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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Stein unter Steinen - -Author: Hermann Sudermann - -Release Date: May 14, 2020 [EBook #62132] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als | - | ·fett·, und Antiquaschrift als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - -Stein unter Steinen - - - Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger - Stuttgart und Berlin - - - Hermann Sudermann: - - - Geheftet - - ·Im Zwielicht.· Zwanglose Geschichten. 30. Aufl. M. 2.-- - - ·Frau Sorge.· Roman. 83. bis 87. Auflage M. 3.50 - - ·Geschwister.· Zwei Novellen. 27. Auflage M. 3.50 - - ·Der Katzensteg.· Roman. 61. bis 65. Auflage M. 3.50 - - ·Jolanthes Hochzeit.· Erzählung. 27. Auflage M. 2.-- - - ·Es war.· Roman. 38. Auflage M. 5.-- - - ·Die Ehre.· Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage M. 2.-- - - ·Sodoms Ende.· Drama in 5 Akten. 23. Auflage M. 2.-- - - ·Heimat.· Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage M. 3.-- - - ·Die Schmetterlingsschlacht.· Komödie in 4 Akten - 9. Auflage M. 2.-- - - ·Das Glück im Winkel.· Schauspiel in 3 Akten - 15. und 16. Auflage M. 2.-- - - ·Morituri:· Teja. Drama in 1 Akt. -- Fritzchen. - Drama in 1 Akt. -- Das Ewig-Männliche. - Spiel in 1 Akt. 17. Auflage M. 2.-- - - ·Johannes.· Tragödie in 5 Akten und 1 Vorspiel. - 28. Auflage M. 3.-- - - ·Die drei Reiherfedern.· Dramatisches Gedicht in - 5 Akten. 14. Auflage M. 3.-- - - ·Johannisfeuer.· Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl. M. 2.-- - - ·Es lebe das Leben.· Drama in 5 Akten. 20. Aufl. M. 3.-- - - ·Der Sturmgeselle Sokrates.· Komödie in 4 Akten. - 15. Auflage M. 2.-- - - Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen - - Preis für den Einband: - - in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf. - - - - - Stein unter Steinen - - Schauspiel in vier Akten - - von - - Hermann Sudermann - - Elfte Auflage - - [Illustration] - - Stuttgart und Berlin 1905 - - J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger - - -~Copyright, 1905, by Hermann Sudermann~ - -Alle Rechte vorbehalten - - -Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart - - - - -Personen - - - ·Zarncke·, Steinmetzmeister. - - ·Marie·, seine Tochter. - - ·Frau Homeyer·, Wirtschafterin bei Zarncke. - - ·Jenisch·, Buchhalter. - - ·Eichholz·, Nachtwächter auf dem Werkplatz. - - ·Lore·, seine Tochter. - - ·Lenchen·, deren Kind. - - ·Willig·, Polier. - - ·Göttlingk·, Steinmetz. - - ·Jakob Biegler·. - - ·Reitmaier·, Kriminalkommissar. - - ·Lohmann·, } - ·Sprengel·, } Arbeiter. - ·Struve·, } - - Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter. - - Mehrere Frauen und Kinder. - - _Ort der Handlung_: Berlin. - - _Zeit der Handlung_: die Gegenwart. - - Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen, - zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag. - -[Illustration] - - - - -Erster Akt - - Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tür nach - dem Hausflur. Auf der linken Seite Tür nach Wirtschaftsräumen. - Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz - führend. Davor, um eine Stufe erhöht, ein Podium mit bequemem - Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch - und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tür ein Tischchen - mit Wandkonsole darüber, rechts von der Tür ein Bücherschrank. - Altväterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche, - Photographien, gestickte Sinnsprüche an den Wänden. - Pfeifenständer, Zigarrenschränkchen, Bauer mit Kanarienvogel - etc. etc. - - -Erste Szene - - _Zarncke._ _Marie._ _Jenisch_ - - -·Zarncke· - - (Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den - Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise -- mit - Anklängen ans Niederdeutsche -- weich, bisweilen harmlos - polternd, voll stillen Grüblersinnes) - -·Marie· - - (Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei - schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache, - bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen - tastend, unsicher) - -·Jenisch· - - (behaglicher, beschränkter Zahlenmensch) - -·Zarncke· (mit Jenisch eintretend) - -Na, Miezelchen? - -·Marie· - - (die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend) - -Vaterchen! (Will aufstehen) - -·Zarncke· - -Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die -Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... -Na, Jenisch, was haben Sie da! - -·Jenisch· - -Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke. -(Reicht ihm die kleinen Blöcke) - -·Zarncke· (kratzt an den Rändern) - -Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei -vorläufig noch gedeckt. - -·Jenisch· (lacht respektvoll) - -·Zarncke· - -Zweite Post? - -·Jenisch· - -Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe) - -·Zarncke· - - (setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand - gleiten) - -Nischt -- nischt -- nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein -zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener -Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, -wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die -anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von -der Polizei kommen wegen heute nacht -- das sag' ich besser draußen. -(Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch -der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen -der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier! - -·Stimme des Poliers Willig· - -Jawohl, Herr Zarncke! - -·Zarncke· - -Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor -führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem -dummen Gefrage. - -·Stimme Willigs· - -Jawohl, Herr Zarncke. - -·Zarncke· (nachahmend) - -Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf) - -·Marie· - -_Mußtest_ du's denn anzeigen, Vaterchen? - -·Zarncke· - -Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu -nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen. -Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch -auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über -den alten Eichholz? - -·Jenisch· - -Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten -lassen. Als Wächter. - -·Zarncke· - -Na, als was denn sonst? - -·Jenisch· - -Das weiß ich ja nich. - -·Zarncke· - -Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze -hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um. - -·Marie· (lächelnd) - -Na, na. - -·Zarncke· - -Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du -- hä? - -·Marie· (lacht) - -·Zarncke· - -Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden -sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, -setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt -einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher -in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese -Instituschon is nich das richtige. - -·Marie· (lacht) - -·Zarncke· - -Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück. - -·Jenisch· (lachend) - -Adieu, Fräulein Mariechen. - -·Marie· - -Adieu, Herr Jenisch. - - -Zweite Szene - - _Zarncke. Marie_ - -·Zarncke· - -Dabei weiß ich genau, wer's gewesen is. - -·Marie· - -Am Ende gar der -- --? - -·Zarncke· - -Na natürlich. - -·Marie· (lachend) - -Du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine. - -·Zarncke· - -_Du_ meinst den Struve. Und _ich_ mein' den Struve. Und draußen auf dem -Platze meinen sie _auch_ den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren -wollen, tun sie, als hätten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu -mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder -raushaue, kriegt er zehn Jahre. - -·Marie· - -Um Gottes willen! - -·Zarncke· - -Fünfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun -sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen -neulich für den brustkranken Emil sammelten -- wo er doch als Arbeiter -eigentlich gar nischt mit zu tun hat -- Wochenlohn blank auf den Tisch -gelegt. Und muß mausen! ... Nämlich die Diamantsplitter in den neuen -Zahnsägen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe -wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt -er schon im Kittchen ... Ach, was hat man für'n Kreuz mit diesen Kerls! -Immer wieder saust man rin. - -·Marie· - -Na, manchmal auch nicht. - -·Zarncke· - -Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet. -Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber -- nee! -- nu Schluß! -- -Ich nehm' nu nich _einen_ mehr, den mir der Verein zuschanzt. - -·Marie· - -Na, na! - -·Zarncke· - -Mariechen, ich schwör' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies -hier -- ein Lämmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das -Kuvert aufreißend) Wollen mal gleich sehn! - -·Marie· - -Weißt du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein -interessanter Fall, und dann -- - -·Zarncke· - -Kann's auch ungelesen zurückschicken. (Unschlüssig) Aber -- -- -- du, -klingel mal, daß die Homeyer mir das Frühstück bringt. - -·Marie· (klingelt) - -·Zarncke· - - (die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken) - -Da is nu ein ganzes Schicksal drin. - -·Marie· (bittend) - -Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich. - -·Zarncke· - -Man soll zwar keinen von seiner Türe weisen. Na, wie du meinst. (Legt -das Kuvert hin) - - -Dritte Szene - - _Die Vorigen. Frau Homeyer_ - - (Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der - dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem - Stich ins Gemeine) - -·Frau Homeyer· - - (die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer - Rotweinflasche hereintragend) - -Schönen guten Morgen wünsch' ich. - -·Zarncke· - -Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen. - -·Frau Homeyer· - -Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich. -(Auf die Tablette weisend) Is alles gut so? - -·Zarncke· - -Hm. Fein. - -·Frau Homeyer· - -Fräulein Mariechen, was möchten Sie? - -·Marie· - -Danke. Danke. - -·Frau Homeyer· - -Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch? - -·Marie· - -Doch. Doch. - -·Frau Homeyer· - -Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich -genug tun für Sie. - -·Zarncke· - -Ja, ja, Sie sind eine Perle. - -·Frau Homeyer· - -Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine -ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich -- -ach ja! - -·Zarncke· - -Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal. - -·Frau Homeyer· - -Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert. - -·Zarncke· - -Und dann so die ehrbare Lebensweise. - -·Frau Homeyer· (seufzend) - -Ja, ja. - -·Zarncke· - -Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend -was gehört, heute nacht? - -·Frau Homeyer· - -Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. -- Schritte und so. - -·Zarncke· - -Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet? - -·Frau Homeyer· - -Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' -mich nich in fremde Sachen. - -·Zarncke· - -So -- das sind fremde Sachen für Sie? - -·Frau Homeyer· - -Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind? - -·Zarncke· - -Na, was denn sonst? - -·Frau Homeyer· - -Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, -- da werden die Mannsleute -doll -- - -·Zarncke· - -Und die Weibsleute auch. - -·Frau Homeyer· - -Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, -daß mein armer sel'ger Mann -- - -·Zarncke· - -Scht, scht, scht! _Wenn_, dann würd's auch nichts ausmachen. Na -- und? - -·Frau Homeyer· - -Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter -schläft eben auch. Nu ja. - -·Zarncke· - -Ach so! Das geht gegen die Lore! - -·Frau Homeyer· - -Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein -Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie -ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum. -Vater unbekannt. - -·Zarncke· - -Der Vater ist nicht unbekannt. - -·Frau Homeyer· - -Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. -- Warum heiratet er sie -denn nich? - -·Zarncke· - -Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen? - -·Marie· - - (die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist) - -Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün. - -·Frau Homeyer· - - (die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat) - -Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser? - -·Marie· (trinkt -- matt) - -Danke schön. - -·Frau Homeyer· - -Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab) - - -Vierte Szene - - _Zarncke. Marie._ Später _Lenchen_ - -·Zarncke· - -Miezelchen! - -·Marie· - -Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem -Kopf und Glieder so schwer. - -·Zarncke· - -Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn. -Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du -sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende -Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz -lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich? - -·Marie· - -Ach Gott! - -·Zarncke· - -Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen -Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß -man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum -der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten -gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn -sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich -hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel -auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden. - -·Marie· (freudig) - -Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem -Leibe schreien ... - -·Zarncke· - -Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe. - -·Marie· (betroffen) - -Wie meinst du das? - -·Zarncke· - -Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. -- - -·Marie· (hinaushorchend, ruft) - -Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt -herein, wie vorhin) Lenchen! - -·Die Stimme Lenchens· (jubelnd) - -Tante Mariechen! - -·Marie· - -Komm ans Fenster! Komm! - -·Zarncke· - -Tante nennt sie dich? - -·Marie· - -Soll sie nicht, Vaterchen? - -·Zarncke· - -Ja, ja. Kommt auf eins 'raus. - -·Marie· - -Na, kletter hoch! - -·Lenchens· - - (Kopf erscheint in der Fensteröffnung) - -Tag, Tante Mariechen. - -·Marie· - -Klettre, Katz! Klettre! - -·Lenchen· - -Mußt helfen. - -·Zarncke· - - (da Marie eine Bewegung macht, rasch) - -Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt -es auf den Boden) - -·Lenchen· - - (die Arme um Mariens Knie schlingend) - -Tante Mariechen! Tante Mariechen! - -·Marie· (sie herzend) - -Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle? - -·Lenchen· - -Butterstulle. - -·Marie· - - (gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot) - -·Lenchen· - - (setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt - unbekümmert) - -·Marie· - -Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind! - -·Zarncke· - -Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir? - -·Marie· (inbrünstig) - -Ach so gerne, Vaterchen, so gerne! - -·Zarncke· - -Tja! Vielleicht gibt sie's dir! - -·Marie· - -So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und -spricht leise zu ihr) - -·Zarncke· - -Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach -Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen) - -·Marie· - - (sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu - schaffen) - -·Zarncke· (murmelnd) - -Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt -die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher) -Was kann man da machen? Was -- - -·Marie· (bittend) - -Vater! - -·Zarncke· - -Was denn? - -·Marie· - -Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch -auch dem Kinde! - -·Zarncke· - -Ja, leicht gesagt! ... Wie? - -·Marie· - -Rede mit Göttlingk wegen Lore. - -·Zarncke· - -Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht. - -·Marie· - -Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg -gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen. - -·Zarncke· - -Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann -mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den -schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist. - -·Marie· - -Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit -dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn. - -·Zarncke· - -Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor. - -·Marie· - -Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm. - -·Zarncke· - -Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und -dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm. - -·Marie· (erschrocken) - -Ich? ... Nein, nein, nein. - -·Zarncke· - -Warum nicht? - -·Marie· - -Vaterchen -- das -- kann ich nicht. - -·Zarncke· - -Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein. - - -Fünfte Szene - - _Die Vorigen. Eichholz_ - - (Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, würdevoll-finster, - mit militärischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weißes, - buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock - mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz) - -·Zarncke· - -Na Eichholz! Ausgeschlafen? - -·Lenchen· (ihm entgegen) - -Großvaterchen! Großvaterchen! - -·Eichholz· (will sie nicht sehen) - -·Marie· - -Pscht! Lenchen! Komm her! Großvater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu -sticken. Das Kind spielt) - -·Eichholz· - -Nja. - -·Zarncke· - -Und so feierlich! Was is denn los? - -·Eichholz· - -Herr Zarncke -- ich möchte -- freundlichst -- um meine Entlassung -gebeten haben. - -·Zarncke· - - (mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd) - -Sieh mal an! - -·Eichholz· - -Denn ich habe nämlich in Erfahrung gebracht -- daß die Steinmetzen -behaupten -- _wollen_, daß ich gewissermaßen -- meines Amtes nicht mehr -gewachsen bin. - -·Zarncke· - -So? - -·Eichholz· - -Denn im Punkte des Ehrgefühls, da laß ich mir nicht drankommen. Und -wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, daß sie -nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr -tauglicher Mann ist -- - -·Zarncke· - -Nu kohlt er wieder. - -·Eichholz· - -Und was ein königstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem -Dienste lädiert, daß ich mir habe nämlich die Schulterblattmuskeln -ausgefallen. - -·Zarncke· - -Ich weiß, ich weiß, ich weiß. - -·Eichholz· - -Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein -Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch -im Dienste geholt habe. - -·Zarncke· - -Ja -- so Nachts auf dem kalten Stein schl-- (sich rasch verbessernd) -sitzen -- sitzen, das hält der Kräftigste nicht aus. - -·Eichholz· - -Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich -- Nachts? Nu sagen Sie bloß noch, Herr -Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn, -mir aufhängen. - -·Zarncke· - -Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fängste da an? - -·Eichholz· - -Wo ich doch schon Kummer genug hab' -- mit meine Tochter -- und hier -mit -- diese -- diese -- Mestize. - -·Marie· (hebt erstaunt den Kopf) - -·Zarncke· - -Wieso Mestize? - -·Eichholz· - -Nu, was ein ungebührliches Kind is -- 's is ja schlimm, daß man das -selber sagen muß, -- aber das is doch nich anders, das is doch eine -Mestize. - -·Zarncke· - -Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen? - -·Eichholz· - -Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich -wohl sehr gerne in de Indianerbiecher. - -·Zarncke· - -Nu hören Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wär's, wenn -Sie sich mal 'n bißchen mehr Ruhe gönnten? - -·Eichholz· - -Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne. - -·Zarncke· (leise zu Marie) - -Kunststück! