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-The Project Gutenberg EBook of Fuxloh, by Hans Watzlik
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-
-
-Title: Fuxloh
- oder Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel
-
-Author: Hans Watzlik
-
-Release Date: May 19, 2020 [EBook #62178]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FUXLOH ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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- HANS WATZLIK
-
- Fuxloh
-
- oder
-
- Die Taten und Anschläge des
- Kasper Dullhäubel
-
- *
-
- Ein Schelmenroman
-
- [Illustration]
-
- L. STAACKMANN VERLAG / LEIPZIG
-
- 1922
-
-
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-Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
-
-Für Amerika:
-
-~Copyright 1922 by L. Staackmann Verlag, Leipzig~.
-
-
-Gedruckt bei Dr. Kurt Säuberlich in Leipzig
-
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-Das grüne Holz.
-
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-Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den Örtern Blaustauden und
-Grillenöd, abseits von den breiten Straßen duckte es sich verloren in
-den Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. Obst trug dort nur ein
-einziger Mostbirnbaum, der über hundert Jahre alt war, doch waren seine
-Birnen so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn man hineinbiß.
-Sonst gediehen nur noch ein paar Vogelbeerbäume und Elexstauden
-droben an den felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte die
-weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.
-
-Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder sind darüber gewachsen.
-
-Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den Bauern den Schlund aus.
-Drum war in dem Ort der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die
-Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie knöpften sich den Latz
-vom Hosenboden ab und saßen auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder
-zu schonen. Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische Hemden ins
-Wirtshaus. Und hie und da banden sich die Säufer mit Stierketten
-aneinander, daß keiner sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche
-und sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.
-
-Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, Wilderer und Raufer
-verrufen, im Lauf der Zeiten aber verloren sie allmählich den übeln
-Leumund. Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in des Nachbarn
-Acker rückte, Rösser wurden überhaupt nimmer gestohlen, und selten nur
-weckte einen nachts das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er
-aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo auf einer Waldschneise
-einen Bock niederknallte.
-
-Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art der Fuxloher treulich
-erhalten.
-
-In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die Bauern vom Dorf herab immer
-die Gänse trieben, daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem
-moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein verschmitztes Gesicht
-gemalt war mit dem Spruch:
-
- Gott, gib jedem Lumpenhund
- zehnmal mehr, als er mir gunnt!
-
-Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel mit dem Preußen Krieg
-führte, hauste der Pankraz Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der
-Reichtum ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen
-Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, als Tage im Jahr waren. Er
-ließ das Geld springen und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein
-Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß und Türk sein mußten, da
-lohnte sich sein falsches Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der
-sich über die Grenze herüber verirrt hatte, und der wurde ohne Erbarmen
-ins Regiment gestoßen, und viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im
-Krieg auf der blutigen Fleischbank verdarben.
-
-Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der Pankraz handelte ihn
-einem wallischen Juden ab, und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer,
-der das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch Macht gewann über
-alle andern.
-
-Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern einen Handwerksburschen
-und kettete ihm die Hände, und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um
-ihn dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die Schuhschnalle
-zu schließen, die ihm aufgesprungen war. Den Augenblick nutzte der
-Gefangene aus, er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, daß er
-hin war.
-
-Ein arger Vogel legt ein arges Ei.
-
-Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz Dullhäubel. Der trieb sich
-in grünen Jahren in den Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen
-Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel ihm leicht, da er sich
-dazu himmlische Hilfe zu sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein
-Wildbret in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß der damalige
-Geistliche ihn und seine Wege täglich ins Meßgebet ein.
-
-Als dem Servaz einmal von einem Jäger der Fuß krumm geschossen wurde,
-mußte er das freie Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut
-gab ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer waldauf und
-waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz ging, gab ihm die Bäurin immer sein
-Totenhemd mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, der Schädel
-zerschrammt von splitternden Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne
-eingeschlagen. Mit heraushängenden Därmen schleppte er sich einst von
-Fuxloh nach Blaustauden zum Balbierer, dort schob er fein lind das
-Gedärm zurück in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch und nähte
-es sich selber mit des Balbierers Nadel zu. Die Naht hielt hernach noch
-dreißig Jahre.
-
-Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in seinem Buch ein Gesetzlein
-vorweisen, danach er noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem
-Absterben noch erschlug er auf der Kegelbahn den Waldheger von Daxloh
-mit einem Kegel.
-
-Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.
-
-Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz Dullhäubel. Der hatte es
-wiederum auf das Bier und den groben Bauernwein abgesehen und soff und
-schlampampte, daß es ihm schier zu den Ohren herausrann. Fuhr er mit
-dem Rössel in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle Flaschen
-und streute das Geld den Kellnerinnen hin. Bei jedem Krug, der ihm
-vorgesetzt wurde, tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen an
-seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz offen, so zahlte er seine
-Schuld, knöpfelte wieder zu und hub von frischem an. So wurde er auch
-in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen Trunk mehr bewältigen
-konnte, so bahrten Wirt und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das
-Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden durch Wald und Sternschein
-heim. Doch hielt es vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, beim
-Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der Mausfalle, beim blauen
-Mondschein, und wie die Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene
-reckte sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, füll nach!«
-
-Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer gekommen, der Dullhäubelhof
-aber hielt den Säufer aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh
-gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel reicher sein können,
-wenn es sie darnach gelüstet hätte. Denn der Pankraz, der Guckähnel,
-hatte einen schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst hätte
-das schneeblührieselweiße Roß gar gern geritten und dafür den ganzen
-weitmächtigen Wald bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber hätte
-nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor ihm auf den Knieen gerutscht
-wäre.
-
-Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken kam der Bonifaz
-Dullhäubel um die Gesundheit.
-
-Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da kroch der Bonifaz in der
-Scheuer des Wirtes »zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren
-Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten ihn aus Übermut
-unter dem Heu. Sie vergaßen ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und
-erinnerten sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam und nach dem Bonifaz
-fragte. Schnell räumten sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit
-lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen den Weg zum Gericht
-scheuten, so halfen sie sich, wie sie es verstanden: sie schlugen einen
-Haken in die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten den Toten dran
-und drückten ihm seinen breiten filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann
-schrieen sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der Bonifaz hat sich
-aufgehängt!« Und weil eben ein Sturm anfing, glaubten die Fuxloher
-ihnen gern und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem Bonifaz um
-Hals und Bart schnürte, und der Totengräber in Blaustauden drunten grub
-das Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der Bonifaz nimmer heraus
-und umgehen könne.
-
-Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die Truhe. Sie meinte, in
-der Ewigkeit sei es hübsch lüftig, und der Selige sei allweil heikel
-gewesen auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife ins Maul, er
-möge sich jenseits etwas vorqualmen, daß ihm Zeit und Ewigkeit besser
-vergingen. Sie war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.
-
-Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.
-
-Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor Dullhäubel. Der schlug
-sich, als er zur Mannheit kam, mit einem Stein die vordersten Zähne
-aus, womit die Soldaten das Papier von den Patronen reißen, daß das
-Pulver ins Gewehr rinne. So blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.
-
-Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann müsse neun Kinder zeugen,
-und da mußte nicht bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch alle
-Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die Kinder außerhalb der Ehe wuchsen
-frisch und fröhlich heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt.
-Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die Brut, sie schlief gern
-und schlief allweil ein, wenn sie säugte, und der Säugling fiel ihr
-dabei oft aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges ausgenommen,
-keine Kinder, trotzdem daß sie sehr fruchtbar war und nur Zwillinge und
-Drillinge gebären konnte.
-
-Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des Bauers. Doch die Sodonia,
-die Altbäurin, war ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes schwer
-bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal ein Staudenkind auf die Welt kam
-und die Sodonia ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur: »Fürs
-Lebendigmachen ist noch keiner gestraft worden.«
-
-Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas mit, und weit
-und breit tat es ihm keiner gleich im Schnupfen. Nicht einmal der
-Blaustaudner Schulmeister, der, selbst wenn er die Orgel zum Hochamt
-schlug, den Tabak nicht völlig entbehren konnte und darum auch beim
-Spiel allweil ein braunes Häuflein auf dem Handrücken trug und die Nase
-oft und oft inbrünstig dazu niederstoßen ließ und mitten in Gottes
-Lobpreisung andächtig hineinschnupfte.
-
-Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er in den Fasten nicht, so
-sehr es ihn auch lüstete; er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu
-gefallen. Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: »Christ ist
-erstanden!«, da nahm er sich wieder das erste Schnüpflein. Als aber
-am Auferstehungstag einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet
-an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer in den Erlösungsruf
-ausbrach, schlug sich der Isidor ungestüm den Tabak auf die Hand:
-»Ob der Herrgott auferstanden ist oder nit, -- ich schnupf!« Seither
-fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm einer dies als Laster
-vorrückte, wehrte er sich: »Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer
-Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen Kelch zum Altar
-getragen. Freilich hat der mit seiner geistlichen Nase nur Spaniol
-mögen, und ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott kennt
-keinen Unterschied.«
-
-Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel herunternahmen, lümmelte
-der Isidor mit seinem Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«,
-ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters trösten und lüpfte eifrig
-den Krug.
-
-»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. »Es ist dein Glück,
-daß er im Ausgeding gesessen ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof
-versoffen.«
-
-Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner versaufen, als ich hab.
-Und vergönn es ihm, neid es ihm nit in die Grube nach!«
-
-»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die Stimme, »Dullhäubel, ich
-weiß es: der Durst schluckt den Bach samt der Mühl.«
-
-»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« grinste der Bauer.
-»In aller Früh gehst du aus, schlagst mit der Stange den Tau von den
-Erlen, daß du Wasser aufs Rad kriegst.«
-
-In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei scharfe senkrechte Falten,
-er packte das Stutzenglas und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß
-die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer sein Glas und trümmerte
-es dem Müller auf das Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.
-
-Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie blutig und lachten.
-
-»Nix für ungut, Müllner.«
-
-»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen andern Sinn kriegen!«
-
-Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen Tabakglas den Stöpsel weg,
-den er aus Weiberhaaren geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich
-an dem scharfen Brasil.
-
-Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, dein Weib hat sich ein
-ungeschicktes Wochenbett ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die
-Wehstund sie angepackt.«
-
-Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, die sich mit einem
-Schnöpflein heben wollte, sank ihm.
-
-»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« redete die Wirtin
-zum Fenster herein.
-
-Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, daß sie leichter
-niederkommt!«
-
-»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das ist kein ungeschickter
-Ort, Wirt. Da springt der heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«
-
-»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte die Wirtin. »Ich für
-mein Teil komm um einen weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der
-Stube hin und her und beutel das Kind ab.«
-
-Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, der Bub. Ein hoher Herr
-soll er werden; Steuern soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und
-den Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.
-
-»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. »Jetzt, wo wir Müllner so
-schwer geschädigt sind von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben
-sie uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen dürfen, so weit
-unsereiner den Hammer hat werfen können. Heut nimmer. Früher ist meine
-Mühl eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder sein Korn nach
-Trippstrill und Schlampampen.«
-
-»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in die Stube.
-
-»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie schwerhörig die Hand ans Ohr.
-
-»Drei Buben. Bis jetzt.«
-
-Der Dullhäubel faltete die Hände. »O Herr, halt ein mit deinem Segen!«
-
-Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand die Hebamme mit einem
-mächtigen Wickelpolster, drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine
-Magd trug das dritte Kind.
-
-»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. »Eine harte Geburt! Gerad vor
-der Kapelle.«
-
-Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er ihr also nit geholfen, der
-Blaumantel? Da steht er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, wo
-meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt er sich nit. Jetzt reicht
-er keine Hand.«
-
-»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« beschwichtigte ihn der
-Müller.
-
-Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die Muttergottes selber aus
-ihrem silbernen Gewölk gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer
-Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner Kapelle treten können?!«
-
-»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die Hebamme, »und geht gleich
-mit zur Taufe, daß die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie ins
-Engelreich kommen und drüben einen Namen tragen. Der ist traurig dran,
-der keinen Namen führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, es
-sind Siebenmonatkinder.«
-
-Die zwei Männer standen auf und wankten mürrisch den Weibern nach ins
-Pfarrdorf Blaustauden hinunter.
-
-Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar dem Müller in die Arme,
-derweil der Bauer den einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu
-dem Taufstein.
-
-Der Pfarrer ließ nicht lange warten.
-
-»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die drei Eismänner haben
-schon auf deinem Hof gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen,
-Dullhäubel. Taufen wir die da nach den drei Königen!«
-
-Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. Die Büblein hielten
-sich mäuselstill, und erst, als bei der Taufe des Kasper, den der Bauer
-selber hielt, der geistliche Herr fragte: »Widersagst du dem Teufel?«
-da schrie der Bub gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, dem
-er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar nicht einverstanden.
-
-»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die Zähne ein!« drohte der
-Pfarrer.
-
-»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den Kasper!« bat der Bauer. »Spart
-kein Wasser nit!«
-
-Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge überließen, merkten
-sie, daß der Melcher und der Balthauser kein Schnäuferlein mehr
-taten. Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest an sich gedrückt
-haben, und es war ungewiß, ob sie getauft oder heidnisch ins Jenseits
-eingefahren waren.
-
-Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der hielt die lebendigen
-Augen offen und sah scharf darein. »Der hat gescheite Augen,«
-frohlockte der Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«
-
-»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der Spitzbub,« sagte die
-Hebamme. »Ich will ihn auf der Schaufel dreimal in den Backofen
-schieben, dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. Speibendes
-Kind, bleibendes Kind!«
-
-Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten Wein auftragen,
-wie ihn die Weiber gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem
-Lebendigen und den Toten heim.
-
-Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.
-
-Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte glashell hinein.
-
-»Blaumantel, ob du schon schlafst?«
-
-Der hölzerne Heilige drin redete nicht und deutete nicht.
-
-»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger Blaumantel!« spottete
-Isidor. Er tappte sich zu dem Heiligen hin und schüttete ihm das
-Tabakglas in den Bart.
-
-Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß die Kapelle zitterte.
-Mit schlotternden Knieen floh der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie
-hinter ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel nimmer lang
-tragen!«
-
-Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, das geschah. In ein paar
-Jahren starb dem Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib ab, wie
-eine Blume an der grünen Staude verwelkt, und weil er hörte, daß die
-alten Ritter, wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, sich für die
-fleischene eine eiserne an den Arm hatten schnallen lassen, so suchte
-er einen Kupferschmied heim, und der setzte ihm eine kupferne Nase
-zwischen die Augen.
-
-Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er nimmer schnupfen konnte, und
-er vergaß es dem Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste
-Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; schimpfend stampfte er an ihm
-vorbei und rückte den Hut nimmer.
-
-Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch war, und sich schon selber
-die Tür auftun konnte und ganz listig schon aus den engen Augen
-herauslugte, da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle und schalt
-unflätig hinein. So keimte in dem kleinen Kasper ein Widerwille auf,
-und der wuchs, als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er etwas
-Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen drohte und diesen als
-Vorbild eines wohlgefälligen Wandels hinstellte.
-
-Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht der wunderlichsten Wunder
-aus und dichtete ihm alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, so daß
-der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger Schatten schien.
-Vor seinem Zauber wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der Lahme,
-versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen ihn, Blinde wurden geheilt an
-dem Schimmer seines blauen Mantels.
-
-Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und staunte voll Angst und Trutz
-hinein.
-
-Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter der Gittertür geborgen vor
-Regen und Schnee, hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem,
-rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und langer Nase stand er
-drin, das Haupt geneigt unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn
-angeleimt einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, den Mund weit
-offen und die Arme abwehrend von sich gestreckt, als seufze er: »Gott,
-hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«
-
-»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig den Bart gestutzt, aber
-gleich ist er ihm wieder nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die
-Sodonia dem Buben.
-
-»Warum ist er denn heilig?«
-
-»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein Lebtag.«
-
-»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der schlaft auch in einem
-Steinriegel hinter der Mühl.«
-
-»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin verdrossen.
-
-Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der Blaumantel gekommen? Hat
-er sich die Kapelle selber gebaut?«
-
-Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: »Gar überlang ist es
-schon her, da haben die Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen
-Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt steht. Sie haben ihn
-nach Blaustauden geschafft und dort auf den Altar gestellt, aber er
-ist davon und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben sie ihn in die
-Stadt gebracht, daß er nit in einen so langweiligen Einöd trauern müßt,
-sondern ein paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er sich dran
-gewöhnt, haben sie ihn in der ersten Nacht in eine Truhe unter Schloß
-und Eisenband gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben sich darauf
-gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. Aber der Blaumantel hat die Truhe
-gesprengt, Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, und ist wieder
-zurück in die Heimat. Er hat wollen in der Wildnis geehrt werden, wo er
-gebetet und gebüßt hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«
-
-Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein hinauf. »Mir hat aber
-der Vater gesagt, die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf der
-Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen Heiligen hätten. In einem
-Sack hätten sie ihn daher gebracht.«
-
-»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst straft er dich auch.
-Denk an dem Bauer seine Nase!«
-
-»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.
-
-»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt dich in den rußigen
-Kessel, bratet dich, frißt dich.«
-
-Es war, als würde dem Buben die kecke Rede vergolten, denn nach ein
-paar Tagen wuchs ihm auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht
-gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, der an des Kasper
-Sauberkeit gelegen war, aber das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit
-Wolfsmilch und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß gewaschen
-und mit Roßhaar gedrosselt wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech,
-und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit Zunder wegbrennen wollte,
-brüllte der Bub entsetzlich und ließ keinen mehr an sich heran.
-
-Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein mit einem
-kleinwinzigen Kopf, drin ein Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr
-spitzes, haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich in der
-Stube hin und her und knüpfte mit einem Faden fünf Knoten über der
-Warze des Kasper, der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun des
-Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf Vaterunser und murmelte
-noch ein Heimliches in sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog.
-Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo die Tropfen vom Dach in
-die Erde schlugen und eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie
-den Faden.
-
-Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, und der Kasper war
-ein sauberer Bub mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf und
-flinken Füßen.
-
-Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den Erdspiegel, der im Keller
-unzugänglich verschlossen lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen
-Hütte der Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen wilde
-Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den Raben redete und den
-Schlangen oder einer Staude etwas sagte oder gar einem Stein.
-
-Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den Ochsen und Rössern, kletterte
-auf die Tannen hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den
-Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals stieß ihm ein Unglück
-zu.
-
-Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase stecken, sie wollte nicht
-heraus und keimte schon.
-
-»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte die Altbäurin. »Der
-Blaumantel wird dich ganz gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh
-dich schon verkupfert.«
-
-Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen die Kniee und drückte ihm
-das Gesicht in eine Hand voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den
-Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die Bohne flog aus der Nase
-an die Wand.
-
-Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber
-begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat
-den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt
-und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von
-inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.
-
-Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den
-Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester
-ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und
-Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer
-am Dullhäubelhof.
-
-Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf
-den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie
-aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«
-
-Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche
-Brot.«
-
-Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten
-ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter
-Mann.« --
-
-Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.
-
-Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen
-Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde
-ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er
-keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf
-den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.
-
-Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du
-schreiben und lesen und rechnen?«
-
-»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.
-
-»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«
-
-Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber
-in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«
-
-»Warum hast du es nit getan?«
-
-»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt,
-was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht,
-und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz
-unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann,
-und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf
-durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt
-Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht
-einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag
-ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das -- ein
-Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon
-einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich
-gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben
-laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen
-können.«
-
-Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom
-Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt
-will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«
-
-Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür,
-rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.
-
-»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein
-jeder.«
-
-Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt
-Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann
-geht sie im Regen wieder zurück.«
-
-Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern
-Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«
-
-Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am
-Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den
-Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«
-
-»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das
-geschrieben. Die Zeit stimmt.«
-
-Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten
-hin.
-
-Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter
-und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«
-
-Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es,
-vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr
-versuchen.«
-
-Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern
-Kalender zurück.
-
-»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender.
-Ob du den auch verstehst?«
-
-»Das wär nit schlecht.«
-
-Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer
-begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ --
-›Auf Zwei‹. -- ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. --
-›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«
-
-»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch
-wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.
-
-»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in
-einer Viertelstund!«
-
-»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«
-
-»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.
-
-»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest
-um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.
-
-Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister aufgenommen. --
-
-Am andern Tag hütete der Hannes auf der Weide vor dem Vogeltänd das
-Vieh. Das Kuhhorn im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor seinen
-Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. Rings graste das Vieh, ein
-rotblümetes Stierlein scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf.
-Am Himmel glänzte eine linde Wolke.
-
-Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler daher.
-
-»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. »Gute
-Zucht tragt gute Frucht. Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«
-
-Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir von der Welt lernen.
-Drum merk auf, und sag es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«
-
-»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus gefehlt! Die Welt ist
-ein Teller.«
-
-Der Hannes bog den krummen Hals und sah den Dullhäubel scheel an.
-Nachher begann er wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die Welt
-ist so rund wie dein Schädel.«
-
-Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als wolle er den rechten
-Begriff von der Gestalt der Erde gewinnen.
-
-Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad und eben. Wo sieht man
-es denn, daß die Welt kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja auf
-der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, aber rund nit.«
-
-»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und dreht sich,« sagte der
-Brunnkressenhannes scharf und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«
-
-Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich dreht, müßt einmal das Wasser
-aus dem Brunn fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten müßt man
-zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich einmal auf die Stubendecke
-hinauf, du Aff du, und fall nit herunter!«
-
-Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich die Erde um die Sonne!«
-
-Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden
-Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du
-falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie
-die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie
-geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«
-
-Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer.
-Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir
-seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau
-ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«
-
-»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«
-
-»Und wer macht denn den Kalender, he?«
-
-»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen
-neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt
-erschaffen hat.«
-
-»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«
-
-Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die
-kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den
-Kasper seinem Schulmeister.
-
-Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir
-ihn nach!
-
- Kind, horch, was dein Gewissen spricht
- und handle so, dann fehlst du nicht!
- Die innre Stimme ruft uns zu:
- Böses meide! Gutes tu!«
-
-Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald
-auswendig.
-
-»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«
-
-Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden,
-hohen Lauten:
-
- »Morgens, wenn die Sonn aufgeht
- und der Tau im Gras da steht,
- treib ich mit verliebtem Schall
- meine Viehlein aus dem Stall
- auf die grüne Hutweid hin,
- ob ich gleich ein Hirt nur bin.«
-
-»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame
-Weis.«
-
-»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.
-
-»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes.
-»Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und
-alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt
-du vielleicht ein schöneres Lied?«
-
-Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:
-
- »Ich schrei hü,
- ich schrei ho,
- ich schrei allweil
- hüstaho!«
-
-»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister
-nimmer,« sagte der Hirt bissig.
-
-Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr,
-stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.
-
-»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das
-Vieh in acht!«
-
-Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe,
-verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank
-dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und
-schlief.
-
-Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die
-Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte
-sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig
-melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam
-ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber
-ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel
-sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten
-sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.
-
-Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er
-schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze
-zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege,
-wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten
-nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine
-zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.
-
-Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige,
-stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems
-darein.
-
-Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit
-verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen
-Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg
-stand wie der armen Leute Hafer.
-
-»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem
-und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.
-
-Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger,
-einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er
-deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher
-Bursche. Der wird es zu nix bringen.«
-
-Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute,
-kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe
-auseinander tat.
-
-»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte
-der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«
-
-Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun
-mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen
-Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken
-Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das
-Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber
-stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie
-ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.
-
-Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche
-Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu,
-Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« --
-
-Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.
-
-Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein
-großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben.
-Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben,
-und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein.
-Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit
-feist.«
-
-»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.
-
-»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring
-ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«
-
-Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater
-verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste
-Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein
-auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit
-Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der
-hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten
-war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie
-ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen
-Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer
-diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte
-der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über
-die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen
-war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine
-der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte
-der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken
-über den Wald herauf klangen, sang er:
-
- »Die Blaustaudner läuten,
- sie läuten vor Not,
- sie fangen den Bettelmann
- und nehmen ihm's Brot.«
-
-Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie
-ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill,
-daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den
-Nestern sich duckten.
-
-Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen
-anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der
-Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand
-er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.
-
-Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug
-sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach,
-durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die
-Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und
-fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich
-weidlich und söhnten sich wieder aus.
-
-Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der
-Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des
-Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch
-hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater
-laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«
-
-Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf
-der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte
-oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der
-Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund
-Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter
-dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell
-und blieb eine kleine Weile artig.
-
-Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen,
-und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung
-des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.
-
- »Salz in der Butten,
- Mehl in der Gruben,
- die Grillnöder sind
- Hagbutzelbuben.«
-
-Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich
-über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten
-Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund
-davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den
-Hauptanteil an dem Streit dem Gid.
-
-Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis
-fehlte es ihm.
-
-Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort
-richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus
-Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar
-Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und
-daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«
-
-Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich
-auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm
-allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen
-den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht
-und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.
-
-Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.
-
-So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe
-rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der
-Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn
-brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum
-Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter
-schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen
-und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der
-Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt
-genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.
-
-Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das
-Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.
-
-Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den
-Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.
-
-Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf.
-»Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er
-konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.
-
-Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in
-einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt
-sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und
-Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.
-
-Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz
-gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen
-sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein
-Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los,
-umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn
-die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder
-fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof
-kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz
-Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt
-neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat
-ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel
-gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den
-Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«
-
-Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die
-Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte,
-ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.
-
-Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust
-spürte.
-
-Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen
-sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über
-ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg
-und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar
-so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm
-nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte,
-den höllischen Tausch zu hindern.
-
-Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden
-vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen
-Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am
-Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit
-feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem
-Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins
-Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein
-derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte,
-zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.
-
-In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter.
-Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig:
-»Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die
-Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland
-des Gebirges herauf geheiratet.
-
-Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am
-lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal
-in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten
-müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und
-verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem
-einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia
-mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte
-den Teufel nimmer an die Mauer.
-
-Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte
-sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten,
-und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und
-beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große
-Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen
-Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.
-
-Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich
-schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus
-berufenem Mund hören werde.
-
-Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die
-Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste
-Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und
-die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten
-und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen
-und handgreiflichen Augenschein um.
-
-Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher
-und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern
-ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf
-die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die
-Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie
-zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang
-des Strafgerichtes.
-
-Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das
-alltägliche Fuxloh zurück.
-
-Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das
-schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und
-näselte:
-
- »Auf der Wies und auch am Klee
- ich so lange umher geh,
- bis sich laßt ein Brünnlein finden,
- daß mein Vieh daraus kann trinken,
- allda setz ich mich in Ruh,
- nehm die Schwegel, pfeif dazu.«
-
-Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem
-Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon
-einmal das Maul!«
-
-Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die
-bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte
-er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber
-dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in
-eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und
-entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein
-nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um
-Hilfe.
-
-Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte,
-drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam
-der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian
-Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.
-
-Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug.
-Habt ihr alles begriffen?«
-
-Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich begreif nit alles.«
-
-»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«
-
-Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die
-Unkeuschheit?«
-
-»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die
-Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem
-Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«
-
-»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.
-
-»Warum nit?«
-
-»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie
-mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«
-
-Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen.
-»Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel
-glauben!« --
-
-In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal.
-Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte
-hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein
-drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es
-aber niemanden sagst, Pfarrer!«
-
-Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte
-sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und
-segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«
-
- * * * * *
-
-Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen
-Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden,
-nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd,
-wie er sie als Kind gehabt hatte.
-
-Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das
-tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und
-lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem
-Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die
-Scheibkugel, daß es donnerte.
-
-Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen
-Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich
-ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:
-
- »Und ein bissel bin ich bucklet,
- und ein bissel bin ich krump,
- und ein bissel bin ich tilltapp,
- und ein bissel bin ich Lump.«
-
-Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort
-schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien
-zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt
-durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er
-einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert
-bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.
-
-Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als
-Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem
-Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden
-Bauern heimste.
-
-Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie
-kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt
-her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr
-den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch
-gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie
-sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure
-Bürgermeisterin.«
-
-Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem
-Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen
-am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf
-die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft
-maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der
-unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande
-und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«
-
-In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein
-Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der
-Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist
-tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte,
-daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser
-aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper
-wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich
-wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«
-
-Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich
-laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und
-drängte sich scharf zu dem Redner hin.
-
-Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste
-reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem
-Geißbock.
-
-Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue
-Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger
-und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute
-auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel
-nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem
-nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.
-
-In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans
-Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu
-versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes,
-Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und
-das roch abscheulich.
-
-»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und
-fiel aus einer Schwäche in die andere.
-
-Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend
-unters Bett.
-
-Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie
-einen halbverwesten Geißbock.
-
-Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott
-nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber
-kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen
-können.
-
-Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es
-schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der
-die Leute ärgerte.
-
-Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete
-von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von
-rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben
-und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First
-des väterlichen Hauses trippelten.
-
-Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und
-während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber
-sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel
-zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander
-taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich
-selber nicht begreifen.
-
-Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem
-breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber
-er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen
-schleichen.
-
-»Wohin denn, Bub?«
-
-»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.
-
-»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur
-wieder!«
-
-Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. --
-
-Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel den Dirnen in
-die Augen. Und um sich vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich
-vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf ein, die steckte er in die
-einwendige Brusttasche, daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er
-sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern und einer breiten
-Uhrkette auf und ließ sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz
-wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine Hände fester und
-griffiger. Nur die Stimme blieb ihm hoch und kindisch schrill.
-
-Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, weil sie sich den Schlaf
-nicht erzwingen konnte. Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus
-umspüren und bald hernach den Kasper draußen halblaut singen:
-
- »Dirndel, tu auf
- und laß mich zu dir,
- bin ein armer Kaplan,
- sollst beten mit mir!«
-
-Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte die Hand über des
-Burschen Unschuld halten. Denn seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich
-nicht um ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer unter der
-Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr die Läuse.
-
-Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach merkte sie, wie sich der
-Kasper nach dem Essen davon zog und auch die Geißdirn verschwunden
-war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und Stadel durch, bis sie
-schließlich zu einem alten, von Brombeergebüsch verwucherten Backofen
-kam, dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte das eine Paar
-kräftig an und zog den Kasper heraus.
-
-Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der lachte unbändig und freute
-sich über den Ort, wo die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.
-
-Es war zum letztenmal, daß der Isidor Dullhäubel sich freute. Er
-verfiel auf einmal, sein Gesicht wurde käsweiß, die kupferne Nase
-überzog sich mit Grünspan, und er behauptete, sie täte ihm weh. Die
-Kraft ging ihm aus.
-
-Zu Mariä Geburt rief er den Kasper zu sich in die Stube. Er zog sich
-die hirschlederne Hose aus, die von den Vorfahrern überkommen war, warf
-sie dem Burschen hin und murrte: »Da!« Auf dem Tisch schillerten sieben
-Tabakgläser, darin die Namen der Wochentage geschliffen waren, und das
-Sonntagsglas glühte rot wie ein brennendes Herz. Der Bauer deutete
-darauf und ächzte: »Da!« Hernach ließ er sich matt ins Himmelbett
-fallen und starrte zu dem Spiegel hinauf, der darüber als Decke hing,
-und sah droben das kalkige Gesicht und die grüne Nase und seufzte.
-
-So wich der alte Bauer dem jungen. --
-
-Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor Dullhäubel zum letztenmal
-in den »pfalzenden Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll
-heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: »Heut hab ich
-die Krankheit versoffen.«
-
-Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen die Dirnen im Tanz, als sein
-Knecht ganz außer Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. Der
-Bauer ist gestorben.«
-
-»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. »Ich hab schon
-gemeint, der rotblassete Tauber wär hin.«
-
- * * * * *
-
-Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes Begräbnis an. Die
-kupferne Nase nahm er ihm, als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem
-Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als nützen. Der Kasper band
-sie an den Senkel der Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht
-gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken an den Verewigten vor
-Augen.
-
-Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den Weihbrunn über die
-Truhe und betete um das immerwährende Licht und um die ewige Rast, und
-der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel und begehrte, man solle
-ihn gleich mit dem Alten einscharren.
-
-Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch ins Wirtshaus spielen,
-und dort ging es feucht und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim
-Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: »Mein Vater hat jetzt
-eine schöne Leich gehabt. Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir
-bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« --
-
-Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als sich der Trunkene
-heimtrollte.
-
-In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der Kasper Dullhäubel stierte
-hinein. Ihm schien es, der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe
-die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, du Sündenlümmel!«
-
-»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der Bauer. »Und meine Nase
-nimmst du mir nit, die ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein!
-Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«
-
-Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der Mond verlieh ihm Leben.
-
-»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte der Dullhäubel. »In dich
-hat sich meine Mutter verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei
-rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit so grob mit mir! Jetzt
-bin ich der Dullhäubel.« --
-
-Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm ein altes Heiligenbuch
-leihen, das er einmal in ihrer Truhe gesehen hatte.
-
-Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich dir, Bauer. Das ist
-recht, daß du jetzt einkehrst bei dir und das Leben der Heiligen lesen
-willst, daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst in deiner
-Frömmigkeit ein gutes Blümel aus deinem Vater seinem Grab.«
-
-»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.
-
-»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.
-
-Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das andächtige Buch,
-daß er das Leben des Blaumantels kennen lerne. Er hoffte, in der
-Erdenwallfahrt des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu finden,
-wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten Sünder gewesen sind.
-Vielleicht hat der Blaumantel einen Bauer im Roßhandel betrogen oder
-es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder gar irgendwo auf
-der Straße einen Wegfahrer abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder
-unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel den Fleck des hochfährtigen
-Heiligen aufgedeckt hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus dem
-Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, wenn der Blaumantel
-ihm noch einmal ins Gewissen reden sollte.
-
-Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben ins Auge nahm und
-wie mißtrauisch sein Finger über die Zeilen tappte, daß ihm nichts
-entwische, er fand in dem Buch nicht einmal den Namen des Heiligen.
-
-»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer du bist?« grinste der Kasper
-Dullhäubel. »Jetzt will ich dir erst recht nachspüren.«
-
-Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus Hurneyßl heim.
-
-Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der ein großes, nach oben
-offenes Schneckenhaus war, und erzählte die Marter des heiligen
-Sebastian.
-
-»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die Gurgel!« rief er. »Was gilt
-es, du kriegst den Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil im
-Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da sperrt ihr euer Maul auf
-und loset. He, du alte Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf
-nit! Greift dich denn die Marter gar nit an? He, du Bürgermeister
-von Grillenöd, räusper dich nit so laut! He, Mausfallenwirt, lach
-nit so mit den Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von einem
-gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse einen Nagel in den
-geschwollenen Magen schießen!«
-
-Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel stand da und tappte
-demütig in den Weihbrunnkessel.
-
-»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der Herr Nonatus Hurneyßl
-grimmig. »Hast du den Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du
-da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da sein? Mußt du mich in den
-schönsten Martergeschichten stören? Hast du vielleicht einem Geißbock
-die letzte Ölung geben müssen? Das möcht ich wissen, was du heut von
-unserm Herrgott verlangst. Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel nit!
-Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! Der Teufel wartet auf dich,
-er bekränzt schon die große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«
-
-Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und der Pfarrer stieg
-schwerfällig von der Schneckenkanzel herab.
-
-Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die Kanzlei des geistlichen
-Herrn.
-
-Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt den Dullhäubel daher?
-Willst du gar schon heiraten? Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht
-ein Weib.«
-
-»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete der Bauer. »Sag
-mir, Hochwürden, woher stammt denn unser guter Schutzheiliger, der
-Blaumantel? Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher ihn
-in die Kapelle gesperrt haben?«
-
-»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit viel Auskunft geben.
-Euer Heiliger schreibt sich eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in
-unserm Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends ein Wort zu
-lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte nachgeblättert hab. Mein
-Vorgänger, der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger Sache einen
-Brief an die päpstliche Kanzlei in Rom geschrieben, aber auch die haben
-nix gewußt vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener Mann
-gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen hat als seinen Namen.«
-
-Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der Siebenkittelwirtin kehrte er
-ein und trank, bis er strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr
-vermochte, besann er sich auf den Heimweg.
-
-Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug durch den Wald. Der Steig
-war voll Gerill und Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger
-Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.
-
-Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an und beleuchtete den
-Heiligen. Der wehrte mit den Armen ab, als wolle er keinen Teil haben
-an dem Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen Wandel.
-
-»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, wer du bist,« gröhlte der
-Bauer. »Gelt, du staunst, daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir
-schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du hast das Maul allweil
-offen und kannst nit giges und nit goges sagen.«
-
-Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind bog die Bäume, der Wolfsbach
-sauste.
-
-»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, woher du bist, du
-zugereister Heiliger. Aber ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«
-
-Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel in den Regen hinaus,
-legte sich an seine Statt und schlief ein. --
-
-In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus Spucht mit seinem Weib
-daher, zwei Leute, eines kleiner als das andre. Sie wollten weit in den
-Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten es jetzt in der Kapelle
-drin schnaufen und rasseln und gurgeln.
-
-»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft hart,« wisperte der
-Spucht.
-
-»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn ein Hölzerner so
-schnaufen?!«
-
-»Also ist es ein Bär,« stammelte er.
-
-»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« befahl sie.
-
-Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist niemand in der
-Kapelle?«
-
-Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, bin ich jetzt auf einmal
-der Niemand? Ein großer Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen
-größern. Ich bin der -- --«
-
-Weiter hörten die zwei nichts, sie rannten in einem Saus dem Wald zu. --
-
-Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen Heiligen wieder in seine alte
-Heimstatt und wusch ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.
