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-The Project Gutenberg EBook of Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Stein unter Steinen
-
-Author: Hermann Sudermann
-
-Release Date: May 14, 2020 [EBook #62132]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als |
- | ·fett·, und Antiquaschrift als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
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-
-Stein unter Steinen
-
-
- Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
- Stuttgart und Berlin
-
-
- Hermann Sudermann:
-
-
- Geheftet
-
- ·Im Zwielicht.· Zwanglose Geschichten. 30. Aufl. M. 2.--
-
- ·Frau Sorge.· Roman. 83. bis 87. Auflage M. 3.50
-
- ·Geschwister.· Zwei Novellen. 27. Auflage M. 3.50
-
- ·Der Katzensteg.· Roman. 61. bis 65. Auflage M. 3.50
-
- ·Jolanthes Hochzeit.· Erzählung. 27. Auflage M. 2.--
-
- ·Es war.· Roman. 38. Auflage M. 5.--
-
- ·Die Ehre.· Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage M. 2.--
-
- ·Sodoms Ende.· Drama in 5 Akten. 23. Auflage M. 2.--
-
- ·Heimat.· Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage M. 3.--
-
- ·Die Schmetterlingsschlacht.· Komödie in 4 Akten
- 9. Auflage M. 2.--
-
- ·Das Glück im Winkel.· Schauspiel in 3 Akten
- 15. und 16. Auflage M. 2.--
-
- ·Morituri:· Teja. Drama in 1 Akt. -- Fritzchen.
- Drama in 1 Akt. -- Das Ewig-Männliche.
- Spiel in 1 Akt. 17. Auflage M. 2.--
-
- ·Johannes.· Tragödie in 5 Akten und 1 Vorspiel.
- 28. Auflage M. 3.--
-
- ·Die drei Reiherfedern.· Dramatisches Gedicht in
- 5 Akten. 14. Auflage M. 3.--
-
- ·Johannisfeuer.· Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl. M. 2.--
-
- ·Es lebe das Leben.· Drama in 5 Akten. 20. Aufl. M. 3.--
-
- ·Der Sturmgeselle Sokrates.· Komödie in 4 Akten.
- 15. Auflage M. 2.--
-
- Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen
-
- Preis für den Einband:
-
- in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf.
-
-
-
-
- Stein unter Steinen
-
- Schauspiel in vier Akten
-
- von
-
- Hermann Sudermann
-
- Elfte Auflage
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart und Berlin 1905
-
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-
-~Copyright, 1905, by Hermann Sudermann~
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
-
-
-
-
-Personen
-
-
- ·Zarncke·, Steinmetzmeister.
-
- ·Marie·, seine Tochter.
-
- ·Frau Homeyer·, Wirtschafterin bei Zarncke.
-
- ·Jenisch·, Buchhalter.
-
- ·Eichholz·, Nachtwächter auf dem Werkplatz.
-
- ·Lore·, seine Tochter.
-
- ·Lenchen·, deren Kind.
-
- ·Willig·, Polier.
-
- ·Göttlingk·, Steinmetz.
-
- ·Jakob Biegler·.
-
- ·Reitmaier·, Kriminalkommissar.
-
- ·Lohmann·, }
- ·Sprengel·, } Arbeiter.
- ·Struve·, }
-
- Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter.
-
- Mehrere Frauen und Kinder.
-
- _Ort der Handlung_: Berlin.
-
- _Zeit der Handlung_: die Gegenwart.
-
- Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen,
- zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Erster Akt
-
- Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tür nach
- dem Hausflur. Auf der linken Seite Tür nach Wirtschaftsräumen.
- Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz
- führend. Davor, um eine Stufe erhöht, ein Podium mit bequemem
- Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch
- und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tür ein Tischchen
- mit Wandkonsole darüber, rechts von der Tür ein Bücherschrank.
- Altväterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche,
- Photographien, gestickte Sinnsprüche an den Wänden.
- Pfeifenständer, Zigarrenschränkchen, Bauer mit Kanarienvogel
- etc. etc.
-
-
-Erste Szene
-
- _Zarncke._ _Marie._ _Jenisch_
-
-
-·Zarncke·
-
- (Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den
- Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise -- mit
- Anklängen ans Niederdeutsche -- weich, bisweilen harmlos
- polternd, voll stillen Grüblersinnes)
-
-·Marie·
-
- (Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei
- schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache,
- bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen
- tastend, unsicher)
-
-·Jenisch·
-
- (behaglicher, beschränkter Zahlenmensch)
-
-·Zarncke· (mit Jenisch eintretend)
-
-Na, Miezelchen?
-
-·Marie·
-
- (die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)
-
-Vaterchen! (Will aufstehen)
-
-·Zarncke·
-
-Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die
-Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ...
-Na, Jenisch, was haben Sie da!
-
-·Jenisch·
-
-Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke.
-(Reicht ihm die kleinen Blöcke)
-
-·Zarncke· (kratzt an den Rändern)
-
-Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei
-vorläufig noch gedeckt.
-
-·Jenisch· (lacht respektvoll)
-
-·Zarncke·
-
-Zweite Post?
-
-·Jenisch·
-
-Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe)
-
-·Zarncke·
-
- (setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand
- gleiten)
-
-Nischt -- nischt -- nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein
-zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener
-Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na,
-wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die
-anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von
-der Polizei kommen wegen heute nacht -- das sag' ich besser draußen.
-(Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch
-der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen
-der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!
-
-·Stimme des Poliers Willig·
-
-Jawohl, Herr Zarncke!
-
-·Zarncke·
-
-Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor
-führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem
-dummen Gefrage.
-
-·Stimme Willigs·
-
-Jawohl, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke· (nachahmend)
-
-Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf)
-
-·Marie·
-
-_Mußtest_ du's denn anzeigen, Vaterchen?
-
-·Zarncke·
-
-Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu
-nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen.
-Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch
-auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über
-den alten Eichholz?
-
-·Jenisch·
-
-Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten
-lassen. Als Wächter.
-
-·Zarncke·
-
-Na, als was denn sonst?
-
-·Jenisch·
-
-Das weiß ich ja nich.
-
-·Zarncke·
-
-Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze
-hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.
-
-·Marie· (lächelnd)
-
-Na, na.
-
-·Zarncke·
-
-Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du -- hä?
-
-·Marie· (lacht)
-
-·Zarncke·
-
-Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden
-sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat,
-setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt
-einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher
-in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese
-Instituschon is nich das richtige.
-
-·Marie· (lacht)
-
-·Zarncke·
-
-Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück.
-
-·Jenisch· (lachend)
-
-Adieu, Fräulein Mariechen.
-
-·Marie·
-
-Adieu, Herr Jenisch.
-
-
-Zweite Szene
-
- _Zarncke. Marie_
-
-·Zarncke·
-
-Dabei weiß ich genau, wer's gewesen is.
-
-·Marie·
-
-Am Ende gar der -- --?
-
-·Zarncke·
-
-Na natürlich.
-
-·Marie· (lachend)
-
-Du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine.
-
-·Zarncke·
-
-_Du_ meinst den Struve. Und _ich_ mein' den Struve. Und draußen auf dem
-Platze meinen sie _auch_ den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren
-wollen, tun sie, als hätten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu
-mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder
-raushaue, kriegt er zehn Jahre.
-
-·Marie·
-
-Um Gottes willen!
-
-·Zarncke·
-
-Fünfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun
-sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen
-neulich für den brustkranken Emil sammelten -- wo er doch als Arbeiter
-eigentlich gar nischt mit zu tun hat -- Wochenlohn blank auf den Tisch
-gelegt. Und muß mausen! ... Nämlich die Diamantsplitter in den neuen
-Zahnsägen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe
-wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt
-er schon im Kittchen ... Ach, was hat man für'n Kreuz mit diesen Kerls!
-Immer wieder saust man rin.
-
-·Marie·
-
-Na, manchmal auch nicht.
-
-·Zarncke·
-
-Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet.
-Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber -- nee! -- nu Schluß! --
-Ich nehm' nu nich _einen_ mehr, den mir der Verein zuschanzt.
-
-·Marie·
-
-Na, na!
-
-·Zarncke·
-
-Mariechen, ich schwör' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies
-hier -- ein Lämmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das
-Kuvert aufreißend) Wollen mal gleich sehn!
-
-·Marie·
-
-Weißt du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein
-interessanter Fall, und dann --
-
-·Zarncke·
-
-Kann's auch ungelesen zurückschicken. (Unschlüssig) Aber -- -- -- du,
-klingel mal, daß die Homeyer mir das Frühstück bringt.
-
-·Marie· (klingelt)
-
-·Zarncke·
-
- (die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken)
-
-Da is nu ein ganzes Schicksal drin.
-
-·Marie· (bittend)
-
-Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich.
-
-·Zarncke·
-
-Man soll zwar keinen von seiner Türe weisen. Na, wie du meinst. (Legt
-das Kuvert hin)
-
-
-Dritte Szene
-
- _Die Vorigen. Frau Homeyer_
-
- (Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der
- dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem
- Stich ins Gemeine)
-
-·Frau Homeyer·
-
- (die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer
- Rotweinflasche hereintragend)
-
-Schönen guten Morgen wünsch' ich.
-
-·Zarncke·
-
-Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich.
-(Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?
-
-·Zarncke·
-
-Hm. Fein.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Fräulein Mariechen, was möchten Sie?
-
-·Marie·
-
-Danke. Danke.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?
-
-·Marie·
-
-Doch. Doch.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich
-genug tun für Sie.
-
-·Zarncke·
-
-Ja, ja, Sie sind eine Perle.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine
-ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich --
-ach ja!
-
-·Zarncke·
-
-Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.
-
-·Zarncke·
-
-Und dann so die ehrbare Lebensweise.
-
-·Frau Homeyer· (seufzend)
-
-Ja, ja.
-
-·Zarncke·
-
-Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend
-was gehört, heute nacht?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. -- Schritte und so.
-
-·Zarncke·
-
-Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch'
-mich nich in fremde Sachen.
-
-·Zarncke·
-
-So -- das sind fremde Sachen für Sie?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind?
-
-·Zarncke·
-
-Na, was denn sonst?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, -- da werden die Mannsleute
-doll --
-
-·Zarncke·
-
-Und die Weibsleute auch.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an,
-daß mein armer sel'ger Mann --
-
-·Zarncke·
-
-Scht, scht, scht! _Wenn_, dann würd's auch nichts ausmachen. Na -- und?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter
-schläft eben auch. Nu ja.
-
-·Zarncke·
-
-Ach so! Das geht gegen die Lore!
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein
-Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie
-ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum.
-Vater unbekannt.
-
-·Zarncke·
-
-Der Vater ist nicht unbekannt.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. -- Warum heiratet er sie
-denn nich?
-
-·Zarncke·
-
-Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?
-
-·Marie·
-
- (die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist)
-
-Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün.
-
-·Frau Homeyer·
-
- (die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat)
-
-Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser?
-
-·Marie· (trinkt -- matt)
-
-Danke schön.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)
-
-
-Vierte Szene
-
- _Zarncke. Marie._ Später _Lenchen_
-
-·Zarncke·
-
-Miezelchen!
-
-·Marie·
-
-Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem
-Kopf und Glieder so schwer.
-
-·Zarncke·
-
-Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn.
-Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du
-sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende
-Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz
-lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?
-
-·Marie·
-
-Ach Gott!
-
-·Zarncke·
-
-Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen
-Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß
-man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum
-der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten
-gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn
-sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich
-hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel
-auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.
-
-·Marie· (freudig)
-
-Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem
-Leibe schreien ...
-
-·Zarncke·
-
-Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.
-
-·Marie· (betroffen)
-
-Wie meinst du das?
-
-·Zarncke·
-
-Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. --
-
-·Marie· (hinaushorchend, ruft)
-
-Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt
-herein, wie vorhin) Lenchen!
-
-·Die Stimme Lenchens· (jubelnd)
-
-Tante Mariechen!
-
-·Marie·
-
-Komm ans Fenster! Komm!
-
-·Zarncke·
-
-Tante nennt sie dich?
-
-·Marie·
-
-Soll sie nicht, Vaterchen?
-
-·Zarncke·
-
-Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.
-
-·Marie·
-
-Na, kletter hoch!
-
-·Lenchens·
-
- (Kopf erscheint in der Fensteröffnung)
-
-Tag, Tante Mariechen.
-
-·Marie·
-
-Klettre, Katz! Klettre!
-
-·Lenchen·
-
-Mußt helfen.
-
-·Zarncke·
-
- (da Marie eine Bewegung macht, rasch)
-
-Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt
-es auf den Boden)
-
-·Lenchen·
-
- (die Arme um Mariens Knie schlingend)
-
-Tante Mariechen! Tante Mariechen!
-
-·Marie· (sie herzend)
-
-Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?
-
-·Lenchen·
-
-Butterstulle.
-
-·Marie·
-
- (gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)
-
-·Lenchen·
-
- (setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt
- unbekümmert)
-
-·Marie·
-
-Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind!
-
-·Zarncke·
-
-Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?
-
-·Marie· (inbrünstig)
-
-Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!
-
-·Zarncke·
-
-Tja! Vielleicht gibt sie's dir!
-
-·Marie·
-
-So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und
-spricht leise zu ihr)
-
-·Zarncke·
-
-Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach
-Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)
-
-·Marie·
-
- (sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu
- schaffen)
-
-·Zarncke· (murmelnd)
-
-Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt
-die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher)
-Was kann man da machen? Was --
-
-·Marie· (bittend)
-
-Vater!
-
-·Zarncke·
-
-Was denn?
-
-·Marie·
-
-Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch
-auch dem Kinde!
-
-·Zarncke·
-
-Ja, leicht gesagt! ... Wie?
-
-·Marie·
-
-Rede mit Göttlingk wegen Lore.
-
-·Zarncke·
-
-Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.
-
-·Marie·
-
-Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg
-gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.
-
-·Zarncke·
-
-Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann
-mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den
-schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.
-
-·Marie·
-
-Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit
-dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.
-
-·Zarncke·
-
-Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor.
-
-·Marie·
-
-Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.
-
-·Zarncke·
-
-Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und
-dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm.
-
-·Marie· (erschrocken)
-
-Ich? ... Nein, nein, nein.
-
-·Zarncke·
-
-Warum nicht?
-
-·Marie·
-
-Vaterchen -- das -- kann ich nicht.
-
-·Zarncke·
-
-Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.
-
-
-Fünfte Szene
-
- _Die Vorigen. Eichholz_
-
- (Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, würdevoll-finster,
- mit militärischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weißes,
- buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock
- mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz)
-
-·Zarncke·
-
-Na Eichholz! Ausgeschlafen?
-
-·Lenchen· (ihm entgegen)
-
-Großvaterchen! Großvaterchen!
-
-·Eichholz· (will sie nicht sehen)
-
-·Marie·
-
-Pscht! Lenchen! Komm her! Großvater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu
-sticken. Das Kind spielt)
-
-·Eichholz·
-
-Nja.
-
-·Zarncke·
-
-Und so feierlich! Was is denn los?
-
-·Eichholz·
-
-Herr Zarncke -- ich möchte -- freundlichst -- um meine Entlassung
-gebeten haben.
-
-·Zarncke·
-
- (mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd)
-
-Sieh mal an!
-
-·Eichholz·
-
-Denn ich habe nämlich in Erfahrung gebracht -- daß die Steinmetzen
-behaupten -- _wollen_, daß ich gewissermaßen -- meines Amtes nicht mehr
-gewachsen bin.
-
-·Zarncke·
-
-So?
-
-·Eichholz·
-
-Denn im Punkte des Ehrgefühls, da laß ich mir nicht drankommen. Und
-wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, daß sie
-nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr
-tauglicher Mann ist --
-
-·Zarncke·
-
-Nu kohlt er wieder.
-
-·Eichholz·
-
-Und was ein königstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem
-Dienste lädiert, daß ich mir habe nämlich die Schulterblattmuskeln
-ausgefallen.
-
-·Zarncke·
-
-Ich weiß, ich weiß, ich weiß.
-
-·Eichholz·
-
-Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein
-Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch
-im Dienste geholt habe.
-
-·Zarncke·
-
-Ja -- so Nachts auf dem kalten Stein schl-- (sich rasch verbessernd)
-sitzen -- sitzen, das hält der Kräftigste nicht aus.
-
-·Eichholz·
-
-Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich -- Nachts? Nu sagen Sie bloß noch, Herr
-Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn,
-mir aufhängen.
-
-·Zarncke·
-
-Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fängste da an?
-
-·Eichholz·
-
-Wo ich doch schon Kummer genug hab' -- mit meine Tochter -- und hier
-mit -- diese -- diese -- Mestize.
-
-·Marie· (hebt erstaunt den Kopf)
-
-·Zarncke·
-
-Wieso Mestize?
-
-·Eichholz·
-
-Nu, was ein ungebührliches Kind is -- 's is ja schlimm, daß man das
-selber sagen muß, -- aber das is doch nich anders, das is doch eine
-Mestize.
-
-·Zarncke·
-
-Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen?
-
-·Eichholz·
-
-Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich
-wohl sehr gerne in de Indianerbiecher.
-
-·Zarncke·
-
-Nu hören Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wär's, wenn
-Sie sich mal 'n bißchen mehr Ruhe gönnten?
-
-·Eichholz·
-
-Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne.
-
-·Zarncke· (leise zu Marie)
-
-Kunststück! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz.
-
-·Eichholz·
-
-Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter
-Wächter is und 'n tauglicher Wächter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen,
-der hört den Maulwurf graben zur nächtlichen Stunde, sag' ich Ihnen.
-
-·Zarncke·
-
-Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehört -- hä?
-
-·Eichholz·
-
-Hähähähä! Da lach' ick äwwer.
-
-·Zarncke· (ernst)
-
-Heute nacht ist nämlich eingebrochen worden, Eichholz.
-
-·Eichholz· (gekränkt)
-
-Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens?
-
-·Zarncke· (ernst)
-
-Ich muß wohl, Eichholz.
-
-·Eichholz· (versteht, fassungslos)
-
-Ach so! (Sein Gesicht verändert sich)
-
-·Zarncke· (bittend)
-
-Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie
-sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen
-Bett.
-
-·Eichholz· (kläglich)
-
-Ich kann gar nich im Bett schlafen.