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz. - -·Eichholz· - -Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter -Wächter is und 'n tauglicher Wächter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen, -der hört den Maulwurf graben zur nächtlichen Stunde, sag' ich Ihnen. - -·Zarncke· - -Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehört -- hä? - -·Eichholz· - -Hähähähä! Da lach' ick äwwer. - -·Zarncke· (ernst) - -Heute nacht ist nämlich eingebrochen worden, Eichholz. - -·Eichholz· (gekränkt) - -Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens? - -·Zarncke· (ernst) - -Ich muß wohl, Eichholz. - -·Eichholz· (versteht, fassungslos) - -Ach so! (Sein Gesicht verändert sich) - -·Zarncke· (bittend) - -Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie -sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen -Bett. - -·Eichholz· (kläglich) - -Ich kann gar nich im Bett schlafen. - -·Zarncke· - -Dann werd' ich Ihnen einen schönen, harten Granitblock in Ihre -Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ... - -·Eichholz· (brütend) - -Nja. - -·Zarncke· - -Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus -... Können auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bißchen -oder läuten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine. - -·Eichholz· - -Und gewöhn' mir das Saufen an. - -·Zarncke· - -Sie werden doch nich. - -·Eichholz· - -Herr Zarncke, ich bin ein Mann -- hochgeehrt -- ich hab' anno 70 immer -mit am Offezierstisch gegessen. - -·Zarncke· - -Na, na. - -·Eichholz· - -Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab' -noch nich mal 'n Stückschen Käse ins Schnapsglas getunkt. - -·Zarncke· - -Schmeckt ja auch gar nich. - -·Eichholz· - -Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so -lausige Beschaffenheit versetzt wird, daß das Ehrgefühl im Menschen so -sehr gekränkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe -nichts mehr übrig hat wie 'n paar Lederabfälle und zehn steifgewordene -Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ... - -·Zarncke· - -Sie sind ja ein ganz beißiges altes Vieh, hören Sie mal ... - -·Eichholz· - -Ich ... ich ... hab'... ich ... (Würgt) - -·Zarncke· - -Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Sähn. - -·Eichholz· (befehlshaberisch) - -Lenchen! - -·Marie· (ängstlich) - -Nein, nein, das Kind bleibt hier. - -·Eichholz· - -Ich und Lenchen -- wir gehn jetzt aus'm Haus. - -·Zarncke· - -Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts -dagegen haben -- das heißt, Sie werden sich ja noch anders besinnen -- - -·Eichholz· - -Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, daß irgend -so ein hergelaufener Sch -- Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem -weggejagten Alten da -- sein Nachfolger. Das -- nee -- nee -- nee! -Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar -reparierte Absätze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit' -nich mehr für Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab) - - -Sechste Szene - - _Zarncke. Marie. Lenchen. Später Lore_ - -·Zarncke· (verzweifelt) - -Na -- nu is er rabiat. Nu geht er sausen. -- - -·Marie· - -Du warst milde genug, Vaterchen. - -·Zarncke· - -Ja, wenn's Maschinen wären. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein -Schicksal. - -·Marie· - -In sich, Vater. - -·Zarncke· - -Wenn das wahr wäre, dann wär' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal -gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf -an, von wo er bläst ... Na -- vielleicht kann man's an einem andern -wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So -einen hatten wir noch nicht. - -·Marie· - -Was hat er denn pekziert? - -·Zarncke· - -Frag nicht. Nachher drückt's dich. - -·Lores Stimme· (draußen rufend) - -Lenchen! Lenchen! - -·Lenchen· (aufhorchend) - -Das is Mama. Ich will zu Mama. - -·Marie· - - (das Fenster öffnend, durch das diesmal kein Geräusch - hereindringt) - -Das Kind is bei mir drin, Lore. - -·Zarncke· (nach der Uhr sehend) - -Alles still? Is schon Frühstückspause? - -·Lores· - - (Kopf erscheint in der Fensteröffnung) - -Dank' schön, Fräulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt, -sich vorbeugend) Na, hopp! - -·Zarncke· - -Du kannst mal 'reinkommen, Lore. - -·Lore· - -Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet) - -·Marie· - - (schließt das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will) - -·Zarncke· - -Und findet sich der Mann hier 'rein -- der Mann von diesem Brief -- -Biegler heißt er -- dann schick ihn nicht ins Komptor, dann laß mich -lieber rufen. (Es klopft) Herein! - -·Lore· (erscheint in der Tür) - -·Zarncke· - -Du, Lore, ich muß dir was sagen: Vater is von heute ab -- - -·Lore· - - (Mitte der Zwanzig. Hübsch, vollkräftig mit Spuren - seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt, - bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen müde, schwerfällig, - jäh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte - Sommerkleidung des Mädchens aus dem Volke, ein wenig über dem - Habitus der Dienerin stehend) - -Ich weiß schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr. - -·Zarncke· - -Na, Gott sei Dank, daß ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'. - -·Lore· - -Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu küssen) - -·Zarncke· - -Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da -- (Beruhigt sie mit einer -Handbewegung) Aber stell ihm die Kümmelflasche höher. Das rat' ich dir, -Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab) - -·Lenchen· (die Arme hochhebend) - -Mama! Mama! - -·Lore· - - (ihr mit dem Schürzenzipfel den Mund putzend) - -Ich hab' immer Angst, daß ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt. - -·Marie· - -Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb. - -·Lore· - -Ja ... Die andern ja. -- Bloß der der nächste dazu is -- - -·Marie· - -Er wird's nicht zeigen wollen. - -·Lore· - -Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt, -da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben --- na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so. - -·Marie· - -Das hängt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er -sicherlich nicht. Sicherlich nicht. - -·Lore· - -Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. -- - -·Marie· - -Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner. - -·Lore· - -Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du -dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne) - -·Marie· (sie streichelnd) - -Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon -gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich -dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind -mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein -Garnknäuel) - -·Lore· - -Ja, Lenchen, tu das. - -·Lenchen· - - (fängt beruhigt von neuem zu spielen an) - -·Marie· - -Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst -du nicht ganz offen, daß er der Vater ist? - -·Lore· (verängstigt) - -Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten. - -·Marie· - -Warum läßt es dir verbieten? - -·Lore· - -Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst -du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm -noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er -dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von -früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist -sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir -rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch -ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine. -Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich. - -·Marie· - -Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben? - -·Lore· (achselzuckend) - -Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn. - -·Marie· (erschreckt, beklommen) - -Wen denn? - -·Lore· - -Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach, -wer kann wissen? - -·Marie· (auf Lenchen weisend) - -Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt? - -·Lore· - -Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er -will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner -zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von -den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ... - -·Marie· (träumerisch) - -Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend) -Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst. - -·Lore· (erschrocken) - -Mariechen! - -·Marie· (sich zusammenraffend) - -Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ... -Und du jammerst. - -·Lore· (mit wehem Lächeln) - -Ich jammer' ja auch nich. - -·Marie· - -Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. -- Schande! -Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist -Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist -es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und -man selbst ist schon Ruine. - -·Lore· - -Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen. - -·Marie· - -Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich -bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in -dich. Daß du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in -deinem Gram. - -·Lore· (lacht bitter) - -·Marie· (mit sich kämpfend) - -Du -- soll ich -- reden mit ihm? - -·Lore· - -Du -- mit ihm? - -·Marie· (nickt) - -·Lore· (ohne Hoffnung) - -Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ... -Vielleicht, daß er _doch_ -- - -·Marie· (stockend) - -Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum -mehr -- den großen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann -wird man's doch auch -- können. -- Na, freut's dich gar nicht? - -·Lore· - - (die Hand mutlos vor die Stirne legend) - -Ach! ... (Es klopft) - -·Marie· - -Herein! - - -Siebente Szene - - _Die Vorigen. Jakob Biegler_ - - (Jakob Biegler: Mitte der Dreißig, sehr dürftig, doch nicht - schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach - geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett, - gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes - Schuhwerk. Wäsche nirgends zu sehn. -- Gelbes, zermürbtes - Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart. - Auftreten gedrückt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit - umschlagend) - -·Biegler· - -Guten Morgen. - -·Marie· - -Sie wünschen meinen Vater zu sprechen? - -·Biegler· - -Herrn Zarncke -- möcht' ich sprechen. - -·Marie· - -Heißen Sie Biegler? - -·Biegler· (betroffen) - -Ach so! -- Sie wissen schon. Na -- dann -- (Macht eine halbe Wendung -zur Tür) - -·Lenchen· - - (ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor) - -Guten Tag! - -·Marie· - - (seinen Seelenzustand erkennend) - -Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann möcht' -ich ihn rufen. - -·Biegler· (erleichtert) - -Ja, der bin ich. - -·Lenchen· - -Nu sag doch: Guten Tag. - -·Biegler· - - (sieht das Kind, ein leeres Lächeln geht über sein Gesicht. Er - weiß nicht, was tun) - -·Lore· (sie leise zurückrufend) - -Lenchen! - -·Marie· - -Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, daß dies Kindchen Sie willkommen -heißt. - -·Biegler· - - (sieht sie groß an, versteht nicht) - -Erst -- muß -- ich -- Herrn Zarncke -- sprechen. - -·Marie· (aufstehend) - -Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem -was zu essen. Er hat's nötig. - -·Lore· (nickt) - -Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab) - -·Marie· - -Nehmen Sie so lange Platz, bitte. - -·Biegler· - -Ich kann auch stehen. - -·Marie· (ab) - - -Achte Szene - - _Biegler._ Dann _Zarncke_ - -·Biegler· - - (alleingeblieben, wagt sich nicht zu rühren, nur seine Augen - wandern umher) - -·Zarncke· - - (mit Bieglers Papieren in der Hand) - -Guten Tag. - -·Biegler· - - (in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war) - -Melde Jakob Biegler. - -·Zarncke· - -Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefängnis. Der Verein zur -Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen -Sie unter seiner Fürsorge? - -·Biegler· - -Jawohl. - -·Zarncke· - -Wie lange sind Sie 'raus? - -·Biegler· - -Vier Monate zehn Tage. - -·Zarncke· - -Fünf Jahre haben Sie abgemacht? - -·Biegler· - -Jawohl. - -·Zarncke· - -Wegen was? - -·Biegler· (schweigt) - -·Zarncke· - -Na -- wegen was? - -·Biegler· (auf die Papiere weisend) - -Steht ja da drin. - -·Zarncke· - - (fixiert ihn, um sein Schamgefühl zu prüfen) - -Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig. - -·Biegler· (verbissen) - -Na, ich sprech's nich aus. - -·Zarncke· - -Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn. - -·Biegler· - -Wenn Sie wollen. - -·Zarncke· - - (geht zum Bücherschrank, schlägt ein Buch auf und liest) - -Hm. Schlimm. Schlimm. - -·Biegler· - -Schlimm. (Pause) - -·Zarncke· - -Na, wie is es denn gekommen? - -·Biegler· - -Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist. - -·Zarncke· - -Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg? - -·Biegler· - -Man war ja mit mir zufrieden. - -·Zarncke· - -Ersparnisse gemacht? - -·Biegler· - -Jawohl. Fünfundsechzig Mark fünfzig Pfennig. - -·Zarncke· - -Noch was da? - -·Biegler· - -Dann säh' ich nich so aus, Herr -- Zarncke. - -·Zarncke· - -Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt? - -·Biegler· - -Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgänger, das -zweite Mal als Kuhfutterer. - -·Zarncke· - -Na -- und? - -·Biegler· (schweigt) - -·Zarncke· - -Ausgerissen? - -·Biegler· (in erregter Verteidigung) - -Ich hielt nicht aus. Ich -- ich -- ich -- - -·Zarncke· - -Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten. - -·Biegler· - -Ach, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen -Sie gerade bei mir? - -·Biegler· (schweigt) - -·Zarncke· - -Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie? - -·Biegler· - - (zaudernd, nach innerem Kampfe) - -Steinmetz. - -·Zarncke· - -Ach so! -- _Darum_! Hier steht doch -- Arbeiter. (Sieht nach) - -·Biegler· - -Weil ich als Arbeiter gegangen bin. - -·Zarncke· - -Warum denn? - -·Biegler· - -Wer wird mich nehmen -- als Steinmetz? - -·Zarncke· - -Sie hätten doch probieren können! - -·Biegler· - -Probiert hab' ich genug. - -·Zarncke· - -Und überall abgewiesen? - -·Biegler· - -Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' später kam's 'raus. Da lag -ich schon auf der Straße. - -·Zarncke· - -Warum sind Sie denn nicht schon früher zu mir gekommen? - -·Biegler· (schweigt) - -·Zarncke· - -Wußten Sie, daß ich Strafentlassene nehme? - -·Biegler· - -Ja, die Herren haben's mir gesagt. - -·Zarncke· - -Wollten Sie nich? - -·Biegler· (zögernd) - -Nein. - -·Zarncke· - -Warum nicht? - -·Biegler· (erregt) - -Nachher wird's doch nichts -- -- -- - -·Zarncke· - -Und jetzt wollen Sie? - -·Biegler· - -Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. -- Wenn ich bloß -'ne Arbeitsstelle hätte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner -was fragt. - -·Zarncke· - -Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' -- Sie können -auch als Steinmetz eintreten. - -·Biegler· (verängstigt) - -Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles -... Bloß auf den Werkplatz will ich ... Bloß w--wenn ich den -- -Klippelschlag hören kann. Bloß von weitem. - -·Zarncke· - -Sie waren wohl ein _guter_ Steinmetz? - -·Biegler· - -Ach! (Zuckt die Achseln) - -·Zarncke· (voll wärmerer Anteilnahme) - -Hm. (Es klopft) Herein. - - -Neunte Szene - - _Die Vorigen._ _Lore_ (mit einem Teller, worauf Butterbrot) - -·Lore· - -Verzeihung, Herr Zarncke, Fräulein Mariechen hat befohlen. - -·Zarncke· - -Essen Sie. - -·Biegler· - - (gierig nach dem Teller sehend) - -Danke! Ich hab' -- keinen -- Hunger. - -·Lore· (leise, mitleidig) - -Essen Sie nur. - -·Biegler· - - (blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht - Zarncke fragend an) - -·Zarncke· - -Ja, ja, Sie dürfen. - -·Biegler· - - (dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter) - -·Zarncke· - -Du, Lore, hol mal das Wasserglas. - -·Lore· - - (holt das Wasserglas vom Nähtisch) - -·Zarncke· (Rotwein eingießend) - -Bring ihm das. -- Übrigens: wie trägt's denn der Vater? - -·Lore· - -Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er -den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist? - -·Zarncke· - - (mit einem Blick nach Biegler hin) - -Nachfolger hab' ich schon. - -·Lore· (dem Blick folgend) - -Ach so. - -·Zarncke· - -Gefällt er dir? - -·Lore· - -Ach, is 'n armer Mensch! - -·Zarncke· - -Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast. - -·Lore· - -Nein, nein. (Stellt das Glas neben Biegler, ab) - - -Zehnte Szene - - _Biegler._ _Zarncke_ - -·Biegler· - - (würgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in - Positur) - -·Zarncke· - -Sie dürfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken. - -·Biegler· - -Ja. (Äugt zweifelnd nach dem Glase) - -·Zarncke· - -Haben Sie keinen Durst? - -·Biegler· - -Erst geben Sie mir -- Wein zu trinken, und dann nehmen Sie mich _doch_ -nich. Hä. - -·Zarncke· - -Erst trinken Sie mal. - -·Biegler· - - (dreht sich der Wand zu und trinkt zögernd, verstohlen) - -·Zarncke· - -Auf den Steinmetzplatz _wollen_ Sie. Aber gewissermaßen im verborgenen. -So daß keiner was erfährt, daß Sie keinem Rede zu stehen brauchen -- hä? - -·Biegler· - -So was Schönes gibt's ja nich. - -·Zarncke· - -Vielleicht _doch_. Wollen Sie Wächter werden bei mir auf'm Platz? - -·Biegler· - - (in staunendem Nicht-glauben-wollen) - -Herr Zarncke! - -·Zarncke· - -Na? - -·Biegler· - -Das is doch 'n Vertrauensposten. - -·Zarncke· - -Ja, das is es. - -·Biegler· - -Da müssen manche sogar Kaution stellen. - -·Zarncke· (bejahend) - -Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, können Sie unter den -Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na? - -·Biegler· - -Wird ja nicht lange dauern -- - -·Zarncke· - -Das wird ganz von Ihnen abhängen. - -·Biegler· - -Dann kommen die Schutzleute -- und recherchieren ... Und dann is aus. - -·Zarncke· - -Sie wissen doch, daß solange der Verein die Fürsorge für Sie übernimmt, -die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht. - -·Biegler· (fatalistisch) - -Die Schutzleute -- kommen doch. - -·Zarncke· - -Zu mir nicht ... - -·Biegler· - -Die Schutzleute kommen doch. - -·Zarncke· - -So hören Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das -hab' ich mir ein für allemal verbeten. Und daß die Herren vom Verein, -wenn _die_ kommen, Sie nicht verraten werden, das können Sie sich doch -denken. ... Na? - -·Biegler· - -Das wär' ja ein solches Glück, wie man sich gar nich -- (Es klopft) - -·Zarncke· - - (geht zur Tür und öffnet sie) - - -Elfte Szene - - _Die Vorigen._ _Jenisch_ - -·Zarncke· (ihm den Eintritt versperrend) - -Was gibt's? - -·Jenisch· (vom Hausflur her) - -Verzeihung, Herr Zarncke -- die Polizei is da -- wegen -- - -·Biegler· - - (zuckt heftig in die Höhe und macht eine unwillkürliche - Bewegung, als wolle er sich verstecken) - -·Zarncke· - -Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich. (Schlägt die Türe zu) - - -Zwölfte Szene - - _Biegler._ _Zarncke_ - -·Zarncke· - -Na ruhig, ruhig, ruhig! - -·Biegler· (sich wild umschauend) - -Die Schutzleute kommen überall -- die -- - -·Zarncke· - -Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie. -Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwächter werden. Verstanden? - -·Biegler· (würgend) - -Herr Zarncke -- ich muß -- ich -- dank' Ihnen auch schön fürs Glas Wein -... ich ... kann nich in Dienst ... ich muß -- wieder weg. - -·Zarncke· (schüttelt den Kopf) - -Ja, zwingen kann ich Sie nich ... (Nach einem Schweigen) Haben Sie denn -andere Arbeit in Aussicht? - -·Biegler· (verneint) - -·Zarncke· - -Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ... -Unbarmherzig ... Wissen Sie das? - -·Biegler· (bejaht) - -·Zarncke· - -Na und dann? - -·Biegler· (zuckt die Achseln) - -·Zarncke· - -Schließlich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen -- und was -dann? - -·Biegler· (zuckt die Achseln) - -·Zarncke· - - (plötzlich seinen Ton ändernd) - -Nu komm mal her, min Sähn. Komm, komm, komm, komm. (Zieht ihn nach -vorne) Bienchen hast du doch keine? - -·Biegler· (schüttelt den Kopf) - -·Zarncke· - -Na dann setz dir mal. (Zieht ihn in einen Stuhl) Du bist nu man büschen -verbiestert, min Sähn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar -nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu laß man schon büschen sorgen für -dich. (Strenge) Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n -Anzug von mir ... - -·Biegler· - - (an sich niedersehend, freudig) - -Ja, ja, ja, ja. - -·Zarncke· - -Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an! - -·Biegler· (eifrig, voll Ehrgefühl) - -Jawohl -- hab' ich. (Reißt, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste -auf) Da! (Beschämt) Bloß -- Kragen hab' ich nich. - -·Zarncke· - -Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is -noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die -Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklär' ich dir. Wohnen -tust du drüben im Sägewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der -Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste? - -·Biegler· (wie vorhin) - -Ja, ja, ja, ja. - -·Zarncke· - -Und nun kümmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen -wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. Hä? - -·Biegler· (nickt willenlos) - -·Zarncke· - -Na also. - - (_Der Vorhang fällt_) - - - - -Zweiter Akt - - Der Werkplatz. Links das _Wohnhaus_ mit vorspringender - _Veranda_ und einem Balkon darüber, zu dem aus dem oberen - Stockwerk eine Glastür führt. Zu ebener Erde ein Fenster. - Rechts die _Kantine_ mit einer Tür in der Seitenwand und - einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine - Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, das - _Magazin_, mit einer Tür und einer daneben angebrachten Glocke. - -- Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener, - von Holzpfeilern getragener _Schuppen_, der sich mit seiner - Hinterwand an die senkrechte Erhöhung lehnt, welche den - hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte - des Hintergrundes eine schmale Treppe emporführt. Links von - der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblöcke, welche die - Höhe des hinteren Teiles übersteigen. Über einem der Stapel ein - _Kran_. Eine schmale _Feldbahn_ zum Transport der Blöcke führt - an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorüber quer über - die Bühne. Blöcke liegen überall verstreut. An den Wänden des - Schuppens und der Häuser stehen und hängen, wo nur ein Platz - sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstücke. Die - Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich - über ihr Dach. Das Kantinenfenster schmücken Blumentöpfe. Den - _Prospekt_ bildet eine großstädtische Häuserreihe, die jenseits - der am Werkplatz entlangführenden Straße gedacht ist. Ein - Kirchturm ragt aus der Ferne herüber - - -Erste Szene - - (Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein überaus reiches - Arbeitsleben. Vor den Blöcken arbeiten _Steinmetzen_ oder - _Bildhauer_, die ersteren mit blauer Schürze, die letzteren mit - langem, weißgrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmütze - bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren - Blöcke vorüber. Hilfeleistende _Arbeiter_ in beliebigem - Werktagsanzug. Mittagsstimmung) - - Vorne rechts _Göttlingk_ in Steinmetzentracht vor einem Blocke - -- ein Gipsmodell daneben. Der Polier _Willig_ an einem anderen - Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu - schaffen machen, _Lohmann_, _Sprengel_, _Struve_ - -·Göttlingk· - - (stämmig, mittelgroß, Stiernacken, blonder, schön geringelter - Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn - heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, großsprecherisch, - übermütig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meißel und - Klippel und singt dazu) - -Na -- nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr -Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir -den Block in den Schuppen schaffen? -- Lohmann, Sprengel, ihr andern, -immer 'ran! - -·Willig· - -Du, Göttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir. - -·Göttlingk· - -Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn. - -·Willig· - -Und du hast denen nischt zu befehlen. - -·Göttlingk· - -Wenn sie so dumm sind und gehorchen. (Lohmann, Sprengel und ein dritter -Arbeiter sind nach vorn gekommen) Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man -so an der Strippe wie ich. (Befehlshaberisch) Also nu los! - -·Lohmann· - -Warten Sie man bißchen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu -verlieren. (Stemmt ein Brecheisen ein) - -·Göttlingk· - -Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoßen. - -·Sprengel· - -Ohne Brecheisen geht's nich. - -·Göttlingk· - -So? Hä! Wenn ihr man stramme Kerls wärt, ihr Volk ... (Faßt mit an) -~Uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt weiter) Na, geht's oder nich? - -·Lohmann· - -Ja, wenn Sie so scheen ausländsch kommandieren! Sagst du zum Hund -»kusch«, dann kuscht er. Bloß weil er's Franzesch so gern hat. - -·Göttlingk· - -Noch mal: ~uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt wieder) Ja, -ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die -Hauptsache. - -·Lohmann· - -Und 's Messer im Sack nich zu vergessen. - -·Göttlingk· - -Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn. (Zieht ein -Dolchmesser aus einer Lederhülse, die er am Leibgurt unter dem Kittel -befestigt hat) Das is dreikantig geschliffen. Das schlupft (schnalzt, -das Messer vorstoßend, mit den Lippen) wie 'n Küßchen ... Tut gar nich -weh. Will einer probieren? - -·Willig· - - (der mißbilligend zugehört hat) - -Du -- Göttlingk! - -·Göttlingk· (zu ihm herübertretend) - -Hä? - -·Lohmann· (hinter ihm her, ingrimmig) - -So 'n Paradehengst! (Die andern lachen) - -·Willig· - -Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. Laß sie ihre Arbeit -verrichten. Und damit gut! - -·Göttlingk· (großspurig) - -Pöh! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur. - -·Willig· - -Mußte immer Bewunderer haben? - -·Göttlingk· - - (wendet sich lachend zum Stein zurück und kommandiert weiter) - - -Zweite Szene - - _Die Vorigen._ _Zarncke_ (ist aus der Veranda getreten) - -·Zarncke· - -Polier! - -·Willig· (respektvoll) - -Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Is was zu melden? - -·Willig· - -Nein, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Was tut der Kran da? - -·Willig· - -Er holt die Quadern fürs Sägewerk. - -·Zarncke· - -Bis morgen abend muß auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe -'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann. - -·Willig· - -Sehr wohl, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Wie is die Verteilung heute? - -·Willig· - -Elf Steinmetzen auf'm Platz, fünfzehn draußen auf'm Bau, vier Bildhauer -auf'm Platz, sechs auf'm Bau. - -·Zarncke· - -Wo is der Göttlingk heute? - -·Willig· - -Da is er ja. - -·Göttlingk· - - (den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten - bedeckte Seite jetzt oben liegt) - -Donnerschock! ~Per Bacco!~ Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen! -Du, Polier, komm mal her. - -·Zarncke· - -Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Göttlingk? - -·Göttlingk· - - (lüftet einigermaßen verlegen die Mütze) - -Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie -ich den Block drehen lass', da seh' ich, daß von gestern auf heute eine -fremde Hand daran 'rumgemurkst hat. - -·Zarncke· - - (stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf) - -Ach, Sie werden sich täuschen. (Tritt hinzu) - -·Göttlingk· - -Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend -immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte! - -·Zarncke· (den Stein betrachtend) - -Von dem Blaustrich an? - -·Göttlingk· - -Jawohl. - -·Zarncke· (nachdenklich, lächelnd) - -Hm. So! -- Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn -sich die Heinzelmännchen extra für Sie bemühen, Göttlingk! - -·Göttlingk· - -Wenn ich das Heinzelmännchen treff', dann gibt's eins zwischen -de Rippen ... Was is das für'n Nachtwächter, der Kerl, der jetzt -Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das -ist schlimmer wie Einbruch. - -·Zarncke· (der abzulenken sucht) - -Was hat denn der Nachtwächter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man -nich arbeiten. - -·Willig· - -Verzeihung, Herr Zarncke. Um fünfe, da is es schon lang hell. - -·Zarncke· (beruhigend) - -Ich werd' den Mann hernach mal fragen. - -·Göttlingk· (murmelnd) - -Das besorg' ich schon selber. - -·Zarncke· - - (mit Willig nach vorne kommend) - -Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwächter im übrigen auf'm -Platz? - -·Willig· - -Der Mann ist fügsam und ordentlich und kann sich an Fleiß nicht genug -tun. Aber -- schwach, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Tja! - -·Willig· - -Und dann -- 'n bißchen sonderbar. - -·Zarncke· - -Inwiefern? (Ringsum ertönen Mittagssignale) - -·Willig· - -Er hält sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon -zu verulken an. - -·Zarncke· - -Dulden Sie das nich, Willig! - -·Willig· - -Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Warum läutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz! - -·Willig· (zur Kantinentür laufend) - -Eichholz! - - -Dritte Szene - - _Die Vorigen_. _Eichholz_ - -·Eichholz· (angeheitert) - -Haben bloß zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da -- ja! -(Läutet die Glocke, die am Magazin hängt) - -·Zarncke· (sieht kopfschüttelnd zu) - -·Willig· - -Er is jetzt immer im halben Dusel. - -·Eichholz· (sich umschauend) - -Na -- schläft der -- faule Hund -- noch? - -·Zarncke· - -Möchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschließen? - -·Eichholz· (brummend nach links) - -·Willig· - -Nu geht er noch in die Destille! - -·Zarncke· - -Is das ein Elend! - - -Vierte Szene - - _Die Vorigen._ _Mehrere Frauen._ Später _Lore_ - - (Sämtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne - gehen zu den Wasserleitungshähnen, die im Schuppen angebracht - sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und - Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von - links mit Eßkörben und begrüßen ihre Männer. Einzelne haben - auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den - Eßkorb gruppieren) - -·Zarncke· - - (begrüßt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wünscht den - Frauen »Guten Tag« und spricht einige Worte zu den Männern) - -·Lore· - - (erscheint in der Tür der Kantine und geht zu verschiedenen der - Bildhauer und Steinmetzen) - -Bitte zu Mittag. -- Bitte zu Tisch. -- Zu Tisch möcht' ich bitten. -(Lauter) Wem kann ich Bier 'rausschicken? - -·Einzelne Stimmen· - -Hier. Ich. -- Mir eins. - -·Lore· (zählt die Stimmen) - -·Göttlingk· - - (betrachtet murrend seinen Block) - -·Lore· - - (an ihn herantretend, leise zaghaft) - -Kommst nich auch, Eduard? - -·Göttlingk· (sich umschauend, unwirsch) Hab' ich dir nicht gesagt, du -sollst mich nich »du« nennen auf'm Platz? - -·Lore· Verzeih! Ich hab' vergessen. (Zur Kantine ab) - - (Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine, - darunter Göttlingk) - -·Zarncke· - -Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. Übrigens hören Sie mal: Mit dem Struve -steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen. - -·Willig· (achselzuckend) - -Ja. - -·Zarncke· - -Ach, schicken Sie ihn mir mal, -- ja? - -·Willig· (rufend) - -Struve! - - (Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt - gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist - nach vorne, dann geht er in die Kantine ab) - - -Fünfte Szene - - _Die Vorigen_ ohne _Willig_. _Struve_ (nach vorne - kommend) - -·Struve· - - (Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt. - Bartstoppeln. Verschmitzte Äuglein. Ein Zug drolliger Heuchelei - um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch - und Holzpantinen. Trägt einen Deckelnapf in der einen, eine - faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand. - Bei dem Versuch, die Mütze abzunehmen, fällt ihm das Butterbrot - auf die Erde) - -·Zarncke· - -Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen. - -·Struve· - - (das Butterbrot an den Hosen abwischend) - -Das macht nichts, Herr Zarncke. »Mit ne Ladung Sand -- schmeckt selbst -'n alter Strohsack pikant,« sagten wir immer uf de hohe Schule. - -·Zarncke· - -Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule. - -·Struve· - -Ja, Herr Zarncke, was kann man machen? - -·Zarncke· - -Mensch, wenn's mir nich so leid täte um Sie -- - -·Struve· - -Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid -getan. Aber nu is schon egal. - -·Zarncke· (leise) - -Na, sind Sie's nu gewesen oder nich? - -·Struve· - -Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand -nehm' -- - -·Zarncke· (lachend) - -So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht -weiter? - -·Struve· - -Ja, die Polente schnüffelt ja alle Tage hier 'rum. - -·Zarncke· - -Sagen Sie mal, können Sie nu wirklich keinen Zeugen dafür beibringen, -wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind? - -·Struve· - -Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke? - -·Zarncke· - -Jawohl. - -·Struve· - -Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is -- der kost't nich -unter fünfzig Mark. Wo soll ich fünfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke? - -·Zarncke· (lachend) - -So? - -·Struve· - -So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschütt jejangen sind, die -tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte -hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen. - -·Zarncke· - -Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen? - -·Struve· - -»Der Gerechte muß viel leiden,« so steht in de Psalmen geschrieben. - -·Zarncke· - -Hören Se auf mit Ihre dämliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner -... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus? - -·Struve· - -Hätten gar nicht anzeigen müssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr -Zarncke. - -·Zarncke· (lacht) - -·Marie· (das Fenster öffnend) - -Vaterchen, kommst nich zu Tisch? - -·Zarncke· - -Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fällt -mir noch was ein. - -·Struve· - -Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre. (Ab) - -·Struve· - -Danke, Herr Zarncke. (Die Zigarre einsteckend) Ja, ja. Sie rüsten sich -wider die Seele des Gerechten und -- (sieht, daß Zarncke inzwischen -weggegangen ist) Ach so! (Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt -an seinem Butterbrot und fängt an zu essen) - - -Sechste Szene - - _Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_, - die essend auf dem Block hinter ihm sitzen - -·Lohmann· - -Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern -lassen, Struve, ehe sie dich inlochen? - -·Struve· (achselzuckend) - -Ja. - -·Lohmann· - -Nachher gibt's zu Mittag wieder »Rumfutsch« und »blauen Heinerich«. Ei -weh. - -·Struve· - -Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich. - -·Sprengel· - -Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus. - -·Struve· - -Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind bloß _feine_ Leute -drin. Ja. - -·Die Anderen· (lachen) - -·Lohmann· - -Drum heißt es auch die hohe Schule. - -·Struve· - -Jawoll. Da lernt man was. Hast du überhaupt 'ne Kleiderbürschte? Die -hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persönlicher -Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbürschte? Aber ich -- siehste! ... -Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen -dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n -Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja. - -·Die Anderen· (lachen) - -·Struve· - -Überhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind -wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch über dir kommen erst die -Steinmetzen ... und da hoch drüber die Bildhauer. Und denn _noch_ höher -der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in -de erschte Klasse gearbeit't ... Weiße Binde hab' ich tragen dürfen. -Tischältster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n -Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ... -Karri--ere kannste machen. Ja. - -·Lohmann· (singt spottend) - - Liebes Kind, nu weine nich, - Mittags jibt's den blauen Heinerich; - Stehst du mit dem Schien auf du und du, - Kriegste auch 'n halben Hering zu. - -·Struve· - -Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur -Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel -Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ... -Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling, -da müßt ihr in de Anstaltsküche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ... -Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So -viel scheener ist da alles. Ja. - -·Lohmann· - -Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin? - -·Sprengel· - -Da hast _du_ doch freien Angtree. - -·Struve· - -Kindersch, ick werd' euch mal was erzählen: Dicht an de große -Außenmauer in Waldheim -- da steht nämlich 'ne alte Linde ... Und -von de Fisintation aus, was nämlich der Arbeitssaal is, da siehste -'n janzes