-
-Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht um, der Heilige habe mit zwei
-armen Holzhackern ein frommes Gespräch geführt.
-
-Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die ganze Nacht mit dem
-Blaumantel im »pfalzenden Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe
-schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen müssen.
-
- * * * * *
-
-Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.
-
-Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, der Kiebitz tanzte um
-seine Frau, der Fuchs lief der Füchsin nach und der Has der Häsin.
-
-Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der breite Bauernmond
-über den Fuxloher Heustadeln hing, stieg der Dullhäubel auf
-halsbrecherischen Waldsteigen übers Gebirg hinüber ins Bayernland
-der Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte eine mächtige
-Tochter.
-
-Das Gehöft lag schon finster.
-
-Der Dullhäubel klopfte an.
-
-Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans Fenster und spähte in
-die weiße Nacht heraus.
-
-»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.
-
-»Der bin ich.«
-
-»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter möcht ich.«
-
-»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein Mensch nit dem ersten
-besten, der in der Nacht daher reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind
-dumm, aber zum Narren haltet uns keiner.«
-
-»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin ich. Hast du noch nie nix
-gehört von der Mußmühl?«
-
-»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern gesehen.«
-
-Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im Vorhaus die Stiege ein
-paar Staffeln hinauf und rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb
-dich! Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. Schlupf in den
-Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«
-
-Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken reichlich bemalte
-Truhe und ließ die Füße baumeln.
-
-Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte und nickte unablässig.
-Der Lugaus brannte einen Span an und steckte ihn in den Leuchter am
-Ofen, hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte übers ganze
-stoppelige, faltige Gesicht.
-
-»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« sagte er. »Ich bin nur
-ein einziges Mal drüben gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild,
-voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich mit dem Leiterwagen
-herübergefahren von Fuxloh. Den Weg hab ich dersider verschworen
-und verredet. Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die
-Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das rechte, hernach das
-linke Vorderrad, hernach das rechte, schließlich den Hinterwagen, und
-wie ich daheim war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«
-
-Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. Über Achsel und Brust
-hing ihr ein haselbrauner Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs
-ihr über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.
-
-»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. »Heiraten sollst du!«
-
-Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf die Truhe nieder
-und schmiegte sich an den Dullhäubel. Die alte Schwieger nickte und
-kicherte.
-
-»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst du,« fing der Lugaus
-wieder an. »Schau sie nur an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig
-sie ist! Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab ich schon
-ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. Die Ogath ist jetzt die
-letzte.«
-
-»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte die Lugausin.
-
-Der Bursch tat den Arm um das volle, noch von Bett und Schlaf warme
-Weib, und sie schielte heimlich zu ihm hinüber.
-
-»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte die Alte. »Bist denn du eine
-Stummin?«
-
-»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh ist ein schönes Ort,«
-sagte der Lugaus.
-
-Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender Stimme: »Herzlich gern geh
-ich fort aus der Einöd.«
-
-Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd gilt bei uns nit viel. Der
-Isidor Dullhäubel, Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, bei
-euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack ausläuten.«
-
-»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen Kumpf spotten sollen!« fuhr
-der Alte auf. »Wie man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein
-Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«
-
-»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der Dullhäubel flugs darein.
-
-»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, Ogath! In einer Mühl staubt
-es das ganze Jahr ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« --
-dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu -- »Diebe sind die Müllner
-alle.«
-
-Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, sie huschte emsig hin und
-her, zupfte an der Ogath ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und
-nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.
-
-»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« sprach der Einöder.
-»Mein Bub ist auch recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing.
-Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie Stangen, und einen Hund hat
-er auch.«
-
-»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« riet die Alte.
-
-Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, Müllner! Ein roter
-Bart steht selten auf einem guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann
-der Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«
-
-Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig aufeinander ein und
-winkten und lächelten sich zu. Die zwei Leute glichen sich sehr, die
-breiten, runzlichen Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die langen
-Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen Augen ähnelten einander derart, daß
-man nicht gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin sei, wenn er
-nicht die Hosen und sie nicht den Kittel angehabt hätte.
-
-»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen gelernt?« fragte der
-Dullhäubel lustig.
-
-»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel heraus, da haben wir uns
-begegnet,« lachte der Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es
-gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt grün gewesen, und wie
-ich von ihr heim bin, hat es geschneit, alles in einer Nacht.«
-
-»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«
-
-»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf voller Silber kriegt meine
-Tochter mit, zwei Küh und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes
-Spinnrad laß ich ihr drechseln.«
-
-»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die Alte, »in jeder Kuchel
-kann sie stehen. Sie kann zwei Brühen kochen, eine süß, die andre
-sauer. Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, eine
-schwarztibetene und eine rottibene.«
-
-»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« begehrte der
-Dullhäubel.
-
-»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen wir miteinander den
-Heiratsbrief auf. Bäurin, bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die
-Sach in Gang und Schwang bringen.«
-
-Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser hin. Aber weil sie die
-Gänse im Stall nicht aufstören wollte, gebrach es an einer Feder, und
-Papier fand sie nicht vor.
-
-Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. »Das ist jetzt das Papier.«
-Er reichte dem Dullhäubel einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein,
-Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein Weib sind keine
-Schriftgelehrten, zu unserer Zeit ist weit und breit keine Schul
-gewesen.«
-
-Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel kratzte emsig mit dem
-Stroh seine hagebuchenen Buchstaben auf den Tisch.
-
-»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt tausend Taler mit und
-einen Kammerwagen voll Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der Name
-des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der Lugaus drei Kreuze unter
-den Heiratsbrief und drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite,
-daß die Schrift nicht verwischt werde.
-
-»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den väterlichen Segen geb!«
-
-Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd auf ihre starken
-Kniescheiben hin, die Bäurin schneuzte sich in den Unterkittel, der
-Lugaus breitete wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und sagte: »Sei
-froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer wirst, du brauchst nach dem Tod
-nit im Moos die Kiebitze hüten!«
-
-»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir gern anschauen,« bat der
-Dullhäubel.
-
-Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den Stall, wo das Vieh lag und
-atmete. Mit gekrümmtem Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. Sie
-schauten sich mürrisch um und zogen das Maul scheel.
-
-»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein
-schönes Ort. Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, die Küh.«
-
-»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber wann soll uns der Pfarrer
-zusamm binden?«
-
-»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.
-
-»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich zu sagen.«
-
-Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit ihr, Müllner, und sag
-ihr es deutlich!«
-
-Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus dem Gehöft in den Wald hinein.
-Ein mondsüchtiges Füchslein gellte, lau strich die Luft durch die
-Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.
-
-Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.
-
-»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.
-
-Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, kerbte sie ihm die
-Nägel ins Gesicht.
-
-Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist du wie eine
-Kranwitstaude!«
-
-»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete sie, »heut wär es noch
-zu früh. Aber jetzt geh ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören,
-wo ich einmal die Müllnerin bin.«
-
-Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum Schopf hinauf. Da hatte er sich
-eine saubere Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und fest wie ein
-Felsen vor ihm stand! Die gibt nimmer nach.
-
-»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. »Es paßt sich nit. Was
-täten die Leut dazu sagen?«
-
-»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind wir Mann und Weib.«
-
-Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug mit ihm den Weg über
-die Grenze ein.
-
-Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. Der Mond stand im
-Vollschein.
-
-»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.
-
-»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er heraus. Er stolperte
-unwirsch dahin und dachte, wie er sie vertreiben und die Gefahr
-abwenden könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn aufdrohte.
-
-Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute sich ratlos um.
-»Jetzt haben wir uns vergangen. Ich weiß keinen Weg.«
-
-Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten in den Schluchten hebt der
-Bach an, der leitet uns gewiß zu deiner Mühl.«
-
-Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie rieche den rechten Weg.
-Dem Dullhäubel ward unheimlich.
-
-Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!
-
-Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich närrisch zu stellen, daß er
-die felsenfeste Braut verscheuche.
-
-Droben am Ast schrie ein Schuhu.
-
-Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, wie schön der
-Vigelvogel pfeift!«
-
-»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.
-
-Er langte nach einem Ast und wollte sich daran hinauf schwingen. Sie
-hielt ihn zurück.
-
-»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen helfen?«
-
-»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond zieht mich alle Nacht in
-die Höh. Gestern bin ich aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist,
-da bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«
-
-»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. Zieht er dich an, so häng
-ich mich dran. Und ich bin gewichtig.«
-
-»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab schon mehr als einen
-umgebracht.«
-
-»Das glaub ich nit,« sprach sie.
-
-Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr schauerlich zu Mut
-wurde. Er fing auf einmal ohne Ursache grausig zu lachen an und sang
-unverständliches Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten lauter
-Leut, oben wie eine Tirolerin!«
-
-»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« rief die Ogath
-erschrocken.
-
-»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir im Kopf!« flüsterte er,
-duckte sich und schlug einen Purzelbaum.
-
-»Du hast ein Fieber, Bub.«
-
-»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte hellauf, kniete dann vor
-eine Rotkröpfelstaude hin und betete ein Vaterunser.
-
-Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist du unrichtig im Hirn,
-oder feindet dich der höllische Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich
-dich nit verlassen, ich muß dich in die Mühl bringen und deinen Leuten
-übergeben.«
-
-Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, dumm und stumm ließ er
-sich führen, und sie redete ihm tröstlich zu und betete still vor sich
-hin, Gott möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.
-
-Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward dem Schelm der Weg
-unter den Fersen. Er mußte die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg
-von Unheil und Spott über ihn.
-
-Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich verdien dich gar
-nit. Kehr um, kehr um beizeiten! Ich könnt dein Unglück sein.«
-
-»Ja warum denn?«
-
-»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist alles, alles nit wahr.
-Die Ehr schneiden sie mir ab ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«
-
-»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, Bub. Und ein wenig
-verzeih ich dir schon.«
-
-»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen rollten ihm übers
-Gesicht. »Die Leut sagen, daß ich -- daß ich -- schwanger bin.«
-
-Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in eine Fichte, hängte
-den Hut daran und sprang in hohen Sätzen davon.
-
-Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um das blanke Messer leid, sie
-raffte die Sachen an sich und rannte ihm nach, und weil sie gar flink
-auf ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er keuchend bei
-der Blaumantelkapelle rastete und bei dem Heiligen Hilfe zu suchen
-schien wie ein gehetzter Hirsch beim Einsiedel.
-
-»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg heuchelst, soll dich
-der Herrgott strafen. Schwör mir bei dem Heiligen da, daß du mich nit
-narrst. Der Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. Wenn du
-falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«
-
-Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und fuchtelte damit irrsinnig
-im Wind herum. Taub gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu einem
-dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte ihr schluchzend die
-Hälfte. »Ogath, nimm es an und trag es um den Hals zum Andenken!«
-
-»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte traurig um. Denn da
-war nimmer zu helfen. --
-
-Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, was der Bräutigam
-geschrieben hatte. Anstatt des Heiratsbriefes las sie einen Reim.
-
- Drunt im wilden Moos
- liegt ein totes Roß,
- vorn und hint offen,
- ist der Schwäher draus gschloffen.
-
-Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer Bürste ab. In ihrem Hirn
-blieb er brennen.
-
-Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg Vater und Mutter gegenüber.
-Doch den falschen Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres
-Donnerwetter anheben.
-
- * * * * *
-
-Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath übers Gebirg nach Fuxloh, wo
-sie sich den Weg zur Mußmühle weisen ließ.
-
-Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen Mühlstein stand der Gid und
-zündete sich die Pfeife an. Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz
-hinten am Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, schließlich
-spreizte er die Beine, bückte sich zu dem Mühlsteinpflaster und
-streifte daran, und als auch das kein Feuer gab, schleuderte er
-fluchend das Hölzlein weg.
-
-Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel läutet, Mühlbursch. Schütt
-Korn zu, statt daß du da so langweilig spielst.«
-
-Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, dann meinte er spöttisch:
-»Hoho, da kommt eine daher gelaufen und will mir was schaffen.«
-
-Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß daher. Ich weiß, wer
-ich bin und was ich hab, und ich weiß, wem ich angehör.«
-
-Der junge Müller lachte. »Du kannst die Kaiserin selber sein, mir hast
-du nix zu sagen. In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«
-
-Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich im Herzen und merkte, daß
-sie von dem bösen Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber sie
-ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen machten, nicht übers Ufer
-treten, und weil sie sich einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte
-und ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem Mühlstein besser
-gefiel als der fuchsbärtige Freier, und weil sie es daheim in der Einöd
-nimmer freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem brausenden
-Haus ihr Bleiben könnte haben.
-
-Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in der Ader, als sie sagte:
-»Wenn du der Müllner bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn
-braucht?«
-
-»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter hätt eine Hilf not,
-sie ist nit gesund.«
-
-Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark bin ich. Da greif mir den Arm
-an. Deine Mehlsäck heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den jungen
-Müller bei den Knieen, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, hob sie
-ihn in die Höhe.
-
-Als er verwirrt und schier taumelnd wieder Boden faßte, stammelte er:
-»Du hebst einen Mühlstein. Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. Du
-bist zu brauchen.«
-
-Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, rannte die bestäubten
-Stiegen auf und ab, goß das Korn in den Trichter und warf sich spielend
-die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie mit Federn gefüllt.
-Sie lernte die Schleusen öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem
-Kieshammer und die Pfannen der Räder schmieren und besorgte das Vieh
-im Stall und den Mittag am Tisch und die gichtische Müllerin im Bett.
-So gewann sie bald das Herz der Alten, und die schwarzen Augen des Gid
-flogen ihren schnellen und kräftigen Bewegungen allzeit nach.
-
-Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte hatte die Stirn gerunzelt,
-er starrte in die Milchsuppe wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.
-
-»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die Müllerin. »Ärger dich nit über
-das, was nit zu ändern ist!«
-
-Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. »Ja, Ogath, vormals hat
-es eine schöne Gerechtigkeit für uns gegeben: meine Vorfahrer haben
-von jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, und wenn ihn auch
-die Fuxloher in der Kuckucksmühl, in der Grillenmühl oder in der
-Samstagmühl haben mahlen lassen.«
-
-»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte der Gid. »Alle
-Ordnung ist zerfallen. Das wurmt mich.«
-
-Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. »Männer, den Stein, den man
-nit heben kann, laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld ab und
-hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch einmal so geschwind drehen,
-die Arbeit tät nit abreißen.«
-
-»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte der Alte. »Aber jetzt
-rührt sich der Mühlteufel wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er
-sich. Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, -- jetzt kommt er zu
-dir, Gid.«
-
-Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast du ihn gehört?«
-
-»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert er im Wasser unterm
-Mühlrad.«
-
-»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es rauscht und saust nur der
-Bach so seltsam.«
-
-»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte der Alte.
-
-Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein Frost. »Hast du ihm am
-letzten Nikolaitag was zu essen in die Radstube hinunter geschüttet?«
-
-»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut hab ich ihm auch hinunter
-geworfen, daß er sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den Frieden
-laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er trotzdem da.«
-
-»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.
-
-»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein Fischotter, und im Wasser
-wird er nit naß. Im Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann ihn
-nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger als neun Fliegen. Wie der
-Ähnel noch auf der Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in der
-Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit nit findet.«
-
-»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, »ich richt ihm die
-Otterfalle auf.« --
-
-Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten immer still unter dem
-Mühlrad, wie atemlos auch die zwei Müller hinunterlosten.
-
-Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem Haus und die Ogath bei der
-siechen Mutter wußte, da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades
-seltsam planschen und rauschen.
-
-Der junge Mensch lauschte fieberisch.
-
-Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem Schopf und spitzem Gebiß
-und langen Krallen? Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter
-gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?
-
-Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der ihm die Werkstatt unheimlich
-machte, auf Leben und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur
-Radstube auf. In der schäumenden Traufe des Mühlrades, in wirbelnden,
-stoßenden Wassern, im Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte
-einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich hinab ins Wasser und
-hielt den wunderkühlen, starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.
-
- * * * * *
-
-Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei Hochzeit.
-
-Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd und jenhalb des
-Gebirges rückte an, die Männer mit Myrtensträußen in den schwarzen
-Röcklein, die Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum Kittel, die
-Jungfern schillernd in braunen und rötlichen Kleidern.
-
-Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem Bräutigam einen Stall
-voller Ochsen und viel Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld,
-der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen wünschte er den
-Stall voller Kühe, davon eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine
-neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren sieben Kinder und zuletzt
-einen rotschädligen Buben.
-
-Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt endlich der Brautführer
-daher, und der ist mein bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«
-
-Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie den falschen Burschen daher
-schlendern sah, der in der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den
-roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte ihn an dem großen,
-runden Kopf und den winzigen Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber,
-als wäre er ihr fremd.
-
-Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und Sträußlein fein
-herausgeputzt, sein Brustfleck war mit doppelt aufgereihten
-Silberzwanzigern verknöpfelt, und an der geschmiedeten Silberkette
-klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend Frauentaler. Und
-als die Brautschar gen Blaustauden ging und die Bauern jauchzend die
-runden Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen Hut am höchsten
-und er schnackelte mit den Fingern und schnalzte mit der Zunge, und
-keiner tat es ihm gleich.
-
-Über den Wald herauf winkte der Turm mit dem Schindeldach, der
-Wildtauber ruchzte im Tann, gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub
-spielte, Blumen liebäugelten auf der Wiese.
-
-In ihren knisternden Schuhen trat die Braut stolz daher, ihr
-lichtgrauer Seidenrock hatte tausend Falten und stand über die vielen
-Unterkittel also breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein
-konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, der vorn über der
-stattlichen, ernsten Stirn wie eine Krone geflochten war und, sich über
-dem Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.
-
-Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten Blaustaudner
-führte der Dullhäubel die Braut zum Altar, und er konnte es sich nicht
-versagen und wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit Recht?«
-
-Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen und antwortete: »O du
-hundsschlechter Kerl!«
-
-»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, das freut mich.«
-
-»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn man ihn mit Weihwasser
-abspritzt,« murmelte sie zornig und kehrte sich ab.
-
-Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete sich mit
-brasilianischem Tabak.
-
-»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen schnupfenden
-Brautführer!«
-
-Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich freue mich schon auf die
-schöne Musik,« flüsterte er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich
-unser Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die Augen schießen.«
-
-Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar und gab die Brautleute
-zusammen. Es war ein Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie
-überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann Gid und die große,
-schöne und stille Ogath.
-
-Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub ein derart wüster Mißklang
-an, daß die Leute erschraken, der Schulmeister mußte einhalten, er
-sprang wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der Balgentreter
-horchte in die Windkammer hinein, ob nicht der Leibhafte drin knotze,
-und endlich kamen die Musikanten dahinter, daß ein verwogener Schelm in
-der Nacht vorher die Orgelpfeifen unter einander vertauscht hatte.
-
- * * * * *
-
-Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« gerüstet.
-
-Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen dem Gid und der Igelbäurin,
-die als erfahrene Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt
-wurden.
-
-Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck und Bäuschel;
-mit Zuckersachen besteckter Reis ward aufgetragen und Kaffee in
-ansehnlichen, bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer Kuchen.
-Die Gäste packten sich Schweinsbraten und fette Würste in Bündel zum
-Heimtragen ein. Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, auf
-den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter mit bedächtiger
-Würde zu den Brautleuten: »Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie
-der Ehstand ist.«
-
-Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß hinein und sprach kauend
-über den Tisch hinüber zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer
-Mühl keine Scheuer ist?«
-
-Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, und wich der
-Frage aus: »Ich weiß nix und will nix wissen.«
-
-Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter und erzählte: »Da ist
-in der Mühl einmal der Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin
-stellt ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann will mit dem Löffel
-einen Knödel auseinander zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er
-gewaltig an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, doppelt
-durch, springt draußen an einen Stein, daß das Licht davon fliegt,
-schlagt an die Scheuer, die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker
-drein geschaut!«
-
-Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, du willst mich heut
-an meinem Ehrentag spotten?!«
-
-Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du sollst doch einen Spaß
-verstehen, Gid!«
-
-Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut hinein.
-
-Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die Müllnerin, die die
-steinernen Knödel hat kochen können, geheiratet hat, da ist es weit
-gemütlicher gewesen als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, daß
-der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt sind sie in den Stall
-hinuntergepurzelt. Die Braut ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen
-kommen.«
-
-Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe aushüpfte. »Du
-lügst mehr, als ein roter Hund rennen kann, Kasper.«
-
-Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel hin. »Du plauderst allerhand
-Dummes über unsere Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, und
-ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste Mühl gewesen. Die Fuxloher
-Bauern haben bei uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch schriftlich
-daheim, du kannst es lesen. Die alten Fürsten haben ihren Namen drunter
-gesetzt. Heut haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue
-Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er will. Der Mühlzwang hätt
-nit abgeschafft werden sollen. Das ist nit recht.«
-
-Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte Pflicht muß wieder
-aufkommen,« sagte er heiser. »Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr
-da sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. Ich setz es
-durch.«
-
-»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« rief der Alte, »ins
-fürstliche Schloß haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange
-gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Jetzt gehen viele
-Gaukelmühlen an unserem Bach, hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft
-und keiner recht zu fressen.«
-
-»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.
-
-»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, der Fürst hat es bestätigt.
-Und was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die
-Mußmühl!«
-
-»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.
-
-Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der Gid über den Tisch, und
-der alte Müller hielt den Dullhäubel schon an der Gurgel.
-
-Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner Grazian darein, die
-schneidende Stimme erhob er: »Lasset uns ein andächtiges Vaterunser
-beten für die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und der Braut!«
-
-Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen vermischten sich in
-einem eintönigen Gebet für die verschollenen Seelen der Vorfahren.
-
-Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in allen das Waldblut
-zu zucken und zu springen anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das
-Brautpaar soll vivat leben!«
-
-Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin und begehrte als Brautführer
-von ihr als sein Recht den ersten Tanz mit der Braut.
-
-Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst bring mir eine Kerze, die
-Tag und Nacht brennt!«
-
-Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum Fenster in den Garten hinaus,
-rannte um den Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, und die
-steckte er der Iglin in das Bierglas.
-
-»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. Und jetzt laß mich mit ihr
-landlerisch tanzen!«
-
-»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein jedes muß anders
-brennen.«
-
-Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und trug nach kurzer Weile ein
-Brett daher, darauf glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist
-und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten Schnäpsen.
-
-»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er und bot ihr ein Stämplein
-dar, »das ist ein süßer Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist
-ja genäschig wie eine Geiß.«
-
-Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann schämig nach dem gelben
-Schnaps, spitzte den Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr Gesicht
-sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. »Der Spitzbub hat mir
-einen Essig gegeben,« schalt sie.
-
-Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß mit der Jungfer Braut,
-zeig mir ein Bett, drin neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte,
-keine am End!«
-
-Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und meinte, das errate der
-Kuckuck. Aber er stieg auf den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher
-und drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.
-
-»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt trag mir noch einen
-lebendigen Braten auf!«
-
-Während der Dullhäubel den Braten holte, kroch der Lukas Schellnober,
-der bei der Musik den Baß blies und als der stärkste Mann in der Gegend
-galt, unbemerkt unter den Tisch und packte die Ogath beim Fuß. Sie
-kreischte und strampelte, und die Brautmutter half ihr und raufte den
-Mann unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab ihm die Braut
-selber einen Schlag auf die Wange, daß es wie ein Schuß knallte. Doch
-der Riese zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn niederging,
-den Schuh aus, kroch schnaufend unter dem Tisch herfür und trottete zur
-Tür hinaus. Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken und Rosen
-und Stiefmütterlein gefüllt vor die Braut hin.
-
-»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« befahl die Iglin. »Den Fuß
-hätt er ihr schier ausgerissen.«
-
-Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die Ogath hat Kraft,«
-staunte er, »die hat mir einen feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den
-Gemeindestier schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das Wetter
-einschlaget.«
-
-Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er den Schmerz, der ihm im
-Schädel summte.
-
-Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte Schüssel auf den Tisch.
-»So, da wär der lebendige Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus
-schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um den Hals.
-
-Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen und stiegen auf die
-Stühle und Bänke. Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin und
-her, warf die Stengelgläser um, daß es ein feines Geklingel gab, und
-wagte endlich den Sprung auf den Fußboden.
-
-Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, jetzt bau der Braut eine
-silberne Brücke und nimm sie zum Tanz!«
-
-Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und legte zwei Reihen
-Silbergulden von einem Tischeck zum andern, und die Ogath trat zaghaft
-darauf und schwankte den silbernen Steig dahin und sank hinab in die
-Arme des Dullhäubel, die Spielleute setzten an, und die zwei tanzten so
-wild, daß der lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut weithin wehte.
-
-Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla auf einem Stein. »Sie werden
-doch drin nit auf mich vergessen,« raunte sie.
-
-Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf ihr einen Kuchen in den
-Schoß.
-
-Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob ich ein schwarzes Brot
-krieg oder ein weißes. Das weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«
-
-Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer Stirn verging nicht, und
-kein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel
-trieb.
-
-Am meisten zielte sein Übermut nach dem Bräutigam.
-
-»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das Haar dran bergan wachst!«
-
-»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.
-
-»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den Mehlsack greift.«
-
-»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« brauste der junge Müller.
-
-Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit um solche Reden! Du
-brauchst viel Mehl, wenn du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«
-
-»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« schrie der Gid. »Soll
-ich allein mir alles gefallen lassen?«
-
-Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried stifte, und als dieser
-merkte, daß sich der Groll wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog,
-da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen über Leute,
-die nicht da waren, und unterhaltliche Lieder zu singen, darin er sich
-selbst ein Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak auf die
-linke und die rechte Achsel, drehte den Kopf wie ein Wendehals darnach
-und schnupfte ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.
-
-Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste wieder mit ihm aus. »Man
-kann ihm nit feind sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.
-
-Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal in der Brautkammer
-lagen und die Mühle rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen im
-Garten die Pumpe ächzen.
-
-Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht den Brunnen aus.
-
- * * * * *
-
-Die Jahre verwichen.
-
-Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin und mit Knecht und Magd
-auf seinem Hof. Die Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und
-gehend ein.
-
-Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte ihm viel mehr,
-den Fuxlohern allerhand Possen zu spielen, Land und Leute gen einander
-zu hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und ein Leben zu
-führen wie seine Vorfahrer.
-
-Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter seinem Gitter von der Welt
-ab, immer saurer sah er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte,
-und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige wisse um all
-seine Schwänke und verrate sie vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann
-er sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen könnte.
-
-Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt und im Faß eingetreten
-war, schleppte er den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn
-statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu beschweren. »Jetzt bist
-du beschäftigt, du Müßiggänger,« spottete er.
-
-Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger waltete, plagten
-den Dullhäubel bergschwere Träume und vergällten ihm den Schlaf.
-
-Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar und Bart, und er, der Bauer,
-müsse ihn scheren und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf
-den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, schnitt er
-ab. Es war aber steif wie Eisendraht und kaum zu bewältigen. Hernach
-striegelte er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich
-verfilzten Schopf nicht durchrütten können. Er schnitt ihm den Bart vom
-Kinn und aus den Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen Löffel
-in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, seifte und schäumte ihn
-ein und balbierte die Stoppeln mit einer Dachschindel. Der Bart aber
-wuchs augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren zu einer
-schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei glotzte der Blaumantel seinen
-Schaber höllisch an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den
-grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr der Dullhäubel aus dem
-Schlaf, an seinem Hemd war kein trockener Faden.
-
-Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich wiederkehrte. Der
-Heilige im Krautkeller wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer
-des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden zum Dach hinaus, daß
-die Balken sich bogen und die Schindeln flogen und das Haus wankte
-und schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, und der Dullhäubel
-mußte ihm hinten und vorn Schürzen und Leintücher vorhängen von
-wegen der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte und flammte der
-Heiligenschein und drohte, Wald und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer
-einen Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern um Hilfe, aber
-alle Fuxloher Männer vermochten den verwilderten Blaumantel nicht zu
-überwinden, den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen auf der
-Wallfahrt nach Maria Dorn.
-
-Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein zerrissenes Gewissen
-schreien, und als ihn der Blaumantel einmal wieder wie eine Trud
-drückte, keuchte er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den
-Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte ihn zur Kapelle.
-
-Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches meckerte im finstern Moor.
-Ein Hund schrie Mord über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe
-hüstelte im Schlaf.
-
-Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und ward immer schwerer und
-schwerer; der Dullhäubel meinte, Himmel und Erde müsse er tragen.
-Vielleicht war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht
-funkelte es hinter seinem Genick im Korb und war ein Bild des
-Gottseibeiuns selber, das sich ein Zauberer und Götzenknecht geschnitzt
-hatte in böser Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl gar
-aus dem Korb und schleudert den Bauer selber hinein und schleppt ihn --
-Gott verhüt es! -- zum höllischen Backofen.
-
-Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, sein Atem klemmte sich.
-Vor Angst betete er laut und untertänig, und er stellte seinen blauen
-Feind unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die Nische.
-
-Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig und eingezogen, und
-das um so lieber, als ihm die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen
-er mißbraucht hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden Gottestag die
-Predigt zu hören und seinen Groschen zu opfern zur Ehre der Kirche und
-zum eigenen irdischen und himmlischen Vorteil.
-
-Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen Sünder gern eine
-Sperrkette über den Weg. Also geschah es auch dem Dullhäubel, als er
-sich wieder einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und in aller
-Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor hatte lehnen wollen.
-
-Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte den Sonntagsrock an
-und steckte das rubinene Glas zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum
-Saustall, den er sich ganz klein hatte zimmern lassen und redete durch
-das Futtertürlein dem Vieh gütlich zu: »Friß nur, Sau, daß du einen
-Leib aufnimmst! Oder hast du keine Ehr in dir?«
-
-Wie er jetzt so treuherzig und in der besten Absicht bergab trabte und
-der Wind über die Zäune strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm
-ein hitziger Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber ihn beim
-Brustfleck und schrie: »Gerad will ich dich heimsuchen. Ich hab gehört,
-du verkaufst eine Sau.«
-
-»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, ist nit gewiß.« Und der
-Dullhäubel vergaß schnöd des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker
-schnurstracks um.
-
-Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich in den winzigen Stall
-gestellt war, so füllte sie ihn aus und erschien gar mächtig.
-
-»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«
-
-»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«
-
-Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte Augen wie Pflugräder
-und drohte, ins Knie zu fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch
-worden, Kasper.«
-
-»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.
-
-»Was wiegt die Sau?«
-
-»Schätz sie ab, Luitel!«
-
-»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«
-
-»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt willst du mich betrügen, wo ich
-dir so weit entgegen kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund wiegt
-eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, die Sau, sie geht schier nit
-in den Stall hinein. Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«
-
-»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat sie nit einmal samt dem
-Saustall.«
-
-»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der Dullhäubel.
-
-Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. »He, das soll eine Sau
-sein?« rief er empört. »Gib sie her um zwanzig Gulden!«
-
-»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«
-
-»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So manches Jahr sind wir
-treue Freunde gewesen. Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen?
-Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«
-
-»Dreißig Gulden.«
-
-»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du von mir einen Kreuzer mehr
-kriegst als zwanzig Gulden,« schwor der Fleischhacker.
-
-Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf Minuten? O Freund, da mußt du
-dich hübsch fleißen!«
-
-»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte Stund! So ein elendes
-Krepierlein! Die Knochen stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem
-Schinder hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig
-Gulden!«
-
-»Dreißig.«
-
-»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal kriegen!« fluchte der
-Luitel. »Die Sau soll dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen
-kannst!«
-
-Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der Nase und trat einen Schritt
-zurück. Die Verwünschung griff ihn an, und schier hätte er nachlassen.
-Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: »Dreißig Gulden.«
-
-Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die Verzweiflung Hast du
-ein Herz im Leib, Kasper? Bist du ein Christ? Gib her die Sau um
-achtundzwanzig Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«
-
-Er versuchte immer wieder in die Hand des Bauern einzuschlagen, die wie
-tot hing. Er winselte, beschwor, fluchte, verwünschte.
-
-Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! Du bist ja nit
-verheiratet mit meiner Sau.«
-
-»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer,« schluchzte der
-Luitel, »und nimm dir die Sünd mit in die Ewigkeit!«
-
-Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich will dich nit
-unglücklich machen, und weil du mein Freund bist seit jeher, so gehört
-dir die Sau um den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber nit
-gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige Freud gewesen; ich hab sie
-aufgefüttert und wachsen sehen und zunehmen --.« Er wischte sich über
-die Augen, seine Stimme erstickte.
-
-Da schlugen die zwei ein. Der Handel war geschlossen.
-
-Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche auf und zahlte.
-Bedächtig zählte der Bauer das Geld nach, und als er es verwahrt hatte,
-half er dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren aus dem Stall
-ziehen.
-
-»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte der Luitel, als er sie im
-hellen Taglicht sah.
-
-Und als er sie gar durch das große Hoftor zerrte, wurde es ihm durch
-den Vergleich recht augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor Wut
-ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.
-
-Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und frohlockte laut: »Den hab
-ich angeschmiert, daß ihm die Augen tropfen.« --
-
-So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im Handel messen wollte.
-
-Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er ihr im letzten Wirtshaus,
-wo er einkehrte, eine kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete
-das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer Rasen Wasser in sich, bis
-es die Wampe voll hatte. Dann stand es stattlich da und freute sich
-eines guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie mit erklecklichem
-Gewinn los.
-
-Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen Heuwagen voll.
-
-Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, trotzdem daß er seine
-Hände schonte und die schönste Zeit beim Bier verlümmelte. Mit
-glänzenden Fellen stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten
-eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, seine Hennen legten
-Eier mit zwei Dottern. Kein Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein
-Schauer knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr unters Dach.
-
-Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem gerechten Herrgott irr.
-
- * * * * *
-
-Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel aus, er scheute ihn. Der Gid
-wurde immer hitziger und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil
-er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. Auch sonst störte
-ihm mancherlei das Glück, besonders aber, daß in der Mühle die Wiege
-leer blieb.
-
-Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er schlich sich den Bach
-entlang, den mürrischen Nachbar ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.
-
-Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die Hollerstauden. Die Mühle
-rumpelte verschlafen, und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll -- ich --
-denn -- noch einmal -- umgehn?«
-
-Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. Es hatte schon lange
-nicht geregnet, und wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf der
-Sonnenbank und flickte.
-
-Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: »Wie die sieben dürren
-Jahr schaust du drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu langsam?«
-
-Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn der Fuchs durch den Zaun
-blinzt.
-
-Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen Grenzstein jenseits
-des Baches und fragte: »Strickst du den Geiferlatz für den neuen
-Müllnerbuben, Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in den
-Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«
-
-»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch lustig,« speiste sie ihn ab.
-
-Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, du oder der Mann?
-Müllner, du mußt sie über neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn
-sollen dir helfen.«
-
-Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig und schier drohend
-brummte: »Juckt -- dich -- der -- Buckel? Juckt -- dich -- der --
-Buckel?«
-
-»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich brauch ich am
-wenigsten. Du bist derselbe Lump wie deine Ähnel.«
-
-»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« entgegnete der Dullhäubel.
-»Wenn ich ihr nur meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen
-Buben, die Ogath.«
-
-»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte der Gid. »Das muß
-ich mir ins Gesicht sagen lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«
-
-»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte sie bang. »Vielleicht
-nutzt es.«
-
-»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«
-
-»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« kicherte der Dullhäubel.
-
-Der Müller wurde schneeweiß und packte einen Hammer, der auf der
-Türschwelle lag. »Ich erschlag dich, ich bin Gott einen Toten
-schuldig,« zischte er und sprang über den Bach.
-
-Er war flinker als der Nachbar, und als er ihn gestellt hatte, schlug
-er mit dem Hammer blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß er
-hin in die Binsen fiel.
-
-Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und spottete: »Hat dich der
-Buckel gejuckt? Hat dich der Buckel gejuckt?«
-
-Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem Weib zurück. »Den Grenzstein
-will ich heut noch mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl
-drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und wenn wir zwei solange drum
-wallfahren müssen, daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von der
-Ferse fällt!«
-
-Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand Gedanken an Schergen,
-Gericht und Zuchthaus aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel
-und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, so klag ich; blut ich
-nit, so klag ich nit.«
-
- * * * * *
-
-Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle
-kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß
-unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den
-Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur
-einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.
-
-Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für
-Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres
-verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil
-alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte
-sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.
-
-Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer
-aus dem Sinn.
-
-Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat
-schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden.
-Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt
-werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in
-letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder
-zuteil wird.
-
-Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch
-immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich
-so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.
-
-Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort
-wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.
-
-Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald,
-der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur
-Kindelkapelle führte.
-
-Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog
-ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen
-Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue
-Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den
-Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand
-sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.
-
-Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.
-
-Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd
-ab und war nackt.
-
-Ihr schauderte.
-
-Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle
-Wallfahrt.
-
-Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers
-ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und
-lauschte lange und traurig.
-
-Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor
-den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte,
-sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen
-schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht
-und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles
-kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.
-
-Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast,
-spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der
-Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has,
-der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie
-alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit
-dahin wallte.
-
-»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen,
-Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig
-mir mein Bild nit, du stiller Bach!«
-
-Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume
-schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen
-tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den
-finster geschlossenen Wipfeln.