-
-·Zarncke·
-
-Dann werd' ich Ihnen einen schönen, harten Granitblock in Ihre
-Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ...
-
-·Eichholz· (brütend)
-
-Nja.
-
-·Zarncke·
-
-Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus
-... Können auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bißchen
-oder läuten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine.
-
-·Eichholz·
-
-Und gewöhn' mir das Saufen an.
-
-·Zarncke·
-
-Sie werden doch nich.
-
-·Eichholz·
-
-Herr Zarncke, ich bin ein Mann -- hochgeehrt -- ich hab' anno 70 immer
-mit am Offezierstisch gegessen.
-
-·Zarncke·
-
-Na, na.
-
-·Eichholz·
-
-Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab'
-noch nich mal 'n Stückschen Käse ins Schnapsglas getunkt.
-
-·Zarncke·
-
-Schmeckt ja auch gar nich.
-
-·Eichholz·
-
-Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so
-lausige Beschaffenheit versetzt wird, daß das Ehrgefühl im Menschen so
-sehr gekränkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe
-nichts mehr übrig hat wie 'n paar Lederabfälle und zehn steifgewordene
-Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ...
-
-·Zarncke·
-
-Sie sind ja ein ganz beißiges altes Vieh, hören Sie mal ...
-
-·Eichholz·
-
-Ich ... ich ... hab'... ich ... (Würgt)
-
-·Zarncke·
-
-Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Sähn.
-
-·Eichholz· (befehlshaberisch)
-
-Lenchen!
-
-·Marie· (ängstlich)
-
-Nein, nein, das Kind bleibt hier.
-
-·Eichholz·
-
-Ich und Lenchen -- wir gehn jetzt aus'm Haus.
-
-·Zarncke·
-
-Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts
-dagegen haben -- das heißt, Sie werden sich ja noch anders besinnen --
-
-·Eichholz·
-
-Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, daß irgend
-so ein hergelaufener Sch -- Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem
-weggejagten Alten da -- sein Nachfolger. Das -- nee -- nee -- nee!
-Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar
-reparierte Absätze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit'
-nich mehr für Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab)
-
-
-Sechste Szene
-
- _Zarncke. Marie. Lenchen. Später Lore_
-
-·Zarncke· (verzweifelt)
-
-Na -- nu is er rabiat. Nu geht er sausen. --
-
-·Marie·
-
-Du warst milde genug, Vaterchen.
-
-·Zarncke·
-
-Ja, wenn's Maschinen wären. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein
-Schicksal.
-
-·Marie·
-
-In sich, Vater.
-
-·Zarncke·
-
-Wenn das wahr wäre, dann wär' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal
-gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf
-an, von wo er bläst ... Na -- vielleicht kann man's an einem andern
-wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So
-einen hatten wir noch nicht.
-
-·Marie·
-
-Was hat er denn pekziert?
-
-·Zarncke·
-
-Frag nicht. Nachher drückt's dich.
-
-·Lores Stimme· (draußen rufend)
-
-Lenchen! Lenchen!
-
-·Lenchen· (aufhorchend)
-
-Das is Mama. Ich will zu Mama.
-
-·Marie·
-
- (das Fenster öffnend, durch das diesmal kein Geräusch
- hereindringt)
-
-Das Kind is bei mir drin, Lore.
-
-·Zarncke· (nach der Uhr sehend)
-
-Alles still? Is schon Frühstückspause?
-
-·Lores·
-
- (Kopf erscheint in der Fensteröffnung)
-
-Dank' schön, Fräulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt,
-sich vorbeugend) Na, hopp!
-
-·Zarncke·
-
-Du kannst mal 'reinkommen, Lore.
-
-·Lore·
-
-Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet)
-
-·Marie·
-
- (schließt das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will)
-
-·Zarncke·
-
-Und findet sich der Mann hier 'rein -- der Mann von diesem Brief --
-Biegler heißt er -- dann schick ihn nicht ins Komptor, dann laß mich
-lieber rufen. (Es klopft) Herein!
-
-·Lore· (erscheint in der Tür)
-
-·Zarncke·
-
-Du, Lore, ich muß dir was sagen: Vater is von heute ab --
-
-·Lore·
-
- (Mitte der Zwanzig. Hübsch, vollkräftig mit Spuren
- seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt,
- bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen müde, schwerfällig,
- jäh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte
- Sommerkleidung des Mädchens aus dem Volke, ein wenig über dem
- Habitus der Dienerin stehend)
-
-Ich weiß schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr.
-
-·Zarncke·
-
-Na, Gott sei Dank, daß ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'.
-
-·Lore·
-
-Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu küssen)
-
-·Zarncke·
-
-Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da -- (Beruhigt sie mit einer
-Handbewegung) Aber stell ihm die Kümmelflasche höher. Das rat' ich dir,
-Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab)
-
-·Lenchen· (die Arme hochhebend)
-
-Mama! Mama!
-
-·Lore·
-
- (ihr mit dem Schürzenzipfel den Mund putzend)
-
-Ich hab' immer Angst, daß ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt.
-
-·Marie·
-
-Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb.
-
-·Lore·
-
-Ja ... Die andern ja. -- Bloß der der nächste dazu is --
-
-·Marie·
-
-Er wird's nicht zeigen wollen.
-
-·Lore·
-
-Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt,
-da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben
--- na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so.
-
-·Marie·
-
-Das hängt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er
-sicherlich nicht. Sicherlich nicht.
-
-·Lore·
-
-Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. --
-
-·Marie·
-
-Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner.
-
-·Lore·
-
-Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du
-dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)
-
-·Marie· (sie streichelnd)
-
-Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon
-gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich
-dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind
-mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein
-Garnknäuel)
-
-·Lore·
-
-Ja, Lenchen, tu das.
-
-·Lenchen·
-
- (fängt beruhigt von neuem zu spielen an)
-
-·Marie·
-
-Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst
-du nicht ganz offen, daß er der Vater ist?
-
-·Lore· (verängstigt)
-
-Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.
-
-·Marie·
-
-Warum läßt es dir verbieten?
-
-·Lore·
-
-Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst
-du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm
-noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er
-dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von
-früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist
-sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir
-rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch
-ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine.
-Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich.
-
-·Marie·
-
-Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben?
-
-·Lore· (achselzuckend)
-
-Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.
-
-·Marie· (erschreckt, beklommen)
-
-Wen denn?
-
-·Lore·
-
-Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach,
-wer kann wissen?
-
-·Marie· (auf Lenchen weisend)
-
-Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt?
-
-·Lore·
-
-Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er
-will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner
-zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von
-den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ...
-
-·Marie· (träumerisch)
-
-Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend)
-Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.
-
-·Lore· (erschrocken)
-
-Mariechen!
-
-·Marie· (sich zusammenraffend)
-
-Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ...
-Und du jammerst.
-
-·Lore· (mit wehem Lächeln)
-
-Ich jammer' ja auch nich.
-
-·Marie·
-
-Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. -- Schande!
-Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist
-Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist
-es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und
-man selbst ist schon Ruine.
-
-·Lore·
-
-Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen.
-
-·Marie·
-
-Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich
-bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in
-dich. Daß du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in
-deinem Gram.
-
-·Lore· (lacht bitter)
-
-·Marie· (mit sich kämpfend)
-
-Du -- soll ich -- reden mit ihm?
-
-·Lore·
-
-Du -- mit ihm?
-
-·Marie· (nickt)
-
-·Lore· (ohne Hoffnung)
-
-Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ...
-Vielleicht, daß er _doch_ --
-
-·Marie· (stockend)
-
-Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum
-mehr -- den großen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann
-wird man's doch auch -- können. -- Na, freut's dich gar nicht?
-
-·Lore·
-
- (die Hand mutlos vor die Stirne legend)
-
-Ach! ... (Es klopft)
-
-·Marie·
-
-Herein!
-
-
-Siebente Szene
-
- _Die Vorigen. Jakob Biegler_
-
- (Jakob Biegler: Mitte der Dreißig, sehr dürftig, doch nicht
- schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach
- geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett,
- gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes
- Schuhwerk. Wäsche nirgends zu sehn. -- Gelbes, zermürbtes
- Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart.
- Auftreten gedrückt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit
- umschlagend)
-
-·Biegler·
-
-Guten Morgen.
-
-·Marie·
-
-Sie wünschen meinen Vater zu sprechen?
-
-·Biegler·
-
-Herrn Zarncke -- möcht' ich sprechen.
-
-·Marie·
-
-Heißen Sie Biegler?
-
-·Biegler· (betroffen)
-
-Ach so! -- Sie wissen schon. Na -- dann -- (Macht eine halbe Wendung
-zur Tür)
-
-·Lenchen·
-
- (ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor)
-
-Guten Tag!
-
-·Marie·
-
- (seinen Seelenzustand erkennend)
-
-Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann möcht'
-ich ihn rufen.
-
-·Biegler· (erleichtert)
-
-Ja, der bin ich.
-
-·Lenchen·
-
-Nu sag doch: Guten Tag.
-
-·Biegler·
-
- (sieht das Kind, ein leeres Lächeln geht über sein Gesicht. Er
- weiß nicht, was tun)
-
-·Lore· (sie leise zurückrufend)
-
-Lenchen!
-
-·Marie·
-
-Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, daß dies Kindchen Sie willkommen
-heißt.
-
-·Biegler·
-
- (sieht sie groß an, versteht nicht)
-
-Erst -- muß -- ich -- Herrn Zarncke -- sprechen.
-
-·Marie· (aufstehend)
-
-Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem
-was zu essen. Er hat's nötig.
-
-·Lore· (nickt)
-
-Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab)
-
-·Marie·
-
-Nehmen Sie so lange Platz, bitte.
-
-·Biegler·
-
-Ich kann auch stehen.
-
-·Marie· (ab)
-
-
-Achte Szene
-
- _Biegler._ Dann _Zarncke_
-
-·Biegler·
-
- (alleingeblieben, wagt sich nicht zu rühren, nur seine Augen
- wandern umher)
-
-·Zarncke·
-
- (mit Bieglers Papieren in der Hand)
-
-Guten Tag.
-
-·Biegler·
-
- (in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war)
-
-Melde Jakob Biegler.
-
-·Zarncke·
-
-Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefängnis. Der Verein zur
-Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen
-Sie unter seiner Fürsorge?
-
-·Biegler·
-
-Jawohl.
-
-·Zarncke·
-
-Wie lange sind Sie 'raus?
-
-·Biegler·
-
-Vier Monate zehn Tage.
-
-·Zarncke·
-
-Fünf Jahre haben Sie abgemacht?
-
-·Biegler·
-
-Jawohl.
-
-·Zarncke·
-
-Wegen was?
-
-·Biegler· (schweigt)
-
-·Zarncke·
-
-Na -- wegen was?
-
-·Biegler· (auf die Papiere weisend)
-
-Steht ja da drin.
-
-·Zarncke·
-
- (fixiert ihn, um sein Schamgefühl zu prüfen)
-
-Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig.
-
-·Biegler· (verbissen)
-
-Na, ich sprech's nich aus.
-
-·Zarncke·
-
-Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn.
-
-·Biegler·
-
-Wenn Sie wollen.
-
-·Zarncke·
-
- (geht zum Bücherschrank, schlägt ein Buch auf und liest)
-
-Hm. Schlimm. Schlimm.
-
-·Biegler·
-
-Schlimm. (Pause)
-
-·Zarncke·
-
-Na, wie is es denn gekommen?
-
-·Biegler·
-
-Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist.
-
-·Zarncke·
-
-Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg?
-
-·Biegler·
-
-Man war ja mit mir zufrieden.
-
-·Zarncke·
-
-Ersparnisse gemacht?
-
-·Biegler·
-
-Jawohl. Fünfundsechzig Mark fünfzig Pfennig.
-
-·Zarncke·
-
-Noch was da?
-
-·Biegler·
-
-Dann säh' ich nich so aus, Herr -- Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt?
-
-·Biegler·
-
-Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgänger, das
-zweite Mal als Kuhfutterer.
-
-·Zarncke·
-
-Na -- und?
-
-·Biegler· (schweigt)
-
-·Zarncke·
-
-Ausgerissen?
-
-·Biegler· (in erregter Verteidigung)
-
-Ich hielt nicht aus. Ich -- ich -- ich --
-
-·Zarncke·
-
-Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten.
-
-·Biegler·
-
-Ach, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen
-Sie gerade bei mir?
-
-·Biegler· (schweigt)
-
-·Zarncke·
-
-Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie?
-
-·Biegler·
-
- (zaudernd, nach innerem Kampfe)
-
-Steinmetz.
-
-·Zarncke·
-
-Ach so! -- _Darum_! Hier steht doch -- Arbeiter. (Sieht nach)
-
-·Biegler·
-
-Weil ich als Arbeiter gegangen bin.
-
-·Zarncke·
-
-Warum denn?
-
-·Biegler·
-
-Wer wird mich nehmen -- als Steinmetz?
-
-·Zarncke·
-
-Sie hätten doch probieren können!
-
-·Biegler·
-
-Probiert hab' ich genug.
-
-·Zarncke·
-
-Und überall abgewiesen?
-
-·Biegler·
-
-Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' später kam's 'raus. Da lag
-ich schon auf der Straße.
-
-·Zarncke·
-
-Warum sind Sie denn nicht schon früher zu mir gekommen?
-
-·Biegler· (schweigt)
-
-·Zarncke·
-
-Wußten Sie, daß ich Strafentlassene nehme?
-
-·Biegler·
-
-Ja, die Herren haben's mir gesagt.
-
-·Zarncke·
-
-Wollten Sie nich?
-
-·Biegler· (zögernd)
-
-Nein.
-
-·Zarncke·
-
-Warum nicht?
-
-·Biegler· (erregt)
-
-Nachher wird's doch nichts -- -- --
-
-·Zarncke·
-
-Und jetzt wollen Sie?
-
-·Biegler·
-
-Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. -- Wenn ich bloß
-'ne Arbeitsstelle hätte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner
-was fragt.
-
-·Zarncke·
-
-Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' -- Sie können
-auch als Steinmetz eintreten.
-
-·Biegler· (verängstigt)
-
-Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles
-... Bloß auf den Werkplatz will ich ... Bloß w--wenn ich den --
-Klippelschlag hören kann. Bloß von weitem.
-
-·Zarncke·
-
-Sie waren wohl ein _guter_ Steinmetz?
-
-·Biegler·
-
-Ach! (Zuckt die Achseln)
-
-·Zarncke· (voll wärmerer Anteilnahme)
-
-Hm. (Es klopft) Herein.
-
-
-Neunte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Lore_ (mit einem Teller, worauf Butterbrot)
-
-·Lore·
-
-Verzeihung, Herr Zarncke, Fräulein Mariechen hat befohlen.
-
-·Zarncke·
-
-Essen Sie.
-
-·Biegler·
-
- (gierig nach dem Teller sehend)
-
-Danke! Ich hab' -- keinen -- Hunger.
-
-·Lore· (leise, mitleidig)
-
-Essen Sie nur.
-
-·Biegler·
-
- (blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht
- Zarncke fragend an)
-
-·Zarncke·
-
-Ja, ja, Sie dürfen.
-
-·Biegler·
-
- (dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter)
-
-·Zarncke·
-
-Du, Lore, hol mal das Wasserglas.
-
-·Lore·
-
- (holt das Wasserglas vom Nähtisch)
-
-·Zarncke· (Rotwein eingießend)
-
-Bring ihm das. -- Übrigens: wie trägt's denn der Vater?
-
-·Lore·
-
-Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er
-den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist?
-
-·Zarncke·
-
- (mit einem Blick nach Biegler hin)
-
-Nachfolger hab' ich schon.
-
-·Lore· (dem Blick folgend)
-
-Ach so.
-
-·Zarncke·
-
-Gefällt er dir?
-
-·Lore·
-
-Ach, is 'n armer Mensch!
-
-·Zarncke·
-
-Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast.
-
-·Lore·
-
-Nein, nein. (Stellt das Glas neben Biegler, ab)
-
-
-Zehnte Szene
-
- _Biegler._ _Zarncke_
-
-·Biegler·
-
- (würgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in
- Positur)
-
-·Zarncke·
-
-Sie dürfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken.
-
-·Biegler·
-
-Ja. (Äugt zweifelnd nach dem Glase)
-
-·Zarncke·
-
-Haben Sie keinen Durst?
-
-·Biegler·
-
-Erst geben Sie mir -- Wein zu trinken, und dann nehmen Sie mich _doch_
-nich. Hä.
-
-·Zarncke·
-
-Erst trinken Sie mal.
-
-·Biegler·
-
- (dreht sich der Wand zu und trinkt zögernd, verstohlen)
-
-·Zarncke·
-
-Auf den Steinmetzplatz _wollen_ Sie. Aber gewissermaßen im verborgenen.
-So daß keiner was erfährt, daß Sie keinem Rede zu stehen brauchen -- hä?
-
-·Biegler·
-
-So was Schönes gibt's ja nich.
-
-·Zarncke·
-
-Vielleicht _doch_. Wollen Sie Wächter werden bei mir auf'm Platz?
-
-·Biegler·
-
- (in staunendem Nicht-glauben-wollen)
-
-Herr Zarncke!
-
-·Zarncke·
-
-Na?
-
-·Biegler·
-
-Das is doch 'n Vertrauensposten.
-
-·Zarncke·
-
-Ja, das is es.
-
-·Biegler·
-
-Da müssen manche sogar Kaution stellen.
-
-·Zarncke· (bejahend)
-
-Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, können Sie unter den
-Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na?
-
-·Biegler·
-
-Wird ja nicht lange dauern --
-
-·Zarncke·
-
-Das wird ganz von Ihnen abhängen.
-
-·Biegler·
-
-Dann kommen die Schutzleute -- und recherchieren ... Und dann is aus.
-
-·Zarncke·
-
-Sie wissen doch, daß solange der Verein die Fürsorge für Sie übernimmt,
-die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht.
-
-·Biegler· (fatalistisch)
-
-Die Schutzleute -- kommen doch.
-
-·Zarncke·
-
-Zu mir nicht ...
-
-·Biegler·
-
-Die Schutzleute kommen doch.
-
-·Zarncke·
-
-So hören Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das
-hab' ich mir ein für allemal verbeten. Und daß die Herren vom Verein,
-wenn _die_ kommen, Sie nicht verraten werden, das können Sie sich doch
-denken. ... Na?
