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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Fuxloh - oder Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel - -Author: Hans Watzlik - -Release Date: May 19, 2020 [EBook #62178] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FUXLOH *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center bold">HANS WATZLIK</p> - -<h1>Fuxloh</h1> - -<p class="center smaller">oder</p> - -<p class="center gesperrt">Die Taten und Anschläge des -Kasper Dullhäubel</p> - -<p class="center">*</p> - -<p class="center">Ein Schelmenroman</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center bold">L. STAACKMANN VERLAG / LEIPZIG</p> - -<p class="center">1922 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.</p> - -<p class="center">Für Amerika:</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Copyright 1922 by L. Staackmann Verlag, Leipzig</em>.</p> - -<p class="center p2">Gedruckt bei Dr. Kurt Säuberlich in Leipzig</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Das_grune_Holz">Das grüne Holz.</h2> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> -</div> -<div><img class="drop" src="images/drop-f.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den -Örtern Blaustauden und Grillenöd, abseits von -den breiten Straßen duckte es sich verloren in den -Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. -Obst trug dort nur ein einziger Mostbirnbaum, der -über hundert Jahre alt war, doch waren seine Birnen -so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn -man hineinbiß. Sonst gediehen nur noch ein paar -Vogelbeerbäume und Elexstauden droben an den -felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte -die weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.</p> - -<p>Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder -sind darüber gewachsen.</p> - -<p>Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den -Bauern den Schlund aus. Drum war in dem Ort -der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die -Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie -knöpften sich den Latz vom Hosenboden ab und saßen -auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder zu schonen.<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische -Hemden ins Wirtshaus. Und hie und da banden -sich die Säufer mit Stierketten aneinander, daß keiner -sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche und -sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.</p> - -<p>Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, -Wilderer und Raufer verrufen, im Lauf der Zeiten -aber verloren sie allmählich den übeln Leumund. -Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in -des Nachbarn Acker rückte, Rösser wurden überhaupt -nimmer gestohlen, und selten nur weckte einen nachts -das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er -aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo -auf einer Waldschneise einen Bock niederknallte.</p> - -<p>Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art -der Fuxloher treulich erhalten.</p> - -<p>In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die -Bauern vom Dorf herab immer die Gänse trieben, -daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem -moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein -verschmitztes Gesicht gemalt war mit dem Spruch:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Gott, gib jedem Lumpenhund<br /></span> -<span class="i0">zehnmal mehr, als er mir gunnt!<br /></span> -</div></div> - -<p>Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel -mit dem Preußen Krieg führte, hauste der Pankraz<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der Reichtum -ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen -Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, -als Tage im Jahr waren. Er ließ das Geld springen -und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein -Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß -und Türk sein mußten, da lohnte sich sein falsches -Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der sich -über die Grenze herüber verirrt hatte, und der -wurde ohne Erbarmen ins Regiment gestoßen, und -viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im Krieg -auf der blutigen Fleischbank verdarben.</p> - -<p>Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der -Pankraz handelte ihn einem wallischen Juden ab, -und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer, der -das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch -Macht gewann über alle andern.</p> - -<p>Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern -einen Handwerksburschen und kettete ihm die Hände, -und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um ihn -dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die -Schuhschnalle zu schließen, die ihm aufgesprungen -war. Den Augenblick nutzte der Gefangene aus, -er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, -daß er hin war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span></p> - -<p>Ein arger Vogel legt ein arges Ei.</p> - -<p>Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz -Dullhäubel. Der trieb sich in grünen Jahren in den -Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen -Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel -ihm leicht, da er sich dazu himmlische Hilfe zu -sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein Wildbret -in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß -der damalige Geistliche ihn und seine Wege täglich -ins Meßgebet ein.</p> - -<p>Als dem Servaz einmal von einem Jäger der -Fuß krumm geschossen wurde, mußte er das freie -Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut gab -ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer -waldauf und waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz -ging, gab ihm die Bäurin immer sein Totenhemd -mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, -der Schädel zerschrammt von splitternden -Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne eingeschlagen. -Mit heraushängenden Därmen schleppte -er sich einst von Fuxloh nach Blaustauden zum -Balbierer, dort schob er fein lind das Gedärm zurück -in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch -und nähte es sich selber mit des Balbierers Nadel -zu. Die Naht hielt hernach noch dreißig Jahre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<p>Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in -seinem Buch ein Gesetzlein vorweisen, danach er -noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem Absterben -noch erschlug er auf der Kegelbahn den -Waldheger von Daxloh mit einem Kegel.</p> - -<p>Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.</p> - -<p>Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz -Dullhäubel. Der hatte es wiederum auf das -Bier und den groben Bauernwein abgesehen und -soff und schlampampte, daß es ihm schier zu den -Ohren herausrann. Fuhr er mit dem Rössel -in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle -Flaschen und streute das Geld den Kellnerinnen -hin. Bei jedem Krug, der ihm vorgesetzt wurde, -tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen -an seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz -offen, so zahlte er seine Schuld, knöpfelte wieder -zu und hub von frischem an. So wurde er auch -in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen -Trunk mehr bewältigen konnte, so bahrten Wirt -und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das -Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden -durch Wald und Sternschein heim. Doch hielt es -vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, -beim Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -Mausfalle, beim blauen Mondschein, und wie die -Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene reckte -sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, -füll nach!«</p> - -<p>Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer -gekommen, der Dullhäubelhof aber hielt den Säufer -aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh -gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel -reicher sein können, wenn es sie darnach gelüstet hätte. -Denn der Pankraz, der Guckähnel, hatte einen -schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst -hätte das schneeblührieselweiße Roß gar gern -geritten und dafür den ganzen weitmächtigen Wald -bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber -hätte nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor -ihm auf den Knieen gerutscht wäre.</p> - -<p>Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken -kam der Bonifaz Dullhäubel um die -Gesundheit.</p> - -<p>Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da -kroch der Bonifaz in der Scheuer des Wirtes -»zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren -Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten -ihn aus Übermut unter dem Heu. Sie vergaßen -ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und erinnerten<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam -und nach dem Bonifaz fragte. Schnell räumten -sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit -lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen -den Weg zum Gericht scheuten, so halfen sie sich, -wie sie es verstanden: sie schlugen einen Haken in -die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten -den Toten dran und drückten ihm seinen breiten -filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann schrieen -sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der -Bonifaz hat sich aufgehängt!« Und weil eben ein -Sturm anfing, glaubten die Fuxloher ihnen gern -und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem -Bonifaz um Hals und Bart schnürte, und der -Totengräber in Blaustauden drunten grub das -Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der -Bonifaz nimmer heraus und umgehen könne.</p> - -<p>Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die -Truhe. Sie meinte, in der Ewigkeit sei es hübsch -lüftig, und der Selige sei allweil heikel gewesen -auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife -ins Maul, er möge sich jenseits etwas vorqualmen, -daß ihm Zeit und Ewigkeit besser vergingen. Sie -war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.</p> - -<p>Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p> - -<p>Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor -Dullhäubel. Der schlug sich, als er zur Mannheit -kam, mit einem Stein die vordersten Zähne aus, -womit die Soldaten das Papier von den Patronen -reißen, daß das Pulver ins Gewehr rinne. So -blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.</p> - -<p>Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann -müsse neun Kinder zeugen, und da mußte nicht -bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch -alle Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die -Kinder außerhalb der Ehe wuchsen frisch und fröhlich -heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt. -Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die -Brut, sie schlief gern und schlief allweil ein, wenn -sie säugte, und der Säugling fiel ihr dabei oft -aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges -ausgenommen, keine Kinder, trotzdem daß sie sehr -fruchtbar war und nur Zwillinge und Drillinge -gebären konnte.</p> - -<p>Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des -Bauers. Doch die Sodonia, die Altbäurin, war -ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes -schwer bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal -ein Staudenkind auf die Welt kam und die Sodonia -ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur:<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> -»Fürs Lebendigmachen ist noch keiner gestraft -worden.«</p> - -<p>Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas -mit, und weit und breit tat es ihm keiner -gleich im Schnupfen. Nicht einmal der Blaustaudner -Schulmeister, der, selbst wenn er die -Orgel zum Hochamt schlug, den Tabak nicht völlig -entbehren konnte und darum auch beim Spiel allweil -ein braunes Häuflein auf dem Handrücken -trug und die Nase oft und oft inbrünstig dazu -niederstoßen ließ und mitten in Gottes Lobpreisung -andächtig hineinschnupfte.</p> - -<p>Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er -in den Fasten nicht, so sehr es ihn auch lüstete; -er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu gefallen. -Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: -»Christ ist erstanden!«, da nahm er sich wieder -das erste Schnüpflein. Als aber am Auferstehungstag -einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet -an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer -in den Erlösungsruf ausbrach, schlug sich der Isidor -ungestüm den Tabak auf die Hand: »Ob der Herrgott -auferstanden ist oder nit, – ich schnupf!« -Seither fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm -einer dies als Laster vorrückte, wehrte er sich:<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -»Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer -Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen -Kelch zum Altar getragen. Freilich hat der mit -seiner geistlichen Nase nur Spaniol mögen, und -ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott -kennt keinen Unterschied.«</p> - -<p>Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel -herunternahmen, lümmelte der Isidor mit seinem -Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«, -ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters -trösten und lüpfte eifrig den Krug.</p> - -<p>»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. -»Es ist dein Glück, daß er im Ausgeding gesessen -ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof versoffen.«</p> - -<p>Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner -versaufen, als ich hab. Und vergönn es ihm, neid -es ihm nit in die Grube nach!«</p> - -<p>»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die -Stimme, »Dullhäubel, ich weiß es: der Durst -schluckt den Bach samt der Mühl.«</p> - -<p>»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« -grinste der Bauer. »In aller Früh gehst du aus, -schlagst mit der Stange den Tau von den Erlen, -daß du Wasser aufs Rad kriegst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span></p> - -<p>In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei -scharfe senkrechte Falten, er packte das Stutzenglas -und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß -die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer -sein Glas und trümmerte es dem Müller auf das -Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.</p> - -<p>Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie -blutig und lachten.</p> - -<p>»Nix für ungut, Müllner.«</p> - -<p>»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen -andern Sinn kriegen!«</p> - -<p>Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen -Tabakglas den Stöpsel weg, den er aus Weiberhaaren -geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich -an dem scharfen Brasil.</p> - -<p>Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, -dein Weib hat sich ein ungeschicktes Wochenbett -ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die Wehstund -sie angepackt.«</p> - -<p>Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, -die sich mit einem Schnöpflein heben wollte, sank ihm.</p> - -<p>»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« -redete die Wirtin zum Fenster herein.</p> - -<p>Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, -daß sie leichter niederkommt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p> - -<p>»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das -ist kein ungeschickter Ort, Wirt. Da springt der -heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«</p> - -<p>»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte -die Wirtin. »Ich für mein Teil komm um einen -weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der -Stube hin und her und beutel das Kind ab.«</p> - -<p>Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, -der Bub. Ein hoher Herr soll er werden; Steuern -soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und den -Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.</p> - -<p>»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. -»Jetzt, wo wir Müllner so schwer geschädigt sind -von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben sie -uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen -dürfen, so weit unsereiner den Hammer hat werfen -können. Heut nimmer. Früher ist meine Mühl -eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder -sein Korn nach Trippstrill und Schlampampen.«</p> - -<p>»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in -die Stube.</p> - -<p>»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie -schwerhörig die Hand ans Ohr.</p> - -<p>»Drei Buben. Bis jetzt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p> - -<p>Der Dullhäubel faltete die Hände. »O Herr, -halt ein mit deinem Segen!«</p> - -<p>Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand -die Hebamme mit einem mächtigen Wickelpolster, -drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine Magd -trug das dritte Kind.</p> - -<p>»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. -»Eine harte Geburt! Gerad vor der Kapelle.«</p> - -<p>Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er -ihr also nit geholfen, der Blaumantel? Da steht -er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, -wo meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt -er sich nit. Jetzt reicht er keine Hand.«</p> - -<p>»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« -beschwichtigte ihn der Müller.</p> - -<p>Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die -Muttergottes selber aus ihrem silbernen Gewölk -gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer -Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner -Kapelle treten können?!«</p> - -<p>»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die -Hebamme, »und geht gleich mit zur Taufe, daß -die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie -ins Engelreich kommen und drüben einen Namen -tragen. Der ist traurig dran, der keinen Namen<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, -es sind Siebenmonatkinder.«</p> - -<p>Die zwei Männer standen auf und wankten -mürrisch den Weibern nach ins Pfarrdorf Blaustauden -hinunter.</p> - -<p>Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar -dem Müller in die Arme, derweil der Bauer den -einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu -dem Taufstein.</p> - -<p>Der Pfarrer ließ nicht lange warten.</p> - -<p>»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die -drei Eismänner haben schon auf deinem Hof -gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen, Dullhäubel. -Taufen wir die da nach den drei Königen!«</p> - -<p>Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. -Die Büblein hielten sich mäuselstill, und -erst, als bei der Taufe des Kasper, den der -Bauer selber hielt, der geistliche Herr fragte: -»Widersagst du dem Teufel?« da schrie der Bub -gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, -dem er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar -nicht einverstanden.</p> - -<p>»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die -Zähne ein!« drohte der Pfarrer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p> - -<p>»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den -Kasper!« bat der Bauer. »Spart kein Wasser nit!«</p> - -<p>Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge -überließen, merkten sie, daß der Melcher und -der Balthauser kein Schnäuferlein mehr taten. -Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest -an sich gedrückt haben, und es war ungewiß, ob -sie getauft oder heidnisch ins Jenseits eingefahren -waren.</p> - -<p>Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der -hielt die lebendigen Augen offen und sah scharf -darein. »Der hat gescheite Augen,« frohlockte der -Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«</p> - -<p>»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der -Spitzbub,« sagte die Hebamme. »Ich will ihn -auf der Schaufel dreimal in den Backofen schieben, -dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. -Speibendes Kind, bleibendes Kind!«</p> - -<p>Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten -Wein auftragen, wie ihn die Weiber -gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem -Lebendigen und den Toten heim.</p> - -<p>Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.</p> - -<p>Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte -glashell hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p> - -<p>»Blaumantel, ob du schon schlafst?«</p> - -<p>Der hölzerne Heilige drin redete nicht und -deutete nicht.</p> - -<p>»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger -Blaumantel!« spottete Isidor. Er tappte sich zu -dem Heiligen hin und schüttete ihm das Tabakglas -in den Bart.</p> - -<p>Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß -die Kapelle zitterte. Mit schlotternden Knieen floh -der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie hinter -ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel -nimmer lang tragen!«</p> - -<p>Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, -das geschah. In ein paar Jahren starb dem -Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib -ab, wie eine Blume an der grünen Staude verwelkt, -und weil er hörte, daß die alten Ritter, -wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, -sich für die fleischene eine eiserne an den Arm -hatten schnallen lassen, so suchte er einen Kupferschmied -heim, und der setzte ihm eine kupferne -Nase zwischen die Augen.</p> - -<p>Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er -nimmer schnupfen konnte, und er vergaß es dem -Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; -schimpfend stampfte er an ihm vorbei und rückte -den Hut nimmer.</p> - -<p>Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch -war, und sich schon selber die Tür auftun konnte -und ganz listig schon aus den engen Augen herauslugte, -da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle -und schalt unflätig hinein. So keimte in dem -kleinen Kasper ein Widerwille auf, und der wuchs, -als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er -etwas Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen -drohte und diesen als Vorbild eines wohlgefälligen -Wandels hinstellte.</p> - -<p>Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht -der wunderlichsten Wunder aus und dichtete ihm -alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, -so daß der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger -Schatten schien. Vor seinem Zauber -wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der -Lahme, versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen -ihn, Blinde wurden geheilt an dem Schimmer -seines blauen Mantels.</p> - -<p>Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und -staunte voll Angst und Trutz hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> - -<p>Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter -der Gittertür geborgen vor Regen und Schnee, -hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem, -rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und -langer Nase stand er drin, das Haupt geneigt -unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn angeleimt -einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, -den Mund weit offen und die Arme abwehrend -von sich gestreckt, als seufze er: »Gott, -hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«</p> - -<p>»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig -den Bart gestutzt, aber gleich ist er ihm wieder -nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die Sodonia -dem Buben.</p> - -<p>»Warum ist er denn heilig?«</p> - -<p>»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein -Lebtag.«</p> - -<p>»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der -schlaft auch in einem Steinriegel hinter der Mühl.«</p> - -<p>»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin -verdrossen.</p> - -<p>Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der -Blaumantel gekommen? Hat er sich die Kapelle -selber gebaut?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> - -<p>Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: -»Gar überlang ist es schon her, da haben die -Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen -Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt -steht. Sie haben ihn nach Blaustauden geschafft -und dort auf den Altar gestellt, aber er ist davon -und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben -sie ihn in die Stadt gebracht, daß er nit in einen -so langweiligen Einöd trauern müßt, sondern ein -paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er -sich dran gewöhnt, haben sie ihn in der ersten -Nacht in eine Truhe unter Schloß und Eisenband -gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben -sich darauf gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. -Aber der Blaumantel hat die Truhe gesprengt, -Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, -und ist wieder zurück in die Heimat. Er hat wollen -in der Wildnis geehrt werden, wo er gebetet und gebüßt -hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«</p> - -<p>Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein -hinauf. »Mir hat aber der Vater gesagt, -die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf -der Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen -Heiligen hätten. In einem Sack hätten sie ihn -daher gebracht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst -straft er dich auch. Denk an dem Bauer seine -Nase!«</p> - -<p>»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.</p> - -<p>»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt -dich in den rußigen Kessel, bratet dich, frißt dich.«</p> - -<p>Es war, als würde dem Buben die kecke Rede -vergolten, denn nach ein paar Tagen wuchs ihm -auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht -gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, -der an des Kasper Sauberkeit gelegen war, aber -das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit Wolfsmilch -und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß -gewaschen und mit Roßhaar gedrosselt -wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech, -und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit -Zunder wegbrennen wollte, brüllte der Bub entsetzlich -und ließ keinen mehr an sich heran.</p> - -<p>Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein -mit einem kleinwinzigen Kopf, drin ein -Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr spitzes, -haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich -in der Stube hin und her und knüpfte mit einem -Faden fünf Knoten über der Warze des Kasper, -der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -des Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf -Vaterunser und murmelte noch ein Heimliches in -sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog. -Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo -die Tropfen vom Dach in die Erde schlugen und -eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie -den Faden.</p> - -<p>Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, -und der Kasper war ein sauberer Bub -mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf -und flinken Füßen.</p> - -<p>Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den -Erdspiegel, der im Keller unzugänglich verschlossen -lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen Hütte der -Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen -wilde Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den -Raben redete und den Schlangen oder einer Staude -etwas sagte oder gar einem Stein.</p> - -<p>Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den -Ochsen und Rössern, kletterte auf die Tannen -hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den -Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals -stieß ihm ein Unglück zu.</p> - -<p>Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase -stecken, sie wollte nicht heraus und keimte schon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span></p> - -<p>»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte -die Altbäurin. »Der Blaumantel wird dich ganz -gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh dich -schon verkupfert.«</p> - -<p>Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen -die Kniee und drückte ihm das Gesicht in eine Hand -voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den -Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die -Bohne flog aus der Nase an die Wand.</p> - -<p>Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den -heilsamen Tabak aber begehrte er, und bald wußte -er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat den -bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so -lieblich kitzelt und erfrischt und das ganze Blut -riegelt, wenn der Niesreiz von inwendig her an -die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.</p> - -<p>Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig -aufwuchs und von den Wipfeln schier nimmer -herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester -ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels -leibliches Wohl und Seelenheil und fürchtete, er -schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer am -Dullhäubelhof.</p> - -<p>Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, -wir müssen den Daumen mehr auf den Buben halten,<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, -wie aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. -Er zerreißt zu viel Hosen.«</p> - -<p>Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der -Schneider bittet auch ums tägliche Brot.«</p> - -<p>Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein -gutes Gemerk, wir sollten ihm einen Schulmeister -halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter -Mann.« –</p> - -<p>Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.</p> - -<p>Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der -den Bauern gegen einen Jahrlohn das Vieh hütete. -Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde ein -neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis -brauche er keine Musikanten, da würden -alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf den -Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu -Grabe blasen.</p> - -<p>Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: -»Hannes, kannst du schreiben und lesen und rechnen?«</p> - -<p>»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.</p> - -<p>»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf -bringen. Triffst du das?«</p> - -<p>Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl.<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -Ich hätt schier selber in der Stadt die Schulmeisterprüfung -hingelegt.«</p> - -<p>»Warum hast du es nit getan?«</p> - -<p>»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul -gefragt, was ich vom Specht wüßt. Ich -hab langmächtig hin und her gedacht, und zuletzt -hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht -ganz unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix -davon erzählen kann, und wenn sie mich erschlagen. -Da hat mich einer erschrecklich scharf durch die Augengläser -angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. -›Behüt Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich -glücklich draußen bin, steht einer dort, der ist aus -der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag ich, -›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn -das – ein Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ -schreit der, ›du wirst doch schon einmal einen Baumhackel -gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn -ich gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt -sich Specht schreiben laßt, den ganzen Tag hätt -ich den studierten Herren davon erzählen können.«</p> - -<p>Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender -vom Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und -hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt will ich mich überzeugen, -ob du gut lesen kannst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span></p> - -<p>Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche -eine Brille herfür, rüstete sich damit und setzte -ein gelehrtes Gesicht auf.</p> - -<p>»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der -Bauer. »Das trifft ein jeder.«</p> - -<p>Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam -und gewichtig: »Sankt Kilian stellt die Mäher -an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, -dann geht sie im Regen wieder zurück.«</p> - -<p>Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, -die auf der andern Seite stand. »Ob -du die Schrift auch verstehst?«</p> - -<p>Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über -die Nase und las: »Am Montag nach Mariä -Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. -Den Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die -Docke, beim Stier gewesen.«</p> - -<p>»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, -»meine Mutter hat das geschrieben. Die Zeit -stimmt.«</p> - -<p>Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt -ihn lauernd dem Hirten hin.</p> - -<p>Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu -Georgi, am Tag vor Peter und Pauli, zu Ägidi -und zu Martini.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p> - -<p>Der Isidor wunderte sich über die Maßen. -»Sakerment, wahr ist es, vorn und hinten kann -er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr -versuchen.«</p> - -<p>Er rannte davon und kam nach einer hübschen -Weile mit einem andern Kalender zurück.</p> - -<p>»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist -ein Linzer Stadtkalender. Ob du den auch verstehst?«</p> - -<p>»Das wär nit schlecht.«</p> - -<p>Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber -Finger zeigte: »Ein Bauer begehrte einen Viehpaß. -Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ -– ›Auf Zwei‹. – ›Und der dritte treibt sie‹, lachte -der Schreiber. – ›Und der vierte schreibt sie‹, lachte -der Bauer.«</p> - -<p>»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. -Und ist sie auch wahr? Und steht das wirklich so -drin?« staunte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend -Schwüre leg ich darauf ab in einer Viertelstund!«</p> - -<p>»So kannst du also einen jeden Kalender lesen -vorn und hinten?«</p> - -<p>»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« -sagte der Hirt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p> - -<p>»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr -zupfen könntest, du könntest um die größte Schul -einreichen,« meinte der Bauer.</p> - -<p>Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister -aufgenommen. –</p> - -<p>Am andern Tag hütete der Hannes auf der -Weide vor dem Vogeltänd das Vieh. Das Kuhhorn -im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor -seinen Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. -Rings graste das Vieh, ein rotblümetes Stierlein -scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf. -Am Himmel glänzte eine linde Wolke.</p> - -<p>Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler -daher.</p> - -<p>»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. -»Gute Zucht tragt gute Frucht. -Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«</p> - -<p>Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir -von der Welt lernen. Drum merk auf, und sag -es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«</p> - -<p>»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus -gefehlt! Die Welt ist ein Teller.«</p> - -<p>Der Hannes bog den krummen Hals und sah -den Dullhäubel scheel an. Nachher begann er<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die -Welt ist so rund wie dein Schädel.«</p> - -<p>Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als -wolle er den rechten Begriff von der Gestalt der -Erde gewinnen.</p> - -<p>Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad -und eben. Wo sieht man es denn, daß die Welt -kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja -auf der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, -aber rund nit.«</p> - -<p>»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und -dreht sich,« sagte der Brunnkressenhannes scharf -und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«</p> - -<p>Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich -dreht, müßt einmal das Wasser aus dem Brunn -fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten -müßt man zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich -einmal auf die Stubendecke hinauf, du Aff du, -und fall nit herunter!«</p> - -<p>Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich -die Erde um die Sonne!«</p> - -<p>Da holte der Bauer weit aus und reichte dem -Hannes einen schallenden Hieb. »Ich vertrag viel, -aber so arg laß ich mich nit narren, du falscher -Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen,<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -wie die Sonn aus der Erd heraus gerodelt -ist! Und die Sonn steht nit, sie geht; doppelt so -geschwind geht sie wie ein Mensch.«</p> - -<p>Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist -ein grobes Wetter, Bauer. Aber es hilft dir nix. -Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir seltsam -ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst -die Stund genau ansagen, wo sich der Mondschein -verfinstert?«</p> - -<p>»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner -Kalender, du Narr!«</p> - -<p>»Und wer macht denn den Kalender, he?«</p> - -<p>»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. -Hör mir auf mit deinen neugescheiten Gelehrten! -Die wissen am End gar, wann Gott die Welt erschaffen -hat.«</p> - -<p>»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«</p> - -<p>Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, -daß er sich dabei schier die kupferne Nase aus -dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ -den Kasper seinem Schulmeister.</p> - -<p>Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du -einen Spruch lernen. Sag mir ihn nach!</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Kind, horch, was dein Gewissen spricht<br /></span> -<span class="i0">und handle so, dann fehlst du nicht!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -<span class="i0">Die innre Stimme ruft uns zu:<br /></span> -<span class="i0">Böses meide! Gutes tu!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und -der konnte es bald auswendig.</p> - -<p>»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«</p> - -<p>Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras -und begann mit meckernden, hohen Lauten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Morgens, wenn die Sonn aufgeht<br /></span> -<span class="i0">und der Tau im Gras da steht,<br /></span> -<span class="i0">treib ich mit verliebtem Schall<br /></span> -<span class="i0">meine Viehlein aus dem Stall<br /></span> -<span class="i0">auf die grüne Hutweid hin,<br /></span> -<span class="i0">ob ich gleich ein Hirt nur bin.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es -hat eine recht sittsame Weis.«</p> - -<p>»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.</p> - -<p>»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« -tadelte gekränkt der Hannes. »Du wirst auch -einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag -und alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, -als an den Zäunen lehnen. Weißt du vielleicht -ein schöneres Lied?«</p> - -<p>Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte -aus höchstem Hals:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich schrei hü,<br /></span> -<span class="i0">ich schrei ho,<br /></span> -<span class="i0">ich schrei allweil<br /></span> -<span class="i0">hüstaho!«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht -keinen Schulmeister nimmer,« sagte der Hirt bissig.</p> - -<p>Er kramte einen messingenen Ring heraus, das -war seine Sonnenuhr, stellte sie gegen das Licht -und sah nach der Stunde.</p> - -<p>»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich -schläfert. Nimm derweil das Vieh in acht!«</p> - -<p>Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als -Hirt zu halten habe, verblümelte dabei seine Rede -mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank dann auf -einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras -zurück und schlief.</p> - -<p>Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, -sondern kitzelte die Grillen aus ihren Nestern, -und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte sie -in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten -sie Honig melken. Dann grub er ein tiefes -Hummelnest aus. Eine Hummel entkam ihm und -irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine -andere aber ertappte er und steckte sie zu den -Bienen, denen sollte sie der Weisel sein. Auch die<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten -sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.</p> - -<p>Bald war sein unruhiger Sinn des stillen -Spieles überdrüssig, und er schlich sich zu zwei -weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die -Schwänze zusammen, und als er hernach böse zu -summen anhob wie eine Blutfliege, wurden die -zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und -konnten nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und -es gelang nicht, das eine zerrte hin, das andere -zog her, sie sprangen immer närrischer.</p> - -<p>Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine -Lust noch höher steige, stahl er dem Hirten das Horn -und stieß mit aller Wut seines Atems darein.</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, -wie die Kühe mit verknüpften Schwänzen, die -eine rechts, die andere links, einen jungen Ahorn -schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, -das so karg stand wie der armen Leute Hafer.</p> - -<p>»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze -nit reißen!« Mit diesem und noch manch anderem -Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.</p> - -<p>Da tauchte der Meßner Grazian aus einer -Staude, ein spitzköpfiger, einseitiger Mann; die eine -Achsel stand ihm höher als die andere. Er deutete<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein -liederlicher Bursche. Der wird es zu nix bringen.«</p> - -<p>Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel -einer Ringelblume und schaute, kalt bis ins mittelste -Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen -Kühe auseinander tat.</p> - -<p>»Dem liederlichen Burschen wird es einmal -schlecht gehen,« weissagte der Meßner Grazian, -»der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«</p> - -<p>Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt -vollbracht und fiel nun mit einem heimtückischen -Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen -Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf -und riß ihm eine dicken Schübel Haare aus. Dabei -keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das -Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch -wiederholen. Der aber stampfte und strodelte unter -den Krallen seines Meisters und krähte wie ein -junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.</p> - -<p>Der Grazian hingegen predigte aus der Staude -heraus: »Der liederliche Bursche rennt dem Galgen -zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu, Hannes! -Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem -Joch wachsen!« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p> - -<p>Damals endete das kurze Schulmeistertum des -Brunnkreßners.</p> - -<p>Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. -»Kasper, du wirst ein großer Bauer wie ich. Du -wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben. -Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal -stolz den Kopf heben, und die andern Fuxloher -Bauern werden nur Notleider gegen dich sein. -Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer -viel weiß, wird nit feist.«</p> - -<p>»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.</p> - -<p>»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung -über die Welt bring ich dir bei, und lesen -und schreiben lernst du von der Altbäurin.«</p> - -<p>Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper -bei seinem Vater verlebte. Weil der Bauer glaubte, -das Gedächtnis sei die wichtigste Arbeit des Gehirns, -so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein -auswendig lernen, davon die Geschichte -vom brennenden Wasser, das mit Feuer gelöscht -worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin -der hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch -am glaubwürdigsten war. Hernach brachte der -Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie ein -Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -manchen spitzigen Stichelschwank bei und erzählte -ihm die Streiche, derer die Dörfer diesseits und -jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald -wußte der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel -anzuhängen, und er spottete über die Bärnloher, -denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen -war, und über die Daxloher, wo die -Kühe so bitterlich hungern, daß eine der andern -den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, -so lachte der Kasper: »Die Grillnöder singen!