-
-Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.
-
-Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen vor aller Welt,
-so recht geeignet, daß ein armes Mutterherz oder eine betrübte Magd
-oder ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm hat, sich in aller
-Geheime ausweinen konnte.
-
-Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. Das Herz ward
-ihr sonnenlicht, als sie den Altar sah.
-
-Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, weiß wie ein Lilienblatt,
-schlicht und einfältig, und neben ihr beugte sich der Zimmermann mit
-dem eisgrauen Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe, darin ganz
-nackt und bloß das Himmelskind schlief, und zwei Eheleute schauten
-furchtsam drein, denn die Könige waren gekommen, den Heiland im
-kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz wie ein Kohlenbrenner,
-der Melcher, der Weihrauchkönig, reitend auf dem Kameltier, und der
-Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. Ganz hinten, durch
-zierliche Heiligenscheine aus ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel
-und der ägyptische Esel.
-
-Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.
-
-Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: »Die Mußmüllnerin bin
-ich, und es ist eine Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh.
-Aber deine Augen sind so still, und du schaust mir ins Herz bis auf den
-Grund. Du siehst nix Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen
-Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem Leib möcht ich gehen wie
-die anderen Weiber, und so bitter gern tät ich am Anger vor der Mühl
-Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein schlimmes Büblein, oder
-wenn es ein Dirnlein sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen
-und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig tragen, was so ein Kind
-bringt.«
-
-Weiter fand sie keine Worte.
-
-Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen Wunsch hinein
-und wiegte still und versunken in den Anblick der heiligen Leute und
-gläubig, daß das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, nackt zu
-wallfahren.
-
-Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken war und die
-Kapelle sich mit grauen Schatten füllte.
-
-Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das Gras zischte oder der
-Wind flüsterte, verzagend vor jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine
-Staude, drin nicht ein Auge ist.
-
-Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen Rast. Wie
-stockende Geister leuchteten die weißen Grenzsteine. Droben tat sich
-der Sternhimmel auf und funkelte durch die Wipfel nieder und silberte
-Zweig und Laub.
-
-Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, und die Blendnis
-ihres Fleisches lockte und schrie durch die Nacht.
-
-»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.
-
-Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. Durch die Stille hörte sie
-schon die Mühle. Fern über den Bäumen sah sie hin und wieder das
-Gebirg in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte und wanderte im
-Glanz ihres Leibes hin.
-
-Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand versteckt hatte,
-huschte ein Mann aus den Felsen herfür und griff nach ihr.
-
-Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles geschehen.
-
-Es mußte so sein.
-
- * * * * *
-
-Als der Gid erfuhr, wie die Ogath wallfahren gegangen war, prügelte er
-sie unbarmherzig, daß sie blau und blutig wurde, und das starke, stolze
-Weib ließ sich schlagen und wehrte sich nicht.
-
-Tags darauf kam der Zusch, ein närrischer Mann, zum Müller und lallte:
-»Der Dullhäubel schickt mich. Du sollst ihm Haut und Haar von deinem
-Weib schicken. Du hast gestern geschlagen.«
-
-Der Gid jagte ihn davon. --
-
-Im Frühjahr gebar die Ogath ein Dirnlein mit dickem, rotem Haar.
-
-Der Müller zerbiß sich die Lippen, er hatte einen Buben begehrt.
-
-»Woher hat sie das rote Haar?« murrte er.
-
-Er versperrte sich immer mehr in sich selbst. Seine Augen flogen scheu,
-die kargen Worte, die er redete, zauderten undeutlich an seinen
-Lippen. Oft brütete er stundenlang über dem Brief, der den Vorfahren
-Zins und Kundschaft verbürgt hatte, und sann auf Wege und Schliche und
-Gewaltsamkeiten, sich wieder ins alte Recht zu setzen.
-
-Einmal saß er am Fenster und quälte sich, eine Bittschrift an den
-Kaiser aufzusetzen. Denn im fürstlichen Schloß hatte man ihm gesagt,
-der Kaiser selber habe die Zwangmühlen abgeschafft. Er wollte mit der
-Schrift nach Wien reisen und dort, wenn es nicht anders ginge, einen
-Fußfall tun.
-
-Da holperte draußen auf der Straße ein Wagen daher, der Fuhrmann pfiff
-gell und knallte ohne Aufhör mit der Geißel. Der Gid riß das Fenster
-auf und schaute hinaus. Es war der Dullhäubel. Seine Ochsen wollten den
-mit Kornsäcken beladenen Wagen vorüberziehen.
-
-Aufsprang der Gid, packte die Urkunde und rannte hinaus.
-
-Er trat dem Fuhrwerk in den Weg und hielt die Ochsen an, die Augen
-flirrten ihm.
-
-»Kasper, wohin?«
-
-»In die Mußmühl nit, in die Grillenmühl,« sagte der keck.
-
-»Das ist gegen das Gesetz,« lechzte der Gid. »Da siehst du die Schrift.
-Schwarz auf weiß steht drin, daß du bei mir mahlen mußt. Dein Hof steht
-drin aufgeschrieben mit Tinte und Feder. Mir ist es nit ums Mahlgeld,
-mir ist es ums Recht.«
-
-»Ich mahl bei dem groben Müllner nit, der mit dem Hammer die Leut
-erschlagt.«
-
-»Gelt, Kasper, du fahrst an meiner Mühl vorbei, weil du weißt, was mir
-ein Spieß ins Aug ist! Heut laß ich dich nit vorüber. Recht muß Recht
-bleiben. Übers Recht gibt es keinen Weg.«
-
-»Speib Gift, speib Gall!« sagte der Dullhäubel kalt. »Deine Red hat
-keinen Kopf und keinen Fuß. Steck ein den Wisch Papier und fuchtel nit
-so vor den Ochsen herum! Du zerrüttest sie mir.«
-
-»O du grundschlechter Kasper, genau so wie deine Vorfahrer peinigst du
-die Leut. Mit Bluthunden haben sie den jungen Burschen nachgespürt, das
-lebendige Menschenblut haben sie um einen Judaslohn verraten!« spritzte
-der Gid dem Dullhäubel ins Gesicht.
-
-Der antwortete gelassen: »Du steigst mir auf den Buckel! Und es bleibt
-dabei, der Grillenmüllner und kein andrer schrotet mir das Korn.«
-
-Blutrot sprang der Müller den Bauer an. Diesmal aber war der Dullhäubel
-gerüstet. Er riß eine Ochsensenne aus dem Wagen und schlug schrecklich
-auf den Feind los.
-
-Der Gid keuchte in sein Haus. Im Flur stand der alte Müller.
-
-Der Gid faßte eine Hacke. »Reichlich hat er mich gehaut,« schnaubte
-er. »Vater, du stellst dich hinter die Tür. Du packst ihn von hinten.
-Gleich ist er da. Droben am Steinbühel graben wir ihn ein.«
-
-Atemlos warteten die zwei.
-
-Der Dullhäubel aber führte sein Korn schon weit und sang sein Leiblied.
-
- »Ich schrei hü,
- ich schrei ho,
- ich schrei allweil
- hüstaho.«
-
- * * * * *
-
-Als dem Müller die Blutrünste und blauen Flecken vergangen waren,
-steckte ihm der Bote einen Brief zu, und damit wurde er vors Gericht
-beschieden.
-
-Der Dullhäubel hatte geklagt, der Gid habe ihn auf hellichter Straße
-überfallen, ihn und seine Vorfahrer geschmäht und verschändet und ihn
-schließlich mit einer Ochsensenne halb erschlagen.
-
-»O der falsche Fuchs!« schrie der Gid. »Erst haut er mich grün und
-gelb, hernach zieht er mich vors Gericht. Auf der Stell klag ich ihn
-auch.« --
-
-Der Dullhäubel rüstete sich indes emsig für den Gerichtstag. Er wollte
-den lieben Mußmüller so weit bringen, daß er kniefällig um Verzeihung
-heulte.
-
-In der Scheuer übte er seine Rede ein. Vorerst neigte er sich nach
-allen Seiten, denn er dachte sich den Gerichtshof rund wie einen Kreis
-und rings lauter Richter und Schergen und sich selber in der Mitte.
-
-»Gnädigster, allerstrengster Herr Gerichtshof!« hub er an. »Indem daß
-der Herr Ägid Wilfinger, Müllnermeister in Fuxloh, mich, den Herrn
-Kasper Dullhäubel, ehrengeachteten Bauern daselbst und eheleiblichen
-Sohn und Nachfolger des Herrn Isidor Dullhäubel, indem daß derselbe
-denselben und seine Ochsen auf freier Straße angepackt hat und mich
-hat zwingen wollen, daß ich in seiner Mühl mahl, wo doch schon der
-Herr Kaiser Josef im Jahr achtundvierzig alle Zwangmühlen verboten
-hat, und weil ich selbem Müllner nit zu Willen war, hat er mich und
-meine gottseligen Vorfahrer mit boshaften Wörtern verunehrt und hat
-insbesonders mir -- mit Verlaub zu sagen -- geschafft, ich soll ihm auf
-den Buckel steigen. Nachdem dies geschehen war, hat er mich mit einer
-Ochsensenne so kläglich genotnötigt, daß ich vierzehn Tag meine Arbeit
-hab versäumen müssen und Hand und Fuß nit rühren können. So, jetzt hat
-der Widersacher das Wort.«
-
-Damit ging der Dullhäubel in die Ecke der Scheuer, wo spinnverwebt
-die Putzmühle stand, und drehte sie fünf Vaterunser lang, daß sie
-rumpelte und fauchte, und deutete also die Rede an, womit der Gid sich
-verteidigte.
-
-Als der Bauer an der Putzmühle in einen gelinden, warmen Schweiß
-geraten war, setzte er ab und sprach wiederum in der eigenen Sache.
-
-»Allerhöchster und ehrbarer Herr Gerichtshof! Indem daß der Ägid
-Wilfinger sich gar so lügenhaft verteidigt und mit seinen Spitzfünden
-der Wahrheit unverschämt ins Gesicht schlagt und behauptet, es hätte
-sich alles umgekehrt zugetragen und ich hätte ihm mit einer Ochsensenne
-leibgefährlich und schandbar zugesetzt, daß er schleunig in der
-Mühl habe seine Zuflucht holen müssen: so verschwör ich mich mit
-dem härtesten Schwur, daß der Müllner jetzt abscheulich gelogen und
-getrogen hat. Gott soll mich strafen, wie ich da steh, wenn nur ein
-einziges Wort nit wahr ist!«
-
-Jetzt ließ er wieder die Putzmühle lärmen, und dies bedeutete wieder
-die Antwort des Gid.
-
-Hernach schloß er die Verhandlung und sagte: »Indem daß der Müllner von
-seinem halssteifen Leugnen nit ablaßt und in ohrenblaserischer Weis
-mich, seinen Nachbarn und vormals treuen Freund ins Zuchthaus bringen
-will, so trag ich alleruntertänigst seine gerechte Bestrafung an. Ich
-bitt euch, sperrt den Herrn Ägid Wilfinger drei oder vier Jahr bei
-Wasser und Brot ein, daß mir mein Recht geschieht und er hernach als
-ein verbesserter Müllner wieder auf die Welt kommt.«
-
-Er verneigte sich nach allen Winden und ging aus der Scheuer, seiner
-Sache sicher. --
-
-Am Gerichtstag putzte sich der Dullhäubel wie ein Pfingstelreiter
-heraus: er schirrte sich in die grasgrünen Hosenhalfter und steckte
-einen Häherspiegel in den blauen Hut, die Silberknöpfe glänzten am
-Brustfleck, und so trat er getrost aus dem Haus.
-
-Als die Sodonia über ihn ein Kreuz schlug, sagte er: »Heut wird es ein
-Rausch, ob ich gewinn oder verlier.«
-
-Vor seinem Hof aber hockte die Ulla, sie ließ ihr zahnlücketes Lächeln
-spielen und grüßte: »Guten Morgen in aller Fruh, Bauer!«
-
-Das alte Weib deutete er als übles Vorzeichen. Fluchend rannte er
-in die Stube zurück, tauchte alle fünf Finger in den Weihbrunn und
-besprengte sich kräftig, daß alles Gelüst des Teufel zu schanden werde.
-Dann schlich er zur Hintertür davon und ging in einem weiten Ring um
-das Bettelweib. --
-
-Der Gerichtshof schaute ganz anders aus, als wie der Dullhäubel
-geträumt hatte. Es war eine sonnige Stube, drin auf grünem Tisch
-zwischen zwei Kerzen das Kreuz mit dem angenagelten Herrgott stand.
-
-Der Richter hatte einen breiten Goldbart, eine rötliche Nase und graue,
-scharfe Augen, die einen durch Mark und Bein schauten.
-
-Der Schreiber, dem zwischen den Augenbrauen eine mächtige Warze saß,
-zog eben den Pfropf aus einem Tintenfläschlein. Neben ihm glänzte eine
-schneeweiße Gansfeder.
-
-Als der Dullhäubel in die Stube trat, war der Müller schon drin.
-»Holla, gefehlt ist es,« dachte der Bauer, »jetzt ist mir der Kerl
-zuvor kommen!« Doch hoffte er die Scharte auszuwetzen, und er grüßte
-artig: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr Gerichtshof und Herr Schreiber!«
-
-Er wollte auch den Mann neben der schneeweißen Gansfeder ehren, denn
-wie leicht konnte der ein Wörtlein in seine Schrift rinnen lassen, das
-einem das Genick brach.
-
-Der Goldbart murrte etwas und deutete ungeduldig auf einen Sessel.
-Doch der Dullhäubel hielt es an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen,
-er holte das Tabakglas herfür und bot es mit zwinkerndem Blick auf die
-rötliche Nase dem Richter hin.
-
-»Was unterstehen Sie sich?« brüllte dieser.
-
-Der Dullhäubel legte die Hand demütig aufs Herz. »Herr Gerichtshof, ich
-bin halt ein dummer Bauer.«
-
-Er knickte auf den Sessel nieder, der blaue Hut fiel ihm auf den
-Fußboden. »Holla,« dachte er, »jetzt hab ich mich verrechnet. Aber
-meine Red muß mich herausreißen.«
-
-Die Stimme des strengen Mannes kam auf einmal ganz unglaublich mild und
-zart aus dem Goldbart heraus, die starken Augen wurden ihm feucht, er
-zupfte an seiner Nase.
-
-»Leutlein, euch hat der Herrgott nachbarlich hingesetzt in das schöne,
-friedliche Tal am Wolfsbach, und ihr steht jetzt in dieser Stube euch
-gegenüber wie zwei Waldratten, die sonst nichts mehr zu fressen haben
-als eins das andere. Was verklagt ihr euch wegen ein paar überflüssiger
-Hiebe und ein paar lustiger Wörter? Besinnt euch, ihr strittigen
-Männer! Es kann kein gut tun, wenn einer von euch wegen des andern
-abgestraft wird. Es wächst Haß daraus, und der Haß glost weiter in Kind
-und Kindeskind und schlägt allweil wieder giftig aus der Asche. Denkt
-an den Frieden eurer Enkel! Söhnt euch aus! Gebt euch die Hände!«
-
-»Ich will mein Recht,« trotzte der Müller.
-
-»Ich auch,« rief der Dullhäubel.
-
-Das graue Auge des Richters verfinsterte sich, mit langen Schritten
-ging er von Wand zu Wand.
-
-»Es ist gut,« sagte er. »Und jetzt erzählen Sie mir den Vorfall,
-Wilfinger!«
-
-Der Gid stellte sich kerzengerad hin wie ein Soldat und begann rauh:
-»Ich komm aus der Mühl. Der Kasper steht auf der Straße. Ich zeig ihm
-unsern Freibrief. Wir reden nit lang, da reißt er die Ochsensenne aus
-dem Wagen. Wenn ich nit renn, erschlagt er mich.«
-
-»Umgekehrt ist es gewesen!« kreischte der Dullhäubel.
-
-»Ruhig!« knurrte der Richter. »Ägid Wilfinger, beschwören Sie Ihre
-Aussage!«
-
-Die Kerzen flackerten unheimlich, und der Gid reckte den Arm steif auf
-bis schier zur Decke und stammelte nach, was der Richter vorsprach.
-
-»Falsch hat er geschworen, der staubige Teufel!« schalt der Dullhäubel.
-»Dir wasch ich noch einmal die Kutteln.«
-
-»Du elendiger Bauerntrumpf!« grollte der Gid. »Erwisch ich dich noch
-einmal, ich hämmer dich hin, daß du nimmer aufstehst!«
-
-Der Richter rieb sich die Fäuste. »Das ist ein spitzer Handel, Männer,«
-reizte er die zwei. »Redet euch nur die Leber frei!« Der Bart zitterte
-ihm unter dem lachenden Mund. Lachend riß er das Fenster auf.
-
-Das Geschrei der zwei Fuxloher versammelte drunten am Markt die
-Stadtleute. Sie horchten und lachten.
-
-Der Dullhäubel war rot wie ein Truthahn. »Müllnerdieb, Müllnerdieb!«
-zeterte er. Ihm fiel nichts anderes ein.
-
-Der Gid hatte keine Farbe im Gesicht. »Du abgefeimter Fuchs,« sprühte
-er, »du drehst dem Teufel einen Knopf in den Schweif.«
-
-Sie wüteten gen einander wie zwei leer laufende Mühlsteine, mit bösen
-Reden stachen sie auf sich ein, vergangene Zeiten öffneten sie und
-rissen die verweste Schande der Voreltern heraus.
-
-»Du Lump!« brauste der Gid. »Und allsamt seid ihr Lumpen gewesen auf
-euerm Hof. Der Vater sauft sich zu Tod, der Ähnel sucht die letzte Rast
-am Strick, dem Guckähnel wird der Hirnschädel eingehaut, und wer weiß,
-wie viel von deiner Brut am Galgen gezappelt haben!«
-
-Der Dullhäubel blieb nichts schuldig. »Du ehrlicher Müllner, dein
-Vater ein ehrlicher Mann, dein Ähnel, dein Urähnel, dein Guckähnel,
-lauter redliche Müllner! Kein Körnlein ist euch stecken blieben im
-Fingernagel, kein Stäublein Mehl ist haften blieben an euern Schürzen,
-keinen Sand habt ihr gemischt --.«
-
-»Was? Du willst an meinem ehrlichen Gewerb schnipfeln?« Der Gid langte
-hinüber, wie der Bär nach Reiner dem Fuchs greift.
-
-Schnell barg der Schreiber das Tintenfaß und sah sich nach der Tür um.
-
-Dem Richter schien es genug. Er brüllte, daß die Scheiben klirrten:
-»Ruhe! Sonst laß ich euch dingfest machen und ins Zuchthaus schmeißen!«
-
-Der Dullhäubel aber bäumte sich auf: »Hat der Gid geschworen, muß man
-mich auch schwören lassen!« Er schwang die rechte Hand in die Höhe
-und spreizte die Finger, die linke ließ er mit zur Erde gereckten
-Schwurfingern hängen; er glaubte, so müsse der Schwur ohne Schaden
-durch den Leib gehen, auch wenn er nicht ganz echt sei.
-
-Der Goldbärtige schaute ihn mit einem Blick an, der ihm den Arm lähmte,
-und sagte halblaut: »Ihr zwei versteckten Lümmeln, augenblicklich
-versöhnt ihr euch, sonst laß ich euch krumm schließen, daß euch die
-Knochen brechen! Glaubt ihr, ich hab die Zeit gestohlen, daß ich
-mit einem groben Müller und einem spitzfindigen Schelm, der da kalt
-schwören will, herumschlage? Im Hui vergleicht euch! Und dann hinaus
-mit euch!«
-
-Die Widersacher schauten verdutzt drein, der Richter aber winkte
-entschlossen hinab auf den Marktplatz, dort stand ein riesiger Mann mit
-einem Säbel.
-
-Den zweien wurde ängstig.
-
-Der Säbel klapperte draußen die Stiege herauf. Der Dullhäubel langte
-sich nach dem Hals, als würge ihn etwas. Dem Müller war, eine Sense
-fahre ihm durch die Kniee.
-
-»Gid, verzeih!« ächzte der eine.
-
-»Kasper, vergiß!« murmelte der andere.
-
-Der Mann mit dem Säbel trat herein. Sein Gesicht war ernst, als müsse
-er in die Feldschlacht gehen. Er wischte sich links und rechts über den
-Schnurrbart.
-
-Der Richter sprach zu ihm: »Sie, Herr Notnagel, rennen Sie gleich zum
-Postmeister hinüber! Er soll nicht aufs Kegelscheiben vergessen. Im
-Wirtshaus zum Blumenstöckel.« --
-
-Die zwei Fuxloher atmeten auf, als sie draußen auf dem Gang standen.
-
-Der Gang war weitläufig und finster, und drum verirrten sie sich und
-gerieten an eine eisenbeschlagene Tür, die halboffen stand.
-
-Der Dullhäubel spähte hinein.
-
-In der Kammer drin war nichts zu sehen als ein vergittertes Fenster
-und eine hölzerne Liegerstatt. An die Wände hatten die Leute, die
-hier einschichtig über den Lauf der Welt nachgedacht hatten, allerlei
-Ergötzliches gezeichnet. Neben dem Bild eines mit Raben und baumelnden
-Schuften wohlversehenen Galgens waren Gesicht und Brüste eines üppigen
-Zigeunerkindes zu schauen, Schergen mit Säbeln und Hahnenbüschen auf
-dem Hut starrten von der Mauer nieder, unbekümmerte Sprüche luden zur
-Besinnung ein; auch mancher Reim war verzeichnet, der ein artiges Gemüt
-verletzt hätte, und mit blauem Stift stand steif und groß hingemalt:
-»Ade, du trauter Ort! Ich bin da gesessen ein paar schöne Wochen.«
-
-Dem Dullhäubel wurde ganz heimlich in der Kammer. Die Sonne zeichnete
-das Gitter gar lustig auf die Liegerstatt hin und zierte die Spinnweben
-im Winkel mit regenbogenen Farben. Eine Maus kroch aus ihrem Loch und
-stellte ein Männlein.
-
-Ungern verließ der Dullhäubel die Stätte. Er deutete mit dem Daumen
-zurück und sagte zu dem Müller: »Wenn mir das alte Bettelweib nit
-begegnet wär, du säßest jetzt da drin. Schad drum!«
-
- * * * * *
-
-Die Ulla wohnte am Vogeltänd neben einem Felsen. Ihre zerrissene
-Hütte war mit Stangen und Stecken kläglich gestützt, Türsäulen und
-Fensterstöcke waren morsch, die Scheiben zerbrochen und mit Papier
-verklebt. Die Schindeln faulten am Dach und waren zum Teil durch
-Baumrinden ersetzt. Doch darauf glänzten Steine mit schönen glasigen
-Gebilden, so daß es auf all der Armseligkeit wunderlich blitzte.
-
-Im Fenster wuchs in einer Scherbe kümmerlich die Blume Zagelhintaus.
-Ein Kienbaum verschattete die Hütte, ihm wucherte im Gezweig ein
-Hexenbesen, kraus verwachsen wie das Nest eines verrufenen Vogels.
-
-Es war morgens. Der Guckauf lockte hell.
-
-Die Waldkräutlerin brockte vor ihrer Tür einen struppigen Schlafapfel
-aus dem Dorn, sie wollte ihn abends ins Bett legen, weil sie nimmer gut
-schlief.
-
-Zu dem winzigen Fenster meckerte die Geiß heraus. Die Ulla humpelte hin
-und spaßte: »Gib mir ein Bussel, Geiß!«
-
-Als wär er aus dem Felsen gesprungen, stand der Dullhäubel da.
-
-»Du hast die Geiß gern, Ulla. Du brauchst sie wohl Zum Reiten? Reitest
-du auf den Lusen tanzen? Das ist ein hoher Berg.«
-
-Die Alte nickte gutmütig mit dem kleinen Vogelkopf. »Du bist heut gut
-aufgelegt, Bauer. Dir hab ich einmal eine Warze besprochen. Weißt du
-es noch? Jetzt bist du ein schöner Mann worden. Geh, schenk mir was!
-Schau, wie armselig meine Heimat dasteht!«
-
-Sie deutete auf die Tür, die müd in den Angeln hing.
-
-»Die Tür ist schlecht,« sagte der Bauer, »aber du brauchst sie nit
-besser, du reitest ja zum Rauchfang ein und aus.«
-
-Die Geiß stand jetzt in der Tür, die Vorderbeine gespreizt, und horchte
-neugierig zu.
-
-»O mein liebes Vieh, der Bauer macht uns zwei schlecht. Du bist ein
-Schwänkmacher, Dullhäubel. Freilich geht es mir schlecht. Wenn nur
-genug Brot wär, drei Zähne hab ich schon noch,« kicherte sie kläglich.
-»Ach ja, die Not ist mein Kuchelmensch und Schmalhans der Meister.«
-
-»Aber Milch hast du genug?« fragte der Bauer scharf.
-
-»Nit viel, gar nit viel. Was halt die Geiß hergibt.«
-
-»Alte, du weißt, daß in meinem Hof der Erdspiegel ist. Drin seh ich
-alles auf der Welt. Wie ich gestern abends hinein schau, seh ich dich
-den Wegzeiger gegen Grillenöd melken. Zur gleichen Zeit hebt meine
-beste Kuh, die schwarzrückete Stallmeisterin, gottskläglich an zu
-plärren. Ich schau nach, da steht sie im Stall, zittert am ganzen Leib
-und schwitzt, als wenn sie einer geritten hätt. Ich hab sie gleich
-melken wollen, da hat sie nit ein bißlein Milch gegeben, nur ein
-Tropfen Blut ist ihr aus dem Euter geronnen. He, was hast du meine Kuh
-verzaubert, Hex?« rannte er.
-
-Sie rang die dürren Hände. »Das ist nit wahr, der Erdspiegel lügt. Ich
-bin ein frommes Weib und keine Schlangenköchin.«
-
-Er fuhr fort: »Im ersten Zorn bin ich in das Vogeltänd gelaufen, hab
-dir die Milch vom Ofen wegreißen wollen. Da seh ich durch die Luft
-einen Strohwisch schießen, in deinen Rauchfang schießt er hinein, er
-sprüht vor lauter Feuer. Ist das nit dein Liebhaber gewesen, Hex?«
-
-Sie starrte ihn mit den blöden Augen an. »Du irrst dich, Dullhäubel, du
-irrst dich dreimal. Es wird nur ein Sternlein in den Rauchfang gefallen
-sein. O weh, wie redest du so schrecklich von mir armem Weib! Ich tu
-ja niemand nix, ich tu nur beten, allweil hab ich die Nase im Betbuch,
-wenn ich auch nit lesen kann.«
-
-»Jetzt weiß ich, Ulla, wer mir im Stadel die Mäus wachsen laßt und im
-Haus das Unziefer. Jetzt weiß ich, wer den Nebel her winkt und das
-schwarze Wetter. Du bist es, Hex!«
-
-»Ich hab ja gar keine Kraft,« jammerte sie, »wie könnt ich das tun? Es
-ist ja alles nit wahr, nit wahr.«
-
-Unbarmherzig redete er: »Aus deiner Geiß springt die Milch wie der
-Brunnen aus der Erd, die Milch rinnt dir ums Haus nach, Ulla. Zum Lusen
-bist du auf einem Besen geflogen, der hinter dir gebrannt hat. Du
-zauberst und zinzelst und zanzelst und machst Weiber und Küh galt.«
-
-»O du Unfang, du bodenloser, was bringst du mich in Kummer? Deine üble
-Nachred wird mir schaden, niemand wird mir eine Gabe schenken wollen.
-Aber jetzt geh ich hin und laß dich am Gericht verklagen.«
-
-»Der Richter ist mein bester Freund, der tut mir nix,« lachte der
-Schelm. »Und wenn die armen Leut klagen, so gilt es nit. Und wer steht
-gegen mich auf? Ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«
-
-»Das ist eine bitterliche Wahrheit,« lispelte sie, »an der Armut wischt
-ein jeder seinen Schuh. Aber, lieber Kasper, ich bin keine Hex.«
-
-»Du bist es. Dein ganzer Leib legt Zeugenschaft dafür ab: deine Finger
-sind wie Krallen, dein Kinnbein ist dürr und krumm, dein Gesicht ist
-runzlig, als ob die Hennen drin gekratzt hätten. Die Augen rinnen dir
-aus.«
-
-»Ich bin ja alt! Alt bin ich!« wimmerte sie. »Blut könnt ich weinen. Du
-wirst mich verschreien in ganz Fuxloh.«
-
-»Wenn du ein gerades Weib wärst, die Augen frisch, die Wangen weiß und
-rot und glatt,« der Dullhäubel schnalzte, »und wenn du sonst am Leib
-schön fest und dick wärst, da könnt der Erdspiegel zehnmal sagen, daß
-du hexest. Niemand tät ihm glauben.«
-
-»Das laßt sich nimmer ändern,« sprach sie traurig. »Und wenn ich noch
-so gut essen könnt, mein Leib ist alt und laßt sich nimmer frisch
-aufbauen.«
-
-Da flüsterte er: »Und doch weiß ich einen Rat. Geh in die
-Altweibermühl!«
-
-Wie Abendsonnenlicht glitt es über die enge Stirn der Ulla. »Ja, die
-Altweibermühl! Ich hab schon davon reden hören. Aber sie ist weit,
-meine Füß ergehen den Weg nimmer.«
-
-»Geh in die Mußmühl! Der Gid mahlt dich blitzsauber und blutjung.
-Zweifelst du? Ich lüg dich nit an. Du könntest mich sonst mit einem
-Buschen Haberstroh erschießen in der Thomasnacht.«
-
-Lachend trollte er sich.
-
-Die Alte stand wie verzaubert. Noch einmal jung werden, Kraft haben in
-Händen und Füßen, klar und stark sein im Hirn, von den Leuten geehrt
-werden, tanzen und springen können, und es noch einmal und besser und
-schlauer versuchen mit dem Leben!
-
-Sie ging im Ring um diesen lichten Wunsch, sie bestaunte ihn von allen
-Seiten und lugte scheu hin, wie ein Bettelkind durch die Zaunstecken
-in einen fremden, feinen Garten lugt voll edler Lilien und lieber
-Rosenstauden und Bäume mit gelbem Obst.
-
-Sie glaubte es gern, daß es ein Mühlrad gebe, das die Alten wieder jung
-mahle. Wie hätten denn sonst die Leute davon reden können!
-
-Sie packte vor Freude die Geiß bei den Füßen, hob sie auf und schwenkte
-und schleifte mit dem glotzenden Tier einen gelinden Tanz. --
-
-Als sie am dritten Tag das Herz nimmer bezwang, nahm sie ihren Stecken
-und ging in die Mußmühle.
-
-Den Weg hin pflasterte sie mit vielen Träumen, die holder glitzerten
-als der Tau an den Gräsern. Und die Vögel pfiffen die kreuz und
-die quer, der Baumhackel jauchzte wie ein Hochzeiter, der Himmel
-droben war glasblau, und die Erde war zart und freundlich wie ein
-Kränzelgarten.
-
-Die Ulla wanderte die Erlen und Weiden entlang bis zum grünen Weiher,
-darein der Bach sich sammelnd und verrastend mündete.
-
-Der Gid schleppte eben dem Glöckelbauer die Säcke in die Mühle.
-
-»Bin ich da recht in der Altweibermühl?« fragte sie, und das Herz
-schlug ihr hellauf.
-
-Der Gid ließ den Sack von der Achsel gleiten und schaute sie wild an.
-
-»Die bringt der Mußmühl einen neuen Namen auf,« lachte der Glöckelbauer.
-
-»Jung sollst du mich mahlen,« redete sie ein wenig scheuer. »Der
-Dullhäubel schickt mich her.«
-
-»Zu Trutz und Neid tut er mir alles!« rief der Gid in weinerlicher Wut.
-Und er rollte sie an: »Komm mit!«
-
-Sie beschwichtigte ihn. »Sei nit bös! Ich bin halt ein armes Fürwitzel.«
-
-»Zum Altweibermahlen täten die Fuxloher freilich meine Mühl kennen, da
-fahret keiner vorbei.« Er stapfte grimmig voraus.
-
-Im Vorderhaus standen einige Holzschuhe. Da schmeichelte die Ulla, den
-Zornigen zu begüten: »Ihr habt aber viel Holzschuh, da kommen gewiß
-auf jeden zwei.«
-
-Er führte sie durch das zitternde Haus, und auf einmal weilte sie
-verwirrt an einem Ort voll staubiger Stiegen und Leitern, der Wellbaum
-drehte sich, die Gänge klapperten, volle Säcke lehnten aneinander,
-weiße Mehlhaufen waren aufgeschüttet.
-
-Unheimlich rührte sich das Haus, belebt vom stürzenden Wasser, das
-das Wesen eines Geistes hatte. Unsichtbar irgendwo schwang sich das
-Mühlrad, vom Geschäufel zischte und fiel es. Die Aufschüttkasten
-schüttelten und rüttelten sich ruhelos, gespenstisch regte sich das
-Beutelwerk. Immer tosender schlapperte und klapperte alles, und der
-Ulla Herz schlotterte immer banger.
-
-Eine Mehltruhe stand halb offen, und das Weiblein fürchtete, ein grauer
-Kobold könne herauskriechen und ihr ein Leides tun.
-
-Und auf einmal schoß ihr eine gewaltige Angst vor dem Jungwerden ins
-Knie.
-
-Soll sie die bittere Welt noch einmal durchreisen, jetzt, wo sie der
-Ewigkeit und ihrem Frieden schon so nahe ist? Sie sollte sich doch ihr
-Alter nicht so hart bekümmern lassen!
-
-Und die Geiß daheim, die wird die Ulla nimmer erkennen, wenn sie jung
-und fremd dahertanzt. Die gute Geiß wird den Bart traurig hangen lassen.
-
-Sie schrak auf. In dem Gebraus hatte sie den Müller vergessen.
-
-Der packte sie grob und schwang sie über den Mühltrichter. »Soll ich
-dich fallen lassen?«
-
-Sie schrie auf. Sie fühlte sich verschlungen, zermalmt unter den
-harten Steinen. Wild krampfte sie sich in des Müllers Rock. »Heilige
-Muttergottes, hilf! Breit deinen Reifrock aus! Ich will nimmer jung
-werden.«
-
-Die Sinne vergingen ihr. --
-
-Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. Die Mühle brauste
-gedämpft, Mücken schwirrten.
-
-Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: »Gott, wie geht es zu in
-deiner Welt!«
-
-Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich hin, schlupfte durch die
-Felberstauden und schaute in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein
-altes, verschrumpftes Schwesterlein herauf.
-
-Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die im Wasser um Verzeihung,
-daß sie sie schier um ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und
-ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder, so glaubte
-sie, habe den Frevel verhütet.
-
-Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor seinem Hof am Wasen und
-reckte die Arme faul von sich.
-
-»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. »Jetzt mußt du halt
-Wolkenschieben gehen auf den Hötschenberg in Tirol.«
-
- * * * * *
-
-Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell her. Der Kirchweihtanz
-dauerte schon die zweite Nacht.
-
-Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer Bühne. Der starke
-Lukas Schellnober blies den Baß, der Aumichel griff die Klarinette,
-der Spielmannfranz und seine Buben geigten. Und wenn die Musikanten
-rasteten, zirpte der Kanari, der aus dem Vogelhaus dem Treiben
-zuschaute.
-
-Die Bauernsohlen stampften die altbairischen Tänze. Der Glöckelbauer
-schwang die Iglin, der Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker
-Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners Weib, derweil der
-Grazian gottergeben und mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit
-von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit der Burgermeisterin, der
-Müller mit der Müllerin. Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die
-Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend an die Wand und
-schrie: »Ich bin ein Steirer!«
-
-Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in die Ecke.
-
-»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.
-
-»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«
-
-»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm mit mir vors Haus und
-laß mich schlecken!«
-
-»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu finster, ich könnt mich wo
-anstoßen. Und du bist mir zu wenig treu.«
-
-»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von einer zur andern, Stasel.
-Heut zu dir.«
-
-»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin kein Apfelbaum an der
-Straße, wo ein jeder Bub hinaufsteigt.«
-
-Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, und auch aus Blaustauden
-und Grillenöd waren Gäste da, und sie sprangen und trampelten,
-schleiften und jauchzten und sangen grell durcheinander.
-
-»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte der Müller an.
-
-»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte der Dullhäubel.
-
-Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die Karten und spielten ein
-Spiel, das kroch so faul und endlos um den Tisch, daß die Sage recht
-haben mochte, einmal seien dabei vier Männer erfroren.
-
-Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der Wirt aus, vor ihm auf
-einem langen Tisch standen die Krüge der Tänzer.
-
-Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. Mit eiligen Augen nahm
-der Wirt den Vorteil wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern und
-goß das Bier durch den Trichter ins Faß zurück. Hernach lehnte er sich
-träumerisch mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen an die
-Stiege und wartete.
-
-Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen und wollten trinken.