-
-·Biegler·
-
-Das wär' ja ein solches Glück, wie man sich gar nich -- (Es klopft)
-
-·Zarncke·
-
- (geht zur Tür und öffnet sie)
-
-
-Elfte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Jenisch_
-
-·Zarncke· (ihm den Eintritt versperrend)
-
-Was gibt's?
-
-·Jenisch· (vom Hausflur her)
-
-Verzeihung, Herr Zarncke -- die Polizei is da -- wegen --
-
-·Biegler·
-
- (zuckt heftig in die Höhe und macht eine unwillkürliche
- Bewegung, als wolle er sich verstecken)
-
-·Zarncke·
-
-Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich. (Schlägt die Türe zu)
-
-
-Zwölfte Szene
-
- _Biegler._ _Zarncke_
-
-·Zarncke·
-
-Na ruhig, ruhig, ruhig!
-
-·Biegler· (sich wild umschauend)
-
-Die Schutzleute kommen überall -- die --
-
-·Zarncke·
-
-Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie.
-Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwächter werden. Verstanden?
-
-·Biegler· (würgend)
-
-Herr Zarncke -- ich muß -- ich -- dank' Ihnen auch schön fürs Glas Wein
-... ich ... kann nich in Dienst ... ich muß -- wieder weg.
-
-·Zarncke· (schüttelt den Kopf)
-
-Ja, zwingen kann ich Sie nich ... (Nach einem Schweigen) Haben Sie denn
-andere Arbeit in Aussicht?
-
-·Biegler· (verneint)
-
-·Zarncke·
-
-Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ...
-Unbarmherzig ... Wissen Sie das?
-
-·Biegler· (bejaht)
-
-·Zarncke·
-
-Na und dann?
-
-·Biegler· (zuckt die Achseln)
-
-·Zarncke·
-
-Schließlich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen -- und was
-dann?
-
-·Biegler· (zuckt die Achseln)
-
-·Zarncke·
-
- (plötzlich seinen Ton ändernd)
-
-Nu komm mal her, min Sähn. Komm, komm, komm, komm. (Zieht ihn nach
-vorne) Bienchen hast du doch keine?
-
-·Biegler· (schüttelt den Kopf)
-
-·Zarncke·
-
-Na dann setz dir mal. (Zieht ihn in einen Stuhl) Du bist nu man büschen
-verbiestert, min Sähn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar
-nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu laß man schon büschen sorgen für
-dich. (Strenge) Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n
-Anzug von mir ...
-
-·Biegler·
-
- (an sich niedersehend, freudig)
-
-Ja, ja, ja, ja.
-
-·Zarncke·
-
-Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an!
-
-·Biegler· (eifrig, voll Ehrgefühl)
-
-Jawohl -- hab' ich. (Reißt, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste
-auf) Da! (Beschämt) Bloß -- Kragen hab' ich nich.
-
-·Zarncke·
-
-Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is
-noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die
-Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklär' ich dir. Wohnen
-tust du drüben im Sägewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der
-Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste?
-
-·Biegler· (wie vorhin)
-
-Ja, ja, ja, ja.
-
-·Zarncke·
-
-Und nun kümmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen
-wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. Hä?
-
-·Biegler· (nickt willenlos)
-
-·Zarncke·
-
-Na also.
-
- (_Der Vorhang fällt_)
-
-
-
-
-Zweiter Akt
-
- Der Werkplatz. Links das _Wohnhaus_ mit vorspringender
- _Veranda_ und einem Balkon darüber, zu dem aus dem oberen
- Stockwerk eine Glastür führt. Zu ebener Erde ein Fenster.
- Rechts die _Kantine_ mit einer Tür in der Seitenwand und
- einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine
- Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, das
- _Magazin_, mit einer Tür und einer daneben angebrachten Glocke.
- -- Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener,
- von Holzpfeilern getragener _Schuppen_, der sich mit seiner
- Hinterwand an die senkrechte Erhöhung lehnt, welche den
- hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte
- des Hintergrundes eine schmale Treppe emporführt. Links von
- der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblöcke, welche die
- Höhe des hinteren Teiles übersteigen. Über einem der Stapel ein
- _Kran_. Eine schmale _Feldbahn_ zum Transport der Blöcke führt
- an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorüber quer über
- die Bühne. Blöcke liegen überall verstreut. An den Wänden des
- Schuppens und der Häuser stehen und hängen, wo nur ein Platz
- sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstücke. Die
- Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich
- über ihr Dach. Das Kantinenfenster schmücken Blumentöpfe. Den
- _Prospekt_ bildet eine großstädtische Häuserreihe, die jenseits
- der am Werkplatz entlangführenden Straße gedacht ist. Ein
- Kirchturm ragt aus der Ferne herüber
-
-
-Erste Szene
-
- (Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein überaus reiches
- Arbeitsleben. Vor den Blöcken arbeiten _Steinmetzen_ oder
- _Bildhauer_, die ersteren mit blauer Schürze, die letzteren mit
- langem, weißgrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmütze
- bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren
- Blöcke vorüber. Hilfeleistende _Arbeiter_ in beliebigem
- Werktagsanzug. Mittagsstimmung)
-
- Vorne rechts _Göttlingk_ in Steinmetzentracht vor einem Blocke
- -- ein Gipsmodell daneben. Der Polier _Willig_ an einem anderen
- Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu
- schaffen machen, _Lohmann_, _Sprengel_, _Struve_
-
-·Göttlingk·
-
- (stämmig, mittelgroß, Stiernacken, blonder, schön geringelter
- Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn
- heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, großsprecherisch,
- übermütig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meißel und
- Klippel und singt dazu)
-
-Na -- nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr
-Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir
-den Block in den Schuppen schaffen? -- Lohmann, Sprengel, ihr andern,
-immer 'ran!
-
-·Willig·
-
-Du, Göttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir.
-
-·Göttlingk·
-
-Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn.
-
-·Willig·
-
-Und du hast denen nischt zu befehlen.
-
-·Göttlingk·
-
-Wenn sie so dumm sind und gehorchen. (Lohmann, Sprengel und ein dritter
-Arbeiter sind nach vorn gekommen) Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man
-so an der Strippe wie ich. (Befehlshaberisch) Also nu los!
-
-·Lohmann·
-
-Warten Sie man bißchen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu
-verlieren. (Stemmt ein Brecheisen ein)
-
-·Göttlingk·
-
-Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoßen.
-
-·Sprengel·
-
-Ohne Brecheisen geht's nich.
-
-·Göttlingk·
-
-So? Hä! Wenn ihr man stramme Kerls wärt, ihr Volk ... (Faßt mit an)
-~Uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt weiter) Na, geht's oder nich?
-
-·Lohmann·
-
-Ja, wenn Sie so scheen ausländsch kommandieren! Sagst du zum Hund
-»kusch«, dann kuscht er. Bloß weil er's Franzesch so gern hat.
-
-·Göttlingk·
-
-Noch mal: ~uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt wieder) Ja,
-ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die
-Hauptsache.
-
-·Lohmann·
-
-Und 's Messer im Sack nich zu vergessen.
-
-·Göttlingk·
-
-Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn. (Zieht ein
-Dolchmesser aus einer Lederhülse, die er am Leibgurt unter dem Kittel
-befestigt hat) Das is dreikantig geschliffen. Das schlupft (schnalzt,
-das Messer vorstoßend, mit den Lippen) wie 'n Küßchen ... Tut gar nich
-weh. Will einer probieren?
-
-·Willig·
-
- (der mißbilligend zugehört hat)
-
-Du -- Göttlingk!
-
-·Göttlingk· (zu ihm herübertretend)
-
-Hä?
-
-·Lohmann· (hinter ihm her, ingrimmig)
-
-So 'n Paradehengst! (Die andern lachen)
-
-·Willig·
-
-Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. Laß sie ihre Arbeit
-verrichten. Und damit gut!
-
-·Göttlingk· (großspurig)
-
-Pöh! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur.
-
-·Willig·
-
-Mußte immer Bewunderer haben?
-
-·Göttlingk·
-
- (wendet sich lachend zum Stein zurück und kommandiert weiter)
-
-
-Zweite Szene
-
- _Die Vorigen._ _Zarncke_ (ist aus der Veranda getreten)
-
-·Zarncke·
-
-Polier!
-
-·Willig· (respektvoll)
-
-Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Is was zu melden?
-
-·Willig·
-
-Nein, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Was tut der Kran da?
-
-·Willig·
-
-Er holt die Quadern fürs Sägewerk.
-
-·Zarncke·
-
-Bis morgen abend muß auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe
-'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann.
-
-·Willig·
-
-Sehr wohl, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Wie is die Verteilung heute?
-
-·Willig·
-
-Elf Steinmetzen auf'm Platz, fünfzehn draußen auf'm Bau, vier Bildhauer
-auf'm Platz, sechs auf'm Bau.
-
-·Zarncke·
-
-Wo is der Göttlingk heute?
-
-·Willig·
-
-Da is er ja.
-
-·Göttlingk·
-
- (den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten
- bedeckte Seite jetzt oben liegt)
-
-Donnerschock! ~Per Bacco!~ Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen!
-Du, Polier, komm mal her.
-
-·Zarncke·
-
-Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Göttlingk?
-
-·Göttlingk·
-
- (lüftet einigermaßen verlegen die Mütze)
-
-Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie
-ich den Block drehen lass', da seh' ich, daß von gestern auf heute eine
-fremde Hand daran 'rumgemurkst hat.
-
-·Zarncke·
-
- (stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf)
-
-Ach, Sie werden sich täuschen. (Tritt hinzu)
-
-·Göttlingk·
-
-Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend
-immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte!
-
-·Zarncke· (den Stein betrachtend)
-
-Von dem Blaustrich an?
-
-·Göttlingk·
-
-Jawohl.
-
-·Zarncke· (nachdenklich, lächelnd)
-
-Hm. So! -- Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn
-sich die Heinzelmännchen extra für Sie bemühen, Göttlingk!
-
-·Göttlingk·
-
-Wenn ich das Heinzelmännchen treff', dann gibt's eins zwischen
-de Rippen ... Was is das für'n Nachtwächter, der Kerl, der jetzt
-Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das
-ist schlimmer wie Einbruch.
-
-·Zarncke· (der abzulenken sucht)
-
-Was hat denn der Nachtwächter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man
-nich arbeiten.
-
-·Willig·
-
-Verzeihung, Herr Zarncke. Um fünfe, da is es schon lang hell.
-
-·Zarncke· (beruhigend)
-
-Ich werd' den Mann hernach mal fragen.
-
-·Göttlingk· (murmelnd)
-
-Das besorg' ich schon selber.
-
-·Zarncke·
-
- (mit Willig nach vorne kommend)
-
-Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwächter im übrigen auf'm
-Platz?
-
-·Willig·
-
-Der Mann ist fügsam und ordentlich und kann sich an Fleiß nicht genug
-tun. Aber -- schwach, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Tja!
-
-·Willig·
-
-Und dann -- 'n bißchen sonderbar.
-
-·Zarncke·
-
-Inwiefern? (Ringsum ertönen Mittagssignale)
-
-·Willig·
-
-Er hält sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon
-zu verulken an.
-
-·Zarncke·
-
-Dulden Sie das nich, Willig!
-
-·Willig·
-
-Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Warum läutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz!
-
-·Willig· (zur Kantinentür laufend)
-
-Eichholz!
-
-
-Dritte Szene
-
- _Die Vorigen_. _Eichholz_
-
-·Eichholz· (angeheitert)
-
-Haben bloß zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da -- ja!
-(Läutet die Glocke, die am Magazin hängt)
-
-·Zarncke· (sieht kopfschüttelnd zu)
-
-·Willig·
-
-Er is jetzt immer im halben Dusel.
-
-·Eichholz· (sich umschauend)
-
-Na -- schläft der -- faule Hund -- noch?
-
-·Zarncke·
-
-Möchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschließen?
-
-·Eichholz· (brummend nach links)
-
-·Willig·
-
-Nu geht er noch in die Destille!
-
-·Zarncke·
-
-Is das ein Elend!
-
-
-Vierte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Mehrere Frauen._ Später _Lore_
-
- (Sämtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne
- gehen zu den Wasserleitungshähnen, die im Schuppen angebracht
- sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und
- Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von
- links mit Eßkörben und begrüßen ihre Männer. Einzelne haben
- auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den
- Eßkorb gruppieren)
-
-·Zarncke·
-
- (begrüßt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wünscht den
- Frauen »Guten Tag« und spricht einige Worte zu den Männern)
-
-·Lore·
-
- (erscheint in der Tür der Kantine und geht zu verschiedenen der
- Bildhauer und Steinmetzen)
-
-Bitte zu Mittag. -- Bitte zu Tisch. -- Zu Tisch möcht' ich bitten.
-(Lauter) Wem kann ich Bier 'rausschicken?
-
-·Einzelne Stimmen·
-
-Hier. Ich. -- Mir eins.
-
-·Lore· (zählt die Stimmen)
-
-·Göttlingk·
-
- (betrachtet murrend seinen Block)
-
-·Lore·
-
- (an ihn herantretend, leise zaghaft)
-
-Kommst nich auch, Eduard?
-
-·Göttlingk· (sich umschauend, unwirsch) Hab' ich dir nicht gesagt, du
-sollst mich nich »du« nennen auf'm Platz?
-
-·Lore· Verzeih! Ich hab' vergessen. (Zur Kantine ab)
-
- (Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine,
- darunter Göttlingk)
-
-·Zarncke·
-
-Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. Übrigens hören Sie mal: Mit dem Struve
-steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen.
-
-·Willig· (achselzuckend)
-
-Ja.
-
-·Zarncke·
-
-Ach, schicken Sie ihn mir mal, -- ja?
-
-·Willig· (rufend)
-
-Struve!
-
- (Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt
- gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist
- nach vorne, dann geht er in die Kantine ab)
-
-
-Fünfte Szene
-
- _Die Vorigen_ ohne _Willig_. _Struve_ (nach vorne
- kommend)
-
-·Struve·
-
- (Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt.
- Bartstoppeln. Verschmitzte Äuglein. Ein Zug drolliger Heuchelei
- um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch
- und Holzpantinen. Trägt einen Deckelnapf in der einen, eine
- faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand.
- Bei dem Versuch, die Mütze abzunehmen, fällt ihm das Butterbrot
- auf die Erde)
-
-·Zarncke·
-
-Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen.
-
-·Struve·
-
- (das Butterbrot an den Hosen abwischend)
-
-Das macht nichts, Herr Zarncke. »Mit ne Ladung Sand -- schmeckt selbst
-'n alter Strohsack pikant,« sagten wir immer uf de hohe Schule.
-
-·Zarncke·
-
-Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule.
-
-·Struve·
-
-Ja, Herr Zarncke, was kann man machen?
-
-·Zarncke·
-
-Mensch, wenn's mir nich so leid täte um Sie --
-
-·Struve·
-
-Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid
-getan. Aber nu is schon egal.
-
-·Zarncke· (leise)
-
-Na, sind Sie's nu gewesen oder nich?
-
-·Struve·
-
-Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand
-nehm' --
-
-·Zarncke· (lachend)
-
-So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht
-weiter?
-
-·Struve·
-
-Ja, die Polente schnüffelt ja alle Tage hier 'rum.
-
-·Zarncke·
-
-Sagen Sie mal, können Sie nu wirklich keinen Zeugen dafür beibringen,
-wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind?
-
-·Struve·
-
-Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke?
-
-·Zarncke·
-
-Jawohl.
-
-·Struve·
-
-Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is -- der kost't nich
-unter fünfzig Mark. Wo soll ich fünfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke?
-
-·Zarncke· (lachend)
-
-So?
-
-·Struve·
-
-So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschütt jejangen sind, die
-tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte
-hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen.
-
-·Zarncke·
-
-Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen?
-
-·Struve·
-
-»Der Gerechte muß viel leiden,« so steht in de Psalmen geschrieben.
-
-·Zarncke·
-
-Hören Se auf mit Ihre dämliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner
-... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus?
-
-·Struve·
-
-Hätten gar nicht anzeigen müssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr
-Zarncke.
-
-·Zarncke· (lacht)
-
-·Marie· (das Fenster öffnend)
-
-Vaterchen, kommst nich zu Tisch?
-
-·Zarncke·
-
-Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fällt
-mir noch was ein.
-
-·Struve·
-
-Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre. (Ab)
-
-·Struve·
-
-Danke, Herr Zarncke. (Die Zigarre einsteckend) Ja, ja. Sie rüsten sich
-wider die Seele des Gerechten und -- (sieht, daß Zarncke inzwischen
-weggegangen ist) Ach so! (Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt
-an seinem Butterbrot und fängt an zu essen)
-
-
-Sechste Szene
-
- _Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_,
- die essend auf dem Block hinter ihm sitzen
-
-·Lohmann·
-
-Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern
-lassen, Struve, ehe sie dich inlochen?
-
-·Struve· (achselzuckend)
-
-Ja.
-
-·Lohmann·
-
-Nachher gibt's zu Mittag wieder »Rumfutsch« und »blauen Heinerich«. Ei
-weh.
-
-·Struve·
-
-Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich.
-
-·Sprengel·
-
-Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus.
-
-·Struve·
-
-Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind bloß _feine_ Leute
-drin. Ja.
-
-·Die Anderen· (lachen)
-
-·Lohmann·
-
-Drum heißt es auch die hohe Schule.
-
-·Struve·
-
-Jawoll. Da lernt man was. Hast du überhaupt 'ne Kleiderbürschte? Die
-hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persönlicher
-Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbürschte? Aber ich -- siehste! ...
-Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen
-dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n
-Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja.
-
-·Die Anderen· (lachen)
-
-·Struve·
-
-Überhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind
-wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch über dir kommen erst die
-Steinmetzen ... und da hoch drüber die Bildhauer. Und denn _noch_ höher
-der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in
-de erschte Klasse gearbeit't ... Weiße Binde hab' ich tragen dürfen.
-Tischältster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n
-Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ...
-Karri--ere kannste machen. Ja.
-
-·Lohmann· (singt spottend)
-
- Liebes Kind, nu weine nich,
- Mittags jibt's den blauen Heinerich;
- Stehst du mit dem Schien auf du und du,
- Kriegste auch 'n halben Hering zu.
