -gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier -mit dem lichtblauen Saum anhätte, als die Frau -auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm -und sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor -Vergnügen. So genau hatte ich sie noch nie gesehen, -hatte doch die Glastüre meinen verlangenden -Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen -geraubt. Die Frau hielt nun die Madonna in -ihren großen roten Händen, und die heilige Jungfrau -schien mir noch weißer als zuvor.</p> - -<p>»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« -frug mich unsere Wirtin. Ich fing an, mich furchtbar -zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt -haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie -mir wünschte. Ich nickte bejahend und sagte, »sie sei -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -die Mutter Jesus.« Und dann geschah das Unfaßbare. -»Da,« sagte sie und drückte mir die Statue -in die Hände, »Du kannst sie behalten.« – Wie ich -damals nach Hause kam, weiß ich nicht mehr, nur -eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war -und mich mein Vater mit einer jener verwünschten -Weihnachtsruten prügelte, weil ich viel zu spät war.</p> - -<hr /> - -<p>Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, -und ich glaube, die Wohnung wurde zu klein, -denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür. -Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren -sie fort.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>D</b>ie neue Wohnung war sehr schön, sie erschien -mir wenigstens damals so. Wir hatten vier Zimmer -und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich -jetzt auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen -Gehilfen ins Geschäft. Dieses ging nun besser als -früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als -wohlhabende Leute zu gelten.</p> - -<p>Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur -einige Schritte von der Wohnung meiner liebsten -Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr -glücklich machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, -und ich zeigte ihr die Zimmer und die neuen -Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Räume ausfüllen zu können. Eines der Zimmer -nannte meine Mutter den »Salon«.</p> - -<p>Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; -es stand freilich nur ein Tisch und ein Blumenkorb -darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder. -So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle -Scheu, die sich auch einstellte, als ich -meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß sie nun -dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher -auch gar nicht erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; -glaubte ich doch, daß sie die Pracht des Zimmers -überwältigt hätte.</p> - -<p>Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem -einige alte breitästige Kastanienbäume wuchsen. Er -war daher im Sommer ein ungemein schöner schattiger -Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in -vollen Zügen genossen.</p> - -<p>In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf -uns immer eine sehr große Anziehungskraft ausübte. -Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder -meiner Freundin Leopoldine war der Bräutigam, -und ich war die Braut. Ich trug einen Kranz aus -Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. -Wir setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir -zur Kirche fuhren. Von meinem Bräutigam unterstützt, -stieg ich dann aus, und eines der Kinder sprach -den Segen über uns. Wir machten alles genau, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -wie wir es in der Dorfkirche gesehen hatten, und -jedes von uns zwei sagte recht ernst und feierlich: -»Ja«.</p> - -<p>Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine -Sache und wir wurden beide »böse«. Ich mußte -etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und anscheinend -wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen -Abend, und wir standen beide vor unserem Hause. -Hilda lehnte an der Mauer des gegenüberliegenden -Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war -verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott -und Herausforderung. Einen Augenblick maßen wir -uns beide wie erbitterte Gegner. – Plötzlich zermalmten -mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar -nicht schön.« – Ich war tief unglücklich, und mit -einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich -ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es -anfing spät zu werden, und ich stürzte auf sie zu. -»Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, »Hilda sagte -eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter -lächelte und während sie mich über die Stiege hinauf -ins Zimmer nahm, sprach sie: »Das macht ja nichts.« -– Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald wieder -vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte -Zimmer kam, wunderte ich mich über seine Leere -und konnte nicht begreifen, wie ich den »Salon« je -hatte schön finden können. Meine Mutter hatte -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -zwar eine grüne Decke über den Tisch gekauft, doch -die Ehrfurcht, die ich sonst empfunden hatte, kam -nie wieder. –</p> - -<p>In die Schule ging ich schon lange nicht mehr -gern, und ich glaube, ich lernte auch nichts; meine -Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe fürchtete; -Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte -konnte ich nicht leiden, und das Rechnen -haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer -ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch -sänge. Das einzige, das ich gern tat, war, Sätze zu -bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber nur -einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf -die Tafel schrieb, mit denen wir einfache oder zusammengesetzte -Sätze zu bilden hatten. Es gab für -mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze -von beliebiger Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht -hätte; meine Mitschülerinnen dagegen waren -in dieser Stunde immer recht stumm. Während des -Unterrichts war ich meist sehr unaufmerksam und -versuchte beständig mit den anderen Schülerinnen -zu schwätzen. – Oft genug wurde ich bestraft.</p> - -<p>Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden -Freitag. Ein ganz junger Geistlicher, den wir -Katechet nannten, kam in die Schule und las uns -aus dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob -ich in dieser Stunde besser war; wohl aber daran -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute -wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen -Talar zur Türe hereintrat und sich mit ruhiger Würde -setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner Mann. -Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. -Sein Mund war immer fest geschlossen, und der -junge Geistliche machte auf mich einen stolzen, -herben Eindruck.</p> - -<p>Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das -Schulzimmer lebhaft vor mir. Keines der Kinder -war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während -wir ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern -durch den Raum: »Wer hat die Welt erschaffen?« -worauf eine feine junge Stimme antwortete: -»Gott hat die Welt erschaffen.«</p> - -<p>»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere -Stimme: »Erschaffen heißt, aus nichts etwas hervorbringen.« –</p> - -<p>»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen -müssen sterben.« –</p> - -<p>Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange -meine Gedanken und wollten mir nicht aus dem -Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte -die Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« – -worauf es antwortete: »Alle Menschen müssen -sterben.« – – – In solchen Augenblicken war mir -immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -Bette auf, horchte auf die Atemzüge meiner Geschwister -und wunderte mich, wer wohl von uns -zuerst sterben müsse. – Oft packte mich eine rasende -Angst, wenn ich daran dachte, daß auch meine Mutter -und mein Vater sterben müßten. Ich konnte dann -nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen -würde, wenn ein solcher Fall einträte, wobei ich -oft solche Qualen litt, daß ich laut aufschrie. Gewöhnlich -kam dann eines meiner Eltern an mein -Bett, und da sie annahmen, daß ich irgend etwas -Aufregendes geträumt hatte, suchten sie mich auf -ihre Art zu beruhigen. –</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>D</b>er Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. -Sobald nämlich unsere Schulferien anfingen, -nahm uns meine Mutter zu Verwandten, -die in einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die -sechsstündige Reise dahin unternahmen wir mit dem -Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht -einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus -unserer Verwandten, eine Mühle, stand. Ringsum -lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener -Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen -unterbrochen, auf denen so hohes Gras wuchs, daß -es über unsere Köpfe ging. Dicht neben dem Hause -floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal -war, daß wir hinüberspringen konnten, und dann -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -wieder so breit, daß wir ihn durchwaten mußten, um -an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor -dem Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- -und Obstgarten, ein Ort, der für uns immer ein -neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum, -der eine seiner Früchte wie neckend uns zu -Füßen warf, einmal eine Staude, deren Beeren -endlich – endlich erröteten, – dann wieder eine -Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am -äußersten Ende des Gartens stand ein Bienenstock. -Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, näherten -wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar -öfters bis zu der Rückseite der Körbe vor, um durch -das Glasfenster das emsige Treiben dieser lieben, -fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. –</p> - -<p>Später, als der Kinder immer mehr wurden und -das Geschäft meines Vaters schlechter ging, hörten -diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis -für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. -Die Erinnerung an diesen stillen herrlichen Flecken -Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für mich -immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine -heimliche Sehnsucht danach mit mir herum.</p> - -<p>Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder -jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe dunkle Raum, -der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich -jedesmal scheu und still. Meine Mutter saß in einer -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -der Bänke, mein Bruder und ich aber hatten mit -den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne -beim Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten -mußte jedesmal an uns vorbei. Es war derselbe -Geistliche, der uns in der Schule Religionsunterricht -erteilte, und er gefiel mir in dem weißen Spitzentalar -noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe -die Stellen, wo niedergekniet werden mußte, nie -merken konnte, so richtete ich mich nach den andern. -Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich -meine Augen auf den Priester gerichtet und verfolgte -jede seiner Bewegungen. Mit einem Gefühl -scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er -den Wein mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß -feierlich schwang, wie er mit gefalteten Händen -aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse -andächtig küßte. –</p> - -<p>Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in -die Schule und trieb sich meist mit seinen Schulkameraden -umher. Wir waren nicht mehr so viel -zusammen wie früher, doch noch immer genug, um -zanken zu können. Er wurde überhaupt von Tag -zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte -ihn nicht mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends -nach Hause kam und ich schon im Bett lag, konnte -ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, -wie sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -könnte. Mein Vater wurde dann gewöhnlich ärgerlich -und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte -nicht auch noch die Erziehung der Kinder -übernehmen könne, und so blieb alles beim alten.</p> - -<p>Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung -in unseren Verhältnissen ein. Mein Vater -verkaufte sein Geschäft und kaufte ein Haus mit -einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder -einmal wurden alle unsere Möbel aus der Wohnung -getragen, doch dieses Mal wurden sie zur Bahn gebracht. -Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der -ganzen großen Veränderung bis zur letzten Stunde, -so daß ich keiner einzigen meiner Freundinnen Lebewohl -gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz -weglief wie jeden andern Tag.</p> - -<p>Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. -Ein Wagen brachte uns von der Bahn nach -Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns -alle Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch -einen Stock aufsetzen lassen, doch durften wir nicht -mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu -Bett und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, -nicht vergessen, da das, was man an einem fremden -Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, wahr -werde. – Ich paßte scharf auf, als meine Mutter -das sagte, und am Morgen wunderte ich mich sehr -über meinen Traum.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir -wieder nach Langenau zurückgefahren sind.« – -Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie glaube -nicht, daß so etwas eintreten könne. –</p> - -<p>Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell -und waren sehr aufregend. Meine anderen Geschwister -sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften, -und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders -nach den alten Freundinnen sehnte. –</p> - -<p>Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, -nannten meine Mutter »Hausfrau«, und ich vermute, -sie hatte das gern. – Wir hatten auch ein -neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine -sehr wichtige Person war; sie erzählte mir oft Geschichten -von Männern, und erwähnte, daß sie bald -heiraten würde. So oft sie von der kommenden -Heirat sprach, schaute sie recht froh darein. Ich dachte -bei mir, heiraten müsse etwas sehr Schönes sein und -wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand, -erwiderte sie, ich sei noch zu jung.</p> - -<p>»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu -können?« Auf diese Frage erfolgte die prompte -Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen heiraten -früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich -früh heiraten würde.</p> - -<p>Wir waren seit einigen Wochen in der neuen -Gegend, als ich anfing, zu merken, daß etwas in -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein -Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, -und meine Mutter sehr oft weinte. Dann verließ -uns mein Vater und kam erst nach vielen -Wochen wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter -aus, und meine Mutter hörte zu weinen nicht -mehr auf.</p> - -<p>Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten -und wollte mich auf einen alten Sessel -setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes -Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer -Mietsleute angehörte, und das sonst immer recht -höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt auf -sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich -setzen zu wollen, stand sie nicht auf, wie ich erwartet -hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem Kopf -und blinzelte mich schläfrig an.</p> - -<p>»Steh auf!« forderte ich trotzig.</p> - -<p>»Warum soll ich denn aufstehen?«</p> - -<p>»Weil ich mich setzen will.«</p> - -<p>»Setz' dich doch auf den Boden.«</p> - -<p>Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« -schrie ich jetzt und stampfte mit den Füßen, »der -Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und nach -einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch -gehört gar nichts, es ist euch doch alles gepfändet -worden. Ihr habt nichts als Schulden.« Dann -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er -zurückflog und rannte davon.</p> - -<p>Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst -gar nicht begreifen; dann aber erinnerte ich mich an -meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige Gesicht -meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen -von den Augen. Scheu und leise wie ein Verbrecher -ging ich in das Wohnzimmer zurück und -setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter -saß am Tisch mit dem jüngsten Kinde im Arme und -sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr -laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, -bevor ich mich setzte.</p> - -<p>»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie -sofort.</p> - -<p>»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, -was die Leute sagen.«</p> - -<p>Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für -Dummheiten! Was sagen die Leute?«</p> - -<p>»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine -Mutter stand auf und legte das Kind auf das Bett, -dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei -ins Leere.</p> - -<p>»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. -Ich sagte es ihr, worauf sie tief seufzte – -sonst war es still im Zimmer.</p> - -<p>»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -einer Weile, »wenn wir wieder nach Langenau zurückgingen?« -Ich war starr vor Staunen und jähem -Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz -und hundert andere Dinge fielen mir plötzlich ein -und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.</p> - -<p>»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich -so freuen.«</p> - -<p>In der folgenden Woche wurden unsere Möbel -abermals aus den Zimmern getragen und wieder -zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, -und mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am -Abend kamen wir in Langenau an und fuhren zur -neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand -sah uns kommen. – Wir waren ein Jahr fort gewesen.</p> - -<p>Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir -nicht; sie lag ziemlich tief, und an den Wänden lief -das Wasser herab, wodurch sich viele dunkelbraune -Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, -daß die Wohnung recht feucht und ungesund sei, -und daß sie nie gedacht hätte, daß man so herabkommen -könne. Darauf entgegnete mein Vater, -daß sie sich nur gedulden möchte, er würde schon -trachten, etwas Besseres zu finden, sobald nur das -Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren -Gegenstand sprachen sie noch lange, und ich hörte, -daß es sich um ein neues Geschäft handle und daß -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, -um Kunden zu bekommen.</p> - -<p>Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, -weil sie eine gute Strecke von dem Hause meiner -früheren Freundinnen entfernt war. Dazu befand -sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar -kein netter Hof oder sonst ein Platz zum Spielen -und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem Hause -noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte -uns, immer recht still zu sein, da sich sonst -die andern Leute beim Hausherrn über uns beklagen -würden.</p> - -<p>Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze -laufen, um zu sehen, ob sich etwas verändert -hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine zu -sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief -mich meine Mutter zurück.</p> - -<p>»Wohin willst du?«</p> - -<p>»Fort.«</p> - -<p>»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter -lag etwas wie Pein. »Du siehst, daß ich kein Mädchen -habe und daß es hier aussieht wie Kraut und -Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt -du die zwei Kleinen mitnehmen.«</p> - -<p>»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die -Tränen in die Augen traten. »Die sind viel zu -klein und können unsere Spiele nicht spielen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas -spielen, wo sie mittun können.«</p> - -<p>Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu -Hause zu bleiben. Als es jedoch elf Uhr schlug, stellte -ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl jetzt aus -der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. -Ich nahm die beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, -und verließ die Wohnung. Meine Schwester -war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, -mein jüngerer Bruder jedoch war noch ganz -klein und mußte getragen werden. Meine Schwester -hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten -wir langsam dahin – viel zu langsam für meine -Ungeduld. Einige Vorübergehende, alles Leute, die -sich zur Arbeit in ihre Weingärten begaben, sahen -mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander -und zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, -daß ihr Lachen mir galt, und ich schämte mich, weil -ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten -mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas -zu denken, doch ich wußte damals noch nicht, daß -man ein Mädchen meines Alters niemals für eine -Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für -eine große Schande galt, wenn ein unverheiratetes -Mädchen Kinder hatte. – Mein ganzer Zorn kehrte -sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich -hätte sie am liebsten geschlagen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu -meiner großen Beruhigung fand ich, daß die Klassen -noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick -herauskommen mußten. Nach einigen Minuten -vernahm ich auch den wüsten Lärm, der immer -entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. -Paarweise kamen sie heraus, und ich fühlte mein -Herz stärker klopfen. Nun kamen die Mädchen. -Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd -vor Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu -gleicher Zeit heraustreten und gemächlich daherkommen. -Mein Augenblick war da. Ich trat aus -der Ecke, hinter der ich mich verborgen hatte, hervor -und rief laut ihre Namen. Sie drehten sich -sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, -lief ich ihnen entgegen.</p> - -<p>»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie -und sahen mich an. Ich fühlte sofort, daß etwas -nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir langsam -in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu -verbergen, zwang ich mich zur Ruhe und sagte scheinbar -gleichgültig:</p> - -<p>»Wohin sollen wir gehen?«</p> - -<p>»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich -Leopoldine, »dein Vater ist eingesperrt.«</p> - -<p>»War,« verbesserte Hilda leise.</p> - -<p>Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -was sie meinten. Ein kleiner Junge, den ich früher -oft in der Gesellschaft meines Bruders gesehen hatte, -kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und -streckte mir die Zunge heraus. Doch was kümmerte -mich jetzt der Junge? – Was kümmerte mich jetzt -die ganze Welt? – Ich stand wie jemand, der betrunken -ist, und wäre noch lange so gestanden, wenn -nicht mein kleiner Bruder zu weinen angefangen -hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen -Scham, einen heftigen Schmerz in meinem Arm -zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der Kleine -mir recht schwer wurde. – Es war auch schon -Mittagszeit, und ich wußte, daß meine Mutter auf -mich warten würde. Ich rief nach meiner Schwester, -die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, -Steinchen vom Boden aufzuheben. Alle belebteren -Plätze vermeidend, lief ich mit den Kindern nach -Hause.</p> - -<p>Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die -Straße suchend auf und ab; als sie mich erspähte, -kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von -meinem Arm.</p> - -<p>»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz -erhitzt aus.«</p> - -<p>»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich -ins Haus, und meine Mutter folgte langsam mit -den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische. -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für -die Kleinen vorzubereiten, und ich half ihr dabei, -indem ich ihr einen Löffel, eine Gabel oder sonst -etwas reichte.</p> - -<p>»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal -nach einer längeren Pause.</p> - -<p>»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte -einen großen Bissen ungekaut hinunter; ich fühlte, -wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, nicht weil -ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir -die Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren -summten, daß ich sie hätte herausschlagen mögen.</p> - -<p>»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine -Mutter wieder an, »und könntest mir sehr viel zu -Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu gehen -hättest.« – Mich überfiel plötzlich eine unsinnige -Angst. Bis jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, -daß ich wieder zur Schule zu gehen hätte. -»Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, -empor, »bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«</p> - -<p>»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«</p> - -<p>»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer -lauten, unverschämten Stimme. Meine Mutter -stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich der -frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie -schlug mich nicht. Sie bog sich über eines der Kinder, -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -und mit abgewandtem Gesicht befahl sie mir, -den Tisch abzuräumen.</p> - -<p>Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg -hatte ich sehr wenig gelernt. Als meine Mutter mich -den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich -einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus -und erklärte, daß ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen -werden könnte, sondern in die dritte -zurück müsse. – Meine Mutter hat nie begreifen -können, warum ich bei dieser Nachricht so glücklich -dreinsah. – Nun war ich wenigstens nicht mit den -»beiden« zusammen. – Der Gedanke an sie war mir -unerträglich. – Ich nahm mir vor, mich ihnen in -keiner Weise zu nähern und alles zu vermeiden, -was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. -– Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die -wir im Sommer gewöhnlich im Garten zu verbringen -pflegten, sah ich schnell nach einer andern -Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, -doch manchesmal begegnete ich auch Hilda allein. -Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen -an mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie -mich noch immer lieb hatte und nur nichts sprach, -weil es ihr verboten war. – In solchen Augenblicken -hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar -vor, auf sie zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr -zu sprechen. – Doch so oft ich dies verwirklichen -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt -und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, -wie sie langsam, oft recht langsam, an mir -vorüberging.</p> - -<p>Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß -Hilda nach Krems in das Lehrerinnenheim geschickt -worden war. Ich fühlte mich danach elend und -einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl -sie nie mit mir wieder gesprochen, lebte ihr Bild in -meinen Gedanken, und von irgendeiner Ecke aus -sie heimlich beobachten zu können, war mir ein -süßes, wehmütiges Glück gewesen. – Ich knirschte -mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, daß es -Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht Leopoldine. -– So oft die letztere mich erblickte, erschien auf -ihrem Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals -gelächelt hatte, als sie mir die fürchterlichen -Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und betete -jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte -keinen Vater mehr) auch einsperren lassen möge.</p> - -<p>Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als -mich mein Weg einmal an ihrem Hause vorbeiführte, -bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig -daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach -einigen Tagen des Abends hinschlich, um zu sehen, -was man denn tue, stand das ganze Haus noch -prächtiger und schöner da, als es früher gewesen -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -war. – Leopoldine trug jetzt immer sehr hübsche -Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter als -zuvor.</p> - -<p>Ich hatte keine hübschen Kleider und meine -Eltern hatten kein hübsches Haus. Das Geschäft -ging immer schlechter, und mein Vater wurde so -wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang -nicht sprach. Es war auch wieder ein kleiner Bruder -angekommen, und meine Mutter arbeitete unaufhörlich. -Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen -Geschwister achtgab und das allerkleinste herumtrug, -doch tat ich das nicht gern und fühlte mich -heimlich recht unglücklich.</p> - -<p>Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems -geschickt, da meine Mutter es unbedingt wünschte. -Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- -und Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine -Mutter stets erwiderte, daß es eine Sünde sei, Karl -nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche -sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg -mein Vater gewöhnlich; doch weiß ich, daß er -meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre gegeben -hätte.</p> - -<p>Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und -fuhr am Montag wieder fort. Bei diesen Besuchen -behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger -Weise. Einmal sagte er, daß die Leute am -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Lande alle Trotteln seien. Dennoch begleitete ich -ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus -der Halle dampfte, war mir immer zum Weinen.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>S</b>chon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher -als je, ohne dafür eine besondere Erklärung -geben zu können. Manches Mal kamen mir in solchen -Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann -oft einen Bleistift zur Hand und schrieb sie nieder. -Es entstanden so größere und kleinere Gedichte, die -ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, -sondern zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster -Wunsch war, auch in das Lehrerinnenheim -geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda -dann wohl mit mir sprechen würde oder nicht. -Selbstverständlich war dieser stille Wunsch unerfüllbar.</p> - -<p>Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule -entlassen wurde. Ich begrüßte dieses Ereignis mit -großer Freude und war überglücklich bei dem Gedanken, -daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen -brauchte.</p> - -<p>Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich -darum meiner Mutter nicht mehr als früher. Ich -fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte -von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft -ich aber davon sprach, erklärte meine Mutter, daß -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und daß -ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu -gehen. Ich aber war recht ungeduldig und wurde -von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und -meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß -ich mich immer mehr und mehr und führte, trotz der -manches Mal recht lauten Gesellschaft um mich, ein -sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude -bereiteten mir meine Gedichte. Sie kamen immer -wieder, und ich hielt sie heimlich wie zuvor.</p> - -<p>Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn -Jahre alt, und in die unzufriedenen Gedanken und -unruhigen Wünsche begannen sich jene Träume einzuflechten, -die sich in die Gedanken und Wünsche eines -fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. -Ich wußte, daß alle die Mädchen, die mit mir zu -gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, schon mit -jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, -und ich sann nun öfters, welchen von den Burschen -ich wohl lieben könnte. Ich machte aber sehr bald -die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da -ich fand, daß sie alle mehr oder weniger roh und -anzüglich waren. Sie flößten mir nur Abscheu und -Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der -Held meiner Träume in Langenau nicht sei.</p> - -<p>Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie -mich ansprachen, gab ich nur knappe Antworten, -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -und wenn der eine oder der andere versuchte, mich -in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu -streicheln, so trat ich immer rasch zurück, und mein -Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. Gewöhnlich -sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun -solle, wenn sich ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen -wolle, da meine Eltern doch nichts hätten als -Schulden. Ich war an solche Reden schon lange -gewöhnt, es wurde auch in meiner Familie ohne -Hehl davon gesprochen, und ich wußte, daß wer -immer das sagte, recht hatte.</p> - -<p>Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen -konnte, hatte mein Bruder auch schon aus Krems -fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre -gegeben worden.</p> - -<p>Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, -als ich je sagen kann. Mein einziger Wunsch war, -Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen, -wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas -vorwerfen würde. Aber meine Mutter wollte davon -nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete -sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach – -weil ich eben nichts anderes tun konnte.</p> - -<p>Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, -Holz klein zu machen; der Holzschuppen befand sich -unten im Hause, und an den Schuppen stieß der -Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Herren aus Wien oder aus der Umgebung, um Wein -zu kaufen, und der eine oder der andere stieg mit -unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie -einige Zeit probend verbrachten.</p> - -<p>Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann -dabei über eine Geschichte; es war immer das schönste -bei dieser Beschäftigung, daß ich so ganz allein im -Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört -abrollen konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen -die Türe und hackte und dachte fleißig darauflos, -als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände -des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich -einen jener Herren, die den Weinkeller zu besuchen -pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch an: ob -mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte -mich anfangs, daß er mich überhaupt beobachtet -hatte, doch seine freimütige Art und Weise verscheuchte -bald mein Unbehagen. Noch während er -sprach und lächelte, kam er ganz in den Schuppen. -Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber auf einmal -eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke -wie zum Schutz. »Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. -Er lächelte noch freundlicher und entblößte ganz -weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, -Kleine – alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da -preßte ich mich gegen die Holzwand, biß die Lippen -aufeinander und hob die Hacke höher. – Er mußte -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit -gelesen haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen -und ging rückwärts aus dem Schuppen. – Hätte er -mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. –</p> - -<p>Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, -der schuldpflichtige Beträge für eine Lebensversicherung -einkassierte. Meine Eltern waren in keiner -Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing -jeden Monat seinen Besuch. Eines Tages erschien -statt des Burschen ein sehr elegant gekleideter Herr -und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor -der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen -Einblick in all die Versicherungsverhältnisse nehmen -möchte, da man dem Kassierer Veruntreuungen -nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie -verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und -trat mit einem recht höflichen Gruße ein.