-
-Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon wieder einer das Bier
-ausgesoffen!«
-
-Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: »Gerad ist mein Krug voll
-gewesen, und jetzt ist er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen
-zu.«
-
-Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er kostete und spie aus:
-»Wirt, dein Bier ist abscheulich warm. Pfui Teufel!«
-
-»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird frisch angezapft.
-Jetzt kommt das Faß, wo die schwarze Katz drauf sitzt.«
-
-Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied an. Er hatte einen
-rauhen, grimmigen Hals. Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit
-hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen des finsteren
-Bartes war schon mancher Wandersmann umgekehrt, der den Spucht von
-weitem im Wald sah.
-
-Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel hin. »Mein lieber
-Freund,« sagte er, »in der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich
-wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so kräftiges Bier gebraut wird
-wie vormals. Wenn man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden noch
-schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So kräftig ist es gewesen. Heut
-bringt kein Bräuer mehr einen rechten Faum zusammen.«
-
-Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und kehrte sich ab. Da stupfte
-ihn der Hannes mit dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein.
-Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht die Nase an.«
-
-»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der Bauer grob. »Du bist
-nur ein Häuselmann mit einer Kuh.«
-
-»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« Der Hannes stand auf
-und trug beleidigt seinen Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein,
-wenn er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. Der Ofen allein ist
-dort so groß, daß der Bauer drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er
-die Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«
-
-»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr rauft,« mahnte der Wirt
-scharf.
-
-Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied an.
-
- »'s gibt kein schönres Leben auf Erden
- in der weit und breiten Welt,
- als ein Straßenrauber werden,
- morden um das liebe Geld.«
-
-Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und Gepolter verdeckten seine
-grobe Stimme. Alles drängte zum Tanz.
-
-Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er gemächlich den
-Holzschlägel, womit er sonst die Piepe in die Fässer trieb, und schlug
-ihn dreimal dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die Stube:
-»Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte wieder aus dem alten Faß.
-
-Der Grazian huschte heran und trank. »Jetzt ist das Bier viel besser.«
-
-Der Spucht wischte sich erquickt den feuchten Bart. »Das Bier hat
-Kraft,« lobte er, »es raucht einem zur Nase heraus.«
-
-»Wirt, bring eine Zange her!« begehrte der Igelbauer. »Am Türstock
-steht ein Nagel heraus, die Burgermeisterin hat sich dran den Kittel
-zerrissen.«
-
-Doch der Lukas Schellnober hüpfte von seinem hohen Sitz herab und riß
-den Nagel mit den blanken Zähnen so gründlich heraus, daß schier der
-Türstock mitging.
-
-Alle staunten über die Gewalt, und der Lukas Schellnober stand da,
-stark wie ein Hebebaum.
-
-Nur der Dullhäubel winkte geringschätzig. »Mein Ähnel hat eine
-Pflugschar auseinander gebrochen und einen eisernen Haken mit dem
-kleinen Finger in die Mauer getrieben.«
-
-Da packte der starke Bläser den Prahler samt seinem Stuhl und hob
-ihn auf den Tisch, daß er zappelnd droben saß, und alle lachten und
-gönnten es ihm.
-
-Wütend kroch er herunter. Doch wußte er sich gleich wieder ein Ansehen
-zu schaffen, er zündete sich die Pfeife mit einem Guldenzettel an,
-schob sich den Hut ins Genick und schloß hochmütig die Augen. »Soll mir
-das einer nachtun in Fuxloh!«
-
-Die Leute hatten nicht lange Zeit, über den verbrannten Gulden zu
-staunen, denn der Spucht und der Grazian waren wegen ihrer Weiber in
-Streit geraten, und alles scharte sich um die zwei.
-
-Der Spucht war eifersüchtig worden und behauptete, der Meßner stoße
-beim Tanz häufig mit dem Knie an das Knie der Spuchtin. »Ich hau dich,
-Grazian, daß dir das Maul auf die Seite hängt,« drohte er und spickte
-die Drohung mit seinen finsteren Blicken.
-
-»Hau her!« trotzte der Grazian.
-
-»Hau erst du her!« begehrte der Spucht und wich einen Schritt zurück.
-Sein Bart sträubte sich.
-
-Dem Meßner schwoll das Herz. »Hast du eine Schneid, so wag dich an
-mich!« Er hob einen Stuhl auf und brüllte. Der Spucht duckte sich.
-
-Vom Faß her rief der Wirt: »Grazian, wenn du raufen willst, räum ich
-dich hinaus.«
-
-Der Narr tanzte täppisch zwischen die Streiter und sang die Worte:
-»Hofacker, Krautacker!« Ein anderes Lied konnte er nicht.
-
-»Recht hast du, Zusch, stift Frieden!« lobte ihn der Burgermeister.
-
-»Komm her, Narr, trink!« Der Dullhäubel hob das abgestandene Traufbier
-unter dem Faß weg und schwenkte es. Der Zusch trank mit stieren Augen.
-
-Dann spreizte der Dullhäubel die Beine auseinander. »Jetzt bedank dich,
-Narr, und schlief durch.«
-
-Da ließ sich der Zusch auf alle vier nieder und kroch durch.
-
-Seine Mutter kam in die Stube. »Wo mag denn mein armer Narr sein?«
-fragte sie betrübt. »Ich such ihn schon die halbe Nacht.«
-
-Als sie ihn dem Bauer durch die Beine kriechen sah, weinte sie in die
-Schürze und zog den Narren mit sich fort.
-
-»Den Kasper soll man hauen, bis er nach Feuer stinkt,« schalt der
-Müller.
-
-Der Dullhäubel aber mischte sich keck in den Tanz. Dabei sprang er wie
-ein Heuschreck, schaffte sich unbekümmert Platz und stieß die andern
-aus dem Weg.
-
-Den Lippenlix aus Blaustauden faßte er beim Knopf. »Du Schönbart bist
-mir auf die Zehen getreten, das Weh schießt mir bis zum Ellbogen
-herauf.«
-
-Mit einem Schlag stand eine Rotte Blaustaudner Burschen hinter dem
-Lippenlix bereit. Der zwirbelte sich den langmächtigen Schnurrbart und
-lauerte, er war ein stößiger Mensch, mit dem keiner gern anband.
-
-Der Dullhäubel schmeckte die Gefahr. »Nix für ungut!« schmeichelte er.
-»Was stellt ihr euch gegen mich? Reibt euch an dem Müllner! Der sagt
-allweil, in Blaustauden sind lauter rotaugige Menscher.«
-
-»Traut dem Kasper nit, er hat zwei Zungen in der Gosche,« warnte der
-Öchseltreiber Mathes aus Grillenöd.
-
-»Die Grillnöder rühren sich,« spottete der Dullhäubel. »Ist das wahr,
-Mathes, daß bei euch alle stehlen, nur der heilige Sebastian in der
-Kapelle nit? Der ist angebunden.«
-
-Der Bauer hatte die Lacher auf seiner Seite. Und der Lippenlix
-zwirbelte den schönen Bart und bekräftigte: »Die Grillnöder sind
-bekannt. Wenn sie Kirchweih haben, müssen sie in den andern Dörfern den
-Stall zusperren.«
-
-»Der Kasper setzt den Hut auf, wie der Wind hergeht, einmal so, einmal
-anders,« greinte der Öchseltreiber, fand aber kein Gehör.
-
-»Sing uns das Fuxloher Lied, Kasper!« verlangten die aus Blaustauden.
-
-Da krähte der Dullhäubel den Spott über sein Dorf.
-
- »Von hint bin ich fürher,
- vom schwarzen Laib Brot,
- kein weißes Brot eß ich nit,
- da brennt mich der Sod.«
-
-Dem Burgermeister schlug die Röte in den Kopf. »Du bist wie der
-Wiedehopf, Kasper, der beschmeißt auch das eigene Nest.«
-
-»Dreiunddreißig Menscher hab ich,« rief der Dullhäubel, »alle Jungfern
-von Fuxloh gehören mir, und alle Weiber sind mein gewesen.«
-
-»Jetzt haltst du das Maul!« schnarchte ihn der Igelbauer an.
-
-»Du willst mir was schaffen?« höhnte der Dullhäubel. »Wer bist du, und
-wer bin ich? Du treibst dreizehn Mäus auf den Markt. Einen Fleck Grund
-hast du, nit größer als ein Hosentürlein, und schon laßt du dich einen
-Bauer heißen.«
-
-Die Musikanten fingen schnell einen Ländler an und überlärmten die
-Schandrede des Dullhäubel.
-
-Den Ländler hatte der Müller bestellt und bezahlt, und er und die
-Ogath tanzten ihn allein, derweil die andern im Ring herum standen und
-zuschauten.
-
-»Der Gid reckt sich auf über uns alle,« stichelte der Dullhäubel. »Das
-ist keine Kunst, er hat das Geld, er stiehlt uns alle ab, uns Bauern.«
-
-»Dein Tanz hat keinen Schmiß, Müllner,« nörgelte der Lippenlix.
-
-»Er kann leicht das Geld ausstreuen,« spottete der Dullhäubel. »Seine
-Vorfahrer sind klug gewesen, sie haben ihren Kühen den vordern Leib
-abgehackt, der nur gefressen hat; den hintern Teil haben sie weiter
-leben lassen. Wegen der Milch und dem Dung.«
-
-»Hör nit auf seine Lügen und sein Plauderwerk, Gid!« bat die Ogath.
-»Und gehen wir heim!«
-
-Er schnitt ein Gesicht wie ein Gewitter und schwieg.
-
-Der Spucht saß im Flur beim Wirt, sein Deckelglas hinter dem dicken
-Bart versteckt, daß es die Spuchtin nicht merke. »Jetzt wird es erst
-schön,« freute er sich, »jetzt streiten sie gewiß.« Die kohlfinsteren
-Augen glühten ihm.
-
-»O die Jähköpfe!« klagte der Wirt. »Heut setzt es ein Unglück.«
-
-Drin in der Stube fing der Lippenlix an, dem Müller in den Weg zu
-tanzen, er taumelte plump vor ihm her, der Messergriff stand ihm zum
-Sack hinaus.
-
-Der Gid stellte ihn. »Begehrst du was?«
-
-»Von dir am letzten!«
-
-Da rief der Müller laut: »Wirt, die Halbe Bier sollt einen Zwanziger
-kosten, daß nit ein jeder Lauser sich eins kaufen kann, der es nit
-vertragt.«
-
-»Ich stürz dich um, Gid,« krächzte der Lippenlix.
-
-Der Wirt sprang zwischen die Männer. »Du Blaustaudner Schurimuri, braus
-nit so daher. Rauf dich daheim aus, wenn dich die Kraft juckt! Du
-unbändiger Stier du!«
-
-Der Lippenlix schob sich mürrisch zur Tür hinaus. Seine Spießgesellen
-rückten an einem Tisch zusammen und brüllten grobe, rauflustige Lieder.
-
-»Jetzt gehst du heim!« herrschte der Müller sein Weib an.
-
-»Du gehst mit, Gid!«
-
-Er zog die schweren Brauen zusammen. Da ging sie allein. --
-
-Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den Lippenlix ein. »Da
-steigt er drin auf und ab wie der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid.
-Und uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, nur nit langmütig
-sein, Lix! Der Langmut zieht den Übermut ins Haus.«
-
-»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.
-
-»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen Müllner an! Steif dich nur
-auf mich! Ich verlaß dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak aus
-den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. He, Bruder, wie heißt der
-Spruch? Erst schnupfen, dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«
-
-Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus und besang sich mit hoher
-Hirtenstimme schwermütig den Heimweg.
-
- »Wird mir dann die Zeit zu lang,
- sing ich einen Waldgesang,
- und verkriech mich in den Hecken,
- lehn mich an den Hirtenstecken
- und ergreif die Feldschalmei,
- dieses macht mich sorgenfrei.« --
-
-Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt auf, Spielleut, daß
-es schnalzt! Ihr dürft euch dafür den höchsten Baum in meinem Wald
-umschneiden. Aber der Herr Ägid Wilfinger darf nimmer mittun, der hat
-schon genug allein getanzt. Andre Leut sind auch noch da.«
-
-Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete sich, und
-augenblicklich standen sich die Männer mit feurigen Augen und fertiger
-Faust in zwei Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten sich die
-Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die der Gid wegen des Mühlzwanges
-beleidigt hatte.
-
-Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.
-
-Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die Geiger tranken und
-schmierten den Fiedelbogen, der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich
-hin, und der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf seinen Stuhl
-zurückgesunken.
-
-Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, du kannst die Zung
-nimmer heben. Geh heim, leg dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend
-stieß er sein Messer durch den Tisch.
-
-»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, gib nach!« bettelte
-der Wirt.
-
-Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. »Das ist noch
-nie geschehen, seit die Welt steht, daß sich hätt ein Mußmüllner
-heimschicken lassen wie ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«
-
-»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« hetzte der
-Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm heraus!«
-
-Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht splitternd zum Fenster
-herein, er traf die Klarinette, und sie fuhr dem Aumichel in das Maul
-und stieß ihm einen Zahn aus.
-
-Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die Fäuste. Der Burgermeister
-stürzte sich keifend zwischen die Raufer.
-
-Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. Eilig tappte der Wirt
-nach dem Kanari und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. Über ihn
-schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.
-
-Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte jammernd Weihwasser über
-den Kampf; aber die Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze
-bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und zurück, spitz und
-scharf, wie wenn Stahl in den Stein beißt. Die Kartenspieler hatten
-ihre Trümpfe weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.
-
-Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig seinen Krug aus, wischte
-sich den Schnauzbart und ging, ohne zu zahlen, heim.
-
-Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn ins Knie. »Ich schwing
-dich, ich lupf dich!« keuchte er.
-
-»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.
-
-Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge wurden geschwungen, flogen,
-trafen, splitterten. Aus den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten,
-tauchten Beine auf und strampelten. Einer schrie immer wieder: »Das ist
-heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«
-
-»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum hinauf!« drohte der Spucht
-und floh zum Haus hinaus.
-
-»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, winselte der Wirt.
-Seine heiseren Schreie gingen unter.
-
-Die Spielleute sprangen von der Bühne in die Schlacht hinab und taten
-mit. Nur der riesige Baßbläser schlief seelenruhig und entrückt auf
-seiner Höhe.
-
-Das Getümmel wälzte sich hin und her, die Streiter redeten nimmer.
-Auf einmal wuchs der Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit
-dem Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. Da war es
-stockhimmelfinster.
-
-Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand suchte mehr einen
-Feind, jeder nahm den, der ihm in den Griff kam. Alles tobte. Keiner
-feierte.
-
-Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen Fenster herein:
-»Himmelsakerment, wenn ihr nit bald aufhört, rauf ich auch noch mit!
-Das müßt mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein paar umbrächt!«
-
-In höchster Not tappte sich der Wirt an der Bühne hinauf, er rüttelte
-den schlafenden Bläser. »Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau
-zu!«
-
-Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, trunken vom Schlaf.
-»Wohin soll ich denn hauen?«
-
-»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst keinen Unrechten.«
-
-Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn und ließ sich in die
-tümmelnde Finsternis hinab. Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach
-links und rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«
-
-Es war als käme eine Mauer daher. Heulend meldete sich, wen der Lukas
-mit seiner greulichen Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür,
-fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald war der untümliche
-Mann allein in der Stube.
-
-Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die Verwüstung an. Scherben
-und Blutlachen spiegelten, Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit
-ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen Fenster stieß
-der Nachtwind herein.
-
-Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der Lukas Schellnober saß ruhig
-droben auf der Bühne und putzte mit einem Holz das Blut und die Haare
-aus dem Mundstück. Dann schraubte er es wieder an den Baß, führte es zu
-den Lippen, und seine Gesellen stimmten ein und machten wieder zum Tanz
-lüstern.
-
-Zerschrammt und blutrünstig, struppig und zerfetzt, doch auch abgekühlt
-von der Nachtluft, befreit und friedsam kamen die Raufer wieder, die
-Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die Wirtin fegte die Stube
-rein, und bald drehten sich wieder alle in schönster Eintracht. --
-
-Draußen kroch der Müller auf Händen und Füßen heim, mit zornzerrissenen
-Lippen, qualvoll, ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die
-Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.
-
-Der Mond verschien, der Wald ward grau. Das Wichtel rief, der
-Totenvogel.
-
-Drei fürchterliche Stunden kroch er.
-
-Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie schwamm wie ein gräßlicher
-Blutfleck im Dunst.
-
-Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge ward ihr steif vor Schreck, als
-sie den Mann vor sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn
-aschfahl, blutig.
-
-»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel abgeschlagen,« raunte er.
-
-»Wer?«
-
-»Ich verrat ihn nit.«
-
-»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut dich denn deine Gesundheit
-nit?« schluchzte sie.
-
-»Ich reu mich um nix.«
-
-»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, was haben sie mit dir
-angefangen?!«
-
-»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich den Bierschlägel gehabt,
-ich hätt ihm dasselbe getan.«
-
- * * * * *
-
-Nach langem Krankenlager ward der Gid vom Wundarzt wieder hergestellt.
-Aber er ging krumm.
-
-Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, immer wunderlicher
-wurde er, mürrisch hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein,
-das um ihn aufwuchs, sah er mit argen Augen nach. Sein Weib redete er
-kaum mehr an. Es war schwer, mit ihm zu hausen.
-
-Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor genagelt: alle Welt
-sollte sehen, daß er in seinem Recht gekränkt wurde. Aber die Welt
-kehrte sich nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, der
-war ein lachender Mann.
-
-Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit zwischen den Müllern.
-
-Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber hin, dem Gid! Das soll
-erzwungen werden, eine solche Zwangmühl brauchen wir.«
-
-»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am nötigsten,« antwortete der
-Gid.
-
-»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« spottete der Teufelmüller, »es
-fallt lauter Ratzendreck aus den Steinen heraus.«,
-
-Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von Zauberei! Deine Mühl hat der
-Teufel am Buckel daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen
-lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen gegen die meine, mit
-einer Hand halt ich sie auf. Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«
-
-»Versuch es!« schrien die andern. --
-
-In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. Unterm Mühlrad lag der
-Gid mit zermalmtem Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort
-gehalten.
-
-Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür und trugen ihn heim zu
-seinem Weib.
-
- * * * * *
-
-Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.
-
-Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. Das Fleisch ward ihr
-offen vor lauter Liegen. Und weil sie nimmer schaffen und nimmer
-den Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig auf die
-Erlösung.
-
-Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel demütig an dem Bettfuß.
-
-»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus dem Hof, wenn ich
-nimmer bin? Ich hab gespart. Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen
-hat, bin ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig gewesen, keine
-Nuß hat man mir von unsern Haselstauden brechen dürfen. Ich bin ein
-Weib gewesen wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«
-
-»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und ich dank dir dafür.«
-
-»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. »Sie kann nur so weit
-zählen und rechnen, als ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten
-schlaft sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll sie denn die
-Ordnung gelernt haben?! Sie stammt aus einem Haus her, das ist mit
-Kuhfladen gedeckt. Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, aber der
-Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit drüben werf ich ihm es
-noch vor, wenn ich ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen Hof!«
-
-»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, »ich versprech es dir.«
-
-»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die Faulheit von deiner
-Mutter geerbt. Allweil lehnst du in der Sonn umher und tust keinen
-Handstreich. Die Gurgel taufen und die Leut narren, das triffst du.
-Dein Leben stößt dich in Schulden. Schämst du dich nit vor den Leuten?«
-
-»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.
-
-»So fürcht unsern Herrgott!«
-
-»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter dem Herrgott seinem
-Buckel.«
-
-»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie ein Stoßvogel. Hüt dich!
-Und tracht, daß du einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken und
-des höllischen Feindes spottest. Ich will dich droben in der Seligkeit
-erwarten, und du mußt mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was
-nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein nasser Hund.«
-
-»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.
-
-»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener Mann. Ein Weib
-tut dir not. Mit Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, wie du
-den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. Leugn es nit! Ich rat dir,
-nimm dir ein gutes Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer gar zu
-lang unter den Schaffen umgreift, erwischt zuletzt das Dreckschaff.
-Heirat nit so eine Flankin, die sich aufputzt und aufstutzt und sich am
-Werktag Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine wie dem Mußmüller
-seine Wittib! Versprich mir es um des Hofes willen!«
-
-Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten nieder auf seine
-hirschledernen Hosen. »Ich versprech es dir. Alles Gute versprech ich
-dir.«
-
-»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. »Ich hab mir mit drei
-Dullhäubeln genug ausgestanden. Vergönn es mir, daß ich abgestandenes
-Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud hinfahr!«
-
-An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend Jungfern spannen im
-Himmel die Altsommerseide, und gelbes Laub mengte sich in das müde
-Grün, da legte man die Altbäurin ins Grab.
-
- * * * * *
-
-Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. Der Dullhäubel sorgte sich
-um nichts und führte seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und
-Dirnen wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin unterm Rasen
-wußten. Das Vieh röhrte vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht
-ausgemistet, das Korn nicht gedroschen, das Haus war voll Schmutz.
-
-Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte sich den Rücken an dem grünen
-Kachelofen, schlief und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des
-Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.
-
-An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: »Bub, jetzt bin ich
-vierzig Jahr in der Fremd, jetzt verlang ich wieder heim zu meinen
-Leuten.«
-
-»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«
-
-»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. Und ich will mich
-von der Fremd ausrasten. Am Sonntag führst du mich heim.«
-
-Sie ließ sich nicht halten, und er hielt sie nicht. --
-
-Am Tag Pauli Bekehrung zog sich der Dullhäubel die Pelzhaube über die
-Ohren und schirrte das Roß vor den Schlitten. Darauf packte er Gewand
-und Federbett der Mutter und setzte sie warm darein. Nun fuhren sie
-bergan.
-
-Hoch noch über dem hochgelegenen Grillenöd mitten in Geröllhalden und
-struppigen Wäldern war die Heimat der Sanna, das Siebenschläferhaus
-geheißen, die einsamste Einschicht im Gebirg.
-
-Der Dullhäubel deutete mit der Peitsche hinauf. »Wird es dir nit zu
-rauh droben sein, Mutter? Droben ist es so kalt, daß sie am Tag vor
-der Sonnwend zum letztenmal und am Tag nach der Sonnwend zum erstenmal
-heizen.«
-
-Der Hagbutzdorn brannte im blanken Schnee, schlohweißer Nebel wob in
-den Tälern drunten. In den Ebereschen schnabulierten bunte Pestvögel,
-und Elstern schätterten durch die gläserne Stille.
-
-An einem Bildstock war zu lesen, daß an selber Stelle im Hochsommer ein
-Kohlenbrenner erfroren war. --
-
-Der Siebenschläferhof war schwer verschneit. Keine Menschenspur führte
-hin, nur hie und da eine Hasenfährte oder ein Fuchsentritt. Die Fenster
-waren unter den angeflogenen Flocken erblindet.
-
-»Der Hof ist ausgestorben,« murmelte der Dullhäubel. »Kehren wir um!«
-
-Doch die Sanna deutete auf den Rauchfang. Ein ganz dünner, schier
-luftblauer Rauch stieg gleich schüchternem Atem auf und meldete Leben.
-
-Der Bauer klopfte an die Tür, an die Fenster. »Auf, der Dullhäubel ist
-da!«
-
-Es rührte sich nichts.
-
-Schließlich trommelte er mit einem Prügel an die Tür, daß der Wald
-rings hallte.
-
-Endlich schlurfte es drinnen im Flur.
-
-Die Tür wurde aufgeriegelt. Ein zottiger, graubärtiger Mann, die Augen
-voll Schlaf, trat auf die Schwelle und fragte: »Was -- was kommst du
-daher in dem stumpfen Wetter? Was -- was willst du mitten im Winter?«
-
-»Darf man dich nur im Sommer heimsuchen, Vetter?«
-
-Der Alte gähnte: »Schlaft der Igel, -- schlaft der Bär, - schlaft der
-Ratz. Die rechten Leut -- schlafen -- im Winter.«
-
-Drin in der Stube schliefen sie im Bett, auf dem Ofen, auf Bank und
-Truhe, die Bäurin und die Kinder.
-
-»Grüß dich Gott, Bruder!« sagte die Sanna.
-
-»Dich -- dich auch!« antwortete er und legte sich auf die Ofenbank. Die
-Erinnerung arbeitete schwerfällig in seinem Hirn.
-
-»Vierzig Jahr haben wir uns nimmer gesehen,« meinte sie, »das ist lang.«
-
-»Das -- das ist lang,« wiederholte er träumerisch.
-
-»Mein Bauer ist gestorben. Der da ist mein Bub, der Kasper.«
-
-»Der -- der Kasper,« kam der Widerhall.
-
-»Jetzt frag ich, ob ihr mich daheim laßt bei euch,« sagte die Sanna.
-
-Der Alte wies auf eine leere Truhe. »Leg -- leg dich nur nieder!«
-
-Der Dullhäubel wurde ungeduldig und schrie: »Ihr habt einen seltsamen
-Hausbrauch. Steht auf, Freundschaft! Kocht auf! Uns hungert. Und
-schlafen wollen wir nit.«
-
-Da regten sich die Schläfer, sie hoben die wirrhaarigen Köpfe und
-sperrten tölpisch den Mund auf.
-
-»Ist -- ist der Sommer da, weil -- weil der Star so hell pfigerzt?«
-lallte einer der Buben.
-
-Die Muhme kroch aus dem Bett und schob einige Knorren ins Feuer, da
-wachte auch der Ofen auf und murmelte in sich hinein.
-
-»Schlafen sie denn den ganzen Winter, Mutter?« staunte der Dullhäubel.
-
-»Was sollen sie Schöneres tun, wenn das Dreschen vorbei ist und sie die
-andere Arbeit vollbracht haben?« antwortete die Sanna.
-
-Die Muhme schob einen Topf auf die Platte und nickte. »Jetzt -- jetzt
-ist die ruhsame Zeit.«
-
-Die aufgeschossenen Burschen und die stämmigen Dirnen fletschten
-lachend die Zähne, stießen sich an und deuteten mit den Fingern auf den
-Dullhäubel.
-
-Er fragte die zwei Jungfern nach den Namen.
-
-»Bi -- bi -- bibiana,« stammelte die eine.
-
-»Ju -- ju -- juliana,« die andere.
-
-»Und wie schreibt ihr euch, Buben?«
-
-»Zy -- zy -- Zyprian.«
-
-»Bartholo -- mä -- mä.«
-
-»Ihr -- ihr -- habt eure schönen Namen noch nit gut eingelernt,«
-spottete der Vetter aus Fuxloh.
-
-Die Muhme entschuldigte ihre Brut. »Es -- es handelt sich alleweil
-nur ums erste Wörtel, um -- um den Anlauf. Magst -- magst du keine
-heiraten, Kasper, von -- von meinen Menschern?«
-
-Das Gewölk der heißen Suppe flatterte über den Tisch, daran die
-Siebenschläferleute mit breiten Ellbogen lümmelten. Sie holten die
-Blechlöffel hervor, die unter der Tischplatte an Riemen hingen, und
-dann lallte die ganze stotternde Sippe den Engelgruß. Die Alte fuhr mit
-einer zweizinkigen Gabel in die Schüssel und rührte um, während die
-andern die Suppe so ungestüm kalt bliesen, daß sie über den Rand wallte.
-
-Dem Dullhäubel kam ein zorniges Grausen an, er stand vom Tisch auf und
-ging zu seinem Schimmel hinaus und schaute ihm zu, wie artig er sein
-Heu fraß.
-
-Erst als er meinte, daß drinnen die Mahlzeit verschlungen sei, traute
-er sich wieder hinein.
-
-Die Siebenschläferleute leckten eben die Löffel ab, trockneten sie am
-Ärmel und hängten sie wieder unter den Tisch.
-
-»Jetzt -- jetzt schlafen wir weiter,« murmelte der Vetter.
-
-»Mutter, bleibst du wirklich da?« fragte der Dullhäubel.
-
-Sie nickte gähnend.
-
-Er griff nach der Tür. »Also gute Nacht, Freundschaft! Schlaft euch gut
-aus! In vierzig Jahren such ich euch wieder heim.«
-
-Und er sprang in den Schlitten und schnalzte mit der Geißel. »Renn,
-Schimmel, renn zu!«
-
- * * * * *
-
-Es war Feierabend.
-
-Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf hämmerte noch dreimal auf den leeren
-Amboß, hernach räumte er sein Werkzeug auf, blies die Laterne aus,
-die von der gewölbten Decke hing, und reckte wohlig die langen,
-ausgearbeiteten Arme.
-
-Da stand der Dullhäubel im Mondschein an der Tür.
-
-Der Schmied mochte ihn nicht leiden. Als er einmal mit seinem Weib
-gestritten hatte, war der Dullhäubel wetterläuten gerannt.
-
-»Du könntest auch bei Taglicht kommen,« greinte der Sulpiz, »Soll ich
-dir den Schimmel beschlagen? Oder das Hirn?«
-
-»Plaudern möcht ich mit dir.« Der Bauer redete süß wie eine Flöte. »Nur
-plaudern. Die Zeit wird mir zu lang in der Finsterweil. Und von dir
-lernt man was. Du bist ein gewitzigter Mann, hast schon drei Weiber
-begraben.«
-
-»An die Wand hab ich sie gemalt, die Gespenster, zum ewigen Andenken,«
-lachte der Schmied und trat den Blasbalg. In der Esse loderte es auf
-und erhellte das Gewölb. Drei greuliche Weiber waren mit Ruß an die
-Mauer gezeichnet: sie hatten Krallen an den Fingern und Fangzähne im
-Maul, glotzende, schlimme Augen und zerstrüpptes Haar. Es war ein übler
-Anblick.
-
-»Mit welcher von den dreien hast du es am schönsten gehabt?« fragte der
-Dullhäubel.
-
-Der Sulpiz Schlagendrauf griff auf ein Mäuerlein und brachte drei
-Holzäpfel.
-
-»Beiß in den hinein!«
-
-Der Bauer kostete. »Pfui Teufel, ist der sauer! Den Atem nimmt es mir.«
-
-Der Schmied hielt den zweiten Apfel hin. »Versuch den!«
-
-»Das Maul reißt es mir auseinander, den Schlund zerschneidet es mir!«
-fluchte der Dullhäubel.
-
-»Friß den dritten!«
-
-»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann nimmer. Ich mag mich nit
-vergiften.«
-
-»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem Ehemann
-dreimal ergangen ist? Die erste ist lang und hager gewesen, die zweite
-kurz und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, nit dünn. Es
-ist aber ein Teufel wie der andere gewesen. Das bravste Weib heißt
-Luder, den andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst zerreißen sie
-mich.«
-
-Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt herein.
-
-»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab gerad jetzt dein Feuer
-aufleuchten sehen. Eine Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf
-und zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, Schmied! Ich trag allweil
-den lauwarmen Ziegel am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges
-Leiden.«
-
-Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an die Glut. Und wieder in
-die alten Zeiten versunken, brummte er: »Das größte Leiden ist ein
-Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das Fegfeuer.«
-
-Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder heiraten, Meister Ruß? Oder
-du, Dullhäubel?«
-
-»Ich nit,« ächzte der Schmied.
-
-»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der Dullhäubel.
-
-»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. »Aber hör auf mich! Es
-gibt keinen Mann, der das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer
-Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei seiner Hochzeit
-glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, aber derweil erwischt er die
-Pfefferbüchse.«
-
-»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete der Dullhäubel, »der hat
-eine steinrabenalte Köchin bei sich.«
-
-»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst die Weiberleut nit. Die
-kennst du erst, wenn du mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit
-ist eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«
-
-Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, schob ihn wieder unter den
-Brustfleck und erzählte dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen
-ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat uns viel Schaden getan,
-drum haben wir uns beraten, was die grausamste Straf für das Vieh wär.
-Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg Kolroß hat er sich geheißen,
-und der hat gesagt: ›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der
-Dümmere gewesen.«
-
-Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem Gewölb.
-
-»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte der Dullhäubel, »ich kenn
-mich nit aus mit dem Heiraten.« --
-
-Das Frühjahr kam, die Bauern legten die Fäustlinge ab und schnitten das
-Moos von den Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die Maibrünnlein, der
-Hahn balzte und krugelte, der Wendehals rief schmachtend »woid, woid«
-und verrenkte sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der Guckauf
-raufte und hochzeitete. Lau wurden die Nächte, und der Mond schaute
-scheinheilig drein.
-
-Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel stieg, das hochgerüstete
-Bett zu erklettern, seufzte er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.«
-Er wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. --
-
-Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, sie schleppte einen Korb
-Klaubholz aus dem Vogeltänd.
-
-Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem verschlug es ihm schier.
-»Holzhackerin, komm heut noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen
-dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir ihn abschneiden.«
-
-Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank schön für den Baum. Ich hol
-ihn morgen mit meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die dir
-das Bett schön macht und emsig und zutätig deine Wirtschaft zusammen
-haltet. Heirat bald! Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«
-
-»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.
-
-»Nimm die Ogath!« --
-
-Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein sagenhafter Urvater erschien
-ihm, auf dem Kopf eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle
-daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der Dullhäubel schleunig
-fortzupflanzen.
-
-Und wenn der Bauer nächtens heimkam und der Mond im Vollschein stand,
-da war ihm, es stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen
-Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, die Bärte bereift wie die
-Eismänner, und der Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten herab
-auf den unfruchtbaren Nachkömmling.
-
- * * * * *
-
-Die Ogath verlebte trübe Zeiten.
-
-Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit kalten Augen, mürrischem
-Maul schlich er durch die Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind
-und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und immer härter geizte
-er, sie und ihr Kind sollten nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und
-wenn sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß er ihr das
-Scheitlein Brennholz aus der Hand.
-
-Die Mühle ging immer öder und grämlicher, ewig gleich hob sich das
-Geschäufel aus der Tiefe, mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich
-triefend, und versank wieder.
-
-Immer öder kamen und sanken der Ogath die Tage. Sie wurde des Lebens
-verdrossen.
-
-Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie und das Kind hungern,
-lachte er hämisch. »Seltsam, seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein
-ist! Schier wie dem Dullhäubel sein Bart.«
-
-Da ward sie still und schaute das Kind lange in Gedanken an.
-
-Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg auf, sie wollte
-sich mit den Eltern beraten. In der Mühle hielt sie es nimmer aus.
-
-Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte Schürze, die er um den Hals
-gebunden hatte, hing ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus wie
-der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.
-
-Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. Sie wußte, daß er
-kürzlich seine Mutter gezwungen hatte, in den Kleiderkasten zu steigen,
-den Kasten hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen wie
-eine Leiche im Sarg.
-
-Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath schon erspäht. Mit ein
-paar lächerlichwilden Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie
-dich hinein in den Dorn, Maria!«
-
-Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die flackernde Unruhe in seinem
-Blick. Und als sie mitten im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt
-bin ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den Weibern. Aber
-zuerst schneid ich dir das sündhafte Haar ab.«
-
-Er wetzte sein Messer am Knie.
-
-Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte der irre Mensch vorhaben?
-
-Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd herunter gelaufen. Von
-weitem schrie er: »Stocknarr, ich erschlag dich!«
-
-Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, er möge ihn leben lassen.
-
-Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. »Händ und Knie sind mir wund,
-der Kittel ist zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man sich
-gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr hat. Fallt ein Stein vom
-Himmel, so fallt er auf eine Wittibin.«
-
-Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es dir, Ogath? Ich hab dich
-schon lang nimmer gesehen.«
-
-»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl sitz,« erzählte
-sie. »Dem Alten muß ich den Mühlknecht machen, und in der Nacht kann
-ich nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich will davon, mit
-Zähren feucht ich meinen Weg. Zu meinem Bruder will ich, will das
-Herrgottelschnitzen lernen.«
-
-Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, er schrumpfte fast
-zusammen vor dem großen, ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir
-schier die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende Asche
-hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht eine Bäurin.«
-
-»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« antwortete sie herb.
-
-Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand wollte sie nicht vor
-die Ihren treten. Der Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.
-
-Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.
-
-Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten Zopf ihres Kindes
-glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte sie, »nur einmal in deinem Leben red
-die Wahrheit! Ist das dein Kind?«
-
-»Ja!« wisperte er zerknirscht.
-
-»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. »In drei Wochen heiraten
-wir.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der graue Sünder.
-
-
-Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. Sie war fleißig und ernst,
-hielt den Hof fest in der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein
-noch elf andere, allesamt rothaarig.
-
-Er war ein Mann in den besten Jahren worden. Das Haar hing ihm tief
-in die pfiffig gerunzelte Stirn, über den kleinen Augen hafteten die
-Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart deckte ihm Kinn und
-Lippen. Die Nase war ein wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit
-eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn vormals genossen,
-schmeckte ihm nimmer, er war ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt
-nicht nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so leicht zerstäube,
-sondern er rieb auch Glasscherben drein, daß er die Nase schärfer
-angreife und das Hirn aufrüttle.
-
-Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm die Sorgen, die ihm seine
-Schelmenstücke eintrugen, und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das
-Gewissen riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel mit seinem höllischen
-Blick durchbohrte.
-
-Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel nicht aus der Bubenhaut
-heraus, sein Kopf wimmelte voll schabernackischer Pläne, und die
-Lust, dem lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein anzubinden,
-verringerte sich ihm nicht.