« -Und wenn die Blaustaudner Glocken über den -Wald herauf klangen, sang er:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Die Blaustaudner läuten,<br /></span> -<span class="i0">sie läuten vor Not,<br /></span> -<span class="i0">sie fangen den Bettelmann<br /></span> -<span class="i0">und nehmen ihm's Brot.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der -Peitsche schnalzen wie ein alter Fuhrknecht. Er -schob die Finger ins Maul und pfiff schrill, daß -es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und -die Krähen in den Nestern sich duckten.</p> - -<p>Weil er den Großen und den Kleinen seine -Sprüche und Stichelnamen anhängte, traute sich -schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der -Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -Enterich. Drum fand er auch zu seinen Spielen -keinen Gesellen.</p> - -<p>Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter -Bub, vertrug sich mit ihm, und die zwei -bauten Wasserräder in den Wolfsbach, durchstöberten -die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und -die Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und -Kranwitvögel, brieten und fraßen sie, fischten und -krebsten, schopften und prügelten sich weidlich und -söhnten sich wieder aus.</p> - -<p>Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu -trennen. Und kam einmal der Gid nicht früh genug -aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des -Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle -durchs Schlüsselloch hinein: »Müllnerin, wenn du -den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater laßt -dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«</p> - -<p>Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle -der einzige Ort auf der Welt war, der ihm unheimlich -schien. Denn der Müller Gori drohte oft -den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann -los, er liegt in der Kuchel im Ofenloch an der -Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund Zikan, -den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen -hatten, hinter dem Ofen hervor und fletschte den<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -Kasper an, da verzog er sich schnell und blieb eine -kleine Weile artig.</p> - -<p>Aber das Blut der Buben verlangte allmählich -nach verwegeneren Dingen, und die vererbte Rauflust -regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung -des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher -heraus.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Salz in der Butten,<br /></span> -<span class="i0">Mehl in der Gruben,<br /></span> -<span class="i0">die Grillnöder sind<br /></span> -<span class="i0">Hagbutzelbuben.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, -und sie trauten sich über die Schmäher, und so -kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten Schädeln -und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist -gesund davonging, denn er hielt sich zur rechten -Zeit zurück und überließ den Hauptanteil an dem -Streit dem Gid.</p> - -<p>Der Müllerbub war auch weitaus stärker als -Kasper. Nur im Gedächtnis fehlte es ihm.</p> - -<p>Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum -Schuster, und dort richtete der Bub den Auftrag -ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus Christus, -Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein -paar Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -du ihn bitten tätst, und daß du ihm morgen die -Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«</p> - -<p>Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte -Rede gleich auswendig, und er schonte den -eigenen Freund nicht und sagte sie ihm allweil -wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede -wurde zwischen den Buben und zwischen den Vätern, -denn keiner, der Dullhäubel nicht und der Mußmüller -nicht, ließ etwas über seinen Sprößling -kommen.</p> - -<p>Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken -an die großen Leute.</p> - -<p>So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen -beim Mittag, die Suppe rauchte, und das Weib -schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der Kasper -in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, -euer Brunn brennt!« Hurtig rannten Meister und -Meisterin und Gesell hinaus zum Brunnen, und -als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter -schalten, stand ein Ochs in der Stube, der -hatte die Suppe ausgesoffen und leckte sich noch -die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der -Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren -vor seine Werkstatt genagelt, wenn es nicht gar so -entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> - -<p>Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles -und auch das Unglaublichste glauben, man braucht -es ihnen nur zu sagen.</p> - -<p>Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer -litt es und nahm lachend den Missetäter in Schutz. -Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.</p> - -<p>Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper -einen seltsamen Schimpf auf. »Erdspiegelbub! -Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. -Er konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, -was das Wort bedeutete.</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß -im Dullhäubelhof in einem schauerlichen Loch neben -dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt sei, drin -alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder -Dieb und Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn -es der Bauer verlange.</p> - -<p>Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel -einmal durchs Gehölz gefahren. Plötzlich geht der -Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen sich -ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen -rinnt wie ein Bach, der Ähnel haut mit dem -Geißelstecken auf das arme Vieh los, umsonst, der -Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor -lauter Zorn die Axt und haut sie ins Hinterrad.<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -Gleich rollt der Wagen wieder fort, als ob nix -gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof -kommt, hört er es drin ächzen. Er -schaut nach. Da liegt der Servaz Dullhäubel -blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß -abgehackt neben ihm. Der Servaz hat in dem -Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat ihm einen -Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad -in den Spiegel gestellt. Und wie mein Vorfahr -dreingehaut hat, hat er dem Servaz den Fuß abgehackt. -Er soll hernach krumm gegangen sein, -der Servaz.«</p> - -<p>Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in -den Keller. Aber die Tür zum Erdspiegel war -vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte, ertappte -der Bauer den neugierigen Buben und legte -ihn übers Knie.</p> - -<p>Das war das erste und letzte Mal, daß der -Kasper des Vaters Faust spürte.</p> - -<p>Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken -und Schwänken aufwachsen sah, kränkte sie sich -arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über -ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper -sei ein Wechselbalg und in der Wiege vertauscht -worden, und darum habe er auch einen gar<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, -und sie bereute, daß sie ihm nicht gleich nach der -Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt -hatte, den höllischen Tausch zu hindern.</p> - -<p>Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem -sie ihm die ewigen Leiden vorhielt. Sie blätterte -mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen -Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, -wie die Sünder am Bratspieß des Teufels gespickt -wurden und ihnen der Leibhafte mit feuriger -Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das -Glied aus dem Gelenk riß, wie Nattern mit -giftigen Zungen die Verdammten mitten ins Herz -stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul -krochen, und wie ein derart gepeinigter Mensch sich -nicht helfen und nicht wehren konnte, zumal da er -durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.</p> - -<p>In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten -dürre, duftende Nußblätter. Die Sodonia ließ den -Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig: -»Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen -in einem Land, wo die Leut milder sind.« Die -Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland -des Gebirges herauf geheiratet.</p> - -<p>Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -fürchtete, am lichten Tag schreckte ihn der -Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal in den -Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und -braten müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, -die marterlichsten und verwickeltsten Peinen -des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem -einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das -merkte die Sodonia mit blutendem Herzen, und sie -hakte bald den Höllenspiegel zu und malte den -Teufel nimmer an die Mauer.</p> - -<p>Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn -er nachts aufkam, sagte sie mit ihm das Einmaleins -auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten, -und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte -sie ihm bei, und beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, -dabei aber geschah der große Fehler, daß -das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die -lustigen Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.</p> - -<p>Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß -der mißratene Mensch sich schon geraderecken werde, -wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus berufenem -Mund hören werde.</p> - -<p>Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer -Sebastian Knaupler die Fuxloher Kinder vor der -Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die -himmelschreienden und die lässigen Sünden hersagen, -erzählte ihnen die biblischen Geschichten und -münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, -in fröhlichen und handgreiflichen Augenschein um.</p> - -<p>Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, -die Kutte immer höher und höher, damit das -steigende Wasser recht anschaulich den Kindern ans -Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben -gehoben, auf die Kapelle, das wachsende Meer zu -verdeutschen, und rang droben die Hände. Dem -Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen -schauten sie zu dem geistlichen Herrn auf und in -ihren Hirnen dämmerte der Umfang des Strafgerichtes.</p> - -<p>Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den -Schauernder Sündflut in das alltägliche Fuxloh -zurück.</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian -Knaupler das schulmeisterliche Amt neidete, -sah von der Viehweide nieder, tutete und näselte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Auf der Wies und auch am Klee<br /></span> -<span class="i0">ich so lange umher geh,<br /></span> -<span class="i0">bis sich laßt ein Brünnlein finden,<br /></span> -<span class="i0">daß mein Vieh daraus kann trinken,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -<span class="i0">allda setz ich mich in Ruh,<br /></span> -<span class="i0">nehm die Schwegel, pfeif dazu.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die -Hälse und lauschten dem Störer. Der Pfarrer -drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon -einmal das Maul!«</p> - -<p>Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu -reißen und die bergüberschwellende Flut in einem -verwogenen Bild auszulegen, packte er den Ast über -sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber -dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er -sich mit den Füßen in eine Astgabel, die Kutte -sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und entblößte -zwei dünne, borstige Beine, die von einem -kurzen Lederhöslein nur spärlich bedeckt waren. Aus -der Kutte heraus flehte er gedämpft um Hilfe.</p> - -<p>Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der -biblischen Geschichte, drum rührten sie sich nicht, -warteten und staunten. Schließlich kam der Hannes -mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian -Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.</p> - -<p>Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, -für heut ist es genug. Habt ihr alles begriffen?«</p> - -<p>Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich -begreif nit alles.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span></p> - -<p>»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«</p> - -<p>Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd -ist das, die Unkeuschheit?«</p> - -<p>»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das -ist, wenn einer die Hosen verkehrt anzieht. Und -frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem Schutzengel, -er soll dich nit verlassen!«</p> - -<p>»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der -Kasper keck.</p> - -<p>»Warum nit?«</p> - -<p>»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er -mir helfen raufen, wie mich der Schmied in der -Beiz gehabt hat.«</p> - -<p>Da fiel der Pfarrer über den Buben her und -rüttelte ihn beim Kragen. »Du frevelhafter Teufel, -wirst du gleich an deinen Schutzengel glauben!« –</p> - -<p>In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete -der Kasper zum erstenmal. Der Pfarrer spitzte -seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte -hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein -Nest, sind fünf Eierlein drin, fliegt allweil eine -Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es aber -niemanden sagst, Pfarrer!«</p> - -<p>Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch -heraus und schneuzte sich lange. Dann schlug<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und segnete. -»Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"> -<p>Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich -zu einem stämmigen Burschen aus, stark und gelenkig. -Sein Kopf war noch größer geworden, nur -die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und -dünn und kichernd, wie er sie als Kind gehabt hatte.</p> -</div> - -<p>Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er -sich kaum das tägliche Brot verdient. Viel lieber -schlüffelte er im Dorf umher und lauschte überall -hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem -Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und -wog und warf die Scheibkugel, daß es donnerte.</p> - -<p>Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm -vor, wie Müßiggang bösen Ausgang nehme, besonders -bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich ein -Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut -schief und sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und ein bissel bin ich bucklet,<br /></span> -<span class="i0">und ein bissel bin ich krump,<br /></span> -<span class="i0">und ein bissel bin ich tilltapp,<br /></span> -<span class="i0">und ein bissel bin ich Lump.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p> -<p>Weil er in der Rede gut beschlagen war und -keinem die rechte Antwort schuldig blieb, und weil -er schier aus lauter schönen Spitzbübereien zusammengesetzt -war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching -vermummt durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, -und in diesem Amt trug er einen strohenen -Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus -hundert bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt -wie seine Seele.</p> - -<p>Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, -ein gefranstes Handtuch als Schärpe vor der Brust, -auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem Speck -bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen -der lachenden Bauern heimste.</p> - -<p>Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die -Hände auf und schrie kläglich: »Ihr lieben Daxloher, -ich bitt euch um Gottes willen, gebt her ein -Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig -habt ihr den Teufel abgestochen und in den Rauch -gehängt. Und ich bitt euch gar schön um eine kuhwarme -Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie -sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln -laßt und dreimal um eure Bürgermeisterin.«</p> - -<p>Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug -sich mit dem Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span> -und während seine Gesellen am Dorfanger tanzten -und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf die -Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die -Hinterlandschaft maß, durchstöberte der Kasper die -Speckkammern und Ofenröhren der unbewachten -Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu -seiner Bande und jauchzte: »Die ganze Welt ist -ein Fasching, juchu!«</p> - -<p>In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten -Geißbock auf. Sein Gesindel grub hinterm Dorf -ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der Kasper -hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr -Burgermeister ist tot.« Und einer kniete neben ihm, -als Wittib verkleidet und jammerte, daß es einem -das Herz zerspaltete und den Weibern rings das -Wasser aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater -ist dahin,« hub der Kasper wieder an, »ein -braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, -ich wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«</p> - -<p>Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten -stand, begehrte auf. »Ich laß den Blaustaudner -Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und -drängte sich scharf zu dem Redner hin.</p> - -<p>Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -sich zusammen, Fäuste reckten sich, und der Meßner -lag auf einmal in der Grube auf dem Geißbock.</p> - -<p>Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, -wenn nicht der neue Pfarrer Nonatus Hurneyßl -eingegriffen hätte, ein aufrichtiger und entschlossener -Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute -auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich -mit dem Strohflegel nur schwach wehren konnte, -zum Ort hinaus und half schließlich mit dem -nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.</p> - -<p>In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte -es dem Grazian ans Fenster. Der Grazian, in -der Meinung, es gelte, einen Kranken zu versehen, -tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas -Gehörntes, Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes -in die Stube gestoßen, und das roch -abscheulich.</p> - -<p>»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« -schrie die Meßnerin und fiel aus einer Schwäche -in die andere.</p> - -<p>Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt -und kroch plärrend unters Bett.</p> - -<p>Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube -leuchteten, fanden sie einen halbverwesten Geißbock.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p> - -<p>Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und -den daran hängenden Spott nicht gefallen lassen -und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter -aber kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den -Fingern auf ihn hätte weisen können.</p> - -<p>Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig -die Wahrheit, und es schien, als ginge der Bursch -in sich und verabscheue seinen Wandel, der die -Leute ärgerte.</p> - -<p>Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte -damit und redete von nichts mehr als von Schopf- -und Kropf- und Trommeltauben, von rotgesudelten -und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten -Tauben und pfiff den Vögeln den ganzen Tag -und lockte sie, die über den First des väterlichen -Hauses trippelten.</p> - -<p>Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen -Pfiffe, und während er die Spiele und -Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber -sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte -und sie am Schnabel zog, und wie die beiden beleidigt -und dann wieder schön mit einander taten, -da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, -und er konnte sich selber nicht begreifen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p>Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, -wo Bauer und Bäurin in dem breiten Himmelbett -schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber -er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf -und sah den Burschen schleichen.</p> - -<p>»Wohin denn, Bub?«</p> - -<p>»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper -halb im Schlaf.</p> - -<p>»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, -Bub. Und jetzt leg dich nur wieder!«</p> - -<p>Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. –</p> - -<p>Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel -den Dirnen in die Augen. Und um sich -vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich -vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf -ein, die steckte er in die einwendige Brusttasche, -daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er -sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern -und einer breiten Uhrkette auf und ließ -sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz -wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine -Hände fester und griffiger. Nur die Stimme blieb -ihm hoch und kindisch schrill.</p> - -<p>Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, -weil sie sich den Schlaf nicht erzwingen konnte.<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus -umspüren und bald hernach den Kasper draußen -halblaut singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Dirndel, tu auf<br /></span> -<span class="i0">und laß mich zu dir,<br /></span> -<span class="i0">bin ein armer Kaplan,<br /></span> -<span class="i0">sollst beten mit mir!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte -die Hand über des Burschen Unschuld halten. Denn -seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich nicht um -ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer -unter der Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr -die Läuse.</p> - -<p>Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach -merkte sie, wie sich der Kasper nach dem Essen -davon zog und auch die Geißdirn verschwunden -war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und -Stadel durch, bis sie schließlich zu einem alten, -von Brombeergebüsch verwucherten Backofen kam, -dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte -das eine Paar kräftig an und zog den Kasper -heraus.</p> - -<p>Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der -lachte unbändig und freute sich über den Ort, wo -die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<p>Es war zum letztenmal, daß der Isidor Dullhäubel -sich freute. Er verfiel auf einmal, sein Gesicht -wurde käsweiß, die kupferne Nase überzog -sich mit Grünspan, und er behauptete, sie täte ihm -weh. Die Kraft ging ihm aus.</p> - -<p>Zu Mariä Geburt rief er den Kasper zu sich -in die Stube. Er zog sich die hirschlederne Hose -aus, die von den Vorfahrern überkommen war, -warf sie dem Burschen hin und murrte: »Da!« -Auf dem Tisch schillerten sieben Tabakgläser, darin -die Namen der Wochentage geschliffen waren, und -das Sonntagsglas glühte rot wie ein brennendes -Herz. Der Bauer deutete darauf und ächzte: -»Da!« Hernach ließ er sich matt ins Himmelbett -fallen und starrte zu dem Spiegel hinauf, der -darüber als Decke hing, und sah droben das -kalkige Gesicht und die grüne Nase und seufzte.</p> - -<p>So wich der alte Bauer dem jungen. –</p> - -<p>Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor -Dullhäubel zum letztenmal in den »pfalzenden -Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll -heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: -»Heut hab ich die Krankheit versoffen.«</p> - -<p>Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen -die Dirnen im Tanz, als sein Knecht ganz außer<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. -Der Bauer ist gestorben.«</p> - -<p>»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. -»Ich hab schon gemeint, der rotblassete Tauber -wär hin.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes -Begräbnis an. Die kupferne Nase nahm er ihm, -als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem -Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als -nützen. Der Kasper band sie an den Senkel der -Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht -gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken -an den Verewigten vor Augen.</p> - -<p>Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den -Weihbrunn über die Truhe und betete um das -immerwährende Licht und um die ewige Rast, und -der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel -und begehrte, man solle ihn gleich mit dem Alten -einscharren.</p> - -<p>Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch -ins Wirtshaus spielen, und dort ging es feucht -und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim -Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: -»Mein Vater hat jetzt eine schöne Leich gehabt.<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir -bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« –</p> - -<p>Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als -sich der Trunkene heimtrollte.</p> - -<p>In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der -Kasper Dullhäubel stierte hinein. Ihm schien es, -der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe -die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, -du Sündenlümmel!«</p> - -<p>»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der -Bauer. »Und meine Nase nimmst du mir nit, die -ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein! -Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«</p> - -<p>Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der -Mond verlieh ihm Leben.</p> - -<p>»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte -der Dullhäubel. »In dich hat sich meine Mutter -verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei -rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit -so grob mit mir! Jetzt bin ich der Dullhäubel.« –</p> - -<p>Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm -ein altes Heiligenbuch leihen, das er einmal in -ihrer Truhe gesehen hatte.</p> - -<p>Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich -dir, Bauer. Das ist recht, daß du jetzt einkehrst<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -bei dir und das Leben der Heiligen lesen willst, -daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst -in deiner Frömmigkeit ein gutes Blümel aus -deinem Vater seinem Grab.«</p> - -<p>»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.</p> - -<p>»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.</p> - -<p>Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das -andächtige Buch, daß er das Leben des Blaumantels -kennen lerne. Er hoffte, in der Erdenwallfahrt -des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu -finden, wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten -Sünder gewesen sind. Vielleicht hat der Blaumantel -einen Bauer im Roßhandel betrogen oder -es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder -gar irgendwo auf der Straße einen Wegfahrer -abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder -unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel -den Fleck des hochfährtigen Heiligen aufgedeckt -hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus -dem Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, -wenn der Blaumantel ihm noch einmal -ins Gewissen reden sollte.</p> - -<p>Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben -ins Auge nahm und wie mißtrauisch sein Finger -über die Zeilen tappte, daß ihm nichts entwische,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -er fand in dem Buch nicht einmal den Namen -des Heiligen.</p> - -<p>»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer -du bist?« grinste der Kasper Dullhäubel. »Jetzt -will ich dir erst recht nachspüren.«</p> - -<p>Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus -Hurneyßl heim.</p> - -<p>Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der -ein großes, nach oben offenes Schneckenhaus war, -und erzählte die Marter des heiligen Sebastian.</p> - -<p>»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die -Gurgel!« rief er. »Was gilt es, du kriegst den -Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil -im Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da -sperrt ihr euer Maul auf und loset. He, du alte -Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf nit! -Greift dich denn die Marter gar nit an? He, -du Bürgermeister von Grillenöd, räusper dich nit -so laut! He, Mausfallenwirt, lach nit so mit den -Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von -einem gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse -einen Nagel in den geschwollenen Magen -schießen!«</p> - -<p>Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel -stand da und tappte demütig in den Weihbrunnkessel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span></p> - -<p>»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der -Herr Nonatus Hurneyßl grimmig. »Hast du den -Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du -da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da -sein? Mußt du mich in den schönsten Martergeschichten -stören? Hast du vielleicht einem Geißbock -die letzte Ölung geben müssen? Das möcht -ich wissen, was du heut von unserm Herrgott verlangst. -Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel -nit! Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! -Der Teufel wartet auf dich, er bekränzt schon die -große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«</p> - -<p>Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und -der Pfarrer stieg schwerfällig von der Schneckenkanzel -herab.</p> - -<p>Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die -Kanzlei des geistlichen Herrn.</p> - -<p>Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt -den Dullhäubel daher? Willst du gar schon heiraten? -Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht -ein Weib.«</p> - -<p>»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete -der Bauer. »Sag mir, Hochwürden, woher stammt -denn unser guter Schutzheiliger, der Blaumantel?<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher -ihn in die Kapelle gesperrt haben?«</p> - -<p>»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit -viel Auskunft geben. Euer Heiliger schreibt sich -eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in unserm -Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends -ein Wort zu lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte -nachgeblättert hab. Mein Vorgänger, -der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger -Sache einen Brief an die päpstliche Kanzlei in -Rom geschrieben, aber auch die haben nix gewußt -vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener -Mann gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen -hat als seinen Namen.«</p> - -<p>Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der -Siebenkittelwirtin kehrte er ein und trank, bis er -strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr vermochte, -besann er sich auf den Heimweg.</p> - -<p>Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug -durch den Wald. Der Steig war voll Gerill und -Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger -Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.</p> - -<p>Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an -und beleuchtete den Heiligen. Der wehrte mit den -Armen ab, als wolle er keinen Teil haben an dem<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen -Wandel.</p> - -<p>»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, -wer du bist,« gröhlte der Bauer. »Gelt, du staunst, -daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir -schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du -hast das Maul allweil offen und kannst nit giges -und nit goges sagen.«</p> - -<p>Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind -bog die Bäume, der Wolfsbach sauste.</p> - -<p>»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, -woher du bist, du zugereister Heiliger. Aber ich -bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«</p> - -<p>Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel -in den Regen hinaus, legte sich an seine -Statt und schlief ein. –</p> - -<p>In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus -Spucht mit seinem Weib daher, zwei Leute, eines -kleiner als das andre. Sie wollten weit in den -Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten -es jetzt in der Kapelle drin schnaufen und rasseln -und gurgeln.</p> - -<p>»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft -hart,« wisperte der Spucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p> - -<p>»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn -ein Hölzerner so schnaufen?!«</p> - -<p>»Also ist es ein Bär,« stammelte er.</p> - -<p>»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« -befahl sie.</p> - -<p>Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist -niemand in der Kapelle?«</p> - -<p>Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, -bin ich jetzt auf einmal der Niemand? Ein großer -Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen größern. -Ich bin der – –«</p> - -<p>Weiter hörten die zwei nichts, sie rannten in -einem Saus dem Wald zu. –</p> - -<p>Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen -Heiligen wieder in seine alte Heimstatt und wusch -ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.</p> - -<p>Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht -um, der Heilige habe mit zwei armen Holzhackern -ein frommes Gespräch geführt.</p> - -<p>Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die -ganze Nacht mit dem Blaumantel im »pfalzenden -Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe -schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen -müssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.</p> - -<p>Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, -der Kiebitz tanzte um seine Frau, der Fuchs lief der -Füchsin nach und der Has der Häsin.</p> - -<p>Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der -breite Bauernmond über den Fuxloher Heustadeln -hing, stieg der Dullhäubel auf halsbrecherischen Waldsteigen -übers Gebirg hinüber ins Bayernland der -Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte -eine mächtige Tochter.</p> - -<p>Das Gehöft lag schon finster.</p> - -<p>Der Dullhäubel klopfte an.</p> - -<p>Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans -Fenster und spähte in die weiße Nacht heraus.</p> - -<p>»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Der bin ich.«</p> - -<p>»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter -möcht ich.«</p> - -<p>»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein -Mensch nit dem ersten besten, der in der Nacht daher -reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind dumm, aber -zum Narren haltet uns keiner.«</p> - -<p>»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin -ich. Hast du noch nie nix gehört von der Mußmühl?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> - -<p>»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern -gesehen.«</p> - -<p>Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im -Vorhaus die Stiege ein paar Staffeln hinauf und -rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb dich! -Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. -Schlupf in den Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«</p> - -<p>Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken -reichlich bemalte Truhe und ließ die Füße -baumeln.</p> - -<p>Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte -und nickte unablässig. Der Lugaus brannte einen -Span an und steckte ihn in den Leuchter am Ofen, -hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte -übers ganze stoppelige, faltige Gesicht.</p> - -<p>»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« -sagte er. »Ich bin nur ein einziges Mal drüben -gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild, -voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich -mit dem Leiterwagen herübergefahren von Fuxloh. -Den Weg hab ich dersider verschworen und verredet. -Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die -Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das -rechte, hernach das linke Vorderrad, hernach das<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -rechte, schließlich den Hinterwagen, und wie ich daheim -war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«</p> - -<p>Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. -Über Achsel und Brust hing ihr ein haselbrauner -Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs ihr -über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.</p> - -<p>»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. -»Heiraten sollst du!«</p> - -<p>Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf -die Truhe nieder und schmiegte sich an den Dullhäubel. -Die alte Schwieger nickte und kicherte.</p> - -<p>»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst -du,« fing der Lugaus wieder an. »Schau sie nur -an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig sie ist! -Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab -ich schon ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. -Die Ogath ist jetzt die letzte.«</p> - -<p>»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte -die Lugausin.</p> - -<p>Der Bursch tat den Arm um das volle, noch -von Bett und Schlaf warme Weib, und sie schielte -heimlich zu ihm hinüber.</p> - -<p>»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte -die Alte. »Bist denn du eine Stummin?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh -ist ein schönes Ort,« sagte der Lugaus.</p> - -<p>Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender -Stimme: »Herzlich gern geh ich fort aus der -Einöd.«</p> - -<p>Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd -gilt bei uns nit viel. Der Isidor Dullhäubel, -Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, -bei euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack -ausläuten.«</p> - -<p>»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen -Kumpf spotten sollen!« fuhr der Alte auf. »Wie -man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein -Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«</p> - -<p>»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der -Dullhäubel flugs darein.</p> - -<p>»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, -Ogath! In einer Mühl staubt es das ganze Jahr -ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« -– dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu – -»Diebe sind die Müllner alle.«</p> - -<p>Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, -sie huschte emsig hin und her, zupfte an der Ogath -ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und -nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> - -<p>»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« -sprach der Einöder. »Mein Bub ist auch -recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing. -Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie -Stangen, und einen Hund hat er auch.«</p> - -<p>»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« -riet die Alte.</p> - -<p>Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, -Müllner! Ein roter Bart steht selten auf einem -guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann der -Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«</p> - -<p>Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig -aufeinander ein und winkten und lächelten sich zu. -Die zwei Leute glichen sich sehr, die breiten, runzlichen -Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die -langen Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen -Augen ähnelten einander derart, daß man nicht -gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin -sei, wenn er nicht die Hosen und sie nicht den -Kittel angehabt hätte.</p> - -<p>»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen -gelernt?« fragte der Dullhäubel lustig.</p> - -<p>»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel -heraus, da haben wir uns begegnet,« lachte der -Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt -grün gewesen, und wie ich von ihr heim bin, hat -es geschneit, alles in einer Nacht.«</p> - -<p>»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«</p> - -<p>»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf -voller Silber kriegt meine Tochter mit, zwei Küh -und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes -Spinnrad laß ich ihr drechseln.«</p> - -<p>»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die -Alte, »in jeder Kuchel kann sie stehen. Sie kann -zwei Brühen kochen, eine süß, die andre sauer. -Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, -eine schwarztibetene und eine rottibene.«</p> - -<p>»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« -begehrte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen -wir miteinander den Heiratsbrief auf. Bäurin, -bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die Sach -in Gang und Schwang bringen.«</p> - -<p>Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser -hin. Aber weil sie die Gänse im Stall nicht aufstören -wollte, gebrach es an einer Feder, und -Papier fand sie nicht vor.</p> - -<p>Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. -»Das ist jetzt das Papier.« Er reichte dem Dullhäubel<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein, -Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein -Weib sind keine Schriftgelehrten, zu unserer Zeit -ist weit und breit keine Schul gewesen.«</p> - -<p>Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel -kratzte emsig mit dem Stroh seine hagebuchenen -Buchstaben auf den Tisch.</p> - -<p>»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt -tausend Taler mit und einen Kammerwagen voll -Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der -Name des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der -Lugaus drei Kreuze unter den Heiratsbrief und -drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite, -daß die Schrift nicht verwischt werde.</p> - -<p>»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den -väterlichen Segen geb!«</p> - -<p>Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd -auf ihre starken Kniescheiben hin, die Bäurin -schneuzte sich in den Unterkittel, der Lugaus breitete -wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und -sagte: »Sei froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer -wirst, du brauchst nach dem Tod nit im Moos -die Kiebitze hüten!«</p> - -<p>»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir -gern anschauen,« bat der Dullhäubel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<p>Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den -Stall, wo das Vieh lag und atmete. Mit gekrümmtem -Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. -Sie schauten sich mürrisch um und zogen das -Maul scheel.</p> - -<p>»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! -Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein schönes Ort. -Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, -die Küh.«</p> - -<p>»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber -wann soll uns der Pfarrer zusamm binden?«</p> - -<p>»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.</p> - -<p>»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich -zu sagen.«</p> - -<p>Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit -ihr, Müllner, und sag ihr es deutlich!«</p> - -<p>Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus -dem Gehöft in den Wald hinein. Ein mondsüchtiges -Füchslein gellte, lau strich die Luft durch -die Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.</p> - -<p>Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.</p> - -<p>»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.</p> - -<p>Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, -kerbte sie ihm die Nägel ins Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span></p> - -<p>Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist -du wie eine Kranwitstaude!«</p> - -<p>»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete -sie, »heut wär es noch zu früh. Aber jetzt geh -ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören, wo ich -einmal die Müllnerin bin.«</p> - -<p>Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum -Schopf hinauf. Da hatte er sich eine saubere -Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und -fest wie ein Felsen vor ihm stand! Die gibt -nimmer nach.</p> - -<p>»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. -»Es paßt sich nit. Was täten die Leut dazu sagen?«</p> - -<p>»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind -wir Mann und Weib.«</p> - -<p>Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug -mit ihm den Weg über die Grenze ein.</p> - -<p>Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. -Der Mond stand im Vollschein.</p> - -<p>»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.</p> - -<p>»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er -heraus. Er stolperte unwirsch dahin und dachte, -wie er sie vertreiben und die Gefahr abwenden -könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn -aufdrohte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute -sich ratlos um. »Jetzt haben wir uns vergangen. -Ich weiß keinen Weg.