</p> - -<p>Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte -mit ihrer Schürze über einen Stuhl und forderte -ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich -heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und -bat um ein Glas Wasser. Nachdem meine Mutter -eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen -Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem -Zuge leer, streckte dann seine Beine weit von sich -und sah sich forschend in dem zwar ärmlichen, aber -reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -einfach und bescheiden ist, fühlte sich durch sein -offenbares Wohlbehagen sehr geehrt und machte -schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.</p> - -<p>»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten -Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen, das -meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand -gehen könnte?« –</p> - -<p>Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in -den Händen und ließ diesen langsam sinken.</p> - -<p>»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, -»ist ein nettes, bescheidenes Mädchen, das auf kleine -Kinder achtgeben könnte und sich in Zimmer und -Küche nützlich machen möchte.«</p> - -<p>Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade -jetzt niemand wüßte, aber sich erkundigen könnte, -wenn der Herr es wollte – oder so etwas war es -wohl –, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte -und sagte: »Ich glaube, ich könnte das tun.« -Kaum war dies heraus, so erschrak ich über meinen -Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes -und Freches getan hätte. Doch der Direktor schien -dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte sehr -freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja -herrlich!« – und nach einer kurzen Pause, während -ich beharrlich den Blick meiner Mutter vermied, frug -er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«</p> - -<p>Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Mutter um. Ich hatte erwartet, daß diese heftig -widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen -würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen -hörte: »Wenn Sie denken, daß sie Ihnen nützlich sein -wird, so könnte sie schon nächste Woche kommen.« -Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei -und zwang mich zur Ruhe.</p> - -<p>Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems -wohne und ich auch öfters nach Hause kommen -könnte. Es wurden nun noch der Tag meines -Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, -worauf der Herr Direktor sich außerordentlich -höflich von meiner Mutter und mir -empfahl.</p> - -<p>Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter -unsicher an; sie sah aber ganz ruhig aus. »Da -du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,« -sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und -selbst siehst, wie es in der Welt zugeht« – und -nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht machst -du dein Glück.«</p> - -<p>Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter -und Geschwister fast zärtlich. Ich wiegte das Kleinste -auf meinem Arm, und den Größeren erzählte ich -Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren -Betten lagen, sagte ich meiner Mutter, daß ich recht -fleißig sein und trachten würde, etwas zu ersparen. -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem -Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß -ich es aushalten könne.</p> - -<p>Die Woche verging ungemein schnell. Meine -Mutter wusch und bügelte das Wenige, was ich an -Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte -daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer -gekauft, doch sagte mein Vater, er hätte kein Geld, -und so machte ich ein Paket aus starkem braunen -Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.</p> - -<p>Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, -und ich stand am festgesetzten Tage -mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten -Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen -hatte, im Zimmer und wartete auf ihn. Er traf -denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem -meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt -hatte, von dem der Direktor unglaubliche -Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit. -Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem -Brote etwas angerührt und war sehr bewegt, was -ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief -ich in die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in -Wirklichkeit aber wischte ich mir schnell und heimlich -die Tränen aus den Augen. Endlich kam es -zum Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten -Frau, wie es meine Mutter ist, nur schlicht sein -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr -liebes treues Herz zitterte und zuckte.</p> - -<p>»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte -zurück – dieses Mal mit Tränen in den Augen.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>D</b>ie Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die -Frau in ihrem schwarzen Haar und den dunkeln -Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, -drei Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf -einen siebenjährigen Jungen, der blödsinnig war, -mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen. -Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule -zu nehmen und wieder abzuholen, ferner die Zimmer -aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu halten. -Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige -Knabe die Schule nicht besuchte, war er -beständig um mich herum und sprach den ganzen -Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. -Sehr oft riß er sich auch die Kleider vom Leibe und -lief nackt herum. Anfangs fürchtete ich mich vor -ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen -Dingen, an die man sich eben gewöhnen -mußte, harmlos war. Unzählige Male des Tages -stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. -Erst war mir das unerträglich, doch nach und -nach lernte ich seine Bewegungen kennen und -wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Noch unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber -war mir der Älteste, ein zwölfjähriger Bube, der eine -abscheuliche, hämische Art und Weise, mit mir zu -sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen -ließ, daß ich ihm gehorchen mußte. – Das Mädchen -war mir die liebste.</p> - -<p>Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner -Stelle befunden, als ich merkte, daß die Verhältnisse -des Direktors nicht viel besser waren als die -meiner Eltern.</p> - -<p>Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, -ob sie den Herrn Direktor sehen könnten. So oft -ich aber einen solchen Besuch anmeldete, wurde der -Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich -zum Teufel scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das -alles Gläubiger waren, die ihr Geld verlangten. -Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht -Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit -kaum erwarten, wo mein Lohn fällig sein würde. Als -ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar -Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. -Das erste, was ich mir daher kaufen wollte, war ein -Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, in das -ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl -ich genug zu tun hatte, hinderte mich das doch nie, -an meine Gedichte zu denken und Reime zu schlingen. -Doch einsam war ich nach wie vor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, -aber daran lag mir nichts. Eine Köchin nebenan sprach -öfter zu mir und erzählte mir auch einmal, daß sie -jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem -Korporal, ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft -ich denn Ausgang hätte. Ich sagte ihr, ich ginge -überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen -Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen -Blicken.</p> - -<p>»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt -Ihnen wohl die Gnädige Ihren Schatz ins Zimmer, -heh?«</p> - -<p>»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«</p> - -<p>Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem -höhnischen Grinsen. »Ist es also schon so weit, daß -Sie die Männer satt haben? – Es hat Sie wohl -schon einer in die Tinte gebracht?«</p> - -<p>Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den -Rücken, und seitdem vermied ich sie, wo und wie ich -nur konnte.</p> - -<p>Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen -ich in Berührung kam: den Bäcker, der das Brot -brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das -mir die Lider niederschlug und die Wangen färbte, -den Milchmann aus demselben Grunde und die -Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner -war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -acht Kronen noch immer nicht erhalten und schrieb daher -meine Gedichte, die sich in jener Zeit noch reichlicher -als früher einfanden, auf Düten, in denen sich -Dinge wie Reis und Mehl befunden hatten und die -ich immer sorgfältig aufhob.</p> - -<p>Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den -Kindern nach Hause. Nachdem ich den Kleinen in -das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, -um die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, -sah ich die Frau Direktor an der Schublade stehen, -in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die -Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener -Düten in den Händen, die ich so gut kannte. Innerlich -war ich erschrocken und empört, doch der Respekt, -den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich -hatte, drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.</p> - -<p>Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und -Belustigung ansah, drehte sie sich nach mir um und -hielt die Düte hoch.</p> - -<p>»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach -sie, anscheinend nicht im geringsten gestört, daß ich -sie beim Durchsuchen meiner Sachen überrascht hatte.</p> - -<p>»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, -»Das wäre ja nicht der Rede wert gewesen.« Sie -lächelte noch immer ein stilles, belustigtes Lächeln.</p> - -<p>»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«</p> - -<p>»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle -sehr gut.«</p> - -<p>Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite -waren fort. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet -und hätte den Saum ihres Kleides geküßt -– so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem -Tage an sah ich in ihr einen Engel.</p> - -<p>Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch -immer nicht bezahlt hatte, betrübte mich zwar, doch -maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte -mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, -hatte sie nie Geld.</p> - -<p>Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte -gezeigt. Er hatte darüber gelacht und seiner -Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht verdrehen, -weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen -sei. Es gäbe wahrhaftig mehr gute Dichter als -gute Dienstboten.</p> - -<p>Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien -zu fahren. Eines Tages, als er wieder fort war und -die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine -Frau heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, -die Teller und Schüsseln abzuwaschen. »Anna,« -sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.« -Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir -endlich meinen Lohn bezahlen. Sie setzte sich auf -einen der Küchensessel und beobachtete mich eine -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit -fortfuhr.</p> - -<p>»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind -Sie denn nicht aufrichtig zu mir?«</p> - -<p>Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war -aber rein und so sagte ich ruhig: »Ich weiß nicht, -was Sie meinen.«</p> - -<p>Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den -Boden. »Tun Sie doch nicht so, Sie haben mir einmal -gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese -Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung -hielt sie eine Papierdüte hoch, die ich erst -gestern beschrieben hatte und die ich nie und um -nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses -Gedicht, sagt das nicht ...? Wo ist er denn? und -was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«</p> - -<p>Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser -und hielt sie vor mein Gesicht. Ihr Lachen -brachte mich zur Besinnung.</p> - -<p>»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, -»ich bin doch eine verheiratete Frau, und mir dürfen -Sie es schon sagen. Also heraus damit.« Sie blickte -mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ -die Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und -häßlich sie aussahen, und eine neue Scham überfiel -mich.</p> - -<p>»Es ist wahr,« sagte ich endlich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -»Daß Sie also doch jemand haben?«</p> - -<p>»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«</p> - -<p>»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein -belustigt auf die Düte, die nach Kaffee roch.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, -wo er ist, ...« und mit einer plötzlichen Kühnheit: -»ich weiß nur, daß er ist.«</p> - -<p>»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«</p> - -<p>»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich -zögernd, »in meinen Gedanken.«</p> - -<p>»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie -schickte sich an, die Küche zu verlassen, doch auf der -Schwelle drehte sie sich noch einmal um und rief -mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, -wird er Ihnen nichts schaden.«</p> - -<p>Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf -meinen Schrank, riß alle Düten heraus und verbrannte -sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das -letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann -lehnte ich mich an die graue Küchenwand und weinte -bitterlich.</p> - -<p>Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, -jene Träume in jener grauen Küche! – Keine -Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche -Sehnsucht nach ihm.</p> - -<p>Wann würde er denn kommen? – Wann? – -Wann? – Wann würde er kommen, um mich fortzunehmen, -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -wie die Prinzen in den Märchen kamen, um -eine Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? – -Irgendwo und irgendwann mußten wir uns doch -treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist -der Weg noch lang?«</p> - -<p>Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine -Augen glitten dann gewöhnlich über meine Hände, -die mir so dick und rot erschienen. – Wie – wenn -er mich aber nicht lieben würde? – Doch schon im -nächsten Augenblick flog mir die eine oder die andere -Zeile meiner Gedichte durch den Kopf, und während -mir vielleicht noch die Tränen in den Augen standen, -lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was -hatten die Hände – diese Hände mit mir zu tun? – -Der Mann, von dem ich träumte, war kein Mann, -der ein Mädchen liebte, weil es schön war. – Nein, -er war ein Mann, der mich lieben würde – der -weißen Gedanken wegen, der reinen Sehnsucht -wegen und um denjenigen Teil meines Herzens -wegen, der beständig dichtete und träumte.</p> - -<p>Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in -der Waschküche, die voll Dampf war, als die Türe -aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!« -rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht -geschrieben, daß du kommen würdest?«</p> - -<p>»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, -und als gestern wieder nichts kam, da -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen -bin.«</p> - -<p>»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, -daß ihre derben schwarzen Schuhe ganz bestaubt -waren und sie selbst recht müde aussah.</p> - -<p>»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen -Pause fügte sie zögernd hinzu:</p> - -<p>»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und -wir müssen unsere Kreuzer zusammenhalten, wenn -wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«</p> - -<p>Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und -hielt die Tränen nur mit größter Mühe zurück.</p> - -<p>»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so -gerne geben.«</p> - -<p>Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.</p> - -<p>»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden -selbst, – hast du dir schon etwas erspart?«</p> - -<p>Ich errötete bei dieser Frage.</p> - -<p>»Nein,« sagte ich langsam.</p> - -<p>»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« -Meine Mutter rechnete an den Fingern, »und jeden -Monat 8 Kronen,« – sie rechnete wieder – »das -macht eine schöne Summe – ich glaube, du bist leichtsinnig, -Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten -mit einem sanften Vorwurf in den Augen an.</p> - -<p>»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich -neben ihr nieder und erzählte, daß ich meinen vollen -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Lohn nie bekommen hätte, sondern immer nur eine -Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem -Schuh übernähen zu lassen oder irgendein wichtiges -Kleidungsstück kaufen zu können. Ich schämte mich -sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn -gewesen war, der mich hierhergebracht hatte.</p> - -<p>Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer -langen Pause sagte sie: »Ich bin froh, daß ich gekommen -bin. Ich wollte einmal selbst sehen, ob es -dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine -recht schöne Stelle für dich gefunden; es sind drei -Kinder, auf die du acht zu geben hättest, und es ist -ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen -könntest.«</p> - -<p>Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch -immer so oft gelang, mich anzuspucken, sowie die -hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles -andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich -möchte die Stelle sehr gerne annehmen,« sagte ich.</p> - -<p>Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, -auf dem sie sich beim Eintritt niedergelassen hatte, -und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit -dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; -wenn ich jetzt mit der Frau Direktor spreche, -so bist du in zwei Wochen frei; ich habe mich wegen -der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die -Frau ist sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -so daß du noch eine Woche zu Hause sein kannst, ehe -du die Stelle antrittst. – Ist dir das so recht?« Ich -nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.</p> - -<p>Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter -schon fort, und die Frau Direktor saß beim Herdfeuer, -als ob sie auf mich gewartet hätte. »Es tut mir -leid, daß Sie fortgehen, – doch ich habe es ja immer -gesagt, daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich -zu gut sind. Ich hoffe, die neue Stelle wird Ihnen -gefallen.«</p> - -<p>Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte -ich meine Sachen wieder in starkes braunes Papier, -und das Paket schien mir kleiner als damals, als ich -auszog, mein Glück zu suchen.</p> - -<p>Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor -gab mir zehn Kronen und versprach, alles rückständige -Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß das nie geschehen -würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn -Kronen, die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.</p> - -<p>Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. -Die Wohnung war zwar noch dieselbe, doch -vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer -unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht -nach deren Verbleib zu fragen. Ich sah auch, daß -meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, so -doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem -Wandbrett bemerkte ich auch eine Pfeife.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.</p> - -<p>»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick -auf den besagten Gegenstand, »Vater sagt, eine -Pfeife käme billiger als Zigarren.«</p> - -<p>Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht -mehr. »Du weißt doch,« sagte meine Mutter, »daß -Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«</p> - -<p>»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. -Wo ist er denn?«</p> - -<p>»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«</p> - -<p>Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, -von dem ich, seit er in die Lehre geschickt wurde, nichts -mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand ich -es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und -seine Lehrzeit von neuem anfangen mußte.</p> - -<p>Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett -zu bringen und den Tisch für das Abendbrot zu -decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, -als es schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung -setzten wir uns zum Essen nieder und ich -bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während -seiner Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur -sechzehn Jahre zählte, war er doch viel größer als -mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß -ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht -war ebenfalls sehr schön, die Augen waren blau -und groß, und lange Wimpern senkten sich beschattend -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein -feiner blonder Schnurrbart, und nur die Unterlippe -wölbte sich etwas zu voll für meinen Geschmack.</p> - -<p>»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich -einmal während des Essens. »Eigentlich bist du doch -zu groß (und zu schön, hätte ich beinahe hinzugefügt), -um ein Lehrjunge zu sein.«</p> - -<p>»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas -spottendem Tone, »für einen Lehrjungen bin ich -schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu sagen, -viel zu fein.«</p> - -<p>»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, -daß er die Hände eines Prinzen hatte.</p> - -<p>»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich -seine schönen Nägel, »zu groß und zu fein, -um Ohrfeigen einzustecken.«</p> - -<p>»Hat man dich –?« frug ich und wagte nicht zu -vollenden.</p> - -<p>»Ja, darum lief ich davon.«</p> - -<p>»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« -warf meine Mutter schüchtern ein, »was wirst du -denn jetzt anfangen?«</p> - -<p>Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er -meiner Mutter zuwarf, – es war ein böser, fast -drohender Blick, der seinem Gesicht alle Schönheit -raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er -soeben auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -gleichgültig in den Holzsessel zurück, und -ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.</p> - -<p>»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich -an meine Mutter, »ich werde euch nicht zur Last -fallen – ich gehe nach Wien,« schloß er, sich zu mir -wendend.</p> - -<p>»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort -tun?«</p> - -<p>Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. -»Das weiß ich noch nicht, ein Bursche wie ich -einer bin, braucht sich darüber nicht zu sorgen, ich -habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine -Stirne) habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« -Er fing dann an, seine Zukunft zu schildern. »Es ist -ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande geboren zu -sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, -die sich einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten -Schulen, die Plätze von geschichtlicher Bedeutung, -die zahllosen Gewerbe und die feinere Form des -Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt -es keine richtige Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen -auf und tut, was man eben tun kann; doch wo ist -jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes -und des Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, -wo in jedem Beruf der Geniale von dem Genialsten -verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten -strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -würde ich sicher mein ganzes Leben lang nichts -anderes sein als ein Tagedieb, der das große Kapital, -das ihm der Zufall – meine liebe Schwester,« -wandte er sich an mich, »ich bin über die Albernheiten -von Gott und Kirche schon lange hinaus – -in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, -ohne Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum -habe ich mir vorgenommen, es mit den Besten -und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und -es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich -in ein paar Jahren nicht so viel Geld hätte, daß ich -nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen -Worten verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« -Ich saß die ganze Zeit mit andächtig gefalteten -Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken -sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede -und die neuen Gedanken, die ich zum erstenmal -hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der unbedingten -Übergabe meiner bisherigen Ideen.</p> - -<p>»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, -als er endlich eine Pause entstehen ließ. »Aber -was willst du denn eigentlich werden?«</p> - -<p>»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner -Weise besser bist als diese Leute (er wies dabei mit -dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich in -gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf -dem du geboren wurdest; du denkst wie diese Leute -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -(er zeigte wieder auf meine Eltern), und diese Leute -denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist -euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« -fuhr er in etwas sanfterem Tone fort, »was -ich werden will? Wie kann ich das schon heute -sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien -gar nicht und weiß auch nicht, welche meiner -Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die -Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum -Prüfen, und ich sage dir, wozu ich mich am -besten eigne.«</p> - -<p>Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit -und sagte lange kein Wort.</p> - -<p>»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder -fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich -das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung), -mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du -sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin -und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet; -leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach -meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis -und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen. -Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner -gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, -die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst, -damit ich mich deiner nicht zu schämen -brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -wirst, so könntest du es doch weiterbringen, -als du es bisher gebracht hast.«</p> - -<p>Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom -Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken -gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er -räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der -Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war. -Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. -»Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am -besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter -deinesgleichen verkehren könntest?«</p> - -<p>»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder -mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen, -schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich -dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur -Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir -schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen -werde.«</p> - -<p>In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag -etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter -mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig -auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und -geht jetzt schlafen.«</p> - -<p>Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein -Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes -haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze -Summe zu geben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien -ankomme?«</p> - -<p>»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann -doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern -lassen!«</p> - -<p>»So willst du lieber, daß ich verhungere?«</p> - -<p>»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt -genug, um irgend etwas angreifen zu können und -dir dein Brot zu verdienen.«</p> - -<p>»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«</p> - -<p>»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu -Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot -verdient.«</p> - -<p>»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, -»Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf -gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«</p> - -<p>Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters -Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen -Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit -ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen -zu können.«</p> - -<p>Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch -von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet -haben; er wurde ganz blaß und suchte sich -aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem -ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich -schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet -ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich -tiefer und breiter Fluß. –</p> - -<p>Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild -des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der -Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im -Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von -dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor -Aufregung am ganzen Körper. – Was mich am -meisten aufregte, waren meines Bruders letzte -Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« -– Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen -Wellen stürzte und langsam untersank. In -meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu -meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf -dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer -ging.</p> - -<p>»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, -»glaubst du, er hat schon ...?«</p> - -<p>»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die -unglücklichste Frauensperson in der Welt.« – Ich -hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen -werde, doch er kam nicht; und als er am Abend -nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je -wiederzusehen.</p> - -<p>Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es -eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp -ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir -ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte, -man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist -junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.</p> - -<p>Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge -wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so -daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, -sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse -herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei -lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist -du die Nacht über gewesen?« – Er schien über die -Frage nicht sehr erbaut zu sein.</p> - -<p>»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte -er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle -Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt -hat, auch nur indirekt zu berühren.«</p> - -<p>Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt -schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte -ich mich über seine Ruhe.</p> - -<p>»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich -in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«</p> - -<p>Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, -doch <em class="ge">er</em> schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte -<em class="ge">ich</em> und bereute die Frage im nächsten Augenblick, -denn seine Augen leuchteten zornig.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen -Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben -muß, welch' niederer Herkunft du bist.«</p> - -<p>»Ich?«</p> - -<p>»Ich meine wir – doch ich habe ja selbstverständlich -mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es -dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so -eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung -zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt, -wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er -viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht -zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den -Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen, -dein weiteres Leben selbst zu überwachen und, -wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen -sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. -– Sobald ich also den Staub dieses Dorfes -von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in -Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht -arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere -Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich -machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in -allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen -unterrichten zu lassen. –</p> - -<p>Bist du damit einverstanden?«</p> - -<p>Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.</p> - -<p>»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der -Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht -hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit -mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit -ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn -ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich -empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen -alles finden, was man im Leben braucht, um in -jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne -dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft -zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber -nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann -ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht -im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen -beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht -richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten -Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich -selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären; -und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln -erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider -Lebewohl sagen.«</p> - -<p>»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du -denn?«</p> - -<p>»Ich fahre heute noch nach Wien.«</p> - -<p>»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das -wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.</p> - -<p>»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist -Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut -als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie -einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, -nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen -Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung -bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er -auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz -heißt. Hüte dich, das anzugreifen. – Und nun Gott -befohlen, liebe Schwester!«</p> - -<p>Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, -sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.</p> - -<p>»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, -fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach -Wien fahren?«</p> - -<p>Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig -an.</p> - -<p>»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe -des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine -Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil -du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los -ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht -unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen, -so will ich für heute von deiner Erziehung absehen -und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. -Wie du richtig vermutest, habe ich -leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise -mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen. -Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden -und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis -wir in Wien ankommen.«</p> - -<p>Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, -»das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du -alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines -Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt -hatte, in die Hand.