-
- * * * * *
-
-Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine Sau. Da wollte sich der
-Bauer von der Arbeit wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt
-zu tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und dem Marktpreis
-nachfragen, und am Heimweg wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin
-in Blaustauden gekauft hatte.
-
-In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, wo der Herrgott den Arm
-herausstreckte, horchte scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und
-ließ sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.
-
-Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen und überlegte.
-Hernach trat er ein, den Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich
-lange um, starrte einfältig das Krokodil an, das, an die Decke
-gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, schnupfte ausgiebig,
-schaute sich wieder um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.
-
-Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt Ihr? Dachsschmalz?
-Regenwurmöl? Mausohrsaft? Pfefferminz?«
-
-»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte der Bauer schüchtern und
-drehte den Hut in der Hand.
-
-»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein Quintel Weinsteinöl? Salniter?
-Salarmoniak? Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«
-
-Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. »Ich krieg es wohl nit
-da herin,« murmelte er.
-
-»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor einen Giftzettel
-geschrieben? Braucht Ihr eine Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein
-Windsäftlein fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.
-
-Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und als dem Apotheker der
-Atem ausging, faßte er die Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und
-sagte: »Also behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken hätt ich
-gebraucht.« --
-
-Gemächlich ging er heim.
-
-In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, von dem hatte die Ogath
-ein Kalb, dessen braunscheckiges Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht
-erstanden.
-
-Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, den Burgermeister
-am Arm und das Kalb leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an
-und begann grell zu singen:
-
- »Die Blaustaudner läuten,
- sie läuten vor Not,
- sie fangen den Bettelmann
- und nehmen ihm 's Brot.«
-
-Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das nit, Freund! Sing ein
-anderes! Und überleg dir, mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«
-
-Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte das Kalb am Ohr und redete
-ihm hinein: »Merk auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland
-versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, und von dem Berg aus
-hat er ihm die ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu rußig
-gewesen, das hat er verstecken wollen und hat geschwind seinen Schweif
-darauf gelegt.«
-
-Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel eins hinter die Ohren, daß
-dem der Hut in den Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel
-stand da, das Kalb am Strick, und mußte den Widersacher rennen und den
-Hut schwimmen lassen.
-
-Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade der Totengräber aus
-einem Grab. Der versuchte, einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu
-setzen, aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis zum Maul herunter.
-
-»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern Schädel anschaffen!«
-riet der Dullhäubel.
-
-»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der Staches, »in deinem Ähnel
-seiner Grube ist er gelegen. Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang
-genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er Platz machen.«
-
-Der Bauer band das Kalb an einen Stein, darein das Bild einer
-Pfarrersköchin gemeißelt war, den Kochlöffel in der Hand.
-
-Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel des Bonifaz herauf, die
-Pfeife war ihm noch unverwest ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel
-selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.
-
-Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der Verwesung so tapfer
-widerstanden, und er paßte ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn
-nimmer,« sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten aber kannst du
-dir nehmen, Staches.«
-
-Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich trag kein Verlangen
-darnach.«
-
-Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft tappte er nach dem Hut, den
-ihm der Ähnel zur gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.
-
-Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den einladenden Spruch überm Tor:
-
- Das ist das Wirtshaus an der Straßen;
- wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.
-
-Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, zog er das Kalb mit
-sich in die Stube und band es an den Tischfuß.
-
-Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß die Augen auf ob der
-seltsamen Gäste.
-
-»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel da,« der Bauer deutete auf
-das Kalb, »gibst du einen Kirschgeist!«
-
-Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden Spiegel lungerte der
-Lippenlix und strich sich den stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!«
-sagte er. »Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«
-
-»Ich mag nit, Schönbart.«
-
-»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. »Spielen wir
-Grünoberfangen um drei Zündhölzer! Oder willst du färbeln? Oder
-lampeln?«
-
-Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte sie, ließ abheben und
-gab aus.
-
-Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du eine Eichel!« »Und da friß
-den König!« »Und heraus mit der Schellensau!« So flog es hin und zurück.
-
-Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer in der Hand faltete,
-malten sich in dem Spiegel ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der
-Dullhäubel luchste heimlich empor und sah droben alle Trümpfe, die der
-andere in der Hand hielt, und gewann darum Spiel auf Spiel.
-
-»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber ich hör nit auf, und
-wenn ich meine hundshäutenen Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«
-
-Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze an. Das Kalb wurde
-unruhig und blökte.
-
-Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und verlor. Er schalt Gott
-und alle Heiligen. »Du Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast
-du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab. Der Teufel soll dich
-vom Abtritt wegholen! Es ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder
-ich erstech es!«
-
-»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der Dullhäubel und strich
-den Gewinst ein. »Ich bin satt. Ich geh heim.«
-
-»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du davon, du Fuchs aus
-Fuxloh? Noch einmal spiel mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab!
-Wirtin, streck Geld für!«
-
-»Dir nit,« schnippte sie.
-
-Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig tickte sie am Tisch.
-Das Kalb plärrte, der Dullhäubel gewann.
-
-Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal starrte er wild unter den
-Tisch. »Hast du nit einen Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel
-selberst. Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz ich ein, es ist
-niemanden in der Pfarre ein schönerer gewachsen.«
-
-Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war Trumpf.
-
-Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den Händen und warf sie kichernd
-auf den Tisch. Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um die Schere.
-
-Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene Geiß. »He, willst du
-meinen Leib schänden, jetzt, wo du mich ausgeraubt hast?«
-
-Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. »Halt dich, Lix!
-Zahl deine Schuld! Zahlen bringt Frieden.« Und ehe sich der Lix aus
-seiner Versteinerung erholte, hatte er ihm den Bart links und rechts
-weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, wo das Haar mit übelm
-Geruch verbrannte.
-
-Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward inne, was er verloren hatte.
-
-Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an der Luft, und weil er ein
-wenig schwankte, riß er einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich
-darauf.
-
-Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging auf, verschlafen schaute der
-Mond in die Welt.
-
-Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den Stecken in den Grund und
-band das Zöpfel dran. Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.
-
-Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als er aufschrak. Eine Dirne
-kam daher, jung und flink wie ein Wiesenwasser.
-
-»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« fragte er.
-
-»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. »Ist das der richtige
-Weg?«
-
-»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«
-
-»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn ja kennen, den Lukas. Ein
-Musikant ist er. Er haltet es nimmer aus vor Weh.«
-
-»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, der reißt ihm zwei Zähne
-mit einem Griff,« riet der Bauer.
-
-»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit einem glühenden Nagel hat er
-sich den Zahn ausgebrannt. Es hat nit genutzt. Den Bart hat er sich
-wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem Strick hat er den Zahn dem
-Stier an den Schweif gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher
-wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«
-
-»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt du denn?«
-
-Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte sie die Füße mit dem
-Kittel zu. Der Mond lugte ihr in das derbe, frische Gesicht.
-
-»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich müssen. Mechel heißen
-sie mich daheim, der Schulmeister hat mich Mathilde Schellnober
-geschrieben. Und wer bist denn du?«
-
-Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: »Aus Blaustauden
-bin ich. Ein Tischlergesell. Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen
-Franziskus.«
-
-Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.
-
-»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.
-
-»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur mit den Weibern bin ich
-ungeschickt. Ich kann nit lügen, drum mag mich keine.« So redete er
-sanft und traurig.
-
-»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.
-
-»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich selbständig machen.
-Weißt du mir keine, Mechel?«
-
-»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«
-
-»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf wie ein girrender Tauber
-und schmeichelte: »Du bist so sauber, dein Bild will ich auf alle
-Truhen malen.«
-
-»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« antwortete sie kurz.
-Unruhig rückte sie hin und her.
-
-Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.
-
-Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. Sonst verzieht sich der Weg
-hoch in die Nacht. Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß die
-Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um und liebst eine andere.«
-
-Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du kennst mich nit. Ich bin
-treu wie der Tauber der Tauberin.«
-
-Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du nimmer,« sprach sie.
-
-»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin ich nit, aber heikel.«
-
-»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie zaghaft. »Der Vater
-ist ein Musikant; was er verdient, vertut er.«
-
-»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« spaßte er. Das
-Kopftuch zog er ihr herab und krauelte ihr lind das krause Haar.
-
-»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch sie jedes Frühjahr
-mit Märzenschnee.«
-
-Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, spreiz dich nit!«
-bettelte er.
-
-»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.
-
-Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das Mondlicht an seinem
-Finger.
-
-Sie schnellte schreiend auf. »Tischler du tragst einen Ehring!«
-
-Er wurde demütig, seine Stirne krauste sich. »Im Witstand bin ich,
-Mechel, im Witstand. Der Herrgott hat sie mir hingenommen. Niemand
-kocht mir, niemand macht mir das Bett.« Die Stimme knickte ihm.
-
-Sie wurde neugierig. »Woran ist sie gestorben?«
-
-»Ich hab gehört, am Rotlauf.«
-
-»Hast du gut mit ihr gelebt?«
-
-»Ich hab nit bei ihr liegen wollen, sie hat kalte Füße gehabt. Ja, ein
-Wittiber bin ich, und das ist mein einziger Tadel.«
-
-Die lieben, dummbraunen Augen der Mechel glänzten voll Mitleid. Und er
-merkte es und riß sie zu sich hin und herzte und halste sie, bis sie
-ganz wirr bat: »Tischler, hör auf! Du bringst mich in die Lieb, und ich
-bin noch zu jung dazu.«
-
-Droben schoß ein Stern über den Himmel, Johanniskühlein flogen glimmend.
-
-»Laß ab, Tischler! Die Buben werden mir einen ströhernen Mann aufs Dach
-setzen. Die Schand begehr ich nit. -- Und wenn einer daherkommt!«
-
-»Wer wird denn gerad jetzt unterwegs sein!« tröstete er. »Es rührt und
-reibt sich nix.«
-
-Sie rang mit versagender Kraft gegen ihn.
-
-»Ich heirat dich ja. Und wenn du mich gern hast, der Himmel fallt nit
-ein,« zischte er.
-
-Da stapfte es den mondverdämmerten Weg daher, Steine rollten, ein
-Stecken klang an einen Fels.
-
-Die Mechel sprang auf und rauschte wie eine gehetzte Hirschkuh ins
-Gebüsch.
-
-Die alte Ulla humpelte mit der Geiß daher.
-
-»Verdammte Nachthex!« brauste der Dullhäubel sie an.
-
-»Verspätet hab ich mich. Die Geiß hab ich zum Bock geführt,« sagte sie
-bang.
-
-»Geh geschwind heim, dein Kater will gemolken sein. Er gibt dir täglich
-zwölf Seidel Milch, dir Nachthex.«
-
-»Bauer, du machst mich schwarz,« flehte sie. »Die Kinder spotten mir
-schon nach ›Hex! Hex!‹ Die Leut speuzen aus vor mir und verriegeln die
-Tür, wenn ich betteln komm. Und ich bin doch nur ein überständiges Weib
-und kann nimmer essen, nimmer schlafen.«
-
-»Aber hexen kannst du,« rief er unbarmherzig.
-
-»O du gar schlimmer Mann, was feindest du mich an? Unschuldig bin ich,
-der Blaumantel kann es mir bezeugen. O die Welt ist voller Angst und
-Nöten! Und man kann sich kaum aufrecken bei der teuern Zeit, kaum
-schnaufen kann man.«
-
-Ein toller Schwank war dem Dullhäubel durch den Kopf geschossen. »Hexen
-kannst du,« bestand er. »Du verzauberst den heiligen Blaumantel selber.
-Ruf ihn um die Mitternacht. Dann stürzt er dir ins Haus. Versuch es!«
-
-Er rannte in das mondscheinige Gebüsch der Mechel nach. Sie war nimmer
-zu finden. --
-
-Als er zur Kapelle kam, räusperte es sich droben im Föhrenbaum. Zwei
-dürre Beine schlotterten vom Ast.
-
-Der Dullhäubel schlug ein Kreuz. »Wer sitzt da droben?«
-
-»Ein Schlaghäusel richt ich auf für den Mondschein,« erwiderte es. Es
-war der Narr.
-
-Der Bauer atmete auf. »Gehustet hast du wie ein krowatischer Schuster,
-Zusch.«
-
-»Ich bin Rudolf von Habsburg, der Sohn Josefs des Zweiten,« sagte der
-Narr feierlich.
-
-»Steig herunter, Zusch, du erschlagst dich!«
-
-»Ich sterb nit. Ich werd hundertfünfundzwanzig Jahr alt und fahr dann
-gleich ins Himmelreich, weil ich eine reine Jungfrau blieben bin.«
-
-»Die Nacht ist nit warm,« hub der Dullhäubel listig an, »sogar dem
-Blaumantel scheppern die Zähne vor Kälte.«
-
-Der Narr fuhr wie ein Eichkater von der Föhre herab. »Ich zünd ihm
-die Kapelle an, dem Heiligen, daß er sich die Händ wärmt,« murmelte
-er. Stumpf lagerte der Blödsinn auf seiner Stirn, doch seine Augen
-zündelten.
-
-»Große Hitz tut dem Blaumantel nit gut,« lenkte der Schelm ein. »Trag
-ihn lieber, wenn der Nachtwächter zwölf schreit, der Ulla in die Hütte
-und leg ihn zu ihr ins Bett, dort erwärmt er sich gewiß.«
-
-Der Besessene nickte und kletterte in die Kapelle.
-
-Da lachte sich der Bauer in die Faust und ging ins Dorf hinauf und
-klopfte den Wirt wach. Der tat ihm mürrisch auf, stellte ihm einen
-gesalzenen Fisch und ein paar Flaschen Bier hin und legte sich wieder
-ins Stroh.
-
-Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. --
-
-Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett bereitet. Sie lag ohne
-Ruhe, die Reden des Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar
-und verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu wissen, eine
-Gabelreiterin?
-
-Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, was nicht
-geheuer gewesen. Aber ihr enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor
-ihr.
-
-Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich vor sich selber in
-den Schlaf.
-
-Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. Tief unten lagen Kirchturm
-und Freithof, Häuser und grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und
-hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen stoße. An
-den Nestern streifte sie vorbei, drin die Rabenhennen gluckten, einem
-hohen Berg zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald drunten stand ein
-zerbrochenes Häusel, aus seinem Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf
-einem Schürhaken heraus und ritt neben ihr her, und als die Ulla die
-andere scharf anschaute, so war sie es selber. Schaudernd schlug sie
-ein Kreuz. Da stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf und
-erwachte.
-
-Sie besann sich des Traumes. Es war doch lustig gewesen, so ohne
-Beschwernis zu fliegen und so weit in die Welt hinein zu schauen.
-Könnte man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst treiben, wie viel
-leichter würde doch das bittere Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß
-eine Raufe voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in den Ofen,
-wenn der harte Winter draußen stürmt und die Hohlwege zudeckt!
-
-Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her Mitternacht.
-
-Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur einmal die Kunst und
-die Kraft zu versuchen, die ihr der Dullhäubel andichtete, und weil
-ihr in der Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, den
-sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, schick mir den
-Bräutigam in die Kammer!«
-
-Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es auch entsetzt mit
-den Händen abwehrte und den freveln Spruch widerrief, die Tür ward
-aufgestoßen, ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas
-Schweres ins Bett und verschwand.
-
-Der Ulla setzte der Herzschlag aus.
-
-Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch eine Hexe. So viele
-Jahre hatte sie fromm gelebt, und jetzt verfiel sie der Hölle. O was
-hatte sie getan?!
-
-Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte unheimlich ums Haus.
-
-In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein dünnes, verzagtes,
-windverwehtes Stimmlein und führte eine unbeholfene Rede.
-
-Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. Und das Gebet der Ulla
-hatte gebrochene Flügel. Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige
-nicht über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein schwer und
-schmerzhaft zurück in ihr Herz.
-
-Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, der Zeuge ihres
-Hexentums. Das Fieber glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht
-hinzugreifen.
-
-Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen Haar der Greisin. Auf
-einmal leuchtete er voll über das Bett.
-
-Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit offenen Augen neben ihr.
-
-»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte sie, »Ich bin eine
-Hex!«
-
-Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger immer wieder zurücksank,
-wußte das Weib nicht, ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute
-sie den an, der ihr Bett teilte.
-
-Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein Wägelein, lud den Heiligen
-auf und schaffte ihn zurück in die Kapelle. -- -- --
-
-Der Mond grinste.
-
-Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie ein Rad. Er lehnte sich an
-einen Baum und horchte. Irgendwo quackten die Frösche.
-
-»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr könnt es ja nit.« Er
-fing an zu quacken, die Frösche ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen
-sich nicht schulmeistern.
-
-Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund und weckte alle Kläffer
-und Köter rings in den Einschichten, daß sie zornig bellten oder in
-gezogenem Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.
-
-Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: »Herrgott, schau
-herunter! Dein Heiliger schlaft bei einem alten Weib.«
-
-Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf nach dem kreisenden Himmel.
-Ein Schuhu kreischte. Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.
-
-Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, rutschte er aus und
-plumpste hinein. Die kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte
-ihn. Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, den Blaumantel
-verwünschend, dem er das Unglück zuschrieb.
-
-Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein erster Gedanke: »Heut
-hau ich einmal mein Weib!«
-
-Er kam heim und tappte durch den Hof ins Vorhaus. Die Stubentür aber
-war versperrt; ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.
-
-Der Dullhäubel rüttelte. »Ogath, ich sag dir es im guten, tu auf!«
-
-Drin rührte sich nichts.
-
-»Bäurin, tu auf! Tu auf, Bäurin! Ich bin es. Der Dullhäubel ist es.
-Dein Kasper,« schmeichelte er. »Weib, laß dir sagen, riegel auf!«
-
-Er drängte das Ohr ans Schlüsselloch. Kein Hauch war zu hören.
-
-Da kam ihm die Hitze. »Tu auf, Weib, sonst hol ich die Hacke und spreng
-die Tür auf!«
-
-Drin meldete es sich ruhig: »Wag es! Den Kittel schlag ich dir um den
-Schädel, solang ein Fetzen dran ist. Draußen hast du den Strohsack.«
-
-»Laß mich doch nit zugrund gehen!« schluchzte er. »In den Bach bin ich
-gefallen, waschelnaß bin ich.«
-
-»Warum bist du nit ersoffen?« sagte sie aufgebracht. »O mein
-gottseliger Mann, der Gid, ist tausendmal besser gewesen als du! Das
-ganze Geld versäst du im Saufhaus.«
-
-»Herr, erbarm dich meiner!« murmelte er wie bei einer Litanei.
-
-»Den Hof versaufst du, deine Kinder werden einmal nacket gehen!«
-
-»Herr, erbarm dich meiner!« antwortete er dumpf.
-
-»Die Kellnerinnen reißt und rumpfst du herum.«
-
-»Herr, erbarm dich meiner!«
-
-»Nacht für Nacht reitest du die Zung in die Schwemm,« eiferte sie.
-»Vertu nit alles, daß du einmal ein anständiges Begräbnis kriegst!«
-
-»Begraben muß ich werden. Das hab ich noch nie gehört, daß einer
-eingeackert worden ist.«
-
-»Schäm dich! Der Dunst und Dampf redet aus deinem Hirn.«
-
-»Ich schäm mich in den Kniebug hinein, da sieht es niemand.«
-
-»Hast du das Kalb in den Stall eingestellt? Hast du es nit verjuxt?«
-
-»Jesmaria, das Kalb hab ich im Wald vergessen!« rief er erschrocken.
-»An den Zaunstecken steht es gebunden.«
-
-»Himmlischer Vater, da haben wir wieder den Schaden! O wenn das mein
-Gottseliger erlebt hätt!«
-
-Die häufige Mahnung an den Gottseligen verdroß ihn. Er wollte überhaupt
-für heute die Zwiesprache enden. Drum sagte er: »Weib, ich bet jetzt.
-Stör mich nit! Du begehst eine Todsünd.«
-
-»Du und beten?!« spottete sie. »Ja sausen und brausen laßt du es,
-dein Gut verstreust du. Und ich muß mich mit den zwölf Menschern
-durchfretten.«
-
-Er richtete sich auf. »Weib, reiz mich nit! Wenn ich wild bin, ist der
-Zorn auch gleich da. Wer macht uns arm? Du mit deiner Fruchtbarkeit.
-Was du treibst, ist zuviel. Und nit einen einzigen Buben, lauter
-Menscher! Die kannst du dir nit genug kriegen, zu Dreikönig eins, zu
-Allerheiligen wieder eins.«
-
-»Du Schandvogel!« schalt und schelmte sie. »Du Rabenseel!«
-
-Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«
-
-Ein Schimpf rankte sich in den andern.
-
-»Du Flank du, du Schlank du!«
-
-»Du Runzel, du Schlunzel!«
-
-»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«
-
-»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«
-
-»Du Abfaum, du alter Schepperer!«
-
-»Du Schebrelle, du Rabatsche!«
-
-»Du lasterhaftes Bockfell!«
-
-Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund beutelt es mich vor Kälte.
-Erbarm ich dir nit? O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in
-die Gurgel zählst du mir!«
-
-Murrend warf er sich auf den Strohsack.
-
-Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel schlief ein.
-
-Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich der Blaumantel über sein
-Bett, daß ihm der hölzerne Leib krachte.
-
-»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in der Einöd. Es sind mir
-zu viel Narren und Diebe da.«
-
-»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig der Träumer.
-
-»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will ich nit,« erwiderte der
-Blaumantel, »die Goldenen und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte.
-Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden Hahn‹ will ich sein.«
-
-Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle und schob an und stemmte
-sich daran, es war eine schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht
-vom Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst peinigte ihm
-Zunge und Gaumen und brannte ihm tief in den Schlund hinab, und sogar
-Magen und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach einem Trunk. Und
-wieder warf sich der Dullhäubel gegen die Mauer, drängte und schob. Den
-Schweiß, der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem Maul auf, um
-sich zu erquicken. Doch die Kapelle saß wie ein Fels in der Erde. Da
-bleckte der Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich aufs Dach
-und ritt droben wie ein Reiter auf dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt
-rührte sich die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen bergan.
-
-Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd hockte er auf dem Strohsack.
-
-Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er sich auf und tappte
-in den Keller, wo auf einer Bank die Milchtöpfe standen, ergriff
-einen davon und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch oder
-Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff wie ein glühender Stein. In
-endlosem Zug schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, wischte
-sich schnaufend den Bart und taumelte satt hin aufs Stroh. --
-
-Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon rumorte die Bäurin in der
-Stube.
-
-Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte der Dullhäubel. Er
-stützte sich ächzend, riß das Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß
-auf das Pflaster des Vorhauses.
-
-»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, schnell! Aus ist es! Dahin
-geht es!«
-
-Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder das Blut in dickem Strahl
-aus dem Hals. Sein Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack
-und Estrich, alles war rot besudelt.
-
-Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. »Himmlischer Vater, er hat den
-Blutsturz!«
-
-»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den Bader! O mir ist
-hundselend! Den Pfarrer schickt mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß
-ich gar so viel Blut hab!«
-
-»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief sie. »Ich koch dir ein
-Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, der hilft.«
-
-»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen hol!«
-
-Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte die Kinder. »Wabel,
-Reigel, Rosel, Portiunkel, Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel,
-Kundel, Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«
-
-Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.
-
-Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, der Vater hat Blut
-lassen. Die Mutter laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den
-Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den Bauer besprengt!«
-
-»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen sie daher,« zürnte der
-Geistliche. »Sonst sieht man manchen nit in der Kirche. Es stehen in
-der Meß oft mehr Heilige als Leut umeinander.«
-
-»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus wie gestern der
-abgestochenen Sau.«
-
-Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. Er sagte: »Ich geh gleich
-mit. Der größte Sünder ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel
-zahlt sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«
-
-Die Reigel weckte den Bader.
-
-Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl nahm gleich eine Flasche
-Blutegel mit.
-
-»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« fragte er. »Hat er wieder einen
-Kapuzinerrausch heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? Ist
-ihm der Darm auseinander gesprungen?«
-
-»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen ganzen Zuber voll Blut
-hat er gespieben. Jetzt lechzt er.«
-
-»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon andern Leuten geholfen.
-Unserm Burgermeister hab ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen
-lang.« --
-
-Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. Er hörte in der Ferne
-das Glöckel, dessen Geläut den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete:
-»Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im Himmel, steh zu mir!
-Wenn ich wieder gesund bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine
-Deichsel, vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und Winter, Tag
-und Nacht.«
-
-Der Grazian, der wegen seines Alters als Meßner abgedankt worden war,
-fand sich ein, und nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen
-nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch immer aus dem Magen, und er
-hatte den Streich nie verwinden können.
-
-»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern hast du noch
-heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, und heut gehst du auf dem
-letzten Gras. ›Gestern im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust
-aus wie der linke Schächer.«
-
-Der Bauer griff an die Brust, die Zunge schlotterte ihm. »Mir wird ganz
-herzschlächtig.«
-
-»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, und renn der Höll zu!
-Wart nit auf die heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den Tod
-betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, du Bauchbruder, du Trost
-dem Teufel! Dahin mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh dich
-schon schneeweiß in der Truhe.«
-
-»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.
-
-»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm nit aus, dem Sensenwetzer. Im
-Sündenstank fahrst du hin.«
-
-»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte sich der Bauer. »Warum soll
-denn gerad ich keinen Fehler haben?!«
-
-Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst du auf der Streu, jetzt
-schießt das Blut heraus, das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan
-hat sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der Teufel vor der Tür
-und zerrt dich davon bei den Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«
-
-»Laß mich aus, Grazian, verschon meine Sterbensnot!«
-
-»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt nach seinen Werken. Wenn
-der Teufel herwürgt mit offenem Schlund und hernach deine Seel zwischen
-den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit zu sagen, wohin! Ja, mein
-lieber Freund, wenn der ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern
-säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit beschreiben, was
-eine Seel leidet im ewigen Pech.«
-
-»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der Schweiß brach dem Bauer aus.
-
-Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann hat uns das Kalb daher
-gebracht, gottlob,« sagte sie, »es ist ganz wild.«
-
-Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, Dullhäubel, daß Gott dich mit
-so einem guten, wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«
-
-»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« gelobte der
-Dullhäubel.
-
-»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie unwirsch. »Du tätst es
-wieder treiben wie ehmals, die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh
-und Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. Ein Selbstler bist
-du gewesen, hast an Weib und Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit,
-nur an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne Röhre hast du im
-Hals, die brennt und muß feucht gehalten werden. So, jetzt hab ich dir
-es gesagt.«
-
-»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die Wahrheit geredet,«
-wispelte er. Die Augen fielen ihm zu.
-
-»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er wird schon blau! Der
-Teufel schreit juchhe.« Er stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu
-den heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, er muß in die
-Ewigkeit wandern.«
-
-Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, und die Dirnlein drängten
-nach, neugierig und furchtsam.
-
-Der Bauer tat die glasigen Augen auf und röchelte: »Pfarrer, Bader, der
-Tod geht mir zu.«
-
-Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: »Sakerlot, du hast
-unglaublich viel Blut gekotzt! Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo
-fehlt es denn? Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt
-es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? Ist dir das Zäpflein
-gefallen?«
-
-Der Kranke deutete auf den Magen. »Da in der Herzgrube tut es weh.«
-
-»Hast du den Stuhl offen?« forschte der Arzt. »Hast du dich nit
-überfressen, Schlauch? Ja, der Fraß wühlt sich mit dem eigenen Rüssel
-das Grab auf. Die Runstadern sind dir geschwollen. Tu das Maul auf und
-zeig her deinen Schlung!«
-
-»Im Bauch rumpelt es mir,« flüsterte der Bauer.
-
-Der Bader entschied: »Du hast es auf der Leber. Eine jede Krankheit
-rührt von der Leber her. Du hast wohl einen kalten Trunk getan, he?«
-
-»Bader, gib mir was ein, ein Pulver, einen Saft, daß ich am Leben
-bleib!« klagte der Dullhäubel.
-
-»Halt das Maul, Wehdarm! Ich muß auch einmal sterben,« antwortete der
-Gottfried Mehlstäubl.
-
-»Da schau meine unversorgten Kinder an und hilf!« Der Bauer deutete mit
-Kinn und Bart auf die zwölf Dirnlein.
-
-»Kinder hast du in allen Größen wie eine Bodenstiege. Aber was nutzt
-das alles, wenn sich eine giftige Sucht einschleicht. Ich schätz, du
-überlebst die Stund nimmer.«
-
-»Herr Pfarrer,« lallte der Dullhäubel, »richt mich her -- für die
-Ewigkeit!«
-
-Da drückte ihm der Grazian einen geweihten Rosenkranz in die Hand, die
-Ogath wischte mit dem Fürtuch über die Augen, die Kinder weinten.
-
-»Gottlob, daß du dich nit in Halsstörrigkeit verhärtest, Dullhäubel,«
-begann der Pfarrer. »So tu Reu und Leid, mein lieber Christ!«
-
-Des Baders Neugier war noch nicht gestillt. »Und wo fehlt es denn sonst
-noch, Bauer? Plagen dich die Würmer? Bläht dich der Wind?«
-
-Doch der Dullhäubel räusperte und rächste sich, fuhr jäh auf, gurgelte,
-und wieder schoß das Blut heraus. Alle wichen zurück, die Bäurin
-scheuchte die Kinder hinaus. Blaß und matt sank der Bauer zurück.
-
-Der Gottfried Mehlstäubl krauste die Stirn. »Seltsam! Seltsam! Vetter,
-die Reih ist an dir. Hättest du mir alle Jahr deinen Brunn schauen
-lassen, wie der Grazian da, tät ich mich in deinem Leib besser
-auskennen.«
-
-»Der Tod zeichnet ihn,« sagte der Pfarrer. »Laßt uns allein, daß ich
-ihn geschwind noch auströste!«
-
-Da gingen alle hinaus.
-
-»Öl mich ein, Hochwürden, öl mich! Richt mich zusamm -- fein sauber --
-für den Weg!« drängte der Bauer.
-
-»Jetzt, Dullhäubel, häut dich!« begann der Herr Nonatus Hurneyßl. »Tu
-ab das Gewand deiner Sünden! Wann und wo bist du das letztemal beichten
-gewesen? Bei mir nit.«
-
-»Den zweiten Sonntag nach Ostern -- hab ich gebeichtigt -- in Bärnloh.«
-
-»So, so, in einer fremden Pfarre, bei dem schwerhörigen Pater, und an
-dem Tag, wo die Roßdieb beichten gehen? Eine saubere Seel! Aber jetzt
-her mit deinen Sünden!«
-
-Der Dullhäubel bekannte: »Öfter hab ich mich versündigt als Steine im
-Bach sind und Bäume im Wald.«
-
-»Sieben Straßen laufen zur Höll, das sind die Todsünden. Hast du eine
-begangen?« forschte der Pfarrer.
-
-Der Sünder sprudelte: »Gefressen hab ich, gesoffen, gerauft,
-gescholten, geschworen, gelogen und betrogen, die Weiber nit in ihren
-Ehren lassen, mit den Jungfern gescherzt, am Freitag bin ich fensterln
-gangen, den Leumund hab ich den Leuten genommen, verfrevelt hab ich
-mich gegen den heiligen Blaumantel. Jetzt weiß ich nix mehr.«
-
-Dem Pfarrer wirbelte das Hirn. »Ein Gewissen magst du haben wie ein
-Scheuertor,« staunte er.
-
-»Der Teufel hat mich im Schlund, reiß mich heraus, Hochwürden!« zeterte
-der Dullhäubel. »Bind mich los, bind mir die Sünden ab und öl mich!«
-
-»Nur langsam, Dullhäubel, und hübsch eins nach dem andern. Hast du
-nit gejuchzt und gejodelt und gegalmt zur Unzeit und unzüchtige
-Rockenlieder gesungen?«
-
-»Das hab ich alles getan, Pfarrer. Bind mich los!«
-
-»Ich will dich nit dem Teufel zuteil werden lassen. Aber sag mir, hast
-du ein einzigesmal im Leben ein gutes Werk verrichtet?«
-
-»Freilich, Pfarrer. Die Feiertage hab ich emsig gehalten, die
-abgeschafften auch. Und zwölf Christen hab ich in die Welt gesetzt.«
-
-Der rüstige Beichtvater sah ihn verdutzt an. »Ah, so bist du gesotten?
-Du willst unsern Gott und unsern Teufel überlisten?« Und er holte aus
-und reichte dem Sünder eins auf den Schädel. »Dafür erlaß ich dir die
-Bußgebete, du alter Spaßvogel.«
-
-»Das ist mir lieb,« sagte der Dullhäubel erleichtert.
-
-»Jetzt geratest du halt ins Fegfeuer, Bauer, und das ist eine scharfe
-Lauge. Wasch dich drin, reib dir die Seel unverdrossen ab! Und
-fahrst du hernach in den Himmel, so führ dich gut auf, daß du meinem
-Pfarrsprengel keine Schand antust.«
-
-»Ich werd mich doch nit zu dem höllischen Bären verirren?« verzagte der
-Kranke. »Ist es drunten wirklich so heiß?«
-
-Der Pfarrer schaute den Dullhäubel ernsthaft an. »In der Höll ist es
-so heiß, daß die gepeinigte Seel, die den Kniffen und Kunstgriffen
-des Satans erlegen ist, gar kläglich herausschreit: ›Gebt mir ein
-Schmiedfeuer, daß ich mich dran kühl!‹ So kalt ist das irdische Feuer
-dagegen.«
-
-»Ich riech schon lauter Brand,« wimmerte der Bauer. »O wär ich gesund,
-ich wollt anders leben! Einen Sack tät ich anziehen und wallfahren
-gen Maria-Dorn. Sterb ich aber,« seine Stimme versiegte schier, »so
-stift ich eine ewige Meß meiner Seel zum Trost, und dem Blaumantel,
-meinem Fürbitter, soll ein Wachsstock brennen hundert Jahr. O weh, wie
-schlecht wird mir jetzt!«
-
-»Was ist, Dullhäubel, was ist?«
-
-»Der Schleim steigt mir im Hals, ich erstick, ich krieg den
-Schleimschlag! O weh, von der Welt scheid ich, in die Höll spring ich.«
-Er rülpste, und das Blut sprudelte ihm wieder gräßlich aus dem Hals.
-
-»Leut, er stirbt!« schrie der Pfarrer.
-
-Der Bader, der Grazian, der Knecht und die Kinder liefen herein.
-
-Schrecklich schaute der Bauer aus, weiß wie Kalk lag er dort, die
-Lippen voller Blut.
-
-Die Ogath trug die brennende Sterbekerze daher und drückte sie ihm in
-die Hand. Er aber verdrehte die Augen grausam und fluchte: »Sakerment,
-bin ich noch nit hin?!« Er röchelte.
-
-»Bäurin,« meinte er auf einmal, »es ist wunderlich, jetzt mitten im
-Sterben lüstet mich nach einem Schnupftabak. Geh, tu mir die Lieb an!
-Es ist das Letzte, was ich von dir begehr.«
-
-»Jetzt ist ausgeschnupft,« sagte sie kurz. »Jetzt halt die Herren nit
-auf und schau zu, daß du einmal stirbst!«
-
-»Ich sterb, und keines tut einen Schrei,« sprach er wehmütig, »keins
-weint einen Tropfen, keinen Seufziger druckt es euch aus.«
-
-Der Kopf sank ihm auf die Seite, das Kinn hing ihm.
-
-»Jetzt erklenkt ihn der Satan,« rief der Grazian.
-
-»Macht Tür und Fenster auf, sonst reißt seine Seel ein Loch durchs
-Dach!«
-
-»Ihm stehen schon die Augen,« nickte der Bader.
-
-»Er ist am Weg,« flüsterte der Pfarrer.
-
-Der Sterbende hauchte noch einmal: »Mein letzter Wille! Meine Töchter
--- dürfen nur auf einen Hof -- hinheiraten, wo ein Glöckelturm drauf
-ist. Ich bin ein großer Bauer -- gewesen.«
-
-Jetzt lag er blaß und still.
-
-Die kleinen Dirnlein klammerten sich weinend an den Kittel der Mutter,
-und sie zog tief Atem: »Jetzt bin ich wieder eine Wittfrau.«
-
-Plötzlich erhob sich im Keller ein großes Geschrei. Die Wabel, die
-älteste Tochter, kam die Staffeln herauf, einen leeren Topf in der Hand.
-
-»Mutter, ich weiß, was dem Bauer fehlt!« Sie lachte, daß ihr die Zähren
-rannen, sie lachte, daß sie den Atem verlor und schier in einem Husten
-erstickte.
-
-Der Gottfried Mehlstäubl nickte. »Sie ist närrisch worden.«
-
-»Was lachst du jetzt, wo dein Vater vor das ewige Gericht hintritt?«
-verwies sie der Pfarrer streng.
-
-Die Wabel schwenkte den Topf. »Blut hat er gespieben,« brüllte sie
-vor Lachen, »Blut, aber nit sein eigenes. Gestern haben wir eine Sau
-getötet, das Blut haben wir ihr abgelassen, in den Keller haben wir
-es gestellt. Der Vater hat in seinem Rausch -- das ganze Saublut
-ausgesoffen.«
-
-»Herrgott von Blaustauden,« schrie die Bäurin, »das ganze Saublut? Heut
-hab ich es backen wollen.«
-
-Leben und Röte kehrten in die Wangen des Dullhäubel zurück, er tat die
-Augen ganz schmal auf und lallte: »Liebe Freunde, es ist nit unmöglich.«
-
-Des Pfarrers Hals verfiel in einen Krampf.