«</p> - -<p>Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten -in den Schluchten hebt der Bach an, der leitet -uns gewiß zu deiner Mühl.«</p> - -<p>Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie -rieche den rechten Weg. Dem Dullhäubel ward -unheimlich.</p> - -<p>Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!</p> - -<p>Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich -närrisch zu stellen, daß er die felsenfeste Braut -verscheuche.</p> - -<p>Droben am Ast schrie ein Schuhu.</p> - -<p>Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, -wie schön der Vigelvogel pfeift!«</p> - -<p>»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.</p> - -<p>Er langte nach einem Ast und wollte sich daran -hinauf schwingen. Sie hielt ihn zurück.</p> - -<p>»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen -helfen?«</p> - -<p>»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond -zieht mich alle Nacht in die Höh. Gestern bin ich -aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist, da -bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p> - -<p>»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. -Zieht er dich an, so häng ich mich dran. Und ich -bin gewichtig.«</p> - -<p>»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab -schon mehr als einen umgebracht.«</p> - -<p>»Das glaub ich nit,« sprach sie.</p> - -<p>Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr -schauerlich zu Mut wurde. Er fing auf einmal ohne -Ursache grausig zu lachen an und sang unverständliches -Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten -lauter Leut, oben wie eine Tirolerin!«</p> - -<p>»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« -rief die Ogath erschrocken.</p> - -<p>»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir -im Kopf!« flüsterte er, duckte sich und schlug einen -Purzelbaum.</p> - -<p>»Du hast ein Fieber, Bub.«</p> - -<p>»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte -hellauf, kniete dann vor eine Rotkröpfelstaude hin -und betete ein Vaterunser.</p> - -<p>Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist -du unrichtig im Hirn, oder feindet dich der höllische -Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich dich nit verlassen, -ich muß dich in die Mühl bringen und deinen -Leuten übergeben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p> - -<p>Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, -dumm und stumm ließ er sich führen, und sie redete -ihm tröstlich zu und betete still vor sich hin, Gott -möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.</p> - -<p>Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward -dem Schelm der Weg unter den Fersen. Er mußte -die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg von Unheil -und Spott über ihn.</p> - -<p>Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich -verdien dich gar nit. Kehr um, kehr um beizeiten! -Ich könnt dein Unglück sein.«</p> - -<p>»Ja warum denn?«</p> - -<p>»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist -alles, alles nit wahr. Die Ehr schneiden sie mir ab -ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«</p> - -<p>»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, -Bub. Und ein wenig verzeih ich dir schon.«</p> - -<p>»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen -rollten ihm übers Gesicht. »Die Leut sagen, -daß ich – daß ich – schwanger bin.«</p> - -<p>Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in -eine Fichte, hängte den Hut daran und sprang in -hohen Sätzen davon.</p> - -<p>Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um -das blanke Messer leid, sie raffte die Sachen an sich<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -und rannte ihm nach, und weil sie gar flink auf -ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er -keuchend bei der Blaumantelkapelle rastete und bei -dem Heiligen Hilfe zu suchen schien wie ein gehetzter -Hirsch beim Einsiedel.</p> - -<p>»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg -heuchelst, soll dich der Herrgott strafen. Schwör mir -bei dem Heiligen da, daß du mich nit narrst. Der -Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. -Wenn du falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«</p> - -<p>Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und -fuchtelte damit irrsinnig im Wind herum. Taub -gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu -einem dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte -ihr schluchzend die Hälfte. »Ogath, nimm es an -und trag es um den Hals zum Andenken!«</p> - -<p>»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte -traurig um. Denn da war nimmer zu helfen. –</p> - -<p>Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, -was der Bräutigam geschrieben hatte. Anstatt des -Heiratsbriefes las sie einen Reim.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Drunt im wilden Moos<br /></span> -<span class="i0">liegt ein totes Roß,<br /></span> -<span class="i0">vorn und hint offen,<br /></span> -<span class="i0">ist der Schwäher draus gschloffen.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> -<p>Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer -Bürste ab. In ihrem Hirn blieb er brennen.</p> - -<p>Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg -Vater und Mutter gegenüber. Doch den falschen -Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres -Donnerwetter anheben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath -übers Gebirg nach Fuxloh, wo sie sich den Weg -zur Mußmühle weisen ließ.</p> - -<p>Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen -Mühlstein stand der Gid und zündete sich die Pfeife an. -Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz hinten am -Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, -schließlich spreizte er die Beine, bückte sich zu dem -Mühlsteinpflaster und streifte daran, und als auch -das kein Feuer gab, schleuderte er fluchend das -Hölzlein weg.</p> - -<p>Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel -läutet, Mühlbursch. Schütt Korn zu, statt daß du -da so langweilig spielst.«</p> - -<p>Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, -dann meinte er spöttisch: »Hoho, da kommt eine -daher gelaufen und will mir was schaffen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<p>Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß -daher. Ich weiß, wer ich bin und was ich hab, -und ich weiß, wem ich angehör.«</p> - -<p>Der junge Müller lachte. »Du kannst die -Kaiserin selber sein, mir hast du nix zu sagen. -In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«</p> - -<p>Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich -im Herzen und merkte, daß sie von dem bösen -Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber -sie ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen -machten, nicht übers Ufer treten, und weil sie sich -einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte und -ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem -Mühlstein besser gefiel als der fuchsbärtige Freier, -und weil sie es daheim in der Einöd nimmer -freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem -brausenden Haus ihr Bleiben könnte haben.</p> - -<p>Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in -der Ader, als sie sagte: »Wenn du der Müllner -bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn -braucht?«</p> - -<p>»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter -hätt eine Hilf not, sie ist nit gesund.«</p> - -<p>Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark -bin ich. Da greif mir den Arm an. Deine Mehlsäck<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den -jungen Müller bei den Knieen, und ehe er sich -ihrer erwehren konnte, hob sie ihn in die Höhe.</p> - -<p>Als er verwirrt und schier taumelnd wieder -Boden faßte, stammelte er: »Du hebst einen Mühlstein. -Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. -Du bist zu brauchen.«</p> - -<p>Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, -rannte die bestäubten Stiegen auf und ab, goß -das Korn in den Trichter und warf sich spielend -die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie -mit Federn gefüllt. Sie lernte die Schleusen -öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem Kieshammer -und die Pfannen der Räder schmieren und -besorgte das Vieh im Stall und den Mittag am -Tisch und die gichtische Müllerin im Bett. So -gewann sie bald das Herz der Alten, und die -schwarzen Augen des Gid flogen ihren schnellen -und kräftigen Bewegungen allzeit nach.</p> - -<p>Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte -hatte die Stirn gerunzelt, er starrte in die Milchsuppe -wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.</p> - -<p>»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die -Müllerin. »Ärger dich nit über das, was nit zu -ändern ist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. -»Ja, Ogath, vormals hat es eine schöne Gerechtigkeit -für uns gegeben: meine Vorfahrer haben von -jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, -und wenn ihn auch die Fuxloher in der Kuckucksmühl, -in der Grillenmühl oder in der Samstagmühl -haben mahlen lassen.«</p> - -<p>»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte -der Gid. »Alle Ordnung ist zerfallen. Das -wurmt mich.«</p> - -<p>Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. -»Männer, den Stein, den man nit heben kann, -laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld -ab und hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch -einmal so geschwind drehen, die Arbeit tät nit -abreißen.«</p> - -<p>»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte -der Alte. »Aber jetzt rührt sich der Mühlteufel -wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er sich. -Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, – jetzt -kommt er zu dir, Gid.«</p> - -<p>Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast -du ihn gehört?«</p> - -<p>»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert -er im Wasser unterm Mühlrad.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p> - -<p>»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es -rauscht und saust nur der Bach so seltsam.«</p> - -<p>»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte -der Alte.</p> - -<p>Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein -Frost. »Hast du ihm am letzten Nikolaitag was zu -essen in die Radstube hinunter geschüttet?«</p> - -<p>»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut -hab ich ihm auch hinunter geworfen, daß er -sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den -Frieden laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er -trotzdem da.«</p> - -<p>»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.</p> - -<p>»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein -Fischotter, und im Wasser wird er nit naß. Im -Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann -ihn nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger -als neun Fliegen. Wie der Ähnel noch auf der -Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in -der Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit -nit findet.«</p> - -<p>»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, -»ich richt ihm die Otterfalle auf.« –</p> - -<p>Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span> -immer still unter dem Mühlrad, wie atemlos auch -die zwei Müller hinunterlosten.</p> - -<p>Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem -Haus und die Ogath bei der siechen Mutter wußte, -da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades -seltsam planschen und rauschen.</p> - -<p>Der junge Mensch lauschte fieberisch.</p> - -<p>Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem -Schopf und spitzem Gebiß und langen Krallen? -Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter -gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?</p> - -<p>Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der -ihm die Werkstatt unheimlich machte, auf Leben -und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur -Radstube auf. In der schäumenden Traufe des -Mühlrades, in wirbelnden, stoßenden Wassern, im -Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte -einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich -hinab ins Wasser und hielt den wunderkühlen, -starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei -Hochzeit.</p> - -<p>Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd -und jenhalb des Gebirges rückte an, die Männer<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -mit Myrtensträußen in den schwarzen Röcklein, die -Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum -Kittel, die Jungfern schillernd in braunen und rötlichen -Kleidern.</p> - -<p>Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem -Bräutigam einen Stall voller Ochsen und viel -Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld, -der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen -wünschte er den Stall voller Kühe, davon -eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine -neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren -sieben Kinder und zuletzt einen rotschädligen Buben.</p> - -<p>Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt -endlich der Brautführer daher, und der ist mein -bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«</p> - -<p>Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie -den falschen Burschen daher schlendern sah, der in -der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den -roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte -ihn an dem großen, runden Kopf und den winzigen -Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber, als -wäre er ihr fremd.</p> - -<p>Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und -Sträußlein fein herausgeputzt, sein Brustfleck war -mit doppelt aufgereihten Silberzwanzigern verknöpfelt,<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -und an der geschmiedeten Silberkette -klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend -Frauentaler. Und als die Brautschar gen Blaustauden -ging und die Bauern jauchzend die runden -Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen -Hut am höchsten und er schnackelte mit den Fingern -und schnalzte mit der Zunge, und keiner tat es -ihm gleich.</p> - -<p>Über den Wald herauf winkte der Turm mit -dem Schindeldach, der Wildtauber ruchzte im Tann, -gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub spielte, Blumen -liebäugelten auf der Wiese.</p> - -<p>In ihren knisternden Schuhen trat die Braut -stolz daher, ihr lichtgrauer Seidenrock hatte tausend -Falten und stand über die vielen Unterkittel also -breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein -konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, -der vorn über der stattlichen, ernsten Stirn -wie eine Krone geflochten war und, sich über dem -Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.</p> - -<p>Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten -Blaustaudner führte der Dullhäubel die Braut zum -Altar, und er konnte es sich nicht versagen und -wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit -Recht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen -und antwortete: »O du hundsschlechter Kerl!«</p> - -<p>»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, -das freut mich.«</p> - -<p>»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn -man ihn mit Weihwasser abspritzt,« murmelte sie -zornig und kehrte sich ab.</p> - -<p>Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete -sich mit brasilianischem Tabak.</p> - -<p>»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen -schnupfenden Brautführer!«</p> - -<p>Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich -freue mich schon auf die schöne Musik,« flüsterte -er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich unser -Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die -Augen schießen.«</p> - -<p>Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar -und gab die Brautleute zusammen. Es war ein -Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie -überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann -Gid und die große, schöne und stille Ogath.</p> - -<p>Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub -ein derart wüster Mißklang an, daß die Leute erschraken, -der Schulmeister mußte einhalten, er sprang -wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -Balgentreter horchte in die Windkammer hinein, -ob nicht der Leibhafte drin knotze, und endlich kamen -die Musikanten dahinter, daß ein verwogener -Schelm in der Nacht vorher die Orgelpfeifen -unter einander vertauscht hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« -gerüstet.</p> - -<p>Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen -dem Gid und der Igelbäurin, die als erfahrene -Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt -wurden.</p> - -<p>Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck -und Bäuschel; mit Zuckersachen besteckter Reis -ward aufgetragen und Kaffee in ansehnlichen, -bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer -Kuchen. Die Gäste packten sich Schweinsbraten -und fette Würste in Bündel zum Heimtragen ein. -Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, -auf den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter -mit bedächtiger Würde zu den Brautleuten: -»Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie der -Ehstand ist.«</p> - -<p>Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -hinein und sprach kauend über den Tisch hinüber -zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer -Mühl keine Scheuer ist?«</p> - -<p>Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, -und wich der Frage aus: »Ich weiß nix -und will nix wissen.«</p> - -<p>Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter -und erzählte: »Da ist in der Mühl einmal der -Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin stellt -ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann -will mit dem Löffel einen Knödel auseinander -zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er gewaltig -an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, -doppelt durch, springt draußen an einen Stein, -daß das Licht davon fliegt, schlagt an die Scheuer, -die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker -drein geschaut!«</p> - -<p>Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, -du willst mich heut an meinem Ehrentag spotten?!«</p> - -<p>Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du -sollst doch einen Spaß verstehen, Gid!«</p> - -<p>Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut -hinein.</p> - -<p>Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die -Müllnerin, die die steinernen Knödel hat kochen<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -können, geheiratet hat, da ist es weit gemütlicher gewesen -als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, -daß der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt -sind sie in den Stall hinuntergepurzelt. Die Braut -ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen kommen.«</p> - -<p>Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe -aushüpfte. »Du lügst mehr, als ein roter -Hund rennen kann, Kasper.«</p> - -<p>Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel -hin. »Du plauderst allerhand Dummes über unsere -Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, -und ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste -Mühl gewesen. Die Fuxloher Bauern haben bei -uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch -schriftlich daheim, du kannst es lesen. Die alten -Fürsten haben ihren Namen drunter gesetzt. Heut -haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue -Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er -will. Der Mühlzwang hätt nit abgeschafft werden -sollen. Das ist nit recht.«</p> - -<p>Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte -Pflicht muß wieder aufkommen,« sagte er heiser. -»Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr da -sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. -Ich setz es durch.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> - -<p>»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« -rief der Alte, »ins fürstliche Schloß -haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange -gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. -Jetzt gehen viele Gaukelmühlen an unserem Bach, -hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft und -keiner recht zu fressen.«</p> - -<p>»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.</p> - -<p>»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, -der Fürst hat es bestätigt. Und was geschrieben -ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die -Mußmühl!«</p> - -<p>»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.</p> - -<p>Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der -Gid über den Tisch, und der alte Müller hielt -den Dullhäubel schon an der Gurgel.</p> - -<p>Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner -Grazian darein, die schneidende Stimme erhob er: -»Lasset uns ein andächtiges Vaterunser beten für -die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und -der Braut!«</p> - -<p>Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen -vermischten sich in einem eintönigen Gebet für die -verschollenen Seelen der Vorfahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p> - -<p>Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in -allen das Waldblut zu zucken und zu springen -anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das Brautpaar -soll vivat leben!«</p> - -<p>Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin -und begehrte als Brautführer von ihr als sein -Recht den ersten Tanz mit der Braut.</p> - -<p>Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst -bring mir eine Kerze, die Tag und Nacht brennt!«</p> - -<p>Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum -Fenster in den Garten hinaus, rannte um den -Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, -und die steckte er der Iglin in das Bierglas.</p> - -<p>»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. -Und jetzt laß mich mit ihr landlerisch tanzen!«</p> - -<p>»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein -jedes muß anders brennen.«</p> - -<p>Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und -trug nach kurzer Weile ein Brett daher, darauf -glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist -und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten -Schnäpsen.</p> - -<p>»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er -und bot ihr ein Stämplein dar, »das ist ein süßer<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist -ja genäschig wie eine Geiß.«</p> - -<p>Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann -schämig nach dem gelben Schnaps, spitzte den -Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr -Gesicht sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. -»Der Spitzbub hat mir einen Essig gegeben,« -schalt sie.</p> - -<p>Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß -mit der Jungfer Braut, zeig mir ein Bett, drin -neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte, keine -am End!«</p> - -<p>Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und -meinte, das errate der Kuckuck. Aber er stieg auf -den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher und -drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.</p> - -<p>»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt -trag mir noch einen lebendigen Braten auf!«</p> - -<p>Während der Dullhäubel den Braten holte, -kroch der Lukas Schellnober, der bei der Musik -den Baß blies und als der stärkste Mann in der -Gegend galt, unbemerkt unter den Tisch und packte -die Ogath beim Fuß. Sie kreischte und strampelte, -und die Brautmutter half ihr und raufte den Mann -unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -ihm die Braut selber einen Schlag auf die Wange, -daß es wie ein Schuß knallte. Doch der Riese -zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn -niederging, den Schuh aus, kroch schnaufend unter -dem Tisch herfür und trottete zur Tür hinaus. -Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken -und Rosen und Stiefmütterlein gefüllt vor die -Braut hin.</p> - -<p>»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« -befahl die Iglin. »Den Fuß hätt er ihr schier -ausgerissen.«</p> - -<p>Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die -Ogath hat Kraft,« staunte er, »die hat mir einen -feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den Gemeindestier -schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das -Wetter einschlaget.«</p> - -<p>Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er -den Schmerz, der ihm im Schädel summte.</p> - -<p>Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte -Schüssel auf den Tisch. »So, da wär der lebendige -Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus -schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um -den Hals.</p> - -<p>Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen -und stiegen auf die Stühle und Bänke.<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin -und her, warf die Stengelgläser um, daß es ein -feines Geklingel gab, und wagte endlich den Sprung -auf den Fußboden.</p> - -<p>Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, -jetzt bau der Braut eine silberne Brücke und nimm -sie zum Tanz!«</p> - -<p>Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und -legte zwei Reihen Silbergulden von einem Tischeck -zum andern, und die Ogath trat zaghaft darauf -und schwankte den silbernen Steig dahin und sank -hinab in die Arme des Dullhäubel, die Spielleute -setzten an, und die zwei tanzten so wild, daß der -lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut -weithin wehte.</p> - -<p>Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla -auf einem Stein. »Sie werden doch drin nit auf -mich vergessen,« raunte sie.</p> - -<p>Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf -ihr einen Kuchen in den Schoß.</p> - -<p>Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob -ich ein schwarzes Brot krieg oder ein weißes. Das -weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«</p> - -<p>Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -Stirn verging nicht, und kein Lächeln erhellte ihr -Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel trieb.</p> - -<p>Am meisten zielte sein Übermut nach dem -Bräutigam.</p> - -<p>»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das -Haar dran bergan wachst!«</p> - -<p>»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.</p> - -<p>»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den -Mehlsack greift.«</p> - -<p>»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« -brauste der junge Müller.</p> - -<p>Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit -um solche Reden! Du brauchst viel Mehl, wenn -du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«</p> - -<p>»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« -schrie der Gid. »Soll ich allein mir alles gefallen -lassen?«</p> - -<p>Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried -stifte, und als dieser merkte, daß sich der Groll -wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog, -da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen -über Leute, die nicht da waren, und unterhaltliche -Lieder zu singen, darin er sich selbst ein -Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak -auf die linke und die rechte Achsel, drehte den<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -Kopf wie ein Wendehals darnach und schnupfte -ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.</p> - -<p>Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste -wieder mit ihm aus. »Man kann ihm nit feind -sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.</p> - -<p>Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal -in der Brautkammer lagen und die Mühle -rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen -im Garten die Pumpe ächzen.</p> - -<p>Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht -den Brunnen aus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"> -<p>Die Jahre verwichen.</p> -</div> - -<p>Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin -und mit Knecht und Magd auf seinem Hof. Die -Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und -gehend ein.</p> - -<p>Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte -ihm viel mehr, den Fuxlohern allerhand Possen -zu spielen, Land und Leute gen einander zu -hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und -ein Leben zu führen wie seine Vorfahrer.</p> - -<p>Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter -seinem Gitter von der Welt ab, immer saurer sah<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte, -und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige -wisse um all seine Schwänke und verrate sie -vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann er -sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen -könnte.</p> - -<p>Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt -und im Faß eingetreten war, schleppte er -den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn -statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu -beschweren. »Jetzt bist du beschäftigt, du Müßiggänger,« -spottete er.</p> - -<p>Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger -waltete, plagten den Dullhäubel bergschwere -Träume und vergällten ihm den Schlaf.</p> - -<p>Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar -und Bart, und er, der Bauer, müsse ihn scheren -und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf -den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, -schnitt er ab. Es war aber steif wie Eisendraht -und kaum zu bewältigen. Hernach striegelte -er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich -verfilzten Schopf nicht durchrütten können. -Er schnitt ihm den Bart vom Kinn und aus den -Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -Löffel in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, -seifte und schäumte ihn ein und balbierte die Stoppeln -mit einer Dachschindel. Der Bart aber wuchs -augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren -zu einer schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei -glotzte der Blaumantel seinen Schaber höllisch -an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den -grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr -der Dullhäubel aus dem Schlaf, an seinem Hemd -war kein trockener Faden.</p> - -<p>Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich -wiederkehrte. Der Heilige im Krautkeller -wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer -des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden -zum Dach hinaus, daß die Balken sich bogen und -die Schindeln flogen und das Haus wankte und -schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, -und der Dullhäubel mußte ihm hinten und vorn -Schürzen und Leintücher vorhängen von wegen -der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte -und flammte der Heiligenschein und drohte, Wald -und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer einen -Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern -um Hilfe, aber alle Fuxloher Männer vermochten -den verwilderten Blaumantel nicht zu überwinden,<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen -auf der Wallfahrt nach Maria Dorn.</p> - -<p>Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein -zerrissenes Gewissen schreien, und als ihn der Blaumantel -einmal wieder wie eine Trud drückte, keuchte -er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den -Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte -ihn zur Kapelle.</p> - -<p>Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches -meckerte im finstern Moor. Ein Hund schrie Mord -über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe -hüstelte im Schlaf.</p> - -<p>Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und -ward immer schwerer und schwerer; der Dullhäubel -meinte, Himmel und Erde müsse er tragen. Vielleicht -war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht -funkelte es hinter seinem Genick im Korb und -war ein Bild des Gottseibeiuns selber, das sich ein -Zauberer und Götzenknecht geschnitzt hatte in böser -Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl -gar aus dem Korb und schleudert den Bauer selber -hinein und schleppt ihn – Gott verhüt es! – zum -höllischen Backofen.</p> - -<p>Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, -sein Atem klemmte sich. Vor Angst betete er laut<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> -und untertänig, und er stellte seinen blauen Feind -unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die -Nische.</p> - -<p>Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig -und eingezogen, und das um so lieber, als ihm -die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen er mißbraucht -hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden -Gottestag die Predigt zu hören und seinen Groschen -zu opfern zur Ehre der Kirche und zum eigenen -irdischen und himmlischen Vorteil.</p> - -<p>Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen -Sünder gern eine Sperrkette über den Weg. Also -geschah es auch dem Dullhäubel, als er sich wieder -einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und -in aller Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor -hatte lehnen wollen.</p> - -<p>Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte -den Sonntagsrock an und steckte das rubinene Glas -zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum Saustall, -den er sich ganz klein hatte zimmern lassen -und redete durch das Futtertürlein dem Vieh gütlich -zu: »Friß nur, Sau, daß du einen Leib aufnimmst! -Oder hast du keine Ehr in dir?«</p> - -<p>Wie er jetzt so treuherzig und in der besten -Absicht bergab trabte und der Wind über die Zäune<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm ein hitziger -Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber -ihn beim Brustfleck und schrie: »Gerad will ich -dich heimsuchen. Ich hab gehört, du verkaufst eine -Sau.«</p> - -<p>»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, -ist nit gewiß.« Und der Dullhäubel vergaß schnöd -des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker -schnurstracks um.</p> - -<p>Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich -in den winzigen Stall gestellt war, so füllte sie -ihn aus und erschien gar mächtig.</p> - -<p>»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«</p> - -<p>»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«</p> - -<p>Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte -Augen wie Pflugräder und drohte, ins Knie zu -fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch worden, -Kasper.«</p> - -<p>»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.</p> - -<p>»Was wiegt die Sau?«</p> - -<p>»Schätz sie ab, Luitel!«</p> - -<p>»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«</p> - -<p>»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt -willst du mich betrügen, wo ich dir so weit entgegen -kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -wiegt eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, -die Sau, sie geht schier nit in den Stall hinein. -Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«</p> - -<p>»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat -sie nit einmal samt dem Saustall.«</p> - -<p>»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der -Dullhäubel.</p> - -<p>Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. -»He, das soll eine Sau sein?« rief er empört. -»Gib sie her um zwanzig Gulden!«</p> - -<p>»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«</p> - -<p>»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So -manches Jahr sind wir treue Freunde gewesen. -Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen? -Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«</p> - -<p>»Dreißig Gulden.«</p> - -<p>»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du -von mir einen Kreuzer mehr kriegst als zwanzig -Gulden,« schwor der Fleischhacker.</p> - -<p>Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf -Minuten? O Freund, da mußt du dich hübsch -fleißen!«</p> - -<p>»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte -Stund! So ein elendes Krepierlein! Die Knochen -stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem Schinder<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig -Gulden!«</p> - -<p>»Dreißig.«</p> - -<p>»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal -kriegen!« fluchte der Luitel. »Die Sau soll -dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen -kannst!«</p> - -<p>Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der -Nase und trat einen Schritt zurück. Die Verwünschung -griff ihn an, und schier hätte er nachlassen. -Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: -»Dreißig Gulden.«</p> - -<p>Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die -Verzweiflung Hast du ein Herz im Leib, Kasper? -Bist du ein Christ? Gib her die Sau um achtundzwanzig -Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«</p> - -<p>Er versuchte immer wieder in die Hand des -Bauern einzuschlagen, die wie tot hing. Er winselte, -beschwor, fluchte, verwünschte.</p> - -<p>Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! -Du bist ja nit verheiratet mit meiner Sau.«</p> - -<p>»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig -Kreuzer,« schluchzte der Luitel, »und nimm dir die -Sünd mit in die Ewigkeit!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<p>Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich -will dich nit unglücklich machen, und weil du mein -Freund bist seit jeher, so gehört dir die Sau um -den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber -nit gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige -Freud gewesen; ich hab sie aufgefüttert und wachsen -sehen und zunehmen –.« Er wischte sich über die -Augen, seine Stimme erstickte.</p> - -<p>Da schlugen die zwei ein. Der Handel war -geschlossen.</p> - -<p>Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche -auf und zahlte. Bedächtig zählte der Bauer das -Geld nach, und als er es verwahrt hatte, half er -dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren -aus dem Stall ziehen.</p> - -<p>»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte -der Luitel, als er sie im hellen Taglicht sah.</p> - -<p>Und als er sie gar durch das große Hoftor -zerrte, wurde es ihm durch den Vergleich recht -augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor -Wut ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.</p> - -<p>Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und -frohlockte laut: »Den hab ich angeschmiert, daß ihm -die Augen tropfen.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im -Handel messen wollte.</p> - -<p>Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er -ihr im letzten Wirtshaus, wo er einkehrte, eine -kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete -das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer -Rasen Wasser in sich, bis es die Wampe voll hatte. -Dann stand es stattlich da und freute sich eines -guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie -mit erklecklichem Gewinn los.</p> - -<p>Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen -Heuwagen voll.</p> - -<p>Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, -trotzdem daß er seine Hände schonte und die schönste -Zeit beim Bier verlümmelte. Mit glänzenden Fellen -stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten -eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, -seine Hennen legten Eier mit zwei Dottern. Kein -Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein Schauer -knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr -unters Dach.</p> - -<p>Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem -gerechten Herrgott irr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel -aus, er scheute ihn. Der Gid wurde immer hitziger -und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil -er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. -Auch sonst störte ihm mancherlei das Glück, besonders -aber, daß in der Mühle die Wiege -leer blieb.</p> - -<p>Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er -schlich sich den Bach entlang, den mürrischen Nachbar -ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.</p> - -<p>Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die -Hollerstauden. Die Mühle rumpelte verschlafen, -und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll – ich – -denn – noch einmal – umgehn?«</p> - -<p>Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. -Es hatte schon lange nicht geregnet, und -wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf -der Sonnenbank und flickte.</p> - -<p>Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: -»Wie die sieben dürren Jahr schaust du -drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu -langsam?«</p> - -<p>Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn -der Fuchs durch den Zaun blinzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p> - -<p>Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen -Grenzstein jenseits des Baches und fragte: »Strickst -du den Geiferlatz für den neuen Müllnerbuben, -Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in -den Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«</p> - -<p>»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch -lustig,« speiste sie ihn ab.</p> - -<p>Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, -du oder der Mann? Müllner, du mußt sie über -neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn -sollen dir helfen.«</p> - -<p>Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig -und schier drohend brummte: »Juckt – dich – der -– Buckel? Juckt – dich – der – Buckel?«</p> - -<p>»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich -brauch ich am wenigsten. Du bist derselbe Lump -wie deine Ähnel.«</p> - -<p>»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« -entgegnete der Dullhäubel. »Wenn ich ihr nur -meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen -Buben, die Ogath.«</p> - -<p>»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte -der Gid. »Das muß ich mir ins Gesicht sagen -lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p> - -<p>»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte -sie bang. »Vielleicht nutzt es.«</p> - -<p>»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«</p> - -<p>»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« -kicherte der Dullhäubel.</p> - -<p>Der Müller wurde schneeweiß und packte einen -Hammer, der auf der Türschwelle lag. »Ich erschlag -dich, ich bin Gott einen Toten schuldig,« -zischte er und sprang über den Bach.</p> - -<p>Er war flinker als der Nachbar, und als er -ihn gestellt hatte, schlug er mit dem Hammer -blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß -er hin in die Binsen fiel.</p> - -<p>Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und -spottete: »Hat dich der Buckel gejuckt? Hat dich -der Buckel gejuckt?«</p> - -<p>Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem -Weib zurück. »Den Grenzstein will ich heut noch -mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl -drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und -wenn wir zwei solange drum wallfahren müssen, -daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von -der Ferse fällt!«</p> - -<p>Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand -Gedanken an Schergen, Gericht und Zuchthaus<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel -und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, -so klag ich; blut ich nit, so klag ich nit.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz -wegen in der Mußmühle kein Weib habe hausen -dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß unter -jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. -Während es in den Bauernstuben wimmelte, zogen -die jeweiligen Müllersleute immer nur einen einschichtigen, -vertrotzten Buben als Samenstengel auf.</p> - -<p>Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, -daß sie Jahr für Jahr galt ging. Sie hätte -alles drum gegeben, und nicht nur ihres verfinsterten -Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, -und weil alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit -fruchtlos blieb, so dachte sie immer heißer an -Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.</p> - -<p>Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit -geraten, ging ihr nimmer aus dem Sinn.</p> - -<p>Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die -Kindelkapelle. Dort hat schon manches Mutterverlangen -sich hingekehrt und ist erhört worden. Doch -die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -herbei gelenkt werden: nackt muß das Weib wallfahren -zu jenem Gnadenursprung, in letzter Blöße -muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das -Wunder zuteil wird.</p> - -<p>Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die -seltsame Wallfahrt vor, doch immer wieder schrak -sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich -so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.</p> - -<p>Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die -Stadt ins Schloß, dort wollte er noch einmal wegen -des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.