</p> - -<p>Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. -»Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn -ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen -würde. – Ferne sei das von mir.« Und während -er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte, -schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit -begangen, aber ich verzeihe dir.« Im -nächsten Augenblicke war er fort.</p> - -<p>Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich -zu schluchzen an und verwünschte meine -Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich -mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein -Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein -Held und ein Märtyrer sei....</p> - -<p>Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen -antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem: -erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; -drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen -monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht -sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen -des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn -das vorbei war, die Kinder auszunehmen.</p> - -<p>Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. -Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors, -und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin -hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören -man sich hätte schämen müssen, und ich durfte -ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr -gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere -öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte -mich ungemein glücklich.</p> - -<p>Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen -waren und mir die anfängliche Neuheit -der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, -erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit -und der Verlassenheit. Es geschah -nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte -und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben -zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr -sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das -nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir -fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende -Antwort geben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, -daran waren, die verschiedenen Kochbretter -sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin, -daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick -geschwollen waren.</p> - -<p>»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer -teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben -Heimweh!«</p> - -<p>Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: -»Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube -vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«</p> - -<p>»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was -denn?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, -daß ich gar nichts kann.«</p> - -<p>»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin -ganz zufrieden, wie Sie mir bei der Arbeit helfen.«</p> - -<p>»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch -noch Klavier.«</p> - -<p>»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber -doch nicht in Ihrem Beruf.«</p> - -<p>»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf -haben.«</p> - -<p>»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.</p> - -<p>Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, -legten die nassen Schürzen ab und banden reine vor. -Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -von der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee -zu kochen, während ich den Tisch im Eßzimmer -deckte. Als ich das Brett mit der heißen -Milch, dem heißen Kaffee und den reinen weißen -Schalen hineingetragen hatte, setzten wir uns zu -unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin -schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht -zitterte. Da sie nicht sprach, sagte auch ich nichts; -doch ich fühlte, daß sich ihre Gedanken mit mir beschäftigten. -Nachdem ihre Schale leer war, stützte -sie ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. -»Also Französisch wollen Sie lernen.«</p> - -<p>»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«</p> - -<p>»Also was soll es denn sein?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht!«</p> - -<p>»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, -was Sie wollen.«</p> - -<p>»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand -ich endlich sehr verwirrt und sehr verlegen.</p> - -<p>»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht -lieber Französisch?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch -lernen,« wiederholte ich langsam, aber sehr entschieden.</p> - -<p>»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach -einer Pause wieder an. »Die Frau darf natürlich -nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie gelernt -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -und würde es für Hochmut halten, wenn Sie -dergleichen lernen wollten. Doch ich denke, es ließe -sich einrichten, wenn Sie abends, nachdem die -Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen -würden.«</p> - -<p>»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie -daran denken, während des Tages dergleichen zu tun; -es fragt sich nur,« fügte ich etwas kleinlaut hinzu, -»ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend -Stunde gibt.«</p> - -<p>»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. -»Brauchen Sie denn eine Lehrerin?«</p> - -<p>Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. -»Natürlich, ohne eine Lehrerin werde ich es nicht -fertig bringen.«</p> - -<p>»Aber wird das nicht zu viel kosten?«</p> - -<p>»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube -nicht, daß das viel kosten wird.«</p> - -<p>»Wieviel denken Sie denn?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei -Kronen die Stunde.«</p> - -<p>»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«</p> - -<p>»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im -Monat, und ich brauch' das ja nicht alles.«</p> - -<p>»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft -denken.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, -wie ich es meinte.</p> - -<p>Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich -wünschte; so ließen wir denn dieses Mal den Gegenstand -fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu berühren, -obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht -nagte, die ich kaum bemeistern konnte.</p> - -<p>Es war einige Tage später, als die Köchin ganz -plötzlich wieder davon anfing.</p> - -<p>»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben -könnten?«</p> - -<p>»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.</p> - -<p>»Von dem Englischen.«</p> - -<p>»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch -gründlich wüßte, so könnte mir das viel Geld -einbringen.«</p> - -<p>»Wo?« frug sie.</p> - -<p>»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte -verlegen den Kopf.</p> - -<p>Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, -und sie widmete sich dieser Arbeit jetzt mit doppeltem -Eifer.</p> - -<p>Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte -und wir wieder bei unserer Schale Kaffee saßen, -begann die Köchin wieder:</p> - -<p>»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an -einem Freitag abend haben können, denn die -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr -nicht nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin -zurück sein können?«</p> - -<p>Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte -dieser guten, einfachen Person um den Hals fallen -mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete im -Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum -Gebet, »ich werde schon viel früher zurück sein, da -ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut werdend, -»wird der Hausknecht mich nicht verraten?«</p> - -<p>»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort -reden.«</p> - -<p>Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer -Lehrerin umsehen sollte, die in der Nähe wohnte, -und die Sache war für dieses Mal erledigt.</p> - -<p>Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft -ich mit den Kindern ausging, die an den Häusern angebrachten -Schilder zu lesen. Endlich fand ich, was -ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete -es auf einer schwarzen Granittafel, und die Granittafel -hing an einem sehr vornehm aussehenden -Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit -einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich -hineingegangen, und nur der Umstand, daß die -Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie -waren alt genug, um alles zu verstehen, und hätten -sicher alles haarklein ihrer Mutter erzählt, die zwar -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr einfachen -Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig -bemerkte, nur Hochmut darin gesehen hätte.</p> - -<p>Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin -sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es -möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, -da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es -nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein -machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte -nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag -gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich -nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin -machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in -den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne -Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht -möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen -und zog schon am nächsten Tage die Glocke -an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen -läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, -als ich schon war. Während ich stand und wartete, -kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich -verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu -lassen. Aber noch während ich mich nach einer -günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis, -daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in -den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, -als die Tür aufging und ein Dienstmädchen -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid, -worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein -Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien -und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel -erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick -aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin -entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie -vorgekommen.</p> - -<p>Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand -kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier -war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße -Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.</p> - -<p>Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als -sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne -bittere Vorwürfe machte.</p> - -<p>»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden -nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem -so?«</p> - -<p>»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«</p> - -<p>»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es -zu sagen, »ich bin in Stelle.«</p> - -<p>Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich -scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von -zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann -möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«</p> - -<p>»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir -die Tränen in die Augen.</p> - -<p>Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, -daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts -zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte -ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme -machen und Ihnen die Stunden zu einer -Zeit geben, wo Sie kommen können.«</p> - -<p>Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, -was es kosten würde, und sie nannte nach einigem -Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig -vorkam.</p> - -<p>Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage -nach Hause kam, ich weiß nur, daß ich den ganzen -Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel der -Kanne schlug.</p> - -<p>Als ich der Köchin meine Unterredung mit der -Lehrerin berichtete, war sie ganz still. Nach einer -Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es -schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das -nicht sagen könnte, da ich ja nie in meinem Leben Englisch -gehört hätte, doch ich glaubte, es sei nicht schwer.</p> - -<p>Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich -arbeitete die ganze Woche freudig um des einen -Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich -hatte mir auch ein Buch über die Anfangsgründe -der englischen Sprache gekauft, und so oft ich eine -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand -und lernte daraus.</p> - -<p>Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über -meinen Fleiß, doch merkte ich bald, daß sie mir noch -andere Dinge beizubringen wünschte als bloß Englisch. -Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr -in dem Zimmer saß, das für mich seinen Zauber -nie verlor, fragte sie mich ganz unvermittelt, warum -ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein -könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich -schämte mich ungemein wegen der beiden Fragen und -stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete schon, -sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes -Benehmen während der übrigen Stunde überzeugte -mich vom Gegenteil.</p> - -<p>Als ich damals nach Hause kam, fand ich die -Köchin bereits im Bett. Sie war erstaunt, daß ich -mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern in -meinem Nähkorb herumsuchte.</p> - -<p>»Was wollen Sie denn?« frug sie.</p> - -<p>»Eine Schere.«</p> - -<p>»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«</p> - -<p>»O, nur für meine Nägel.«</p> - -<p>»Welche Nägel?«</p> - -<p>Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und -während ich mich auf mein Bett setzte, fing ich an, -einen nach dem andern zu reinigen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf -gekommen?«</p> - -<p>»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«</p> - -<p>»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« –</p> - -<p>Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit -meiner Lehrerin verblieb mir während der -ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an -meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst -in irgendeiner Weise einen Fehler entdeckte, rügte -sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch mit -ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit -jener Anbetung, die junge Mädchen oft älteren -Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre Hände -die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, -als ich in der Dunkelheit herumtappte, -und der Weg zum Licht für mich so weit – so -weit noch war.</p> - -<p>Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs -Monate kannte, frug sie mich eines Tages, ob ich -außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte; -und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem -Orte, wo sie früher lebte, eine Schülerin gehabt -hätte, die ich vermutlich sehr gern haben würde. -Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in -Briefwechsel zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen -kennen zu lernen, von dem meine Lehrerin mit -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, -und ich bat um die Adresse. Ich schrieb schon den -nächsten Tag an sie und erhielt gleich eine Antwort, -in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit -mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir -uns recht oft schreiben würden. Als ich diesen Brief -der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß eine sehr -feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie -im Zweifel. Als ich aber einige Tage später beim -Lichte einer Kerze mich niedersetzte, um den Brief -zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben -sollte. Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing -ich an und schrieb, ohne aufzuhören, vier bis sechs -Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, waren -alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen -ich nie zu jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...</p> - -<p>Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort -gehört und zu Hause wußte man ebenfalls nichts -von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem -Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er -ein Schreiben von Karl bekommen hätte, worin -stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.</p> - -<p>Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum -Halse hinauf. Obwohl ich eigentlich nie recht an -das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt hatte, -so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte -mich, ob er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Schrecken erfaßte mich, als mir bewußt wurde, daß -ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen -hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch -nur dem Namen nach kannte. Wahrscheinlich bewegte -er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und -meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama -von Schiller zitieren zu können, würde für ihn furchtbar -beschämend sein. Darüber, daß er mir bis jetzt -noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. -Sicher hatte er unermüdlich gearbeitet und fand -nicht Zeit dazu. Um aber für den Fall, daß er wirklich -kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es -nun meine erste Sorge sein, mir ein Buch von -Schiller zu verschaffen. Kaufen konnte ich keines, -da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. -Im Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar -ein Bücherschrank, er war jedoch immer verschlossen; -die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu sein -und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. -Nachdem aber noch weitere fünf bis sechs Monate -vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder hörte, -vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder -und dachte nicht mehr daran.</p> - -<p>Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf -dieser Stelle, als ich die Bekanntschaft eines Mädchens -machte, das ich täglich auf den Spaziergängen -mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -zu mir war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die -Bank, und während die Kinder zwischen den Bäumen -allerlei Spiele spielten, plauderten wir über -verschiedene Dinge.</p> - -<p>»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« -frug sie mich eines Tages.</p> - -<p>»Wo sollte ich denn hingehen?«</p> - -<p>»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, -aber ein Mädchen wie Sie sollte ihr Glück -in der Welt versuchen.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?«</p> - -<p>»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein -Mädchen wie Sie ein ganz anderes Leben führen -sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«</p> - -<p>»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«</p> - -<p>»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch -ganz gut, daß Sie so gescheit wie hübsch sind.«</p> - -<p>»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines -Bruders denkend, »ich dachte immer, ich sei sehr -dumm,« dann, auf meine Hände blickend, »und sehr -häßlich.«</p> - -<p>»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch -das andere, und wenn ich Sie wäre, würde ich in -irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich -vorwärts käme.«</p> - -<p>»Nach Wien?«</p> - -<p>»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, frug sie: -»Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«</p> - -<p>»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was -sollte ich dort tun?«</p> - -<p>»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, -daß Sie dreimal soviel bezahlt bekommen -als hier und kein Dienstmädchen sein werden, sondern -ein Fräulein.«</p> - -<p>Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es -immer tat, wenn ich tief bewegt war. »Aber,« -sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für -eine solche Stelle sein?«</p> - -<p>»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht -raten.«</p> - -<p>Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden -und schickte sich zum Gehen an. Sie reichte mir die -Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf Wiedersehen, -und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt -habe. Ich meine es gut mit Ihnen.«</p> - -<p>Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir -jedes ihrer Worte; besonders ging der eine Satz -mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal -soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich -rechnete in Gedanken ... Dreimal zehn Kronen, -das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen -jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich -nie aufbrauchen könnte; doch würde ich -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -die Hälfte davon natürlich jeden Monat nach Hause -schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine -Hilfe hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, -ging immer schlechter ... »Du gütiger Gott,« -betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen -im Monat wäre uns allen geholfen.«</p> - -<p>Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und -meine Frau hielt mir eine sanfte Strafpredigt, die -mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen -ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin -meine Unterredung mit dem Mädchen mitzuteilen; -dann überlegte ich, daß es besser sein würde, noch -nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt -aus der Sache etwas würde.</p> - -<p>In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach -meiner neuen Freundin, doch es vergingen fast acht -Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich lief -hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren -freundlichen Gruß.</p> - -<p>»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.</p> - -<p>»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und -sah erstaunt auf mein erhitztes Gesicht. Ich zwang -mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich neben ihr -nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum -warten, von dem Gegenstande zu reden, der mir -so nahe lag, doch mochte ich selbst nicht davon anfangen. -Sie aber schien gar nicht mehr an unsere -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -frühere Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit -keinem Laut, doch war sie freundlich wie immer. -Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich die -Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir -ein Herz und sagte anscheinend ganz gleichgültig: -»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich über alles, -was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und -daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«</p> - -<p>Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, -und ihre nächsten Worte bestätigten dies. »Mein -liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid, daß ich -Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht -Ihre sichere gegenwärtige Lage bedrohen -könnten.«</p> - -<p>Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem -Herzen schwand, und mit fast weinerlicher Stimme -sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben -doch gesagt ...«</p> - -<p>»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes -gesagt, was ich jetzt bereue, weil ich sehe, -daß meine Mutter vollkommen recht hatte.«</p> - -<p>»Ihre Mutter? – So haben Sie Ihrer Mutter -davon gesprochen?«</p> - -<p>»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen -erzählt und berichtete ihr auch unser letztes Gespräch, -worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von -mir gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Lage« – sie betonte das Wort: »sicheren« besonders -– »unzufrieden zu machen.«</p> - -<p>»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so -eine Stelle nicht fein genug, und es sei darum nicht -sicher, ob man mich behalten wird.«</p> - -<p>Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren -Arm um mich. »Sie sind ein Dummchen und viel -zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein -armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr -Brot verdienen müssen, sind Sie in einem so stillen -Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser -aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren -stündlich Sie umlauern.«</p> - -<p>Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand -nun wirklich. »Ich weiß, was Sie meinen, -aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein -leichtsinniges Mädchen.«</p> - -<p>»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden -Tone, in dem eine Mutter zu ihrem aufgeregten -Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges -Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, -die immer hineinfallen.«</p> - -<p>»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht -nichts.«</p> - -<p>Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin -etwas von sich und sah mir lange in die Augen. -»Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.« -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht -beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und -zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie -und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe -es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen -wollen« – und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß -sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den -Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: -Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.</p> - -<p>Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem -Traum befangen, schritt ich nach Hause. –</p> - -<p>... Der Abschied von der Familie, in der ich über -zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde, -der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen, -unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden -war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa -de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden -mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den -ich am leichtesten verwinden konnte, da meine -Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war, -noch ärmer geworden waren und ich mehr als je -die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine -Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen -ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme -zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte -von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer -einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte -ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner -Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein -war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß -ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir -aber nicht die geringste Sorge. Während ich die -ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, -träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich -jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die -ich mir davon anschaffen würde.</p> - -<p>Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien -von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine -Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine -solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld -verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte -mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er -eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern -von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte -ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer, -oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten -Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja -sein, denn ich dichtete ja auch, – wenn auch -meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen -würden.</p> - -<p>Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. -Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause -zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -faßte ich einen kühnen Entschluß – so kühn, -daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte -ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest -mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige -Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu -können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner -Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie -meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.</p> - -<p>Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem -blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut -für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem -Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein -fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur -Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu -machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen -und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir -waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf -dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich -in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer -zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster -mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten -ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein -Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich -über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten -Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.</p> - -<p>Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und -ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die -zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, -in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte, -und stellte mir seine Freude und Überraschung vor, -wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch -gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt -hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte -niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu -fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes -Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans -Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen -Worten:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und ich vor Leid verzweifle schier,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dann greife ich nach meiner Feder</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und füll' mit Zeilen das Papier ...</td></tr> -</table> - -<p>In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann -den Zettel mit der Adresse, die uns mein -Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich -mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause -auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten -gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich -eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings -das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm -zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster -zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte -ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder, -sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte -ihn dann sprechen.</p> - -<p>Als aber fast eine Stunde verging und mein -kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat -ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in -der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. -Es waren aber alles fremde Gesichter. -Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen -und doch hineingehen, als ich zwischen den -Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und -Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand -mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht -nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, -als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen. -Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß -dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, -als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster -saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand -meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig -näher kam. – Ich hatte fast meinen Koffer fallen -lassen, so bestürzt war ich, – es war mein Bruder! -Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun -die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort, -und während er sich mit scheuen Blicken nach links -und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz -leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke -auf ihn warten, er käme in einer halben -Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während -ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner -Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum -glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem -ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein -Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, -als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann -auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues -Erstaunen, der elegante junge Mann war mein -Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und -bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst -du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem -wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den -Gedanken weiterknüpfend.</p> - -<p>»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du -mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses -elende Geschäft erinnern?«</p> - -<p>»Warum elendes Geschäft?«</p> - -<p>»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, -daß es mir Vergnügen macht, um Kerls -herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit -unter mir stehen?«</p> - -<p>»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du -seiest ein Künstler geworden?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der -Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein -Künstler – das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut. -Denkst du denn, daß die Künstler über -Nacht vom Himmel fallen?«</p> - -<p>»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. -»Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«</p> - -<p>»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit -einem Male ein Künstler werden soll, wo mir -jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung -fehlt.«</p> - -<p>»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, -welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«</p> - -<p>»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon -lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten -Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten -hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung -des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es -ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist -geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik -hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage, -daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher -erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse -jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, -die unbedingt notwendig ist, um Großartiges -zu schreiben.«</p> - -<p>»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden -wie andere Leute?«</p> - -<p>»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen -Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn -das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier -Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. -Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen -Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt, -der Intellekt versumpft und der ganze -Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«</p> - -<p>Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem -ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn -seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an, -und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast -wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals -eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen -Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, -um in Wien eine Stelle anzunehmen?«</p> - -<p>Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.</p> - -<p>»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt -hatte, »bist du denn verrückt geworden?«</p> - -<p>»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß -ich trachten solle, es weiter zu bringen.«</p> - -<p>»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu -wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir -sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«</p> - -<p>»Wie meinst du das?