kleines Stückschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo -du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) bloß -nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie --- wenn du da -- und du huppst in die Höh', dann siehst wieder 'n -andern Stückschen -- so sechzig bis achtzig Blätter, wodran du immer -jenau wissen kannst, was für Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer -und ewig der Deibel geplagt, daß wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum -sehen wollten, denn der soll nämlich der scheenste Lindenbaum sein, -wo's auf de Welt überhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher -stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo -einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor -aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner -oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze -Freiheit. - -·Lohmann· - -Nu -- wenn du das nu schon weißt? -- - -·Struve· - -Was hilft da viel -- wissen. Der Mensch is 'n dämliches Vieh. Wie ich -'s zweite Mal drinsaß, da war der olle, dämliche Lindenbaum noch viel -scheener geworden. - -·Die Anderen· (lachen) - -·Sprengel· - -Ja, wenn's so is. - -·Struve· - -Überhaupt -- ihr Schafsköppe mit eure sogenannte Freiheit! -- -Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf -ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene -Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal -geradaus -- jeder Mensch will mal geradaus -- und als dir kommt nu -'ne verschlossene Tür in de Quere -- und du willst _doch_ geradaus, -dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heißt nu Freiheit. Kindersch, -ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung muß der Mensch haben. Seine -Ordnung hat der Mensch bloß allein im Zuchthaus. - -·Die Anderen· (lachen) - -·Struve· - -Mir hat überhaupt bloß _eins_ gefehlt. Dann wär' ich auch janz komplett -jlücklich gewesen. - -·Sprengel· - -Das war wohl eene Braut? - -·Struve· - -Ne. - -·Lohmann· - -_Zwei_ Brauten? - -·Struve· - -Ne. - -·Lohmann· - -Na was denn sonst? - -·Struve· (träumerisch) - -Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ich _den_ noch hätt' gehabt -- -- - - -Siebente Szene - - _Die Vorigen._ _Biegler_ (von rechts) - -·Biegler· - - (in anständiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt, - sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und - unumgänglich, voll immer neu aufflackernden Mißtrauens. Er - setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster) - -·Lohmann· - -Kiekt mal den da! ... Was _is_ das eigentlich für 'ne Sorte? Reden -_tut_ er nich, »guten Tag« _sagt_ er nich. - -·Biegler· - - (gewahrend, daß man sich mit ihm beschäftigt, unfreundlich, - dumpf) - -Guten Tag. - -·Struve· - -Na sagt ja. - -·Lohmann· - -War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen -der Herr Dunkelmann 'n bißchen de Sonne revindieren? - -·Sprengel· - -Mensch, nu red doch was! - -·Biegler· - -Was soll ich reden? - -·Sprengel· - -Mach doch 'n Witz. - -·Biegler· - -Ich weiß keinen Witz. - -·Lohmann· - -Der Kerl is trocken wie Galgenholz. - -·Struve· - -Nu sag bloß, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht über? -Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de -Meechens, wo auf de Straße vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend -was muß der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht über! - -·Biegler· - -Ach, ich hab' immer zu tun. - -·Lohmann· - -Tranig is das Luder. - -·Sprengel· - -Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag? - -·Biegler· - -Jetzt essen doch die -- Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen. - -·Lohmann· - -Nu dann komm doch mal her so lang ... Na -- los! - -·Biegler· (erhebt sich zögernd) - -Was soll ich bei euch? - -·Sprengel· - -Trink mal aus meine Buddel. Prost. - -·Biegler· - -Danke. Ich trinke keinen Schnaps. - -·Lohmann· - -Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie? - -·Biegler· - -Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir? - -·Sprengel· - -Nu huck dir doch mal erst dal. (Zieht ihn auf den Block nieder) - -·Lohmann· (weiterrückend) - -Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze. - - (Lachen) - -·Biegler· - -Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir? - -·Lohmann· - -Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir bloß so an dir ran. - -·Struve· - -Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwächter -wurdst? - -·Biegler· (erschreckend) - -Ich? -- Ich bin Arbeiter. - -·Lohmann· - -Kirschenpflücker vor de Wintermonate -- hä? - -·Struve· - -Du kommst mir nämlich so bekannt vor, weißte. - -·Biegler· (angstvoll) - -Ich -- dir? Nee -- daß ich nich -- - -·Struve· - -Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in -Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer »de blamierten -Förschten«. -- Du, wo liegt denn dein Förschtentum? - -·Lohmann· - -Markgraf von Brandenburg, Fürstbischof von Moabit, Edler Herr von und -zu Sonnenburg. - -·Biegler· (zuckt zusammen) - -·Lohmann· - -Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm. - -·Sprengel· - -Laß ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is bloß verschüchtert. - -·Lohmann· (gutmütig) - -Ich mach' ja auch bloß 'n Witz. - -·Struve· - -Da -- willste 'ne Zijarre? - -·Biegler· (verblüfft) - -Wieso -- gibst -- du mir --? - -·Struve· - -Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken. - -·Biegler· - - (noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich) - -Na, denn dank' schön ... Ich werd' mir denn auch später -- -revanschieren. - -·Lohmann· - - (ihn auf die Schulter klopfend) - -Na, meinen wir's denn nu so beese? - -·Biegler· (mit glücklichem Gesicht) - -Nee! Wahrhaftigen Gott nich! - -·Lohmann· - -Na siehste! (Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird) Aber vor -dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien. - - -Achte Szene - - _Die Vorigen._ _Eichholz_ - -·Eichholz· (vollends angetrunken) - -Ich bin ein Mann -- hochgeehrt, -- ich brauch' nich -- Kartoffelsuppe -aus'n Steinguttopp -- fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die -hochgeehrte Gesellschaft! (Biegler bemerkend) Was? -- Was will der -Hund? Der schmalbauchige Hund? M -- M -- Mantel hat er ihm geschenkt --- mit blanke Knöppe -- wie 'n Offezier! Was is der Kerl überhaupt? Wo -kommt der verhungerte Kerl her? - -·Lohmann· - -Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut. - -·Eichholz· - -Pflicht tut? Hähähä! Der is bloß zum Rausfuttern hier. Der is hier -auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke -Knöppe gekriegt? Kerl, durch was für Pfiffe und Kniffe bist du auf den -Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund! - -·Biegler· - -Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun. - -·Eichholz· - -Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n -Porzellanteller. Du wirst noch mal -- platzen -- wie 'n Bovist. Und -dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab' -'ne Faust wie 'ne Ramme! (Dringt auf ihn ein) - -·Biegler· (stößt ihn fort) - -·Eichholz· (zurücktaumelnd) - -Was -- hauen -- tust du mir alten Mann? - - -Neunte Szene - - _Die Vorigen._ _Göttlingk_ und _andere Bildhauer_ und - _Steinmetzen_ - -·Göttlingk· - -Was is hier los? - -·Eichholz· (keuchend) - -H--h--hauen -- m--m--ir--! - -·Göttlingk· - -Wer hat den alten Mann gehauen? - -·Struve· - -Is ja alles Blech! - -·Göttlingk· - -Werd' ich nu bald Antwort kriegen? - -·Lohmann· (kleinlaut) - -Hier hat überhaupt keiner gehauen. - -·Eichholz· (mit erhobener Faust) - -Der Hund! -- der verhungerte -- (Einige der Umstehenden führen ihn nach -hinten) - -·Göttlingk· - -Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na? - -·Biegler· - -Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an. - -·Göttlingk· - -Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins -- zwei -- (pfeift) - -·Struve· (leise) - -Da geh man schon. -- Jegen den Großschnauz kommste nich auf. - -·Lohmann· (leise) - -Der sticht mit's dreikant'ge Messer. - -·Göttlingk· - -Wenn ich »drei« sag' -- - -·Biegler· (blaß, schwer atmend) - -Sie können -- ja auch zu mir kommen. - -·Göttlingk· (pfeifend) - -Ich warte. - -·Biegler· (in Erregung, zitternd) - -Da lassen -- sich man -- die Zeit -- nich lang werden. - -·Die Anderen· (lachen) - -·Göttlingk· (in Wut) - -Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch -stoppen, Kerls? (Das Lederfutteral nach vorne ziehend) Soll ich euch -mal die Hühneraugen barbieren? (Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor -Biegler gestellt haben) Aus dem Weg hier! - -·Lohmann· (sich umschauend) - -Wo is denn der Polier? - -·Göttlingk· - -Jetzt bin ich hier der Polier. (Wild) Aus dem Weg hier -- oder -- - -·Biegler· (vortretend) - -Laßt man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. -- - -·Göttlingk· (befriedigt) - -Na, da hätten wir ja das Gewächse. (Setzt sich, raucht) Immer parieren, -Kinderchen. - -·Biegler· - -Also ich wär' ja nu da. - -·Göttlingk· - -Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal -auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hühnchen zu pflücken, -wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwächter? - -·Biegler· - -Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch. - -·Göttlingk· (auflachend) - -Und Nachtwächter auch? - -·Biegler· - -Ja. - -·Göttlingk· - -Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na -- soll ich Sie bei den -Ohren nehmen? - -·Biegler· (stammelnd) - -Was -- is -- denn -- mit dem Block? - -·Göttlingk· - -Sie sind verantwortlich für das, was hier über Nacht geschieht. Ich -frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst? - -·Biegler· (sehr bestürzt) - -Das -- - -·Göttlingk· - -Na? - -·Biegler· - -Das -- weiß ich -- doch -- nich. - -·Göttlingk· - -Seht euch mal das böse Gewissen an. - -·Struve· (leise) - -Nu sei doch frech! Schmeiß ihm doch Staub ins Gesichte. - - -Zehnte Szene - - _Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie_ - -·Frau Homeyer· - - (geht quer über den Platz zu der Gruppe hin) - -·Göttlingk· - - (sich rasch vom Wüterich in den Schwerenöter verwandelnd) - -Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu, -mein süßes, strammes Frau Homeyerchen, mein -- - -·Frau Homeyer· (ihn abwehrend) - -Man wird schließlich nich mal mehr unbelästigt auf den Platz kommen -können. - -·Göttlingk· - -Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen -doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen. - -·Frau Homeyer· - -Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt. - -·Göttlingk· - -Aber gelächelt haben Sie dazu -- so sieß! (Schmachtend) Ach, wie so -sieß! - -·Frau Homeyer· - -Ach, Sie sollten sich was schämen. Dort vor der Tür steht das Fräulein. -Das will Sie sprechen. - -·Göttlingk· - -Das Fräulein -- mich? -- Mich -- das --? So! Na! Sie, Nachtwächter, Sie -können abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? -- - -·Lohmann· (leise) - -Hab man keine Bange vor dem! - -·Struve· (leise) - -Und wenn du für irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwör' alles ... -Unbesehn. - -·Biegler· - -Ich dank' euch schön. - -·Göttlingk· - - (dreht eitel seinen Schnurrbart) - -Na, bin ich nu nobel genug fürs Fräulein? (Geht nach vorne links) - -·Frau Homeyer· - - (schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfaßt - sie von hinten, sie schlägt nach ihm, die andern lachen, sie - geht nach links) - -·Biegler· (nach der Kantine ab) - - -Elfte Szene - - _Marie. Göttlingk._ Die anderen im Hintergrund - -·Marie· - - (ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie - um sich Mut zu machen, mit der Hand übers Gesicht) - -·Göttlingk· - - (linkisch, mit durchbrechender Frechheit) - -Mahlzeit, Fräulein. - -·Marie· (tonlos) - -Gesegnete Mahlzeit! - -·Göttlingk· - -Möchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Fräulein dienen -kann? - -·Marie· - -Herr Göttlingk, Sie sind lange weg gewesen. - -·Göttlingk· - -Jawohl, bißchen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da. - -·Marie· - -Das freut mich, daß Sie wieder da sind, Herr Göttlingk. - -·Göttlingk· - -Nu, das is ja höchst schmeichelhaft für mich. Danke schön. - -·Marie· (rasch, ängstlich) - -Nein, nein, der Lore wegen. - -·Göttlingk· - -Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg. - -·Marie· - -Was für 'n Weg, Herr Göttlingk? - -·Göttlingk· - -Wissen Sie was, Fräulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darüber nicht. -Da sind Sie viel zu fein zu. -- Das sind solche Geschichten. - -·Marie· - -Sie wissen wohl gar nicht, Herr Göttlingk, wie lieb Sie die Lore hat? - -·Göttlingk· - -Mädchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafür sorgt schon der liebe -Gott. - -·Marie· (ihn bestürzt anstarrend) - -Herr Göttlingk, so schlecht können Sie doch gar nicht sein. Wenn die -andern auch sagen, Sie seien gewalttätig und -- Ich habe Sie immer für -einen guten und edeln Menschen gehalten. - -·Göttlingk· - -Na, macht sich! - -·Marie· - -Und ich weiß, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen -immer mit Freuden zugehört. - -·Göttlingk· - -So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra für Sie gesungen, Fräulein -Mariechen. - -·Marie· (tödlich erschrocken) - -Wieso -- für -- mich? - -·Göttlingk· - -Nu, weil ich schon weiß, daß Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also -müssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben. -Jawohl. Mach' ich. - -·Marie· (außer Fassung) - -Es handelt -- sich hier -- aber gar nicht -- um mich. - -·Göttlingk· - - (in trumpfender Männlichkeit) - -Warum eigentlich nich, Fräulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch -'n mal um Sie handeln? - -·Marie· - - (sprachlos, ratlos, schließt für einen Augenblick die Augen, - dann -- da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hört, eilt sie - hilfesuchend auf ihn zu) - -Vaterchen! Vaterchen! - -·Göttlingk· (seinen Schnurrbart drehend) - -Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten) - - -Zwölfte Szene - - _Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar - Reitmaier_ - -·Zarncke· - -Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem -Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die -für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen, -Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ... - -·Reitmaier· - - (Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder - Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in - brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick - zum Offiziertypus) - -Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der -Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten. -Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein -Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne -menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren -Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne große Familie. - -·Zarncke· (erfreut, bewundernd) - -Ach -- ne -- wirklich? - -·Reitmaier· (bieder) - -Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal -'n bißchen sehn? - -·Zarncke· (rufend) - -Struve! - -·Struve· - - (sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend) - -Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier -vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn) - -·Reitmaier· (die Arme ausbreitend) - -Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund! - -·Struve· (gerührt) - -Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude! - -·Reitmaier· - -Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn. - -·Struve· - -Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt. - -·Reitmaier· - -Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder -ausgefressen? - -·Struve· - -Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de -Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen. - -·Reitmaier· (überzeugt) - -Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen? - -·Struve· - -Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand -nehm' -- - -·Reitmaier· - -Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie muß leben! - -·Struve· - -Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja. - -·Reitmaier· (zu Zarncke) - -Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne -kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch) -Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht? - -·Struve· - -Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so. - -·Reitmaier· (bedauernd) - -Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle? - -·Struve· - -Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß -schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich -mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi. - -·Reitmaier· - -Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber -selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten -Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is -da 's Bier immer noch so gut? - -·Struve· - -Danke. Ja. Es jeht. - -·Reitmaier· - -Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit -Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da? - -·Struve· - -Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen. - -·Reitmaier· (klagend) - -Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder -feste! - -·Struve· - -Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm. - -·Reitmaier· - -Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten, -was taten Sie dann? - -·Struve· - -Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so, -wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt. - -·Reitmaier· - -Und gesprochen haben Sie mit niemandem? - -·Struve· - -I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft -kommen. Ne. - -·Zarncke· (triumphierend, leise) - -Den kriegen Sie nich! - -·Reitmaier· - -Und dann sind Sie nach Hause gegangen. - -·Struve· - -Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören. -Aber ~pee à pee~ bin ick denn zu Hause jejangen. - -·Reitmaier· (leise) - -Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit -seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve! - -·Struve· - -Herr Kommissar! - -·Reitmaier· - -Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von -Wert? - -·Zarncke· - -O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf. - -·Reitmaier· - -Und die sind wertvoll? - -·Zarncke· - -Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt. - -·Reitmaier· - -Ah! Wußte der Struve davon? - -·Zarncke· (mit reserviertem Lächeln) - -Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar. - -·Reitmaier· - -Struve, wo ist hier das Magazin? - -·Struve· - -Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja. - -·Reitmaier· - -Was is denn da so drin? - -·Struve· - -Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr -Kommissar. - -·Reitmaier· (schärfer) - -Wissen Sie, was Zahnsägen sind? - -·Struve· - -Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen. - -·Reitmaier· - -Wo werden die über Nacht aufbewahrt? - -·Struve· (rufend) - -Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt? - -·Reitmaier· (ärgerlich) - -Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen. - -·Zarncke· - - (auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach - näher herangedrängt haben) - -Stören Sie die Leute, Herr Kommissar? - -·Reitmaier· - -Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens -- (zu -Struve streng) treten Sie mal zurück! -- (leiser) daß an das Subjekt -nicht 'ranzukommen ist. - -·Zarncke· (zaghaft, bittend) - -Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen. - -·Reitmaier· - -Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht, -dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen. - -·Zarncke· - -Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott. - -·Reitmaier· (immer noch leise) - -Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich -könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal -an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl -für verdächtig halten oder nicht? - -·Zarncke· (verlegen) - -Ja, da is schwer -- - -·Reitmaier· - -Trotzdem möcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gemäß -- - -·Zarncke· (in die Enge getrieben) - -Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal -- (spricht -leise weiter) - -·Willig· - - (der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat, - holt eine Anzahl Schlüssel aus der Hosentasche und reicht ihm - einen davon) - -·Zarncke· - -Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlüssel. Kennen Sie den? - -·Struve· - -Ne. - -·Zarncke· - -Das ist der Magazinschlüssel. Den übergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn -Sie? - -·Struve· - -Ne. - -·Zarncke· - -Falls der Herr Kommissar Sie hier läßt, werden _Sie_ mir von jetzt ab -für die Sicherheit der Sachen -- einstehn. Verstanden? - -·Struve· - -Ne. - -·Reitmaier· - -Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das? - -·Zarncke· - -Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie -wollen. - -·Reitmaier· - -Sie -- vertrauen -- _dem_ den --? Hähähä! Erlauben Sie mal. -- Hähähä. -Pardon, das ist zu spaßhaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch -nicht weiter stören. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende -führen! ... Aber wenn Ihnen man die Passion für solche schweren Jungens -nich noch mal sauer aufstoßen wird ... denn außerdem haben Sie ja auch -noch 'n Mörder bei sich. Und weiß Gott, was -- - -·Zarncke· (sehr erschrocken) - -_Mörder?_ (Große Bewegung unter den Zuhörern, die sich während der -Folgezeit über den ganzen Platz fortpflanzt) - -·Reitmaier· - -Nu ja -- den -- - -·Zarncke· (rasch, mit Nachdruck) - -Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar. - -·Reitmaier· - -Erlauben Sie mal -- - -·Zarncke· - - (ihn bei Seite nehmend, erregt) - -Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags -verurteilt worden -- - -·Reitmaier· - -Menschenblut is Menschenblut. - -·Zarncke· - -Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht -unnütz vergiftet zu werden. Wissen Sie, daß Sie dem Manne, der sich zu -mir gerettet hat, wie 'n Stück Vieh von der Schlachtbank, daß Sie _dem_ -das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmöglich gemacht -haben? - -·Reitmaier· - -Ich? Wieso? Bitte! - -·Zarncke· - - (auf die erregten Gruppen weisend) - -Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der »Mörder« ist. -Anstatt hier rücksichtsvoll -- - -·Reitmaier· (brutal) - -Ach was! Da müßt' ich viel Zeit haben, auf solchen -- Auswurf -- -Rücksicht zu nehmen. - -·Zarncke· - -Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade _nicht_ von Ihrer -werten Familie. - -·Reitmaier· - -Was für Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr -Zarncke. (Ab nach links) - - -Dreizehnte Szene - - _Die Vorigen_ ohne _Reitmaier_ - -·Zarncke· - - (der einen Augenblick kopfschüttelnd dagestanden hat, laut) - -Hört mal, Kinder! Das -- mit dem -- Mörder -- das muß 'ne Verwechslung -sein. Das -- ja --! - -·Willig· (vor sich hin) - -Na na! - -·Andere· - - (geben ebenfalls durch Mienen und Gebärden ihrem Zweifel - Ausdruck) - -·Zarncke· - -Struve! - -·Struve· - - (der seinen Schlüssel kopfschüttelnd besehen hat) - -Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch -darnach. - -·Struve· - -Ja w-- w-- w-- - -·Zarncke· - -Na was denn? - -·Struve· - -Wenn nu gesetzten Falls -- und es is _doch_ nu ein anderer gewesen -- - -·Zarncke· - -Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und? - -·Struve· - -Und -- nu ja -- und der andere der kommt nu mal wieder -- -- - -·Zarncke· - -Dann werden _Sie_ eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab) - -·Lohmann· (nach der Kantine weisend) - -Nu selbstverständlich is er's. Wer denn sonst? - -·Sprengel· (nach Struve hin) - -An _den_ hat man sich schließlich gewöhnt, -- aber _Mörder_! Ne. - -·Lohmann· - -Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen) - -·Sprengel· - -Scht. Da is er. - - -Vierzehnte Szene - - _Die Vorigen._ _Biegler._ Gleich darauf _Lore_ - -·Biegler· - - (hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht) - -·Lore· - - (mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre) - -Herr Biegler. - -·Biegler· (sich umwendend) - -Ja? - -·Lore· - -Sie haben doch _vier_ Zigarren bezahlt und bloß dreie genommen. - -·Biegler· - -Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter -dabei. (Mit glücklichem Lächeln) Ich hab' nämlich -- jetzt -- auch -- -_Freunde_ hier. - -·Lore· (erfreut) - -Ach, sehn Sie! - -·Biegler· - -Ja. Freunde -- hab' ich. Drei Stück. Ja ... Und da will ich mich doch -mit Zigarren revanschieren. Ja. - -·Lore· - -Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm, --- sie tun Ihnen nichts? - -·Biegler· - -Ja, ja, Fräulein! Wenn Sie mir nicht hätten immer Mut gemacht. - -·Göttlingk· (herüberrufend) - -Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist -kein Umgang für Sie. -- Lassen Sie den mal hübsch laufen. - -·Lore· (zusammenschreckend) - -Ja ... ja, ja. (Steht unschlüssig) - -·Biegler· (die Zähne zusammenbeißend) - -Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch --- _Freunde_. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fächerförmig in -der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen -und dessen Gruppe sich dann aufgelöst hat) Du -- willste nich -- eine -Zigarre von mir -- rauchen? - -·Lohmann· (verächtlich) - -Nee. (Tritt von ihm fort) - -·Biegler· - - (steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel, - sehr zaghaft) - -Ach -- bitte -- ich hätt' -- ne Zigarre -- für -- - -·Sprengel· - -Du kannst deine Zigarren für dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm -fort) - -·Biegler· - - (reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit - kommt über ihn; er geht zu Struve -- voll Angst und Ingrimm) - -Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben -- - -·Struve· (gutherzig abwehrend) - -Laß man! Laß man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu -den -- Magazinschlüssel hab' ... aber -- ich kann mir nich -- -ausschließen, -- ich muß machen wie die andern. - -·Biegler· - -Wa -- was hab' ich -- euch denn -- ...? - -·Struve· - -Sag mal, wie alt bist du? - -·Biegler· - -Vierunddreißig. - -·Struve· - -Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So früh lassen sie einen wie -du -- sonst doch nich los ... - -·Biegler· - - (sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verängstigten Blick - auf die ihn rings Beobachtenden und versteht) - -Ach so ... Ach so. - -·Struve· (ist zu Lohmann zurückgetreten) - -Ich sag' euch bloß: det stimmt _nich_. - -·Lohmann· - -Wer soll's denn sonsten sein? - -·Biegler· - - (auf die Bank der Kantine sinkend) - -Ach so! - - (_Der Vorhang fällt_) - - - - -Dritter Akt - - Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke - ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum - Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde - links das Büfett mit einem Schanktisch davor. -- Auf der - linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. -- In der Mitte unter - der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit - Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem - Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner - Ofen. - - Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen - Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf - den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem - Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und - Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände - geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben - der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine - Mandoline - - -Erste Szene - - _Lore_ hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt. - Der alte _Eichholz_ auf dem Sofa schlafend. _Lenchen_ an dem - Schusterschemel - -·Eichholz· (schnarcht) - -·Lore· - -Was machst du da, Lenchen? - -·Lenchen· - -Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen. - -·Lore· - -Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke. - -·Lenchen· - -Nein, nein. - -·Lore· - - (sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa) - -Vater -- Vater! - -·Eichholz· - - (brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren) - -·Lore· - -Vater, du mußt aufstehn. - -·Eichholz· (im Halbschlaf) - -Wieso denn? - -·Lore· - -Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung -- du weißt ja -- dann -wird's noch einmal voll hier. - -·Eichholz· - -Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß -ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen. - -·Lore· - -Laß doch, Vater, das eilt ja nicht. - -·Eichholz· - -Nu ja. Ich arbeit' ja _doch_ nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt -meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. -- Meine -Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich -an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen. - -·Lore· - -Ach ja, das wär' ganz gut, Vater. - -·Eichholz· - -Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß -nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein. - -·Lore· - -Ach, das is ja alles Einbildung, Vater. - -·Eichholz· - -Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie -mich schon wegjagen tun um -- um -- um 'n Mörder. - -·Lore· (abwehrend) - -Ach! - -·Eichholz· - -Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich -ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich -mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. -Nich mal meinen Leichnam. - -·Lore· (lächelnd) - -Ich will ja auch nichts, Vaterchen. - -·Eichholz· - -Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus -und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen -frißt er sich hier rund an deine Karbonade. - -·Lore· - -Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich _der_ is, -von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner. - -·Eichholz· - -Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu -jeder so klug. - -·Lore· - -Was sind denn Mörderaugen, Vater? - -·Eichholz· - -Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. -Und wegen so einen -- haben sie -- mir -- (Weint) - -·Lore· (mitleidig) - -Vaterchen! - -·Eichholz· (weinend) - -Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er -oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund, -der -- der -- (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen. - -·Lore· - -Geh, leg dich aufs Bett, Vater. - -·Eichholz· - -Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht -werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab) - -·Lore· (sieht ihm seufzend nach) - -Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint, -dann ruf. - -·Lenchen· - -Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft) - -·Lore· - -Herein! - - -Zweite Szene - - _Lore._ _Marie_ - -·Marie· - -'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet? - -·Lore· (gedrückt) - -Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört. - -·Marie· - -Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte? - -·Lore· - -Die anderen erzählten sich's. - -·Marie· - -Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten -Nachrichten bringe? - -·Lore· (mutlos) - -Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. -Wollen sich nich setzen, Mariechen? - -·Marie· - -Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf -deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie -fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück -pfeift ... Auf deinem Dach, Lore. - -·Lore· - -Für mich pfeift kein Glück. - -·Marie· - -Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater -gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt. - -·Lore· - -Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber -nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen. - -·Marie· - -Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne -Aussteuer geben wird. - -·Lore· - -Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich -will nichts. - -·Marie· - -Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. -Darauf geht er aus. - -·Lore· - -Woher wissen Sie das? - -·Marie· - - (stockend, mit abgewandtem Gesicht) - -Nun, das -- merkt -- man doch. - -·Lore· - -Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, -wohlhabend, wie _er_ meint, kann ich ja doch nie werden. - -·Marie· - - (mit geheimnisvollem Lächeln) - -Nun -- wer weiß? - -·Lore· - -Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche -Brot. - -·Marie· (mit unterdrückter Erregung) - -Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange -leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und -- dein Lenchen -- -hab' ich _sehr lieb_. - -·Lore· (nach langem Schweigen) - -Mein Kind hast du -- so lieb? - -·Marie· (nickt) - -·Lore· - -Mein Lenchen hast du so lieb? - -·Marie· (tonlos) - -Ja. - -·Lore· (aufschreiend) - -Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich -durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie _das_ haben kann? -(schluchzt) - -·Marie· - -Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen -- da hätt' ich noch ja und »Schön -dank« gesagt. Aber jetzt -- seh' ich die Dinge -- anders an. Denn, sieh -mal! So ein -- Kindchen -- muß doch zuerst mal -- seinen Vater haben -... Nicht wahr? - -·Lore· (in neuem Erstaunen) - -Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! -Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten -sein. Nie im Leben. Nie. - -·Marie· - -Warum nicht? - -·Lore· - -Weil -- weil ... Der -- der _will_ mich nicht mehr. Dem bin ich _doch_ -bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts. - -·Marie· - -Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch -der Verwalter sein wird? - -·Lore· - -Mein Gott, mein Gott, mein Gott! - -·Marie· - -Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. -Denn wollen _wird_ er ja nicht. - -·Lore· - -Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet -auch gar nichts, wenn's -- nichts -- wird. -- Man is ja längst schon -viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, -wo _nicht_ so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal -froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin -und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und -weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände) - -·Marie· - -Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf) - - -Dritte Szene - - _Die Vorigen. Biegler_ - -·Biegler· (dumpf, scheu) - -Guten Tag. - -·Marie.· - -Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend? - -·Biegler· - -Ja. - -·Marie· - -Geht's Ihnen gut? - -·Biegler· - -Danke. - -·Marie· - -Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab) - - -Vierte Szene - - _Lore. Biegler_ - -·Biegler· (setzt sich an den Mitteltisch) - -·Lore· - - (geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit - Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie - nach dem Tisch links) - -Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der -Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. -Die sind zu große Herren. - -·Biegler· - -Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links) - -·Lore· - -Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung? - -·Biegler· - -Ich -- krieg' -- monatlich. (Schweigen) - -·Lore· - - (immer in freudiger Erregung) - -Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie -reden gar nich. - -·Biegler· - -Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel. - -·Lore· - -Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes -- -passiert. - -·Biegler· - -Was Gut's? - -·Lore· (nickt) - -·Biegler· - -Da gratulier' ich. - -·Lore· - -Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es -is doch wie 'n heller Schein. -- Und da möcht' ich, daß es auch andern -so geht. Ihnen auch. - -·Biegler· (schwer atmend) - -Danke! - -·Lore· - -Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck -spielen. Ich weiß ja, was Sie quält -- seit gestern. - -·Biegler· - - (sich in Erstaunen jäh umwendend) - -Und da reden Sie noch mit mir? - -·Lore· - -Ja -- is es denn wahr? - -·Biegler· (nach einer Pause, schwer) - -Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder -nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. -(Schweigen) - -·Lore· (nach innerem Kampfe) - -Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch. - -·Biegler· (bitter lachend) - -Sie? - -·Lore· (zaghaft) - -Sie wissen doch! - -·Biegler· - -Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst -wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl -- -- - -·Lore· - -Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst -hab' vor Ihnen? - -·Biegler· (hastig seinen Kaffee trinkend) - -Ich geh' schon. Ich geh' schon. - -·Lore· - -Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern? - -·Biegler· - - (unschlüssig, mit dankbarem Aufblick) - -Ach! ... (hart) Ne. - -·Lore· - -Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n -Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. -Wissen Sie? - -·Biegler· - -Das sollt' ich wohl wissen. - -·Lore· - -Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden -Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim -Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar -Jährchen Druck -- immer derselbe Druck. Das genügt. - -·Biegler· (bitter) - -Ob's genügt. - -·Lore· - -Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet -- ach, lustig -sein kann man sogar -- man is überhaupt ein Mensch wie andere und is -doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... -Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie -'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein. - -·Biegler· (eifrig) - -Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja. - -·Lore· - -Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was -gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was -helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will. - -·Biegler· - -Das hätt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl -wieder weg. - -·Lore· - -Ich denk', Sie waren zufrieden. - -·Biegler· - -Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten -- _alle_ -- im Himmel wär' ich -gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ... -dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer -_kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber -sie kann. - -·Lore· (mit beruhigendem Lächeln) - -Na wer denn, wer denn? - -·Biegler· - -Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern. - -·Lore· - -Nicht -- wenn Sie nich wollen. - -·Biegler· - -Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so -langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man -allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, -habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn -sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz -schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n -Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, -Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.