</p> - -<p>Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, -das war der Wald, der hinter der Mühle aufstieg -und den Steig beschattete, der zur Kindelkapelle -führte.</p> - -<p>Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust -ging hoch, angstvoll flog ihr Blick durch die Bäume, -sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen Schatten -einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie -sich die blaue Schürze los und legte sie in den -Steinriß, sie tat die Joppe ab und den Rock und -die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. -Jetzt stand sie im Hemd und lauschte todängstlich -hinein in das Vogeltänd.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span></p> - -<p>Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.</p> - -<p>Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. -Dann warf sie das Hemd ab und war nackt.</p> - -<p>Ihr schauderte.</p> - -<p>Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren -begann sie die leidvolle Wallfahrt.</p> - -<p>Anfangs schien es ihr öfters, es halle der -dumpfe Tritt eines Wandrers ihr entgegen, und -sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude -und lauschte lange und traurig.</p> - -<p>Das Blut brannte ihr in den Wangen den -weiten Weg. Sie schämte sich vor den lustigen, -spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten -mußte, sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, -das sie zu beschwätzen schien, und vor den rauhen -Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht und -Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am -Hang, alles, alles kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit -zu.</p> - -<p>Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel -glotzte vom Ast, spöttisch knickste das Rotschwänzel. -Das Hirngrillein, der Guckauf, der -Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am -Weg, der verzagte Has, der Hirsch, der unter der -Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie alle<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen -Keuschheit dahin wallte.</p> - -<p>»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat -sie. »Wend ab die Augen, Wendehals! Ihr Blumen, -verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig -mir mein Bild nit, du stiller Bach!«</p> - -<p>Immer älter und verworrener wurde der Wald, -schreckhaft verbogene Bäume schickten die Wurzeln -wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen -tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten -schreiend über den finster geschlossenen Wipfeln.</p> - -<p>Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein -auf.</p> - -<p>Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen -vor aller Welt, so recht geeignet, daß ein -armes Mutterherz oder eine betrübte Magd oder -ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm -hat, sich in aller Geheime ausweinen konnte.</p> - -<p>Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. -Das Herz ward ihr sonnenlicht, als sie -den Altar sah.</p> - -<p>Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, -weiß wie ein Lilienblatt, schlicht und einfältig, und -neben ihr beugte sich der Zimmermann mit dem eisgrauen -Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -darin ganz nackt und bloß das Himmelskind -schlief, und zwei Eheleute schauten furchtsam drein, -denn die Könige waren gekommen, den Heiland -im kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz -wie ein Kohlenbrenner, der Melcher, der Weihrauchkönig, -reitend auf dem Kameltier, und der -Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. -Ganz hinten, durch zierliche Heiligenscheine aus -ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel und der -ägyptische Esel.</p> - -<p>Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.</p> - -<p>Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: -»Die Mußmüllnerin bin ich, und es ist eine -Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh. -Aber deine Augen sind so still, und du schaust -mir ins Herz bis auf den Grund. Du siehst nix -Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen -Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem -Leib möcht ich gehen wie die anderen Weiber, -und so bitter gern tät ich am Anger vor der -Mühl Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein -schlimmes Büblein, oder wenn es ein Dirnlein -sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen -und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig -tragen, was so ein Kind bringt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span></p> - -<p>Weiter fand sie keine Worte.</p> - -<p>Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen -Wunsch hinein und wiegte still und versunken in -den Anblick der heiligen Leute und gläubig, daß -das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, -nackt zu wallfahren.</p> - -<p>Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken -war und die Kapelle sich mit grauen Schatten -füllte.</p> - -<p>Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das -Gras zischte oder der Wind flüsterte, verzagend vor -jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine Staude, -drin nicht ein Auge ist.</p> - -<p>Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen -Rast. Wie stockende Geister leuchteten die -weißen Grenzsteine. Droben tat sich der Sternhimmel -auf und funkelte durch die Wipfel nieder -und silberte Zweig und Laub.</p> - -<p>Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, -und die Blendnis ihres Fleisches lockte und schrie -durch die Nacht.</p> - -<p>»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.</p> - -<p>Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. -Durch die Stille hörte sie schon die Mühle. Fern -über den Bäumen sah sie hin und wieder das Gebirg<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte -und wanderte im Glanz ihres Leibes hin.</p> - -<p>Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand -versteckt hatte, huschte ein Mann aus den Felsen -herfür und griff nach ihr.</p> - -<p>Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles -geschehen.</p> - -<p>Es mußte so sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als der Gid erfuhr, wie die Ogath wallfahren -gegangen war, prügelte er sie unbarmherzig, daß -sie blau und blutig wurde, und das starke, stolze -Weib ließ sich schlagen und wehrte sich nicht.</p> - -<p>Tags darauf kam der Zusch, ein närrischer Mann, -zum Müller und lallte: »Der Dullhäubel schickt mich. -Du sollst ihm Haut und Haar von deinem Weib -schicken. Du hast gestern geschlagen.«</p> - -<p>Der Gid jagte ihn davon. –</p> - -<p>Im Frühjahr gebar die Ogath ein Dirnlein -mit dickem, rotem Haar.</p> - -<p>Der Müller zerbiß sich die Lippen, er hatte -einen Buben begehrt.</p> - -<p>»Woher hat sie das rote Haar?« murrte er.</p> - -<p>Er versperrte sich immer mehr in sich selbst. -Seine Augen flogen scheu, die kargen Worte, die<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span> -er redete, zauderten undeutlich an seinen Lippen. -Oft brütete er stundenlang über dem Brief, der -den Vorfahren Zins und Kundschaft verbürgt hatte, -und sann auf Wege und Schliche und Gewaltsamkeiten, -sich wieder ins alte Recht zu setzen.</p> - -<p>Einmal saß er am Fenster und quälte sich, eine -Bittschrift an den Kaiser aufzusetzen. Denn im -fürstlichen Schloß hatte man ihm gesagt, der Kaiser -selber habe die Zwangmühlen abgeschafft. Er wollte -mit der Schrift nach Wien reisen und dort, wenn -es nicht anders ginge, einen Fußfall tun.</p> - -<p>Da holperte draußen auf der Straße ein Wagen -daher, der Fuhrmann pfiff gell und knallte ohne -Aufhör mit der Geißel. Der Gid riß das Fenster -auf und schaute hinaus. Es war der Dullhäubel. -Seine Ochsen wollten den mit Kornsäcken beladenen -Wagen vorüberziehen.</p> - -<p>Aufsprang der Gid, packte die Urkunde und -rannte hinaus.</p> - -<p>Er trat dem Fuhrwerk in den Weg und hielt -die Ochsen an, die Augen flirrten ihm.</p> - -<p>»Kasper, wohin?«</p> - -<p>»In die Mußmühl nit, in die Grillenmühl,« -sagte der keck.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<p>»Das ist gegen das Gesetz,« lechzte der Gid. -»Da siehst du die Schrift. Schwarz auf weiß -steht drin, daß du bei mir mahlen mußt. Dein -Hof steht drin aufgeschrieben mit Tinte und Feder. -Mir ist es nit ums Mahlgeld, mir ist es ums -Recht.«</p> - -<p>»Ich mahl bei dem groben Müllner nit, der -mit dem Hammer die Leut erschlagt.«</p> - -<p>»Gelt, Kasper, du fahrst an meiner Mühl vorbei, -weil du weißt, was mir ein Spieß ins Aug ist! -Heut laß ich dich nit vorüber. Recht muß Recht -bleiben. Übers Recht gibt es keinen Weg.«</p> - -<p>»Speib Gift, speib Gall!« sagte der Dullhäubel -kalt. »Deine Red hat keinen Kopf und keinen -Fuß. Steck ein den Wisch Papier und fuchtel nit -so vor den Ochsen herum! Du zerrüttest sie mir.«</p> - -<p>»O du grundschlechter Kasper, genau so wie -deine Vorfahrer peinigst du die Leut. Mit Bluthunden -haben sie den jungen Burschen nachgespürt, -das lebendige Menschenblut haben sie um einen -Judaslohn verraten!« spritzte der Gid dem Dullhäubel -ins Gesicht.</p> - -<p>Der antwortete gelassen: »Du steigst mir auf -den Buckel! Und es bleibt dabei, der Grillenmüllner -und kein andrer schrotet mir das Korn.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span></p> - -<p>Blutrot sprang der Müller den Bauer an. -Diesmal aber war der Dullhäubel gerüstet. Er -riß eine Ochsensenne aus dem Wagen und schlug -schrecklich auf den Feind los.</p> - -<p>Der Gid keuchte in sein Haus. Im Flur stand -der alte Müller.</p> - -<p>Der Gid faßte eine Hacke. »Reichlich hat er -mich gehaut,« schnaubte er. »Vater, du stellst dich -hinter die Tür. Du packst ihn von hinten. Gleich -ist er da. Droben am Steinbühel graben wir -ihn ein.«</p> - -<p>Atemlos warteten die zwei.</p> - -<p>Der Dullhäubel aber führte sein Korn schon -weit und sang sein Leiblied.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich schrei hü,<br /></span> -<span class="i0">ich schrei ho,<br /></span> -<span class="i0">ich schrei allweil<br /></span> -<span class="i0">hüstaho.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als dem Müller die Blutrünste und blauen -Flecken vergangen waren, steckte ihm der Bote -einen Brief zu, und damit wurde er vors Gericht -beschieden.</p> - -<p>Der Dullhäubel hatte geklagt, der Gid habe ihn -auf hellichter Straße überfallen, ihn und seine<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -Vorfahrer geschmäht und verschändet und ihn -schließlich mit einer Ochsensenne halb erschlagen.</p> - -<p>»O der falsche Fuchs!« schrie der Gid. »Erst -haut er mich grün und gelb, hernach zieht er mich -vors Gericht. Auf der Stell klag ich ihn auch.« –</p> - -<p>Der Dullhäubel rüstete sich indes emsig für den -Gerichtstag. Er wollte den lieben Mußmüller so -weit bringen, daß er kniefällig um Verzeihung -heulte.</p> - -<p>In der Scheuer übte er seine Rede ein. Vorerst -neigte er sich nach allen Seiten, denn er dachte -sich den Gerichtshof rund wie einen Kreis und -rings lauter Richter und Schergen und sich selber -in der Mitte.</p> - -<p>»Gnädigster, allerstrengster Herr Gerichtshof!« -hub er an. »Indem daß der Herr Ägid Wilfinger, -Müllnermeister in Fuxloh, mich, den Herrn Kasper -Dullhäubel, ehrengeachteten Bauern daselbst und -eheleiblichen Sohn und Nachfolger des Herrn -Isidor Dullhäubel, indem daß derselbe denselben -und seine Ochsen auf freier Straße angepackt hat und -mich hat zwingen wollen, daß ich in seiner Mühl -mahl, wo doch schon der Herr Kaiser Josef im -Jahr achtundvierzig alle Zwangmühlen verboten -hat, und weil ich selbem Müllner nit zu<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -Willen war, hat er mich und meine gottseligen -Vorfahrer mit boshaften Wörtern verunehrt und -hat insbesonders mir – mit Verlaub zu sagen – -geschafft, ich soll ihm auf den Buckel steigen. Nachdem -dies geschehen war, hat er mich mit einer -Ochsensenne so kläglich genotnötigt, daß ich vierzehn -Tag meine Arbeit hab versäumen müssen und Hand -und Fuß nit rühren können. So, jetzt hat der -Widersacher das Wort.«</p> - -<p>Damit ging der Dullhäubel in die Ecke der -Scheuer, wo spinnverwebt die Putzmühle stand, -und drehte sie fünf Vaterunser lang, daß sie -rumpelte und fauchte, und deutete also die Rede -an, womit der Gid sich verteidigte.</p> - -<p>Als der Bauer an der Putzmühle in einen gelinden, -warmen Schweiß geraten war, setzte er ab -und sprach wiederum in der eigenen Sache.</p> - -<p>»Allerhöchster und ehrbarer Herr Gerichtshof! -Indem daß der Ägid Wilfinger sich gar so lügenhaft -verteidigt und mit seinen Spitzfünden der -Wahrheit unverschämt ins Gesicht schlagt und behauptet, -es hätte sich alles umgekehrt zugetragen -und ich hätte ihm mit einer Ochsensenne leibgefährlich -und schandbar zugesetzt, daß er schleunig -in der Mühl habe seine Zuflucht holen müssen: so<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -verschwör ich mich mit dem härtesten Schwur, daß der -Müllner jetzt abscheulich gelogen und getrogen hat. -Gott soll mich strafen, wie ich da steh, wenn nur -ein einziges Wort nit wahr ist!«</p> - -<p>Jetzt ließ er wieder die Putzmühle lärmen, und -dies bedeutete wieder die Antwort des Gid.</p> - -<p>Hernach schloß er die Verhandlung und sagte: -»Indem daß der Müllner von seinem halssteifen -Leugnen nit ablaßt und in ohrenblaserischer Weis -mich, seinen Nachbarn und vormals treuen Freund -ins Zuchthaus bringen will, so trag ich alleruntertänigst -seine gerechte Bestrafung an. Ich bitt euch, -sperrt den Herrn Ägid Wilfinger drei oder vier -Jahr bei Wasser und Brot ein, daß mir mein -Recht geschieht und er hernach als ein verbesserter -Müllner wieder auf die Welt kommt.«</p> - -<p>Er verneigte sich nach allen Winden und ging -aus der Scheuer, seiner Sache sicher. –</p> - -<p>Am Gerichtstag putzte sich der Dullhäubel wie -ein Pfingstelreiter heraus: er schirrte sich in die -grasgrünen Hosenhalfter und steckte einen Häherspiegel -in den blauen Hut, die Silberknöpfe glänzten -am Brustfleck, und so trat er getrost aus dem Haus.</p> - -<p>Als die Sodonia über ihn ein Kreuz schlug, sagte er: -»Heut wird es ein Rausch, ob ich gewinn oder verlier.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span></p> - -<p>Vor seinem Hof aber hockte die Ulla, sie ließ ihr -zahnlücketes Lächeln spielen und grüßte: »Guten -Morgen in aller Fruh, Bauer!«</p> - -<p>Das alte Weib deutete er als übles Vorzeichen. -Fluchend rannte er in die Stube zurück, tauchte -alle fünf Finger in den Weihbrunn und besprengte -sich kräftig, daß alles Gelüst des Teufel zu schanden -werde. Dann schlich er zur Hintertür davon und -ging in einem weiten Ring um das Bettelweib. –</p> - -<p>Der Gerichtshof schaute ganz anders aus, als -wie der Dullhäubel geträumt hatte. Es war eine -sonnige Stube, drin auf grünem Tisch zwischen -zwei Kerzen das Kreuz mit dem angenagelten -Herrgott stand.</p> - -<p>Der Richter hatte einen breiten Goldbart, eine -rötliche Nase und graue, scharfe Augen, die einen -durch Mark und Bein schauten.</p> - -<p>Der Schreiber, dem zwischen den Augenbrauen -eine mächtige Warze saß, zog eben den Pfropf aus -einem Tintenfläschlein. Neben ihm glänzte eine -schneeweiße Gansfeder.</p> - -<p>Als der Dullhäubel in die Stube trat, war der -Müller schon drin. »Holla, gefehlt ist es,« dachte -der Bauer, »jetzt ist mir der Kerl zuvor kommen!« -Doch hoffte er die Scharte auszuwetzen, und er<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -grüßte artig: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr -Gerichtshof und Herr Schreiber!«</p> - -<p>Er wollte auch den Mann neben der schneeweißen -Gansfeder ehren, denn wie leicht konnte der ein -Wörtlein in seine Schrift rinnen lassen, das einem -das Genick brach.</p> - -<p>Der Goldbart murrte etwas und deutete ungeduldig -auf einen Sessel. Doch der Dullhäubel -hielt es an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen, -er holte das Tabakglas herfür und bot es mit -zwinkerndem Blick auf die rötliche Nase dem -Richter hin.</p> - -<p>»Was unterstehen Sie sich?« brüllte dieser.</p> - -<p>Der Dullhäubel legte die Hand demütig aufs -Herz. »Herr Gerichtshof, ich bin halt ein dummer -Bauer.«</p> - -<p>Er knickte auf den Sessel nieder, der blaue Hut -fiel ihm auf den Fußboden. »Holla,« dachte er, -»jetzt hab ich mich verrechnet. Aber meine Red muß -mich herausreißen.«</p> - -<p>Die Stimme des strengen Mannes kam auf einmal -ganz unglaublich mild und zart aus dem Goldbart -heraus, die starken Augen wurden ihm feucht, -er zupfte an seiner Nase.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Leutlein, euch hat der Herrgott nachbarlich hingesetzt -in das schöne, friedliche Tal am Wolfsbach, -und ihr steht jetzt in dieser Stube euch gegenüber -wie zwei Waldratten, die sonst nichts mehr zu fressen -haben als eins das andere. Was verklagt ihr euch -wegen ein paar überflüssiger Hiebe und ein paar -lustiger Wörter? Besinnt euch, ihr strittigen Männer! -Es kann kein gut tun, wenn einer von euch wegen -des andern abgestraft wird. Es wächst Haß daraus, -und der Haß glost weiter in Kind und Kindeskind -und schlägt allweil wieder giftig aus der Asche. -Denkt an den Frieden eurer Enkel! Söhnt euch -aus! Gebt euch die Hände!«</p> - -<p>»Ich will mein Recht,« trotzte der Müller.</p> - -<p>»Ich auch,« rief der Dullhäubel.</p> - -<p>Das graue Auge des Richters verfinsterte sich, -mit langen Schritten ging er von Wand zu Wand.</p> - -<p>»Es ist gut,« sagte er. »Und jetzt erzählen Sie -mir den Vorfall, Wilfinger!«</p> - -<p>Der Gid stellte sich kerzengerad hin wie ein Soldat -und begann rauh: »Ich komm aus der Mühl. -Der Kasper steht auf der Straße. Ich zeig ihm -unsern Freibrief. Wir reden nit lang, da reißt er -die Ochsensenne aus dem Wagen. Wenn ich nit -renn, erschlagt er mich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p> - -<p>»Umgekehrt ist es gewesen!« kreischte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Ruhig!« knurrte der Richter. »Ägid Wilfinger, -beschwören Sie Ihre Aussage!«</p> - -<p>Die Kerzen flackerten unheimlich, und der Gid -reckte den Arm steif auf bis schier zur Decke und -stammelte nach, was der Richter vorsprach.</p> - -<p>»Falsch hat er geschworen, der staubige Teufel!« -schalt der Dullhäubel. »Dir wasch ich noch einmal -die Kutteln.«</p> - -<p>»Du elendiger Bauerntrumpf!« grollte der Gid. -»Erwisch ich dich noch einmal, ich hämmer dich hin, -daß du nimmer aufstehst!«</p> - -<p>Der Richter rieb sich die Fäuste. »Das ist ein -spitzer Handel, Männer,« reizte er die zwei. »Redet -euch nur die Leber frei!« Der Bart zitterte ihm -unter dem lachenden Mund. Lachend riß er das -Fenster auf.</p> - -<p>Das Geschrei der zwei Fuxloher versammelte drunten -am Markt die Stadtleute. Sie horchten und -lachten.</p> - -<p>Der Dullhäubel war rot wie ein Truthahn. -»Müllnerdieb, Müllnerdieb!« zeterte er. Ihm fiel -nichts anderes ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p> - -<p>Der Gid hatte keine Farbe im Gesicht. »Du -abgefeimter Fuchs,« sprühte er, »du drehst dem -Teufel einen Knopf in den Schweif.«</p> - -<p>Sie wüteten gen einander wie zwei leer laufende -Mühlsteine, mit bösen Reden stachen sie auf sich -ein, vergangene Zeiten öffneten sie und rissen die -verweste Schande der Voreltern heraus.</p> - -<p>»Du Lump!« brauste der Gid. »Und allsamt -seid ihr Lumpen gewesen auf euerm Hof. Der -Vater sauft sich zu Tod, der Ähnel sucht die letzte -Rast am Strick, dem Guckähnel wird der Hirnschädel -eingehaut, und wer weiß, wie viel von -deiner Brut am Galgen gezappelt haben!«</p> - -<p>Der Dullhäubel blieb nichts schuldig. »Du -ehrlicher Müllner, dein Vater ein ehrlicher Mann, -dein Ähnel, dein Urähnel, dein Guckähnel, lauter -redliche Müllner! Kein Körnlein ist euch stecken -blieben im Fingernagel, kein Stäublein Mehl ist -haften blieben an euern Schürzen, keinen Sand -habt ihr gemischt –.«</p> - -<p>»Was? Du willst an meinem ehrlichen Gewerb -schnipfeln?« Der Gid langte hinüber, wie der Bär -nach Reiner dem Fuchs greift.</p> - -<p>Schnell barg der Schreiber das Tintenfaß und -sah sich nach der Tür um.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<p>Dem Richter schien es genug. Er brüllte, daß -die Scheiben klirrten: »Ruhe! Sonst laß ich euch -dingfest machen und ins Zuchthaus schmeißen!«</p> - -<p>Der Dullhäubel aber bäumte sich auf: »Hat -der Gid geschworen, muß man mich auch schwören -lassen!« Er schwang die rechte Hand in die Höhe -und spreizte die Finger, die linke ließ er mit zur -Erde gereckten Schwurfingern hängen; er glaubte, -so müsse der Schwur ohne Schaden durch den -Leib gehen, auch wenn er nicht ganz echt sei.</p> - -<p>Der Goldbärtige schaute ihn mit einem Blick -an, der ihm den Arm lähmte, und sagte halblaut: -»Ihr zwei versteckten Lümmeln, augenblicklich versöhnt -ihr euch, sonst laß ich euch krumm schließen, -daß euch die Knochen brechen! Glaubt ihr, ich hab -die Zeit gestohlen, daß ich mit einem groben Müller -und einem spitzfindigen Schelm, der da kalt schwören -will, herumschlage? Im Hui vergleicht euch! Und -dann hinaus mit euch!«</p> - -<p>Die Widersacher schauten verdutzt drein, der -Richter aber winkte entschlossen hinab auf den -Marktplatz, dort stand ein riesiger Mann mit -einem Säbel.</p> - -<p>Den zweien wurde ängstig.</p> - -<p>Der Säbel klapperte draußen die Stiege herauf.<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -Der Dullhäubel langte sich nach dem Hals, als -würge ihn etwas. Dem Müller war, eine Sense -fahre ihm durch die Kniee.</p> - -<p>»Gid, verzeih!« ächzte der eine.</p> - -<p>»Kasper, vergiß!« murmelte der andere.</p> - -<p>Der Mann mit dem Säbel trat herein. Sein -Gesicht war ernst, als müsse er in die Feldschlacht -gehen. Er wischte sich links und rechts über den -Schnurrbart.</p> - -<p>Der Richter sprach zu ihm: »Sie, Herr Notnagel, -rennen Sie gleich zum Postmeister hinüber! -Er soll nicht aufs Kegelscheiben vergessen. Im -Wirtshaus zum Blumenstöckel.« –</p> - -<p>Die zwei Fuxloher atmeten auf, als sie draußen -auf dem Gang standen.</p> - -<p>Der Gang war weitläufig und finster, und -drum verirrten sie sich und gerieten an eine eisenbeschlagene -Tür, die halboffen stand.</p> - -<p>Der Dullhäubel spähte hinein.</p> - -<p>In der Kammer drin war nichts zu sehen als -ein vergittertes Fenster und eine hölzerne Liegerstatt. -An die Wände hatten die Leute, die hier einschichtig -über den Lauf der Welt nachgedacht hatten, allerlei -Ergötzliches gezeichnet. Neben dem Bild eines mit -Raben und baumelnden Schuften wohlversehenen<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span> -Galgens waren Gesicht und Brüste eines üppigen -Zigeunerkindes zu schauen, Schergen mit Säbeln -und Hahnenbüschen auf dem Hut starrten von der -Mauer nieder, unbekümmerte Sprüche luden zur -Besinnung ein; auch mancher Reim war verzeichnet, -der ein artiges Gemüt verletzt hätte, und mit -blauem Stift stand steif und groß hingemalt: -»Ade, du trauter Ort! Ich bin da gesessen ein -paar schöne Wochen.«</p> - -<p>Dem Dullhäubel wurde ganz heimlich in der -Kammer. Die Sonne zeichnete das Gitter gar -lustig auf die Liegerstatt hin und zierte die Spinnweben -im Winkel mit regenbogenen Farben. Eine -Maus kroch aus ihrem Loch und stellte ein -Männlein.</p> - -<p>Ungern verließ der Dullhäubel die Stätte. Er -deutete mit dem Daumen zurück und sagte zu dem -Müller: »Wenn mir das alte Bettelweib nit begegnet -wär, du säßest jetzt da drin. Schad drum!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Ulla wohnte am Vogeltänd neben einem -Felsen. Ihre zerrissene Hütte war mit Stangen -und Stecken kläglich gestützt, Türsäulen und Fensterstöcke -waren morsch, die Scheiben zerbrochen und -mit Papier verklebt. Die Schindeln faulten am<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -Dach und waren zum Teil durch Baumrinden ersetzt. -Doch darauf glänzten Steine mit schönen glasigen -Gebilden, so daß es auf all der Armseligkeit -wunderlich blitzte.</p> - -<p>Im Fenster wuchs in einer Scherbe kümmerlich -die Blume Zagelhintaus. Ein Kienbaum verschattete -die Hütte, ihm wucherte im Gezweig ein Hexenbesen, -kraus verwachsen wie das Nest eines verrufenen -Vogels.</p> - -<p>Es war morgens. Der Guckauf lockte hell.</p> - -<p>Die Waldkräutlerin brockte vor ihrer Tür einen -struppigen Schlafapfel aus dem Dorn, sie wollte -ihn abends ins Bett legen, weil sie nimmer gut -schlief.</p> - -<p>Zu dem winzigen Fenster meckerte die Geiß -heraus. Die Ulla humpelte hin und spaßte: »Gib -mir ein Bussel, Geiß!«</p> - -<p>Als wär er aus dem Felsen gesprungen, stand -der Dullhäubel da.</p> - -<p>»Du hast die Geiß gern, Ulla. Du brauchst -sie wohl Zum Reiten? Reitest du auf den Lusen -tanzen? Das ist ein hoher Berg.«</p> - -<p>Die Alte nickte gutmütig mit dem kleinen Vogelkopf. -»Du bist heut gut aufgelegt, Bauer. Dir -hab ich einmal eine Warze besprochen. Weißt du<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -es noch? Jetzt bist du ein schöner Mann worden. -Geh, schenk mir was! Schau, wie armselig meine -Heimat dasteht!«</p> - -<p>Sie deutete auf die Tür, die müd in den -Angeln hing.</p> - -<p>»Die Tür ist schlecht,« sagte der Bauer, »aber -du brauchst sie nit besser, du reitest ja zum Rauchfang -ein und aus.«</p> - -<p>Die Geiß stand jetzt in der Tür, die Vorderbeine -gespreizt, und horchte neugierig zu.</p> - -<p>»O mein liebes Vieh, der Bauer macht uns -zwei schlecht. Du bist ein Schwänkmacher, Dullhäubel. -Freilich geht es mir schlecht. Wenn nur -genug Brot wär, drei Zähne hab ich schon noch,« -kicherte sie kläglich. »Ach ja, die Not ist mein -Kuchelmensch und Schmalhans der Meister.«</p> - -<p>»Aber Milch hast du genug?« fragte der Bauer -scharf.</p> - -<p>»Nit viel, gar nit viel. Was halt die Geiß -hergibt.«</p> - -<p>»Alte, du weißt, daß in meinem Hof der Erdspiegel -ist. Drin seh ich alles auf der Welt. Wie -ich gestern abends hinein schau, seh ich dich den -Wegzeiger gegen Grillenöd melken. Zur gleichen -Zeit hebt meine beste Kuh, die schwarzrückete<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -Stallmeisterin, gottskläglich an zu plärren. Ich -schau nach, da steht sie im Stall, zittert am ganzen -Leib und schwitzt, als wenn sie einer geritten hätt. -Ich hab sie gleich melken wollen, da hat sie nit -ein bißlein Milch gegeben, nur ein Tropfen Blut -ist ihr aus dem Euter geronnen. He, was hast -du meine Kuh verzaubert, Hex?« rannte er.</p> - -<p>Sie rang die dürren Hände. »Das ist nit -wahr, der Erdspiegel lügt. Ich bin ein frommes -Weib und keine Schlangenköchin.«</p> - -<p>Er fuhr fort: »Im ersten Zorn bin ich in das -Vogeltänd gelaufen, hab dir die Milch vom Ofen -wegreißen wollen. Da seh ich durch die Luft einen -Strohwisch schießen, in deinen Rauchfang schießt -er hinein, er sprüht vor lauter Feuer. Ist das -nit dein Liebhaber gewesen, Hex?«</p> - -<p>Sie starrte ihn mit den blöden Augen an. »Du -irrst dich, Dullhäubel, du irrst dich dreimal. Es -wird nur ein Sternlein in den Rauchfang gefallen -sein. O weh, wie redest du so schrecklich von mir -armem Weib! Ich tu ja niemand nix, ich tu nur -beten, allweil hab ich die Nase im Betbuch, wenn -ich auch nit lesen kann.«</p> - -<p>»Jetzt weiß ich, Ulla, wer mir im Stadel die -Mäus wachsen laßt und im Haus das Unziefer.<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -Jetzt weiß ich, wer den Nebel her winkt und das -schwarze Wetter. Du bist es, Hex!«</p> - -<p>»Ich hab ja gar keine Kraft,« jammerte sie, -»wie könnt ich das tun? Es ist ja alles nit wahr, -nit wahr.«</p> - -<p>Unbarmherzig redete er: »Aus deiner Geiß springt -die Milch wie der Brunnen aus der Erd, die Milch -rinnt dir ums Haus nach, Ulla. Zum Lusen bist du -auf einem Besen geflogen, der hinter dir gebrannt -hat. Du zauberst und zinzelst und zanzelst und machst -Weiber und Küh galt.«</p> - -<p>»O du Unfang, du bodenloser, was bringst du -mich in Kummer? Deine üble Nachred wird mir -schaden, niemand wird mir eine Gabe schenken wollen. -Aber jetzt geh ich hin und laß dich am Gericht -verklagen.«</p> - -<p>»Der Richter ist mein bester Freund, der tut mir -nix,« lachte der Schelm. »Und wenn die armen -Leut klagen, so gilt es nit. Und wer steht gegen -mich auf? Ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«</p> - -<p>»Das ist eine bitterliche Wahrheit,« lispelte sie, -»an der Armut wischt ein jeder seinen Schuh. Aber, -lieber Kasper, ich bin keine Hex.«</p> - -<p>»Du bist es. Dein ganzer Leib legt Zeugenschaft -dafür ab: deine Finger sind wie Krallen, dein Kinnbein<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -ist dürr und krumm, dein Gesicht ist runzlig, -als ob die Hennen drin gekratzt hätten. Die Augen -rinnen dir aus.«</p> - -<p>»Ich bin ja alt! Alt bin ich!« wimmerte sie. -»Blut könnt ich weinen. Du wirst mich verschreien -in ganz Fuxloh.«</p> - -<p>»Wenn du ein gerades Weib wärst, die Augen -frisch, die Wangen weiß und rot und glatt,« der -Dullhäubel schnalzte, »und wenn du sonst am Leib -schön fest und dick wärst, da könnt der Erdspiegel -zehnmal sagen, daß du hexest. Niemand tät ihm -glauben.«</p> - -<p>»Das laßt sich nimmer ändern,« sprach sie traurig. -»Und wenn ich noch so gut essen könnt, mein Leib -ist alt und laßt sich nimmer frisch aufbauen.«</p> - -<p>Da flüsterte er: »Und doch weiß ich einen Rat. -Geh in die Altweibermühl!«</p> - -<p>Wie Abendsonnenlicht glitt es über die enge Stirn -der Ulla. »Ja, die Altweibermühl! Ich hab schon -davon reden hören. Aber sie ist weit, meine Füß -ergehen den Weg nimmer.«</p> - -<p>»Geh in die Mußmühl! Der Gid mahlt dich -blitzsauber und blutjung. Zweifelst du? Ich lüg dich -nit an. Du könntest mich sonst mit einem Buschen -Haberstroh erschießen in der Thomasnacht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p> - -<p>Lachend trollte er sich.</p> - -<p>Die Alte stand wie verzaubert. Noch einmal jung -werden, Kraft haben in Händen und Füßen, klar -und stark sein im Hirn, von den Leuten geehrt werden, -tanzen und springen können, und es noch einmal -und besser und schlauer versuchen mit dem Leben!</p> - -<p>Sie ging im Ring um diesen lichten Wunsch, -sie bestaunte ihn von allen Seiten und lugte scheu -hin, wie ein Bettelkind durch die Zaunstecken in -einen fremden, feinen Garten lugt voll edler Lilien -und lieber Rosenstauden und Bäume mit gelbem -Obst.</p> - -<p>Sie glaubte es gern, daß es ein Mühlrad gebe, -das die Alten wieder jung mahle. Wie hätten -denn sonst die Leute davon reden können!</p> - -<p>Sie packte vor Freude die Geiß bei den Füßen, -hob sie auf und schwenkte und schleifte mit dem -glotzenden Tier einen gelinden Tanz. –</p> - -<p>Als sie am dritten Tag das Herz nimmer bezwang, -nahm sie ihren Stecken und ging in die -Mußmühle.</p> - -<p>Den Weg hin pflasterte sie mit vielen Träumen, -die holder glitzerten als der Tau an den Gräsern. -Und die Vögel pfiffen die kreuz und die quer, -der Baumhackel jauchzte wie ein Hochzeiter, der<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span> -Himmel droben war glasblau, und die Erde war -zart und freundlich wie ein Kränzelgarten.</p> - -<p>Die Ulla wanderte die Erlen und Weiden entlang -bis zum grünen Weiher, darein der Bach -sich sammelnd und verrastend mündete.</p> - -<p>Der Gid schleppte eben dem Glöckelbauer die -Säcke in die Mühle.</p> - -<p>»Bin ich da recht in der Altweibermühl?« -fragte sie, und das Herz schlug ihr hellauf.</p> - -<p>Der Gid ließ den Sack von der Achsel gleiten -und schaute sie wild an.</p> - -<p>»Die bringt der Mußmühl einen neuen Namen -auf,« lachte der Glöckelbauer.</p> - -<p>»Jung sollst du mich mahlen,« redete sie ein -wenig scheuer. »Der Dullhäubel schickt mich her.«</p> - -<p>»Zu Trutz und Neid tut er mir alles!« rief -der Gid in weinerlicher Wut. Und er rollte sie -an: »Komm mit!«</p> - -<p>Sie beschwichtigte ihn. »Sei nit bös! Ich bin -halt ein armes Fürwitzel.«</p> - -<p>»Zum Altweibermahlen täten die Fuxloher freilich -meine Mühl kennen, da fahret keiner vorbei.« -Er stapfte grimmig voraus.</p> - -<p>Im Vorderhaus standen einige Holzschuhe. Da -schmeichelte die Ulla, den Zornigen zu begüten:<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -»Ihr habt aber viel Holzschuh, da kommen gewiß -auf jeden zwei.«</p> - -<p>Er führte sie durch das zitternde Haus, und -auf einmal weilte sie verwirrt an einem Ort voll -staubiger Stiegen und Leitern, der Wellbaum -drehte sich, die Gänge klapperten, volle Säcke -lehnten aneinander, weiße Mehlhaufen waren aufgeschüttet.</p> - -<p>Unheimlich rührte sich das Haus, belebt vom -stürzenden Wasser, das das Wesen eines Geistes -hatte. Unsichtbar irgendwo schwang sich das Mühlrad, -vom Geschäufel zischte und fiel es. Die -Aufschüttkasten schüttelten und rüttelten sich ruhelos, -gespenstisch regte sich das Beutelwerk. Immer -tosender schlapperte und klapperte alles, und der -Ulla Herz schlotterte immer banger.</p> - -<p>Eine Mehltruhe stand halb offen, und das Weiblein -fürchtete, ein grauer Kobold könne herauskriechen -und ihr ein Leides tun.</p> - -<p>Und auf einmal schoß ihr eine gewaltige Angst -vor dem Jungwerden ins Knie.</p> - -<p>Soll sie die bittere Welt noch einmal durchreisen, -jetzt, wo sie der Ewigkeit und ihrem Frieden -schon so nahe ist? Sie sollte sich doch ihr Alter -nicht so hart bekümmern lassen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p> - -<p>Und die Geiß daheim, die wird die Ulla nimmer -erkennen, wenn sie jung und fremd dahertanzt. Die -gute Geiß wird den Bart traurig hangen lassen.</p> - -<p>Sie schrak auf. In dem Gebraus hatte sie den -Müller vergessen.</p> - -<p>Der packte sie grob und schwang sie über den -Mühltrichter. »Soll ich dich fallen lassen?«</p> - -<p>Sie schrie auf. Sie fühlte sich verschlungen, -zermalmt unter den harten Steinen. Wild krampfte -sie sich in des Müllers Rock. »Heilige Muttergottes, -hilf! Breit deinen Reifrock aus! Ich will nimmer -jung werden.«</p> - -<p>Die Sinne vergingen ihr. –</p> - -<p>Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. -Die Mühle brauste gedämpft, Mücken schwirrten.</p> - -<p>Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: -»Gott, wie geht es zu in deiner Welt!«</p> - -<p>Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich -hin, schlupfte durch die Felberstauden und schaute -in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein altes, -verschrumpftes Schwesterlein herauf.</p> - -<p>Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die -im Wasser um Verzeihung, daß sie sie schier um -ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und -ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder,<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -so glaubte sie, habe den Frevel -verhütet.</p> - -<p>Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor -seinem Hof am Wasen und reckte die Arme faul -von sich.</p> - -<p>»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. -»Jetzt mußt du halt Wolkenschieben gehen auf den -Hötschenberg in Tirol.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"> -<p>Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell -her. Der Kirchweihtanz dauerte schon die zweite -Nacht.</p> -</div> - -<p>Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer -Bühne. Der starke Lukas Schellnober blies den -Baß, der Aumichel griff die Klarinette, der Spielmannfranz -und seine Buben geigten. Und wenn -die Musikanten rasteten, zirpte der Kanari, der aus -dem Vogelhaus dem Treiben zuschaute.</p> - -<p>Die Bauernsohlen stampften die altbairischen -Tänze. Der Glöckelbauer schwang die Iglin, der -Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker -Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners -Weib, derweil der Grazian gottergeben und -mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span> -von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit -der Burgermeisterin, der Müller mit der Müllerin. -Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die -Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend -an die Wand und schrie: »Ich bin ein Steirer!«</p> - -<p>Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in -die Ecke.</p> - -<p>»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.</p> - -<p>»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«</p> - -<p>»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm -mit mir vors Haus und laß mich schlecken!«</p> - -<p>»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu -finster, ich könnt mich wo anstoßen. Und du bist -mir zu wenig treu.«</p> - -<p>»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von -einer zur andern, Stasel. Heut zu dir.«</p> - -<p>»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin -kein Apfelbaum an der Straße, wo ein jeder -Bub hinaufsteigt.«</p> - -<p>Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, -und auch aus Blaustauden und Grillenöd waren -Gäste da, und sie sprangen und trampelten, schleiften -und jauchzten und sangen grell durcheinander.</p> - -<p>»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte -der Müller an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p> - -<p>»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte -der Dullhäubel.</p> - -<p>Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die -Karten und spielten ein Spiel, das kroch so faul -und endlos um den Tisch, daß die Sage recht -haben mochte, einmal seien dabei vier Männer -erfroren.</p> - -<p>Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der -Wirt aus, vor ihm auf einem langen Tisch standen -die Krüge der Tänzer.</p> - -<p>Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. -Mit eiligen Augen nahm der Wirt den Vorteil -wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern -und goß das Bier durch den Trichter ins Faß -zurück. Hernach lehnte er sich träumerisch mit überschlagenen -Beinen und verschränkten Armen an -die Stiege und wartete.</p> - -<p>Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen -und wollten trinken.</p> - -<p>Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon -wieder einer das Bier ausgesoffen!«</p> - -<p>Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: -»Gerad ist mein Krug voll gewesen, und jetzt ist -er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen zu.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p> - -<p>Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er -kostete und spie aus: »Wirt, dein Bier ist abscheulich -warm. Pfui Teufel!«</p> - -<p>»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird -frisch angezapft. Jetzt kommt das Faß, wo die -schwarze Katz drauf sitzt.«</p> - -<p>Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied -an. Er hatte einen rauhen, grimmigen Hals. -Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit -hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen -des finsteren Bartes war schon mancher Wandersmann -umgekehrt, der den Spucht von weitem im -Wald sah.</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel -hin. »Mein lieber Freund,« sagte er, »in -der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich -wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so -kräftiges Bier gebraut wird wie vormals. Wenn -man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden -noch schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So -kräftig ist es gewesen. Heut bringt kein Bräuer -mehr einen rechten Faum zusammen.«</p> - -<p>Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und -kehrte sich ab. Da stupfte ihn der Hannes mit -dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein.<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht -die Nase an.«</p> - -<p>»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der -Bauer grob. »Du bist nur ein Häuselmann mit -einer Kuh.«</p> - -<p>»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« -Der Hannes stand auf und trug beleidigt seinen -Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein, wenn -er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. -Der Ofen allein ist dort so groß, daß der Bauer -drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er die -Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«</p> - -<p>»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr -rauft,« mahnte der Wirt scharf.</p> - -<p>Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied -an.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»'s gibt kein schönres Leben auf Erden<br /></span> -<span class="i0">in der weit und breiten Welt,<br /></span> -<span class="i0">als ein Straßenrauber werden,<br /></span> -<span class="i0">morden um das liebe Geld.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und -Gepolter verdeckten seine grobe Stimme. Alles -drängte zum Tanz.</p> - -<p>Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er -gemächlich den Holzschlägel, womit er sonst die<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -Piepe in die Fässer trieb, und schlug ihn dreimal -dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die -Stube: »Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte -wieder aus dem alten Faß.</p> - -<p>Der Grazian huschte heran und trank. »Jetzt -ist das Bier viel besser.«</p> - -<p>Der Spucht wischte sich erquickt den feuchten -Bart. »Das Bier hat Kraft,« lobte er, »es raucht -einem zur Nase heraus.«</p> - -<p>»Wirt, bring eine Zange her!« begehrte der -Igelbauer. »Am Türstock steht ein Nagel heraus, -die Burgermeisterin hat sich dran den Kittel zerrissen.«</p> - -<p>Doch der Lukas Schellnober hüpfte von seinem -hohen Sitz herab und riß den Nagel mit den -blanken Zähnen so gründlich heraus, daß schier der -Türstock mitging.</p> - -<p>Alle staunten über die Gewalt, und der Lukas -Schellnober stand da, stark wie ein Hebebaum.</p> - -<p>Nur der Dullhäubel winkte geringschätzig. »Mein -Ähnel hat eine Pflugschar auseinander gebrochen -und einen eisernen Haken mit dem kleinen Finger -in die Mauer getrieben.«</p> - -<p>Da packte der starke Bläser den Prahler samt -seinem Stuhl und hob ihn auf den Tisch, daß er<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -zappelnd droben saß, und alle lachten und gönnten -es ihm.</p> - -<p>Wütend kroch er herunter. Doch wußte er sich -gleich wieder ein Ansehen zu schaffen, er zündete -sich die Pfeife mit einem Guldenzettel an, schob -sich den Hut ins Genick und schloß hochmütig die -Augen. »Soll mir das einer nachtun in Fuxloh!«</p> - -<p>Die Leute hatten nicht lange Zeit, über den verbrannten -Gulden zu staunen, denn der Spucht und -der Grazian waren wegen ihrer Weiber in Streit -geraten, und alles scharte sich um die zwei.</p> - -<p>Der Spucht war eifersüchtig worden und behauptete, -der Meßner stoße beim Tanz häufig -mit dem Knie an das Knie der Spuchtin. »Ich -hau dich, Grazian, daß dir das Maul auf die -Seite hängt,« drohte er und spickte die Drohung -mit seinen finsteren Blicken.</p> - -<p>»Hau her!« trotzte der Grazian.</p> - -<p>»Hau erst du her!« begehrte der Spucht und -wich einen Schritt zurück. Sein Bart sträubte sich.</p> - -<p>Dem Meßner schwoll das Herz. »Hast du eine -Schneid, so wag dich an mich!« Er hob einen -Stuhl auf und brüllte. Der Spucht duckte sich.</p> - -<p>Vom Faß her rief der Wirt: »Grazian, wenn -du raufen willst, räum ich dich hinaus.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span></p> - -<p>Der Narr tanzte täppisch zwischen die Streiter -und sang die Worte: »Hofacker, Krautacker!« Ein -anderes Lied konnte er nicht.</p> - -<p>»Recht hast du, Zusch, stift Frieden!« lobte ihn -der Burgermeister.</p> - -<p>»Komm her, Narr, trink!« Der Dullhäubel -hob das abgestandene Traufbier unter dem Faß -weg und schwenkte es. Der Zusch trank mit -stieren Augen.</p> - -<p>Dann spreizte der Dullhäubel die Beine auseinander. -»Jetzt bedank dich, Narr, und schlief -durch.«</p> - -<p>Da ließ sich der Zusch auf alle vier nieder und -kroch durch.</p> - -<p>Seine Mutter kam in die Stube. »Wo mag -denn mein armer Narr sein?« fragte sie betrübt. -»Ich such ihn schon die halbe Nacht.«</p> - -<p>Als sie ihn dem Bauer durch die Beine kriechen -sah, weinte sie in die Schürze und zog den Narren -mit sich fort.</p> - -<p>»Den Kasper soll man hauen, bis er nach Feuer -stinkt,« schalt der Müller.</p> - -<p>Der Dullhäubel aber mischte sich keck in den -Tanz. Dabei sprang er wie ein Heuschreck, schaffte<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -sich unbekümmert Platz und stieß die andern aus -dem Weg.</p> - -<p>Den Lippenlix aus Blaustauden faßte er beim -Knopf. »Du Schönbart bist mir auf die Zehen -getreten, das Weh schießt mir bis zum Ellbogen -herauf.«</p> - -<p>Mit einem Schlag stand eine Rotte Blaustaudner -Burschen hinter dem Lippenlix bereit. Der zwirbelte -sich den langmächtigen Schnurrbart und lauerte, er -war ein stößiger Mensch, mit dem keiner gern -anband.</p> - -<p>Der Dullhäubel schmeckte die Gefahr. »Nix -für ungut!« schmeichelte er. »Was stellt ihr euch -gegen mich? Reibt euch an dem Müllner! Der -sagt allweil, in Blaustauden sind lauter rotaugige -Menscher.«</p> - -<p>»Traut dem Kasper nit, er hat zwei Zungen -in der Gosche,« warnte der Öchseltreiber Mathes -aus Grillenöd.</p> - -<p>»Die Grillnöder rühren sich,« spottete der -Dullhäubel. »Ist das wahr, Mathes, daß bei euch -alle stehlen, nur der heilige Sebastian in der -Kapelle nit? Der ist angebunden.«</p> - -<p>Der Bauer hatte die Lacher auf seiner Seite. -Und der Lippenlix zwirbelte den schönen Bart<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -und bekräftigte: »Die Grillnöder sind bekannt. -Wenn sie Kirchweih haben, müssen sie in den -andern Dörfern den Stall zusperren.«</p> - -<p>»Der Kasper setzt den Hut auf, wie der Wind -hergeht, einmal so, einmal anders,« greinte der -Öchseltreiber, fand aber kein Gehör.</p> - -<p>»Sing uns das Fuxloher Lied, Kasper!« verlangten -die aus Blaustauden.</p> - -<p>Da krähte der Dullhäubel den Spott über -sein Dorf.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von hint bin ich fürher,<br /></span> -<span class="i0">vom schwarzen Laib Brot,<br /></span> -<span class="i0">kein weißes Brot eß ich nit,<br /></span> -<span class="i0">da brennt mich der Sod.