-
-·Struve·
-
-Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur
-Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel
-Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ...
-Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling,
-da müßt ihr in de Anstaltsküche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ...
-Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So
-viel scheener ist da alles. Ja.
-
-·Lohmann·
-
-Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin?
-
-·Sprengel·
-
-Da hast _du_ doch freien Angtree.
-
-·Struve·
-
-Kindersch, ick werd' euch mal was erzählen: Dicht an de große
-Außenmauer in Waldheim -- da steht nämlich 'ne alte Linde ... Und
-von de Fisintation aus, was nämlich der Arbeitssaal is, da siehste
-'n janzes kleines Stückschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo
-du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) bloß
-nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie
--- wenn du da -- und du huppst in die Höh', dann siehst wieder 'n
-andern Stückschen -- so sechzig bis achtzig Blätter, wodran du immer
-jenau wissen kannst, was für Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer
-und ewig der Deibel geplagt, daß wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum
-sehen wollten, denn der soll nämlich der scheenste Lindenbaum sein,
-wo's auf de Welt überhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher
-stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo
-einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor
-aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner
-oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze
-Freiheit.
-
-·Lohmann·
-
-Nu -- wenn du das nu schon weißt? --
-
-·Struve·
-
-Was hilft da viel -- wissen. Der Mensch is 'n dämliches Vieh. Wie ich
-'s zweite Mal drinsaß, da war der olle, dämliche Lindenbaum noch viel
-scheener geworden.
-
-·Die Anderen· (lachen)
-
-·Sprengel·
-
-Ja, wenn's so is.
-
-·Struve·
-
-Überhaupt -- ihr Schafsköppe mit eure sogenannte Freiheit! --
-Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf
-ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene
-Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal
-geradaus -- jeder Mensch will mal geradaus -- und als dir kommt nu
-'ne verschlossene Tür in de Quere -- und du willst _doch_ geradaus,
-dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heißt nu Freiheit. Kindersch,
-ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung muß der Mensch haben. Seine
-Ordnung hat der Mensch bloß allein im Zuchthaus.
-
-·Die Anderen· (lachen)
-
-·Struve·
-
-Mir hat überhaupt bloß _eins_ gefehlt. Dann wär' ich auch janz komplett
-jlücklich gewesen.
-
-·Sprengel·
-
-Das war wohl eene Braut?
-
-·Struve·
-
-Ne.
-
-·Lohmann·
-
-_Zwei_ Brauten?
-
-·Struve·
-
-Ne.
-
-·Lohmann·
-
-Na was denn sonst?
-
-·Struve· (träumerisch)
-
-Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ich _den_ noch hätt' gehabt -- --
-
-
-Siebente Szene
-
- _Die Vorigen._ _Biegler_ (von rechts)
-
-·Biegler·
-
- (in anständiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt,
- sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und
- unumgänglich, voll immer neu aufflackernden Mißtrauens. Er
- setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster)
-
-·Lohmann·
-
-Kiekt mal den da! ... Was _is_ das eigentlich für 'ne Sorte? Reden
-_tut_ er nich, »guten Tag« _sagt_ er nich.
-
-·Biegler·
-
- (gewahrend, daß man sich mit ihm beschäftigt, unfreundlich,
- dumpf)
-
-Guten Tag.
-
-·Struve·
-
-Na sagt ja.
-
-·Lohmann·
-
-War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen
-der Herr Dunkelmann 'n bißchen de Sonne revindieren?
-
-·Sprengel·
-
-Mensch, nu red doch was!
-
-·Biegler·
-
-Was soll ich reden?
-
-·Sprengel·
-
-Mach doch 'n Witz.
-
-·Biegler·
-
-Ich weiß keinen Witz.
-
-·Lohmann·
-
-Der Kerl is trocken wie Galgenholz.
-
-·Struve·
-
-Nu sag bloß, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht über?
-Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de
-Meechens, wo auf de Straße vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend
-was muß der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht über!
-
-·Biegler·
-
-Ach, ich hab' immer zu tun.
-
-·Lohmann·
-
-Tranig is das Luder.
-
-·Sprengel·
-
-Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag?
-
-·Biegler·
-
-Jetzt essen doch die -- Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen.
-
-·Lohmann·
-
-Nu dann komm doch mal her so lang ... Na -- los!
-
-·Biegler· (erhebt sich zögernd)
-
-Was soll ich bei euch?
-
-·Sprengel·
-
-Trink mal aus meine Buddel. Prost.
-
-·Biegler·
-
-Danke. Ich trinke keinen Schnaps.
-
-·Lohmann·
-
-Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie?
-
-·Biegler·
-
-Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir?
-
-·Sprengel·
-
-Nu huck dir doch mal erst dal. (Zieht ihn auf den Block nieder)
-
-·Lohmann· (weiterrückend)
-
-Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze.
-
- (Lachen)
-
-·Biegler·
-
-Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir?
-
-·Lohmann·
-
-Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir bloß so an dir ran.
-
-·Struve·
-
-Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwächter
-wurdst?
-
-·Biegler· (erschreckend)
-
-Ich? -- Ich bin Arbeiter.
-
-·Lohmann·
-
-Kirschenpflücker vor de Wintermonate -- hä?
-
-·Struve·
-
-Du kommst mir nämlich so bekannt vor, weißte.
-
-·Biegler· (angstvoll)
-
-Ich -- dir? Nee -- daß ich nich --
-
-·Struve·
-
-Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in
-Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer »de blamierten
-Förschten«. -- Du, wo liegt denn dein Förschtentum?
-
-·Lohmann·
-
-Markgraf von Brandenburg, Fürstbischof von Moabit, Edler Herr von und
-zu Sonnenburg.
-
-·Biegler· (zuckt zusammen)
-
-·Lohmann·
-
-Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm.
-
-·Sprengel·
-
-Laß ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is bloß verschüchtert.
-
-·Lohmann· (gutmütig)
-
-Ich mach' ja auch bloß 'n Witz.
-
-·Struve·
-
-Da -- willste 'ne Zijarre?
-
-·Biegler· (verblüfft)
-
-Wieso -- gibst -- du mir --?
-
-·Struve·
-
-Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken.
-
-·Biegler·
-
- (noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich)
-
-Na, denn dank' schön ... Ich werd' mir denn auch später --
-revanschieren.
-
-·Lohmann·
-
- (ihn auf die Schulter klopfend)
-
-Na, meinen wir's denn nu so beese?
-
-·Biegler· (mit glücklichem Gesicht)
-
-Nee! Wahrhaftigen Gott nich!
-
-·Lohmann·
-
-Na siehste! (Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird) Aber vor
-dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien.
-
-
-Achte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Eichholz_
-
-·Eichholz· (vollends angetrunken)
-
-Ich bin ein Mann -- hochgeehrt, -- ich brauch' nich -- Kartoffelsuppe
-aus'n Steinguttopp -- fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die
-hochgeehrte Gesellschaft! (Biegler bemerkend) Was? -- Was will der
-Hund? Der schmalbauchige Hund? M -- M -- Mantel hat er ihm geschenkt
--- mit blanke Knöppe -- wie 'n Offezier! Was is der Kerl überhaupt? Wo
-kommt der verhungerte Kerl her?
-
-·Lohmann·
-
-Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut.
-
-·Eichholz·
-
-Pflicht tut? Hähähä! Der is bloß zum Rausfuttern hier. Der is hier
-auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke
-Knöppe gekriegt? Kerl, durch was für Pfiffe und Kniffe bist du auf den
-Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund!
-
-·Biegler·
-
-Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun.
-
-·Eichholz·
-
-Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n
-Porzellanteller. Du wirst noch mal -- platzen -- wie 'n Bovist. Und
-dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab'
-'ne Faust wie 'ne Ramme! (Dringt auf ihn ein)
-
-·Biegler· (stößt ihn fort)
-
-·Eichholz· (zurücktaumelnd)
-
-Was -- hauen -- tust du mir alten Mann?
-
-
-Neunte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Göttlingk_ und _andere Bildhauer_ und
- _Steinmetzen_
-
-·Göttlingk·
-
-Was is hier los?
-
-·Eichholz· (keuchend)
-
-H--h--hauen -- m--m--ir--!
-
-·Göttlingk·
-
-Wer hat den alten Mann gehauen?
-
-·Struve·
-
-Is ja alles Blech!
-
-·Göttlingk·
-
-Werd' ich nu bald Antwort kriegen?
-
-·Lohmann· (kleinlaut)
-
-Hier hat überhaupt keiner gehauen.
-
-·Eichholz· (mit erhobener Faust)
-
-Der Hund! -- der verhungerte -- (Einige der Umstehenden führen ihn nach
-hinten)
-
-·Göttlingk·
-
-Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na?
-
-·Biegler·
-
-Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an.
-
-·Göttlingk·
-
-Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins -- zwei -- (pfeift)
-
-·Struve· (leise)
-
-Da geh man schon. -- Jegen den Großschnauz kommste nich auf.
-
-·Lohmann· (leise)
-
-Der sticht mit's dreikant'ge Messer.
-
-·Göttlingk·
-
-Wenn ich »drei« sag' --
-
-·Biegler· (blaß, schwer atmend)
-
-Sie können -- ja auch zu mir kommen.
-
-·Göttlingk· (pfeifend)
-
-Ich warte.
-
-·Biegler· (in Erregung, zitternd)
-
-Da lassen -- sich man -- die Zeit -- nich lang werden.
-
-·Die Anderen· (lachen)
-
-·Göttlingk· (in Wut)
-
-Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch
-stoppen, Kerls? (Das Lederfutteral nach vorne ziehend) Soll ich euch
-mal die Hühneraugen barbieren? (Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor
-Biegler gestellt haben) Aus dem Weg hier!
-
-·Lohmann· (sich umschauend)
-
-Wo is denn der Polier?
-
-·Göttlingk·
-
-Jetzt bin ich hier der Polier. (Wild) Aus dem Weg hier -- oder --
-
-·Biegler· (vortretend)
-
-Laßt man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. --
-
-·Göttlingk· (befriedigt)
-
-Na, da hätten wir ja das Gewächse. (Setzt sich, raucht) Immer parieren,
-Kinderchen.
-
-·Biegler·
-
-Also ich wär' ja nu da.
-
-·Göttlingk·
-
-Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal
-auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hühnchen zu pflücken,
-wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwächter?
-
-·Biegler·
-
-Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch.
-
-·Göttlingk· (auflachend)
-
-Und Nachtwächter auch?
-
-·Biegler·
-
-Ja.
-
-·Göttlingk·
-
-Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na -- soll ich Sie bei den
-Ohren nehmen?
-
-·Biegler· (stammelnd)
-
-Was -- is -- denn -- mit dem Block?
-
-·Göttlingk·
-
-Sie sind verantwortlich für das, was hier über Nacht geschieht. Ich
-frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst?
-
-·Biegler· (sehr bestürzt)
-
-Das --
-
-·Göttlingk·
-
-Na?
-
-·Biegler·
-
-Das -- weiß ich -- doch -- nich.
-
-·Göttlingk·
-
-Seht euch mal das böse Gewissen an.
-
-·Struve· (leise)
-
-Nu sei doch frech! Schmeiß ihm doch Staub ins Gesichte.
-
-
-Zehnte Szene
-
- _Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie_
-
-·Frau Homeyer·
-
- (geht quer über den Platz zu der Gruppe hin)
-
-·Göttlingk·
-
- (sich rasch vom Wüterich in den Schwerenöter verwandelnd)
-
-Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu,
-mein süßes, strammes Frau Homeyerchen, mein --
-
-·Frau Homeyer· (ihn abwehrend)
-
-Man wird schließlich nich mal mehr unbelästigt auf den Platz kommen
-können.
-
-·Göttlingk·
-
-Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen
-doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt.
-
-·Göttlingk·
-
-Aber gelächelt haben Sie dazu -- so sieß! (Schmachtend) Ach, wie so
-sieß!
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ach, Sie sollten sich was schämen. Dort vor der Tür steht das Fräulein.
-Das will Sie sprechen.
-
-·Göttlingk·
-
-Das Fräulein -- mich? -- Mich -- das --? So! Na! Sie, Nachtwächter, Sie
-können abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? --
-
-·Lohmann· (leise)
-
-Hab man keine Bange vor dem!
-
-·Struve· (leise)
-
-Und wenn du für irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwör' alles ...
-Unbesehn.
-
-·Biegler·
-
-Ich dank' euch schön.
-
-·Göttlingk·
-
- (dreht eitel seinen Schnurrbart)
-
-Na, bin ich nu nobel genug fürs Fräulein? (Geht nach vorne links)
-
-·Frau Homeyer·
-
- (schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfaßt
- sie von hinten, sie schlägt nach ihm, die andern lachen, sie
- geht nach links)
-
-·Biegler· (nach der Kantine ab)
-
-
-Elfte Szene
-
- _Marie. Göttlingk._ Die anderen im Hintergrund
-
-·Marie·
-
- (ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie
- um sich Mut zu machen, mit der Hand übers Gesicht)
-
-·Göttlingk·
-
- (linkisch, mit durchbrechender Frechheit)
-
-Mahlzeit, Fräulein.
-
-·Marie· (tonlos)
-
-Gesegnete Mahlzeit!
-
-·Göttlingk·
-
-Möchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Fräulein dienen
-kann?
-
-·Marie·
-
-Herr Göttlingk, Sie sind lange weg gewesen.
-
-·Göttlingk·
-
-Jawohl, bißchen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da.
-
-·Marie·
-
-Das freut mich, daß Sie wieder da sind, Herr Göttlingk.
-
-·Göttlingk·
-
-Nu, das is ja höchst schmeichelhaft für mich. Danke schön.
-
-·Marie· (rasch, ängstlich)
-
-Nein, nein, der Lore wegen.
-
-·Göttlingk·
-
-Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg.
-
-·Marie·
-
-Was für 'n Weg, Herr Göttlingk?
-
-·Göttlingk·
-
-Wissen Sie was, Fräulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darüber nicht.
-Da sind Sie viel zu fein zu. -- Das sind solche Geschichten.
-
-·Marie·
-
-Sie wissen wohl gar nicht, Herr Göttlingk, wie lieb Sie die Lore hat?
-
-·Göttlingk·
-
-Mädchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafür sorgt schon der liebe
-Gott.
-
-·Marie· (ihn bestürzt anstarrend)
-
-Herr Göttlingk, so schlecht können Sie doch gar nicht sein. Wenn die
-andern auch sagen, Sie seien gewalttätig und -- Ich habe Sie immer für
-einen guten und edeln Menschen gehalten.
-
-·Göttlingk·
-
-Na, macht sich!
-
-·Marie·
-
-Und ich weiß, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen
-immer mit Freuden zugehört.
-
-·Göttlingk·
-
-So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra für Sie gesungen, Fräulein
-Mariechen.
-
-·Marie· (tödlich erschrocken)
-
-Wieso -- für -- mich?
-
-·Göttlingk·
-
-Nu, weil ich schon weiß, daß Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also
-müssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben.
-Jawohl. Mach' ich.
-
-·Marie· (außer Fassung)
-
-Es handelt -- sich hier -- aber gar nicht -- um mich.
-
-·Göttlingk·
-
- (in trumpfender Männlichkeit)
-
-Warum eigentlich nich, Fräulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch
-'n mal um Sie handeln?
-
-·Marie·
-
- (sprachlos, ratlos, schließt für einen Augenblick die Augen,
- dann -- da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hört, eilt sie
- hilfesuchend auf ihn zu)
-
-Vaterchen! Vaterchen!
-
-·Göttlingk· (seinen Schnurrbart drehend)
-
-Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten)
-
-
-Zwölfte Szene
-
- _Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar
- Reitmaier_
-
-·Zarncke·
-
-Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem
-Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die
-für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen,
-Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ...
-
-·Reitmaier·
-
- (Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder
- Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in
- brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick
- zum Offiziertypus)
-
-Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der
-Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten.
-Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein
-Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne
-menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren
-Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne große Familie.
-
-·Zarncke· (erfreut, bewundernd)
-
-Ach -- ne -- wirklich?
-
-·Reitmaier· (bieder)
-
-Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal
-'n bißchen sehn?
-
-·Zarncke· (rufend)
-
-Struve!
-
-·Struve·
-
- (sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend)
-
-Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier
-vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)
-
-·Reitmaier· (die Arme ausbreitend)
-
-Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!
-
-·Struve· (gerührt)
-
-Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!
-
-·Reitmaier·
-
-Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.
-
-·Struve·
-
-Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.
-
-·Reitmaier·
-
-Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder
-ausgefressen?
-
-·Struve·
-
-Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de
-Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen.
-
-·Reitmaier· (überzeugt)
-
-Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?
-
-·Struve·
-
-Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand
-nehm' --
-
-·Reitmaier·
-
-Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie muß leben!
-
-·Struve·
-
-Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.
-
-·Reitmaier· (zu Zarncke)
-
-Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne
-kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch)
-Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?
-
-·Struve·
-
-Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.
-
-·Reitmaier· (bedauernd)
-
-Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle?
-
-·Struve·
-
-Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß
-schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich
-mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi.
-
-·Reitmaier·
-
-Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber
-selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten
-Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is
-da 's Bier immer noch so gut?
-
-·Struve·
-
-Danke. Ja. Es jeht.
-
-·Reitmaier·
-
-Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit
-Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da?
-
-·Struve·
-
-Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen.
-
-·Reitmaier· (klagend)
-
-Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder
-feste!
-
-·Struve·
-
-Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.
-
-·Reitmaier·
-
-Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten,
-was taten Sie dann?
-
-·Struve·
-
-Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so,
-wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.
-
-·Reitmaier·
-
-Und gesprochen haben Sie mit niemandem?
-
-·Struve·
-
-I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft
-kommen. Ne.
-
-·Zarncke· (triumphierend, leise)
-
-Den kriegen Sie nich!
-
-·Reitmaier·
-
-Und dann sind Sie nach Hause gegangen.
-
-·Struve·
-
-Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören.
-Aber ~pee à pee~ bin ick denn zu Hause jejangen.
-
-·Reitmaier· (leise)
-
-Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit
-seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve!
-
-·Struve·
-
-Herr Kommissar!