-
-Der Bader hielt sich den Bauch. »Gespieben hast du wie ein
-Hochzeitshund, Dullhäubel. Du könntest die Wissenschaft irr führen! Du
-hast aber auch einen sauberen Hinfahrtsfraß genossen. Gelt, die Suppe
-ist dir zu feist gewesen? Jetzt steh auf, nimm dein Bett und geh!«
-
-Der Herr Nonatus Hurneyßl hatte sich wieder beruhigt. »Bauer,« sagte
-er, »der Herrgott hat dir heut einen Spiegel vorgehalten. Fang ein
-neues Leben an!«
-
-Der Dullhäubel drückte pfiffig ein Auge zu. »Bader, ich bin allweil
-schnell gesund worden. Einmal hab ich mir beim Holzhacken eine
-Hand wurzweg abgehaut. In vierzehn Tagen ist sie mir wieder sauber
-nachgewachsen. Heut weiß ich nimmer, ist es die linke gewesen oder die
-rechte. Und jetzt, Ogath, gib den Tabak her! Das ist die beste Arznei.«
-
-Er schnupfte, legte sich dann zurück, schnarchte wie eine Brettmühle
-und überließ die um sein Sterbebett Versammelten ihren Betrachtungen.
-
- * * * * *
-
-Blitzblau lugten die Schlehstauden drein, und die letzte Bauernrose
-brannte im Gärtlein. Die Luft hing voll zarter Fäden, die alten Weiber
-hatten ihren Sommertag.
-
-Im Stadel drosch die Ogath mit ihren ältesten Töchtern das Rüttstroh,
-sie wollte damit die Betten frisch füllen. Fröhlich klangen die drei
-prallenden Flegel, und der Dullhäubel legte dem Dreischlag die Worte
-unter: »Schind die Katz!« und schlich sich hinter den Stauden davon, um
-der Tenne auszuweichen.
-
-Die Kapelle umging er in einem Bogen: des Blaumantels Blick vertrug
-er nimmer, weil er ihm die Kerze nicht opferte, die er ihm in der
-Sterbensangst gelobt hatte.
-
-Vom Dorf klingelte der Schmiedhammer.
-
-Beim Sulpiz gab es immer Gesellschaft, Köhler brachten die hölzerne
-Kohle, Fuhrleute ließen die Rösser beschlagen, die Bauern ließen sich
-die Axt schärfen, Kundschaft kam mit zerbrochenem Eisengerät, und
-manchen trieb andere Not hin.
-
-Heute suchte der Lukas Schellnober in dem rußigen Gewölbe Hilfe.
-»Schmied,« redete er, »du bist die letzte Zuflucht. Der Zahn tut mir
-arg weh, ich könnt mir das Kinnbein vom Schädel reißen.«
-
-»Sieh ihm den Zahn, Sulpiz!« meinte der Dullhäubel. »Speib in die Händ,
-der riesige Mann hat Zähne wie eine Wildsau.«
-
-Der Sulpiz Schlagendrauf beeilte sich nicht. Er trug eine glühende
-Stange zum Amboß. Bevor er drauf schlug, reckte er sie jeden von seinen
-drei Weibern hin, die er an die Wand gerußt hatte, und gröhlte: »Leck!
-Leck! Leck!« und dann fuhr er jäh und heimtückisch damit dem Dullhäubel
-unter die Nase: »Schmeck! Schmeck!«
-
-Der Bauer fuhr zurück bis zur Tür.
-
-Zornig hämmerte der Meister auf das Eisen los. Es war nicht zu
-verwundern, daß die Kinder von Fuxloh den wilden Mann mit dem
-verworrenen Rußbart für den Teufel hielten.
-
-»Hau zu, Schwarzer,« neckte der Dullhäubel aus wohlabgemessener Ferne,
-»hau zu und denk, du hast dein viertes Weib unter dir!«
-
-Der Sulpiz schüttelte den Hammer. »Halt das Maul oder ich zerschmied
-dich! Was stehst du da wie eine Martersäul? Hast du daheim keine
-Arbeit? Was begehrst du?«
-
-»Die Feuerzang sollst du mir leihen, daß ich meine Bäurin wieder einmal
-angreifen kann.«
-
-Das gefiel dem Schmied. Er tauchte die Stange ins Wasser, daß sie
-zischte, und deutete auf eines von den Rußbildern. »Die erste dort,
-die Luzel ist es. Einmal fahrt sie zur Kirchweih nach Bärnloh, ich
-bin allein im Haus. Um Mitternacht klopft es an die Tür, steht ein
-Kohlschwarzer draußen, die Augen glosen ihm. Ich soll ihm den Rappen
-beschlagen. Ich schau das Roß an. Es hat zwei schwarze Zöpf geflochten
-wie die Luzel. Die zwei wilden Augen schauen mich an wie die Luzel,
-wann sie mit mir gerauft hat. Ich beschlag das Roß auf allen vier
-Hufen. Der Kerl springt drauf, sagt kein Geltsgott, und reitet dahin.
-In der Früh liegt mein Weib neben mir im Bett mit Hufeisen an Händen
-und Füßen.«
-
-Der Sulpiz lachte, daß das Eisen in der Werkstatt klirrte.
-
-»Du kannst leicht lachen, Schmied, dich martert nix,« sagte der
-Zahnwehmann und hielt sich den verbundenen Kopf.
-
-»Schäm dich, Musikant,« tadelte der Rußige. »Du bist so stark wie ein
-Felsenbaum und dabei so ungesund.«
-
-»Wer ist heutigentags gesund?« greinte der Lukas. »Ja, vormals haben
-die Leut mehr ausgehalten. Mein Vater zum Beispiel hat Glas gefressen,
-das Blut ist ihm aus dem Maul geronnen, er hat Bier darüber gegossen,
-und gut ist es gewesen. Bis er einmal so ein neuartiges Lampenglas
-gegessen hat, da ist er magenkrank worden. Das neumodische Teufelswerk
-ist nix nutz, das altwäldlerische Glas ist viel milder gewesen.« Und er
-wimmerte auf: »Weh und weh, mein Zahn!«
-
-Der Schmied ließ sich auf den Amboß hin: »Duck dich her, Lukas!«
-
-Da kauerte der Musikant auf die Erde, der Sulpiz klemmte den
-verbundenen Kopf zwischen seine Kniee und zog einen Schlüssel aus der
-Tasche.
-
-»Tu das Maul auf! Welcher Zahn ist es?«
-
-Ächzend deutete der Leidensmann in sich hinein. Der Schmied griff zu
-und drehte, daß ihm die Adern am Arm schwollen, indes der Geklemmte die
-vierzehn Nothelfer anschrie.
-
-»Der Stockzahn rührt sich nit, der Teufel!« schalt der Sulpiz. Er fuhr
-dem Gepeinigten noch einmal ins Gebiß, und mit einem Ruck, daß schier
-der Amboß wankte, riß er einen mächtigen Zahn heraus.
-
-»Du hast den falschen erwischt,« rief der Lukas, »das gilt nit!«
-
-»Die Hauptsach ist, daß das böse Blut abgeht,« tröstete der
-Zahnbrecher. »Jetzt geh zum Misthaufen und speib das Blut aus!«
-
-Der Musikant legte ein Sechserlein auf den Amboß. »Wenn es besser wird,
-trag ich den Zahn nach Maria-Dorn und häng ihn der Muttergottes mit
-einem seidenen Band um den Hals,« gelobte er.
-
-»Und du lümmelst noch allweil da?« schnauzte der Schmied den Dullhäubel
-an. »Ich verdien Geld, und du versäumst dein Geschäft.«
-
-»Ich kann nix versäumen, Meister.«
-
-»Eine junge Dirn ist da gewesen und hat nach deinem Hof gefragt. Sie
-will in den Erdspiegel schauen.«
-
-Hastig nahm der Dullhäubel den Weg unter die Füße.
-
-Es war zum erstenmal, daß ihn jemand um den Erdspiegel anging. Die
-Leute waren schon zu klug. Zu des Ähnels Zeiten trug der Spiegel viel
-mehr ein als der Opferstock in der Kirche, die Bittsteller kamen aus
-aller Weite; wer ihnen das Roß gestohlen oder den Stall verhext,
-wollten sie wissen und wollten allerhand Heimliches ausfindig machen.
-Das war vorbei.
-
-Der Bauer sann nach, wie er den Erdspiegel wieder in Schwang und Ruf
-bringen könne. Heute schien sich eine gute Gelegenheit zu bieten. Er
-nahm sich vor, die Dirne erst um ihr Anliegen zu fragen, dann wollte
-er sich in den Keller sperren, als ob er Hokuspokus triebe, und dort
-würde ihm schon die rechte Antwort einfallen.
-
-In seinem Hof droschen die drei immer noch, und die kleinen Dirnlein
-spielten vor der Scheuer, eines kitzelte die andern auf die nackten
-Sohlen und rief: »Wer schmunzt, wer lacht, wer die Zähn für reckt, der
-gibt ein Pfand.«
-
-Als der Dullhäubel die Stube leer fand, schwante ihm Schlimmes, und er
-lief in den Keller.
-
-Die Tür zum Erdspiegel war aufgerissen.
-
-Ins Halbdämmer des Raumes brach durch ein Guckloch ein Strahl und traf
-den runden Spiegel, der auf einem Felsblock lag. Eine junge Dirne
-beugte sich drüber und rätselte an den Zeichen, die auf das Wunderglas
-gemalt waren: eines glich der Ziffer vier, ein anderes führte drei
-Zinken wie eine Mistgabel, das dritte trug einen Ring mit zwei Hörnlein.
-
-Der Bauer erkannte im Halblicht die Fremde nicht. »Was sprengst du mir
-die Tür?« schalt er. »Bist du eine Räuberin?«
-
-»In meiner Verzagtheit hab ich es getan,« antwortete sie. »Verzeih mir,
-Spiegelmann!«
-
-Er schob sie weg und schaute lange und ernst hinein in das Glas. Dann
-sagte er geheimnisvoll: »Ich seh es, du kommst wegen einer Liebschaft.«
-
-»Siehst du meinen Schatz auch?« rief sie heftig. »Er ist mir verloren
-gegangen. Wo find ich ihn?«
-
-Er starrte in den Spiegel und sann auf eine hübsche Lüge.
-
-»Merkst du was?« fragte sie voll Neugier. »Ich hab nur den Dreizahn
-gesehen und den Hörnerbock und den Vierer.«
-
-»Das sind die Zeichen der drei Heidengötter,« flüsterte er. »Weiberleut
-sehen nur das im Erdspiegel. Und dann, bist du noch eine Jungfer, he?
-Bist du nit schon einmal über das sechste Gebot gestolpert?«
-
-»Aber hingefallen bin ich noch nit.« Sie kehrte sich verschämt ab.
-
-»Es ist, als ob heut der Spiegel rauchig wär,« redete der Dullhäubel in
-das Glas hinein. »Hätt ich nur das Zauberbuch nit verlegt, ich könnt
-dir gleich verraten, wo sich dein Liebhaber herumtreibt.«
-
-Da versuchte auch sie hineinzuspähen, und da sich ihr junger Leib dabei
-derb an den Bauer schmiegte, ließ er sie gewähren.
-
-Plötzlich schrie sie hell auf: »Da schaut er heraus, der Tischler
-Franz, der mit mir hat Adam und Eva spielen wollen!« Und jäh sich
-besinnend, starrte sie den Dullhäubel neben sich an und packte ihn beim
-Bart. »Du bist es gewesen, Erdspiegler, der mir die Heirat versprochen
-hat!«
-
-Es war die Mechel Schellnober.
-
-Er begehrte auf. »So kommst du mir? Mir, dem Dullhäubel? Ich kenn dich
-nit. Ich bin ein verheirateter Mann. Willst du Unfried stiften in
-meinem Haus? Gleich fahr ab, du Lügenwachtel, sonst schrei ich um den
-Schergen!«
-
-»Lügst du aber keck!« staunte sie. »Und du bist es gewesen, und wenn
-du auch leugnest wie ein Spitzbub. Ich kenn dich an dem kugelrunden
-Schädel, an dem roten Bart, an dem kurzen Hals. Denselben Filzhut mit
-derselben Schnalle hast du aufgehabt. Komm einmal ans Licht hinauf! Du
-willst dich weiß brennen, willst tun, als ob du die nackete Unschuld
-selber wärst.«
-
-»Das bin ich auch. Und den Hut hab ich mir erst gestern gekauft, du
-zottige Gretel. Beweisen kann mir keiner nix. Und ans Licht geh ich
-just nit, mir ist warm, und im Keller ist es schön kühl.«
-
-»So steig ich allein hinauf, Erdspiegler, und klag es deinem Weib.«
-
-Da stieß er sie zurück und sprang ihr voran die Stiege hinauf, lief
-vors Haus und schrie: »Bäurin! Wabel, Reigel, Rosel! Kinder, kommt
-schnell! Stasel, Kathel, Liesel! Sakerment, mir fallen die Namen nit
-ein!«
-
-Die Mechel erschrak, als sie auf einmal mitten in einem Ring von
-Jungfern und Dirnlein stand.
-
-Mit dem Finger deutete der Dullhäubel auf sie. »Weib, Kinder, die
-mannsleutnärrische Schnudel da ist mir in den Keller nach, ganz
-putipharisch hat sie nach meiner Unschuld begehrt. Aber ich bin ihr nit
-ins Eisen gegangen.«
-
-»Gibt es denn keine Wahrheit mehr auf der Welt? Hat der Schauer alle
-guten Leut erschlagen?« weinte die Mechel. »Erdspiegler, du stellst
-mich her, daß kein Hund mehr ein Bröckel Brot von mir frißt. Und du
-hast mir versprochen --.«
-
-Er ließ sie nicht ausreden. »Sie hat die Bubensucht; sie lügt, ich hätt
-ihr die Heirat versprochen. Kinder, den Vater will sie euch nehmen, und
-dir, liebes Weib, den Ehmann!«
-
-»Sie soll dich nur mitnehmen,« sagte die Ogath.
-
-»Was? Das wollt ihr euch gefallen lassen?« Seine Stimme verstieg sich.
-»Und ihr jagt sie nit aus dem Hof?«
-
-»Ich zeig dir schon, was es heißt, einen neuen Trieb kriegen,«
-lachte die Bäurin wunderlich. Und sie fiel mit den Töchtern über den
-Dullhäubel her wie Hündinnen über einen Bären, im Hui wälzte er sich,
-die Hiebe fielen wie ein Schlossenschauer über ihn, er konnte sich
-ihrer nicht erwehren.
-
-»Blaumantel, hilf! Die Mannsleut müssen zusamm halten,« rief er.
-
-»So, jetzt nimm dir ihn mit,« sagte die Bäurin zur Mechel, »wir
-schenken dir ihn herzlich gern.«
-
-»Ich mag ihn nit,« antwortete die Fremde. »Und zu wegen seiner wird aus
-mir keine Klosterfrau. Die Welt ist kein Krautgarten, mein Glück wachst
-überall.«
-
-Mit trotzigen Schritten ging sie davon. --
-
-Der Dullhäubel wurde durch die Schläge nicht gebessert. Am selben Abend
-noch tat er dem Grazian Schande und Spott an.
-
-Er spielte mit einem fremden Sautreiber im Wirtshaus bis spät in die
-Nacht Karten. Der Meßner trank ihnen eifrig zu, denn der Sautreiber
-zahlte ihm die Zeche, aber auf einmal lag er mit der Stirn auf dem
-Tisch und schlief. Da löschte der Dullhäubel die Lampe, versperrte
-die Fensterladen und tat mit seinem Spießgesellen in der stichdunkeln
-Stube, als spielten sie weiter. Als die zwei immer wilder schrieen und
-immer fester mit der Faust in den Tisch schlugen, erwachte der Grazian.
-Er hörte sie die Trümpfe ausschreien und Farbe bekennen, und als er
-nichts sah, stammelte er mit zitternder Stimme: »Leut, ich bin blind.
-Ich hab mich blind gesoffen.«
-
-Der Dullhäubel ließ ihn eine ganze Stunde in der entsetzlichen Meinung,
-und am nächsten Tag lachte ganz Fuxloh über den blinden Grazian.
-
- * * * * *
-
-Der Mai blühte aus.
-
-Die Fuxloher hielten am Pfingstmontag abends vor der Kapelle eine
-Andacht. Der abgedankte Meßner Grazian hatte den Weibern ein neues
-Lied beigebracht, und sie sangen es, und der Bach sauste darein, der
-geschwollen war, weil ein Wetter niedergegangen übers Gebirg.
-
- »Der Tag ist vergangen,
- der Abend ist hier,
- gute Nacht, o Maria,
- bleib ewig bei mir!«
-
-Wie das Lied so herzerheblich hinüberflog über die Wiesen zum Wald,
-daß alle, die da sangen, ihre Freude hatten, watete der Dullhäubel
-durchs Gras daher, brachte einen Schemel mit und setzte sich abseits
-den andern darauf. Und als die frommen Stimmen der Weiber sich in die
-höchsten Höhen erflogen, stimmte er überlaut sein eigenes Lied an.
-
- »Wer will mit mir wallfahrten gehn,
- muß tragen ein Paar Schuh,
- muß Käs und Brot mitnehmen,
- muß aufstehn in der Fruh.«
-
-Da wurden die andern in ihrem Lied langsam irr, eine Stimme nach der
-andern verzagte und hörte auf, bis zuletzt nur des Dullhäubel traurig
-gezogene Weise sich behauptete.
-
-»Was irrst du uns?« schalt der Grazian betrübt.
-
-Die Weiber redeten erbost auf den Störenfried ein. Der aber sagte: »Ich
-sitz auf meiner Wies, und auf meinem Grund sing ich, was mir gefallt.
-Ihr habt wie die Nattern gesungen. Was braucht ihr das neumodische
-Schnaderhüpfel? Mein Lied ist allweil gesungen worden, seit die Kapelle
-steht, und bleiben soll es, wie es bräuchlich gewesen ist.«
-
-Da konnten die Fuxloher nichts dawider reden, sie verzichteten auf
-den neuen Gesang, und der Grazian hub eine Litanei an. Doch auch sie
-stockte bald, und besonders die Weiber wurden verwirrt und des Betens
-überdrüssig, weil der Dullhäubel mit starrem Blick sie anschaute, als
-wolle er sie verzaubern. Es wurde ihnen angst.
-
-Schließlich begehrte der Grazian auf, dem die ganze Andacht verdorben
-war: »Was schaust du so unsinnig her?«
-
-»Mein Schemel ist aus neunerlei Holz,« sagte der Schelm.
-
-»Ist das eine Antwort auf meine Frag? Wie steht es mit deinem Hirn?«
-
-»Wer auf einem Schemel aus neunerlei Holz sitzt, sieht alle Hexen.«
-
-Die Weiber fuhren auf wie gestörte Wespen. »Er beleidigt uns alle!«
-schrie die Burgermeisterin.
-
-»Du sei still,« warnte der Dullhäubel, »ich schau auf deinem Kopf ein
-Krähennest.«
-
-»Dem Kaiser soll man schreiben, daß er den Böswicht abschafft,« sagte
-die Iglin.
-
-»An deiner Nase hängt eine Fledermaus, Iglin. Grins nur her und zahn
-mich an! Ich fürcht mich nit.«
-
-Jetzt wagte keine mehr zu schimpfen, um des Dullhäubel Bosheit nicht
-auf sich zu ziehen. Nur die Spuchtin rief: »Ist denn keiner unter euch
-Mannsleuten, der sich unser annimmt und ihm den Herrn zeigt?«
-
-Der Longinus Spucht duckte sich hinter dem breiten Schmied, und der
-Schmied seufzte schwermütig: »Ach ja, alte Weiber gibt es genug auf der
-Welt!«
-
-Der Dullhäubel frohlockte: »Mein Guckähnel hat sieben Weiber gehabt,
-und alle sieben hat er erschlagen. Zuletzt haben ihn tausend Engel in
-den Himmel gehoben.«
-
-Die Weiber standen auf und gingen, die Männer verliefen sich, und den
-Grazian hörte man noch fern im Wald schimpfen.
-
-Jetzt war der Dullhäubel mit dem Heiligen allein.
-
-Dem hatten sie den welken Kranz aus Hagebutten, Silberdisteln und Heide
-mit frischen Maiblumen ersetzt.
-
-Der Wald nachtete ein, Mondlicht flunkerte in den Stauden, in der Wiese
-knarrte der Wachtelkönig.
-
-Der Dullhäubel riß den Heiligen aus der Kapelle. »Eine Kerze hab ich
-dir versprochen, so lang wie eine Deichsel. Der Wachszieher aber bietet
-solche nit feil, und so kann ich mein Wort nit lösen. Und du verdienst
-es auch nit, Blaumantel. Wie oft ich dich anruf, du hilfst mir nit. Da
-rinn den alten Weibern nach!« Er warf ihn in den Wolfsbach.
-
-Da war ihm, der Blaumantel werde in dem angeschwollenen Bach lebendig
-und drehe teuflisch den Kopf nach ihm zurück, rühre die Arme und
-schlage Räder im Wasser.
-
- * * * * *
-
-Am andern Abend, der Mond hing dürr und krumm und armselig überm
-Vogeltänd, da kam die Wabel aus dem Dorf herunter gelechzt: »Bauer, ein
-ganzer Schober Leut rennt daher, den Blaumantel begehren sie von dir,
-Gabeln und Drischeln tragen sie und wollen dich erschlagen.«
-
-»Du hast in ein Wespennest gestriegelt, Bauer,« sagte die Ogath.
-
-Dem Dullhäubel rann es kalt über die Haut. »Verrammelt das Tor!« rief
-er.
-
-Seine Leute schleppten Eggen und Pflüge herbei und sperrten das Tor mit
-Ketten, Wagen und Wiesbäumen. Die Fenster waren durch eiserne Gitter
-gesichert.
-
-Der Bauer selber stand am Dachboden und hielt zum Guckloch den
-Schießprügel hinaus, womit die Erzväter gewildert hatten. Sein Weib
-betete drunten, betete um einen glücklichen Ausgang, die Kinder knieten
-totenblaß um sie.
-
-Schon trampelten die Feinde den Waldweg daher, wie die Wölfe im Winter
-kamen sie. Sie läuteten mit Kuhglocken, bliesen und lärmten.
-
-Dreschflegel ragten über sie hinaus, Sensen, Hellebarden und abgedankte
-Spieße. Die Gesichter waren berußt oder mit Moosbärten verhüllt, ein
-tückischer Mummenschanz. Immer stärker wurde ihr Geschrei: »Hin muß er
-werden! Haar und Kopf muß er lassen, der Schelmenbub!«
-
-Jetzt stauten sie sich vor dem Gehöft, und der Dullhäubel sah sie
-genauer. Es wimmelte und wibelte drunten. Die Hüte hatten sie mit
-Reisig besteckt, die Röcke verkehrt, Männer hatten Weiberkittel an.
-Einer hatte ein Hirschgeweih vor die Stirn gebunden, andere deckten
-sich hinter hölzernen Larven oder trugen alte Kriegshelme oder stülpten
-sich Körbe über den Kopf. Einer trug sogar einen Schnabel, die eiserne
-Unzier, wie sie böse Weiber vorzeiten hatten tragen müssen am Pranger.
-
-Der Dullhäubel meldete sich, ehe sie ihm das Haus stürmten. Vom
-Guckloch rief er hinab: »Guten Abend miteinander!«
-
-Da hoben sich die verlarvten Gesichter, uralte Faustbüchsen zielten
-herauf, sie schrieen, pfiffen, läuteten mit eisernen Töpfen, und einer
-blies wahnwitzig in ein Kuhhorn.
-
-Auf einmal war es still. Ein kurzer Mann trat vor, Maul und Kinn
-gedeckt mit einem wüsten Baumbart, und forderte aus verstelltem Hals:
-»Gib uns den Blaumantel zurück, du hast ihn im Moos versenkt!«
-
-»Meiner Seel, ich hab ihn nit!«
-
-»Wo ist er dann? Du weißt es.«
-
-»Der Blaumantel? Der schalanzt wo im Land herum. Traut ihm nit,
-Fuxloher! Er kann sich nit ausweisen, nit einmal in der römischen
-Kanzlei kennen sie ihn.«
-
-»Wo der Heilige ist?« klang es wilder.
-
-»Er ist zum Himmel aufgeflogen. Oder hat er sich eine bessere Kapelle
-ausgesucht. Was weiß ich? Laßt mich in Ruh!«
-
-Stimmen gellten: »Er spottet noch, der Schlechtling! Bis ins Schienbein
-hinein ist er verwahrlost! Stecht ihm eine Lucke! Erstechen soll man
-ihn! Erstechen!« Ein Spieß erhob sich steif aus dem Haufen.
-
-»Wollt ihr mich auch verkrüppeln wie meinen liebsten Freund, Gott hab
-ihn selig, den Müllner?« klagte der Dullhäubel. »Oder wollt ihr mich
-umbringen? Leut, vergeßt euch nit! Geht hin, woher ihr gekommen seid!
-Eure Weiber haben euch aufgehetzt.«
-
-»Röhr nit, Fuchs! Uns kriegst du nimmer dran. Heut rechnen wir ab,«
-stieg es aus der Tiefe.
-
-»Was kommt ihr mit den Waffen daher? Ich bin ein friedlicher Mann.«
-
-»Einen Igel fangt man mit eisernen Handschuhen,« antwortete es.
-
-»Hütet euch!« beschwor er sie. »Ich hab den Erdspiegel, der ist im
-Zeichen des Skorpions gegossen worden.«
-
-»Den Spiegel zerschlagen wir dir. Abrechnen müssen wir!« scholl es wirr
-durcheinander. »Wem von uns hast du noch nix angetan, du Schnittlauch
-auf allen Suppen?«
-
-»Liebe Landsleut, hört mir zu! Habt ihr schon einen Galgen gesehen? In
-der Kriminalstube ist einer aufgemalt, zwanzig Schuh hoch, eine Leiter
-dran, ganz blutig. Liebe Landsleut, habt ihr schon einen nacketen Sabel
-gesehen? Der Scherg hat einen umgebunden, der Herr Anton Zinkinker,
-ihr kennt ihn alle. Wie wird euch ums Herz sein, wenn er euch ins Haus
-kommt mit dem Spieß am Gewehr, mit dem Federbusch am Hut, wenn er euch
-die Hand auflegt und schreit« -- der Dullhäubel brüllte -- »wenn er
-schreit: Im Namen des Gesetzes!!?«
-
-»Wir fürchten uns nit. Es weiß keiner, wer wir sind,« scholl es. »Du
-tanzt uns nimmer lang am Buckel. Wir legen dich kalt.«
-
-Einer schrie: »Teufel, halt den Sack auf, diesmal ist der Kasper
-zeitig.«
-
-»Du bist der abgedankte Meßner.« Der Dullhäubel deutete hinab. »Deine
-Stimme kenn ich. Und deine schelchen Achseln.«
-
-»Du irrst dich,« antwortete der drunten, »ich bin heut gar nit da.«
-
-Drunten wurden sie still, sie reckten die Köpfe zusammen und hielten
-Rat. Es war die unheimliche Ruhe vor dem Donnerschlag. Dem Dullhäubel
-rann der kalte Schweiß. Er wußte, jetzt müsse er den Fuxlohern anders
-kommen, ehe es zu spät war.
-
-»Der Kalender ist mir gebrochen,« kicherte er hinunter. »Ich weiß nit,
-ist heut aller Narren Kirchfahrt oder der blinde Irtag. Geht heim und
-legt euch ein ehrliches Gewand an, ihr verzweifelten Buben!«
-
-Da rüttelten sie schon am Tor, daß das Haus bebte.
-
-Der Dullhäubel reckte eine brennende Kerze zum Guckloch hinaus.
-Verdutzt hielten die drunten ein.
-
-»Sippschaft,« schrie er mit seiner grellen Stimme, »das ist eine
-Kaiserkerze!«
-
-»Blas sie aus! Sie geht uns nix an,« erwiderte ein Männlein, das die
-Nase in einem Wetzsteinkumpf stecken hatte, so daß sie gespenstisch
-lang erschien.
-
-»Mein Ähnel hat sie am Schlachtfeld gekriegt, die Kerze,« sagte der
-Bauer, »der Kaiser selber hat sie geweiht.«
-
-Der Mann mit dem Kumpf aber rief hitzig: »Der Kaiser soll
-uns -- -- --!« Kurzum, er tat, mit Ehren zu melden, eine landläufige
-Rede, die sonst gar niemanden Wunder genommen hätte und die ihm auch
-von keinem verübelt worden wäre. Aber der Dullhäubel fischte sie auf.
-
-»Leut,« schrie er, »jetzt hat einer von euch den Kaiser beleidigt.
-Drauf steht die härteste Straf, der Tod durch Pulver und Blei. Der
-mit dem langen Schnabel dort und mit dem dicken Bart, der Longinus
-Spucht ist es gewesen, der dem Kaiser die Arbeit geschafft hat.
-Und du, Glöckelbauer, Burgermeister von Fuxloh, hast dazu mit dem
-Kopf beifällig genickt, hast ihm Recht gegeben. Wenn der Kaiser das
-erfahrt?! Und ihr andern, ihr steht da und habt es gehört und schlagt
-den nit gleich auf dem Fleck nieder, der das kaiserliche Erzhaus
-derartig beleidigt?«
-
-Die Fuxloher wichen vor dem Spucht zurück wie vor einem Gezeichneten.
-Ihnen hingen zerknirscht die Köpfe, die wilden Vorsätze waren aus dem
-Geleis gesprungen. Ratlos schielten sie nach dem Burgermeister.
-
-Der Schelm droben schmiedete sein Eisen. »Spucht, du weißt, was dir
-bevorsteht: Pulver und Blei! Du tust mir leid.«
-
-»Du wirst doch den Spucht nit dem Schergen angeben?!« sagte der
-Glöckelbauer kleinlaut. »Das Angeben ist eine Schand, der Angeber steht
-gleich hinter dem Totschläger.«
-
-Eine kleine Gestalt mit langer Nase löste sich von dem Schwarm und
-rannte in den Wald hinein.
-
-Der Burgermeister meinte, er habe mit der Sache nichts mehr zu
-schaffen, und verschwand. Einer nach dem andern verzog sich, und bald
-war der Anger vor dem Hof leer, und die Dullhäubelleute räumten die
-Verschanzung weg.
-
-»Die Bockmelker, die Nebelschieber, die Heiligenfresser! Mit der
-Feuerspritze gehen sie gegen den Mond los,« lachte der Schelm aus dem
-Guckloch. »Meiner Seel, wenn ein Narr vom Himmel fallt, soll er auf
-Fuxloh fallen, bei uns findet er die richtige Gemeinde.«
-
- * * * * *
-
-Der Longinus Spucht rannte so scharf und rastlos durch den Vogeltänd,
-daß ihm das Herz unbändig schlug und er fürchtete, es springe ihm aus
-dem Maul heraus.
-
-Seither wurde er nimmer gesehen. Sein Weib suchte ihn eine Woche lang
-umsonst.
-
-In wenigen Tagen umspannen wilde Gerüchte den verschwundenen Mann. Sein
-schwarzer, zottiger Bart, die unruhigen, stechenden Augen und besonders
-die verwegenen Räuberlieder, die er immer gesungen, verschafften ihm,
-der ansonst ein wohlberüchtigter Mann gewesen, bald den Ruf eines
-Weglauerers und Räuberhauptmanns.
-
-Uralte Waldgeschichten vom Räuber Schierling tauchten wieder auf,
-der den Leuten den Geldbeutel abgeschreckt und sie auf die Bäume
-hinaufgejagt und schließlich heruntergeschossen hatte wie Kranwitvögel,
-und vom bayrischen Hiesel, der von den Wanderern die Zunge als Maut
-genommen und hernach sich das Messer gestrichen hatte an den Hosen. Gar
-bald war auch der Spucht der Mittelkern solch gefährlicher Sagen, die
-von einigen zufälligen Geschehnissen genährt wurden.
-
-So gingen einmal die Dirnlein des Dullhäubel um Beeren und kamen weit
-in die Wälder hinein. Da ward der kleinen Luzel bang vor der lautlosen
-Öde, sie weinte, und um sie zu stillen, erzählte ihr die Stasel ein
-Märlein. Ach, es fiel ihr gerade ein gar schauriges ein, daß ihr selbst
-davor angst wurde!
-
-Sie erzählte: »Und die zwei Kinder sind in einen Wald kommen,
-und allweil tiefer und tiefer sind sie hinein, und der Wald ist
-stockfinster worden vor lauter wildem Laub und krummen Ästen, und
-noch immer hat der Wald kein End genommen. Auf einmal steht vor ihnen
--- -- -- das Räuberhaus.« Sie flüsterte dieses Wort, ins Herz davor
-erschaudernd.
-
-Im gleichen Augenblick standen die Kinder vor einer verwurzelten
-Höhle, drin schlief der Spucht, eine Pistole in der Hand. Die Kleinen
-rannten über Rain und Stein davon und sprengten hernach schreckliche
-Geschichten im Dorf aus.
-
-Bald darauf fand der Burgermeister, als er in aller Frühe vors Haus
-trat, einen Zettel auf dem Zaun stecken. Es war ein Brandbrief.
-
-Am Dorfanger berieten sich die Fuxloher. Sie sahen sich schon
-als Abbrändler mit einem Bittgesuch von Haus zu Haus gehen. Der
-Brunnkressenhannes, der am schönsten lesen konnte, las den in
-bauchiger, derber Schrift geschriebenen Brief mit schauriger Stimme vor.
-
-»Ihr Fuxloher Haderlumpen, Am Tag Medardi Brennt Dem Igelbauer Sein
-Stadel. Wer Löschen Hilft, Dem Zünd Ich Auch Unter. Willst Du Wissen,
-Wer Ich Bin? Schmecks.«
-
-»Den Brief hinterlegen wir beim Gericht,« entschied der Burgermeister.
-
-»Was hilft mir das?« klagte der Igel. »Wenn es lichterloh aus dem Dach
-schlagt, was nutzt das Gericht? Der Nachtwächter muß die ganze Nacht um
-meine Scheuer herum gehen.«
-
-»Da müssen ein paar tapfere Leut bei mir sein,« wehrte sich der
-Nachtwächter, »ich setz das Leben nit allein aufs Spiel.«
-
-Der Grazian rief auf einmal: »Der Teufel schickt seinen Vorreiter
-daher, der weiß euch Rat.«
-
-Schon von fern winkte der Dullhäubel. »Leut, brennen wird es! Unsere
-rote Henne hat gekräht.«
-
-»Da habt ihr es,« greinte der Igel.
-
-Der Dullhäubel zog die Nase hoch. »Brändelt es nit schon?«
-
-Alle Augen richteten sich gen den Berghang, wo des Igelbauers
-Wirtschaft war. Aber sie lagerte friedlich, und nur ein linder Qualm
-hing über dem Rauchfang.
-
-»Dullhäubel, spaß nit!« mahnte der Glöckelbauer. »Der Schrecken ist mir
-ins Knie gefahren.«
-
-Der Brunnkreßner legte den Brandbrief zusammen. »Der Schreiber ist in
-keine gute Schul gangen,« sagte er mißbilligend, »jedes Wort hat er mit
-einem großen Buchstaben angefangen. Das ist falsch.«
-
-»Ganz recht ist es,« stritt der Dullhäubel. »In einem Brief schreibt
-man alles groß, daß keine Beleidigung geschieht.« --
-
-Die Fuxloher forschten nicht nach, wer den Zettel geschrieben. Aber die
-Brandwächter, die nachts um des Igels Scheuer lungerten, hielten die
-Schießprügel fest und warteten, und der Nachtwächter sagte halblaut:
-»Der Spucht, der rennt einem ohne weiters das Messer hinein. Er hat ein
-kaltes Herz.« --
-
-Der verrufene Mann irrte indes auf Diebssteigen in den Wäldern des
-Lusens, fraß Krauselbeeren und hauste in einem umwurzelten, umknorrten
-Loch, eine Eiche hatte dort die Fänge eingeschlagen. Er spürte hinter
-jeder Staude Schergen und kaiserliche Reiter und sah den Himmel voller
-Galgen.
-
-Nur wenn ihn der Hunger gar zu hart peinigte, traute er sich an eine
-Einschicht heran und half den Leuten, die den Mann mit dem wilden Bart
-nicht kannten, das Gras mähen und verlangte dafür Suppe und Brot. »O
-weh,« seufzte er oft, »wenn die einöden Leut hören, daß ich den Kaiser
-geschändet hab, sie werden mir nix mehr geben, und ich kann Holzobst
-fressen wie die wilden Säu!«
-
-Er führte eine ungeladene, zerbrochene Pistole bei sich und wäre arg
-verlegen gewesen, wenn er damit ein wildes Tier hätte abwehren müssen.