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Dem Burgermeister schlug die Röte in den Kopf. -»Du bist wie der Wiedehopf, Kasper, der beschmeißt -auch das eigene Nest.«</p> - -<p>»Dreiunddreißig Menscher hab ich,« rief der Dullhäubel, -»alle Jungfern von Fuxloh gehören mir, -und alle Weiber sind mein gewesen.«</p> - -<p>»Jetzt haltst du das Maul!« schnarchte ihn der -Igelbauer an.</p> - -<p>»Du willst mir was schaffen?« höhnte der Dullhäubel. -»Wer bist du, und wer bin ich? Du -treibst dreizehn Mäus auf den Markt. Einen Fleck<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -Grund hast du, nit größer als ein Hosentürlein, -und schon laßt du dich einen Bauer heißen.«</p> - -<p>Die Musikanten fingen schnell einen Ländler an -und überlärmten die Schandrede des Dullhäubel.</p> - -<p>Den Ländler hatte der Müller bestellt und bezahlt, -und er und die Ogath tanzten ihn allein, -derweil die andern im Ring herum standen und -zuschauten.</p> - -<p>»Der Gid reckt sich auf über uns alle,« stichelte -der Dullhäubel. »Das ist keine Kunst, er hat das -Geld, er stiehlt uns alle ab, uns Bauern.«</p> - -<p>»Dein Tanz hat keinen Schmiß, Müllner,« -nörgelte der Lippenlix.</p> - -<p>»Er kann leicht das Geld ausstreuen,« spottete -der Dullhäubel. »Seine Vorfahrer sind klug gewesen, -sie haben ihren Kühen den vordern Leib -abgehackt, der nur gefressen hat; den hintern Teil -haben sie weiter leben lassen. Wegen der Milch -und dem Dung.«</p> - -<p>»Hör nit auf seine Lügen und sein Plauderwerk, -Gid!« bat die Ogath. »Und gehen wir heim!«</p> - -<p>Er schnitt ein Gesicht wie ein Gewitter und schwieg.</p> - -<p>Der Spucht saß im Flur beim Wirt, sein Deckelglas -hinter dem dicken Bart versteckt, daß es die -Spuchtin nicht merke. »Jetzt wird es erst schön,«<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -freute er sich, »jetzt streiten sie gewiß.« Die kohlfinsteren -Augen glühten ihm.</p> - -<p>»O die Jähköpfe!« klagte der Wirt. »Heut setzt -es ein Unglück.«</p> - -<p>Drin in der Stube fing der Lippenlix an, dem -Müller in den Weg zu tanzen, er taumelte plump -vor ihm her, der Messergriff stand ihm zum Sack -hinaus.</p> - -<p>Der Gid stellte ihn. »Begehrst du was?«</p> - -<p>»Von dir am letzten!«</p> - -<p>Da rief der Müller laut: »Wirt, die Halbe -Bier sollt einen Zwanziger kosten, daß nit ein jeder -Lauser sich eins kaufen kann, der es nit vertragt.«</p> - -<p>»Ich stürz dich um, Gid,« krächzte der Lippenlix.</p> - -<p>Der Wirt sprang zwischen die Männer. »Du -Blaustaudner Schurimuri, braus nit so daher. -Rauf dich daheim aus, wenn dich die Kraft juckt! -Du unbändiger Stier du!«</p> - -<p>Der Lippenlix schob sich mürrisch zur Tür hinaus. -Seine Spießgesellen rückten an einem Tisch zusammen -und brüllten grobe, rauflustige Lieder.</p> - -<p>»Jetzt gehst du heim!« herrschte der Müller sein -Weib an.</p> - -<p>»Du gehst mit, Gid!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p> - -<p>Er zog die schweren Brauen zusammen. Da -ging sie allein. –</p> - -<p>Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den -Lippenlix ein. »Da steigt er drin auf und ab wie -der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid. Und -uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, -nur nit langmütig sein, Lix! Der Langmut zieht -den Übermut ins Haus.«</p> - -<p>»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.</p> - -<p>»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen -Müllner an! Steif dich nur auf mich! Ich verlaß -dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak -aus den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. -He, Bruder, wie heißt der Spruch? Erst schnupfen, -dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus -und besang sich mit hoher Hirtenstimme schwermütig -den Heimweg.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wird mir dann die Zeit zu lang,<br /></span> -<span class="i0">sing ich einen Waldgesang,<br /></span> -<span class="i0">und verkriech mich in den Hecken,<br /></span> -<span class="i0">lehn mich an den Hirtenstecken<br /></span> -<span class="i0">und ergreif die Feldschalmei,<br /></span> -<span class="i0">dieses macht mich sorgenfrei.« –<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span></p> -<p>Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt -auf, Spielleut, daß es schnalzt! Ihr dürft euch -dafür den höchsten Baum in meinem Wald umschneiden. -Aber der Herr Ägid Wilfinger darf -nimmer mittun, der hat schon genug allein getanzt. -Andre Leut sind auch noch da.«</p> - -<p>Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete -sich, und augenblicklich standen sich die Männer -mit feurigen Augen und fertiger Faust in zwei -Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten -sich die Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die -der Gid wegen des Mühlzwanges beleidigt hatte.</p> - -<p>Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.</p> - -<p>Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die -Geiger tranken und schmierten den Fiedelbogen, -der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich hin, und -der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf -seinen Stuhl zurückgesunken.</p> - -<p>Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, -du kannst die Zung nimmer heben. Geh heim, leg -dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend stieß -er sein Messer durch den Tisch.</p> - -<p>»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, -gib nach!« bettelte der Wirt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p> - -<p>Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. -»Das ist noch nie geschehen, seit die Welt steht, -daß sich hätt ein Mußmüllner heimschicken lassen wie -ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«</p> - -<p>»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« -hetzte der Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm -heraus!«</p> - -<p>Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht -splitternd zum Fenster herein, er traf die Klarinette, -und sie fuhr dem Aumichel in das Maul und stieß -ihm einen Zahn aus.</p> - -<p>Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die -Fäuste. Der Burgermeister stürzte sich keifend -zwischen die Raufer.</p> - -<p>Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. -Eilig tappte der Wirt nach dem Kanari -und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. -Über ihn schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.</p> - -<p>Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte -jammernd Weihwasser über den Kampf; aber die -Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze -bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und -zurück, spitz und scharf, wie wenn Stahl in den -Stein beißt. Die Kartenspieler hatten ihre Trümpfe -weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p> - -<p>Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig -seinen Krug aus, wischte sich den Schnauzbart und -ging, ohne zu zahlen, heim.</p> - -<p>Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn -ins Knie. »Ich schwing dich, ich lupf dich!« keuchte er.</p> - -<p>»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.</p> - -<p>Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge -wurden geschwungen, flogen, trafen, splitterten. Aus -den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten, tauchten -Beine auf und strampelten. Einer schrie immer -wieder: »Das ist heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«</p> - -<p>»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum -hinauf!« drohte der Spucht und floh zum Haus -hinaus.</p> - -<p>»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, -winselte der Wirt. Seine heiseren Schreie gingen -unter.</p> - -<p>Die Spielleute sprangen von der Bühne in die -Schlacht hinab und taten mit. Nur der riesige Baßbläser -schlief seelenruhig und entrückt auf seiner Höhe.</p> - -<p>Das Getümmel wälzte sich hin und her, die -Streiter redeten nimmer. Auf einmal wuchs der -Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit dem -Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. -Da war es stockhimmelfinster.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span></p> - -<p>Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand -suchte mehr einen Feind, jeder nahm den, der ihm -in den Griff kam. Alles tobte. Keiner feierte.</p> - -<p>Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen -Fenster herein: »Himmelsakerment, wenn ihr nit -bald aufhört, rauf ich auch noch mit! Das müßt -mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein -paar umbrächt!«</p> - -<p>In höchster Not tappte sich der Wirt an der -Bühne hinauf, er rüttelte den schlafenden Bläser. -»Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau zu!«</p> - -<p>Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, -trunken vom Schlaf. »Wohin soll ich denn hauen?«</p> - -<p>»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst -keinen Unrechten.«</p> - -<p>Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn -und ließ sich in die tümmelnde Finsternis hinab. -Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach links und -rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«</p> - -<p>Es war als käme eine Mauer daher. Heulend -meldete sich, wen der Lukas mit seiner greulichen -Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür, -fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald -war der untümliche Mann allein in der Stube.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p> - -<p>Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die -Verwüstung an. Scherben und Blutlachen spiegelten, -Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit -ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen -Fenster stieß der Nachtwind herein.</p> - -<p>Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der -Lukas Schellnober saß ruhig droben auf der Bühne -und putzte mit einem Holz das Blut und die -Haare aus dem Mundstück. Dann schraubte er es -wieder an den Baß, führte es zu den Lippen, und -seine Gesellen stimmten ein und machten wieder -zum Tanz lüstern.</p> - -<p>Zerschrammt und blutrünstig, struppig und -zerfetzt, doch auch abgekühlt von der Nachtluft, befreit -und friedsam kamen die Raufer wieder, die -Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die -Wirtin fegte die Stube rein, und bald drehten -sich wieder alle in schönster Eintracht. –</p> - -<p>Draußen kroch der Müller auf Händen und -Füßen heim, mit zornzerrissenen Lippen, qualvoll, -ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die -Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.</p> - -<p>Der Mond verschien, der Wald ward grau. -Das Wichtel rief, der Totenvogel.</p> - -<p>Drei fürchterliche Stunden kroch er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p> - -<p>Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie -schwamm wie ein gräßlicher Blutfleck im Dunst.</p> - -<p>Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge -ward ihr steif vor Schreck, als sie den Mann vor -sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn -aschfahl, blutig.</p> - -<p>»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel -abgeschlagen,« raunte er.</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Ich verrat ihn nit.«</p> - -<p>»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut -dich denn deine Gesundheit nit?« schluchzte sie.</p> - -<p>»Ich reu mich um nix.«</p> - -<p>»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, -was haben sie mit dir angefangen?!«</p> - -<p>»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich -den Bierschlägel gehabt, ich hätt ihm dasselbe getan.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach langem Krankenlager ward der Gid vom -Wundarzt wieder hergestellt. Aber er ging krumm.</p> - -<p>Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, -immer wunderlicher wurde er, mürrisch -hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein, -das um ihn aufwuchs, sah er mit argen<span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span> -Augen nach. Sein Weib redete er kaum mehr an. -Es war schwer, mit ihm zu hausen.</p> - -<p>Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor -genagelt: alle Welt sollte sehen, daß er in seinem -Recht gekränkt wurde. Aber die Welt kehrte sich -nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, -der war ein lachender Mann.</p> - -<p>Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit -zwischen den Müllern.</p> - -<p>Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber -hin, dem Gid! Das soll erzwungen werden, eine -solche Zwangmühl brauchen wir.«</p> - -<p>»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am -nötigsten,« antwortete der Gid.</p> - -<p>»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« -spottete der Teufelmüller, »es fallt lauter Ratzendreck -aus den Steinen heraus.«,</p> - -<p>Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von -Zauberei! Deine Mühl hat der Teufel am Buckel -daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen -lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen -gegen die meine, mit einer Hand halt ich sie auf. -Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«</p> - -<p>»Versuch es!« schrien die andern. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span></p> - -<p>In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. -Unterm Mühlrad lag der Gid mit zermalmtem -Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort -gehalten.</p> - -<p>Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür -und trugen ihn heim zu seinem Weib.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.</p> - -<p>Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. -Das Fleisch ward ihr offen vor lauter Liegen. -Und weil sie nimmer schaffen und nimmer den -Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig -auf die Erlösung.</p> - -<p>Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel -demütig an dem Bettfuß.</p> - -<p>»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus -dem Hof, wenn ich nimmer bin? Ich hab gespart. -Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen hat, bin -ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig -gewesen, keine Nuß hat man mir von unsern Haselstauden -brechen dürfen. Ich bin ein Weib gewesen -wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«</p> - -<p>»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und -ich dank dir dafür.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p> - -<p>»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. -»Sie kann nur so weit zählen und rechnen, als -ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten schlaft -sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll -sie denn die Ordnung gelernt haben?! Sie stammt -aus einem Haus her, das ist mit Kuhfladen gedeckt. -Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, -aber der Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit -drüben werf ich ihm es noch vor, wenn ich -ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen -Hof!«</p> - -<p>»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, -»ich versprech es dir.«</p> - -<p>»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die -Faulheit von deiner Mutter geerbt. Allweil lehnst -du in der Sonn umher und tust keinen Handstreich. -Die Gurgel taufen und die Leut narren, das -triffst du. Dein Leben stößt dich in Schulden. -Schämst du dich nit vor den Leuten?«</p> - -<p>»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.</p> - -<p>»So fürcht unsern Herrgott!«</p> - -<p>»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter -dem Herrgott seinem Buckel.«</p> - -<p>»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie -ein Stoßvogel. Hüt dich! Und tracht, daß du<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken -und des höllischen Feindes spottest. Ich will dich -droben in der Seligkeit erwarten, und du mußt -mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was -nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein -nasser Hund.«</p> - -<p>»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.</p> - -<p>»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener -Mann. Ein Weib tut dir not. Mit -Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, -wie du den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. -Leugn es nit! Ich rat dir, nimm dir ein gutes -Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer -gar zu lang unter den Schaffen umgreift, erwischt -zuletzt das Dreckschaff. Heirat nit so eine Flankin, -die sich aufputzt und aufstutzt und sich am Werktag -Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine -wie dem Mußmüller seine Wittib! Versprich mir -es um des Hofes willen!«</p> - -<p>Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten -nieder auf seine hirschledernen Hosen. »Ich versprech -es dir. Alles Gute versprech ich dir.«</p> - -<p>»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. -»Ich hab mir mit drei Dullhäubeln genug ausgestanden. -Vergönn es mir, daß ich abgestandenes<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud -hinfahr!«</p> - -<p>An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend -Jungfern spannen im Himmel die Altsommerseide, -und gelbes Laub mengte sich in das müde Grün, -da legte man die Altbäurin ins Grab.</p> - -<hr class="tb" /> -<div class="chapter"> -<p>Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. -Der Dullhäubel sorgte sich um nichts und führte -seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und Dirnen -wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin -unterm Rasen wußten. Das Vieh röhrte -vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht ausgemistet, -das Korn nicht gedroschen, das Haus -war voll Schmutz.</p> -</div> - -<p>Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte -sich den Rücken an dem grünen Kachelofen, schlief -und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des -Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.</p> - -<p>An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: -»Bub, jetzt bin ich vierzig Jahr in der Fremd, -jetzt verlang ich wieder heim zu meinen Leuten.«</p> - -<p>»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span></p> - -<p>»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. -Und ich will mich von der Fremd ausrasten. -Am Sonntag führst du mich heim.«</p> - -<p>Sie ließ sich nicht halten, und er hielt sie nicht. –</p> - -<p>Am Tag Pauli Bekehrung zog sich der Dullhäubel -die Pelzhaube über die Ohren und schirrte -das Roß vor den Schlitten. Darauf packte er -Gewand und Federbett der Mutter und setzte sie -warm darein. Nun fuhren sie bergan.</p> - -<p>Hoch noch über dem hochgelegenen Grillenöd -mitten in Geröllhalden und struppigen Wäldern -war die Heimat der Sanna, das Siebenschläferhaus -geheißen, die einsamste Einschicht im Gebirg.</p> - -<p>Der Dullhäubel deutete mit der Peitsche hinauf. -»Wird es dir nit zu rauh droben sein, Mutter? -Droben ist es so kalt, daß sie am Tag vor der -Sonnwend zum letztenmal und am Tag nach der -Sonnwend zum erstenmal heizen.«</p> - -<p>Der Hagbutzdorn brannte im blanken Schnee, -schlohweißer Nebel wob in den Tälern drunten. -In den Ebereschen schnabulierten bunte Pestvögel, -und Elstern schätterten durch die gläserne Stille.</p> - -<p>An einem Bildstock war zu lesen, daß an selber -Stelle im Hochsommer ein Kohlenbrenner erfroren -war. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p> - -<p>Der Siebenschläferhof war schwer verschneit. Keine -Menschenspur führte hin, nur hie und da eine Hasenfährte -oder ein Fuchsentritt. Die Fenster waren -unter den angeflogenen Flocken erblindet.</p> - -<p>»Der Hof ist ausgestorben,« murmelte der Dullhäubel. -»Kehren wir um!«</p> - -<p>Doch die Sanna deutete auf den Rauchfang. -Ein ganz dünner, schier luftblauer Rauch stieg gleich -schüchternem Atem auf und meldete Leben.</p> - -<p>Der Bauer klopfte an die Tür, an die Fenster. -»Auf, der Dullhäubel ist da!«</p> - -<p>Es rührte sich nichts.</p> - -<p>Schließlich trommelte er mit einem Prügel an -die Tür, daß der Wald rings hallte.</p> - -<p>Endlich schlurfte es drinnen im Flur.</p> - -<p>Die Tür wurde aufgeriegelt. Ein zottiger, graubärtiger -Mann, die Augen voll Schlaf, trat auf -die Schwelle und fragte: »Was – was kommst -du daher in dem stumpfen Wetter? Was – was -willst du mitten im Winter?«</p> - -<p>»Darf man dich nur im Sommer heimsuchen, -Vetter?«</p> - -<p>Der Alte gähnte: »Schlaft der Igel, – schlaft -der Bär, - schlaft der Ratz. Die rechten Leut -– schlafen – im Winter.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span></p> - -<p>Drin in der Stube schliefen sie im Bett, auf -dem Ofen, auf Bank und Truhe, die Bäurin und -die Kinder.</p> - -<p>»Grüß dich Gott, Bruder!« sagte die Sanna.</p> - -<p>»Dich – dich auch!« antwortete er und legte -sich auf die Ofenbank. Die Erinnerung arbeitete -schwerfällig in seinem Hirn.</p> - -<p>»Vierzig Jahr haben wir uns nimmer gesehen,« -meinte sie, »das ist lang.«</p> - -<p>»Das – das ist lang,« wiederholte er träumerisch.</p> - -<p>»Mein Bauer ist gestorben. Der da ist mein -Bub, der Kasper.«</p> - -<p>»Der – der Kasper,« kam der Widerhall.</p> - -<p>»Jetzt frag ich, ob ihr mich daheim laßt bei euch,« -sagte die Sanna.</p> - -<p>Der Alte wies auf eine leere Truhe. »Leg – leg -dich nur nieder!«</p> - -<p>Der Dullhäubel wurde ungeduldig und schrie: -»Ihr habt einen seltsamen Hausbrauch. Steht auf, -Freundschaft! Kocht auf! Uns hungert. Und schlafen -wollen wir nit.«</p> - -<p>Da regten sich die Schläfer, sie hoben die wirrhaarigen -Köpfe und sperrten tölpisch den Mund auf.</p> - -<p>»Ist – ist der Sommer da, weil – weil der Star -so hell pfigerzt?« lallte einer der Buben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span></p> - -<p>Die Muhme kroch aus dem Bett und schob einige -Knorren ins Feuer, da wachte auch der Ofen auf -und murmelte in sich hinein.</p> - -<p>»Schlafen sie denn den ganzen Winter, Mutter?« -staunte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Was sollen sie Schöneres tun, wenn das Dreschen -vorbei ist und sie die andere Arbeit vollbracht haben?« -antwortete die Sanna.</p> - -<p>Die Muhme schob einen Topf auf die Platte und -nickte. »Jetzt – jetzt ist die ruhsame Zeit.«</p> - -<p>Die aufgeschossenen Burschen und die stämmigen -Dirnen fletschten lachend die Zähne, stießen sich an -und deuteten mit den Fingern auf den Dullhäubel.</p> - -<p>Er fragte die zwei Jungfern nach den Namen.</p> - -<p>»Bi – bi – bibiana,« stammelte die eine.</p> - -<p>»Ju – ju – juliana,« die andere.</p> - -<p>»Und wie schreibt ihr euch, Buben?«</p> - -<p>»Zy – zy – Zyprian.«</p> - -<p>»Bartholo – mä – mä.«</p> - -<p>»Ihr – ihr – habt eure schönen Namen noch -nit gut eingelernt,« spottete der Vetter aus Fuxloh.</p> - -<p>Die Muhme entschuldigte ihre Brut. »Es – es -handelt sich alleweil nur ums erste Wörtel, um – -um den Anlauf. Magst – magst du keine heiraten, -Kasper, von – von meinen Menschern?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p> - -<p>Das Gewölk der heißen Suppe flatterte über -den Tisch, daran die Siebenschläferleute mit breiten -Ellbogen lümmelten. Sie holten die Blechlöffel -hervor, die unter der Tischplatte an Riemen hingen, -und dann lallte die ganze stotternde Sippe den Engelgruß. -Die Alte fuhr mit einer zweizinkigen Gabel -in die Schüssel und rührte um, während die andern -die Suppe so ungestüm kalt bliesen, daß sie über -den Rand wallte.</p> - -<p>Dem Dullhäubel kam ein zorniges Grausen an, -er stand vom Tisch auf und ging zu seinem Schimmel -hinaus und schaute ihm zu, wie artig er sein Heu fraß.</p> - -<p>Erst als er meinte, daß drinnen die Mahlzeit verschlungen -sei, traute er sich wieder hinein.</p> - -<p>Die Siebenschläferleute leckten eben die Löffel ab, -trockneten sie am Ärmel und hängten sie wieder -unter den Tisch.</p> - -<p>»Jetzt – jetzt schlafen wir weiter,« murmelte -der Vetter.</p> - -<p>»Mutter, bleibst du wirklich da?« fragte der -Dullhäubel.</p> - -<p>Sie nickte gähnend.</p> - -<p>Er griff nach der Tür. »Also gute Nacht, Freundschaft! -Schlaft euch gut aus! In vierzig Jahren -such ich euch wieder heim.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span></p> - -<p>Und er sprang in den Schlitten und schnalzte -mit der Geißel. »Renn, Schimmel, renn zu!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war Feierabend.</p> - -<p>Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf hämmerte -noch dreimal auf den leeren Amboß, hernach räumte -er sein Werkzeug auf, blies die Laterne aus, die -von der gewölbten Decke hing, und reckte wohlig -die langen, ausgearbeiteten Arme.</p> - -<p>Da stand der Dullhäubel im Mondschein an -der Tür.</p> - -<p>Der Schmied mochte ihn nicht leiden. Als er -einmal mit seinem Weib gestritten hatte, war der -Dullhäubel wetterläuten gerannt.</p> - -<p>»Du könntest auch bei Taglicht kommen,« -greinte der Sulpiz, »Soll ich dir den Schimmel -beschlagen? Oder das Hirn?«</p> - -<p>»Plaudern möcht ich mit dir.« Der Bauer -redete süß wie eine Flöte. »Nur plaudern. Die -Zeit wird mir zu lang in der Finsterweil. Und -von dir lernt man was. Du bist ein gewitzigter -Mann, hast schon drei Weiber begraben.«</p> - -<p>»An die Wand hab ich sie gemalt, die Gespenster, -zum ewigen Andenken,« lachte der Schmied -und trat den Blasbalg. In der Esse loderte<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span> -es auf und erhellte das Gewölb. Drei greuliche -Weiber waren mit Ruß an die Mauer gezeichnet: -sie hatten Krallen an den Fingern und Fangzähne -im Maul, glotzende, schlimme Augen und zerstrüpptes -Haar. Es war ein übler Anblick.</p> - -<p>»Mit welcher von den dreien hast du es am -schönsten gehabt?« fragte der Dullhäubel.</p> - -<p>Der Sulpiz Schlagendrauf griff auf ein Mäuerlein -und brachte drei Holzäpfel.</p> - -<p>»Beiß in den hinein!«</p> - -<p>Der Bauer kostete. »Pfui Teufel, ist der sauer! -Den Atem nimmt es mir.«</p> - -<p>Der Schmied hielt den zweiten Apfel hin. -»Versuch den!«</p> - -<p>»Das Maul reißt es mir auseinander, den -Schlund zerschneidet es mir!« fluchte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Friß den dritten!«</p> - -<p>»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann -nimmer. Ich mag mich nit vergiften.«</p> - -<p>»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem -Ehemann dreimal ergangen ist? Die -erste ist lang und hager gewesen, die zweite kurz -und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, -nit dünn. Es ist aber ein Teufel wie der andere<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -gewesen. Das bravste Weib heißt Luder, den -andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst -zerreißen sie mich.«</p> - -<p>Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt -herein.</p> - -<p>»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab -gerad jetzt dein Feuer aufleuchten sehen. Eine -Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf und -zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, -Schmied! Ich trag allweil den lauwarmen Ziegel -am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges -Leiden.«</p> - -<p>Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an -die Glut. Und wieder in die alten Zeiten versunken, -brummte er: »Das größte Leiden ist ein -Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das -Fegfeuer.«</p> - -<p>Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder -heiraten, Meister Ruß? Oder du, Dullhäubel?«</p> - -<p>»Ich nit,« ächzte der Schmied.</p> - -<p>»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der -Dullhäubel.</p> - -<p>»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. -»Aber hör auf mich! Es gibt keinen Mann, der -das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei -seiner Hochzeit glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, -aber derweil erwischt er die Pfefferbüchse.«</p> - -<p>»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete -der Dullhäubel, »der hat eine steinrabenalte Köchin -bei sich.«</p> - -<p>»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst -die Weiberleut nit. Die kennst du erst, wenn du -mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit ist -eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«</p> - -<p>Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, -schob ihn wieder unter den Brustfleck und erzählte -dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen -ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat -uns viel Schaden getan, drum haben wir uns -beraten, was die grausamste Straf für das Vieh -wär. Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg -Kolroß hat er sich geheißen, und der hat gesagt: -›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der -Dümmere gewesen.«</p> - -<p>Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem -Gewölb.</p> - -<p>»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte -der Dullhäubel, »ich kenn mich nit aus mit dem -Heiraten.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span></p> - -<p>Das Frühjahr kam, die Bauern legten die -Fäustlinge ab und schnitten das Moos von den -Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die -Maibrünnlein, der Hahn balzte und krugelte, der -Wendehals rief schmachtend »woid, woid« und verrenkte -sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der -Guckauf raufte und hochzeitete. Lau wurden die -Nächte, und der Mond schaute scheinheilig drein.</p> - -<p>Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel -stieg, das hochgerüstete Bett zu erklettern, seufzte -er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.« Er -wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. –</p> - -<p>Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, -sie schleppte einen Korb Klaubholz aus dem -Vogeltänd.</p> - -<p>Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem -verschlug es ihm schier. »Holzhackerin, komm heut -noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen -dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir -ihn abschneiden.«</p> - -<p>Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank -schön für den Baum. Ich hol ihn morgen mit -meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die -dir das Bett schön macht und emsig und zutätig<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -deine Wirtschaft zusammen haltet. Heirat bald! -Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«</p> - -<p>»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.</p> - -<p>»Nimm die Ogath!« –</p> - -<p>Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein -sagenhafter Urvater erschien ihm, auf dem Kopf -eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle -daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der -Dullhäubel schleunig fortzupflanzen.</p> - -<p>Und wenn der Bauer nächtens heimkam und -der Mond im Vollschein stand, da war ihm, es -stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen -Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, -die Bärte bereift wie die Eismänner, und der -Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten -herab auf den unfruchtbaren Nachkömmling.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Ogath verlebte trübe Zeiten.</p> - -<p>Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit -kalten Augen, mürrischem Maul schlich er durch die -Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind -und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und -immer härter geizte er, sie und ihr Kind sollten -nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß -er ihr das Scheitlein Brennholz aus der Hand.</p> - -<p>Die Mühle ging immer öder und grämlicher, -ewig gleich hob sich das Geschäufel aus der Tiefe, -mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich triefend, -und versank wieder.</p> - -<p>Immer öder kamen und sanken der Ogath die -Tage. Sie wurde des Lebens verdrossen.</p> - -<p>Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie -und das Kind hungern, lachte er hämisch. »Seltsam, -seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein ist! Schier -wie dem Dullhäubel sein Bart.«</p> - -<p>Da ward sie still und schaute das Kind lange -in Gedanken an.</p> - -<p>Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg -auf, sie wollte sich mit den Eltern beraten. -In der Mühle hielt sie es nimmer aus.</p> - -<p>Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte -Schürze, die er um den Hals gebunden hatte, hing -ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus -wie der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.</p> - -<p>Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. -Sie wußte, daß er kürzlich seine Mutter gezwungen -hatte, in den Kleiderkasten zu steigen, den Kasten<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen -wie eine Leiche im Sarg.</p> - -<p>Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath -schon erspäht. Mit ein paar lächerlichwilden -Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie -dich hinein in den Dorn, Maria!«</p> - -<p>Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die -flackernde Unruhe in seinem Blick. Und als sie mitten -im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt bin -ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den -Weibern. Aber zuerst schneid ich dir das sündhafte -Haar ab.«</p> - -<p>Er wetzte sein Messer am Knie.</p> - -<p>Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte -der irre Mensch vorhaben?</p> - -<p>Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd -herunter gelaufen. Von weitem schrie er: -»Stocknarr, ich erschlag dich!«</p> - -<p>Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, -er möge ihn leben lassen.</p> - -<p>Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. -»Händ und Knie sind mir wund, der Kittel ist -zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man -sich gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -hat. Fallt ein Stein vom Himmel, so fallt er auf -eine Wittibin.«</p> - -<p>Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es -dir, Ogath? Ich hab dich schon lang nimmer -gesehen.«</p> - -<p>»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl -sitz,« erzählte sie. »Dem Alten muß ich den -Mühlknecht machen, und in der Nacht kann ich -nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich -will davon, mit Zähren feucht ich meinen Weg. -Zu meinem Bruder will ich, will das Herrgottelschnitzen -lernen.«</p> - -<p>Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, -er schrumpfte fast zusammen vor dem großen, -ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir schier -die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende -Asche hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht -eine Bäurin.«</p> - -<p>»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« -antwortete sie herb.</p> - -<p>Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand -wollte sie nicht vor die Ihren treten. Der -Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.</p> - -<p>Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span></p> - -<p>Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten -Zopf ihres Kindes glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte -sie, »nur einmal in deinem Leben red die Wahrheit! -Ist das dein Kind?«</p> - -<p>»Ja!« wisperte er zerknirscht.</p> - -<p>»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. -»In drei Wochen heiraten wir.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-180.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span></p> - -<h2 id="Der_graue_Sunder">Der graue Sünder.</h2> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. -Sie war fleißig und ernst, hielt den Hof fest in -der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein -noch elf andere, allesamt rothaarig.</p> - -<p>Er war ein Mann in den besten Jahren worden. -Das Haar hing ihm tief in die pfiffig gerunzelte -Stirn, über den kleinen Augen hafteten die -Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart -deckte ihm Kinn und Lippen. Die Nase war ein -wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit -eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn -vormals genossen, schmeckte ihm nimmer, er war -ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt nicht -nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so -leicht zerstäube, sondern er rieb auch Glasscherben -drein, daß er die Nase schärfer angreife und das -Hirn aufrüttle.</p> - -<p>Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm -die Sorgen, die ihm seine Schelmenstücke eintrugen,<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das Gewissen -riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel -mit seinem höllischen Blick durchbohrte.</p> - -<p>Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel -nicht aus der Bubenhaut heraus, sein Kopf wimmelte -voll schabernackischer Pläne, und die Lust, dem -lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein -anzubinden, verringerte sich ihm nicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine -Sau. Da wollte sich der Bauer von der Arbeit -wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt zu -tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und -dem Marktpreis nachfragen, und am Heimweg -wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin in -Blaustauden gekauft hatte.</p> - -<p>In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, -wo der Herrgott den Arm herausstreckte, horchte -scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und ließ -sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.</p> - -<p>Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen -und überlegte. Hernach trat er ein, den -Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich lange -um, starrte einfältig das Krokodil an, das,<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -an die Decke gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, -schnupfte ausgiebig, schaute sich wieder -um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.</p> - -<p>Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt -Ihr? Dachsschmalz? Regenwurmöl? Mausohrsaft? -Pfefferminz?«</p> - -<p>»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte -der Bauer schüchtern und drehte den Hut in der -Hand.</p> - -<p>»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein -Quintel Weinsteinöl? Salniter? Salarmoniak? -Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«</p> - -<p>Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. -»Ich krieg es wohl nit da herin,« murmelte er.</p> - -<p>»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor -einen Giftzettel geschrieben? Braucht Ihr eine -Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein Windsäftlein -fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.</p> - -<p>Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und -als dem Apotheker der Atem ausging, faßte er die -Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und sagte: »Also -behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken -hätt ich gebraucht.« –</p> - -<p>Gemächlich ging er heim.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span></p> - -<p>In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, -von dem hatte die Ogath ein Kalb, dessen braunscheckiges -Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht erstanden.</p> - -<p>Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, -den Burgermeister am Arm und das Kalb -leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an -und begann grell zu singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Die Blaustaudner läuten,<br /></span> -<span class="i0">sie läuten vor Not,<br /></span> -<span class="i0">sie fangen den Bettelmann<br /></span> -<span class="i0">und nehmen ihm 's Brot.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das -nit, Freund! Sing ein anderes! Und überleg dir, -mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«</p> - -<p>Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte -das Kalb am Ohr und redete ihm hinein: »Merk -auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland -versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, -und von dem Berg aus hat er ihm die -ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu -rußig gewesen, das hat er verstecken wollen und -hat geschwind seinen Schweif darauf gelegt.«</p> - -<p>Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel -eins hinter die Ohren, daß dem der Hut in den<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel -stand da, das Kalb am Strick, und mußte -den Widersacher rennen und den Hut schwimmen -lassen.</p> - -<p>Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade -der Totengräber aus einem Grab. Der versuchte, -einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu setzen, -aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis -zum Maul herunter.</p> - -<p>»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern -Schädel anschaffen!« riet der Dullhäubel.</p> - -<p>»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der -Staches, »in deinem Ähnel seiner Grube ist er gelegen. -Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang -genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er -Platz machen.«</p> - -<p>Der Bauer band das Kalb an einen Stein, -darein das Bild einer Pfarrersköchin gemeißelt -war, den Kochlöffel in der Hand.</p> - -<p>Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel -des Bonifaz herauf, die Pfeife war ihm noch unverwest -ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel -selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.</p> - -<p>Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der -Verwesung so tapfer widerstanden, und er paßte<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn nimmer,« -sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten -aber kannst du dir nehmen, Staches.«</p> - -<p>Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich -trag kein Verlangen darnach.«</p> - -<p>Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft -tappte er nach dem Hut, den ihm der Ähnel zur -gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.</p> - -<p>Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den -einladenden Spruch überm Tor:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das ist das Wirtshaus an der Straßen;<br /></span> -<span class="i0">wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, -zog er das Kalb mit sich in die Stube und band -es an den Tischfuß.</p> - -<p>Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß -die Augen auf ob der seltsamen Gäste.</p> - -<p>»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel -da,« der Bauer deutete auf das Kalb, »gibst du -einen Kirschgeist!«</p> - -<p>Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden -Spiegel lungerte der Lippenlix und strich sich den -stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!« sagte er. -»Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span></p> - -<p>»Ich mag nit, Schönbart.«</p> - -<p>»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. -»Spielen wir Grünoberfangen um drei Zündhölzer! -Oder willst du färbeln? Oder lampeln?«</p> - -<p>Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte -sie, ließ abheben und gab aus.</p> - -<p>Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du -eine Eichel!« »Und da friß den König!« »Und -heraus mit der Schellensau!« So flog es hin -und zurück.</p> - -<p>Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer -in der Hand faltete, malten sich in dem Spiegel -ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der Dullhäubel -luchste heimlich empor und sah droben alle -Trümpfe, die der andere in der Hand hielt, und -gewann darum Spiel auf Spiel.</p> - -<p>»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber -ich hör nit auf, und wenn ich meine hundshäutenen -Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«</p> - -<p>Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze -an. Das Kalb wurde unruhig und blökte.</p> - -<p>Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und -verlor. Er schalt Gott und alle Heiligen. »Du -Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast -du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab.<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -Der Teufel soll dich vom Abtritt wegholen! Es -ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder -ich erstech es!«</p> - -<p>»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der -Dullhäubel und strich den Gewinst ein. »Ich bin -satt. Ich geh heim.«</p> - -<p>»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du -davon, du Fuchs aus Fuxloh? Noch einmal spiel -mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab! Wirtin, -streck Geld für!«</p> - -<p>»Dir nit,« schnippte sie.</p> - -<p>Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig -tickte sie am Tisch. Das Kalb plärrte, der -Dullhäubel gewann.</p> - -<p>Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal -starrte er wild unter den Tisch. »Hast du nit einen -Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel selberst. -Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz -ich ein, es ist niemanden in der Pfarre ein schönerer -gewachsen.«</p> - -<p>Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war -Trumpf.</p> - -<p>Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den -Händen und warf sie kichernd auf den Tisch.<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um -die Schere.</p> - -<p>Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene -Geiß. »He, willst du meinen Leib schänden, jetzt, -wo du mich ausgeraubt hast?«</p> - -<p>Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. -»Halt dich, Lix! Zahl deine Schuld! Zahlen bringt -Frieden.