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine -Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, -sondern eine Dame brauchen, ein Wesen, -das Manieren und Lebensart besitzt, um solche -eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut -sind? Solltest du ferner nicht wissen, -daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, nicht -das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er -rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut -sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine -Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den -Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres -Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas -hernehmen können, das den feinen Menschen sofort -von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du -endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche -man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«</p> - -<p>Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte -leise in mich hinein. »Was soll ich denn tun?« frug -ich endlich.</p> - -<p>»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, -sondern hier in Wien bleiben, und ich werde -mich bei meinen Freunden für dich verwenden; vielleicht -könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem -Kaffeehause bekommen.«</p> - -<p>»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, -»das will ich nicht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen -gewöhnlich eine reiche Heirat.«</p> - -<p>Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das -will ich nicht,« sagte ich noch einmal, »da gehe ich -lieber nach Budapest.«</p> - -<p>Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht -zu raten ist, dem ist nicht zu helfen – wann geht -dein Zug?«</p> - -<p>»Um acht Uhr abends.«</p> - -<p>»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, -»ich habe um diese Zeit ein Rendezvous, und so kann -ich nicht mitkommen.«</p> - -<p>»Ein Randewau?«</p> - -<p>»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat -man's wieder,« fuhr er achselzuckend fort. »Du -weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen -Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich -zog er ein kleines Büchlein und einen Bleistift heraus -und begann emsig zu schreiben. Als er fertig -war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« -sagte er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter -aufgeschrieben, die du unbedingt kennen solltest, -weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch -nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück -und Gott befohlen, liebe Schwester.« Er reichte mir -die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich aufblickte, -war er fort.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und -schlug den angedeuteten Weg ein. Nachdem ich -meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in -der Halle stehenden Zug, und beim Schein der -schwachen Wagenlampe überflog ich den Zettel, -den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr> - <td class="tdl">Rendezvous</td> - <td class="tdl">Melange</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Engagement</td> - <td class="tdl">Carriere</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bureau oder Comptoir  </td> - <td class="tdl">Milieu</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Pardon</td> - <td class="tdl">Rouge</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Toilette</td> - <td class="tdl">Noir</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Banquet</td> - <td class="tdl">Manicure</td> - </tr> -</table> - -<p>Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den -Zettel sorgfältig und steckte ihn in meine Tasche. -Noch während ich damit beschäftigt war, setzte sich -der Zug langsam in Bewegung....</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>M</b>iklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in -seinem letzten Briefe an mich bemerkt, daß er -mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten, -ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der -Hand zu halten. Als ich an jenem Morgen, nach -einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest -ankam, stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der -einen und einem Taschentuch in der andren Hand, -etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder -durch das lange Sitzen ganz steif geworden waren. -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Ich sah mich einige Minuten auf dem Perron um -und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf -mich zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« -frug er; ich bejahte seine Frage und hätte -unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.</p> - -<p>»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen -Handkoffer, »einen Wagen haben?«</p> - -<p>Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der -Tasche und schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein, -nein!« sagte ich rasch, »ich möchte lieber gehen.«</p> - -<p>»Wie Sie wollen, Fräulein.«</p> - -<p>Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen -dürfte, doch ich verneinte ebenfalls hastig. Nach -einem ziemlich weiten Weg trat er endlich in eines -der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus -der Familie, in die er mich bringen wollte. »Sind -wir schon da?« frug ich, und mein Herz schlug mir zum -Zerspringen.</p> - -<p>»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine -Wohnung; ich brachte Sie erst hierher, weil ich vermute, -daß Sie etwas Toilette machen wollen. -Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«</p> - -<p>Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, -und wir traten in ein hübsch aussehendes Zimmer. -Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich -sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in -ungarischer Sprache zu ihr, die ich natürlich nicht -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte und -sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald -Sie fertig sind, bin ich es auch.«</p> - -<p>Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich -erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand; -er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden -würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der -Familie vorstellte.</p> - -<p>»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, -»und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause -wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, -hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich -tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden -wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten -bereite.</p> - -<p>»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame -reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich -damit hastig einige Male über mein Kleid und gab -sie ihr dankend zurück.</p> - -<p>»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben -freundlichen Ton.</p> - -<p>»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren -Mann herein.</p> - -<p>»Also fertig?«</p> - -<p>»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich -nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und -folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. -Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen -zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen -nachkam. Endlich aber war ich oben, und -Herr Sandor setzte sich zu mir.</p> - -<p>»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, -»daß meine Briefe ausführlich genug waren und -Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei -Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, -daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf -kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und -ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl -fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden -Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte -oder mit Strenge behandelt werden müssen, und -ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung -bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile -in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob -ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein -aussähe. Endlich stiegen wir ab.</p> - -<p>Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr -feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen -lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes -Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges -Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte -meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend -auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht -zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und -ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; -aber noch während ich das wünschte, näherten -sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat -ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen -und stand nur furchtbar verschämt -vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir, -sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache -mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den -Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug -sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« -Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, -und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr -sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht, -wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus -irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«</p> - -<p>»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne -hier sein.«</p> - -<p>Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden -und reichte mir die Hand. »Vergessen -Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir -noch zu, und dann ging er.</p> - -<p>Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen -und führte mich in ein Zimmer, das ganz weiße -Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen -runden Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -sie sich und sahen etwas schüchtern auf mich. -»Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten -Tag.«</p> - -<p>Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit -vollkommen. Ich reichte jedem von ihnen -die Hand und stellte einige Fragen, die sie in etwas -gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich -meine Sachen ab, und trotzdem ich sehr müde war, -beschäftigte ich mich doch sogleich damit, die Knaben -zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier -aufbaute und dergleichen mehr.</p> - -<p>Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit -der Dame gegenüber, da ich merken konnte, -daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder -hatten mich bald lieb, und der Gedanke, daß man -mich fortschicken würde, quälte mich nicht mehr.</p> - -<p>Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren -Stelle hatte ich die Kinder zur Schule zu bringen -oder abzuholen. Nachmittags nahm ich sie spazieren, -und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch -im Kinderzimmer und stopfte oder nähte.</p> - -<p>Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das -mich besonders immer abends befiel, war ich ganz -zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu -haben, was ich so lange gesucht hatte. Nur ein -Umstand trübte mein Glück. Ich hatte fast nichts -anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich -gern hübsch angezogen gesehen hätte. Sie machte oft -eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch nicht direkt an -mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie -sich meiner armseligen Erscheinung vor ihren -Freundinnen schämte, deren Fräulein so elegant -gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie -seien auch Damen.</p> - -<p>Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und -blickte etwas ärgerlich um sich. »Die Kinder sind -eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem soll -ich sie schicken?«</p> - -<p>Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« -sagte ich.</p> - -<p>»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide -dort nicht hingehen.«</p> - -<p>Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders -und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht -doch fortschicken würde. Ich war noch keinen -Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht -bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues -Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun -täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein -solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid -darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem -Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang -in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich -der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge -Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und -zu einem Kleide reichte der Rest nicht.</p> - -<p>Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder -zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat, -nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte -gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während -er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist -denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach -und auch berechtigt, denn es war kalt, und die -Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand, -wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig. -Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte -mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so -oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als -er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da -trat ich rasch zurück.</p> - -<p>Der Herr kam nun immer etwas früher nach -Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf; -er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten -seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand -jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines -Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, -auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem -Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich -die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas -erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte. -Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat -er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine -Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger -zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war -mir unerträglich.</p> - -<p>»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn -nicht an?«</p> - -<p>»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte -ich und senkte den Kopf noch tiefer.</p> - -<p>»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen -will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«</p> - -<p>Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da -er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf -und blickte demütig zu ihm empor.</p> - -<p>»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes -Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich -es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu manchem -Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen -möchten.«</p> - -<p>Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten -Entgegnung, doch winkte er mit der Hand, -ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am -besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen -befinden. – Ich würde nun alles tun, um -Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie -meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen -brauchen.«</p> - -<p>Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen -Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf -den Tisch.</p> - -<p>Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich -überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das -Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da -er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die -Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick, -mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.</p> - -<p>»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner -Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt -und kein Dienstmädchen.«</p> - -<p>Dann ging er hinaus.</p> - -<p>Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und -konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame -nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies -geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der -jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse -enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne -Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe -Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben -bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor -einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; -ich nahm nun alles, was ich besaß, und -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die -Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte -mit dem Schein nach Hause.</p> - -<p>Da es schon spät wurde, legte ich unter den -quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst -da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller -Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, -sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte, -um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von -einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts -mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel -Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß -ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir -fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche -Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß -man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt. -Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz -anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem -Kopfe abbreche.</p> - -<p>Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und -ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut -und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, -ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf -sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer -im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der -Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige -Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir -hätte verraten können, ob man von mir sprach. -Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame -lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme, -aber von mir sprach man nicht.</p> - -<p>Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich -wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr -Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben -in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt -war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin -herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. -Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und -konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich -machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und -ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor -einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie -sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte -den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. -Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder, -daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun -nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. -Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der -Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.</p> - -<p>»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in -Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen, -»brauchen Sie sie denn nicht?«</p> - -<p>»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld -bitten.«</p> - -<p>»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, -»ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«</p> - -<p>Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich -sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen -herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder -bekommen.«</p> - -<p>»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, -wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat -Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«</p> - -<p>Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie -nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte. -Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch -einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte -mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach -Hause gesandt hatte.</p> - -<p>Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich -noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen -werde. Ich borgte noch mehr Geld von der -Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die -ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer -leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am -Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete -ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war, -25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch -immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles -anders gestaltete.</p> - -<p>Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu -einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen -Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war -ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von -der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und -saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf -einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte -ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand -der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges -Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen -Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem -Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich -hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er -hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch -auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos. -Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf -und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste -und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang -und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich -angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich -zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich -in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein -Haß, es war ein namenloser Schmerz.</p> - -<p>Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch -verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen -sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu -können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der -Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache, -daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. -Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld -nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu -decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für -meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken -an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir -vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und -vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen -werde, und statt dessen war ich um nichts besser -daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch -darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß -wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich -wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin -bezahlen zu können und die Reise nach Wien -zu ermöglichen. – Vielleicht konnte mir mein -Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch -rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das -Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei -weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung -bleiben.</p> - -<p>Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig -sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten -Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« -sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«</p> - -<p>Als ich einmal während des Morgens in die Küche -ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die -beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander -flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen -sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich -füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer -zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht -loswerden.</p> - -<p>Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der -Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame -mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den -Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir -den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen -hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen. -Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, -wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen -war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame -stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon -erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir -zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu, -ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen -erfahren, welche Kreatur ich in mein -Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann -in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie -die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich -Sie die Treppe hinunterwerfen.«</p> - -<p>Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen -begab ich mich in das Kinderzimmer und packte -rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen -Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus -und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast -und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich -fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte -auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei -entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte -die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie -komme ich jetzt zu meinem Geld?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte -sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt -im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie -mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, -sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.</p> - -<p>»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes -zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter -erneutem Geschrei.</p> - -<p>»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte -sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer.... -Und Sie haben neun Monate an meinem -Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern -geschlafen? ... Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und -dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten -alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die -Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich -um die beiden zu kümmern vollendete ich meine -Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.</p> - -<p>Die Dame aber vertrat mir den Weg.</p> - -<p>»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. -»Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld -gegeben haben.«</p> - -<p>»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte -ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle -habe, schicke ich den Rest.«</p> - -<p>Sie fingen dann untereinander zu beraten an, -und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die -zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit -ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in -Budapest nicht wissen, und das einzige, was man -tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.</p> - -<p>Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum -und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen -Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit -schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«</p> - -<p>Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern -um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer. -Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, -das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen -Verbeugung öffnete sie mir die Tür.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte -dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem -nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später -drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich -scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen: -»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes -Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen -Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich -elend und traurig zumute war, weinte ich -diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen -kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick -daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab -ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott -und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter -nach Langenau.</p> - -<p>Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach -Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern -saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als -ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche -Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war, -gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu -Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter -allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie -mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut, -»man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun -eine lange Pause, während der meine Mutter -nachdenklich auf mich starrte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.</p> - -<p>»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte -mit den Augen eine große schwarze Spinne, die -langsam über die Diele kroch.</p> - -<p>Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte -ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen -und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems -wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und -obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu -sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, -ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, -da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine -Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein -Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht -morgen.«</p> - -<p>Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner -größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich, -meine Sachen wieder zu haben; doch welchem -Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch -heute nicht.</p> - -<p>Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu -finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht -besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete -war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte -ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte -ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte -ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für -mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die -Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da -ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen -und stand wieder einmal auf dem Punkte, -wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender -Gegenstand waren.</p> - -<p>Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine -Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages -der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte -sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden -Kreuz und dem ausgespannten Adler. -Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete, -daß man mich vielleicht an die 25 Kronen -mahnen würde, und öffnete darum den Brief -mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, -wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen -sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor. -Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und -schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich -hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und -ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in -der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine -Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, -doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber -und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage -kam schon wieder ein Schreiben aus derselben -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu -antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen -und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn -ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse -nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen -Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch -gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm -mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; -doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn -Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.</p> - -<p>Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.</p> - -<p>Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit -besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut -kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an -dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung -bewohnten, und blickte durch das offene -Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den -schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine -Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig -für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte, -und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig -auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der -Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der -Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das -Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die -Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude -sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause -des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich -hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu -gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß -jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte -mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die -Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher -gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden -und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken -und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein -Prinz gekommen wäre ... Der Prinz aus dem -Märchenland ... Und als ich so über die Gräber -ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah -einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen -umschloß, nur ich war draußen – allein.</p> - -<p>Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich -wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast -nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen; -später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war -nur Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein -Schicksal auf mich wartete ...</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>D</b>ieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht -vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun -Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht -finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, -der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige -Straße zu überschreiten und fand schon, was ich -suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar -gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des -üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. -Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf -ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die -neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem -abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, -meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte -aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, -und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin -führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile -kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu -kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne -Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne -Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen -sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« -meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt -in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so -würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine -Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, -vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern -sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte -Haltung.</p> - -<p>»Sind Sie das neue Fräulein?«</p> - -<p>Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll -auf den Herrn, der vor mir stand.