-
-Er ward schwermütig. Er dachte, jetzt käme er nimmer heim zu seinem
-Weib und nach Fuxloh. Und Eisen und Zuchthaus warteten auf ihn. Pulver
-und Blei!
-
-Am schlimmsten war ihm in der Nacht, wenn die Eulen wimmerten, finstere
-Bäche unheimlich für sich hin redeten, schwarze Bügel flogen und
-Gespenster schwärmten. Da nahm der Spucht oft vor der eigenen Angst
-Reißaus und geriet in fremde, abseitige Schluchten und fremdes Gestrüpp
-und Gesträuß und fand lange nicht zurück in die bekannte Gegend.
-
-Einmal ging er nachts auf einem fremden Holzsteig, der war so
-unheimlich, als ob der Teufel dort herumstinke. Der feurige Mond
-leuchtete, hinter finstern Stauden brummte ein Hirsch, verzagte
-Wacholderstöcke standen karg und schaudernd im Wind. Und wie der Spucht
-so einschichtig durch die Wildnis strich, sah er auf einmal am Weg
-einen Mann, der schien zu lauern.
-
-»Halt, Longinus, das gilt dir!« dachte der Spucht. Die Ohren sausten
-ihm.
-
-Der Mond verkappte sich hinter einer dicken Wolke. Die Moosgeiß rief
-gespenstisch wie eine verirrte Kuh, und entsetzt rannte ein Bach aus
-dem finstern Wald. Fern leuchtete eine Einschicht auf.
-
-Der Spucht nahm sein Herz in die Hand, ging auf den scheulichen
-Kerl los, nahm den Hut ab und sagte gar erbärmlich: »Ich bitt um
-Verzeihung, Herr, ich hab mich verirrt. Wie heißt denn der Wald da?«
-
-»Totenkopf.«
-
-»Und der Bach da?«
-
-»Mörderbach.«
-
-Nach der Einschicht fragte er nimmer, denn der Bösewicht hätte gewiß
-geschrieen, sie heiße »Stichzu!« und wäre mit einem langen Messer
-hergesprungen.
-
-Der Spucht kehrte sich um und stotterte ein Schutzgebet: »Gott, steure
-mich ins Himmelreich!« Die Zähne schepperten ihm, er meinte, jetzt
-pfeife ihm eine Kugel in den Rücken. Er rannte, bis er mit dem Bart in
-einer Dornstaude hängen blieb.
-
-Die Einöd ist des Menschen Feind. In der Einöd ist alles zu fürchten.
-
-Dort steht ein Wald, brandig und dürr bis in den letzten Wipfel hinauf,
-geisterhaft rieseln die roten Nadeln nieder. Das Gespenst eines
-Holzknechtes, den ein stürzender Baum erschlagen, erwürgt diesen Wald.
-
-Dort ist ein Gehölz, und geht man nächtens dort, da fragt vom Wipfel
-ein Unbekannter herunter: »Wohin?«
-
-Dort in der Schlucht ist ein Jäger für immer verschollen. Oft schreit
-sein Geist drin auf.
-
-Der Spucht starb jede Nacht vor Furcht. Und mancher Baum reckte ihm die
-festen Äste hin und knarrte: »Häng dich auf, Spucht!«
-
-Von Heimweh getrieben, schlotterte er schließlich gen Fuxloh.
-
-Die Bäume verdüsterten sich schon, als er durch den Vogeltänd huschte.
-Es wurde wieder unheimlich. Eine Unke läutete im Moor, sie rief
-wie eine verlassene Wittib. Ein Dämmervogel strich. »Es ist eine
-Schneiderseel,« flüsterte der Spucht und bekreuzte sich.
-
-Mitten im zerfahrenen Hohlweg lauerte ein Mann genau so wie der im
-Totenkopfwald am Mörderbach bei der Einschicht Stichzu. Oder war es
-gar ein Spießwächter? Wird er nicht jetzt wie ein brennender Löwe
-herspringen, den Scheuchhund neben sich?
-
-Alles war karthäuserisch still. Der Wind rührte nur einen einzigen Ast,
-und der knarrte. Ein Klagweiblein schwang sich in die Luft, flatterte
-und schrie.
-
-Der Spucht faßte Mut und schrie: »Ich schieß dich nieder, Hund, daß
-du meckerst! Ich laß dir das Messer hinein, daß es dir hinten wieder
-hinaus steht!«
-
-Der im Hohlweg aber lachte grausig.
-
-Da schrie der Spucht: »Bist du geheuer oder nit?«
-
-Der Dullhäubel stand wie der Teufel da. »Wo nebelst du herum, Longinus?
-Zieht dich das Gewissen her?«
-
-»Bauer, Gnad und Erbarmen! Verrat mich nit!« flehte der Spucht.
-
-»Die Soldaten suchen dich, Longinus, zwölfhundert Mann mit einer Kanon,
-der Feldmarschall Laudon führt sie an. Der Kaiser darf sich den Schimpf
-nit gefallen lassen.«
-
-»Ich renn über die bayrische Grenz,« stöhnte der Spucht.
-
-»Dann wird ein Kriegsfall draus; der Laudon verlangt, daß du
-ausgeliefert wirst.«
-
-»Mein Gott, soll unschuldiges Blut auch noch rinnen! Und ich hab es ja
-nit bös gemeint. Was soll ich tun? Bauer, sag mir einen Ausweg!«
-
-»Stell dich reumütig dem Richter!«
-
-Und der Dullhäubel stolperte davon und jodelte:
-
- »Ich bin mit dem Kaiser
- von Östreich in Stritt,
- der Scherg will mich fangen,
- er hat mich noch nit.« --
-
- * * * * *
-
-Frühtags stand der Spucht wie ein Schlottergeist in der Amtsstube des
-Landschergen Anton Zinkinker in Blaustauden.
-
-Der Scherge legte sich gerade in der Kammer daneben das
-kaiserlich-königliche Gewand an. Inzwischen schaute sich der Spucht in
-der Stube um.
-
-Verweisend blickte das Bild des Kaisers von der Mauer herab, und
-darunter drohten ein Schleppsäbel und eine Doppelflinte. Über dem
-Schreibtisch in geschnitztem Rahmen hing ein Schriftstück, darauf waren
-Gewehre und Säbel, gekreuzte Pistolen und kriegerisch gefiederte Hüte
-aufgemalt, und es flog den Spucht geradezu ein Frost an, als er die
-blutgierigen Dinge so hart bei einander sah. Und über all dem wilden
-Werkzeug stand geschrieben:
-
-
- Belobungszeugniß
-
- Uiber Antrag der k. k. Bezirkshauptmannschaft Hirschenbrunn
- wird dem Landschergen Anton Zinkinker für die mit unermüdlichem
- Eifer und besonderer Ausdauer bewirkte Zustandebringung
- des flüchtigen Dieben Franz Netachlo hiermit die belobende
- Anerkennung ausgesprochen.
-
-Die Unterschrift war nicht zu lesen, aber so dick und so groß durfte
-sich gewiß nur der Kaiser unterschreiben. Der Spucht knickte zusammen,
-und seine Schuld erschien ihm bodenlos.
-
-Der Landscherge trat herein. Er hatte denselben Bart wie der Kaiser am
-Bild. Den Säbel riß er von der Wand, gürtete ihn um und fuhr den Spucht
-grob und kurz an: »Was wollen Sie?«
-
-»Die Waffen liefer ich aus,« stotterte der und legte seine Pistole auf
-den Tisch. »Und ich bitt, führen Sie mich vors Kriegsgericht. Sonst
-erdruckt mich das Gewissen.«
-
-Der Anton Zinkinker rollte ihn an: »Was haben Sie verbrochen?«
-
-»Ich bin der Longinus Spucht aus Fuxloh. Ist denn in der Zeitung nix
-von mir gestanden? Wegen der kaiserlichen Beleidigung?«
-
-»Ich weiß nix«, brummte der Scherge. »Wenn Sie aber durchaus im
-Zuchthaus Spinnen und Fliegen fangen wollen, so kommen Sie mit. Ich hab
-sowieso in der Stadt zu tun. Reden Sie dort mit dem Richter!«
-
-Er schulterte das Gewehr, auf seinem Hut nickte der kriegerische
-Hahnenschwanz, und er ging stolz und steif, die Brust heraus, und
-schaute nicht rechts und nicht links. Neben ihm trippelte der
-Armesünder mit geknickten Knieen, als führe sein Weg schnurstracks zum
-Galgen.
-
-Die Leute, die ihnen begegneten, freuten sich. Sie sagten: »Es ist gut,
-daß sie den Raubmörder einführen. An dem Bart sieht man es ihm an, was
-er Blutiges imstand ist.« Oder: »Dem Spucht hab ich es oft gesagt,
-daß wir uns im Zuchthaus sehen werden. Ein verwogener Raufer ist er
-gewesen, überall dabei.«
-
-Er nahm alles zerknirscht hin.
-
-In Hirschenbrunn rannten ihm die Kinder nach und deuteten auf seinen
-wildmächtigen Bart.
-
-Als er ins Gerichtshaus trat, war ihm, er müsse tot umfallen. Er sah
-sich noch einmal um und wisperte: »Blaue Luft und grünes Gras, behüt
-euch Gott! Berg und Wald und Hirsch und Reh und Weib und Kind, ich seh
-euch nimmer. Mein Lohn ist Pulver und Blei.«
-
-In einer Kanzlei empfing ihn ein alter Herr, sein Bart war weiß wie
-Rauhfrost, doch die Augen funkelten ihm scharf und jung.
-
-Er ließ ihn hart an: »Sie sind also der berüchtigte Räuberhauptmann
-Spucht?«
-
-»Taglöhner und Holzhacker bin ich, sonst nix, Euer Gnaden,« stammelte
-der Spucht.
-
-»Wieviel Menschen haben Sie ermordet?«
-
-»Keinen, um Gotteschristi willen, keinen!« schwur er entsetzt.
-
-»Warum haben Sie den türkischen Kaiser beleidigt, Sie Grobian? Hat er
-Ihnen etwas getan?«
-
-»Ei, gibt es einen zweiten Kaiser auch noch?« Der Spucht ließ das Maul
-offen vor Verwunderung.
-
-»Weh Ihnen, wenn ich noch einmal etwas Ähnliches von Ihnen erfahre!
-Dann kenn ich keine Gnade mehr,« drohte der Richter. »Und nun kehren
-Sie in den Schoß der Gemeinde Fuxloh zurück! Vorerst aber lassen
-Sie sich vom Balbierer nebenan auf meine Kosten den Bart stutzen.
-Verstanden? Hinaus!!«
-
- * * * * *
-
-Die Fuxloher wollten wallfahrten gehen.
-
-Sühnen wollten sie, daß einer von ihnen sich an dem Heiligen
-vergriffen; sie wollten verhindern, daß ob dieses Frevels der Himmel
-mit schwarzen Wettern auf Saat und Frucht niederschlage, die der
-verschollene Blaumantel nimmer schützte. Und weil die Not kein Gesetz
-kennt, wollten sie an überheiligem Ort bitten, daß der Erzschelm
-Kasper Dullhäubel bald von der Erde weggeräumt und der Hölle
-überliefert werde, die er sich reichlich verdient hatte.
-
-Der Meßner Grazian wurde frühzeitlich von dem Uhrgewicht geweckt, das
-von der Höhe herab mählich auf seine Stirn gesunken war. Er lugte zum
-Fenster hinaus, wie der Wind gehe und ob kein gefährliches Gewölk
-hänge zwischen den Bergen Rachel und Lusen. Doch stand der Himmel hell
-gespannt über dem Land, und das Wetterglas stieg. Da stiefelte er sich
-festlich, knüpfte sich ein rotes Halstuch unter dem Adamsapfel, band
-grobes Geld ins Schneuztuch und weckte den Brunnkressenhannes.
-
-Der Hannes blies gewaltig ins Kuhhorn, und droben im Dachreiter des
-Glöckelbauern rührte sich das Geläut. Jedes Gehöft sandte seine
-Leute zur Wallfahrt aus; Alte und Kinder, die ansehnlichsten und die
-mindesten Fuxloher kamen daher, denn es gab schier keinen im Ort, dem
-der Dullhäubel nicht einmal eine Schalkheit angetan hätte.
-
-Bald waren sie wegfertig.
-
-Vier schwangere Bäurinnen holten aus der Kammer des Grazian eine
-geschnitzte heilige Walburga. Der Igelbauer trug auf einer Stange den
-heiligen Kölbel, der die Wallfahrer schützt auf ihrer staubigen Reise;
-der Brunnkressenhannes schwenkte die Männerfahne, der Spucht lenkte die
-Weiberfahne, und der Hahnenwirt ging mit dem gekreuzigten Herrgott.
-
-Die Dirnen hatten die Zöpfe mit Myrten und holden Zaunblumen geziert,
-und auch die uralte Ulla ging mit, das silberne Haar hatte sie gelöst
-und sie durfte es so tragen, weil sie eine Jungfrau war.
-
-Sie trugen Zehrung in Zwilchsäcken mit und in Bündeln, mancher hatte
-sich weislich mit einem Regenschirm versehen.
-
-Als die Kreuzschar singend auszog, lag der Dullhäubel auf einem Bühel.
-»Ich kann nit mitgehen,« schrie er ihnen nach, »auf der Ferse wachst
-mir ein Hühneraug, so groß wie eine wallische Nuß.«
-
-Der Grazian schüttelte den Schirm. »Spott zu! Du hast bald
-ausgespottet!«
-
-»Wie meinst du das, du Vaterunsermühl? Willst du vielleicht gar bitten,
-daß ich bald hin werd, du Weihbrunnkrug? Haltest du unsern Herrgott für
-einen Schuft, der sich kaufen laßt, du augendreherischer Meßner? Geh
-zu und verricht dein kniebeuglerisches Geschäft!«
-
-»Rennen wir, sonst wirft er uns ein paar unschöne Wörter nach!« drängte
-der Hannes.
-
-Der Schelm am Bühel näselte, den Grazian nachahmend, der eilenden
-Kreuzschar seinen Spott nach.
-
- »Die schönste Zeit ist eingetroffen,
- die Einkehrhäuser stehen offen,
- singt, Wallfahrer, sauft nur zu,
- schnürt euch die Schuh mit dem Strohhalm zu!«
-
-Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf wollte gegen den Sänger losgehen, doch
-der Grazian hielt ihn beim Rock. »Herr, vergib ihm!« seufzte er mit dem
-Blick nach oben.
-
-Der Dullhäubel lachte und schalt: »Ihr Nothälse, ihr habt alle nix,
-müßt euch die Schuh mit Rotz schmieren! Ihr Zipfelhaubenbauern, ihr
-Waldesel, stehlt euch nur wieder einen buchsbaumenen Heiligen!«
-
-Knirschend zog die Kreuzschar davon. --
-
-Der schwänkische Mann schlenderte vergnügt heim, weil er den
-Wallfahrern den rechten Segen mit auf den Weg gegeben hatte.
-
-Aber als er zur Kapelle kam, war ihm, der helle Donnerstrahl schlage
-vor ihm nieder: der Blaumantel stand wieder drin, mit hellen Farben
-neu bemalt, den Kinnbart reichlich vermehrt und verlängert, den Blick
-weit greller und stechender als früher.
-
-»Der Teufel blendet mich!« krächzte der Dullhäubel.
-
-Doch der Teufel äffte ihn nicht, sondern munkelte ihm ins Ohr. Da
-schaute der Schelm sich pfiffig um, und als er nichts Lebendiges merkte
-als einen Vogel, der auf einem Tannenspitz rastete, und nichts hörte,
-als ein paar Dompfaffen und Teufelsmeßner im Wald, nahm er den Heiligen
-beim Genick und schleifte ihn auf heimlichem Steig zu dem alten
-Backofen, dort schob er ihn hinein und zündete ihm höllisch unter, und
-der Blaumantel fing an zu prasseln und zu knallen und sang wie die drei
-Jünglinge im Feuerofen.
-
-Mit leichtem Gewissen ging der Dullhäubel zum »pfalzenden Hahn«.
-
-Wirt und Wirtin waren auf der Wallfahrt. Das Dorf war wie ausgestorben,
-nur das Vieh hörte man glöckeln auf den Hutweiden.
-
-Da stieg der Dullhäubel durchs Fenster in die Stube, legte ein paar
-Guldenzettel auf den Tisch und stach sich ein Faß an. »Jetzt, Seel,
-spring aufs Geripp, sonst ersaufst du!« lachte er und zechte gewaltig
-und ebenbürtig den Vorfahrern, die im Jahr nur zwölfmal aus dem
-Wirtshaus heimgekommen waren.
-
-Erst als das Abendglöckel läutete und der Fuchs im Steinriegel den
-Hühnersegen betete, taumelte er heim vom Leichentrunk des Blaumantels
-und stieg, der Ogath nicht in die Hände zu fallen, ganz sacht auf den
-Heuboden und wühlte sich dort ein. --
-
-Der Spucht schwenkte die schleißige Fahne, darauf die Notburg gemalt
-war, wie sie die Sichel an den Lichtstrahl hängte.
-
-»Ewig leid ist mir um den Blaumantel,« seufzte der Grazian, »der ist
-auch ein starker Himmelsfreund gewesen, hat einen Nagel in den Nebel
-geschlagen und die Stiefel dran gehängt.«
-
-Er lugte durch die messingenen Brillen, die er aufgesetzt hatte, die
-Wallfahrt zu verschönern, ins Gebetbuch; die Wangen glühten ihm,
-weil er sich heute wichtiger wußte als die andern Fuxloher, den
-Burgermeister mit einbegriffen, eine Litanei nach der andern näselte
-er der Kreuzschar vor und hörte nimmer auf. Er hatte sich gelobt, den
-Dullhäubel tot zu wallfahren.
-
-Bergan ging es, alle stapften stumm, der Berg nahm ihnen den Atem.
-Nur als sie zu einem hochgelegenen, wenig ergiebigen Acker kamen, der
-zum »pfalzenden Hahn« gehörte, da hielt der Wirt das Kreuz, das er
-trug, darüber, schüttelte es zornig und schrie: »Da schau dir ihn an,
-Herrgott! Ist das ein Hafer?«
-
-Oben auf der Schneide, wo man den letzten Blick über Fuxloh genießt,
-ehe es hinter Berg und Baum versinkt, da kehrten die vier Weiber mit
-der Walburga um, und der Grazian rief seiner Schar zu: »Da schaut hin,
-da seht ihr noch einmal euer liebes Vaterland!«
-
-Sie wallfahrteten von Staude zu Staude, talnieder und bergauf durch den
-blauen Sommer, wateten durch die seichten, felsklaren Bäche, die krumm
-und weitläufig daher rannen, schritten über wackelnde Stege und feste
-Brücken; übermütig flatterten die Fahnen. Helle und dumpfe, reine und
-krähende Stimmen sangen dem Vorsänger die Weise nach und beteten aus
-morschen Büchern, daß die Wälder erschollen, die Scheuern widerhallten
-und die Dörfer, die sie durchwallten.
-
-Die Ulla, die ihr Lebtag noch nicht viel weiter als über die
-Dachtropfen ihrer Hütte hinausgekommen war, wunderte sich ein über das
-andere Mal: »Leut und Kinder, ist die Welt aber groß! Jetzt steht dort
-droben auch noch ein Haus!«
-
-Barfuß ging sie dahin, die Schuhe am Stecken über die Achsel gehängt.
-
-Und der alte Didelmann hüpfte hin und wieder behend in eine Einschicht,
-um sich den Ziegel wärmen zu lassen, den er am Bauch trug.
-
-Wie an einem weißen Band waren die Dörfer an der Straße aufgereiht,
-und wo die Kreuzschar zog, schwangen sich die Glocken in den kropfigen
-Türmen und schlanken Dachreitern, lenkten und schwenkten und senkten
-der Brunnkreßner und der Spucht die Fahnen, trug der Hahnenwirt den
-Herrgott und der Igel seinen Stangenkölbel um die Kirchen und traten
-singend hinein, dem heiligen Wolfgangi und dem Isidori und dem Prokopi
-einen kurzen Gruß zu bieten, und hernach wanderten sie den Weg weiter,
-der hübsch krumm talein, talaus sich schlängelte gen Maria-Dorn.
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-Stauden grünten am Steig, es hingen rote Blumen drin, der Tau flocht
-Rosenkränze, ein zarter Wind rührte scheu an Korn und Wald, Vögel
-schwätzten und wirbelten, der Specht, der Holzknecht, hackte lustig den
-Tann an, und über dem allen gewölbt hing der muttergottesblaue Himmel.
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-Bäche schossen daher aus Klüften und Gründen, verborgene Mühlen
-murmelten in den Schluchten, und vom Turm des heiligen Bartholomä, der
-das dreieckige Fenster hatte, das die Kinder das Auge Gottes hießen,
-von dem Turm rief neckisch die Glocke immer wieder: »Klingeleisen,
-Bügeleisen!«
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-An einer zerfallenen Burg wallten sie vorbei, drin nach der Sage ein
-verwunschener Schnapphahn geisterte. Die Buben riefen in den Keller
-hinein: »Zinnspanner, komm heraus!« und huschten wie gescheuchte
-Hirschlein davon.
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-Mit leisem Schauder schritt die Schar an dem Pesthügel vorbei. Und
-manch sonderbarer Heiliger wartete am Weg und wollte lobsungen sein
-und ein blaues oder buntes Kränzel empfangen. Die Muttergottesfahrer
-kannten meist den Namen und die Geschichte dieser Heiligen nicht,
-sie deuteten und benannten sie aus ihrer Einfallt heraus, wie sie es
-verstanden oder einmal hatten erzählen hören.
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-Im Schatten seiner rostigen Strahlenscheibe stand auf einem Bein ein
-solch namenloser Himmelsmann; das andere Bein, das er an sich gezogen
-hielt, mochte ihn schon schmerzen. Doch schnitt er trotz seiner Marter
-ein vergnügliches Gesicht. Dreißig Jahre soll er nicht gesessen noch
-gelegen sein und habe mit dieser Peinigung das Himmelreich an sich
-gerissen.
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-»Nehmt euch ein Beispiel an ihm, Fuxloher!« sagte der Grazian und
-versuchte ein wenig auf einem seiner spandünnen Beine zu stehen. Und
-alle drängten zu dem steinernen Weihbrunn hin und besprengten sich
-eifrig.
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-Vor dem Wermutdörflein -- so hießen sie den Ort, weil im Wiesental
-rings soviel Wermut blühte -- vor dem Dörflein stand das Hasenmarterl.
-Darauf freuten sich die Kinder schon den ganzen Weg, und die Mütter
-trösteten die müden Kleinen damit.
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-Der Grazian erzählte, ein Bauer habe einmal Sonntags so hitzig einen
-Hasen gejagt, daß er die Messe versäumte, und drum habe er zur Sühne
-die winzige Kapelle gestiftet.
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-Drin saß nun das heilige Kind mitten unter tanzenden Hasen, und die
-Kreuzschar lachte hinein und ergötzte sich an dem drolligen Tanz, und
-die Kinder wollten schier nimmer weiter und wollten immer wieder die
-Hasen sehen.
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-Doch der Meßner drängte, und sie folgten ihm. Er betete ein Gebet nach
-dem andern und rief immer aus, wem es gelte. »Wollen wir ein Vaterunser
-beten für unsere schwertragenden Weiber!« forderte er, und sie beteten
-mit klaren und hohlen Stimmen. Und weiter rief er: »Ein Vaterunser für
-solche, die auf hohen Wassern fahren! Und noch eins, daß Kraut und
-Hafer gedeihen in der Gemeinde Fuxloh!«
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-Hernach zog er einen pfiffigen Mund und sprach: »Jetzt wollen wir ein
-Vaterunser aufopfern für alle, die gern mitgegangen wären! -- Und eins
-für die, die nit haben mitgehen können! -- Und eins für die, die nit
-haben mitgehen wollen!«
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-Er goß einen Schluck kornenen Branntwein in sich, und da eben ein
-urwinziges, weißes Wölklein aufstieg, rief er: »Jetzt wollen wir beten,
-daß wir in einem trockenen Regen gehen!«
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-Doch oft hob er stark und geheimnisvoll die Stimme: »Aber jetzt beten
-wir recht inbrünstig und herzhaft für den guten Ausgang einer gewissen
-Sache!« Da sah er schon vor dem gesammelten Stoß der Gebete den
-verruchten Dullhäubel hintaumeln auf den Totenschragen und überliefert
-den gespreizten Krallen der Hölle.
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-Da setzte die Gemeinde gewaltig ein, und es klang wie eine sonderbar
-wirre Orgel. Doch galt alle Inbrunst dieses namenlosen Gebetes nicht
-dem Tod des Schelmen, sondern jeglichem glühte ein anderes Anliegen im
-Herzen.
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-Der Brunnkressenhannes wünschte sich den Wurm weg, der ihm im Finger
-tobte; der Didelmann wollte sein inneres Leiden erleichtern, und die
-Glöckelbäurin wollte ihren Zopf aufhängen am Arm der Muttergottes,
-die Haare waren ihr ausgefallen in schwerer Krankheit; der Lukas
-Schellnober trug seinen Stockzahn gen Maria-Dorn, und die Mechel
-wollte dort um einen Mann bitten, nur um keinen rotköpfigen. Der eine
-wallfahrtete wegen des Mausfraßes, der andere seinem kranken Roß, der
-dritte seiner trächtigen Kuh zulieb. Die Ulla schleppte ihr schweres
-Herz mit, das sie in verfluchtem Hexentum verloren wähnte.
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-Der Lippenlix ging auch mit, weil ihm der Dullhäubel den Bart
-geschändet hatte. Er war ein solcher Spielteufel, daß er selbst im
-Gehen mit seinesgleichen Karten spielte, und nicht eher ließ er davon
-ab, bis ihm der Lukas Schellnober die Eichelsau aus der Hand schlug.
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-Weiter ging es.
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-Sankt Peter, der Wettermacher, grüßte aus seinem blauesten Fenster. Auf
-den Blockhalden glühten schlanke Weidenröslein, Stauden einsiedelten
-auf traulicher Heide, die Wiesen lagen rot und weiß und gelb
-gesprenkelt, und ihre tausend Tauäuglein glühten. Lerchenträchtig war
-der Himmel. Hasen reckten die Löffel aus Klee und Ginster, Spechte
-spähten, die Eichkatze staunte aus dem föhrenen Wald, der Grill
-lauschte im Gras auf, wenn die Bittfahrer vorübersangen. Bienen und
-schöne goldige Fliegen sumsten heimlich die Marienweisen mit.
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-Gar als der Kuckuck vom Berg jauchzte, da rief die Ulla, der sich die
-Welt auf einmal gar so unheimlich weit auftat, freudvoll aus: »Der
-Fuxloher Guckauf ist mit auf der Wallfahrt, ich kenn ihn am Schrei!«
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-An einem Hang voll gelber Rainblumen hoch oben auf einer Säule stand
-ein Steinmann, mit den Füßen mitten drin in einem Strahlenkranz.
-Ihn hießen sie den heiligen Grobian, weil er der Straße und ihren
-Wandersleuten den Rücken kehrte.
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-»Das ist eine Wundersäule,« sagte der Grazian, »sie dreht sich
-langsam.«
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-Der Didelmann, der der älteste Mann von Fuxloh war, erzählte: »Vor
-fünfzig Jahren, ich denk es noch, hat der heilige Grobian mit dem
-Gesicht noch auf die Straße geschaut. Ganz langsam dreht er sich, alle
-Jahr gibt es ihm einen geringen Ruck. Merkt auf, Kinder, wenn ihr in
-fünfzig Jahren wieder da vorüber geht!«
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-Die Ulla aber redete: »Ihr sollt ihn nit den Grobian schelten! Wer
-weiß, ob derselbige nit durch sein Blut hat ins Himmelreich schwimmen
-müssen? Wer weiß, ob die schlimmen Heiden ihn nit mit Blei, Öl und Pech
-begossen haben?«
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-Da graute allen, und sie knieten reuig vor dem gescholtenen Heiligen
-hin. Nur der Brunnkressenhannes nicht, denn seine Filzhosen waren so
-dick, daß er drin die Kniee nicht biegen konnte.
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-Der Spucht schneuzte sich gerührt in den Hut.
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-Durch Drosselwälder und über Kuckucksberge wallend, stießen sie auf
-eine abgebrannte Florianikapelle; sie war nimmer aufgebaut worden, weil
-man den heiligen Feuerherrn nicht mehr traute, der das eigene Haus
-nicht beschützt hatte.
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-Vor mancher Bildsäule warf sich die Kreuzschar in die Kniee.
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-Da war der selige Simandel. Der hieß so, weil er gar erbärmlich geduckt
-stand, als fürchte er eines scharfen Weibes Angriff. Vielleicht hatte
-er in einem demütigen Ehestand die Marterpalme errungen.
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-Einmal führte der Grazian seine Herde zu einem Felsen und zeigte ihnen
-darauf ein Loch, das hatte der Bischof Wolfgang auf der Reise mit
-seinen Füßen hinein getreten.
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-Er wies ihnen einen hohlen Stein, der war der Sessel der glorreichen
-Frau gewesen auf der Flucht, bis sie ein Geißhirt davon vertrieb mit
-rauhem Schelten und Geißelknall.
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-Er führte sie zu einem wunderbar riechenden Dornbusch. Dort hatte einst
-ein Bittfahrer ein geweihtes Gottesbrot erbrochen, und an selbem Fleck
-war hernach die Staude gewachsen. Jetzt steckten die Fuxloher andächtig
-schnüffelnd die Nasen darein, stumpfe und spitze, weiße, rote und blaue.
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-Einen Heiligen trafen sie, der rastete mit durchbohrtem Leib mitten in
-hohen Disteln drin, verzückt in sein Leid. Ein Stieglitz wiegte sich
-auf einem der vielen Distelköpfe und letzte sich dran.
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-Die Kinder wollten wissen, warum der Marterer den Spieß im Bauch habe;
-niemand konnte es ihnen deuten.
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-Ein Hirt lagerte unter einem nahen Haselnußbaum, der rief: »Der
-Herrgott hat unserm Heiligen zwei Zungen gegeben, daß er ihn besser
-loben kann.«
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-Den Grazian verdroß die Prahlerei arg, und er knurrte: »Unser
-Blaumantel hat drei Zungen gehabt. Ich bin ein steifgläubiger Mann,
-aber gegen unsern Heiligen gilt euer Distelbub einen Pfifferling.«
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-Der Hirt raffte sich neugierig auf. »So seid ihr die Fuxloher, die die
-Heiligen stehlen? Bei euch sollen ja mehr Spitzbuben als gestutzte Hund
-sein.«
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-Das ergrimmte den Hahnenwirt, und er schlug mit dem gekreuzigten
-Herrgott auf den Spötter los, der aber wehrte sich verbissen mit
-seinem krummen Stecken. Der Lukas Schellnober tat schließlich die zwei
-auseinander.
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-»Dazuland sind die Hirten grob, das ist wahr,« schimpfte der Grazian,
-als sie schon weit von dem Distelgarten waren. »Kein Wunder, wenn die
-Muttergottes davon rennt! Setzt dem Teufel eine Säul her!«
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-Mit hellen Augen sah die Ulla all die fremden Kapellen und Bilder der
-Heiligen, die auch nach dem Tod nicht ermüdeten, Wunder zu wirken, und
-sie konnte sich vor lauter Ehrfurcht nicht genug tun, und als vor einem
-jähen Straßenabsturz eine Säule stand, die Fuhrleute zu erinnern, daß
-sie hier den eisernen Schuh unter das Rad zwängen sollten, da ließ sich
-das Weiblein es nicht nehmen, sie kniete hin und betete gläubig hinauf
-zur Gibachtsäule.
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-»Heiliger Radschuh, das sollt der Dullhäubel sehen!« lachte der rauhe
-Schmied.
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-Unter einer breiten Linde, in deren Laub es sommerlich summte, rastete
-die Schar.
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-Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein an den Baum und setzte
-sich auf eine Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und rote Strümpfe,
-er starrte auf die brennenden Waden und dachte zurück an die wilden
-Nächte am Lusen, während sein Weib am nahen Feld viereckigen Klee
-suchte, daß sie Glück habe.
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-Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten Schmalz darauf oder
-häuteten eine Wurst. Die Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar
-an den Stauden zerrauft hatten.
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-Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt den fleischigen Boden
-davon ab und aß ihn. »Das ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.
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-Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der Raststatt herum. Sie fing
-einen bunten Weinfalter, der gar nicht scheu war und der Menschen
-Arglist nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie zupfte
-Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten Kopf. Und als sie eine
-dichte Staude auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz:
-da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos niedergesunken an der
-Geißelsäule, ein grauer Stein. Und halblaut sang die Uralte:
-
- »Unser Herrgott liegt im Moos
- gepeinigt und zerschunden,
- zählt die fünf bittern Wunden,
- und sein Schmerz ist groß.
- Kann nit sitzen, kann nit stehn,
- kann nit auf und weiter gehn,
- liegt in Dorn und Schleh,
- die fünf Wunden tun ihm weh.«
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-Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen und schlich
-weg. Sie verriet keinem den heimlichen Herrgott.
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-»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir müssen weiter.«
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-Verschollene, bemooste Gebete klangen wieder, oft ein Gemisch von
-Frömmigkeit und Unsinn, in alten halbvergessenen Formeln, den Betern
-selber unverständlich. Doch sie zerbrachen sich darüber das Hirn nicht
-und glaubten, Gott werde es sich schon auszudeutschen wissen. Wenn die
-Wellen der Gebete gar zu hoch schwollen, da reckte der Grazian den
-Finger auf: »Gebt nit alle Kraft her! Spart sie der Maria auf im Dorn!«
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-Sie traten aus dem Gebirg heraus in ein freundliches Liebfrauenland
-voll sanfter Hügel, deren einige grüne Wälderhauben aufhatten; gelbe
-Felder wogten, Wiesenhalden lachten.
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-Sie wanderten bald auf breiten, ebenen Straßen, bald gingen sie eines
-hinter dem andern einen dünnen Steig durch hohes Korn, sie verschwanden
-drin, und nur die Fahnen ragten drüber hinaus und kündeten von ihrer
-Wanderung.
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-Ob des endlosen Getreides verzagten die Kinder, sie fürchteten, das
-Kornweib greife aus den Halmen und verschleppe sie in die knisternde
-Wildnis.
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-Der Mittag flirrte über dem Land, immer glüher ward die Sonne, immer
-müder die Kreuzschar. Sie spannten die roten und grünen Schirme wider
-das ungestüme Licht. Staub stieg. Die Kinder trippelten an den Händen
-der Mütter, greinten und weinten oder begehrten ungeduldig heim. Viele
-ließen sich tragen.
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-Der Didelmann seufzte: »Der Ziegel ist noch hübsch warm, aber die Nägel
-hab ich mir von den Zehen gerannt.«
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-»Steinmüd bin ich,« klagte der Igel. »Der Sommer haut heuer über die
-Schnur. Für den Kornschnitt ist es recht.«
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-»Der Weg wird sauer,« flüsterte der Grazian, »aber nachlassen dürfen
-wir nit.«
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-Der Burgermeister lugte auf die Sackuhr und sagte: »Der Weg zieht sich,
-wir haben noch eine harte Stund vor uns.«
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-»Hör auf mit deiner Uhr,« neckte ihn der Sulpiz, »sie geht nach dem
-Fuxloher Mondschein.«
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-Und der Brunnkressenhannes seufzte: »Wenn nur der afrikanische Wind nit
-wehen tät!«
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-Glänzte irgendwo ein Wiesenbrunn auf, so stürzten sie darüber her und
-tranken. An den Bächen wuschen sie sich die staubigen Stirnen. Erlöst
-atmeten sie, wenn ein Hain seine Kühle über die Straße warf.
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-Einmal bildete sich der Grazian ein, er habe sich die Füße ausgekegelt.
-Er legte sich ins Gras, streckte die dünnen Beine in die Höhe und
-flehte: »Spucht, zieh an, aus Leibeskräften zieh an!«
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-Der Spucht ließ sich nicht bitten und rüttelte ihm die Gliedmaßen.
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-»Weh, du reißt mir den Fuß aus!« jammerte der Meßner. Er sprang auf und
-hinkte weiter.
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-Die Ulla aber hatte ihre Traurigkeit vergessen. Sie hub ein helles
-Lied an, das sonst niemand kannte, und drum blieb ihre spinnwebfeine
-Stimme einsam. Vor den halbgeschlossenen Augen schaute sie die heilige
-Frau, der ihr Kittel war aus Sonnenschein, und gegürtet war sie mit dem
-Regenbogen. Und die Ulla fügte lustige Triller und jähe Jodler in ihre
-Weise, sie konnte nicht anders als fröhlich singen, verstummt war die
-Qual des Gewissens, und das Herz schlug ihr hellauf vor glücklicher
-Erwartung.
-
- »Wer hat denn nur das Lied erdacht?
- Droben aus der Höh
- es habens drei Engel vom Himmel gebracht.