-
-·Reitmaier·
-
-Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von
-Wert?
-
-·Zarncke·
-
-O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf.
-
-·Reitmaier·
-
-Und die sind wertvoll?
-
-·Zarncke·
-
-Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.
-
-·Reitmaier·
-
-Ah! Wußte der Struve davon?
-
-·Zarncke· (mit reserviertem Lächeln)
-
-Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar.
-
-·Reitmaier·
-
-Struve, wo ist hier das Magazin?
-
-·Struve·
-
-Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.
-
-·Reitmaier·
-
-Was is denn da so drin?
-
-·Struve·
-
-Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr
-Kommissar.
-
-·Reitmaier· (schärfer)
-
-Wissen Sie, was Zahnsägen sind?
-
-·Struve·
-
-Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen.
-
-·Reitmaier·
-
-Wo werden die über Nacht aufbewahrt?
-
-·Struve· (rufend)
-
-Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt?
-
-·Reitmaier· (ärgerlich)
-
-Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.
-
-·Zarncke·
-
- (auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach
- näher herangedrängt haben)
-
-Stören Sie die Leute, Herr Kommissar?
-
-·Reitmaier·
-
-Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens -- (zu
-Struve streng) treten Sie mal zurück! -- (leiser) daß an das Subjekt
-nicht 'ranzukommen ist.
-
-·Zarncke· (zaghaft, bittend)
-
-Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.
-
-·Reitmaier·
-
-Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht,
-dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.
-
-·Zarncke·
-
-Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.
-
-·Reitmaier· (immer noch leise)
-
-Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich
-könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal
-an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl
-für verdächtig halten oder nicht?
-
-·Zarncke· (verlegen)
-
-Ja, da is schwer --
-
-·Reitmaier·
-
-Trotzdem möcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gemäß --
-
-·Zarncke· (in die Enge getrieben)
-
-Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal -- (spricht
-leise weiter)
-
-·Willig·
-
- (der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat,
- holt eine Anzahl Schlüssel aus der Hosentasche und reicht ihm
- einen davon)
-
-·Zarncke·
-
-Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlüssel. Kennen Sie den?
-
-·Struve·
-
-Ne.
-
-·Zarncke·
-
-Das ist der Magazinschlüssel. Den übergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn
-Sie?
-
-·Struve·
-
-Ne.
-
-·Zarncke·
-
-Falls der Herr Kommissar Sie hier läßt, werden _Sie_ mir von jetzt ab
-für die Sicherheit der Sachen -- einstehn. Verstanden?
-
-·Struve·
-
-Ne.
-
-·Reitmaier·
-
-Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das?
-
-·Zarncke·
-
-Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie
-wollen.
-
-·Reitmaier·
-
-Sie -- vertrauen -- _dem_ den --? Hähähä! Erlauben Sie mal. -- Hähähä.
-Pardon, das ist zu spaßhaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch
-nicht weiter stören. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende
-führen! ... Aber wenn Ihnen man die Passion für solche schweren Jungens
-nich noch mal sauer aufstoßen wird ... denn außerdem haben Sie ja auch
-noch 'n Mörder bei sich. Und weiß Gott, was --
-
-·Zarncke· (sehr erschrocken)
-
-_Mörder?_ (Große Bewegung unter den Zuhörern, die sich während der
-Folgezeit über den ganzen Platz fortpflanzt)
-
-·Reitmaier·
-
-Nu ja -- den --
-
-·Zarncke· (rasch, mit Nachdruck)
-
-Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar.
-
-·Reitmaier·
-
-Erlauben Sie mal --
-
-·Zarncke·
-
- (ihn bei Seite nehmend, erregt)
-
-Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags
-verurteilt worden --
-
-·Reitmaier·
-
-Menschenblut is Menschenblut.
-
-·Zarncke·
-
-Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht
-unnütz vergiftet zu werden. Wissen Sie, daß Sie dem Manne, der sich zu
-mir gerettet hat, wie 'n Stück Vieh von der Schlachtbank, daß Sie _dem_
-das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmöglich gemacht
-haben?
-
-·Reitmaier·
-
-Ich? Wieso? Bitte!
-
-·Zarncke·
-
- (auf die erregten Gruppen weisend)
-
-Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der »Mörder« ist.
-Anstatt hier rücksichtsvoll --
-
-·Reitmaier· (brutal)
-
-Ach was! Da müßt' ich viel Zeit haben, auf solchen -- Auswurf --
-Rücksicht zu nehmen.
-
-·Zarncke·
-
-Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade _nicht_ von Ihrer
-werten Familie.
-
-·Reitmaier·
-
-Was für Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr
-Zarncke. (Ab nach links)
-
-
-Dreizehnte Szene
-
- _Die Vorigen_ ohne _Reitmaier_
-
-·Zarncke·
-
- (der einen Augenblick kopfschüttelnd dagestanden hat, laut)
-
-Hört mal, Kinder! Das -- mit dem -- Mörder -- das muß 'ne Verwechslung
-sein. Das -- ja --!
-
-·Willig· (vor sich hin)
-
-Na na!
-
-·Andere·
-
- (geben ebenfalls durch Mienen und Gebärden ihrem Zweifel
- Ausdruck)
-
-·Zarncke·
-
-Struve!
-
-·Struve·
-
- (der seinen Schlüssel kopfschüttelnd besehen hat)
-
-Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch
-darnach.
-
-·Struve·
-
-Ja w-- w-- w--
-
-·Zarncke·
-
-Na was denn?
-
-·Struve·
-
-Wenn nu gesetzten Falls -- und es is _doch_ nu ein anderer gewesen --
-
-·Zarncke·
-
-Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und?
-
-·Struve·
-
-Und -- nu ja -- und der andere der kommt nu mal wieder -- --
-
-·Zarncke·
-
-Dann werden _Sie_ eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab)
-
-·Lohmann· (nach der Kantine weisend)
-
-Nu selbstverständlich is er's. Wer denn sonst?
-
-·Sprengel· (nach Struve hin)
-
-An _den_ hat man sich schließlich gewöhnt, -- aber _Mörder_! Ne.
-
-·Lohmann·
-
-Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen)
-
-·Sprengel·
-
-Scht. Da is er.
-
-
-Vierzehnte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Biegler._ Gleich darauf _Lore_
-
-·Biegler·
-
- (hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht)
-
-·Lore·
-
- (mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre)
-
-Herr Biegler.
-
-·Biegler· (sich umwendend)
-
-Ja?
-
-·Lore·
-
-Sie haben doch _vier_ Zigarren bezahlt und bloß dreie genommen.
-
-·Biegler·
-
-Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter
-dabei. (Mit glücklichem Lächeln) Ich hab' nämlich -- jetzt -- auch --
-_Freunde_ hier.
-
-·Lore· (erfreut)
-
-Ach, sehn Sie!
-
-·Biegler·
-
-Ja. Freunde -- hab' ich. Drei Stück. Ja ... Und da will ich mich doch
-mit Zigarren revanschieren. Ja.
-
-·Lore·
-
-Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm,
--- sie tun Ihnen nichts?
-
-·Biegler·
-
-Ja, ja, Fräulein! Wenn Sie mir nicht hätten immer Mut gemacht.
-
-·Göttlingk· (herüberrufend)
-
-Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist
-kein Umgang für Sie. -- Lassen Sie den mal hübsch laufen.
-
-·Lore· (zusammenschreckend)
-
-Ja ... ja, ja. (Steht unschlüssig)
-
-·Biegler· (die Zähne zusammenbeißend)
-
-Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch
--- _Freunde_. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fächerförmig in
-der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen
-und dessen Gruppe sich dann aufgelöst hat) Du -- willste nich -- eine
-Zigarre von mir -- rauchen?
-
-·Lohmann· (verächtlich)
-
-Nee. (Tritt von ihm fort)
-
-·Biegler·
-
- (steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel,
- sehr zaghaft)
-
-Ach -- bitte -- ich hätt' -- ne Zigarre -- für --
-
-·Sprengel·
-
-Du kannst deine Zigarren für dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm
-fort)
-
-·Biegler·
-
- (reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit
- kommt über ihn; er geht zu Struve -- voll Angst und Ingrimm)
-
-Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben --
-
-·Struve· (gutherzig abwehrend)
-
-Laß man! Laß man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu
-den -- Magazinschlüssel hab' ... aber -- ich kann mir nich --
-ausschließen, -- ich muß machen wie die andern.
-
-·Biegler·
-
-Wa -- was hab' ich -- euch denn -- ...?
-
-·Struve·
-
-Sag mal, wie alt bist du?
-
-·Biegler·
-
-Vierunddreißig.
-
-·Struve·
-
-Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So früh lassen sie einen wie
-du -- sonst doch nich los ...
-
-·Biegler·
-
- (sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verängstigten Blick
- auf die ihn rings Beobachtenden und versteht)
-
-Ach so ... Ach so.
-
-·Struve· (ist zu Lohmann zurückgetreten)
-
-Ich sag' euch bloß: det stimmt _nich_.
-
-·Lohmann·
-
-Wer soll's denn sonsten sein?
-
-·Biegler·
-
- (auf die Bank der Kantine sinkend)
-
-Ach so!
-
- (_Der Vorhang fällt_)
-
-
-
-
-Dritter Akt
-
- Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke
- ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum
- Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde
- links das Büfett mit einem Schanktisch davor. -- Auf der
- linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. -- In der Mitte unter
- der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit
- Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem
- Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner
- Ofen.
-
- Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen
- Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf
- den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem
- Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und
- Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände
- geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben
- der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine
- Mandoline
-
-
-Erste Szene
-
- _Lore_ hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt.
- Der alte _Eichholz_ auf dem Sofa schlafend. _Lenchen_ an dem
- Schusterschemel
-
-·Eichholz· (schnarcht)
-
-·Lore·
-
-Was machst du da, Lenchen?
-
-·Lenchen·
-
-Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen.
-
-·Lore·
-
-Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.
-
-·Lenchen·
-
-Nein, nein.
-
-·Lore·
-
- (sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)
-
-Vater -- Vater!
-
-·Eichholz·
-
- (brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren)
-
-·Lore·
-
-Vater, du mußt aufstehn.
-
-·Eichholz· (im Halbschlaf)
-
-Wieso denn?
-
-·Lore·
-
-Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung -- du weißt ja -- dann
-wird's noch einmal voll hier.
-
-·Eichholz·
-
-Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß
-ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.
-
-·Lore·
-
-Laß doch, Vater, das eilt ja nicht.
-
-·Eichholz·
-
-Nu ja. Ich arbeit' ja _doch_ nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt
-meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. -- Meine
-Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich
-an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen.
-
-·Lore·
-
-Ach ja, das wär' ganz gut, Vater.
-
-·Eichholz·
-
-Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß
-nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein.
-
-·Lore·
-
-Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.
-
-·Eichholz·
-
-Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie
-mich schon wegjagen tun um -- um -- um 'n Mörder.
-
-·Lore· (abwehrend)
-
-Ach!
-
-·Eichholz·
-
-Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich
-ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich
-mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest.
-Nich mal meinen Leichnam.
-
-·Lore· (lächelnd)
-
-Ich will ja auch nichts, Vaterchen.
-
-·Eichholz·
-
-Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus
-und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen
-frißt er sich hier rund an deine Karbonade.
-
-·Lore·
-
-Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich _der_ is,
-von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner.
-
-·Eichholz·
-
-Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu
-jeder so klug.
-
-·Lore·
-
-Was sind denn Mörderaugen, Vater?
-
-·Eichholz·
-
-Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod.
-Und wegen so einen -- haben sie -- mir -- (Weint)
-
-·Lore· (mitleidig)
-
-Vaterchen!
-
-·Eichholz· (weinend)
-
-Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er
-oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund,
-der -- der -- (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.
-
-·Lore·
-
-Geh, leg dich aufs Bett, Vater.
-
-·Eichholz·
-
-Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht
-werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)
-
-·Lore· (sieht ihm seufzend nach)
-
-Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint,
-dann ruf.
-
-·Lenchen·
-
-Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft)
-
-·Lore·
-
-Herein!
-
-
-Zweite Szene
-
- _Lore._ _Marie_
-
-·Marie·
-
-'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?
-
-·Lore· (gedrückt)
-
-Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.
-
-·Marie·
-
-Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?
-
-·Lore·
-
-Die anderen erzählten sich's.
-
-·Marie·
-
-Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten
-Nachrichten bringe?
-
-·Lore· (mutlos)
-
-Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht.
-Wollen sich nich setzen, Mariechen?
-
-·Marie·
-
-Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf
-deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie
-fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück
-pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.
-
-·Lore·
-
-Für mich pfeift kein Glück.
-
-·Marie·
-
-Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater
-gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.
-
-·Lore·
-
-Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber
-nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.
-
-·Marie·
-
-Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne
-Aussteuer geben wird.
-
-·Lore·
-
-Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich
-will nichts.
-
-·Marie·
-
-Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist.
-Darauf geht er aus.
-
-·Lore·
-
-Woher wissen Sie das?
-
-·Marie·
-
- (stockend, mit abgewandtem Gesicht)
-
-Nun, das -- merkt -- man doch.
-
-·Lore·
-
-Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is,
-wohlhabend, wie _er_ meint, kann ich ja doch nie werden.
-
-·Marie·
-
- (mit geheimnisvollem Lächeln)
-
-Nun -- wer weiß?
-
-·Lore·
-
-Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche
-Brot.
-
-·Marie· (mit unterdrückter Erregung)
-
-Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange
-leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und -- dein Lenchen --
-hab' ich _sehr lieb_.
-
-·Lore· (nach langem Schweigen)
-
-Mein Kind hast du -- so lieb?
-
-·Marie· (nickt)
-
-·Lore·
-
-Mein Lenchen hast du so lieb?
-
-·Marie· (tonlos)
-
-Ja.
-
-·Lore· (aufschreiend)
-
-Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich
-durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie _das_ haben kann?
-(schluchzt)
-
-·Marie·
-
-Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen -- da hätt' ich noch ja und »Schön
-dank« gesagt. Aber jetzt -- seh' ich die Dinge -- anders an. Denn, sieh
-mal! So ein -- Kindchen -- muß doch zuerst mal -- seinen Vater haben
-... Nicht wahr?
-
-·Lore· (in neuem Erstaunen)
-
-Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht!
-Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten
-sein. Nie im Leben. Nie.
-
-·Marie·
-
-Warum nicht?
-
-·Lore·
-
-Weil -- weil ... Der -- der _will_ mich nicht mehr. Dem bin ich _doch_
-bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.
-
-·Marie·
-
-Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch
-der Verwalter sein wird?
-
-·Lore·
-
-Mein Gott, mein Gott, mein Gott!
-
-·Marie·
-
-Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht.
-Denn wollen _wird_ er ja nicht.
-
-·Lore·
-
-Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet
-auch gar nichts, wenn's -- nichts -- wird. -- Man is ja längst schon
-viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt,
-wo _nicht_ so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal
-froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin
-und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und
-weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)
-
-·Marie·
-
-Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)
-
-
-Dritte Szene
-
- _Die Vorigen. Biegler_
-
-·Biegler· (dumpf, scheu)
-
-Guten Tag.
-
-·Marie.·
-
-Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?
-
-·Biegler·
-
-Ja.
-
-·Marie·
-
-Geht's Ihnen gut?
-
-·Biegler·
-
-Danke.
-
-·Marie·
-
-Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)
-
-
-Vierte Szene
-
- _Lore. Biegler_
-
-·Biegler· (setzt sich an den Mitteltisch)
-
-·Lore·
-
- (geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit
- Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie
- nach dem Tisch links)
-
-Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der
-Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung.
-Die sind zu große Herren.
-
-·Biegler·
-
-Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)
-
-·Lore·
-
-Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?
-
-·Biegler·
-
-Ich -- krieg' -- monatlich. (Schweigen)
-
-·Lore·
-
- (immer in freudiger Erregung)
-
-Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie
-reden gar nich.
-
-·Biegler·
-
-Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel.
-
-·Lore·
-
-Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes --
-passiert.
-
-·Biegler·
-
-Was Gut's?
-
-·Lore· (nickt)
-
-·Biegler·
-
-Da gratulier' ich.
-
-·Lore·
-
-Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es
-is doch wie 'n heller Schein. -- Und da möcht' ich, daß es auch andern
-so geht. Ihnen auch.
-
-·Biegler· (schwer atmend)
-
-Danke!
-
-·Lore·
-
-Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck
-spielen. Ich weiß ja, was Sie quält -- seit gestern.
-
-·Biegler·
-
- (sich in Erstaunen jäh umwendend)
-
-Und da reden Sie noch mit mir?
-
-·Lore·
-
-Ja -- is es denn wahr?
-
-·Biegler· (nach einer Pause, schwer)
-
-Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder
-nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken.
-(Schweigen)
-
-·Lore· (nach innerem Kampfe)
-
-Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.
-
-·Biegler· (bitter lachend)
-
-Sie?
-
-·Lore· (zaghaft)
-
-Sie wissen doch!
-
-·Biegler·
-
-Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst
-wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl -- --
-
-·Lore·
-
-Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst
-hab' vor Ihnen?
-
-·Biegler· (hastig seinen Kaffee trinkend)
-
-Ich geh' schon. Ich geh' schon.
-
-·Lore·
-
-Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?
-
-·Biegler·
-
- (unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)
-
-Ach! ... (hart) Ne.
-
-·Lore·
-
-Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n
-Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck.
-Wissen Sie?
-
-·Biegler·
-
-Das sollt' ich wohl wissen.
-
-·Lore·
-
-Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden
-Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim
-Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar
-Jährchen Druck -- immer derselbe Druck. Das genügt.
-
-·Biegler· (bitter)
-
-Ob's genügt.
-
-·Lore·
-
-Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet -- ach, lustig
-sein kann man sogar -- man is überhaupt ein Mensch wie andere und is
-doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ...
-Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie
-'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.
-
-·Biegler· (eifrig)
-
-Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja.
-
-·Lore·
-
-Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was
-gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was
-helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.
-
-·Biegler·
-
-Das hätt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl
-wieder weg.
-
-·Lore·
-
-Ich denk', Sie waren zufrieden.
-
-·Biegler·
-
-Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten -- _alle_ -- im Himmel wär' ich
-gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ...
-dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer
-_kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber
-sie kann.