« - -·Lore· (schüttelt heftig den Kopf) - -·Biegler· - -Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier -is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins -Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt -noch: »Gott sei Dank.« - -·Lore· - -Ach, es is schrecklich. - -·Biegler· - -Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr -sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die -Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? -... Daß der Weg mich in _die_ Schlafstelle geführt hat -- und gerade -in _die_? ... Daß die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und daß sie -immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir -vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie -mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den -Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der -Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick -'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater -... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja -auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er -ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er --- aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat -- -mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' -ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein -hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, -wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war -mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, -wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden -geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr -kann er nich. - -·Lore· (mitleidig) - -Mein lieber Gott. - -·Biegler· - -_Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst ließ' er _das_ nich -zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen. - -·Lore· (fest) - -Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler. - -·Biegler· (in flackernder Angst) - -Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun. - -·Lore· - -Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich -setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und -kümmern sich um nichts. - -·Biegler· - -Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn? - -·Lore· - -Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind -_die_ von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein. - -·Biegler· - -Wenn's nu aber doch wahr is? - -·Lore· - -Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. -Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, daß Sie keinem aus dem -Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber -nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen -Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte? - -·Biegler· (nickt voll Grauen) - -·Lore· - -So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen -lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich -glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, -dem zeigen Sie die Zähne. - -·Biegler· (stammelnd) - -Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle. - -·Lore· - -Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen! - -·Biegler· - -Und 's kann sein, wer's will? Ja? - -·Lore· (stutzend, dann stark) - -Ja. - -·Biegler· (dumpf, zagend) - -Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück) - - -Fünfte Szene - - _Die Vorigen._ _Lohmann._ _Sprengel._ _Struve._ - _Drei andere Arbeiter_ - - (Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den - Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und - setzen sich an den Tisch rechts) - -·Lohmann· - -Glas Bier! - -·Sprengel· - -Mir auch. - -·Struve· - -Jedem eins. - -·Sprengel· - -Kiekt mal, wer da huckt! - -·Lohmann· - -Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist -doch extra für ihm hingebaut. - -·Struve· - -Der Mensch sitzt, wo er kann. -- Laß ihm sitzen. - -·Lore· (Bier bringend) - -Wohl bekomm's! - -·Lohmann· - -Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen -an) - -·Lore· - - (bringt auch Biegler ein Glas Bier) - -·Sprengel· - -Wird der hier nu auch den Stammgast spielen? - -·Lohmann· - -Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus. - -·Struve· - -Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine -eigenen Sorgen. - -·Lohmann· - -Wat vor Sorgen? - -·Struve· - -Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit -so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine -schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch -'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner -Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so -- -dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist. - -·Sprengel· - -Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was? - -·Struve· - -Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß -sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. -- Da -brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel -krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de -Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf? - -·Lohmann· (lachend) - -Ne. - -·Struve· - -Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen -- - -·Lohmann· - -Was? - -·Struve· - -Na -- de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden -freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein -Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste -Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor -haben? -- Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land. - -·Sprengel· - -Jlickliche Reise. Prost. - -·Struve· - -Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n -Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus --- wie de Schwalben. - -·Lohmann· - -Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen. - -·Sprengel· - -Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier. - -·Struve· - -Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er -noch nich 'raus. - -·Lohmann· - -Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel -anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von -'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft? - -·Biegler· - - (der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter - Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um) - -·Lore· (abweisend) - -Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung? - -·Lohmann· - -Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht -so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man -weiß nich, wie? - -·Lore· (abweisend) - -Ich versteh' gar nich, was Sie meinen. - -·Lohmann· - -Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn. - -·Biegler· - - (steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes - Stammeln hervor und setzt sich wieder) - -·Lohmann· - -Hat jesessen. - -·Sprengel· - -Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen? - -·Struve· - -Nu -- die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue -Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer -fir Hausknechte halten. (Lachen) - -·Lohmann· - -Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen -beim Alten, -- damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es -wird nötig. - -·Sprengel· - -Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n -plundrigen Kerl. - -·Lohmann· - -Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; -- da -hab' ich auch kein Erbarmen. - -·Biegler· - - (zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob - er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr) - -·Sprengel· - -Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is. - -·Lohmann· - -Warum steht er denn nich auf und -- - - -Sechste Szene - - _Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere - Steinmetzen_ (in Feierabendkleidung) - -·Göttlingk· - - (auf den Tisch der Arbeiter weisend) - -Da _sitzt_ se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich -eilig genug mit eurem Feierabend -- was? - -·Lohmann· - -Wieso denn? - -·Willig· - -Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf -Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich? - -·Sprengel· - -Nu, der hängt doch im Flaschenzug. - -·Willig· - -Aber locker hängt er. - -·Lohmann· - -Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte -Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran. - -·Göttlingk· - -Husten wird er euch was. - -·Willig· - -Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr -verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch) - -·Göttlingk· - -Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen -kommen. - -·Lore· - - (die Bier bringt, eilig, ängstlich) - -Hier is, bitte, hier is schon alles. - -·Göttlingk· - -Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl -- -der -- (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da? - -·Willig· (rasch) - -Ach, kümmer dich nicht um den. - -·Göttlingk· - -Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! ~Per -Bacco~, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was -hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal -- bringen -Sie mal die Seufzerkiste. - -·Lore· - -Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm) - -·Ein Steinmetz· - -Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen? - -·Göttlingk· - - (während er die Mandoline stimmt) - -Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse -vorbereiten -- die Welt is eben 'n Affenkäfig. - - -Siebente Szene - - _Die Vorigen._ _Der alte Eichholz_ - -·Eichholz· - - (angezogen wie im ersten Akt) - -Einen guten Feierabend wünsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft. - -·Göttlingk· - -So in Jala, Papa Eichholz? - -·Eichholz· - -Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir -angetan im Schmucke sämtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir -mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande. - -·Lore· (ängstlich) - -Was hast du vor, Vater? - -·Eichholz· - -Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen: -Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen -Zustande mir sollte -- (bemerkt Biegler) was -- was -- was -- was is -denn das? Is das --? - -·Lore· - -Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehört. Weißt -du das nich? - -·Göttlingk· (halblaut zu Lore) - -Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein? - -·Eichholz· - -Was man so sagt, der Wiedehopf, der läßt in sein eigenes Nest -'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein -- (in -ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeißen! Dir bind' ich -'n Mühlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut muß fließen, du Hund, du -blutiger Hund! - -·Biegler· (gequält) - -Fräulein, soll ich nu immer noch länger hier bleiben? Ich denk', nu is -genug. - -·Göttlingk· (halblaut zu Lore) - -Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an? - -·Lore· - -Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an. -Sonst mußt du 'raus. - -·Lohmann· (leise) - -Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeißt. - -·Sprengel· - -Hat sie ganz recht. - -·Eichholz· - -Jawohl. Ich geh' schon. -- Ich werde schon in geeignete Erfahrung -bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergießt, deß -- -Blut -- muß -- -- ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die -hochgeehrte Gesellschaft. (Ab) - - -Achte Szene - - _Die Vorigen_ ohne _Eichholz_ - -·Göttlingk· (leise zu Lore) - -Hast du etwa Durchsteckereien mit dem? - -·Lore· (wendet sich ab) - -·Göttlingk· (verbissen) - -Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurück) Na, lassen wir uns nich -die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn) -Freilich, wissen möchte man doch. - -·Willig· - -Halt bloß Ruhe, Eduard. - -·Die Anderen· - - (die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei) - -·Göttlingk· (an der Mandoline zupfend) - -Na also, was soll ich euch singen? Ich weiß 'ne Menge schöne Lieder, -die mir die schönen Weiber dort unten in schönen Stunden beigebracht -haben ... denn die Weibsleut' da unten! Überhaupt die Weibsleut', -Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beiläufig, herablassend) Ach, -bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Fräulein Lore. - -·Lore· - - (bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas) - -·Göttlingk· - -Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so süß mit mir war. Ja, -mein geliebter Sohn, Glück bei den Weibsleuten muß der Mensch haben. -Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Fräulein, -danke, danke, danke! (Singt und spielt) »~Vè quà una giardiniera, si -chiama Luisella, da sovra all'Arenella~« -- (Abbrechend) Sagt mal, -Herrschaften, wie wär's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef -würde hier auf diesem Steinmetzplatz? - -·Willig· - -Was is das wieder für 'n fauler Witz? - -·Göttlingk· - -Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm -drauf hätte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber -wenn so 'n schönes Jeschäft dran hängt, kann man ja auch mal beide -Augen zumachen. - -·Lore· - - (stößt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des - Entsetzens aus) - -·Sprengel· (halblaut) - -Is 'n Mensch wie 'n Vieh. - -·Willig· (leise) - -Läßte nu nich mal mehr die Krüppel in Ruh? - -·Göttlingk· - - (der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch - hinüber) - -Riskiert da etwa einer zu mucken? Was? - -·Lohmann· - -Wir sind ja ganz still. - -·Göttlingk· - -Möcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Händen, -noch einmal aufstöhnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was? - -·Biegler· - - (ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise, - zaghaft, als traue er seinen erwachenden Kräften nicht) - -Du Schuft! Du Schuft! -- Du Schuft! - -·Göttlingk· (fassungslos vor Erstaunen) - -Was will das Gewächse da? - -·Biegler· - -Du ganz erbärmlicher Schuft! - -·Göttlingk· (Humor heuchelnd) - -Kinder, der is übergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir -das nicht übel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Außerdem bin -ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem -- -Prost! - -·Biegler· (heiser) - -Was du bist, bin ich noch alle Tage. - -·Göttlingk· - -Dem Kerl muß man doch 'ne Zwangsjacke anlegen. - -·Biegler· - -Ich hab' zum Spaß deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser. - -·Göttlingk· (aufspringend) - -Du warst das selber, du verfluchter --? - -·Die Anderen· (halten ihn fest) - -Ruhig, ruhig, ruhig. - -·Biegler· - -Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da -- da -- wer steht da? --- Der sagst du _das_ ins Gesicht? -- Jeder weiß, daß sie 'n Kind von -dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie -- schuriegeln tust du sie ... -Wirst sie -- wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du -nichtswürdiger Schuft! Du! - -·Göttlingk· (der sich zu befreien sucht) - -Nu laßt doch los. -- Is bloß 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't -ihm das Leben. (Reißt sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag' -ich, oder -- - -·Die Anderen· (weichen erschrocken zurück) - -·Biegler· - -Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle -anderen Angst haben? -- Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin -ich vom langen Hungern, aber -- (er hat den Klopfstein ergriffen, der -auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) -- _mit -so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem -Schusterstein hab' ich schon_ -- -- (große Bewegung) Nu komm mal 'ran, -wenn du willst. Komm mal 'ran -- komm mal 'ran! (Dringt auf Göttlingk -ein) - -·Göttlingk· (erschrocken zurückweichend) - -Na, na, na, na. - -·Biegler· - -Komm 'ran -- oder 'raus da -- 'raus da. -- - -·Göttlingk· - -(weicht, unverständliche Worte stammelnd, bis zur Tür zurück) - -·Biegler· (der ihm gefolgt ist) - -'raus da! 