- Mariafrau, juchhe!«
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-»Hört der Ulla zu!« brummte der Schmied. »Ja, wenn die alten Weiber
-tanzen, hernach fliegt der Staub hoch.«
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-Sie trabten eine kühle Waldstraße hin. Örterweise warteten Kapellen,
-drin des gebundenen Heilands Leidensrast und Weg zur Schädelstätte gar
-wild und lebendig abgebildet war.
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-Die Sonne ermüdete und senkte sich aus der Höhe.
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-»Leut, verzagt nit!« feuerte der Grazian seine Schar an. »Wir haben
-nimmer weit zum goldenen Haus.«
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-Er fing eine Litanei an und betete sie genau mit derselben singenden
-und nachhallenden Stimme wie sein verstorbener Pfarrer Sebastian
-Knaupler, so daß mancher erschrocken auffuhr und meinte, den Verewigten
-selber zu hören.
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-Der Meßner betete vor: »Von der heimlichen Nachstellung des bösen
-Feindes --.«
-
-Die Kreuzschar fiel ein: »Erlöse uns, o Herr!«
-
-»Von Pestilenz und Krankheit --.«
-
-»Erlöse uns, o Herr!«
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-»Von Blitz und Ungewitter --.«
-
-»Erlöse uns, o Herr!«
-
-»Von den bösen Werken und Anschlägen des Kasper Dullhäubel --.«
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-Da jauchzte die Ulla auf und deutete.
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-Über den Wald stiegen die Turmspitzen der Muttergottes, die in den
-Dornstauden gefunden worden war, und funkelten mit blanken Knöpfen, und
-die Bittfahrer jubelten, und der Meßner schwenkte den Gupfhut.
-
-»Die Turmknöpf sind großmächtig,« sagte der Hahnenwirt, »ein jeder
-faßt einen ganzen Eimer Wein. Und das Uhrgewicht im Turm ist ein
-versteinerter Laib Brot.«
-
-Aus hohem Kreisfenster lugten die Glöcknerbuben, und schon läutete eine
-Glocke voll und schwer und himmlisch aus dem Getürm, es war ein Klang,
-als grüße die Herrgottin selber mit goldener Troststimme das Häuflein,
-das mit irdisch kläglichem Anliegen zu ihr kam, zur Muttergottes, die
-alle Gebresten wandelt in eitel Gesundheit, alle Schwäche verkehrt in
-blanke Kraft, alle Verzagtheit und Angst stillt, zur gewaltigen Frau,
-aus deren Schoß das Heil in die Welt gedrungen.
-
-Andere Glocken gesellten sich der goldenen Hochfrauenstimme, und ein
-Glöckel war darunter aus lauterem Silber, vor vielen Jahren hatten
-es die Fuxloher gestiftet, aus den silbernen Knöpfen der Bauern war
-es gegossen, und die Burgermeisterin selber hatte eine Schürze voll
-Laubtaler in die kochende Glockenspeise geschüttet. Nun klang das
-Glöckel lieb und herzlich, als sänge eine junge Bauerndirne, und als
-wüßte es, wer jetzt zu Besuch käme.
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-»Die Fuxloherin läutet,« freuten sich alle, das Wasser zitterte ihnen
-in den Augen ob der Heimatstimme, die rosenkranzumstrickten Hände hoben
-sich.
-
-Der Wald tat sich auf: da lag die Gnadenstätte vor ihnen, hoch und
-mächtig.
-
-Ein Rausch ergriff die Kreuzschar, die Fahnen bauschten sich, die
-Quasten baumelten.
-
-Der Ulla war, jetzt müßten die Heiligen in der Kirche von den Simsen
-springen und ihnen entgegengehen, und sie selber trat einher gleich
-einer Hochzeiterin, das aufgelöste, bekränzte Haar wehte ihr wie ein
-silberner Schleier, ihre Augen waren heiß und selig aufgetan. Da
-schauten alle Wallfahrer die Ulla an und wurden von dunkler Ehrfurcht
-bewegt.
-
-Dann wurden die Fahnen geschwenkt und geneigt, Gesang stieg aus dem
-Wegstaub, die zarten und die groben Stimmen griffen ineinander.
-
- »Über Berg und über Tal
- und mit freudenreichem Schall,
- über Wald und grüne Au
- reisen wir zur Lieben Frau.«
-
-Immer brünstiger, gläubiger, wilder sangen sie, vergessen war der müde
-Leib, die Herzen schlugen, die Stirnen brannten, die Kinder taten die
-Augen wundergroß auf.
-
-Funkelnd trat der Pfarrherr aus dem Tor, die Sonne gleißte in der
-erhobenen Monstranz. Die Altarbuben schwangen die Schellen.
-
-Alles warf sich vor der Blendnis nieder, schüttete sich hin vor
-dem Segen, der sie grüßte, jeder schlug an die Brust und wagte vor
-Unwürdigkeit nicht, seinen Gott zu schauen, der aus der Monstranz
-glühte.
-
-Die Kirche empfing sie mit feierlicher Kühle.
-
-Die Orgel donnerte. Weiße Säulen, wie Schlangen gewunden, trugen den
-Hochaltar, und dort, umflattert von blauem Weihrauch, umkränzt mit
-schimmernden Heiligen, herrschte Maria, die Fürbitterin, die erste Frau
-im Himmel und auf Erden. Perlenstarrend, in gelben Locken, mit goldnen
-Ketten behangen, im Arm das Krönleinkind, erwartete sie die Menschen.
-Ihres blauen Sternenkleides Falten flossen hin wie ein geackertes
-Feld. Engel hielten eine Krone über sie. Große, gewundene Wachskerzen
-flackerten, und hoch droben glitzerte das gestirnte Gewölb tausendmal
-schöner als der Himmel der Nacht.
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-Gestalten in verzückten Gebärden leuchteten an der Wand, ganze Kitten
-himmlischen Geflügels gaukelten wie Falter im Himmelsgarten. Kanzel,
-Altar, Rahmen, Leuchter, Lampen, alles funkelte, wie es sich für das
-Schloß der Königin ziemt, die die höllische Schlange überwunden und
-unter ihre Ferse gebracht hat. Rings lehnten Krücken und Stecken, die
-die Geheilten abgelegt hatten, die vormals so erbärmlich lahm gewesen,
-daß sie hatten weder kriechen noch gehen können. Eine wächserne Zunge
-hing dort, von einer Frau gestiftet, der die Zunge ans Zahnfleisch
-gewachsen war und sich hernach gelöst hatte. Auf Tafeln und Widmungen
-war geschrieben und gemalt, wie die göttliche Dornstaudnerin den
-Stummen die Rede geschenkt und den Rasenden die Vernunft, wie dem
-Blinden der Schein, dem Tauben das Ohr offen wurde, wie Geschwulst und
-Rotlauf vergingen, Wunden sich schlossen, Menschen wunderbar errettet
-wurden aus wilder Gefahr.
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-Die Fuxloher bestaunten alles, nickten der Göttlichen zu und warfen ihr
-kupfernes Geld in den Opferstock.
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-Die Kerzen knisterten am Altar, die Ulla starrte darein und staunte:
-»Reiche Welt!« Sie sah die Perlen glühen an der Gnadenfrau, Perlen
-größer als die Haselnüsse am Vogeltänd, hellblaue, pechschwarze,
-veilchenfarbne Perlen. Alles gloste von Gold und Silber und
-wunderschönem Glas.
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-Doch der flimmernde Muttergottestand ängstigte die Alte, sie wagte kaum
-den hochlobpreislichen Namen zu wispeln, und hätte doch gar zu gern
-ihren weißen Kopf gelegt in Marias Schoß. Die droben am Altar war ihr
-zu stolz und zu reich. »Sie wird die armen Leut nit kennen wollen,«
-seufzte die Ulla.
-
-Jetzt reckte der Grazian den Hals und flüsterte eindringlich: »Leut,
-es ist an der Zeit, vergeßt nit, warum wir den weiten Weg gangen sind!
-Sagt es fein der Dornstaudnerin, warum wir heut ihren Freund, den
-Blaumantel, nit mittragen!«
-
-Da murrte die Schar ein dumpfes, hartes Gebet wider den Erzschelmen und
-Landschaden Kasper Dullhäubel.
-
-Die Ulla aber stahl sich mit bekümmertem Blick hinaus aus dem Glanz und
-irrte traurig und verlassen um die Kirche.
-
-Da fand sie eine Kapelle, drin raunte und sprudelte es traulich, und
-über dem rinnenden Brunnen war die Gottesmutter auf ein Brett gemalt,
-die lächelte lieb und grüßte mit den schlichten Augen das Weib; auf dem
-Schoß zappelte ihr das Kind, es tappte gerad nach einem Gimpel, und der
-Vogel drehte den Kopf und biß den Buben in den Finger.
-
-»Ei, da ist fröhlich hausen,« dachte die Ulla und kniete mit müden
-Knieen auf die Betstaffel hin vor das Bild und schaute sehnlich empor.
-Sie, die heimatlos war wie ein Fläumlein in den Lüften, das nicht
-fallen kann und nimmer steigen, hier fühlte sie sich daheim.
-
-Sie ließ den bunten Weinfalter frei, den sie gefangen hatte.
-»Marienkind,« schmeichelte sie scheu zu dem jungen Herrgott hinauf,
-»dir bring ich ein schönes, ein wunderschönes Sommervöglein.«
-
-Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll Sünden wähnte, und sie
-betete still: »Maria, lichter als die Lilien hinterm Zaun, roter als
-die Nelken am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als Sandkörner
-liegen auf den Straßen, als Laub wachst am Wald, als Sterne scheinen
-vom Himmelreich. Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die andere
-gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau ich, Maria. Durch deinen
-keuschen Namen bitt ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«
-
-Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten Heilbrunn. Da beugte sich
-die Ulla drüber und schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin
-sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, daß ihr wunderfriedsam
-unter dem gespiegelten Blick wurde, und sie wußte, daß es keine
-Hexenaugen waren.
-
-Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. Der Marienbrunn sang
-vertraut, und draußen im Laub meldete sich ein Rotkröpfel.
-
-Hier war gut sein.
-
-Weit weg von der Welt kniete die Ulla und betete herzlich für Tote und
-Lebende, für alle, die sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.
-
- * * * * *
-
-Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie wünschten sich herzlich
-wieder in die kleine Heimat zurück aus der Welt, die sie sich so weit
-und so breit gar nicht gedacht hatten.
-
-Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und Litanei und ergötzten
-sich an den geweihten Andenken, die sie mit trugen, meist Bildern
-des Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. Den Kindern hatte
-man auf dem Schleckmarkt etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht
-hatte eine wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian gar einen
-gläsernen heiligen Geist, und er trug die Taube in der spiegelnden
-Kugel zaghaft an einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am Weg
-aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. Wenn sie rasteten, hängte er
-sein gläsernes Glück an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein
-schaukeln und im Licht glitzern.
-
-Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der Herrgottin heimkehrten
-in das dürftige Dorf, allen war, sie hätten als Gottes Gäste ein
-himmlisches Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die hohe
-Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem wundergläsernen Teller in den
-himmlischen Saal tragen werde.
-
-Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich leicht und über Erde
-und Leben erhoben wie die weißen Wolken droben.
-
-Der Schmied rief ihr zu: »Heut lachst du daher, Ulla, als ob du statt
-von der Muttergottes vom Altweibermüllner kämst.«
-
-»Einmal werd ich wieder jung,« antwortete sie. »Im Himmel sind wir alle
-gleich alt, dreiunddreißig Jahr, wie der Herrgott beim Sterben.«
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-»Wer hat dir das erzählt?« zweifelte der Schmied. »Ist einer von
-Jenseits die Leiter wieder herab gestiegen?«
-
-Sie schüttelte ernst den Kopf. »Es darf keiner zurück, daß nix
-ausgeredet wird von oben. Es muß geheim bleiben.«
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-Der Grazian seufzte: »Es muß ein harter Weg sein -- dorthin.«
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-Je näher sie gen Fuxloh kamen, desto eifriger betete der Meßner.
-Allweil wieder rief er aus: »Gott, schenk uns einen feuchten, warmen
-Regen über Schlösselwald, Hundshaberstift und Leimgrub!« In diesen
-Orten hatte er seine Töchter verheiratet.
-
-Als die Kreuzschar auf der Bergschneide hielt, von wo der Blick wieder
-auf Fuxloh fiel, rief der Grazian: »Leut, kniet euch nieder, da seht
-ihr euer Vaterland wieder!«
-
-Der Fleischhacker Luitel rannte ihnen entgegen. »Männer, schwingt den
-Hut in die Höh,« keuchte er, »der Dullhäubel ist gestorben.«
-
-Da fuhr es den Kirchfahrern kalt durchs Hirn und eisig durch den ganzen
-Leib, und das Gewissen bäumte sich ihnen auf, weil ihre Bittfahrt so
-jähe Frucht gezeitigt hatte. Aber sie faßten sich bald wieder.
-
-»Der Herrgott hat diesmal leicht begriffen,« lachte der Wirt, »wir
-haben ihm es auch deutlich genug gesagt. Gelobt seist du, Maria!«
-
-»Er hat es verrichtet, der Dullhäubel,« seufzte die Iglin. »Hoffentlich
-ist er christlich entschlafen.«
-
-Dem Meßner Grazian erschlaffte im ersten Freudenschreck die Hand, das
-gläserne Gut entfiel ihm und zersplitterte. Da rief er kläglich: »Jetzt
-hab ich den heiligen Geist den weiten Weg hergetragen wie ein krankes
-Kind, und jetzt ist er beim Teufel!«
-
-Das Dorfglöckel läutete der Schar entgegen. Kinder kamen und erzählten
-von dem Leichnam des Dullhäubel.
-
-»Ganz schwarz ist er im Gesicht,« sagten sie.
-
-Der Grazian runzelte nachdenklich das Hirn. »O weh, das ist ein übles
-Vorzeichen! Ohne Weih und Segen, ohne Pfarrer und Meßner werden wir ihn
-begraben müssen. Lasset uns beten für die arme Seel!«
-
- * * * * *
-
-Die Ogath hatte den halben Tag über ihren Bauer gesucht und nirgends
-gefunden, schließlich stieg sie in schwerer Ahnung auf den Heuboden
-hinauf, dort griff sie blindlings ins Heu und spürte ein eiskaltes Knie.
-
-Mit einem einzigen Sprung war sie wieder drunten auf der Tenne.
-
-Sie schrie den Kindern: »Am Heuboden liegt er. Der Schlag hat ihn
-getroffen, er ist ein vollblütiger Mann gewesen. Die Leich ist schon
-kalt.«
-
-»Jesmaria,« plärrte die Wabel, »jetzt ist er gestorben und hat heut
-noch das Gesott[1] nit geschnitten!«
-
- [1] Häcksel.
-
-Die Töchter flogen zu den Nachbarn und Befreundeten in die Dörfer und
-zum Pfarrer, die Leiche anzusagen. Die Bäurin selber fuhr mit dem
-Schubkarren zum Tischler, der Totentruhen vorrätig hatte.
-
-Sie begegnete den Wallfahrern. »Der Bauer hat verlebt,« meldete sie,
-»übermorgen ist das Begräbnis.«
-
-Als sie abends mit der Truhe heimkam, saß der Dullhäubel vorm Haus,
-kerngesund, die Wangen blührot, und schnupfte.
-
-»Um Gottes willen, du lebst schon wieder?« stammelte sie.
-
-»Ich bin kreuzwohlauf,« grinste er. »Du hast dich gefleißt mit der
-Truhe. Hast du auch um den Pfarrer geschickt, daß er mir lateinisch und
-schlapperteinisch redet und seine Blimblamblorium macht?«
-
-»Aber du bist ja schon kalt gewesen, wie ich dich beim Knie erwischt
-hab?!«
-
-Er nickte tiefsinnig. »Eine hirschlederne Hose greift sich halt allweil
-kalt an,« sagte er.
-
- * * * * *
-
-Weil der Dullhäubel den Seinen verboten hatte, die Leiche abzusagen, so
-wußten nur wenige, daß er noch lebte. Die Leute, die nun zu des Bauers
-Begräbnis angewandert kamen, lächelten säuerlich, als er selber sie
-treuherzig begrüßte und ihnen ein Schnüpflein antrug.
-
-»Die Bosheit wuchert weiter, und die Gerechtigkeit ist übers Meer
-gefahren,« verzweifelte der Grazian.
-
-Hernach saßen alle im »pfalzenden Hahn,« und weil sich dort gerade auch
-drei böhmische, drei österreichische und drei bayrische Musikanten
-zusammen fanden, ging es bald hoch her, und man söhnte sich leichter
-mit dem verhinderten Begräbnis aus.
-
-Lange betrachtete der Dullhäubel seine Totentruhe. »Zweispännig wär sie
-mir lieber,« meinte er, »daß eine saubere Dirn mit mir drin übernachten
-könnt.«
-
-Er nutzte die Truhe ans, indem er Schloß und Band dran nageln ließ und
-sich drin Selchfleisch und manchen Leckerbissen versperrte, den er vor
-seiner genäschigen Sippe nicht sicher wußte.
-
- * * * * *
-
-Der Dullhäubel kam zu Glück und hohen Jahren.
-
-Seine Töchter misteten den Stall, schnitten das Gesott, rechelten die
-Streu, striegelten die Ochsen, ackerten, säten, ernteten, droschen. Er
-tat nichts.
-
-Die Wabel, die Reigel, die Rosel, die Portiunkel, die Stasel, die
-Kathel und die Liesel verheiratete er Bauern, die Glöckelstühle auf dem
-Dach hatten.
-
-Er ließ sich sein schelmisches Wesen nicht verkümmern, auch dann nicht,
-als er der Burgermeister von Fuxloh wurde, und die Leute starben nicht
-aus, die ihm den Galgen auf den Hals wünschten.
-
-Einmal nach der Kirchweih, als er sich weidlich angegessen hatte,
-setzte er sich vors Haus, nahm das Rubinglas und schlug sich eine
-erkleckliche Menge Tabak auf die Hand. Zuerst füllte er sich in
-behaglicher Andacht das rechte Nasenloch, und als er das andere
-befriedigen wollte und dabei schon das linke Auge wollüstig zudrückte,
-fiel ihm der Tod sanft in den Arm. Die Hand sank still, ungenützt
-flatterte das braune Häuflein herab auf die hirschledernen Hosen. Der
-Kasper Dullhäubel war nimmer.
-
-»Jetzt hat er den schönsten Tod auch noch, der Lump, der das Eingraben
-nit wert ist!« schalt der Meßner.
-
-»Ja ja, so geht einer nach dem andern dahin,« sagte der Schmied und
-ließ einen groben Wind streichen.
-
-Nur wenige gingen mit bedächtigem Bauernschritt hinter dem Sarg her;
-viele waren daheim geblieben, sie meinten, der Schelm sei unsterblich
-und könne nicht begraben werden.
-
-Der Filzhut des Ähnels und das Rubinglas wurden ihm mitgegeben, das
-hatte er sich ausbedungen.
-
-Als die Leiche in die Grube gelassen wurde, riß der Strick, die Truhe
-polterte hinunter und brach auf, und der Dullhäubel schaute noch einmal
-fröhlich die heulende Schar der Hinterlassenen an.
-
-»Schaufelt zu, schaufelt zu!« schrie der Grazian. Und alle, wie sie ums
-Grab standen, warfen schnell mit Händen und Füßen Erde hinab, daß der
-Erzschelm nicht noch einmal an den Tag käme. --
-
-Als der Grazian an dem nämlichen Abend am Dullhäubelhof vorüber ging,
-tat er einen harten Schrei. Er behauptete, der Verstorbene habe aus
-dem Dachfenster die Zunge auf ihn gereckt. Da zündete die Ogath eine
-Laterne an und durchsuchte alle Winkel des Bodens. »Dem schwänkischen
-Mann trau ich alles zu,« meinte sie.
-
- * * * * *
-
-Der Dullhäubel fuhr schnurgerade zum Himmelstor auf.
-
-Der heilige Peter stand davor, am Gürtel die beinernen Schlüssel, und
-schrieb mit einer hohen Pfaufeder in einem Buch. Als er den Schelm
-mit dem breiten Filzhut durchs Gewölk daher waten sah, hakte er das
-silberne Schloß des Buches zu und fragte: »Wer bist du? Gib Auskunft!«
-
-»Der Dullhäubel bin ich, Bauer aus Fuxloh«, antwortete der
-Himmelfahrer. »Gelobt sei Jesus Christus!«
-
-»Dein Nam ist mir verdächtig. Reck her deine Seel!«
-
-»Da wird halt der Blaumantel seine Sach fürgebracht haben. Es ist ihm
-aber nit alles zu glauben, dem Bruder, dem scheinheiligen.«
-
-»Schilt nit!« brummte der Peter. »Und einen Blaumantel gibt es bei uns
-nit.«
-
-»Es muß einer da sein,« bestand der Dullhäubel. »Schau nur gleich nach
-in dem dicken Buch!«
-
-Der Torwärtel raunzte: »Es ist ja möglich, daß früher einmal einer da
-heroben gewesen ist, der sich so geschrieben hat. Vielleicht ist er
-hinuntergefallen. Ich müßt den Herrgott fragen, der hat ein scharfes
-Gedächtnis.«
-
-Jetzt zog der Dullhäubel aus der hinteren Schößeltasche seine Seele
-heraus, blies ein Stäublein Tabak davon weg und zeigte sie ängstlich
-vor.
-
-Der Heilige rückte die Brille, schnüffelte an der Seele und krauste die
-Stirn. »Mein Lieber, du hast dich ganz und gar verirrt. Du gehörst wo
-anders hin. Schab deinen Weg!«
-
-Dem Dullhäubel stand der Schopf geberg. An des Kapuziners Cochem
-abscheuliches Bilderbuch erinnerte er sich, an den höllischen Ofen, wo
-die Zerknirschten heulten und Pech spieen und ihnen der siedende Geifer
-aus den Lefzen spritzte.
-
-Der himmlische Torwärtel tat eine Falltür auf, da ging der Höllensteig
-hinunter hundert Klafter tief, und des Dullhäubels Vorväter saßen ohne
-Ausnahme tief drunten auf einer glühenden Bank, den Hosenlatz hinten
-abgeknöpft, mit nacktem Sitz nach altem Erdenbrauch, und der Schwefel,
-den sie saufen mußten, rauchte ihnen greulich wieder aus der Nase
-heraus. Der Teufel kletterte eine brennende Leiter herauf und bellte:
-»Wau, wau!«
-
-»Mach die schwarze Tür zu, Peter!« hüstelte der Dullhäubel, der
-höllische Schwefel kitzelte ihn in der Nase.
-
-Doch der heilige Mann antwortete: »Bind dir die Seel fest ins
-Schneuztuch und steig hinunter! Sie warten schon.«
-
-Dem armen Schelm ward blau und grün vor den Augen. Aber er gab das
-Spiel nicht verloren. Das Rubinglas nahm er herfür. »Da schnupf, Peter,
-daß du einen andern Sinn kriegst!«
-
-Der Torwärtel liebäugelte mit dem Glas. »Der Tabak tät mir wohl. Da
-heroben wird keiner verschleißt, und wenn nix zu schnupfen ist, so ist
-das eine kleine Krankheit.«
-
-»Du solltest mich doch in den Himmel lassen, nur ein Vaterunser lang,«
-begehrte der Dullhäubel. »Vor dem Blaumantel will ich einen Fußfall
-tun.«
-
-Der heilige Peter nahm sich seine mannbare Nase voll. »Wundersam
-schmeckt der Tabak, der fehlt mir noch zur Seligkeit. Ich hab ihn mein
-Lebtag gern gehabt. Hau mir noch einen her auf die Hand! Anlehnen muß
-man sich schier, wenn man den da schnupft, sonst reißt er einen um.«
-Er blinzelte schalkhaft. »Was für ein Tabak ist es denn? Ein königlich
-bayrischer? Ein gepaschter, he?«
-
-»Nur hineinschauen laß mich ins Paradeis, Schlüsselmann!« bettelte der
-Dullhäubel.
-
-Den Heiligen hatte der brasilische Tabak ganz verwirrt, die Augen
-glosten ihm, und er tat das Tor auf.
-
-Jetzt stand der Dullhäubel im himmlischen Glanz.
-
-Da saßen alle die heiligen Bauernfreunde beisammen, der Wendel, der
-Liendel, der Isidor und der Steffel, und dengelten silberne Sensen, daß
-es wie ein vierfaches Glöckelspiel lieblich anzuhören war, und die Magd
-Notburga jätete in einem Krautgärtlein. Der Märtel und der Jörg ritten
-auf Milchschimmeln, die fraßen an dem fetten Wasen, der auf den Wolken
-wuchs. Andere Heilige stolzierten in seidenen Meßgewändern mit hohen
-Krummstäben auf der Sternstraße auf und ab, ein nackter Martersmann,
-dem silberne Pfeile in Stirn und Brust und Knie staken, lustwandelte
-lachend unter ihnen. Alle waren bloßköpfig, nur der heilige Rochus und
-der Dullhäubel nicht, die hatten den Hut auf.
-
-Engel rauschten mit schneeweißen Flügeln. Die himmlische Regenbogenfrau
-schaffte am Spinnrad, einen goldgrünen Käfer im Gefältel ihres Kittels,
-und daneben spielte das Herrgottsbüblein Ball mit dem Weltapfel.
-
-Der Himmelsgarten war umzäunt, auf jedem Zaunstecken saß und sang ein
-bunter Vogel, und das waren lauter selige Seelen.
-
-In der Mitte aber in wunderbarem, hohem Betstuhl saß Gottvater selber,
-in seinem Mantel war mit Perlen und Kleinoden der ganze Sternhimmel
-gestickt, auf seiner Brust zückte die Sonne ihre Strahlen.
-
-Der Dullhäubel senkte die Augen, daß er nicht erblinde, und schaute
-sich auf den Fuß.
-
-Über dem Herrgott war ein goldener Taubenkobel, der heilige Geist
-umflog ihn und gurrte wild herab.
-
-»Ei tausend,« staunte der Herrgott, »da kommt ja der Dullhäubel daher
-aus meinem guten Dorf Fuxloh! Was begehrst denn du da heroben?«
-
-Jetzt nahm der Schelm den Hut ab und stammelte: »Den Herrn Blaumantel
-such ich. Er soll sich auch Aurazian schreiben. Ich will ihn abbitten
--- zu wegen meiner Schlechtigkeit.«
-
-Der Herrgott sann nach. »Ich weiß alles. Aber einen Aurazian Blaumantel
-kenn ich im Himmel nit. Das ist ein Irrtum.«
-
-»Alsdann, Eure Heiligkeit -- --.« Der Dullhäubel stockte, er wußte
-nicht, wie er den Herrn hätte richtig anreden sollen.
-
-»Nenn mich nur Herr Gott!« meinte der Himmelvater. »Du bist dein Lebtag
-mit mir auf du und du gewesen (wenn du auch recht sparsam mit mir
-geplaudert hast), drum sag mir jetzt auch du!«
-
-»Alsdann, wenn es keinen Blaumantel da heroben nit gibt, dann ist meine
-Schuld weitaus geringer,« seufzte der Dullhäubel auf.
-
-»Und was begehrst du noch? Und was schaust du allweil auf deinen Fuß?«
-
-»Er möcht halt auch selig werden,« sagte halblaut der heilige Peter.
-
-Der Herrgott fuhr aus dem Betstuhl auf. »Was?! Der Spitzbub?!«
-
-Doch das himmlische Fräulein am Spinnrocken faltete die Hände. »Geh,
-lieber Gott, verstoß ihn nit! Laß ihn abwiegen!«
-
-Da schmunzelte der Gottvater, daß ihm der breite Bart auseinander ging,
-und winkte mit der Hand.
-
-Den Kometen wie eine Straußfeder am Hut, sprang der Riese Michel zur
-Tür herein, er trug eine großmächtige Wage. Den Bauer lüpfte er beim
-Kragen und setzte ihn in die eine Wagschale, in die andere legte er
-große Steine und Gewichte, das waren die Sünden und Schalksstreiche des
-Dullhäubel, und darunter war auch der Mühlstein vor der Mußmühle.
-
-Jetzt hob der Engel Michel die Wage. Die Schale mit dem Sünder
-schnellte hoch empor, und der Dullhäubel verzweifelte an seiner
-Seligkeit, zumal da sich an die andere Schale noch der Teufel mit
-kohlrackerschwarzen Rabenflügeln und einem langen, rauhen Schwanz
-gekrallt hielt.
-
-»O weh, o weh,« winselte der Sünder, »jetzt muß ich in der Höll
-knirschen auf ewig.«
-
-Aber auf einmal senkte sich die Schale, drin er hockte, langsam und
-stetig.
-
-»Schau hinunter auf die Welt, Dullhäubel, wer dir hilft!« sagte die
-Jungfrau Maria.
-
-Da sah er tief, tief drunten im grünen Fuxloh vor der Kapelle ein
-uraltes Weiblein hocken, das betete mit seinem Hagebuttenrosenkranz für
-die arme Seele des Dullhäubel. Es war die Ulla.
-
-Nun stand die Wage auf gleich.
-
-»Ich darf nit zu leicht befunden werden,« ächzte der Dullhäubel, der
-helle Schweiß rann ihm von der Stirn.
-
-In seiner Not langte er hinüber nach des Teufels Schwanz, und ob der
-Satan ihn auch mit der gespaltenen Zunge anlechzte und die rotfeurigen
-Augen abscheulich glühen ließ, der Dullhäubel packte des höllischen
-Widersachers Schwanzquaste und legte sie in die eigene Schale, und sie
-senkte sich um eines Härleins Breite tiefer als die andere.
-
-Da fing unser lieber Herrgott an, sich langsam den Bart zu streichen
-und auf einmal lachte er dröhnend auf, und der heilige Peter fiel wie
-besessen lachend auf die Pauke hin, worauf man sonst Gewitter und
-Donnerschlag wirbelt, und die Muttergottes und alle heiligen Leute
-konnten sich nicht helfen vor lauter Lachen, und nur der Teufel rupfte
-sich den rußigen Schopf, spie und ließ die Schale los und sprang in die
-Hölle.
-
-Vor dem breiten Herrgottsgelächter aber sank die Schale des Schelmes
-völlig herab, und er stieg aus und war gerettet.
-
-Doch der heilige Peter besann sich und murrte: »In der Welt drunten
-gibt es einen Spruch, und der ist wahr.
-
- Je ärger der Schalk, je besser sein Glück,
- je größer der Dieb, je kleiner der Strick.
-
-Herrgott, paßt denn der Bauerntrumpf da, der nixnutzige, der Tod und
-Teufel zum Narren gehalten hat, in deine lautere Seligkeit herein?«
-
-Der Herrgott warnte mit dem Finger. »Peter, Peter, geh mit unserm
-Dullhäubel nit zu streng ins Gericht! Es müssen auch andere Leut um
-mich sein, nit nur lauter Heilige. Die Heiligen sind mir oft ein wenig
-peinlich gewesen.«
-
-Und während der Herr mit seinem Knecht also sprach, trat einer auf den
-Dullhäubel zu und gab ihm derb die Hand. Der fremde Gesell trug einen
-altertümlich groben Bauernrock und Bundschuhe, und ein Spiegel hing
-ihm im Gurt; seine lichtblauen Augen funkelten mutwillig, sein Haar
-war gelb wie Stroh und darauf saß ihm statt des Hutes ein ruppiger,
-glotzender, krummschnabliger Ohrenvogel.
-
-»Ich sollt dich kennen,« sagte der Dullhäubel und dachte nach.
-
-»Du kennst mich,« kicherte der andere, »ich bin ja dein Bruder, der
-heilige Eulenspiegel.«
-
-Er hielt dem Dullhäubel den blanken Spiegel vor. Der lugte hinein und
-sah sich drin rosig leuchten, und über seinem Scheitel hing ein runder,
-lustiger Heiligenschein.
-
-Der Herrgott richtete jetzt die grauen, frohen Augen auf ihn.
-»Dullhäubel, was willst du im Himmel anfangen?«
-
-Der schalkhafte Mann leckte sich die Lippen und hob den listigen
-Bauernblick. »O Herr, wenn ich es wünschen darf, will ich im Sommer
-Schnee schaufeln und im Winter das Vieh hüten.«
-
-»Zu meiner Rechten darfst du nit sitzen,« lachte der Herrgott, »du bist
-heut noch nit viel wert. Jetzt führ dich gut auf und laß dir einen
-milden, süßen Most einschenken.«
-
-Das war dem Dullhäubel recht. Und er sagte zu der Himmelsfrau: »Liebe
-Fürbitterin, du schnupfst nit? Für deine wehleidige Jungfernnase ist
-meine Mischung zu scharf. Aber uns schmeckt es, gelt, Gottvater!«
-
-Er schüttelte das rubinene Glas und ließ den Tabak rieseln auf des
-Herrgotts strahlende Hand.
-
- * * * * *
-
-Also hat unser Herrgott an einem gelungenen Schelm mehr Freude als
-an neunundneunzig Gerechten. Und so findet die Geschichte vom Kasper
-Dullhäubel jetzt ihr
-
- _Ende_.
-
-
-
-
-Von demselben Verfasser erschienen vorher im gleichen Verlag:
-
-
-Aus wilder Wurzel
-
-Ein Roman
-
-Einbandzeichnung von Oswald Weise. 10. Tausend
-
-_Münchner Allgemeine Zeitung_: »Das vorliegende Buch ist des Dichters
-beste und reichste Schöpfung und läßt noch ausgereiftere, kostbarere
-Früchte erwarten. Hart, eisern, von knirschendem Willen durchzuckt ist
-dieser Bericht, der von den mutig-zagen Bauern zu erzählen weiß, die es
-auf sich genommen, die furchtbare Baumwildnis der Eisensteiner Berge
-im endlosen Böhmerwalde der Scholle dienstbar zu machen. Watzliks Buch
-wird zu den bleibenden unseres Literaturschatzes gehören.«
-
-
-Der Alp
-
-Ein Roman
-
-Einbandzeichnung von Richard Birnstengel. 6. Tausend
-
-_Paul Grabein_ im Düsseld. Generalanz.: »... Der Wert des Buches
-besteht in der ganz prachtvollen, realistischen und doch wieder
-poetisch überhauchten Schilderung der Natur und Menschen des
-Böhmerwaldes. Eine Fülle von Gestalten zieht an uns vorüber, jede
-scharf umrissen in ihrer Erscheinung. Die künstlerische Wirkung
-Watzliks wird noch gehoben durch die eigenartige Schönheit und
-Bildkraft seiner Sprache ...«
-
-
-Im Ring des Ossers
-
-Erzählungen aus der Vergangenheit des Böhmerwaldes
-
-10. Tausend
-
-_Die Wage_, Wien: »... In wohlgepflegter Sprache, die stellenweis wie
-wundervoll gestimmte Glocken klingt, läßt er des Urwalds Schimmer
-und geheimnisvoll durchbrauste, zauberische Wildnis farbengolden vor
-uns erstehn. In einigen Skizzen arbeitet er mit allen Kunststücken,
-Schönheiten und Klängen des Wortes, daß die Seele erschauert,
-beglückt und berauscht von der übertönenden und überstürzenden Kraft
-poesievoller Schilderung ...«
-
-
-O Böhmen!
-
-Roman. Einbandzeichnung von G. Gelbke. 11. Tausend
-
-_Deutschnationales Jahrbuch 1919_: »Ein Heimatroman, der den Kampf
-der Deutschen Böhmens um ihre Heimatscholle, deutsches und slawisches
-Leben mit solcher Farbenpracht und so glutvoller Innigkeit schildert,
-wie kein zweites Buch. Jeder Satz darin ist Poesie, und wir dürfen
-den Dichter mit immer größerem Recht zu den ersten Deutschösterreichs
-zählen.«
-
-
-Phönix
-
-Ein Roman aus der Wiedergeburtszeit Böhmens
-
-6. Tausend
-
-_Kölnische Zeitung_: »Wildromantische Ereignisse werden mit großer
-Farbenpracht durchgeführt, daneben aber macht sich die zartere Romantik
-eines innigen Naturgefühles liebenswürdig geltend. Ein spannend
-erzählter, an starken Wirkungen reicher Roman, der auch große poetische
-Werte besitzt. Man hat es in dem Buch mit dem Erzeugnis einer hohen
-dichterischen Begabung zu tun.«
-
-
-Ferner erschien im Verlag Gebr. Stiepel in Reichenberg:
-
-
-Wermuter
-
-Eine Novelle. Mit Bildern von Artur Ressel. 4. Tausend
-
-
-=Schloß Weltfern.= Ein Roman. 5. Tausend
-
-
-Der flammende Garten
-
-Gedichte. Mit Bildern von Viktor Eichler. 2. Tausend
-
-
-=Firleifanz.= Ein Bilderbuch
-
-
-=Einöder.= Ein Novellenbuch
-
-
-Die Abenteuer des Florian Regenbogner
-
-Liebhaberausgabe mit Bildern von Ferdinand Staeger 2. Tausend
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der
- Schmutztitel wurde entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 295 lustwandete → lustwandelte
- {lustwandelte} lachend unter ihnen
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Fuxloh, by Hans Watzlik
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FUXLOH ***
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