-
-·Lore· (mit beruhigendem Lächeln)
-
-Na wer denn, wer denn?
-
-·Biegler·
-
-Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern.
-
-·Lore·
-
-Nicht -- wenn Sie nich wollen.
-
-·Biegler·
-
-Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so
-langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man
-allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na,
-habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn
-sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz
-schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n
-Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: »Es tut mir leid,
-Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«
-
-·Lore· (schüttelt heftig den Kopf)
-
-·Biegler·
-
-Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier
-is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins
-Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt
-noch: »Gott sei Dank.«
-
-·Lore·
-
-Ach, es is schrecklich.
-
-·Biegler·
-
-Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr
-sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die
-Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen?
-... Daß der Weg mich in _die_ Schlafstelle geführt hat -- und gerade
-in _die_? ... Daß die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und daß sie
-immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir
-vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie
-mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den
-Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der
-Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick
-'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater
-... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja
-auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er
-ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er
--- aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat --
-mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab'
-ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein
-hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert,
-wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war
-mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal,
-wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden
-geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr
-kann er nich.
-
-·Lore· (mitleidig)
-
-Mein lieber Gott.
-
-·Biegler·
-
-_Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst ließ' er _das_ nich
-zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.
-
-·Lore· (fest)
-
-Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler.
-
-·Biegler· (in flackernder Angst)
-
-Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.
-
-·Lore·
-
-Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich
-setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und
-kümmern sich um nichts.
-
-·Biegler·
-
-Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?
-
-·Lore·
-
-Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind
-_die_ von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.
-
-·Biegler·
-
-Wenn's nu aber doch wahr is?
-
-·Lore·
-
-Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was.
-Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, daß Sie keinem aus dem
-Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber
-nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen
-Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?
-
-·Biegler· (nickt voll Grauen)
-
-·Lore·
-
-So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen
-lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich
-glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt,
-dem zeigen Sie die Zähne.
-
-·Biegler· (stammelnd)
-
-Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle.
-
-·Lore·
-
-Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!
-
-·Biegler·
-
-Und 's kann sein, wer's will? Ja?
-
-·Lore· (stutzend, dann stark)
-
-Ja.
-
-·Biegler· (dumpf, zagend)
-
-Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)
-
-
-Fünfte Szene
-
- _Die Vorigen._ _Lohmann._ _Sprengel._ _Struve._
- _Drei andere Arbeiter_
-
- (Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den
- Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und
- setzen sich an den Tisch rechts)
-
-·Lohmann·
-
-Glas Bier!
-
-·Sprengel·
-
-Mir auch.
-
-·Struve·
-
-Jedem eins.
-
-·Sprengel·
-
-Kiekt mal, wer da huckt!
-
-·Lohmann·
-
-Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist
-doch extra für ihm hingebaut.
-
-·Struve·
-
-Der Mensch sitzt, wo er kann. -- Laß ihm sitzen.
-
-·Lore· (Bier bringend)
-
-Wohl bekomm's!
-
-·Lohmann·
-
-Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen
-an)
-
-·Lore·
-
- (bringt auch Biegler ein Glas Bier)
-
-·Sprengel·
-
-Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?
-
-·Lohmann·
-
-Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.
-
-·Struve·
-
-Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine
-eigenen Sorgen.
-
-·Lohmann·
-
-Wat vor Sorgen?
-
-·Struve·
-
-Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit
-so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine
-schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch
-'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner
-Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so --
-dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.
-
-·Sprengel·
-
-Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?
-
-·Struve·
-
-Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß
-sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. -- Da
-brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel
-krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de
-Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?
-
-·Lohmann· (lachend)
-
-Ne.
-
-·Struve·
-
-Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen --
-
-·Lohmann·
-
-Was?
-
-·Struve·
-
-Na -- de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden
-freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein
-Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste
-Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor
-haben? -- Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.
-
-·Sprengel·
-
-Jlickliche Reise. Prost.
-
-·Struve·
-
-Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n
-Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus
--- wie de Schwalben.
-
-·Lohmann·
-
-Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.
-
-·Sprengel·
-
-Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.
-
-·Struve·
-
-Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er
-noch nich 'raus.
-
-·Lohmann·
-
-Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel
-anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von
-'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?
-
-·Biegler·
-
- (der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter
- Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)
-
-·Lore· (abweisend)
-
-Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?
-
-·Lohmann·
-
-Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht
-so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man
-weiß nich, wie?
-
-·Lore· (abweisend)
-
-Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.
-
-·Lohmann·
-
-Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.
-
-·Biegler·
-
- (steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes
- Stammeln hervor und setzt sich wieder)
-
-·Lohmann·
-
-Hat jesessen.
-
-·Sprengel·
-
-Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?
-
-·Struve·
-
-Nu -- die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue
-Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer
-fir Hausknechte halten. (Lachen)
-
-·Lohmann·
-
-Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen
-beim Alten, -- damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es
-wird nötig.
-
-·Sprengel·
-
-Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n
-plundrigen Kerl.
-
-·Lohmann·
-
-Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; -- da
-hab' ich auch kein Erbarmen.
-
-·Biegler·
-
- (zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob
- er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)
-
-·Sprengel·
-
-Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.
-
-·Lohmann·
-
-Warum steht er denn nich auf und --
-
-
-Sechste Szene
-
- _Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere
- Steinmetzen_ (in Feierabendkleidung)
-
-·Göttlingk·
-
- (auf den Tisch der Arbeiter weisend)
-
-Da _sitzt_ se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich
-eilig genug mit eurem Feierabend -- was?
-
-·Lohmann·
-
-Wieso denn?
-
-·Willig·
-
-Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf
-Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich?
-
-·Sprengel·
-
-Nu, der hängt doch im Flaschenzug.
-
-·Willig·
-
-Aber locker hängt er.
-
-·Lohmann·
-
-Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte
-Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.
-
-·Göttlingk·
-
-Husten wird er euch was.
-
-·Willig·
-
-Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr
-verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)
-
-·Göttlingk·
-
-Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen
-kommen.
-
-·Lore·
-
- (die Bier bringt, eilig, ängstlich)
-
-Hier is, bitte, hier is schon alles.
-
-·Göttlingk·
-
-Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl --
-der -- (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?
-
-·Willig· (rasch)
-
-Ach, kümmer dich nicht um den.
-
-·Göttlingk·
-
-Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! ~Per
-Bacco~, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was
-hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal -- bringen
-Sie mal die Seufzerkiste.
-
-·Lore·
-
-Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)
-
-·Ein Steinmetz·
-
-Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen?
-
-·Göttlingk·
-
- (während er die Mandoline stimmt)
-
-Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse
-vorbereiten -- die Welt is eben 'n Affenkäfig.
-
-
-Siebente Szene
-
- _Die Vorigen._ _Der alte Eichholz_
-
-·Eichholz·
-
- (angezogen wie im ersten Akt)
-
-Einen guten Feierabend wünsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft.
-
-·Göttlingk·
-
-So in Jala, Papa Eichholz?
-
-·Eichholz·
-
-Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir
-angetan im Schmucke sämtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir
-mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande.
-
-·Lore· (ängstlich)
-
-Was hast du vor, Vater?
-
-·Eichholz·
-
-Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen:
-Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen
-Zustande mir sollte -- (bemerkt Biegler) was -- was -- was -- was is
-denn das? Is das --?
-
-·Lore·
-
-Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehört. Weißt
-du das nich?
-
-·Göttlingk· (halblaut zu Lore)
-
-Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein?
-
-·Eichholz·
-
-Was man so sagt, der Wiedehopf, der läßt in sein eigenes Nest
-'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein -- (in
-ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeißen! Dir bind' ich
-'n Mühlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut muß fließen, du Hund, du
-blutiger Hund!
-
-·Biegler· (gequält)
-
-Fräulein, soll ich nu immer noch länger hier bleiben? Ich denk', nu is
-genug.
-
-·Göttlingk· (halblaut zu Lore)
-
-Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an?
-
-·Lore·
-
-Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an.
-Sonst mußt du 'raus.
-
-·Lohmann· (leise)
-
-Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeißt.
-
-·Sprengel·
-
-Hat sie ganz recht.
-
-·Eichholz·
-
-Jawohl. Ich geh' schon. -- Ich werde schon in geeignete Erfahrung
-bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergießt, deß --
-Blut -- muß -- -- ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die
-hochgeehrte Gesellschaft. (Ab)
-
-
-Achte Szene
-
- _Die Vorigen_ ohne _Eichholz_
-
-·Göttlingk· (leise zu Lore)
-
-Hast du etwa Durchsteckereien mit dem?
-
-·Lore· (wendet sich ab)
-
-·Göttlingk· (verbissen)
-
-Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurück) Na, lassen wir uns nich
-die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn)
-Freilich, wissen möchte man doch.
-
-·Willig·
-
-Halt bloß Ruhe, Eduard.
-
-·Die Anderen·
-
- (die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei)
-
-·Göttlingk· (an der Mandoline zupfend)
-
-Na also, was soll ich euch singen? Ich weiß 'ne Menge schöne Lieder,
-die mir die schönen Weiber dort unten in schönen Stunden beigebracht
-haben ... denn die Weibsleut' da unten! Überhaupt die Weibsleut',
-Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beiläufig, herablassend) Ach,
-bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Fräulein Lore.
-
-·Lore·
-
- (bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas)
-
-·Göttlingk·
-
-Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so süß mit mir war. Ja,
-mein geliebter Sohn, Glück bei den Weibsleuten muß der Mensch haben.
-Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Fräulein,
-danke, danke, danke! (Singt und spielt) »~Vè quà una giardiniera, si
-chiama Luisella, da sovra all'Arenella~« -- (Abbrechend) Sagt mal,
-Herrschaften, wie wär's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef
-würde hier auf diesem Steinmetzplatz?
-
-·Willig·
-
-Was is das wieder für 'n fauler Witz?
-
-·Göttlingk·
-
-Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm
-drauf hätte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber
-wenn so 'n schönes Jeschäft dran hängt, kann man ja auch mal beide
-Augen zumachen.
-
-·Lore·
-
- (stößt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des
- Entsetzens aus)
-
-·Sprengel· (halblaut)
-
-Is 'n Mensch wie 'n Vieh.
-
-·Willig· (leise)
-
-Läßte nu nich mal mehr die Krüppel in Ruh?
-
-·Göttlingk·
-
- (der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch
- hinüber)
-
-Riskiert da etwa einer zu mucken? Was?
-
-·Lohmann·
-
-Wir sind ja ganz still.
-
-·Göttlingk·
-
-Möcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Händen,
-noch einmal aufstöhnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was?
-
-·Biegler·
-
- (ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise,
- zaghaft, als traue er seinen erwachenden Kräften nicht)
-
-Du Schuft! Du Schuft! -- Du Schuft!
-
-·Göttlingk· (fassungslos vor Erstaunen)
-
-Was will das Gewächse da?
-
-·Biegler·
-
-Du ganz erbärmlicher Schuft!
-
-·Göttlingk· (Humor heuchelnd)
-
-Kinder, der is übergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir
-das nicht übel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Außerdem bin
-ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem --
-Prost!
-
-·Biegler· (heiser)
-
-Was du bist, bin ich noch alle Tage.
-
-·Göttlingk·
-
-Dem Kerl muß man doch 'ne Zwangsjacke anlegen.
-
-·Biegler·
-
-Ich hab' zum Spaß deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser.
-
-·Göttlingk· (aufspringend)
-
-Du warst das selber, du verfluchter --?
-
-·Die Anderen· (halten ihn fest)
-
-Ruhig, ruhig, ruhig.
-
-·Biegler·
-
-Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da -- da -- wer steht da?
--- Der sagst du _das_ ins Gesicht? -- Jeder weiß, daß sie 'n Kind von
-dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie -- schuriegeln tust du sie ...
-Wirst sie -- wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du
-nichtswürdiger Schuft! Du!
-
-·Göttlingk· (der sich zu befreien sucht)
-
-Nu laßt doch los. -- Is bloß 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't
-ihm das Leben. (Reißt sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag'
-ich, oder --
-
-·Die Anderen· (weichen erschrocken zurück)
-
-·Biegler·
-
-Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle
-anderen Angst haben? -- Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin
-ich vom langen Hungern, aber -- (er hat den Klopfstein ergriffen, der
-auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) -- _mit
-so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem
-Schusterstein hab' ich schon_ -- -- (große Bewegung) Nu komm mal 'ran,
-wenn du willst. Komm mal 'ran -- komm mal 'ran! (Dringt auf Göttlingk
-ein)
-
-·Göttlingk· (erschrocken zurückweichend)
-
-Na, na, na, na.
-
-·Biegler·
-
-Komm 'ran -- oder 'raus da -- 'raus da. --
-
-·Göttlingk·
-
-(weicht, unverständliche Worte stammelnd, bis zur Tür zurück)
-
-·Biegler· (der ihm gefolgt ist)
-
-'raus da! 'raus da!
-
-·Göttlingk·
-
-Das werd' ich dir -- gedenken. -- (Rettet sich durch die rasch
-geöffnete Tür)
-
-·Biegler·
-
- (sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurück. Er
- sieht verständnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die
- schluchzend, mit verhülltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht
- die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er
- langsam zu sich käme)
-
-Was is denn? Was war denn? Was --? (Sein Gesicht verändert sich, er
-kämpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken,
-rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt
-seine Mütze auf und schreitet mit geballten Fäusten zur Tür zurück; --
-sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn
-regungslos Anstarrenden -- und geht hinaus)
-
- (_Der Vorhang fällt_)
-
-
-
-
-Vierter Akt
-
- Szenerie des zweiten. Spätabendbeleuchtung. Über den Häusern
- des Hintergrundes ein glühender Streif Abendrot, der sich
- allmählich verliert. Vor der Veranda unter dem Fenster der
- Zarnckeschen Wohnung ein gedeckter Tisch nach vollendeter
- Abendmahlzeit. Das Fenster der Kantine ist erleuchtet. Beim
- Aufgehen des Vorhangs ertönt von irgendwoher Biergartenmusik
-
-
-Erste Szene
-
- _Marie._ _Zarncke_
-
-·Zarncke·
-
- (in einem Korbstuhl behaglich ausgestreckt, eine Zigarre
- rauchend)
-
-Siehste, nu is unsre Amsel auch schon schlafen gegangen.
-
-·Marie·
-
-Eben sang sie doch noch.
-
-·Zarncke·
-
-Bald werden sie nu auch im »Gambrinus« Ruhe geben mit ihrem Bumbum.
-
-·Marie·
-
-Ach, ich hör's gerne.
-
-·Zarncke·
-
-Ich auch ... Und weißt du, warum? Weil es so schön weitab is vom
-eigenen Leben ... Da sitzen nu die Menschen in Haufen, stoßen sich,
-ärgern sich, beneiden sich, begehren sich, und fünf aufgequollene
-Trompeter machen Musike zu ... Man is doch wahrhaftig wie der liebe
-Herrgott in seiner Stille ... Sechs Tage hat er an der verfluchten
-Welt 'rumgebastelt, am siebenten hat er aber auch _gar nichts_ von ihr
-wissen wollen. ... Was guckste denn immer nach der Lore ihrem Fenster
-'rüber?
-
-·Marie·
-
-Ja, Vaterchen, merkwürdig is es doch.
-
-·Zarncke·
-
-Was denn? ... Daß der Göttlingk da is?
-
-·Marie·
-
-Den ganzen Winter ist er Sonntags nicht einmal bei ihr gewesen. Seit
-seiner Rückkehr nicht. Und plötzlich kommt er -- Abends um neune -- von
-da oben -- die Treppe 'runter.
-
-·Zarncke·
-
-Der Deibel mag wissen, was er da oben zu suchen gehabt hat. Aber
-so käseweiß brauchst du darum doch auch nich zu werden, wenn er nu
-wirklich mal hinter dir auftaucht.
-
-·Marie· (schweratmend)
-
-Denk doch, was das für die Lore bedeutet.
-
-·Zarncke·
-
-Hör mal, Kindchen, hab die Lore lieb! Aber du mußt dich nich so
-'reinbegeben in das, was rings um uns geschieht. Nich mitmachen wollen.
-Das zehrt dann am eigenen Leben. Es bleibe jeder in seiner Haut -- und
-jeder hüte den Schlüssel zu seinem Geheimfach ...
-
-·Marie·
-
-O, das freilich. Aber -- gestern muß was passiert sein bei der Lore
-drin.
-
-·Zarncke·
-
-So? Was denn?
-
-·Marie·
-
-Zwischen dem Nachtwächter und -- und -- Göttlingk.
-
-·Zarncke·
-
-So? Hm. Das war ja nu leider vorauszusehn.
-
-·Marie· (ängstlich)
-
-Wieso?
-
-·Zarncke·
-
-Sie haben 'rausgekriegt, daß der arme Kerl was pekziert hat. Deshalb
-hab' ich gestern schon den Eichholz 'rausgeschmissen. Das alte Vieh
-war ganz rabiat. Irgendwas bereitet sich vor gegen den Biegler. Und
-schließlich werd' ich noch klein beigeben müssen. Schad um den --
-(Schnalzt)
-
-·Marie·
-
-Nein, nein, es scheint was anderes. Was Schlimmeres. Viel was
-Schlimmeres.
-
-·Zarncke·
-
-'n Menschen ins Verderben zu jagen is schlimm genug ... Von wem weißt
-du's denn? Von der Lore?
-
-·Marie·
-
-Nein. Das ist es eben, was mich ängstigt. Die geht mir heut aus dem
-Wege, wo sie kann ... Und die Homeyer macht immerzu Andeutungen. Aber
-was Rechtes kriegt man auch aus _der_ nich 'raus.
-
-·Zarncke·
-
-Na, wenn das Schwatzweib schon sein Maul hält. Da wollen wir doch mal
-gleich -- (Klingelt)
-
-
-Zweite Szene
-
- _Die Vorigen._ _Frau Homeyer_
-
-·Frau Homeyer·
-
- (eine Windlampe in der Hand)
-
-Gotte, Gotte, ich wart' schon immer mit der Lampe ... Nein, so im
-Dunkeln ...! Wie können Sie bloß?
-
-·Zarncke·
-
-Sie haben wohl noch nie zu zweien im Dunkeln gesessen?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ach nein doch! Mit 'n jungen Mann -- der nimmt sich dann so leicht was
-'raus --
-
-·Zarncke·
-
-Und mit 'n alten Mann -- das lohnt nich.