« Und ehe sich der Lix aus seiner Versteinerung -erholte, hatte er ihm den Bart links -und rechts weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, -wo das Haar mit übelm Geruch verbrannte.</p> - -<p>Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward -inne, was er verloren hatte.</p> - -<p>Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an -der Luft, und weil er ein wenig schwankte, riß er -einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich darauf.</p> - -<p>Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging -auf, verschlafen schaute der Mond in die Welt.</p> - -<p>Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den -Stecken in den Grund und band das Zöpfel dran. -Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.</p> - -<p>Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als -er aufschrak. Eine Dirne kam daher, jung und -flink wie ein Wiesenwasser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p> - -<p>»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« -fragte er.</p> - -<p>»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. -»Ist das der richtige Weg?«</p> - -<p>»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«</p> - -<p>»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn -ja kennen, den Lukas. Ein Musikant ist er. Er -haltet es nimmer aus vor Weh.«</p> - -<p>»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, -der reißt ihm zwei Zähne mit einem Griff,« riet -der Bauer.</p> - -<p>»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit -einem glühenden Nagel hat er sich den Zahn ausgebrannt. -Es hat nit genutzt. Den Bart hat er -sich wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem -Strick hat er den Zahn dem Stier an den Schweif -gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher -wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«</p> - -<p>»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt -du denn?«</p> - -<p>Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte -sie die Füße mit dem Kittel zu. Der Mond lugte -ihr in das derbe, frische Gesicht.</p> - -<p>»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich -müssen. Mechel heißen sie mich daheim, der Schulmeister<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -hat mich Mathilde Schellnober geschrieben. -Und wer bist denn du?«</p> - -<p>Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: -»Aus Blaustauden bin ich. Ein Tischlergesell. -Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen -Franziskus.«</p> - -<p>Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.</p> - -<p>»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.</p> - -<p>»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur -mit den Weibern bin ich ungeschickt. Ich kann nit -lügen, drum mag mich keine.« So redete er sanft -und traurig.</p> - -<p>»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.</p> - -<p>»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich -selbständig machen. Weißt du mir keine, Mechel?«</p> - -<p>»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«</p> - -<p>»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf -wie ein girrender Tauber und schmeichelte: »Du -bist so sauber, dein Bild will ich auf alle Truhen -malen.«</p> - -<p>»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« -antwortete sie kurz. Unruhig rückte sie hin und her.</p> - -<p>Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.</p> - -<p>Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. -Sonst verzieht sich der Weg hoch in die Nacht.<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span> -Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß -die Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um -und liebst eine andere.«</p> - -<p>Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du -kennst mich nit. Ich bin treu wie der Tauber der -Tauberin.«</p> - -<p>Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du -nimmer,« sprach sie.</p> - -<p>»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin -ich nit, aber heikel.«</p> - -<p>»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie -zaghaft. »Der Vater ist ein Musikant; was er verdient, -vertut er.«</p> - -<p>»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« -spaßte er. Das Kopftuch zog er ihr herab -und krauelte ihr lind das krause Haar.</p> - -<p>»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch -sie jedes Frühjahr mit Märzenschnee.«</p> - -<p>Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, -spreiz dich nit!« bettelte er.</p> - -<p>»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.</p> - -<p>Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das -Mondlicht an seinem Finger.</p> - -<p>Sie schnellte schreiend auf. »Tischler du tragst -einen Ehring!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span></p> - -<p>Er wurde demütig, seine Stirne krauste sich. -»Im Witstand bin ich, Mechel, im Witstand. Der -Herrgott hat sie mir hingenommen. Niemand kocht -mir, niemand macht mir das Bett.« Die Stimme -knickte ihm.</p> - -<p>Sie wurde neugierig. »Woran ist sie gestorben?«</p> - -<p>»Ich hab gehört, am Rotlauf.«</p> - -<p>»Hast du gut mit ihr gelebt?«</p> - -<p>»Ich hab nit bei ihr liegen wollen, sie hat -kalte Füße gehabt. Ja, ein Wittiber bin ich, und -das ist mein einziger Tadel.«</p> - -<p>Die lieben, dummbraunen Augen der Mechel -glänzten voll Mitleid. Und er merkte es und riß -sie zu sich hin und herzte und halste sie, bis sie -ganz wirr bat: »Tischler, hör auf! Du bringst -mich in die Lieb, und ich bin noch zu jung dazu.«</p> - -<p>Droben schoß ein Stern über den Himmel, -Johanniskühlein flogen glimmend.</p> - -<p>»Laß ab, Tischler! Die Buben werden mir -einen ströhernen Mann aufs Dach setzen. Die -Schand begehr ich nit. – Und wenn einer daherkommt!«</p> - -<p>»Wer wird denn gerad jetzt unterwegs sein!« -tröstete er. »Es rührt und reibt sich nix.«</p> - -<p>Sie rang mit versagender Kraft gegen ihn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span></p> - -<p>»Ich heirat dich ja. Und wenn du mich gern -hast, der Himmel fallt nit ein,« zischte er.</p> - -<p>Da stapfte es den mondverdämmerten Weg -daher, Steine rollten, ein Stecken klang an einen -Fels.</p> - -<p>Die Mechel sprang auf und rauschte wie eine gehetzte -Hirschkuh ins Gebüsch.</p> - -<p>Die alte Ulla humpelte mit der Geiß daher.</p> - -<p>»Verdammte Nachthex!« brauste der Dullhäubel -sie an.</p> - -<p>»Verspätet hab ich mich. Die Geiß hab ich -zum Bock geführt,« sagte sie bang.</p> - -<p>»Geh geschwind heim, dein Kater will gemolken -sein. Er gibt dir täglich zwölf Seidel Milch, dir -Nachthex.«</p> - -<p>»Bauer, du machst mich schwarz,« flehte sie. -»Die Kinder spotten mir schon nach ›Hex! Hex!‹ -Die Leut speuzen aus vor mir und verriegeln die -Tür, wenn ich betteln komm. Und ich bin doch -nur ein überständiges Weib und kann nimmer -essen, nimmer schlafen.«</p> - -<p>»Aber hexen kannst du,« rief er unbarmherzig.</p> - -<p>»O du gar schlimmer Mann, was feindest du mich -an? Unschuldig bin ich, der Blaumantel kann es -mir bezeugen. O die Welt ist voller Angst und<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -Nöten! Und man kann sich kaum aufrecken bei der -teuern Zeit, kaum schnaufen kann man.«</p> - -<p>Ein toller Schwank war dem Dullhäubel durch den -Kopf geschossen. »Hexen kannst du,« bestand er. »Du -verzauberst den heiligen Blaumantel selber. Ruf -ihn um die Mitternacht. Dann stürzt er dir ins -Haus. Versuch es!«</p> - -<p>Er rannte in das mondscheinige Gebüsch der -Mechel nach. Sie war nimmer zu finden. –</p> - -<p>Als er zur Kapelle kam, räusperte es sich droben -im Föhrenbaum. Zwei dürre Beine schlotterten -vom Ast.</p> - -<p>Der Dullhäubel schlug ein Kreuz. »Wer sitzt -da droben?«</p> - -<p>»Ein Schlaghäusel richt ich auf für den Mondschein,« -erwiderte es. Es war der Narr.</p> - -<p>Der Bauer atmete auf. »Gehustet hast du wie ein -krowatischer Schuster, Zusch.«</p> - -<p>»Ich bin Rudolf von Habsburg, der Sohn Josefs -des Zweiten,« sagte der Narr feierlich.</p> - -<p>»Steig herunter, Zusch, du erschlagst dich!«</p> - -<p>»Ich sterb nit. Ich werd hundertfünfundzwanzig -Jahr alt und fahr dann gleich ins Himmelreich, -weil ich eine reine Jungfrau blieben bin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span></p> - -<p>»Die Nacht ist nit warm,« hub der Dullhäubel -listig an, »sogar dem Blaumantel scheppern die -Zähne vor Kälte.«</p> - -<p>Der Narr fuhr wie ein Eichkater von der Föhre -herab. »Ich zünd ihm die Kapelle an, dem Heiligen, -daß er sich die Händ wärmt,« murmelte er. -Stumpf lagerte der Blödsinn auf seiner Stirn, -doch seine Augen zündelten.</p> - -<p>»Große Hitz tut dem Blaumantel nit gut,« -lenkte der Schelm ein. »Trag ihn lieber, wenn -der Nachtwächter zwölf schreit, der Ulla in die -Hütte und leg ihn zu ihr ins Bett, dort erwärmt -er sich gewiß.«</p> - -<p>Der Besessene nickte und kletterte in die Kapelle.</p> - -<p>Da lachte sich der Bauer in die Faust und -ging ins Dorf hinauf und klopfte den Wirt wach. -Der tat ihm mürrisch auf, stellte ihm einen -gesalzenen Fisch und ein paar Flaschen Bier hin -und legte sich wieder ins Stroh.</p> - -<p>Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. –</p> - -<p>Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett -bereitet. Sie lag ohne Ruhe, die Reden des -Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar und -verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu -wissen, eine Gabelreiterin?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span></p> - -<p>Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, -was nicht geheuer gewesen. Aber ihr -enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor ihr.</p> - -<p>Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich -vor sich selber in den Schlaf.</p> - -<p>Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. -Tief unten lagen Kirchturm und Freithof, Häuser und -grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und -hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen -stoße. An den Nestern streifte sie vorbei, -drin die Rabenhennen gluckten, einem hohen Berg -zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald -drunten stand ein zerbrochenes Häusel, aus seinem -Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf einem Schürhaken -heraus und ritt neben ihr her, und als die -Ulla die andere scharf anschaute, so war sie es -selber. Schaudernd schlug sie ein Kreuz. Da -stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf -und erwachte.</p> - -<p>Sie besann sich des Traumes. Es war doch -lustig gewesen, so ohne Beschwernis zu fliegen -und so weit in die Welt hinein zu schauen. Könnte -man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst -treiben, wie viel leichter würde doch das bittere -Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß eine Raufe<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in -den Ofen, wenn der harte Winter draußen stürmt -und die Hohlwege zudeckt!</p> - -<p>Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her -Mitternacht.</p> - -<p>Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur -einmal die Kunst und die Kraft zu versuchen, die -ihr der Dullhäubel andichtete, und weil ihr in der -Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, -den sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, -schick mir den Bräutigam in die Kammer!«</p> - -<p>Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es -auch entsetzt mit den Händen abwehrte und den -freveln Spruch widerrief, die Tür ward aufgestoßen, -ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas -Schweres ins Bett und verschwand.</p> - -<p>Der Ulla setzte der Herzschlag aus.</p> - -<p>Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch -eine Hexe. So viele Jahre hatte sie fromm gelebt, und -jetzt verfiel sie der Hölle. O was hatte sie getan?!</p> - -<p>Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte -unheimlich ums Haus.</p> - -<p>In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein -dünnes, verzagtes, windverwehtes Stimmlein und -führte eine unbeholfene Rede.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span></p> - -<p>Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. -Und das Gebet der Ulla hatte gebrochene Flügel. -Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige nicht -über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein -schwer und schmerzhaft zurück in ihr Herz.</p> - -<p>Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, -der Zeuge ihres Hexentums. Das Fieber -glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht hinzugreifen.</p> - -<p>Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen -Haar der Greisin. Auf einmal leuchtete er voll über -das Bett.</p> - -<p>Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit -offenen Augen neben ihr.</p> - -<p>»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte -sie, »Ich bin eine Hex!«</p> - -<p>Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger -immer wieder zurücksank, wußte das Weib nicht, -ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute -sie den an, der ihr Bett teilte.</p> - -<p>Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein -Wägelein, lud den Heiligen auf und schaffte ihn -zurück in die Kapelle. – – –</p> - -<p>Der Mond grinste.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span></p> - -<p>Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie -ein Rad. Er lehnte sich an einen Baum und horchte. -Irgendwo quackten die Frösche.</p> - -<p>»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr -könnt es ja nit.« Er fing an zu quacken, die Frösche -ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen sich nicht -schulmeistern.</p> - -<p>Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund -und weckte alle Kläffer und Köter rings in den -Einschichten, daß sie zornig bellten oder in gezogenem -Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.</p> - -<p>Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: -»Herrgott, schau herunter! Dein Heiliger schlaft -bei einem alten Weib.«</p> - -<p>Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf -nach dem kreisenden Himmel. Ein Schuhu kreischte. -Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.</p> - -<p>Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, -rutschte er aus und plumpste hinein. Die -kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte ihn. -Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, -den Blaumantel verwünschend, dem er das Unglück -zuschrieb.</p> - -<p>Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein -erster Gedanke: »Heut hau ich einmal mein Weib!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span></p> - -<p>Er kam heim und tappte durch den Hof ins -Vorhaus. Die Stubentür aber war versperrt; -ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.</p> - -<p>Der Dullhäubel rüttelte. »Ogath, ich sag dir -es im guten, tu auf!«</p> - -<p>Drin rührte sich nichts.</p> - -<p>»Bäurin, tu auf! Tu auf, Bäurin! Ich bin -es. Der Dullhäubel ist es. Dein Kasper,« schmeichelte -er. »Weib, laß dir sagen, riegel auf!«</p> - -<p>Er drängte das Ohr ans Schlüsselloch. Kein -Hauch war zu hören.</p> - -<p>Da kam ihm die Hitze. »Tu auf, Weib, sonst -hol ich die Hacke und spreng die Tür auf!«</p> - -<p>Drin meldete es sich ruhig: »Wag es! Den -Kittel schlag ich dir um den Schädel, solang ein -Fetzen dran ist. Draußen hast du den Strohsack.«</p> - -<p>»Laß mich doch nit zugrund gehen!« schluchzte -er. »In den Bach bin ich gefallen, waschelnaß -bin ich.«</p> - -<p>»Warum bist du nit ersoffen?« sagte sie aufgebracht. -»O mein gottseliger Mann, der Gid, ist -tausendmal besser gewesen als du! Das ganze Geld -versäst du im Saufhaus.«</p> - -<p>»Herr, erbarm dich meiner!« murmelte er wie bei -einer Litanei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span></p> - -<p>»Den Hof versaufst du, deine Kinder werden -einmal nacket gehen!«</p> - -<p>»Herr, erbarm dich meiner!« antwortete er dumpf.</p> - -<p>»Die Kellnerinnen reißt und rumpfst du herum.«</p> - -<p>»Herr, erbarm dich meiner!«</p> - -<p>»Nacht für Nacht reitest du die Zung in die -Schwemm,« eiferte sie. »Vertu nit alles, daß du -einmal ein anständiges Begräbnis kriegst!«</p> - -<p>»Begraben muß ich werden. Das hab ich noch -nie gehört, daß einer eingeackert worden ist.«</p> - -<p>»Schäm dich! Der Dunst und Dampf redet -aus deinem Hirn.«</p> - -<p>»Ich schäm mich in den Kniebug hinein, da sieht -es niemand.«</p> - -<p>»Hast du das Kalb in den Stall eingestellt? -Hast du es nit verjuxt?«</p> - -<p>»Jesmaria, das Kalb hab ich im Wald vergessen!« -rief er erschrocken. »An den Zaunstecken steht es -gebunden.«</p> - -<p>»Himmlischer Vater, da haben wir wieder den -Schaden! O wenn das mein Gottseliger erlebt hätt!«</p> - -<p>Die häufige Mahnung an den Gottseligen verdroß -ihn. Er wollte überhaupt für heute die Zwiesprache -enden. Drum sagte er: »Weib, ich bet jetzt. -Stör mich nit! Du begehst eine Todsünd.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span></p> - -<p>»Du und beten?!« spottete sie. »Ja sausen und -brausen laßt du es, dein Gut verstreust du. Und -ich muß mich mit den zwölf Menschern durchfretten.«</p> - -<p>Er richtete sich auf. »Weib, reiz mich nit! Wenn -ich wild bin, ist der Zorn auch gleich da. Wer -macht uns arm? Du mit deiner Fruchtbarkeit. -Was du treibst, ist zuviel. Und nit einen einzigen -Buben, lauter Menscher! Die kannst du dir nit -genug kriegen, zu Dreikönig eins, zu Allerheiligen -wieder eins.«</p> - -<p>»Du Schandvogel!« schalt und schelmte sie. -»Du Rabenseel!«</p> - -<p>Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«</p> - -<p>Ein Schimpf rankte sich in den andern.</p> - -<p>»Du Flank du, du Schlank du!«</p> - -<p>»Du Runzel, du Schlunzel!«</p> - -<p>»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«</p> - -<p>»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«</p> - -<p>»Du Abfaum, du alter Schepperer!«</p> - -<p>»Du Schebrelle, du Rabatsche!«</p> - -<p>»Du lasterhaftes Bockfell!«</p> - -<p>Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund -beutelt es mich vor Kälte. Erbarm ich dir nit? -O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in -die Gurgel zählst du mir!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span></p> - -<p>Murrend warf er sich auf den Strohsack.</p> - -<p>Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel -schlief ein.</p> - -<p>Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich -der Blaumantel über sein Bett, daß ihm der -hölzerne Leib krachte.</p> - -<p>»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in -der Einöd. Es sind mir zu viel Narren und -Diebe da.«</p> - -<p>»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig -der Träumer.</p> - -<p>»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will -ich nit,« erwiderte der Blaumantel, »die Goldenen -und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte. -Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden -Hahn‹ will ich sein.«</p> - -<p>Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle -und schob an und stemmte sich daran, es war eine -schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht vom -Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst -peinigte ihm Zunge und Gaumen und brannte -ihm tief in den Schlund hinab, und sogar Magen -und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach -einem Trunk. Und wieder warf sich der Dullhäubel -gegen die Mauer, drängte und schob. Den Schweiß,<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem -Maul auf, um sich zu erquicken. Doch die Kapelle -saß wie ein Fels in der Erde. Da bleckte der -Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich -aufs Dach und ritt droben wie ein Reiter auf -dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt rührte sich -die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen -bergan.</p> - -<p>Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd -hockte er auf dem Strohsack.</p> - -<p>Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er -sich auf und tappte in den Keller, wo auf einer -Bank die Milchtöpfe standen, ergriff einen davon -und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch -oder Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff -wie ein glühender Stein. In endlosem Zug -schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, -wischte sich schnaufend den Bart und taumelte satt -hin aufs Stroh. –</p> - -<p>Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon -rumorte die Bäurin in der Stube.</p> - -<p>Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte -der Dullhäubel. Er stützte sich ächzend, riß das -Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß auf das -Pflaster des Vorhauses.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span></p> - -<p>»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, -schnell! Aus ist es! Dahin geht es!«</p> - -<p>Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder -das Blut in dickem Strahl aus dem Hals. Sein -Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack -und Estrich, alles war rot besudelt.</p> - -<p>Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. -»Himmlischer Vater, er hat den Blutsturz!«</p> - -<p>»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den -Bader! O mir ist hundselend! Den Pfarrer schickt -mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß ich gar -so viel Blut hab!«</p> - -<p>»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief -sie. »Ich koch dir ein Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, -der hilft.«</p> - -<p>»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen -hol!«</p> - -<p>Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte -die Kinder. »Wabel, Reigel, Rosel, Portiunkel, -Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel, Kundel, -Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«</p> - -<p>Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.</p> - -<p>Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, -der Vater hat Blut lassen. Die Mutter -laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span> -Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den -Bauer besprengt!«</p> - -<p>»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen -sie daher,« zürnte der Geistliche. »Sonst sieht man -manchen nit in der Kirche. Es stehen in der Meß -oft mehr Heilige als Leut umeinander.«</p> - -<p>»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus -wie gestern der abgestochenen Sau.«</p> - -<p>Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. -Er sagte: »Ich geh gleich mit. Der größte Sünder -ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel zahlt -sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«</p> - -<p>Die Reigel weckte den Bader.</p> - -<p>Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl -nahm gleich eine Flasche Blutegel mit.</p> - -<p>»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« -fragte er. »Hat er wieder einen Kapuzinerrausch -heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? -Ist ihm der Darm auseinander gesprungen?«</p> - -<p>»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen -ganzen Zuber voll Blut hat er gespieben. Jetzt -lechzt er.«</p> - -<p>»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon -andern Leuten geholfen. Unserm Burgermeister hab<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen -lang.« –</p> - -<p>Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. -Er hörte in der Ferne das Glöckel, dessen Geläut -den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete: -»Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im -Himmel, steh zu mir! Wenn ich wieder gesund -bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine Deichsel, -vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und -Winter, Tag und Nacht.«</p> - -<p>Der Grazian, der wegen seines Alters als -Meßner abgedankt worden war, fand sich ein, und -nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen -nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch -immer aus dem Magen, und er hatte den Streich -nie verwinden können.</p> - -<p>»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern -hast du noch heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, -und heut gehst du auf dem letzten Gras. ›Gestern -im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust -aus wie der linke Schächer.«</p> - -<p>Der Bauer griff an die Brust, die Zunge -schlotterte ihm. »Mir wird ganz herzschlächtig.«</p> - -<p>»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, -und renn der Höll zu! Wart nit auf die<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span> -heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den -Tod betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, -du Bauchbruder, du Trost dem Teufel! Dahin -mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh -dich schon schneeweiß in der Truhe.«</p> - -<p>»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.</p> - -<p>»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm -nit aus, dem Sensenwetzer. Im Sündenstank -fahrst du hin.«</p> - -<p>»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte -sich der Bauer. »Warum soll denn gerad ich keinen -Fehler haben?!«</p> - -<p>Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst -du auf der Streu, jetzt schießt das Blut heraus, -das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan hat -sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der -Teufel vor der Tür und zerrt dich davon bei den -Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«</p> - -<p>»Laß mich aus, Grazian, verschon meine -Sterbensnot!«</p> - -<p>»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt -nach seinen Werken. Wenn der Teufel herwürgt -mit offenem Schlund und hernach deine Seel -zwischen den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit -zu sagen, wohin! Ja, mein lieber Freund, wenn der<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern -säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit -beschreiben, was eine Seel leidet im ewigen Pech.«</p> - -<p>»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der -Schweiß brach dem Bauer aus.</p> - -<p>Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann -hat uns das Kalb daher gebracht, gottlob,« -sagte sie, »es ist ganz wild.«</p> - -<p>Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, -Dullhäubel, daß Gott dich mit so einem guten, -wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«</p> - -<p>»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« -gelobte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie -unwirsch. »Du tätst es wieder treiben wie ehmals, -die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh und -Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. -Ein Selbstler bist du gewesen, hast an Weib und -Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit, nur -an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne -Röhre hast du im Hals, die brennt und muß feucht -gehalten werden. So, jetzt hab ich dir es gesagt.«</p> - -<p>»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die -Wahrheit geredet,« wispelte er. Die Augen fielen -ihm zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span></p> - -<p>»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er -wird schon blau! Der Teufel schreit juchhe.« Er -stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu den -heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, -er muß in die Ewigkeit wandern.«</p> - -<p>Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, -und die Dirnlein drängten nach, neugierig und -furchtsam.</p> - -<p>Der Bauer tat die glasigen Augen auf und -röchelte: »Pfarrer, Bader, der Tod geht mir zu.«</p> - -<p>Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: -»Sakerlot, du hast unglaublich viel Blut gekotzt! -Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo fehlt es denn? -Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt -es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? -Ist dir das Zäpflein gefallen?«</p> - -<p>Der Kranke deutete auf den Magen. »Da in der -Herzgrube tut es weh.«</p> - -<p>»Hast du den Stuhl offen?« forschte der Arzt. -»Hast du dich nit überfressen, Schlauch? Ja, der -Fraß wühlt sich mit dem eigenen Rüssel das Grab -auf. Die Runstadern sind dir geschwollen. Tu das -Maul auf und zeig her deinen Schlung!«</p> - -<p>»Im Bauch rumpelt es mir,« flüsterte der Bauer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span></p> - -<p>Der Bader entschied: »Du hast es auf der Leber. -Eine jede Krankheit rührt von der Leber her. Du -hast wohl einen kalten Trunk getan, he?«</p> - -<p>»Bader, gib mir was ein, ein Pulver, einen Saft, -daß ich am Leben bleib!« klagte der Dullhäubel.</p> - -<p>»Halt das Maul, Wehdarm! Ich muß auch einmal -sterben,« antwortete der Gottfried Mehlstäubl.</p> - -<p>»Da schau meine unversorgten Kinder an und -hilf!« Der Bauer deutete mit Kinn und Bart auf -die zwölf Dirnlein.</p> - -<p>»Kinder hast du in allen Größen wie eine Bodenstiege. -Aber was nutzt das alles, wenn sich eine -giftige Sucht einschleicht. Ich schätz, du überlebst -die Stund nimmer.«</p> - -<p>»Herr Pfarrer,« lallte der Dullhäubel, »richt mich -her – für die Ewigkeit!«</p> - -<p>Da drückte ihm der Grazian einen geweihten -Rosenkranz in die Hand, die Ogath wischte mit dem -Fürtuch über die Augen, die Kinder weinten.</p> - -<p>»Gottlob, daß du dich nit in Halsstörrigkeit verhärtest, -Dullhäubel,« begann der Pfarrer. »So tu -Reu und Leid, mein lieber Christ!«</p> - -<p>Des Baders Neugier war noch nicht gestillt. -»Und wo fehlt es denn sonst noch, Bauer? Plagen -dich die Würmer? Bläht dich der Wind?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span></p> - -<p>Doch der Dullhäubel räusperte und rächste sich, -fuhr jäh auf, gurgelte, und wieder schoß das Blut -heraus. Alle wichen zurück, die Bäurin scheuchte -die Kinder hinaus. Blaß und matt sank der Bauer -zurück.</p> - -<p>Der Gottfried Mehlstäubl krauste die Stirn. -»Seltsam! Seltsam! Vetter, die Reih ist an dir. -Hättest du mir alle Jahr deinen Brunn schauen -lassen, wie der Grazian da, tät ich mich in deinem -Leib besser auskennen.«</p> - -<p>»Der Tod zeichnet ihn,« sagte der Pfarrer. »Laßt -uns allein, daß ich ihn geschwind noch auströste!«</p> - -<p>Da gingen alle hinaus.</p> - -<p>»Öl mich ein, Hochwürden, öl mich! Richt mich -zusamm – fein sauber – für den Weg!« drängte -der Bauer.</p> - -<p>»Jetzt, Dullhäubel, häut dich!« begann der Herr -Nonatus Hurneyßl. »Tu ab das Gewand deiner -Sünden! Wann und wo bist du das letztemal -beichten gewesen? Bei mir nit.«</p> - -<p>»Den zweiten Sonntag nach Ostern – hab ich -gebeichtigt – in Bärnloh.«</p> - -<p>»So, so, in einer fremden Pfarre, bei dem schwerhörigen -Pater, und an dem Tag, wo die Roßdieb<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -beichten gehen? Eine saubere Seel! Aber jetzt -her mit deinen Sünden!«</p> - -<p>Der Dullhäubel bekannte: »Öfter hab ich mich -versündigt als Steine im Bach sind und Bäume -im Wald.«</p> - -<p>»Sieben Straßen laufen zur Höll, das sind -die Todsünden. Hast du eine begangen?« forschte -der Pfarrer.</p> - -<p>Der Sünder sprudelte: »Gefressen hab ich, gesoffen, -gerauft, gescholten, geschworen, gelogen und -betrogen, die Weiber nit in ihren Ehren lassen, -mit den Jungfern gescherzt, am Freitag bin ich -fensterln gangen, den Leumund hab ich den Leuten -genommen, verfrevelt hab ich mich gegen den heiligen -Blaumantel. Jetzt weiß ich nix mehr.«</p> - -<p>Dem Pfarrer wirbelte das Hirn. »Ein Gewissen -magst du haben wie ein Scheuertor,« staunte er.</p> - -<p>»Der Teufel hat mich im Schlund, reiß mich -heraus, Hochwürden!« zeterte der Dullhäubel. -»Bind mich los, bind mir die Sünden ab und -öl mich!«</p> - -<p>»Nur langsam, Dullhäubel, und hübsch eins -nach dem andern. Hast du nit gejuchzt und gejodelt -und gegalmt zur Unzeit und unzüchtige -Rockenlieder gesungen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p> - -<p>»Das hab ich alles getan, Pfarrer. Bind mich los!«</p> - -<p>»Ich will dich nit dem Teufel zuteil werden -lassen. Aber sag mir, hast du ein einzigesmal im -Leben ein gutes Werk verrichtet?«</p> - -<p>»Freilich, Pfarrer. Die Feiertage hab ich emsig -gehalten, die abgeschafften auch. Und zwölf Christen -hab ich in die Welt gesetzt.«</p> - -<p>Der rüstige Beichtvater sah ihn verdutzt an. -»Ah, so bist du gesotten? Du willst unsern Gott -und unsern Teufel überlisten?« Und er holte aus -und reichte dem Sünder eins auf den Schädel. -»Dafür erlaß ich dir die Bußgebete, du alter -Spaßvogel.«</p> - -<p>»Das ist mir lieb,« sagte der Dullhäubel erleichtert.</p> - -<p>»Jetzt geratest du halt ins Fegfeuer, Bauer, -und das ist eine scharfe Lauge. Wasch dich drin, -reib dir die Seel unverdrossen ab! Und fahrst du -hernach in den Himmel, so führ dich gut auf, daß -du meinem Pfarrsprengel keine Schand antust.«</p> - -<p>»Ich werd mich doch nit zu dem höllischen -Bären verirren?« verzagte der Kranke. »Ist es -drunten wirklich so heiß?«</p> - -<p>Der Pfarrer schaute den Dullhäubel ernsthaft -an. »In der Höll ist es so heiß, daß die gepeinigte -Seel, die den Kniffen und Kunstgriffen des Satans<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span> -erlegen ist, gar kläglich herausschreit: ›Gebt mir -ein Schmiedfeuer, daß ich mich dran kühl!‹ So -kalt ist das irdische Feuer dagegen.«</p> - -<p>»Ich riech schon lauter Brand,« wimmerte der -Bauer. »O wär ich gesund, ich wollt anders leben! -Einen Sack tät ich anziehen und wallfahren gen -Maria-Dorn. Sterb ich aber,« seine Stimme versiegte -schier, »so stift ich eine ewige Meß meiner -Seel zum Trost, und dem Blaumantel, meinem -Fürbitter, soll ein Wachsstock brennen hundert Jahr. -O weh, wie schlecht wird mir jetzt!«</p> - -<p>»Was ist, Dullhäubel, was ist?«</p> - -<p>»Der Schleim steigt mir im Hals, ich erstick, ich -krieg den Schleimschlag! O weh, von der Welt -scheid ich, in die Höll spring ich.« Er rülpste, und das -Blut sprudelte ihm wieder gräßlich aus dem Hals.</p> - -<p>»Leut, er stirbt!« schrie der Pfarrer.</p> - -<p>Der Bader, der Grazian, der Knecht und die -Kinder liefen herein.</p> - -<p>Schrecklich schaute der Bauer aus, weiß wie -Kalk lag er dort, die Lippen voller Blut.</p> - -<p>Die Ogath trug die brennende Sterbekerze daher -und drückte sie ihm in die Hand. Er aber verdrehte -die Augen grausam und fluchte: »Sakerment, bin -ich noch nit hin?!« Er röchelte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p> - -<p>»Bäurin,« meinte er auf einmal, »es ist wunderlich, -jetzt mitten im Sterben lüstet mich nach einem -Schnupftabak. Geh, tu mir die Lieb an! Es ist -das Letzte, was ich von dir begehr.«</p> - -<p>»Jetzt ist ausgeschnupft,« sagte sie kurz. »Jetzt -halt die Herren nit auf und schau zu, daß du -einmal stirbst!«</p> - -<p>»Ich sterb, und keines tut einen Schrei,« sprach -er wehmütig, »keins weint einen Tropfen, keinen -Seufziger druckt es euch aus.«</p> - -<p>Der Kopf sank ihm auf die Seite, das Kinn -hing ihm.</p> - -<p>»Jetzt erklenkt ihn der Satan,« rief der Grazian.</p> - -<p>»Macht Tür und Fenster auf, sonst reißt seine -Seel ein Loch durchs Dach!«</p> - -<p>»Ihm stehen schon die Augen,« nickte der Bader.</p> - -<p>»Er ist am Weg,« flüsterte der Pfarrer.</p> - -<p>Der Sterbende hauchte noch einmal: »Mein -letzter Wille! Meine Töchter – dürfen nur auf -einen Hof – hinheiraten, wo ein Glöckelturm drauf -ist. Ich bin ein großer Bauer – gewesen.«</p> - -<p>Jetzt lag er blaß und still.</p> - -<p>Die kleinen Dirnlein klammerten sich weinend -an den Kittel der Mutter, und sie zog tief Atem: -»Jetzt bin ich wieder eine Wittfrau.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p> - -<p>Plötzlich erhob sich im Keller ein großes Geschrei. -Die Wabel, die älteste Tochter, kam die Staffeln -herauf, einen leeren Topf in der Hand.</p> - -<p>»Mutter, ich weiß, was dem Bauer fehlt!« Sie -lachte, daß ihr die Zähren rannen, sie lachte, daß -sie den Atem verlor und schier in einem Husten -erstickte.</p> - -<p>Der Gottfried Mehlstäubl nickte. »Sie ist närrisch -worden.«</p> - -<p>»Was lachst du jetzt, wo dein Vater vor das -ewige Gericht hintritt?« verwies sie der Pfarrer -streng.</p> - -<p>Die Wabel schwenkte den Topf. »Blut hat er -gespieben,« brüllte sie vor Lachen, »Blut, aber nit -sein eigenes. Gestern haben wir eine Sau getötet, -das Blut haben wir ihr abgelassen, in den Keller -haben wir es gestellt. Der Vater hat in seinem -Rausch – das ganze Saublut ausgesoffen.«</p> - -<p>»Herrgott von Blaustauden,« schrie die Bäurin, -»das ganze Saublut? Heut hab ich es backen wollen.«</p> - -<p>Leben und Röte kehrten in die Wangen des Dullhäubel -zurück, er tat die Augen ganz schmal auf -und lallte: »Liebe Freunde, es ist nit unmöglich.«</p> - -<p>Des Pfarrers Hals verfiel in einen Krampf.</p> - -<p>Der Bader hielt sich den Bauch. »Gespieben<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span> -hast du wie ein Hochzeitshund, Dullhäubel. Du -könntest die Wissenschaft irr führen! Du hast aber -auch einen sauberen Hinfahrtsfraß genossen. Gelt, -die Suppe ist dir zu feist gewesen? Jetzt steh auf, -nimm dein Bett und geh!«</p> - -<p>Der Herr Nonatus Hurneyßl hatte sich wieder -beruhigt. »Bauer,« sagte er, »der Herrgott hat dir -heut einen Spiegel vorgehalten. Fang ein neues -Leben an!«</p> - -<p>Der Dullhäubel drückte pfiffig ein Auge zu. -»Bader, ich bin allweil schnell gesund worden. -Einmal hab ich mir beim Holzhacken eine Hand -wurzweg abgehaut. In vierzehn Tagen ist sie mir -wieder sauber nachgewachsen. Heut weiß ich nimmer, -ist es die linke gewesen oder die rechte. Und jetzt, -Ogath, gib den Tabak her! Das ist die beste Arznei.«</p> - -<p>Er schnupfte, legte sich dann zurück, schnarchte -wie eine Brettmühle und überließ die um sein -Sterbebett Versammelten ihren Betrachtungen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"> -<p>Blitzblau lugten die Schlehstauden drein, und -die letzte Bauernrose brannte im Gärtlein. Die -Luft hing voll zarter Fäden, die alten Weiber -hatten ihren Sommertag.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span></p> - -<p>Im Stadel drosch die Ogath mit ihren ältesten -Töchtern das Rüttstroh, sie wollte damit die Betten -frisch füllen. Fröhlich klangen die drei prallenden -Flegel, und der Dullhäubel legte dem Dreischlag -die Worte unter: »Schind die Katz!« und schlich -sich hinter den Stauden davon, um der Tenne -auszuweichen.</p> - -<p>Die Kapelle umging er in einem Bogen: des -Blaumantels Blick vertrug er nimmer, weil er -ihm die Kerze nicht opferte, die er ihm in der -Sterbensangst gelobt hatte.</p> - -<p>Vom Dorf klingelte der Schmiedhammer.</p> - -<p>Beim Sulpiz gab es immer Gesellschaft, Köhler -brachten die hölzerne Kohle, Fuhrleute ließen die -Rösser beschlagen, die Bauern ließen sich die Axt -schärfen, Kundschaft kam mit zerbrochenem Eisengerät, -und manchen trieb andere Not hin.</p> - -<p>Heute suchte der Lukas Schellnober in dem -rußigen Gewölbe Hilfe. »Schmied,« redete er, -»du bist die letzte Zuflucht. Der Zahn tut mir -arg weh, ich könnt mir das Kinnbein vom Schädel -reißen.«</p> - -<p>»Sieh ihm den Zahn, Sulpiz!« meinte der Dullhäubel. -»Speib in die Händ, der riesige Mann -hat Zähne wie eine Wildsau.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p> - -<p>Der Sulpiz Schlagendrauf beeilte sich nicht. -Er trug eine glühende Stange zum Amboß. Bevor -er drauf schlug, reckte er sie jeden von seinen -drei Weibern hin, die er an die Wand gerußt -hatte, und gröhlte: »Leck! Leck! Leck!« und dann -fuhr er jäh und heimtückisch damit dem Dullhäubel -unter die Nase: »Schmeck! Schmeck!«</p> - -<p>Der Bauer fuhr zurück bis zur Tür.</p> - -<p>Zornig hämmerte der Meister auf das Eisen -los. Es war nicht zu verwundern, daß die Kinder -von Fuxloh den wilden Mann mit dem verworrenen -Rußbart für den Teufel hielten.</p> - -<p>»Hau zu, Schwarzer,« neckte der Dullhäubel aus -wohlabgemessener Ferne, »hau zu und denk, du -hast dein viertes Weib unter dir!«</p> - -<p>Der Sulpiz schüttelte den Hammer. »Halt das -Maul oder ich zerschmied dich! Was stehst du da -wie eine Martersäul? Hast du daheim keine -Arbeit? Was begehrst du?«</p> - -<p>»Die Feuerzang sollst du mir leihen, daß ich -meine Bäurin wieder einmal angreifen kann.«</p> - -<p>Das gefiel dem Schmied. Er tauchte die Stange -ins Wasser, daß sie zischte, und deutete auf eines -von den Rußbildern. »Die erste dort, die Luzel ist -es. Einmal fahrt sie zur Kirchweih nach Bärnloh,<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span> -ich bin allein im Haus. Um Mitternacht klopft -es an die Tür, steht ein Kohlschwarzer draußen, -die Augen glosen ihm. Ich soll ihm den Rappen -beschlagen. Ich schau das Roß an. Es hat zwei -schwarze Zöpf geflochten wie die Luzel. Die zwei -wilden Augen schauen mich an wie die Luzel, wann -sie mit mir gerauft hat. Ich beschlag das Roß -auf allen vier Hufen. Der Kerl springt drauf, -sagt kein Geltsgott, und reitet dahin. In der -Früh liegt mein Weib neben mir im Bett mit -Hufeisen an Händen und Füßen.«</p> - -<p>Der Sulpiz lachte, daß das Eisen in der Werkstatt -klirrte.</p> - -<p>»Du kannst leicht lachen, Schmied, dich martert -nix,« sagte der Zahnwehmann und hielt sich den -verbundenen Kopf.</p> - -<p>»Schäm dich, Musikant,« tadelte der Rußige. -»Du bist so stark wie ein Felsenbaum und dabei -so ungesund.«</p> - -<p>»Wer ist heutigentags gesund?« greinte der -Lukas. »Ja, vormals haben die Leut mehr ausgehalten. -Mein Vater zum Beispiel hat Glas gefressen, -das Blut ist ihm aus dem Maul geronnen, -er hat Bier darüber gegossen, und gut ist es gewesen. -Bis er einmal so ein neuartiges Lampenglas<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -gegessen hat, da ist er magenkrank worden. -Das neumodische Teufelswerk ist nix nutz, das -altwäldlerische Glas ist viel milder gewesen.« Und -er wimmerte auf: »Weh und weh, mein Zahn!«</p> - -<p>Der Schmied ließ sich auf den Amboß hin: -»Duck dich her, Lukas!«</p> - -<p>Da kauerte der Musikant auf die Erde, der -Sulpiz klemmte den verbundenen Kopf zwischen -seine Kniee und zog einen Schlüssel aus der Tasche.</p> - -<p>»Tu das Maul auf! Welcher Zahn ist es?«</p> - -<p>Ächzend deutete der Leidensmann in sich hinein. -Der Schmied griff zu und drehte, daß ihm die -Adern am Arm schwollen, indes der Geklemmte -die vierzehn Nothelfer anschrie.</p> - -<p>»Der Stockzahn rührt sich nit, der Teufel!« -schalt der Sulpiz. Er fuhr dem Gepeinigten noch -einmal ins Gebiß, und mit einem Ruck, daß schier -der Amboß wankte, riß er einen mächtigen Zahn -heraus.</p> - -<p>»Du hast den falschen erwischt,« rief der Lukas, -»das gilt nit!«</p> - -<p>»Die Hauptsach ist, daß das böse Blut abgeht,« -tröstete der Zahnbrecher. »Jetzt geh zum Misthaufen -und speib das Blut aus!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span></p> - -<p>Der Musikant legte ein Sechserlein auf den -Amboß. »Wenn es besser wird, trag ich den Zahn -nach Maria-Dorn und häng ihn der Muttergottes -mit einem seidenen Band um den Hals,« gelobte er.</p> - -<p>»Und du lümmelst noch allweil da?« schnauzte -der Schmied den Dullhäubel an. »Ich verdien -Geld, und du versäumst dein Geschäft.«</p> - -<p>»Ich kann nix versäumen, Meister.«</p> - -<p>»Eine junge Dirn ist da gewesen und hat nach -deinem Hof gefragt. Sie will in den Erdspiegel -schauen.«</p> - -<p>Hastig nahm der Dullhäubel den Weg unter die -Füße.</p> - -<p>Es war zum erstenmal, daß ihn jemand um den -Erdspiegel anging. Die Leute waren schon zu klug. -Zu des Ähnels Zeiten trug der Spiegel viel mehr -ein als der Opferstock in der Kirche, die Bittsteller -kamen aus aller Weite; wer ihnen das Roß gestohlen -oder den Stall verhext, wollten sie wissen -und wollten allerhand Heimliches ausfindig machen. -Das war vorbei.</p> - -<p>Der Bauer sann nach, wie er den Erdspiegel -wieder in Schwang und Ruf bringen könne. Heute -schien sich eine gute Gelegenheit zu bieten. Er -nahm sich vor, die Dirne erst um ihr Anliegen<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span> -zu fragen, dann wollte er sich in den Keller sperren, -als ob er Hokuspokus triebe, und dort würde ihm -schon die rechte Antwort einfallen.</p> - -<p>In seinem Hof droschen die drei immer noch, -und die kleinen Dirnlein spielten vor der Scheuer, -eines kitzelte die andern auf die nackten Sohlen -und rief: »Wer schmunzt, wer lacht, wer die Zähn -für reckt, der gibt ein Pfand.«</p> - -<p>Als der Dullhäubel die Stube leer fand, schwante -ihm Schlimmes, und er lief in den Keller.</p> - -<p>Die Tür zum Erdspiegel war aufgerissen.</p> - -<p>Ins Halbdämmer des Raumes brach durch ein -Guckloch ein Strahl und traf den runden Spiegel, -der auf einem Felsblock lag. Eine junge Dirne -beugte sich drüber und rätselte an den Zeichen, die -auf das Wunderglas gemalt waren: eines glich der -Ziffer vier, ein anderes führte drei Zinken wie -eine Mistgabel, das dritte trug einen Ring mit -zwei Hörnlein.</p> - -<p>Der Bauer erkannte im Halblicht die Fremde -nicht. »Was sprengst du mir die Tür?« schalt er. -»Bist du eine Räuberin?«</p> - -<p>»In meiner Verzagtheit hab ich es getan,« antwortete -sie. »Verzeih mir, Spiegelmann!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span></p> - -<p>Er schob sie weg und schaute lange und ernst -hinein in das Glas. Dann sagte er geheimnisvoll: -»Ich seh es, du kommst wegen einer Liebschaft.«</p> - -<p>»Siehst du meinen Schatz auch?« rief sie heftig. -»Er ist mir verloren gegangen. Wo find ich ihn?«</p> - -<p>Er starrte in den Spiegel und sann auf eine -hübsche Lüge.</p> - -<p>»Merkst du was?« fragte sie voll Neugier. »Ich -hab nur den Dreizahn gesehen und den Hörnerbock -und den Vierer.«</p> - -<p>»Das sind die Zeichen der drei Heidengötter,« -flüsterte er. »Weiberleut sehen nur das im Erdspiegel. -Und dann, bist du noch eine Jungfer, he? -Bist du nit schon einmal über das sechste Gebot -gestolpert?«</p> - -<p>»Aber hingefallen bin ich noch nit.