'raus da! - -·Göttlingk· - -Das werd' ich dir -- gedenken. -- (Rettet sich durch die rasch -geöffnete Tür) - -·Biegler· - - (sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurück. Er - sieht verständnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die - schluchzend, mit verhülltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht - die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er - langsam zu sich käme) - -Was is denn? Was war denn? Was --? (Sein Gesicht verändert sich, er -kämpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken, -rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt -seine Mütze auf und schreitet mit geballten Fäusten zur Tür zurück; -- -sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn -regungslos Anstarrenden -- und geht hinaus) - - (_Der Vorhang fällt_) - - - - -Vierter Akt - - Szenerie des zweiten. Spätabendbeleuchtung. Über den Häusern - des Hintergrundes ein glühender Streif Abendrot, der sich - allmählich verliert. Vor der Veranda unter dem Fenster der - Zarnckeschen Wohnung ein gedeckter Tisch nach vollendeter - Abendmahlzeit. Das Fenster der Kantine ist erleuchtet. Beim - Aufgehen des Vorhangs ertönt von irgendwoher Biergartenmusik - - -Erste Szene - - _Marie._ _Zarncke_ - -·Zarncke· - - (in einem Korbstuhl behaglich ausgestreckt, eine Zigarre - rauchend) - -Siehste, nu is unsre Amsel auch schon schlafen gegangen. - -·Marie· - -Eben sang sie doch noch. - -·Zarncke· - -Bald werden sie nu auch im »Gambrinus« Ruhe geben mit ihrem Bumbum. - -·Marie· - -Ach, ich hör's gerne. - -·Zarncke· - -Ich auch ... Und weißt du, warum? Weil es so schön weitab is vom -eigenen Leben ... Da sitzen nu die Menschen in Haufen, stoßen sich, -ärgern sich, beneiden sich, begehren sich, und fünf aufgequollene -Trompeter machen Musike zu ... Man is doch wahrhaftig wie der liebe -Herrgott in seiner Stille ... Sechs Tage hat er an der verfluchten -Welt 'rumgebastelt, am siebenten hat er aber auch _gar nichts_ von ihr -wissen wollen. ... Was guckste denn immer nach der Lore ihrem Fenster -'rüber? - -·Marie· - -Ja, Vaterchen, merkwürdig is es doch. - -·Zarncke· - -Was denn? ... Daß der Göttlingk da is? - -·Marie· - -Den ganzen Winter ist er Sonntags nicht einmal bei ihr gewesen. Seit -seiner Rückkehr nicht. Und plötzlich kommt er -- Abends um neune -- von -da oben -- die Treppe 'runter. - -·Zarncke· - -Der Deibel mag wissen, was er da oben zu suchen gehabt hat. Aber -so käseweiß brauchst du darum doch auch nich zu werden, wenn er nu -wirklich mal hinter dir auftaucht. - -·Marie· (schweratmend) - -Denk doch, was das für die Lore bedeutet. - -·Zarncke· - -Hör mal, Kindchen, hab die Lore lieb! Aber du mußt dich nich so -'reinbegeben in das, was rings um uns geschieht. Nich mitmachen wollen. -Das zehrt dann am eigenen Leben. Es bleibe jeder in seiner Haut -- und -jeder hüte den Schlüssel zu seinem Geheimfach ... - -·Marie· - -O, das freilich. Aber -- gestern muß was passiert sein bei der Lore -drin. - -·Zarncke· - -So? Was denn? - -·Marie· - -Zwischen dem Nachtwächter und -- und -- Göttlingk. - -·Zarncke· - -So? Hm. Das war ja nu leider vorauszusehn. - -·Marie· (ängstlich) - -Wieso? - -·Zarncke· - -Sie haben 'rausgekriegt, daß der arme Kerl was pekziert hat. Deshalb -hab' ich gestern schon den Eichholz 'rausgeschmissen. Das alte Vieh -war ganz rabiat. Irgendwas bereitet sich vor gegen den Biegler. Und -schließlich werd' ich noch klein beigeben müssen. Schad um den -- -(Schnalzt) - -·Marie· - -Nein, nein, es scheint was anderes. Was Schlimmeres. Viel was -Schlimmeres. - -·Zarncke· - -'n Menschen ins Verderben zu jagen is schlimm genug ... Von wem weißt -du's denn? Von der Lore? - -·Marie· - -Nein. Das ist es eben, was mich ängstigt. Die geht mir heut aus dem -Wege, wo sie kann ... Und die Homeyer macht immerzu Andeutungen. Aber -was Rechtes kriegt man auch aus _der_ nich 'raus. - -·Zarncke· - -Na, wenn das Schwatzweib schon sein Maul hält. Da wollen wir doch mal -gleich -- (Klingelt) - - -Zweite Szene - - _Die Vorigen._ _Frau Homeyer_ - -·Frau Homeyer· - - (eine Windlampe in der Hand) - -Gotte, Gotte, ich wart' schon immer mit der Lampe ... Nein, so im -Dunkeln ...! Wie können Sie bloß? - -·Zarncke· - -Sie haben wohl noch nie zu zweien im Dunkeln gesessen? - -·Frau Homeyer· - -Ach nein doch! Mit 'n jungen Mann -- der nimmt sich dann so leicht was -'raus -- - -·Zarncke· - -Und mit 'n alten Mann -- das lohnt nich. - -·Frau Homeyer· - -Aber, Herr -- - -·Zarncke· - -Sagen Sie mal, Sie, was is denn gestern bei der Lore gewesen? - -·Frau Homeyer· - -Bei der Lore? I, daß ich nicht wüßte. - -·Zarncke· - -Sie haben doch meiner Tochter erzählt -- - -·Frau Homeyer· - -Ich? Ach nein, das muß ein Irrtum sein. Ich, dem Fräulein? Und gerade -dem Fräulein? I, da müßt' ich -- (Nimmt das Tischzeug zusammen) - -·Marie· - -Aber Frau Homeyer -- - -·Zarncke· (gleichzeitig) - -Was heißt das: _Gerade_ dem Fräulein? - -·Frau Homeyer· - -Nu ja. Da müßt' ich doch sozusagen eine Schwätzerin sein. Und ich bin -im Gegenteil immer höchst zurückhaltend ... Da bin ich bekannt für. Da -können Sie alle Mannsleute fragen. Da können Sie meine Zeugnisse lesen -... Und da soll ich mir gerade _hier_ die Zunge bei verbrennen? ... Das -kann Ihnen wer anders erzählen, Fräulein. Und dann müssen sich auch -nichts draus machen. ... Die Männer sind immer mit dem Maul vorneweg -... Ehrbar sein und sein Myrtenbäumchen pflegen, das is immer noch das -Beste für 'n ältliches Mädchen. - -·Marie· - -Ja, was hab' _ich_ aber mit dem allen zu tun, Frau Homeyer? - -·Frau Homeyer· - -Ja, Fräulein Mariechen, der Mensch hat _manchmal_ mit was nich zu tun, -und kommt _doch_ ins Gerede ... Von dem Herrn Göttlingk hätt' ich -das freilich nicht gedacht. Der is sonst immer 'n Kavelier gewesen -(verschämt) immer so zutraulich -- und, wie gesagt, Kavelier. Aber da -könnte ja jeder kommen und -- ach, bitte das Sahnentöpfchen -- und -behaupten, er braucht' bloß die Hand auszustrecken, da könnt' er Herr -sein auf diesem Steinmetzplatz. Ja. - -·Zarncke· - -Was? Was? Was is das? - -·Frau Homeyer· - -Und es glaubt ihm auch keiner. Da können Sie ganz unbesorgt sein, -Fräulein, das -- - -·Zarncke· - -Halt! Stopp! 'raus! Weg! - -·Frau Homeyer· - -Aber Herr -- - -·Zarncke· - -Weg, weg, weg, weg! - -·Frau Homeyer· - -Ja, ja, Herrgott! - -·Zarncke· - -Weg! - -·Frau Homeyer· - - (mit dem Tablette ins Innere ab) - - -Dritte Szene - - _Marie._ _Zarncke_ - -·Zarncke· - -Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst -mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da -traut sich der Kerl überhaupt noch hierher? -- Da wollen wir mal gleich --- -- (steht auf) - -·Marie· - - (die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fährt auf) - -Nein, Vater, nein! - -·Zarncke· - -Was -- nein? Und wie siehste denn aus? -- Ganz überird'sch! - -·Marie· (in hilflosem Bekennen) - -Vaterchen! - -·Zarncke· - - (nach einem Schweigen hinter sie tretend) - -Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir -'s Geheimfach aufgebrochen? - -·Marie· (aufschluchzend) - -Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock) - -·Zarncke· (sie streichelnd) - -Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird -dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu? - -·Marie· (von Schluchzen geschüttelt) - -Weiß nicht! Weiß nicht! - -·Zarncke· - -Na, nu laß doch mal meinen Rock los! - -·Marie· - - (verbirgt das Gesicht um so fester) - -·Zarncke· - -Willst nich? ... Schämst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn? -Möchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Möchtst dir womöglich das Leben -nehmen noch diese Nacht? - -·Marie· (nickt heftig) - -·Zarncke· (lacht und streichelt sie) - -Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen muß, dem 'n Stern vom -Himmel 'runterfällt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst -noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie -stehn da wie für die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum -werden wir Menschen nich ärmer ... Höchstens die, denen sie als -Zwanzigmarkstücke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich -zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrümeln -sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann, -jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? -- -Dem einen fällt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie -der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor -der Tür lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein, -und die brauchen's den Deiwel wie nötig ... Selbst der Herrgott wird -uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen kräftiger -... Kindchen, 's wird noch 'n büschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham -brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schämen. -Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist, -dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die -Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie -ganz. - -·Marie· (sich aufrichtend) - -Vaterchen, hast du das immer gedacht? - -·Zarncke· - -Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit für die Kranken und die -Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen, -is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --. - -·Marie· (schluchzt kurz auf) - -·Zarncke· - -Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tür hat schon 'n -paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an -die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind. - -·Marie· - -Die arme Lore! - -·Zarncke· - -Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab) - - -Vierte Szene - - _Eichholz._ _Göttlingk._ _Lore_ - -·Eichholz· - -Scht! Du, Göttlingk! -- Sie sind weg! - -·Göttlingk· (heraustretend) - -Es war auch hohe Zeit! ... Denn wenn mir jetzt -- gewisse Leute in den -Weg gerannt wären -- -- na! Also übers Aufgebot reden wir noch, Lore! - -·Lore· - - (die in der Tür geblieben ist, matt, freudlos) - -Wie du willst, Eduard. - -·Göttlingk· - -Dann wollen wir also Schluß machen mit dieser elenden Quetsche. Mein -Handwerkszeug bringt mir morgen der Vater und -- ja, richtig! Die -Mandoline gib mir doch noch mit. - -·Lore· (verschwindet) - - (Die halboffene Glastür über der Veranda hat sich erhellt. Die - Gestalt Zarnckes wird dahinter sichtbar) - -·Göttlingk· (leise) - -Is das nich der Alte da oben? - -·Eichholz· - -Ja, der schläft da. - -·Göttlingk· - -Scht! Na, endlich macht er die Türe zu. (Das Rouleau wird herabgelassen) - -·Lore· (bringt die Mandoline) - -·Göttlingk· - -So ... Vater begleitet mich noch ein Stückschen. - -·Lore· (ängstlich) - -Vater, es wäre wohl besser, du -- -- - -·Eichholz· (scheltend) - -Was heißt das? Was hast du --? - -·Göttlingk· (gleichzeitig) - -Nu laß doch Vater! ... (Reicht ihr die Hand) Gute Nacht! -- (Da sie in -der Türe stehen bleibt) Nu geh nur! Geh nur! - -·Lore· (tonlos) - -Gute Nacht. (Ab, die Türe hinter sich schließend) - - -Fünfte Szene - - _Eichholz._ _Göttlingk_ - -·Göttlingk· - -Na -- und nu? ... Wir haben drin nich ausreden können, weil uns -die Lore ewig auf den Hacken saß. Wie denkst du nu über 'ne gute -Streckschicht für den Kerl? - -·Eichholz· - -Ich bin immer ein ehrenwerter Mann jewesen, ich bin ein zuverlässiger -Mann jewesen und ein -- - -·Göttlingk· - -Ja, ja, ja, ja! - -·Eichholz· - -Aber sie haben mir die Seele aus dem Leibe gezogen, sie haben mir den -höllischen Geier, welcher heißt Hadramoth, den haben sie mir -- - -·Göttlingk· - -Nu quatsche nich. Komm mal mit 'rüber in die Destillation. - -·Eichholz· - -Hier steh' ich, hier jeh' ich nich weg. Sobald der Hund kommt, dann -stürz' ich mir los auf ihm. Brust gegen Brust. - -·Göttlingk· - -Na und dann? - -·Eichholz· - -Dann? Ich hab' dem Alten gesagt: Herr Zarncke, hab' ich gesagt, es gibt --- ein Unglück. - -·Göttlingk· - -Ja, mit's Maulwerk. - -·Eichholz· - -So? ... (Zögernd) Du, und was is denn mit dem -- Block? - -·Göttlingk· (lauernd) - -Was für 'n Block? - -·Eichholz· - -Wo du vorhin von sprachst. - -·Göttlingk· - -Ach so ... Siehst du den da oben im Flaschenzug? - -·Eichholz· - -Ja. - -·Göttlingk· - -Wenn da einer die Ketten aushängt, dann steht er bloß auf der Kippe. -Verstehste? Eine Holzsteife -- die kann 'n Kind wegschlagen. -- Und -geht dann einer die Treppe 'rauf -- _muß_ er die Treppe 'rauf? - -·Eichholz· - -Nu jewiß. Der Alte hat doch dahinter 'ne Kontrolluhr aufgestellt. -- - -·Göttlingk· - -Daß da man kein Malheur passiert! - -·Eichholz· - - (argwöhnisch, will nicht verstehn) - -Warum soll -- da gleich -- 'n Malheur passieren? - -·Göttlingk· - -Ach so! ... Scht! Is er das nich? (Man hört rechts das Schließen einer -Tür) - -·Eichholz· - -Ja. - -·Göttlingk· (leiser) - -Nu komm ... Drüben trinken wir noch eins ... Kann man da oben irgendwo -'raus? - -·Eichholz· - -Durch die kleine Tür. Immerzu. - -·Göttlingk· - - (ihn nach dem Hintergrunde ziehend) - -Na denn komm! - -·Eichholz· - -Warum nich hier durchs Tor? - -·Göttlingk· - -Komm, komm, komm ... Da scheint auch wer zu stehn. -- Komm! (Auf einer -mittleren Treppenstufe hält er inne) Scht! - -·Eichholz· - -Er schließt noch das Sägewerk. - - (Beide verschwinden links oben. -- Während rechts eine schwere - Tür zugeschlossen wird, hört man oben das leise Klirren der - Flaschenzugketten. Dann Stille. Während der folgenden Szene - geht der Mond auf) - - -Sechste Szene - - _Biegler._ Dann _Struve_ - -·Biegler· - - (mit Schlüsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre - umgehängt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten - Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schloß des - Magazins und will zur Tür des Wohnhauses hinüber) - -·Struves Stimme· (vom Haustor her) - -He! Scht! Nachtwächter! Biegler! - -·Biegler· - -Wer is da? - -·Struves Stimme· - -'n guter Freund! - -·Biegler· - -Ich hab' keine guten Freunde. - -·Struves Stimme· - -Struve is da. - -·Biegler· - -Struve kann bei Tage kommen. - -·Struves Stimme· - -Mach auf, sonst reiß' ich an de Klingel. - -·Biegler· - -Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hört den Schlüssel sich drehen. -Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na? - -·Struve· - -Fsch! Drinne wär' mer ja nu. - -·Biegler· - -Also was willst du? - -·Struve· - -Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt -hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da muß ick mir iberfihren -können bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen -vor lauter Ehrjefihl. Ja. - -·Biegler· - -Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wächter. - -·Struve· - -Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht -mehr dabist -- - -·Biegler· - -Wieso? - -·Struve· - -Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus -denselben Suppentopp jeangelt. - -·Biegler· (bitter) - -Ach so! - -·Struve· - -Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mußte hier _nu doch_! - -·Biegler· - -Ja. Das bin ich mir klar. - -·Struve· - -Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroße -Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Bloß, daß se -morjen früh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch -- - -·Biegler· (in bitterer Erregung) - -Und meinen Austritt fordern? - -·Struve· - -Wer zufällig fünf Finger hat, kann sich das ja dran abzählen. - -·Biegler· (verbissen, verzweifelt) - -Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine. - -·Struve· - -Da wärste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne -machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter -jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat. - -·Biegler· - -Wofür? Für mich? - -·Struve· - -Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn' -doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaßen -hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene hätten. Da kann -man jar nischt vor. - -·Biegler· - -Was denn? Was denn? - -·Struve· - -Na, du weißt schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da muß man -eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken -ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und --- -- was? Wie sagste? - -·Biegler· (mit einem kurzen Lachen) - -Ich sag' jar nischt. - -·Struve· - -Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte -denn nu hinmachen? - -·Biegler· - -Wer kann das wissen? - -·Struve· - -Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block) -Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson. -Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des -drickt aufs Jemiet, weißte ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe -- -jewissermaßen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig -bist -- weißte! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen? - -·Biegler· - -Was? Du und ich? - -·Struve· - -Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben --- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen -wälzen sich in'n Jolde, wir wälzen uns in'n jrienen Chausseejraben. -Tagsüber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns -'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mußte ewig 'n krummen Puckel -machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im -Leben, wat die andern sind! - -·Biegler· - -Mensch! Da haste recht! - -·Struve· - -Draußen veracht' dir keiner ... Und da biste bloß _einem_ Jehorsam -schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na? - -·Biegler· - - (schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschluß) - -Gut! Wann willst du -- losjehn? - -·Struve· - -Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang. - -·Biegler· (in Erregung) - -Ich muß doch erst -- mit ihm -- reden ... Muß doch kündigen. - -·Struve· - -Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kündigen? Und noch eins -sag' ich dir: Der Jöttlingk is 'n tück'sches Luder. Der verjeßt dir die -Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen, -jleich, noch auf'n nichternen Magen. - -·Biegler· (dumpf, entschlossen) - -Mir is alles egal. - -·Struve· - -Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht. - -·Biegler· - -Zeugnisbuch muß ich haben. Dann komm' ich mit. - -·Struve· - -Zeichnisbuch? Ick weeß 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n -jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn --- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben: -»Ehrlich währt am längsten« -- aber 'n tichtiger Spitzbube fährt mit -vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab -wie 'ne dreck'ge Scheierbürschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie -bei'n kleinen Swienegel ... Bloß natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital --- det missen wir haben. - -·Biegler· - -Wozu? Woher? - -·Struve· - -Det brauchste überall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de -Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich -- -wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden. -Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie -bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja -alles da. - -·Biegler· - -Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt. - -·Struve· - -Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich? - -·Biegler· - -Was denn? Na was denn? - -·Struve· - -Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so -glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen. - -·Biegler· - -Was? Was? Was? - -·Struve· (zaudernd, verlegen) - -Na -- de -- de -- Diamanten. - -·Biegler· - -Die willst du am Ende --? - -·Struve· - -Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles -Jeschäftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert -er sich. Na? - -·Biegler· - -Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause. - -·Struve· - -Du bist wohl 'n Schlamassel? - -·Biegler· - -Ich muß jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick. - -·Struve· - -Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt. -Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... Äh! Is nischt mehr los -mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer. - - (Ab, von Biegler gefolgt. Man hört das Tor auf- und zuschließen) - - -Siebente Szene - - _Lore._ _Biegler_ - -·Lore· - - (tritt aus der Kantinentür und lauscht nach links hin) - -Vater, bist du's? - -·Biegler· - -Ich bin's, Fräulein. - -·Lore· (freudig aufschreckend) - -Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit -- mit -- noch einem? - -·Biegler· - -Nein. - -·Lore· - -Ach -- 'n paar Augenblicke könnt' ich Sie sprechen -- ja? - -·Biegler· - -Ich möcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heißt wenn Sie -mir danken wollen etwa -- - -·Lore· - -Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Weiß Gott, Herr Biegler, ich -wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt -dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich weiß -nicht aus, nicht ein. - -·Biegler· - -Was is denn nu? - -·Lore· - -Er -- war -- eben da. - -·Biegler· - -Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein? - -·Lore· (schweigt) - -·Biegler· - -Oder will er noch immer nich? - -·Lore· - -Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er -nich mehr zurück. - -·Biegler· - -So? Ei, ei! - -·Lore· - -Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er -- - -·Biegler· - -Das kann ihm ja nich fehlen. - -·Lore· - -Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das möglich? -- Man hungert, man -hungert nach seinem Glück, jahrelang -- und wie man's endlich hat -- -_so_, zwischen seinen zwei Händen, da is es mit einem Mal keins mehr, -da _will_ man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt. - -·Biegler· - -Wer satt is, soll nich essen. - -·Lore· - -Ich kann doch nicht »nein« sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da -drin schläft doch mein Lenchen. - -·Biegler· (erregt, verbissen) - -Mancher Mann wär' glücklich, Ihr Lenchen auf dem Schoß zu halten. - -·Lore· (erschrocken) - -Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Sünde. - -·Biegler· - -Sünde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglück stürzt. - -·Lore· - -Das sagen Sie heute, und gestern -- haben Sie Stellung und alles -- -haben Sie hingegeben -- bloß -- - -·Biegler· - -Gott weiß, wie alles kommt. - -·Lore· - -Ach, wenn ich reden dürfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure -bloß immer: Was für 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im -Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hören soll ... Es war da -die Rede von -- Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die -Angst, daß er ihm irgend was Schlimmes einredet. - -·Biegler· - -Wem kann der alte Mann denn was tun? - -·Lore· - -Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich -kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm -gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm. - -·Biegler· - -Ja, wenn Sie nich _können_. - -·Lore· - -Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir. - -·Biegler· - -Helfen! Ich weiß mir alleine nich zu helfen! - -·Lore· - -Ach, Sie sind stark. Das weiß ich seit gestern. Sie können, was Sie -wollen! Sie -- - -·Biegler· - -Hähähähä! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will -_nich_ bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder -rechts, Pennbruder links -- wenn nichts Schlimmeres -- und mir die -Augen aus dem Kopf brennen vor -- -- _und muß doch_. - -·Lore· - -Sie können doch auch da gehn, wo Sie hingehören. Zu Ihresgleichen. - -·Biegler· - -Das _is_ meinesgleichen, Fräulein Lore. Irren sich nich. -- Da _gehör'_ -ich hin ... Aus _der_ Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe, -da is Krätze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Füße, -weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit -um ein gefälschtes Stück Attest. - -·Lore· - -Aber noch sind Sie doch hier. - -·Biegler· - -Schon so gut wie nich mehr. Morgen früh geh' ich weg. - -·Lore· - -Aber warum denn? Warten Sie doch ab! - -·Biegler· - -Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Böses. -- Ich geh' -auf alle Fälle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was für -einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is bloß wie 'n schöner -Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr -... Ja, _die Nächte_, wenn der Mondschein überall auf den Blöcken liegt -... Da -- sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts -wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' _einen_ -gestreichelt und den _andern_ gestreichelt und hab' gedacht: »Wer wird -dich mal behauen -- der Glückliche!« ... Und wenn dann erst alles ganz -still wird -- ringsum auf den Straßen, -- dann sitzt man mitten in der -Welt wie in einem schönen, warmen Mantel -- ganz ruhig und ganz -- -- -ich sagt's Ihnen schon gestern -- aber das kommt erst viel später gegen -Mor -- -- (Hält lauschend in ängstlicher Spannung inne) - -·Lore· - -Was is? - -·Biegler· - - (Man hört links Gelächter von Frauenstimmen und Singsang -- - scheinbar sich entfernend) - -Horchen Sie! Horchen Sie! - -·Lore· - -Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Straße. Was is denn dabei? - -·Biegler· (leise) - -Das sind die Mädchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in -die Runde -- von elfe ab -- immer ums Straßenkarree 'rum -- bis gegen -Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hör', da -- - -·Lore· - -Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan? - -·Biegler· (leise, geheimnisvoll) - -Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum. - -·Lore· - -Woher wissen Sie das? - -·Biegler· - -Ich hab' -- sie -- getroffen. - -·Lore· (erschrocken) - -Hier draußen? - -·Biegler· - -Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn hätt' --- ich hab' mich bloß geschämt, weil ich so abgerissen war, sonst -- -weiß Gott, was ich jetzt schon wär' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger -kann viel ... Na -- werden ja sehn! - -·Lore· (erschüttert) - -Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie -- - -·Biegler· - -Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der -komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hält mir keiner mehr die -Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen -- bis -- ... Fräulein -Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch -nich gemacht. - -·Lore· (sich ängstlich umschauend) - -Ach -- noch -- noch -- Wenn ich bloß wüßte, wo er Vater hingeschleppt -hat ... Ich kann die Angst nich los werden, daß, daß -- -- - -·Biegler· - -Na, was denn? - -·Lore· - -Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht -- dort -- ja? - -·Biegler· - -Ja, ja, der hängt locker, ich weiß ... - -·Lore· - -Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre -- -nein? - -·Biegler· (kurz auflachend) - -Das wär' 'n richtiger Wächter, der sich vorm Finstern grault. Und heut -bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter -- -wieder 'runter -- in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die -Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Fräulein Lore ... - -·Lore· (ohne die Hand zu nehmen) - -Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefällt ... Schließlich, wenn's -Ihnen die andern verzeihen, warum _müssen_ Sie denn durchaus weg? - -·Biegler· - -Wer wird _mir_ verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten, -daß sie morgen zum Alten gehen werden -- und -- - -·Lore· - -Nu ja. - -·Biegler· - --- und -- - -·Lore· - -Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...? - -·Biegler· - -Was is da viel zu wissen? - -·Lore· - -Herr Biegler, die Steinmetzen _wollen_ morgen zum Alten gehn -- das -is richtig, aber nicht darum, was _Sie_ glauben, sondern weil sie ihm -sagen wollen, daß sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden. - -·Biegler· (verständnislos) - -Die Steinmetzen -- wollen -- dem Al-- - -·Lore· - -Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, daß Sie vom Fach sind, und weil Ihr -Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben -keinen mehr was angehn, haben sie gesagt. - -·Biegler· - -Die Steinmetzen wollen -- die Steinmetzen wollen -- die Steinm-- -- -- -Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen -- ja, warum haben Sie mir -das nich schon früher gesagt? - -·Lore· - -Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle -Fälle. - -·Biegler· - -Wenn die Steinmetzen _wollen_, warum soll _ich_ denn --? Wenn ich -wieder -- ich soll wieder Krönel und Scharriereisen in die Hand nehmen? -... Ich soll wieder die blaue Schürze -- umbinden -- dürfen? Ich soll --- soll -- soll -- wieder die blaue Schürze ... (Heimlich, leise, in -Angst) Fräulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. -- Aber -- (Legt -die Hand auf die Lippen) Ich hab' nämlich manchmal solche Anfälle -gehabt (wischt sich über die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man -dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, daß Sie das eben gesagt haben, -daß die Steinmetzen -- morgen -- dem Alten --? - -·Lore· - -Aber Herr Biegler, ja, ja! - -·Biegler· - -Und Sie glauben auch, es kann -- nichts mehr -- dazwischenkommen -- bis -morgen? - -·Lore· - -Was sollt' denn das sein? - -·Biegler· - -Nu, daß die Steinmetzen ihren Sinn ändern -- oder daß der Alte sagt: -»Nein« -- oder daß mir 'n Stein auf'n Kopf fällt -- oder, was weiß ich? - -·Lore· - - (sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise) - -Stein auf'n -- - -·Biegler· (lachend) - -Ach, wissen Sie, das wär' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n -tüchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ... -Ich bin mal vor der ganzen Innung -- bin ich öffentlich belobt worden -... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fünfzig -pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten. -Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Härteste -... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem -geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da muß -man -- da muß man -- (vom Glücke überwältigt) Die Steinmetzen -- wollen --- mit mir -- -- (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das -Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten -- mit mir -- arbeiten --- -- - -·Lore· - - (macht mitleidig einen Versuch, seinen Rücken zu streicheln) - -Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ängstlich) Herr Biegler! ... -Herr Biegler! - -·Biegler· (zu sich kommend) - -Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock -- meine Pfeife? ... Ich bin -ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! -- -Heut darf ich nichts versäumen, sonst ... Hahaha -- hahahaha! Adieu, -Fräulein Lore. Ich komm' bald wieder. - -·Lore· - -Wo wollen Sie hin, Herr Biegler? - -·Biegler· - -Runde machen -- nach oben -- die Treppe 'rauf ... - -·Lore· (leise) - -Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf! - -·Biegler· - -Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block? - -·Lore· (in wachsender Angst) - -Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr künftiges -Leben -- wenn Sie den Krönel wirklich noch mal führen wollen -- wenn -Sie -- ... _Mein Kind_ hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat -Ihnen Glück gebracht -- darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo -anders, aber da _nicht_! - -·Biegler· - -Fräulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Gründe haben -- - -·Lore· - -J, ja, ja, ja. - -·Biegler· - -Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner -mehr was. Jetzt nich mehr. Nee. - -·Lore· (entschlossen) - -Dann komm' ich mit. - -·Biegler· - -Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwächtern! - -·Lore· (ruft hinauf) - -Is da einer oben? (Schweigen) - -·Biegler· - -Na sehn Sie! - -·Lore· (leise) - -Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal -um den Leib. Ganz fest. - -·Biegler· - -Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst? - -·Lore· - - (umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme) - -So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal -sehen. - -·Eichholzens Stimme· (von oben) - -Wirste weg da, du -- - -·Göttlingks Stimme· - -Scht! - -·Biegler· - -Nanu! Was is denn _das_? (Er reißt sich los und springt blitzschnell -die Treppenstufen hinan. -- In demselben Augenblicke stürzt dicht -hinter ihm der Block mit Getöse herunter, prallt gegen die Stufen und -zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hört oben das -ängstliche Granzen des alten Eichholz und ein Stöhnen wie von Ringenden) - -·Lore· - - (ist mit einem Schreckensruf zurückgewichen und schreit, - sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf) - -Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig' -dich an. - -·Göttlingks Stimme· - -Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin -flüchten und verschwinden) - - -Achte Szene - - _Lore._ _Biegler._ _Eichholz._ Später _Zarncke._ _Marie._ _Frau - Homeyer._ _Zwei Dienstmädchen_ - -·Stimmen von der Straße her· (durcheinander) - -Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht -doch mal auf! ... Aufmachen! -- (Man rüttelt am Tor) - -·Biegler· - - (führt unterdessen den Alten die Treppe herab) - -Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. -- Vorsicht! -- - -·Eichholz· (betrunken weinend) - -Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ... - -·Lore· (ihnen entgegen) - -Um Gottes willen, Vater! - -·Biegler· - - (gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore - und ruft nach links hinübergehend atemlos) - -Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ... -Weiter is nichts. -- - -·Die Stimmen· (durcheinander) - -Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen.. -Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen! - -·Biegler· - -Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelächter. -Abgerissene Rufe. Dann allmählich Stille) - -·Eichholz· - - (der von Lore zu dem vordersten Block geführt wird, wo er sich - niedersetzt, derweilen weitergranzend) - -Ich bin nu auch 'n Mörder. Ich komm' nu aufs Schafott. - -·Zarncke· - - (hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die - Glastür geöffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon - hinaus) - -Was is da unten? Is da ein Unglück geschehn? - -·Lore· - - (mit flehender Gebärde zu Biegler hin) - -Ach bitte, bitte! - -·Zarncke· - -Bekomm' ich keine Antwort? - -·Biegler· - - (nach Atem ringend, mit zitternder Stimme) - -Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel -gefallen, Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Wie hat denn das passieren können? - -·Biegler· - -Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten -gelockert. - -·Zarncke· - -Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt? - -·Lore· - - (Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe) - -Er hat sich wohl 'n bißchen weh getan ... Aber schlimm is es nicht, -Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Na wenn's weiter nichts is. - -·Eichholz· (wird allmählich still) - -·Frau Homeyer· - - (in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darüber, ist mit zwei - Mägden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten) - -O Gott, o Gott, o Gott, da is gewiß 'n Malheur passiert. - -·Zarncke· (herunterrufend) - -Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurück! - -·Marie· - - (die während des Vorigen in dem -- gleichfalls erhellten -- - Fenster des Wohnzimmers erschienen ist) - -Du, Lore, komm mal her zu mir. - -·Lore· (geht zu ihr) - -·Frau Homeyer· (derweilen) - -Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da möcht' ich -jeden heiligen Eid drauf schwören. - -·Zarncke· - -Na, wird's bald? - -·Frau Homeyer· (mit den Mägden ab) - -Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja. - -·Marie· (leise) - -Was schriest du da vorhin? Und zu wem? - -·Lore· (bebend) - -Ich? - -·Marie· - -Ich war wach. Mich täuschst du nicht. - -·Zarncke· - -Mariechen. - -·Marie· - -Vaterchen? - -·Zarncke· - -Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden können wir uns morgen besehn. Das -heißt, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tüchtig -erschreckt, Biegler -- was? - -·Biegler· - - (noch immer zitternd in Erregung) - -Ach -- nich sehr -- Herr Zarncke. - -·Zarncke· - -Na denn: Gute Nacht, Kinder. - -·Lore· - -Gute Nacht, Herr Zarncke. - -·Marie· (gleichzeitig) - -Gute Nacht, Vaterchen. - -·Zarncke· - - (geht ins Zimmer zurück und schließt die Glastür) - -·Lore· (leise) - -Morgen erzähl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern. - -·Marie· - -Aber doch nur Gutes? - -·Lore· (fest) - -Ja. Weiß Gott. - -·Marie· (in wehmütiger Güte) - -Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht. - -·Lore· - -Gute Nacht, Mariechen. - -·Marie· (schließt das Fenster. Ab) - - -Neunte Szene - - _Lore._ _Biegler._ _Eichholz_ - - (Fenster und Glastür verdunkeln sich. Die Stimmen der Straße - haben sich allmählich verloren. Mitternachtsstille) - -·Biegler· - - (sinkt, von den Folgen der ausgestandenen Erregung überwältigt, - auf die Bank und atmet schwer) - -·Lore· - -Was is Ihnen, Herr Biegler? Sind Sie ganz heil geblieben? Is Ihnen auch -nichts geschehn? - -·Biegler· - -Ich muß mich bloß -- 'n bißchen verschnaufen ... ich bin ganz ... - -·Lore· - -Aber Sie rangen doch mit ihm? Hat er Ihnen da nichts getan? - -·Biegler· - -Er hat nich mal mehr so viel Courage gehabt, seinen Dreikantigen zu -ziehn. -- Na, kommen Sie noch immer nich los von ihm? - -·Lore· - - (mit einer wilden Gebärde des Befreitseins) - -Ach! - -·Biegler· - -Ja. Dem sein Hund sind Sie _gewesen_, scheint mir. - -·Lore· - -Und meinen alten Vater so zu -- der Schuft! ... Vater! Du mußt zu Bett -gehn, Vater! - -·Eichholz· - - (antwortet nicht, atmet tief im Schlafe) - -·Lore· - -Gott! -- Nu sehn Sie bloß! - -·Biegler· - -Schläft er am Ende? - -·Lore· - -_Dem_ werden Sie doch nichts nachtragen? - -·Biegler· - -Wenn er mir nichts nachträgt. Hahaha. - -·Lore· - -Herr Biegler! - -·Biegler· - -Was, Fräulein Lore? - -·Lore· - -Ich kann nichts sagen -- mir ist das Herz so -- ich kann nicht ... - -·Biegler· - -Aber die Hand können Sie mir geben. (Streckt ihr die Hand entgegen) -Wenn die nu wieder rein wird, dann sind Sie schuld. - -·Lore· - - (weist kopfschüttelnd nach dem Balkon) - -Unser Alterchen da oben is schuld. - -·Biegler· (seine Hand in der ihren) - -Ja, wie's auch wird, dem wollen wir danken ... Scht! ... Schlägt's da -nich zwölfe? (Man hört die ferne Turmuhr schlagen) Wahrhaftig! Nu muß -ich aber wirklich mal Runde machen und abpfeifen ... Sonst bin ich ja -gar nich wert, daß ... (Lacht leise und glücklich) Gute Nacht, Fräulein -Lore! - -·Lore· - -Gute Nacht, Herr Biegler. - -·Biegler· (am Fuß der Stufen) - -Na, nu kann ich ja wohl ruhig die Treppe 'rauf? - -·Lore· - -_Der_ kommt nie wieder. -- - -·Biegler· (von den Stufen her) - -Gute Nacht! - -·Lore· - -Gute Nacht. - -·Biegler· (verschwindet nach rechts) - -·Lore· - -Vater! ... Nu mußte aber wirklich schlafen gehn, Vater. (Der Alte rührt -sich nicht. Man hört Biegler dreimal kurz pfeifen) Vater, hörst du, wie -er pfeift? (Biegler pfeift -- wieder von weiter her) Vater, das Glück -pfeift! Das Glück pfeift! (Sie sinkt schluchzend vor dem Alten nieder, -das Gesicht an seinem Knie verbergend. Der Alte schläft fort. -- Das -Pfeifen Bieglers tönt leiser, je weiter er sich entfernt) - - (_Der Vorhang fällt langsam_) - -[Illustration] - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | anderen -- andern | - | besehen -- besehn | - | danach -- darnach | - | Gehen -- Gehn | - | sehen -- sehn | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 31 »teilnahmlos« in »teilnahmslos« geändert. | - | S. 66 »austapenzieren« in »austapezieren« geändert. | - | S. 71 »verschüchert« in »verschüchtert« geändert. | - | S. 76 »pike-pikefeiner« in »pikefeiner« geändert. | - | S. 130 »umso« in »um so« geändert. | - | S. 156 »der Lore von« in »der von Lore« geändert. | - | | - +----------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of Project Gutenberg's Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN *** - -***** This file should be named 62132-8.txt or 62132-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/1/3/62132/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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