-
-·Frau Homeyer·
-
-Aber, Herr --
-
-·Zarncke·
-
-Sagen Sie mal, Sie, was is denn gestern bei der Lore gewesen?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Bei der Lore? I, daß ich nicht wüßte.
-
-·Zarncke·
-
-Sie haben doch meiner Tochter erzählt --
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ich? Ach nein, das muß ein Irrtum sein. Ich, dem Fräulein? Und gerade
-dem Fräulein? I, da müßt' ich -- (Nimmt das Tischzeug zusammen)
-
-·Marie·
-
-Aber Frau Homeyer --
-
-·Zarncke· (gleichzeitig)
-
-Was heißt das: _Gerade_ dem Fräulein?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Nu ja. Da müßt' ich doch sozusagen eine Schwätzerin sein. Und ich bin
-im Gegenteil immer höchst zurückhaltend ... Da bin ich bekannt für. Da
-können Sie alle Mannsleute fragen. Da können Sie meine Zeugnisse lesen
-... Und da soll ich mir gerade _hier_ die Zunge bei verbrennen? ... Das
-kann Ihnen wer anders erzählen, Fräulein. Und dann müssen sich auch
-nichts draus machen. ... Die Männer sind immer mit dem Maul vorneweg
-... Ehrbar sein und sein Myrtenbäumchen pflegen, das is immer noch das
-Beste für 'n ältliches Mädchen.
-
-·Marie·
-
-Ja, was hab' _ich_ aber mit dem allen zu tun, Frau Homeyer?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ja, Fräulein Mariechen, der Mensch hat _manchmal_ mit was nich zu tun,
-und kommt _doch_ ins Gerede ... Von dem Herrn Göttlingk hätt' ich
-das freilich nicht gedacht. Der is sonst immer 'n Kavelier gewesen
-(verschämt) immer so zutraulich -- und, wie gesagt, Kavelier. Aber da
-könnte ja jeder kommen und -- ach, bitte das Sahnentöpfchen -- und
-behaupten, er braucht' bloß die Hand auszustrecken, da könnt' er Herr
-sein auf diesem Steinmetzplatz. Ja.
-
-·Zarncke·
-
-Was? Was? Was is das?
-
-·Frau Homeyer·
-
-Und es glaubt ihm auch keiner. Da können Sie ganz unbesorgt sein,
-Fräulein, das --
-
-·Zarncke·
-
-Halt! Stopp! 'raus! Weg!
-
-·Frau Homeyer·
-
-Aber Herr --
-
-·Zarncke·
-
-Weg, weg, weg, weg!
-
-·Frau Homeyer·
-
-Ja, ja, Herrgott!
-
-·Zarncke·
-
-Weg!
-
-·Frau Homeyer·
-
- (mit dem Tablette ins Innere ab)
-
-
-Dritte Szene
-
- _Marie._ _Zarncke_
-
-·Zarncke·
-
-Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst
-mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da
-traut sich der Kerl überhaupt noch hierher? -- Da wollen wir mal gleich
--- -- (steht auf)
-
-·Marie·
-
- (die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fährt auf)
-
-Nein, Vater, nein!
-
-·Zarncke·
-
-Was -- nein? Und wie siehste denn aus? -- Ganz überird'sch!
-
-·Marie· (in hilflosem Bekennen)
-
-Vaterchen!
-
-·Zarncke·
-
- (nach einem Schweigen hinter sie tretend)
-
-Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir
-'s Geheimfach aufgebrochen?
-
-·Marie· (aufschluchzend)
-
-Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock)
-
-·Zarncke· (sie streichelnd)
-
-Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird
-dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu?
-
-·Marie· (von Schluchzen geschüttelt)
-
-Weiß nicht! Weiß nicht!
-
-·Zarncke·
-
-Na, nu laß doch mal meinen Rock los!
-
-·Marie·
-
- (verbirgt das Gesicht um so fester)
-
-·Zarncke·
-
-Willst nich? ... Schämst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn?
-Möchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Möchtst dir womöglich das Leben
-nehmen noch diese Nacht?
-
-·Marie· (nickt heftig)
-
-·Zarncke· (lacht und streichelt sie)
-
-Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen muß, dem 'n Stern vom
-Himmel 'runterfällt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst
-noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie
-stehn da wie für die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum
-werden wir Menschen nich ärmer ... Höchstens die, denen sie als
-Zwanzigmarkstücke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich
-zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrümeln
-sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann,
-jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? --
-Dem einen fällt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie
-der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor
-der Tür lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein,
-und die brauchen's den Deiwel wie nötig ... Selbst der Herrgott wird
-uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen kräftiger
-... Kindchen, 's wird noch 'n büschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham
-brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schämen.
-Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist,
-dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die
-Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie
-ganz.
-
-·Marie· (sich aufrichtend)
-
-Vaterchen, hast du das immer gedacht?
-
-·Zarncke·
-
-Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit für die Kranken und die
-Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen,
-is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --.
-
-·Marie· (schluchzt kurz auf)
-
-·Zarncke·
-
-Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tür hat schon 'n
-paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an
-die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind.
-
-·Marie·
-
-Die arme Lore!
-
-·Zarncke·
-
-Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab)
-
-
-Vierte Szene
-
- _Eichholz._ _Göttlingk._ _Lore_
-
-·Eichholz·
-
-Scht! Du, Göttlingk! -- Sie sind weg!
-
-·Göttlingk· (heraustretend)
-
-Es war auch hohe Zeit! ... Denn wenn mir jetzt -- gewisse Leute in den
-Weg gerannt wären -- -- na! Also übers Aufgebot reden wir noch, Lore!
-
-·Lore·
-
- (die in der Tür geblieben ist, matt, freudlos)
-
-Wie du willst, Eduard.
-
-·Göttlingk·
-
-Dann wollen wir also Schluß machen mit dieser elenden Quetsche. Mein
-Handwerkszeug bringt mir morgen der Vater und -- ja, richtig! Die
-Mandoline gib mir doch noch mit.
-
-·Lore· (verschwindet)
-
- (Die halboffene Glastür über der Veranda hat sich erhellt. Die
- Gestalt Zarnckes wird dahinter sichtbar)
-
-·Göttlingk· (leise)
-
-Is das nich der Alte da oben?
-
-·Eichholz·
-
-Ja, der schläft da.
-
-·Göttlingk·
-
-Scht! Na, endlich macht er die Türe zu. (Das Rouleau wird herabgelassen)
-
-·Lore· (bringt die Mandoline)
-
-·Göttlingk·
-
-So ... Vater begleitet mich noch ein Stückschen.
-
-·Lore· (ängstlich)
-
-Vater, es wäre wohl besser, du -- --
-
-·Eichholz· (scheltend)
-
-Was heißt das? Was hast du --?
-
-·Göttlingk· (gleichzeitig)
-
-Nu laß doch Vater! ... (Reicht ihr die Hand) Gute Nacht! -- (Da sie in
-der Türe stehen bleibt) Nu geh nur! Geh nur!
-
-·Lore· (tonlos)
-
-Gute Nacht. (Ab, die Türe hinter sich schließend)
-
-
-Fünfte Szene
-
- _Eichholz._ _Göttlingk_
-
-·Göttlingk·
-
-Na -- und nu? ... Wir haben drin nich ausreden können, weil uns
-die Lore ewig auf den Hacken saß. Wie denkst du nu über 'ne gute
-Streckschicht für den Kerl?
-
-·Eichholz·
-
-Ich bin immer ein ehrenwerter Mann jewesen, ich bin ein zuverlässiger
-Mann jewesen und ein --
-
-·Göttlingk·
-
-Ja, ja, ja, ja!
-
-·Eichholz·
-
-Aber sie haben mir die Seele aus dem Leibe gezogen, sie haben mir den
-höllischen Geier, welcher heißt Hadramoth, den haben sie mir --
-
-·Göttlingk·
-
-Nu quatsche nich. Komm mal mit 'rüber in die Destillation.
-
-·Eichholz·
-
-Hier steh' ich, hier jeh' ich nich weg. Sobald der Hund kommt, dann
-stürz' ich mir los auf ihm. Brust gegen Brust.
-
-·Göttlingk·
-
-Na und dann?
-
-·Eichholz·
-
-Dann? Ich hab' dem Alten gesagt: Herr Zarncke, hab' ich gesagt, es gibt
--- ein Unglück.
-
-·Göttlingk·
-
-Ja, mit's Maulwerk.
-
-·Eichholz·
-
-So? ... (Zögernd) Du, und was is denn mit dem -- Block?
-
-·Göttlingk· (lauernd)
-
-Was für 'n Block?
-
-·Eichholz·
-
-Wo du vorhin von sprachst.
-
-·Göttlingk·
-
-Ach so ... Siehst du den da oben im Flaschenzug?
-
-·Eichholz·
-
-Ja.
-
-·Göttlingk·
-
-Wenn da einer die Ketten aushängt, dann steht er bloß auf der Kippe.
-Verstehste? Eine Holzsteife -- die kann 'n Kind wegschlagen. -- Und
-geht dann einer die Treppe 'rauf -- _muß_ er die Treppe 'rauf?
-
-·Eichholz·
-
-Nu jewiß. Der Alte hat doch dahinter 'ne Kontrolluhr aufgestellt. --
-
-·Göttlingk·
-
-Daß da man kein Malheur passiert!
-
-·Eichholz·
-
- (argwöhnisch, will nicht verstehn)
-
-Warum soll -- da gleich -- 'n Malheur passieren?
-
-·Göttlingk·
-
-Ach so! ... Scht! Is er das nich? (Man hört rechts das Schließen einer
-Tür)
-
-·Eichholz·
-
-Ja.
-
-·Göttlingk· (leiser)
-
-Nu komm ... Drüben trinken wir noch eins ... Kann man da oben irgendwo
-'raus?
-
-·Eichholz·
-
-Durch die kleine Tür. Immerzu.
-
-·Göttlingk·
-
- (ihn nach dem Hintergrunde ziehend)
-
-Na denn komm!
-
-·Eichholz·
-
-Warum nich hier durchs Tor?
-
-·Göttlingk·
-
-Komm, komm, komm ... Da scheint auch wer zu stehn. -- Komm! (Auf einer
-mittleren Treppenstufe hält er inne) Scht!
-
-·Eichholz·
-
-Er schließt noch das Sägewerk.
-
- (Beide verschwinden links oben. -- Während rechts eine schwere
- Tür zugeschlossen wird, hört man oben das leise Klirren der
- Flaschenzugketten. Dann Stille. Während der folgenden Szene
- geht der Mond auf)
-
-
-Sechste Szene
-
- _Biegler._ Dann _Struve_
-
-·Biegler·
-
- (mit Schlüsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre
- umgehängt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten
- Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schloß des
- Magazins und will zur Tür des Wohnhauses hinüber)
-
-·Struves Stimme· (vom Haustor her)
-
-He! Scht! Nachtwächter! Biegler!
-
-·Biegler·
-
-Wer is da?
-
-·Struves Stimme·
-
-'n guter Freund!
-
-·Biegler·
-
-Ich hab' keine guten Freunde.
-
-·Struves Stimme·
-
-Struve is da.
-
-·Biegler·
-
-Struve kann bei Tage kommen.
-
-·Struves Stimme·
-
-Mach auf, sonst reiß' ich an de Klingel.
-
-·Biegler·
-
-Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hört den Schlüssel sich drehen.
-Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na?
-
-·Struve·
-
-Fsch! Drinne wär' mer ja nu.
-
-·Biegler·
-
-Also was willst du?
-
-·Struve·
-
-Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt
-hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da muß ick mir iberfihren
-können bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen
-vor lauter Ehrjefihl. Ja.
-
-·Biegler·
-
-Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wächter.
-
-·Struve·
-
-Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht
-mehr dabist --
-
-·Biegler·
-
-Wieso?
-
-·Struve·
-
-Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus
-denselben Suppentopp jeangelt.
-
-·Biegler· (bitter)
-
-Ach so!
-
-·Struve·
-
-Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mußte hier _nu doch_!
-
-·Biegler·
-
-Ja. Das bin ich mir klar.
-
-·Struve·
-
-Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroße
-Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Bloß, daß se
-morjen früh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch --
-
-·Biegler· (in bitterer Erregung)
-
-Und meinen Austritt fordern?
-
-·Struve·
-
-Wer zufällig fünf Finger hat, kann sich das ja dran abzählen.
-
-·Biegler· (verbissen, verzweifelt)
-
-Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine.
-
-·Struve·
-
-Da wärste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne
-machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter
-jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat.
-
-·Biegler·
-
-Wofür? Für mich?
-
-·Struve·
-
-Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn'
-doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaßen
-hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene hätten. Da kann
-man jar nischt vor.
-
-·Biegler·
-
-Was denn? Was denn?
-
-·Struve·
-
-Na, du weißt schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da muß man
-eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken
-ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und
--- -- was? Wie sagste?
-
-·Biegler· (mit einem kurzen Lachen)
-
-Ich sag' jar nischt.
-
-·Struve·
-
-Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte
-denn nu hinmachen?
-
-·Biegler·
-
-Wer kann das wissen?
-
-·Struve·
-
-Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block)
-Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson.
-Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des
-drickt aufs Jemiet, weißte ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe --
-jewissermaßen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig
-bist -- weißte! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen?
-
-·Biegler·
-
-Was? Du und ich?
-
-·Struve·
-
-Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben
--- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen
-wälzen sich in'n Jolde, wir wälzen uns in'n jrienen Chausseejraben.
-Tagsüber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns
-'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mußte ewig 'n krummen Puckel
-machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im
-Leben, wat die andern sind!
-
-·Biegler·
-
-Mensch! Da haste recht!
-
-·Struve·
-
-Draußen veracht' dir keiner ... Und da biste bloß _einem_ Jehorsam
-schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na?
-
-·Biegler·
-
- (schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschluß)
-
-Gut! Wann willst du -- losjehn?
-
-·Struve·
-
-Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang.
-
-·Biegler· (in Erregung)
-
-Ich muß doch erst -- mit ihm -- reden ... Muß doch kündigen.
-
-·Struve·
-
-Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kündigen? Und noch eins
-sag' ich dir: Der Jöttlingk is 'n tück'sches Luder. Der verjeßt dir die
-Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen,
-jleich, noch auf'n nichternen Magen.
-
-·Biegler· (dumpf, entschlossen)
-
-Mir is alles egal.
-
-·Struve·
-
-Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht.
-
-·Biegler·
-
-Zeugnisbuch muß ich haben. Dann komm' ich mit.
-
-·Struve·
-
-Zeichnisbuch? Ick weeß 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n
-jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn
--- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben:
-»Ehrlich währt am längsten« -- aber 'n tichtiger Spitzbube fährt mit
-vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab
-wie 'ne dreck'ge Scheierbürschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie
-bei'n kleinen Swienegel ... Bloß natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital
--- det missen wir haben.
-
-·Biegler·
-
-Wozu? Woher?
-
-·Struve·
-
-Det brauchste überall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de
-Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich --
-wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden.
-Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie
-bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja
-alles da.
-
-·Biegler·
-
-Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt.
-
-·Struve·
-
-Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich?
-
-·Biegler·
-
-Was denn? Na was denn?
-
-·Struve·
-
-Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so
-glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen.
-
-·Biegler·
-
-Was? Was? Was?
-
-·Struve· (zaudernd, verlegen)
-
-Na -- de -- de -- Diamanten.
-
-·Biegler·
-
-Die willst du am Ende --?
-
-·Struve·
-
-Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles
-Jeschäftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert
-er sich. Na?
-
-·Biegler·
-
-Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause.
-
-·Struve·
-
-Du bist wohl 'n Schlamassel?
-
-·Biegler·
-
-Ich muß jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick.
-
-·Struve·
-
-Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt.
-Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... Äh! Is nischt mehr los
-mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer.
-
- (Ab, von Biegler gefolgt. Man hört das Tor auf- und zuschließen)
-
-
-Siebente Szene
-
- _Lore._ _Biegler_
-
-·Lore·
-
- (tritt aus der Kantinentür und lauscht nach links hin)
-
-Vater, bist du's?
-
-·Biegler·
-
-Ich bin's, Fräulein.
-
-·Lore· (freudig aufschreckend)
-
-Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit -- mit -- noch einem?
-
-·Biegler·
-
-Nein.
-
-·Lore·
-
-Ach -- 'n paar Augenblicke könnt' ich Sie sprechen -- ja?
-
-·Biegler·
-
-Ich möcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heißt wenn Sie
-mir danken wollen etwa --
-
-·Lore·
-
-Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Weiß Gott, Herr Biegler, ich
-wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt
-dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich weiß
-nicht aus, nicht ein.
-
-·Biegler·
-
-Was is denn nu?
-
-·Lore·
-
-Er -- war -- eben da.
-
-·Biegler·
-
-Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein?
-
-·Lore· (schweigt)
-
-·Biegler·
-
-Oder will er noch immer nich?
-
-·Lore·
-
-Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er
-nich mehr zurück.
-
-·Biegler·
-
-So? Ei, ei!
-
-·Lore·
-
-Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er --
-
-·Biegler·
-
-Das kann ihm ja nich fehlen.
-
-·Lore·
-
-Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das möglich? -- Man hungert, man
-hungert nach seinem Glück, jahrelang -- und wie man's endlich hat --
-_so_, zwischen seinen zwei Händen, da is es mit einem Mal keins mehr,
-da _will_ man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt.
-
-·Biegler·
-
-Wer satt is, soll nich essen.
-
-·Lore·
-
-Ich kann doch nicht »nein« sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da
-drin schläft doch mein Lenchen.
-
-·Biegler· (erregt, verbissen)
-
-Mancher Mann wär' glücklich, Ihr Lenchen auf dem Schoß zu halten.
-
-·Lore· (erschrocken)
-
-Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Sünde.
-
-·Biegler·
-
-Sünde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglück stürzt.
-
-·Lore·
-
-Das sagen Sie heute, und gestern -- haben Sie Stellung und alles --
-haben Sie hingegeben -- bloß --
-
-·Biegler·
-
-Gott weiß, wie alles kommt.