« Sie kehrte -sich verschämt ab.</p> - -<p>»Es ist, als ob heut der Spiegel rauchig wär,« -redete der Dullhäubel in das Glas hinein. »Hätt -ich nur das Zauberbuch nit verlegt, ich könnt dir -gleich verraten, wo sich dein Liebhaber herumtreibt.«</p> - -<p>Da versuchte auch sie hineinzuspähen, und da -sich ihr junger Leib dabei derb an den Bauer -schmiegte, ließ er sie gewähren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span></p> - -<p>Plötzlich schrie sie hell auf: »Da schaut er heraus, -der Tischler Franz, der mit mir hat Adam und -Eva spielen wollen!« Und jäh sich besinnend, -starrte sie den Dullhäubel neben sich an und packte -ihn beim Bart. »Du bist es gewesen, Erdspiegler, -der mir die Heirat versprochen hat!«</p> - -<p>Es war die Mechel Schellnober.</p> - -<p>Er begehrte auf. »So kommst du mir? Mir, -dem Dullhäubel? Ich kenn dich nit. Ich bin ein -verheirateter Mann. Willst du Unfried stiften in -meinem Haus? Gleich fahr ab, du Lügenwachtel, -sonst schrei ich um den Schergen!«</p> - -<p>»Lügst du aber keck!« staunte sie. »Und du bist -es gewesen, und wenn du auch leugnest wie ein -Spitzbub. Ich kenn dich an dem kugelrunden Schädel, -an dem roten Bart, an dem kurzen Hals. Denselben -Filzhut mit derselben Schnalle hast du aufgehabt. -Komm einmal ans Licht hinauf! Du willst -dich weiß brennen, willst tun, als ob du die nackete -Unschuld selber wärst.«</p> - -<p>»Das bin ich auch. Und den Hut hab ich mir -erst gestern gekauft, du zottige Gretel. Beweisen kann -mir keiner nix. Und ans Licht geh ich just nit, mir -ist warm, und im Keller ist es schön kühl.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p> - -<p>»So steig ich allein hinauf, Erdspiegler, und klag -es deinem Weib.«</p> - -<p>Da stieß er sie zurück und sprang ihr voran die -Stiege hinauf, lief vors Haus und schrie: »Bäurin! -Wabel, Reigel, Rosel! Kinder, kommt schnell! Stasel, -Kathel, Liesel! Sakerment, mir fallen die Namen -nit ein!«</p> - -<p>Die Mechel erschrak, als sie auf einmal mitten -in einem Ring von Jungfern und Dirnlein stand.</p> - -<p>Mit dem Finger deutete der Dullhäubel auf sie. -»Weib, Kinder, die mannsleutnärrische Schnudel -da ist mir in den Keller nach, ganz putipharisch -hat sie nach meiner Unschuld begehrt. Aber ich bin -ihr nit ins Eisen gegangen.«</p> - -<p>»Gibt es denn keine Wahrheit mehr auf der -Welt? Hat der Schauer alle guten Leut erschlagen?« -weinte die Mechel. »Erdspiegler, du stellst -mich her, daß kein Hund mehr ein Bröckel Brot von -mir frißt. Und du hast mir versprochen –.«</p> - -<p>Er ließ sie nicht ausreden. »Sie hat die Bubensucht; -sie lügt, ich hätt ihr die Heirat versprochen. -Kinder, den Vater will sie euch nehmen, und dir, -liebes Weib, den Ehmann!«</p> - -<p>»Sie soll dich nur mitnehmen,« sagte die Ogath.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span></p> - -<p>»Was? Das wollt ihr euch gefallen lassen?« -Seine Stimme verstieg sich. »Und ihr jagt sie -nit aus dem Hof?«</p> - -<p>»Ich zeig dir schon, was es heißt, einen neuen -Trieb kriegen,« lachte die Bäurin wunderlich. Und -sie fiel mit den Töchtern über den Dullhäubel her -wie Hündinnen über einen Bären, im Hui wälzte -er sich, die Hiebe fielen wie ein Schlossenschauer über -ihn, er konnte sich ihrer nicht erwehren.</p> - -<p>»Blaumantel, hilf! Die Mannsleut müssen zusamm -halten,« rief er.</p> - -<p>»So, jetzt nimm dir ihn mit,« sagte die Bäurin -zur Mechel, »wir schenken dir ihn herzlich gern.«</p> - -<p>»Ich mag ihn nit,« antwortete die Fremde. »Und -zu wegen seiner wird aus mir keine Klosterfrau. -Die Welt ist kein Krautgarten, mein Glück wachst -überall.«</p> - -<p>Mit trotzigen Schritten ging sie davon. –</p> - -<p>Der Dullhäubel wurde durch die Schläge nicht -gebessert. Am selben Abend noch tat er dem Grazian -Schande und Spott an.</p> - -<p>Er spielte mit einem fremden Sautreiber im -Wirtshaus bis spät in die Nacht Karten. Der -Meßner trank ihnen eifrig zu, denn der Sautreiber -zahlte ihm die Zeche, aber auf einmal lag er mit<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span> -der Stirn auf dem Tisch und schlief. Da löschte -der Dullhäubel die Lampe, versperrte die Fensterladen -und tat mit seinem Spießgesellen in der stichdunkeln -Stube, als spielten sie weiter. Als die zwei -immer wilder schrieen und immer fester mit der Faust -in den Tisch schlugen, erwachte der Grazian. Er -hörte sie die Trümpfe ausschreien und Farbe bekennen, -und als er nichts sah, stammelte er mit -zitternder Stimme: »Leut, ich bin blind. Ich hab -mich blind gesoffen.«</p> - -<p>Der Dullhäubel ließ ihn eine ganze Stunde in -der entsetzlichen Meinung, und am nächsten Tag -lachte ganz Fuxloh über den blinden Grazian.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Mai blühte aus.</p> - -<p>Die Fuxloher hielten am Pfingstmontag abends -vor der Kapelle eine Andacht. Der abgedankte -Meßner Grazian hatte den Weibern ein neues Lied -beigebracht, und sie sangen es, und der Bach sauste -darein, der geschwollen war, weil ein Wetter niedergegangen -übers Gebirg.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Tag ist vergangen,<br /></span> -<span class="i0">der Abend ist hier,<br /></span> -<span class="i0">gute Nacht, o Maria,<br /></span> -<span class="i0">bleib ewig bei mir!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p> -<p>Wie das Lied so herzerheblich hinüberflog über -die Wiesen zum Wald, daß alle, die da sangen, -ihre Freude hatten, watete der Dullhäubel durchs -Gras daher, brachte einen Schemel mit und setzte -sich abseits den andern darauf. Und als die frommen -Stimmen der Weiber sich in die höchsten Höhen -erflogen, stimmte er überlaut sein eigenes Lied an.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wer will mit mir wallfahrten gehn,<br /></span> -<span class="i0">muß tragen ein Paar Schuh,<br /></span> -<span class="i0">muß Käs und Brot mitnehmen,<br /></span> -<span class="i0">muß aufstehn in der Fruh.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Da wurden die andern in ihrem Lied langsam -irr, eine Stimme nach der andern verzagte und -hörte auf, bis zuletzt nur des Dullhäubel traurig -gezogene Weise sich behauptete.</p> - -<p>»Was irrst du uns?« schalt der Grazian betrübt.</p> - -<p>Die Weiber redeten erbost auf den Störenfried -ein. Der aber sagte: »Ich sitz auf meiner Wies, -und auf meinem Grund sing ich, was mir gefallt. -Ihr habt wie die Nattern gesungen. Was braucht -ihr das neumodische Schnaderhüpfel? Mein Lied ist -allweil gesungen worden, seit die Kapelle steht, und -bleiben soll es, wie es bräuchlich gewesen ist.«</p> - -<p>Da konnten die Fuxloher nichts dawider reden, -sie verzichteten auf den neuen Gesang, und der Grazian<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span> -hub eine Litanei an. Doch auch sie stockte bald, -und besonders die Weiber wurden verwirrt und des -Betens überdrüssig, weil der Dullhäubel mit starrem -Blick sie anschaute, als wolle er sie verzaubern. -Es wurde ihnen angst.</p> - -<p>Schließlich begehrte der Grazian auf, dem die -ganze Andacht verdorben war: »Was schaust du -so unsinnig her?«</p> - -<p>»Mein Schemel ist aus neunerlei Holz,« sagte -der Schelm.</p> - -<p>»Ist das eine Antwort auf meine Frag? Wie -steht es mit deinem Hirn?«</p> - -<p>»Wer auf einem Schemel aus neunerlei Holz -sitzt, sieht alle Hexen.«</p> - -<p>Die Weiber fuhren auf wie gestörte Wespen. -»Er beleidigt uns alle!« schrie die Burgermeisterin.</p> - -<p>»Du sei still,« warnte der Dullhäubel, »ich schau -auf deinem Kopf ein Krähennest.«</p> - -<p>»Dem Kaiser soll man schreiben, daß er den -Böswicht abschafft,« sagte die Iglin.</p> - -<p>»An deiner Nase hängt eine Fledermaus, Iglin. -Grins nur her und zahn mich an! Ich fürcht mich nit.«</p> - -<p>Jetzt wagte keine mehr zu schimpfen, um des -Dullhäubel Bosheit nicht auf sich zu ziehen. Nur -die Spuchtin rief: »Ist denn keiner unter euch<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Mannsleuten, der sich unser annimmt und ihm den -Herrn zeigt?«</p> - -<p>Der Longinus Spucht duckte sich hinter dem -breiten Schmied, und der Schmied seufzte schwermütig: -»Ach ja, alte Weiber gibt es genug auf -der Welt!«</p> - -<p>Der Dullhäubel frohlockte: »Mein Guckähnel -hat sieben Weiber gehabt, und alle sieben hat er -erschlagen. Zuletzt haben ihn tausend Engel in den -Himmel gehoben.«</p> - -<p>Die Weiber standen auf und gingen, die Männer -verliefen sich, und den Grazian hörte man noch -fern im Wald schimpfen.</p> - -<p>Jetzt war der Dullhäubel mit dem Heiligen allein.</p> - -<p>Dem hatten sie den welken Kranz aus Hagebutten, -Silberdisteln und Heide mit frischen Maiblumen -ersetzt.</p> - -<p>Der Wald nachtete ein, Mondlicht flunkerte in -den Stauden, in der Wiese knarrte der Wachtelkönig.</p> - -<p>Der Dullhäubel riß den Heiligen aus der Kapelle. -»Eine Kerze hab ich dir versprochen, so lang wie -eine Deichsel. Der Wachszieher aber bietet solche -nit feil, und so kann ich mein Wort nit lösen. Und -du verdienst es auch nit, Blaumantel. Wie oft ich<span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span> -dich anruf, du hilfst mir nit. Da rinn den alten -Weibern nach!« Er warf ihn in den Wolfsbach.</p> - -<p>Da war ihm, der Blaumantel werde in dem -angeschwollenen Bach lebendig und drehe teuflisch -den Kopf nach ihm zurück, rühre die Arme und -schlage Räder im Wasser.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Abend, der Mond hing dürr und -krumm und armselig überm Vogeltänd, da kam -die Wabel aus dem Dorf herunter gelechzt: »Bauer, -ein ganzer Schober Leut rennt daher, den Blaumantel -begehren sie von dir, Gabeln und Drischeln -tragen sie und wollen dich erschlagen.«</p> - -<p>»Du hast in ein Wespennest gestriegelt, Bauer,« -sagte die Ogath.</p> - -<p>Dem Dullhäubel rann es kalt über die Haut. -»Verrammelt das Tor!« rief er.</p> - -<p>Seine Leute schleppten Eggen und Pflüge herbei -und sperrten das Tor mit Ketten, Wagen und -Wiesbäumen. Die Fenster waren durch eiserne -Gitter gesichert.</p> - -<p>Der Bauer selber stand am Dachboden und -hielt zum Guckloch den Schießprügel hinaus, womit -die Erzväter gewildert hatten. Sein Weib<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span> -betete drunten, betete um einen glücklichen Ausgang, -die Kinder knieten totenblaß um sie.</p> - -<p>Schon trampelten die Feinde den Waldweg daher, -wie die Wölfe im Winter kamen sie. Sie läuteten -mit Kuhglocken, bliesen und lärmten.</p> - -<p>Dreschflegel ragten über sie hinaus, Sensen, -Hellebarden und abgedankte Spieße. Die Gesichter -waren berußt oder mit Moosbärten verhüllt, ein -tückischer Mummenschanz. Immer stärker wurde -ihr Geschrei: »Hin muß er werden! Haar und -Kopf muß er lassen, der Schelmenbub!«</p> - -<p>Jetzt stauten sie sich vor dem Gehöft, und der -Dullhäubel sah sie genauer. Es wimmelte und -wibelte drunten. Die Hüte hatten sie mit Reisig besteckt, -die Röcke verkehrt, Männer hatten Weiberkittel -an. Einer hatte ein Hirschgeweih vor die -Stirn gebunden, andere deckten sich hinter hölzernen -Larven oder trugen alte Kriegshelme oder -stülpten sich Körbe über den Kopf. Einer trug sogar -einen Schnabel, die eiserne Unzier, wie sie böse -Weiber vorzeiten hatten tragen müssen am Pranger.</p> - -<p>Der Dullhäubel meldete sich, ehe sie ihm das -Haus stürmten. Vom Guckloch rief er hinab: »Guten -Abend miteinander!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span></p> - -<p>Da hoben sich die verlarvten Gesichter, uralte -Faustbüchsen zielten herauf, sie schrieen, pfiffen, läuteten -mit eisernen Töpfen, und einer blies wahnwitzig -in ein Kuhhorn.</p> - -<p>Auf einmal war es still. Ein kurzer Mann trat -vor, Maul und Kinn gedeckt mit einem wüsten -Baumbart, und forderte aus verstelltem Hals: »Gib -uns den Blaumantel zurück, du hast ihn im Moos -versenkt!«</p> - -<p>»Meiner Seel, ich hab ihn nit!«</p> - -<p>»Wo ist er dann? Du weißt es.«</p> - -<p>»Der Blaumantel? Der schalanzt wo im Land -herum. Traut ihm nit, Fuxloher! Er kann sich nit -ausweisen, nit einmal in der römischen Kanzlei -kennen sie ihn.«</p> - -<p>»Wo der Heilige ist?« klang es wilder.</p> - -<p>»Er ist zum Himmel aufgeflogen. Oder hat er -sich eine bessere Kapelle ausgesucht. Was weiß -ich? Laßt mich in Ruh!«</p> - -<p>Stimmen gellten: »Er spottet noch, der Schlechtling! -Bis ins Schienbein hinein ist er verwahrlost! -Stecht ihm eine Lucke! Erstechen soll man ihn! -Erstechen!« Ein Spieß erhob sich steif aus dem -Haufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span></p> - -<p>»Wollt ihr mich auch verkrüppeln wie meinen -liebsten Freund, Gott hab ihn selig, den Müllner?« -klagte der Dullhäubel. »Oder wollt ihr mich umbringen? -Leut, vergeßt euch nit! Geht hin, woher -ihr gekommen seid! Eure Weiber haben euch -aufgehetzt.«</p> - -<p>»Röhr nit, Fuchs! Uns kriegst du nimmer -dran. Heut rechnen wir ab,« stieg es aus der Tiefe.</p> - -<p>»Was kommt ihr mit den Waffen daher? Ich -bin ein friedlicher Mann.«</p> - -<p>»Einen Igel fangt man mit eisernen Handschuhen,« -antwortete es.</p> - -<p>»Hütet euch!« beschwor er sie. »Ich hab den -Erdspiegel, der ist im Zeichen des Skorpions gegossen -worden.«</p> - -<p>»Den Spiegel zerschlagen wir dir. Abrechnen -müssen wir!« scholl es wirr durcheinander. »Wem -von uns hast du noch nix angetan, du Schnittlauch -auf allen Suppen?«</p> - -<p>»Liebe Landsleut, hört mir zu! Habt ihr schon -einen Galgen gesehen? In der Kriminalstube ist -einer aufgemalt, zwanzig Schuh hoch, eine Leiter -dran, ganz blutig. Liebe Landsleut, habt ihr schon -einen nacketen Sabel gesehen? Der Scherg hat -einen umgebunden, der Herr Anton Zinkinker, ihr<span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span> -kennt ihn alle. Wie wird euch ums Herz sein, -wenn er euch ins Haus kommt mit dem Spieß -am Gewehr, mit dem Federbusch am Hut, wenn -er euch die Hand auflegt und schreit« – der Dullhäubel -brüllte – »wenn er schreit: Im Namen des -Gesetzes!!?«</p> - -<p>»Wir fürchten uns nit. Es weiß keiner, wer -wir sind,« scholl es. »Du tanzt uns nimmer lang -am Buckel. Wir legen dich kalt.«</p> - -<p>Einer schrie: »Teufel, halt den Sack auf, diesmal -ist der Kasper zeitig.«</p> - -<p>»Du bist der abgedankte Meßner.« Der Dullhäubel -deutete hinab. »Deine Stimme kenn ich. -Und deine schelchen Achseln.«</p> - -<p>»Du irrst dich,« antwortete der drunten, »ich -bin heut gar nit da.«</p> - -<p>Drunten wurden sie still, sie reckten die Köpfe -zusammen und hielten Rat. Es war die unheimliche -Ruhe vor dem Donnerschlag. Dem Dullhäubel -rann der kalte Schweiß. Er wußte, jetzt -müsse er den Fuxlohern anders kommen, ehe es -zu spät war.</p> - -<p>»Der Kalender ist mir gebrochen,« kicherte er -hinunter. »Ich weiß nit, ist heut aller Narren -Kirchfahrt oder der blinde Irtag. Geht heim und<span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span> -legt euch ein ehrliches Gewand an, ihr verzweifelten -Buben!«</p> - -<p>Da rüttelten sie schon am Tor, daß das Haus -bebte.</p> - -<p>Der Dullhäubel reckte eine brennende Kerze zum -Guckloch hinaus. Verdutzt hielten die drunten ein.</p> - -<p>»Sippschaft,« schrie er mit seiner grellen Stimme, -»das ist eine Kaiserkerze!«</p> - -<p>»Blas sie aus! Sie geht uns nix an,« erwiderte -ein Männlein, das die Nase in einem Wetzsteinkumpf -stecken hatte, so daß sie gespenstisch lang -erschien.</p> - -<p>»Mein Ähnel hat sie am Schlachtfeld gekriegt, -die Kerze,« sagte der Bauer, »der Kaiser selber -hat sie geweiht.«</p> - -<p>Der Mann mit dem Kumpf aber rief hitzig: -»Der Kaiser soll uns – – –!« Kurzum, er tat, -mit Ehren zu melden, eine landläufige Rede, die -sonst gar niemanden Wunder genommen hätte und -die ihm auch von keinem verübelt worden wäre. -Aber der Dullhäubel fischte sie auf.</p> - -<p>»Leut,« schrie er, »jetzt hat einer von euch den -Kaiser beleidigt. Drauf steht die härteste Straf, -der Tod durch Pulver und Blei. Der mit dem -langen Schnabel dort und mit dem dicken Bart,<span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span> -der Longinus Spucht ist es gewesen, der dem Kaiser -die Arbeit geschafft hat. Und du, Glöckelbauer, -Burgermeister von Fuxloh, hast dazu mit dem Kopf -beifällig genickt, hast ihm Recht gegeben. Wenn -der Kaiser das erfahrt?! Und ihr andern, ihr steht -da und habt es gehört und schlagt den nit gleich -auf dem Fleck nieder, der das kaiserliche Erzhaus -derartig beleidigt?«</p> - -<p>Die Fuxloher wichen vor dem Spucht zurück -wie vor einem Gezeichneten. Ihnen hingen zerknirscht -die Köpfe, die wilden Vorsätze waren aus -dem Geleis gesprungen. Ratlos schielten sie nach -dem Burgermeister.</p> - -<p>Der Schelm droben schmiedete sein Eisen. »Spucht, -du weißt, was dir bevorsteht: Pulver und Blei! -Du tust mir leid.«</p> - -<p>»Du wirst doch den Spucht nit dem Schergen -angeben?!« sagte der Glöckelbauer kleinlaut. »Das -Angeben ist eine Schand, der Angeber steht gleich -hinter dem Totschläger.«</p> - -<p>Eine kleine Gestalt mit langer Nase löste sich -von dem Schwarm und rannte in den Wald hinein.</p> - -<p>Der Burgermeister meinte, er habe mit der -Sache nichts mehr zu schaffen, und verschwand. -Einer nach dem andern verzog sich, und bald war<span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span> -der Anger vor dem Hof leer, und die Dullhäubelleute -räumten die Verschanzung weg.</p> - -<p>»Die Bockmelker, die Nebelschieber, die Heiligenfresser! -Mit der Feuerspritze gehen sie gegen den -Mond los,« lachte der Schelm aus dem Guckloch. -»Meiner Seel, wenn ein Narr vom Himmel fallt, -soll er auf Fuxloh fallen, bei uns findet er die -richtige Gemeinde.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Longinus Spucht rannte so scharf und -rastlos durch den Vogeltänd, daß ihm das Herz -unbändig schlug und er fürchtete, es springe ihm aus -dem Maul heraus.</p> - -<p>Seither wurde er nimmer gesehen. Sein Weib -suchte ihn eine Woche lang umsonst.</p> - -<p>In wenigen Tagen umspannen wilde Gerüchte -den verschwundenen Mann. Sein schwarzer, zottiger -Bart, die unruhigen, stechenden Augen und besonders -die verwegenen Räuberlieder, die er immer gesungen, -verschafften ihm, der ansonst ein wohlberüchtigter -Mann gewesen, bald den Ruf eines Weglauerers -und Räuberhauptmanns.</p> - -<p>Uralte Waldgeschichten vom Räuber Schierling -tauchten wieder auf, der den Leuten den<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span> -Geldbeutel abgeschreckt und sie auf die Bäume -hinaufgejagt und schließlich heruntergeschossen hatte -wie Kranwitvögel, und vom bayrischen Hiesel, der -von den Wanderern die Zunge als Maut genommen -und hernach sich das Messer gestrichen hatte an -den Hosen. Gar bald war auch der Spucht der -Mittelkern solch gefährlicher Sagen, die von einigen -zufälligen Geschehnissen genährt wurden.</p> - -<p>So gingen einmal die Dirnlein des Dullhäubel -um Beeren und kamen weit in die Wälder hinein. -Da ward der kleinen Luzel bang vor der lautlosen -Öde, sie weinte, und um sie zu stillen, erzählte -ihr die Stasel ein Märlein. Ach, es fiel ihr gerade -ein gar schauriges ein, daß ihr selbst davor angst -wurde!</p> - -<p>Sie erzählte: »Und die zwei Kinder sind in -einen Wald kommen, und allweil tiefer und tiefer -sind sie hinein, und der Wald ist stockfinster worden -vor lauter wildem Laub und krummen Ästen, und -noch immer hat der Wald kein End genommen. -Auf einmal steht vor ihnen – – – das Räuberhaus.« -Sie flüsterte dieses Wort, ins Herz davor -erschaudernd.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick standen die Kinder vor -einer verwurzelten Höhle, drin schlief der Spucht,<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span> -eine Pistole in der Hand. Die Kleinen rannten -über Rain und Stein davon und sprengten hernach -schreckliche Geschichten im Dorf aus.</p> - -<p>Bald darauf fand der Burgermeister, als er in -aller Frühe vors Haus trat, einen Zettel auf dem -Zaun stecken. Es war ein Brandbrief.</p> - -<p>Am Dorfanger berieten sich die Fuxloher. Sie -sahen sich schon als Abbrändler mit einem Bittgesuch -von Haus zu Haus gehen. Der Brunnkressenhannes, -der am schönsten lesen konnte, las -den in bauchiger, derber Schrift geschriebenen Brief -mit schauriger Stimme vor.</p> - -<p>»Ihr Fuxloher Haderlumpen, Am Tag Medardi -Brennt Dem Igelbauer Sein Stadel. Wer Löschen -Hilft, Dem Zünd Ich Auch Unter. Willst Du -Wissen, Wer Ich Bin? Schmecks.«</p> - -<p>»Den Brief hinterlegen wir beim Gericht,« entschied -der Burgermeister.</p> - -<p>»Was hilft mir das?« klagte der Igel. »Wenn -es lichterloh aus dem Dach schlagt, was nutzt das -Gericht? Der Nachtwächter muß die ganze Nacht -um meine Scheuer herum gehen.«</p> - -<p>»Da müssen ein paar tapfere Leut bei mir -sein,« wehrte sich der Nachtwächter, »ich setz das -Leben nit allein aufs Spiel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span></p> - -<p>Der Grazian rief auf einmal: »Der Teufel -schickt seinen Vorreiter daher, der weiß euch Rat.«</p> - -<p>Schon von fern winkte der Dullhäubel. »Leut, -brennen wird es! Unsere rote Henne hat gekräht.«</p> - -<p>»Da habt ihr es,« greinte der Igel.</p> - -<p>Der Dullhäubel zog die Nase hoch. »Brändelt -es nit schon?«</p> - -<p>Alle Augen richteten sich gen den Berghang, -wo des Igelbauers Wirtschaft war. Aber sie lagerte -friedlich, und nur ein linder Qualm hing über dem -Rauchfang.</p> - -<p>»Dullhäubel, spaß nit!« mahnte der Glöckelbauer. -»Der Schrecken ist mir ins Knie gefahren.«</p> - -<p>Der Brunnkreßner legte den Brandbrief zusammen. -»Der Schreiber ist in keine gute Schul -gangen,« sagte er mißbilligend, »jedes Wort hat -er mit einem großen Buchstaben angefangen. Das -ist falsch.«</p> - -<p>»Ganz recht ist es,« stritt der Dullhäubel. »In -einem Brief schreibt man alles groß, daß keine -Beleidigung geschieht.« –</p> - -<p>Die Fuxloher forschten nicht nach, wer den Zettel -geschrieben. Aber die Brandwächter, die nachts -um des Igels Scheuer lungerten, hielten die -Schießprügel fest und warteten, und der Nachtwächter<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span> -sagte halblaut: »Der Spucht, der rennt einem -ohne weiters das Messer hinein. Er hat ein kaltes -Herz.« –</p> - -<p>Der verrufene Mann irrte indes auf Diebssteigen -in den Wäldern des Lusens, fraß Krauselbeeren -und hauste in einem umwurzelten, umknorrten Loch, -eine Eiche hatte dort die Fänge eingeschlagen. Er -spürte hinter jeder Staude Schergen und kaiserliche -Reiter und sah den Himmel voller Galgen.</p> - -<p>Nur wenn ihn der Hunger gar zu hart peinigte, -traute er sich an eine Einschicht heran und half den -Leuten, die den Mann mit dem wilden Bart nicht -kannten, das Gras mähen und verlangte dafür -Suppe und Brot. »O weh,« seufzte er oft, »wenn -die einöden Leut hören, daß ich den Kaiser geschändet -hab, sie werden mir nix mehr geben, und -ich kann Holzobst fressen wie die wilden Säu!«</p> - -<p>Er führte eine ungeladene, zerbrochene Pistole -bei sich und wäre arg verlegen gewesen, wenn er -damit ein wildes Tier hätte abwehren müssen.</p> - -<p>Er ward schwermütig. Er dachte, jetzt käme er -nimmer heim zu seinem Weib und nach Fuxloh. -Und Eisen und Zuchthaus warteten auf ihn. Pulver -und Blei!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span></p> - -<p>Am schlimmsten war ihm in der Nacht, wenn die -Eulen wimmerten, finstere Bäche unheimlich für sich -hin redeten, schwarze Bügel flogen und Gespenster -schwärmten. Da nahm der Spucht oft vor der -eigenen Angst Reißaus und geriet in fremde, abseitige -Schluchten und fremdes Gestrüpp und Gesträuß -und fand lange nicht zurück in die bekannte -Gegend.</p> - -<p>Einmal ging er nachts auf einem fremden Holzsteig, -der war so unheimlich, als ob der Teufel dort -herumstinke. Der feurige Mond leuchtete, hinter -finstern Stauden brummte ein Hirsch, verzagte -Wacholderstöcke standen karg und schaudernd im -Wind. Und wie der Spucht so einschichtig durch -die Wildnis strich, sah er auf einmal am Weg einen -Mann, der schien zu lauern.</p> - -<p>»Halt, Longinus, das gilt dir!« dachte der Spucht. -Die Ohren sausten ihm.</p> - -<p>Der Mond verkappte sich hinter einer dicken -Wolke. Die Moosgeiß rief gespenstisch wie eine -verirrte Kuh, und entsetzt rannte ein Bach aus dem -finstern Wald. Fern leuchtete eine Einschicht auf.</p> - -<p>Der Spucht nahm sein Herz in die Hand, ging -auf den scheulichen Kerl los, nahm den Hut ab und -sagte gar erbärmlich: »Ich bitt um Verzeihung,<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span> -Herr, ich hab mich verirrt. Wie heißt denn der -Wald da?«</p> - -<p>»Totenkopf.«</p> - -<p>»Und der Bach da?«</p> - -<p>»Mörderbach.«</p> - -<p>Nach der Einschicht fragte er nimmer, denn der -Bösewicht hätte gewiß geschrieen, sie heiße »Stichzu!« -und wäre mit einem langen Messer hergesprungen.</p> - -<p>Der Spucht kehrte sich um und stotterte ein -Schutzgebet: »Gott, steure mich ins Himmelreich!« -Die Zähne schepperten ihm, er meinte, jetzt pfeife -ihm eine Kugel in den Rücken. Er rannte, bis er -mit dem Bart in einer Dornstaude hängen blieb.</p> - -<p>Die Einöd ist des Menschen Feind. In der -Einöd ist alles zu fürchten.</p> - -<p>Dort steht ein Wald, brandig und dürr bis in -den letzten Wipfel hinauf, geisterhaft rieseln die roten -Nadeln nieder. Das Gespenst eines Holzknechtes, -den ein stürzender Baum erschlagen, erwürgt diesen -Wald.</p> - -<p>Dort ist ein Gehölz, und geht man nächtens dort, -da fragt vom Wipfel ein Unbekannter herunter: -»Wohin?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span></p> - -<p>Dort in der Schlucht ist ein Jäger für immer -verschollen. Oft schreit sein Geist drin auf.</p> - -<p>Der Spucht starb jede Nacht vor Furcht. Und -mancher Baum reckte ihm die festen Äste hin und -knarrte: »Häng dich auf, Spucht!«</p> - -<p>Von Heimweh getrieben, schlotterte er schließlich -gen Fuxloh.</p> - -<p>Die Bäume verdüsterten sich schon, als er durch -den Vogeltänd huschte. Es wurde wieder unheimlich. -Eine Unke läutete im Moor, sie rief wie eine -verlassene Wittib. Ein Dämmervogel strich. »Es -ist eine Schneiderseel,« flüsterte der Spucht und -bekreuzte sich.</p> - -<p>Mitten im zerfahrenen Hohlweg lauerte ein Mann -genau so wie der im Totenkopfwald am Mörderbach -bei der Einschicht Stichzu. Oder war es gar -ein Spießwächter? Wird er nicht jetzt wie ein -brennender Löwe herspringen, den Scheuchhund -neben sich?</p> - -<p>Alles war karthäuserisch still. Der Wind rührte -nur einen einzigen Ast, und der knarrte. Ein Klagweiblein -schwang sich in die Luft, flatterte und schrie.</p> - -<p>Der Spucht faßte Mut und schrie: »Ich schieß -dich nieder, Hund, daß du meckerst! Ich laß dir das -Messer hinein, daß es dir hinten wieder hinaus steht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span></p> - -<p>Der im Hohlweg aber lachte grausig.</p> - -<p>Da schrie der Spucht: »Bist du geheuer oder nit?«</p> - -<p>Der Dullhäubel stand wie der Teufel da. »Wo -nebelst du herum, Longinus? Zieht dich das Gewissen -her?«</p> - -<p>»Bauer, Gnad und Erbarmen! Verrat mich nit!« -flehte der Spucht.</p> - -<p>»Die Soldaten suchen dich, Longinus, zwölfhundert -Mann mit einer Kanon, der Feldmarschall -Laudon führt sie an. Der Kaiser darf sich den -Schimpf nit gefallen lassen.«</p> - -<p>»Ich renn über die bayrische Grenz,« stöhnte -der Spucht.</p> - -<p>»Dann wird ein Kriegsfall draus; der Laudon -verlangt, daß du ausgeliefert wirst.«</p> - -<p>»Mein Gott, soll unschuldiges Blut auch noch -rinnen! Und ich hab es ja nit bös gemeint. Was -soll ich tun? Bauer, sag mir einen Ausweg!«</p> - -<p>»Stell dich reumütig dem Richter!«</p> - -<p>Und der Dullhäubel stolperte davon und jodelte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich bin mit dem Kaiser<br /></span> -<span class="i0">von Östreich in Stritt,<br /></span> -<span class="i0">der Scherg will mich fangen,<br /></span> -<span class="i0">er hat mich noch nit.« –<br /></span> -</div></div> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span></p> - -<p>Frühtags stand der Spucht wie ein Schlottergeist -in der Amtsstube des Landschergen Anton -Zinkinker in Blaustauden.</p> - -<p>Der Scherge legte sich gerade in der Kammer -daneben das kaiserlich-königliche Gewand an. Inzwischen -schaute sich der Spucht in der Stube um.</p> - -<p>Verweisend blickte das Bild des Kaisers von -der Mauer herab, und darunter drohten ein Schleppsäbel -und eine Doppelflinte. Über dem Schreibtisch -in geschnitztem Rahmen hing ein Schriftstück, -darauf waren Gewehre und Säbel, gekreuzte -Pistolen und kriegerisch gefiederte Hüte aufgemalt, -und es flog den Spucht geradezu ein Frost an, -als er die blutgierigen Dinge so hart bei einander -sah. Und über all dem wilden Werkzeug stand geschrieben:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Belobungszeugniß -</p> - -<p>Uiber Antrag der k. k. Bezirkshauptmannschaft -Hirschenbrunn wird dem Landschergen Anton Zinkinker -für die mit unermüdlichem Eifer und besonderer -Ausdauer bewirkte Zustandebringung des flüchtigen -Dieben Franz Netachlo hiermit die belobende Anerkennung -ausgesprochen.</p></div> - -<p>Die Unterschrift war nicht zu lesen, aber so -dick und so groß durfte sich gewiß nur der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span> -unterschreiben. Der Spucht knickte zusammen, und -seine Schuld erschien ihm bodenlos.</p> - -<p>Der Landscherge trat herein. Er hatte denselben -Bart wie der Kaiser am Bild. Den Säbel -riß er von der Wand, gürtete ihn um und fuhr -den Spucht grob und kurz an: »Was wollen Sie?«</p> - -<p>»Die Waffen liefer ich aus,« stotterte der und -legte seine Pistole auf den Tisch. »Und ich bitt, -führen Sie mich vors Kriegsgericht. Sonst erdruckt -mich das Gewissen.«</p> - -<p>Der Anton Zinkinker rollte ihn an: »Was haben -Sie verbrochen?«</p> - -<p>»Ich bin der Longinus Spucht aus Fuxloh. -Ist denn in der Zeitung nix von mir gestanden? -Wegen der kaiserlichen Beleidigung?«</p> - -<p>»Ich weiß nix«, brummte der Scherge. »Wenn -Sie aber durchaus im Zuchthaus Spinnen und -Fliegen fangen wollen, so kommen Sie mit. -Ich hab sowieso in der Stadt zu tun. Reden -Sie dort mit dem Richter!«</p> - -<p>Er schulterte das Gewehr, auf seinem Hut nickte -der kriegerische Hahnenschwanz, und er ging stolz -und steif, die Brust heraus, und schaute nicht -rechts und nicht links. Neben ihm trippelte der<span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span> -Armesünder mit geknickten Knieen, als führe sein -Weg schnurstracks zum Galgen.</p> - -<p>Die Leute, die ihnen begegneten, freuten sich. -Sie sagten: »Es ist gut, daß sie den Raubmörder -einführen. An dem Bart sieht man es ihm an, -was er Blutiges imstand ist.« Oder: »Dem -Spucht hab ich es oft gesagt, daß wir uns im -Zuchthaus sehen werden. Ein verwogener Raufer -ist er gewesen, überall dabei.«</p> - -<p>Er nahm alles zerknirscht hin.</p> - -<p>In Hirschenbrunn rannten ihm die Kinder nach -und deuteten auf seinen wildmächtigen Bart.</p> - -<p>Als er ins Gerichtshaus trat, war ihm, er -müsse tot umfallen. Er sah sich noch einmal um -und wisperte: »Blaue Luft und grünes Gras, -behüt euch Gott! Berg und Wald und Hirsch -und Reh und Weib und Kind, ich seh euch nimmer. -Mein Lohn ist Pulver und Blei.«</p> - -<p>In einer Kanzlei empfing ihn ein alter Herr, -sein Bart war weiß wie Rauhfrost, doch die -Augen funkelten ihm scharf und jung.</p> - -<p>Er ließ ihn hart an: »Sie sind also der berüchtigte -Räuberhauptmann Spucht?«</p> - -<p>»Taglöhner und Holzhacker bin ich, sonst nix, -Euer Gnaden,« stammelte der Spucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span></p> - -<p>»Wieviel Menschen haben Sie ermordet?«</p> - -<p>»Keinen, um Gotteschristi willen, keinen!« schwur -er entsetzt.</p> - -<p>»Warum haben Sie den türkischen Kaiser beleidigt, -Sie Grobian? Hat er Ihnen etwas getan?«</p> - -<p>»Ei, gibt es einen zweiten Kaiser auch noch?« -Der Spucht ließ das Maul offen vor Verwunderung.</p> - -<p>»Weh Ihnen, wenn ich noch einmal etwas -Ähnliches von Ihnen erfahre! Dann kenn ich -keine Gnade mehr,« drohte der Richter. »Und -nun kehren Sie in den Schoß der Gemeinde -Fuxloh zurück! Vorerst aber lassen Sie sich vom -Balbierer nebenan auf meine Kosten den Bart -stutzen. Verstanden? Hinaus!!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"> -<p>Die Fuxloher wollten wallfahrten gehen.</p> -</div> - -<p>Sühnen wollten sie, daß einer von ihnen sich -an dem Heiligen vergriffen; sie wollten verhindern, -daß ob dieses Frevels der Himmel mit schwarzen -Wettern auf Saat und Frucht niederschlage, die -der verschollene Blaumantel nimmer schützte. Und -weil die Not kein Gesetz kennt, wollten sie an -überheiligem Ort bitten, daß der Erzschelm Kasper<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span> -Dullhäubel bald von der Erde weggeräumt und -der Hölle überliefert werde, die er sich reichlich -verdient hatte.</p> - -<p>Der Meßner Grazian wurde frühzeitlich von -dem Uhrgewicht geweckt, das von der Höhe herab -mählich auf seine Stirn gesunken war. Er lugte -zum Fenster hinaus, wie der Wind gehe und ob -kein gefährliches Gewölk hänge zwischen den Bergen -Rachel und Lusen. Doch stand der Himmel hell -gespannt über dem Land, und das Wetterglas -stieg. Da stiefelte er sich festlich, knüpfte sich ein -rotes Halstuch unter dem Adamsapfel, band grobes -Geld ins Schneuztuch und weckte den Brunnkressenhannes.</p> - -<p>Der Hannes blies gewaltig ins Kuhhorn, und -droben im Dachreiter des Glöckelbauern rührte -sich das Geläut. Jedes Gehöft sandte seine Leute -zur Wallfahrt aus; Alte und Kinder, die ansehnlichsten -und die mindesten Fuxloher kamen daher, -denn es gab schier keinen im Ort, dem der Dullhäubel -nicht einmal eine Schalkheit angetan hätte.</p> - -<p>Bald waren sie wegfertig.</p> - -<p>Vier schwangere Bäurinnen holten aus der -Kammer des Grazian eine geschnitzte heilige Walburga. -Der Igelbauer trug auf einer Stange den<span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span> -heiligen Kölbel, der die Wallfahrer schützt auf -ihrer staubigen Reise; der Brunnkressenhannes -schwenkte die Männerfahne, der Spucht lenkte die -Weiberfahne, und der Hahnenwirt ging mit dem -gekreuzigten Herrgott.</p> - -<p>Die Dirnen hatten die Zöpfe mit Myrten und -holden Zaunblumen geziert, und auch die uralte -Ulla ging mit, das silberne Haar hatte sie gelöst -und sie durfte es so tragen, weil sie eine Jungfrau -war.</p> - -<p>Sie trugen Zehrung in Zwilchsäcken mit und -in Bündeln, mancher hatte sich weislich mit einem -Regenschirm versehen.</p> - -<p>Als die Kreuzschar singend auszog, lag der -Dullhäubel auf einem Bühel. »Ich kann nit mitgehen,« -schrie er ihnen nach, »auf der Ferse wachst -mir ein Hühneraug, so groß wie eine wallische -Nuß.«</p> - -<p>Der Grazian schüttelte den Schirm. »Spott -zu! Du hast bald ausgespottet!«</p> - -<p>»Wie meinst du das, du Vaterunsermühl? -Willst du vielleicht gar bitten, daß ich bald hin -werd, du Weihbrunnkrug? Haltest du unsern Herrgott -für einen Schuft, der sich kaufen laßt, du<span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span> -augendreherischer Meßner? Geh zu und verricht -dein kniebeuglerisches Geschäft!«</p> - -<p>»Rennen wir, sonst wirft er uns ein paar unschöne -Wörter nach!« drängte der Hannes.</p> - -<p>Der Schelm am Bühel näselte, den Grazian nachahmend, -der eilenden Kreuzschar seinen Spott nach.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Die schönste Zeit ist eingetroffen,<br /></span> -<span class="i0">die Einkehrhäuser stehen offen,<br /></span> -<span class="i0">singt, Wallfahrer, sauft nur zu,<br /></span> -<span class="i0">schnürt euch die Schuh mit dem Strohhalm zu!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf wollte -gegen den Sänger losgehen, doch der Grazian -hielt ihn beim Rock. »Herr, vergib ihm!« seufzte -er mit dem Blick nach oben.</p> - -<p>Der Dullhäubel lachte und schalt: »Ihr Nothälse, -ihr habt alle nix, müßt euch die Schuh -mit Rotz schmieren! Ihr Zipfelhaubenbauern, ihr -Waldesel, stehlt euch nur wieder einen buchsbaumenen -Heiligen!«</p> - -<p>Knirschend zog die Kreuzschar davon. –</p> - -<p>Der schwänkische Mann schlenderte vergnügt -heim, weil er den Wallfahrern den rechten Segen -mit auf den Weg gegeben hatte.</p> - -<p>Aber als er zur Kapelle kam, war ihm, der -helle Donnerstrahl schlage vor ihm nieder: der<span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span> -Blaumantel stand wieder drin, mit hellen Farben -neu bemalt, den Kinnbart reichlich vermehrt und -verlängert, den Blick weit greller und stechender -als früher.</p> - -<p>»Der Teufel blendet mich!« krächzte der Dullhäubel.</p> - -<p>Doch der Teufel äffte ihn nicht, sondern munkelte -ihm ins Ohr. Da schaute der Schelm sich pfiffig -um, und als er nichts Lebendiges merkte als einen -Vogel, der auf einem Tannenspitz rastete, und -nichts hörte, als ein paar Dompfaffen und Teufelsmeßner -im Wald, nahm er den Heiligen beim -Genick und schleifte ihn auf heimlichem Steig zu -dem alten Backofen, dort schob er ihn hinein und -zündete ihm höllisch unter, und der Blaumantel -fing an zu prasseln und zu knallen und sang wie -die drei Jünglinge im Feuerofen.</p> - -<p>Mit leichtem Gewissen ging der Dullhäubel -zum »pfalzenden Hahn«.</p> - -<p>Wirt und Wirtin waren auf der Wallfahrt. -Das Dorf war wie ausgestorben, nur das Vieh -hörte man glöckeln auf den Hutweiden.</p> - -<p>Da stieg der Dullhäubel durchs Fenster in die -Stube, legte ein paar Guldenzettel auf den Tisch -und stach sich ein Faß an. »Jetzt, Seel, spring<span class="pagenum"><a id="Page_260">[260]</a></span> -aufs Geripp, sonst ersaufst du!« lachte er und -zechte gewaltig und ebenbürtig den Vorfahrern, -die im Jahr nur zwölfmal aus dem Wirtshaus -heimgekommen waren.</p> - -<p>Erst als das Abendglöckel läutete und der Fuchs -im Steinriegel den Hühnersegen betete, taumelte -er heim vom Leichentrunk des Blaumantels und -stieg, der Ogath nicht in die Hände zu fallen, -ganz sacht auf den Heuboden und wühlte sich dort -ein. –</p> - -<p>Der Spucht schwenkte die schleißige Fahne, darauf -die Notburg gemalt war, wie sie die Sichel -an den Lichtstrahl hängte.</p> - -<p>»Ewig leid ist mir um den Blaumantel,« seufzte -der Grazian, »der ist auch ein starker Himmelsfreund -gewesen, hat einen Nagel in den Nebel -geschlagen und die Stiefel dran gehängt.«</p> - -<p>Er lugte durch die messingenen Brillen, die er -aufgesetzt hatte, die Wallfahrt zu verschönern, ins -Gebetbuch; die Wangen glühten ihm, weil er sich -heute wichtiger wußte als die andern Fuxloher, -den Burgermeister mit einbegriffen, eine Litanei -nach der andern näselte er der Kreuzschar vor und -hörte nimmer auf. Er hatte sich gelobt, den Dullhäubel -tot zu wallfahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[261]</a></span></p> - -<p>Bergan ging es, alle stapften stumm, der Berg -nahm ihnen den Atem. Nur als sie zu einem -hochgelegenen, wenig ergiebigen Acker kamen, der -zum »pfalzenden Hahn« gehörte, da hielt der Wirt -das Kreuz, das er trug, darüber, schüttelte es -zornig und schrie: »Da schau dir ihn an, Herrgott! -Ist das ein Hafer?«</p> - -<p>Oben auf der Schneide, wo man den letzten -Blick über Fuxloh genießt, ehe es hinter Berg -und Baum versinkt, da kehrten die vier Weiber -mit der Walburga um, und der Grazian rief -seiner Schar zu: »Da schaut hin, da seht ihr -noch einmal euer liebes Vaterland!«</p> - -<p>Sie wallfahrteten von Staude zu Staude, talnieder -und bergauf durch den blauen Sommer, -wateten durch die seichten, felsklaren Bäche, die -krumm und weitläufig daher rannen, schritten über -wackelnde Stege und feste Brücken; übermütig -flatterten die Fahnen. Helle und dumpfe, reine -und krähende Stimmen sangen dem Vorsänger -die Weise nach und beteten aus morschen Büchern, -daß die Wälder erschollen, die Scheuern widerhallten -und die Dörfer, die sie durchwallten.</p> - -<p>Die Ulla, die ihr Lebtag noch nicht viel weiter -als über die Dachtropfen ihrer Hütte hinausgekommen<span class="pagenum"><a id="Page_262">[262]</a></span> -war, wunderte sich ein über das andere -Mal: »Leut und Kinder, ist die Welt aber groß! -Jetzt steht dort droben auch noch ein Haus!«</p> - -<p>Barfuß ging sie dahin, die Schuhe am Stecken -über die Achsel gehängt.</p> - -<p>Und der alte Didelmann hüpfte hin und wieder -behend in eine Einschicht, um sich den Ziegel -wärmen zu lassen, den er am Bauch trug.</p> - -<p>Wie an einem weißen Band waren die Dörfer -an der Straße aufgereiht, und wo die Kreuzschar -zog, schwangen sich die Glocken in den kropfigen -Türmen und schlanken Dachreitern, lenkten und -schwenkten und senkten der Brunnkreßner und der -Spucht die Fahnen, trug der Hahnenwirt den -Herrgott und der Igel seinen Stangenkölbel um -die Kirchen und traten singend hinein, dem heiligen -Wolfgangi und dem Isidori und dem Prokopi -einen kurzen Gruß zu bieten, und hernach wanderten -sie den Weg weiter, der hübsch krumm talein, -talaus sich schlängelte gen Maria-Dorn.</p> - -<p>Stauden grünten am Steig, es hingen rote -Blumen drin, der Tau flocht Rosenkränze, ein -zarter Wind rührte scheu an Korn und Wald, -Vögel schwätzten und wirbelten, der Specht, der -Holzknecht, hackte lustig den Tann an, und über<span class="pagenum"><a id="Page_263">[263]</a></span> -dem allen gewölbt hing der muttergottesblaue -Himmel.</p> - -<p>Bäche schossen daher aus Klüften und Gründen, -verborgene Mühlen murmelten in den Schluchten, -und vom Turm des heiligen Bartholomä, der -das dreieckige Fenster hatte, das die Kinder das -Auge Gottes hießen, von dem Turm rief neckisch -die Glocke immer wieder: »Klingeleisen, Bügeleisen!«</p> - -<p>An einer zerfallenen Burg wallten sie vorbei, -drin nach der Sage ein verwunschener Schnapphahn -geisterte. Die Buben riefen in den Keller -hinein: »Zinnspanner, komm heraus!« und huschten -wie gescheuchte Hirschlein davon.</p> - -<p>Mit leisem Schauder schritt die Schar an dem -Pesthügel vorbei. Und manch sonderbarer Heiliger -wartete am Weg und wollte lobsungen sein und -ein blaues oder buntes Kränzel empfangen. Die -Muttergottesfahrer kannten meist den Namen und -die Geschichte dieser Heiligen nicht, sie deuteten -und benannten sie aus ihrer Einfallt heraus, wie -sie es verstanden oder einmal hatten erzählen hören.</p> - -<p>Im Schatten seiner rostigen Strahlenscheibe -stand auf einem Bein ein solch namenloser Himmelsmann; -das andere Bein, das er an sich gezogen<span class="pagenum"><a id="Page_264">[264]</a></span> -hielt, mochte ihn schon schmerzen. Doch schnitt er -trotz seiner Marter ein vergnügliches Gesicht. -Dreißig Jahre soll er nicht gesessen noch gelegen -sein und habe mit dieser Peinigung das Himmelreich -an sich gerissen.</p> - -<p>»Nehmt euch ein Beispiel an ihm, Fuxloher!« -sagte der Grazian und versuchte ein wenig auf -einem seiner spandünnen Beine zu stehen. Und -alle drängten zu dem steinernen Weihbrunn hin -und besprengten sich eifrig.</p> - -<p>Vor dem Wermutdörflein – so hießen sie den -Ort, weil im Wiesental rings soviel Wermut blühte -– vor dem Dörflein stand das Hasenmarterl. -Darauf freuten sich die Kinder schon den ganzen -Weg, und die Mütter trösteten die müden Kleinen -damit.</p> - -<p>Der Grazian erzählte, ein Bauer habe einmal -Sonntags so hitzig einen Hasen gejagt, daß er die -Messe versäumte, und drum habe er zur Sühne -die winzige Kapelle gestiftet.</p> - -<p>Drin saß nun das heilige Kind mitten unter -tanzenden Hasen, und die Kreuzschar lachte hinein -und ergötzte sich an dem drolligen Tanz, und die -Kinder wollten schier nimmer weiter und wollten -immer wieder die Hasen sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_265">[265]</a></span></p> - -<p>Doch der Meßner drängte, und sie folgten ihm. -Er betete ein Gebet nach dem andern und rief -immer aus, wem es gelte. »Wollen wir ein Vaterunser -beten für unsere schwertragenden Weiber!« -forderte er, und sie beteten mit klaren und hohlen -Stimmen. Und weiter rief er: »Ein Vaterunser -für solche, die auf hohen Wassern fahren! Und -noch eins, daß Kraut und Hafer gedeihen in der -Gemeinde Fuxloh!«</p> - -<p>Hernach zog er einen pfiffigen Mund und sprach: -»Jetzt wollen wir ein Vaterunser aufopfern für -alle, die gern mitgegangen wären! – Und eins für -die, die nit haben mitgehen können! – Und eins -für die, die nit haben mitgehen wollen!«</p> - -<p>Er goß einen Schluck kornenen Branntwein in -sich, und da eben ein urwinziges, weißes Wölklein -aufstieg, rief er: »Jetzt wollen wir beten, daß wir -in einem trockenen Regen gehen!«</p> - -<p>Doch oft hob er stark und geheimnisvoll die -Stimme: »Aber jetzt beten wir recht inbrünstig und -herzhaft für den guten Ausgang einer gewissen Sache!« -Da sah er schon vor dem gesammelten Stoß der -Gebete den verruchten Dullhäubel hintaumeln auf -den Totenschragen und überliefert den gespreizten -Krallen der Hölle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_266">[266]</a></span></p> - -<p>Da setzte die Gemeinde gewaltig ein, und es -klang wie eine sonderbar wirre Orgel. Doch galt -alle Inbrunst dieses namenlosen Gebetes nicht dem -Tod des Schelmen, sondern jeglichem glühte ein -anderes Anliegen im Herzen.</p> - -<p>Der Brunnkressenhannes wünschte sich den Wurm -weg, der ihm im Finger tobte; der Didelmann -wollte sein inneres Leiden erleichtern, und die Glöckelbäurin -wollte ihren Zopf aufhängen am Arm der -Muttergottes, die Haare waren ihr ausgefallen in -schwerer Krankheit; der Lukas Schellnober trug -seinen Stockzahn gen Maria-Dorn, und die Mechel -wollte dort um einen Mann bitten, nur um keinen -rotköpfigen. Der eine wallfahrtete wegen des -Mausfraßes, der andere seinem kranken Roß, der -dritte seiner trächtigen Kuh zulieb. Die Ulla -schleppte ihr schweres Herz mit, das sie in verfluchtem -Hexentum verloren wähnte.</p> - -<p>Der Lippenlix ging auch mit, weil ihm der -Dullhäubel den Bart geschändet hatte. Er war -ein solcher Spielteufel, daß er selbst im Gehen -mit seinesgleichen Karten spielte, und nicht eher -ließ er davon ab, bis ihm der Lukas Schellnober -die Eichelsau aus der Hand schlug.