</p> - -<p>»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre -alt seien.«</p> - -<p>»Das bin ich auch.«</p> - -<p>»Sie sehen viel jünger aus.«</p> - -<p>Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf -lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen, -und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame, -seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, -und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen -im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß -ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde nun -wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren -Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den -Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und -später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten -wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest -so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen -Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich -der Königsburg, einen ungemein vornehmen -Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich -die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe -wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und -seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für -jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu -laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder -hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen. -Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte -ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, -und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch -immer nicht, wo sie eigentlich steckten.</p> - -<p>»Wo seid ihr?«</p> - -<p>»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine -gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung -geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen -steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« -wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich -kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da -ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, -schritt ich hinein.</p> - -<p>In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt -hatte, befand sich ein vielleicht dreißigjähriger Mann, -der anscheinend allein zu Hause war und die Kinder -mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. -Er grüßte mich in geläufigem Deutsch und -mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand mich begrüßt -hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit -und setzte mich auf seine Aufforderung.</p> - -<p>Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung -über den möglichen Wert einer ausländischen Marke -vertieft, und so wandte der Inhaber des Zimmers -sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -einer feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch -einige meiner Bemerkungen plötzlich interessiert, -forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet, -von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin -verstiegen hatten. Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, -eine Zigarre im Munde und den Kopf -nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das -größer ist: der Rausch oder die Reue; ist der Rausch -die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur halb und -sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm -von meinen Gedichten, und er horchte auf und lächelte -das feine ironische Lächeln, das ich damals auch nicht -begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern verabschiedete, -frug er mich, welche Bücher ich lese.</p> - -<p>»Keine.«</p> - -<p>Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.</p> - -<p>»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«</p> - -<p>Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und -sagte, es würde mich sicher freuen. Einige Tage -später übergab mir der Hausbesorger ein Paket -mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.</p> - -<p>»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe -aber, die Wahl zu Ihrer Zufriedenheit getroffen zu -haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine Unterschrift. -Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der -Bücher auf. Es war ein Bändchen Erzählungen -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der Geschichten. -Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, -ein Träumer, der heute ein Mädchen leidenschaftlich -liebt und sie morgen wieder vergißt. Und um -diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und -funkelndem Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich -verstand ich es nicht. »Haben Sie schon aus den -Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter, -sobald er mich traf. Ich bejahte es.</p> - -<p>»Auch die kleine Geschichte Morgan?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Gefiel sie Ihnen?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht.«</p> - -<p>»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit -seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder -geht.«</p> - -<p>»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch -gewesen sein.«</p> - -<p>»Warum das?«</p> - -<p>»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«</p> - -<p>Nach diesen Worten traf mich ein flammender -Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die -Stirne und lächelte. –</p> - -<p>Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich -am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte -und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke -fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen -Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen. -An irgendeinen Zufall, einen Gedanken -oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen -wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil -jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und -nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich -ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen -Träumen, die ich von jeher geträumt -hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. – -Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos -in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und -lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn -zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll -war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich -ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte -oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie -ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich -nicht wußte, was zu tun – Bilder, die ich schön und -seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten -Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch -ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den -nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... -Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, -doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun -schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es -schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und -grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen -nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. -»Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« -Er atmete tief und sah an mir vorbei.</p> - -<p>»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« -sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«</p> - -<p>»Das verstehe ich nicht.«</p> - -<p>»Nicht?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Ich will Sie warnen.«</p> - -<p>»Vor wem?«</p> - -<p>»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft -und dem Sie Ihr Vertrauen schenken.«</p> - -<p>»Wen meinen Sie?«</p> - -<p>»Mich.«</p> - -<p>Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, -doch einer tiefen, sicheren Glückseligkeit voll, schüttelte -ich den Kopf.</p> - -<p>»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«</p> - -<p>Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, -und blickte geradeaus.</p> - -<p>»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, -einer, der ein Lamm unbarmherzig verschlingen -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den -Weg käme.«</p> - -<p>Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager -und verlebt erschien, und da wurde ich still und -traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang -nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat -es sich plötzlich vor mir auf, und das helle Jauchzen, -das wie eine Verheißung noch kurz vorher durch -jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit -schrillem Klang. Doch schon im nächsten Augenblicke -erhob es sich wieder. Erst ein feines Zittern, -dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren -konnte und auch nicht wehren wollte. Etwas in -mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, jubelte -noch. –</p> - -<p>»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich -ihn nach einer langen Pause.</p> - -<p>»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«</p> - -<p>»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine -Gedichte mitsenden?«</p> - -<p>Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der -Antwort.</p> - -<p>»Darf ich?« frug ich noch einmal.</p> - -<p>»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er -fürchte, es zu bereuen.</p> - -<p>»Und Sie werden mir zurückschreiben?«</p> - -<p>Er zögerte wieder und länger als zuvor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -»Ich glaube nicht – das heißt, vielleicht manches -Mal, aber nie sehr viel.«</p> - -<p>»Nur manches Mal und nie sehr viel?«</p> - -<p>»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«</p> - -<p>»Unter welcher Bedingung?«</p> - -<p>»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil es Ihretwegen besser ist.«</p> - -<p>»Warum meinetwegen?«</p> - -<p>Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher -Groll in mir auf.</p> - -<p>»Sie sind feige.«</p> - -<p>Darauf zuckte er mit den Achseln.</p> - -<p>»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, -will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine -kleine Aufklärung am Platze sein. – Es ist nicht -meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter -Mann kann tun, was er will. Er kann -einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf -verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn -darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die -aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen -Sie ja.«</p> - -<p>»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«</p> - -<p>»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um -Sie.«</p> - -<p>»Aber ich mache mir nichts daraus.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -»Aber ich.«</p> - -<p>»Also doch Ihretwegen.«</p> - -<p>»Nein Ihretwegen.«</p> - -<p>Er war stehen geblieben und sah mich hart und -entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und -erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte. -Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand -ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu -dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben, -wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen -einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er -es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen? -Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten? -Würde er sich da auch einer Bekanntschaft -schämen? Denn nichts anderes konnte es -sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen -Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine -Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung -zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid -in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich -denn? Was waren meine Eltern? Arm – bitterlich -arm.</p> - -<p>»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen -nicht mehr schreiben.«</p> - -<p>»Das können Sie nicht.«</p> - -<p>Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.</p> - -<p>»Warum kann ich das nicht?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -»Weil Sie mich brauchen.«</p> - -<p>Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, -sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von -diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt -kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und -weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in -mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.« -Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. -Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen, -setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf -die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten -und unzählige Menschen hin und her wogten, so -verschieden in Aussehen und Gebaren und doch -alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen -Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre -Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten -dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe -lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre -Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem -leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte -Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes -Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften -Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden -und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten -vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß -ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir -die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten -Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte -förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe -und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen -Schirme zucken.</p> - -<p>Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, -mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten -Drang nach irgend etwas ganz, ganz -anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem -Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte, -die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie -verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt -und meine Mutter gequält gelächelt hätte. -– Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne -jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt -angesehen hatten ...</p> - -<p>»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder -sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal, -fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend, -tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich -die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>I</b>ch hatte ihm geschrieben und dem Briefe die -letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin -sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten, -mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn -bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -und der Gedanke, ihn einmal ganz allein -und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer -eigentümlichen Weise erbeben.</p> - -<p>Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich -mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf -pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich, -sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« -sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will -darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit -Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur -eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit -hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf -seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht -zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst -für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der -Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon -aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie -ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich -auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen, -so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden. -– Hier« – er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche -– »können Sie genau sehen, was ich meine.«</p> - -<p>Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das -er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und -bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, -doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:</p> - -<p>»Den Gedichten fehlt jede Form.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen -sie denn für eine Form haben?«</p> - -<p>»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, -stimmt das Versmaß nicht.«</p> - -<p>Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch -machte er Bemerkungen wie:</p> - -<p>»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese -hier hat einen Fuß zuviel ... diese Zeile ist, was -Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu -schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«</p> - -<p>Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber -durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg, -was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas -in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und -horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem -Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch -einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten -wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt, -nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm -ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben -Unebenheiten. Einige Tage später, als ich -meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder -nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er -mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das -hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache, -denn – und nun lächelte er wieder gütig – Sie -machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Fehler, und das hier ist eine Poetik, die -Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären -wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten -und was Sie zu vermeiden haben.«</p> - -<p>Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie -jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche -Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz -unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so -dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so -würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte -darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in -meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine -Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort, -wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber, -die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«</p> - -<p>»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«</p> - -<p>Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten -Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie -mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten -sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den -beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«</p> - -<p>»Wie wissen Sie das?«</p> - -<p>»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld -mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe -Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht -möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede -noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde -nichts daraus lernen.«</p> - -<p>»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer -ein Kindermädchen bleiben?«</p> - -<p>Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er -es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend -nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders -die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, -und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen -dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald -genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon -nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich -ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von -meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« -genannt, lautete:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget</td></tr> - <tr><td class="tdl">Am goldenen Rocken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus Dunkel und Licht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ohn' Säumen und Stocken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Horch, fühlst du es nicht?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Still sachte und leise</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nach ewiger Weise</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit ruhigen Zügen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und offenem Haar</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Göttinnen fügen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nur Himmlischen klar,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Süßholder Gefühle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Liebreizende Spiele</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im menschlichen Busen uns wunderbar.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>Und wirken und weben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">O, sorget euch nicht!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Noch während wir beben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schon knüpfen sie Licht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und ziehn uns die Säume</td></tr> - <tr><td class="tdl">Frohglänzender Träume</td></tr> - <tr><td class="tdl">Um's tränenbefeuchtete Angesicht.</td></tr> -</table> - -<p>»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes <em class="ge">Gedicht</em>, und -ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich -ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden -Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder -Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, -nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man -meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich -ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, -nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von -ihm träumen dürfen.</p> - -<p>Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß -dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie -ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder, -durch die stillen Wälder meiner Seele flog – und -fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und -duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten -Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal -eine heiße Angst. – Dieser Fremdling, der da zufällig, -wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte -nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, -alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir -ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele -läutete – diese neue wundersame Zagheit, die -mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum -Zittern brachte – dieses rasche, süße Aufquellen -einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde -mit ihm gehen. – Und dann wachte etwas in mir auf, -das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs -und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues -Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so -nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens -einmal kämpft und der schwerer ist als alle -Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>A</b>ber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf -innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte -er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast -jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir -auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir -nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. -Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das -spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft -immer zur Schau getragen hatte, war -verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein -nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte -mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff, -weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie -und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen. -Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig -streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn -gegen seinen Willen auflehnte.</p> - -<p>Einmal befand ich mich mit den Kindern am -Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen. -Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, -und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, -daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich -eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann -stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir -herantreten und mich grüßen würde. Er tat das -aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame. -Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. -»Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht -einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham -und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich -bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die -Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend; -nach einigen Minuten verabschiedete er sich -mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein -paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine -Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war. -Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit. -Das also war mein Freund. – Sobald ich die Kinder -zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte, -die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden, -da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden, -nie eine Freundschaft war, aufgehoben -wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort -nachkommen würde, und war erstaunt, nichts -von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, -und endlich, nach einer Woche, übergab mir der -Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel: -»Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen -Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts -zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann -schrieb ich ihm, »wo und wann«.</p> - -<p>»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes -Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere -Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe, -und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. -»Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er -mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende -Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« -sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe -wieder haben?«</p> - -<p>Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen -preßten sich aufeinander:</p> - -<p>»Niemals.«</p> - -<p>»Aber es sind meine Briefe.«</p> - -<p>»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war -der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so -gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen, -und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine -Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete -er sich straff auf und zog seine Uhr.</p> - -<p>»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«</p> - -<p>Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick -aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer -Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt -mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach -Hause. –</p> - -<p>Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie -war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt -hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen -wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger -Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr -ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich -es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht -entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage -die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in -den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel -und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als -elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung -zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie -alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der -Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche -Fragen, und bald kamen wir ins -Plaudern.</p> - -<p>»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während -sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter -herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier -sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, -die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.« -Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten -hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, -und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen -Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse -überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen -war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.</p> - -<p>Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft -war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen -Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die -Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck -auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen -Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt -und ganz leise mein Leid geklagt. –</p> - -<p>Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, -in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter -ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht -aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, -das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße -gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei -Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters -größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade -jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte -mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, -und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze -Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über -den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; -aber er kam immer wieder, dringlicher und -dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die -Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen -Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, -und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich -auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte -ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf -mich.</p> - -<p>»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«</p> - -<p>»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach -den Kindern.</p> - -<p>»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag -sein?«</p> - -<p>»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, -warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich -ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.</p> - -<p>»Gewiß, wann immer Sie wollen.«</p> - -<p>Wir bestimmten dann die genaue Stunde und -verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich -ihn denn um Geld bitten? – Die quälendsten Gedanken -stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte, -wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen, -nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen -nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las -ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben -und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir -denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter -aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. – -Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt -werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden -sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau -nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf -den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß -ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die -Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde -später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte -nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande -war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen -gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben -Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das -Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht -hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter -wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern. -Wie aber sollte ich das anstellen? – Er war ja sicher -nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung -seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der -Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, -schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte -zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht -in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer -war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das -Anfertigen von Photographien oder Ausbessern -von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast -ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf -und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht -hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das -Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich -die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen -drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.</p> - -<p>Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort -unterbrochen und sah mich fragend an.</p> - -<p>»Sprechen Sie,« sagte er endlich.</p> - -<p>In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, -erzählte ich ihm meine Geschichte. Noch -während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn, -daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner -Familienverhältnisse mit mir nichts mehr zu tun -haben wolle, und als ich fertig war, sah ich ängstlich -zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, -was ich befürchtete. Seine Augen hatten jenen -tiefen, besorgten Ausdruck, den ich mir gegenüber -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein -Mund lächelte das gütige Lächeln.</p> - -<p>»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten -in meine Gedanken hinein.</p> - -<p>»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.</p> - -<p>»Wieviel?« drängte er.</p> - -<p>»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich -zögernd und dachte, daß hundert Kronen ein ungeheures -Vermögen sei.</p> - -<p>Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er -sie öffnen wollte, und sah mich bittend an.</p> - -<p>»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... -Morgen mit dem frühesten wird Ihnen der Hausmeister -einen Brief übergeben, der enthält, was Sie -brauchen ...«</p> - -<p>Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an -die Mauer und mit einem Gesicht, in welchem die -Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.</p> - -<p>»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«</p> - -<p>»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, -»und ich sage Ihnen jetzt ein für allemal, daß ich Ihr -Freund bin, an den Sie sich in jedem Kummer und -in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern -wenden müssen.« Und während sein Gesicht wieder -den bittenden Ausdruck annahm, legte er die Hand -noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ... -gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister -einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng -zusammengefaltete Banknoten. –</p> - -<p>Von dieser Zeit an empfand ich für meinen -Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn -das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher -als zuvor und konnte bei den folgenden immer -so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur -mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe. -Meine Gedichte bildeten für ihn stets die -Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon -für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu -tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob -aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. -Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten -zwischen uns, wobei ich so weit -ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; -ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie. -Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur -Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen -hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder -gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir -irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und -die alte Freundschaft war wiederhergestellt.</p> - -<p>Heimlich aber war ich unzufrieden.</p> - -<p>»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt -er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste -Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich -doch nicht ...?