-
-·Lore·
-
-Ach, wenn ich reden dürfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure
-bloß immer: Was für 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im
-Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hören soll ... Es war da
-die Rede von -- Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die
-Angst, daß er ihm irgend was Schlimmes einredet.
-
-·Biegler·
-
-Wem kann der alte Mann denn was tun?
-
-·Lore·
-
-Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich
-kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm
-gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm.
-
-·Biegler·
-
-Ja, wenn Sie nich _können_.
-
-·Lore·
-
-Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir.
-
-·Biegler·
-
-Helfen! Ich weiß mir alleine nich zu helfen!
-
-·Lore·
-
-Ach, Sie sind stark. Das weiß ich seit gestern. Sie können, was Sie
-wollen! Sie --
-
-·Biegler·
-
-Hähähähä! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will
-_nich_ bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder
-rechts, Pennbruder links -- wenn nichts Schlimmeres -- und mir die
-Augen aus dem Kopf brennen vor -- -- _und muß doch_.
-
-·Lore·
-
-Sie können doch auch da gehn, wo Sie hingehören. Zu Ihresgleichen.
-
-·Biegler·
-
-Das _is_ meinesgleichen, Fräulein Lore. Irren sich nich. -- Da _gehör'_
-ich hin ... Aus _der_ Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe,
-da is Krätze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Füße,
-weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit
-um ein gefälschtes Stück Attest.
-
-·Lore·
-
-Aber noch sind Sie doch hier.
-
-·Biegler·
-
-Schon so gut wie nich mehr. Morgen früh geh' ich weg.
-
-·Lore·
-
-Aber warum denn? Warten Sie doch ab!
-
-·Biegler·
-
-Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Böses. -- Ich geh'
-auf alle Fälle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was für
-einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is bloß wie 'n schöner
-Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr
-... Ja, _die Nächte_, wenn der Mondschein überall auf den Blöcken liegt
-... Da -- sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts
-wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' _einen_
-gestreichelt und den _andern_ gestreichelt und hab' gedacht: »Wer wird
-dich mal behauen -- der Glückliche!« ... Und wenn dann erst alles ganz
-still wird -- ringsum auf den Straßen, -- dann sitzt man mitten in der
-Welt wie in einem schönen, warmen Mantel -- ganz ruhig und ganz -- --
-ich sagt's Ihnen schon gestern -- aber das kommt erst viel später gegen
-Mor -- -- (Hält lauschend in ängstlicher Spannung inne)
-
-·Lore·
-
-Was is?
-
-·Biegler·
-
- (Man hört links Gelächter von Frauenstimmen und Singsang --
- scheinbar sich entfernend)
-
-Horchen Sie! Horchen Sie!
-
-·Lore·
-
-Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Straße. Was is denn dabei?
-
-·Biegler· (leise)
-
-Das sind die Mädchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in
-die Runde -- von elfe ab -- immer ums Straßenkarree 'rum -- bis gegen
-Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hör', da --
-
-·Lore·
-
-Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan?
-
-·Biegler· (leise, geheimnisvoll)
-
-Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum.
-
-·Lore·
-
-Woher wissen Sie das?
-
-·Biegler·
-
-Ich hab' -- sie -- getroffen.
-
-·Lore· (erschrocken)
-
-Hier draußen?
-
-·Biegler·
-
-Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn hätt'
--- ich hab' mich bloß geschämt, weil ich so abgerissen war, sonst --
-weiß Gott, was ich jetzt schon wär' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger
-kann viel ... Na -- werden ja sehn!
-
-·Lore· (erschüttert)
-
-Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie --
-
-·Biegler·
-
-Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der
-komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hält mir keiner mehr die
-Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen -- bis -- ... Fräulein
-Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch
-nich gemacht.
-
-·Lore· (sich ängstlich umschauend)
-
-Ach -- noch -- noch -- Wenn ich bloß wüßte, wo er Vater hingeschleppt
-hat ... Ich kann die Angst nich los werden, daß, daß -- --
-
-·Biegler·
-
-Na, was denn?
-
-·Lore·
-
-Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht -- dort -- ja?
-
-·Biegler·
-
-Ja, ja, der hängt locker, ich weiß ...
-
-·Lore·
-
-Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre --
-nein?
-
-·Biegler· (kurz auflachend)
-
-Das wär' 'n richtiger Wächter, der sich vorm Finstern grault. Und heut
-bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter --
-wieder 'runter -- in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die
-Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Fräulein Lore ...
-
-·Lore· (ohne die Hand zu nehmen)
-
-Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefällt ... Schließlich, wenn's
-Ihnen die andern verzeihen, warum _müssen_ Sie denn durchaus weg?
-
-·Biegler·
-
-Wer wird _mir_ verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten,
-daß sie morgen zum Alten gehen werden -- und --
-
-·Lore·
-
-Nu ja.
-
-·Biegler·
-
--- und --
-
-·Lore·
-
-Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...?
-
-·Biegler·
-
-Was is da viel zu wissen?
-
-·Lore·
-
-Herr Biegler, die Steinmetzen _wollen_ morgen zum Alten gehn -- das
-is richtig, aber nicht darum, was _Sie_ glauben, sondern weil sie ihm
-sagen wollen, daß sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden.
-
-·Biegler· (verständnislos)
-
-Die Steinmetzen -- wollen -- dem Al--
-
-·Lore·
-
-Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, daß Sie vom Fach sind, und weil Ihr
-Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben
-keinen mehr was angehn, haben sie gesagt.
-
-·Biegler·
-
-Die Steinmetzen wollen -- die Steinmetzen wollen -- die Steinm-- -- --
-Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen -- ja, warum haben Sie mir
-das nich schon früher gesagt?
-
-·Lore·
-
-Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle
-Fälle.
-
-·Biegler·
-
-Wenn die Steinmetzen _wollen_, warum soll _ich_ denn --? Wenn ich
-wieder -- ich soll wieder Krönel und Scharriereisen in die Hand nehmen?
-... Ich soll wieder die blaue Schürze -- umbinden -- dürfen? Ich soll
--- soll -- soll -- wieder die blaue Schürze ... (Heimlich, leise, in
-Angst) Fräulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. -- Aber -- (Legt
-die Hand auf die Lippen) Ich hab' nämlich manchmal solche Anfälle
-gehabt (wischt sich über die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man
-dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, daß Sie das eben gesagt haben,
-daß die Steinmetzen -- morgen -- dem Alten --?
-
-·Lore·
-
-Aber Herr Biegler, ja, ja!
-
-·Biegler·
-
-Und Sie glauben auch, es kann -- nichts mehr -- dazwischenkommen -- bis
-morgen?
-
-·Lore·
-
-Was sollt' denn das sein?
-
-·Biegler·
-
-Nu, daß die Steinmetzen ihren Sinn ändern -- oder daß der Alte sagt:
-»Nein« -- oder daß mir 'n Stein auf'n Kopf fällt -- oder, was weiß ich?
-
-·Lore·
-
- (sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise)
-
-Stein auf'n --
-
-·Biegler· (lachend)
-
-Ach, wissen Sie, das wär' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n
-tüchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ...
-Ich bin mal vor der ganzen Innung -- bin ich öffentlich belobt worden
-... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fünfzig
-pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten.
-Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Härteste
-... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem
-geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da muß
-man -- da muß man -- (vom Glücke überwältigt) Die Steinmetzen -- wollen
--- mit mir -- -- (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das
-Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten -- mit mir -- arbeiten
--- --
-
-·Lore·
-
- (macht mitleidig einen Versuch, seinen Rücken zu streicheln)
-
-Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ängstlich) Herr Biegler! ...
-Herr Biegler!
-
-·Biegler· (zu sich kommend)
-
-Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock -- meine Pfeife? ... Ich bin
-ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! --
-Heut darf ich nichts versäumen, sonst ... Hahaha -- hahahaha! Adieu,
-Fräulein Lore. Ich komm' bald wieder.
-
-·Lore·
-
-Wo wollen Sie hin, Herr Biegler?
-
-·Biegler·
-
-Runde machen -- nach oben -- die Treppe 'rauf ...
-
-·Lore· (leise)
-
-Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf!
-
-·Biegler·
-
-Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block?
-
-·Lore· (in wachsender Angst)
-
-Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr künftiges
-Leben -- wenn Sie den Krönel wirklich noch mal führen wollen -- wenn
-Sie -- ... _Mein Kind_ hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat
-Ihnen Glück gebracht -- darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo
-anders, aber da _nicht_!
-
-·Biegler·
-
-Fräulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Gründe haben --
-
-·Lore·
-
-J, ja, ja, ja.
-
-·Biegler·
-
-Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner
-mehr was. Jetzt nich mehr. Nee.
-
-·Lore· (entschlossen)
-
-Dann komm' ich mit.
-
-·Biegler·
-
-Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwächtern!
-
-·Lore· (ruft hinauf)
-
-Is da einer oben? (Schweigen)
-
-·Biegler·
-
-Na sehn Sie!
-
-·Lore· (leise)
-
-Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal
-um den Leib. Ganz fest.
-
-·Biegler·
-
-Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst?
-
-·Lore·
-
- (umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme)
-
-So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal
-sehen.
-
-·Eichholzens Stimme· (von oben)
-
-Wirste weg da, du --
-
-·Göttlingks Stimme·
-
-Scht!
-
-·Biegler·
-
-Nanu! Was is denn _das_? (Er reißt sich los und springt blitzschnell
-die Treppenstufen hinan. -- In demselben Augenblicke stürzt dicht
-hinter ihm der Block mit Getöse herunter, prallt gegen die Stufen und
-zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hört oben das
-ängstliche Granzen des alten Eichholz und ein Stöhnen wie von Ringenden)
-
-·Lore·
-
- (ist mit einem Schreckensruf zurückgewichen und schreit,
- sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf)
-
-Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig'
-dich an.
-
-·Göttlingks Stimme·
-
-Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin
-flüchten und verschwinden)
-
-
-Achte Szene
-
- _Lore._ _Biegler._ _Eichholz._ Später _Zarncke._ _Marie._ _Frau
- Homeyer._ _Zwei Dienstmädchen_
-
-·Stimmen von der Straße her· (durcheinander)
-
-Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht
-doch mal auf! ... Aufmachen! -- (Man rüttelt am Tor)
-
-·Biegler·
-
- (führt unterdessen den Alten die Treppe herab)
-
-Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. -- Vorsicht! --
-
-·Eichholz· (betrunken weinend)
-
-Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ...
-
-·Lore· (ihnen entgegen)
-
-Um Gottes willen, Vater!
-
-·Biegler·
-
- (gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore
- und ruft nach links hinübergehend atemlos)
-
-Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ...
-Weiter is nichts. --
-
-·Die Stimmen· (durcheinander)
-
-Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen..
-Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen!
-
-·Biegler·
-
-Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelächter.
-Abgerissene Rufe. Dann allmählich Stille)
-
-·Eichholz·
-
- (der von Lore zu dem vordersten Block geführt wird, wo er sich
- niedersetzt, derweilen weitergranzend)
-
-Ich bin nu auch 'n Mörder. Ich komm' nu aufs Schafott.
-
-·Zarncke·
-
- (hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die
- Glastür geöffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon
- hinaus)
-
-Was is da unten? Is da ein Unglück geschehn?
-
-·Lore·
-
- (mit flehender Gebärde zu Biegler hin)
-
-Ach bitte, bitte!
-
-·Zarncke·
-
-Bekomm' ich keine Antwort?
-
-·Biegler·
-
- (nach Atem ringend, mit zitternder Stimme)
-
-Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel
-gefallen, Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Wie hat denn das passieren können?
-
-·Biegler·
-
-Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten
-gelockert.
-
-·Zarncke·
-
-Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt?
-
-·Lore·
-
- (Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe)
-
-Er hat sich wohl 'n bißchen weh getan ... Aber schlimm is es nicht,
-Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Na wenn's weiter nichts is.
-
-·Eichholz· (wird allmählich still)
-
-·Frau Homeyer·
-
- (in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darüber, ist mit zwei
- Mägden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten)
-
-O Gott, o Gott, o Gott, da is gewiß 'n Malheur passiert.
-
-·Zarncke· (herunterrufend)
-
-Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurück!
-
-·Marie·
-
- (die während des Vorigen in dem -- gleichfalls erhellten --
- Fenster des Wohnzimmers erschienen ist)
-
-Du, Lore, komm mal her zu mir.
-
-·Lore· (geht zu ihr)
-
-·Frau Homeyer· (derweilen)
-
-Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da möcht' ich
-jeden heiligen Eid drauf schwören.
-
-·Zarncke·
-
-Na, wird's bald?
-
-·Frau Homeyer· (mit den Mägden ab)
-
-Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja.
-
-·Marie· (leise)
-
-Was schriest du da vorhin? Und zu wem?
-
-·Lore· (bebend)
-
-Ich?
-
-·Marie·
-
-Ich war wach. Mich täuschst du nicht.
-
-·Zarncke·
-
-Mariechen.
-
-·Marie·
-
-Vaterchen?
-
-·Zarncke·
-
-Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden können wir uns morgen besehn. Das
-heißt, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tüchtig
-erschreckt, Biegler -- was?
-
-·Biegler·
-
- (noch immer zitternd in Erregung)
-
-Ach -- nich sehr -- Herr Zarncke.
-
-·Zarncke·
-
-Na denn: Gute Nacht, Kinder.
-
-·Lore·
-
-Gute Nacht, Herr Zarncke.
-
-·Marie· (gleichzeitig)
-
-Gute Nacht, Vaterchen.
-
-·Zarncke·
-
- (geht ins Zimmer zurück und schließt die Glastür)
-
-·Lore· (leise)
-
-Morgen erzähl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern.
-
-·Marie·
-
-Aber doch nur Gutes?
-
-·Lore· (fest)
-
-Ja. Weiß Gott.
-
-·Marie· (in wehmütiger Güte)
-
-Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht.
-
-·Lore·
-
-Gute Nacht, Mariechen.
-
-·Marie· (schließt das Fenster. Ab)
-
-
-Neunte Szene
-
- _Lore._ _Biegler._ _Eichholz_
-
- (Fenster und Glastür verdunkeln sich. Die Stimmen der Straße
- haben sich allmählich verloren. Mitternachtsstille)
-
-·Biegler·
-
- (sinkt, von den Folgen der ausgestandenen Erregung überwältigt,
- auf die Bank und atmet schwer)
-
-·Lore·
-
-Was is Ihnen, Herr Biegler? Sind Sie ganz heil geblieben? Is Ihnen auch
-nichts geschehn?
-
-·Biegler·
-
-Ich muß mich bloß -- 'n bißchen verschnaufen ... ich bin ganz ...
-
-·Lore·
-
-Aber Sie rangen doch mit ihm? Hat er Ihnen da nichts getan?
-
-·Biegler·
-
-Er hat nich mal mehr so viel Courage gehabt, seinen Dreikantigen zu
-ziehn. -- Na, kommen Sie noch immer nich los von ihm?
-
-·Lore·
-
- (mit einer wilden Gebärde des Befreitseins)
-
-Ach!
-
-·Biegler·
-
-Ja. Dem sein Hund sind Sie _gewesen_, scheint mir.
-
-·Lore·
-
-Und meinen alten Vater so zu -- der Schuft! ... Vater! Du mußt zu Bett
-gehn, Vater!
-
-·Eichholz·
-
- (antwortet nicht, atmet tief im Schlafe)
-
-·Lore·
-
-Gott! -- Nu sehn Sie bloß!
-
-·Biegler·
-
-Schläft er am Ende?
-
-·Lore·
-
-_Dem_ werden Sie doch nichts nachtragen?
-
-·Biegler·
-
-Wenn er mir nichts nachträgt. Hahaha.
-
-·Lore·
-
-Herr Biegler!
-
-·Biegler·
-
-Was, Fräulein Lore?
-
-·Lore·
-
-Ich kann nichts sagen -- mir ist das Herz so -- ich kann nicht ...
-
-·Biegler·
-
-Aber die Hand können Sie mir geben. (Streckt ihr die Hand entgegen)
-Wenn die nu wieder rein wird, dann sind Sie schuld.
-
-·Lore·
-
- (weist kopfschüttelnd nach dem Balkon)
-
-Unser Alterchen da oben is schuld.
-
-·Biegler· (seine Hand in der ihren)
-
-Ja, wie's auch wird, dem wollen wir danken ... Scht! ... Schlägt's da
-nich zwölfe? (Man hört die ferne Turmuhr schlagen) Wahrhaftig! Nu muß
-ich aber wirklich mal Runde machen und abpfeifen ... Sonst bin ich ja
-gar nich wert, daß ... (Lacht leise und glücklich) Gute Nacht, Fräulein
-Lore!
-
-·Lore·
-
-Gute Nacht, Herr Biegler.
-
-·Biegler· (am Fuß der Stufen)
-
-Na, nu kann ich ja wohl ruhig die Treppe 'rauf?
-
-·Lore·
-
-_Der_ kommt nie wieder. --
-
-·Biegler· (von den Stufen her)
-
-Gute Nacht!
-
-·Lore·
-
-Gute Nacht.
-
-·Biegler· (verschwindet nach rechts)
-
-·Lore·
-
-Vater! ... Nu mußte aber wirklich schlafen gehn, Vater. (Der Alte rührt
-sich nicht. Man hört Biegler dreimal kurz pfeifen) Vater, hörst du, wie
-er pfeift? (Biegler pfeift -- wieder von weiter her) Vater, das Glück
-pfeift! Das Glück pfeift! (Sie sinkt schluchzend vor dem Alten nieder,
-das Gesicht an seinem Knie verbergend. Der Alte schläft fort. -- Das
-Pfeifen Bieglers tönt leiser, je weiter er sich entfernt)
-
- (_Der Vorhang fällt langsam_)
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | besehen -- besehn |
- | danach -- darnach |
- | Gehen -- Gehn |
- | sehen -- sehn |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 31 »teilnahmlos« in »teilnahmslos« geändert. |
- | S. 66 »austapenzieren« in »austapezieren« geändert. |
- | S. 71 »verschüchert« in »verschüchtert« geändert. |
- | S. 76 »pike-pikefeiner« in »pikefeiner« geändert. |
- | S. 130 »umso« in »um so« geändert. |
- | S. 156 »der Lore von« in »der von Lore« geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN ***
-
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