</p> - -<p>Weiter ging es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[267]</a></span></p> - -<p>Sankt Peter, der Wettermacher, grüßte aus -seinem blauesten Fenster. Auf den Blockhalden -glühten schlanke Weidenröslein, Stauden einsiedelten -auf traulicher Heide, die Wiesen lagen rot und -weiß und gelb gesprenkelt, und ihre tausend Tauäuglein -glühten. Lerchenträchtig war der Himmel. -Hasen reckten die Löffel aus Klee und Ginster, -Spechte spähten, die Eichkatze staunte aus dem -föhrenen Wald, der Grill lauschte im Gras auf, -wenn die Bittfahrer vorübersangen. Bienen und -schöne goldige Fliegen sumsten heimlich die Marienweisen -mit.</p> - -<p>Gar als der Kuckuck vom Berg jauchzte, da -rief die Ulla, der sich die Welt auf einmal gar so -unheimlich weit auftat, freudvoll aus: »Der Fuxloher -Guckauf ist mit auf der Wallfahrt, ich kenn ihn -am Schrei!«</p> - -<p>An einem Hang voll gelber Rainblumen hoch -oben auf einer Säule stand ein Steinmann, mit -den Füßen mitten drin in einem Strahlenkranz. -Ihn hießen sie den heiligen Grobian, weil er der -Straße und ihren Wandersleuten den Rücken kehrte.</p> - -<p>»Das ist eine Wundersäule,« sagte der Grazian, -»sie dreht sich langsam.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[268]</a></span></p> - -<p>Der Didelmann, der der älteste Mann von -Fuxloh war, erzählte: »Vor fünfzig Jahren, ich -denk es noch, hat der heilige Grobian mit dem -Gesicht noch auf die Straße geschaut. Ganz langsam -dreht er sich, alle Jahr gibt es ihm einen -geringen Ruck. Merkt auf, Kinder, wenn ihr in -fünfzig Jahren wieder da vorüber geht!«</p> - -<p>Die Ulla aber redete: »Ihr sollt ihn nit den -Grobian schelten! Wer weiß, ob derselbige nit durch -sein Blut hat ins Himmelreich schwimmen müssen? -Wer weiß, ob die schlimmen Heiden ihn nit mit -Blei, Öl und Pech begossen haben?«</p> - -<p>Da graute allen, und sie knieten reuig vor dem -gescholtenen Heiligen hin. Nur der Brunnkressenhannes -nicht, denn seine Filzhosen waren so dick, -daß er drin die Kniee nicht biegen konnte.</p> - -<p>Der Spucht schneuzte sich gerührt in den Hut.</p> - -<p>Durch Drosselwälder und über Kuckucksberge -wallend, stießen sie auf eine abgebrannte Florianikapelle; -sie war nimmer aufgebaut worden, weil -man den heiligen Feuerherrn nicht mehr traute, -der das eigene Haus nicht beschützt hatte.</p> - -<p>Vor mancher Bildsäule warf sich die Kreuzschar -in die Kniee.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[269]</a></span></p> - -<p>Da war der selige Simandel. Der hieß so, -weil er gar erbärmlich geduckt stand, als fürchte -er eines scharfen Weibes Angriff. Vielleicht hatte -er in einem demütigen Ehestand die Marterpalme -errungen.</p> - -<p>Einmal führte der Grazian seine Herde zu einem -Felsen und zeigte ihnen darauf ein Loch, das hatte -der Bischof Wolfgang auf der Reise mit seinen -Füßen hinein getreten.</p> - -<p>Er wies ihnen einen hohlen Stein, der war -der Sessel der glorreichen Frau gewesen auf der -Flucht, bis sie ein Geißhirt davon vertrieb mit -rauhem Schelten und Geißelknall.</p> - -<p>Er führte sie zu einem wunderbar riechenden -Dornbusch. Dort hatte einst ein Bittfahrer ein -geweihtes Gottesbrot erbrochen, und an selbem -Fleck war hernach die Staude gewachsen. Jetzt -steckten die Fuxloher andächtig schnüffelnd die -Nasen darein, stumpfe und spitze, weiße, rote -und blaue.</p> - -<p>Einen Heiligen trafen sie, der rastete mit durchbohrtem -Leib mitten in hohen Disteln drin, verzückt -in sein Leid. Ein Stieglitz wiegte sich auf einem -der vielen Distelköpfe und letzte sich dran.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_270">[270]</a></span></p> - -<p>Die Kinder wollten wissen, warum der Marterer -den Spieß im Bauch habe; niemand konnte es -ihnen deuten.</p> - -<p>Ein Hirt lagerte unter einem nahen Haselnußbaum, -der rief: »Der Herrgott hat unserm Heiligen -zwei Zungen gegeben, daß er ihn besser loben kann.«</p> - -<p>Den Grazian verdroß die Prahlerei arg, und -er knurrte: »Unser Blaumantel hat drei Zungen -gehabt. Ich bin ein steifgläubiger Mann, aber -gegen unsern Heiligen gilt euer Distelbub einen -Pfifferling.«</p> - -<p>Der Hirt raffte sich neugierig auf. »So seid -ihr die Fuxloher, die die Heiligen stehlen? Bei euch -sollen ja mehr Spitzbuben als gestutzte Hund sein.«</p> - -<p>Das ergrimmte den Hahnenwirt, und er schlug -mit dem gekreuzigten Herrgott auf den Spötter -los, der aber wehrte sich verbissen mit seinem -krummen Stecken. Der Lukas Schellnober tat -schließlich die zwei auseinander.</p> - -<p>»Dazuland sind die Hirten grob, das ist wahr,« -schimpfte der Grazian, als sie schon weit von dem -Distelgarten waren. »Kein Wunder, wenn die -Muttergottes davon rennt! Setzt dem Teufel eine -Säul her!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[271]</a></span></p> - -<p>Mit hellen Augen sah die Ulla all die fremden -Kapellen und Bilder der Heiligen, die auch nach -dem Tod nicht ermüdeten, Wunder zu wirken, und -sie konnte sich vor lauter Ehrfurcht nicht genug tun, -und als vor einem jähen Straßenabsturz eine -Säule stand, die Fuhrleute zu erinnern, daß sie -hier den eisernen Schuh unter das Rad zwängen -sollten, da ließ sich das Weiblein es nicht nehmen, -sie kniete hin und betete gläubig hinauf zur -Gibachtsäule.</p> - -<p>»Heiliger Radschuh, das sollt der Dullhäubel -sehen!« lachte der rauhe Schmied.</p> - -<p>Unter einer breiten Linde, in deren Laub es -sommerlich summte, rastete die Schar.</p> - -<p>Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein -an den Baum und setzte sich auf eine -Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und -rote Strümpfe, er starrte auf die brennenden -Waden und dachte zurück an die wilden Nächte -am Lusen, während sein Weib am nahen Feld -viereckigen Klee suchte, daß sie Glück habe.</p> - -<p>Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten -Schmalz darauf oder häuteten eine Wurst. Die -Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar -an den Stauden zerrauft hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_272">[272]</a></span></p> - -<p>Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt -den fleischigen Boden davon ab und aß ihn. »Das -ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.</p> - -<p>Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der -Raststatt herum. Sie fing einen bunten Weinfalter, -der gar nicht scheu war und der Menschen Arglist -nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie -zupfte Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten -Kopf. Und als sie eine dichte Staude -auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz: -da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos -niedergesunken an der Geißelsäule, ein grauer Stein. -Und halblaut sang die Uralte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Unser Herrgott liegt im Moos<br /></span> -<span class="i0">gepeinigt und zerschunden,<br /></span> -<span class="i0">zählt die fünf bittern Wunden,<br /></span> -<span class="i0">und sein Schmerz ist groß.<br /></span> -<span class="i0">Kann nit sitzen, kann nit stehn,<br /></span> -<span class="i0">kann nit auf und weiter gehn,<br /></span> -<span class="i0">liegt in Dorn und Schleh,<br /></span> -<span class="i0">die fünf Wunden tun ihm weh.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen -und schlich weg. Sie verriet keinem den -heimlichen Herrgott.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_273">[273]</a></span></p> - -<p>»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir -müssen weiter.«</p> - -<p>Verschollene, bemooste Gebete klangen wieder, -oft ein Gemisch von Frömmigkeit und Unsinn, in -alten halbvergessenen Formeln, den Betern selber -unverständlich. Doch sie zerbrachen sich darüber -das Hirn nicht und glaubten, Gott werde es sich -schon auszudeutschen wissen. Wenn die Wellen -der Gebete gar zu hoch schwollen, da reckte der -Grazian den Finger auf: »Gebt nit alle Kraft her! -Spart sie der Maria auf im Dorn!«</p> - -<p>Sie traten aus dem Gebirg heraus in ein -freundliches Liebfrauenland voll sanfter Hügel, -deren einige grüne Wälderhauben aufhatten; gelbe -Felder wogten, Wiesenhalden lachten.</p> - -<p>Sie wanderten bald auf breiten, ebenen Straßen, -bald gingen sie eines hinter dem andern einen -dünnen Steig durch hohes Korn, sie verschwanden -drin, und nur die Fahnen ragten drüber hinaus -und kündeten von ihrer Wanderung.</p> - -<p>Ob des endlosen Getreides verzagten die Kinder, -sie fürchteten, das Kornweib greife aus den Halmen -und verschleppe sie in die knisternde Wildnis.</p> - -<p>Der Mittag flirrte über dem Land, immer glüher -ward die Sonne, immer müder die Kreuzschar.<span class="pagenum"><a id="Page_274">[274]</a></span> -Sie spannten die roten und grünen Schirme wider -das ungestüme Licht. Staub stieg. Die Kinder -trippelten an den Händen der Mütter, greinten -und weinten oder begehrten ungeduldig heim. -Viele ließen sich tragen.</p> - -<p>Der Didelmann seufzte: »Der Ziegel ist noch -hübsch warm, aber die Nägel hab ich mir von -den Zehen gerannt.«</p> - -<p>»Steinmüd bin ich,« klagte der Igel. »Der -Sommer haut heuer über die Schnur. Für den -Kornschnitt ist es recht.«</p> - -<p>»Der Weg wird sauer,« flüsterte der Grazian, -»aber nachlassen dürfen wir nit.«</p> - -<p>Der Burgermeister lugte auf die Sackuhr und -sagte: »Der Weg zieht sich, wir haben noch eine -harte Stund vor uns.«</p> - -<p>»Hör auf mit deiner Uhr,« neckte ihn der Sulpiz, -»sie geht nach dem Fuxloher Mondschein.«</p> - -<p>Und der Brunnkressenhannes seufzte: »Wenn -nur der afrikanische Wind nit wehen tät!«</p> - -<p>Glänzte irgendwo ein Wiesenbrunn auf, so -stürzten sie darüber her und tranken. An den -Bächen wuschen sie sich die staubigen Stirnen. -Erlöst atmeten sie, wenn ein Hain seine Kühle -über die Straße warf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[275]</a></span></p> - -<p>Einmal bildete sich der Grazian ein, er habe -sich die Füße ausgekegelt. Er legte sich ins Gras, -streckte die dünnen Beine in die Höhe und flehte: -»Spucht, zieh an, aus Leibeskräften zieh an!«</p> - -<p>Der Spucht ließ sich nicht bitten und rüttelte -ihm die Gliedmaßen.</p> - -<p>»Weh, du reißt mir den Fuß aus!« jammerte -der Meßner. Er sprang auf und hinkte weiter.</p> - -<p>Die Ulla aber hatte ihre Traurigkeit vergessen. -Sie hub ein helles Lied an, das sonst niemand -kannte, und drum blieb ihre spinnwebfeine Stimme -einsam. Vor den halbgeschlossenen Augen schaute -sie die heilige Frau, der ihr Kittel war aus -Sonnenschein, und gegürtet war sie mit dem -Regenbogen. Und die Ulla fügte lustige Triller -und jähe Jodler in ihre Weise, sie konnte nicht -anders als fröhlich singen, verstummt war die -Qual des Gewissens, und das Herz schlug ihr -hellauf vor glücklicher Erwartung.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wer hat denn nur das Lied erdacht?<br /></span> -<span class="i0">Droben aus der Höh<br /></span> -<span class="i0">es habens drei Engel vom Himmel gebracht.<br /></span> -<span class="i0">Mariafrau, juchhe!«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Hört der Ulla zu!« brummte der Schmied.<span class="pagenum"><a id="Page_276">[276]</a></span> -»Ja, wenn die alten Weiber tanzen, hernach fliegt -der Staub hoch.«</p> - -<p>Sie trabten eine kühle Waldstraße hin. Örterweise -warteten Kapellen, drin des gebundenen -Heilands Leidensrast und Weg zur Schädelstätte -gar wild und lebendig abgebildet war.</p> - -<p>Die Sonne ermüdete und senkte sich aus der -Höhe.</p> - -<p>»Leut, verzagt nit!« feuerte der Grazian seine -Schar an. »Wir haben nimmer weit zum goldenen -Haus.«</p> - -<p>Er fing eine Litanei an und betete sie genau -mit derselben singenden und nachhallenden Stimme -wie sein verstorbener Pfarrer Sebastian Knaupler, -so daß mancher erschrocken auffuhr und meinte, -den Verewigten selber zu hören.</p> - -<p>Der Meßner betete vor: »Von der heimlichen -Nachstellung des bösen Feindes –.«</p> - -<p>Die Kreuzschar fiel ein: »Erlöse uns, o Herr!«</p> - -<p>»Von Pestilenz und Krankheit –.«</p> - -<p>»Erlöse uns, o Herr!«</p> - -<p>»Von Blitz und Ungewitter –.«</p> - -<p>»Erlöse uns, o Herr!«</p> - -<p>»Von den bösen Werken und Anschlägen des -Kasper Dullhäubel –.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_277">[277]</a></span></p> - -<p>Da jauchzte die Ulla auf und deutete.</p> - -<p>Über den Wald stiegen die Turmspitzen der -Muttergottes, die in den Dornstauden gefunden -worden war, und funkelten mit blanken Knöpfen, -und die Bittfahrer jubelten, und der Meßner -schwenkte den Gupfhut.</p> - -<p>»Die Turmknöpf sind großmächtig,« sagte der -Hahnenwirt, »ein jeder faßt einen ganzen Eimer -Wein. Und das Uhrgewicht im Turm ist ein versteinerter -Laib Brot.«</p> - -<p>Aus hohem Kreisfenster lugten die Glöcknerbuben, -und schon läutete eine Glocke voll und -schwer und himmlisch aus dem Getürm, es war -ein Klang, als grüße die Herrgottin selber mit -goldener Troststimme das Häuflein, das mit irdisch -kläglichem Anliegen zu ihr kam, zur Muttergottes, -die alle Gebresten wandelt in eitel Gesundheit, -alle Schwäche verkehrt in blanke Kraft, alle Verzagtheit -und Angst stillt, zur gewaltigen Frau, -aus deren Schoß das Heil in die Welt gedrungen.</p> - -<p>Andere Glocken gesellten sich der goldenen Hochfrauenstimme, -und ein Glöckel war darunter aus -lauterem Silber, vor vielen Jahren hatten es die -Fuxloher gestiftet, aus den silbernen Knöpfen der -Bauern war es gegossen, und die Burgermeisterin<span class="pagenum"><a id="Page_278">[278]</a></span> -selber hatte eine Schürze voll Laubtaler in die -kochende Glockenspeise geschüttet. Nun klang das -Glöckel lieb und herzlich, als sänge eine junge Bauerndirne, -und als wüßte es, wer jetzt zu Besuch käme.</p> - -<p>»Die Fuxloherin läutet,« freuten sich alle, das -Wasser zitterte ihnen in den Augen ob der Heimatstimme, -die rosenkranzumstrickten Hände hoben sich.</p> - -<p>Der Wald tat sich auf: da lag die Gnadenstätte -vor ihnen, hoch und mächtig.</p> - -<p>Ein Rausch ergriff die Kreuzschar, die Fahnen -bauschten sich, die Quasten baumelten.</p> - -<p>Der Ulla war, jetzt müßten die Heiligen in der -Kirche von den Simsen springen und ihnen entgegengehen, -und sie selber trat einher gleich einer Hochzeiterin, -das aufgelöste, bekränzte Haar wehte ihr wie ein -silberner Schleier, ihre Augen waren heiß und selig -aufgetan. Da schauten alle Wallfahrer die Ulla -an und wurden von dunkler Ehrfurcht bewegt.</p> - -<p>Dann wurden die Fahnen geschwenkt und geneigt, -Gesang stieg aus dem Wegstaub, die zarten -und die groben Stimmen griffen ineinander.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Über Berg und über Tal<br /></span> -<span class="i0">und mit freudenreichem Schall,<br /></span> -<span class="i0">über Wald und grüne Au<br /></span> -<span class="i0">reisen wir zur Lieben Frau.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_279">[279]</a></span></p> -<p class="noind">Immer brünstiger, gläubiger, wilder sangen sie, -vergessen war der müde Leib, die Herzen schlugen, -die Stirnen brannten, die Kinder taten die Augen -wundergroß auf.</p> - -<p>Funkelnd trat der Pfarrherr aus dem Tor, die -Sonne gleißte in der erhobenen Monstranz. Die -Altarbuben schwangen die Schellen.</p> - -<p>Alles warf sich vor der Blendnis nieder, schüttete -sich hin vor dem Segen, der sie grüßte, jeder -schlug an die Brust und wagte vor Unwürdigkeit -nicht, seinen Gott zu schauen, der aus der Monstranz -glühte.</p> - -<p>Die Kirche empfing sie mit feierlicher Kühle.</p> - -<p>Die Orgel donnerte. Weiße Säulen, wie -Schlangen gewunden, trugen den Hochaltar, und -dort, umflattert von blauem Weihrauch, umkränzt -mit schimmernden Heiligen, herrschte Maria, die -Fürbitterin, die erste Frau im Himmel und auf -Erden. Perlenstarrend, in gelben Locken, mit -goldnen Ketten behangen, im Arm das Krönleinkind, -erwartete sie die Menschen. Ihres blauen -Sternenkleides Falten flossen hin wie ein geackertes -Feld. Engel hielten eine Krone über sie. Große, -gewundene Wachskerzen flackerten, und hoch droben<span class="pagenum"><a id="Page_280">[280]</a></span> -glitzerte das gestirnte Gewölb tausendmal schöner -als der Himmel der Nacht.</p> - -<p>Gestalten in verzückten Gebärden leuchteten an -der Wand, ganze Kitten himmlischen Geflügels -gaukelten wie Falter im Himmelsgarten. Kanzel, -Altar, Rahmen, Leuchter, Lampen, alles funkelte, -wie es sich für das Schloß der Königin ziemt, die -die höllische Schlange überwunden und unter ihre -Ferse gebracht hat. Rings lehnten Krücken und -Stecken, die die Geheilten abgelegt hatten, die vormals -so erbärmlich lahm gewesen, daß sie hatten -weder kriechen noch gehen können. Eine wächserne -Zunge hing dort, von einer Frau gestiftet, der die -Zunge ans Zahnfleisch gewachsen war und sich -hernach gelöst hatte. Auf Tafeln und Widmungen -war geschrieben und gemalt, wie die göttliche Dornstaudnerin -den Stummen die Rede geschenkt und -den Rasenden die Vernunft, wie dem Blinden der -Schein, dem Tauben das Ohr offen wurde, wie -Geschwulst und Rotlauf vergingen, Wunden sich -schlossen, Menschen wunderbar errettet wurden aus -wilder Gefahr.</p> - -<p>Die Fuxloher bestaunten alles, nickten der Göttlichen -zu und warfen ihr kupfernes Geld in den -Opferstock.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_281">[281]</a></span></p> - -<p>Die Kerzen knisterten am Altar, die Ulla starrte -darein und staunte: »Reiche Welt!« Sie sah die -Perlen glühen an der Gnadenfrau, Perlen größer -als die Haselnüsse am Vogeltänd, hellblaue, pechschwarze, -veilchenfarbne Perlen. Alles gloste von -Gold und Silber und wunderschönem Glas.</p> - -<p>Doch der flimmernde Muttergottestand ängstigte -die Alte, sie wagte kaum den hochlobpreislichen -Namen zu wispeln, und hätte doch gar zu gern -ihren weißen Kopf gelegt in Marias Schoß. Die -droben am Altar war ihr zu stolz und zu reich. -»Sie wird die armen Leut nit kennen wollen,« -seufzte die Ulla.</p> - -<p>Jetzt reckte der Grazian den Hals und flüsterte -eindringlich: »Leut, es ist an der Zeit, vergeßt nit, -warum wir den weiten Weg gangen sind! Sagt -es fein der Dornstaudnerin, warum wir heut ihren -Freund, den Blaumantel, nit mittragen!«</p> - -<p>Da murrte die Schar ein dumpfes, hartes -Gebet wider den Erzschelmen und Landschaden -Kasper Dullhäubel.</p> - -<p>Die Ulla aber stahl sich mit bekümmertem Blick -hinaus aus dem Glanz und irrte traurig und -verlassen um die Kirche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_282">[282]</a></span></p> - -<p>Da fand sie eine Kapelle, drin raunte und -sprudelte es traulich, und über dem rinnenden -Brunnen war die Gottesmutter auf ein Brett -gemalt, die lächelte lieb und grüßte mit den schlichten -Augen das Weib; auf dem Schoß zappelte ihr -das Kind, es tappte gerad nach einem Gimpel, -und der Vogel drehte den Kopf und biß den -Buben in den Finger.</p> - -<p>»Ei, da ist fröhlich hausen,« dachte die Ulla und -kniete mit müden Knieen auf die Betstaffel hin -vor das Bild und schaute sehnlich empor. Sie, -die heimatlos war wie ein Fläumlein in den -Lüften, das nicht fallen kann und nimmer steigen, -hier fühlte sie sich daheim.</p> - -<p>Sie ließ den bunten Weinfalter frei, den sie -gefangen hatte. »Marienkind,« schmeichelte sie -scheu zu dem jungen Herrgott hinauf, »dir bring -ich ein schönes, ein wunderschönes Sommervöglein.«</p> - -<p>Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll -Sünden wähnte, und sie betete still: »Maria, lichter -als die Lilien hinterm Zaun, roter als die Nelken -am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als -Sandkörner liegen auf den Straßen, als Laub -wachst am Wald, als Sterne scheinen vom Himmelreich. -Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die<span class="pagenum"><a id="Page_283">[283]</a></span> -andere gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau -ich, Maria. Durch deinen keuschen Namen bitt -ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«</p> - -<p>Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten -Heilbrunn. Da beugte sich die Ulla drüber und -schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin -sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, -daß ihr wunderfriedsam unter dem gespiegelten -Blick wurde, und sie wußte, daß es keine Hexenaugen -waren.</p> - -<p>Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. -Der Marienbrunn sang vertraut, und draußen im -Laub meldete sich ein Rotkröpfel.</p> - -<p>Hier war gut sein.</p> - -<p>Weit weg von der Welt kniete die Ulla und -betete herzlich für Tote und Lebende, für alle, die -sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie -wünschten sich herzlich wieder in die kleine Heimat -zurück aus der Welt, die sie sich so weit und so -breit gar nicht gedacht hatten.</p> - -<p>Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und -Litanei und ergötzten sich an den geweihten Andenken,<span class="pagenum"><a id="Page_284">[284]</a></span> -die sie mit trugen, meist Bildern des -Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. -Den Kindern hatte man auf dem Schleckmarkt -etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht hatte eine -wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian -gar einen gläsernen heiligen Geist, und er trug -die Taube in der spiegelnden Kugel zaghaft an -einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am -Weg aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. -Wenn sie rasteten, hängte er sein gläsernes Glück -an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein -schaukeln und im Licht glitzern.</p> - -<p>Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der -Herrgottin heimkehrten in das dürftige Dorf, allen -war, sie hätten als Gottes Gäste ein himmlisches -Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die -hohe Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem -wundergläsernen Teller in den himmlischen Saal -tragen werde.</p> - -<p>Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich -leicht und über Erde und Leben erhoben wie die -weißen Wolken droben.</p> - -<p>Der Schmied rief ihr zu: »Heut lachst du daher, -Ulla, als ob du statt von der Muttergottes -vom Altweibermüllner kämst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_285">[285]</a></span></p> - -<p>»Einmal werd ich wieder jung,« antwortete sie. -»Im Himmel sind wir alle gleich alt, dreiunddreißig -Jahr, wie der Herrgott beim Sterben.«</p> - -<p>»Wer hat dir das erzählt?« zweifelte der Schmied. -»Ist einer von Jenseits die Leiter wieder herab -gestiegen?«</p> - -<p>Sie schüttelte ernst den Kopf. »Es darf keiner -zurück, daß nix ausgeredet wird von oben. Es muß -geheim bleiben.«</p> - -<p>Der Grazian seufzte: »Es muß ein harter Weg -sein – dorthin.«</p> - -<p>Je näher sie gen Fuxloh kamen, desto eifriger -betete der Meßner. Allweil wieder rief er aus: -»Gott, schenk uns einen feuchten, warmen Regen -über Schlösselwald, Hundshaberstift und Leimgrub!« -In diesen Orten hatte er seine Töchter verheiratet.</p> - -<p>Als die Kreuzschar auf der Bergschneide hielt, -von wo der Blick wieder auf Fuxloh fiel, rief der -Grazian: »Leut, kniet euch nieder, da seht ihr -euer Vaterland wieder!«</p> - -<p>Der Fleischhacker Luitel rannte ihnen entgegen. -»Männer, schwingt den Hut in die Höh,« keuchte -er, »der Dullhäubel ist gestorben.«</p> - -<p>Da fuhr es den Kirchfahrern kalt durchs Hirn -und eisig durch den ganzen Leib, und das Gewissen<span class="pagenum"><a id="Page_286">[286]</a></span> -bäumte sich ihnen auf, weil ihre Bittfahrt -so jähe Frucht gezeitigt hatte. Aber sie faßten sich -bald wieder.</p> - -<p>»Der Herrgott hat diesmal leicht begriffen,« -lachte der Wirt, »wir haben ihm es auch deutlich -genug gesagt. Gelobt seist du, Maria!«</p> - -<p>»Er hat es verrichtet, der Dullhäubel,« seufzte -die Iglin. »Hoffentlich ist er christlich entschlafen.«</p> - -<p>Dem Meßner Grazian erschlaffte im ersten -Freudenschreck die Hand, das gläserne Gut entfiel -ihm und zersplitterte. Da rief er kläglich: »Jetzt -hab ich den heiligen Geist den weiten Weg hergetragen -wie ein krankes Kind, und jetzt ist er -beim Teufel!«</p> - -<p>Das Dorfglöckel läutete der Schar entgegen. -Kinder kamen und erzählten von dem Leichnam -des Dullhäubel.</p> - -<p>»Ganz schwarz ist er im Gesicht,« sagten sie.</p> - -<p>Der Grazian runzelte nachdenklich das Hirn. -»O weh, das ist ein übles Vorzeichen! Ohne Weih -und Segen, ohne Pfarrer und Meßner werden -wir ihn begraben müssen. Lasset uns beten für -die arme Seel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_287">[287]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Ogath hatte den halben Tag über ihren -Bauer gesucht und nirgends gefunden, schließlich -stieg sie in schwerer Ahnung auf den Heuboden -hinauf, dort griff sie blindlings ins Heu und spürte -ein eiskaltes Knie.</p> - -<p>Mit einem einzigen Sprung war sie wieder -drunten auf der Tenne.</p> - -<p>Sie schrie den Kindern: »Am Heuboden liegt -er. Der Schlag hat ihn getroffen, er ist ein vollblütiger -Mann gewesen. Die Leich ist schon kalt.«</p> - -<p>»Jesmaria,« plärrte die Wabel, »jetzt ist er gestorben -und hat heut noch das Gesott<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">1</a> nit geschnitten!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">1</span></a> Häcksel.</p></div> -</div> - -<p>Die Töchter flogen zu den Nachbarn und Befreundeten -in die Dörfer und zum Pfarrer, die Leiche -anzusagen. Die Bäurin selber fuhr mit dem Schubkarren -zum Tischler, der Totentruhen vorrätig hatte.</p> - -<p>Sie begegnete den Wallfahrern. »Der Bauer -hat verlebt,« meldete sie, »übermorgen ist das Begräbnis.«</p> - -<p>Als sie abends mit der Truhe heimkam, saß -der Dullhäubel vorm Haus, kerngesund, die Wangen -blührot, und schnupfte.</p> - -<p>»Um Gottes willen, du lebst schon wieder?« -stammelte sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_288">[288]</a></span></p> - -<p>»Ich bin kreuzwohlauf,« grinste er. »Du hast -dich gefleißt mit der Truhe. Hast du auch um den -Pfarrer geschickt, daß er mir lateinisch und schlapperteinisch -redet und seine Blimblamblorium macht?«</p> - -<p>»Aber du bist ja schon kalt gewesen, wie ich dich -beim Knie erwischt hab?!«</p> - -<p>Er nickte tiefsinnig. »Eine hirschlederne Hose -greift sich halt allweil kalt an,« sagte er.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Weil der Dullhäubel den Seinen verboten hatte, -die Leiche abzusagen, so wußten nur wenige, daß -er noch lebte. Die Leute, die nun zu des Bauers -Begräbnis angewandert kamen, lächelten säuerlich, -als er selber sie treuherzig begrüßte und ihnen ein -Schnüpflein antrug.</p> - -<p>»Die Bosheit wuchert weiter, und die Gerechtigkeit -ist übers Meer gefahren,« verzweifelte der -Grazian.</p> - -<p>Hernach saßen alle im »pfalzenden Hahn,« und -weil sich dort gerade auch drei böhmische, drei -österreichische und drei bayrische Musikanten zusammen -fanden, ging es bald hoch her, und -man söhnte sich leichter mit dem verhinderten Begräbnis -aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[289]</a></span></p> - -<p>Lange betrachtete der Dullhäubel seine Totentruhe. -»Zweispännig wär sie mir lieber,« meinte -er, »daß eine saubere Dirn mit mir drin übernachten -könnt.«</p> - -<p>Er nutzte die Truhe ans, indem er Schloß und -Band dran nageln ließ und sich drin Selchfleisch -und manchen Leckerbissen versperrte, den er vor -seiner genäschigen Sippe nicht sicher wußte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Dullhäubel kam zu Glück und hohen Jahren.</p> - -<p>Seine Töchter misteten den Stall, schnitten das -Gesott, rechelten die Streu, striegelten die Ochsen, -ackerten, säten, ernteten, droschen. Er tat nichts.</p> - -<p>Die Wabel, die Reigel, die Rosel, die Portiunkel, -die Stasel, die Kathel und die Liesel verheiratete -er Bauern, die Glöckelstühle auf dem Dach hatten.</p> - -<p>Er ließ sich sein schelmisches Wesen nicht verkümmern, -auch dann nicht, als er der Burgermeister -von Fuxloh wurde, und die Leute starben nicht -aus, die ihm den Galgen auf den Hals wünschten.</p> - -<p>Einmal nach der Kirchweih, als er sich weidlich angegessen -hatte, setzte er sich vors Haus, nahm das -Rubinglas und schlug sich eine erkleckliche Menge -Tabak auf die Hand. Zuerst füllte er sich in behaglicher<span class="pagenum"><a id="Page_290">[290]</a></span> -Andacht das rechte Nasenloch, und als er -das andere befriedigen wollte und dabei schon das -linke Auge wollüstig zudrückte, fiel ihm der Tod -sanft in den Arm. Die Hand sank still, ungenützt -flatterte das braune Häuflein herab auf die hirschledernen -Hosen. Der Kasper Dullhäubel war -nimmer.</p> - -<p>»Jetzt hat er den schönsten Tod auch noch, der -Lump, der das Eingraben nit wert ist!« schalt -der Meßner.</p> - -<p>»Ja ja, so geht einer nach dem andern dahin,« -sagte der Schmied und ließ einen groben Wind -streichen.</p> - -<p>Nur wenige gingen mit bedächtigem Bauernschritt -hinter dem Sarg her; viele waren daheim -geblieben, sie meinten, der Schelm sei unsterblich -und könne nicht begraben werden.</p> - -<p>Der Filzhut des Ähnels und das Rubinglas -wurden ihm mitgegeben, das hatte er sich ausbedungen.</p> - -<p>Als die Leiche in die Grube gelassen wurde, -riß der Strick, die Truhe polterte hinunter und -brach auf, und der Dullhäubel schaute noch einmal -fröhlich die heulende Schar der Hinterlassenen an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_291">[291]</a></span></p> - -<p>»Schaufelt zu, schaufelt zu!« schrie der Grazian. -Und alle, wie sie ums Grab standen, warfen schnell -mit Händen und Füßen Erde hinab, daß der Erzschelm -nicht noch einmal an den Tag käme. –</p> - -<p>Als der Grazian an dem nämlichen Abend am -Dullhäubelhof vorüber ging, tat er einen harten -Schrei. Er behauptete, der Verstorbene habe aus -dem Dachfenster die Zunge auf ihn gereckt. Da -zündete die Ogath eine Laterne an und durchsuchte -alle Winkel des Bodens. »Dem schwänkischen -Mann trau ich alles zu,« meinte sie.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Dullhäubel fuhr schnurgerade zum Himmelstor -auf.</p> - -<p>Der heilige Peter stand davor, am Gürtel die -beinernen Schlüssel, und schrieb mit einer hohen -Pfaufeder in einem Buch. Als er den Schelm -mit dem breiten Filzhut durchs Gewölk daher waten -sah, hakte er das silberne Schloß des Buches zu -und fragte: »Wer bist du? Gib Auskunft!«</p> - -<p>»Der Dullhäubel bin ich, Bauer aus Fuxloh«, -antwortete der Himmelfahrer. »Gelobt sei Jesus -Christus!«</p> - -<p>»Dein Nam ist mir verdächtig. Reck her deine -Seel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[292]</a></span></p> - -<p>»Da wird halt der Blaumantel seine Sach fürgebracht -haben. Es ist ihm aber nit alles zu glauben, -dem Bruder, dem scheinheiligen.«</p> - -<p>»Schilt nit!« brummte der Peter. »Und einen -Blaumantel gibt es bei uns nit.«</p> - -<p>»Es muß einer da sein,« bestand der Dullhäubel. -»Schau nur gleich nach in dem dicken Buch!«</p> - -<p>Der Torwärtel raunzte: »Es ist ja möglich, daß -früher einmal einer da heroben gewesen ist, der -sich so geschrieben hat. Vielleicht ist er hinuntergefallen. -Ich müßt den Herrgott fragen, der hat -ein scharfes Gedächtnis.«</p> - -<p>Jetzt zog der Dullhäubel aus der hinteren -Schößeltasche seine Seele heraus, blies ein Stäublein -Tabak davon weg und zeigte sie ängstlich vor.</p> - -<p>Der Heilige rückte die Brille, schnüffelte an der -Seele und krauste die Stirn. »Mein Lieber, du -hast dich ganz und gar verirrt. Du gehörst wo -anders hin. Schab deinen Weg!«</p> - -<p>Dem Dullhäubel stand der Schopf geberg. An -des Kapuziners Cochem abscheuliches Bilderbuch -erinnerte er sich, an den höllischen Ofen, wo die -Zerknirschten heulten und Pech spieen und ihnen -der siedende Geifer aus den Lefzen spritzte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_293">[293]</a></span></p> - -<p>Der himmlische Torwärtel tat eine Falltür auf, -da ging der Höllensteig hinunter hundert Klafter -tief, und des Dullhäubels Vorväter saßen ohne -Ausnahme tief drunten auf einer glühenden Bank, -den Hosenlatz hinten abgeknöpft, mit nacktem Sitz -nach altem Erdenbrauch, und der Schwefel, den -sie saufen mußten, rauchte ihnen greulich wieder -aus der Nase heraus. Der Teufel kletterte eine -brennende Leiter herauf und bellte: »Wau, wau!«</p> - -<p>»Mach die schwarze Tür zu, Peter!« hüstelte der Dullhäubel, -der höllische Schwefel kitzelte ihn in der Nase.</p> - -<p>Doch der heilige Mann antwortete: »Bind dir -die Seel fest ins Schneuztuch und steig hinunter! -Sie warten schon.«</p> - -<p>Dem armen Schelm ward blau und grün vor -den Augen. Aber er gab das Spiel nicht verloren. -Das Rubinglas nahm er herfür. »Da schnupf, -Peter, daß du einen andern Sinn kriegst!«</p> - -<p>Der Torwärtel liebäugelte mit dem Glas. »Der -Tabak tät mir wohl. Da heroben wird keiner -verschleißt, und wenn nix zu schnupfen ist, so ist -das eine kleine Krankheit.«</p> - -<p>»Du solltest mich doch in den Himmel lassen, -nur ein Vaterunser lang,« begehrte der Dullhäubel. -»Vor dem Blaumantel will ich einen Fußfall tun.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[294]</a></span></p> - -<p>Der heilige Peter nahm sich seine mannbare -Nase voll. »Wundersam schmeckt der Tabak, der -fehlt mir noch zur Seligkeit. Ich hab ihn mein -Lebtag gern gehabt. Hau mir noch einen her auf -die Hand! Anlehnen muß man sich schier, wenn -man den da schnupft, sonst reißt er einen um.« -Er blinzelte schalkhaft. »Was für ein Tabak ist -es denn? Ein königlich bayrischer? Ein gepaschter, -he?«</p> - -<p>»Nur hineinschauen laß mich ins Paradeis, -Schlüsselmann!« bettelte der Dullhäubel.</p> - -<p>Den Heiligen hatte der brasilische Tabak ganz -verwirrt, die Augen glosten ihm, und er tat das -Tor auf.</p> - -<p>Jetzt stand der Dullhäubel im himmlischen Glanz.</p> - -<p>Da saßen alle die heiligen Bauernfreunde beisammen, -der Wendel, der Liendel, der Isidor und -der Steffel, und dengelten silberne Sensen, daß es -wie ein vierfaches Glöckelspiel lieblich anzuhören -war, und die Magd Notburga jätete in einem -Krautgärtlein. Der Märtel und der Jörg ritten -auf Milchschimmeln, die fraßen an dem fetten -Wasen, der auf den Wolken wuchs. Andere Heilige -stolzierten in seidenen Meßgewändern mit hohen -Krummstäben auf der Sternstraße auf und ab, ein<span class="pagenum"><a id="Page_295">[295]</a></span> -nackter Martersmann, dem silberne Pfeile in Stirn -und Brust und Knie staken, <span id="corr295">lustwandelte</span> lachend unter -ihnen. Alle waren bloßköpfig, nur der heilige Rochus -und der Dullhäubel nicht, die hatten den Hut auf.</p> - -<p>Engel rauschten mit schneeweißen Flügeln. Die -himmlische Regenbogenfrau schaffte am Spinnrad, -einen goldgrünen Käfer im Gefältel ihres Kittels, -und daneben spielte das Herrgottsbüblein Ball -mit dem Weltapfel.</p> - -<p>Der Himmelsgarten war umzäunt, auf jedem -Zaunstecken saß und sang ein bunter Vogel, und -das waren lauter selige Seelen.</p> - -<p>In der Mitte aber in wunderbarem, hohem -Betstuhl saß Gottvater selber, in seinem Mantel -war mit Perlen und Kleinoden der ganze Sternhimmel -gestickt, auf seiner Brust zückte die Sonne -ihre Strahlen.</p> - -<p>Der Dullhäubel senkte die Augen, daß er nicht -erblinde, und schaute sich auf den Fuß.</p> - -<p>Über dem Herrgott war ein goldener Taubenkobel, -der heilige Geist umflog ihn und gurrte -wild herab.</p> - -<p>»Ei tausend,« staunte der Herrgott, »da kommt -ja der Dullhäubel daher aus meinem guten Dorf -Fuxloh! Was begehrst denn du da heroben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_296">[296]</a></span></p> - -<p>Jetzt nahm der Schelm den Hut ab und -stammelte: »Den Herrn Blaumantel such ich. Er -soll sich auch Aurazian schreiben. Ich will ihn -abbitten – zu wegen meiner Schlechtigkeit.«</p> - -<p>Der Herrgott sann nach. »Ich weiß alles. Aber -einen Aurazian Blaumantel kenn ich im Himmel -nit. Das ist ein Irrtum.«</p> - -<p>»Alsdann, Eure Heiligkeit – –.« Der Dullhäubel -stockte, er wußte nicht, wie er den Herrn -hätte richtig anreden sollen.</p> - -<p>»Nenn mich nur Herr Gott!« meinte der Himmelvater. -»Du bist dein Lebtag mit mir auf du und -du gewesen (wenn du auch recht sparsam mit mir -geplaudert hast), drum sag mir jetzt auch du!«</p> - -<p>»Alsdann, wenn es keinen Blaumantel da heroben -nit gibt, dann ist meine Schuld weitaus geringer,« -seufzte der Dullhäubel auf.</p> - -<p>»Und was begehrst du noch? Und was schaust -du allweil auf deinen Fuß?«</p> - -<p>»Er möcht halt auch selig werden,« sagte halblaut -der heilige Peter.</p> - -<p>Der Herrgott fuhr aus dem Betstuhl auf. -»Was?! Der Spitzbub?!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_297">[297]</a></span></p> - -<p>Doch das himmlische Fräulein am Spinnrocken -faltete die Hände. »Geh, lieber Gott, verstoß ihn -nit! Laß ihn abwiegen!«</p> - -<p>Da schmunzelte der Gottvater, daß ihm der -breite Bart auseinander ging, und winkte mit -der Hand.</p> - -<p>Den Kometen wie eine Straußfeder am Hut, -sprang der Riese Michel zur Tür herein, er trug -eine großmächtige Wage. Den Bauer lüpfte er -beim Kragen und setzte ihn in die eine Wagschale, -in die andere legte er große Steine und Gewichte, -das waren die Sünden und Schalksstreiche des -Dullhäubel, und darunter war auch der Mühlstein -vor der Mußmühle.</p> - -<p>Jetzt hob der Engel Michel die Wage. Die -Schale mit dem Sünder schnellte hoch empor, -und der Dullhäubel verzweifelte an seiner Seligkeit, -zumal da sich an die andere Schale noch der -Teufel mit kohlrackerschwarzen Rabenflügeln und -einem langen, rauhen Schwanz gekrallt hielt.</p> - -<p>»O weh, o weh,« winselte der Sünder, »jetzt -muß ich in der Höll knirschen auf ewig.«</p> - -<p>Aber auf einmal senkte sich die Schale, drin er -hockte, langsam und stetig.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[298]</a></span></p> - -<p>»Schau hinunter auf die Welt, Dullhäubel, -wer dir hilft!« sagte die Jungfrau Maria.</p> - -<p>Da sah er tief, tief drunten im grünen Fuxloh -vor der Kapelle ein uraltes Weiblein hocken, das -betete mit seinem Hagebuttenrosenkranz für die -arme Seele des Dullhäubel. Es war die Ulla.</p> - -<p>Nun stand die Wage auf gleich.</p> - -<p>»Ich darf nit zu leicht befunden werden,« ächzte -der Dullhäubel, der helle Schweiß rann ihm von -der Stirn.</p> - -<p>In seiner Not langte er hinüber nach des -Teufels Schwanz, und ob der Satan ihn auch -mit der gespaltenen Zunge anlechzte und die rotfeurigen -Augen abscheulich glühen ließ, der Dullhäubel -packte des höllischen Widersachers Schwanzquaste -und legte sie in die eigene Schale, und sie -senkte sich um eines Härleins Breite tiefer als die -andere.</p> - -<p>Da fing unser lieber Herrgott an, sich langsam -den Bart zu streichen und auf einmal lachte er -dröhnend auf, und der heilige Peter fiel wie besessen -lachend auf die Pauke hin, worauf man -sonst Gewitter und Donnerschlag wirbelt, und die -Muttergottes und alle heiligen Leute konnten sich -nicht helfen vor lauter Lachen, und nur der Teufel<span class="pagenum"><a id="Page_299">[299]</a></span> -rupfte sich den rußigen Schopf, spie und ließ die -Schale los und sprang in die Hölle.</p> - -<p>Vor dem breiten Herrgottsgelächter aber sank -die Schale des Schelmes völlig herab, und er -stieg aus und war gerettet.</p> - -<p>Doch der heilige Peter besann sich und murrte: -»In der Welt drunten gibt es einen Spruch, und -der ist wahr.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Je ärger der Schalk, je besser sein Glück,<br /></span> -<span class="i0">je größer der Dieb, je kleiner der Strick.<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Herrgott, paßt denn der Bauerntrumpf da, der -nixnutzige, der Tod und Teufel zum Narren gehalten -hat, in deine lautere Seligkeit herein?«</p> - -<p>Der Herrgott warnte mit dem Finger. »Peter, -Peter, geh mit unserm Dullhäubel nit zu streng -ins Gericht! Es müssen auch andere Leut um -mich sein, nit nur lauter Heilige. Die Heiligen -sind mir oft ein wenig peinlich gewesen.«</p> - -<p>Und während der Herr mit seinem Knecht also -sprach, trat einer auf den Dullhäubel zu und gab -ihm derb die Hand. Der fremde Gesell trug einen -altertümlich groben Bauernrock und Bundschuhe, -und ein Spiegel hing ihm im Gurt; seine lichtblauen -Augen funkelten mutwillig, sein Haar war -gelb wie Stroh und darauf saß ihm statt des<span class="pagenum"><a id="Page_300">[300]</a></span> -Hutes ein ruppiger, glotzender, krummschnabliger -Ohrenvogel.</p> - -<p>»Ich sollt dich kennen,« sagte der Dullhäubel -und dachte nach.</p> - -<p>»Du kennst mich,« kicherte der andere, »ich bin -ja dein Bruder, der heilige Eulenspiegel.«</p> - -<p>Er hielt dem Dullhäubel den blanken Spiegel -vor. Der lugte hinein und sah sich drin rosig -leuchten, und über seinem Scheitel hing ein runder, -lustiger Heiligenschein.</p> - -<p>Der Herrgott richtete jetzt die grauen, frohen -Augen auf ihn. »Dullhäubel, was willst du im -Himmel anfangen?«</p> - -<p>Der schalkhafte Mann leckte sich die Lippen und -hob den listigen Bauernblick. »O Herr, wenn ich -es wünschen darf, will ich im Sommer Schnee -schaufeln und im Winter das Vieh hüten.«</p> - -<p>»Zu meiner Rechten darfst du nit sitzen,« lachte -der Herrgott, »du bist heut noch nit viel wert. -Jetzt führ dich gut auf und laß dir einen milden, -süßen Most einschenken.«</p> - -<p>Das war dem Dullhäubel recht. Und er sagte -zu der Himmelsfrau: »Liebe Fürbitterin, du -schnupfst nit? Für deine wehleidige Jungfernnase<span class="pagenum"><a id="Page_301">[301]</a></span> -ist meine Mischung zu scharf. Aber uns schmeckt -es, gelt, Gottvater!«</p> - -<p>Er schüttelte das rubinene Glas und ließ den -Tabak rieseln auf des Herrgotts strahlende Hand.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Also hat unser Herrgott an einem gelungenen -Schelm mehr Freude als an neunundneunzig -Gerechten. Und so findet die Geschichte vom -Kasper Dullhäubel jetzt ihr</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Ende</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Von demselben Verfasser erschienen vorher -im gleichen Verlag:</p> -</div> - -<p class="h2">Aus wilder Wurzel</p> - -<p class="center">Ein Roman<br /> -Einbandzeichnung von Oswald Weise. 10. Tausend</p> - -<p class="smaller"><em class="gesperrt">Münchner Allgemeine Zeitung</em>: »Das vorliegende Buch ist des -Dichters beste und reichste Schöpfung und läßt noch ausgereiftere, kostbarere -Früchte erwarten. Hart, eisern, von knirschendem Willen durchzuckt ist dieser -Bericht, der von den mutig-zagen Bauern zu erzählen weiß, die es auf sich -genommen, die furchtbare Baumwildnis der Eisensteiner Berge im endlosen -Böhmerwalde der Scholle dienstbar zu machen. Watzliks Buch wird zu den -bleibenden unseres Literaturschatzes gehören.«</p> - -<p class="h2">Der Alp</p> - -<p class="center">Ein Roman<br /> -Einbandzeichnung von Richard Birnstengel. 6. Tausend</p> - -<p class="smaller"><em class="gesperrt">Paul Grabein</em> im Düsseld. Generalanz.: »… Der Wert des Buches -besteht in der ganz prachtvollen, realistischen und doch wieder poetisch überhauchten -Schilderung der Natur und Menschen des Böhmerwaldes. Eine -Fülle von Gestalten zieht an uns vorüber, jede scharf umrissen in ihrer Erscheinung. -Die künstlerische Wirkung Watzliks wird noch gehoben durch die -eigenartige Schönheit und Bildkraft seiner Sprache …«</p> - -<p class="h2">Im Ring des Ossers</p> - -<p class="center">Erzählungen aus der Vergangenheit des Böhmerwaldes<br /> -10. Tausend</p> - -<p class="smaller"><em class="gesperrt">Die Wage</em>, Wien: »… In wohlgepflegter Sprache, die stellenweis -wie wundervoll gestimmte Glocken klingt, läßt er des Urwalds Schimmer -und geheimnisvoll durchbrauste, zauberische Wildnis farbengolden vor uns -erstehn. In einigen Skizzen arbeitet er mit allen Kunststücken, Schönheiten -und Klängen des Wortes, daß die Seele erschauert, beglückt und berauscht -von der übertönenden und überstürzenden Kraft poesievoller Schilderung …«</p> - -<p class="h2">O Böhmen!</p> - -<p class="center">Roman. Einbandzeichnung von G. Gelbke. 11. Tausend</p> - -<p class="smaller"><em class="gesperrt">Deutschnationales Jahrbuch 1919</em>: »Ein Heimatroman, der den -Kampf der Deutschen Böhmens um ihre Heimatscholle, deutsches und slawisches -Leben mit solcher Farbenpracht und so glutvoller Innigkeit schildert, wie kein -zweites Buch. Jeder Satz darin ist Poesie, und wir dürfen den Dichter mit -immer größerem Recht zu den ersten Deutschösterreichs zählen.«</p> - -<p class="h2">Phönix</p> - -<p class="center">Ein Roman aus der Wiedergeburtszeit Böhmens<br /> -6. Tausend</p> - -<p class="smaller"><em class="gesperrt">Kölnische Zeitung</em>: »Wildromantische Ereignisse werden mit großer -Farbenpracht durchgeführt, daneben aber macht sich die zartere Romantik -eines innigen Naturgefühles liebenswürdig geltend. Ein spannend erzählter, -an starken Wirkungen reicher Roman, der auch große poetische Werte besitzt. -Man hat es in dem Buch mit dem Erzeugnis einer hohen dichterischen Begabung -zu tun.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center p2 gesperrt">Ferner erschien im Verlag Gebr. Stiepel -in Reichenberg:</p> - -<p class="center bold">Wermuter</p> - -<p class="center">Eine Novelle. Mit Bildern von Artur Ressel. 4. Tausend</p> - -<p class="center"><b>Schloß Weltfern.</b> Ein Roman. 5. Tausend</p> - -<p class="center bold">Der flammende Garten</p> - -<p class="center">Gedichte. Mit Bildern von Viktor Eichler. 2. Tausend</p> - -<p class="center"><b>Firleifanz.</b> Ein Bilderbuch</p> - -<p class="center"><b>Einöder.</b> Ein Novellenbuch</p> - -<p class="center bold">Die Abenteuer des Florian Regenbogner</p> - -<p class="center">Liebhaberausgabe mit Bildern von Ferdinand Staeger -2. Tausend</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 295 lustwandete → lustwandelte<br /> -<a href="#corr295">lustwandelte</a> lachend unter ihnen</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Fuxloh, by Hans Watzlik - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FUXLOH *** - -***** This file should be named 62178-h.htm or 62178-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/1/7/62178/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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