«</p> - -<p>Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck -durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in -der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen -Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht -eine andere, an die er täglich und stündlich denkt, -wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich -schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser -Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden -Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und -wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins -zusammenflossen und mir die Augen zusanken. –</p> - -<p>Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein -zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer -Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe -Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. -Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor -uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht -heute die Schranken des Schweigens fallen lassen -und endlich – endlich sprechen würde. Er sprach -auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes, -als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen -Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und -von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen -hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und -klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem -Wunsche. – Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber -nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur -sagen, daß er mich liebt. – Und mit dieser Qual in -den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine -Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich -mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue -kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«</p> - -<p>Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine -Züge wurden eisern. – »Weil ich Ihr Freund bin,« -sagte er dann.</p> - -<p>»Ist das alles?« frug ich ihn.</p> - -<p>»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand -von seinem Arm. – Dann war es so still, daß ich -meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen -hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, -eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, -eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben, -sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine -Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte -er, »wollen Sie jene Phrase hören? ... Sie sind mir -viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich -nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«</p> - -<p>Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand -mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende -Jahre, – Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer -zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine -Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden -würde ...</p> - -<p>»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.</p> - -<p>»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten -wir uns die Hände. –</p> - -<p>Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. -Die kurzen Zusammenkünfte waren so -voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen -Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine -Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben. -Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame -Stimmung über uns schwebte; Stunden, in -denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln -wollte, Stunden, in denen seine Augen den -stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, -in denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten -erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft -ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete -ich mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges -Mal nur seinen Schwur vergessen würde, -wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...</p> - -<p>In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich -glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht -anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte -sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die -Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel -und brütete über Gedanken, die mir langsam und -langsam gekommen waren. – Wohin sollte das -führen? – Ich dachte an die tiefen Blicke, die er -mir oft gab, und schauderte. – Würden wir unsere -Freundschaft durchtragen können? Und dann regte -sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit -vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu -haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich -nicht? Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner -Stellung wegen? ... Aber wenn ein Mann ein -Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... -Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das -alles? ... Warum dann seine Güte, sein Interesse, -sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen -Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber -da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche -den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, -verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber -nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder, -immer fragender; und er, um den sich alle -Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und -kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht -und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte -sie manches Mal mit den alten ironischen -Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen -Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern -immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis -mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort -in mein Bewußtsein fuhr ...</p> - -<p>Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, -daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten -nicht ganz zufrieden.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?«</p> - -<p>»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer -nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist, -da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse -bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten -kennen zu lernen.«</p> - -<p>Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg -ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon -daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich -noch viel mehr lernen sollte, und – noch zögernder -– fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in -die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die -Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben -unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.</p> - -<p>»Wohin?« frug er endlich.</p> - -<p>Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, -ihn zu werfen ... Die ganze hündische Anhänglichkeit -und Treue meines Geschlechtes brach hervor, -die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf; -jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte ... -Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. -Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in -meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es -um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln, -das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen -können, nun war es mir auf einmal klar. Er -hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch -mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von -dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, -er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen. -Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner -Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus -Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange -nicht zu Ende war ...</p> - -<p>»Wohin?« frug er noch einmal.</p> - -<p>Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners -hatte ich meine Lage überschaut, und nun, trotzdem mir -die Tränen hinter den Lidern brannten, lächelte ich.</p> - -<p>»Nach England.«</p> - -<p>»Warum nach England?«</p> - -<p>»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache -gerne gründlich beherrschen möchte.«</p> - -<p>»Haben Sie in London Bekannte?«</p> - -<p>»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich -für mich nur um das Reisegeld.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.</p> - -<p>»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen -Freund haben.« –</p> - -<p>Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich -krank. Ich hatte mir eine schwere Lungenentzündung -zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im -Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich -der Arzt für jede Stelle vorläufig unfähig. Man -schlug mir vor, mich für einige Monate zu Hause -aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich -war still, als man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war -mein »Zu Hause?« Aber ich war viel zu stolz, das zu -verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde -erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken -voll, Budapest zum zweiten Male.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>M</b>eine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. -Ich hatte von den veränderten Verhältnissen -nicht viel erfahren und frug mich heimlich, -wie wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen -sein würden. Als ich aber bei meinen Eltern ankam, -sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick dar. -Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die -Wohnung bestand nur aus einem Zimmer. Das -Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, einige -Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der -Raum unterirdisch und hatte weder Luft noch Licht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich -ihn begrüßt hatte, frug ich nach meiner Mutter und -erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin für -tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht -Uhr abends heimkommen würde.</p> - -<p>Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke -auszuziehen, hatte ich mich auf eines der Betten gesetzt -und hörte schweigend auf die Dinge, die mir -mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon -so oft gehört, und nun hörte ich es wieder.</p> - -<p>»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug -ich endlich.</p> - -<p>»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben -gehen; du kannst ja mit einem der Kinder schlafen.«</p> - -<p>»Wo sind denn die Kinder?«</p> - -<p>»Fort, Geld verdienen.«</p> - -<p>»Womit?«</p> - -<p>»Sie tragen Zeitungen aus.«</p> - -<p>»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich -zum Haushalt beitragen.«</p> - -<p>»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die -Hauptsache.«</p> - -<p>Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten -Raume um. »Hier kann ich nicht gesund werden.«</p> - -<p>»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das -Kochen,« erklärte mein Vater. »Ich werde dir jetzt -eine Tasse Kaffee bereiten, und dann können wir -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten -brach er einige Stücke Holz über seinem Knie -und machte ein Feuer in dem kleinen Ofen. Kaum -hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus -dem Ofen zu dampfen und zu qualmen an. »Das -kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es wird schon -vorbeigehen.«</p> - -<p>Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der -ganze Raum schwarz war und man nichts mehr -sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle -brannten mir, doch sagte ich nichts und trank den -Kaffee, den mein Vater mir in einer Schale reichte, -die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an -meinen Bruder und konnte nicht begreifen, wie er -ein solches Unglück mit ansehen konnte, ohne zu -helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Karl.«</p> - -<p>Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein -Vater sehr traurig.</p> - -<p>»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat -schon seit langer Zeit keine Stelle.«</p> - -<p>»Wo ist er denn?«</p> - -<p>»Er lebt natürlich mit uns.«</p> - -<p>Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein -Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen -uns eben einrichten, wie es geht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die -Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft -hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, -auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen -vorüber war und es anfing, spät zu werden, -kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem -Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht -war blaß und hohl, um seine Augen lagen -schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr -über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine -Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte, -verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die -Hand.</p> - -<p>»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische -Ton, den er früher immer gegen mich angewandt -hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«</p> - -<p>»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde -ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«</p> - -<p>»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich -vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch -(dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben -würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, -nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im -Dreck herum zu wühlen.«</p> - -<p>Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die -Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen. -– »Du!« rief er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.</p> - -<p>Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten -Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,« -schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«</p> - -<p>»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er -die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.</p> - -<p>»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr -mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe, -daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen -läßt und ein Mitleid empfindest, das in -diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist -die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit -gehabt, diesen Schauspieler kennen zu -lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen -durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du -mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier -gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen -Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich -kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem -die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen -Leuten unter einem Dache zu leben, den -Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in -seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch -immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig -in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig -siehst du in mir einen Menschen, den das Leben -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt -waren und seine Träume bis an den Himmel -reichten. – Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht -eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte -ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe -Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet -habe, das Leben, wie wir es heute kennen, -die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen -werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein -Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite -ich an einem Königreiche für Millionen verborgener, -halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone -für jeden.«</p> - -<p>»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du -eine für dich selber hast.«</p> - -<p>Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von -dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden. -Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft, -als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die -große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches -Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre -nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir -natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich -würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich -in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein -gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen -bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Schwester nennen zu können, hat sich leider so -trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, -und ich muß nun allein – der große Mensch ist ja -immer allein – meine Aufgabe vollbringen.«</p> - -<p>Meine Mutter, die an solche Reden wohl -schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen, -und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein -Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen -übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte -ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für -heute brach kein Streit mehr aus. Später machten -sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager -auf dem Boden zurecht.</p> - -<p>Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen -gelegt und schloß die Augen sofort, damit man -denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles -still geworden war, setzte ich mich auf und sah in -wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die -wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und -fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, -dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder -lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei -Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht, -zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, -Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und -Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid -mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie -mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur -Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen -ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater -nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige -Führung des Geschäftes war, die uns nach -und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm -hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein -Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute -ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge -davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen -konnte und dadurch immer mehr in Schulden -geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches -andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte, -als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man -ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen -sollen, doch war er zu gutmütig und zu -leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er -ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, -und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig -nicht ausgeblieben. –</p> - -<p>Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so -still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten -sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden, -und erst als ein trübes Morgendämmern -durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach, -fielen mir die Augen zu. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig -aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück -vorbei war, setzte sich mein Bruder an den -Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich -heran.</p> - -<p>»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo -sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige -schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten -sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu -lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben -bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als -er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen -nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang -ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor -ihn hin.</p> - -<p>»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel -mein Bruder in eine schreckliche Wut.</p> - -<p>»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich -meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben, -die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings -überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit -ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche -Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil -ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, -ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu -den Büchern; aber während er mit mir gesprochen -hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie -den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom -Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser -als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir -vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu -machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«</p> - -<p>Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen -unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen, -worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut -griff und verschwand.</p> - -<p>Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie -ich sehen konnte, so viel als möglich das Zusammensein -mit meinem Bruder vermied.</p> - -<p>»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich -eine große blaue Schürze vorband.</p> - -<p>»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich -kochen.« Er nahm einen Besen zur Hand und fing -an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm -diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche -in meinen Knien so groß, daß ich mich kaum aufrecht -halten konnte. So blieb ich auf dem Bett -sitzen und beobachtete ihn.</p> - -<p>»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer -Weile, »wohin ich eigentlich gehen soll?«</p> - -<p>»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land -gehen könntest.«</p> - -<p>»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe -den Onkel letzte Woche getroffen, sie würden dich -gern für einige Zeit oben haben.«</p> - -<p>Meine Freude war ungemein groß, ich war seit -vielen Jahren nicht mehr dort gewesen, und der -Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln -zu können, erfüllte mich mit Entzücken.</p> - -<p>»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen -am Kopf, »der Postwagen ist etwas -teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon -kosten; doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen -kann.«</p> - -<p>»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«</p> - -<p>»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. -Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde -ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon -sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht -überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In -dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten, -die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und -meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb -wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag -meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte -fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten -meiner Mutter. Die reine, würzige Luft, -im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille -ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -schon größere Strecken gehen, ohne daß die -Schmerzen in den Knien wiederkehrten.</p> - -<p>Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug -ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke, -zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch -hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer -bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte -hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg -finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir -immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu -verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem -Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse -meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, -und ich bemühte mich sofort um eine Stelle, -um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu -können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, -zu einem neunjährigen Knaben, dessen -Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis -Januar in Wien zu bleiben gedachte.</p> - -<p>Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr -ich mich auch bestrebte, zufrieden zu sein, so war ich -hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte ich das -allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden -Szenen schwer, die mein Bruder immer hervorrief. -Sie erschütterten meine nur halb hergestellte Gesundheit, -und mit Schrecken bemerkte ich, wie die -alte Schwäche mich wieder befiel. – Wenn ich des -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -Abends von meiner Stelle kam, setzte ich mich gewöhnlich -an das kleine Fenster und starrte in den -engen Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern -eingeschlossen war und als Dach ein Stückchen -Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch -dort saß, wenn Hof und Himmel längst nicht mehr -sichtbar waren und nur das kalte weiße Licht einer -einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel -brach. War ich aber einmal allein, dann weinte -ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß trotz seiner -Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich -oft mit trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte -ich auf ihre stummen Fragen nur ein verstocktes -Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine -andere Qual erfüllte als die Armut, die wir alle -teilten. Sie kannte ihn ja nicht und hätte überhaupt -das alles nie begriffen. – So litt ich weiter und -litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von -ihm, kühle, höfliche Zeilen mit der lässig hingeworfenen -Frage, was ich denn eigentlich zu tun gedächte. -Ich las den Brief tausend und tausendmal, -verbarg ihn wie ein köstliches Kleinod, und sann mit -einem blöden, hilflosen Staunen über die wunderbare -Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... -Und einmal in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte -ich mich plötzlich der kleinen Geschichte, die -er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -– Der Mann mit den unruhigen Begierden, der -Träumer, der Idealist, der Eroberer, der Verächter, -zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens. -Noch während ich darüber grübelte, überkam -mich eine tiefe, seltsame Ruhe. –</p> - -<p>»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend -desselben Tages zu meiner Mutter, »wenn ich wieder -ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja mein monatliches -Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der -Zuschuß bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte -mich rasch und unsicher an. »Du willst wohl,« -sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise, -»wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz -bis zum Halse, doch ich zuckte mit keiner Wimper.</p> - -<p>»Nein, ich will nach England.«</p> - -<p>Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob -sie sich in einer schlimmen Befürchtung getäuscht -hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder den vorigen -Ausdruck an.</p> - -<p>»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, -gequälten Stimme aller Hoffnungslosen. –</p> - -<p>Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich -an meinen Freund. In zitternder, nervöser Hast -die Worte wiederholend und überstürzend, bat ich -ihn um das Reisegeld nach England. – Zwei -Tage später kam sein Brief. Dieses Mal so voll -von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -beim Lesen die Tränen in die Augen stürzten. -Ob ich ihn nicht noch einmal sehen wollte, frug er -mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles -in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und -zitterte für meinen so schwer errungenen Sieg.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>L</b>ondon, schreckliches, herrliches, furchtbares London! -Wie ein Ungeheuer liegt es da und streckt -Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu -gleicher Zeit. – Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, -fast ohne jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, -gänzlich überwältigt von dem allgemeinen Eindruck. -Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen -durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, -wie er für eine kleine Kupfermünze wohl hundertmal -sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. – -Aber wenn er auch von den Gummirädern eines -Autos zermalmt, von den Hufen eines Pferdes -zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die -Riesenwoge des Vergnügens und des Verderbens -würde weiterrollen, und nur vielleicht in einem -einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch -Wärme hatte, würde ein zerlumptes bleiches Weib -noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim -Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... -Als ich das begriff, da war es mir plötzlich als sähe ich -den, dem wir goldene Altäre bauen und jeden Sonn- -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in -einer Laube liegen ... und da hätte ich meine -Hände in seine schwarzen rollenden Locken graben -und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert -und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand -diese Vision. Ein Seidenkleid rauschte, ein -Silberhorn pfiff, und Leute neben mir lachten ... -Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war -und tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach -stundenlangem Herumwandern endlich ein billiges -Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum -mehr auf den Füßen halten. Das Heim war ein -deutsches Heim. In das Zimmer der Vorsteherin -geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle -stehen, so angenehm und wohltuend berührte mich -der Anblick. Das Gemach war mit Kissen und -Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden -Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf -einem kleinen Tisch standen frische Blumen, und ein -gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. -Ganz nahe bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den -Schultern und mit Tüchern auf den Knien eine -Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich -mich in einen der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht -und kein Wort gesprochen; aber die alte -Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine -nassen Kleider die Überzüge beschmutzen könnten, -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -und stellte dann einige Fragen, die ich mir Mühe gab, -so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie -wollen also eine Stelle?« frug sie.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Sie hätten keinen besseren Platz finden können -als unser frommes Heim; doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin -betrachte, muß ich Sie fragen: haben -Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei -Monate lang bezahlen zu können, da Sie darauf -rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten -zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, -und ich könnte nicht daran denken, eine fragliche -Person aufzunehmen.«</p> - -<p>Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch -eine größere Summe geschickt hatte, so glaubte ich, -ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war -ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, -in diesem frommen Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. -Als alles zur Zufriedenheit der Vorsteherin -erledigt war, drückte sie auf eine Klingel -und befahl dem eintretenden Mädchen, mich in -mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte ich -meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. -Das Zimmer war kalt und grau und schien so feucht -wie die Straßen selbst. Es enthielt einige Schränke, -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische -und acht Betten.</p> - -<p>»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.</p> - -<p>»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt -an. Nach und nach füllte sich das Heim mit -Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot -läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert -Mädchen. Nach dem Essen, bei dem es sehr -geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes -Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, -die Augen andächtig zur Decke gewandt, -kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen -hatte. Sie begann Gebete herzusagen, die -wir nachsagen mußten, und zum Schlusse wurde ein -frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin -noch einmal ihre weißen Finger. »Lieber -Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen Mädchen, -die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, -dachte ich) in London befinden. Leite sie, damit -sie nicht straucheln, und reiche ihnen Deine hilfreiche -Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. -Gütiger Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges -Flehen, erleuchte die Verblendeten, beschütze die Verfolgten! -Amen!«</p> - -<p>Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes -Haupt ergebungsvoll neigte und ganz in Gebet -versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -sie sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten -sich lachend und lärmend nach und suchten ihre -Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das Gemach, -in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, -und lernte nun meine Zimmergenossinnen kennen. -Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten unaufhörlich -und erzählten sich widrige Geschichten. Wie -ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte, waren sie -fast alle Hotelmädchen und kamen aus der Schweiz.</p> - -<p>»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich -jemand.</p> - -<p>Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß -sie ein Mädchen in meinem Alter war. Ohne daß -ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch -sei oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, -dachte ich über die mir selber vorgelegte nach und -entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie hatte große -glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. -Ihr Gesicht war gut geschnitten, doch lag etwas -darin, woran ich mich nicht gewöhnen konnte; was -es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige -Fragen an mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich -wohl bald eine Stelle finden könnte.</p> - -<p>»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«</p> - -<p>»Das ist mir alles eins.«</p> - -<p>»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können -Sie leicht etwas bekommen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. -Sie gefiel mir von allen Mädchen am besten.</p> - -<p>Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die -Hände mit Glyzerin ein, das war alles. Die -anderen gingen viel umständlicher mit ihrer Nachttoilette -vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen -ihre falschen Zöpfe und noch manches andere Falsche -ab, warfen die Sachen auf ihre Betten und sprangen -darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht -werden, doch ruhig wurde es darum noch -nicht. Die Mädchen hatten sich viel zu sagen, und -jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, -weckte mich lautes Lachen. Nach und nach aber -wurden die Geschichten kürzer, die Scherzworte -seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den -tiefen, festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des -Unbehagens, das mir die Mädchen einflößten, war -ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen, -und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte -sich meine Seele mit andächtigen Gedanken ...</p> - -<p>Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum -Gebet zu versammeln, und ich merkte, daß es -anderer Natur war als das Abendgebet.</p> - -<p>Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und -nachdem wir alle einen Kreis gebildet hatten, las -die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die -andern mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -kam, las ich: »Und der Priester soll des Blutes -nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf -den Knorpel des rechten Ohres tun und auf -den Daumen seiner rechten Hand, und auf den -großen Zehen seines rechten Fußes.«</p> - -<p>Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den -Schutz des Höchsten für unbeschützte Mädchen -herab, und dann waren wir für den Rest des Tages -frei.</p> - -<p>Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, -schritt ich auf die Vorsteherin zu und bat sie, mir -eine Adresse zu geben, bei der ich mich um eine -Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, -ihr zu folgen. In ihrem Zimmer angelangt, setzte -sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.</p> - -<p>»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine -Stelle umsehen, eine Eile, die ich ganz gut begreifen -kann. Da ich aber die Verantwortung für Ihre Seele -übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit -nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen -meinen mütterlichen Rat zu geben. Es kommen so -viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und -Herzensreinheit die Heimat verlassen haben und die -oft ganz anders zurückkehren. Ich will Sie darum auf -die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier -stündlich bedrohen, und Sie bitten, den Beistand -des Höchsten anzuflehen, damit er Sie im richtigen -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir -das versprechen?«</p> - -<p>Ich versprach alles.</p> - -<p>»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich -wegen einer Stelle wenden können, und ich hoffe, -daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen Familie -aufgenommen werden.«</p> - -<p>Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir -überreichte, sprang, als ich aus dem Zimmer war, -die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und -meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich -gerade ihre Hüte auf. Sie frugen mich, wohin ich -ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf sie mir -erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir -ihre Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den -Weg genau wüßten. Obwohl ich ihnen hierfür -recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, -daß sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. -Im Zimmer befand sich nur ein einziger Spiegel, -und um den standen sie alle herum und steckten -sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen -hatten, mit großer Bedachtsamkeit in den Hut. -So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig seien, behaupteten -sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die -Nadeln wieder heraus und steckten den Hut tiefer -oder höher, je nachdem sie glaubten, dadurch hübscher -zu erscheinen. Ich stand, mit meinem bescheidenen -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche -Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim -zu verlassen, und dazu brauchte ich so schnell wie -möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die -andern Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie -waren anscheinend dort zufrieden, ja sogar glücklich, -und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht -im geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle -anderen überragte, hatte ihrem großen, durchsichtigen -Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte -ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.</p> - -<p>»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich -an die anderen. Sie mußte sich darauf nach allen -Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten -alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß -sie scheußlich aussah, als sie sich plötzlich nach mir -umdrehte und sagte: »Machen Sie vorwärts, -Kleine, wir sind schon fertig.«</p> - -<p>»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.</p> - -<p>Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.</p> - -<p>»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind -ausgehen wollen?«</p> - -<p>»Natürlich.«</p> - -<p>Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt -hatten, sagte eines der Mädchen: »Sie -kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem -Aufzuge werden Sie in Ihrem Leben keine Stelle -bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«</p> - -<p>»Aber was soll ich denn tun?«</p> - -<p>»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer -›Schick‹ nicht in sich hat, wird ihn nie lernen.« Das -schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, und sie -sprachen nichts mehr zu mir.</p> - -<p>Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten -in ihren Körben und Koffern nach einem Paar -Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem -reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.</p> - -<p>Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; -ich hielt mich auf der Straße hinter den Mädchen, -weil ich dachte, sie schämten sich meiner. Die Bemerkung -der einen aber, sie könne es mir schriftlich -geben, daß ich in meinem Aufzuge keine Stelle -bekommen würde, verfolgte und peinigte mich, da -ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich -nicht die Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch -nehmen wollte. Und das wollte ich auf -keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten -von der Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich -zu schreiben, sobald ich über die Verhältnisse -etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken -beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger -Aufmerksamkeit, nur einmal, als wir über eine -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und betrachtete -entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, -dergleichen ich früher nie gesehen hatte. Es waren -Möwen. – Nach vielem Herumwandern, das mich -recht müde machte und mir meine Schmerzen in -den Knien in Erinnerung brachte, hielten die Mädchen -vor einem großen Hause und drängten sich -hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, -war ziemlich geräumig, und auf den Stühlen und -Bänken saßen Mädchen, die anscheinend auch Stelle -suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame -und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig -in großen Büchern schrieben. Die Mädchen wurden -der Reihe nach vorgerufen, und nachdem diejenigen, -die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, -gegangen waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine -trat zuerst vor und setzte sich mit sehr viel Würde -auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die Frage -der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug -Zeit läßt, meine Bekannten bei mir und außerhalb -des Hauses zu sehen; ferner übernehme ich nur ein -Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf Jahre -sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische -machte eifrige Notizen. Die ältere lächelte freundlich -und erklärte, daß sie gerade nichts Passendes -hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit -einem Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -was sie wolle und was sie nicht wolle. Auch -ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt, -daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen -war und keine etwas bekommen hatte, -verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, -als ob ich gar nicht da wäre.</p> - -<p>Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und -begab mich nun auch zum Schreibtisch.</p> - -<p>»Sie sind wohl erst angekommen?«</p> - -<p>»Gestern.«</p> - -<p>»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, -weil Sie so blaß aussehen.«</p> - -<p>»Ich bin immer blaß.«</p> - -<p>»Welches sind Ihre Ansprüche?«</p> - -<p>»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur -recht bald irgendeine Stelle haben.«</p> - -<p>»Besitzen Sie Zeugnisse?«</p> - -<p>Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und -sie las es aufmerksam durch. Dann faltete sie es -zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden -Sie Hausarbeit scheuen?«</p> - -<p>»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue -Hoffnung erfüllte mich. Sie langte nun nach -einem der großen Bücher und blätterte eine Weile -darin.</p> - -<p>»Würden Sie aufs Land gehen?«</p> - -<p>»Mit größtem Vergnügen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger -auf eine Stelle im Buch.</p> - -<p>»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen -würde. Die Dame sucht ein Deutsch sprechendes -Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten -im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine -Gesellschafterin für ihre vierzehnjährige Tochter abgeben -würde. Es ist auch eine junge Französin -da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen -Sie dazu?«</p> - -<p>Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen -im Heim und sagte, daß ich glücklich sein würde, die -Stelle zu erhalten.</p> - -<p>»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr -wiederzukommen. Wenn Sie warten wollen, können -Sie selber mit ihr sprechen.«</p> - -<p>Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte -und nahm meinen früheren Stuhl wieder ein, -nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten -würde. Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. -Sie zählte vielleicht vierzig Jahre und sah recht gütig -aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört -hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum -Schluß gab sie mir ihre Karte mit Namen und Adresse -und bestimmte den zweitnächsten Tag für meinen -Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, -reichte sie mir zum Abschied die Hand; doch plötzlich -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -schien ihr etwas einzufallen und sie zog sie wieder -zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« -frug sie mich, und ich verneinte der Wahrheit gemäß.</p> - -<p>»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf -hieß sie mich in den Wagen steigen, in dem sie gekommen -war. Einige Minuten später hielten wir -vor einem Restaurant, und meine Dame frug -mich, was ich essen möchte. Ich erwiderte, daß mir -das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen -bestellte und sich anscheinend über meinen guten -Appetit freute. Als ich fertig war, führte sie mich -wieder auf die Straße und sah sich nach einem der -roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen -sollte. Sie fand auch bald, was sie suchte und -bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben und -mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. -Dann grüßte sie mich noch einmal recht -freundlich, und ich fuhr ins Heim.</p> - -<p>Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin -und erzählte ihr von meinem Glücke. Sie -sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht, -es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, -ist, der Güte des Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte -sie, daß ich das täte, ging dann in das -Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an -meinen Freund. Gegen Abend kamen die Mädchen -zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen war. -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle -habe. Als sie erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten -sie mich mit Fragen, und ich erzählte, was -ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine -wieder die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als -Küchenmädchen, so etwas könnte ich auch bekommen, -aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch -zu gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem -Hut eine neue Fasson.</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>D</b>er kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt -ungefähr zwei Stunden von London entfernt, -an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom -Bahnhofe ab, und das Haus, in das sie mich führte, -steht abseits von den andern Gebäuden, und zwar -hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem -Geplauder brachte sie mich in ein ziemlich großes -Zimmer und bedeutete mir, daß das mein Zimmer -sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die -niederen Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen -Tapete bekleidet, und das schwarze massive -Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In -einer Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten -Marmorplatte und einem weißen Waschgeschirr. -Rechts davon befand sich ein Tisch und ein -Stuhl. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines -davon ging in den Hof; der Blick dahin aber wurde -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens -aufgehalten. Doch war dieses Dach so dicht und so -schwer mit einer großblätterigen Schlingpflanze -bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich -und ich mich später an den Farbenwandlungen vom -zartesten Grün bis zum brennendsten Rot nie satt -sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den -Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. -Auf dem anderen Ufer dehnten sich weite -Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es -war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und -hinausschaute, nachdem ich mit einem langen, erlösenden -Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit -des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf -die Themse, von der ich als Kind gehört hatte -und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge -bekam, weil ich nie wußte ob London oder Paris an -ihren Ufern lag. Ich blickte auf den langen, grünen -Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von -einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen -wollte. Wie weit mein Auge reichte, sah ich keinen -Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte -Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit -und der Stille trug. Ich empfand diese Stille so -wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.</p> - -<p>»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares -Leben.« Denn wunderbar fand ich es trotz -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und der -brennenden Sehnsucht in meiner Brust. –</p> - -<p>Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die -Tochter des Hauses, sowie die Französin kennen. -Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber -kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, -und zwar beide schlecht. Die Französin war, -wie ich bald herausfand, ein sehr oberflächliches -Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir -gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten -hatten, und trotz ihrer Jugend, sie zählte erst siebzehn -Jahre, hatte sie schon eine Menge Liebschaften -hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, -das Geschirr wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, -erzählte sie mir von den Männern, die ihren Weg -gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr -Leben verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie -aber alles ausgekramt, und auch über ihre letzte Eroberung, -einen Krämer oder einen Apothekerjungen, -ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch -auch etwas zu erzählen. Daraufhin aber schüttelte -ich immer entschieden den Kopf und lächelte. Was -hätte ich der erzählen können? Das, was mich -manches Mal so glücklich und manches Mal so traurig -machte, war ein Märchen so fein und wunderbar, -das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann -wieder, unbekümmert um mein Lächeln und mein -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -Schweigen, in den Strom der eigenen Erlebnisse -untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte -oder bürstete noch einmal so rasch wie sie ...</p> - -<p>So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch -gemischt mit einer glückseligen Hoffnung, daß er -früher oder später um mich kommen würde. Unklar, -unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube -in mir. Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das -sein würde. Die Glocke würde läuten; ein ganz -kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet -würde er plötzlich in der Küche stehen ... -dann würde ich ihn hinauf in mein Zimmer nehmen, -ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das -Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er -plötzlich mit einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die -weiße Schürze und die lang herabwallenden -Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die -Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und -meiner Hände begriffen haben würde und mich -schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das -waren die törichtsten Träume, die ich je geträumt -habe ...</p> - -<p>Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung -eines englischen Haushaltes gründlich kennen. Obwohl -die Dame Witwe war, führte sie doch ein -ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen -Veranstaltungen, wie Teegesellschaften, Picknicke und -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -dergleichen, die so charakteristisch englisch sind, fehlten -nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar -unsere Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich -mich durch eifriges Erlauschen der englischen Sprache, -die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte, -schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht -sehr viel, doch mit großem Fleiß und Eifer (ich lernte -aus englischen Büchern jeden Abend bis tief in -die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.</p> - -<p>Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch -mußte ich manches Mal über das Verhältnis lächeln, -das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. Das -fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter -in unglaublicher Weise. Die Dame war fest davon -überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften einer -großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, -was in ihren Kräften stand, dem heranreifenden -Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente -zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, -zeichnete, malte und dichtete, doch war ich über den -Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie klar. –</p> - -<p>Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu -klopfen, kam meine Dame blaß vor Aufregung auf -mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, -da »Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren -Teppich sofort von der Stange, dachte aber dabei -an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -heimliche Quelle meiner kargen Freuden waren, -und frug mich, wieviel ich wohl hätte dichten können, -wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt -hätte. Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie -gedichtet und niemand frug danach. Niemand? Nein, -manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, -daß das eine oder das andere der letztgesandten -Gedichte herrlich sei. –</p> - -<p>Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat -ein Ereignis ein, das die Verhältnisse etwas umgestaltete. -Miß Daisy erkrankte am Scharlach. -Sobald die Französin dies hörte, verließ sie das -Haus noch am selben Tag.</p> - -<p>»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.</p> - -<p>»Gewiß nicht!« sagte ich.</p> - -<p>Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach -Verlauf dieser Zeit verordnete der Arzt für die -Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen wurden -sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten -unter unseren Fenstern die vielbesungenen Wellen -der nordischen See. Ich hatte ein Zimmerchen für -mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich -dahin zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. -Obwohl von der Reise sehr ermüdet, dachte ich -doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein Fenster, -so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen -geht, und schaute mit staunenden Augen über das -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht tanzte -und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht -mein Bett auf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, -war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan -war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In -der Nacht hatte ich einen seltsam schönen Traum -gehabt. Ich wollte ihn festhalten, niederschreiben -und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen -Papier. So, während der Himmel sich röter und röter -färbte, entstand ein Gedicht, und ich nannte es »Ruby«.</p> - -<p>Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, -und meine Dame nahm vorläufig kein neues Mädchen -ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich -nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die -wenigen Augenblicke, die ich erübrigen konnte, füllte -ich mit der Erlernung der Sprache aus, und langsam, -aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal -fiel mir ein Buch von Milton in die Hände, -und trotz meiner noch mangelhaften Sprachkenntnisse -las ich das »verlorene Paradies« mit größtem -Eifer. Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, -die bilderreiche Sprache, die Phantasie und -die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug -ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><i>When I consider how my light is spent</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>E're half my days, in this dark world and wide</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> - <i>And that one talent which is death to hide</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Lodg'd with me useles though my soul more bent</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>To serve therewith my Maker and present</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>My true account, least he returning chide.</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Doth God exact day-labour, light deny'd</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>I fondly ask; but patience to prevent</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>That murmur soon replies: God doth not need</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Either man's work or his own gifts. Who best</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Bear his mild yoke, they serve him best. His State</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Is Kingly. Thousands at his bidding speed</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>And post o'er Land and Ocean without rest;</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>They also serve who only stand and wait.</i></td></tr> -</table> - -<p>Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich -in ein sonderbares Grübeln, ein Grübeln, aus dem -später meine größte Niederlage und mein größter -Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich -mir die Gedichte von Lord Byron, von Keats, auch -von Longfellow an, und es verging kein Tag, an -dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen -oder dem anderen Buche zu lesen. Damit soll aber -nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte durchlas, im -Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. -Gewöhnlich blätterte ich in einem neuen Buche so -lange, bis ich auf ein Gedicht stieß, das mir sehr gut -gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach dem -Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -einer einzigen Stelle wegen immer und immer -wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><i>Ah! Love was never yet without</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>The pang, the agony, the doubt ...</i></td></tr> -</table> - -<p class="in0">und dann einige Zeilen weiter:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><i>That Love had arrows well I knew</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Alas! I find them poison'd too.</i></td></tr> -</table> - -<p class="in0">Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das -ganze Gedicht, welches mir im übrigen gar nicht -gefiel.</p> - -<p>In Keats war mein Lieblingsgedicht:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><i>I had a dove und the sweet dove died</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>And I had thought it died of grieving:</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>O, what could it grieve for? its feed were tied</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>With a silken thread of my own hands weaving;</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Sweet little red feet! why should you die?</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Why should you leave me, sweet bird, why?</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>You lived alone in the forest-tree,</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Why, pretty thing! would you not live with me?</i></td></tr> -</table> - -<p>Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und -ich sagte es immer leise vor mir her, wenn ich die -Wäsche wusch oder den Boden scheuerte. Überhaupt -ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung, -die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Der Gang eines Gedichtes hat für mich -etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die -Süßigkeit, die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile -auf mich strömt, noch in keiner anderen Form -der Dinge gefunden.</p> - -<p>In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein -Freund hatte mir in den ersten Monaten meines -Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben, -doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. -Manchmal ließ er mich monatelang auf die Beantwortung -meiner Briefe warten, und ich dachte, -er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich -dann in solchen Stunden empfand, kann ich nimmer -beschreiben; wie ich täglich und stündlich seine Nähe -fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, -auf etwas Wunderbares wartete, das ihn mir -bringen sollte. In diesem Glauben ging ich so weit, -daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, -weil ich meinte, er sei da ... Doch er war es nie ...</p> - -<p>Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine -Einladung nach Schottland bekommen, könne mich -aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,« -fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts -von London gesehen haben, Sie sich die Stadt -ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie -dazu für die paar Wochen in das Heim gingen. -Selbstverständlich trage ich die Kosten hierfür.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.</p> - -<p>»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes -Heim, und ich bin überzeugt, daß Sie dort gut -aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden. -Die Vorbereitungen zur Abreise wurden -noch am selben Tage getroffen, und am nächsten Tage -brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und -empfahl mich der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.</p> - -<p>Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den -acht Betten. Ich kannte keines der Mädchen und -bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu -lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, -wartete meiner eine Überraschung. Jemand rief -meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber -und fragte mich, wer das sein könne; welches der -Mädchen mich denn kennen könnte. Diejenige, die -mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei -Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen -Sie doch!« rief sie lebhaft. Ich konnte mich -nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und glaubte -schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf -einmal einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere -Bettnachbarin, das Mädchen mit den großen glänzenden -Augen und dem reichen braunen Haar. Es -freute mich nun doch, daß mich hier jemand kannte -und begrüßte. »Suchen Sie eine Stelle?« frug ich -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -einmal während des Essens. »Nein,« antwortete -sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß -sie deutsche Korrespondentin sei.</p> - -<p>Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, -daß Sie es hier aushalten können.« »Warum?« -frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf sie -erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.</p> - -<p>»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«</p> - -<p>»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich -an vieles gewöhnen,« und als sie das sagte, wurde -ihr Gesicht sehr traurig.</p> - -<p>Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns -nebeneinander, und als das Lied gesungen wurde, -horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in -denen das Mädchen neben mir sang.</p> - -<p>Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das -Britische Museum zu gehen; sagten doch alle, daß -ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim nur -einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst -viel nach dem Wege zu fragen. Als ich vor dem -monumentalen Gebäude stand, blickte ich entzückt -auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen -und einigen Leuten das Futter sogar aus der Hand -fraßen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und -hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich -machte mir etwas Vorwürfe, daß ich so wenig -Interesse für das Britische Museum empfand, und -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich -endlich die Stufen empor, die in die verschiedenen -Räume führten. Leider muß ich jetzt wie damals -bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend -sind, um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft -liegen, würdigen zu können. Ich erinnere -mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die -hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen -ich weder den Wert, noch ihre Bedeutung verstand. -Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien befanden, -erweckten in mir jene Scheu, die ich als -Kind in der Kirche empfand, und ich wagte nur mit -den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese Ehrfurcht -verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder -mit den steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... -Da vor mir in einem Glasschrank lag der letzte Rest -eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe -zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und -tausend Sklaven sanken zitternd nieder ... Wo ist -heute dein Reich? ... Wo ist heute dein Heer? ... -Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen -Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... -So frug ich die braune Hand mit den gelben Ringen, -und die Antwort war eine für mich neue Überzeugung: -daß es noch kein Ich gibt – daß Gott -noch an der Schöpfung arbeitet – daß wir das Mittel -zum Zweck, aber der Zweck nicht sind.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen -Raum, der ebenfalls Glasschränke enthielt, in dem -größere und kleinere Stücke braunes Papier sorgfältig -aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben -anfangs aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in -der nächsten Minute durchrieselten mich fromme -Schauer. Die braunen Stücke Papier waren -Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, -ohne je einen gesehen zu haben. Es befanden sich -mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem -einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein -mit fünf Versen beschriebener Papyrus von Sappho -aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« Ich -konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei -Wochen lang der Tauben und des Papyrus wegen -ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den -Kopf gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es -nicht so weit, da sich im Saale stets zwei Polizisten -befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch zu -beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben -bemerke, seine alte Anziehungskraft für mich noch -immer nicht verloren hat, darf ich aber nicht meinen -Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen -vergessen. Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen -die Wände gefüllt waren, sowie den großen Diamanten, -um den sich in der Schatzkammer alles -drängte, machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -die schmalen Gänge und die dunklen Gemächer -ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine -Bank und betrachtete voll wehmütiger Empfindung -die Kupferplatte, die meldete, daß auf dieser Stelle -zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft wurden. -– Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte -Blätter darüberhin! –</p> - -<p>Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich -spät ins Heim zurück, von dem Mädchen, das sich -mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. Nach -und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen -uns, von der ich nicht recht wußte, wie sie eigentlich -entstanden war. Ich glaube, was mich zu ihr zog, -waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und -traurig aussehen konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche -Erklärung gegeben hatte, war ich überzeugt, -daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal -plaudernd zusammen saßen, wurde mir ein -Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich -schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute -ich mich sehr darüber. Er schrieb mir, daß er sehr -beschäftigt sei und daß ich sein langes Schweigen -verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht -und würde ausführlicher berichten, sobald er -etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin bemerkte -die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, -und frug mich lächelnd, ob der Brief von jemand -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -sei, den ich lieb hätte, und ob dieser vielleicht ein -Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr -dann von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger -und trauriger, und zum Schluß weinte sie.</p> - -<p>»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt -hätte, ehe ich nach Paris ging.«</p> - -<p>Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung -nicht verstehen.</p> - -<p>»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig -Gesellschaft in Paris?«</p> - -<p>»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel – -zu viel.«</p> - -<p>Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete -sich die Türe und einige Mädchen kamen herein. -Wir begannen deshalb von gleichgültigen Dingen -zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr -blaß waren und ihr Lächeln ein gezwungenes war.</p> - -<p>An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner -Dame einen Brief, worin sie mir mitteilte, daß sie -Ende der Woche zurückkommen werde und ich das -Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte -meine Freundin ungemein; sie wich die ganze Zeit -nicht von meiner Seite und sagte, sie wisse nicht, -was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage -vor meiner Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig -und fing oft Sätze an, ohne sie zu vollenden.</p> - -<p>»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -»Ja.«</p> - -<p>»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich -bei diesen Worten über ihre Hand.</p> - -<p>»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie -ich noch nie einen Menschen hatte reden hören. -Dann schloß sie ihre großen, glänzenden Augen, -und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen -Worte zu hören, erzählte sie mir eine sehr -traurige Geschichte. Als sie geendet, weinten wir -beide.</p> - -<p>»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« -frug ich endlich.</p> - -<p>»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.</p> - -<p>»Und lebt es?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht.«</p> - -<p>Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. -»Wie ist das möglich, Sie wissen nicht, ob Ihr Kind -lebt oder nicht?«</p> - -<p>Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, -und mein Mitleid quoll empor. »Sagen Sie mir -alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht erleichtert -es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir -alles; wie der Mann sich nicht mehr um sie gekümmert, -wie sie neun Monate lang gehungert hatte, um -ihr Kindchen bei sich haben zu können, – wie sie -endlich krank wurde und das Kind fortgab, um es vor -dem Hungertode zu schützen. Während der Erzählung -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die -Wangen, und ich streichelte ihre Hände.</p> - -<p>»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug -ich leise.</p> - -<p>Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, -und sagte: »In Paris ist ein Haus, wo man jedes -Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder -einen Namen nennen zu müssen.«</p> - -<p>»Und dorthin –?«</p> - -<p>Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde -auf das Bett.</p> - -<p>»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein – -Nun können Sie ja das Kind nie mehr finden.«</p> - -<p>Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann -es wiedererkennen. Jedes Kind bekommt bei der -Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das -Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«</p> - -<p>Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen -läutete, schritten wir hinunter. Wir aßen beide fast -nichts, und als später das Lied gesungen wurde, da -hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne -neben mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts -mehr über die Angelegenheit. Ich beschäftigte mich -mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte -ich nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette -auf und blickte auf meine Freundin. Sie lag ganz -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich fielen -auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah -ich ein kleines Mädchen, das in einem schmutzigen -Hofe spielte ... es hatte die großen, glänzenden -Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche -braune Haar meiner Freundin, aber um das Handgelenk -trug es einen kleinen Reifen, und an dem -Reifen hing eine Nummer....</p> - - - - -<p class="mt4 in0"><b>M</b>eine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. -Wie früher scheuerte ich die Böden, wusch die -Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei -oft an meine Freundin in London und hegte heimlich -den Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Doch eines -Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer -wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, -meinem Freunde das Geld zurückzuschicken, das ich -ihm schuldete. Selbstverständlich war das nicht leicht -für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen -Lohn erhielt und davon auch noch meine Eltern -unterstützte. In letzterer Zeit hatte ich das allerdings -nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu Hause -gebessert hatten und ihnen überdies auch mein -Bruder nicht mehr zur Last war. Meine Eltern -hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie -wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf -eines Kellners aufgegeben hatte, um jenseits des -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück -zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, -daß ihm ein deutsches Zeitungsblatt aus Brasilien -zugegangen sei, das Mitteilungen über die kühne -Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am -Rande dieser Beschreibung standen die Worte: -»Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir nicht -das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu -dem oben angeführten Zwecke sparte ich alles Geld, -das ich aus den dreißig Schillingen erübrigen konnte, -und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung -des Ganzen überraschen zu können, machte mich -ungemein glücklich.</p> - -<p>Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in -London mir eine andere zu suchen, wäre immerhin -ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte -mich von keinem Penny trennen.</p> - -<p>Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde -nie etwas über diesen Gegenstand, sondern berichtete -stets nur über meine Beschäftigung und -dergleichen.</p> - -<p>Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter -Zeit enthielten sie immer Vorwürfe über meine -anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« -so schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen -zu lernen? Dazu hätten Sie wahrhaftig nicht nötig -gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit -Ihr Talent zu fördern, und ich bitte Sie, die Stelle, -die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben und sich -in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu -suchen und den Nachmittag für Ihr Studium zu -verwenden. Selbstverständlich sorge ich dann für -Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der -Vorschlag für mich war, so konnte ich mich doch zu -einem solchen Schritte nie entschließen, und seufzend -kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und -Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem -Büblein im Lesebuch, das immer sagte:</p> - -<p>»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« -Aber es kam nichts.</p> - -<p>Ein Monat verging nach dem andern, und ich -fühlte mich oft körperlich recht müde. Nach und nach -wurde auch mein Herz müde, und endlich verweigerte -es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller -Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch -wartete ich, wartete vor der Schwelle seines Herzens, -bis sich die Türe auftun würde und er heraustreten -würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in -den Augen ...</p> - -<p>Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich -fast bereute; Stunden, in denen meine heimlichsten -Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit -spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -bist du denn eigentlich fort von ihm?« höhnten sie -oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort von -ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse -kennen zu lernen ... Hatte nicht er es so genannt? -Hatte nicht ich so gewollt? – Gewollt? – -Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, -frugen dieselben fürchterlichen Stimmen -wieder: »Und wenn du nicht fort wolltest, warum -bist du denn gegangen?« – Und ganz urplötzlich -wußte ich es, und meine Wangen lernten eine neue -Röte und mein Herz lernte eine neue Qual. – So -im Hader mit mir selbst verging die Zeit.</p> - -<p>Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht -schlafen konnte, trotzdem ich den ganzen Tag gelaufen -und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen -Augen lag und sann und sann, bis alle guten und -alle bösen Geister um mich waren. – Wie mit -hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, -zogen und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen -und banden; und als sie fort waren, da tanzten -feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die -sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage -hieß: »Darf ich wiederkommen?« – Warum nicht? -schrie ich und ballte die Fäuste gegen die glänzenden -Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so -fein, so wunderbar, – und da wuchs um jeden -Buchstaben ein Kranz von Flammen, und als ich -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben -darum,« hieß es, und hinter der Schrift lag ein vornehmer -ruhiger Schein. Aber ich wollte die Schrift -und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, -wie ein eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine -andere und eine andere. Nach und nach schienen -sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet -zu haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch -auf mich einzudringen und griff mit frechen Fingern -nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch -immer nicht übergeben wollte.</p> - -<p>In solchen Augenblicken aber kam er mir zur -Hilfe. Wie durch einen Zauberschlag stand er mitten -unter den geifernden Kreaturen, und seine Gestalt -überragte die größten unter ihnen.</p> - -<p>»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht -zeigte das gütige Lächeln und den besorgten Blick. – -»Ja, ich glaube,« sagte ich. – Und dann hielt ich die -Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche -die goldene Monstranz heben sah, und wie damals -alles Volk niedersank, so sanken jetzt meine Quälgeister -in nichts zusammen und wurden still. –</p> - -<p>Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie -wir früher bei unserem persönlichen Verkehr jedes -Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken -hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe -immer kühl und ruhig, und nur hie und da war -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder Schmerz -nicht ganz verbergen konnte.</p> - -<p>Aber von diesen Zeilen lebten wir – ich wenigstens. -– An diesen Zeilen hing meine ganze Seele, -aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und alle -Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen -Körper zur Pflicht zu überreden.</p> - -<p>Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich -war. Daß ich mit einem Lächeln in den Augen die -kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, und -selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem -Januarmorgen vor dem Hause kniete und die Stufen -weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich des -Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren -Inhalt auf mein Bett streute. Dieses Geld war -mein größter Schatz. Ich verbarg es immer so -ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn -es mir durch irgendeinen Zufall verloren gegangen -wäre. Ich war fest entschlossen, die Stelle zu verlassen, -sobald ich alles Fehlende verdient hatte und -noch eine kleine Summe darüber, die es mir möglich -machen würde, im Heim zu wohnen, bis ich etwas -Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als -ich dachte.</p> - -<p>Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, -ihre Tochter ins Ausland in ein Pensionat zu -schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen. -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht -wohnen und sagte mir, daß sie das Haus vermietet -hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen ginge. -Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen -an meinem Ersparten fehlten und ich daher imstande -gewesen wäre, das Geld in drei bis vier Monaten -absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung -im ersten Augenblick auf das heftigste. Doch -dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich -vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen -würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden -könnte.</p> - -<p>So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn -Monate in einer ganz eigenen Art glücklich und unglücklich -war, und als ich mich in meinem Zimmer -zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen -in die Augen, und ich stieg die Treppe schluchzend -hinab.</p> - -<p>In London angekommen, ging ich wieder in das -Heim, wo meine Freundin mich auf das allerherzlichste -begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun -wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte -sie für mich nicht tun. Meine allernächste Sorge -war nun, eine Stelle zu finden, um von dem ersparten -Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich -wandte mich wieder an die Vermieterin, die mir -meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie -nun schon längere Zeit in England sind und auch -ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so dürfte -es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. – -Was für eine Stelle möchten Sie denn gerne haben?« -Ich dachte an die sechzig Kronen, die ich schon so -gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz -gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich -sehr glücklich machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung -der englischen Sprache finden zu können. -»Möchten Sie wohl,« sagte sie, »<i>under nurse</i> sein?« -Ich hatte den Namen nie gehört und konnte mir -daher von der Stelle keinen Begriff machen.</p> - -<p>»Was ist das?«</p> - -<p>»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie -werden nämlich genug Gelegenheit haben, Englisch -zu lernen, da die <i>head nurse</i> eine Engländerin ist -und mit den Kindern nur Englisch spricht.«</p> - -<p>Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir -bereitwillig gab.</p> - -<p>»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn -Sie jetzt selbst hingehen und sich vorstellen. Gefällt -Ihnen die Stelle, so ist es gut, gefällt sie Ihnen -nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab -sie mir die Adresse und ich machte mich auf den -Weg.</p> - -<p>Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -vielem Herumsuchen endlich an einem sehr hübschen -Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein nettes -Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr -und bat mich dann, im Vorzimmer zu warten. -Ich setzte mich auf einen der steifen Eichenholzstühle -und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses -noch sehr lange nicht kommen würde. Sie erschien -aber bald und war sehr freundlich. Nachdem sie mir -verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum -Schlusse, ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie -mich nicht annehmen, ehe mich die <i>nurse</i> gesehen -hätte. Da aber die <i>nurse</i> mit den Kindern ausgegangen -sei, so müßte ich entweder warten oder -wiederkommen. Ich entschloß mich für das erstere. -Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der <i>nurse</i> -gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen -herannahen. Gleich darauf trat die Dame ein und -bat mich, nach oben zu kommen. Oben waren -vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die -sich zankten. Eine sehr magere Frauensperson, -in der ich richtig die <i>nurse</i> vermutete, versuchte -Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst -nach dem Hervorholen eines Stockes erfolgreich -war, als alle vier gleichzeitig die schützende Weite -suchten. Die <i>nurse</i> stellte den Stock wieder vorsichtig -in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen -der Dame zu. Sie blickte mich -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -einige Male an, und mit großer Erleichterung -glaubte ich wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. -Die Dame erklärte mir dann, was ich zu tun -haben würde, und mir wurde bange, je länger sie -sprach. Als sie mich dann zum Schlusse fragte, -ob mir alles recht sei, da dachte ich wieder an die -sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.</p> - -<p>Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. -Hatte ich von der Stellung einer »<i>under nurse</i>« bisher -keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun bald -eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war -ich von den vier Dienstmädchen des Hauses die -niedrigste, und jede der drei anderen ließ mich das -fühlen.</p> - -<p>Da ich auch der Sprache nur unvollkommen -mächtig war und weder das Stubenmädchen noch -die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten -und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch -legten sie mir alle möglichen Arbeiten auf, die -sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen und -dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat -ich alles. Doch schrecklicher als der Tag war in -diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich mit -dem Stubenmädchen und der Köchin in einem -Zimmer zu schlafen und biß oft die Zähne zusammen, -wenn ich an mein stilles Zimmerchen in -Marlow dachte. Die beiden Mädchen unterhielten -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -sich gewöhnlich bis Mitternacht; sie erzählten sich -gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt -hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle -männlichen Taufnamen im Kalender. Diejenige, -die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. Sie -war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie -mich schlagen wollte, wenn ich etwas nicht schnell -genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit machte. Doch -jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, -und mein Glück bestand in dem Ausgang der Köchin -und in ihren Liebesbriefen. So oft sie nämlich einen -Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war -sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr -ein Soldat eine silberne Brosche geschenkt, und sie -war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie am -Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, -ohne daß sie von dem einen oder dem andern hörte, -so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit keine Grenzen. -Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten -gewartet in der Hoffnung, daß er etwas für mich -haben würde, so wartete ich nun, und wenn das -möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals -auf ihn, in der Hoffnung, daß er etwas für die -Köchin haben möchte. Und an dieser Stelle danke -ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, -Fleischhauern und anderen, die so glücklich waren, das -Wohlgefallen der Köchin zu erregen, für die ziemlich -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten und mit -denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich -gemacht haben ...</p> - -<p>Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, -und darauf verließ das Stubenmädchen das Haus -noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen -war sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. -Sie war immer gut zu mir, und darum hatte -ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so zart -aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte -und wir allein in unserem Zimmer lagen, fing das -Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was -haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern -erzählte sie mir, daß sie einen Bräutigam habe, -der in einem Krankenhause für Lungenschwindsüchtige -hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie -einen Brief hinter dem Kopfkissen hervor und -reichte ihn mir. Bei dem ungewissen Licht der Kerze, -die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere -und doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und -dabei ein Gedicht, in dem die unendliche Sehnsucht -nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend -glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken -mit sich trug.</p> - -<p>»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung -zu verbergen, »sicher, er wird wieder -gesund.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« -Ihre Augen waren tränenleer, und nur ihr Mund -zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin löschte ich -die Kerze aus, mir schauderte ...</p> - -<p>Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr -seit diesem Abend wo und wie ich nur konnte. Einmal -aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem Schlafe -empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, -sie sei sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten -Tag erbat sie sich einen halben Tag Urlaub, doch sie -kam nie wieder....</p> - -<p>Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate -gewesen war, trug ich eines Tages einen Brief -zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief war -an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag -meiner Schuld. Noch etwas anderes enthielt der Brief: -den Aufschrei eines zum Tode gequälten Herzens. -Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit -meiner Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. -Sein Brief war voll von Vorwürfen über das bisherige -Verschweigen meiner Verhältnisse, das er -Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat -er mich, keine Stelle mehr anzunehmen, sondern -mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu -widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu -können. Das Geld, das ich ihm geschickt hatte, -sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen -würden folgen.</p> - -<p>An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten -hatte, hatte ich Ausgang, und ich ging zu meiner -Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief -meines Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, -sein Anerbieten ja anzunehmen. »Ich kenne die -Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann -es ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach -sie lange, und weil ich so gerne gelernt hätte, und -eine neue Stelle der Köchinnen wegen fürchtete, -sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann -noch, daß sie daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, -und schlug mir vor, mit ihr ein Zimmer zu -nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag -gefiel mir hauptsächlich der Billigkeit halber, und -so kam es, daß ich wieder einmal meine Koffer packte -und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner -<i>boardinghouse</i> zog. Der Gedanke, daß ich meinem -Freund wieder Geld schuldete, bedrückte mich zwar, -doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, um die -Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, -und dann? ... Ja und dann? ... Jähe stockten meine -Gedanken. Die alten Kobolde waren auf einmal wieder -da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. -Mit aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte -ich jedes Denken an die Zukunft ab und lernte ...</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -In dem <i>boardinghouse</i> ging es recht bunt und -lebhaft zu. Die Gäste gehörten verschiedenen -Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen. -Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten -Seidenturbanen auf den Häuptern; einige Chinesen, -die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode -geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für -die Bühne zu dick geworden war und immer Bilder -aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein blasser verlebter -Mann aus der Schweiz, der sich über die -Zustände in England bitterlich beklagte, weil er kein -Mädchen finden konnte, das ihm ohne den üblichen -Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen -wollte, wie er das in Paris so gehabt hatte; ein -Deutscher, der fortwährend über das Essen schimpfte; -und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie bezahlen -konnte und jeden Samstag Selbstmord -versuchte.</p> - -<p>Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch -ganz gut gefielen, suchte ich dennoch keinen Anschluß. -Anders aber gestaltete sich das mit meiner Freundin, -die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen -aus der Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich -im Anfang erstaunte, später erzürnte und zum Schluß -empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft das -allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich -beisammen saßen, und setzte mich in unserm kleinen -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Stübchen auf mein Bett, bis meine Zimmergenossin -heraufkam. Sie war dann immer recht -heiter und erzählte eine Menge Geschichten, die -ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte und die -mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. -Ich gab ihr dann nur einsilbige Antworten, worauf -sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune verfiel und -erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. -Oft drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die -Zunge, doch ich zwang sie jedesmal zurück, weil -mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie vielleicht -recht habe und daß ich wirklich fad sei.</p> - -<p>Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit -mein Betragen gutzumachen und zeigte mich sehr -belustigt über die Dinge, die sie mir dann wiedererzählte. -In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. -Ich hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie -hatte mir aber einmal ganz unumwunden erklärt, -daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So hielt -ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und -hätte sie noch länger aufrecht erhalten, wenn sie -nicht eines Abends etwas getan hätte, das dem für -mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende -machte.</p> - -<p>Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh -in unser Zimmer gegangen und hatte sie in der Gesellschaft -der anderen Gäste gelassen. Ich lag schon -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt -aus und schüttelte sich vor Lachen.</p> - -<p>»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. -Unter fortwährendem Lachen zog sie ein -Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. -»Das ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«</p> - -<p>Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen -und sah, daß es ein französisches Blatt war. »Ich -kann doch nicht Französisch,« sagte ich.</p> - -<p>»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen -vor.«</p> - -<p>»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals -ein.</p> - -<p>»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte -sie sich neben mein Bett und las mir eine Geschichte -vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts -weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und -hielt mir die Ohren zu. Darauf lachte sie überlaut.</p> - -<p>»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit -können Sie das Ende kaum erwarten.«</p> - -<p>»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, -und weil sie noch immer nicht aufhörte, -sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das -nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine -lange Zeit. Als ich endlich wieder zurückkam, lag -sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.</p> - -<p>Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -unmöglich war. Am nächsten Morgen sprachen wir -beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet hatte, -verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten -Ende Londons ein anderes Zimmer.</p> - -<p>Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. -Ich hatte von diesem Gebäude schon oft -gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, -es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie -Stunde dazu zu benutzen.</p> - -<p>Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der -nächsten Tage vor den grauen Mauern der ehrwürdigen -Abtei und befand mich einige Minuten -später unter dem Schwarm der Besucher, der die -hohen Gänge füllte. Ich ging aber nicht wie diese -herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten -Ecke stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, -was ich jetzt fühlte. Ich befand mich wie unter -einem Zauber – wie unter der persönlichen Berührung -aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt -hatten – und längst Staub und Asche sind. Endlich -rührte ich mich und schritt von einem Monument -zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin -und sah nur die unendliche Größe der Dinge, die -Dinge selbst sah ich kaum. Nachdem ich fast die ganze -Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich plötzlich -eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es -fiel mir ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Minuten vorsichtig um, weil ich nicht wußte, ob es -erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann rasch -und trat hinaus. – Ja, wirklich hinaus, denn dahinter -lag keine andere Kapelle mit den Särgen -und Monumenten von Königen und Königinnen, -wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen -Tür lag ein ziemlicher großer viereckiger Garten, der -zwar keine Blumen, aber einen sehr schönen Rasen -hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich inmitten -der hohen altersgrauen Mauern, die eine -mehr als ein halbes Jahrtausend lange Geschichte -erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es standen -einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da -die Kirche selbst früher ein Kloster war, so vermutete -ich sofort, daß dieser Platz der Klostergarten gewesen -sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der Mönche, -wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer -kamen, in ihren dunklen Gewändern langsam -über den leuchtenden Rasen schritten und dann -in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. -So oft ich später die Westminster-Abtei besuchte – -und ich tat das sehr oft –, brachte ich erst den Grüften, -dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von -dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf -dem Jakob seinen berühmten Traum geträumt -habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen -herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -dar. Dann aber folgte ich dem Zuge -süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über -verspürt hatte, und schlüpfte durch das niedere -Pförtchen in den Klostergarten. Während ich nun -auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte, -weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht -blendete, dichtete ich oft ein schönes trauriges -Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.</p> - -<p>Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden -Beschaulichkeit abgesehen, war jeder Tag -ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe fehlen, -die englische Sprache gründlich zu erlernen und -dichtete seit einiger Zeit auch schon englische Gedichte, -die, wenn sie mir auch die Dankbarkeit der -Engländer nie erringen werden, mir große Freude -bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber -seine Anerkennung aus und fragte mich nun öfters, -was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte, ob -ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. -Auf diese Fragen antwortete ich aber nie, und als -endlich die Zeit kam, in der ich darauf antworten -mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus -überfiel, als er seinen Meister verleugnete. »Denken -Sie, daß ich zurückkommen darf?« so frug ich ihn. -Später trug ich den Brief zur Post, und als ich -zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine -alten Teufel. »Ist etwas, das gut ist, nicht fraglos, -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?« In allen -Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und -neben diesem Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag -der Nacht. Die Tage schlichen meiner zitternden -Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche -Angst vor irgendetwas Unbekanntem. -Was wird er schreiben? Und wann wird er schreiben? -So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, -endlich kam sein Brief. Er stak in einem blauen -Umschlag und wog schwer in meiner Hand. Ich -konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen -und wünschte fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. -Endlich aber las ich ihn, und ich las ihn lange ... -Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken -ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich -um. Alle meine Teufel waren fort; alle Angst, alle -Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie eine Wolke -hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein -Gefühl auf, dem ich noch keinen Namen geben -konnte, das wie ein vom Traum Erwachter in mir -herumschwankte und sich endlich mit festem Druck -gegen meinen Hals stemmte.</p> - -<p>Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht -auf die Arme, und so saß ich lange. Als es dunkel -und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem -Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal -in der Nacht setzte ich mich auf und entzündete -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe -an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.</p> - -<p>»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, -wie es geworden wäre, wenn Sie aber wiederkommen, -so weiß ich ja, wie es werden wird ... -Nur ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind -kein gewöhnliches Mädchen. Sie gehören dem -Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ... -Und weil ich das begriffen hatte, schon -als ich zum ersten Male mit Ihnen sprach, habe ich -getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan habe; -die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... -und ausgelacht ...«</p> - -<p>Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still -in meinem Bett ... Das also war das Ende ... -Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken -zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das -holdeste Wunder des Lebens zu mir kam, und jeder -Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen. -Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das -er mir geschenkt hatte, sich wie ein glühender Stempel -in meine Seele preßte und empfand noch einmal alle -Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... -Und ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans -und an sein junges Weib ... Ein ungleiches Ende, -aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher -für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -Weibe oder zu seinem schönsten Traume und zu seiner -dauernden Sehnsucht macht? –</p> - -<p>Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, -begriff ich nun auch. »Ja,« sagte ich, und ich sagte -es ganz laut in das dunkle Zimmer: »Unzufrieden, -unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft -befreit und morgen an eine andere gekettet, wird er -durch das Leben taumeln ... Ewig verlangend, -sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden -Ekel kosten ...</p> - -<p>Aber über jede Begierde und über jeden Ekel -da wird die eine Sehnsucht stehen, die den Trunk -verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des -Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm -des Tages wird er sie empfinden, aber wenn er des -Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht, wird -sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele -zittern ...« Und nachdem ich das gesagt hatte, da -lächelte ich, jenes Lächeln, das die Frauen lächeln, -wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ...</p> - -<p>Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr -früh und wanderte durch die Straßen Londons. -Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch -oft und oft und noch lange, lange wandern würde. -Einmal blieb ich stehen und trat in ein kleines graues -Gebäude. Es war eine katholische Kirche. Ich ging -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die -lebensgroße Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum -ersten Male in meinem Leben ließ mich der Anblick -kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er -denn überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch -geworden, um unsere Leiden fühlen zu können, aber -er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur die -Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene -Leidenschaften und Sünden kannte er nicht. Seine -göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche Stärke, -göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er -von der Natur eines Diebes, eines Räubers, eines -Mörders, eines Meineidigen, und trotzdem er aus -Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden -der Liebenden? ...</p> - -<p>Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt -hinaus. Ich schritt auf den Zehenspitzen hinaus, weil -ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber dämmerte -die Religion des Lebens, die älter ist, als die -Lehre Jesus ... und da, vor mir und neben mir, -gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die den -letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für -das Unbekannte; Männer mit starken Fäusten und -harten Blicken, denen man ansah, daß sie gekämpft -hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, -denen man ansah, daß sie überwunden hatten in -ihrer Art ... Männer und Frauen, die in der Herbe -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten -als jener Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen -auch ich gehörte ...</p> - -<p>Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue -Weisheit und eine neue Liebe ... eine Weisheit, -der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, der alle -frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine -Einsamkeit zurückkehrte, da redeten die Steine ...</p> - - -<p class="mt2 ce"><span class="ge">Ende.</span></p> - - -<p class="mt2 ce fss"><a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -<span class="ge">Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig</span></p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt -verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter -die Widmung verschoben.</p> - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br /> -"un «" geändert in "uns.«"<br /> -(»der Stuhl gehört uns.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br /> -"mir" geändert in "wir"<br /> -(und so schritten wir langsam dahin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(alles was ich haben will, ist ein Kuß.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(und maß mich mit kritischen Blicken.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_058">58</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Oh,« sagte meine Mutter)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -"»" entfernt vor "muß"<br /> -(muß ich dir leider Lebewohl sagen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_073">73</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_089">89</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(daß ich mein Glück gefunden hätte.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br /> -"sein" geändert in "seine"<br /> -(warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_154">154</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_160">160</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(und ich habe eine Krone für jeden.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(wenn du aufs Land gehen könntest.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(daß ich es aufbringen kann.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_177">177</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br /> -"icht" geändert in "nicht"<br /> -(Selbstverständlich war das nicht sehr viel)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_199">199</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»vielleicht erleichtert es Ihr Herz)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br /> -"dabe" geändert in "dabei"<br /> -(Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br /> -"andres" geändert in "anderes"<br /> -(Noch etwas anderes enthielt der Brief)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_223">223</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Stromaufwärts, by Angela Langer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STROMAUFWÄRTS *** - -***** This file should be named 62380-h.htm or 62380-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/8/62380/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. 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